Auftritt Oskar Matzerath

18. Mai 2014

1958. Gasthof Adler in Großholzleute. Günter Grass liest erstmals öffentlich aus der „Blechtrommel“.

Die 20. Tagung der Gruppe 47 fand, wenn man es wohlwollend ausdrückend will, in reizender Voralpenlandschaft statt. Nüchterner formuliert: Weit ab von den kulturellen Zentren, einige meinten, „wo Hase und Igel sich gute Nacht sagen.“ Nicht zum ersten Mal hatte man sich für ein ländliches Quartier entschieden. Einige Kilometer hinter Isny liegt das Dörfchen Großholzleute, inzwischen längst in den württembergischen Kurort eingemeindet.

Vom 31. Oktober bis 2. November 1958 versammelten sich die von Hans Werner Richter eingeladenen Schriftsteller und Schriftstellerinnen im historischen Gasthof Adler. Knapp an die viel befahrene Straße nach Kempten gebaut, verfügte das Wirtshaus, neben niedrig uriger Gaststube, über einen geräumigen, nach hinten gelegenen Saal. Das Ambiente war gediegen Altdeutsch: Bretterdielen, schon etwas wackelige Holztische, holzverkleidete Wände an denen zahlreiche Geweihe hingen, die niedrigen Fenster sorgten für Dauerdämmer. Die Abgeschiedenheit erzeugte den erwünschten Klausurcharakter.

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Der Gasthof Adler nahe Isny in den 1950er Jahren.

Zu den uns heute noch bekannteren Teilnehmern zählten Wolfgang Hildesheimer, Hans Magnus Enzensberger (ja, den gab es damals auch schon!) und Ilse Aichinger. Zum ersten Mal dabei war ein erst vor kurzem aus Polen übersiedelter, den meisten noch unbekannter Literaturkritiker namens Marcel Reich-Ranicki. Medienvertreter kamen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus den Nachbarländern Schweiz und Österreich, aus den Niederlanden und Polen, selbst die BBC war vertreten. Das Interesse der Medien wurde nun von Jahr zu Jahr größer. In den folgenden Jahren entwickelte sich ein regelrechtes Berichterstattungs-Spektakel. Die Person des Dichters, der Dichterin wurde für viele Jahre zur beliebten Medienfigur und damit zum Protagonisten auf der Bühne der Eitelkeiten und Marktmechanismen. Seit jedoch breite Fernsehpenetranz das Volk beglückt, ist das öffentliche Interesse an der schreibenden Elite wieder stark gesunken.

Das Prozedere auf den Tagungen der Gruppe 47 war bereits zum Ritual geworden. Der Autor liest, das Forum kritisiert, der Dichter hat zu schweigen. Selten gab es Abweichungen oder wurden Sonderwünsche erfüllt, wie die eines polnischen Teilnehmers, dem es erlaubt wurde im Adlersaal bei Kerzenschein zu lesen. Doch die 20. Zusammenkunft der Schreiber-Zünftlinge wurde noch aus einem anderen Grund etwas ganz Besonderes. Auf dieser Veranstaltung im abseits gelegenen, historischen Landgasthof begann eines der bedeutendsten Kapitel deutschsprachiger Literaturgeschichte der – damals sogenannten – Nachkriegszeit.

„Zugegeben: Ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann… Ich beginne (mit der Erzählung) weit vor mir; denn niemand sollte sein Leben beschreiben, der nicht die Geduld aufbringt, vor dem Datieren der eigenen Existenz wenigstens der Hälfte seiner Großeltern zu gedenken.“

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Es war ja kein gänzlich Unbekannter, der da auf altem, etwas klapprigen Stuhle sitzend diese ersten Sätze aus seinem noch unveröffentlichten Roman den versammelten Schriftsteller-Kollegen, (wenigen) Schriftstellerinnen, Kritikern und Medienvertretern vorlas. Günter Grass hatte bereits 1955 in Berlin erstmals vor der Gruppe 47 gelesen. 1956 war sein Gedichtband „Die Vorzüge der Windhühner“ erschienen, ein Jahr später wurde in Frankfurt am Main das Stück „Hochwasser“ uraufgeführt. 1957, beim Treffen in Starnberg, trug er Lyrik vor und war mit einigen seiner Grafiken angereist, die den Teilnehmern zum Kauf angeboten wurden. Er brauchte Geld. Doch nicht jeder kannte den „jungen Mann mit mächtigem Schnurrbart“, wie ihn Marcel Reich-Ranicki nannte. Grass wirkte auf viele etwas grobschlächtig, hinterwäldlerisch. Ein Bildhauer sei das, der auch dichtet, wussten Einige.

Marcel Reich-Ranicki hatte ihn bereits im Mai 1958 in Warschau kurz kennengelernt. Der ihm damals noch unbekannte Steinmetz, Grafiker und Schriftsteller erzählte dem sehr an deutscher Literatur interessierten „Fremdenführer“ von seinen Romanplänen. „Das wunderte mich nicht“, schrieb Reich-Ranicki in seinen Erinnerungen, „denn ich habe in meinem ganzen Leben nur wenige deutsche Schriftsteller kennengelernt, die nicht gerade an einem Roman arbeiteten.“ Als ihm Grass anvertraute, dass die Hauptfigur ein Zwerg mit Buckel und Insasse einer „Irrenanstalt“ sein würde, urteilte er: „Eines schien mir sicher: aus dem Roman wird nichts werden.“

Grass lebte seit 1956 zusammen mit seiner damaligen Frau Anna Schwarz in Paris. Die Wohnverhältnisse waren schlecht, Geld knapp. Doch wie bei Grass üblich: es wurde gelebt, geliebt, gezeugt, getanzt und gekocht. Und fleißig geschrieben. Es war dies die Zeit in der Grass mit den ersten Aufzeichnungen zur „Blechtrommel“ begann. Frühe Ideen sahen als mögliche Titel für das Werk „Oskar der Trommler“ oder schlicht „Der Trommler“ vor. Erst in der vierten Fassung des Romans – die ersten drei endeten später als Heizmaterial – bekam dieser seinen endgültigen Titel.

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Günter Grass, 2010 auf der Leipziger Buchmesse.

„Einige Kritiker hielten ihn für eine Naturbegabung, was wohl eher abwertend als anerkennend gemeint war…“ (Hans Werner Richter). Im Westallgäuer Adler las Grass zwei Kapitel aus der „Blechtrommel“. Das erste, das mit dem bekannten, oben zitierten Satz beginnt und das vierunddreißigste. In diesem wechselt der Autor den Erzähler. Nicht mehr Oskar Matzerath führt das Wort – geschwollene Finger machen inzwischen sowohl das Trommeln, wie auch das Halten eines Füllfederhalters unmöglich – sondern einer seiner Pfleger.

„Ich, Bruno Münsterberg, aus Altena im Sauerland, unverheiratet und kinderlos, bin Pfleger in der Privatabteilung der hiesigen Heil- und Pflegeanstalt. Herr Matzerath … ist mein Patient… Herr Matzerath ist mein harmlosester Patient… Nie gerät er so außer sich, daß ich andere Pfleger rufen müßte. Er schreibt und trommelt etwas zu viel. Um seine überanstrengten Finger schonen zu können, bat er mich heute, für ihn zu schreiben…“

Die barock anmutende Formulierungskunst, die erzählerische Wucht, überraschte dieses erste Auditorium. Von Schriftstellern, die vor der Gruppe 47 lasen, wurde eigentlich stilistisch Neuartiges erwartet. Man wollte die Literatur der Weimarer Republik und des Exils endgültig hinter sich lassen. Dass die deftigen Passagen der Geschichte nach Erscheinen des Buches für den einen oder anderen Skandal in der Adenauer-Republik sorgen würden, ahnte noch keiner der Zuhörer. Das Echo war insgesamt positiv. „…mir haben die beiden Kapitel gefallen, sie haben mich nahezu begeistert“, drückte Marcel Reich-Ranicki aus, was wohl die meisten empfanden. Sein Urteil über das fertige Buch, das er für die Münchener Wochenzeitung „Die Kultur“ besprach, fiel dann etwas doppeldeutiger aus: „Grass schreibt eine unkonventionelle, kräftige ja sogar wilde Prosa… Er kann beobachten und schildern, seine Dialoge sind vorzüglich, sein Humor ist grimmig und originell und er hat viel zu sagen.“ Reich-Ranicki entwickelte sich nach und nach zum obersten Grass-Kritiker und –Skeptiker.

indexNach der fulminanten Lesung des dunkelhaarigen, schnurrbärtigen Kaschuben, war das Interesse an Hans Magnus Enzensberger und Klaus Roehler, die unglücklicherweise nach diesem Naturereignis lesen mussten, deutlich flauer. Der Tag klang aus, wie die meisten Abende der Gruppen-Treffen – bei intensiven Diskussionen und reichlich Wein, Bier und Rauch.

