Dichtergräber

Fotografien von Markus Fenkl

Seit seiner Kindheit fotografiert Markus Fenkl leidenschaftlich. In der Schulzeit verbrachte er reichlich Zeit in der Dunkelkammer. Sein Interesse am Bild hat seinen Ursprung in Malerei und Grafik. Er bezeichnet es als großes Glück, dass er schon in den ersten beiden Schuljahren einen engagierten Künstler zum Lehrer hatte.

Fenkl befüllt ein gegebenes Format mit Formen, die er mit der Kamera versucht aus der Welt herauszustanzen. Ziel und Bestreben ist es, bei den Betrachtern eine Wirkung hervorzurufen. Diese kann nur entstehen, wenn deren Alltagsfilter überwunden werden, was in der Bilderflut unserer Tage schwer zu erreichen ist. Medien und Werbung haben unsere wahrnehmbare Umwelt mit spektakulären Reizen in einem Umfang besetzt, wie es das in der Vergangenheit noch nie gab.

Markus Fenkl versucht derzeit durch Reduktion des Sichtbaren auf einen scheinbar unverständlichen Bildausschnitt beim Betrachter ein Zögern und Wundern auszulösen, in ihm eine Frage aufzuwerfen, die nur durch aktive Auseinandersetzung mit dem Bild beantwortet werden kann. So kann Fotografie weitergehende Inhalte transportieren, Themen beleuchten, die dem Fotografen wichtig erscheinen.

Neben dem künstlerischen Anspruch hat Markus Fenkl ein Faible für die Dokumentation von Menschen und Ereignissen. Es geht ihm dabei um wahrnehmbare Veränderungen, die erst im Rückblick sichtbar werden.

Der gelernte Schreiner und ehemalige Berufsschullehrer lebt in Neu-Ulm. Seit 15 Jahren beteiligt er sich an Ausstellungen in seiner Region. Eine Ausstellung mit eigenen Werken war 2012 in der Ulmer Galerie Semmler zu sehen.

Zum Totensonntag 2020 gibt es auf con=libri eine kleine Auswahl aus Fenkls Dichtergräber-Sammlung.

(Bitte beachten Sie, dass die Bilder urheberrechtlich geschützt sind. Eine Verwendung und/oder Weiterverarbeitung ist nur mit Zustimmung des Fotografen zulässig.)

Und wenn ihr einst in Frieden ruht / Beseligt ganz vom Himmelslohn / Dann stolpert durch die Höllenglut / Bert Brecht mit seinem Lampion.
 
Vielleicht hat es am Ende doch nicht geklappt mit der Vision, die Bertolt Brecht (1898 – 1956) in seinem Gedicht Serenade formulierte, und er muss sich jetzt in irgendeiner Art von Paradies fürchterlich langweilen. Der Augsburger war viel unterwegs in seinen Exiljahren. Über Dänemark, Schweden, Finnland und Russland landete er wie viele andere deutsche Intellektuelle und Künstler in den Vereinigten Staaten, um dort alsbald ins Visier der Kommunistenjäger zu geraten. Nach dem Krieg machte ihn die DDR zum gefeierten Staatsdichter. Eine Karriere, die mit dem plötzlichen Tod am 14. August 1956 etwas abrupt endete. Der Auflauf an Volk und staatstragenden Kadern war groß bei seiner Beerdigung auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.
 

Rund um den Geburtstag der Anna Seghers, der sich dieser Tage zum 120. Male jährt, geschieht Erstaunliches. Bis heute ist die Schriftstellerin hauptsächlich für ihren fulminanten Roman über die Schrecken des Dritten Reichs (Das siebte Kreuz) und die eindringliche Darstellung der Schicksale jener, die wie sie vor den Nachstellungen der Hitler-Schergen aus dem Land fliehen mussten (Exil), bekannt. Nun rückt, spät und recht überraschend, ihre eigene Exilzeit in den Mittelpunkt des Interesses. Verschlungene Pfade führten sie nicht wie die Manns, wie Brecht, Feuchtwanger und Co. in die Vereinigten Staaten von Amerika, sondern ins mittelamerikanische Mexiko. Gleich zwei Neuerscheinungen schildern und würdigen diesen Lebensabschnitt Seghers und die Werke,  die in dieser Zeit entstanden.

Volker Weidermanns Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko ist bei Aufbau erschienen. Wie von Weidermann gewohnt, ist das Buch ebenso populär wie fundiert geschrieben. Es bringt uns eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts in all ihren Widersprüchen nahe, ohne sich ein Urteil anzumaßen. Der reich bebilderte Band von Monika Melchert trägt den Titel Im Schutz von Adler und Schlange. Anna Seghers im mexikanischen Exil. Erschienen ist er im Quintus Verlag. Melchert, Leiterin des Segher-Museums in Berlin, ist eine intime Kennerin von Biografie und Arbeit der in Mainz geborenen Dichterin. Sowohl Weidermann wie Melchert sind sich einig, dass es lohnt die im Exil entstandenen Erzählungen neu zu entdecken.

Als junge Frau trat Anna Seghers aus der jüdischen Gemeinde aus und der Kommunistischen Partei bei. Ihr blieb sie ein Leben lang treu, vertrat einen radikalen Antifaschismus und hielt zur Sowjetunion selbst noch, als dort Das siebte Kreuz verboten wurde und Stalin sich mit Hitler verbündete. 1947 kehrte sie aus Mexiko nach Deutschland zurück und ließ sich in Ost-Berlin, dem damaligen sowjetischen Sektor und der späteren DDR, nieder. Von 1952 bis 1978 war sie Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes, verkehrte mit Ulbricht und Honecker und rechtfertigte den Mauerbau. Seit 1983 ruht sie auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.

Diese Unehre habe ich nicht verdient! Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, daß meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen. … Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selbst wird unauslöschlich sein wie eure Schmach! (O. M. Graf anlässlich der Bücherverbrennungen im Deutschen Reich 1933.)
 
Die Bekanntheit des Schriftstellers Oskar Maria Graf beginnt ganz langsam zu verblassen, ähnlich der Inschrift auf seinem Grabstein. Er war einer der eigenwilligsten und unabhängigsten Vertreter der Exilgeneration. Seine oberbayerische Identität nahm er überall mit hin. Unter unseren Geburtstagswünschen aber soll der voranstehen, daß die Heimat, sein oberbayerisches Land, seiner recht gewahr werden und sich dankbarer, als gegenwärtig, erweisen möge für das Gute, das er zu ihrer Ehre hervorbringt. Sie hat keinen echteren, in der vom Schicksal erzwungenen Ferne keinen treueren Sohn. (Thomas Mann zum sechzigsten Geburtstag Grafs.) Der Wunsch des Nobelpreisträgers ging bedingt in Erfüllung, spät ohnehin, doch immerhin besser als all die Zumutungen und Kränkungen, die ihm selbst durch seine ehemalige Münchener Wahlheimat widerfuhren. Seine letzte Ruhe fand Oskar Maria Graf zu guter Letzt tatsächlich in bayerischer Erde. Sein Grab befindet sich in München-Bogenhausen; auf dem St. Georg-Kirchhof gehören Rainer Werner Fassbinder, Erich Kästner und Joachim Fernau zu seinen Nachbarn.
 

Heinrich Mann verdanken wir einen der markantesten Prototypen der deutschen Literatur. Sein Roman Der Untertan erschien 1918, entstanden ist er bereits vor 1914, also zu einer Zeit, als das alte Kaiserreich noch existierte. Charaktere vom Schlage des Protagonisten Diederich Heßling, diesem selbstsicheren Opportunisten und strammpreußischen Bürger, sind ja bis heute nicht gänzlich ausgestorben. Unvergesslich auch Manns Professor Unrat (1904 erschienen), jene Geschichte der erotischen Irrungen und Wirrungen eines biederen Gymnasiallehrers. Die Verfilmung von 1930 unter dem Titel Der blaue Engel verhalf einst der jungen Marlene Dietrich in der Gestalt der feschen Lola zum Durchbruch. 

Heinrich Mann war stark von der französischen Erzähltradition geprägt. Seinen Werken blieb der internationale Durchbruch versagt. Das führte dazu, dass der Autor im amerikanischen Exil ein kümmerliches Dasein fristen musste und auf die Unterstützung seines Bruders Thomas angewiesen war, dessen Romane und Erzählungen sich in englischen Übersetzungen weltweit bestens verkauften. 1949 wurde er in Abwesenheit zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin gewählt. Noch bevor er nach Europa reisen konnte um das Amt anzutreten, verstarb er am 11. März 1950 im kalifornischen Santa Monica, wo er zunächst bestattet wurde. 1961 wurde seine Urne nach Deutschland überführt und in Ost-Berlin beigesetzt. Heute ist sein Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof eines der Ehrengräber des Landes Berlin.

Einer von ihnen hat mir erklärt, wie das sei / und was ihn am meisten freute: / > Im schlimmsten Moment, der Geburt, sind die Leute / (hat er gesagt) schon dabei. / Doch gerade das schönste Erlebnis / erleben sie nie: ihr Begräbnis! <
 
Verse aus einem Gedicht Erich Kästners, in dem er einen Pessimisten sprechen lässt. Er selbst war keiner, eher ein melancholischer Optimist. Nach Studium und Promotion begann er zunächst als Journalist zu arbeiten. Populär wurde er mit seinen Satiren und Couplets für die bunte Kabarettszene im Berlin der 1920er Jahre. Bekannt ist er bis heute vor allem für seine Kinderbücher. Das fliegende Klassenzimmer wird derzeit zum vierten Mal verfilmt. Kindheit und Jugend verbrachte er in Dresden (s. auch con=libri vom 26.10.2020), die Erinnerung daran prägte sein weiteres Leben, wie er selbst immer wieder betonte. 1933 wurde er Zeuge, wie seine Bücher als „undeutsch“ verbrannt wurden.

Als Einziger der hier vertretenen Dichter und Dichterinnen blieb Erich Kästner während des Dritten Reichs in Deutschland. Trotz verschiedener Repressionen konnte er in dieser Zeit unter Pseudonym Drehbücher verfassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er in München. Als Pazifist wandte er sich gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands und protestierte gegen die Verbreitung von Atomwaffen. 1974 verstarb er nach längerer Krebserkrankung und wurde in München-Bogenhausen beerdigt. 1991 fand Luiselotte Enderle ihre letzte Ruhe an selber Stelle. Die Journalistin und Dramaturgin stammte aus Leipzig. Fast vier Jahrzehnte war sie Kästners Lebensgefährtin und später seine erste Biografin.

 

Erich Kästner und Dresden

Wenn es zutreffen sollte, daß ich nicht nur weiß, was schlimm und häßlich, sondern auch, was schön ist, so verdanke ich diese Gabe dem Glück in Dresden aufgewachsen zu sein.

