Literaturwoche Donau 2018

Der kleine Rückblick. Knapp und persönlich.

Es kann gut tun, wenn man intellektuell gefordert, ja überfordert wird. Es wird viel zu oft viel zu wenig verlangt. Der deutsch-schweizer Philosoph und Schriftsteller Jonas Lüscher wies darauf hin. Und sein Roman Kraft, den er in der Ulmer Stadtbibliothek vorstellte, ist genau so ein Werk, dessen voller Genuss sich entfaltet wenn man ihn mit einem kleinen Rucksack an Voraussetzungen angeht. Die Geschichte vom Tübinger Rhetorikprofessor (sic!), der nach Kalifornien reist um dort in mehrfacher Hinsicht zunächst heftig ins Schlingern zu geraten um schließlich zu kentern.

Was für ein wunderbarer Ort diese Stadtbibliothek. Als Büchersammlung, als Treffpunkt, als Veranstaltungsort, als markanter Mittelpunkt inmitten historischer Umgebung, eine Glaspyramide, transparent und einladend. Drinnen Bücher, Bücher, Bücher, Leseplätze und W-LAN, draußen Passanten, Cafés, Restaurants, reges Stadtleben.

Die Literaturwoche Donau 2018 ist punktgenau im Hochfrühling gelandet. Es wärmt, grünt und blütenstaubt. Im Bus sitzt schräg gegenüber einer der keinen Bart hat. Dafür hält er in der einen Hand eine Doppel-LP aus Vinyl und in der anderen einen Viererpack Drumsticks.

Angesichts der explodierenden Natur kommen mir die Pflaumen- und Kirschbäume in den Büchern von Iris Wolff in den Sinn. Nicht nur sie lobte das besondere Ambiente und die einmalige Atmosphäre des Ulmer Veranstaltungsreigens. Sie habe sich sehr wohl gefühlt, ließ sie wissen, im nostalgisch trendigen Casino, das bis auf den letzten Vintage-Sessel besetzt war. Ihr gefiel, dass sie ihren Verleger Arno Kleibel vom Salzburger Otto Müller Verlag an ihrer Seite hatte.

Nicht zuletzt weil er ihr erlaubt hatte ihren aktuellen Roman in vier Erzählungen nach einer rumänischen Redensart So tun, als ob es regnet betiteln zu dürfen. Man muss wissen, dass Verleger und Lektoren (angeblich verkaufshemmende) Kommata in Buchtiteln überhaupt nicht schätzen. Ein Abend, der wie so manch anderer, vom gut vorbereiteten Florian L. Arnold moderiert wurde, der als Mitorganisator genügend Ausdauer für diese lange Woche hatte und für jede unvorhersehbare Gesprächswendung ein rhetorisches Werkzeug.

Als der ohne Bart aussteigt kann ich das Plattencover erkennen: Bryan Adams. Dabei hatte ich auf Jazz getippt. Es sind diese ganz eigenen, charaktervollen Lokalitäten die ein Gutteil des Reizes der Literaturwoche ausmachen: Die Räume der Ulmer Museumsgesellschaft, das ehemalige Sparkassen-Casino, das Museum Villa Rot in Burgrieden (Abstecher nach abseits der Donau), das Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm, die Putte ebendort.

Die Putte ist eine ehemalige Schreibwarenhandlung. Hier habe ich als bayerischer Volksschüler Hefte, Stifte und Bucheinbände erstanden. Jetzt haben sich Künstler in die freigeräumten und weiß gestrichenen Räume eingemietet, zeigen ihre Werke und laden zu kleinen, intimen Runden. Wie jene mit den schreibenden Vonhiers Sybille Schleicher, Florian L. Arnold und Silke Knäpper. Sie stellten jeweils eines ihrer Lieblingsbücher den anderen beiden, sowie den versammelten Neugierigen vor. Sie ließen wissen, wie schwer die Auswahl gefallen war. Arnold hatte Sebalds Austerlitz dabei, Schleicher Transit von Anna Seghers, aktuell weil gerade eine Petzold-Verfilmung des Stoffes angelaufen ist. Beide Bücher kannte ich bereits.

Neu war für mich Meine Freunde des Franzosen Emmanuel Bove. Silke Knäpper hatte es mitgebracht. In den 1920er-Jahren mäandert Bâton durch Paris. Er ist Kriegsinvalide. Die Rente reicht zum Nötigsten. Anders als Knut Hamsuns alter ego einige Jahrzehnte früher leidet er keinen Hunger. Ihn quält die Einsamkeit. Von einer Suche nach Anschluss, Freundschaft, Liebe handelt dieses Buch. In klarer präziser Sprache, ein Stil frisch wie von neulich, ebenso gut wie unverkennbar übersetzt von Peter Handke. Wahrhaftig, ich habe kein Glück. Kein Mensch interessiert sich für mich… Ich war traurig und wütend. Die Vorstellung, mein ganzes Leben würde in Einsamkeit und Armut ablaufen, verstärkte meine Hoffnungslosigkeit.

An zehn Tagen Literaturwoche gab es eigentlich nur Höhepunkte. Doch wenn es nur Höhepunkte gibt, entstehen keine Gipfel, sondern lediglich eine ausgedehnte Hochfläche. Braucht eine Veranstaltung wie die Literaturwoche deshalb mehr Auf und Ab, Gut und Besser, Mehr und Weniger? Am Ende ist es so, dass das dichte Angebot es jeder und jedem ermöglicht persönliche Favoriten zu finden. Was kann es Schöneres geben als Vielfalt mit Qualität und Niveau? Dass nicht alle Ulmer, Neu-Ulmer das bemerkt haben … Geschenkt.

Wie man seine Stadt mit anderen Augen sieht, wenn man eine Veranstaltung der Literaturwoche Donau verlässt! Warum waren denn alle die jetzt dort draußen sind nicht ebenfalls dabei, sondern haben sich mit Zimteis, Cappuccino, Weizenbier und Donauufer zufrieden gegeben?

Begeistert vom Flair des Donauufers und der Altstadt waren, soweit sie Zeit dafür fanden, die Aussteller der erstmals veranstalteten kleinen Buchmesse, die unter dem Label Konturen stattfand und zu der fast 20 Verlage gekommen waren. Viele davon arbeiten nach einem Motto das dem großen Verleger der Weimarer Republik, Kurt Wolff, zugeschrieben wird, nachdem man zwar von der Verlegerei nicht leben, gleichwohl gut damit leben könne. Das angebotene Spektrum dieser unabhängigen Buchmacher reichte von der Beatlyrik über wiederentdeckte Romane, literarische Texte auf CDs gepresst, die wie Singlescheiben längst vergangener Populärmusik-Zeiten aussehen, bis zu Buchrollen und Kinderbüchern.

Am Samstag war die Verkaufsausstellung etwas außerhalb zu Gast, in der Villa Rot im idyllisch gelegenen Burgrieden. Am Sonntag dann in den Räumen der Museumsgesellschaft in Ulms stark frequentierter Mitte. Weit Gereiste waren dabei, wie Jürgen Schütz und sein Wiener Septime Verlag, spannende Spezialisten wie Moloko Print oder Ralf Zühlkes Stadtlichter Presse, Verlage aus der Region wie Thomas Zehenders danube books, Etablierte wie der Peter Hammer Verlag. Einfache Tische, reichlich Büchervorräte, gedruckte Verlagsprogramme und -vorschauen, interessiertes Publikum und auskunftsfreudige Verleger garantierten den Erfolg dieses Formats, das auf jeden Fall wiederholt werden soll.

Lesen ist Entspannung, Bereicherung, Vergnügen und gelegentlich Mühsal. Wer Erholung von mitunter vielleicht etwas zu voraussetzungssatter Lektüre sucht, der greife zu den Büchern von Martin Ebbertz. Humor mit Geist, Witz mit Geschmack bieten Werke wie Feuer in der Eiswürfelfabrik, 66 Kürzestgeschichten über kleine Katastrophen und alltägliche Beobachtungen von Dingen wie sie überall und jederzeit passieren können oder eben auch nicht, weil sie der Phantasie des Schriftstellers entspringen. Erschienen im Axel Dielmann-Verlag.