Günter Grass bekam spontan den „Preis der Gruppe 47″, dessen Vergabe eigentlich drei Jahre zuvor eingestellt worden war. Verlage sagten dafür kurzfristig 5000 Deutsche Mark zu (Böttiger). Laut Toni Richter soll Grass sogar DM 6.500 Preisgeld bekommen haben. Eine für damalige Verhältnisse beträchtliche Summe (Ein Luxus-Auto wie der Opel Kapitän war damals für etwa 8000 DM zu haben). Grass feierte die Preisverleihung am Tresen des Gasthauses mit Allgäuer Obstler und band sich für das Erinnerungsfoto eine Krawatte um. „Im Knopfloch seines Jackets steckte eine Blume“, wusste der Biograph Michael Jürgs. Ins Gästebuch des Adler trug sich der Prämierte mit einer gezeichneten Kochmütze und einem lapidaren „Günter Grass, Paris“, ein.

Nach der Abreise aus Großholzleute machten viele Teilnehmer noch in Ulm Station. Inge Aicher-Scholl gab für die Gruppe ein Fest in der auf dem Kuhberg gelegenen Hochschule für Gestaltung. Die in der Bauhaus-Nachfolge stehende Kreativschmiede war zu ihren besten Zeiten, neben ihrem spektakulären Blick auf das gotische Ulmer Münster in der Stadtmitte, für legendäre, ausdauernde Partys berühmt und bei vielen Bürgern der Stadt auch berüchtigt. Ein kleiner Kreis fand schließlich noch für den einen oder anderen Absacker zu Erika Wackernagel, der Frau des legendären Intendanten Peter Wackernagel, der im Sommer 58 überraschend verstorben war.

Günter Grass führte der Weg vom Adler direkt nach München, wo er beim Radio des Bayerischen Rundfunks aus dem Blechtrommel-Manuskript las. Das Honorar betrug DM 800. Ab sofort war Grass ein bekannter Autor, eine prominente Persönlichkeit in Nachkriegs-Deutschland und nahezu aller Geldsorgen ledig, wenn es auch noch etwas dauern sollte bis das zuerkannte Preisgeld eintraf. „Ich selbst habe eine solche Euphorie in der Gruppe 47 nicht wieder erlebt“, blickte Hans Werner Richter zurück.

Fast ein Jahr dauerte es noch bis endlich das gedruckte Buch erscheinen konnte. Paul Celan, mit dem Grass in Paris freundschaftlichen Umgang pflegte, durfte vorab die Korrekturfahnen sehen. Grass hatte nach der Tagung im Allgäu mit Eduard Reiferscheidt vom Luchterhand-Verlag Konditionen für sich ausgehandelt, die deutlich über dem damals Üblichen lagen. Das hat sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten für alle Beteiligten gelohnt.

Günter Grass hielt der Gruppe 47 die Treue. Er versäumte keine der folgenden Tagungen.

***

(Warum ich gerade jetzt über diese 20. Tagung der Gruppe 47 geschrieben habe, hat mit dem Schauplatz des Geschehens zu tun. Denn aus Vergangenheit und Gegenwart des Gasthauses Adler ist längst eine eigene lange Geschichte geworden. Eine Geschichte mit offener, derzeit eher unklarer Zukunft. Darüber hoffe ich in Kürze hier etwas mehr und Genaueres berichten zu können.)

***

 Verwendete Literatur

Grass, Günter: Die Blechtrommel. – Neuwied : Luchterhand, 1959

Jürgs, Michael: Bürger Grass. Biografie eines deutschen Dichters. – München : C. Bertelsmann, 2002

M.-Brockman, H.: Dichter und Richter. Die Gruppe 47 und ihre Gäste. – München : Rheinsberg Verlag, 1962

Reich-Ranicki, Marcel: Mein Leben. – Stuttgart : Deutsche Verlagsanstalt, 1999

Richter, Hans Werner: Im Etablissement der Schmetterlinge. 21 Portraits aus der Gruppe 47. – München : Carl Hanser Verlag, 1986

Richter, Toni: Die Gruppe 47. In Bildern und Texten. – Köln : Kiepenheuer und Witsch, 1997

 

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Spät-Lese (4)

5. März 2012

(Reife Bücher. Erstmals, neu oder wieder gelesen)

“Irrungen, Wirrungen” von Theodor Fontane

Warum und wozu?

Nachdem ich einige Romane von Theodor Fontane gelesen und mich etwas mit dessen Biographie beschäftigt hatte, begann ich den Roman “Ein weites Feld” von Günter Grass besser zu verstehen. Darin geht es mal offen, mal verschlüsselt, fast ausschließlich um Leben und Werk Fontanes und die Leküre erfordert entsprechende Vorkenntnisse. Früher musste ich über den ruppigen, unsensiblen, als Spiegel-Titelbild epochemachenden, allzu wörtlich illustrierten Verriss des Buches durch Marcel Reich-Ranicki schmunzeln; inzwischen weiß ich, dass der Meister wohl falsch lag. Denn “Ein weites Feld” ist ein solches und setzt eben Neigung zu und Lektüre von Fontane voraus.

Ich selbst habe die Erzählwelt von brandenburgischer Mark, Oderbruch und preußischem Berlin reichlich spät für mich entdeckt, war lange Zeit dem Vorurteil verhaftet, dass diese “alten Geschichten” zu sperrig und schwer zugänglich seien. Irgendwann las ich dann kurz hintereinander “Vor dem Sturm”, das deutschsprachige Pendant zu Tolstois “Krieg und Frieden” und Fontanes umfangreichster Roman, die Novelle „L’Adultera“, in der ich das Humor-Potential Fontanes entdeckte und die dramatisch tragische Geschichte von der armen „Grete Minde“. “Effi Briest” und “Irrungen, Wirrungen” folgten bald darauf.

Effi Briest ist nicht nur aus meiner Sicht einer der großartigsten Romane in deutscher Sprache überhaupt. Man kann Thomas Mann nur zustimmen: „Eine Romanbibliothek…, beschränkte man sie auf ein Dutzend Bände, auf zehn, auf sechs, – sie dürfte ‚Effi Briest‘ nicht vermissen lassen.“ Fontane schildert darin eines seiner traurigsten und hoffnungslosesten Frauenschicksale. Davon kann man sich bei “Irrungen, Wirrungen” ein Stück weit erholen; denn hier finden wir eine preußische Gesellschaft vor, die sich schon so weit entwickelt hat, dass sie Konflikte zwischen Mann und Frau und den verschiedenen Ständen ohne Todesfälle lösen kann.

Wer war der Autor?

Theodor Fontane wurde erst im fortgeschrittenen Lebensalter zum Roman-Schriftsteller. Am 30. Dezember 1819 kam er in Neuruppin zur Welt. Er trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde Apotheker. Berufliche Stationen waren Magdeburg, Leipzig, Dresden und Berlin, wo er auch den Militärdienst leistete. Nebenher entstanden Erzählungen und Gedichte, die in Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Fontane verkehrte in literarischen Zirkeln, wie dem “Tunnel über der Spree”, dem u. a. auch Paul Heyse und Adolf von Menzel angehörten. Die eigentliche Laufbahn des hauptberuflichen Schriftstellers begann 1849 als Korrespondent der “Dresdner Zeitung”, einige Jahre davon in England.

1862 erschien der erste Band der “Wanderungen durch die Mark Brandenburg”. In den 1860er und 1870er Jahren war Fontane Berichterstatter von Kriegsschauplätzen in Dänemark, Böhmen und Frankreich, wo er als Spion verdächtigt und zeitweise inhaftiert wurde. Bis 1889 schrieb er Theaterkritiken für die “Vossische Zeitung”. Sein erster Roman “Vor dem Sturm” erschien schließlich 1878, in rascher Folge dann weitere, bis 1899 mit “Der Stechlin” die Reihe der Roman-Veröffentlichungen abgeschlossen wurde. Da war der Autor bereits tot. Fontane starb 1898 in Berlin; aus seinem Nachlass wurde 1914 noch das Fragment “Mathilde Möhring” veröffentlicht. “Irrungen, Wirrungen” kam 1888 heraus, noch vor “Effie Briest” (1895), ist aber zeitgeschichtlich später angesiedelt.