Das historische Zentrum der Stadt Dresden mit seinen kultur- und baugeschichtlichen Sensationen ist Anziehungspunkt und Reiseziel für Touristen aus der ganzen Welt. Sie besuchen zu Tausenden die Schlösser und Museen, drängen sich in Frauen- und Kreuzkirche, promenieren auf den Brühlschen Terrassen, spazieren am Elbufer entlang, kehren ein in die zahlreichen Cafés und Restaurants, genießen sächsischen Blechkuchen oder deftige Fleischspeisen mit Klößen und Rotkohl. Abends locken Theater und Kabaretts, Jazzkeller, Konzerte der Staatskapelle oder musikalische Spitzendarbietungen in heller Kirchenakustik. Dresden gehört im Ausland zu den bekanntesten und beliebtesten Städten Deutschlands.

Mit einer der gelben Straßenbahnen verlasse ich die Innenstadt. Die langen Gelenkwagen schunkeln und quietschen über die Carolabrücke. Darunter fließt träge die Elbe. Sie führt Niedrigwasser. In den warmen und trockenen Sommern der letzten Jahre muss immer häufiger der Verkehr der Ausflugsdampfer reduziert oder eingestellt werden. 

Ich bin unterwegs in die Dresdner Neustadt auf der linken Elbseite. Wohn- und Lebensraum der einfachen Bürger, Arbeitnehmer, Handwerker, kleinen Selbständigen, Studenten-WGs. Lange Straßen. Gründerzeithäuser. Schmale Läden. Die global gewohnten Sättigungsangebote: Döner, Pizza, Asia Food, Burger. Mal frisch und einladend, mal schmuddelig fragwürdig. Als Erich Kästner hier aufwuchs gab es das noch nicht. Stattdessen zahlreiche Bäckereien und Fleischereien, Uhrmacher, Papier- und Gemüseläden, Schuhgeschäfte, Schneidereien und kleine Kneipen. In Hinterhöfen werkelten Schreiner und Spengler, Wagner und Kürschner.

Am 23. Februar 1899 wurde Erich Kästner hier geboren. In der Königsbrücker Straße 66, vierte Etage. Dresden ist zu dieser Zeit königlich sächsische Haupt- und Residenzstadt, die viertgrößte Stadt des Deutschen Reichs mit etwa einer halben Million Einwohner. Berühmt für seine Zigarettenfabrik, die Schokoladenherstellung und die Brauereien. Hier wurden der Kaffeefilter, der Teebeutel und der Bierdeckel erfunden.

Erichs Eltern sind in der arrangierten Ehe unglücklich. Die erste Wohnung in der Königsbrücker Straße liegt ganz in der Nähe des damals berühmten Schokoladenproduzenten Jordan & Timaens. In der Mansardenwohnung ist der Alltag mühselig, die Kästners kommen gerade so über die Runden. Im Lauf der Jahre ändert sich das nur wenig. Die Familie zieht mehrmals um, jeweils nur einige Häuser weiter, in die Nummer 48, in die 38. Dabei Etage für Etage tiefer. In seinen Erinnerungen Als ich ein kleiner Junge war kommentiert der Schriftsteller Kästner Jahrzehnte später, ironisch-optimistisch, wie es seiner Lebenshaltung entsprach: Wir zogen immer tiefer, weil es mit uns bergauf ging. Wir näherten uns den Häusern mit den Vorgärten ohne sie zu erreichen.

Das Kind Erich sitzt in den wechselnden Wohnungen still an Mutters Seite und lernt früh lesen. Lesen wird zur Haupt- und Lieblingsbeschäftigung des Heranwachsenden. Ich las und las und las. Kein Buchstabe war vor mir sicher. Ich las Bücher und Hefte, Plakate, Firmenschilder, Namensschilder, Prospekte, Gebrauchsanweisungen und Grabinschriften, Tierschutzkalender, Speisekarten, Mamas Kochbuch, Ansichtskartengrüße … , die ‚Bunten Bilder aus dem Sachsenlande‘ und die klitschnassen Zeitungsfetzen, worin ich drei Stauden Kopfsalat nach Hause trug. Zwischen Mutter und Sohn entwickelt sich ein enges und inniges Verhältnis, das über alle Jahre, geschichtlichen Umbrüche und Entfernungen hinweg, bestehen bleiben wird.

Die langen Spaziergänge am Elbufer. Die Mutter empfindet die weite Uferlandschaft als Befreiung aus ihrer persönlichen Eheenge. Erich liebt die Elbbrücken. Im Gasthaus Linckesches Bad kehren die beiden nach ihren Wanderungen gerne ein. Gelegentliche Besuche von Aufführungen des Alberttheaters und anderer Bühnen der Stadt mit der Mutter, gehören zu den prägenden Eindrücken der Kinder- und Jugendjahre. Bald wurden die Dresdner Theater mein zweites Zuhause. Und oft mußte mein Vater allein zu Abend essen, weil Mama und ich, meist auf Stehplätzen, der Muse Thalia huldigten.

Junge Lehrer wohnen bei Kästners zur Untermiete und leisten notwendige finanzielle Beiträge zum Lebensunterhalt. Von den aufgeschlossenen Pädagogen erfährt das Kind früh vom Wert des Lernens und der Bildung. Erich wird ein ausgezeichneter Schüler in der IV. Dresdner Bürgerschule. Später wird er selbst ein Lehrerseminar besuchen, das einen frühzeitigen Berufsabschluss und regelmäßiges Einkommen ermöglichen soll. Doch seinen Vorstellungen und Ansprüchen wird das nicht gerecht. Er bricht diese Laufbahn ab. Nach dem abgeleisteten Wehrdienst holt er fehlende Gymnasialjahre nach und macht Abitur.

Die Pionierkaserne, in der Kästner eine Infanterieausbildung absolvierte, befindet sich am weiteren Verlauf der Königsbrücker Straße. Am Eingang hat er oft Wache zu stehen. Von dort ist es nicht weit bis zum St.-Pauli-Friedhof, wo die Eltern ihre letzte Ruhe finden werden. 1919 geht Erich Kästner zum Studium nach Leipzig, nach Rostock und Berlin. Ab 1922 ist er wieder in Leipzig, wo er 1925 promoviert. Ab 1927 arbeitet Kästner in Berlin als Theaterkritiker und Journalist, schreibt Texte, Gedichte, Couplets für die fiebrige Kabarettszene der Hauptstadt. Während der Nazizeit hat er offziell Schreibverbot, lebt unauffällig, schreibt unter Pseudonym Drehbücher, wie den populären Münchhausen-Film mit Hans Albers in der Titelrolle. Nach dem Krieg lässt er sich in München nieder.

1967 kommt er ein letztes Mal in seine Geburtsstadt Dresden, zu einer Lesung in der Gemäldegalerie des Zwinger. Am 29. Juli 1974 stirbt der inzwischen vor allem durch seine Kinderbücher beliebte Schriftsteller in der bayerischen Landeshauptstadt. Und ich selber bin, was sonst ich auch wurde, eines immer geblieben: ein Kind der Königsbrücker Straße.

* * *

Das Erich-Kästner-Museum in Dresden wurde nach umfassender Sanierung und konzeptioneller Neuausrichtung im vergangenen Jahr neu eröffnet, derzeit ist es im Rahmen der pandemiebedingten Einschränkungen geschlossen. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich die Einrichtung auf con=libri vorstellen.

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Kästner, Erich: Als ich ein kleiner Junge war. – 11. Aufl., München, 2009

Stresow, Matthias: Auf den Spuren Erich Kästners in Dresden. – Dresden, 2014

Hölderlin in Hauptwil

Jetzt aber, drin im Gebirg

Die Schweizer Gemeinde Hauptwil liegt im Kanton Thurgau zwischen Bodensee und Säntis-Massiv, westlich von Sankt Gallen. Den Mittelpunkt bildet ein kleiner Weiher, an dessen Ufer sich eine Badeanstalt befindet, die an heißen Sommertagen von den wenigen Kindern und Jugendlichen im Ort genutzt wird. Es ist eine ruhige, eher unscheinbare Siedlung. Für heutige Reisende gibt es eigentlich wenig Grund hier länger zu verweilen. Doch für Literaturfreunde lohnt sich ein Besuch, vielleicht als kleiner Abstecher während eines Urlaubs oder Wandertags im Appenzell oder dem nahen Toggenburg.

Im Januar 1801 erreichte der Dichter und Gelehrte Friedrich Hölderlin von Stuttgart kommend, nach langer Reise durch das tief verschneite Oberschwaben, über den westlichen Bodensee und schließlich von Konstanz her, die Ortschaft Hauptwil. Den größten Teil des Weges hatte er zu Fuß zurückgelegt. Er trat eine Stelle als Hofmeister bei der Familie Gonzenbach an; seine Aufgabe bestand darin, die dreizehn- und vierzehnjährigen Töchter Augusta Dorothea und Barbara Julia zu unterrichten.

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In Hauptwil wurde er freundlich aufgenommen, wohnte in einem Zimmer zum Garten. Er fand sich rasch zurecht und war nicht unglücklich, wie er der Mutter im Brief mitteilte: Ich kann in der Tat nicht anders sagen, nach der Überzeugung, die ich mir seit 10 Tagen geben konnte, als dass die zahlreiche Familie, in der ich lebe, aus solchen Menschen besteht, unter denen man mit zufriedener Seele leben muß, so viel unschuldiger Frohsinn ist unter den jüngeren, und so ein gesunder Verstand, und edle Gutheit unter den Älteren.

Das Gehalt betrug 300 Gulden im Jahr, bei freier Kost und Logis. Die Familie Gonzenbach beherrschte den kleinen Ort. Das obere Schloss bewohnte eine ältere Linie; das untere Schloss, das sogenannte Kaufhaus, heute als Wohnhaus genutzt, die Familie des Kaufherrn Anton Gonzenbach. Bei diesem Aufenthalt in der Schweiz lernte Hölderlin die Landschaft des Alpenraums kennen und war von ihr so fasziniert, dass sich das später in hymnischer Dichtung niederschlug. Allerdings dauerte der Thurgauer Aufenthalt nicht lange. Bereits Mitte April trennte man sich wieder. In bestem Einvernehmen und voller Respekt – wie das Haus Gonzenbach versicherte.

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Über den raschen Abschied aus Hauptwil gibt es verschiedene Spekulationen und Interpretationen. Es wurden amouröse Verwicklungen unterstellt oder politische Differenzen mit dem Dienstherrn vermutet. Doch am wahrscheinlichsten ist, dass sich Anzeichen geistiger Erkrankung bei Hölderlin bemerkbar machten.