In einer Eiswürfelfabrik brach ein furchtbares Feuer aus. Die Feuerwehr kam mit vielen Wagen. Die Feuerwehrmänner schoben die Leitern vor und rollten die Schläuche aus. Mit starken Wasserstrahlen spritzten sie in die Fabrik… Die Arbeiter trugen Eiswürfel aus der brennenden Fabrik, soviel sie konnten. Sie schwitzten viel und bekamen schwarze Gesichter. Am Abend war der Brand gelöscht… Zur Belohnung durften die Arbeiter sich jede Menge Eiswürfel mit nach Hause nehmen. Daraus kochten sie sich dann Tee oder Kaffee.

Ebbertz hat neben zahlreichen Büchern für sogenannte Erwachsene auch für Kinder geschrieben. Als Beispiel sei hier nur noch Der kleine Herr Jaromir genannt, der, so schrieb DIE ZEIT, aus einem anderen Land stammt, einem wo Kinder und Dichter gemeinsame Sachen machen.

Die Literaturwoche Donau bot zehn Tage Gelegenheit sich gemein zu machen. Mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern, mit Verlegern und Verlegerinnen, mit Literatur in seiner schillernden Vielfalt. Vor allem aber mit all den tollen Menschen, die teilen, was man selbst liebt.

An der Donau ist Literaturwoche!

Zehn Tage Leidenschaft für Literatur, besondere Bücher aus unabhängigen Verlagen, ergänzt um feine musikalische Anreicherungen. Vom 20. bis zum 29. April dauert die diesjährige Literaturwoche Donau. Der Verein Literatursalon Donau e. V. und zahlreiche Partner und Unterstützer laden ein.

Freunde schöner Poesie und Poetik, großer Erzählungen und überraschender Texte sollten vorschlafen und sich die Abende und Wochenenden freihalten für das ambitionierte und breit gefächerte Programm. 

Am Freitag 20. April findet bei freiem Eintritt die Eröffnungsveranstaltung im Haus der Museumsgesellschaft Ulm in der Neuen Straße statt. Mit Hernan Ronsino ist gleich eine der wichtigsten Stimmen der argentinischen Literatur zu Gast. Er hat den Übersetzer Luis Ruby und seinen deutschen Verleger Ricco Bilger mitgebracht. Für die musikalischen Akzente des Abends sorgt das Silber Quartett.

Zwei markante Veranstaltungsorte im Rahmen der Literaturwoche Donau 2018: Ulmer Münster und das Haus der Museumsgesellschaft

Was bieten die folgenden Tage?

Um nur einige Höhepunkte zu nennen: Jonas Lüscher stellt seinen Roman über das Streben und Scheitern des Rhetorikprofessors Kraft vor. Iris Wolff liest aus dem vielbesprochenen und hochgelobten, aus vier zusammenhängenden Erzählungen bestehenden Roman So tun als ob es regnet (bei dem Titel handelt es sich um eine rumänische Redensart). Bei Anna Baars Als ob sie träumend gingen begegnen wir einer kroatisch-österreichischen Autorin, die ebenso sprachmächtig wie anrührend von Liebe in Zeiten des Krieges erzählt. Der Schweizer Thomas Meyer besticht mit feinem Humor und Hintersinn. Sein aktuelles Buch Trennt euch! ist konsequenterweise eine überraschende Liebeserklärung an die Beziehung zwischen zwei Menschen.

Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein behauptet Thomas Kapielski. Um das zu überprüfen wird am Schlusssontag zu einer Frühschoppenlesung ins Ulmer Künstlerhaus geladen. Es empfiehlt sich jedoch Zurückhaltung beim Genuss geistiger Getränke, denn am Abend kann man zusammen mit Sudabeh Mohafez den Münsterturm besteigen. In schwindelnder Höhe wird sie ihren Stadtschreibertext vorstellen, der für diese Literaturwoche entstanden ist.

Künstlerhaus und Münsterturm sind nur zwei der wunderbaren Lokalitäten die Florian Arnold und Rasmus Schöll, die beiden Hauptmacher der Veranstaltungsreihe, dem Publikum erschließen konnten. Gespannt sein darf man nicht zuletzt auf die Botschaft internationale Stadt im Herzen Ulms auf dem Hans-und-Sophie-Scholl-Platz. Im bayerischen Nachbarn Neu-Ulm geht es zum Wiley-Kiosk, ins frisch renovierte Edwin-Scharff-Museum und das beliebte Café d’Art.

Im Rahmen der diesjährigen Literaturwoche Donau findet schließlich und zum guten Schluss noch die Erste Ulmer Buchmesse der unabhängigen Verlage statt. Am Sonntag, 29. April im renommierten Museum Villa Rot in Burgrieden (der Ort liegt etwa 20 Kilometer südlich der Donau-Doppelstadt) und bereits einen Tag zuvor, dem Samstag, in den Räumen der Museumsgesellschaft Ulm. 19 Verlage aus ganz Deutschland – aus Ulm sind danubebooks und Topalian & Milani vertreten – präsentieren ein breites Spektrum schöner Bücher, exquisiter Gestaltung und hochwertiger Literatur. Der Eintritt ist frei.

In den Städten Ulm und Neu-Ulm hängen bereits flächendeckend die von Joachim Brandenburg großartig gestalteten Einladungs-Plakate aus. Hinsehen lohnt sich. Das vollständige Programm (das natürlich viel mehr bietet als die hier aufgeführten Appetithappen) mit genauen Angaben zu Orten, Zeiten und Preisen findet man überall dort wo Kultur stattfindet, ganz sicher aber in den beiden Stadtbibliotheken und der Buchhandlung Aegis.

Infos im Netz gibt es hier:

http://literatursalon.net/literaturwoche-donau-2018/

 

Leipziger Buchmesse 2018

Momente, Meinungen, Bücher

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Mit dem Wetter anfangen? Geht gar nicht?

Diesmal doch. Leipzig liegt geoklimatisch bereits weit im Osten. Selten wurde das metereologisch so spürbar wie in diesem Jahr zur Buchmesse-Zeit. Strenger Winter in der zweiten Märzhälfte. Schnee und Glätte. Beißend kalter Wind. Womit haben wir Büchermenschen das verdient und wer ist schuld? Die Russen? Trump? Naht, wie vor zehntausend Jahren, eine kleine Eiszeit?

Samstag und Sonntag gestörter Zugverkehr. Weichen sind eingefroren. In den imposanten Leipziger Hauptbahnhof konnten zeitweise keine Fernzüge einfahren. Der S-Bahn Verkehr in Mittelsachsen kam zum Erliegen. Konsequenz: Die Messe-Verantwortlichen verfehlten die selbstgesetzten Wachstumsziele. Am Sonntagabend bilanzierte man viele tausend Besucher weniger als erwartet.

Es sollte eine politische Messe werden, hatte deren Chef Oliver Zille zum Beginn verkündet. Es wurde eine politische Messe. Alle waren gegen rechts, wobei nie ganz klar schien in welcher Schublade gerade gekramt wurde. Der fundamental-konservativen, einer stramm rechten, einer rechtsradikalen. Die Grenzen fließen. Wer redet mit wem und wer mit wem nicht? Es wurde eifrig und heftig diskutiert und gestritten, immer einigermaßen friedlich, meist gesittet. Doch blieb unscharf was als freie Meinungsäußerung durchgehen darf und was nicht. Dabei haben wir doch ein Strafrecht und ein Grundgesetz.

Unsere Grundrechte heißt das aktuelle Buch von Georg M. Oswald. Welche wir haben, was sie bedeuten, und wie wir sie schützen. Eigentlich kommt das Buch des Juristen und Schriftstellers zur richtigen Zeit. Bei all den kruden Forderungen nach gesetzlichen Verschärfungen die inzwischen von Politikern aller Lager in die Debatte eingebracht werden, gerät in Vergessenheit welch verlässlichen Rahmen wir bereits haben. Wer den bewährten und tradierten Spielraum verlässt wird ein Fall für Polizei, Staatsanwaltschaft und gegebenenfalls das reich kommentierte Strafrecht. Alles da. Es wird Zeit sich dessen zu vergewissern und es anzuwenden.

Gomringer macht Grass. Grimms Wörter, die Huldigung des 2015 verstorbenen Dichters an die deutsche Sprache, wurde von dem Trommler und Grass-Freund Günter “Baby” Sommer vertont. Nora Gomringer verfügt über die Fähigkeit Töne und Sprache zu einem kongenialen Ereignis zu vereinen. Wie immer wenn diese Frau etwas macht wurde es originell, eigen und sehr gut. Siebzig ganz besondere Minuten als Scheibe oder MP3-File, bei Günter Grass Hausverlag Steidl erschienen. Ansonsten erscheinen die gedruckten Schöpfungen Nora Gomringers treu und regelmäßig bei Volland und Quist. Einer dieser jungen unabhängigen Verlage die sich seit etlichen Jahren rund um die Leseinsel Junge Verlage gruppieren.