Worum geht es?

Schauplatz ist Berlin. Die 1870er Jahre. Eine Zeit der technischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Im Mittelpunkt steht die Liebe zwischen dem gut aussehenden, mit beiden Beinen fest im harten Alltag stehenden, selbstbewussten Bürger-Mädchen Lene Nimptsch und dem feschen, familiären ebenso wie überholten ständischen Traditionen verpflichtete Offizier und Baron Botho von Rienäcker. Diese Liebe hat von Anfang an keine Zukunft, was Lene schon immer klar ist, was er aber gegen jeden Verstand nicht wahrhaben will. Nicht einmal dann, als die kluge junge Frau ihrem Geliebten genau vorhersagt, wann der Moment der Trennung für immer kommen wird.

Eine solche Beziehung durfte im Preußen des bereits dem Untergang geweihten, aber immer noch tonangebenden Adels, nicht offen gelebt und schon gar nicht institutionalisiert werden. Doch was wir hier erzählt bekommen ist nichts weniger als die Geschichte einer großartigen weiblichen Selbstbehauptung und zaghafter früher Emanzipation. Fontane schildert realistisch, fast nüchtern, zwar mit Distanz, doch nicht ohne Ironie und leisen Humor. Sehr feinsinnig und facettenreich gelungen sind Nebenfiguren, wie die Nenn-Mutter Nimptsch, ihre Plauderfreundin Frau Dörr und deren knorrig-geiziger Ehegatte. Hier zeigt sich die ganze Größe und Qualität des Erzählers Theodor Fontane.

Was sind die Höhepunkte?

Zu den Höhepunkten des Romans gehört zweifellos der Ausflug von Lene und Botho zum Ausflugslokal “Hankels Ablage” an einem See am Berliner Stadtrand, sowie die anschließend im Gasthof gemeinsam im Doppelzimmer verbrachte Nacht. So direkt wird der Leser auf ein Paarungsgeschehen zwischen den Protagonisten in anderen Werken Fontanes nicht hingewiesen. Allerdings geschieht dies hier ohne die heute selbstverständlichen Details.

Dass die Geschichte für das Liebespaar in pragmatischen Zweckehen mit anderen Partner endet, muss letztlich als positiv angesehen werden. So bleiben alle Beteiligten und auch wir Leser von allzu großem Unheil und damit verbundener Trauer (wie oben bereits angedeutet: s. Effi Briest, wo das ganz anders endet.) verschont. Und wenn sie nicht gestorben sind … Das Buch eignet sich übrigens hervorragend für glückliche, unbeschwerte (Liebes)-Paare unserer Tage zum gegenseitigen Vorlesen. (Doch wer macht so etwas noch?!)

***

Die Werke Fontanes gibt es in vielen verschiedenen Ausgaben. Vom wohlfeilen Reclam-Bändchen, über Taschenbücher, bis zu festgebundenen Varianten. Zur Lektüre empfiehlt sich auf jeden Fall eine kommentierte Ausgabe. So hat man die beste Möglichkeit erzählte Zeit und deren Geist richtig erfassen und mitempfinden zu können und letztlich mehr als nur eine alte Geschichte. Für Irrungen, Wirrungen empfiehlt sich deshalb:

Fontane, Theodor: Irrungen, Wirrungen. Roman, vollst. Ausgabe mit Kommentar und Nachwort von Helmuth Nürnberger. – München: dtv, versch. Jahre. Derzeit Euro 8,90


Mai 1960

22. Januar 2012

Die Gruppe 47 in Ulm

Der erste Teil

Die Ulmer Hochschule für Gestaltung wird für immer als eine ganz besondere Bildungseinrichtung in Erinnerung bleiben. Der Gebäudekomplex, den sie bei ihrer Gründung 1955 bezog, war von dem Schweizer Architekten und Mitbegründer der Hochschule, Max Bill im Bauhausstil als industrielles Serienprodukt (Plattenbau) geplant und errichtet worden. Unscheinbar und harmonisch fügen sich auch heute noch die einzelnen Trakte in den sanften Hang des Hochsträß. Etwas außerhalb der Stadt auf dem Kuhberg gelegen, war die HfG von Anfang gleichermaßen Fortschrittsmotor wie skandalumwehter Sammelpunkt kreativ liberaler Geister. 1968 wurde sie auf Druck der baden-württembergischen CDU-Regierung und mit zustimmender Genugtuung weiter Kreise der Ulmer Stadtgesellschaft abgewickelt.

Das letzte Wochenende im Mai 1960 war für die ehemalige freie Reichsstadt Ulm an der Donau von großer Bedeutung – sie bekam ihre zweite Hochschule. Im großen Ratssaal fand die feierliche Eröffnung einer Ingenierschule durch den damaligen Kultusminister Storz statt. Eine Bildungsstätte die sich mit realen, greif- und begreifbaren Gegenständen beschäftigte, fand in der Stadt sofort wesentlich mehr Anklang als das eher abstrakte und theoretische Wirken der Hochschule für Gestaltung. Dass dort durchaus bahnbrechende, Jahrzehnte nachwirkende Ideen, Entwürfe und Produkte entstanden, wurde den meisten Skeptikern erst klar, als diese Aera schon wieder vorbei war. Die Ingenieurschmiede aber wurde 1971 zur Fachhochschule und inzwischen im Rahmen der Bologna-Prozesse zur Hochschule veredelt.

Während im historischen Rathaus der Donaustadt von den Honoratioren des Landes und der Stadt auf den Bildungs-Meilenstein angestoßen wurde, fand am selben Wochenende eine andere, ebenfalls äußerst prominent besetzte Zusammenkunft statt. Im Bill-Bau der HfG traf sich die Gruppe 47 ab Donnerstag den 26. Mai und bis Sonntag den 29. Mai zu einer Hörspieltagung. 80 Schriftsteller, Autoren, Journalisten und Kulturschaffende waren dazu angereist.

Die Gruppe 47, das von Hans Werner Richter begründete Schriftstellertreffen, wurde in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik etwa zweimal jährlich einberufen. Die letzte reguläre Tagung fand 1967 statt. “Eigentlich ist die Gruppe gar keine Gruppe. Sie nennt sich nur so.” (H. W. Richter) Diese Gruppe, die keine Gruppe war, nie aus einem festen Teilnehmerkreis bestand, hat die literarische Landschaft des Nachkriegsdeutschland wesentlich mit geprägt und ihre weitere Entwicklung nachhaltig beeinflußt. Was im Mai 1960 in Ulm stattfand war ein Treffen außerhalb des üblichen Rhythmus und eine Tagung, die sich ein enges und spezielles Themenspektrum gewählt hatte: Sie war ganz und ausschließlich dem Hörspiel gewidmet. Aus diesem Sonderstatus erklärt sich zum Teil die schlechte Quellenlage. Es existieren nur wenige verwertbare Zeugnisse und Dokumente zu diesem Ereignis.

1960 hatte die Medienform des Hörspiels ihren Bedeutungshöhepunkt und den Gipfel des Publikumszuspruchs schon leicht überschritten. Die Konkurrenz des noch jungen Fernsehens und des zunehmend beliebten Fernsehspiels wurde stärker. In den Jahren zuvor waren einige wichtige Werke im Genre Hörspiel entstanden, die auch jederzeit höheren literarischen Ansprüchen genügten. Prägend wurde bei der Aufnahmepraxis die „Hamburger Hörspieldramaturgie“ unter Heinz Schwitzke der auch den Begriff des “Wortkunstwerks” prägte. Südwestfunk und Süddeutscher Rundfunkt waren Rundfunksender die Hörspiel, Hörbild und Hör-Essays in ihren Programmen besonders pflegten. Damit trugen sie nicht zuletzt wesentlich zur Verbesserung der Einkommenssituation des einen oder anderen Schriftstellers bei. 1960 gab es in allen deutschen Rundfunkanstalten etwa 300 Termine für Hörspielsendungen. An der Veranstaltung in Ulm nahmen u. a. teil: Alfred Andersch, Wolfgang Hildesheimer und Günter Wellershoff, Ruth Rehmann, Walter Hasenclever und Franz Schonauer, der Regisseur Peter Schulze-Rohr, der Großkritiker Marcel Reich-Ranicki, der Medienwissenschaftler Friedrich Knilli, sowie Günter Eich und Ilse Aichinger.