Bei einem Spaziergang durch das gegenwärtige Hauptwil kann man feststellen, dass die Gemeinde pfleglich mit der Erinnerung an den Hölderlin-Aufenthalt umgeht. Am ehemaligen Wohnhaus der Familie Gonzenbach ist eine Erinnerungstafel angebracht. Es gibt einen Hölderlin-Weg. Und im Oberen Schloss, dessen Seitenflügel heute ein Altersheim beherbergt, wurde ein Erdgeschoss-Raum zu einem kleinen Hölderlin-Museum umgestaltet. Es ist eine schlichte, sachlich und gleichzeitig liebevoll gestaltete Einrichtung. An den Wänden erzählen einheitliche Tafeln von dem Ereignis und ein wenig über das Drumherum. Die Tür steht meist offen. Der Raum ist den ganzen Tag über frei zugänglich.

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Von Hauptwil gelangt man in einer halben Stunde Autofahrt nach Sankt Gallen und damit in das quirlige, umtriebige City-Leben einer großen Kleinstadt. In der Mitte der Stadt liegt der Klosterkomplex. In der Stiftbibliothek werden 900 wertvolle Handschriften verwahrt. Im Kloster lebte bis im Jahre 912 der Mönch Notker, auch genannt der Stammler, einer der ersten großen Dichter und Gelehrten des deutschen Sprachraums.

Die Vergnügungen des Bertolt Brecht

Tema con variazioni

Zu finden ist es in Werk- und Einzelausgaben, in Sammelbänden und Anthologien. Es ist bekannt, beliebt und vielfach verbreitet. Das Gedicht Vergnügungen von Bertolt Brecht (1898 – 1956). Vor mir liegt das Suhrkamp Taschenbuch Bertolt Brecht: Hundert Gedichte. Ausgewählt von Siegfried Unseld. Aufgeschlagen ist Seite 164. Er hat es wohl 1954 geschrieben und seiner letzten Geliebten, der Schauspielerin Käthe Reichel gewidmet. Thematik und Struktur reizen ganz besonders zu persönlicher Interpretation. Deshalb gibt es heute auf con=libri zwei Variationen, zwei individuelle Versuche, die keinesfalls den Anspruch erheben, sich mit dem Original messen zu können.

I

Berner Weltmeisterjahrgang, beheimatet in der Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm, die Herzallerliebste eine Götterbotin, als Wörter- und Bildersammler unterwegs, erkundet lesend den Weltinnenraum, schreibt um sich zu durchqueren, bibliophilen Eskapaden nicht abgeneigt, lebensbegleitend: der Eremit aus Montagnola, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Die Variation von Diplom-Bibliothekar a. D. Bernd Michael Köhler:

Vergnügungen (Bertolt Brecht gewidmet)

Der erste Blick in ein neues Buch
Die wiedergefundene alte Schrift
Freundliche Gesichter
Stille, der Schatten an einem Sommertag
Die Zeitung
Der Schreibtisch
Der Buddha
Lesen, weiterlesen
Klangwelten
Radfahren
Begreifen
Bibliotheken, Briefe
Schreiben, Zuhören
Fotografieren
Philosophieren
Anders sein.

II

Wurzeln in der Goethestadt Ilmenau, längst in Ulm, dem umliegenden Oberschwaben und Westallgäu zuhause, mit steter Lust auf Abstecher nach Leipzig und Wien, Spaziergänger, Buchmensch, Leser und Schreiber. Die Variation von Jan Haag:

Freuden  (für Charlotte und Marie Luise)

Der erste Blick in die Zeitung am Morgen
Die nächsten Bücher
Der Wechsel der Jahreszeiten
Das frische Hemd

Nachdenken
Skepsis
Lesen dürfen
Schreiben können
Begreifen

Alte Musik
Andere Musik

Schlendern durch Gassen
An Fluss oder See sitzen
Kleine Fluchten
Ankommen

Lange Gespräche
Verstanden werden

 

 

Das Nußbaumblatt

Ein Juligedicht von Louis Fürnberg. Mit Notizen zum Dichter.

Das Nußbaumblatt

Heut hat der Wind ein welkes Nußbaumblatt
in unsern schmalen, kalten Hof getragen,
der nichts als eine hohe Mauer hat.

Da haben wir die Hände ausgestreckt
danach, die schweigend wir den Hof durchschritten;
was so ein Blatt für Sommerwünsche weckt.

Und einer fing´s in seiner hohlen Hand
und hielt es zart und zärtlich an die Wange,
ein Nußbaumblatt, von Juliglut verbrannt;

und reicht es dem, der hinter ihm ging stumm …
der küßte es, und so im Weitergange
ging es, ein welkes Blatt, geküßt reihum.

In einem der bekanntesten Lieder der im Osten und Westen unserer Republik gleichermaßen beliebten Deutschrock-Formation Puhdys kommt zu rhythmischem Gitarrenklang ein Lebenswunsch zum Ausdruck: Alt wie ein Baum möchte ich werden, so wie der Dichter es beschreibt. 

Welcher Dichter ist da eigentlich gemeint? Nach ihm fragt kaum jemand. Er hieß Louis Fürnberg und die Puhdys beziehen sich auf sein Gedicht Alt möcht’ ich werden, das so beginnt:

Alt möcht’ ich werden wie ein alter Baum, / mit Jahresringen längst nicht mehr zu zählen …

Als Louis Fürnberg 1909 in Iglau geboren wurde, wäre die Vorstellung dass sich sein Lebenskreis eines Tages in Weimar schließen würde wohl völlig abwegig erschienen. Iglau, die Bergstadt an der Grenze von Böhmen und Mähren zählte um diese Zeit beachtliche 28.000 Einwohner. Etwa 22.000 davon hatten Deutsch als Muttersprache. Die jüdische Fabrikantenfamilie Fürnberg zog nach Karlsbad um, wo Louis Kindheit und Jugend verbrachte und das Gymnasium besuchte. Anschließend ging er in Prag auf die deutsche Handelsakademie und wurde 1928 Mitglied der (deutschen!) kommunistischen Partei. Erste Gedichte erschienen in deutschsprachigen Zeitungen. 1937 heiratete er die aus Wien stammende Lotte Wertheimer.

Die Machtergreifung Hitlers in Deutschland und der Einmarsch seiner Armee in Prag im März 1939 warf das junge Paar aus vorhersehbarer Lebensbahn. Die Flucht nach Polen scheiterte. Lotte wurde bereits nach zwei Monaten aus der Haft entlassen und floh nach London. Louis blieb inhaftiert und wurde mehrfach gefoltert. Der Familie gelang es schließlich ihn freizukaufen. Über Italien und Jugoslawien flohen Lotte und Louis nach Palästina. Die meisten Mitglieder ihrer Familien fielen dem Holocaust zum Opfer.

Zurück in Prag arbeitete Louis Fürnberg ab 1946 zunächst als Journalist und war von 1949 bis 1952 Kulturattaché der tschechoslowakischen Botschaft in Ost-Berlin. Das politische Klima in seiner Heimat wurde zunehmend von antisemitischen und nationalistischen Tendenzen geprägt. Aus Louis Fürnberg musste Lubomir Fyrnberg werden. Im Rahmen seiner Tätigkeit für die Botschaft kam er 1949 zum ersten Mal nach Weimar und nahm an den Feierlichkeiten zu Goethes 100. Geburtstag teil. Thomas Mann hielt seine berühmte Ansprache im Goethejahr 1949 und widerstand den Versuchen beider deutscher Staaten den damals noch im amerikanischen Exil lebenden Nobelpreisträger für sich zu vereinnahmen. 

Der Feingeist, Dichter und Goetheverehrer Louis Fürnberg hingegen war in seinem heimlichen geistigen Zentrum angekommen. Dass diese geistig-literarische Heimat in einem Staatswesen lag das den Weimarer Idealen, seiner Tradition und seinen ehedem hier wirkenden Repräsentanten, von Wieland bis Goethe, Hohn sprach, ist aus heutiger Sicht leicht zu erkennen. Fürnberg und viele andere jedoch fühlten sich damals im richtigen Deutschland, hofften auf eine gerechte Zukunft in sozialistischer Gesellschaft. Mit seinem literarischen Wirken setzte sich ja nicht nur Fürnberg für diese Utopie ein. Auch Kollegen wie Brecht, Huchel, Hermlin, und vor allem der zum Funktionär avancierte Johannes R. Becher, waren mit Teilen ihres Schaffens auf Linie.

1954 übersiedelte das Ehepaar Fürnberg mit ihren beiden Kindern nach Weimar. Wohnadresse wurde die Rainer-Maria-Rilke-Straße 17. Eine berufliche und damit materielle Basis für die Familie fand Louis als stellvertretender Leiter der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur. 1955 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Künste. Noch im selben Jahr erlitt er einen schweren Herzinfarkt von dem er sich nie wieder richtig erholte. Der Dichter, der schon als junger Mann schwer an Lungentuberkulose erkrankt war, starb schließlich am 24. Juni 1957. Er wurde 48 Jahre alt. Ein großer Trauerzug begleitete den Sarg durch ein dichtes Spalier Weimarer Bürger zum Ehrengräberfeld des Historischen Friedhofs.

Was ich singe, sing ich den Genossen. / Ihre Träume gehen durch mein Lied. 

Louis Fürnberg 1949. Quelle: Bundesarchiv Bild 183-S81891

Louis Fürnberg verstand sich als politischer Dichter. Er zählte zu den von den Führungskadern geschätzten, weil nützlichen, benutzbaren Staatsdichtern. Bis in breite Schichten der Bevölkerung war er bekannt und beliebt. Insbesondere Teile seiner Lyrik, die manchmal fast hymnische Züge hatte, zeugen von fester kommunistischer Gesinnung, der er ein Leben lang treu blieb. Seine Gedichte wurden immer wieder vertont. Es entstanden eingängige, leicht singbare Lieder die besonders in Schulen und Jugendorganisationen sehr populär wurden.

Neben unzähligen Gedichten schrieb Fürnberg Erzählungen und Romane. Zu seinen bekannteren Prosaarbeiten zählt die Novelle Begegnung in Weimar, in der er seiner Verehrung für das klassische Weimar und seine Goethe-Bewunderung zum Ausdruck bringt. Sie erzählt von einem Treffen des polnischen Dichters Adam Mickiewiczs mit Johann Wolfgang von Goethe. Die über weite Strecken in Dialogform gestaltete Geschichte deutet das erzählerisch-gestalterische Potenzial des Autors an, ist inhaltlich letztlich zu speziell und elitär.

Nach dem Tod des systemtreuen Dichters betreute die Witwe Lotte Fürnberg das Werk ihres Mannes. Sie gab seine Gesammelten Werke heraus, die in sechs Bänden in den Jahren 1964 bis 1973 erschienen. Die langjährige Freundschaft mit Arnold Zweig dokumentiert der 1978 publizierte Briefwechsel. Louis Fürnberg wurde von seinem Umfeld als freundlicher, bescheidener Mensch charakterisiert. Sein großer Gerechtigkeitssinn und seine Sympathie für die Vernachlässigten und zu kurz Gekommenen führten dazu dass er sich für einen Weg entschied der zwar viel Hoffnung, doch letztlich keine Lösung für die Probleme der Welt bot.