Dort waren auch die Ulmer Florian Arnold und Rasmus Schöll mit ihrem bereits recht erfolgreichen verlegerischen Startup Topalian und Milani zu finden, in produktiver Symbiose mit der Edition Azur. Die strategisch äußerst günstige Standlage an zwei Laufwegen sorgte für rege Publikumsfrequenz und für die erwünschte Wahrnehmung des ambitionierten Programms, das großen Wert auf hochwertige Gestaltung und Herstellung der Bücher legt. Rechtzeitig zur Messe wurde eine kleine Edition mit Kunstkarten nach Motiven von Anatol Knotek fertig. Im Zentrum der Arbeiten des Künstlers stehen das Wort und seine visuellen Ausdrucksmöglichkeiten.

Julius Fischer hier, Julius Fischer dort. Das Urgestein der ostdeutschen Lesebühnen, der Slam- und Kabarett-Szene war quasi überall. Mal beißender Realsatiriker, mal urkomische Erscheinung war ihm stets großer Publikumszuspruch sicher. Im Herzen ist er ein echter Menschenfreund. Deshalb heißt sein aktueller Buchtitel, mit dem er über die Messe zog und die Säle nicht nur in Leipzig füllt, Ich hasse Menschen. Durch seinen Kakao wird alles gezogen was zwei Beine und Schuhe hat.

Guter Rat muss ja bekanntlich nicht unbedingt teuer sein. Das trifft dann besonders zu, wenn die Lebenshilfe zwischen zwei Buchdeckel gepresst wohlfeil angeboten wird. Das Angebot dieser Gattung ist auf beiden großen deutschen Buchmessen reichlich vertreten. Nachfolgend ein besonders prägnantes Beispiel, das den Besuchern in Leipzig entgegenleuchtete. Es spricht für sich.

Die Löwen-Apotheke ist die älteste der Stadt. Als Apotheke Zum güldenen Löwen wurde sie 1409 gegründet. Nach mehrmaligem Umzug ist sie heute Ecke Brühl/Nikolaistraße zu finden. Hier stellte Ellen Sandberg vor kleinem Publikum und inmitten hochpreisiger Schönheitsversprechen (in die Kosmetikabteilung im Obergeschoß passten nur 35 Personen) ihren Roman über Die Vergessenen vor, in dem es, verpackt in eine sehr spannende, vielschichtige Handlung, um das Thema Euthanasie im Dritten Reich geht. Ellen Sandberg erläuterte ausführlich ihre Recherchen und den folgenden Schreibprozess. Ein interessiertes Publikum trug nach der Lesung mit dem Thema angemessenen Wortmeldungen dazu bei, dass diese Veranstaltung inhaltlich tiefer ging und mehr wurde als nur eine von vielen Lesungen im Rahmen von Leipzig liest.

Es gibt einfach nichts in meinem Leben, was sich zu erzählen lohnt. Gar nichts. Behauptet der Protagonist in Christoph Heins großem Deutschlandroman Glückskind mit Vater, der 2016 erschien. Auf einer Buchmesse gibt es viel zu erzählen, schließlich treffen sich dort Leute, die etwas zu sagen haben. Und man erfährt von den vielen neuen Erzählungen aus den Federn und Tastaturen auflagenstarker Autoren, talentierter Nischenbesetzer, von Dichtern ferner Länder, von lustigen und traurigen Geschichten, Neuigkeiten und alten Legenden.

Drei ganz persönliche Favoriten die mir in der Masse des Überangebots aufgefallen sind, die es gewiss zu lesen lohnt, seien hier ultrakurz vorgestellt:

Angelika Klüssendorf hat mit Jahre später einen dritten Roman über ihre den Lesern längst vertraute Hauptfigur April geschrieben. Aus dem Mädchen ist eine Ehefrau geworden. Es sei die Anatomie einer toxischen Partnerschaft versprechen Verlag und Autorin. Wie die Vorgänger besticht auch dieser Roman durch eine klare, knappe Sprache und nüchtern realistische Darstellungskraft.

Dana Grigorcea stammt aus Rumänien, lebt in Zürich und schreibt auf Deutsch. Ihr neuestes Werk ist die Novelle Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen. In dieser Anspielung an den ähnlichen Titel einer Tschechow-Erzählung geht es um die verheiratete Tänzerin Anna deren Leben vor dem Hintergrund des gesitteten Wohlstands der Schweiz durch eine Begegnung eine überraschende Wendung erfährt. Elegante, schöne Sprache.

Klaus Modick: Nach Brecht, Feuchtwanger und Rilke ist nun der inzwischen literarisch wiederentdeckte Eduard Keyserling an der Reihe. Modick versteht es in unnachahmlicher Weise aus Lebensabschnitten interessanter Figuren der Literaturgeschichte spannende Romane zu machen. Keyserlings Geheimnis ist selbst dann lesenswert wenn man den aus dem damals deutschen Lettland stammenden adeligen Autor bisher nicht kannte.

Literatur und Musik sind Geschwister. Gerne machen Sie einmal etwas zusammen. Und so gibt es jedes Jahr auf der Leipziger Buchmesse eine Abteilung mit Musikalien aller Art und Ständen namhafter Musikverlage. Im Mittelpunkt das Musik-Café, ein Ort des Innehaltens, wie auch der musikalischen Präsentationen, der Vor- und Aufführungen schöner und manchmal schräger Töne. Ein Ort für Zuhörer. Für Messemenschen, die dem literarischen Dauertrubel für einige Augenblicke entkommen möchten und gerne zu- und hinhören. Der Abstecher zur Musik lohnt sich in Leipzig Jahr für Jahr.

Heiteres und stimmungsvolles Erlebnis war in diesem März eine musikalische Kurzbiographie Wolfgang Amadeus Mozarts. In erster Linie an Kinder adressiert hatten auch alle Nichtmehrkinder, Erziehungsberechtigte und zufällig Anwesende ihren großen Spaß an den Darbietungen die eine handvoll Mitglieder des MDR-Symphonieorchesters und des MDR-Chores arrangiert hatten. Mit sichtlichem eigenen Vergnügen erfreuten sie eine begeisterte Zuschauerschar aus Jung und ein wenig Älter.

Buch voraus lautete das diesjährige Motto in Leipzig. Ein Slogan der eher ratlos macht, weil man sich sofort fragt, was kommt dahinter? Wenn das Buch voraus geht und – wie Schwarzseher unken – demnächst hinweg, was folgt?

Das Buch bleibt, behauptete mit Nachdruck und Überzeugungskraft der rumänische Politiker und Schriftsteller Varujan Vosganian. Er nannte zahlreiche Beispiele aus der Literaturgeschichte von einst verbotenen, geächteten, verbrannten Büchern, die höchst lebendig in den Regalen der Gegenwart stehen. Er sprach über Diktaturen und ihre erbärmlichen Versuche Bücher und Literatur zu verhindern oder zu verbieten. Er erwähnte den Medienwandel. Sein Fazit war immer: Das Buch widersteht und übersteht. Es ist da und es bleibt. Wenn etwas eine Zukunft hat, dann das gedruckte Buch. Beim alljährlichen Besuch der Leipziger Buchmesse ist man geneigt ihm Recht zu geben.

Vosganian gehört zu einer armenischen Minderheit in Rumänien, davon handelt sein Buch des Flüsterns. Rumänien ist ein Land mit starken Minderheiten und deshalb ein komplexes Gebilde, politisch und literarisch. Mehr dazu demnächst auf con=libri.

“Zum Lesen gibt es keine Alternative” – Notizen zur Leipziger Buchmesse 2017 (II)

Buchmesse 2016. Buchmesse 2017. In den letzten 12 Monaten hat sich die Welt verändert. Deshalb werden in diesem Jahr die Besucherströme kanalisiert und auf allen Zugangswegen Sicherheitskontrollen durchgeführt. Kräftige Männer in Plastewesten mit fluoriszierenden Streifen erkundigen sich freundlich ob Hieb-, Stich- oder Schusswaffen in Handtaschen und Rucksäcken mitgeführt werden, werfen dabei einen meist kurzen Blick in zu öffnende Gepäckstücke. Es geht höflich und verständnisvoll zu. Jedoch, an den “Dolch im Gewande” denkt niemand.

