AusLese 2017. Der zweite Teil

Literatur ist Wissen, wie beschränkt auch immer – wie alles Wissen. Doch sie ist nach wie vor einer der wichtigsten Wege, die Welt zu verstehen. Gute Schriftsteller verstehen viel von Komplexität, von der Komplexität der Gesellschaft, des privaten Lebens, der familiären Abhängigkeiten und Gefühle, von der Macht des Eros, von den unterschiedlichen Ebenen des Empfindens und Kämpfens. (Susan Sontag)

Mit Marc-Uwe Kling ins QualityLand.

Klings Känguru-Chroniken haben landesweit Leser und Hörer begeistert. Insbesondere die Hörbuch-Versionen verkaufen sich wie warme Schrippen. Offensichtlich treffen die beiden Hauptfiguren, der Erzähler und sein Haustier mit Migrationshintergrund (Australien ist eigentlich ein sicheres Herkunftsland!), einen empfindsamen Nerv des Lesepublikums. So verrückt, so anarchisch, ja so frei, wäre man gern und ist gleichzeitig erleichtert, dass man es nicht ist.

Mit seinem neuen Buch stößt der vielseitige Autor, Kabarettist und Sänger in epische Dimensionen vor. Ein satirischer Zukunftsentwurf, bei der uns gelegentlich das Lächeln in den Mundwinkeln gefriert, denn Kling siedelt seine Visionen nicht in einem fernen Jahrhundert an, sondern lässt ahnen, dass diese schöne neue Welt bereit ist zur neuen Wirklichkeit zu werden. Hauptperson des Romans ist der Maschinenverschrotter (sic!) Peter Arbeitsloser (sic! sic!) der sich wundert, kaum noch zwischen Mensch und Maschine unterscheiden zu können. Algorithmen steuern beide. Die sich einstellende Beklemmung wird gemildert durch den locker humorvollen Erzählstil.

Ich hab die Geschichte nur angelesen. Science Fiction liegt mir schon länger nicht mehr, schon gar nicht wenn sie so zeitnah daherkommt. Marc-Uwe Kling ist auf mich nicht angewiesen. Sein QualityLand begeistert bereits eine ständig zunehmende Leserschar. Und Marc-Uwe Kling ist zweifellos ein Schriftsteller mit Zukunftspotential.

Kling, Marc-Uwe: QualityLand. Roman. – Ullstein, 2017

(Es gibt eine graue und eine schwarze Edition, die sich so weit ich das verstanden habe, inhaltlich nicht unterscheiden. Und es gibt bereits die ungekürzte Hörbuch-Einlesung des Autors.)

Liebwies von Irene Diwiak.

Dies ist der beachtliche Erstling einer jungen österreichischen Debütantin. Mit ihrer prallen Fabulierlust erinnert ihr erster Roman ein klein wenig an Vea Kaiser, wenngleich Diwiaks Erzählweise noch etwas die allerletzte Dichte fehlt.

Wir schreiben das Jahr 1924. Ganz Österreich leidet unter den wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkriegs. Der kriegsversehrte Lehrer Köck schlägt in einem abgelegenen Provinznest auf, dort erleben die Einheimischen Automobile noch als Sensation und hat die Schulpflicht der Feldarbeit zu weichen. Er lernt zwei junge Frauen kennen. Die eine kann gut singen, die andere sieht gut aus. Zweiter verfällt der Musikexperte Christoph Wagenrad. Obwohl nahezu unbegabt, bringt er sie ans Konservatorium und will sie zum Star aufbauen. Unterstützen soll ihn dabei die Oper eines Komponisten, der gar nicht komponiert.

Es geht um Gier nach Ruhm und falschen Glanz in diesem in historischer Zeit angesiedelten Roman. Der ist recht eigentlich kniezer Seitenhieb und hübsche kleine Parabel auf den Kulturbetrieb früherer und heutiger Tage. Nominiert für den Österreichischen Buchpreis.

Diwiak, Irene: Liebwies. Roman. – Deuticke, 2017

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Justizpalast von Petra Morsbach.

Vielleicht ist das Schicksal eine Summe falscher Motive.

Die Geschichte der begabten Thirza Zorniger. Sowohl künstlerisch wie juristisch familiär vorbelastet, entscheidet sie sich für die Juristerei und bringt es bis zur Richterin am und im legendären Münchener Justizpalast. Ein Roman über die Zwiespältigkeit von Gerechtigkeit, der interessante Einblicke in Denkweise und Befindlichkeiten von Menschen die in unserem Rechtssystem tätig sind gewährt. Das ermöglichen die jahrelangen Recherchen der Autorin, sie verleihen der Hauptfigur und ihrer Berufs- und Lebensbahn eine hohe Authentizität. Alles andere als ein Freund von Justizromanen, habe ich das Buch verschlungen.

So ganz nebenbei habe ich auch noch Einiges gelernt. Zum Beispiel welch hohes Gut unsere verfassungsrechtliche Gewaltenteilung darstellt, wie wichtig es ist diese zu verteidigen. Ich habe erfahren wie schwerwiegend verfassungswidrig die Ära des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß verlief, mit welcher Selbstbereicherung der Familie Strauß dies verbunden war und dass so vieles darüber nicht aufgeklärt werden konnte, bzw. durfte. Die zahlreichen kurzen Fallschilderungen in diesem umfangreichen Roman können als Anekdoten, die etwas ausführlicheren als eingestreute Kurzgeschichten gelesen werden. Sie ergeben ein farbiges Bild menschlicher Abgründe und Vergeblichkeiten.

Morsbach, Petra: Justizpalast. Roman. Albrecht Knaus Verlag, 2017

Elif Batuman ist Die Idiotin.

Wie schon im ersten Teil der diesjährigen AusLese, gibt es im zweiten wieder ein Buchmensch-Buch.

Das erste Studienjahr einer jungen Amerikanerin türkischer Abstammung. Allein an der großen Universität. Es ist 1995. Was man wohl mit dieser neuartigen E-Mail anfangen kann? fragt sich die Protagonistin, die der Autorin ähnelt. Dann die zweite Liebe. Die erste ist die zur Literatur. Mühsames Gewöhnen an eine akademische Betrachtung der Welt. Die ersten Auslandserfahrungen. Es ist ein Mädchenbuch, immerhin kommen gegen Schluss sogar Pferde vor. Ungarische. Männer dürfen und sollten es dennoch unbedingt lesen.

Dieser staunende Rückblick in Romanform der inzwischen vierzigjährigen Batuman ist ironisch distanziert, ehrlich und leichtfüßig. Die junge weibliche Hauptfigur kommt auf sympathische Weise wissensdurstig, unbeholfen und bookish rüber. Muss man angesichts des verschmitzten Titels noch erwähnen, dass sie ganz besonders für russische Literatur schwärmt? Kenner wissen das bereits, denn sie haben ihren vor einigen Jahren erschienenen Essayband Die Besessenen gelesen, in dem es schwerpunktmäßig um russische Autoren geht.

Ich liebe diese Idiotin. Habe ihre beiden auf Deutsch erhältlichen Bücher mit Staunen und großem Genuss gelesen.

Batuman, Elif: Die Idiotin. Roman. – S. Fischer, 2017

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Das Buch der Spiegel von Herrn E. O. Chirovici, der uns über seine vollständigen Vornamen glaubt im Unklaren lassen zu können.

Es geht um das falsche Spiel mit einem überraschend aufgefundenen Manuskript, das der Literaturagent Peter Katz bekommt. Darin schreibt ein gewisser Richard Flynn über die Ermordung eines Princton-Professors. Ein bis dato unaufgeklärter mysteriöser Fall. An entscheidender Stelle endet das Manuskript. Katz versucht den Rest des Textes ausfindig zu machen. Dass dies nicht ohne Verwicklungen und allerhand Charaden vonstatten geht, darf man von einer spannenden Geschichte erwarten.

Mir gefiel an dem Buch, dass seine Handlung mit dem Literaturbetrieb zu tun hat. Zudem liebe ich – vorzugsweise angloamerikanische – Campusromane. Mit beiden Vorlieben kam ich voll auf meine Kosten. Kategorie: Niveauvolle Unterhaltunsliteratur.