Günter Eich studierte Sinologie und arbeitete ab 1932 als freier Schriftsteller. Seine Schwerpunkte waren die Lyrik und eben das Hörspiel, wie zum Beispiel das 1951 erstgesendete “Träume” oder “Das Mädchen von Viterbo” (1953). “Wie alle großen Schriftsteller hat Eich sich eine Grundform geschaffen, an deren Vervollkommnung er arbeitet”, schrieb Walter Jens über Eich und sein Verhältnis zum Hörspiel. Man zählte ihn zu den Wegbereitern des “literarischen Hörspiels”. Doch dieser Begriff wurde immer wieder in Frage gestellt. So auch bei der Tagung auf dem Ulmer Kuhberg. Die örtliche Zeitung resümierte sogar: “Das literarische Hörspiel gibt es noch nicht.” Man war generell auf der Suche nach neuen literarischen Ausdrucksformen, hielt die traditionellen Gattungen für überholt. Eine Entwicklung, die aus heutiger Sicht, eher im Sande verlief.

Seit 1953 war Günter Eich mit Ilse Aichinger verheiratet. Ilse Aichinger als Tochter einer jüdischen Ärztin und eines Lehrers in Wien geboren, wurde katholisch getauft. Die Familie war der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt; Ilses Großmutter und die jüngeren Geschwister der Mutter wurden 1942 deportiert und ermordet. Die Zwillingsschwester floh im Juli 1939 mit einem der letzten Jugendtransporte nach England. Ilse Aichingerr selbst und ihre Mutter blieben unter schwierigen Umständen in Wien. Ilse absolvierte zwar erfolgreich das Gymnasium, bekam aber als Halbjüdin keinen Studienplatz. Erst nach Kriegsende konnte sie ein Medizinstudium beginnen, das sie jedoch nach fünf Semestern abbrach, um ihren ersten Roman zu schreiben.

Die österreichische Schriftstellerin stieß früh zur Gruppe 47, zu deren Gründungsmitgliedern ihr späterer Mann Günter Eich gehörte. 1948 war ihr Roman “Die größere Hoffnung” erschienen. Aichingers wichtigsten Hörspiele waren “Knöpfe” (1953), das auch dramatisiert wurde und “Weiße Chrysanthemen”, mehr ein Hörtext als ein szenisches Hörspiel. Ilse Aichinger warnte vor einer radikalisierten Sprachkritik, wie sie u. a. auch von der Abteilung Information der Ulmer HfG betrieben wurde, die der Naturwissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller Max Bense aufgebaut hatte. In ihrem Essay “Meine Sprache und ich” schrieb Aichinger dazu: “Meine Sprache und ich, wir reden nicht miteinander, wir haben uns nichts zu sagen.” Anfang der 50er Jahre hatte sie zeitweilig bei Inge Aicher-Scholl an der Ulmer Volkshochschule gearbeitet. Inge Aichers Mann, der bekannte Graphiker und Designer Otl Aicher war maßgeblich am Aufbau der Hochschule für Gestaltung beteiligt. Diese Verbindungen waren es wohl, die die Teilnehmer der Hörspieltagung im Mai 1960 ausgerechnet nach Ulm führten.

In Ulm wurden Arbeiten von Teilnehmer der Tagung, aber auch von Autoren die nicht nach Ulm gekommen waren, präsentiert – durch Vortrag oder das Abspielen von Tonbändern; einige Aufnahmen wurden vom Rundfunk-Übertragungswagen eingespielt. Dabei war Neues und Altes, Rohfassungen ebenso, wie fertige Inszenierungen. Da es die Quellenlage unmöglich macht eine komplette Teilnehmerliste der Tagung zu erstellen, ist aus heutiger Sicht nicht mehr eindeutig zu klären, welche Werke vor Ort von ihren Autoren vorgestellt und welche von fremder Stimme gelesen oder von Band eingespielt wurden.

Hier eine kleine Auswahl der am letzten Maiwochende 1960 vorgestellten Werke: Das schon erwähnte Dreipersonen-Stück “Weiße Chrysanthemen” Ilse Aichingers und “Albino” von Alfred Andersch, der lange für Hessischen und Süddeutschen Rundfunk gearbeitet hatte, seit 1958 aber im Tessin lebte, weil er mit der gesellschaftlichen Entwicklung im Adenauer-Deutschland nicht einverstanden war. Von Günter Eich eine alte und eine neue Fassung von “Der Tiger Jussuf”; von Alfred Döblins “Berlin Alexanderplatz” eine Hörspielfassung. Der “Schützengraben-Dialog” des israelischen Aktivisten und Schriftstellers Ben-Gavriel, der 1891 als Eugen Hoeflich in Wien zur Welt gekommen war, wurde ebenso heftig diskutiert wie Wolfgang Hildesheimers böse Komödie “Herrn Walsers Raben”.

Vom Polen Zbigniew Herbert, der hauptsächlich als Lyriker bekannt wurde, gab es “Das Zimmer” und von Eugène Ionesco, dem Großmeister des absurden Theaters, den “Automobil-Salon”. Von Paul Kruntorad, der aus dem Tschechischen stammte und in Österreich als Publizist wirkte, “Das Hobby”; von der viele Jahre später auch als Grünen-Politikerin auftretenden Ruth Rehmann Partien aus “Ein ruhiges Haus” und von Dieter Wellershoff Passagen aus “Der Minotaurus”. Wellershoff erfuhr vor drei Jahren mit seinem erfolgreichen Roman “Der Himmel ist kein Ort” noch einmal späte Anerkennung.

Die Sitzungen dauerten bis weit in die Nacht, dabei wurde kräftig geraucht und reichlich gezecht. Zur nicht immer nur ernsthaften Runde gehörte damals bereits ein 33-jähriger Bildhauer, der neuerdings auch als Schriftsteller vernehmbar von sich reden machte und bis heute bei vielen gesellschaftlichen, politischen und literarischen Anlässen mit seinen meinungsstarken Wortmeldungen nicht wegzudenken ist: Günter Grass.

Dazu mehr im zweiten Teil und in Kürze an dieser Stelle.


Vom Schreiben

26. Juni 2011

Am 29. Juni ist neuerdings der “Tag des Schreibens”

“Zu schreiben endlich er sich setzet,
Ein Blättlein nimmt, die Feder netzet – “ (Eduard Mörike) (1)

„Wir feiern das Schreiben“, heißt es auf der Website von Suite101, einem kommerziellen Autoren-Netzwerk, das von Berlin und Vancouver aus, vor allem aber im WWW, agiert. Jetzt will man den Versuch wagen „im hektischen Informationszeitalter einmal inne zu halten und sich einen Tag lang zu bemühen, richtig zu schreiben und korrekt zu formulieren“. Und hat gleich einmal den 29. Juni zum „Tag des Schreibens“ erklärt. (2). Der Aktionstag hat das Ziel für eine bessere Schriftsprache zu werben. Unterstützung kommt dabei von bekannten Namen – wie etwa Frank Schätzing, Heinz-Rudolf Kunze und der Cosmopolitan-Chefredakteurin Petra Winter. Mit ins Boot bekommen hat man u. a. auch Microsoft Network (MSN) und das Online-Magazin netzpiloten.de.

Vom Schreiben. Kurz vor dem „Tag des Schreibens.“ Anlass, dieser weitestgehend unterschätzten, vielfältigen Tätigkeit einmal unsortiert und absichtslos Fetzen eigener Erinnerung, sowie markante aufgelesene Äußerungen und Überlegungen bekannter Denker und Schreiber zu widmen.

“Es kratzt und schleift, schnarrt, kreiselt und zwitschert; es pocht, hämmert, klingelt, knattert; es schnalzt, schneuzt, schnurrt, schlozt und piept; es ist Atem zu hören, dann Stille, jemand rutscht auf dem Stuhl hin und her, scharrt mit den Füßen, reibt mit der flachen Hand Oberschenkel und Tischkante, klopft mit den Fingern einen ungeduldigen Takt, schnieft hemmungslos. Kurz gesagt: Jemand dichtet.” (Peter Härtling) (3)

Mit etwa zehn Jahren schrieb ich den ersten Zeitungsartikel. Mit Hand, auf liniertes Papier. Für ein vierseitiges, in einer Auflage von mühselig erzeugten fünf Exemplaren, und als Periodikum gedachtes Organ mit dem ambitionierten Titel das “Das Große im Kleinen”. Alles daran war Handarbeit. Pflichtabnehmer zum Preis von 10 Pfennigen waren Familienangehörige. Es erschien nur eine Ausgabe.