Am taz-Stand sorgte einer der überzeugtesten und überzeugendsten Europäer für enormen Andrang. Mit Schlagfertigkeit und knitzem Humor erreicht der 92-jährige Alfred Grosser mühelos ein junges Publikum. Überall in Europa sind es vor allem junge Menschen, die am Gemeinschaftsgedanken, an freien Grenzen und freiem Denken festhalten wollen. Grosser bestätigt diese Haltung, verkörpert sie selbst ausgesprochen glaubwürdig und bekommt dafür viel Zustimmung und Beifall.

Alfred Grosser (rechts)

“Le Mensch” ist der Titel seines neuesten Buches, das er auf der Messe vorstellte, “Die Ethik der Identitäten” der Untertitel. “Facettenreich und mit vielen persönlichen Rückblicken schreibt Grosser über die Entstehung und Moral sozialer Identität. Dabei wehrt er sich gegen ein altes Grundübel, das aktueller ist denn je – den Finger, der auf andere zeigt, das ‘schlimme DIE’: DIE Muslime, DIE Frauen, DIE Juden, DIE Deutschen, DIE Flüchtlinge. Ein großes Buch, das uns auffordert, auch in schwierigen Zeiten niemals unsere Menschlichkeit zu verlieren.” Heißt es in der Ankündigung des Verlags.

Litauen war das diesjährige Gastland in Leipzig. Ein kleiner Staat am Rande Mitteleuropas, mit einer Ostseeküste, die einst die Familie Mann zu schätzen wusste und in den großartigen Dünen einige Sommerurlaube verbrachte. Ein gewichtiges Pfund für die Tourismuswerbung des baltischen Landes. Darüber hinaus gab man sich alle Mühe den Messebesuchern das literarische Litauen näher zu bringen. Etwa mit einem gedruckten “Crashkurs”, der auf 130 Seiten in “100 Jahre litauischer Literatur” einführt. Die Anzahl der Bücher in deutscher Übersetzung ist nach wie vor überschaubar. Die Titel erscheinen meist in kleineren ambitionierten Verlagen. Wie zum Beispiel dem von Sebastian Guggolz.

Seit wenigen Jahren erst gibt es den Verlag, der sich auf Wiederauflagen und Neuübersetzungen – u. a. von Nobelpreisträgern – aus Nord- und Nordosteuropa spezialisiert hat. Aus Litauen ist der dort allgemein bekannte und sehr verehrte Antanas Skema (1910 – 1961) vertreten. Wie Albert Camus kam der Dichter, der Exiljahre in Deutschland und den USA verbrachte, viel zu jung bei einem Autounfall ums Leben. Der Roman “Das weiße Leintuch” ist sein zentrales, bis heute im Original viel gelesenes Werk. Entlang eigener biographischer Erlebnisse erzählt es vom Schicksal eines Schriftsteller im Exil. Das alter ego des Verfassers schöpft seine Zuversicht sehr stark aus den Erinnerungen an die Heimat. Die baltische Landschaft, literarische Traditionen, Folklore. Die frische Übersetzung ist kommentiert und – wie alle Bücher bei Guggolz – hochwertig ausgestattet.

Sebastian Guggolz (ohne), Klaus Schöffling (mit Bart)

Sebastian Guggolz war mit seinem Verlag einer der Gewinner des diesjährigen “Kurt-Wolff-Preises” für unabhängige Verlage. Während er den Förderpreis entgegennehmen durfte, ging der Hauptpreis an den schon seit vielen Jahren etablierten Verlag Schöffling & Co. und seinen Verleger Klaus Schöffling. “Liebe zum Buch, Mut und Leidenschaft”, seien erforderlich um im heutigen Wettbewerb mit schönen Büchern und außergewöhnlicher Literatur bestehen zu können. So der Laudator Burkhard Spinnen. Gerade die jährlichen Ereignisse auf und rund um die Leipziger Buchmesse zeigen, dass dafür nach wie vor ein gar nicht so kleines Publikum ansprechbar ist.

Besonderes, Schönes, Spannendes und gelegentlich Überraschendes kommt Jahr für Jahr aus der Schweiz. Unsere Nachbarn sprechen, schreiben und lesen ja in nicht weniger als vier Sprachen. Schon bei der Konzentration auf den stärksten Sprachraum, den deutschsprachigen, ist das Angebot so üppig, dass die Auswahl schwer fällt. Martin Suters neuen Roman “Elefant” habe ich allerdings noch nicht gelesen. Ihm wurde einmal mehr große Aufmerksam zuteil, versteht er es doch immer wieder, solide Unterhaltungsliteratur auf gutem Niveau in die Buchläden zu bringen.

Franz Hohler, dessen Erzählungen in der Schweiz schon zum klassischen Schulstoff gehören, war in diesem Jahr mit seinem Gedichtband “Alt?” vor Ort. (“Wird die Sparlampe / die du im WC einschraubst / Brenndauer 10.000 Stunden / länger halten als du?”) Ich habe mir einige von ihm vorgetragene Auszüge angehört, ziehe allerdings seine Prosatexte weiterhin vor. Zuletzt habe ich von ihm den Roman “Gleis 4” gelesen. Noch vergleichsweise jung ist Jonas Lüscher. Ihn konnte ich als Vorleser aus seinem Roman “Kraft” am Schweizer Gemeinschaftsstand erleben. Auf con=libri wurde das Buch bereits besprochen.

Lukas Bärfuss

“Leipzig ist ein Fest für Leser und Schreibende,” findet Lukas Bärfuss, dessen Auftritt mich besonders beeindruckt hat. Er gehört zu denen, die trotz aller professionellen Verbindlichkeiten gerne nach Leipzig kommen. Er spricht über seinen “Hagard”. Anspielungsreich und vieldeutig ist schon der Name des Protagonisten der obsessiven Geschichte. Bärfuss hat eine Schwäche für “Lexiköner” und den Begriff in einem Jagdlexikon gefunden; auch in Shakespears “Kaufmann von Venedig” taucht er auf. Es sind die roten Pumps einer Frau, die er nie richtig zu Gesicht bekommen wird, die Hagards Obsession und seinen daraus resultierenden Niedergang einleiten. Bärfuss: “Kleider machen Leute stimmt gar nicht, Schuhe machen Leute.” Der schmale Roman des Schweizers gehört zu den fesselndsten und originellsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs.

“In dieser kenntnisreichen Biografie dürfen wir alle Astrid Lindgren noch einmal erleben”, schrieb “Dagens Nyheter” als die Originalausgabe von Jens Andersens umfangreicher Lebens- und Werkbeschreibung erschien. Jetzt liegt sie als Taschenbuchausgabe vor. Sie ist deshalb aktuell, weil darin ausführlich die Haltung Lindgrens als Zeitgenossin und politischer Mensch gewürdigt wird. Im Mittelpunkt ihre Vorstellung von einer gewaltfreien Erziehung unter Achtung der Kinderrechte und ihr Wunsch nach einem friedlichen Miteinander in der Welt. Sehr eindrucksvoll sind in diesem Zusammenhang ihre Tagebücher, die sie während des zweiten Weltkriegs verfasst hat. Diese liegen seit Ende letzten Jahres ebenfalls in einer preiswerten broschierten Ausgabe vor

“Und dann muss man ja auch noch Zeit haben einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.” Diese Lebenshaltung schien ihr keinesweg nur für Kinder empfehlenswert. Ihrem Rat zu folgen bietet schließlich die Zugfahrt Richtung Heimat Gelegenheit. Zeit um dazusitzen, aus dem Zugfenster auf das vorbeiziehende Deutschland zu schauen, Begegnungen mit all den Wahlverwandten in Leipzig, auf der Buchmesse und dem Lesefestival “Leipzig liest” Revue passieren zu lassen, natürlich um zu lesen, und ein wenig auch zu träumen. Von einem Europa das nicht an Oder und Memel, Nordsee und Alpen, Rhein und Karpaten enden darf. Es war der an diesen Tagen in Leipzig der am häufigsten geäußerte Wunsch an die Zukunft: Ein friedliches, tolerantes, demokratisches Europa ohne Grenzen, das in jeder Hinsicht offen bleibt.