Der Verfasser übrigens bekam von seinen Eltern den klangvollen Doppelvornamen Eugen-Ovidiu, was herauszubekommen kein großes Problem ist. Er stammt aus einer rumänisch-ungarisch-deutschen Familie die einst in Transsilvanien zuhause war, residiert nunmehr in Brüssel und schreibt Englisch.

Chirovici, E. O.: Das Buch der Spiegel. Roman. – Goldmann, 2017

Schünemann und Volic: Kornblumenblau / Pfingstrosenrot / Maiglöckchenweiß.

Pfingstrosenrot? Auf dem Amselfeld wurden im Laufe der Jahrhunderte so viele Schlachten geschlagen und so viel Blut vergossen, dass hier die Pfingstrosen besonders üppig blühen. Im Alltag der heutigen Staaten des ehemaligen Jugoslawien sind die ethnischen und religiösen Konflikte noch lange nicht befriedet, die jungen Staatsgebilde alles andere als stabil. Hier spielen die Kriminalromane des Autorenduos Schünemann und Volic rund um die Belgrader wissenschaftliche Kriminologin (nicht Polizistin!) Milena Lukin. Als Taschenbuch-Neuerscheinung habe ich Pfingstrosenrot in Hartliebs Buchhandlung erstanden, bei meinem letzten Wien-Besuch vor einigen Wochen und während eines Bummels durch die Währinger Straße. (*)

In diesem mittleren von inzwischen drei Lukin-Bänden geht es um die falschen Versprechen  mit denen Menschen im Rahmen eines Rückkehrprogramms in ihre alte – für immer verloren geglaubte – Heimat, das Kosovo gelockt werden. Dort warten Enttäuschung und in einem besonderen Fall der Tod. Korrupte Machenschaften, undurchschaubare Seilschaften und rücksichtslose Bereicherung bilden den Sumpf einer vor allem für die junge Generation trostlosen Gegenwart. Mehr als in den meisten Fernsehberichten und Zeitungsartikeln erfährt man in diesen Krimis über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in den Balkanstaaten, hier mit Schwerpunkt Serbien. Dabei kommen Spannung und Unterhaltung keinen Moment zu kurz. Jelena Volic ist eine intime Kennerin der Verhältnisse, sie stammt aus Belgrad, hat deutsche Literatur studiert und ist Expertin für die deutsch-serbischen Beziehungen.

Kornblumenblau, den ersten Band der Reihe, habe ich bereits vor einiger Zeit gelesen und war danach sehr gespannt auf die weiteren Bücher. Mit Milena Lukin, der von einem Deutschen geschiedenen Mutter eines Sohnes, ist den beiden Autoren eine äußerst glaubwürde Hauptfigur gelungen. Maiglöckchenweiß ist dieser Tage als Hardcover bei Diogenes erschienen, ich warte wieder die TB-Ausgabe ab.

Schünemann, Christian; Volic, Jelena: Pfingstrosenrot. – TB-Ausgabe. Diogenes, 2017

Dito: Kornblumenblau. – TB-Ausgabe. Diogenes, 2015

Dito: Maiglöckchenweiß. – Geb. Ausg. Diogenes, 2017

(*) Die Währinger Straße in Wien liegt etwas außerhalb der touristischen Zentren und ist eine interessante Bummelmeile mit zahlreichen kleinen bis mittelgroßen Geschäften und teils sehr traditionellen Sortimenten, darunter eben Hartliebs heimelige Buchhandlung, betrieben seit gut zehn Jahren von Petra Hartlieb und ihrem Mann. Hartlieb ist ja inzwischen selbst eine bekannte Autorin, letztes Jahr erschien ihr Ein Winter in Wien. Für das Frühjahr ist die Fortsetzung angekündigt. Sie trägt den folgerichtigen Titel Wenn es Frühling wird in Wien. Freunde dieser Geschichte, die im Jugendstil-Wien spielt, dürfen sich vorfreuen.
Nur wenige Schritte abseits der Währinger Straße findet man die Strudlhofstiege, bekannt aus Heimito von Doderers gleichnamigen Wienepos. Eine der Seitenstraße ist die Berggasse, in der einst Sigmund Freud wohnte und wirkte, und in der man heute das Freud-Museum besuchen kann. In Robert Seethalers Roman Der Trafikant ist Freud Zigarren- und Zeitungskäufer in dem kleinen Laden des Otto Trsnjek auf der Währinger. Petra Hartlieb macht in ihrer Erzählung den jungen Otto zu einem ihrer buchhändlerischen Vorgänger, der den Dichter Arthur Schnitzler beliefert, der mit Familie um die Ecke wohnt. Viel Literatur rund um diese Wiener Straße.

AusLese 2017. Der erste Teil

 

Erzählt und erschrieben. Gedruckt und gebunden. Lese- und Bücherfreuden sind im postanalogen Zeitalter keineswegs ausgestorben. Hier sind wieder meine Favoriten der letzten Monate. Bücher, die mich angeregt, gepackt und bewegt haben. Bücher über die ich mich freue. Einfach weil es sie gibt.

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Acht Berge und Fontane Numero 1 von Paolo Cognetti.

Ich war überrascht und erstaunt welchen Sog Acht Berge auf mich ausgeübt hat. Auf mich als jemanden, der durchaus den erholsamen Charakter alpiner Regionen zu schätzen weiß, der jedoch nie als Extremwanderer oder Bergsteiger zu den höchsten Gipfeln unserer Alpen unterwegs war. Genau das sind die Protagonisten Paolo Cognettis.

Der norditalienische Schriftsteller schreibt über den Kontrast zwischen Zivilisationswirklichkeit, den scheinbar unvermeidlichen Zwängen in modernen Großstadtgesellschaften und der Suche nach dem einfachen Leben in abgelegenen naturnahen Gegenden. (Wer hier an Thoreau denkt liegt nicht falsch, doch Cognetti lebt und schreibt im 21. Jahrhundert.) Er findet seine alternativen Fluchtorte in fast verlassenen Dörfern der piemontesischen Berge. Diesen, den meisten von uns fremden Lebensraum schildert er detailliert realistisch, das Leben dort bei aller Kargheit suggestiv erstrebenswert. Man möchte aufbrechen und ihm folgen. Sein umfangreicher Roman Acht Berge ist auch die berührende Geschichte einer Kinderfreundschaft, zweier Jungs die als erwachsene Männer sehr unterschiedliche Wege einschlagen und sich dabei nie ganz aus den Augen verlieren.

Fontane Nr. 1. Ein Sommer im Gebirge ist kein Roman, vielmehr so etwas wie ein autobiographischer Essay. Der schmale Band handelt von den Zweifeln des Autors an der hyperventilierenden Existenz moderner westlicher Großstädter, ihren standardisierten globalen Lebens-, Arbeits- und Konsumwelten und all den damit verbundenen Notwendigkeiten der Selbstverleugnung. Dem wird die Unwirtlichkeit und Ursprünglichkeit eines Lebens auf 2.000 Meter Höhe im Monte-Rosa-Massiv gegenübergestellt. Welche Schwierigkeiten und Veränderungen des Individuums dies mit sich bringt hat Cognetti in sehr genauen äußeren Beobachtungen und inneren Reflexionen erkundet und notiert.

Cognetti, Paolo: Acht Berge. Roman. – München : Deutsche Verlags-Anstalt, 2017

Cognetti, Paolo: Fontane Numero 1. Ein Sommer im Gebirge. – Rotpunktverlag, 2017

So tun, als ob es regnet

Iris Wolff und ihre Bücher gehören für mich zu den eindrucksvollsten Entdeckungen und Leseerfahrungen des Jahres 2017. Auf con=libri habe ich sie ausführlich vorgestellt. Hier möchte ich einmal mehr ihr neuestes Werk allen Literaturenthusiasten ans Herz legen.

Bei der Lektüre von So tun, als ob es regnet, dem Roman in vier Erzählungen, habe ich mich nicht gewundert ein Zitat von Hermann Lenz vorangestellt zu finden: Du musst dich umschauen, sieh um dich; was du bemerkst, das gehört dir. Mag sein die Schriftstellerin zählt diesen zeitlebens bescheidenen Außenseiter der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zu ihren Vorbildern. Eine legitime Nachfolgerin ist Iris Wolff allemal.

