Literaturwoche Ulm. Die Dritte.

Mit Tex Rubinowitz, Arno Schmidt, mehreren unabhängigen Verlegern, einem literarischen Glücksspiel und noch viel mehr.

Eindrücke von meinen ganz persönlichen Höhepunkten.

Die Literaturwoche Ulm ist gelungener Gegenentwurf zu kommerziellen “Literatur-Festivals”, die ausschließlich auf prominente Namen und aktuelle Bestseller-Titel setzen. Der Nische, dem Besonderen wird hier Bühne und Forum geboten. Dabei schließen sich Anspruch und Zuspruch keineswegs aus. Es kommen Menschen zusammen, die an ernsthaftem, deshalb nicht weniger unterhaltsamen Austausch über Literatur, Autoren, Verlage und den Buchhandel interessiert sind. Zudem ist es den Verantwortlichen gelungen ein Angebot mit einem sehr breiten Spektrum verschiedenster Ausdrucksformen auf die Beine zu stellen. Ein reizvolles Konzept mit Zukunft.

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“Mein Vater war ein echter Kotzbrocken.” Der sommerzeitlich helle Abend des 9. Juni. Ein Dienstag. Beim Blick durch die Giebelfenster des Saals ist der ergraute Sandstein des gotischen Kirchenschiffs fast unheimlich nah. Das Ulmer Münster in seiner ganzen Größe und Dominanz. Erster Gastgeber der 3. Literaturwoche Ulm war die traditionsreiche Museumsgesellschaft. Präsentiert wurde der Zeichner, Autor und – wie sich alsbald herausstellte – begnadete Alleinunterhalter Tex Rubinowitz.

Im Publikum viele Mitglieder und Menschen aus dem Umfeld der Museumsgesellschaft, die vielleicht in erster Linie gekommen waren um den Wahl-Wiener als Mann des spitzen Stiftes hautnah zu erleben. Das Zeichnen ist durchaus sein Haupt-Handwerk, wie er selbst betonte. “Witzzeichnungen”, sein bevorzugtes Genre. Mentoren waren Robert Gernhardt und F. K. Waechter. Es ist diese Frankfurter Schule, zu deren Organen u. a. die Satirezeitschriften Pardon und Titanic gehörten, die seinen Stil geprägt hat. Die oft tierischen Figuren sind Karikaturen, brüchig, skizzenhaft, perfekt unperfekt zu Papier gebracht. Häufig ergänzt durch komikartige Sprechblasen mit knappen satirischen Aussagen.

22465208Das führt zum schreibenden Tex Rubinowitz. Mit einem kurzen, pointierten Text, der auf eigenen “Jugenderlebnissen” basiert, gewann er im Sommer 2014 den ersten Preis beim Salzburger Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Der Verlag, bzw. dessen Lektor (so strikt der nunmehr zum Schriftsteller geadelte die Legende), habe ihn überredet, die gelungene Kurzgeschichte mit weiteren Anekdoten zum Roman auszubauen. Nicht unbedingt die allerbeste Idee. “Irma”, das Erzählwerk, das daraus entstand, wird wahrscheinlich nicht in die Literaturgeschichte eingehen. Rubinowitz weiß das selbst und las deshalb nur widerstrebend und spärlich daraus vor. Etwas mehr dafür aus seinen Listenbüchern. Sammelsurien, literarische Grenzgebiete, die Titel tragen wie “Die sieben Plurale von Rhabarber.” Der wiederholten Bitte des Moderators Florian L. Arnold, aus seinen Reiseerlebnissen (“Rumgurken. Reisen ohne Plan, aber mit Ziel”) zu lesen, kam er demonstrativ nicht nach.

Den größten Teil des Abends bestritt er lieber, auf einem Stuhl stehend, mit kabaretistischen Bruchstücken. Ein stets auf Pointen zusteuerndes, gestikulierend unterstreichendes Erzählen, von biographischen Erlebnissen geprägt, mit der etwas holprigen Vortragsweise geschickt koketierend. Das Publikum ist gespalten. Manche hatten anderes erwartet, viele waren jedoch sehr angetan, fühlten sich gut unterhalten. Ein origineller, sperriger, gerade dadurch im Gedächtnis bleibender, gelungener Auftakt zur Literaturwoche Ulm 2015.

“Und nun auf, zum Postauto”.  11. Juni. Ein stimmungsvoller Sommerabend in der Buchhandlung Jastram am historischen Judenhof. Vor den mit Büchern prall gefüllten Holzregalen waren die allerletzten improvisierten Sitzgelegenheit besetzt, die Stehplätze ebenfalls vergeben. Nein, Zettel’s Traum, dieses sperrige Groß- und Spätwerk Arno Schmidts, muss man nicht gelesen haben um Gefallen an der Lektüre seiner Briefe zu finden. Literarisch sind das zwei völlig unterschiedliche Disziplinen. Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach lasen aus dem hochwertig gestalteten Band, der über 150 Briefe des Dichters an Freunde und Verleger, Mutter und Schwester, versammelt. Die beiden haben das Buch herausgegeben, und es ist ein besonderes Erlebnis, wenn man die Gelegenheit hat sie daraus lesen zu hören.

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Fischer und Rauschenbach arbeiten seit vielen Jahren für die von Jan Philip Reemtsma unterstützte Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld. Mit ihrer tiefen Kenntnis des Werks, der Persönlichkeit des Autors und seinem Umfeld, verstehen sie es hervorragend den Zuhörern die sprachliche Kraft, den oft wütenden Witz und die ironische Schärfe Schmidts nahe zu bringen. Es sind spannende Zeitdokumente, die viel über Schriftstellerei und Verlegerei im Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vermitteln. Und nicht zuletzt wurde in dieser Lesung, die in eine anregende Gesprächsrunde mit den vortragenden Experten mündete, die Bedeutung und der Reiz einer traditionsreichen Literaturgattung deutlich, die vom Aussterben bedroht ist. So wie Arno Schmidt, müsste man Briefe schreiben können, wenn man noch Briefe schriebe.

Montag, 15. Juni, der Tag an dem Harry Rowohlt starb. Als den besten Buchladen Irlands, bezeichnete er einst “Kenny’s Bookshop” in der Westküstenstadt Galway. Leider hat der schon vor einigen Jahren seinen letzten Joyce, Beckett und O’Connor verkauft. Die Vermutung liegt nahe, dass die in Irland fehlende Buchpreisbindung zum Ende beigetragen hat. Auf die Bedeutung dieses kulturpolitischen Instruments wiesen Jörg Sundermeier und Stefan Weidle hin. Sundermeier hat den Berliner Verbrecher-Verlag mitbegründet. Weidle leitet den nach ihm benannten Verlag in Bonn. Wenn das Buch zur reinen Ware wird, wenn Titel auf der Basis von Profit-Centern kalkuliert werden, wenn sich globale Wachstumsmanien wie TTIP und Co. durchsetzen sollten, hat für viele unabhängige Verlage und Buchhandlungen das letzte Stündchen geschlagen.

An diesem Abend im Gewächshaus des Botanischen Gartens der Universität Ulm ging es vorrangig um die Arbeit und aktuelle Situation der unabhängigen Verlage. Die Interessen dieser meist kleineren, selbstständigen, nicht zu größeren Unternehmen gehörigen Häuser, vertritt die Kurt-Wolff-Stiftung. Stefan Weidle gehörte bis letztes Jahr dem Vorstand an, Jörg Sundermeier ist aktuell in diesem Gremium vertreten. Alljährlich auf der Leipziger Buchmesse vergibt die Stiftung den Kurt-Wolff-Preis und einen Förderpreis an zwei unabhängige Verlage. In diesem Jahr wurden der Berliner Berenberg Verlag und die Connewitzer Verlagsbuchhandlung, nach einem Leipziger Stadtteil benannt, ausgezeichnet.

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Jörg Sundermeier (links) und Stefan Weidle

Dem Publikum wurde unterm regennassen Glasdach des Gewächshauses, neben Kübelpalme und Pflanztisch, eine informative Gesprächs- und Diskussionsrunde mit zwei auskunftsfreudigen Verleger-Persönlichkeiten geboten. Angereichert mit allerhand Geschichten und Geschichtchen rund um das Verlegerhandwerk und die Schriftstellerei. Zur Freude der an diesem Thema Interessierten, die den Weg auf den Eselsberg gefunden hatten, nahmen sich die beiden schließlich noch die Zeit aus Werken “ihrer” Autoren zu lesen.