Foto: Wiebke Haag

Grosser, Alfred: Le Mensch. Die Ethik der Identitäten. – Dietz, 2017. Euro 24,90

Katkus, Laurynas: 100 Jahre litauischer Literatur. Ein Crashkurs. – Lithuanian Culture Institute, 2017

Hier erfährt man mehr dazu und kann die Broschüre anfordern:

www.lithuanianculture.lt

Skema, Antanas: Das weiße Leintuch. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. – Guggolz, 2017. Euro 21

Hohler, Franz: Alt?. Gedichte. – Luchterhand, 2017. – Euro 16

Lüscher, Jonas: Kraft. Roman – s. dazu:

Kraft auf con=libri

Bärfuss, Lukas: Hagard. Roman. – Wallstein, 2017. Euro 19,90

Andersen, Jens: Astrid Lindgren. Ihr Leben. – Pantheon, 2017. Euro 16,99 (Dt. Originalausgabe bei DVA, 2015)

Lindgren, Astrid: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939 – 1945. – Ullstein Taschenbuch, 2016. Euro 14 (Dt. Originalausgabe Ullstein, 2015)

„Für das Wort und die Freiheit” – Notizen zur Leipziger Buchmesse 2017. (I)

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“Nicht zu lesen lohnt sich nicht” (Katharina Herrmann / Kulturgeschwaetz.Wordpress.Com)

“Lesen hilft – und viel lesen hilft viel!” (Julia Schmitz / fraeuleinjulia.de)

“Ich lese, weil ich nicht weiß, wie es ist, nicht zu lesen.” (Marion Rave / schiefgelesen.net)

Hurra! Ich habe einen Sitzplatz ergattert. Mir gegenüber feuerrote Kontaktlinsen und die staubige Perücke einer Manga-Figur. Schweißgeruch. Auf dem Schoß “Warum ich lese” aus dem Homunculus Verlag. (Daraus stammen die Zitate oben.) Ja warum eigentlich? Das fragt man sich schon einmal im völlig überfüllten Straßenbahnwagen der Linie 16 auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse 2017.

Eine Dame hinter mir outet sich als Professorin für Buchwissenschaften in M. Ihre Gesprächpartnerin, erfahre ich postwendend, ist Lektorin für Schulbücher in Wien. Die Beiden kommen immer besser ins Gespräch und ich verliere endgültig den Faden meiner Lektüreversuche. Die “Sinnstiftung des Lesens” spiele kaum noch eine Rolle, höre ich und muss komisch aussehen, weil ich heftig nicke. Spaßfaktor, Erfolgsaussichten in Leben und Beruf, vorgegebene Curricula, der Wille mitreden zu können, bestimmen die Wahl. Wenn überhaupt noch das Buch die Wahl ist.

Leipziger Messe – Buchmesse 2017. Foto: Tom Schulze

“Wir sind da!” Die helle Stimme der Straßenbahnfahrerin reißt mich aus meinen zustimmenden Gedanken. “Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag auf der Leipziger Buchmesse.” Solche Straßenfahrerinnen gibt es nur in Leipzig. Überhaupt gibt es nur in Leipzig so viele Straßenbahnfahrerinnen. Vielleicht noch in Berlin. Apropos Straßenbahnfahrerin, wer es noch nicht gelesen hat, sollte das bald nachholen. Paula Fürstenbergs “Familie der geflügelten Tiger”, bereits im letzten Jahr bei Kiepenheuer und Witsch erschienen. Handelt von einer angehenden Straßenbahnfahrerin und ihrer kuriosen, leicht tragischen Famliengeschichte vor und nach ‘89.

Diese Buchmesse 2017 war eine politische Buchmesse. Besser: Auf dieser Buchmesse spielten politische Inhalte, Themen, Schlagworte und aktuelle Auseinandersetzungen eine zentrale Rolle. “Für das Wort und die Freiheit” hieß es auf Bannern, Fahnen und Podien.

“Wie reden wir eigentlich miteinander?” wurde im Cafè Europa gefragt. Nach Antworten suchten Mely Kiyak, sie ist ist politische Kolumnistin, Fatih Çevikkollu, Theater- und Filmschauspieler, Komiker und Kabarettist, Kijan Espahangizi, Historiker und Leiter des Zentrums Geschichte des Wissens an der ETH Zürich, und Moderatorin Esra Küçük, Kuratorin von Europa21, Mitglied im Direktorium des Maxim Gorki Theater. Intellektuelle, Wissenschaftler, professionelle Schreiber aus Deutschland und der Schweiz, der deutschen Sprache besonders mächtig. Sie machten zunächst deutlich, dass Fake News und Filterblasen so neu gar nicht sind. Das hieß früher nur anders.

Kritik an der alltäglichen Debattenkultur, in Medien und Kanälen, im Privaten. Auf komplexe Probleme und Fragen seien kaum noch differenzierte Antworten möglich. Pro oder Contra Flüchtlinge, nichts dazwischen. Kijan Espahangizi entzauberte das scheinbare Ideal der Volksabstimmungen, die im kantonal strukturierten Nachbarland ja besonders gerne durchgeführt werden. Es gäbe dabei eben nur ja oder nein. Ja oder nein auf vereinfachte Fragestellungen die für vielschichtige Sachverhalte stehen. Und die vermeintlichen Stimmenmehrheiten sind in Wahrheit allenfalls Bruchteile, denn viele dürfen nicht wählen, manche wollen nicht, und dann stimmen 51 Prozent dafür, was letztlich bedeutet, dass eine erhebliche Mehrheit unentschieden oder dagegen ist.

Warum wissen wir eigentlich so wenig über andere Länder? Mehr als Nachrichtenmedien vermitteln können? Einer der Gründe ist, weil so wenig Sachliteratur aus diesen Ländern, von Autoren die in diesen Ländern leben, übersetzt wird. Was wissen wir denn schon über die innergesellschaftlichen Diskurse und Diskussionen, Stimmungen und Strömungen in der Türkei, in Syrien, in Zentralafrika? Bürger und Zeitgenossen dürfen nicht nur das Recht auf Informationen fordern, sie müssen es auch wahrnehmen. Resultiert daraus nicht sogar die Pflicht, sich qualifiziert zu informieren? Und zu lernen, wie man das macht?

Hoffnung und Zukunft für Europa, für die Literatur, für das Lesen und Schreiben? Die Jungen. Junge Menschen die Lesen, die Schreiben, und in Leipzig tapfer und erstaunlich selbstsicher aus ersten Werken vortragen. Oder sich zum intensiven, exzessiven Lesen bekennen. Leser als Lebensform. Wie die drei Bloggerinnen auf der “Leseinsel der Jungen Verlage”. Drei von vierzig Autoren und Autorinnen, stellvertretend für all jene, die in dem bereits erwähnten Sammelsurium “Warum ich lese” enthalten sind, mit ihren ganz persönlichen Leselebensgeschichten. Sarah Reul, Sophie Weigand und Katharina Herrmann.

Sarah Reul, die das Blog pinkfisch.net schreibt hat sich auf 15 triftige Gründe beschränkt. Die haben es in sich, bilden sie doch so etwas wie eine kurzgefasste Lesebiographie. Beginnend mit ihrem ersten Pixi-Buch – “Ralf und die Semmel” – , über den Klassiker “Romeo und Julia”, das abgehobene “Per Anhalter durch die Galaxis”, bis zur unvermeidlichen Harry-Potter-Reihe, über die Bibel und den von Viellesern oft erwähnten Murakami-Roman “Kafka am Strand”, bis zum 15. Grund, der sicher nicht der wirklich letzte sein wird: “Bitte nicht lesen oder Der aufregendste Sommer im Leben von Nelson Jaqua” von Monte Merrick.

