Leipziger Buchmesse 2016 (II)

7. April 2016

Meine Bücher

* * *

Fast drei Wochen nach dem Ende der diesjährigen Leipziger Buchmesse liegt es nahe eine kleine Bilanz der Frühjahrs-Neuerscheinungen zu ziehen. Hier sind meine ganz persönlichen Favoriten.

(Die Reihenfolge stellt keine Wertung dar. Bibliographische Daten am Ende des Beitrags.)

Zeh, Unterleuten

“Die Wahrheit war nicht, was sich wirklich ereignet hatte, sondern was die Leute einander erzählten.”

Auf engstem Raum, im märkischen Sand, lässt Juli Zeh ein exemplarisches Bestiarium aufeinander los. Das Dorf hat gelitten. Unter den Weltkriegen, der DDR, der Vergesellschaftung, dem Mauerbau, der Wiedervereinigung und dem Wüten der Treuhand-Gesellschaft, und leidet jetzt unter der Gnadenlosigkeit einer schrankenlos liberalisierten Marktwirtschaft. Nahezu abgeschnitten vom Rest der Welt pflegen Alteingesessene und wenige Zuzöglinge ihre Abhängigkeiten, Schuldgefühle und Zukunftsverweigerung. Eine auf einander fixierte und angewiesene Gemeinschaft, meist älterer Mitglieder.

“ … gefährlicher waren Leute, die sich im Recht glaubten. Sie waren ungeheuer zahlreich, und sie kannten keine Gnade.”

Als nahe der falschen Idylle ein Windpark entstehen soll, brechen Neid und Missgunst, Betrug und Gewalt über Unterleuten herein. Alte Rechnungen sind zu begleichen. Neue werden ausgestellt. Juli Zeh erzählt aus den wechselnden Perspektiven von sehr unterschiedlichen Personen, die jeweils für eine bestimmte charakteristische Haltung stehen. Für jeden dieser Menschen haben wir Leser Verständnis bis Sympathie, obwohl sie sich unmöglich, ungerecht, geschmacklos, egoistisch, ja kriminell verhalten. Dass ihr auf über 600 Seiten ein Zeit- und Generationenroman von höchster Spannung gelungen ist, der uns bis zum (nicht nur) tragischen Ende nicht mehr los lässt, ist die hehre Kunst dieser großartigen Autorin.

Bugadze, Literaturexpress

Einer der bekanntesten Schriftsteller Georgiens erstmals in einer deutschen Übersetzung.

“Im August warfen die Russen Bomben auf uns. Im September trennte sich Elene von mir. Im Oktober fuhr ich nach Lissabon.”

Die munter überzeichnete Geschichte einer Zugfahrt von 100 Dichtern aus vielen Nationen quer durch Europa. Roadmovie und Liebesgeschichte. Drugs, Sex, Rock and Roll. Wobei die Drugs hautpsächlich alkoholische Substanzen sind. Allüren, Schreibblockaden, Futterneid und Narzissmus prägen das erzwungene Miteinander der Künstler-Individuen. Geschildert wird die Fahrt aus der Sicht eines mäßig erfolgreichen, jungen georgischen Schriftstellers. Städte in denen der Expresszug halt macht, die Dichter Gelegenheit zum Landgang bekommen, gleichzeitig Verpflichtungen zu Lesungen haben, sind nach dem Start in Lissabon u. a. Madrid, Paris, Frankfurt, Moskau und Warschau. Der Zielbahnhof steht in Berlin.

Übersetzt hat das Buch die wunderbare, vielseitige Nino Harratischwili, selbst georgischer Herkunft, deren 2014 erschienener Roman “Das achte Leben” zu den wichtigsten deutschsprachigen Büchern des noch jungen Jahrhunderts zählt.

Der georgische Schriftsteller Lasha Bugadze

Stamm, Weit über das Land

Peter Stamm zu lesen, so hat sich gezeigt, lohnt eigentlich immer. Da sein neuestes Buch noch unabgestrichen auf meiner Leseliste steht, zitiere ich ausnahmsweise aus Verlagswerbung und Medium.

Ein Mann steht auf und geht. Einen Augenblick zögert Thomas, dann verlässt er das Haus, seine Frau und seine Kinder. Mit einem erstaunten Lächeln geht er einfach weiter und verschwindet. Astrid, seine Frau, fragt sich zunächst, wohin er gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt. (Verlag)

Mit fassungsloser Faszination folgt der Leser Thomas‘ krummen Wegen durch die Schweizer Wälder und Dörfer, die Pässe hinauf, die Bergwege wieder hinunter: Wege, die keinem Plan folgen, die kein Ziel kennen, kein Ziel außer dem, weg zu sein, nicht mehr greifbar zu sein. (Alexander Solloch im NDR)

Hahn, Kleid meiner Mutter

Anna Katharina Hahn hat ihre Erzählheimat Stuttgart verlassen und macht die spanische Hauptstadt zum Schauplatz ihres neuen Romans. Im Mittelpunkt steht die junge Anita, deren Alltag von Arbeitslosigkeit, Sinn- und Geldmangel, fehlenden Zukunftsperspektiven geprägt ist. Abhilfe verspräche das Auswandern auf den bundesdeutschen Arbeitsmarkt.

“In meinem Beruf habe ich noch nie gearbeitet, denn es gibt keine Stellen. Manchmal engagieren mich junge Familien aus der Nachbarschaft als Babysitterin, aber sie können mich nicht richtig bezahlen, weil sie auch arbeitslos sind. Sie revanchieren sich dann mit Naturalien … “

Doch anders als ihr Bruder kann sich Anita nicht dazu durchringen. Dann sterben überraschend und auf kuriose Weise ihre Eltern und sie macht sich auf eine eher unfreiwillige Spurensuche in deren Vergangenheit, die einige Überraschungen bereithält, und in der ein deutscher Schriftsteller namens de Ruit eine wichtige Rolle spielte.

Hahn verwendet Stilmittel der romantischen Literatur. Es gibt unerklärliche Ereignisse, Schauerliches und Geschichten in der Geschichte. Ein immer wieder überraschendes Buch, rund um aktuelle europäische Probleme, unter Verwendung in der Gegenwartsliteratur aus der Mode geratener Stilelemente. Apropos Mode: Ein Kleid mit Zitronenmuster ist in der Geschichte von besonderer Bedeutung. Ein solches – in Stuttgart entworfen und geschneidert – trug die Autorin, als sie auf der Leipziger Messe ihr Buch vorstellte.

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Anna Katharina Hahn trug ein Kleid mit Zitronenmuster – wie sie es ihrer Protagonistin andichtete.

Gansel, Literatur im Dialog

“Der Band versammelt Interviews von Carsten Gansel mit maßgebenden Vertretern der beiden Literatursysteme Ost- und Westdeutschland sowie der nachfolgenden Autorengeneration zu einem repräsentativen Dialog über die Kultur- und Zeitgeschichte der jüngsten deutschen Vergangenheit.”

Ein Buch, wie geschaffen für jemanden der einen Blog mit dem Untertitel “Literatur.Orte.Spuren” schreibt. Und darüber hinaus für all jene, die sich für Entstehungsprozesse von Literatur und die Personen die sie schaffen interessieren. Es enthält reichlich Material und Anregungen für eine intensivere Beschäftigung mit dem literarischen Leben im Deutschland nach der Wende. Es kann zudem Anstoss sein, den einen Autor, die andere Autorin, neu oder besser kennenzulernen.

Vertreten sind Schriftsteller, die nicht mehr leben, wie Stephan Heym, Erich Loest oder Christa Wolf. Aber auch Persönlichkeiten, die dieser Tage durchaus von sich reden machen. Thomas Brussig, Alexa Hennig von Lange, Reinhard Jirgl und die Buchpreisgewinnerin Kathrin Schmidt.