“In einer kahlen Kammer, Dachstube oder Mansarde saß an einem Möbel, das den schönen Namen Schreibtisch durchaus nicht verdiente, der junge Poet. Er dichtete und träumte.” (Robert Walser: Poetenleben, zitiert nach) (4)

“Der Tisch, an dem ich dies schreibe, ist 76,5 cm hoch, seine Platte 69,5 mal 111 cm groß. Er hat gedrechselte Beine, eine Schublade, er mag siebzig bis achtzig Jahre alt sein, er stammt aus dem Besitz einer Grosstante meiner Frau, die ihn, nachdem ihr Mann in einem Irrenhaus verstorben war und sie in eine kleinere Wohnung zu, ihrem Bruder, dem Grossvater meiner Frau verkauft.” (Heinricht Böll: Versuch über die Vernunft der Poesie. Nobelpreisrede, 1972, zitiert nach) (4)

Mit siebzehn oder achtzehn Jahren habe ich im Rahmen einer Verlagsausbildung für eine Fachzeitschrift redigiert und korrigiert, durfte bald schon eigene kleine Artikel und Glossen schreiben und veröffentlichen. Ideensammlungen, Skizzen und Gliederungen entstanden handschriftlich, die Endfassungen zunächst auf einer mechanischen, bald schon auf einer nagelneuen elektrischen Schreibmaschine. Sie wurden in Blei auf einer “Heidelberger” gesetzt, vom Handsetzer umbrochen und im Hochdruck-Verfahren zum Bestandteil der fertigen Zeitschrift. Diese Zeilen hier, entstanden im Juni 2011, wurden mittels Tastatur auf die Festplatte eines schon etwas angejahrten PC getippt. Beim Setzen, Umbrechen und Gestalten hat mich “wordpress” unterstützt. Ich “erscheine” selbstverständlich world wide.

“Ich schreibe am Stehpult, mit der Hand und mit der Maschine. Und ich schreibe laut, das heißt, ich kaue den Satz und spucke ihn wieder aus und kaue ihn noch mal, mache ihn mundgerecht und schreibe fertig, beides zugleich. Ich verstehe Literatur als einen oralen Vorgang. Der Beginn der Literatur ist das Erzählen gewesen, das laute Erzählen und das Wiedererzählen.” (Günter Grass) (5)

Ich schreibe gerne mit Hand. Am besten fühlen sich Bleistift oder Tintenfüller an. Kugelschreiber verweigern das Aufkommen sinnlicher Gefühle hingegen meist. In früher Schulzeit hatte ich in Schönschrift (dieses Schulfach gab es tatsächlich einmal) eine sehr schlechte Note, die mir zuhause großen Ärger einbrachte. Dabei habe ich mit meinen Freunden in der Freizeit sehr gerne geschrieben. Mit Blei oder Tinte auf großformatige Zeichenblätter, auf sommerbraune Jungen- oder Mädchenrücken, auf eingegipste Arme und Beine, mit Kreide auf Gehwege und allzu kahle Wände. Später haben wir Texte aus Büchern abgeschrieben. Sinnfrei, nur um des Schreibens willen.

“Man könnte den jungen Schreibern daher raten: Suche eine sehr schöne Frau etwa deines Alters und vermeide es, dich in sie zu verlieben. Halte aber die Liebesversuchung am Glimmen und wechsle jeden Tag mir der Schönen einige Briefe. Schreib über alles und nichts, über den Winter, deine Wohnung oder die Milch beim Aufkochen, und du wirst sehen: Nie hast du freier, schöner, bewegter und unverkrampfter geschrieben…” (Hanns-Josef Ortheil, der diese Empfehlung aus seiner Kenntnis des Briefschreibers Rilke ableitete.) (6)

ZumTagebuchschreiben kam ich relativ spät, dann war es aber gleich Zeitgeschichte:
“18. April 1967: Sehr schwer in der Schule (Deutschland bangt um Konrad Adenauer) – 19. April 1967: Rhöndorf, 13.31 Uhr. Tod des Altbundeskanzlers Adenauer. Nach einem erfüllten Leben schied der 91-jährige nach kurzer schwerer Krankheit, sanft aus dem Leben. – 20. April 1967: Tiefe Trauer um Konrad Adenauer. – 22. April 1967: Ich glaube ich muß mich in der Schule mehr anstrengen, ich will es versuchen.”

Versuche, Tagebuch mit Schreibmaschine, später dem PC, zu führen, erwiesen sich als schwer durchführbar. Da war ein Widerstand, passte etwas nicht zusammen. Und so blieb es bei eher sporadischen, aber immer handschriftlichen Einträgen in zunächst sehr unterschiedlichen Kladden. Seit einigen Jahren ist es immer wieder das karierte, schwarz gebundene Moleskine im A 5-Format.

“Der Dichter ist immer im Dienst. Ich brauche keine Rituale, sondern Hefte und Stifte. Ansonsten kann ich überall schreiben und in jedem Zusammenhang … Ja, ein Heft ist immer dabei. Ich versuche stets rasch zu reagieren, schnell etwas festzuhalten. Ganz im Hintergrund steht natürlich auch dieses großartige Vorbild Lichtenberg, der ohne Selbstzensur alles in seine ‘Sudelbücher’ geschrieben hat, was ihm durch den Kopf ging.“  (Robert Gernhardt) (7)

Von Herlinde Koelbl gibt es zwei wunderbare Bücher über Schriftsteller und ihr Schreiben. (5,7) Sie zeigen uns in stimmungsvollen Fotografien wie und wo Schreiben stattfindet, in welcher Umgebung, sowie eigenwillige Werk-Stätten, Werkzeuge und Materialien, die für solche einsamen Schreibprozesse benötigt werden. Die Bilder werden durch ausführliche Gespräche mit den abgebildeten Künstlern ergänzt. Es sind sehr persönliche, fast intime Interviews, die es dem Leser erlauben, auf diese Weise den Dichter-Persönlichkeiten näher zu kommen. Der Band “Im Schreiben zu Haus” enthält über 40 Portraits von H. C. Artmann und Peter Bichsel, über Ernst Jandel und Friederike Mayröcker bis Martin Walser und Christa Wolf. In dem neueren Buch “Schreiben!” finden wir Günter Grass und Sarah Kirsch, Elfriede Jelinek, Herta Müller, Ingo Schulze und viele andere. Einige Personen sind in beiden Bänden vertreten.

“Wenn jemand schreiben möchte, und zwar Literatur, kann man ihm einen einfachen Rat geben: Lesen und schreiben. Einfach an dem Rat ist vor allem, ihn zu geben; aber wer es sich einfach machen will, der fängt ohnehin nicht zu schreiben an.” (Peter Glaser) (8) Das Schreiben. Dem Einen ist es Lust, dem anderen Neurose: “Ich habe zu schreiben, so viel und wie der Zwang es will, ob ich mag oder nicht, ob ich mich krank mache oder nicht”, bekannte Hans Fallada (9).

Vom Schreiben also. Da uns nur noch wenige Tage vom „Tag des Schreibens“ trennen. Ich denke auch an SMS, E-Mail, Twitter, Chat und Co. Kreativität oder Anarchie? Sind die weit verbreitete Floskelei, Verstümmelung und Orthographie-Verweigerung nun Gewinn oder Verlust für zwischenmenschliche Kommunikation, das Gespräch, den Meinungs- oder Erfahrungsaustausch? Kommen wir uns näher, machen wir uns verständlicher, verstehen wir uns letztendlich besser? Und vor allem: Gefällt uns, was da geschrieben wird und auch gelesen werden soll? Oder anders gefragt: Zählt nur noch die nackte Information in irgendwie verständlicher Zeichenfolge, sind Form und Fassung wirklich gleichgültig geworden?

“Schön schreiben heißt beinahe schön denken, und von da ist es nicht mehr weit zum schönen Handeln.” (10) Tief ist der Brunnen der Vergangenheit aus dem dieser Satz stammt. Er wurde von Thomas Mann geschrieben. Für den “Tag des Schreibens” am 29. Juni fördern wir ihn wieder zu Tage. Neongrell grüßt er hoch definiert von Video-Walls und aufmunternd mahnend aus Hochglanz-Journalen. Übrigens: Ein “Tag des Schreibens” ist mir zu wenig. 365 Tage im Jahr sollten es schon sein.

Anregungen und Zitate rund um das Thema “Schreiben” habe ich den nachfolgenden Werken entnommen. Sie bieten jederzeit auch eine ertrag- und genussreiche, auf jeden Fall weiterführende Lektüre.