So tun, als ob es regnet (der Titel ist die deutsche Übersetzung einer rumänischen Redewendung), beginnt mit einer sanft erotisch durchwirkten Episode, die vom Schicksal eines sehr jungen Soldaten im Ersten Weltkrieg handelt. Ein Brief von zuhause gefährdet Jacobs Durchhaltevermögen – mit dramatischen Folgen. In der zweiten Geschichte beschäftigt den Leser vorrangig die Frage ob die Hauptperson Henriette die Tochter Jacobs ist. In der dritten schließlich verpasst der draufgängerische Vicco den frühen Tod nur knapp und kommt so gerade noch rechtzeitig um die erste Mondbegehung eines Menschen im Fernsehen mitzubekommen. In jeder neuen Episode ist irgend jemand mit einer Person aus der vorherigen verwandt. Im letzten Teil sind wir in der Gegenwart angekommen und eine Enkelin der Henriette ist nach La Gomera ausgewandert. Es geschieht Merkwürdiges, Realität und subjektive Wahrnehmung verschwimmen. Hier verlässt Iris Wolf schließlich den Erzähl- und Kulturraum des alten Siebenbürgen, den Mittelpunkt, die Hauptbühne ihrer bisher drei Romane.

Die malerische Sprache und die sparsame, sehr gezielt eingesetzte Handlung sind kennzeichnend für den Stil Iris Wolffs. Die vier lose verbundenen Erzählungen des neuesten Romans könnte man als kleine Novellen bezeichnen. Jede berichtet von einer überraschenden Neuigkeit und hält unerwartete Wendungen bereit. In Iris Wolffs Büchern spielt die Natur eine zentrale Rolle, besonders gefallen mir ihre Spätsommer-Schilderungen: Mit dem September veränderte sich etwas. Die Kastanien wussten es immer als erstes. In den Schatten verschanzte sich kühlere Luft, die Blätter fingen an zu welken. … Die Birnen leuchteten in der Dämmerung wie kleine Lampions. … Melonen lagen wie verstreute Bälle herum.

Wolff, Iris: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. Salzburg : Otto Müller Verlag, 2017

Die Erzählerin Iris Wolf und ihre Welt auf con=libri

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Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky.

Diesen Titel vorzustellen heißt wahrscheinlich die berüchtigten glotzäugigen Eulen nach Athen tragen. Sicher kennen Viele schon diesen literarischen Leckerbissen oder kennen jemanden der davon geschwärmt hat. Hier finden Niveau und Unterhaltsamkeit auf feinste Weise zusammen. Allen die sich noch nicht von dieser Geschichte in den Westerwald locken ließen, kann nur dringend empfohlen werden, dies schleunigst nachzuholen.

Sehr schnell nämlich entwickeln Leser heftige Sympathien für das Hauptpersonal dieses wunderbaren Romans. Im Mittelpunkt steht eine junge Erzählerin auf dem Weg ins wahre Leben und zu ihrer großen Liebe. Vor allem Letztere erfordert sehr viel Geduld von ihr. Dann sind da noch – neben allerhand originellen Dorfbewohnern und einigen buddhistischen Mönchen – die Großmutter Selma, deren seherischen Fähigkeiten ebenso gefürchtet wie umstritten sind und ein empathischer Mensch namens Optiker, der Selma ein Leben lang vergeblich nachliebt ohne ihr seine Zuneigung jemals eindeutig ausdrücken zu können.

Wir wundern uns ohne Ende: Der Schauplatz ist nicht das sonst in der jungen deutschen Literatur so unvermeidliche Berlin, sondern ein Dorf hinter den sieben Bergen. Das ist sprachlich eigenwillig und dennoch so unfassbar fesselnd. Es ist humorvoll und dabei nicht ohne Tragik. Und es ist reich an kleinen Klugheiten. Lesenlesenlesen!

Leky, Mariana: Was man von hier aus sehen kann. Roman. – Köln : DuMont Buchverlag, 2017

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Die Statusmeldungen der Wienerin Stefanie Sargnagel.

Jetzt ein ganz anderer Ton, ein ganz anderes Genre. Das neue Buch der Kabarettistin, Slammerin, bachmannpreisgekrönten und zunehmend angesagten Autorin, die sich seit einiger Zeit auf ausgedehnter Lesetour befindet und neulich sogar in Ulm Station machte. (Fast 50 Menschen ist das aufgefallen). Statusmeldungen besteht aus kurzen bis sehr kurzen Skizzen, Pseudo-Tagebucheinträgen, Dialogen, Erlebnissen und skurrilen Aphorismen. Die meisten dieser wortkünstlerisch gestalteten Aufzeichnungen hat Stefanie Sargnagel im Alltäglichen um sich herum entdeckt und aufgelesen. Beispiele? Bitte.

Selbsterkenntnis: Ich bin überraschungseisüchtig. Es ist zu einem richtigen Problem geworden. Den ganzen Tag Spiel, Spaß, Spannung, Schokolade, Spiel, Spaß, Spannung, Schokolade.

Zum Zeitgeist: Wann checkt Sarah Wiener endlich, dass wir Proleten niemals Eier um 5 Euro kaufen werden, egal wie oft sie’s noch auf Arte sagt.

Einsichten: Was spricht eigentlich gegen eine Islamisierung Europas? Die Österreicher sollten eh weniger saufen und Schweinefleisch essen, und die Teppiche sind urchillig.

Oder: Am Berg ist auch noch nie irgendwas entstanden außer Nazi-Lyrik.

Mal profäkal, mal politisch unkorrekt, stetem Rausch verpflichtet, immer satirisch und offen, schlagfertig und luschig. 30 ist das neue 90. Das richtige Buch für ewig Halberwachsene und alle die sich wieder einmal so fühlen wollen. Junge Literatur, die ihren Weg aus dem digitalen Weltnetz auf bedrucktes Papier zwischen sorgfältig gebundene Buchdeckel gefunden hat. Sätze und Absätze einer angehenden Schriftstellerin von der wir eines Tages ganz anderes lesen werden – und wir können dann sagen die kannten wir schon als sie noch so und so… Blauer Leineneinband, werthaltige Anmutung!

Sargnagel, Stefanie: Statusmeldungen. – Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 2017

Buch eines Buchmenschen nicht nur für Buchmenschen ist Das deutsche Krokodil von Ijoma Mangold.

Meine Geschichte heißt der Untertitel dieses intimen Bildungs- und Entwicklungsromans. Es ist die verdichtete Nacherzählung eines nicht ganz typischen deutschen Schicksals.

Dass die Literaturkritiker Denis Scheck und Ijoma Mangold sehr viel gemeinsam haben ist unstrittig. Ihr Aussehen gehört nicht dazu. Haare und Hautfarbe sind ein wichtiges Thema im Leben des ganz jungen Ijoma Alexander Mangold, aber keineswegs das beherrschende in seinen Erinnerungen, dessen Titel nicht nur auf seine afrikanische Teilabstammung, sondern ausdrücklich auf die Faszination des Kindes für eine schweizerische und deutsche Lokomotive mit dem Spitznamen Krokodil anspielt.

Seine Hautfarbe, seine Haare sind es nicht, die ihn als Kind und Heranwachsenden zum (akzeptierten) Außenseiter machen. Es ist seine Vorliebe für Hochliteratur und klassische Musik, die sich in Begeisterung für Thomas Mann und Richard Wagner, für Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauß exemplarisch ausdrückt. Wir sind überrascht wie lange das schon wieder her ist, wenn uns der Autor, der in Heidelberg aufwuchs, in die Zeit der 1970er- und 1980er-Jahre mitnimmt. Die Generation seiner Eltern und Großeltern hat Krieg und Vertreibung erlebt und der Heranwachsende erlebt die Schicksale nach in den Erzählungen seiner Vorfahren.

Das begabte Kind einer unabhängigen alleinerziehenden Mutter kam 1971 zur Welt. Mit Spannung und Interesse liest man wie der Autor in der Rückschau als inzwischen renommierter Journalist seine zeitgeschichtliche und persönliche Sozialisation wahrnimmt. Die Beziehung zur Mutter ist symbiotisch, ihre Schilderung und Analyse nimmt breiten Raum ein in diesem mitreißend zu lesenden autobiographischen Zwischenbericht. Es sind gleichzeitig die anrührendsten Passagen des Buchs.