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Der Stand des Züricher Unionsverlags auf der Leipziger Buchmesse

Disher, Bitter Wash Road

Natürlich darf ein guter Krimi in meiner kleinen Auflistung nicht fehlen. Er kommt diesmal von „down under“ und Bernd Michael Köhler hat ihn schon vor mir gelesen:

„Bitter Wash Road“ von dem australischen Autor Garry Disher ist im besten Sinne ein Gesellschaftsroman in der Form des Krimis. Es finden sich zuhauf betörende Sätze und Passagen wie diese darin:

“Kropp fuhr nordwärts auf dem Barrier Highway in einen Tag voll rostiger Winde und schwarzer, glotzender Vögel, die auf durchhängenden Drähten hockten.”

Wie der Autor mit den poetischen Bildern der kargen Landschaft im Hinterland von Adelaide die Beschreibungen trostloser Menschencharaktere, extrem negativ aufgeladender untergründiger Gesellschaftsschichten, erzählungsbedingter Situationen und Stimmungen, verstärkt und zum Leuchten bringt, ist einfach Klasse. Mit der Figur des strafversetzten Polizisten Paul Hirschhausen, der in dieser menschlichen Wüste als Lonesome Rider mit Herz, sehr schnell die Sympathien des Lesers gewinnt, hat Disher einen originären Typus von Ermittler geschaffen, auf dessen weiteren Fälle man sich schon freuen darf.

*  * *

Zeh, Juli: Unterleuten. Roman. – Luchterhand, 2016. Euro 24,99

Bugadze, Lasha: Der Literaturexpress. Roman. – Frankfurter Verlagsanstalt, 2016. Euro 24

Stamm, Peter: Weit über das Land. Roman. – S. Fischer, 2016. Euro 19,99

Hahn, Anna Katharina: Das Kleid meiner Mutter. Roman. – Suhrkamp, 2016. Euro 21,95

Gansel, Carsten: Literatur im Dialog. Gespräche mit Autorinnen und Autoren 1989 – 2014. – Verbrecher Verlag, 2016. Euro 26

Disher, Garry: Bitter Wash Road. Kriminalroman. – Unionsverlag, 2016. Euro 21,95


Leipziger Buchmesse 2016 (I)

24. März 2016

Momente, Begegnungen, Einblicke

 

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Ein kundenfreundlicher Straßenbahnfahrer der Linie 16: „So wir haben es geschafft! Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag auf der Messe.“ Wie daraufhin die sardinengleich eingebüchsten Passagiere lächeln und sich vorfreuen!

Was kann es Schöneres geben, als nach klaustrophobischen zwanzig Minuten, gemeinsam mit unzähligen Buchhandels- und Verlagsleuten, Lese- und Medienmenschen aus dem schwankenden Schienenfahrzeug zu steigen und vor den Messehallen zu stehen?

Erste kleine Bekanntschaften bahnen sich an. Etwa mit jener älteren Dame, die mir ihr Smartphone hinhält und um Hilfe bei der Sichtbarmachung eines Online-Tickets und um Tips für lohnenswerte Veranstaltungen bittet. Gemeinsam tritt man nach der Fahrt ins Freie, atmet tief durch, tauscht Telefonnummern, und verliert sich sogleich aus den Augen. Es wird etwas dauern bis zum Wiedersehen.

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Zwei von über 260.000 die 2016 die Leipziger Buchmesse und das begleitende Lesefest “Leipzig liest” besucht haben. Letzteres fand in diesem Jahr zum 25. Mal statt, was mit einem Festakt gebührend gefeiert wurde. Dem Erfinder dieses Ereignisses gebührt ein Verdienstkreuzle am Bändel, macht es doch die jährlichen Märztage in Leipzig erst zu etwas ganz Besonderem. Ohne wäre die Messe nie geworden, was sie ist.

Preise und Gepriesene

Großer Gewinner bei der Vergabe der Preise der Leipziger Buchmesse ist Klaus Schöffling. Die Preisträger der Kategorien Belletristik (Guntram Vesper: Frohburg) und Übersetzung (Cosic, Bora: Die Tutoren; aus dem Serbischen übersetzt von Brigitte Döbert) wurden bei Schöffling & Co. verlegt. Glückwunsch! Preise gab es wie jedes Jahr zuhauf. Sie alle aufzuführen und ihre Preisträger vorzustellen würde jedes Blogmaß sprengen.

Klaus Schöffling (links) und Guntram Vesper

Nicht vorbei kam ich am Preis für den „ungewöhnlichsten Buchtitel 2015“, den die Mayersche Buchhandlung gemeinsam mit der community “wasliestdu.de” stiftet und den eine sechsköpfige Jury vergibt. Moderiert von Jan Drees wurden insgesamt 10 Titel in Form einer Hitliste präsentiert.

Hier die drei ersten Plätze:

Platz 3 für „Die wunderbare Welt des Kühlschranks in Zeiten mangelnder Liebe“ von Alain Monnier, bei Arche erschienen. Den Titel mit angedeutetem Verweis auf ein ebenfalls ausgezeichnetes Werk von Clemens Setz gibt es festgebunden für 16,99.

Platz 2 errang „Eine Rolle Klopapier hat 200 Blatt. Warum ist keins mehr da, wenn man es am dringendsten braucht?: Das Leben in Textaufgaben“ Gesammelt von Raimund Krauleidis und verlegt von Goldmann und mit Euro 8,99 kaum teurer als ein paar Rollen gutes Toilletenpapier.

Änd se winner! Platz 1: „Aufgeben ist keine Lösung, außer bei Paketen“ – Hinter dem Titel verbergen sich knifflige Ratespielchen die sich der Top-Slamer Patrick Salmen ausgedacht hat. Bei Lektora veröffentlicht und für runde 10 Euro zu haben.

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Sieger-Typ: Patrick Salmen

Für echte Inhaltsangaben der Bücher reicht es hier nicht. Wer Näheres wissen möchte, erfährt dies mühelos auf den einschlägigen Buchhandels- oder Verlagsseiten im Netz.

Die Kleinen und die Ganzkleinen

Jahr für Jahr bietet Leipzig im Frühjahr Raum und erschwingliche Standmieten für die kleinen Verlage. Meist sind diese gleichzeitig Teil der Gemeinschaft der “Unabhängigen”, die auf der Messe mit eigenem Forum vertreten ist. Die Unabhängigen, das sind selbständige Verlage, die nicht im Besitz größerer wirtschaftlichen Einheiten (sprich: Konzerne) sind.

Am kommenden Samstag, dem 26. März, machen diese tapferen Unentwegten mit einem “Indiebookday” speziell auf sich aufmerksam. Viele Buchhandlungen unterstützen mit Sonderfenstern und Aktionen. In der Untergattung der Ganzkleinen bin ich auf der Messe zwei sehr originellen und lebendigen Beispielen begegnet.

Der Klein- und Jungverleger Sebastian Guggolz hat früher für Matthes und Seitz gearbeitet, bevor er sich vor wenigen Jahren selbständig machte. “Ich bin der Verlag”, heißt seitdem sein Motto. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, verlegt er etwa 2 bis 3 Bücher pro Jahr. Dabei ausschließlich solche, die ungerechtfertigter Weise der Kurzatmigkeit des Buchgeschäfts zum Opfer gefallen sind. Neuauflagen bedeutender literarischer Werke, die längst aus dem Blickfeld möglicher Leser und den Lagern der Verlage und Großhändler verschwunden sind.