(1) Dieses Zitat ist aus dem Gedicht “Der alte Turmhahn” von Eduard Mörike
(2) Hier der Link zum ab- und mitfeiern: „Wir feiern das Schreiben“
(3) Fischer, Sabine (Bearb.): Vom Schreiben, 2. Der Gänsekiel oder Womit schreiben? (Marbacher Magazin, 69). – Marbach am Neckar, 1994
(4) Kienzle, Rudi (Bearb.): Vom Schreiben, 4. Im Caféhaus oder Wo schreiben? (Marbacher Magazin, 74). – Marbach am Neckar, 1996
(5) Koelbl, Herlinde: Schreiben!. 30 Autorenporträts. – München, 2007
(6) Ortheil, Hanns-Josef: Lesehunger. – München, 2009
(7) Koelbl, Herlinde: Im Schreiben zu Haus. Wie Schriftsteller zu Werke gehen. – München, 1998
(8) Porombka, Stephan (Hrsg.). Erst lesen. Dann schreiben. 22 Autoren und ihre Lehrmeister. – München, 2007
(9) Braun, Peter: Dichterleben – Dichterhäuser. München, 2005
(10) Mann, Thomas: Der Literat. In: Essays, Bd. 1. – Frankfurt am Main, versch. Jahre


Spät-Lese (2)

16. Juni 2011

(Reife Bücher. Erstmals, neu oder wieder gelesen.)

„Das Treffen in Telgte“ von Günter Grass


Warum jetzt?

“Unsere erste Begegnung war gewiß seltsam. Ich hatte ihn nicht eingeladen, und eigentlich wollte ich ihn auch nicht dabeihaben. Günter Grass das bedeutete mir nichts, und der Name besagte mir nichts. Niemand meiner Tagungsteilnehmer kannte ihn.” Das sollte sich für Hans Werner Richter, von dem dieses rückblickende Zitat stammt und andere Teilnehmer an den Tagungen der Gruppe 47, bald ändern.

Vor einiger Zeit war ich, von Anderem abschweifend und deshalb wie nebenbei, in eine oberflächliche Beschäftigung mit der Gruppe 47 geraten. Allerdings auch nicht zum erstenmal. Erstmals jedoch wurden mir lokale und regionale Bezüge zu dem Landstrich, der seit drei Jahrzehnten zur Heimat gewordener Hauptsitz ist, so richtig klar. Ich erfuhr u. a., wie nah mein derzeitiger Schreibtisch einem ehemaligen Schauplatz dieser denkwürdiger Dichtertreffen steht.

Vorausgegangen war die antiquarische Entdeckung und Erwerbung eines großformatigen Buches mit dem Titel “Die Gruppe 47 in Bildern und Texten”. Ein Bildband mit Fotografien von Toni Richter und einer Chronologie aller Treffen dieses unsteten Dichterhaufens, dessen Zusammensetzung und Versammlungsorte ständig wechselten. In den nächsten Wochen möchte ich Lektüre und Nachforschungen über die Gruppe intensivieren.

Im Herbst soll dann an dieser Stelle das eine oder andere berichtet werden. Zunächst aber einmal führte es zum Wiederlesen eines Buches von Günter Grass, das sich auf ganz besondere Weise mit der “Gruppe 47” beschäftigt und ohne diese nicht entstanden wäre.

Das Leben des Autors

Das Leben dieses Autors findet seit Jahrzehnten mitten unter uns und in der Mitte unserer Republik statt. Der Bildhauer, Zeichner, Schriftsteller, vor allem aber Mitbürger und Zeitgenosse Günter Grass war und ist in diesem Land unübersehbar und unüberhörbar. Längst ein Stück deutsche Kulturgeschichte, bereichert er auch heute noch unsere Literatur und die öffentliche Diskussionskultur.

1927 in Danzig geboren, begann seine künstlerische Laufbahn im Anschluss an einen kurzen jugendlichen Nazi-Irrweg, den obligatorischen Kriegsdienst und das Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach einer Steinmetzlehre und dem Studium der Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf enstanden Mitte der 1950er Jahre erste literarische Werke. Grass schrieb hauptsächlich Gedichte und Theaterstücke, bevor 1958 mit der kolossalen “Blechtrommel” skandalträchtige Erschütterung einer träge-prüden Gesellschaft der Adenauer-Ära und epischer Durchbruch gleichermaßen erfolgreich gelang. Danach entstand ein vielfältiges und umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk.

1999 wurde Günter Grass mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Im letzten Jahr erschien von ihm die Sprach- und Brüder-Grimm-Huldigung “Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung”. Es soll sein letztes literarisches Werk bleiben, ließ der inzwischen 83-jährige Schriftsteller sein Publikum bei zahlreichen Lesungen und öffentlichen Auftritten wissen.

(Bild: Florian K. unter GNU Lizenz)

Die Geschichte des Werks

“Das Treffen in Telgte war ein Geschenk”. Ein Geschenk zum 70. Geburtstag von Hans Werner Richter, dem Initiator, Organisator und Übervater jener losen Schriftsteller-Treffen, die unter der Bezeichnung “Gruppe 47” in die Literaturgeschichtsschreibung der bundesdeutschen Nachkriegs-Jahrzehnte eingehen sollten. Eigentlich war ja dieses Kapitel im September 1967 in Saulgaus “Kleber Post” bereits mehr oder weniger offiziell beendet worden. Von Jenem, der es 20 Jahre vorher aufgeschlagen hatte. Mit einem tränennahen “es ist vorbei”, hatte Hans Werner Richter höchstpersönlich den Schlusstrich gezogen.

Doch noch einmal traf man sich an selber Stelle. 1968. Anlass war der 70. Geburtstag Richters, zu dem Günter Grass das passende Geschenk mitbrachte: “Mein lieber Hans Werner, anfangs war es nur eine kleine Sonntagsidee, Dir zum siebzigsten Geburtstag ein Gruppentreffen im Jahr 1647 zu skizzieren, doch dann wuchs sich die Idee zur Erzählung … aus, an der ich nun ein gutes halbes Jahr lang sitze und immer noch nicht bin ich am Ende.”

1968 war ein bewegtes Jahr. Nicht nur in der deutschen Geschichte. Auch im Leben von Günter Grass. Eine neue “größte” Liebe war in sein Leben getreten. Fortan vielfach bedichtet: “Sie ist ein Inselkind, / nur übers Wasser oder bei klarer Sicht / als Wunschbild zu erreichen. / Die vom Festland, sagt sie, / verstehen das nicht.” Seit dem Geburtstagstreffen in Saulgau begleitete sie immer wieder die öffentlichen Auftritte des Dichters und Frauen-Verstehers. In seinem 1977 erschienen Großroman “Butt” hat er Ute ein Denkmal gesetzt. Das “Treffen in Telgte” kam dann erst noch einmal zwei Jahre später, 1979, auf den Buchmarkt und verdankte seinen nicht geringen kommerziellen Erfolg hauptsächlich der Nachfolge des auflagenstarken, auf viel öffentliche Aufmerksamkeit gestoßenen, Vorgängers.

Mein Exemplar habe ich 1980 erworben, es ist eine sehr schöne Ausgabe der Büchergilde Gutenberg, der Grass seit Jahrzehnten verbunden ist und die eine Gesamtausgabe der Werke des Danzigers pflegt und anbietet. Obwohl mehrfach gelesen, steht das Buch auch heute noch frisch und wie neu wirkend im Regal, zu verdanken der traditionell besonders sorgfältigen Herstellung der Büchergilde-Editionen.

Der Inhalt

“Das Treffen in Telgte” ist ein sogenannter Schlüsselroman. Ein literarisches Werk, in dem wirkliche Personen und Ereignisse unter erdichteten Namen und nicht immer leicht enträtselbarer Verschleierung dargestellt werden. Das Verständnis setzt beim Leser eigentlich die Kenntnis der verschlüsselten Verhältnisse voraus.

1647. Der dreißigjährige Krieg geht seinem Ende entgegen, im Jahr darauf wird es zum Westfälischen Frieden kommen. In Telgte versammeln sich die ruhmreichsten deutschsprachigen Dichter des Zeitalters. Die Gegend wird immer noch von schwedischen Truppen bedrängt. Anreise und Treffen sind in diesen Zeiten nicht einfach; nicht nur Dichter sind allerhand kriegsbedingten Nöten und Gefahren ausgesetzt. Eingeladen hat Simon Dach, der berühmte preußische Lyriker.