Mangold, Ijoma: Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte. – Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 2017

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Nächste Woche wird nachgeschenkt von der süffigen AusLese 2017.

Nicht nur Walser

Bei Gmeiner ist ein umfangreicher Text- und Bildband zur Literatur in Oberschwaben seit 1945 erschienen.

Die vordere Umschlagseite zeigt auf einer Schwarzweiß-Fotografie Maria Menz im Gespräch mit Martin Walser. Die beiden verdeutlichen in beispielhafter Weise das weite Spektrum der oberschwäbischen Literaturszene im 20. Jahrhundert. Hier einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren, vielgelesen, vielgefragt, von dem ein umfangreiches Werk unterschiedlicher Gattungen vorliegt, das verfilmt wurde, übersetzt, das Kontroversen auslöste und seinen Verfasser zum omnipräsenten Zeitgenossen werden ließ. Im März dieses Jahres wurde er 90 Jahre alt, tourt und schreibt derweil unverdrossen.

Dort die katholische Frau, aus einem dörflichen Umfeld, die ihre Begabung vorwiegend in Form mystisch durchwebter religiöser Lyrik und Dialektdichtung umsetzte, der man die Ausübung ihrer Neigung und Begabung nicht durchgehen lassen wollte, die sich dennoch berufen fühlte und vielfältige Widerstände in Kauf nahm. In jungen Jahren entkam sie für kurze Zeit der heimatlichen Enge. Als Krankenschwester konnte sie sich im großstädtischen Leipzig nicht behaupten, verbrachte schließlich als Außenseiterin ein langes Leben in ländlicher Abgeschiedenheit. Durch Walsers Zuspruch und Unterstützung erfuhr sie bescheidene und späte Anerkennung und ruht seit 1996, bereits fast wieder vergessen, auf dem Friedhof von Oberessendorf bei Biberach.

Literatur in Oberschwaben seit 1945 ist ein über 300 Seiten starker Sammelband mit Aufsätzen ausgewiesener Kenner der Region und ihres literarischen Lebens. So sind unter anderem Peter Blickle, Oswald Burger, Ulrike Längle und Peter Renz mit Beiträgen vertreten. Jeder Aufsatz ist in sich abgeschlossen und kann separat gelesen werden. Kleinere Redundanzen ließen sich so nicht ganz vermeiden. Der Gmeiner Verlag hat das Werk in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft Oberschwaben editiert, zur Finanzierung des ambitionierten Vorhabens leisteten die Oberschwäbischen Energiewerke einen erheblichen Beitrag.

Manfred Bosch leitet den Band mit seinem Überblick ein. Nicht zufällig trägt der Aufsatz den Titel Oberschwaben als literarische Landschaft nach 1945. Eng verbunden sind die Schriftstellerinnen und Schriftsteller zwischen Donau und Bodensee mit ihrer natürlichen und zivilisatorischen Umwelt, den Hügeln und Tälern, Seen und Flüssen, den kleinen und etwas größeren Städten. Nicht selten findet sich diese Verbundenheit im Werk wieder. Sei es das Leben am großen See bei Walser oder das bäuerlich Existenzielle bei Maria Beig, bis hin zur literarischen Umformung architektonischer und religiöser Besonderheiten bei Arnold Stadler.

Natürlich sind die bekanntesten Namen prominent vertreten. Ernst Jünger, Maria Beig oder Arnold Stadler. Und natürlich Martin Walser, der sich als Patron bis heute immer wieder für die Literatur seiner Gegend und die Persönlichkeiten, die sie schaffen, einsetzt. Denn die Schreibenden Oberschwabens stehen nicht in gleicher Weise im Blickpunkt wie jene der bundesdeutschen Metropolen. So darf man bei der Lektüre des Buches auch an jene denken, die hier nicht vorkommen. Die es trotz einschlägiger Begabung und vorhandenen dichterischen Fleißes nicht geschafft haben verlegt und damit öffentlich überhaupt erst wahrgenommen zu werden. Ganz sicher gehören dazu zahlreiche Frauen des 20. Jahrhunderts. Die Probleme und Hindernisse die Maria Menz, Maria Beig und Maria Müller-Gögler in ihren Laufbahnen und Lebenswegen zu bewältigen hatten, lassen dies zumindest erahnen. Ich weiß, da ist eine Geschichte, und ich weiß, ich werde sie nicht erfahren, beschreibt Cees Nooteboom in seinem Roman Paradies verloren dieses Dilemma.

Ulrike Längle erweitert die Region um das angrenzende Vorarlberg. Das ist geschickt, so sind interessante und bekannte Namen, wie Michael Köhlmeier und Monika Helfer in das Buch geraten. Mit Grenzziehungen ist es ja so eine Sache. Ein geographischer Raum Oberschwaben ist nicht eindeutig definiert und kulturell gibt es traditionell zahlreiche verwandschaftliche Beziehungen, Verflechtungen, Parallelen mit der angrenzenden Nachbarschaft in Österreich, der Schweiz, den bayerischen und badischen Ländereien.

Auf dem vorderen Umschlag sehen wir ein zweites Bild, das uns die malerische Pracht im Inneren des Rathauses der Stadt Wangen erahnen lässt. Und wir sehen die Teilnehmer am sogenannten Literarischen Forum Oberschwaben, die sich hier zu einer ihrer jährlichen Zusammenkünfte getroffen haben. Zu den Förderern, Inspiratoren oberschwäbischen Kunstschaffens im weitesten Sinne gehörte der feinsinnige Kommunikator Walter Münch, einst Landrat des Kreises Wangen, als es diesen noch gab. Er und weitere engagierte Mitstreiter waren es, die die Tradition des Forums ins Leben riefen. Es handelt sich dabei um offene Treffen von Autoren und Autorinnen, die aus dem Gebiet stammen oder sich ihm zugehörig fühlen, zu zwanglosem Kennenlernen und Erfahrungsaustausch. Das Buch berichtet darüber ebenso wie über das Wirken einer literarischen Gruppe, die als Ravensburger Kreis bis 2005 existierte.

Literatur in Oberschwaben seit 1945 gewinnt zusätzlichen Wert und Reiz durch die zahlreichen Abbildungen, darunter viele Personenporträts. Ein großer Teil der Fotografien stammt von dem in diesem Jahr verstorbenen Rupert Leser. Über viele Jahrzehnte ein in vielen Medien und Ausstellungen vertretener Bildchronist der oberschwäbischen Landschaft und ihrer Menschen.

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Weber, Edwin Ernst (Hrsg.): Literatur in Oberschwaben seit 1945. – Gmeiner-Verlag, 2017

(Der größte Teil der Beiträge in diesem Buch basiert auf Vorträgen während einer Tagung der Gesellschaft Oberschwaben, die 2011 im Volkshochschulheim Inzigkofen stattfand.)

Hermann Hesse heute: “Kinderseele” mit Illustrationen von Marie Wolf

Fast drei Jahrzehnte hat es gedauert bis Hermann Hesse in der Lage war eines seiner bedrückenden Kindheitserlebnisse literarisch aufzuarbeiten. Eine Geschichte von Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen, kindlicher Angst, eine Geschichte über die Beziehung zu einem übermächtig scheinenden Vater, über schwäbisch-pietistische Erziehung im ausgehenden 19. Jahrhundert.

“Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach Hause, an einem von den Tagen, wo Schicksal in den Ecken lauert, wo leicht etwas passiert. An diesen Tagen scheint jede Unordnung und Störung der eigenen Seele sich in unserer Umwelt zu spiegeln und sie zu entstellen. Unbehagen und Angst beklemmen unser Herz, und wir suchen und finden ihre vermeintlichen Ursachen außer uns, sehen die Welt schlecht eingerichtet und stoßen überall auf Widerstände.”

Die Büchergilde Gutenberg hat es unternommen, diese für Hesse so exemplarische, meisterhafte Erzählung als eigene Veröffentlichung neu herauszugeben. Sie wurde von Hesse Ende 1918 geschrieben, erschien erstmals in der 181. Nummer der “Deutschen Rundschau” und in Buchform 1920 in einem Band mit “Klingsors letzter Sommer” und “Klein und Wagner”. Die Büchergilde zeigt verlegerischen Mut mit dieser feinen kleinen Einzelveröffentlichung.