Der Berliner Verleger Sebastian Guggolz

Auf dem “Nordischen Forum” –  eine schmale Präsentationsfläche mit einigen wenigen Sitzplätzen, die ich Jahr für Jahr besuche – stellte er die Neu-Übersetzung von “Hiltu und Ragnar”, einem der Hauptwerke des finnischen Nobelpreisträgers Emil Sillanpää (Frans Emil Sillanpää 1888 bis 1964) vor. Lieferbar ist vom selben Autor außerdem der Titel “Frommes Elend”. Viele Finnen hätten ein verstaubtes Bild ihres einzigen Literatur-Nobelpreisträgers, erläuterte Guggolz. Über den Umweg der deutschen Übersetzung können sie ihn nun wiederentdecken.

Der Verlag von Barbara Miklaw heißt “Mirabilis”. Sie stellte ihren Autor Florian L. Arnold mit seinem ersten Roman vor. “Die Ferne. Man kommt nicht an sie heran”. Eine weitausholende Erzählung, teilweise auf biographischen Elementen beruhend und illustriert vom Autor. Arnold, dessen breit gefächertes künstlerisches Betätigungsfeld beeindruckt, überzeugt neben der Schriftstellerei als Graphiker, Zeichner und Kulturmanager.

Barbara Miklaw und Florian L. Arnold

Im vielseitigen Programm von Mirabilis befindet sich auch ein Buch das einen überraschenden Blick auf Peter Handke wirft. In “Der Geruch der Filme – Peter Handke und das Kino” erläutert Lothar Struck in einem anspruchsvollen Essay “Ideen und Ideale des Kinogehers Peter Handke und widmet sich ausführlich den Filmen, die Handke als Regisseur und/oder Drehbuchautor erschaffen hat.”

Fremde Zungen

In Leipzig hat man die seltene Gelegenheit Teile übersetzter literarischer Werke nicht nur in deutscher Sprache, sondern im Original zu hören. Faszinierende Einblicke in exotische Sprachklänge, Hörerlebnisse der besonderen Art. Von Englisch ist dabei nicht die Rede, da diese Weltsprache für Mitteleuropäer kaum noch als Fremdsprache gelten kann. Doch wann hat man schon einmal die Gelegenheit Passagen eines finnischen Romans vorgelesen zu bekommen. Bei der erwähnten Veranstaltung mit Sebastian Guggolz im Nordischen Forum war dies möglich. Eine Vertreterin des finnischen Kulturinstituts las auf Finnisch aus “Hiltu und Ragnar” von Emil Sillanpää.

Georgisch, von dem ich bis vor kurzem nicht einmal wusste, dass es eine eigene Sprache ist, konnte ich bei den “Unabhängigen” hören. Joachim Unseld von der Frankfurter Verlagsanstalt präsentierte seinen Autor Lasha Bugadze und dessen Roman “Der Literaturexpress”. Die munter-ironische Geschichte eines Zuges, der mit 100 Dichtern verschiedener Nationen quer durch Europa fährt. Geschildert wird die Fahrt aus der Sicht eines mäßig erfolgreichen, jungen georgischen Schriftstellers.

Nino Haratischwili und Lasha Bugadze

Übersetzt hat das Buch die aus Georgien stammende, in Deutschland lebende und auf Deutsch schreibende Nino Haratischwili, die im vorletzten Jahr mit ihrem Roman “Das achte Leben” für Aufsehen sorgte.

Die wahren Poetinnen

Anders als beim obligatorischen Buchmessen-Slam, der tradionell auf großer Bühne im Leipziger Schauspielhaus vor ausverkauftem Haus stattfindet, kann man Slam-Poeten – vor allem Künstler jüngerer Jahrgänge – auf der “Leseinsel Junge Verlage” aus nächster Nähe erleben. Es ist immer wieder erstaunlich, wie rasch die Zuschauer – und Zuhörermenge vor dem kleinen Podium anschwillt, wenn dieses Programm ansteht.

Ich durfte in diesem Jahr die beiden Ausnahme-Talente Zoe Hagen und Jule Weber bewundern. Weber gehörte auch zu den neun Wettbewerbern, die im Schauspielhaus antraten. Ihre Texte überzeugen durch erstaunliche Reife und eine komplexe, oft humorvolle Auseinandersetzung mit den “wahren” Fragen des Lebens. Die Sprachartistin und Verwandlungskünstlerin begeisterte mit einer launischen Selbstbespiegelung unter dem Titel “Narziss”.

Von Zoe Hagen, die im offenen Vortrag sympathisch unfertig wirkt, ist dieser Tage der Roman “Tage mit Leuchtkäfern” bei Ullstein erschienen.

Jule Weber, Poetin

Ein Sonderfall ist Nora Gomringer. Treuer Gast in Leipzig und den Urgründen der Slamer-Szene längst entwachsen. Mit ihrem vielseitigen Talent verfügt sie über ein breites Programm-Spektrum, solo und im Ensemble. Ihre Bücher erscheinen bei Volland & Quist, einem Verlag, der die meisten seiner Druckwerke mit inkludierten Hör-CDs ausstattet.

Vom 14. April bis 7. Mai findet in Ulm und Neu-Ulm die “Literaturwoche Donau” statt. Am Mittwoch, den 20. April ist aus diesem Anlass Nora Gomringer zusammen mit ihrem Verleger Leif Greinus im Saal der Ulmer Museumsgesellschaft zu erleben. Das sollte man sich in Ulm und Umgebung nicht entgehen lassen.

“Bereit zum Abschied sein … ”

Hermann Hesse war ja nie in Leipzig. Sonst hätte er gewusst, dass es mit dem Abschied von dieser Stadt, ihrem literarischen Leben und den Menschen hier, keineswegs so leicht ist. Doch zunächst besuchte ich noch eine kleine, sehr intime Veranstaltung im heimeligen Apothekenmuseum, das gleich neben der Thomas-Kirche zu finden ist.

Zwischen Vitrinen mit Pillenvergoldern, Mutterkornmühle, historischen Medikamentenpackungen und alten Kräuterbüchern, stellte der stets umtriebige Stefan Weidle seine neueste Russland-Entdeckung vor. Die Erzählung “Tatarinowa. Die Prophetin von St. Petersburg” von Anna Radlowa, übersetzt und kommentiert von Daniel Jurjew. Das Nachwort stammt von Oleg Jurjew, der an diesem Abend zusammen mit seiner Frau Olga Martynova (mit Auszügen aus ihrem Roman „Mörikes Schlüsselbein“ gewann sie 2012 den Bachmann-Preis!) Hintergrund-Informationen zu Werk, Autorin und Inhalt beitrug. Ich fühlte mich leicht überfordert, da mir mit meiner überwiegend westlich orientierten Sozialisation und Bildung die entsprechenden Bezüge zur russischen Literatur- und Kulturgeschichte fehlen.

Jetzt treffe ich sie endlich wieder. Meine Straßenbahnbekanntschaft. Einem meiner Vorschläge folgend, hat sie ebenfalls zu später Stunde hierher gefunden. Verabschiedung dann in kühler sternenloser Nacht neben der überlebensgroßen Statue von Johann Sebastian Bach. Turm und Kirchenschiff im Scheinwerferlicht.

Sind das Orgelklänge?

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Weiterführende Hinweise:

wasliestdu.de

Die Unabhängigen/Indiebookday

Literaturwoche Donau

Über interessante Bücher dieses Frühjahrs, die Begnung mit ihnen und ihren Autoren und Autorinnen auf der Leipziger Buchmesse, berichte ich ausführlicher in Kürze auf con=libri.


Sudeleien. Oktober 2015

9. Oktober 2015

Über die Buchhandlung vor Ort

* * *

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Zur Frankfurter Buchmesse werde ich in diesem Jahr nicht fahren. Ich bleibe daheim und verzichte auf das Wandern von Stand zu Stand bis die Füße schmerzen, spare mir das Kauderwelsch der Sales und Key Account Manager in Schwarz, trage weder Prospekte noch Leseproben umher in die man später nie wieder reinschaut, schleime nicht mit Leuten rum denen ich sonst aus dem Weg gehe, werde beim Essen, Trinken und Übernachten nicht gnadenlos abgeneppt.

