Ein November-Gedicht von Heinrich Seidel

November

Solchen Monat muß man loben:
Keiner kann wie dieser toben,
keiner so verdrießlich sein
und so ohne Sonnenschein!
Keiner so in Wolken maulen,
keiner so mit Sturmwind graulen!
Und wie naß er alles macht!
Ja, es ist ′ne wahre Pracht.
 
Seht das schöne Schlackerwetter!
Und die armen welken Blätter,
wie sie tanzen in dem Wind
und so ganz verloren sind!
Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt
und sie durcheinander wirbelt
und sie hetzt ohn′ Unterlaß:
Ja, das ist Novemberspaß!
 
Und die Scheiben, wie sie rinnen!
Und die Wolken, wie sie spinnen
ihren feuchten Himmelstau
ur und ewig, trüb und grau!
Auf dem Dach die Regentropfen:
Wie sie pochen, wie sie klopfen!
Schimmernd hängt′s an jedem Zweig,
einer dicken Träne gleich.
 
Oh, wie ist der Mann zu loben,
der solch unvernüft′ges Toben
schon im voraus hat bedacht
und die Häuser hohl gemacht;
sodaß wir im Trocknen hausen
und mit stillvergnügtem Grausen
und in wohlgeborgner Ruh
solchem Greuel schauen zu.

Heinrich Seidel
(* 25.06.1842, † 07.11.1906)

Dieses Gedicht gönnt sich eine eigene Sicht auf einen Monat, der sonst meist in Moll besungen wird. Verse eines Dichters, der dem herbstlichen Graugrauen letzte Farben entlocken kann, den Tristesse nicht schreckt, der immer Gutes sieht und im Zweifel auf Besseres hofft. Wohl dem, der so durchs Jahr kommt.

Heinrich Friedrich Wilhelm Karl Philipp Georg Eduard Seidel wurde am 25. Juni 1842 im mecklenburgischen Perlin geboren, einem kleinen Nest knapp 20 Kilometer südwestlich von Schwerin. Schon bald verkürzte sich der Vornamenreichtum des Pastorenkindes auf ein handliches Heinrich. Heinrich Seidel war das älteste von sechs Geschwistern. Als er heranwuchs, mussten sich die Eltern fragen, was wohl aus dem Sohn werden sollte. Das Gymnasium ertrug der Jüngling mit Unlust und schlechten Noten in den alten Sprachen. In den verzweigten Wegen des Schelfwerder war ich besser zu Hause als in den Irrgängen der lateinischen Grammatik, blickte er in seinen Erinnerungen zurück.

So musste er reichlich nacharbeiten, um das Polytechnikum in Hannover zu absolvieren und in die Berliner Gewerbeakademie aufgenommen zu werden. Während dieser Zeit wendete sich das Blatt: Mein Aufenthalt in der Stadt an der Leine hat zwei Jahre gewährt, die ich zu den glücklichsten meines Lebens zählte. Seidel wurde Ingenieur, und das kein ganz schlechter, er erwies sich als kreativ und originell, entwarf und konstruierte für die Bahn, unter anderem in Berlin das Dach des längst zerstörten Anhalter Bahnhofs. 1880 wechselte er die Kreativbranche und widmete sich fortan ganz der Schriftstellerei. Für ihn lag das nah’: “Konstruieren ist Dichten”, hab’ ich gesagt, als ich mich noch für die Werkstatt geplagt. Heute führ’ ich die Feder am Schreibtisch spazieren und sage “Dichten ist Konstruieren!”

Heinrich Seidel war Teil einer bemerkenswerten Familie. Schon der Vater Heinrich Alexander Seidel (1811 – 1861) hatte im geistlichen Amt gedichtet, wortgewaltige, ideenreiche Predigten, wie berichtet wurde, zudem allerhand Weltliches. Der Titel einer Abhandlung hieß Das Saufen, im Lichte des Evangeliums betrachtet. Was heute kurios erscheint, war damals der ernsthafte Versuch einer tiefschürfenden Exegese. Heinrich Junior und seine Frau Agnes (1856 – 1917) durften drei Söhne heranwachsen sehen. Der älteste, einmal mehr als Heinrich (Wolfgang) getauft, wurde ebenfalls Schriftsteller. Und er heiratete eine seiner Cousinen – keine geringere als die später recht bekannte und erfolgreiche Dichterin Ina Seidel.

Viel zu wenig kenne ich die Bäume, / Die vor meinem Fenster stehn und rauschen, / Viel zu selten baun sich meine Träume / Nester, um die Winde zu belauschen, / Und des Himmels Silberwolkenspiel / Gehn vorüber, ohne mich zu trösten – / Ganz vergessen habe ich so viele / Wunder, die mir einst das Herz erlösten.

Das Versäumnis heißt dieses Gedicht von Ina Seidel, das zeigt, dass sie wohl nicht über die heiter-naive Weltsicht des Schwiegervaters verfügte. Sie schrieb Gedichte, Romane und Erzählungen, neigte in ihren Werken zur Melancholie, sah sich in romantischer Nachfolge, verkörperte eine christlich konservative Haltung. Zu ihren bekanntesten Büchern gehört der umfangreiche Roman Das Wunderkind. Ein Sohn Inas und Heinrich III. wurde zur Abwechslung Georg genannt. Dieser Georg Seidel (1919 – 1992) begann unter dem Pseudonym Simon Glas in den 1950er-Jahren eine Autorenlaufbahn und versuchte sich durch den gewählten Namen bewusst von der familiären Tradition abzusetzen. Als Christian Ferber verfasste er allerdings eine Chronik mit dem Titel Die Seidels. Geschichte einer bürgerlichen Familie, die 1979 bei der DVA erschien.

Zurück zum mittleren Heinrich, dessen Novembergedicht der Anlass zu diesem Beitrag ist. Er war viel auf Reisen und liebte es, aus fernen Regionen fremdartige Samen mitzubringen, um sie im Berliner Boden heimisch werden zu lassen. Selbstironisch nannte er sich Florafälscher und Ansalber. Sprachspielereien liebte er – wie diese: Dem Ingenieur ist nichts zu schwer. Wahrscheinlich hätte es ihn gefreut, dass diese Redewendung in leicht abgewandelter Form selbst im 21. Jahrhundert noch in aller Munde sein würde. Dafür gesorgt hat die promovierte Kunsthistorikerin Erika Fuchs, die sich mit der Eindeutschung von Donald Duck und Mickey Mouse Comics einen Namen gemacht hatte. Sie legte der Zeichenfigur Daniel Düsentrieb in die Sprechblase: Dem Ingeniör ist nichts zu schwör.

Heinrich Seidel schrieb Märchen, Gedichte, verfasste Kinderbücher und eine Autobiographie mit dem Titel Von Perlin nach Berlin. Sein bekanntestes Erzählwerk wurde der Episodenroman Leberecht Hühnchen, erschienen in den Jahren 1882 – 1890. Die Hauptfigur dieser Prosaidyllen ist ein Lebenskünstler, der sich und seine Familie dank seines skurrilen Humors, seines sonnigen Gemüts und dank seiner Fähigkeit, jede Lebenslage in rosigem Licht zu sehen, mehr schlecht als recht durch den entbehrungsreichen Alltag bringt.

Der beste Freund Hühnchens, der hin und wieder ins laufende Geschehen tritt, ist unschwer als der Verfasser zu erkennen, schließlich sind die beiden Seelenverwandte. Der Autor ist also gleichzeitig Protagonist seiner Schilderungen. Gar nicht unmodern ist das Bemühen und die Bereitschaft Leberecht Hühnchens, Bescheidenheit zum Maßstab seines Handelns und Konsumierens zu machen, hilfreich und vielleicht sogar zum Vorbild taugend, seine Veranlagung, Anfechtungen der Realexistenz mit einer positiven Grundhaltung zu begegnen. In der Beschränkung zeigt sich der Meister, ist Leberecht überzeugt. Das Buch verkaufte sich gut. In den ersten 50 Jahren erreichte die Auflage über 300.000 Exemplare und bis heute ist es in einer Insel Taschenbuchausgabe lieferbar, sowie in einer ausgesprochen wohlfeilen E-Book-Version.

Der Dichter und Ingenieur Heinrich Friedrich Wilhelm Karl Philipp Georg Eduard Seidel starb am 7. November 1906 in Groß-Lichterfelde, längst ein Teil des Kosmos Groß-Berlin. Er ruht in einem Ehrengrab auf dem Alten Friedhof in der Moltkestraße.

„Ulm eine alte, häßliche und schmutzige Stadt …“

Im Oktober 1856 reiste Theodor Fontane von München über Ulm und Stuttgart nach Paris.

In drei Tagen von München über Ulm, Stuttgart und Heidelberg nach Paris. Seit einigen Jahren war das möglich. Deutschland verfügte nun für die wichtigsten Verbindungen über ein nahezu lückenloses Eisenbahnnetz. Schwarzeiserne Lokomotiven dampften durch Landschaften, Städte und Dörfer mit nie gekannter, für manche beängstigender Geschwindigkeit. Neue logistische  Möglichkeiten taten sich auf. Waren- und Personentransport gewann an Tempo und Bedeutung. Die Industrialisierung schritt flott voran im deutschen Staatenbund. 