Der jungen Illustratorin Marie Wolf gelingt mit ihren farbigen Bildern eine überraschend plastische und passende Interpretation. Szenen aus unserer Zeit, die gleichzeitig mystisch aufgeladene Parabeln sind. Sachlich, scheinbar naiv in der Ausführung, einmal in zarten Pastelltönen, ein anderes mal dunkel, düster, bedrohlich.

Im Nachwort erzählt sie welche Assoziationen die Lektüre des Hesse-Textes bei ihr auslöste und so die Formensprache ihrer Zeichnungen anregte. Die religiös aufgeladenen Metaphern, die gottgleiche Rolle des Vaters, die Macht der Erwachsenen über die Kinder. Sie fragte sich “Kinderseele! Was hat mich beschäftigt und bewegt, als ich in diesem Alter war? Was ist meine ‘Kinderseele’?” Dabei fallen ihr Situationen ein, in denen sie als Kind ein schlechtes Gewissen hatte, Situationen wie sie alle Kinder in irgendeiner Form kennenlernen. Kinder können die Größenordnung ihres, oft nur scheinbaren, Fehlverhaltens noch nicht einordnen, reagieren mit Ohnmacht und Angst vor den Konsequenzen. Diese Gefühle verfolgen sie sehr lange, bis in alptraumreiche Nächte.

Die Protagonisten in Wolfs Zeichnungen haben menschliche Körper und Tierköpfe. Die Hauptfigur, das alter ego Hermann Hesses, ist ein junger Affe. Ein Tier das in der christlichen Symbolik für Eitelkeit, Lüsternheit und Bosheit steht. Was dem subjektiv empfundenen Selbstbild des Jungen entspricht. Der Vater als Adler verkörpert ein übermächtiges Tier, das Intelligenz, Überlegenheit und göttliche Fürsorge ausstrahlt.

Marie Wolf auf der Leipziger Buchmesse 2017

Marie Wolfs Kinder der Gegenwart sind in den Plattenbauten der großstädtischen Vororte zu Hause. Ihre Spielplätze sind betonierte Wege zwischen Häuserschluchten und triste Schulhöfe, die familiäre Atmosphäre erscheint kalt, die Rollenverteilung klassisch. Wolf wurde 1991 geboren und wuchs selbst in einer Erfurter Plattensiedlung auf. Die Beziehung zu den Eltern war harmonisch, extreme Erfahrungen wie sie Hermann Hesse widerfuhren, gab es in ihrer Kindheit nicht.

Seit einem Studium in Kommunikationsdesign arbeitet sie freiberuflich. Bei ihrer Vorstellung des Buches auf der Leipziger Buchmesse hat mich fasziniert, wie sich eine Leserin ihrer Generation so selbstverständlich in die Vorstellungswelt eines Schriftstellers aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts einfühlen kann.

Ich habe sie deshalb nach ihren Hesse-Lektüren gefragt. Und sie hat mir erzählt, dass ihre erste Begegnung tatsächlich im gymnasialen Deutsch-Unterricht stattgefunden hat. Es gab da einen Lehrer, der die Schulgeschichte “Unterm Rad” mit seinen Schülerinnen und Schülern durchnahm. Danach hat Marie Wolf den “Steppenwolf” gelesen. Eine erstaunliche Lektüre-Biographie.

Ihre zeichnerische Interpretation von Hesses “Kinderseele” bietet nicht nur Einblick in ihre künstlerische Ausdrucksfähigkeit und einen ausgeprägten Gestaltungswillen, sondern ist darüber hinaus die gute Gelegenheit eine der vielen wunderbaren Erzählungen Hermann Hesses neu zu entdecken und vielleicht Lust auf mehr davon zu bekommen. Das schön gestaltete und hochwertig ausgestattete Buch eignet sich auch sehr gut zum verschenken.

Hesse, Hermann; Wolf, Marie (Illustrator): Kinderseele. Erzählung (Mit 13 vierfarbigen Illustrationen und einer Nachbemerkung der Illustratorin, fester Einband mit schillerndem Papier, Format 15 x 19,5 cm, Buchgestaltung von Cosima Schneider, 72 Seiten.) Edition Büchergilde, 2017. Euro 18 (Mitglieder Preis Euro 17)

“Zum Lesen gibt es keine Alternative” – Notizen zur Leipziger Buchmesse 2017 (II)

Buchmesse 2016. Buchmesse 2017. In den letzten 12 Monaten hat sich die Welt verändert. Deshalb werden in diesem Jahr die Besucherströme kanalisiert und auf allen Zugangswegen Sicherheitskontrollen durchgeführt. Kräftige Männer in Plastewesten mit fluoriszierenden Streifen erkundigen sich freundlich ob Hieb-, Stich- oder Schusswaffen in Handtaschen und Rucksäcken mitgeführt werden, werfen dabei einen meist kurzen Blick in zu öffnende Gepäckstücke. Es geht höflich und verständnisvoll zu. Jedoch, an den “Dolch im Gewande” denkt niemand.

Am taz-Stand sorgte einer der überzeugtesten und überzeugendsten Europäer für enormen Andrang. Mit Schlagfertigkeit und knitzem Humor erreicht der 92-jährige Alfred Grosser mühelos ein junges Publikum. Überall in Europa sind es vor allem junge Menschen, die am Gemeinschaftsgedanken, an freien Grenzen und freiem Denken festhalten wollen. Grosser bestätigt diese Haltung, verkörpert sie selbst ausgesprochen glaubwürdig und bekommt dafür viel Zustimmung und Beifall.

Alfred Grosser (rechts)

“Le Mensch” ist der Titel seines neuesten Buches, das er auf der Messe vorstellte, “Die Ethik der Identitäten” der Untertitel. “Facettenreich und mit vielen persönlichen Rückblicken schreibt Grosser über die Entstehung und Moral sozialer Identität. Dabei wehrt er sich gegen ein altes Grundübel, das aktueller ist denn je – den Finger, der auf andere zeigt, das ‘schlimme DIE’: DIE Muslime, DIE Frauen, DIE Juden, DIE Deutschen, DIE Flüchtlinge. Ein großes Buch, das uns auffordert, auch in schwierigen Zeiten niemals unsere Menschlichkeit zu verlieren.” Heißt es in der Ankündigung des Verlags.

Litauen war das diesjährige Gastland in Leipzig. Ein kleiner Staat am Rande Mitteleuropas, mit einer Ostseeküste, die einst die Familie Mann zu schätzen wusste und in den großartigen Dünen einige Sommerurlaube verbrachte. Ein gewichtiges Pfund für die Tourismuswerbung des baltischen Landes. Darüber hinaus gab man sich alle Mühe den Messebesuchern das literarische Litauen näher zu bringen. Etwa mit einem gedruckten “Crashkurs”, der auf 130 Seiten in “100 Jahre litauischer Literatur” einführt. Die Anzahl der Bücher in deutscher Übersetzung ist nach wie vor überschaubar. Die Titel erscheinen meist in kleineren ambitionierten Verlagen. Wie zum Beispiel dem von Sebastian Guggolz.

Seit wenigen Jahren erst gibt es den Verlag, der sich auf Wiederauflagen und Neuübersetzungen – u. a. von Nobelpreisträgern – aus Nord- und Nordosteuropa spezialisiert hat. Aus Litauen ist der dort allgemein bekannte und sehr verehrte Antanas Skema (1910 – 1961) vertreten. Wie Albert Camus kam der Dichter, der Exiljahre in Deutschland und den USA verbrachte, viel zu jung bei einem Autounfall ums Leben. Der Roman “Das weiße Leintuch” ist sein zentrales, bis heute im Original viel gelesenes Werk. Entlang eigener biographischer Erlebnisse erzählt es vom Schicksal eines Schriftsteller im Exil. Das alter ego des Verfassers schöpft seine Zuversicht sehr stark aus den Erinnerungen an die Heimat. Die baltische Landschaft, literarische Traditionen, Folklore. Die frische Übersetzung ist kommentiert und – wie alle Bücher bei Guggolz – hochwertig ausgestattet.