Weidle, der besonders die Literatur der 1910er- und 1920er-Jahre liebt und verlegt, las eine Passage aus “Donner überm Meer” von Heinrich Hauser (1901 – 1955), einem Autor von großer sprachlicher Kraft, der heute fast vergessen ist und bei Weidle bereits vor einigen Jahren neu aufgelegt wurde. Bei dieser Gelegenheit empfahl Florian L. Arnold, der durch den Abend führte, wärmstens den im Verlag 1998 neu aufgelegten Roman “Berlin ohne Juden” von Artur Landsberger. Eine prophetische, 1922 erstmals erschienene Utopie, die auf beklemmende Weise die historische Entwicklung belletristisch vorwegnahm. Der 1876 in Berlin geborene Landsberger nahm sich angesichts der realen Entwicklung in Deutschland 1933 das Leben.

Jörg Sundermeier las u. a. aus “Bodentiefe Fenster” von Anke Stelling. Ein Roman über zeitgeistige Familienkonstellationen und Lebensformen rund um die derzeit angesagtesten Berliner Quartiere, in dem zwischen den Zeilen herrlich beißender Spott durchklingt. Stelling, die am deutschen Literaturinstitut in Leipzig studierte, wurde 1971 in Ulm geboren. Sundermeier warb außerdem für eines seiner Lieblings- und gleichzeitig Großprojekte: Die auf sieben Bände angelegte Roman-Enzyklopädie des Niederländers J.J. Voskuil über das Büroleben des wissenschaftlichen Angestellten Maarten Koning. Dessen Erzählweise ist so betont realitätsnah, dass ein durchgehend ironischer Unterton entsteht. Im Original liegt das Werk – in den Niederlanden ein Bestseller – längst abgeschlossen vor. Der Autor verstarb 2008. Auf Deutsch gibt es den ersten Band “Das Büro” bei C. H. Beck und Band 2 “Schmutzige Hände” ist im Verbrecher Verlag erschienen, der nach und nach die weiteren Bände herausbringen wird.

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In Ulm haben wir das Glück noch durch mehrere Buchhandlungen streunen zu können. (Gerade in diesen Wochen werden es allerdings zwei weniger.) Eine der besten, gut sortiertesten und wahrscheinlich schönsten, ist die Kulturbuchhandlung Jastram. Inhaber Samy Wiltschek und Mitarbeiter Rasmus Schöll haben zusammen mit dem federführenden Florian L. Arnold, die Literaturwoche Ulm organisiert (s. a. Link im Anhang). Die Büchertische zu den jeweiligen Veranstaltungen hat ebenfalls das Jastram-Team zusammengestellt.

“Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt,” erkannte schon unser Friedrich “Fritz” Schiller. Ganz in seinem Sinne ging es an einem regnerischen 18. Juni beim LiteralottoSpezial im lauschigen Manufaktur-Café Animo am Karlsplatz zu. Heiteres Raten rund um bekannte Dichternamen sorgte für lebhafte Stimmung bei spritzigen und stillen Drinks. Eingebetet war das Ratespiel in eine Art Talk-Runde. Teilnehmer, neben den Moderatoren Florian L. Arnold und Rasmus Schöll, die Augsburger Bloggerin (Schätze und Sätze – s. Anhang) Birgit Böllinger, der Verleger Markus Hablizel und der bestens aufgelegte Kunstpädagoge, Schriftsteller und Selbstverleger Josef Feistle, dessen markantes Erzähltalent in dieser animierten Athmosphäre besonders gut ankam.

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Man konnte glauben, der Bullerofen, der dem originellen ehemaligen Ladenraum im Winter die nötige Wärme spendet, wäre eingeheizt, so wohl temperiert war das Lokal an diesem Abend. Doch die Hitze verbreiteten einige Scheinwerfer, die das Podium und die Teilnehmer an der Gesprächsrunde ins rechte Licht setzten. Zahlreiche Bücher wurden im Laufe des Abends besprochen, angesprochen, vorgestellt. Josef Feistle trug aus seinen Reiseschilderungen vor, Markus Hablizel humoristisch Kleinformatiges des schriftstellerischen Workaholic Dietmar Dath. Und Birgit Böllinger, die auf ihrem Blog viel über amerikanische Literatur bringt, las aus Steven Blooms “Das positivste Wort der englischen Sprache”, was, wie wir seit James Joyce wissen, das zustimmende “Yes” ist.

Aus diesen und all den anderen Büchern, die in kurzweiligen zwei Stunden vorkamen, hatte eine dreiköpfige Jury das beste, interessanteste, auffälligste, am besten präsentierte, zu wählen. “Das Buch des Abends” sozusagen. Einigermaßen unerwartet wurde es der autobiographische Roman “Ein springender Brunnen” von Martin Walser. Josef Feistle hatte so begeistert über Autor und Werk gesprochen, so überzeugend erläutert, dass es durchaus möglich ist die heutige Schülergeneration für diese Lektüre zu begeistern, dass die Wahl des Siegers rasch und einmütig ausfiel.

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„Mein Kapital ist der Idealismus“, lautet das eigenwillige Finanzierungsmodell mit dem Barbara Miklaw ihren Mirabilis-Verlag nebenberuflich betreibt. Charmanterweise ist dieser weder in Berlin oder Frankfurt am Main, ja nicht einmal in München, sondern im kleinen Klipphausen-Miltitz nahe Dresden beheimatet. 26. Juni. Abklingendes Azorenhoch. Die diesjährige Literaturwoche Ulm begann neben einer Kirche. Sie endete in einer Kirche. In der im Krieg schwer beschädigten und später zum vielseitigen „Haus der Begegnung“ (HdB) umgestalteten ehemaligen Dreifaltigkeitskirche. Bei Mirabilis ist eine Novelle von Florian L. Arnold erschienen, der erneut rhetorisch gekonnt und gut informiert durch den Abend führte. Sie trägt den Titel „Ein ungeheuerlicher Satz“ und ist ganz bestimmt die passende Lektüre für die Zeit nach den spannenden Abenden mit vielen schönen, interessanten Büchern, mutigen Verlegern und engagierten Buchhändlern.

EN_009783981492590Peter Handke mit Handkamera ist auf der Mirabilis-Veröffentlichung „Der Geruch der Filme. Peter Handke und das Kino“ von Lothar Struck zu sehen. Das Foto hat Dieter Sander gemacht, Toningenieur, Kameramann, Fotograf, der u. a. für den WDR gearbeitet hat, viel in der Welt unterwegs war und in Paris Fritz Picard kennenlernte, der aus dem Südbadischen stammte und in Paris seit Anfang der 1950er Jahre das Antiquariat Calligrammes betrieb. Ein beliebter Treffpunkt von Literaten und anderen Intellektuellen in der französischen Hauptstadt. In seinem Buch „Fritz Picard. Ein Leben zwischen Hesse und Lenin“ zeichnet Dieter Sander den Lebensweg dieses außergewöhnlichen Menschen nach. Es basiert auf Gesprächen, die der Autor mit Picard führte und aufzeichnete.

Die Lesung daraus stand im Mittelpunkt des letzten Abends der Literaturwoche Ulm 2015. Geschildert wird Kultur- und insbesondere Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts quasi durch die Hintertür. Die vielen Begegnungen und Freundschaften Picards mit bedeutenden Künstlern und Literaten ergeben ein farbiges, anekdotenreiches Panorama. Else Lasker-Schüer und Annette Kolb, Erich Mühsam und Walter Mehring sind ebenso vertreten wie Max Liebermann, Erich Kästner und – eher am Rande – eben Hermann Hesse und Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Die musikalischen Akzente am Blüthner-Flügel setzte Johanna Sander.