Die neuen Reisemöglichkeiten kamen dem Journalisten und preußischen Diplomaten Theodor Fontane (1819 – 1898) sehr entgegen. Die Strecke Augsburg – München war bereits 1840 eröffnet worden. Zwischen Ulm und Neu-Ulm wurde die Donau ab 1854 mit einem modernen Brückenbau überquert. Von Ulm nach Augsburg und weiter nach München konnte man nun durchfahren. Eine Verbindung von Ulm nach Stuttgart bestand seit 1850. In der Münsterstadt wechselten die Reisenden von der bayerischen auf die württembergische Eisenbahn.

Vorstellungen des Wirtschaftsreformers Friedrich List. Das von ihm 1833 entworfene Eisenbahnnetz für Deutschland war 1856 zu großen Teilen bereits realisiert.

Ab dem 30. August 1856 verbrachte Theodor Fontane einen längeren Urlaub, heute würde man sagen eine Auszeit, bei Frau und Kindern in Berlin. Seit 1855 war er als Herausgeber der Deutsch-Englischen Korrespondenz in London tätig und berichtete für das Literatur-Blatt des deutschen Kunstblatts über das Londoner Theatergeschehen. Allerdings wurde die Korrespondenz bereits nach einem Jahr wieder eingestellt. Fontane blieb als Presse-Agent der Preußischen Gesandtschaft (Botschaft) an der Themse. Mit seiner beruflichen Situation war er nicht rundum zufrieden; gerne hätte er mehr Zeit für schriftstellerische Tätigkeit gehabt, doch davon konnte die wachsende Familie nicht leben.

1856 war Theodor Fontane also noch längst nicht der Verfasser später berühmter Romane wie Effie Briest oder Der Stechlin. Auch seine legendären, aus mehreren Bänden bestehenden Wanderungen durch die Mark Brandenburg, jene einzigartigen regional- und kulturgeschichtlichen Abhandlungen, waren noch nicht erschienen. Allerdings kam ihm die Idee zum am Ende fünfbändigen Mammutwerk während einer Reise durch Schottland, die er von London aus unternommen hatte. Der erste Band Die Grafschaft Ruppin wurde 1862 fertig. Apropos Wanderungen: Nur einen kleineren Teil der geschilderten Strecken legte der Chronist zu Fuß zurück, meist bevorzugte er Pferde und Kutschen. Öffentlich debütiert hatte der Dichter Fontane 1841, als sein Gedicht Mönch und Ritter in einem Leipziger Wochenblatt mit dem Titel Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. Neue Folge gedruckt wurde. Sein erster Roman, der den Titel Vor dem Sturm trägt und noch nicht ganz das Niveau der folgenden Werke erreichte, erschien erst 1878.

Seine Auszeit ging zu Ende und es wurde Zeit, sich auf den Rückweg nach London zu machen. Abreise in Berlin am Abend des 4. Oktober. Gegen Mitternacht erreichte er Leipzig, wo er bereits von Ludwig Eduard Metzel (1815 – 1895) erwartet wurde. Metzel war als preußischer Beamter Leiter der Centralstelle für Preßangelegenheiten und in dieser Funktion Fontanes Vorgesetzter. Ein einfühlsamer, kollegialer Mensch, der viel Verständnis für Fontanes künstlerisch-kreative Ader hatte, berichten Zeitgenossen. Die beiden reisten die nächsten Tage gemeinsam.

Theodor Fontane um 1860.

Fünf Uhr am nächsten Morgen ging es weiter. Zunächst bis Bamberg. Es blieb Zeit für einen kleinen Stadtrundgang und, wie an vielen Tagen, einen Brief Fontanes an die Gattin Emilie, die hochschwanger in Berlin geblieben war. Am Vormittag des 6. Oktober kamen die Reisenden bis Nürnberg. Wieder der kurze Rundgang durch die Innenstadt, von dessen Eindrücken in einem Brief an die Ehefrau zu lesen ist. Nürnberg, das vielberühmte, ist interessant aber durchaus nicht schön. Es ist eine Koofmannstadt und zwar eine blos spießbürgerliche. Es ging schnell mit Einschätzungen und Urteilen bei Fontane.

Am Abend desselben Tages kamen sie in München an und logierten im Bayerischen Hof, den es seit 1840 gab, deutlich kleiner als das heutige Luxushaus. Die Residenzstadt München zählte zu dieser Zeit etwa 140.000 Einwohner, Untertanen des Königs Maximilian II. Joseph von Bayern, dem Vater des späteren Wagner-Verehrers und manischen Schlösse-Erbauers Ludwig II.

Man ließ sich kutschieren in München. Metzel hatte sich bei einer Hühneraugen-Behandlung in den Fuß geschnitten, so dass Märsche mit selbigem kontraindiziert waren. Man fuhr zur Theresienwiese und der Bavaria, zur Einkehr ins Hofbräuhaus und abends ins Theater. Am nächsten Vormittag, inzwischen der 8. Oktober, besuchte Fontane den damals sehr populären Dichter Emanuel Geibel. Der Poet stammte aus Lübeck und wird knapp 50 Jahre später von Thomas Mann in seinen Buddenbrooks in Gestalt des Jean-Jacques Hoffstede liebevoll auf die Schippe genommen. An diesem Abend gab man im Nationaltheater Shakespeares Sturm.

Die Mahlzeiten und ihre Speisefolgen waren für Fontane wichtige Themen, im Werk wie im privaten Alltag. Ich habe eine hohe Vorstellung von der Heiligkeit der Mahlzeiten, gleich nach dem schlafenden kommt der essende Mensch. Zu den in der Regel mehrgängigen Mahlzeiten, vorzugsweise in angenehmer Gesellschaft, schätzte er das gepflegte Gespräch, den kultivierten Meinungsaustausch. Die Protagonisten seiner Romane werden es ihm nachtun, und nicht selten schreitet mit Hilfe dieser Unterhaltungen bei Tisch, die Handlung zügig voran.

In München und Umgebung kam er auf seine Kosten. Wie am Donnerstag, dem 9. Oktober 1856, bei einem Ausflug an den Starnberger See. In Seeshaupt wurden Brenken serviert, steht im Tagebuch. Es gibt keine Hinweise auf einen Speisefisch diesen Namens, vermutlich waren die Renken gemeint, ein bis heute sehr beliebter schmackhafter Fisch in oberbayerischen Seen. Vor dem abendlichen Theaterbesuch, diesmal stand eine Posse von Nestroy auf dem Programm, Einkehr im Gasthaus Sternecker-Bräu. 

Im Mittelpunkt des 10. Oktober, die Besichtigung der Pinakotheken. Und auch an diesem Tag kamen Speis‘ und Trank nicht zu kurz. Vormittags im Café Tambosi, bei einer Rast im Hofbräuhaus und schließlich im Gasthaus Ober-Pollinger. Es war Fontanes erster Aufenthalt in München. Noch dreimal wird er im weiteren Leben in die bayerische Hauptstadt reisen. Die diesmal auf München folgende Station besuchte er hingegen zum ersten und letzten Mal. Wieder um fünf Uhr in der Frühe ging der Zug nach Ulm. 

Das Ulmer Münster wie Theodor Fontane es gesehen hat.

Nun war es Samstag. Kaum in der württembergischen Donaustadt angekommen, hatte er schon ein Urteil parat. Im Reisetagebuch liest sich das so: Ulm eine häßliche und schmutzige Stadt, aber sehr belebt und überreich an Buchhandlungen und Kuchenläden. Die Menschen (wie überhaupt die Schwaben, im Gegensatz zu den schönen Pfälzern) auffallend häßlich. Das waren schon sehr meinungsstarke Formulierungen des Weitgereisten. Doch konnte er der alten Reichsstadt durchaus gefälligere Eindrücke abgewinnen. Grandios der Dom, wurde gegönnert.

Es ging sogar genauer. Im inzwischen allgemein als Ulmer Münster bekannten Bauwerk beeindruckten Fontane das Chorgestühl von Jörg Syrlin und in einer der Seitenkapellen das Gemälde von Martin Schaffner aus dem Jahr 1516. Es zeigt den Ulmer Patrizier Eitel Besserer, nach dem diese Kapelle benannt ist und befindet sich heute im Ulmer Stadtmuseum. Als Fontane das Münster besuchte, hatte es noch nicht seine heutige Höhe von 161 Metern erreicht, der Hauptturm wurde erst 1910 vollendet. Zeit nahmen sich die Reisenden für ein ausgedehntes Frühstück im Café Döbele. Nicht fehlen durfte dabei der frische Käsberger, ein Weißwein aus Mundelsheim.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs. August Döbele war um 1850 aus Waldsee nach Ulm gekommen und führte zunächst die Berufsbezeichnung Kellner, aus dem bereits 1853, als er sich um das Ulmer Bürgerrecht bewarb, ein Cafetiér geworden war. Dieser August Döbele begegnet uns dann im Jahr 1869 erneut, als er eine Klageschrift gegen eine Albertine von Schad einreichte. Inzwischen firmierte er als Weinhändler. Die Schads gehörten zu den angesehenen Patrizierfamilien (Stadtadel) Ulms, sie stammte aus Oberschwaben und besaß südlich der Stadt Wälder und Ländereien. 