In Weimar entstand ein Louis-Fürnberg-Archiv, das Lotte Fürnberg bis zu ihrem Tod, im Alter von 92 Jahren im Januar 2004, betreute. Ruhm und Bekanntheit des Schriftstellers wurden auch nach dem Ende des DDR-Staats hauptsächlich in Weimar und Thüringen eifrig gepflegt. Als 2009 der 100. Geburtstag anstand, gab es eine Gedenkveranstaltung im Weimarer Stadtschloss. Alena, Tochter der Fürnbergs, trug Gedichte des Vaters vor und Wulf Kirsten hielt die Laudatio. In einem Gebäude der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, wenige Kilometer außerhalb der Klassikerstadt gelegen, wurde Louis Fürnbergs Arbeitszimmer originalgetreu rekonstruiert. Es kann nach Anmeldung besichtigt werden.

***

Fürnberg, Louis: Gesammelte Werke in sechs Bänden. – Berlin und Weimar, 1964 – 1973

Fürnberg, Louis; Zweig, Arnold: Der Briefwechsel zwischen Louis Fürnberg und Arnold Zweig : Dokumente e. Freundschaft. – Berlin und Weimar, 1978

Fürnberg, Louis: Die Begegnung in Weimar. 2. Aufl. – Berlin und Weimar, 1969

Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. – erw. Aufl., Berlin, 2009

Das Blättchen. Zweiwochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft. – Berlin : Verl. d. Blättchens (Online-Ausgabe) (22) 2019. https://das-blaettchen.de/schlagwort/louis-fuernberg

 

 

 

Von Radebeul nach Stambul

Fragen an den Karl-May-Forscher Dr. Ulrich Scheinhammer-Schmid

Karl May ist einer der besten deutschen Erzähler, und er wäre vielleicht der beste schlechthin, wäre er eben kein armer, verwirrter Proletarier gewesen … Karl May ist aus dem Geschlecht von Wilhelm Hauff; nur mit mehr Handlung, er schreibt keine blumigen Träume, sondern Wildträume, gleichsam reißende Märchen. (Ernst Bloch) *

Die aktuelle deutsche Theaterstatistik verzeichnet nicht – wie vielleicht zu vermuten wäre – das Werk eines klassischen oder modernen Dramatikers auf dem ersten Platz der Zuschauer-Charts. Den Spitzenplatz belegt eine Freilichtaufführung nach Karl May: Winnetou und das Geheimnis der Felsenburg auf der Freilichtbühne der Karl-May-Spiele Bad Segeberg war in der Spielzeit 2017/18 der Zuschauermagnet auf deutschen Bühnen! Schon auf Platz 3 ein weiteres Stück des populären Volksschriftstellers: Winnetou II bei den Karl-May-Festspielen Elspe im Sauerland. Erst auf Platz 4 folgt das erwartbare Ur-Drama der Deutschen, Goethes Faust

Gedruckt erzielen die Werke Karl Mays Jahr für Jahr stabile Verkaufszahlen. Allen voran die drei Winnetou-Bände und die Orient-Reihe rund um den Helden Kara Ben Nemsi. Der erste Winnetou-Band von 1893 – inzwischen in einer mehrmals revidierten Fassung – erreichte eine deutschsprachige Auflage von 3.916.000 Exemplaren. Eine 1987 im Verlag von Franz Greno, Nördlingen, begonnene Historisch-kritische Ausgabe wird inzwischen von der Karl-May-Gesellschaft herausgegeben. Die Edition Karl Mays Werke will einem breiten Publikum verlässliche und in ihrer Entstehung durchschaubare Texte aller Schriften Karl Mays zugänglich machen. Karl May und seine literarischen Werke sind zudem längst Gegenstand wissenschaftlicher Forschung verschiedener Disziplinen. Zahlreiche Bachelor- und Masterarbeiten sowie Dissertationen sind so entstanden.

Von begeisterter Leserschaft bis zu vertiefender wissenschaftlicher Arbeit reicht die Beschäftigung des Neu-Ulmers Ulrich Scheinhammer-Schmid mit Karl May und seinem ebenso vielschichtigen wie umfangreichen Werk. Für con=libri beantwortete Dr. Ulrich Scheinhammer-Schmid Fragen zu seinem lebenslangen Interessen- und Forschungsschwerpunkt. 

Herr Dr. Scheinhammer-Schmid, haben Sie, wie viele weitere Ihrer Generation und zumindest noch der nachfolgenden, die Werke Karl Mays als Heranwachsender auch regelrecht verschlungen?

So war es tatsächlich, wobei ich immer schon, über die Abenteuer hinaus, stark an biographischen und literaturgeschichtlichen Aspekten interessiert war (greifbar z.B. an dem Band „Ich“ der Gesammelten Werke). Von einem Schulfreund meines Vaters bekam ich alte Ausgaben aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg; dazu die berühmte Bildmappe mit den Titelbildern des mit May befreundeten Malers Sascha Schneider. Leider ging das alles im Lauf der Zeit verloren, weil ich das Interesse an Karl May verloren hatte.

Mit einer längeren Unterbrechung haben Sie – neben Schule und Familie- mehrere Jahre an Ihrer Dissertation über Karl May gearbeitet. War das der Beginn Ihrer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem berühmten Reise- und Abenteuer-Schriftsteller? Wie kam es dazu?

Das war etwas skurril: mein Doktorvater Klaus Kanzog, von Haus aus Editionsphilologe (vor allem zu Kleist), wollte ein Thema aus diesem Gebiet. Da stieß ich auf Karl May und die Probleme seiner Handschriften der Werke nach 1900, über die Hans Wollschläger in „Konkret“ einen Aufsatz veröffentlicht hatte. Klaus Kanzog war gleich mit dem Vorschlag einverstanden, weil er mit seiner ersten, inzwischen verstorbenen Frau immer in die Karl-May-Filme der sechziger Jahre gegangen war und seine Frau dann immer über die Filme geschimpft hatte: „Karl May ist viel besser als die Filme!“ So war er von meinem Vorschlag angetan.

Seit 1987 erscheint die Historisch-kritische Ausgabe der Werke Karl Mays – ein Mammutunternehmen, an dem Sie als einer der Herausgeber maßgeblich beteiligt sind. Zuletzt haben Sie die im Zentrum des Leserinteresses stehenden Bände Winnetou I, II und III herausgegeben. Wie kann man sich als Laie die Arbeit eines solchen Herausgebers vorstellen?

Ich muss gestehen, dass die Hauptarbeit der Bandbearbeiter (in diesem Fall Joachim Biermann) gemacht hat; als Herausgeber muss man die Texte nach Fertigstellung überprüfen und redigieren, wobei ich hier mit großem Vergnügen auch meine editionsphilologischen Kenntnisse einbringen konnte.

Seit den 1970er Jahren sind immerhin ca. 25 Doktorarbeiten über den Volksschriftsteller Karl May an deutschen Universitäten und Hochschulen veröffentlicht worden, zuletzt 2014 eine Arbeit über das didaktische Potential von Karl Mays Erzählungen für die Jugend. Wie wird das Faszinosum „Karl May“ heute betrachtet – wird er noch von einer signifikanten Anzahl von Heranwachsenden gelesen oder ist das Interesse vor allem auf den akademischen und populärwissenschaftlichen Blickwinkel begrenzt? 

Ich kann diese Frage nicht schlüssig beantworten; Bibliothekarinnen versichern mir, Karl May werde noch ausgeliehen und damit wohl auch gelesen (in der Ulmer Stadtbibliothek steht jedenfalls eine größere Anzahl Bände dauerhaft im Regal). Für die Wissenschaft ist May in vielfacher Hinsicht ein spannender Fall: literatursoziologisch, erzähltechnisch und auch von seiner Technik der Quellennutzung her! Er hat ja die Länder, über die er schreibt, vor allem den Orient und Nordamerika, erst im Alter gesehen!

Ulrich Scheinhammer-Schmid bei einer Lesung in Bamberg im April 2013. Foto: Tanja Trübenbach

Auch in diesem Sommer wurden auf vielen Freilichtbühnen in Deutschland zur Freude des zahlreich erschienenen Publikums dramatisierte Karl-May-Stücke zum Besten gegeben. Jetzt war zu lesen, dass einige Amerikanisten die bisherige Aufführungspraxis kritisieren, weil diese ein klischeehaftes und damit falsches Bild der Indianer vermitteln würde. Es wurde sogar dafür plädiert, die Begriffe „Indianer“ und „Rothaut“ nicht mehr zu verwenden. Was halten Sie von dieser Kritik? 

Das Phänomen der sich ausbreitenden Freilichtaufführungen „nach Karl May“ (die Handlung hat oft nur rudimentär mit den Vorlagen zu tun) finde ich faszinierend. Da geht es aber natürlich nicht um völkerkundliche Realität, sondern, um mit Ernst Bloch zu reden, um „reißende Märchen“, um Theatereffekte wie Explosionen, Reiterkunststückchen oder rasende Kutschen. Ich schau mir das auch gerne an!

Möchten Sie uns verraten, mit welchem aktuellen Karl-May-Projekt Sie sich momentan befassen? Gibt es ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt und das bisher noch nicht oder nicht ausreichend behandelt wurde?

Im Moment steht ein längeres Projekt, die textkritische Herausgabe der drei Bände „Satan und Ischariot“ an, sowie im Frühjahr 2020 beim Freiburger Karl-May-Symposium in der Bildungsstätte Waldhof ein Vortrag mit dem Titel „„du wirst unserem Volke das Fliegen lehren“. Indianische Wissenschaft in Karl Mays Schwanengesang“ (=‘Winnetou IV‘ bzw. ‚Winnetous Erben‘). 

Herzlichen Dank an Ulrich Scheinhammer-Schmid für diese Auskünfte.

(Die Fragen stellte Bernd Michael Köhler.)

Ulrich Schmid, geboren 1947, aufgewachsen in Augsburg, studierte in München Deutsch und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien; jahrzehntelang unterrichtete er am Nikolaus-Kopernikus-Gymnasium Weißenhorn. Nach seinem Onkel, dem Kunstmaler Otto Scheinhammer (1897-1982) führt er den Namen Scheinhammer-Schmid. Mit seiner Frau hat er zwei erwachsene Kinder; das Paar lebt in Neu-Ulm.

Scheinhammer-Schmid promovierte 1987 an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Prof. Dr. Klaus Kanzog über Karl Mays Werk in den Jahren 1895-1905. Er ist Mitherausgeber der Historisch-kritischen Ausgabe der Werke Karl Mays (1842-1912) und schrieb zahlreiche wissenschaftliche Beiträge zu Karl May. 