Sebastian Guggolz (ohne), Klaus Schöffling (mit Bart)

Sebastian Guggolz war mit seinem Verlag einer der Gewinner des diesjährigen “Kurt-Wolff-Preises” für unabhängige Verlage. Während er den Förderpreis entgegennehmen durfte, ging der Hauptpreis an den schon seit vielen Jahren etablierten Verlag Schöffling & Co. und seinen Verleger Klaus Schöffling. “Liebe zum Buch, Mut und Leidenschaft”, seien erforderlich um im heutigen Wettbewerb mit schönen Büchern und außergewöhnlicher Literatur bestehen zu können. So der Laudator Burkhard Spinnen. Gerade die jährlichen Ereignisse auf und rund um die Leipziger Buchmesse zeigen, dass dafür nach wie vor ein gar nicht so kleines Publikum ansprechbar ist.

Besonderes, Schönes, Spannendes und gelegentlich Überraschendes kommt Jahr für Jahr aus der Schweiz. Unsere Nachbarn sprechen, schreiben und lesen ja in nicht weniger als vier Sprachen. Schon bei der Konzentration auf den stärksten Sprachraum, den deutschsprachigen, ist das Angebot so üppig, dass die Auswahl schwer fällt. Martin Suters neuen Roman “Elefant” habe ich allerdings noch nicht gelesen. Ihm wurde einmal mehr große Aufmerksam zuteil, versteht er es doch immer wieder, solide Unterhaltungsliteratur auf gutem Niveau in die Buchläden zu bringen.

Franz Hohler, dessen Erzählungen in der Schweiz schon zum klassischen Schulstoff gehören, war in diesem Jahr mit seinem Gedichtband “Alt?” vor Ort. (“Wird die Sparlampe / die du im WC einschraubst / Brenndauer 10.000 Stunden / länger halten als du?”) Ich habe mir einige von ihm vorgetragene Auszüge angehört, ziehe allerdings seine Prosatexte weiterhin vor. Zuletzt habe ich von ihm den Roman “Gleis 4” gelesen. Noch vergleichsweise jung ist Jonas Lüscher. Ihn konnte ich als Vorleser aus seinem Roman “Kraft” am Schweizer Gemeinschaftsstand erleben. Auf con=libri wurde das Buch bereits besprochen.

Lukas Bärfuss

“Leipzig ist ein Fest für Leser und Schreibende,” findet Lukas Bärfuss, dessen Auftritt mich besonders beeindruckt hat. Er gehört zu denen, die trotz aller professionellen Verbindlichkeiten gerne nach Leipzig kommen. Er spricht über seinen “Hagard”. Anspielungsreich und vieldeutig ist schon der Name des Protagonisten der obsessiven Geschichte. Bärfuss hat eine Schwäche für “Lexiköner” und den Begriff in einem Jagdlexikon gefunden; auch in Shakespears “Kaufmann von Venedig” taucht er auf. Es sind die roten Pumps einer Frau, die er nie richtig zu Gesicht bekommen wird, die Hagards Obsession und seinen daraus resultierenden Niedergang einleiten. Bärfuss: “Kleider machen Leute stimmt gar nicht, Schuhe machen Leute.” Der schmale Roman des Schweizers gehört zu den fesselndsten und originellsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs.

“In dieser kenntnisreichen Biografie dürfen wir alle Astrid Lindgren noch einmal erleben”, schrieb “Dagens Nyheter” als die Originalausgabe von Jens Andersens umfangreicher Lebens- und Werkbeschreibung erschien. Jetzt liegt sie als Taschenbuchausgabe vor. Sie ist deshalb aktuell, weil darin ausführlich die Haltung Lindgrens als Zeitgenossin und politischer Mensch gewürdigt wird. Im Mittelpunkt ihre Vorstellung von einer gewaltfreien Erziehung unter Achtung der Kinderrechte und ihr Wunsch nach einem friedlichen Miteinander in der Welt. Sehr eindrucksvoll sind in diesem Zusammenhang ihre Tagebücher, die sie während des zweiten Weltkriegs verfasst hat. Diese liegen seit Ende letzten Jahres ebenfalls in einer preiswerten broschierten Ausgabe vor

“Und dann muss man ja auch noch Zeit haben einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.” Diese Lebenshaltung schien ihr keinesweg nur für Kinder empfehlenswert. Ihrem Rat zu folgen bietet schließlich die Zugfahrt Richtung Heimat Gelegenheit. Zeit um dazusitzen, aus dem Zugfenster auf das vorbeiziehende Deutschland zu schauen, Begegnungen mit all den Wahlverwandten in Leipzig, auf der Buchmesse und dem Lesefestival “Leipzig liest” Revue passieren zu lassen, natürlich um zu lesen, und ein wenig auch zu träumen. Von einem Europa das nicht an Oder und Memel, Nordsee und Alpen, Rhein und Karpaten enden darf. Es war der an diesen Tagen in Leipzig der am häufigsten geäußerte Wunsch an die Zukunft: Ein friedliches, tolerantes, demokratisches Europa ohne Grenzen, das in jeder Hinsicht offen bleibt.

Foto: Wiebke Haag

Grosser, Alfred: Le Mensch. Die Ethik der Identitäten. – Dietz, 2017. Euro 24,90

Katkus, Laurynas: 100 Jahre litauischer Literatur. Ein Crashkurs. – Lithuanian Culture Institute, 2017

Hier erfährt man mehr dazu und kann die Broschüre anfordern:

www.lithuanianculture.lt

Skema, Antanas: Das weiße Leintuch. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. – Guggolz, 2017. Euro 21

Hohler, Franz: Alt?. Gedichte. – Luchterhand, 2017. – Euro 16

Lüscher, Jonas: Kraft. Roman – s. dazu:

Kraft auf con=libri

Bärfuss, Lukas: Hagard. Roman. – Wallstein, 2017. Euro 19,90

Andersen, Jens: Astrid Lindgren. Ihr Leben. – Pantheon, 2017. Euro 16,99 (Dt. Originalausgabe bei DVA, 2015)

Lindgren, Astrid: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939 – 1945. – Ullstein Taschenbuch, 2016. Euro 14 (Dt. Originalausgabe Ullstein, 2015)

„Kraft“ von Jonas Lüscher

Ein kurzer Blick auf den Klappentext und ich wusste, dass ich an diesem Buch nicht vorbeikomme: „Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen …“ Ein Buch über einen fiktiven Nachfolger des legendären Walter Jens. Ein Buch also, wie für mich gemacht? Nicht ganz, denn schon nach wenigen Seiten war ich genau da, wo ich mit meiner aktuellen Lektüre nicht hinwollte. In den Vereinigten Staaten von Amerika. Die penetrante PR für zwei dickleibige Wälzer von dort hatten mich in den letzten Wochen eher abgeschreckt. Der Trend ist nun einmal nicht mein Freund. Mir war noch gut in Erinnerung, dass vor einem Jahr der neue Franzen längst nicht hielt, was die Werbetrommeln verkündet hatten.

Kraft hat eine beachtliche akademische Karriere absolviert, die ihn bis auf den renommierten Lehrstuhl in Tübingen und zu Kongressen und Vorträgen in der ganzen Welt brachte. Dennoch sieht er sich als gescheitert – sein Maßstab für Erfolg und Glück ist in erster Linie ein materieller. Geld bedeutet ihm Freiheit. Seine Freiheit hat er mit mehreren gescheiterten Ehen, den Kindern und den entstandenen finanziellen Verpflichtungen restlos eingebüßt. Die so entstandene, von ihm als nahezu ausweglos empfundene Situation macht er für seine nachlassende geistige Schaffenskraft und Kreativität verantwortlich. Er wartet auf einen Befreiungsschlag.

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Die Chance darauf tut sich auf in Form eines Wettbewerbs den ein us-amerikanischer IT-Unternehmer und Multi-Milliardär ausgeschrieben hat. Eine Million Dollar winken dem Gewinner eines Essay-Wettbewerbs. Dieser Aufsatz ist im direkten Wettstreit mit anderen Teilnehmern öffentlich zu präsentieren. Thema ist die Gottesfrage, auch als Theodizee-Problem bekannt. Warum lässt Gott das Schlechte auf der Welt zu? Kann Gott existieren, wenn der von ihm geschaffene Mensch so viel Böses anrichtet? Und wenn Gott existiert, warum verhindert er dann Kriege und Elend nicht? Die konkurrierenden Denker haben zudem nachzuweisen, warum die Welt gut ist wie sie ist.

