Reise ins Innere. Karl May und Hermann Hesse

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler

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Lieber Leser, weißt du, was das Wort Greenhorn bedeutet? – – eine höchst ärgerliche und despektierliche Bezeichnung für denjenigen, auf welchen sie angewendet wird.
(Karl May: Winnetou I)

Das Landhaus Erlenhof lag nicht weit vom Wald und Gebirge in der hohen Ebene.
Vor dem Hause war ein großer Kiesplatz, in den die Landstraße mündete.
(Hermann Hesse: Heumond)

Dies waren die ersten Zeilen, die ich von Karl May (1842-1912) und Hermann Hesse (1877-1962) gelesen habe. Karl May lernte ich im Alter von 12 Jahren in der Gestalt von Old Shatterhand in seiner Reiseerzählung Winnetou I kennen. Und ich war 17, als mir ein Fischer-Taschenbuch mit grünem Einband in die Hände fiel. Es trug den verlockenden Titel Schön ist die Jugend, enthielt die Erzählungen Heumond, Schön ist die Jugend und Der Zyklon und war von Hermann Hesse.

Der Abenteuerschriftsteller Karl May bescherte mir unzählige selige Lesestunden, in denen ich in eine komplett andere Wirklichkeit abtauchen konnte und wie der Autor selbst in einen Wunscherfüllungsrausch verfiel, der die Rückkehr in die Realität meiner Kinder- und Jugendjahre nicht immer leicht machte. Am Ende dieses Lesemarathons hatte ich alle damals erschienenen Werke Karl Mays einschließlich des Spätwerks regelrecht verschlungen- es dürften so um die 70 Bände gewesen sein.

In der Gemeindebücherei meines Heimatdorfes standen die Gesammelten Werke im Regal- es handelte sich um die berühmten grünen Bände des Karl-May-Verlages. Ich gehörte zu den eifrigsten Nutzern der kleinen Bibliothek. Zu Geburtstagen und an Weihnachten bekam ich einzelne Titel der Sonderausgabe des Wiener Tosa-Verlages geschenkt, die damals u.a. vom Kaufhof vertrieben wurden. Es waren Höhepunkte meines frühen Leselebens, wenn ich in der nahegelegenen Stadt vor den Kaufhof-Regalen stand und mir einen Karl May aussuchen durfte. In seltenen Fällen hatte ich mir vom kargen Taschengeld einen Band abgespart, den ich dann in Verbindung mit einem heftigen Ausstoß von Glückshormonen höchstselbst käuflich erworben habe.

Hermann Hesse schließlich wurde einige Jahre später zu meinem lebensbegleitenden Lieblingsdichter. Die Entdeckung des Hesse-Kosmos glich einer Entdeckungsfahrt ins Innere der Seele. Vieles von dem, was ich dort nach und nach vorfand, betraf mich direkt, schien wie für mich geschrieben. Eine Lesewirkung, die unter jugendlichen Hesse-Lesern weit verbreitet war. Ob sie es auch heute noch ist? Ob es denn im 21. Jahrhundert überhaupt noch eine nennenswerte Anzahl von Hesse-Lesern in der jüngeren Generation gibt?

Kurze Zeit nach der Initialzündung durch die Verheißung Schön ist die Jugend schenkten mir meine Eltern die 12-bändige Werkausgabe der Gesammelten Werke. Es war das kostbarste, folgenschwerste Geschenk, das ich je von meinen Eltern erhalten habe. Ich bin ihnen für immer dankbar dafür, zumal es ihnen schwergefallen sein dürfte, das nötige Geld für über 6000 Seiten Buch aufzubringen. In der Folge habe ich in vergleichsweise kurzer Zeit die 12 blauen Bände vom Auftakt in Band 1 (Einem Freunde mit dem Gedichtbuch) bis zum Schlussakkord in Band 12 (Ende einer Bücherbesprechung) gelesen- in jugendlichem Eifer und entflammt von der Brisanz und Kraft der Texte. Oft gerieten die Lektürestunden zu ausgesprochenen Lesefeiern, die ich zelebrierte wie ein geistiges Ritual.

Im Band 12 der geliebten blauen Bände (Schriften zur Literatur II) ist als letzte von Hesses Buchbesprechungen die Erzählung Abschied von den Eltern von Peter Weiss (1961) abgedruckt. Hier schließt sich für mich der Kreis um meine Geschichte der Hermann-Hesse-Werkausgabe, musste doch auch ich Abschied nehmen von meinen beiden Eltern, den Portalfiguren meines Lebens (Peter Weiss).