Darüber hinaus beschäftigt er sich mit einem breiten Spektrum weiterer literaturwissenschaftlicher und historischer Themen mit dem Schwerpunkt Lokal- und Regionalgeschichte. So hat er über den aus Weißenhorn gebürtigen Prämonstratenser-Chorherren Sebastian Sailer ebenso publiziert wie über das Ulmer Wengenkloster, hat Ulmer Schul- und Klosterdramen erforscht und sich intensiv mit dem Augsburger Dichter Bertolt Brecht beschäftigt. 

* Ernst Bloch: Traumbasar. In: Karl-May-Jahrbuch 1930, S. 59-64. (Erstveröffentlichung am 31.3.1929 im ‚Literaturblatt‘ der ‚Frankfurter Zeitung‘)

Urkraft des Erzählens

Die neue Nobelpreisträgerin und ihr Roman Ur und andere Zeiten.

Manche Literaten bekommen ihre Preise posthum. Olga Tokarczuk bekam den ihren für ein Jahr das bereits vergangen ist. Nachholend hereingeholt in diesen Herbst 2019, weil im Herbst 2018 das Nobelkomitee sich selbst so peinlich war, dass es lieber zurücktrat als vor die Öffentlichkeit. 

Der Nobelpreis eines vergangenen Jahres. Wie passend für ein Werk, das die Vergangenheit im Titel trägt. (Im polnischen Original noch treffender, wie mir der Übersetzer von Google verrät: Prawiek i inne czasy. Prawiek wird als Vorgeschichte übersetzt.) Soweit man das über die nicht unerhebliche Sprachbarriere hinweg beurteilen kann, wurde Ur und andere Zeiten glänzend übersetzt von Esther Kinsky, der man die meisten Arbeiten Tokarczuks anvertraut hat.

Und welch’ ein Glück, dass ich genau dieses Buch bereits vor einiger Zeit, auf der Suche nach interessanten Entdeckungen bei den östlichen Nachbarn, in die Hand bekam und jetzt aus erfreulichem Anlass lesen konnte. Dabei will es gar nicht so gut in mein literarisches Beuteschema passen, mit seinen phantastischen und mystischen Elementen, die im stringenten Hauptstrang der Handlung allerdings so selbstverständlich platziert sind dass sie dem skeptischen Leser keine Widerhaken setzen. 

Die polnische Erstausgabe datiert von 1996, die Verfasserin war da 34 Jahre alt. Und wenn ihr im Dezember die Urkunde überreicht wird, gehört sie immer noch zu den jüngeren Empfängern. Der Preisträger des laufenden Jahres – ein gewisser Peter Handke – ist mit seinen 76 Lenzen im gewöhnlichen Maß.

Olga Tokarczuks Ur ist ebenso vage Zeit-, wie exakte Ortbezeichnung: Ur ist ein Ort mitten im Weltall. Im Norden verläuft die Grenze von Ur an der Straße von Taszow nach Kielce entlang … Die südliche Grenze bildet das Städtchen Jeszkotle … Die ersten Ur-Bewohner lernt man zu Kriegsbeginn 1914 kennen. Den Müller der in die Uniform gezwungen und eingezogen wird. Seine Frau, die während der jahrelangen Abwesenheit des Gatten den Mühlenbetrieb führt. Ihr Mann, der die ungeborene Tochter und sein vertrautes Leben zurücklassen muss, wird lange nach Kriegsende erst heimkehren. Tochter Misias erste Erinnerung verband sich mit dem Anblick eines abgerissenen Mannes auf dem Weg zur Mühle. Ihr Vater war unsicher auf den Beinen, und später weinte er oft nächtelang an Mamas Brust. Deshalb behandelte Misia ihn wie ihresgleiches. 

Da ist der Freiherr Popielski, der angesichts der grausamen Zeiten und den damit verbundenen Veränderungen, seinen Glauben in Zweifel zieht. Und da ist – wir sind in Polen – die Muttergottes von Jeszkotle. Sie war der reine Wille, denen zu helfen, die krank und gebrechlich waren. Sie war die Kraft, die durch ein Wunder Gottes dem Bild zugekommen war. Dem Freiherrn konnte sie nicht helfen, denn ihn hatte der Glaube an die Wunder Gottes verlassen. 

Da sind Verwandte und Nachbarn, allerhand Ur-Einwohner mit denen wir exemplarisch den Ur-Kosmos kennenlernen. Wie überall auf der Welt werden in Ur die Kinder rasch groß, bekommen selbst Kinder. Es wird geliebt, betrogen und gestorben. Es gibt Streber, Außenseiter und Originale. Verbindungen in himmlische Sphären sind häufig, manchmal nehmen sie skurrile, manchmal verzweifelte Formen an, hin und wieder sind sie unterbrochen. Die Gepflogenheiten ändern sich nur langsam, die Jahrzehnte ziehen dennoch unaufhaltsam vorbei. 

Die Kapitel über die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg, die Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, die Auswirkungen und Folgen des kriegerischen Wahnsinns, sind ausgesprochen ergreifend geschildert. Selten habe ich eine so bewegende und treffende Darstellung dieses Elends, dieser Leidensjahre gelesen. In der deutschen Literatur gibt es wenig das in ähnlicher Weise dem Schicksal Polens und seiner Menschen gerecht würde.

(Bild: Fryta 73 from Strzegom (Wikimedia Commons account: Fryta73), Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Handke bekam die Auszeichnung trotz seiner vielfach verurteilten Haltung zum Jugoslawienkrieg. Die Berechtigung wird bei ihm in Zweifel gezogen, ein Entrüstungssturm tobt durch analoge und digitale Medien. Tokarczuks Lebensform und politische Haltung findet hingegen viel Zustimmung, um so mehr, als sie sich konträr zu den restaurativen Tendenzen in Polen verhält. In der Süddeutschen Zeitung schrieb Thomas Urban … dass das Regierungslager in Warschau nicht erfreut sein kann. Schon allein mit ihren Rasta-Strähnen und bunten Perlen im Haar ist sie den Konservativen in Polen verdächtig. … Vor allem aber engagierte sich Olga Tokarczuk bei den polnischen Grünen und gehörte der Redaktion der Zeitschrift Krytyka Polityczna an, für die linke und linksliberale Vordenker schreiben. Sie warnt vor einem schleichenden Prozess der Ent-Demokratisierung in Polen.

Olga Tokarczuk ist im ländlichen Niederschlesien, in der Kleinstadt Sulechow, aufgewachsen, sie hat in Warschau Psychologie studiert und mit verhaltensauffälligen Jugendlichen gearbeitet. Die Mutter war Polonistin, ihr Vater Bibliothekar, früh hatte sie die Möglichkeit Klassiker der polnischen und der Weltliteratur zu lesen. Wie viele Polen und Polinnen ging sie ins Ausland um Geld zu verdienen – nach London. 1989 wurden erste Gedichte von ihr veröffentlicht. Sie organisierte Literaturfestivals in der polnischen Provinz und gründete einen Kleinverlag. Sie hat sich mit dem kulturellen Erbe in den ehemals deutschen Gebieten beschäftigt. Heute lebt sie in Breslau und auf einem Dorf. 1993 erschien ihr erster Roman. Reise der Buchmenschen wurde in Polen als bestes Prosadebüt der Jahre 1992/93 ausgezeichnet. Für den Roman Flights (deutsch: Unrast) erhielt sie 2018 den hochdotierten Man Booker Prize.

Ja, mich hat, wie es positive Kritiken schildern, der Erzählstrom mitgerissen. Diese subtile Schlichtheit und Klarheit der Sprache lässt nur schwer wieder los. Da liest sich Tragik federleicht und sanfter Humor nimmt der Jahrhundertschwere ihr Gewicht. Und die am Rande Urs stets gegenwärtigen Erzengel werden zu selbstverständlichen, vertrauten Protagonisten. Das ist zeitlose Epik von dauerhaftem Rang, die wir in Deutschland ohne die Nobelpreis-Verleihung vermutlich übersehen hätten.

Die deutschsprachigen Ausgaben von Olga Tokarczuks Werken erscheinen im Kampa Verlag, Zürich. Die Ausgabe von Ur und andere Zeiten die mir vorliegt, ist seinerzeit im Berlin Verlag erschienen, eine Neuausgabe wird von Kampa mit Hochdruck vorbereitet. Geplant ist nicht weniger, als in Kürze deutsche Übersetzungen des vielfältigen und bereits recht umfangreichen Gesamtwerks in einem Verlag zu beheimaten.

Am 1. Oktober erschien das aktuelle Buch der Schriftstellerin: Die Jakobsbücher. Ein historischer Stoff, ein Opus Magnum von gut 1100 Seiten, das bereits große Resonanz und Anerkennung findet. Das ist eines der Bücher, die man in hundert Jahren noch lesen wird, sagt der Verleger Daniel Kampa. Auf mich sehe ich eine große und spannende Leseherausforderung zukommen. Vielleicht wird auf con=libri beizeiten davon zu berichten sein.

2014 hat der SPIEGEL polnische Literaten besucht und porträtiert. Wir erfahren, wie es bei Olga Tokarczuks aussah: Ein Altar steht in Tokarczuks Schreibzimmer. Darauf lässt ein koreanischer Buddha Schultern und Mundwinkel hängen, die Hindugöttin Durga steht aufrecht, sie steht für das Wissen und das Handeln.

 

Schillers Garten und Wallensteins Lager

Vielleicht betritt man den Schillergarten von der Elbseite her. Man hat auf dem breiten Uferweg promeniert, versonnen auf den Fluss geschaut, an den fernen Ursprung des Flusses in den Höhen des tschechischen Riesengebirges gedacht, an den kräftigen Zufluss der legendären Moldau und den grenzfreien Eintritt auf bundesdeutsches Gebiet. Nachdem er die Hänge bei Schloss Pillnitz passiert hat, erreicht er das breite Ufer von Blasewitz, an dem wir stehen, mit Blick auf den gegenüberliegenden Stadtteil Loschwitz mit seinem Prominentenviertel Weißer Hirsch. Der ganze Dresdner Barock liegt noch vor ihm, dann Magdeburg, das Lauenburgische, das hyperaktive Hamburg, bevor nach über 1000 Kilometern ein breiter Strom die Nordsee erreicht.

Über einige wenige Stufen geht es in den Gastgarten. Er hat sich längst angekündigt, mit dem unwiderstehlichen Aroma von Bratwürsten die auf Holzkohle grillen. Obwohl dieser so populäre Fettgenuss längst zum profanen Massenerzeugnis degenerierte und mit der Idee einer Thüringer Bratwurst (zumal in Sachsen!) fast nichts mehr gemein hat, findet er reichlich hungrige Abnehmer. Genauso wie all die anderen kulinarischen Üppigkeiten, die unter den sommergrünen Kastanien und Ahornen bei leichtem warmen Wind besonders gut munden. Dazu der Wein aus dem Saale-Unstrut-Gebiet oder das kühle süffige Bier das pausenlos aus dem Zapfhahn in sich rasch beschlagende Gläser fließt.