Krafts Noch-Ehefrau strebt ebenfalls nach einer Zukunft ohne den Gatten. Sie bestärkt ihn in seinem Plan an der Ausschreibung teilzunehmen und bereits für die Vorbereitung nach Kalifornien zu reisen. „Geh, gewinne, bring uns das Geld nach Hause, damit wir alle wieder unsere Freiheit haben, hört Kraft Heike sagen, und dabei muss er an ihren Hallux denken.“

Bei der Familie des alten Freundes Ivan (Isztvan), einem Exil-Ungarn, findet er eine Bleibe und in einer der großzügigen Forschungsbibliotheken den adäquaten Arbeitsplatz. Doch die Arbeit will nicht recht gelingen. Immer mehr drängen sich Erinnerungen an den bisherigen Lebensweg und Reflektionen über vergebene Möglichkeiten in den Vordergrund. Kraft war stets glühender Anhänger einer libertären Wirtschaftsordnung. Ronald Reagan, Maggie Thatcher und Graf Lambsdorff hat er bewundert, vorübergehend an das geistig-moralische Wende-Versprechen Helmut Kohls geglaubt und den Kräften der Märkte vertraut. Die Begegnung mit dem real existierenden Unternehmertum, mit forschen Dienern des Kapitalwachstums, narzisstischen Waffenträgern und softwareentwickelnden Dauerpubertären, bringt sein Weltbild ins Wanken.

Diese ideologische Ausrichtung des Protagonisten gehört zu den Besonderheiten des Buches und unterscheidet es deutlich von den linksalternativen Lebensentwürfen hinter bodentiefen Fensterscheiben der Hauptstadt, die so häufig im Mittelpunkt der Werke gegenwärtiger Jungautoren stehen.

Zudem schreibt Jonas Lüscher hochklassisch. Bevorzugt lange, geduldig ausformulierte Sätze, bei realistischer Erzählweise und einer durchgängigen ironischen Distanz. Das Buch hat Witz. Etwa wenn Kraft bei seinem Ruderausflug auf unbekanntem Gewässer gegen guten Rat grandios Schiffbruch erleidet und diese Szenen stark an einen Segelausflug auf dem stürmischen Bodensee in Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ erinnern.

Und wenn die hippe Lifestyle-Kultur solventer Nerds rund um das Silicon Valley auf die Schippe genommen wird. Da stehen sie in langer Reihe geduldig vor einem In-Lokal Schlange, um, endlich eingelassen, mit einem nach normalen Maßstäben eher bescheidenen Mahl abgespeist zu werden. „Die Mühsal der Speisenauswahl kann man sich hier sparen, es gibt nur ein Gericht. Kraft schaut etwas ratlos auf das mit goldbraunem Paniermehl überbackene Nudelgratin … Exakt achtzehn Minuten nachdem sie das Lokal betreten haben, stehen sie wieder auf der Valencia Street.“

In diesen achtzehn Minuten erläutert der einladende Mäzen Erkner seine Zukunftsvisionen. Visionen von einem Projekt, verbunden mit einem Menschen- und Weltbild, das Krafts ideologische Festung endgültig erschüttert. Er hat in seinem Leben einen entscheidenden Wendepunkt erreicht. Das Ende des immer spannender werdenden Ablaufs ist überraschend.

Jonas Lüscher, ein Schweizer der in München lebt, hat 2013 mit der Novelle „Frühling der Barbaren“ debütiert. Er hatte zunächst eine akademische Laufbahn als Philosoph eingeschlagen und bereits drei Jahre in seine Dissertation investiert. „Aus der Dissertation ist leider nichts geworden, dafür ist nun der vorliegende Roman entstanden, in den einiges eingeflossen ist, über das ich im Rahmen meiner wissenschaftlichen Tätigkeit nachgedacht habe.“ So steht es in der „Danksagung“ am Ende des Buches, das nicht durchgängig leicht zu lesen ist. Doch Ausdauer und Mitdenken des Lesers werden mit einem Erlebnis belohnt, das Anspruch und Vergnügen auf fast ideale Weise kombiniert.

media_44388249Die „Süddeutsche Zeitung“ war begeistert von „Kraft“ und widmete dem Buch und seinem Autor in der Ausgabe vom 4. Februar eine ausführliche, farbig illustrierte Rezension. Das Fazit von Christopher Schmidt: „Die kühle Intellektualität dieses Autors ist ein schöner Fremdkörper in einer Zeit, in der Reflexionsprosa nicht allzu hoch im Kurs steht, … wohltuend ist der Laserblick eines Jonas Lüscher, der unsere Gegenwart mit einem eisigen Sengstrahl analysiert.“

Lüscher, Jonas: Kraft. Roman. – C. H. Beck, 2017. Euro 19,95

Shan ermittelt – Die Tibet-Krimis von Eliot Pattison

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler

Am 10. März 2008, 49 Jahre nach dem blutig niedergeschlagenen Aufstand der Tibeter gegen die chinesische Besatzung, begannen im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele in Peking landesweite Demonstrationen für Religionsfreiheit, die Unabhängigkeit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits fünf Romane in der Tibet-Reihe des amerikanischen Schriftstellers Eliot Pattison erschienen, drei weitere sollten bis heute noch folgen.

„[ ]nichts hat mein persönliches Interesse [ ] fester verankert als der Tag, an dem ich vor vielen Jahren in einem tibetischen Tempel saß und den Mönchen zusah, die hingebungsvoll ihre religiösen Riten ausübten, als plötzlich zwanzig chinesische Polizisten mit Schlagstöcken durch die Reihen rannten.“ Dieses Erlebnis Eliot Pattisons umreißt die in seinen Kriminalromanen verhandelte zentrale Thematik, um die herum er seine Figuren und Motive gruppiert. Den Rahmen für das Erzählte bildet eine Kriminalhandlung, die mit ihrer meisterhaften Dramaturgie Spannung pur garantiert.

Eliot Pattison (geb. 1951), der nach seinem Studium zunächst als Jurist tätig war, arbeitet seit Ende der 1990er Jahre als Schriftsteller und Journalist. Viele Auslandsreisen führten ihn schon in jungen Jahren u.a. nach China und vor allem Tibet, das eine große Anziehungskraft auf ihn ausübte. Während seines Studiums hatte er sich auch mit Tibetologie und Buddhismus befasst, so dass seine fiktiven Geschichten auf einer profunden Kenntnis der Realitäten im Schneeland Tibet beruhen.

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Foto: BM Köhler

Einer der beiden Hauptakteure seiner Romane ist der in Ungnade gefallene ehemalige Chefermittler des Ministerrates in Peking, Shan Tao Chun. Fünf Jahre musste er in einem der schlimmsten chinesischen  Arbeitslager einsitzen, weil er in seiner letzten Ermittlung hohen Parteikadern zu nahe gekommen war. In der Lagerhaft lernt er den alten Mönch Lokesh kennen, der zu seinem Lehrmeister und zum zweiten Hauptakteur der Romane wird. Nach der Freilassung macht sich das ungewöhnliche Freundespaar die Erhaltung der einzigartigen Kultur und Spiritualität Tibets zu eigen. Sie retten alte Artefakte- Schreine, Statuen, Tempel etc.- vor der Zerstörungswut des chinesischen Staates und renovieren sie bei Bedarf.

Shan dringt mit jedem neuen Abenteuer immer tiefer in Theorie und Praxis des tibetischen Buddhismus ein, ohne dabei seine rationale, analytische Kompetenzen zu verlieren. Der Boden seiner Empfänglichkeit für spirituell-philosophische Botschaften wurde schon früh durch seinen Vater bereitet, der ihn in die Werke der großen chinesischen Philosophen eingeführt hatte.

Die Konstruktion des Figurenpaares Shan (Han-Chinese, Schüler) und Lokesh (tibetischer Mönch, Lehrer) schafft dem Autor viele Gelegenheiten, die Grundzüge des tibetischen Buddhismus und dessen Alltagskultur darzulegen. Lokesh, der vor der chinesischen Besetzung als junger Beamter in der Regierung des Dalai Lama gearbeitet hatte, lehrt Shan, wenn es der Handlungsablauf erlaubt bzw. erfordert, etwa die Symbolsprache und Ikonographie des komplexen tibetischen Götterkosmos. Auch bei der Lösung der jeweiligen Kriminalfälle ergänzen sich Shan und Lokesh mit ihren jeweiligen spezifischen Fähigkeiten und Kompetenzen in bester Weise.