Erwin Carlé, 1876 in Karlsruhe geboren, war ein Schriftsteller, der unter dem Künstlernamen Erwin Rosen Erzählungen und Erinnerungen veröffentlichte, darunter den autobiographischen Band Allen Gewalten zum trotz, worin er in einer kurzen Passage von seiner Zeit in Ulm erzählt. Die Mutter Rosens war eine gebürtige Döbele. Über deren Vater schrieb der Enkel: Dicht am Münsterplatz lag das Haus, das einmal meinem Großvater gehört hatte; dem Großvater Döbele. Der war ein großer Herr gewesen und hatte im Württembergischen Weinberge gehabt und Jagden.

Ob es dieser Großvater war, bei dem Metzel und Fontane einkehrten? Oder dessen Vater? Ob das schwäbische Frühstück im Café Döbele mit dem Schritt halten konnte, was die Herren in England kennen und genießen gelernt hatten? Nach abgehaltener Morgenandacht versammelt sich alles beim Frühstück: Kaffee und Tee, Hammelbraten und Eier, Speckschnitte und geröstetes Weißbrot machen die Runde am Tisch, und unter Essen und Trinken, Sprechen und Lachen vergeht eine volle Frühstücksstunde

Es ging weiter nach Stuttgart. Die Fahrt durchs Neckartal fand Fontane reizend. Eine Gegend, die in der Gegenwart stark von Industrie- und Handelsansiedlungen geprägt, deren Höhepunkt bei Ober- und Untertürkheim mit den ausgedehnten Daimler-Werken erreicht wird. Doch gerade dort sind nach wie vor im Osten der Stuttgarter Vororte die typisch württembergischen Steillagen zu sehen, deren herbstliches Farbenspiel einen wunderbaren Kontrast zu den Fabriken, Werken und Warenlagern auf der anderen Seite des Zuges bildet. Am Abend im Hotel St. Petersburg kamen sie auf den Tisch der Herren – die süffigen Württemberger, der Türkheimer und der Neuperger – gute Neckarweine. Dazu Rothfisch aus der Donau und Felchen vom Bodensee.

Einen Tag später, inzwischen Sonntag der 12. Oktober, ritten Fontane und Metzel auf Eseln vom Neckartal zum Heidelberger Schloss hinauf und kamen sich dabei vor wie Don Quixote und Sancho Pansa. Für welche Figur er wen hielt, verrät uns Fontane nicht. Besichtigung der viel besuchten Ruine. Entzückt von dem Zauberblick des in der Mitte (der Länge nach) durchgebrochenen Thurms. Nun stand hier ein Schriftsteller, der später als wichtigster deutscher Vertreter des realistischen Romans in die Literaturgeschichte eingehen sollte, vor einem der bedeutendsten Symbole der Romantik. Es folgte die übliche Einkehr. Doch wie es so vorkommt an hoch frequentierten Sehenswürdigkeiten: Schlechte Restauration an Ort und Stelle. Zurück in der Ebene ging es weiter nach Mannheim. Zeit für den Abschied von Direkt. (Direktor, J. H.) Metzel. 

Fontane verbrachte die Nacht im Europäischen Hof, bevor es morgens mit dem Schiff (einer Fähre?) über den Rhein ging und schließlich weiter nach Paris. Von Ludwigshafen aus dauerte die Fahrt knapp 16 Stunden. Für Reisende im Jahr 1856 eine staunenswert kurze Zeit. Heute legt der TGV die Strecke in gut drei Stunden zurück. Fontane genoss die Stadt. Spazierte durch die Tuilerien, über die Champs Éllysées, besuchte den Louvre. Die Tage in der französischen Metropole vergingen viel zu schnell. Bald hieß es wieder zurück an die wenig geliebte Arbeit. Am 22. und 23. Oktober nach Calais und mit dem Schiff nach Dover. Schöne Ueberfahrt, niemand seekrank. Um 8 in London.

1858 wird Fontane seine Stellung in London kündigen und nach Berlin zurückkehren.

Nürnberger, Helmuth; Storch, Dietmar: Fontane-Lexikon. Namen – Stoffe – Zeitgeschichte. – München, 2007

Hädecke, Wolfgang: Theodor Fontane. Biographie. – München, 1998

Fontane, Theodor: Tage- und Reisetagebücher. Bd. 1: 1852, 1855 – 1858 / hrsg. von Charlotte Jolles. – Berlin, 1995 (Große Brandenburger Ausgabe, Abt. 11)

Rosen, Erwin: Allen Gewalten zum Trotz. Lebenskämpfe, Niederlagen, Arbeitssiege eines deutschen Schreibersmannes. – Stuttgart, 1922

Hölscher, Horst: Fontane und München. – Karwe bei Neuruppin, 2016

Berg-Ehlers, Luise; Erler, Gotthard (Hrsg.): Ich bin nicht für halbe Portionen. Essen und Trinken bei Fontane. 2. Aufl. – Berlin, 2019

Das Trauerspiel von Afghanistan

Von Theodor Fontane

Der Schnee leis‘ stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
»Wer da!« – »Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.«

Afghanistan! Er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

»Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.«

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all‘,
Sir Robert sprach: »Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!«

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd‘,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

»Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.«

1839 besetzten britische Truppen das geschichtsträchtige Kabul, dass sich seit Jahrhunderten zu einem wichtigen Handelszentrum und Verkehrsknoten entwickelt hatte. Ziel war es die Expansionspläne des russischen Zaren zu durchkreuzen, die eine Ausdehnung des russischen Einflusses über Afghanistan nach Indien vorsahen.

Als es 1842 zu einem Aufstand der Einheimischen kam flohen die Briten. 4.500 britische und indische Soldaten, um die 10.000 Hilfskräfte, Frauen, Kinder, fanden den Tod, nur ganz wenige überlebten. Die britischen Soldaten gerieten zudem in einer Schlucht in einen Hinterhalt und wurden vollständig aufgerieben. Angeblich konnte als einziger ein Armeearzt dieser Vernichtung entkommen.

Theodor Fontane (1819 – 1898) hat in seinen Gedichten und Balladen häufig historische Ereignisse verarbeitet. Zu den bekanntesten zählen John Maynard, die Geschichte eines mutigen Steuermannes der sein Leben opferte um andere zu retten, oder Die Brück‘ am Tay, in der es um ein spektakuläres Eisenbahnunglück in Schottland geht.

Das Trauerspiel von Afghanistan schildert die Ankunft des englischen Truppenarztes William Brydon im pakistanischen Dschalalabad.

Literarischer Rastplatz: Die Hesse-Bank in Neu-Ulm

Wie Blüten gehn Gedanken auf, / Hundert an jedem Tag – / Laß blühen! laß dem Ding den Lauf! / Frag nicht nach dem Ertrag. (*)

Im Neu-Ulmer Glacis steht jetzt eine Hesse-Bank. 

Das Glacis ist ursprünglich eine Wehranlage, geplant und gedacht, die Stadt vor feindlichen Eindringlingen zu bewahren. Der Erdwall des Neu-Ulmer Glacis wird von einer dicken hohen Mauer getragen, die einst Teil einer Bundesfestung war. Erbaut wurde das Ensemble Mitte des 19. Jahrhunderts, und als es im 20. Jahrhundert ernst wurde mit den kriegerischen Auseinandersetzungen, stand sie wehr- und nutzlos im Weg, der modernen Vernichtungsmaschinerie hatte sie nichts entgegenzusetzen. Große Teile des Mauerwerks blieben erhalten und stehen bis heute.

Das Vorfeld der Anlage besteht aus einer mäßig breiten, jedoch kilometerlangen Grünanlage, sowie vielfältigem, teils sehr altem Baumbestand. Im Lauf der Jahrzehnte entwickelte sich das Gebiet zu einem Stadtpark am südlichen Rand der Neu-Ulmer Kernstadt. 1980 wurde der westliche Teil im Zuge einer bayerischen Landesgartenschau zum attraktiven Naherholungsgebiet aufgewertet. Auf gepflegten Wegen kann man bei entspannten Spaziergängen die Gedanken schweifen lassen, die Kinder vergnügen sich auf großen Spielplätzen oder mit Wasserspielen. In sommerlichen, hoffentlich bald wieder pandemiefreien Monaten, bietet die Freilichtbühne buntes Programm und ein großer Biergarten lädt ein.

Alle paar Meter gibt es Bänke zum Verweilen. Eine davon ist die Hesse-Bank. Sie steht unter den ausladenden Ästen eines Baumgreises an seichtbrackigem Gewässer etwa in der Mitte des Parks. Die Rückenlehne der Hesse-Bank besteht aus einer Plexiglas geschützten Tafel, die zur Sitzfläche hin Zitate und Gedichte von Hermann Hesse präsentiert.