Hier ist gut sein. Und beim Blick auf das wuchtige, Elbe überspannende Brückenwerk kann man einer kleinen Geschichte rund um Friedrich Schiller begegnen, die den bekannten Biographen zu unbedeutend war um sie in ihren Standardwerken zu erzählen.

Das Blaue Wunder gab es damals noch nicht. Jene gewaltige Brückenkonstruktion über die Elbe, die heute die Dresdner Stadtteile Blasewitz und Loschwitz verbindet und mit ihren kühnen Konstruktionsteilen aus Schmiedeeisen beeindruckt, wurde erst im Juli 1893 eingeweiht. Mit der neuen Verbindung war ein durchgängiger Straßenbahnverkehr zwischen Schiller- und Körnerplatz möglich geworden.

Bis dahin musste mit der Fähre übergesetzt werden. Wie zwischen 1785 und 1787 als Friedrich Schiller bei seinem Freund Christian Gottfried Körner Unterschlupf und Ruhepol gefunden hatte. Der aus Schwaben stammende Dichter war zu Beginn dieses Aufenthalts 36 Jahre alt und feilte seit einiger Zeit am Freiheits- und Unabhängigkeitsdrama Don Karlos, Infant von Spanien. (Mit der berühmten Forderung des Marquis von Posa an den spanischen König Philipp II.: Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!) Er kam nicht gut voran, hatte Schulden und wusste nicht so recht, wo er hingehörte. Die Heimat hatte er vor Jahren verlassen müssen, da er beim württembergischen Landesherrn mit seinen freiheitlichen Dichtungen und politisch progressiven Äußerungen in Ungnade gefallen war. Über Mannheim, Rudolstadt und Leipzig war er schließlich hier, am Rande Dresdens, gelandet.

Das Übersetzen mit einer Fähre vom einen Elbufer an das andere war nicht ganz ungefährlich, bei Hochwasser, Sturm oder Eisgang mitunter längere Zeit gar unmöglich. Am schönsten war es im Sommer den Fluss zu überqueren. Wenn der Fährmann am linken Ufer anlegte und man das schwankende Gefährt verließ stand man direkt vor der Fleischer’schen Schenke, damals eine bekannte Einkehr, heute der urige, mit zahlreichen Bäumen beschattete Schillergarten, damals wie heute ein beliebtes Ausflugs- und Einkehrziel.

Hier begegneten sich der Dichter Friedrich Schiller, den seine Freunde Fritz nannten, und Johanne Justine Segedin, die alle Gustl riefen. Schiller, der von seiner Arbeit am Drama zu gern in die Freiluft-Idylle am anderen Ufer floh und die junge Frau die in der Wirtschaft ihrer Eltern bediente. Der Fritz war ja eine attraktive Erscheinung. Groß gewachsen, blondlockig, redegewandt, den schwäbischen Dialekt hatte er nie richtig ablegen können. Das verlieh ihm, damals als ostdeutsche Großstädte noch nicht von größeren Schwabenkohorten bevölkert waren, eine charmante Exotik.

Justine war 22 Jahre alt als sie Schiller begegnete, der angeblich am liebsten Milch bestellt und getrunken hat. Vielleicht gehört dies angesichts der bekannten Trinkgewohnheiten des Dichters, der eindeutig den großzügigen Schoppen Wein bevorzugte, ebenso ins Bereich der Legenden, wie das was im Lauf kommender Jahre und Jahrzehnte über die Beziehung zwischen der hübschen Jungfer und dem attraktiven Gast an Gerüchten und Legenden in Umlauf kam.

Begegnung Schillers mit Gustel. Idealisierte Darstellung auf einer historischen Postkarte.

Schiller war auf die Maid aufmerksam geworden weil sie eine sehr schöne Stimme besaß. Sich selbst am Spinett begleitend, trug sie gerne einmal das eine oder andere Lied vor. Man mag sich durchaus hin und wieder außerhalb der Wirtschaft begegnet sein. Dabei kam es vielleicht zu kurzen Gesprächen, möglicherweise kleinen Flirts. Mehr ließen, jedenfalls nicht ohne dass dies fatale Konsequenzen gehabt hätte, die Sitten der Zeit nicht zu. Und die Justine Segedin war nicht nur sittsam, sondern bereits mit dem Advokaten und späteren Senator Christian Friedrich Renner  verlobt. Noch während Schillers Dresdner Jahre heiratete das Paar. Es gab immer wieder Stimmen, die behaupteten, die Neigungen zwischen Schiller und Justine Segedin seien doch ernsthafterer Natur gewesen. Von einem Briefwechsel war die Rede, doch wurden nie Dokumente gefunden oder nachgewiesen, die diese Vermutungen belegten. 

Etwa zehn Jahre später. Friedrich Schiller ist längst in Weimar etabliert. An der Seite Goethens wird fleißig am Klassikerstatus gearbeitet. Ehestand und Kinder sind eher Last als Segen, immerhin, die materielle Situation hat sich entspannt. Der Lehrstuhl in Jena, den ihm der einflussreiche Kollege verschafft hat, bringt zwar kein Geld, jedoch akademisches Ansehen. Verschiedene Projekte, die Einnahmen generieren sollen, gedeien leidlich. Ehrungen, die mit finanziellen Vorteilen verbunden sind, häufen sich. Und der Wallenstein ist fertig. Eine dramatische Trilogie, deren erster Teil Wallensteins Lager betitelt ist. Schiller, der Schelm, hat seiner alten Dresdner Bekanntschaft einen kleinen, fast unscheinbaren Auftritt im Werk gewidmet.

Wir sind im fünften Auftritt, als eine Marketenderin zwei neu eintreffenden Jägern mit dem Begrüßungstrunk entgegentritt. – Marketenderin: Glück zur Ankunft, ihr Herrn! / Erster Jäger: Was? der Blitz! Das ist ja die Gustel aus Blasewitz. / Marketenderin: I freilich! Und Er ist wohl gar, Mußjö / Der lange Peter aus Itzehoe? / Der seines Vaters goldene Füchse / Mit unserm Regiment hat durchgebracht / Zu Glückstadt in einer lustigen Nacht. / Erster Jäger: Und die Feder vertauscht mit der Kugelbüchse. / Marketenderin: Ei! da sind wir alte Bekannte! / Erster Jäger: Und treffen uns hier im böhmischen Lande. – usw.

Die Marketenderin wird in der Folge in Wallensteins Lager noch mehrmals marginal in Erscheinung treten. Frau Senatorin Renner im fernen Dresden soll, so wird berichtet, not amused gewesen sein. 

Vor mir liegt die gedruckte Version eines Volksstücks mit dem Titel Die Gustel von Blasewitz von einer gewissen Anda von Smelding über die ich literaturhistorisch und biographisch aus gängigen Quellen nichts in Erfahrung bringen konnte. Es ist 1935 erschienen, in einer Zeit als man in Deutschland sehr an arischen Nationalhelden interessiert war. Schiller wurde dafür ja bekanntlich vereinnahmt. In dem schwankhaften Theaterstück, das ich nur überflogen habe, ist die Gustel schon sehr angetan vom feschen Fritz, es bleibt aber alles in der Schwebe und einem ehrenhaften Rahmen. Am Ende tritt Friedrich Schiller sogar als eine Art Ehestifter in Erscheinung. Dem künftigen Bräutigam der Johanne Justine Segedin gibt er auf den Weg: Junger Freund – ich habe das Meinige getan – tun Sie das Ihre! Und gnad Ihne Gott, wenn Sie’s wo fehle lasse! Ich komm mit Siebemeilestiefel nach Dresde gelaufe!

Die Autorin lässt Schiller in einem abgemilderten Schwäbisch, die Gustl mit sächsischem Akzent sprechen. Anda von Smelding (eine Spekulation, die aufgrund des seltenen Familiennamens erlaubt sein mag) stand möglicherweise in verwandtschaftlicher Beziehung zu Horst Bogislaw von Smelding, einem populären Schauspieler im Dritten Reich, der unter anderem an geistesgeschichtlichen Schulungen für KZ-Personal teilnahm. In der Third Reich Collection der Washingtoner Library of Congress befindet sich ein Exemplar von Smeldings Volksstück das aus dem Besitz Adolf Hitlers stammt. Es enthält eine Widmung der Autorin für den „Führer“.

Johanne Justine Renner bekam zwei Söhne die früh starben, ihren Gatten überlebte sie um viele Jahre. Sie starb am 24. Juli 1856, 93-jährig, in Blasewitz. Nahe dem Dresdner Schillerplatz gibt es heute die Justinenstraße. Die Büste im Schillergarten, eine Skulptur am Blasewitzer Rathaus, sowie ein Kirchenfenster in der Blasewitzer Kirche erinnern an eine Persönlichkeit, die ebenso unversehens wie ungewollt in die Literaturgeschichte geriet.

Satt und leicht ermüdet verlassen wir den Schillergarten durch das Haupttor und kommen an der Gustel-Büste vorbei. Auf der unter der Figur angebrachten Tafel wird die erwähnte Passage aus dem Wallenstein zitiert und wir erfahren, dass diese Steinbildhauerei erst 2015 aufgestellt wurde und an das schwere Hochwasser von 2013 erinnern soll. Von hier sind es nur wenige Schritte zum verkehrsreichen Schillerplatz. Die Straßenbahn bringt uns zurück ins Zentrum der schönen Stadt an der Elbe.

* * *

Schiller, Friedrich: Werke und Briefe in zwölf Bänden. Band 4. – Frankfurt am Main, 2000

Schiller und die Gustl von Blasewitz. Legenden und Wirklichkeit um Johanne Justine Renner. Auf www.dresden-blasewitz.de, abgerufen am 26. 9. 2019.

Safranski, Rüdiger: Schiller. – München, 2004

Damm, Sigrid: Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung. – Frankfurt am Main und Leipzig, 2004

Smelding, Anda von: Die Gustel von Blasewitz. Volksstück in einem Vorspiel und vier Akten. – Berlin, 1935 (Neue deutsche Volksspiele, Zweites Stück)

Darstellungen und Quellen zur Geschichte von Auschwitz. – Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.). München, 2000

 

Otto

Dana von Suffrins Roman erzählt das Leben eines Siebenbürger Juden.