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Und ich vermeide das Allerschlimmste: Dass ich tagelang überhaupt nicht zum Lesen komme, zu keiner Zeile aus einem der vielen neuen und alten spannenden, interessanten, diskussionswürdigen Bücher. Nach der Messe würde es ja auch nicht gleich besser, denn noch geraume Zeit leidet man an Symptomen des Frankfurt Fairlag, wie Konzentrationsmängeln, Kaffeesucht, Heiserkeit und Verzweiflung. Ich bleibe daheim und lese. Und wenn ich das Haus verlasse, dann führt mich der Weg direkt in eine der bunten Buchhandlungen meiner näheren und weiteren Umgebung.

Am 17. September wurden erstmals „Deutsche Buchhandlungspreise“ vergeben. In der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt verlieh die Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters Auszeichnungen und Geldprämien an 108 Buchhändlerinnen und Buchhändler. Natürlich geht so etwas nicht ohne wohlfeile Lobreden. Während der Lyriker und Leipziger Buchpreisträger Jan Wagner mit sehr persönlichen Abschweifungen über seine Kinder- und Jugenderfahrungen im heimischen Buchladen und seine literarische Sozialisation gut unterhielt, gelangen Verleger und Autor Jo Lendle leider nur Allgemeinplätze und Klischees Marke “Ihr habt alle gewonnen!”.

Seine Kernaussage “Was Buchhändler können, können nur Buchhändler” ist besonders albern, drückt sie doch die Selbstverständlichkeit aus, dass Menschen die einen Beruf in einer mehrjährigen Ausbildung erlernt haben, diesen anschließend einigermaßen beherrschen. So dürfte es in den meisten Fällen zutreffen, dass ein Klempner nur kann was ein Klempner, ein Augenoptikerin nur was eine Augenoptikerin und ein Ökotrophologe nur was ein Ökotrophologe können kann. Oder vielmehr können sollte, denn Minderbegabte gibt es in allen Sparten, weshalb nicht jeder Buchhändler, jede Buchhändlerin als ausgewiesener Multiplikator literarischer Hochkultur durchgeht.

Leicht zu erkennen sind die starken Kontraste in der Gilde. Thalia und Hugendubel haben Filialnetz und Flächen verkleinert, die Niederlassungen von Weltbild sind bald völlig verschwunden, mit ihnen und ihren Mitarbeitern wurde ein übles Spiel inszeniert. Gleichzeitig verzeichnet Amazon weiteres Wachstum und der i-man wird in Zukunft angeblich nur noch digital lesen. Steht das endgültige Ende des klassischen Buchhandels in Ladenform etwa unmittelbar bevor? Wurde gar der Untergang von Abend- und Morgenland eingeläutet, wie Verbands-Orakel verkünden?

Keineswegs. Lernen wir einfach aus der Natur. Was zu alt, zu groß, zu träge geworden ist, stirbt ab oder aus. Die gern zitierten Dinosaurier wurden so Prähistorie und irgendwann wird ebenso unvermeidlich der Mensch samt seiner ganzen -heit vom Planeten verschwinden. Und keiner wird danach da sein, um dieses Ereignis in die Geschichtsbücher nachtragen zu können. Die Megalithen der Realwirtschaft haben mit diesen Naturphänomen allerhand Gemeinsamkeiten. Solche evolutionären Prozesse sind quasi Vorraussetzung für immer wieder neue kecke Pflänzchen die zum Lichte drängen. Allerorten und zu allen Zeiten entsteht zartes junges Leben, nutzen mutig frische Gene und Schöpfungsideen entstandene Nischen und Zukunftschancen.

So ergeht es auch der Spezies Buchhandel. Über viertausendsiebenhundert selbständige inhabergeführte Buchhandlungen gibt es nach wie vor in Deutschland, und in Berlin, Köln, München und Hamburg, ja sogar in entlegenen, nur scheinbar verschlafenen Provinznestern, ist in den letzten Jahren die eine oder andere Neugründung hinzugekommen. Darüber hinaus gelingt es immer wieder quicklebendigen Alteingesessenen sich neu zu erfinden, mit belebenden Frischzellenkuren den Veränderungs- und Anpassungszwängen gewachsen zu sein. Das zu beobachten ist erfreuend und gibt reichlich Anlass zu ermutigender Zukunftshoffnung.

Ich finde, jeder Ort über, sagen wir einmal 5.000 Einwohner, jeder Stadtteil, jedes Viertel, jeder Kiez sollte mindestens eine Buchhandlung haben. Zur Grundversorgung für ein Leben als Ganzes gehört eben nicht nur der mühsam gepeppelte Tante-Emma-Laden oder die sehnlich erwünschte ärztliche Dorfpraxis, die alte Hebamme und der verhockte Dorfkrug. Dazu zählt für mich, und den einen oder die andere, eine gut sortierte Buchhandlung. Wohlgemerkt: Eine gut sortierte. Also mit einem Angebot das über Bestseller-Listen und Leichtgängiges hinaus einen gewissen Kanon pflegt, den literarischen Nachwuchs fördert und die klassische Dichtung nicht vergisst. Es geht um die Vermittlung von kulturellem Allgemeingut, verbindenden Bildungsuntergrenzen, wohltuendes Vomselbenredenkönnen.

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Kurzum, quicklebendige Buchhandlungen abseits der großen Tiefgaragen und Parkhäuser, der angesagten Modelabel-Quartiere, der Hautpsachegesehenwerden-Meilen und der ChickenFrittenBurger-Ballungen. Klar, eine Buchhandlung die das aufgeschlossene, geschichten- und wissensgierige bunte Gemeinwesen drumherum mit Literatur versorgt, Leseförderung betreibt, Veranstaltungen iniziiert, Bildung fördert und zum beliebten Treffpunkt avanciert, fällt nicht vom Himmel. Um ein solches Angebot vor Ort und bürgernah auf die Beine zu stellen, braucht es mehr als willige Buchhändler, die zu allen Formen der Selbstausbeute bereit sind. Nötig sind Förderung und Fantasie, die über ermäßigten Mehrwertsteuersatz, Buchpreisbindung und Buchhandlungspreis hinausgehen.

Warum nicht in praktizierter Public Private Partnership als Untermieter im Rathaus oder zu günstigen Konditionen in anderen kommunalen Einrichtungen. Natürlich kann bei reichlich vorhandenen Quadratmetern auch selbst untervermietet werden. Das Beispiel Cafè im Buchladen gibt es ja schon vielfach, doch ist damit schon die Grenze der Vorstellungskraft erreicht? Es muss ja nicht gleich ein Spielcasino sein. Für Schwimmbäder, Büchereien, Kunstgalerien werden Fördervereine gegründet, warum nicht für eine Buchhandlung? Oder gleich eine Genossenschaft – Leser und Buchkäufer als Eigentümer.

Nicht selten ist auch das Modell Sortimentserweiterung, schließlich gibt es im gutsortierten Supermarkt Bücher, warum sollen neben den Kochbüchern denn keine Suppenwürfel angeboten werden? Schreibwaren, Spielzeug sind als Ergänzung nicht neu, nur sollten diese Läden konsequenter bei den Einkäufen von Schulen, Kindergärten und Behörden berücksichtigt werden. Nein Geiz ist gar nicht geil, eine gesunde lokale und regionale Wirtschaftsstruktur ist es, die allen gut tut. Die Erwerbungsmittel der öffentlichen Bibliotheken gehören drastisch aufgestockt, ohnehin in einig D längst überfällig, verbunden mit der Auflage “buy local!”, zu deutsch könnte man auffordern: “Kauf’ beim Nachbarn!”.