Nun, ich kenne ihn [Karl May] jetzt, und empfehle seine Bücher den Onkeln von Herzen, die der Jugend Bücher schenken wollen. Sie sind phantastisch, unentwegt und hanebüchen, von einer gesunden, prächtigen Struktur, etwas völlig Frisches und Naives, trotz aller flotten Technik. Wie muss er auf die Jungen wirken! Hätte er doch den Krieg noch erlebt und wäre Pazifist gewesen! Kein Sechzehnjähriger wäre mehr eingerückt. (Hermann Hesse 1919 nach der Lektüre von Schatz im Silbersee und Von Bagdad nach Stambul in der Neuen Zürcher Zeitung vom 13.07.1919.)

Der Volksschriftsteller Karl May und der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse lebten und arbeiteten ohne Zweifel in vollkommen verschiedenen Welten. Trotzdem gibt es, wenn man die oberen Schichten abträgt, bedeutende Gemeinsamkeiten, die Hartmut Wörner in seiner Studie Seelenbrüder akribisch herausgearbeitet hat. Danach diente die polare Struktur des Menschseins und der Welt, in wir leben, beiden als Grunderkenntnis, von der aus sie ihre Geschichten entwickelten. Hesses großes Thema der Individuation mit dem Ziel der Integration der Gegensätze entspricht bei May die Entwicklung des Einzelnen hin zur Überwindung des negativen Pols, des Bösen.

Beiden gemeinsam ist eine im weitesten Sinne ethisch-spirituelle Grundierung all ihren Denkens und Tuns. Während Mays Helden aus einer rigid christlich-mystischen Gesinnung heraus agieren, durchzieht Hesses Werk vor dem Hintergrund seiner pietistischen Herkunft eine überkonfessionelle, an das indische und vor allem chinesische Denken angelehnte Spiritualität. Es wundert nicht, dass sich daraus bei beiden eine pazifistische Grundhaltung manifestierte- bei Hesse sehr früh am Beginn des Ersten Weltkrieges, bei May spätestens in seinem Alterswerk ab ca. 1899.

Der Sofien-Saal zu Wien um 1900

In einzigartiger Weise hat Hermann Hesse sein Schreiben als Selbsttherapie betrieben. Seelisches und körperliches Leiden am Leben veredelte er zu Literatur. Karl May wiederum hat die Wunscherfüllungsfunktion von Literatur als Autor geradezu perfektioniert- in seinem Werk und in seiner vorgetäuschten Identität als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi in der realen Welt, die er erst nach seiner Orientreise 1899/1900 aufgab. Beiden gemeinsam ist eine komplizierte psychische Struktur, die Kompensationen geradezu lebensnotwendig machte. Die Reise ins Innere hat dabei zu sehr unterschiedlichen literarischen Resultaten geführt, in der Selbsterforschung und der Verwandlung von Gelebtem und nicht Gelebtem in packende Geschichten sind sich die Schriftsteller aus Radebeul und Montagnola auf einer tiefen Ebene nahe.

Getroffen haben sich die zwei Schriftsteller in den Jahren, in denen eine Begegnung hätte stattfinden können, wohl nie. Hartmut Wörner hat in seiner Studie Kirchheim unter Teck als den Ort genannt, wo sich die Wege beider um die Jahrhundertwende hätten kreuzen können. Darüber hinaus kann nun mitgeteilt werden, dass Karl May und Hermann Hesse sich im März 1912 nachweislich zur gleichen Zeit in derselben Stadt aufgehalten haben: in Wien. May hielt bei seinem letzten öffentlichen Auftritt am 22. März vor einem ca. 2000-köpfigen Publikum (darunter u.a. Bertha von Suttner, Georg Trakl, Karl Kraus und Heinrich Mann) im Sofiensaal seine berühmte Rede Empor ins Reich der Edelmenschen! Von Mittwoch, 20. März bis Sonntag, 24. März logierte er mit seiner Frau Klara im Wiener Hotel Krantz. Zurück in Radebeul starb Karl May wenige Tage später am 30.03.1912.

Hesse war wegen Lesungen in Brünn (22.3.) und Wien (23.3.) in die Kaiserstadt an der Donau gereist. Unterbrochen von dem Abstecher nach Brünn weilte Hermann Hesse vom 19. März (Dienstag) bis 25. März (Montag) in Wien. Vor seiner Abreise hatte der Dichter am Sonntag in der Hofoper noch eine Nachmittagsvorstellung von Mozarts Zauberflöte besucht. Gut möglich, dass Hesse bei einem seiner Stadtrundgänge eines der vielen großformatigen Plakate oder einen Aushang gesehen hat, auf denen für Mays Vortrag geworben wurde. Am Vortragsabend selbst stand auch Hesse am Vortragspult, allerdings im nur wenige Bahnstunden entfernten Brünn. Jedenfalls waren sich die beiden Schriftsteller räumlich wohl nie so nahe wie in diesen Wiener Tagen im Frühjahr 1912. Geistig waren sie es bei den von Wörner nachgewiesenen Gemeinsamkeiten auf jeden Fall – unabhängig von Ort und Zeit.