Nicht alle Passanten interessieren sich dafür. Andere bleiben stehen, lesen, sinnieren, nehmen dann für kurz oder etwas länger Platz, genießen das Grün rundum und lassen sich die Zeilen des Dichters durch den Kopf gehen. Manchmal wird vielleicht etwas hängenbleiben vom Gelesenen, mitgenommen werden auf den Weg, sich im Kopf festsetzen wie ein Ohrwurm: 

Daß du bei mir magst weilen, / Wo doch mein Leben dunkel ist / Und draußen Sterne eilen / Und alles voll Gefunkel ist … Die erste Strophe des Gedichts Für Ninon, Hesses dritter Ehefrau und wichtigem Lebensmenschen in der zweiten Lebenshälfte.

Regen ist ein anderes Gedicht überschrieben, das Lebenseinsicht transportiert und mit Naturbetrachtung beginnt: Lauer Regen, Sommerregen / Rauscht von Büschen, rauscht von Bäumen. / O wie gut und voller Segen, / Einmal wieder satt zu träumen!

Und Hesses Aphorismen können durchaus Anlass zu intensiver Selbsterforschung sein: Nichts auf der Welt ist dem Menschen mehr zuwider, als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt!

Hermann Hesse war oft in Ulm zu Besuch. Vielleicht hat ihn auch einmal ein Spaziergang nach Neu-Ulm geführt. Er hatte auf jeden Fall Verbindungen in die Stadt. Sein „japanischer Vetter“, der Japanologe Wilhelm Gundert (1880 – 1971), verbrachte die letzten 15 Lebensjahre in der Neu-Ulmer Schießhausallee. Zwischen Hermann und Wilhelm gab es einen regen Briefwechsel. Das Ehepaar Gundert war zu Besuch bei Hesses im Tessiner Montagnola und Ninon war nach dem Tod ihres Mannes zu Gast in Neu-Ulm. Brieflichen Kontakt hatte Hermann Hesse auch zu der zweiten Tochter Eduard Mörikes. Fanny war mit dem Uhrmacher Georg Hildebrand verheiratet; das Paar wohnte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Neu-Ulmer Blumenstraße.

Es ist eine großartige Idee, eine Parkbank einer Dichterin, einem Dichter zu widmen. In Neu-Ulm muss es ja nicht bei dieser einen bleiben. Ein Weg der Poesie durch das Glacis ist eine schöne Vorstellung.

(*) Die zitierten Verse sind aus dem Gedicht Voll Blüten

o o o

Hesse, Hermann: Ausgewählte Werke. Sechster Band. – Frankfurt am Main, 1994

Haag, Jan; Köhler, Bernd Michael: Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt. – Ulm, 2018

„Nun läßt schlicht man wohl das Haar …“

Ein Gedicht von Justinus Kerner und einige Anmerkungen zum Dichter

(Wer die folgenden Verse als Beitrag zu den diesjährigen Faschingstagen verstehen möchte, liegt möglicherweise ebenso wenig daneben, wie jene, die sie als Loblieb auf die Friseurzunft interpretieren. Wer jedoch Kerners Werk als trefflichen Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen liest ist selbst schuld.)

Der Zopf im Kopfe

Einst hat man das Haar frisiert,
Hat’s gepudert und geschmiert,
Daß es stattlich glänze,
Steif die Stirn begrenze.

Nun läßt schlicht man wohl das Haar,
Doch dafür wird wunderbar
Das Gehirn frisieret,
Meisterlich dressieret.

Auf dem Kopfe die Frisur,
Ist sie wohl ganz Unnatur,
Scheint mir noch passabel,
Nicht so miserabel,

Als jetzt im Gehirn der Zopf,
Als jetzt die Frisur im Kopf,
Puder und Pomade
Im Gehirn! – Gott Gnade!

Der Seracher Dichterkreis im Garten des Kernerhauses in Weinsberg. Von links: Theobald Kerner (Sohn der Kerners), Nikolaus Lenau, Gustav Schwab, Graf Alexander von Württemberg (stammte aus Serach bei Esslingen, danach benannte sich der Kreis), Karl Mayer, Justinus Kerner, Friederike Kerner (Ehefrau des Justinus), Ludwig Uhland, Karl August Varnhagen von Ense (kolorierter Stich nach einem Ölgemälde von Heinrich von Rustige)

* * *

In einem kühlen Grunde / Da geht ein Mühlenrad / Mein’ Liebste ist verschwunden, / Die dort gewohnet hat.

Es hätte nicht viel gefehlt und uns wären diese populären hochromantischen Verse für immer vorenthalten geblieben. Unvorstellbar: Generationen von Lesebüchern und die deutsche Liedkultur ohne Eichendorffs kühlen Grunde.

Es war im Jahre 1807 oder 1808, als Joseph von Eichendorff ein Blatt mit fünf Strophen, damals noch unter dem Titel Das zerbrochene Ringlein, an den Kollegen Kerner im Schwäbischen sandte. Dieser wollte es in seine Sammlung Deutscher Dichterwald aufnehmen. Da wehte ein Windstoß das Papier vom Tisch und zum Fenster hinaus. Jegliche Suche blieb zunächst erfolglos. Erst am nächsten Tag fand man es bei einem fahrenden Händler, der es auf einem Flachsacker entdeckt und als Einwickelpapier zweckentfremdet hatte. Die Anthologie erschien schließlich 1813, Eichendorffs Werk war darin schlicht mit Lied tituliert und machte in der Folge eine beträchtliche Karriere.

Justinus Andreas Christian Kerner kam am 18. September 1786 in Ludwigsburg zur Welt. In Tübingen studierte er Medizin und betreute – heute würde man sagen als Praktikant – zeitweise den kranken Hölderlin. Kerners Studentenbude war ein beliebter Treffpunkt von Freunden und Kommilitonen, darunter der schwäbische „Nationaldichter“ Ludwig Uhland. Der angehende Arzt war ein kräftiger Kerl von nahezu zwei Meter Größe. (Der Durchschnitt für Männer lag damals bei 1,68 Metern.) Zur Weiterbildung als Mediziner und Mensch bereiste er nach dem Studium einige norddeutsche Städte. 1819 ließ sich Kerner als Oberamtsarzt und Dichter in Weinsberg, nahe Heilbronn, nieder. 

Justinus Kerner hat als erster Mediziner das Nervengift Botulinumtoxin nachgewiesen, das eine als Botulismus bezeichnete Lebensmittelvergiftung auslöst. Unter dem Handelsnamen Botox wird das Gift heute in der kosmetischen Medizin eingesetzt. Der schwäbische Arzt untersuchte auch die Wirkung der Weinsorte Riesling auf die menschliche Gesundheit. (Die Ergebnisse sind mir nicht bekannt.) Der Weißwein Kerner, eine Kreuzung aus Trollinger und Riesling, wurde nach ihm benannt.

Seine Dichtungen kommen oft schlicht und humorvoll, ja volksliedhaft daher. Doch seine Persönlichkeit kannte neben dieser heiteren Volkstümlichkeit durchaus auch Melancholie und Verzagtheit. Kerner pflegte manchen Aberglauben und hatte Sinn für Groteskes. Wesenszüge, die sich in seinen poetischen und erzählerischen Arbeiten niedergeschlagen haben. 

In Literaturgeschichten wird der Lyriker Kerner meist der spätromantischen Schwäbischen Dichterschule zugeordnet. Diese lose Gruppierung bestand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Namen wie Gustav Schwab, Ludwig Uhland, Justinus Kerner und einigen anderen. Kerner selbst hielt wenig von der Definition einer Schwäbischen Dichterschule:

Bei uns gibt’s keine Schule, / Mit eignem Schnabel jeder singt, / Was halt ihm aus dem Herzen springt.

In seinem 1838 erschienenen Schwabenspiegel mokierte sich Heinrich Heine über den Kollegen Kerner auf seine typische bissig-ironische Art, indem er auf dessen okkulte Ader anspielte:

… der Doktor Justinus Kerner, welcher Geister und vergiftete Blutwürste sieht, und einmal dem Publikum aufs ernsthafteste erzählt hat, dass ein Paar Schuhe, ganz allein, ohne menschliche Hilfe, langsam durch das Zimmer gegangen sind … Das fehlte noch, dass man seine Stiefel des Abends festbinden muss, damit sie einem nicht des Nachts … vors Bett kommen und … die Gedichte des Herrn Justinus Kerner vordeklamieren!

Justinus Kerners Interessen waren vielfältig. Neben der Ausübung des ärztlichen Berufs und der Schriftstellerei kümmerte er sich um die Weinsberger Heimatgeschichte. Er förderte die Geschichtsschreibung des Ortes, schrieb selbst einige Abhandlungen, setzte sich für den Erhalt der Burgruine Weibertreu ein und initiierte den Frauen-Verein zu Weinsberg, der bis heute den Burgbesitz verwaltet.

Zu Lebzeiten des Dichters wurden die ersten Eisenbahnen gebaut und es entstand ein stetig wachsendes Schienennetz in Deutschland. Wie oft bei technischen Neuerungen stieß der technische Fortschritt auf einige Skepsis. So auch bei Justinus Kerner:

Dampfschnaubend Tier! seit du geboren, / Die Poesie des Reisens flieht …

Im Alter erblindete Kerner. Er starb am 21. Februar 1862. Sein Grab auf dem Weinsberger Friedhof ist erhalten. Die Stadt Weinsberg vergibt alle drei Jahre den Justinus-Kerner-Preis. Zu den Preisträgern gehören Peter Rühmkorf, Eveline Hasler und Edgar Reitz.