Die Literaturgeschichte wird dieser Periode später das Etikett “Barock” ankleben. Es treffen sich Poeten aus Nürnberg und Schlesien, aus Regensburg und Holstein, auch heute noch bekannte Autoren sind dabei wie Paul Gerhard, Angelus Silesius oder Andreas Gryphius. Nicht direkt zur Sprache kommt, dass 300 Jahre später ein ähnliches Dichtertreffen stattfand, ebenfalls nach einem großen Krieg, dem diesmal weitere folgten. Günter Grass erzählt uns also unterhaltsam und parodistisch von 1647, meint allerdings immer auch 1947 und die folgenden Jahre. Ein Schlüsselroman eben.

Höhepunkte und Schwierigkeiten

Man kann das Buch auch ganz unbefangen als gute historische Erzählung lesen; dann liest es sich süffig wie ein Kelch Wein nach dem Westfälischen Frieden. Grass hat die Geschichte im Jahr 1647 angesiedelt, ein Jahr vor dem eigentlichen Kriegsende. Das titelgebende Städtchen Telgte liegt auch heute noch in der Nähe von Münster und gehört zum Kreis Warendorf. Grass der schon in der Blechtrommel einen Stil gefunden hatte, der an Grimmelshausen und Jean Paul erinnert, verwendete auch für das “Treffen in Telgte” einen ganz eigenen Ton und Rhythmus. Er kreierte eine barockisierende Sprache, die dazu dient, den Leser näher an die Zeit in der die Erzählung spielt heranzuführen.

Für Manchen mag gerade diese für Grass eigentlich typische Sprachbildhauerei heutzutage eine etwas höhere Schwelle darstellen und von der Lektüre möglicherweise abschrecken. Es erfordert etwas Mühe sich auf diese Melodie und auch auf die erzählerische Konstruktion und Konstellation einzulassen. Doch es lohnt und mit etwas Vorkenntnis lässt sich der Lesegenuss noch steigern. Man erkennt dann auch die akribische Vorgehensweise von Günter Grass, der dem Schreiben dieser Erzählung ein gründliches Quellenstudium vorausgehen ließ. Ein Verfahren, dass er häufig beim Verfassen seiner Prosawerke anwendete, die dadurch, neben der eigentlichen Handlung, jeweils eine historisch fundierte Ebene zugeschrieben bekamen.

Wie die Zusammenkünfte der Gruppe 47 ging auch das Treffen in Telgte zu Ende. Einerseits wurde bedauert, andererseits war eine Fortsetzung nicht mehr denkbar. Hans Werner Richter, Simon Dach und auch Günter Grass gingen ihrer Wege: “Doch hat uns in jenem Jahrhundert nie wieder jemand in Telgte oder an anderem Ort versammelt. Ich weiß wie sehr uns weitere Treffen gefehlt haben. Ich weiß, wer ich damals gewesen bin. Ich weiß noch mehr.”

Grass, Günter: Das Treffen in Telgte (Erstausgabe: Luchterhand, 1979), Neuausgabe. – dtv, 2011. Euro 10.


Von GRA bis GRI

10. September 2010

„Grimms Wörter“ von Günter Grass


Jacob Grimm wurde 1785 geboren, sein Bruder Wilhelm ein gutes Jahr später. Die Kindheit verbrachten die Geschwister in Hanau, besuchten das Gymnasium in Kassel, studierten in Marburg Jura und beschäftigten sich schließlich ein Leben lang mit Sprache und Literatur. Berufliche Laufbahnen, vor allem akademische, folgten noch keinen normierten Bologna-Schmalspuren, allerdings konnten sie häufig Mann und Familie nicht ernähren.

Fast zweihundert Jahre vor Einführung aller Segnungen und Plagen elektronisch gestützter Kommunikation, tauschten Menschen, die sich und anderen etwas zu sagen hatten, Briefe aus. Das bedingte zumindest bescheidene Kenntnisse und Fähigkeiten, die damals keineswegs weit verbreitet waren. Wilhelm Grimm bevorzugte ab seiner Göttinger Zeit übrigens die konsequente Kleinschreibung und gab also unwissentlich den frühen Schreib-Reformer radikalster Ausprägung. Vor einigen Jahren wurde eine kritisch-kommentierte Ausgabe der Briefe der Brüder in Angriff genommen. Die Zahl der vorliegenden, bzw. bekannten, Einzelbriefe wird derzeit auf 38.000 geschätzt. Sie dienten Günter Grass als Hauptquelle für seine Erzählung über die Grimms, ihre Lebensumstände und die Arbeiten am großen Deutschen Wörterbuch.

1830 kamen Jacob und Wilhelm als Bibliothekare und Hochschullehrer nach Göttingen. Gut sieben Jahre später zogen sie wieder von dannen – nicht freiwillig. Wie sah es aus, das Göttingen dieser Zeit?

„Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem König von Hannover und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach heißt ‚die Leine‘ und dient des Sommers zum Baden …  Die Stadt selbst ist sehr schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht … Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh, welche vier Stände doch nichts weniger als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der bedeutendste.“

Diese launische Schilderung verdanken wir Heinrich Heine, der ebenfalls einige Jahre in Göttingen lebte, dort mehr oder weniger studierte und 1824 von hier zu einer Harz-Reise aufbrach, aus deren Schilderung diese Zitate stammen.

Jener König, Ernst August von Hannover, war es, der eine ihm zu liberale, von den Ständen beschlossene Verfassung, außer Kraft setzte und eine konservativ absolutistische für sein Land und seine Georgia Augusta verordnete. Das erregte den Unmut etlicher Professoren, die Legende spricht von sieben, die eine „Protestation“ verfassten und veröffentlichten. Jacob Grimm gehörte dazu, Wilhelm, er hatte Familie, enthielt sich. Und da Landesherren damals kritische Lehrkörper keineswegs schätzten, mussten die Aufsässigen Stadt, Universität und Ämter im Jahr 1837 verlassen.

Ein Glücksfall für die deutsche Philologie. Denn alsbald kamen die Leipziger Verleger und Buchhändler Reimer und Hirzel auf die Brüder zu, um sie für das (im heutigen Sprachgebrauch) Wörterbuch-Projekt zu gewinnen. Von Hirzels Stuttgarter Nachfolge-Unternehmen wird es noch heute verlegerisch betreut, es erscheinen immer wieder neue Nachträge, Auflagen, Ausgaben.

Was hier nur stichwortartig skizziert wird, stellt Günter Grass in seinem neuesten Buch ausführlicher, hintergründiger und natürlich sprachgewandter dar. Er gibt sich dabei sogleich und unumwunden als großen Bewunderer der Grimms und ihrer vielfältigen Werke zu erkennen, nicht ohne noch etwas Raum für eigen Werk und Weg zu lassen. „Grimms Wörter“ ist ein Buch über Sprache, ihre Geschichte, ihre Wirkung, über die Persönlichkeiten und Wissenschaftler Jacob und Wilhelm Grimm und nicht zuletzt über den Dichter, Künstler, kritischen Zeitgenossen und Erz-Demokraten Günter Grass aus Danzig.

Es ist sein drittes biographisch hinterlegtes Buch. In „Das Häuten der Zwiebel“ schildert er ein Kind und einen jungen Mann aus Danzig der mal Protagonist, mal Verfasser ist. „Die Box“ setzt sich mit dem „familiären Kuddelmuddel“ auseinander, zu dem Grass Leben mit seinen Beziehungen und den daraus hervorgegangenen Nachkommen und Verwandtschaftsbeziehungen nach eigener Aussage ein Stück weit geriet.

Der erzählerische Hauptgegenstand in „Grimms Wörter“ ist das Wörterbuch. Es ist die Hauptfigur. Weitere sind Jacob und Wilhelm Grimm, die zuvor schon die bekannten Kinder-  und Hausmärchen und eine mehrbändige deutsche Grammitik herausgebracht hatten, sowie der Verfasser. Jedes Kapitel enthält neben der Geschichte des Wörterbuchs und Geschichten über sein Entstehen und die an ihm arbeitenden Brüder, auch eine Portion Grass. Da geht es unter anderem um die politischen Aktivitäten in den 1960er und 1970er Jahren. Der Rufmord an Willi Brandt aus „allerchristlichstem Mund“ – dem Konrad Adenauers – hat Grass endgültig „aufs politische Gleis gebracht“. Auf ihm ist er geblieben, bis heute, zumal er in späteren Jahren ebenfalls Verbal-Entgleisungen ausgesetzt war, als ein Franz Josef Strauß bundesdeutsche Intellektuelle und Künstler als „Ratten und Schmeißfliegen“ bezeichnete. Grass schreibt über Weggefährten, wie Heinrich Böll, Carola Stern, Leo Bauer, Yasar Kemal oder Erich Loest, über seine Erlebnisse mit der Gruppe 47, das Entstehen seiner Bücher in diesen Jahrzehnten und berichtet auch über seine Tätigkeit als bildender Künstler.