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Karl May: Die Gesammelten Werke des Karl-May-Verlags (94 „grüne Bände“) sind weiterhin lieferbar. Seit 1987 erscheint zusätzlich die Historisch-kritische Ausgabe (seit 2008 im Karl-May-Verlag). Preisgünstige Ausgaben werden von diversen Verlagen vertrieben. 

Hermann Hesse: Die Sämtlichen Werke (20 Bände + Registerband) sind ebenso wie etliche Einzelausgaben und Sammlungen bei Suhrkamp/Insel erschienen.

Wörner, Hartmut: Seelenbrüder. Eine Studie zu Karl May und Hermann Hesse. Hansa Verlag 2015 (nicht mehr lieferbar).

Hermann Hesse und Ulm

Was führte Hermann Hesse an einem Abend im April 1904 in das Gasthaus Schwarze Henne hinter dem Gänsturm? Was faszinierte den Dichter am Ulmer Münster? Und wer war eigentlich Eugen Link?

Zweimal war der Schriftsteller Hermann Hesse zu Lesungen aus seinen Werken in Ulm. Den Aufenthalt im November 1925 hat er in seiner autobiographischen Erzählung “Die Nürnberger Reise” in Literatur verwandelt.

Dass sich Hesse darüber hinaus sehr oft in Ulm aufgehalten hat und ein Leben lang gute Beziehungen zu Freunden und Bekannten in der Stadt pflegte, schildert jetzt ein Buch mit dem Titel “Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt.” Es erscheint Anfang Oktober im Verlag Klemm + Oelschläger. Anhand bekannter und bisher unbekannter Quellen zeigen Jan Haag und Bernd Michael Köhler Aspekte aus dem Leben des Schwaben Hermann Hesse, die in den bisherigen Lebensbeschreibungen nicht berücksichtigt wurden.

Am Dienstag, 2. Oktober, stellen die Autoren ihr Buch in der Museumsgesellschaft Ulm (Neue Straße 85, Eingang Kramgasse) vor. Die Veranstaltung beginnt um 19:30 Uhr, der Eintritt ist frei.

Hermann Hesse heute: “Kinderseele” mit Illustrationen von Marie Wolf

Fast drei Jahrzehnte hat es gedauert bis Hermann Hesse in der Lage war eines seiner bedrückenden Kindheitserlebnisse literarisch aufzuarbeiten. Eine Geschichte von Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen, kindlicher Angst, eine Geschichte über die Beziehung zu einem übermächtig scheinenden Vater, über schwäbisch-pietistische Erziehung im ausgehenden 19. Jahrhundert.

“Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach Hause, an einem von den Tagen, wo Schicksal in den Ecken lauert, wo leicht etwas passiert. An diesen Tagen scheint jede Unordnung und Störung der eigenen Seele sich in unserer Umwelt zu spiegeln und sie zu entstellen. Unbehagen und Angst beklemmen unser Herz, und wir suchen und finden ihre vermeintlichen Ursachen außer uns, sehen die Welt schlecht eingerichtet und stoßen überall auf Widerstände.”

Die Büchergilde Gutenberg hat es unternommen, diese für Hesse so exemplarische, meisterhafte Erzählung als eigene Veröffentlichung neu herauszugeben. Sie wurde von Hesse Ende 1918 geschrieben, erschien erstmals in der 181. Nummer der “Deutschen Rundschau” und in Buchform 1920 in einem Band mit “Klingsors letzter Sommer” und “Klein und Wagner”. Die Büchergilde zeigt verlegerischen Mut mit dieser feinen kleinen Einzelveröffentlichung.

Der jungen Illustratorin Marie Wolf gelingt mit ihren farbigen Bildern eine überraschend plastische und passende Interpretation. Szenen aus unserer Zeit, die gleichzeitig mystisch aufgeladene Parabeln sind. Sachlich, scheinbar naiv in der Ausführung, einmal in zarten Pastelltönen, ein anderes mal dunkel, düster, bedrohlich.