Nein ich fahre nicht nach Frankfurt am Main. Ich bleibe an der Donau. Nächste Woche bin ich, wenn nicht unter gewohnter Adresse, dann vor den Regalen oder auf dem Sofa meiner Buchhandlung um die Ecke. Beim Anschmökern und Wiedereinmalnichtentscheidenkönnen. Und so geht es irgendwann zurück in den heimischen Lesesessel mit viel zu vielen Neuerwerbungen, doch befreit von der Angst, der Lesestoff könnte demnächst ausgehen oder Geliebtes nicht zur rechten oder linken Hand bequem greifbar sein. Mit Lese-, Muse- und Abendstunden vor mir, voller Möglichkeiten.

Durs Grünbein hat es treffend formuliert: “Ich kaufe ja Bücher nicht, weil ich sie alle benötige, sondern weil ich mir ausmale, wie herrlich es sein wird, sie demnächst – sagen wir: eines Tages, zu lesen.”


Leipziger Buchmesse 2015

24. März 2015

Worte und Welten – Themen und Bücher (der zweite Teil)

Schön. Einfach nur schön, die Bücher von Manesse. Gestaltung, Typographie, Papier, Druck und Bindung, und natürlich die Inhalte. Ein Qualitätsanspruch an dem man festhalten möchte, wie Verlagsleiter Horst Lauinger kurz vor der Messe bei einem Besuch in der Ulmer Kulturbuchhandlung Jastram betonte. Leinenbindung, Fadenheftung, guter Druck und Papier im augenfreundlichen Sepia-Ton werden auch in Zukunft für exquisite Leseerlebnisse sorgen. Neben dem bewährten, einheitlich kleinen, gibt Manesse seit einiger Zeit Bücher in größeren Formaten heraus. Dabei sind Entdeckungen wie der neu übersetzte Roman „Washington Square“ von Henry James – das Buch wurde mit einem handkolorierten Buchschnitt ausgestattet – oder „Ein Liebesabenteuer“ von Alexandre Dumas; ein Werk des bei uns hauptsächlich als Mantel-und-Degen-Autor bekannten Franzosen, das erstmals in deutscher Sprache erscheint.

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Eine eigenwillige Kostbarkeit ist die „Die Geschichte vom Prinzen Genji“. Vor 1000 Jahren vom japanischen Dichter Murasaki Shikibu verfasst, erzählt sie von den Liebesabenteuern des Helden und vom Leben am kaiserlichen Hof der Heian-Zeit. Zwei Bände in bestes Leinen gebunden, fast 2000 Seiten im Prachtschuber. Eine Edition in kleiner Auflage, Lieblingsbuch eines wohlhabenden Ehepaars, das dieses verlegerische Wagnis finanziell unterstützte. Der größte Auflagenerfolg des Verlags ist übrigens Tania Blixens „Jenseits von Afrika.“ Ein Erfolg der sich der gelungenen Verfilmung und einem gewissen Robert Redford verdankt.

Non Book. So etwas wie die Gegenwelt zu den Delikatessen von Manesse. Non Book ist all das, was auf einer Buchmesse den freien Blick auf die Bücher verstellt. Jene Blendgranaten der Konsumwelt, ohne die solche Veranstaltungen undenkbar sind. Für einen Großteil der Besucher eigentlicher Anreiz für ihr Kommen. Taschen und Tüten, Anstecknadeln und Kugelschreiber, Luftballons und Kuscheltiere. Bunt-grelles Merchandising-Material aus den VEB Plaste und Elaste, das außer zur baldigen Entsorgung für wenig geeignet ist. Masken, Asseccoires aller schrägen Arten, Kosmetik, Tand und Gewand für die Manga-Comic-Szene und, und, und.

Osterweiterung. (*) „Allein das Wort Herbstzeitlose warf mich in einen Atlantik der Winde.“ Vor einigen Monaten habe ich „Sterne erben, Sterne färben. Eine Ankunft in Wörtern“ von Marica Bodrožić gelesen, erschienen 2007. Ein Buch, das mich in mehrfacher Hinsicht sehr bewegt hat. Heimatverlust und gleichzeitiger Sprachgewinn, Krieg und Versöhnung, sind die Hauptthemen einer mit autobiographischen Passagen durchsetzten Analyse, die bereits außergewöhnliche Sprachkraft erkennen lässt. Bodrožić hat ihre Kindheit im ehemaligen Jugoslawien verbracht. Inzwischen lebt sie seit vielen Jahren in Deutschland, schreibt deutsch und hat sich intensiv mit dem Sprachwechsel beschäftigt.

Marica Bodrožić

Marica Bodrožić

Längst anerkannt sind die besonderen Qualitäten junger Schriftstellerinnen und Schriftsteller und ihre Erzählungen, die aus dem Osten und Südosten Europas ins Land kamen und unsere Literatur mit ihren Werken in deutscher Sprache und vielen neuen Facetten, Themen und Sichtweisen bereichern. Man denke an die bereits mit Buchpreisen prämierten Melinda Nadj Abondji und Saša Stanišić, an Nino Haratischwili und Olga Martynova. An Lena Gorelik mit ihrem Diskussionsbeitrag zur Zuwanderungsdebatte „Sie können aber gut Deutsch“.

Marica Bodrožić stellte in Leipzig ihren neuen Roman „Mein weißer Frieden“ vor. Darin erzählt sie von Land und Leuten ihrer Herkunft vor Ausbruch des Krieges. Die Kindheit der Autorin zu Literatur gestaltet, traurig und aufwühlend, hoch poetisch und tief philosophisch. Ihr geht es um die „Verortung von Humanität“, um die Frage, was eigentlich unser moralischer Kern ist. Eine Frage, die sich vor dem Hintergrund der aktuellen Situation in Ex-Jugoslawien nach wie vor in aller Dringlichkeit stellt. Ist wirklich kein Krieg mehr? Im Buch von Marica Bodrožić stehen Menschen mit ihren konkreten Problemen und Schicksalen im Vordergrund. Die Konflikte von Sprach- und Religionsgruppen bilden die Kulisse. Ein eindringliches „Plädoyer für den Einzelnen, der einen Namen, ein Gesicht hat.“ Ideologien seien namenlos. Von einer Schriftstellerin, die unbedingt stärker wahrgenommen werden sollte.

Hyper-Man. Der mehrfache deutsche Meister im Poetry Slam, der Kolumnist, Blogger und Lesebühnen-Aktivist Andrè Herrmann stammt aus Sachsen-Anhalt. Eine Herkunft, die er keineswegs leugnet, sondern geschickt zu Markte trägt. Andrè hier, Andrè dort. Immer unterwegs von Auftritt zu Auftritt, zu Gespräch und Lesung auf einem der zahlreichen Podien, Sofas oder heißen Stühlen. Und den „Klassenkampf“ stets aufgeschlagen im Anschlag. „Klassenkampf“ heißt sein erster Roman, in dem er das herbe Schicksal einer Kindheit und Jugend in Dessau, die Flucht nach Leipzig und seine temporäre Rückkehr in die alte Heimat aus Anlass eines Klassentreffens heiter ironisch auf- und abarbeitet. Herrmann hat das Monopol auf den Begriff „Hypzig“, mit dem man irgendwann vor einigen Jahren begonnen hatte, das Leipziger Lebensgefühl in gesunder Konkurrenz von jenem der hippen Hauptstadt abzugrenzen. Andrè Herrmann hat ihn erfunden.