Die kleine Fotoausstellung in einer ostdeutschen Kirche zeigt jüdisches Leben in Deutschland vor 1933 und dokumentiert die Erniedrigung, Vertreibung und Vernichtung jüdischer Mitbürger nach diesem Jahr. Die schlichten Schwarzweißbilder – mehrmals unterbrochen von Gedichten Rose Ausländers – wirken stark, nahbarer und bleibender als breitformatige Hollywood-Didaktik. Ich erwische mich bei gewagten und zweifelhaften Gedanken. Wie das denn wäre, wenn sie noch da wären, all die Geflüchteten, Gequälten und Getöteten, die vielen Namen und die Namenlosen, mitsamt ihren Kindern und Enkeln? Wie sähe unsere Republik mit ihnen aus? Mit all den Wissenschaftlern, Künstlern, den Mitmenschen von nebenan.

Von den wenigen, die davonkamen, überlebt hatten, kehrten einige aus dem Exil in das Land zurück, das einst selbstverständliche Heimat vieler Generationen war. Sie waren Deutsche und wurden es wieder. Zurück im Land der Täter und deren Nachkommen. Mit ihrer Romanfigur Otto stellt uns Dana von Suffrin ein solches Schicksal vor. Exemplarisch, fiktiv, bestimmt nicht ganz ohne Einflüsse aus dem eigenen biographischen Umfeld. Otto hat viel erlebt, sein Leben war reich an Wechselfällen. Jetzt ist er ein alter kranker Mann. Ein Geizkragen der Sperrmüll stahl und Steuern hinterzog, ein echtes Ekelpaket, das seine beiden Töchter (aus dritter Ehe, wenn ich richtig aufgepasst habe) sekkiert, beschimpft und beleidigt.

Ottos Name ist ein Verweis auf das 1918 untergegangene Habsburgerreich, das einst Völkerschaften, Kultur- und Sprachräume bis weit in den europäischen Osten umfasste. Seine Familie hatte ihre Wurzeln in den östlichsten Zipfeln der vielsprachigen Monarchie. Joseph Roth hat in seinen großen Romanen diesen jüdischen Lebenswelten Denkmale gesetzt.

Otto selbst wurde in Kronstadt, heute Brasov, geboren, einer Region Rumäniens in denen sich Siebenbürger Sachsen angesiedelt hatten. Er diente in der rumänischen Volksarmee und absolvierte von 1957 bis 1961 ein Maschinenbaustudium. 1962 verlässt die Familie Rumänien. Man musste sich von der kommunistischen Diktatur freikaufen um nach Israel ausreisen zu dürfen. Als Otto Jahre später in München von einem Arzt gefragt wird, ob er ein Siebenbürger Sachse sei, antwortet Otto empört, er sei ein Siebenbürger Jude.

Das Leben der Juden war überall schwer. Und es würde immer so weitergehen. Dies die Erfahrung und Einschätzung Ottos, die er gerne weitergibt. Manche werden geboren, manche werden krank, manche haben Erfolg, manche nicht, manche heiraten, und manchmal bringen einen die Christen um, so lief das Leben. Nach Jahren in Palästina lässt er sich in München nieder, wird gut bestallter Hochschullehrer und schließlich Pensionist. Mehrere Beziehungen, Kinder, Wohnungen, das letzte Zuhause ist ein kleines Reihenhaus in Trudering. Die jüngsten Kinder sind zwei junge Frauen um die dreißig, Timna und Babi. Sie sind für den Greis in dessen letzten Lebensjahren verantwortlich. 

Ottos finale Lebensphase und rückblickend sein wechselvoller Lebenslauf bilden den Inhalt dieses Romans. Er wird aus der Sicht Timnas erzählt. Die in Philosophie promovierte Wissenschaftlerin hat gelegentlich Probleme den Dienst am und für den Vater in zeitlichen Einklang zu bringen mit ihrer akademischen Arbeit am Sonderforschungsbereich für  spätscholastische Mystik. Sie ist mit dem etwas schemenhaften Tann befreundet, den sie im Krankenhaus kennenlernte. Tann fährt nie Auto, weiß sehr viel und liest Texte, die vor ihm noch niemand gelesen hat. Er entziffert kryptische Handschriften für eine Edition des Briefwechsels russischer Kosmisten. Die Beziehung von Timna und Tann wurde quasi durch Otto gestiftet, gleichzeitig leidet sie darunter und bleibt dauerhaft in der Schwebe.

Bei Dana von Suffrin sind Humor und Ironie gezielt eingesetzte Mittel die allgegenwärtige Tragik des Geschehens erträglich zu machen: … wenn Otto im Koma lag und man nichts weiter als das Beatmungsgeräusch hörte, das wie ein ganzer Meditationskurs in einer Turnhalle klang. Der Leser schwankt zwischen Mitgefühl und verschämtem Schmunzeln. Es gehört durchaus zu den Stärken des Romans solche ambivalenten Empfindungen auszulösen.

Otto hat mehrere dramatische Zusammenbrüche, verbringt immer wieder wochenlange Phasen im Krankenhaus und erholt sich jedesmal leidlich, jedenfalls so weit, dass er in sein Haus zurückkehren kann, wo er umso stärker auf die Obhut der beiden Töchter angewiesen ist. Otto, Ingenieur, gebürtig in Rumänien, Herr über ein Reihenhaus und zwei unglückliche Töchter, war schon eine Heimsuchung, bevor er ins Krankenhaus kam. Als er entlassen wurde, geschah, was niemand für möglich gehalten hatte: Es wurde noch viel schlimmer. Die weiblichen Pflegekräfte aus Osteuropa tragen nur unwesentlich zur Entspannung der Situation bei.

Im Laufe der Erzählung blitzen immer wieder köstliche Beispiele für jüdischen Witz auf. Otto: Wie im Kommunism teilen wir alles, … nur dass es im Kommunism keine Kuchen gab für Juden. Timnas früh verstorbene Mutter: Ein Heim ist ein Ort mit lauter alten Nazis ohne Zähne. Der Autofahrer Otto: … diese Ampeln sind Scheißantisemitism, die auf Rot schalten, wenn ein Jude in einem billigen Auto kommt! Oder ganz ordinär: Was macht die Knackwurst erst genießbar? … Das n! Und es gibt Metaphern, die mir einen Kloß im Hals verursachten: Dann kamen die Jahre nach 1941, in denen Gott nahm und die Juden wie Gänseblümchen von der Erdoberfläche pflückte.

Dieser Tage habe ich im Radio ein Gespräch mit dem neuen Dresdner Rabbiner Akiva Weingarten gehört. Ein erstaunlich junger Mann, der in New York orthodox und mit Jiddisch als Muttersprache aufwuchs. Inzwischen ist aus ihm ein liberaler Vertreter seiner Religion geworden. Seit Jahren lebt er in Deutschland und spricht perfekt Deutsch, allerdings mit kleinem Akzent und ganz typischen Eigenarten in Satzbau und Wortwahl. So, stelle ich mir vor, hätte sich Dana von Suffrins Otto angehört.

Auf der Basis breiter Kenntnisse und Voraussetzungen ist ein glänzender Roman entstanden, urteilte Felix Stephan, der das Buch in der Süddeutschen Zeitung vom 24. September ausführlich vorstellte und dabei sehr informativ und differenziert auf dessen kulturgeschichtliche Hintergründe einging. Es ist der Roman einer Wissenschaftlerin, das zu wissen ist nicht unerheblich. Dana von Suffrin wurde 1985 in München geboren, studierte Politikwissenschaften, Geschichte und Komparatistik in München, Neapel und Jerusalem. Ihre Dissertation trägt den Titel Pflanzen für Palästina. Darin geht es um die Geschichte des Botanikers Otto Warburg, der um 1900 nach Palästina reiste um dort Wälder zu pflanzen – ein zionistischer Botaniker und Vorbote des jüdischen Staates. 

Es ist ein fruchtbarer Nährboden – um im Jargon zu bleiben – auf dem der Roman Otto entstand. Erzählt wird eine sehr traurige Geschichte, die oft zum Lächeln reizt. Warum ausgerechnet dieses Buch in braunhemden-braunes Leinen gebunden werden musste, ist entweder eine schwer zu entschlüsselnde Hintersinnigkeit der Buchgestalterin oder einfach geschichtsvergessene Gedankenlosigkeit.

Suffrin, Dana von: Otto. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2019

 

Der lange Weg eines großen Romans

Die Berliner Schriftstellerin Gabriele Tergit und ihre Effingers

Ich war überrascht: Im Brockhaus Literatur taucht der Name der Schriftstellerin Gabriele Tergit nicht auf. Das gleiche Ergebnis im aktuellsten Kindler. Drei Stigmata sind dafür wohl verantwortlich: Weiblich, jüdisch, Exil.

Mit Käsebier erobert den Kurfürstendamm gelang Gabriele Tergit eine ebenso bissige wie unterhaltsame Satire über den Starrummel und die schrille Unterhaltungsindustrie der ersten Berliner Republik heutige Geschichtsbücher nennen sie die Weimarer. Die Verfasserin wurde zu einer bekannten und erfolgreichen Romanautorin. Das Buch erschien 1931 und nichts deutete darauf hin dass bis zur Veröffentlichung des nächsten Romans 20 Jahre vergehen sollten und sich dann in ihrer ehemaligen Heimatstadt kaum jemand an die einst so populäre Frau erinnern würde oder erinnern wollte.

Nur knapp entkam Gabriele Tergit im März 1933 einem SA-Überfall. Fluchtartig verließ sie die Hauptstadt eines deutschen Reichs, das sich binnen weniger Jahre radikal verändert hatte. Sie hatte inzwischen mit der Arbeit an einem umfangreichen Generationenroman begonnen. Im Exil nahm das Werk Gestalt an. In Hotelzimmern in Prag, Jerusalem und Tel Aviv, während der Zeit in Palästina und schließlich in London, das zum neuen Lebensmittelpunkt wurde. Ihre letzte Berliner Adresse war Siegmunds Hof 22. Eine Gedenktafel an dem Gebäude, das heute an dieser Stelle steht, würdigt die einstige Bewohnerin.

Als Elise Hirschmann wurde sie 1894 geboren. Sie durfte (musste) eine sogenannte Frauenschule besuchen, die von der Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer geleitet wurde. In diesem Umfeld kam sie früh mit weiteren Persönlichkeiten der Frauenbewegung, wie Lily Dröscher und Alice Salomon, in Kontakt. Ihr Studium der Geschichte und Soziologie (u. a. bei Max Weber) in Heidelberg und München schloss sie mit der Promotion ab. Nach der Hochzeit mit dem Architekten Heinrich Julius Reifenberg hieß sie mit bürgerlichem Namen Elise Reifenberg. In ihren 1983 erstmals erschienen Erinnerungen Etwas Seltenes überhaupt wird der Gatte zum lebensbegleitenden Heinz, sie konnte das besitzanzeigende Fürwort in Verbindung mit Mann nicht leiden.