Beeindruckt hat mich das literarische Debut von Nadja Schlüter, die auf Lesebühnen unterwegs ist und auch schon journalistisch gearbeit hat. Ihre Erzählungen sind bei Voland & Quist erschienen. Jede Geschichte in »Einer hätte gereicht« handelt von Geschwister-Konstellationen. Pointierte, stimmige Arbeiten, die es verdienen ein breites Publikum zu erreichen. “Da ist eine kauzige Frau, die ihren Bruder bisher gar nicht kannte und jetzt zu sehr mag. Und da ein junger Mann, der es nicht aushält, seinen Bruder besser zu kennen als sich selbst. Zwei völlig Fremde im Zug geben sich spontan als Geschwisterpaar aus und sind sich plötzlich ganz bekannt… Nadja Schlüter lotet in zehn Erzählungen aus, was es heißt, sich auf diese ganz eigene Art nah zu sein.” (Verlagsblog)

Ulrich Schacht (r.) im Gespräch mit Rainer Moritz

Etwas älter ist Ulrich Schacht, und hat dementsprechend schon einiges erlebt. Gefängnis in der ehemaligen DDR, Freikauf durch die damalige Bundesrepublik, eine veritable Karriere als Journalist. Lyrik hat er veröffentlicht. Und nun einen großen Roman, der natürlich autobiographische Bezüge aufweist, die er allerdings im Gespräch mit Rainer Moritz sofort relativiert. Wie das eben so sei mit Literatur und Realität, mit Erdachtem und Erlebten, die Grenzen verschwimmen. “Notre Dame” ist zu allererst eine große Liebesgeschichte. Gleich danach ein Buch über die Freiheit des Einzelnen und das Fehlen von Freiheit, ein überzeugendes Plädoyer für ein offenes Europa so ganz nebenbei. Mittreißend und fesselnd erzählt. Eine der vielen Titel in diesem Frühjahr die am besten sofort gelesen werden wollen.

Schließlich noch eine Bemerkung aus aktuellem Anlass. Entgegen des Eindrucks den einige Mäkler und Nörgler in diesen Tagen gerne verbreiten möchten, standen sich Menschen, die der Ernst der Weltlage bewegt und unbeschwerte, phantasievoll kostümierte Teilnehmer der Manga-Comic-Cosplayer-Szene respektvoll und freundschaftlich gegenüber; ja die verschiedenen Stimmungslagen und Interessengruppen vermischten und vermengten sich. Im März in Leipzig geht es offen zu, tolerant, neugierig, der Blick geht in alle Himmelsrichtungen, es entsteht ein wohltuendes Nebeneinander von Jung und Alt, Bunt und Schwarzgrau, Original und Kopie, Drama und Komödie.

Foto: Wiebke Haag

Den zweiten Teil zur Leipziger Buchmesse 2017 gibt es in einigen Tagen und hier die Daten der ausführlicher erwähnten Bücher:

Fürstenberg, Paula: Familie der geflügelten Tiger. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2016. Euro 18,99

Warum ich lese. 40 Liebeserklärungen an die Literatur. – Homunculus Verlag, 2017. Euro 12,90

Schlüter, Nadja: Einer hätte gereicht. – Voland & Quist, 2017. Euro 18

Schacht, Ulrich: Notre Dame. Roman. – Aufbau Verlag, 2017. Euro 22

Leipziger Buchmesse 2016 (II)

Meine Bücher

* * *

Fast drei Wochen nach dem Ende der diesjährigen Leipziger Buchmesse liegt es nahe eine kleine Bilanz der Frühjahrs-Neuerscheinungen zu ziehen. Hier sind meine ganz persönlichen Favoriten.

(Die Reihenfolge stellt keine Wertung dar. Bibliographische Daten am Ende des Beitrags.)

Zeh, Unterleuten

“Die Wahrheit war nicht, was sich wirklich ereignet hatte, sondern was die Leute einander erzählten.”

Auf engstem Raum, im märkischen Sand, lässt Juli Zeh ein exemplarisches Bestiarium aufeinander los. Das Dorf hat gelitten. Unter den Weltkriegen, der DDR, der Vergesellschaftung, dem Mauerbau, der Wiedervereinigung und dem Wüten der Treuhand-Gesellschaft, und leidet jetzt unter der Gnadenlosigkeit einer schrankenlos liberalisierten Marktwirtschaft. Nahezu abgeschnitten vom Rest der Welt pflegen Alteingesessene und wenige Zuzöglinge ihre Abhängigkeiten, Schuldgefühle und Zukunftsverweigerung. Eine auf einander fixierte und angewiesene Gemeinschaft, meist älterer Mitglieder.

“ … gefährlicher waren Leute, die sich im Recht glaubten. Sie waren ungeheuer zahlreich, und sie kannten keine Gnade.”

Als nahe der falschen Idylle ein Windpark entstehen soll, brechen Neid und Missgunst, Betrug und Gewalt über Unterleuten herein. Alte Rechnungen sind zu begleichen. Neue werden ausgestellt. Juli Zeh erzählt aus den wechselnden Perspektiven von sehr unterschiedlichen Personen, die jeweils für eine bestimmte charakteristische Haltung stehen. Für jeden dieser Menschen haben wir Leser Verständnis bis Sympathie, obwohl sie sich unmöglich, ungerecht, geschmacklos, egoistisch, ja kriminell verhalten. Dass ihr auf über 600 Seiten ein Zeit- und Generationenroman von höchster Spannung gelungen ist, der uns bis zum (nicht nur) tragischen Ende nicht mehr los lässt, ist die hehre Kunst dieser großartigen Autorin.

Bugadze, Literaturexpress

Einer der bekanntesten Schriftsteller Georgiens erstmals in einer deutschen Übersetzung.

“Im August warfen die Russen Bomben auf uns. Im September trennte sich Elene von mir. Im Oktober fuhr ich nach Lissabon.”

Die munter überzeichnete Geschichte einer Zugfahrt von 100 Dichtern aus vielen Nationen quer durch Europa. Roadmovie und Liebesgeschichte. Drugs, Sex, Rock and Roll. Wobei die Drugs hautpsächlich alkoholische Substanzen sind. Allüren, Schreibblockaden, Futterneid und Narzissmus prägen das erzwungene Miteinander der Künstler-Individuen. Geschildert wird die Fahrt aus der Sicht eines mäßig erfolgreichen, jungen georgischen Schriftstellers. Städte in denen der Expresszug halt macht, die Dichter Gelegenheit zum Landgang bekommen, gleichzeitig Verpflichtungen zu Lesungen haben, sind nach dem Start in Lissabon u. a. Madrid, Paris, Frankfurt, Moskau und Warschau. Der Zielbahnhof steht in Berlin.

Übersetzt hat das Buch die wunderbare, vielseitige Nino Harratischwili, selbst georgischer Herkunft, deren 2014 erschienener Roman “Das achte Leben” zu den wichtigsten deutschsprachigen Büchern des noch jungen Jahrhunderts zählt.

Der georgische Schriftsteller Lasha Bugadze

Stamm, Weit über das Land

Peter Stamm zu lesen, so hat sich gezeigt, lohnt eigentlich immer. Da sein neuestes Buch noch unabgestrichen auf meiner Leseliste steht, zitiere ich ausnahmsweise aus Verlagswerbung und Medium.

Ein Mann steht auf und geht. Einen Augenblick zögert Thomas, dann verlässt er das Haus, seine Frau und seine Kinder. Mit einem erstaunten Lächeln geht er einfach weiter und verschwindet. Astrid, seine Frau, fragt sich zunächst, wohin er gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt. (Verlag)

Mit fassungsloser Faszination folgt der Leser Thomas‘ krummen Wegen durch die Schweizer Wälder und Dörfer, die Pässe hinauf, die Bergwege wieder hinunter: Wege, die keinem Plan folgen, die kein Ziel kennen, kein Ziel außer dem, weg zu sein, nicht mehr greifbar zu sein. (Alexander Solloch im NDR)

Hahn, Kleid meiner Mutter

Anna Katharina Hahn hat ihre Erzählheimat Stuttgart verlassen und macht die spanische Hauptstadt zum Schauplatz ihres neuen Romans. Im Mittelpunkt steht die junge Anita, deren Alltag von Arbeitslosigkeit, Sinn- und Geldmangel, fehlenden Zukunftsperspektiven geprägt ist. Abhilfe verspräche das Auswandern auf den bundesdeutschen Arbeitsmarkt.

“In meinem Beruf habe ich noch nie gearbeitet, denn es gibt keine Stellen. Manchmal engagieren mich junge Familien aus der Nachbarschaft als Babysitterin, aber sie können mich nicht richtig bezahlen, weil sie auch arbeitslos sind. Sie revanchieren sich dann mit Naturalien … “

Doch anders als ihr Bruder kann sich Anita nicht dazu durchringen. Dann sterben überraschend und auf kuriose Weise ihre Eltern und sie macht sich auf eine eher unfreiwillige Spurensuche in deren Vergangenheit, die einige Überraschungen bereithält, und in der ein deutscher Schriftsteller namens de Ruit eine wichtige Rolle spielte.