"Hyper Man" und jetzt auch Romanautor: Andrè Herrmann

„Hyper Man“ und jetzt auch Romanautor: Andrè Herrmann

Vorbei. In diesem Jahr hatte ich nur zwei echte Messetage. Am Samstag-Morgen fuhr der Zug bereits zurück in den Süden. Klar, dass nicht alle Vorhaben und Pläne, die mit nach Leipzig gereist waren, umgesetzt werden konnten. Das werden sie ja nie. Zudem wird immer so viel spontan entdeckt, kommt einiges willkommen dazwischen oder stößt überraschend zu, wie in diesem Jahr die Blogger-Patenschaft, passieren zwischenmenschliche Begegnungen mit denen nicht zu rechnen war. Der alte Studienkollege, ein beruflicher Leidensgenosse, oder einfach Frau Berg, neben der man plötzlich im Stau zwischen zwei Hallen zu stehen kommt. Man erkennt Frau Berg sofort. Frau Berg sieht in echt so aus, wie auf den Bildern, die man von ihr kennt.

Die diesjährige Leipziger Buchmesse ist längst Geschichte. Jetzt kann wieder gelesen werden. Vor mir liegen Safranskis Goethe-Biographie, die dieser Tage endlich als Taschenbuch erschienen ist, und der neue spannende Marthaler-Krimi mit realem Politik-Bezug von Jan Seghers. Fesselnde, erholsame Lektüre, für strapazierte Messe-Teilnehmer.

***

(*) Das muss gerechterweise erwähnt werden: Den Begriff „Osterweiterung“ kenne ich von dem von Michaela Bürger-Koftis herausgegebenen Buch „Eine Sprache – viele Horizonte…: Die Osterweiterung der deutschsprachigen Literatur“, das bereits 2007 im Präsens Verlag erschienen ist.


Leipziger Buchmesse 2015

17. März 2015

Worte und Welten – Themen und Bücher (der erste Teil)

Das Fest des Poeten. Und ein Fest für die Poesie. Erstmals ging einer der großen deutschen Buchpreise an einen Lyriker. An Jan Wagner und seine „Regentonnenvariationen“. Kurz darauf war die ausgelieferte Auflage in allen 4.782 Buchhandlungen der Republik komplett vergriffen. Landauf, landab blieb die Scheibe matt und die Küche kalt, in Ost und West, von jung und alt, wurden jetzt Gedichte gelesen. Das Gedicht vom Giersch („kehrt stets zurück wie eine alte schuld“), das Gedicht vom Pferd („ist es ein fuchs, ein schimmel oder rappe / hengst oder stute“), das Gedicht von den Koalas war ganz schnell der große Hit, während „giovanni gnocchi am violoncello“ mit Sicherheit in zukünftigen Anthologien vertreten sein wird, und meine Enkel werden in Schulaufsätzen dereinst „eule“, „elch“ oder „grottenolm“ zu interpretieren haben.

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Der Dichter Jan Wagner signiert seine preisgekrönten „Regentonnenvariationen“.

Im Ernst: Schön wär’s, dem Dichter zu gönnen, wenn wenigstens in einem Teil der gekauften Bücher wirklich gelesen würde. Jan Wagners Gedichte sind es wert gelesen und ausgezeichnet zu werden. Es sind kleine, fein ziselierte Geschichten, melodisch schwingend, gut lesbar bis unterhaltsam. Am besten kommen sie vom Autor oder einer geschulten Stimme rezitiert zur Geltung. Wir warten auf das Hörbuch, das es noch nicht gibt. Die Gedichte des diesjährigen Trägers des „Preises der Leipziger Buchmesse“ von einem fähigen Schauspieler kongenial eingelesen. Darauf warten wir jetzt. Und auf die Auslieferung der nächsten Auflage. Möge ab sofort auch anderen Lyrikern und Lyrikerinnen mehrere Auflagen beschieden sein.

Die Unabhängigen. Neu war in diesem Jahr das Forum „Die Unabhängigen“, ein Gemeinschaftsprojekt von Leipziger Buchmesse und Kurt-Wolff-Stiftung. Dazu Buchmesse-Chef Oliver Zille: „Mit dem Forum wollen wir einen Ort etablieren, der bei Leserpublikum, Medien und dem Buchhandel für unabhängige Verlage und deren Autoren wirbt.“ Immerhin 37 Verlage haben sich hier zusammengefunden und 44 Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Ein ausgesprochen anregender Freiraum, der in den ständig überfüllten Hallen nicht nur raren Sitzplatz bot, sondern darüber hinaus allerlei Geistreiches, Aufmunterndes, Hoffnungsvolles aus Worten und zu berichtenden Taten.

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Der Schweizer Journalist Manfred Papst bedankt sich für die Auszeichnung mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

Abgesang. Gehört bei der Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik an Manfred Papst den langjährigen Mitarbeiter von Neuer Zürcher Zeitung und deren Sonntags-Ableger, in eben jenem Forum der Unabhängigen. Beklagt wurde dabei in wohlgesetzten Worten das Ende einer langen Tradition, die im 20. Jahrhundert von Kerr und Karl Kraus über Tucholsky und Kästner bis zu den jüngst verstorbenen Marcel Reich-Ranicki und Fritz J. Raddatz währte. Papst sei ein allerletzter Nachzügler dieser Hochblüte. Der Geehrte bedankte sich selbstironisch und die Bedeutung seiner Profession bescheiden relativierend. Man müsse sich hüten diktatorisch oder besserwisserisch zu sein. Die Aufgabe sei eine vermittelnde, eine dienende. Dabei müsse man vor allem an jüngere Menschen denken, die noch unerfahren sind. Und „man muss bereit sein, sich Feinde zu machen.“ Dabei ist „der Hochstapler Felix Krull unser Schutzheiliger.“

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Blauer Engel. Für eine gelbe Institution. Die Wand aus hunderten Bänden der Reclams Universalbibliothek ist immer wieder gern gesehener Blickfang auf Buchmessen. Der im selben Farbton gehaltene Gesamtkatalog des Unternehmens sehr begehrt. Doch neuerdings ist nicht mehr nur gelb angesagt. Reclam erhielt vor kurzem den „Blauen Engel“ für die Produktion seiner Universalbibliothek. Jene broschierten, gleichzeitig strapazierfähigen und langlebigen Kleinformate, die in fast jede Tasche passen, werden schon seit über 10 Jahren aus Recycling-Materialien hergestellt. Zur Buchmesse erschienen die ersten Bände mit Umweltzeichen. Der „Blaue Engel“ ist das Umweltzeichen der Bundesregierung; die Vergabe erfolgt nach einer strengen Zertifizierung. Bücher- und Umweltfreunde können also guten Gewissens zugreifen und sich ein Bändchen mehr gönnen.

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Foto: Leipziger Messe GmbH / Rainer Justen

Taktlos. „Durch Wald und Wiese, Heide und Hain, / jagte mich Sturm und starke Not: / nicht kenn’ ich den Weg, den ich kam. / Wohin ich irrte, weiß ich noch minder: / Kunde gewänn’ ich des gern.“ Wem wohl wäre dieses Dilemma fremd, das hier einer beschreibt, der dort in Leipzig geboren wurde, wo heute ein Einkaufstempel glänzt, dessen noble Shops sicherlich nur wenige Bewohner der hochgelobten Musik- und Literaturstadt frequentieren können? Vielleicht wäre Richard Wagner mit Reimen, wie den hier zitierten aus der „Walküre“, heute ja auf der Buchmesse vertreten. Oder auch nicht. Welcher Verleger würde schon solch bemühten Schwulst herausbringen? Tatsächlich vertreten war er mit seiner Musik – dem Vorspiel aus den Meistersingern – auf jener Eröffnungsveranstaltung im Gewandhaus zu Leipzig, auf der die deutsch-israelische Freundschaft und 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen den beiden problematischen Staaten eine zentrale Rolle spielten. Die israelischen Gäste ließen die heroischen Klänge ohne sichtbare Regung an sich vorbeischallen.