Im Nachwort erzählt sie welche Assoziationen die Lektüre des Hesse-Textes bei ihr auslöste und so die Formensprache ihrer Zeichnungen anregte. Die religiös aufgeladenen Metaphern, die gottgleiche Rolle des Vaters, die Macht der Erwachsenen über die Kinder. Sie fragte sich “Kinderseele! Was hat mich beschäftigt und bewegt, als ich in diesem Alter war? Was ist meine ‘Kinderseele’?” Dabei fallen ihr Situationen ein, in denen sie als Kind ein schlechtes Gewissen hatte, Situationen wie sie alle Kinder in irgendeiner Form kennenlernen. Kinder können die Größenordnung ihres, oft nur scheinbaren, Fehlverhaltens noch nicht einordnen, reagieren mit Ohnmacht und Angst vor den Konsequenzen. Diese Gefühle verfolgen sie sehr lange, bis in alptraumreiche Nächte.

Die Protagonisten in Wolfs Zeichnungen haben menschliche Körper und Tierköpfe. Die Hauptfigur, das alter ego Hermann Hesses, ist ein junger Affe. Ein Tier das in der christlichen Symbolik für Eitelkeit, Lüsternheit und Bosheit steht. Was dem subjektiv empfundenen Selbstbild des Jungen entspricht. Der Vater als Adler verkörpert ein übermächtiges Tier, das Intelligenz, Überlegenheit und göttliche Fürsorge ausstrahlt.

Marie Wolf auf der Leipziger Buchmesse 2017

Marie Wolfs Kinder der Gegenwart sind in den Plattenbauten der großstädtischen Vororte zu Hause. Ihre Spielplätze sind betonierte Wege zwischen Häuserschluchten und triste Schulhöfe, die familiäre Atmosphäre erscheint kalt, die Rollenverteilung klassisch. Wolf wurde 1991 geboren und wuchs selbst in einer Erfurter Plattensiedlung auf. Die Beziehung zu den Eltern war harmonisch, extreme Erfahrungen wie sie Hermann Hesse widerfuhren, gab es in ihrer Kindheit nicht.

Seit einem Studium in Kommunikationsdesign arbeitet sie freiberuflich. Bei ihrer Vorstellung des Buches auf der Leipziger Buchmesse hat mich fasziniert, wie sich eine Leserin ihrer Generation so selbstverständlich in die Vorstellungswelt eines Schriftstellers aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts einfühlen kann.

Ich habe sie deshalb nach ihren Hesse-Lektüren gefragt. Und sie hat mir erzählt, dass ihre erste Begegnung tatsächlich im gymnasialen Deutsch-Unterricht stattgefunden hat. Es gab da einen Lehrer, der die Schulgeschichte “Unterm Rad” mit seinen Schülerinnen und Schülern durchnahm. Danach hat Marie Wolf den “Steppenwolf” gelesen. Eine erstaunliche Lektüre-Biographie.

Ihre zeichnerische Interpretation von Hesses “Kinderseele” bietet nicht nur Einblick in ihre künstlerische Ausdrucksfähigkeit und einen ausgeprägten Gestaltungswillen, sondern ist darüber hinaus die gute Gelegenheit eine der vielen wunderbaren Erzählungen Hermann Hesses neu zu entdecken und vielleicht Lust auf mehr davon zu bekommen. Das schön gestaltete und hochwertig ausgestattete Buch eignet sich auch sehr gut zum verschenken.

Hesse, Hermann; Wolf, Marie (Illustrator): Kinderseele. Erzählung (Mit 13 vierfarbigen Illustrationen und einer Nachbemerkung der Illustratorin, fester Einband mit schillerndem Papier, Format 15 x 19,5 cm, Buchgestaltung von Cosima Schneider, 72 Seiten.) Edition Büchergilde, 2017. Euro 18 (Mitglieder Preis Euro 17)

„Schluss mit Hesse!“

Letzte Höhepunkte der Literaturwoche Donau 2016

LW DonauVermutlich fulminant wird sie zu Ende gehen. Die „Literaturwoche Donau 2016“. Am Samstag, den 7. Mai ab 18 Uhr. In der Neu-Ulmer Venet-Haus Galerie. Das finale Literaturfest steht unter dem Motto „Schluss mit Hesse“. Der Tübinger Verleger Hubert Klöpfer (Klöpfer & Meyer) wird zu Gast sein. Er versteht es, besonders kurzweilig über seine langjährigen Erfahrungen im Literaturbetrieb zu erzählen. In seinem Verlag ist der Roman „Sex mit Hermann Hesse“ von Felicitas Andresen erschienen, aus dem die Autorin an diesem Abend lesen wird. Es ist eine originelle, humorvolle Auseinandersetzung, mit dem vielfach idealisierten Nobelpreisträger.