Journalistische und erzählerische Arbeiten verfasste sie, neben einigen anderen Pseudonymen, hauptsächlich als Gabriele Tergit. In der Vossischen Zeitung und im Berliner Tageblatt erschienen ab 1920 ihre Gerichtsreportagen. Gabriele Tergit legte Wert auf die menschlichen Seiten der geschilderten Rechtsfälle, ihr Schreibstil war durchsetzt mit Witz und Ironie. Aus dem Londoner Exil kehrte sie, bis auf kurze Besuche, nicht mehr nach Deutschland zurück. Zum englischsprachigen Literaturmarkt fand sie, die nur in deutscher Sprache schreiben konnte und wollte, keinen Zugang. An eine Veröffentlichung ihres epischen Panoramas Effingers war erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu denken. 

Die deutsche Literatur- und Verlagsszene reagierte in der Nachkriegszeit auf Exilautoren und -autorinnen jedoch mit Skepsis bis Abneigung. Nach einigen Ablehnungen und Umwegen erschien schließlich im Jahre 1951 eine erste Ausgabe des Romans im Hamburger Verlag Hammerich & Lesser. Sie umfasste 735 Seiten und kostete für damalige Verhältnisse stolze DM 21,50. Marktdurchdringung und Wahrnehmung bei Kritik und Publikum hielten sich in Grenzen. 1964 gab der Lichtenberg Verlag in München eine auf 555 Seiten gekürzte Ausgabe heraus, die für DM 9,80 zu haben war.

Erst 1978 konnte bei Krüger in Frankfurt eine vollständige Neuausgabe erscheinen, die immerhin noch im selben Jahr eine zweite Auflage erlebte und in Lizenzausgaben 1979 bei der Büchergilde Gutenberg und 1981 beim Deutschen Bücherbund erschien. Der Fischer Taschenbuch-Verlag besorgte schließlich 1982 eine ungekürzte Taschenbuch-Ausgabe, die DM 16,80 kostete. Danach dauerte es über drei Jahrzehnte bis die Werke Gabriele Effingers eine neue verlegerische Heimat fanden und wieder verbreitet im Buchhandel angeboten wurden. 

Effingers ist eine Chronik über vier Generationen mit einer Vielzahl unterschiedlicher Charaktere, die Tergit meist aus ihrem persönlichen Umfeld synthetisierte. Die Handlung umfasst den Zeitraum von 1878 bis 1948. Ein Panorama des jüdischen Bürgertums im Berlin der Vorkriegszeit, nannte es Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung. Im Mittelpunkt stehen zwei Familien. Die Goldschmidts, Inhaber einer kleinen Privatbank in Berlin, gehören zum gehobenen Bürgertum rund um Friedrichstraße und Kurfürstendamm. 

Die Effingers sind seit Jahrzehnten als Uhrmacher im fiktiven süddeutschen Provinzstädtchen Kragsheim verwurzelt. Die Söhne Karl und Paul des Ehepaars Minna und Mathias Effinger zieht es in die ferne Reichshauptstadt um dort als selbständige Unternehmer einen Produktionsbetrieb aufzubauen. Aus der bescheidenen Schraubenfabrik wird eine erfolgreiche Maschinenfabrik, und schließlich gehören die Brüder zu den Pionieren des Automobilbaus. Beide heiraten Töchter der geborenen Selma Goldschmidt, die aus den damals üblichen pragmatischen Gründen mit dem Bankier Emmanuel Oppner verheiratet wurde.

Zwei Briefe bilden den Rahmen der weit ausholenden Handlung. Am Anfang steht ein Schreiben des 17-jährigen Paul Effinger, der zunächst in einer rheinländischen Eisengießerei erste berufliche Erfahrungen sammelt, an seine Eltern. Wir fangen um 5 Uhr früh an und hören um 6 Uhr am Nachmittag auf, das sind elf Stunden Arbeit. Vielfach wird aber auch erst um 7 Uhr aufgehört. Für die Arbeiter ist das schrecklich. … Ich denke über diese Dinge viel nach. Abends versuche ich, mich technisch fortzubilden. Auch höre ich zweimal in der Woche Handelslehre. Französisch treibe ich auch.

Im 146. der meist kurzen Kapitel endet die Geschichte mit dem Brief des alten Mannes aus dem Jahr 1942. Paul ist jetzt 81 Jahre alt, er wurde interniert und ihm steht der Weg in ein Vernichtungslager bevor. Meine lieben Kinder und Enkel und Nichte Marianne, ich schreibe Euch in furchtbarer Stunde, ich weiß nicht, ob dieser Brief Euch je erreichen wird. Wir müssen den bitteren Kelch bis auf den Grund leeren. Es ist keine Hilfe noch Rettung. Der Brief wird erst nach dem Krieg Adressaten finden. In einem kurzen Epilog über das Leben in der zerstörten Hauptstadt des Jahres 1948 trauert Gabriele Tergit in bitterem Ton der verlorenen Heimat nach.

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Haben alle diese Männer und Frauen (Albert Einstein, der Reeder Albert Ballin, der Naturforscher Ehrlich, Emil Rathenau, Gründer der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft) ihre Taten als Juden vollbracht oder als Deutsche? Haben ihre Schriftsteller und Dichter eine jüdische Geistesgeschichte geschrieben oder eine deutsche, ihre Schauspieler eine deutsche Sprache gepflegt oder eine fremde? (*)

Außer dass sie von ihrer Herkunft Juden sind unterscheidet die beiden Familien des Romans nichts von anderen gut situierten Bürgern ihrer Zeit. Die Männer waren für das Vaterland im Krieg und sehen sich als Rückgrat der deutschen Gesellschaft. Sie sind Bankkaufleute, Erfinder, Unternehmer, der eine oder die andere schlägt aus der Art und entwickelt künstlerische oder schöngeistige Ambitionen, hin und wieder wird ein Mitglied den in ihn gestellten Erwartungen nicht gerecht. Es gibt Erfolge und Scheitern, Glück und Enttäuschung. Das Schicksal wendet sich zur Katastrophe mit dem aufziehenden Naziterror. Der schon längst schlummernde latente Antisemitismus wird zum aggressiven Judenhass. Aus den Stützen der Gesellschaft werden abgestempelte Nichtarier, ausgegrenzte und gedemütigte Juden, der Erniedrigung und Vernichtung ausgeliefert. Wer rechtzeitig wachsam und skeptisch war, wanderte aus. An das Gute im Menschen zu glauben ist für Paul Effinger der tiefste Irrtum meines Lebens.

Mit flottem Strich, in dramaturgisch geschickt inszenierten Szenen, schildert Gabriele Tergit Lebensart und Lebenswelten, die mit dem Lauf der Zeit wechselnden Moden und gesellschaftlichen Normen. Sie entwirft realitätsnahe Protagonisten, schöpft aus persönlicher Kenntnis und Erkenntnis. Effingers will die Details einer verschwundenen Welt aufleuchten lassen, was in den Schilderungen der Moden und Interieurs, der Architektur und Essgewohnheiten präzise und poetisch zugleich gelingt. (Nicole Henneberg im Nachwort der von ihr besorgten Neuausgabe.) In Effingers wird Zeitgeschichte an exemplarischen Schicksalen anschaulich. Die Handlung schreitet oft in Form fesselnder Dialoge voran, eine Darstellungsform, die Gabriele Tergit meisterlich beherrscht.

Effingers ist ein Buch in dem Wirtschaft und Wirtschaften, Unternehmertum und Arbeitswelt eine zentrale Rolle spielen. Aber auch die Konflikte zwischen der Macht des Kapitals und der ausgebeuteten Arbeitnehmerschaft sind ein wichtiges Thema, schließlich wurde die politische Entwicklung davon maßgeblich mitgeprägt. Es ist ein Berlinroman, mit Abstechern nach London, München und Heidelberg, nach Hamburg und Russland, und in die Kleinstadt Kragsheim. Thomas Manns Buddenbrooks hat Gebriele Tergit sicher gründlich gelesen, gleichzeitig erinnert die collageartige Erzähltechnik an Alfred Döblin.

Seit einigen Jahre hat sich der Frankfurter Schöffling-Verlag des Werks der Gabriele Tergit angenommen, ein Haus dem in der Vergangenheit immer wieder die eine oder andere verlegerische Überraschung gelang. Käsebier erobert den Kurfürstendamm wurde 2016 neu aufgelegt. Die Erinnerungen Gabriele Tergits Etwas Seltenes überhaupt folgten 2018. Und heuer erschien nun endlich ihr Hauptwerk in einer schön ausgestatteten Neuausgabe. Von 1933 bis 1950 hatte sie daran gearbeitet. An der Chronik einer untergegangen Welt, die Tergit über alles geliebt hatte. Ihr Schmerz darüber ist dem Roman eingeschrieben, ebenso wie der entscheidende Bruch ihres Lebens, die Vertreibung aus Berlin, seinen Hintergrund und Hallraum bildet. (Nicole Henneberg

Und wie vieles, was die rührigen Schöfflinge in die Hand nehmen und nahmen, scheint auch aus diesem so lange vernachlässigten Roman einer der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Erfolgsgeschichte zu werden. Einschließlich Nachwort 898 Seiten stark, ist bereits die fünfte Auflage auf dem Markt. Ein breites, durchweg positives Medienecho begleitet das Buch seit Monaten. Es hat sich zum heimlichen Bestseller entwickelt, die Buchhandlungen des Landes halten gut absetzbare Vorräte. Übersetzungen in andere Sprachen gibt es bisher leider nicht. Das wird sich hoffentlich bald ändern, denn Inhalt und Thema des Werks dürften in einigen Ländern auf Interesse stoßen.

In England war und blieb Gabriele Tergit eine deutschsprachige Autorin, die mit der britischen Lebensart nie so richtig warm wurde. Wenn man sie zur Engländerin erklären wollte, war ihre Antwort: No I’m a Berliner. Ich bin Berlinisch in der Wolle gefärbt. Man kann doch nicht solche Bücher schreiben wie ich und all dies dann wie eine Jacke ausziehen. Von 1957 bis 1981 diente die Berlinerin in der englischen Hauptstadt dem Exil-Pen als „Sekretär“. Hochbetagt starb sie dort im Jahre 1982. 

(*) Aus einem Brief des Schriftstellers und Pazifisten Armin T. Wegener an Adolf Hitler vom April 1933 (zitiert nach Henneberg

Verwendete Ausgaben:

Tergit, Gabriele: Effingers. Roman. Büchergilde Gutenberg, 1979

Tergit, Gabriele: Effingers. Roman. Schöffling & Co., 2019

Tergit, Gabriele: Käsebier erobert den Kurfürstendamm. Roman. Schöffling & Co., 2016

Tergit, Gabriele: Etwas Seltenes überhaupt. Erinnerungen. Schöffling & Co., 2018

(Alle Schöfflling-Editionen herausgegeben und mit Nachworten von Nicole Henneberg)