Soviel aus ganz persönlicher Perspektive über eine Literaturwoche die 17 Tage dauerte. Ich habe die eine oder andere Veranstaltung mehr besucht, und das bunte, vielfältige Programm war noch einmal umfangreicher. Ganz unter den Tisch fallen lassen musste ich leider die tollen Ausstellungen. Meine Berichterstattung sprengt bereits die Dimensionen, die ein Blog verträgt. Im Anhang sind nun einige Links zu finden, die zu weiteren Infos rund um diese großartige 3. Literaturwoche Ulm führen. Außerdem bibliographische Angaben zu Büchern die hier erwähnt wurden. Und damit beginnt die Vorfreude auf die 4. Literaturwoche 2016.

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Die Links

Literaturwoche Ulm (2015)

http://www.arno-schmidt-stiftung.de/

http://www.kurt-wolff-stiftung.de/

http://saetzeundschaetze.com/

(Die im Text vorkommenden Verlage sind natürlich alle im Netz präsent (mit Ausnahme von Josef Feistle) und unschwer zu finden.)

Die Bücher

Rubinowitz, Tex: Irma. – Rowohlt, 2015. Euro 18,95

Rubinowitz, Tex: Die sieben Plurale von Rhabarber. – rororo, 2013. Euro 8,99

Schmidt, Arno: „Und nun auf, zum Postauto!“ Briefe von Arno Schmidt. Herausgegeben von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach. – Suhrkamp, 2013. Euro 29

Hauser, Heinrich: Donner überm Meer. Roman. – Weidle 2001. Euro 19

Landsberger, Artur: Berlin ohne Juden. Roman. – Weidle, 1998. Euro 19

Stelling, Anke: Bodentiefe Fenster. Roman. – Verbrecher Verlag, 2015. Euro 19

Voskuil, J. J.: Das Büro: Direktor Beerta. – C. H. Beck, 2012. Euro 25

Voskuil, J. J.: Das Büro: Schmutzige Hände. – Verbrecher Verlag, 2014. Euro 29

Voskuil, J. J.: Das Büro. Weitere fünf Bände erscheinen nach und nach im Verbrecher Verlag.

Dath, Dietmar: Eisenmäuse. – Hablizel, 2010. Kleinbroschur Euro 4,90

Dath, Dietmar: Venus siegt. Roman. – Hablizel, 2015. Euro 23,90

Bloom, Steven: Das positivste Wort der englischen Sprache. Roman. – Wallstein Verlag, 2015. Euro 17,90

Feistle, Josef: U. a. Über das Meer. Mit dem Schiff nach Amerika; Russland: Ein Reisebericht; Inselgeschichten: Über England, Schottland und Irland; Über die Berge: Zu Fuß nach Venedig (Selbstverlegte Veröffentlichungen, die in den üblichen Verzeichnissen nicht nachgewiesen sind. Jastram kann weiterhelfen oder eine Anfrage beim Autor (Hauptstraße 16, 89264 Weißenhorn))

Walser, Martin: Ein springender Brunnen. Roman. – Suhrkamp Verlag, 2000. Taschenbuch-Ausgabe Euro 12

Arnold, Florian L.: Ein ungeheuerlicher Satz. Novelle. – Mirabilis-Verlag, 2015. Broschiert Euro 14,90

Sander, Dieter: Fritz Picard. Ein Leben zwischen Hesse und Lenin. – Mirabilis-Verlag, 2014. Euro 16,80

„TINA oder über die Unsterblichkeit“

Mein Beitrag zum 100. von Arno Schmidt

(18. Januar 1914 – 3. Juni 1979)

„Es gibt wohl keinen unter den jüngeren Autoren, der in den letzten Jahren so heftig umstritten wurde wie Arno Schmidt. Aber selbst seine Gegner mußten zugeben, – oft verwirrt und hilflos -, daß hier eine außerordentliche Kraft in Erscheinung tritt.“ Martin Walser, Januar 1953, im Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart.

61 Jahre später wollte der Schreiber dieses kleinen literarischen Blogs eigentlich eine weitausholende, feiernde, jedoch nicht ganz unkritische Würdigung des Meisters aller orthographischen Klassen veröffentlichen. Doch als er sah und las, was alles geschrieben, gefunkt und gesendet wird zum Anlass, wurde ihm klar, er würde zu diesem Konzert allenfalls einen leicht überhörbaren Triangelschlag beisteuern können. Und er überlegte es sich anders.

So gibt es heute zum Geburtstag des schreibsüchtigen Heidebewohners einen knappen und bescheidenen Beitrag in Form einer Lese-Empfehlung für alle, die Schmidt schon immer lesen wollten oder die nach längerer Pause wieder in seinen bunten, weitgespannten literarischen Kosmos eintauchen möchten. Und es ist kein Geheimnis: Es lohnt sich nicht mit dem etwas zeitraubenden, leicht unübersichtlichen „Zettel’s Traum“ die Schmidt-Lektüre zu beginnen. Deshalb, und noch aus einem anderen Grund, rate ich zunächst zu der kleinen, feinen Geschichte „Tina oder über die Unsterblichkeit.“

media_27940815--INTEGERSie handelt vom Elysium, das sich im vorliegenden Fall in der Unterwelt von Darmstadt befindet. Allerdings ist es ein quälender Hades, dessen Bewohner die unwirtliche Stätte am liebsten rasch verlassen möchten. Doch sie dürfen nicht, solange sie oben nicht vergessen sind. Endgültig tot ist nur der, an den sich niemand mehr erinnert. Da es im vorliegenden Fall um eine illustre Mannschaft mehr oder weniger bekannter Dichter und Künstler geht, sind die Aussichten nicht allzu rosig. „Solange noch 1 Exemplar eines ihrer Bücher vorhanden ist, besteht schon gar keine Aussicht.“ Während also heute immer mehr Zeitgenossen gegen das Vergessenwerden anschreiben („Wer schreibt der bleibt!“), sind unseren Unterweltbewohnern ihre großen Werke zum Verhängnis geworden.

Zur Freude der Leser enthält diese literarische Miniatur des unvergessenen Arno Schmidt auch noch die Andeutung einer zarten Liebesgeschichte. Nein!: keine Liebesgeschichte, besser: die Geschichte einer knisternden erotischen Annäherung. An die große, womöglich ewige, am Ende nicht selten zu Hass und Abneigung gekehrte Liebe, glaubte ein Arno Schmidt wohl ohnehin nicht, im Gegensatz zu seinem festen Glauben an die ewigkeitsnah lang wirkende Literatur. Aber wo Mann und Frau, da ist das Fleischliche… Dafür findet unser Jubilar im gesamten Werk immer wieder neue, originelle, treffende Worte und Metaphern. Er sei kein Dichter, sagte er einmal im Interview, er sei ein „Wortmetz“, das bezeichne seine Tätigkeit besser. Wie auch immer: Zu seinem 100. Geburtstag ist zu befürchten, dass seine Leser ihm noch nicht so bald die Erlösung eines endgültigen Vergessens gönnen werden.

Ich hatte noch einen anderen Grund angedeutet, warum ich ausgerechnet diese kurze Erzählung und diese Edition nahelege. „Tina“ ist – quasi als Geburtstaggeschenk des Verlages – in einer besonderen Ausgabe erschienen. Als Band 1387 der Insel-Bücherei, in der für die Reihe typischen nostalgischen Ausstattung. Das darüber hinaus ganz besondere sind die 24 Radierungen von Eberhard Schlotter, der zum Büchlein auch ein Nachwort beigesteuert hat. Schmidt wiederum hat dem Künstler-Kollegen und Fast-Freund ein Andenken hineingeschrieben: „…tranken wir  also gemeinsam, Mann & Frau, diese Tasse Tee. (Der Siebdruck an der Wand : signiert, ein echter Eberhard Schlotter, e. s., und wir nickten bewundernd : mühsame Technik !).“

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Foto: Alice Schmidt; Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Arno-Schmidt-Stiftung, Bargfeld

Eine Werkausgabe Schmidts erscheint bei Suhrkamp, Taschenbücher verlegt Fischer, die unbedingt empfehlenswerten Hörbuch-Editionen Hoffmann und Campe. Darüber informieren inhaltlich und graphisch anspruchsvoll gestaltete Broschüren. Wenden Sie sich an die Buchhandlung Ihres Vertrauens oder schreiben Sie an die Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld, den Link zu deren Website finden Sie im Anhang.