Hahn verwendet Stilmittel der romantischen Literatur. Es gibt unerklärliche Ereignisse, Schauerliches und Geschichten in der Geschichte. Ein immer wieder überraschendes Buch, rund um aktuelle europäische Probleme, unter Verwendung in der Gegenwartsliteratur aus der Mode geratener Stilelemente. Apropos Mode: Ein Kleid mit Zitronenmuster ist in der Geschichte von besonderer Bedeutung. Ein solches – in Stuttgart entworfen und geschneidert – trug die Autorin, als sie auf der Leipziger Messe ihr Buch vorstellte.

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Anna Katharina Hahn trug ein Kleid mit Zitronenmuster – wie sie es ihrer Protagonistin andichtete.

Gansel, Literatur im Dialog

“Der Band versammelt Interviews von Carsten Gansel mit maßgebenden Vertretern der beiden Literatursysteme Ost- und Westdeutschland sowie der nachfolgenden Autorengeneration zu einem repräsentativen Dialog über die Kultur- und Zeitgeschichte der jüngsten deutschen Vergangenheit.”

Ein Buch, wie geschaffen für jemanden der einen Blog mit dem Untertitel “Literatur.Orte.Spuren” schreibt. Und darüber hinaus für all jene, die sich für Entstehungsprozesse von Literatur und die Personen die sie schaffen interessieren. Es enthält reichlich Material und Anregungen für eine intensivere Beschäftigung mit dem literarischen Leben im Deutschland nach der Wende. Es kann zudem Anstoss sein, den einen Autor, die andere Autorin, neu oder besser kennenzulernen.

Vertreten sind Schriftsteller, die nicht mehr leben, wie Stephan Heym, Erich Loest oder Christa Wolf. Aber auch Persönlichkeiten, die dieser Tage durchaus von sich reden machen. Thomas Brussig, Alexa Hennig von Lange, Reinhard Jirgl und die Buchpreisgewinnerin Kathrin Schmidt.

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Der Stand des Züricher Unionsverlags auf der Leipziger Buchmesse

Disher, Bitter Wash Road

Natürlich darf ein guter Krimi in meiner kleinen Auflistung nicht fehlen. Er kommt diesmal von „down under“ und Bernd Michael Köhler hat ihn schon vor mir gelesen:

„Bitter Wash Road“ von dem australischen Autor Garry Disher ist im besten Sinne ein Gesellschaftsroman in der Form des Krimis. Es finden sich zuhauf betörende Sätze und Passagen wie diese darin:

“Kropp fuhr nordwärts auf dem Barrier Highway in einen Tag voll rostiger Winde und schwarzer, glotzender Vögel, die auf durchhängenden Drähten hockten.”

Wie der Autor mit den poetischen Bildern der kargen Landschaft im Hinterland von Adelaide die Beschreibungen trostloser Menschencharaktere, extrem negativ aufgeladender untergründiger Gesellschaftsschichten, erzählungsbedingter Situationen und Stimmungen, verstärkt und zum Leuchten bringt, ist einfach Klasse. Mit der Figur des strafversetzten Polizisten Paul Hirschhausen, der in dieser menschlichen Wüste als Lonesome Rider mit Herz, sehr schnell die Sympathien des Lesers gewinnt, hat Disher einen originären Typus von Ermittler geschaffen, auf dessen weiteren Fälle man sich schon freuen darf.

*  * *

Zeh, Juli: Unterleuten. Roman. – Luchterhand, 2016. Euro 24,99

Bugadze, Lasha: Der Literaturexpress. Roman. – Frankfurter Verlagsanstalt, 2016. Euro 24

Stamm, Peter: Weit über das Land. Roman. – S. Fischer, 2016. Euro 19,99

Hahn, Anna Katharina: Das Kleid meiner Mutter. Roman. – Suhrkamp, 2016. Euro 21,95

Gansel, Carsten: Literatur im Dialog. Gespräche mit Autorinnen und Autoren 1989 – 2014. – Verbrecher Verlag, 2016. Euro 26

Disher, Garry: Bitter Wash Road. Kriminalroman. – Unionsverlag, 2016. Euro 21,95

Leipziger Buchmesse 2016 (I)

Momente, Begegnungen, Einblicke

 

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Ein kundenfreundlicher Straßenbahnfahrer der Linie 16: „So wir haben es geschafft! Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag auf der Messe.“ Wie daraufhin die sardinengleich eingebüchsten Passagiere lächeln und sich vorfreuen!

Was kann es Schöneres geben, als nach klaustrophobischen zwanzig Minuten, gemeinsam mit unzähligen Buchhandels- und Verlagsleuten, Lese- und Medienmenschen aus dem schwankenden Schienenfahrzeug zu steigen und vor den Messehallen zu stehen?

Erste kleine Bekanntschaften bahnen sich an. Etwa mit jener älteren Dame, die mir ihr Smartphone hinhält und um Hilfe bei der Sichtbarmachung eines Online-Tickets und um Tips für lohnenswerte Veranstaltungen bittet. Gemeinsam tritt man nach der Fahrt ins Freie, atmet tief durch, tauscht Telefonnummern, und verliert sich sogleich aus den Augen. Es wird etwas dauern bis zum Wiedersehen.

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Zwei von über 260.000 die 2016 die Leipziger Buchmesse und das begleitende Lesefest “Leipzig liest” besucht haben. Letzteres fand in diesem Jahr zum 25. Mal statt, was mit einem Festakt gebührend gefeiert wurde. Dem Erfinder dieses Ereignisses gebührt ein Verdienstkreuzle am Bändel, macht es doch die jährlichen Märztage in Leipzig erst zu etwas ganz Besonderem. Ohne wäre die Messe nie geworden, was sie ist.

Preise und Gepriesene

Großer Gewinner bei der Vergabe der Preise der Leipziger Buchmesse ist Klaus Schöffling. Die Preisträger der Kategorien Belletristik (Guntram Vesper: Frohburg) und Übersetzung (Cosic, Bora: Die Tutoren; aus dem Serbischen übersetzt von Brigitte Döbert) wurden bei Schöffling & Co. verlegt. Glückwunsch! Preise gab es wie jedes Jahr zuhauf. Sie alle aufzuführen und ihre Preisträger vorzustellen würde jedes Blogmaß sprengen.

Klaus Schöffling (links) und Guntram Vesper

Nicht vorbei kam ich am Preis für den „ungewöhnlichsten Buchtitel 2015“, den die Mayersche Buchhandlung gemeinsam mit der community “wasliestdu.de” stiftet und den eine sechsköpfige Jury vergibt. Moderiert von Jan Drees wurden insgesamt 10 Titel in Form einer Hitliste präsentiert.

Hier die drei ersten Plätze:

Platz 3 für „Die wunderbare Welt des Kühlschranks in Zeiten mangelnder Liebe“ von Alain Monnier, bei Arche erschienen. Den Titel mit angedeutetem Verweis auf ein ebenfalls ausgezeichnetes Werk von Clemens Setz gibt es festgebunden für 16,99.

Platz 2 errang „Eine Rolle Klopapier hat 200 Blatt. Warum ist keins mehr da, wenn man es am dringendsten braucht?: Das Leben in Textaufgaben“ Gesammelt von Raimund Krauleidis und verlegt von Goldmann und mit Euro 8,99 kaum teurer als ein paar Rollen gutes Toilletenpapier.

Änd se winner! Platz 1: „Aufgeben ist keine Lösung, außer bei Paketen“ – Hinter dem Titel verbergen sich knifflige Ratespielchen die sich der Top-Slamer Patrick Salmen ausgedacht hat. Bei Lektora veröffentlicht und für runde 10 Euro zu haben.

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Sieger-Typ: Patrick Salmen

Für echte Inhaltsangaben der Bücher reicht es hier nicht. Wer Näheres wissen möchte, erfährt dies mühelos auf den einschlägigen Buchhandels- oder Verlagsseiten im Netz.

Die Kleinen und die Ganzkleinen

Jahr für Jahr bietet Leipzig im Frühjahr Raum und erschwingliche Standmieten für die kleinen Verlage. Meist sind diese gleichzeitig Teil der Gemeinschaft der “Unabhängigen”, die auf der Messe mit eigenem Forum vertreten ist. Die Unabhängigen, das sind selbständige Verlage, die nicht im Besitz größerer wirtschaftlichen Einheiten (sprich: Konzerne) sind.