„Aus Worten werden Welten“

11. März 2015

Mit der festlichen Eröffnungsveranstaltung im Gewandhaus, in deren Mittelpunkt die Verleihung des „Buchpreises zur Europäischen Verständigung“ an den rumänischen Schriftsteller Mircea Cărtărescu steht, startet die Leipziger Buchmesse 2015 und Europas größtes Lesefestival „Leipzig liest“.

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Aus Worten sollen also Welten werden. Im Kopf der Leser. An dieser Verwandlung sind einige Protagonisten beteiligt. Autorinnen und Autoren, Verlage und Content-Anbieter, stationäre Sortimentsbuchhändler ebenso wie allerhand Online-Vertriebskanäle und nicht zuletzt die Besucher jener Welten, die aus Wörtern und Sprache entstanden sind – die Leser.

Zwei große Treffpunkte gibt es in Deutschland für die Beteiligten an diesen Prozessen, im Oktober in Frankfurt am Main und im März in Leipzig. Während in Frankfurt Geschäfts-Abschlüsse und –Anbahnungen, sowie umfangreicher Rechtehandel im Vordergrund stehen ist „Leipzig eine Plattform wo man seine Leser erreicht“, wie es der Sprecher der Geschäftsleitung der Leipziger Messe, Martin Buhl-Wagner, formulierte.

Neben dem bunten Messegetummel von Promi-Auftritten bis Manga-Comic-Convention, vom viel beachteten Auftritt der unabhängigen Verlage bis zu den Aktivitäten rund um die literarische Region Südosteuropa (in Leipzig schon seit mehreren Jahren ein besonderes Anliegen), neben diversen Foren, Lesebühnen, blauen und roten Sofas, spielen in diesem Jahr einige interessante, aktuelle, ja brisante Schwerpunkte eine größere Rolle.

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Meinungsfreiheit, Freiheit der Presse und die Freiheit sich künstlerisch auszudrücken sind bedrohte Güter. Nicht nur in den zurückliegenden Monaten wurde das ebenso eindrucksvoll wie warnend immer wieder demonstriert. „Es wird eine sehr politische Buchmesse“, ist sich Buchmesse-Direktor Oliver Zille deshalb sicher. Meinungsfreiheit und Toleranz sind schließlich zentrale Merkmale einer Veranstaltung wie das Treffen in Sachsens Hauptstadt. Deutlich zu machen, dass diese Grund- und Menschenrechte nicht verhandelbar sind, war nie dringender als jetzt.

Vor fünfzig Jahren nahmen die Bundesrepublik Deutschland und der damals noch junge Staat Israel diplomatische Beziehungen auf. 1965, zwanzig Jahre nach dem Ende des Hitler-Regimes, kein einfacher Vorgang, keine Selbstverständlichkeit. Das Jubiläum ist willkommener Anlass Israel, seine Literatur, seine Schriftsteller und Schriftstellerinnen in diesem Jahr als Ehrengäste auf der Buchmesse zu begrüßen. Amoz Oz, Meir Shalev, Mirjam Pressler und viele andere namhafte und weniger bekannte Autoren werden vor Ort sein.

„1965 bis 2015“. Deutschland – Israel“. Dazu gibt es ein kostenloses E-Book. Neben Leseproben enthält es Hintergrund-Informationen zu den beteiligten Autoren. Seit Mitte Februar ist es über alle gängigen Online-Buchshops erhältlich. Weitere Infos dazu und zum Schwerpunkt Israel gibt es hier: http://goo.gl/Bx98oQ

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Etwa 80.000 Erstauflagen erscheinen Jahr für Jahr auf dem deutschen Buchmarkt. Um die 25.000 werden allein im Vorfeld der Leipziger Buchmesse veröffentlicht, um pünktlich an den Messetagen vorgestellt werden zu können. In den Hallen wird, wie im Vorjahr, mit mindestens 175.000 Besuchern gerechnet. Knapp 5.000 unabhängige Buchhandlungen in Deutschland sind Vermittlungsinstitutionen, die das Kulturgut Buch an Mann und Frau bringen und dabei fundiert auf deren individuelle Interessen eingehen können. Ein wichtiges Instrument um Vielfalt und Qualität auf dem Buchmarkt zu sichern ist die Buchpreisbindung.

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sieht dieses sinnvolle und unverzichtbare Privileg durch das geplante Freihandelsabkommen der EU mit den USA (TTIP = Transatlantic Trade and Investment Partnership) gefährdet und kündigt energischen Widerstand dagegen an. Bekanntermaßen ist es ja nicht nur der Buchhandel der Kampagnen gegen einzelne Bestandteile des auszuhandelnden Vertragswerks gestartet hat. Den billigen Vorwurf des Antiamerikanismus im Zusammenhang mit dieser kritischen Haltung, erklärt Skipis für absurd. Interessanterweise hat Israel vor knapp zwei Jahren eine Preisbindung für Bücher neu eingeführt.

Die Leipziger Buchmesse: In diesem Jahr vom 12. bis zum 15. März.

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Den „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ erhält Mircea Cărtărescu für seine dreiteilige umfangreiche Roman-Chronik, die sogenannte „Orbit-Trilogie“:

Die Wissenden. – Deutsch bei Paul Zsolnay Verlag, 2009

Der Körper. – Paul Zsolnay Verlag, 2011

Die Flügel. – Paul Zsolnay Verlag, 2014

Die beiden ersten Bände liegen bereits als Taschenbücher vor.


Leipziger Buchmesse 2014

2. April 2014

Der zweite Teil: Menschen und Bücher

„Wie wohl ist dem, der dann und wann / Sich etwas Schönes dichten kann.“ (Wilhelm Busch)

Gleich zweimal ist mir diesmal in Leipzig der Name Shakespeare begegnet.

Zunächst in Denis Schecks Einmann-Talkshow. Dieser fulminanten Live-Version der „beliebten Familiensendung Druckfrisch“. Zwanzig, dreißig Bücher im Schnelldurchlauf. Überraschenderweise werden der neue Schätzing und der aktuelle Donna-Tartt-Wälzer empfohlen. Die Titel der Verrisse habe ich schon wieder vergessen. Dem großen William widmete sich der Schnelldenker und –sprecher aus Anlass von dessen 450. Geburtstag am 26. April etwas ausführlicher. Er lobte die Neuübertragungen in ein zeitgemäßes Deutsch von Frank Günther. Sie tragen dazu bei, dass ein Theaterautor, der ursprünglich nur zur kurzweiligen Unterhaltung seiner Zeitgenossen schrieb, jahrein, jahraus auf so vielen Bühnen gespielt wird. Im Staatstheater gehört er ebenso zum festen Repertoire wie in den Theatergruppen von Waldorfschulen. Zur vertiefenden Beschäftigung empfahl Meister Scheck die brandneue große Biographie von Hans-Dieter Gelfert „William Shakespeare in seiner Zeit“ und „Shakespeares ruhelose Welt“ von Neil MacGregor.

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Der Zeitgenosse Shakespeare heißt Nicholas und schreibt Prosa.

Der andere Shakespeare heißt Nicholas und ist Weltreisender, Journalist, Schriftsteller, Autor einer Bruce-Chatwin-Biographie, Mitglied der „Royal Society of Literature“ und Brite durch und durch. Unter dem schlichten Titel „Priscilla“ hat er einen Roman geschrieben, der sich sehr frei am Leben einer Tante Shakespeares orientiert. Ausgangspunkt war dabei ein Gerücht das besagte, dass diese Verwandte, die jahrelang in Frankreich lebte, der Widerstandsbewegung gegen Hitler-Deutschland angehörte. Eine Legende, die den Recherchen des Autors nicht standhielt. Priscilla, die in Wirklichkeit anders hieß, entpuppte sich als genusssüchtige, virulente Lebefrau, die mit Politik nichts am stets modischen Hut hatte. Dennoch bot ihr Lebenslauf genügend Stoff für eine deftige Erzählung vor historischem Hintergrund.