 

 

 

Über die Freuden literaturhistorischen Forschens

Am Beispiel von Hermann Hesses Beziehung zur schwäbischen Donaustadt Ulm

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler (*)

Die einzigartigen, i.d.R. männlichen Figuren, die Hermann Hesse (1877 – 1962) in seinen Prosawerken erschuf, vermitteln dem Leser, der Leserin in exemplarischen Entwicklungsgeschichten Wesentliches über die menschliche Existenz und das menschliche Miteinander: der unglückliche Schüler Hans Giebenrath in Unterm Rad, der von Ängsten und Schuldgefühlen geplagte Elfjährige in Kinderseele, der vagabundierende Außenseiter Knulp, der Maler Klingsor in seinem letzten Sommer, der junge Emil Sinclair auf der Suche nach sich selbst im Dialog mit Demian, der den Sinn des Lebens suchende Siddhartha, der Steppenwolf Harry Haller, das polare Menschenpaar Narziß und Goldmund, die geheimnisvollen Morgenlandfahrer, schließlich der Magister Ludi Josef Knecht im Glasperlenspiel. Über diese und weitere vom Dichter modellhaft kreierte Figuren und deren Agieren und Interagieren in der Welt erfährt man nicht nur viel über die Kunst des Geschichtenerzählens. Man bekommt darüber hinaus Einblick in die ewigen Kreisläufe von Gelingen und Scheitern, von Voranschreiten und Zurückweichen, sowie die zahllosen Abstufungen zwischen diesen Gegensätzen.

Illustrierte Liebhaberausgabe der Büchergilde Gutenberg. – Foto: Bernd Michael Köhler

Am Beispiel Hermann Hesses möchte ich zeigen, wie reizvoll es sein kann, sich intensiv mit bisher weniger oder gar unbeachteten Aspekten aus Leben und Werk einer bekannten Schriftstellerpersönlichkeit zu befassen. Es zeigt, wie sich die Einschätzung des Literaten aus Montagnola, der in der akademischen Welt längst nicht die Aufmerksamkeit findet wie z.B. ein Thomas Mann, dadurch verändern und weiterentwickeln kann. Nämlich dann, wenn Fragestellungen untersucht werden, die unter Zuhilfenahme der bekannten Primär- und Sekundärliteratur bisher nicht zu beantworten waren. Aus der rein rezipierenden Haltung entwickelt sich ein neugieriger, fragender Blick, dem schließlich die forschende Tätigkeit folgt. 

Vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit Hermann Hesse rückte bereits vor einiger Zeit Hesses Lesung im Ulm des Jahres 1925 in den Fokus (eine zweite Ulmer Lesung folgte 1929). Sie spielt in der autobiographischen Erzählung Die Nürnberger Reise (1927 erschienen) eine nicht unbedeutende Rolle. Bereits während meiner aktiven Zeit als Bibliothekar in der Ulmer Universitätsbibliothek hatte ich einiges Material zu dieser Lesung und den beteiligten Personen zusammengetragen. In intensiven Gesprächen und Diskussionen mit meinem Berufskollegen und Co-Autor Jan Haag, Betreiber des Literaturblogs con=libri, zeichnete sich schließlich ein Projekt ab, das in die Publikation eines Buches über Hermann Hesse und seine besondere Beziehung zu Ulm mündete.

Unser primäres Interesse galt zunächst der Identifizierung des in der Nürnberger Reise ohne Namensnennung erwähnten wichtigsten Ulmer Freundes von Hermann Hesse. So lernten wir Eugen Zeller (1871 – 1953) kennen, von dem bald ersichtlich wurde, dass es sich bei ihm um eine bedeutende Ulmer Persönlichkeit gehandelt hatte. Das kleine private Projekt weitete sich schließlich zu einer umfassenden Forschungsarbeit aus, bei der wir nicht zuletzt von unserem bibliothekarischen Know-how profitieren konnten. 

Die systematische Recherche nach einschlägigen Quellen zum Thema Hermann Hesse und Ulm brachte erstaunliche Ergebnisse hervor, die in der Gesamtbewertung schließlich Hesses besondere Bindung an das alte Ulm und seine Ulmer Freunde belegten.

Im langwierigen Prozess der Ermittlung und Beschaffung auch bisher in der Hesse-Forschung nicht bekannter Quellen hoben wir Aspekte einer weit zurückliegenden Zeit Schritt für Schritt in die Gegenwart. Eugen Zeller, anfangs nur ein Name mit knappsten biographischen Angaben, nahm mit jedem neu aufgefundenen Dokument immer mehr Gestalt an, weitere Freunde und Bekannte aus Hesses Ulmer Beziehungsgeflecht konnten identifiziert und ihr persönliches Verhältnis zum Dichter beschrieben werden. Sein Ulmer Gastgeber Eugen Link (1883 – 1973), die schwäbische Dichterin Maria Müller-Gögler, die Journalistin und Autorin Johanne von Gemmingen, Prof. Wilhelm Häcker in Blaubeuren nahe Ulm und einige andere mehr. 

Immer wieder gab es spannende Momente, wenn etwa beim Lesen eines neu entdeckten Zeitzeugenberichtes der Dichter und seine Freunde im Ulm der Vorkriegszeit vor dem inneren Auge Gestalt annahmen, wie bei Eugen Zellers Willkommensartikel in der Donauwacht anlässlich der Lesung am 3. November 1925 mit einem ausführlichen Rückblick auf den ersten gemeinsam in Ulm verbrachten Tag im April 1904.

2018 im Verlag Klemm+Oelschläger erschienen. – Foto: Bernd Michael Köhler

Nach Beendigung dieser literaturhistorischen Arbeit, nach Fertigstellung eines Werkes oder Werkteiles, nach intensiver Beschäftigung mit Vergangenem aus der Welt der Literatur, meldet sich gerne ein Bedürfnis nach dem Hier und Jetzt. Im Falle Hermann Hesses nach dessen Erscheinungsformen in der Gegenwart.

Im Februar 2020 kam die Verfilmung von Narziß und Goldmund durch den Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky in die Kinos. Der erste Lockdown der Corona-Pandemie bescherte dem Freundespaar Narziß und Goldmund nur eine kurze Laufzeit auf der Leinwand. Immerhin ist der zweistündige Film inzwischen als DVD und Blue-ray-Disc zu bekommen. 

Im Oktober 2020 ist der Band 6 der auf 10 Bände angelegten und von Volker Michels herausgegebenen großen Werkausgabe Die Briefe unter dem Titel „Große Zeiten hinterlassen große Schutthaufen“ erschienen. Über 500 Briefdokumente aus den Jahren 1940 – 1946, davon die meisten bisher unveröffentlicht, laden ein, den Dichter und sein Denken und Handeln vor allem während der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges und der Diktatur des NS-Regimes noch einmal neu kennenzulernen. Beginnend mit der Durchsicht und Überprüfung der Register des neuen Bandes. Was ist zu finden über Ulm, Neu-Ulm, Eugen Zeller, Eugen Link und Co.?

„Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden“, wie Hermann Hesse es in seinem wohl bekanntesten Gedicht zum Ausdruck bringt und wie es auch für die Freude am Suchen und Forschen gelten kann.        

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In der Folge für alle Interessierten eine Auflistung der verwendeten Schrifttumsarten und Recherchegattungen, sowie weiterer Hinweise.

  • Lokal- und Regionalliteratur 
  • Primär- und Sekundärliteratur zu Hesse (selbstständige und unselbstständige Literatur)
  • Archivalien
  • Bibliothekskataloge
  • Einsichtnahme von zum Thema passenden Systemstellen in Bibliotheken
  • Metakataloge  
  • Bibliotheksportale (KatalogPlus)
  • Landesbibliographien
  • Nationalbibliographien (i.d.R. die Kataloge der Nationalbibliotheken)
  • Fachbibliographien
  • Fachdatenbanken
  • Findbücher
  • Volltextdatenbanken urheberrechtsfreier Medienformen
    Beispiel: In den Digitalen Sammlungen der SLUB Dresden konnten erstmals Nachweise von bisher unbekannten Zeitungsartikeln rund um das Erscheinen von Hesses Erzählung Narziß und Goldmund im Jahre 1930 gefunden werden sowie weitere neue Quellen. Auch die Artikelkopie einer Rezension von Narziß und Goldmund ohne Quellenangabe konnte über die Dresdner Datenbank verifiziert sowie der in der Fachliteratur vermerkte Erscheinungsmonat Juli auf Anfang April korrigiert werden. 
  • Volltextdatenbanken Periodika
    Beispiel: Erstmaliger Nachweis von Lesungen in Prag 1905 und Wien 1912 über ANNO (AustriaN Newspapers Online)

3 Zeitungsartikel zu Hesses vermuteter Lesung am 12.11.1905 in Prag erstmals nachgewiesen. Hier: Prager Tagblatt vom 12.11.1905, S. 33.