Das Medien-Echo zum Anlass ist ebenso beachtlich, wie das Interesse eines partout nicht aussterben wollenden literatur- und buchaffinen Publikums. Die einstündige Dokumentation auf Arte am 15. Januar sahen zu später Stunde immerhin etwa 300.000 Interessierte. Wer die Sendung verpasst hat, kann sie noch bis zum 22.1. in der Arte-Mediathek nachsehen. Vielfältiges Programm ist auf den Sendern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu entdecken. So sendet MDR Figaro (um fast wahllos ein Beispiel herauszugreifen) am 27. 1. von 22 – 22.30 Uhr eine Schmidtsche Originalsendung. „Funfzehn oder Vom Wunderkind der Sinnlosigkeit.“ Arno Schmidts Funkdialog über Ludwig Tieck; die SDR-Produktion stammt aus dem Jahre 1959. Eine der finanziell bitter benötigten Brotarbeiten, die Schmidt dem Einsatz Martin Walsers und Alfred Anderschs zu verdanken hatte.

Viele Tages- und Wochenzeitungen bringen dieser Tage ausführliche Würdigungen und Berichte. Im Berliner „Tagesspiegel“ vom 12. Januar veröffentlichte der Schmidt-Biograph Wolfgang Martynkiewicz einen kenntnisreichen Artikel über Person und Werk. Gleich zu Beginn stellt er dabei klar: „Er hätte uns was gehustet und sich an den Schreibtisch verdrückt. Feiern war seine Sache nicht. Schreiben soll der Dichter…“

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„… ich hatte jetzt den dritten Tag Linsen gegessen; Rieseneintopf, selbstgekocht : schreckliche Folgen !)“ (Tina, S. 11)
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In den 1950er Jahren wohnte das Ehepaar Schmidt in der Darmstädter Inselstraße, nachdem Arno die katholische Moselprovinz wegen strafrechtlicher Nachstellungen hatte verlassen müssen (s. unten). In dieser Inselstraße steht auch heute noch eine Litfaßsäule, wie sie einst Arno Schmidt als Anregung und Vorlage für seinen Unterwelt-Einstieg in „Tina oder über die Unsterblichkeit“ diente. Studierende des Fachbereichs Gestaltung der Hochschule Darmstadt, in Kooperation mit der Arno-Schmidt-Stiftung, werden dieses denkwürdige Objekt das ganze Jahr über immer wieder neu ausstatten und gestalten. Am 21. Januar um 17 Uhr ist vor Ort Premiere. Dazu gibt es Linsensuppe und Bier.

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Schmidt, Arno: TINA oder über die Unsterblichkeit. Mit Radierungen und einem Nachwort von Eberhard Schlotter. – Insel Verlag, 2013 (Insel-Bücherei; 1387)

Für Neu- und Wiedereinsteiger ebenfalls zu empfehlen:

Schmidt, Arno: Seelandschaft mit Pocahontas. Die Umsiedler, 7. Aufl. – Fischer TB Verlag, 2012. – (Heutige Leser werden sich sehr wundern, dass „Pocahontas“ Schmidt staatsanwaltliche Anklage und Verfolgung wegen Pornographie und Gotteslästerung einbrachte.)

Schmidt, Arno: Sommermeteor. 23 Kurzgeschichten, 9. Aufl. – Fischer TB Verlag, 2006

Rauschenbach, Bernd (Hrsg.): Arno Schmidt. Das grosse Lesebuch. – Fischer TB Verlag, 2013

Rauschenbach, Bernd (Hrsg.): Arno Schmidt für Boshafte. – Insel Verlag, 2007

Fischer, Susanne (Hrsg.) Arno Schmidt zum Vergnügen. – Reclam Verlag, 2013

Martynkewicz, Wolfgang: Arno Schmidt, 4. Aufl. – Rowohlt TB Verlag, 2002. – (Diese klassische rororo-Monographie ist das einzig brauchbare biographische Werk auf dem Buchmarkt. Die große, Mensch und Werk kritisch würdigende Monographie, ist nicht in Sicht.)

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In vorbildlicher Weise wird der Nachlass in des Dichters langjährigem Wohnort betreut: www.arno-schmidt-stiftung.de , die auch jederzeit kompetent und freundlich mit Rat und Tat zur Seite steht.

Gleichgesinnte finden sich zu Austausch, Tagungen und etwas Vereinsmeierei in der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser zusammen.

An regen Diskussionen, die gerne in Details gehen und hin und wieder auch hitzige Form annehmen, kann man sich auf der Arno-Schmidt-Mailingliste beteiligen, die seit vielen Jahren Giesbert Damaschke aufopferungsvoll betreut.

Auf con=libri sind zu Arno Schmidt folgende Beiträge erschienen:

Arno Schmidt und die HfG in Ulm (1). Die Vorgeschichte

Arno Schmidt und die HfG in Ulm (2). Ein Gespräch unter Männern

Arno Schmidt und die HfG in Ulm (3). Nachspiel

Arno Schmidt und Hermann Hesse. Erster Teil: Neunzehnhundertvierunddreißig

Arno Schmidt und Hermann Hesse. Zweiter Teil: Neunzehnhundertneunundvierzig/fünfzig

Leipziger Buchmesse 2011 – zweite Nachlese

“Hier findet doch irgendeine Lesung statt!?”

Ein hilfesuchender Aufschrei als verständlicher Ausdruck leichter Desorientierung, angesichts eines alle Sinne überfordernden Angebots. Ich habe ihn irgendwo zwischen Messehallen und “Leipzig liest.” aufgeschnappt. Dazu auf =conlibri= nun der zweite Teil literarischer und anderer unsortierter Eindrücke von der diesjährigen Leipziger Buchmesse und dem Lese-Festival “Leipzig liest.” Erneut den ganz persönlichen Spuren des bloggenden Besuchers folgend.

Dittrich. Die Messefrau an sich ist schlank, trägt glänzend halblanges, zwischen braun und rot getöntes Haar, mattschwarzes, bis kurz über die Knie reichendes Kostüm, dazu Stiefel, gerade so hoch, dass die effektvoll giftgrüne Strumpfhose zwischen Stiefelende und Rocksaum gut sichtbar bleibt. Messefrau versucht ständig mit jemand der bedeutend ist, und deshalb nicht allein durch die Hallen und zu seinen Terminen findet, Schritt zu halten. In unserem Beispiel ist es Oliver Michael Dittrich. Besser bekannt als Olli Dittrich. Wir haben ihn nicht sofort erkannt, weil der Messe-Dittrich mit dem Dittsche- oder Musik-Dittrich so wenig gemein hat, wie Messefrau mit Fausts Gretchen.

Auf dem Kopf ist er graumeliert, kurzgeschnitten und akkurat gescheitelt; er ist schlank, groß, hält sich sehr gerade, trägt schwarzen Anzug, klassische Schuhe und eine nagelneue, sehr dicke Brille. Damit sähe er nun besser, sagt er mit geschulter, kräftiger Stimme zu Messefrau. Und da Messefrau “Das freut mich Herr Dittrich” zu Messe-Dittrich sagt, erkennt der Messe-Blogger ihn nun auch. Messe-Bloggers Blicke und Aufmerksamkeit waren zuvor von Messe-Frau etwas abgelenkt. Der Titel den Messe-Dittrich uns auf der Buchmesse nahe legt, heißt übrigens “Das wirklich wahre Leben.” Er ist bei Piper erschienen und kostet 19 Euro 95 Cent. Auch das Messe-Leben ist wahr und wirklich – dicht, prall, manchmal verwirrend und einen Hauch giftgrün.

Schmidt. Schmidt war da ganz anders. Arno Schmidt (1914 – 1979). Arno Schmidt lebte in einem winzigen Haus am Rande eines kleinen Heide-Dörfchens und ging vermutlich nie auf Buchmessen. Er blieb lieber zu Hause, las, forschte, sammelte Zettel und schrieb. Doch genau dieser Arno Schmidt hatte einen eigenen Stand auf der Leipziger Buchmesse. Noch dazu einen ganzen Stand für ein einziges Buch. Die Arno-Schmidt Stiftung, im sandigen Bargfeld zu Hause, hatte auch dieses Jahr wieder eine wunderbare, leicht zeitentrückte Oase inmitten all der Messe-Wucht geschaffen.