Nicholas Shakespeare ist ein Musterbeispiel für die professionelle Art englischer und amerikanischer Verlage einen Autor und seine Werke zu vermarkten – vorzugsweise multimedial. Die Macher spielen dabei geschickt den Trumpf, dass sie Bücher in einer weltweit gelesenen Sprache bewerben können. Schriftsteller werden dabei zum Produkt, zur Marke stilisiert. Und in der Tat erscheinen uns Stephen King, Donna Tartt, Dan Brown, John Grisham, Elizabeth George & Co. längst als gekonnt platzierte „Registered Trademarks ®.

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Jonathan Lethem. Ein amerikanischer Autor mit familiären Wurzeln in der „Geistigen Lebensform“ Lübeck.

Auswüchse bleiben dabei nicht aus. Etwa wenn uns das neue Buch des US-Amerikaners Jonathan Lethem als „die Buddenbrooks der amerikanischen Linken“ angedreht werden soll. Lethem hatte Großeltern, die einst in Lübeck ganz in der Nähe der Familie Mann lebten, bevor sie emigrierten. Es ist sicher nicht uninteressant wenn er in „Der Garten der Dissidenten“ die Geschichte einer Familie erzählt, die aus gesellschaftspolitischen Außenseitern und chronischen Protestlern besteht. Ein spannender Blickwinkel auf die innere Verfasstheit der Vereinigten Staaten, der uns nicht häufig geboten wird. Der Bogen spannt sich vom Kommunismus der 1950-Jahre bis zur Occupy-Bewegung der Gegenwart. Und doch haben solche Bücher und ihre Autoren etwas Verwechselbares. Werk und Auftritt des Produzenten wirken zu glattgeschliffen, allzu passend gemacht für die globale Verkäuflichkeit. Und natürlich ist Lethem, wie viele seiner Kollegen, im Nebenjob Dozent für „Creative Writing“ an irgendeinem schicken Ost- oder Westküsten-College – so etwas wie ein Standardbestandteil vieler Autoren-Laufbahnen.

Strategien, Realitäten, Eindrücke mit denen man konfrontiert wird, weil Buchmessen eben zu allererst Marktplätze sind. Literatur wird nicht nur von geneigten und vernarrten Lesern erlebt, sondern von ihren Anbietern gezielt auf kommerziellen Erfolg getrimmt und so regelrecht dekonstruiert. Verbunden damit ist eine Art Pflicht zum Bewunderungszwang des Autors oder der – soweit einigermaßen vorzeigbar – Autorin als Held (oder Literatur-Model) medialer Großereignisse. Natürlich hänge ich, wie auch viele andere Leser, nur zu gerne meinen Träumen nach. In denen ist die literarische Künstlerspezies in Dachstuben und Elfenbeintürmen ansässig, musengeküsst emsig am Werke, mit allen Freiheiten dichterischen Denkens und Schreibens gesegnet. Zum Glück bietet gerade Leipzig und sein Drumherum in Form des Lese-Festivals „Leipzig liest“ noch die eine oder andere Nische und Abseite. Da sie weniger pekuniär orientiert sind, und nicht von Marktschreiern unüberhörbar gemacht werden, wollen sie gesucht und entdeckt werden.

Gar nicht so schwer zu finden ist das „Ariowitsch-Haus“. Im Mai 2009 wurde dieses „Zentrum für jüdische Kultur in Leipzig“ eingeweiht. Es liegt in der Nähe der Arena und ist mit mehreren Straßenbahnlinien bequem zu erreichen. Alljährlich finden dort zahlreiche Veranstaltungen im Begleitprogramm der Buchmesse statt. In diesem Jahr waren u. a. David Safier, Jutta Ditfurth, Benjamin Stein und Thomas Meyer im dem imposanten, gründlich restaurierten und zweckmäßig umgestalteten Gebäude, das aus den 1920er-Jahren stammt, zu Gast.

media_30941290--INTEGERThomas Meyer ist ein jüngerer Schweizer Schriftsteller, dessen Roman „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ vor gut einem Jahr als Originalausgabe und jetzt als Taschenbuch bei Diogenes erschienen ist. Hinter dem originellen Titel verbirgt sich ein Roman, der die Geschichte eines jungen Mannes aus einer orthodoxen jüdischen Familie in Zürich erzählt. Mordechai Wolkenbruch, von der omnipräsenten Mutter „Mottele“ genannte, verlässt die vom Milieu vorgesehene tradierte Linie und verliebt sich in eine nichtjüdische Kommilitonin, eben eine „Schickse“. Turbulenzen, Dramatik und Komik kommen in diesem Buch nicht zu kurz. Die Lektüre wird allerdings durch eine Sprachschwelle ebenso erschwert wie bereichert. Der Autor hat immer wieder Passagen in Jiddisch verfasst. Ich kann versichern: Man liest sich ein. Zudem erleichtert ein Jiddisch-Glossar die Orientierung und abgerundet wird das Ganze mit einem Matzenknödel-Rezept – ein Hinweis darauf, dass das Essen in der Familie Wolkenbruch eine große Rolle spielt:

„Er habe Matzenkrümel im bort, sagte Dana. Ob er noch a knajdl wolle, fragte meine Mutter.“

Jahr für Jahr statte ich dem „Nordischen Forum“ einen Besuch ab und kann regelmäßig Entdeckungen machen, die es den deutschen Feuilletons und Literaturseiten nicht wert sind, erwähnt zu werden. Zu den prominentesten Gästen zählte 2014 der schwedische Krimisamfliesband-Produzent Hakan Nesser, dessen Geschichten ich allerdings nicht allzu viel abgewinnen kann. Ich habe mir stattdessen den Titel „Sibelius und seine Zeit“ notiert. Sibelius ist einer meiner Lieblingskomponisten, sein Violinkonzert steht für mich auf einer Stufe mit dem Beethovens. Tomi Mäkelä „entwirft ein detailreiches Panorama zu Sibelius kompositorischem Gesamtwerk an der Schwelle zur Moderne sowie den Umständen, in denen es entstand.“ (Verlag Laaber)

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Die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardóttir stellte auf der Leipziger Buchmesse ihren neuen Roman vor.

Und ich hatte Gelegenheit eine der prominentesten Autorinnen Islands sehen und hören zu können. Allerdings ist Steinunn Sigurdardóttir eine ausgesprochen polyglotte Persönlichkeit. Nach Jahren in Großbritannien und Frankreich lebt sie seit einiger Zeit in Berlin. Jetzt im Frühling freut sie sich besonders über die blühenden Kastanien, gibt es doch in ihrer kahlen nordischen Heimat keinerlei Bäume. „Jojo“ heißt ihr neuestes Werk, das jetzt bei Rowohlt erschienen ist. Es ist bereits ihr achtes Buch, das auf Deutsch übersetzt wurde. Es geht um einen Radiologen in Berlin, der einen Obdachlosen medizinisch versorgt und damit rettet. Eine Freundschaft bahnt sich sogar an, doch beide Männer sind so unterschiedlich und haben Geheimnisse in ihrer Vergangenheit, die einen Schatten auf ihr Leben und ihre Beziehung werfen. Der Abschnitt, den die Autorin vor dichtgedrängtem Publikum im kleinen, intimen Rahmen des „Nordischen Forum“ las, macht Lust auf mehr.


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