„Grimms Wörter“ trägt den Untertitel „Eine Liebeserklärung“. Diese macht Günter Grass in erster Linie der deutschen Sprache. In neun Kapiteln von  A, wie „Im Asyl“ bis Z, wie „Am Ziel“, geht es immer wieder um den Wortreichtum, um Veränderungs- und Deutungsmöglichkeiten der sogenannten „Muttersprache“. Die Mythologie der Mütter und Frauen, auf die Grass in seinem Werk gerne anspielt, beginnt mit Eva. Über das Wörtersammeln im Alltag der beiden Brüder schreibt Grass im fünften Kapitel, das dem E gewidmet ist und den Titel „Der Engel, die Ehe, das Ende“ trägt: „Jedenfalls stelle ich mir ein erregtes, aber nicht immer vom Ernst ernüchtertes Hin und Her vor. In meiner Einbildung, die gerne lebhafte Szenen entwirft, bewerfen sie sich mit Wörtern wie Elle und Ecke, erschrecken einander mit Einsilbern wie Eis und Ei. Ehrlos folgt ehrlich. Was mit Zitaten der Ewigkeit einverleibt ist, erhebt oder erheitert sie.“ Wie einst in seinem Erfolgsbuch „Das Treffen in Telgte“ gelingt es Grass erneut über Sprach- und Kulturgeschichte Menschengeschichte deutlich zu machen, Ereignisse, Lebensumstände, Mühsal und Freuden des Alltags. Es ist in jeder Hinsicht der alte Grass, der hier auf der Höhe seines erzählerischen Könnens kurzweilig und spannend schreibt – „weil eitler Ehrgeiz juckt“, wie er unter erneutem E-Einsatz gesteht.

Der junge Autor der Blechtrommel hatte seine verlegerische Heimat einst bei Luchterhand gefunden. Bei diesem literarischen Verlagshaus in Neuwied blieb er lange Jahre. Als der Verlag verkauft wurde und seine Programm-Politik änderte, orientierte sich Grass neu und wechselte zu Steidl, der ihm „als leidenschaftlicher Büchermacher bekannt war …  Er (Steidl) betreibt in verwinkelten Göttinger Altstadthäusern seinen Verlag mit Druckerei … (und ist) … ins Büchermachen vernarrt.“

So war es kein Zufall, dass die Ur-Lesung aus diesem „neuen Grass“ in der nunmehr freiheitlich niedersächsischen Georg-August-Universität zu Göttingen stattfand. Besucher, die dazu an die Leine gekommen und vorher vielleicht noch nie oder selten in die niedersächsische Wissenschafts-Stadt gefunden hatten, waren möglicherweise überrascht, dass sie diese, im Vergleich mit Heines Schilderungen, doch deutlich verändert vorfanden. Vieles wurde seitdem besser! Durch die Weender Straße ziehen nur noch selten trunkene Studenten-Gruppen, sie ist inzwischen zu einer der meistfrequentierten Shopping- und Flanier-Meilen unserer zweiten oder dritten Republik geworden. Schummrig staubige Buchhandlungen, Antiquariate und miefig bierdünstelnde Kneipen wichen und weichen immer mehr den licht einladenden Filialen internationaler Mode- und Ramsch-Ketten. Die Würste sind schlechter geworden seit dunnemals, umso lieber sprechen die Menschen den Angeboten der Fast-Food-Tempel, Kebab-Imbisse und asiatischen Gar-Küchen zu.

Am auffälligsten sind jedoch die Veränderungen, welche die Universität während zweier Jahrhunderte erfuhr. Sie hat ein Vielfaches an Mitgliedern, als die Stadt zu Heines Zeit Einwohner. Die Lehre und Forschung dienenden Gebäude sind kaum noch zu zählen, der Campus ist weitläufig. Aus der Bibliothek wurde eine der größten des ganzen Landes und die Studenten hören die Lesungen ihrer Dozenten nicht mehr im schlecht geheizten Professoren-Haus, sondern finden sich in großen warmen Hörsälen zusammen. In einem der größten dieser modernen Versammlungsräume, trug an einem herbstlichen Tag im frühen September – draußen ließen die Platanen erste müde Blätter fallen – vor vollen Reihen Günter Grass aus „Grimms Wörter“ vor.

Und wenn dieser Mann liest, vergisst der gefesselte Zuhörer schon nach wenigen Augenblicken sogar die unbequem eng und steil aufgestellte Sitzmöbelei des akademischen Auditoriums. Grass ist der beste Vorleser seiner Werke; er artikuliert, betont und dramatisiert großartig. Er, der im Oktober 83 Jahre alt wird, wirkt dann jung, kraftvoll, unmittelbar. Seine Bücher und die darin enthaltenen Geschichten sind so geschrieben, dass sie ihre ganze Wirkung gerade durch gekonntes Vorlesen erzielen. Dass dies der Autor selbst übernahm an diesem Abend, dafür dankte man mit herzlichem Beifall.

Anschließend kam Grass mit dem Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering noch recht angeregt ins Gespräch. Dabei ließ er die neugierig interessierten Anwesenden – unter ihnen auch nicht wenige Teilnehmer eines zeitgleich stattfindenden Kolloquiums der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, dem auch Professor Detering für wenige Stunden entschlüpft war – nicht im Unklaren, dass „Grimms Wörter“ wohl sein letztes literarisches Werk bleiben wird. Er sei ausgeschrieben und müsse sich mit der Tatsache einer gewissen Todesnähe ohnehin arrangieren. Doch von Untätigkeit kann keine Rede sein. In nächster Zeit will er zeichnen. Zum 50. Jahrestag des Erscheinens seiner „Hundejahre“ möchte er eine Jubiläumsausgabe mit Radierungen illustrieren. Es war Rührung zu spüren, als der große alte Künstler, eine der markantesten deutschen Gegenwarts-Figuren, den Saal verließ.

Wir halten inzwischen sein vielleicht schönstes Buch in Händen. Ein Gesamtkunstwerk, das seines gleichen sucht: Es entstammt der ganzheitlichen Steidlschen Buch-Manufaktur, gestaltet von Günter Grass, Gerhard Steidel und Sarah Winter, gesetzt aus der Bodoni Old Face, auf holzfreiem 115g-Papier aus der Papierfabrik Schleipen gedruckt, gebunden in der Leipziger Kunst- und Verlagsbuchbinderei. Günter Grass selbst schuf die zahlreichen farbigen Buchstaben-Vignetten der Kapitelanfänge, die uns in unterschiedlicher Farbgebung auf dem Leinen-Einband, dem Schutz-Umschlag und der Schutz-Hülle wiederbegegnen.

Natürlich ist dieses Buch unbedingt lesenswert, doch darüber hinaus besonders wert besessen, gesammelt und bewahrt zu werden. Es ist zudem bestens geeignet den Bücherfreund, den Liebhaber feiner Druck- und Bindekünste, in das möglicherweise bevorstehende PostPrint-Zeitalter zu begleiten.

„Ach, alter Adam“: Nach diesem Abend in Göttingen hoffen wir einmal mehr, dass Günter Grass nicht klein beigeben, dass er Demokratie, Sprache und Verfassung unserer Republik gegen demagogische Pfuhler und Rattenfänger aller Art auch in Zukunft verteidigen wird, dass er sich weiter einmischt, uns als deutlich vernehmbar kritischer, skeptischer Zeitgenosse und geistreicher Begleiter noch lange erhalten bleibt.

Grass, Günter: Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung. – Göttingen : Steidl, 2010. Euro 29,80

Heine, Heinrich: Die Harzreise. Zitate nach der Ausgabe: Stuttgart : Reclam, 1967

Das aktuelle Foto im Kopf des Blogs zeigt rechts das Kirchenschiff der ehemaligen Pauliner-Kirche, zu Grimms Zeiten das Zentrum der Universitäts-Bibliothek, heute u. a. ein repräsentativer Tagungsraum.

Das Porträt zeigt links Wilhelm und rechts Jacob Grimm. Es stammt von der dänischen Malerin Elisabeth Jerichau-Baumann (1819 -1881) und kann in der Nationalgalerie zu Berlin besichtigt werden.


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