Am kommenden Samstag, dem 26. März, machen diese tapferen Unentwegten mit einem “Indiebookday” speziell auf sich aufmerksam. Viele Buchhandlungen unterstützen mit Sonderfenstern und Aktionen. In der Untergattung der Ganzkleinen bin ich auf der Messe zwei sehr originellen und lebendigen Beispielen begegnet.

Der Klein- und Jungverleger Sebastian Guggolz hat früher für Matthes und Seitz gearbeitet, bevor er sich vor wenigen Jahren selbständig machte. “Ich bin der Verlag”, heißt seitdem sein Motto. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, verlegt er etwa 2 bis 3 Bücher pro Jahr. Dabei ausschließlich solche, die ungerechtfertigter Weise der Kurzatmigkeit des Buchgeschäfts zum Opfer gefallen sind. Neuauflagen bedeutender literarischer Werke, die längst aus dem Blickfeld möglicher Leser und den Lagern der Verlage und Großhändler verschwunden sind.

Der Berliner Verleger Sebastian Guggolz

Auf dem “Nordischen Forum” –  eine schmale Präsentationsfläche mit einigen wenigen Sitzplätzen, die ich Jahr für Jahr besuche – stellte er die Neu-Übersetzung von “Hiltu und Ragnar”, einem der Hauptwerke des finnischen Nobelpreisträgers Emil Sillanpää (Frans Emil Sillanpää 1888 bis 1964) vor. Lieferbar ist vom selben Autor außerdem der Titel “Frommes Elend”. Viele Finnen hätten ein verstaubtes Bild ihres einzigen Literatur-Nobelpreisträgers, erläuterte Guggolz. Über den Umweg der deutschen Übersetzung können sie ihn nun wiederentdecken.

Der Verlag von Barbara Miklaw heißt “Mirabilis”. Sie stellte ihren Autor Florian L. Arnold mit seinem ersten Roman vor. “Die Ferne. Man kommt nicht an sie heran”. Eine weitausholende Erzählung, teilweise auf biographischen Elementen beruhend und illustriert vom Autor. Arnold, dessen breit gefächertes künstlerisches Betätigungsfeld beeindruckt, überzeugt neben der Schriftstellerei als Graphiker, Zeichner und Kulturmanager.

Barbara Miklaw und Florian L. Arnold

Im vielseitigen Programm von Mirabilis befindet sich auch ein Buch das einen überraschenden Blick auf Peter Handke wirft. In “Der Geruch der Filme – Peter Handke und das Kino” erläutert Lothar Struck in einem anspruchsvollen Essay “Ideen und Ideale des Kinogehers Peter Handke und widmet sich ausführlich den Filmen, die Handke als Regisseur und/oder Drehbuchautor erschaffen hat.”

Fremde Zungen

In Leipzig hat man die seltene Gelegenheit Teile übersetzter literarischer Werke nicht nur in deutscher Sprache, sondern im Original zu hören. Faszinierende Einblicke in exotische Sprachklänge, Hörerlebnisse der besonderen Art. Von Englisch ist dabei nicht die Rede, da diese Weltsprache für Mitteleuropäer kaum noch als Fremdsprache gelten kann. Doch wann hat man schon einmal die Gelegenheit Passagen eines finnischen Romans vorgelesen zu bekommen. Bei der erwähnten Veranstaltung mit Sebastian Guggolz im Nordischen Forum war dies möglich. Eine Vertreterin des finnischen Kulturinstituts las auf Finnisch aus “Hiltu und Ragnar” von Emil Sillanpää.

Georgisch, von dem ich bis vor kurzem nicht einmal wusste, dass es eine eigene Sprache ist, konnte ich bei den “Unabhängigen” hören. Joachim Unseld von der Frankfurter Verlagsanstalt präsentierte seinen Autor Lasha Bugadze und dessen Roman “Der Literaturexpress”. Die munter-ironische Geschichte eines Zuges, der mit 100 Dichtern verschiedener Nationen quer durch Europa fährt. Geschildert wird die Fahrt aus der Sicht eines mäßig erfolgreichen, jungen georgischen Schriftstellers.

Nino Haratischwili und Lasha Bugadze

Übersetzt hat das Buch die aus Georgien stammende, in Deutschland lebende und auf Deutsch schreibende Nino Haratischwili, die im vorletzten Jahr mit ihrem Roman “Das achte Leben” für Aufsehen sorgte.

Die wahren Poetinnen

Anders als beim obligatorischen Buchmessen-Slam, der tradionell auf großer Bühne im Leipziger Schauspielhaus vor ausverkauftem Haus stattfindet, kann man Slam-Poeten – vor allem Künstler jüngerer Jahrgänge – auf der “Leseinsel Junge Verlage” aus nächster Nähe erleben. Es ist immer wieder erstaunlich, wie rasch die Zuschauer – und Zuhörermenge vor dem kleinen Podium anschwillt, wenn dieses Programm ansteht.

Ich durfte in diesem Jahr die beiden Ausnahme-Talente Zoe Hagen und Jule Weber bewundern. Weber gehörte auch zu den neun Wettbewerbern, die im Schauspielhaus antraten. Ihre Texte überzeugen durch erstaunliche Reife und eine komplexe, oft humorvolle Auseinandersetzung mit den “wahren” Fragen des Lebens. Die Sprachartistin und Verwandlungskünstlerin begeisterte mit einer launischen Selbstbespiegelung unter dem Titel “Narziss”.

Von Zoe Hagen, die im offenen Vortrag sympathisch unfertig wirkt, ist dieser Tage der Roman “Tage mit Leuchtkäfern” bei Ullstein erschienen.

Jule Weber, Poetin

Ein Sonderfall ist Nora Gomringer. Treuer Gast in Leipzig und den Urgründen der Slamer-Szene längst entwachsen. Mit ihrem vielseitigen Talent verfügt sie über ein breites Programm-Spektrum, solo und im Ensemble. Ihre Bücher erscheinen bei Volland & Quist, einem Verlag, der die meisten seiner Druckwerke mit inkludierten Hör-CDs ausstattet.

Vom 14. April bis 7. Mai findet in Ulm und Neu-Ulm die “Literaturwoche Donau” statt. Am Mittwoch, den 20. April ist aus diesem Anlass Nora Gomringer zusammen mit ihrem Verleger Leif Greinus im Saal der Ulmer Museumsgesellschaft zu erleben. Das sollte man sich in Ulm und Umgebung nicht entgehen lassen.

“Bereit zum Abschied sein … ”

Hermann Hesse war ja nie in Leipzig. Sonst hätte er gewusst, dass es mit dem Abschied von dieser Stadt, ihrem literarischen Leben und den Menschen hier, keineswegs so leicht ist. Doch zunächst besuchte ich noch eine kleine, sehr intime Veranstaltung im heimeligen Apothekenmuseum, das gleich neben der Thomas-Kirche zu finden ist.

Zwischen Vitrinen mit Pillenvergoldern, Mutterkornmühle, historischen Medikamentenpackungen und alten Kräuterbüchern, stellte der stets umtriebige Stefan Weidle seine neueste Russland-Entdeckung vor. Die Erzählung “Tatarinowa. Die Prophetin von St. Petersburg” von Anna Radlowa, übersetzt und kommentiert von Daniel Jurjew. Das Nachwort stammt von Oleg Jurjew, der an diesem Abend zusammen mit seiner Frau Olga Martynova (mit Auszügen aus ihrem Roman „Mörikes Schlüsselbein“ gewann sie 2012 den Bachmann-Preis!) Hintergrund-Informationen zu Werk, Autorin und Inhalt beitrug. Ich fühlte mich leicht überfordert, da mir mit meiner überwiegend westlich orientierten Sozialisation und Bildung die entsprechenden Bezüge zur russischen Literatur- und Kulturgeschichte fehlen.

Jetzt treffe ich sie endlich wieder. Meine Straßenbahnbekanntschaft. Einem meiner Vorschläge folgend, hat sie ebenfalls zu später Stunde hierher gefunden. Verabschiedung dann in kühler sternenloser Nacht neben der überlebensgroßen Statue von Johann Sebastian Bach. Turm und Kirchenschiff im Scheinwerferlicht.

Sind das Orgelklänge?

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Weiterführende Hinweise:

wasliestdu.de

Die Unabhängigen/Indiebookday

Literaturwoche Donau

Über interessante Bücher dieses Frühjahrs, die Begnung mit ihnen und ihren Autoren und Autorinnen auf der Leipziger Buchmesse, berichte ich ausführlicher in Kürze auf con=libri.