  • Zentrale Nachweisportale (Zeitschriftendatenbank, Elektronische Zeitschriftenbibliothek, Datenbank-Infosystem)
  • Internetquellen
  • Suchmaschinen
    Beispiel: über Google erstmaliger Nachweis des Berichtes einer Zeitzeugin über eine Lesung Hermann Hesses während des zweiwöchigen Sommerkurses der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit im Schweizerischen Lugano am 21. August 1922. Der Dichter trug die zwei letzten Kapitel aus der zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichten indischen Dichtung Siddhartha vor sowie den Prosatext Bäume aus dem bebilderten Skizzenbuch Wanderung.                
  • Auswertung bisher unbekannter Quellen
  • Literaturverzeichnisse von Büchern, Aufsätzen u.a. 
  • Fußnoten 
  • Verwendung von Suchtechniken (Boolesche Operatoren u.a.)
  • Verwendung von Expertensuche, Advanced Search u.ä. 
  • Faktencheck
  • Beobachtung von Rezensionen (Perlentaucher u.ä.)
  • Themenzentrierte Aufmerksamkeit für Massenmedien
  • Literaturermittlung in vor-digitaler Zeit

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Haag, Jan; Köhler, Bernd Michael: Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt. Klemm + Oelschläger 2018

Limberg, Michael (Hrsg.): Autorenabende mit Hermann Hesse. Eine Dokumentation. Books on Demand 2016

Limberg, Michael: Hermann-Hesse-Literatur Jg. 1/2.1994/95 ff. Online-Ausgabe: Jahresverzeichnis der Hermann-Hesse-Literatur Jg. 1.1994 ff. http://hesse.projects.gss.ucsb.edu/publications/limberg.html

 

(*) Bernd Michael Köhler ist Bibliothekar, Buch- und Literaturliebhaber. Aufgewachsen am Fuße des Westerwaldes ist er seit einigen Jahrzehnten in der Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm beheimatet. Lebensbegleitend beschäftigt er sich mit Hermann Hesse, schreibt und fotografiert gerne.

Dichtergräber

Fotografien von Markus Fenkl

Seit seiner Kindheit fotografiert Markus Fenkl leidenschaftlich. In der Schulzeit verbrachte er reichlich Zeit in der Dunkelkammer. Sein Interesse am Bild hat seinen Ursprung in Malerei und Grafik. Er bezeichnet es als großes Glück, dass er schon in den ersten beiden Schuljahren einen engagierten Künstler zum Lehrer hatte.

Fenkl befüllt ein gegebenes Format mit Formen, die er mit der Kamera versucht aus der Welt herauszustanzen. Ziel und Bestreben ist es, bei den Betrachtern eine Wirkung hervorzurufen. Diese kann nur entstehen, wenn deren Alltagsfilter überwunden werden, was in der Bilderflut unserer Tage schwer zu erreichen ist. Medien und Werbung haben unsere wahrnehmbare Umwelt mit spektakulären Reizen in einem Umfang besetzt, wie es das in der Vergangenheit noch nie gab.

Markus Fenkl versucht derzeit durch Reduktion des Sichtbaren auf einen scheinbar unverständlichen Bildausschnitt beim Betrachter ein Zögern und Wundern auszulösen, in ihm eine Frage aufzuwerfen, die nur durch aktive Auseinandersetzung mit dem Bild beantwortet werden kann. So kann Fotografie weitergehende Inhalte transportieren, Themen beleuchten, die dem Fotografen wichtig erscheinen.

Neben dem künstlerischen Anspruch hat Markus Fenkl ein Faible für die Dokumentation von Menschen und Ereignissen. Es geht ihm dabei um wahrnehmbare Veränderungen, die erst im Rückblick sichtbar werden.

Der gelernte Schreiner und ehemalige Berufsschullehrer lebt in Neu-Ulm. Seit 15 Jahren beteiligt er sich an Ausstellungen in seiner Region. Eine Ausstellung mit eigenen Werken war 2012 in der Ulmer Galerie Semmler zu sehen.

Zum Totensonntag 2020 gibt es auf con=libri eine kleine Auswahl aus Fenkls Dichtergräber-Sammlung.

(Bitte beachten Sie, dass die Bilder urheberrechtlich geschützt sind. Eine Verwendung und/oder Weiterverarbeitung ist nur mit Zustimmung des Fotografen zulässig.)

Und wenn ihr einst in Frieden ruht / Beseligt ganz vom Himmelslohn / Dann stolpert durch die Höllenglut / Bert Brecht mit seinem Lampion.
 
Vielleicht hat es am Ende doch nicht geklappt mit der Vision, die Bertolt Brecht (1898 – 1956) in seinem Gedicht Serenade formulierte, und er muss sich jetzt in irgendeiner Art von Paradies fürchterlich langweilen. Der Augsburger war viel unterwegs in seinen Exiljahren. Über Dänemark, Schweden, Finnland und Russland landete er wie viele andere deutsche Intellektuelle und Künstler in den Vereinigten Staaten, um dort alsbald ins Visier der Kommunistenjäger zu geraten. Nach dem Krieg machte ihn die DDR zum gefeierten Staatsdichter. Eine Karriere, die mit dem plötzlichen Tod am 14. August 1956 etwas abrupt endete. Der Auflauf an Volk und staatstragenden Kadern war groß bei seiner Beerdigung auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.
 

Rund um den Geburtstag der Anna Seghers, der sich dieser Tage zum 120. Male jährt, geschieht Erstaunliches. Bis heute ist die Schriftstellerin hauptsächlich für ihren fulminanten Roman über die Schrecken des Dritten Reichs (Das siebte Kreuz) und die eindringliche Darstellung der Schicksale jener, die wie sie vor den Nachstellungen der Hitler-Schergen aus dem Land fliehen mussten (Exil), bekannt. Nun rückt, spät und recht überraschend, ihre eigene Exilzeit in den Mittelpunkt des Interesses. Verschlungene Pfade führten sie nicht wie die Manns, wie Brecht, Feuchtwanger und Co. in die Vereinigten Staaten von Amerika, sondern ins mittelamerikanische Mexiko. Gleich zwei Neuerscheinungen schildern und würdigen diesen Lebensabschnitt Seghers und die Werke,  die in dieser Zeit entstanden.

Volker Weidermanns Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko ist bei Aufbau erschienen. Wie von Weidermann gewohnt, ist das Buch ebenso populär wie fundiert geschrieben. Es bringt uns eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts in all ihren Widersprüchen nahe, ohne sich ein Urteil anzumaßen. Der reich bebilderte Band von Monika Melchert trägt den Titel Im Schutz von Adler und Schlange. Anna Seghers im mexikanischen Exil. Erschienen ist er im Quintus Verlag. Melchert, Leiterin des Segher-Museums in Berlin, ist eine intime Kennerin von Biografie und Arbeit der in Mainz geborenen Dichterin. Sowohl Weidermann wie Melchert sind sich einig, dass es lohnt die im Exil entstandenen Erzählungen neu zu entdecken.

Als junge Frau trat Anna Seghers aus der jüdischen Gemeinde aus und der Kommunistischen Partei bei. Ihr blieb sie ein Leben lang treu, vertrat einen radikalen Antifaschismus und hielt zur Sowjetunion selbst noch, als dort Das siebte Kreuz verboten wurde und Stalin sich mit Hitler verbündete. 1947 kehrte sie aus Mexiko nach Deutschland zurück und ließ sich in Ost-Berlin, dem damaligen sowjetischen Sektor und der späteren DDR, nieder. Von 1952 bis 1978 war sie Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes, verkehrte mit Ulbricht und Honecker und rechtfertigte den Mauerbau. Seit 1983 ruht sie auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.

Diese Unehre habe ich nicht verdient! Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, daß meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen. … Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selbst wird unauslöschlich sein wie eure Schmach! (O. M. Graf anlässlich der Bücherverbrennungen im Deutschen Reich 1933.)
 
Die Bekanntheit des Schriftstellers Oskar Maria Graf beginnt ganz langsam zu verblassen, ähnlich der Inschrift auf seinem Grabstein. Er war einer der eigenwilligsten und unabhängigsten Vertreter der Exilgeneration. Seine oberbayerische Identität nahm er überall mit hin. Unter unseren Geburtstagswünschen aber soll der voranstehen, daß die Heimat, sein oberbayerisches Land, seiner recht gewahr werden und sich dankbarer, als gegenwärtig, erweisen möge für das Gute, das er zu ihrer Ehre hervorbringt. Sie hat keinen echteren, in der vom Schicksal erzwungenen Ferne keinen treueren Sohn. (Thomas Mann zum sechzigsten Geburtstag Grafs.) Der Wunsch des Nobelpreisträgers ging bedingt in Erfüllung, spät ohnehin, doch immerhin besser als all die Zumutungen und Kränkungen, die ihm selbst durch seine ehemalige Münchener Wahlheimat widerfuhren. Seine letzte Ruhe fand Oskar Maria Graf zu guter Letzt tatsächlich in bayerischer Erde. Sein Grab befindet sich in München-Bogenhausen; auf dem St. Georg-Kirchhof gehören Rainer Werner Fassbinder, Erich Kästner und Joachim Fernau zu seinen Nachbarn.
 