Die Standbesatzung widmete sich ganz der Präsentation des großen Hauptwerks ihres Meisters. Die letzten Herbst erschienene Neuausgabe von Arno Schmidts “Zettel’s Traum” war gewichtiger Mittelpunkt dieses Idylls. Der Stand-hafte Schmidt-Kenner und -Interpret Bernd Rauschenbach, resümierte nach der Messe im Fach-Organ “Arno-Schmidt-Mailingliste (ASML)” über den Publikums-Zuspruch: “Erfreulich viel junge Menschen darunter – und ganz erstaunlich viele Frauen (die standen früher eher gelangweilt herum, wenn ihre Männer sich am Stand festlasen). Einige wollten nur mal das sagenumwobene Buch anfassen oder hochheben, aber Etliche verlangten Friedrich Forssman und mir ganze Kurzreferate ab.”

Bild: Arno-Schmidt-Stiftung, Bargfeld

Leipzig. Ich habe keinen Hinweis darauf gefunden, dass Arno Schmidt jemals in Leipzig war. Aber viele andere Literaten haben sich hier aufgehalten und gearbeitet. Wer auf ihren Spuren durch die sächsische Messe- und Kulturstadt spazieren möchte, der hat jetzt einen praktischen und detaillierten Navigator zur Hand: “Literarisches Leipzig” von Ansgar Bach und unter Mitarbeit von Susanne Zwiener, führt uns an die Wohn- und Wirkungsorte von 80 Dichtern, Gelehrten und Verlegern. Von Bruno Apitz, über Theodor Fontane und Franz Kafka, bis zu Juli Zeh, wandern wir alphabetisch durch das Werk und die Stadt. Das Buch, dem auch ein Stadtplan beigefügt wurde, ist ganz neu im Verlag Jena 1800 erschienen, der erstaunlicherweise in Berlin zu Hause ist, und kostet Euro 12.80.

Lyrik. Wilhelm Bartsch, der in Halle lebt, und den ich bisher nicht kannte, hat “Mitteldeutsche Gedichte” (Mitteldeutscher Verlag, 2010. Euro 16.) veröffentlicht. Wer nun mit provinzieller Tümelei rechnet, liegt falsch. Mitteldeutschland, so wird uns hier durch die poetische Hintertür klar – und eigentlich müssten wir das schon seit Thomas Manns “Doktor Faustus” wissen – , ist kulturgeschichtlich deutsches Kernland. Bartsch wandelt auf “Braunkohlenbaumwipfelpfaden zwischen keltischem Knacklaut und Gnadenstern Luther”, wie er es selbst formulierte. Er verwendet starke, unverbrauchte Bilder, holt historisch weit aus, ohne die soziale Realität der Gegenwart aus dem Auge zu verlieren.

Bartsch ist zudem ein profunder Novalis-Kenner, dem er in dem einen oder anderen Gedicht huldigt. Wie Novalis, versteht auch Bartsch den Leser als erweiterten Autor. Dieser hat das Recht, die Werke der Dichter in seinem Sinne zu interpretieren. Aber eben nur Leser oder Leserin. Lehrern hingegen möchte Bartsch am liebsten verbieten, junge Menschen mit ihren lehrplanmäßigen Unterrichts-Interpretationen der Literatur zu entfremden. “Am Ende ist alle Poesie Übersetzung”, schrieb er einmal, und seinen “Mitteldeutschen Gedichten” stellte er die Worte des Philosophen Wittgenstein voran: “Um in die Tiefe zu steigen, braucht man nicht weit reisen.”

Wilhelm Bartsch bei Mephisto.

Mephisto. Den Dichter Wilhelm Bartsch lernte ich auf dem roten Sofa bei “Mephisto 97.6” kennen. Mephisto ist wirklich wunderbar und seit einigen Jahren Medien-Stammgast in der großen Glashalle während der Leipziger Buchmesse. Das Radio der Universität Leipzig sendet Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 12 und 18 bis 20 Uhr im Großraum Leipzig auf der UKW-Frequenz 97,6 MHz. Der Rest der Welt hat bei Interesse Zugang über den Live-Stream im Internet. Der kleine Messestand des Senders hat den Vorteil, dass man hier den Protagonisten der Buchmesse hautnah und in sehr kleinem Rahmen begnegnen kann.

Während sich anderswo dichte Menschentrauben drängen und einem Hören und Sehen schnell vergehen kann, finden sich vor dem roten Sofa oft nur eine Handvoll Kenner ein. Dabei hat Mephisto sie Alle. Ob Buchpreis-Gewinner oder Exkanzler-Sohn, Schauspieler oder Dichter, sie lassen sich ganz offensichtlich sehr gerne von dem gut ausgebildeten Medien-Nachwuchs befragen. Und die angehenden Profis beherrschen ihr Handwerk ohne bereits den gängigen Klischee-Abfragen und Phrasen-Aufsagereien verfallen zu sein. Man darf sehr gespannt sein, was aus Sarah Frühauf, Ben Hänchen und all den anderen einmal wird – wo sie uns in einigen Jahren hoffentlich wieder begegnen werden.

Fazit. Wir schreiben 2011. Das Buch ist noch da. Gedruckt und gebunden, mal handlich, mal schwerwiegend. Allem elektronischen Geblinke zum Trotz. Das Buch ist noch da, und es ist vielfältiger, bunter und manchmal einfältiger als je zuvor. Da gibt es Vaterbücher und Still-Ratgeber, biographische, bekenntnisreiche und erkenntnisarme Bücher, es gibt Bücher für Fitness und für Besinnung, rund um Essen und Trinken, gegen Krebs und gegen Ausländer, Bücher über die Vergangenheit und über die Zukunft. Die Titel heißen “Die Mütter-Mafia und Friends”, “Wenn das Leben dir eine Zitrone gibt, frag nach Salz und Tequila” oder “Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber”, “Kuss mit Soße” oder schlicht “Die Laufmasche”.

Kräftigen Beifall bekam Barbara Conrad als ihr der Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung verliehen wurde. Sie hat Tolstois “Krieg und Frieden” neu und zeitgemäß übersetzt. Was für eine Leistung. Doch wer wird das Buch lesen? Und wer wird Jene lesen, die es nicht auf Long- und Short-Lists, nicht ins Programm eines marktstarken Verlages geschafft haben? Die wirklich literarischen Bücher sind ein Nischenprodukt. Das ist heute in jeder Buchhandlung so und das ist auch auf Buchmessen so. In Leipzig sind sie noch am ehesten zu finden: Die kleinen Verlage, die literarischen Sonderlinge, die Buch-Verrückten, die nimmermüden Lese-Existenzen.

Wer wissen möchte, wie Literatur mit Poesie beginnt, und wie sie gelebt werden kann, der sehe sich den Film “Das Schreiben und das Schweigen“ an, den zur Messezeit in Leipzig freundlicher- und passenderweise die Schaubühne ins Programm genommen hatte. Er zeichnet ein filmpoetisches Portrait der Wiener Lyrikerin Friederike Mayröcker. In unseren Lichtspielhäusern ist er eher selten zu finden; man wird ihn aber wohl bald auf DVD kaufen können. Die Bücher Mayröckers und ihres langjährigen Gefährten Ernst Jandl bekommen wir nach wie vor bei den Buchhändlern unseres Vertrauens.

Arno Schmidt und Hermann Hesse

Zweiter Teil: Neunzehnhundertneunundvierzig/fünfzig

„Der Mond grellt im Pappelgang.“

1948 war in den alliierten Westzonen Deutschlands eine Währungsreform durchgeführt worden. Ein geordnetes Wirtschaftsleben kam in Gang. Berlin, Deutschland und Europa wurden durch den „eisernen Vorhang“ in zwei Blöcke geteilt. Den westlichen, von den Markt und Popular-Kultur dominierenden USA und den östlichen, von der stalinistischen Sowjetunion dominierten. 1949 entstanden – wie es damals schien: endgültig – zwei deutsche Staaten. Die Bundesrepublik Deutschland mit der neuen Kompromiss-Hauptstadt Bonn und die Deutsche Demokratische Republik (DDR – oder „DDR“, wie jahrzehnteland die Springerpresse relativierte) mit ihrem Zentrum Ost-Berlin. Die Veröffentlichung von George Orwells Roman „1984“ im Jahr 1949 passte bestens in die Zeit. „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir – aus dem selben Jahr – war seiner Zeit hingegen deutlich voraus.