Die Tibet-Bücher Pattisons führen die Leserin, den Leser, in ein Land mit einem unermesslichen Reichtum an kulturellen Traditionen, Ritualen und Artefakten und in eine Lebensrealität, die immer mehr in ihrem innersten Kern gefährdet ist. Auf der einen Seite schildert Pattison in einer bilderreichen, magische Anziehung erzeugenden Sprache das innere Leuchten der tibetischen Kultur mit ihren unzähligen spirituellen Attributen und den mit Leib und Seele in der jahrhundertealten buddhistischen Religion verwurzelten tibetischen Menschentypus.

Auf der anderen Seite thematisiert der Tibet-Kenner die brutale Unterdrückung der tibetischen Tradition und Identität durch das „chinesische Mutterland“, die rücksichtslose Sinisierung des tibetischen Kernlandes vor allem nach dem Bau der Bahnlinie nach Lhasa, die verheerende Umweltzerstörung beim Abbau von Lithium, Seltenen Erden, Silber u.a. sowie die staatliche Kontrolle bis in die privatesten und auch in die klösterlichen Lebensbereiche hinein. All dies eindringlich und- ganz angelsächsisch unbefangen- in einer unterhaltsamen literarischen Form einem westlichen Publikum nahebringen zu können, ist der große Verdienst Eliot Pattisons.

„Die kleine Kapelle [ ] war ein winziges Juwel von einem Bauwerk inmitten duftender Wacholderbäume [ ]. Shan trat ein und sah einen schlichten Altar aus geschnitztem Holz mit den üblichen flackernden Opferlampen. Ein altes thangka der Tara hing über dem Altar, aber es wurde gar kein weiteres Seidenbildnis benötigt, denn die Wände waren bemalt. Jeder Zentimeter war mit den kunstvollen Abbildern von Gottheiten, Dämonen und Glück verheißenden Symbolen bedeckt. Shan hätte so gern jedes einzelne davon studiert, und wäre Lokesh jetzt bei ihm gewesen, würden sie Stunden hier verbracht haben.“

Es sind Passagen wie diese aus „Tibetisches Feuer“, die den Leser, die Leserin ganz tief hineinziehen in die geheimnisvolle, magische Bilderwelt des tibetischen Buddhismus, in dem Gottheiten und Rituale aus der vorbuddhistischen Bön-Religion weiterleben.

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Im achten und vorerst letzten Band der Tibet-Reihe- „Tibetisches Feuer“-, der 2016 in deutscher Übersetzung erschienenen ist, befasst sich Pattison in literarischer Form mit dem Drama der Selbstverbrennungen als äußerstem Protest der Tibeter gegen die chinesische Unterdrückung. Mindestens 145 solcher Selbstverbrennungen sind seit 2009 zu beklagen. Damit hat auch dieser Roman wieder eine explizit politische Dimension.

Die Geschichte beginnt damit, dass Shan gezwungen wird, Mitglied einer Kommission zu werden, die im Sinne der politischen Doktrin „beweisen“ soll, dass es sich bei den Selbstverbrennungen um Straftaten und nicht um verzweifelte Akte des Protestes handelt. Die bei einem Teil der Suizide an den Orten der Selbstverbrennungen gefundenen kurzen, Haiku-ähnlichen Gedichte lassen bei den Ermittlungsbehörden den Verdacht aufkommen, dass eine von einer Frau angeführte Widerstandsgruppe hinter diesen Aktionen steckt. Die Öffentliche Sicherheit, das noch mehr gefürchtete Büro für religiöse Angelegenheiten sowie weitere Ermittlungsbehörden werden in höchste Alarmbereitschaft versetzt und verfolgen wie Bluthunde die Spur der purbas, wie im Buch die Angehörigen der geheimen tibetischen Widerstandsbewegung genannt werden.

Wie Shan nach und nach die zunächst vollkommen im Dunklen liegenden Szenarien hinter dem äußeren Schein aufdeckt, zeigt das große dramaturgische Geschick des Autors. Dabei sind die Dialoge des Tibet-Freundes mit seinen chinesischen Widersachern ein intellektueller Genuss erster Güte. Die behutsame, Vertrauen schaffende Annäherung Shans an die Bewohner eines tibetisches Dorfes in der Nähe der chinesischen Station, in der die Kommission tagt, wärmt das Herz und entfacht- wie die Tibet-Reihe in ihrer Gesamtheit- Solidarität und Mitgefühl für dieses geschundene Volk.

Ein Höhepunkt des Buches ist die Schilderung des geheimen Refugiums Taktsang (Tigerhaus), das in einem abgelegenen Gebirgstal liegt. Der mit kostbaren buddhistischen Insignien versehene Höhlentempel mit einer erstklassig ausgestatteten Bibliothek von heiligen Überlieferungen wird zu einem Sehnsuchtsort, der „eine tröstende Umarmung für seit Langem leidende Besucher“ verkörpert, wie Pattison in seinem Nachwort schreibt. Auch den purbas, anderen Dissidenten und „illegalen“ Nonnen und Mönchen dient das Tigerhaus als Unterschlupf.

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Foto: BM Köhler

An Pattisons Einstellung zu dem folgenreichen Konflikt zwischen seelenlosen wirtschaftlichen und aggressiv-totalitären Interessen einerseits und der tibetischen Identität mit einer hoch entwickelten Spiritualität und Kultur andererseits lässt der Autor keinen Zweifel. Aber nicht nur in seinen Kriminalromanen bezieht Pattison eindeutig Stellung: so hat er bei den Unruhen vor den Olympischen Spielen 2008 den Westen zum Boykott der Spiele aufgerufen, es sei denn, die chinesische Regierung ermögliche einen internationalen Diskurs über Tibet und die Rechte der Tibeter. Die negativen Aspekte einer alle Lebensbereiche durchdringenden religiösen und damit zumindest teilweise auch restriktiven Kultur darzustellen, sieht Eliot Pattison dagegen nicht als seine Aufgabe an.

Man kann die Romane als jeweils in sich abgeschlossene Krimis lesen. Die faszinierende innere Entwicklung Shans vom Bediensteten des kommunistischen Staatssystems zum Praktizierenden und Kenner der buddhistischen Alltagsfrömmigkeit unter Beibehalt seiner rationalen Denkweisen kann man jedoch in ihrer subtilen, berührenden Art und Weise nur vollständig  nachvollziehen, wenn die Romane in der Chronologie ihres Erscheinens gelesen werden.

Ärgerlich ist, dass der Verlag aus Marketing-Gründen in jedem der bisher acht Romantitel den Wortstamm „Tibet“ platziert hat. Die amerikanischen Originaltitel nähern sich dagegen viel einfühlsamer dem jeweiligen zentralen Motiv und dem dazu vom Autor entwickelten atmosphärischen Grundton  (z.B. The Skull Mantra, dt. Der fremde Tibeter oder Soul oft the Fire , dt. Tibetisches Feuer). Dies ist aber nur eine formale Unebenheit – die von Pattison erzählten Geschichten aus Tibet sind sehr zu empfehlen, und das keineswegs nur Krimi-Fans.

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Die ersten sieben Bände der Reihe sind als Aufbau Taschenbuch erhältlich. Übersetzt wurden sie aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild und kosten zwischen Euro 9,95 und Euro 12,00:

Der fremde Tibeter (2002)
Das Auge von Tibet (2003)
Das tibetische Orakel (2005)
Der verlorene Sohn von Tibet (2006)
Der Berg der toten Tibeter (2008)
Der tibetische Verräter (2011)
Der tibetische Agent (2015)

Tibetisches Feuer. Roman, aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild.- Rütten & Loening, 2016. Euro 19,99

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(Bernd Michael Köhler lebt in Neu-Ulm und arbeitete viele Jahre als Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Ulm. Natürlich ist er ein passionierter Leser. Darüber hinaus fotografiert er und schreibt gelegentlich.)