Heinrich Mann verdanken wir einen der markantesten Prototypen der deutschen Literatur. Sein Roman Der Untertan erschien 1918, entstanden ist er bereits vor 1914, also zu einer Zeit, als das alte Kaiserreich noch existierte. Charaktere vom Schlage des Protagonisten Diederich Heßling, diesem selbstsicheren Opportunisten und strammpreußischen Bürger, sind ja bis heute nicht gänzlich ausgestorben. Unvergesslich auch Manns Professor Unrat (1904 erschienen), jene Geschichte der erotischen Irrungen und Wirrungen eines biederen Gymnasiallehrers. Die Verfilmung von 1930 unter dem Titel Der blaue Engel verhalf einst der jungen Marlene Dietrich in der Gestalt der feschen Lola zum Durchbruch. 

Heinrich Mann war stark von der französischen Erzähltradition geprägt. Seinen Werken blieb der internationale Durchbruch versagt. Das führte dazu, dass der Autor im amerikanischen Exil ein kümmerliches Dasein fristen musste und auf die Unterstützung seines Bruders Thomas angewiesen war, dessen Romane und Erzählungen sich in englischen Übersetzungen weltweit bestens verkauften. 1949 wurde er in Abwesenheit zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin gewählt. Noch bevor er nach Europa reisen konnte um das Amt anzutreten, verstarb er am 11. März 1950 im kalifornischen Santa Monica, wo er zunächst bestattet wurde. 1961 wurde seine Urne nach Deutschland überführt und in Ost-Berlin beigesetzt. Heute ist sein Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof eines der Ehrengräber des Landes Berlin.

Einer von ihnen hat mir erklärt, wie das sei / und was ihn am meisten freute: / > Im schlimmsten Moment, der Geburt, sind die Leute / (hat er gesagt) schon dabei. / Doch gerade das schönste Erlebnis / erleben sie nie: ihr Begräbnis! <
 
Verse aus einem Gedicht Erich Kästners, in dem er einen Pessimisten sprechen lässt. Er selbst war keiner, eher ein melancholischer Optimist. Nach Studium und Promotion begann er zunächst als Journalist zu arbeiten. Populär wurde er mit seinen Satiren und Couplets für die bunte Kabarettszene im Berlin der 1920er Jahre. Bekannt ist er bis heute vor allem für seine Kinderbücher. Das fliegende Klassenzimmer wird derzeit zum vierten Mal verfilmt. Kindheit und Jugend verbrachte er in Dresden (s. auch con=libri vom 26.10.2020), die Erinnerung daran prägte sein weiteres Leben, wie er selbst immer wieder betonte. 1933 wurde er Zeuge, wie seine Bücher als „undeutsch“ verbrannt wurden.

Als Einziger der hier vertretenen Dichter und Dichterinnen blieb Erich Kästner während des Dritten Reichs in Deutschland. Trotz verschiedener Repressionen konnte er in dieser Zeit unter Pseudonym Drehbücher verfassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er in München. Als Pazifist wandte er sich gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands und protestierte gegen die Verbreitung von Atomwaffen. 1974 verstarb er nach längerer Krebserkrankung und wurde in München-Bogenhausen beerdigt. 1991 fand Luiselotte Enderle ihre letzte Ruhe an selber Stelle. Die Journalistin und Dramaturgin stammte aus Leipzig. Fast vier Jahrzehnte war sie Kästners Lebensgefährtin und später seine erste Biografin.

 

Erich Kästner und Dresden

Wenn es zutreffen sollte, daß ich nicht nur weiß, was schlimm und häßlich, sondern auch, was schön ist, so verdanke ich diese Gabe dem Glück in Dresden aufgewachsen zu sein.

Das historische Zentrum der Stadt Dresden mit seinen kultur- und baugeschichtlichen Sensationen ist Anziehungspunkt und Reiseziel für Touristen aus der ganzen Welt. Sie besuchen zu Tausenden die Schlösser und Museen, drängen sich in Frauen- und Kreuzkirche, promenieren auf den Brühlschen Terrassen, spazieren am Elbufer entlang, kehren ein in die zahlreichen Cafés und Restaurants, genießen sächsischen Blechkuchen oder deftige Fleischspeisen mit Klößen und Rotkohl. Abends locken Theater und Kabaretts, Jazzkeller, Konzerte der Staatskapelle oder musikalische Spitzendarbietungen in heller Kirchenakustik. Dresden gehört im Ausland zu den bekanntesten und beliebtesten Städten Deutschlands.

Mit einer der gelben Straßenbahnen verlasse ich die Innenstadt. Die langen Gelenkwagen schunkeln und quietschen über die Carolabrücke. Darunter fließt träge die Elbe. Sie führt Niedrigwasser. In den warmen und trockenen Sommern der letzten Jahre muss immer häufiger der Verkehr der Ausflugsdampfer reduziert oder eingestellt werden. 

Ich bin unterwegs in die Dresdner Neustadt auf der linken Elbseite. Wohn- und Lebensraum der einfachen Bürger, Arbeitnehmer, Handwerker, kleinen Selbständigen, Studenten-WGs. Lange Straßen. Gründerzeithäuser. Schmale Läden. Die global gewohnten Sättigungsangebote: Döner, Pizza, Asia Food, Burger. Mal frisch und einladend, mal schmuddelig fragwürdig. Als Erich Kästner hier aufwuchs gab es das noch nicht. Stattdessen zahlreiche Bäckereien und Fleischereien, Uhrmacher, Papier- und Gemüseläden, Schuhgeschäfte, Schneidereien und kleine Kneipen. In Hinterhöfen werkelten Schreiner und Spengler, Wagner und Kürschner.

Am 23. Februar 1899 wurde Erich Kästner hier geboren. In der Königsbrücker Straße 66, vierte Etage. Dresden ist zu dieser Zeit königlich sächsische Haupt- und Residenzstadt, die viertgrößte Stadt des Deutschen Reichs mit etwa einer halben Million Einwohner. Berühmt für seine Zigarettenfabrik, die Schokoladenherstellung und die Brauereien. Hier wurden der Kaffeefilter, der Teebeutel und der Bierdeckel erfunden.

Erichs Eltern sind in der arrangierten Ehe unglücklich. Die erste Wohnung in der Königsbrücker Straße liegt ganz in der Nähe des damals berühmten Schokoladenproduzenten Jordan & Timaens. In der Mansardenwohnung ist der Alltag mühselig, die Kästners kommen gerade so über die Runden. Im Lauf der Jahre ändert sich das nur wenig. Die Familie zieht mehrmals um, jeweils nur einige Häuser weiter, in die Nummer 48, in die 38. Dabei Etage für Etage tiefer. In seinen Erinnerungen Als ich ein kleiner Junge war kommentiert der Schriftsteller Kästner Jahrzehnte später, ironisch-optimistisch, wie es seiner Lebenshaltung entsprach: Wir zogen immer tiefer, weil es mit uns bergauf ging. Wir näherten uns den Häusern mit den Vorgärten ohne sie zu erreichen.

Das Kind Erich sitzt in den wechselnden Wohnungen still an Mutters Seite und lernt früh lesen. Lesen wird zur Haupt- und Lieblingsbeschäftigung des Heranwachsenden. Ich las und las und las. Kein Buchstabe war vor mir sicher. Ich las Bücher und Hefte, Plakate, Firmenschilder, Namensschilder, Prospekte, Gebrauchsanweisungen und Grabinschriften, Tierschutzkalender, Speisekarten, Mamas Kochbuch, Ansichtskartengrüße … , die ‚Bunten Bilder aus dem Sachsenlande‘ und die klitschnassen Zeitungsfetzen, worin ich drei Stauden Kopfsalat nach Hause trug. Zwischen Mutter und Sohn entwickelt sich ein enges und inniges Verhältnis, das über alle Jahre, geschichtlichen Umbrüche und Entfernungen hinweg, bestehen bleiben wird.

Die langen Spaziergänge am Elbufer. Die Mutter empfindet die weite Uferlandschaft als Befreiung aus ihrer persönlichen Eheenge. Erich liebt die Elbbrücken. Im Gasthaus Linckesches Bad kehren die beiden nach ihren Wanderungen gerne ein. Gelegentliche Besuche von Aufführungen des Alberttheaters und anderer Bühnen der Stadt mit der Mutter, gehören zu den prägenden Eindrücken der Kinder- und Jugendjahre. Bald wurden die Dresdner Theater mein zweites Zuhause. Und oft mußte mein Vater allein zu Abend essen, weil Mama und ich, meist auf Stehplätzen, der Muse Thalia huldigten.

Junge Lehrer wohnen bei Kästners zur Untermiete und leisten notwendige finanzielle Beiträge zum Lebensunterhalt. Von den aufgeschlossenen Pädagogen erfährt das Kind früh vom Wert des Lernens und der Bildung. Erich wird ein ausgezeichneter Schüler in der IV. Dresdner Bürgerschule. Später wird er selbst ein Lehrerseminar besuchen, das einen frühzeitigen Berufsabschluss und regelmäßiges Einkommen ermöglichen soll. Doch seinen Vorstellungen und Ansprüchen wird das nicht gerecht. Er bricht diese Laufbahn ab. Nach dem abgeleisteten Wehrdienst holt er fehlende Gymnasialjahre nach und macht Abitur.