Nach Arnos Jahren als Soldat und den Monaten in britischer Kriegsgefangenschaft nahe Brüssel, landete das Ehepaar Schmidt zunächst im niedersächsischen Cordingen. Sie wurden im Mühlenhof zwangseinquartiert. Alice liebte Kinder und Katzen; sie musste sich ein Leben lang mit Katzen zufrieden geben. Die Eheleute waren zunächst nahezu mittellos. Dann hatte Arno Schmidt erste kleine Einkünfte als Dolmetscher bei der englischen Besatzungsmacht. In späteren Jahren werden auch literarische Übersetzungen zum Auskommen beitragen.

1947 hatte sich Arno Schmidt zum freien Schriftsteller erklärt. 1949 erschien mit der Erzählung „Leviathan“ seine erste selbständige Veröffentlichung im Rowohlt-Verlag. Das Buch wurde von Hermann Hesse auf Bitten des Verlegers Ernst Rowohlt gelesen und kurz rezensiert. Der Grundtenor des zeugnisartigen Urteils war zwar nicht unfreundlich, hatte jedoch einen skeptischen Unterton. Hesse ließ einige Vorbehalte einfließen, was Person und Persönlichkeit des Autors betraf, ohne dass er diesen persönlich kannte:

„Das ist nun … ein junger Intellektueller und Dichter, der nicht nur mit dem Untergang des Abendlandes von Herzen einverstanden ist, sondern auch den Untergang der Menschheit glühend wünscht … Das wäre für sich allein nicht interessant, der Weltkatzenjammer ist nicht mehr um Ausdrucksmittel verlegen. Aber hier ist es nun ein wirklicher Dichter, der seinen Ekel uns ins Gesicht spuckt …“

Hesse dürfte sich kaum noch an die Gedicht-Einsendung von 1934 erinnert haben, als er urteilte: „Dieser junge, schnoddrige und begabte Dichter … ist ein etwas gefährdeter und möglicherweise nicht ungefährlicher, aber echter Visionär.“ Im Februar 1950 ließ er dem Kollegen sogar einen Separatdruck seiner 1928 entstandenen Betrachtung „Eine Arbeitsnacht“ zukommen, die heute Bestandteil von Band 11 der Werkausgabe ist.

Hermann Hesse hatte gute und ertragreiche Jahre erlebt. 1946 war ihm der Frankfurter Goethe-Preis und für das 1943 erschienene „Glasperlenspiel“ der Literatur-Nobelpreis verliehen worden. 1947 wurde er Ehrendoktor der Universität Bern und 1950 mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet. Er lebte fern der Not in Nachkriegs-Deutschland im blühenden Tessin. Sein literarisches Werk war abgeschlossen.

Arno Schmidt stand ganz am Anfang seiner Laufbahn. Die Beurteilung des „Leviathan“ durch Hesse hatte er von Rowohlt erhalten. Erst am 23. Mai schrieb er heftig enttäuscht eine eng beschriebene Postkarte an Hesse:

„Rowohlt sandte mir Ihre Beurteilung. Schade! Sie ist bedauerlich flach. Als Gegengabe will ich Ihnen mein Urteil über Ihr Werk senden: Ein begabter Dichter, weich und faltig. Zweierlei fehlt ihm: naturwissenschaftliche Kenntnisse und das Erlebnis folgender Urphänomene: Soldat sein müssen, Krieg, Gefangenschaft, Hunger.“

Zu dem kleinen Geschenk, das er von Hesse erhalten hatte, schrieb er: „Ich habe Ihnen noch nicht für Ihre letzte Mitteilung vom Februar gedankt. Daß Sie gegen 8 Uhr aus kühlen Nebenzimmer Abendessen zu holen pflegen: Ein Töpfchen Joghurt und eine Banane.“ Diese Information hatte Schmidt dem übersandten Text entnommen und retournierte nun in etwas gehässiger Form. Die Karte schließt mit den Worten „Ich verbleibe mit tiefer Ehrerbietung für Harry Haller (der mich wohl anders angesehen hätte) Ihr sehr ergebener Arno Schmidt.“

Hier endet die spärliche Korrespondenz der beiden großen, sehr gegensätzlichen Schriftsteller auch schon wieder. Im Juni 1950 äußerte sich Hesse in einem Brief an Ernst Rowohlt allerdings noch einmal zu Schmidt:

„Denn etwas in seinem Buch geht über die bloße Schnoddrigkeit hinaus und erinnert mich beim Lesen … an jenes unsterblich dumme und gemeine Wort eines der kleineren Unterteufel von Goebbels oder Rosenberg: ‚Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver.‘ So hatte ich bei Arno S. ein unbehagliches Gefühl, so einer könne, wenn unsereiner in freundlich anspreche, ihm ins Gesicht spucken oder eine Ohrfeige geben. Das hat er denn auch getan.“

Von diesen Zeilen und der heftigen Aburteilung – unter Verwendung von Vergleichen, die heutzutage nicht zu Unrecht geächtet sind – hat Arno Schmidt nie erfahren. Am Ende kehrt Hermann Hesse wieder zur Gelassenheit zurück und schließt das Kapitel Schmidt für sich ab: „Knabe hat alten Kerl mit Dreck beworfen. Alter Kerl bürstet sich den Rock.“

Arno Schmidt und Hermann Hesse

Erster Teil: Neunzehnhundertvierunddreißig

„Nun tritt der Mond aus einer breiten Wolke.“

Mitte des Jahres 1934 war die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten in Deutschland nahezu abgeschlossen. Die Ämter von Präsident und Kanzler wurden per Dekret zusammengelegt; Reichskanzler Adolf Hitler war über Nacht Staatschef und damit auch Oberbefehlshaber des Militärs. Die Säuberungs- und Vernichtungswelle von „jüdischen und undeutschen Elementen“ in Kultur, Wissenschaft und Kunst war spätestens seit den Bücherverbrennungen im Frühjahr 1933 in vollem Gange. Viele Intellektuelle und Künstler hatten Deutschland bereits verlassen.

Im Januar 1934 fand der damals zwanzigjährige Arno Schmidt nach monatelangem Warten und Suchen endlich eine Lehrstelle. Die Greiff-Werke stellten den jungen Mann an, ein Textil-Betrieb in der Kleinstadt Greiffenberg, die heute Gryfow Slaski heißt. Nun fuhr er täglich mit dem Zug vom schlesischen Lauban in das etwa 15 Kilometer entfernte Städtchen, das, wie die ganze Region, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu Polen gehört. Der kaufmännische Lehrling sah seine Ausbildung in der Industrie als ein notwendiges Übel und eine vorübergehende Nebenbeschäftigung.

Arno Schmidt war ein Erzähler und sich dieser künstlerischen Veranlagung schon früh bewusst, entschlossen, die Begabung zum Beruf zu machen. Bereits im Gymnasium fiel er durch allerhand Wissereien, aber auch kenntnisreiche Vorträge auf und hatte bereits ein umfangreiches Lektüre-Pensum, das weit über den Schulstoff hinausging, bewältigt. Dazu gehörten Kant und Schopenhauer, historische Stoffe und östliche Philosophie. Auch Hesse hatte er gelesen und war von dessen 1927 erschienenen „Steppenwolf“ sehr berührt gewesen. Da ging es Arno Schmidt nicht anders als vielen sensiblen jungen Menschen in aller Welt damals und bis in die Gegenwart.