Die Pionierkaserne, in der Kästner eine Infanterieausbildung absolvierte, befindet sich am weiteren Verlauf der Königsbrücker Straße. Am Eingang hat er oft Wache zu stehen. Von dort ist es nicht weit bis zum St.-Pauli-Friedhof, wo die Eltern ihre letzte Ruhe finden werden. 1919 geht Erich Kästner zum Studium nach Leipzig, nach Rostock und Berlin. Ab 1922 ist er wieder in Leipzig, wo er 1925 promoviert. Ab 1927 arbeitet Kästner in Berlin als Theaterkritiker und Journalist, schreibt Texte, Gedichte, Couplets für die fiebrige Kabarettszene der Hauptstadt. Während der Nazizeit hat er offziell Schreibverbot, lebt unauffällig, schreibt unter Pseudonym Drehbücher, wie den populären Münchhausen-Film mit Hans Albers in der Titelrolle. Nach dem Krieg lässt er sich in München nieder.

1967 kommt er ein letztes Mal in seine Geburtsstadt Dresden, zu einer Lesung in der Gemäldegalerie des Zwinger. Am 29. Juli 1974 stirbt der inzwischen vor allem durch seine Kinderbücher beliebte Schriftsteller in der bayerischen Landeshauptstadt. Und ich selber bin, was sonst ich auch wurde, eines immer geblieben: ein Kind der Königsbrücker Straße.

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Das Erich-Kästner-Museum in Dresden wurde nach umfassender Sanierung und konzeptioneller Neuausrichtung im vergangenen Jahr neu eröffnet, derzeit ist es im Rahmen der pandemiebedingten Einschränkungen geschlossen. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich die Einrichtung auf con=libri vorstellen.

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Kästner, Erich: Als ich ein kleiner Junge war. – 11. Aufl., München, 2009

Stresow, Matthias: Auf den Spuren Erich Kästners in Dresden. – Dresden, 2014

Hölderlin in Hauptwil

Jetzt aber, drin im Gebirg

Die Schweizer Gemeinde Hauptwil liegt im Kanton Thurgau zwischen Bodensee und Säntis-Massiv, westlich von Sankt Gallen. Den Mittelpunkt bildet ein kleiner Weiher, an dessen Ufer sich eine Badeanstalt befindet, die an heißen Sommertagen von den wenigen Kindern und Jugendlichen im Ort genutzt wird. Es ist eine ruhige, eher unscheinbare Siedlung. Für heutige Reisende gibt es eigentlich wenig Grund hier länger zu verweilen. Doch für Literaturfreunde lohnt sich ein Besuch, vielleicht als kleiner Abstecher während eines Urlaubs oder Wandertags im Appenzell oder dem nahen Toggenburg.

Im Januar 1801 erreichte der Dichter und Gelehrte Friedrich Hölderlin von Stuttgart kommend, nach langer Reise durch das tief verschneite Oberschwaben, über den westlichen Bodensee und schließlich von Konstanz her, die Ortschaft Hauptwil. Den größten Teil des Weges hatte er zu Fuß zurückgelegt. Er trat eine Stelle als Hofmeister bei der Familie Gonzenbach an; seine Aufgabe bestand darin, die dreizehn- und vierzehnjährigen Töchter Augusta Dorothea und Barbara Julia zu unterrichten.

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In Hauptwil wurde er freundlich aufgenommen, wohnte in einem Zimmer zum Garten. Er fand sich rasch zurecht und war nicht unglücklich, wie er der Mutter im Brief mitteilte: Ich kann in der Tat nicht anders sagen, nach der Überzeugung, die ich mir seit 10 Tagen geben konnte, als dass die zahlreiche Familie, in der ich lebe, aus solchen Menschen besteht, unter denen man mit zufriedener Seele leben muß, so viel unschuldiger Frohsinn ist unter den jüngeren, und so ein gesunder Verstand, und edle Gutheit unter den Älteren.

Das Gehalt betrug 300 Gulden im Jahr, bei freier Kost und Logis. Die Familie Gonzenbach beherrschte den kleinen Ort. Das obere Schloss bewohnte eine ältere Linie; das untere Schloss, das sogenannte Kaufhaus, heute als Wohnhaus genutzt, die Familie des Kaufherrn Anton Gonzenbach. Bei diesem Aufenthalt in der Schweiz lernte Hölderlin die Landschaft des Alpenraums kennen und war von ihr so fasziniert, dass sich das später in hymnischer Dichtung niederschlug. Allerdings dauerte der Thurgauer Aufenthalt nicht lange. Bereits Mitte April trennte man sich wieder. In bestem Einvernehmen und voller Respekt – wie das Haus Gonzenbach versicherte.

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Über den raschen Abschied aus Hauptwil gibt es verschiedene Spekulationen und Interpretationen. Es wurden amouröse Verwicklungen unterstellt oder politische Differenzen mit dem Dienstherrn vermutet. Doch am wahrscheinlichsten ist, dass sich Anzeichen geistiger Erkrankung bei Hölderlin bemerkbar machten.

Bei einem Spaziergang durch das gegenwärtige Hauptwil kann man feststellen, dass die Gemeinde pfleglich mit der Erinnerung an den Hölderlin-Aufenthalt umgeht. Am ehemaligen Wohnhaus der Familie Gonzenbach ist eine Erinnerungstafel angebracht. Es gibt einen Hölderlin-Weg. Und im Oberen Schloss, dessen Seitenflügel heute ein Altersheim beherbergt, wurde ein Erdgeschoss-Raum zu einem kleinen Hölderlin-Museum umgestaltet. Es ist eine schlichte, sachlich und gleichzeitig liebevoll gestaltete Einrichtung. An den Wänden erzählen einheitliche Tafeln von dem Ereignis und ein wenig über das Drumherum. Die Tür steht meist offen. Der Raum ist den ganzen Tag über frei zugänglich.

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Von Hauptwil gelangt man in einer halben Stunde Autofahrt nach Sankt Gallen und damit in das quirlige, umtriebige City-Leben einer großen Kleinstadt. In der Mitte der Stadt liegt der Klosterkomplex. In der Stiftbibliothek werden 900 wertvolle Handschriften verwahrt. Im Kloster lebte bis im Jahre 912 der Mönch Notker, auch genannt der Stammler, einer der ersten großen Dichter und Gelehrten des deutschen Sprachraums.

Die Vergnügungen des Bertolt Brecht

Tema con variazioni

Zu finden ist es in Werk- und Einzelausgaben, in Sammelbänden und Anthologien. Es ist bekannt, beliebt und vielfach verbreitet. Das Gedicht Vergnügungen von Bertolt Brecht (1898 – 1956). Vor mir liegt das Suhrkamp Taschenbuch Bertolt Brecht: Hundert Gedichte. Ausgewählt von Siegfried Unseld. Aufgeschlagen ist Seite 164. Er hat es wohl 1954 geschrieben und seiner letzten Geliebten, der Schauspielerin Käthe Reichel gewidmet. Thematik und Struktur reizen ganz besonders zu persönlicher Interpretation. Deshalb gibt es heute auf con=libri zwei Variationen, zwei individuelle Versuche, die keinesfalls den Anspruch erheben, sich mit dem Original messen zu können.

I

Berner Weltmeisterjahrgang, beheimatet in der Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm, die Herzallerliebste eine Götterbotin, als Wörter- und Bildersammler unterwegs, erkundet lesend den Weltinnenraum, schreibt um sich zu durchqueren, bibliophilen Eskapaden nicht abgeneigt, lebensbegleitend: der Eremit aus Montagnola, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Die Variation von Diplom-Bibliothekar a. D. Bernd Michael Köhler:

Vergnügungen (Bertolt Brecht gewidmet)

Der erste Blick in ein neues Buch
Die wiedergefundene alte Schrift
Freundliche Gesichter
Stille, der Schatten an einem Sommertag
Die Zeitung
Der Schreibtisch
Der Buddha
Lesen, weiterlesen
Klangwelten
Radfahren
Begreifen
Bibliotheken, Briefe
Schreiben, Zuhören
Fotografieren
Philosophieren
Anders sein.

II

Wurzeln in der Goethestadt Ilmenau, längst in Ulm, dem umliegenden Oberschwaben und Westallgäu zuhause, mit steter Lust auf Abstecher nach Leipzig und Wien, Spaziergänger, Buchmensch, Leser und Schreiber. Die Variation von Jan Haag:

Freuden  (für Charlotte und Marie Luise)

Der erste Blick in die Zeitung am Morgen
Die nächsten Bücher
Der Wechsel der Jahreszeiten
Das frische Hemd

Nachdenken
Skepsis
Lesen dürfen
Schreiben können
Begreifen

Alte Musik
Andere Musik

Schlendern durch Gassen
An Fluss oder See sitzen
Kleine Fluchten
Ankommen

Lange Gespräche
Verstanden werden