Erste eigene Texte schrieb Schmidt schon während der Schulzeit, außerdem begann er Material für eine geplante Fouqué-Biographie zu sammeln. Erst sehr viel später (1958 und 1960) entstanden daraus zwei „biographische Versuche“ mit dem auf Wielands „Aristipp“ anspielenden Titel „Fouqué und einige seiner Zeitgenossen“ – im ersten Anlauf 590, in einem zweiten ganze 734 Seiten umfassend. In den 1930er-Jahren entstanden auch zahlreiche Gedichte. Eines Tages schlug ihm der Freund und ehemalige Mitschüler Heinz Jerofsky vor, Arbeitsproben an bekannte Schriftsteller zu senden und um eine Einschätzung und guten Rat für das weitere Vorgehen zu bitten. So ging u. a. das Gedicht „Verbrüderung“ im Frühjahr 1934 an Hermann Hesse, „dem Dichter des Steppenwolfes in hoher Verehrung“:

„Blutbruder Gras, ich liebe dich; / dein Wasserglanz stürzt über mich / wie eine Schale Tau. / Ich hebe meine Hände her / und streichle dich so süß und schwer / und mehr und immer, immer mehr / wie die geliebte Frau…“

Es hatte da ein Mädchen gegeben, das Gedanken und Gefühle des Oberschülers und späteren Lehrlings jahrelang beschäftigte. Sie hieß Hanne Wolf, fuhr im selben Zug von Lauban nach Görlitz, wo weiterführende Schulen besucht wurden, Jungen und Mädchen natürlich – das war damals nicht anders denkbar – getrennte Einrichtungen. Er verehrte sie aus der Ferne und nannte sie gegenüber dem Freund „a tricky woman“. Persönlich gesprochen hat er nie mit ihr.

Eine erste kleine Gedichtsammlung schenkte Arno Schmidt Heinz Jerofsky, der große Stücke auf die lyrischen Fähigkeiten des Freundes hielt. Doch Schmidt konnte mehr. Was er an Sprachdurchdringung und Wortartistik zu bieten hatte, zeigen nicht erst die Jahre später veröffentlichten Werke, sondern bereits frühe Postkarten und Briefe. Davon erfahren wir in Aufzeichnungen Jerofskys.

Schon in einem Schreiben Schmidts an seinen Freund vom 29.8.1933 taucht der noch häufig metaphorisch verwendete Erdtrabant auf: „Der Mond grinste gequaelt in wolken, wind lief mit geschrei schwarz auf rauebersteigen, arno schmidt, ein fremder prinz aus dem buecherlande umging den steinberg.“ Der Steinberg ist eine unbedeutende schlesische Erhebung. In den Augen des angehenden Schriftstellers, der sich ein Leben lang nach norddeutschen Ebenen sehnen und eines Tages dort auch sesshaft werden sollte „ein nichtswürdiger klein=beleibter Hügel…“

Bildungsstolz und leicht protzend ist der Ton in einer Postkarte vom 14. September des gleichen Jahres: „Geschrieben zu beginn der nacht-el-kadr, der 26. des ramadan, im jahre 1311 der hedschra…“, wo es am Schluss heißt: „d. tinte geht aus: ‚ade! ade!’ (hamlet I. V.) schreibe spaetestens 1940 wieder. die parallel gesäumte krueppelkiefer…“

Die fernverehrte Zugfahrerin, jene tricky Hanne, wird schließlich in Arno Schmidts Erst-Veröffentlichung „Leviathan“ als Anne wieder auftauchen. Hier kommen sich der Ich-Erzähler und das weibliche Ideal – in allerdings aussichtsloser Lage – zumindest verbal-erotisch näher: „Passiert Ihnen das übrigens öfter: von mir zu träumen – ?“ Zum „Leviathan“ kommen wir im zweiten Teil der kleinen Betrachtung über das Verhältnis von Arno Schmidt und Hermann Hesse.

Hermann Hesse lebte 1934 bereits im Tessiner Montagnola. 1931 hatte er seine langjährige Gefährtin Ninon Dolbin geheiratet, ein neues Haus mit Garten bezogen und erste Vorarbeiten an seinem letzten großen Prosawerk, dem „Glasperlenspiel“, begonnen. Es sollte erst 1943 erscheinen. Schon zu dieser Zeit bekam Hesse sehr viel Post. Darunter immer wieder zahlreiche Briefe von jungen Menschen aus aller Welt, die nicht selten um Hilfe in Lebensfragen und Konfliktsituationen baten. Er versuchte zu beantworten, so viel und was ihm möglich war, musste aber erkennen – und bekannte das auch immer wieder – dass ihn die Erwartungen und Hoffnungen der Schreibenden überforderten. Der ihm abverlangten Rolle als Beichtvater und Lebensberater fühlte er sich auf Dauer nicht gewachsen.

Arno Schmidt erhielt seine Antwort am 19. Juni 1934. Hesse, längst Schweizer Staatsbürger, der sich damit auch formal korrekt von Nazi-Deutschland abgrenzen durfte, sandte einen „Gruß von Hermann Hesse“ und legte sein Gedicht „Dreistimmige Musik“ bei. Arno Schmidt, der sich in keiner Weise über die Situation Hesses im Klaren war, hatte wohl mehr erwartet, ohne selbst genau zu wissen was. Der junge Lehrling und zukünftige Schriftsteller war von seinem Idol aus seiner Sicht enttäuscht worden. Hesses Schreiben reichte er an Ernst Jerofsky weiter, der es aufbewahrte. Durch seine Erinnerungen wissen wir davon.

1937 heiratete Arno Schmidt die Arbeitskollegin Alice Murawski. Bis 1940 arbeitete er noch in den Greiff-Werken. Längst war der Krieg ausgebrochen und bald wurde auch der inzwischen 26-jährige Schlesier zur Wehrmacht eingezogen. Fünf lange Jahre trug er Uniform, erlebte Vernichtung, Tod, Leid, Verzweiflung und den Niedergang seiner Nation der Dichter und Denker. Im Chaos des Frühjahrs 1945 entfloh Schmidt zunächst dem Militärdienst, meldete sich jedoch wieder zurück und wurde noch zu letzten sinnlosen Kämpfen an die Front geschickt. Er überlebte. Von April bis Dezember 1945 war er in britischer Gefangenschaft, in der er immerhin Gelegenheit hatte, seine englischen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen. Das ermöglichte ihm für die Zukunft Einkünfte als Übersetzer.

Der zweite Teil von „Arno Schmidt und Hermann Hesse“ folgt in Kürze.

„’s geht über Menschenwitz“

„Zettel’s Traum“ als aufwendige Neu-Edition

Ein Ereignis. Traumhafte Zeiten für Arno-Schmidt-Freunde. Montag, den 4. Oktober ist es soweit. Nach jahrelangen Vorarbeiten von Setzern, Herausgebern und Korrektoren erscheint „Zettel’s Traum“ erstmals als gesetztes Buch in lesefreundlichem Schriftsatz. Dabei wurde versucht, Charakter und Eigenheiten des Originals, das 1970 als schwerwiegendes faksimiliertes Typoskript erschienen war, möglichst wenig zu verändern.

Worum geht’s? Die Geschichte ist noch die selbe: Daniel Pagenstecher – genannt Dän – steht auf Edgar Allen POe und ganz junge Mädchen. Poe wird von ihm übersetzt, dechiffriert und nach allen Regeln der Etym-Analyse seziert. Das Ergebnis ist für den amerikanischen Phantasten nicht gerade schmeichelhaft. Bei den Mädchen, besonders jener zarten Versuchung in Gestalt der Protagonistin Franziska, eine ihm zudem besonders nahe stehende und auch keineswegs abholde Maid, macht Dän nicht die Fehler, die einem gewissen Humbert einstmals zum hochliterarischen Verhängnis wurden. Er legt die Hunde in seinem Keller an die Kette und lenkt seine Leidenschaften in eine seriös väterliche Richtung. Das dauert exakt vierundzwanzig Stunden, findet in und rund um ein Heidedörfchen statt, sowie auf der einen oder anderen Traum-Ebene und benötigt die erzählerische Breite von drei Spalten, eine epische Länge von 1536 Seiten und die geballten Schmidt’schen orthographischen Eigenarten. Das ist – hat der willige Leser erst einmal Zugang gefunden und seine individuelle Lesetechnik entwickelt – durchaus nicht ohne Spannung, intellektuellen Reiz, Melodie und Rhythmus.

Das Angebot. Wir stehen vor der Qual der Wahl, allemal aber vor erheblichen Strapazen des Kontos, Portmonees oder der Kreditkarte. Das Werk erscheint parallel in gleich drei, glücklicherweise textidentischen Ausgaben. Der Standardausgabe, gleichzeitig Band IV/1 der Bargfelder Ausgabe, zum Preis von Euro 298; für 100 Währungseinheiten weniger gibt es die wohlfeile Studienausgabe als paperback (!) – irgendwo steht sogar „Taschenbuch“ – und schließlich für flüssige Bibliophile die Vorzugsausgabe, eine Halbpergament-Version für Euro 448. Erfreulich ist auf jeden Fall, dass Schmidts Werk als Ganzes bei Suhrkamp wirklich eine nachhaltige verlegerische Heimat gefunden hat.

Handel und Wandel. Der Buchhandel reagiert unterschiedlich, häufig zurückhaltend, auf dieses publizistische Beben. Die Demographie! In den jüngeren Jahrgängen hält sich das Interesse in Grenzen, das Wissen um Autor und Werk ist dort nicht mehr sehr verbreitet. Der lauschige, esoterisch ausgerichtet Buchladen Eichhorn in Ulm zum Beispiel, sonst gerne für Besonderes zu haben, hat keine Aktionen geplant und wird zum Verkaufsstart auch kein Exemplar vorrätig haben. Buchhändler und Schriftsteller Manfred Eichhorn sieht zudem einen Preisverfall auf dem antiquarischen Markt für Schmidts Werke: „Die Aktie Schmidt sinkt seit Jahren.“ Auch die Ulmer Filiale der Massen-Marke Hugendubel wird auf das Ereignis nicht reagieren: Keine Nachfrage, kein Angebot, keine Aktion. Da ist dann die alte Universitätsstadt Tübingen doch ein anderes Pflaster. Bei Osiander gibt es ab 4. Oktober, sowohl die Standard-, als auch die Studienausgabe im Sortiment. Auch an einigen anderen Osiander-Standorten wird zumindest die Studienausgabe angeboten.

Begleit-Erscheinungen. Es sind nur zwei Standorte an denen dasBuchdieBücher einer staunenden Öffentlichkeit präsentiert wird, bzw. werden und die sich in der Nähe der Zentral-Redaktion dieses Blogs befinden: Am 19. Oktober um 20 Uhr im Karlsruher Literaturhaus und am 11. November in der Buchhandlung Lentner, am Münchener Marienplatz. Interessante Begleit-Texte bietet der Blog „Schauerfeld“, in dem Schmidt-Experten wie Jan Süselbeck, Friedhelm Rathjen und Susanne Fischer zu den Autoren gehören. Einen Besuch lohnen ganz sicher die Seite der „Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser“, kurz GASL , sowie die ASml-News; dort erfährt man auch Näheres über die virulente “Arno-Schmidt-Mailingliste“, auf der immer wieder rege bis aufgeregte Diskussionen entflammen. Und für verwöhnte Ohren gibt es auch noch was im Radio: z. B. am 11. Oktober auf WDR 5, jeweils 12.05 Uhr und 21.05 Uhr in der Sendung „Scala.“

Abschließend der Hinweis: Werbe-Broschüre und Plakat zur Edition sind graphisch und typographisch ganz besonders gelungen. Man sollte nichts unversucht lassen, von diesen ästhetischen Sammler-Stücken noch ein Exemplar zu bekommen.

So! Rum. Juni MMX

4:1 oder 2. Das Ergebnis war schon erstaunlich deutlich. Noch mehr verwundert jedoch die britische Reaktion auf dieses Natur-Ereignis. Auf die sonst übliche martialische, mit Kriegs-Metaphern durchsetzte Sprache, haben die englischen Medien weitestgehend verzichtet. Viele faire Fans anerkannten zudem die Leistung der deutschen Mannschaft und fanden das Ergebnis leistungsgerecht. Nun wird es als nächstes darum gehen, Argentinien zum Weinen zu bringen. Für den adeligen Linksfuß Lukas Podolski kein Problem: „Die Brust ist erst mal da nach dem Spiel.“ Na also. Allerdings war auf die Anatomie-Kenntnisse des Fussball-Adels und ihrer Volksscharen noch nie Verlass. „Mit dem Herz in der Hand“, fordern seit Jahren die stimmgewaltigen „Sportfreunde Stiller“ zum Mitsingen und Weltmeister werden auf.

625:494. Der nächste Horst heißt Christian. Christian Wulff. Der Job ist noch der gleiche: Bundespräsident. Realität: Mann Anfang Fünfzig mit junger Frau und noch jüngerem Kind für mindestestens 5 Jahre an Präsidentenpalast und Protokoll gefesselt. Wer’s mag.  Wahrscheinlich nur etwas für Persönlichkeiten die schon mit fünfeinhalb in die Vorschul-Organisation ihrer Partei eingetreten sind und dort gleich den Ortsverein übernommen haben. Gewählt von denen, die immer die wählen, von denen man ihnen sagt, dass sie die wählen sollen.

Glückwunsch. „Die meisten Dichter verstehen von Literatur nicht mehr als Vögel von Ornithologie.“ Mit dieser Aussage rechtfertigte Marcel Reich-Ranicki einst die Existenz der Literaturkritik im allgemeinen und des Literaturkritikers im besonderen. Am 2. Juni wurde Marcel Reich-Ranicki 90 Jahre alt und vielfach öffentlich gewürdigt und gefeiert. Einer der schönsten Jubiläumsbeiträge: Das Geburtstagsständchen von Harald Schmidt, der Brechts „Erinnerungen an Marie A.“ vorsang:

„An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum …“

Buch (1). „Weltempfänger“ heißt eine Bestenliste, die monatlich Bücher in Form eines Ranking vorstellt, die aus afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Sprach- und Literaturräumen stammen. Verantwortlich dafür ist „litprom“. Eine Initiative in Vereinsform, die es sich u. a. zur Aufgabe gemacht hat, Literatur abseits der sonst dominanten europäischen und angelsächsischen Märkte in den Blickpunkt zu rücken. Auf Platz 1 der Juli-Ausgabe der Liste steht der mexikanische Autor Paco Ignacio Taibo mit seinem beim Verlag Assoziation A erschienen Titel „Der Schatten des Schattens“. Das derzeit in den Medien, dabei aber weniger mit seiner Literatur, präsente Südafrika, ist mit Gedichten von Lebogang Mashile vertreten. „Töchter von Morgen“ heißt das Buch. Diesen und frühere Weltempfänger gibt es auf der Web-Site von „litprom“.

Buch (2). Neue Medien können auch dazu beitragen, dass in Vergessenheit geratene Stärken „älterer“ Medienformen, wieder deutlicher sichtbar werden. Auf diesen Effekt setzt u. a. die Slow Media Bewegung um den Soziologen und Medienberater Benedikt Köhler. „Gegenüber dem regiden Kontrollwahn der Apple Corp. wird die in den letzten Jahren erfolgreich verdrängte widerständige, antihegemoniale Macht des Buchs wieder spürbar“, schrieb Köhler im Börsenblatt 23, 2010, auf Seite 15. Slow Media hat sich der „Langsamkeitspflege“ verschrieben und möchte das „Mono Tasking“ fördern: „So wie die Herstellung eines guten Essens die volle Aufmerksamkeit aller Sinne eines Koches und seiner Gäste erfordert, können Slow Media nur in fokussierter Wachheit mit Genuss konsumiert werden.“

Buchhandel. Und gleich ein weiteres Zitat von Benedikt Köhler aus der Quelle wie oben: „Wer sich an die Beliebigkeit von Download- und Löschbutton gewöhnt hat, wird die andere Qualität eines slowen Mediums wie des Buchs stärker zu schätzen lernen.“ Auch wenn ich persönlich das englische slow nicht unbedingt mit einer deutschen Beugung quälen würde – irgendwie hat der Mann keineswegs Unrecht. Das zeigt auch ein in letzter Zeit erkennbarer Trend, der kleinen, standortverbundenen, kettenunabhängigen Buchhandlungen eine günstige Zukunft verspricht. Kundennähe, Stadtteil-Treffpunkt, Vernetzung, attraktive Veranstaltungen sind die Trümpfe mit denen engagierte Buchhändler stechen können. Dabei ist keineswegs von realitäts- und marktfernen Kuschel-Nischen die Rede, denn offensiver Umgang mit neuen Medien gehört ebenfalls zu den Erfolgsvoraussetzungen.