Hesse 6

Ab 21 Uhr folgt dann der Auftritt des Singer-Songwriter Duos Knulp, das sich nach der Hauptfigur in der gleichnamigen Erzählung Hermann Hesses benannt hat.“

Knulp

Sein Bericht „Die Nürnberger Reise” war Ausgangspunkt für Jan Haag und Bernd Michael Köhler zu fragen, was Hesse über den dort geschilderten Aufenthalt (der keine zwei ganzen Tage dauerte) hinaus mit Ulm zu tun hatte. Bei den Recherchen wurde bald klar, dass dies mehr war, als den gängigen Biographien zu entnehmen ist. Erste Zwischenergebnisse der Nachforschungen wurden auf diesem Blog veröffentlicht:

Hermann Hesse und Ulm

Erster Teil „Die Schwarze Henne“

Zweiter Teil „Die Nürnberger Reise“

Dritter Teil „Die Geige“

Eine erweiterte Fassung mit ausführlichen Literatur- und Quellenverzeichnissen ist in Vorbereitung.

LW DonauAchtung! Achtung!

Noch ist die Literaturwoche Donau 2016 nicht zu Ende. Heute (4. Mai in der Museumsgesellschaft) und morgen (5. Mai in der Venet-Haus Galerie, Neu-Ulm): „Teatro Caprile“ aus Wien. Literarisches Kabarett und Kleintheater mit zupackenden Texten von Karl Valentin, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Florian L. Arnold u. a. „Die Beseitigung der modernen Ratlosigkeit!“ heißt das Programm. Vergnüglich Skurriles zum Staunen und Lachen. Das sollte man wirklich nicht versäumen.

Hier gibt es mehr dazu.

 

Spät-Lese (5)

(Reife Bücher: Erstmals, neu oder wieder gelesen)

„Gertrud“ – von Hermann Hesse

Warum jetzt?

Die Meinung, dass der als kultig geltende amerikanische Film-Klassiker “Easy Rider” Berühungspunkte zu Werk und Gedankenwelt Hermann Hesses aufweist, ist eines der vielen Missverständnisse mit denen sich der Hesse-Leser, -Liebhaber und nicht ganz unkundige Hesse-Kenner anlässlich der ausgelassenen Feierlichkeiten rund um dessen 50. Todestag konfrontiert sieht. Der Dichter Hermann Hesse stammte aus polyglotter pietistischer Familie und wurde am 2. Juli 1877 im Königreich Württemberg geboren. Er starb am 9. August 1962 im Tessin; die meiste Zeit seines Lebens war er Schweizer Staatsbürger.

Eine Musikgruppe, die zum Film auch heute noch gern gehörte Popmusik über die Themen Freiheit und Abenteuer beisteuerte, wurde nach Hesses wirkungsmächtigen Roman “Steppenwolf” benannt. Längst wissen wir, dass die Mitglieder der Band keinerlei Kenntnis von Hermann Hesse hatten und die Namensgebung einem spontanen Einfall des erfolgsorientierten Managers zu verdanken war. “Born to be wild” kann uns also ebensowenig als geistige Essenz Hesses verkauft werden, wie die lederne Männer-Romantik des Road-Movies und dessen zunehmend gewaltgeladener Verlauf.

Die Stadt Calw (Gerbersau), in der Hermann Hesse zur Welt kam, die Sparkasse Nordschwarzwald, der selbsternannte Hesse-Nachfolger und Nuschelbarde Udo Lindenberg und viele Einrichtungen landauf, landab, fühlten sich nur zu gerne berufen, heftig zu veranstalten, auszustellen, zu verfilmen und aufzuführen, und damit Fremdenverkehr und eigenen Ruhm zu fördern. Auf diesem Rummel, der schon das ganze Jahr im Namen des runden Trauer-Jubiläums in Betrieb war, gehen nun so nach und nach die Lichter wieder aus. Die Phase der Hyperaktivitäten hat ihren Höhepunkt überschritten. Die Aufgeregtheiten beginnen sich zu legen. In Gerbersau kehren die ersten Bewohner hinter die Spitzengardinen zurück.

Wenn es um diesen Zwangsschwaben und Literatur-Nobelpreisträger Hesse geht, stehen immer wieder einige wenige Werke vielbeachtet im Mittelpunkt. Das Kindheitsdrama “Unterm Rad” etwa, die Legende “Siddhartha”, populäre Gedichte wie “Im Nebel” oder “Stufen”, das von den Wenigsten zu Ende gelesene “Glasperlenspiel” und natürlich der legendäre und sprichwörtliche “Steppenwolf.” Andere Werke hingegen haben deutlich weniger Käufer und Leser gefunden. Zu diesen zählt ganz sicher der Roman “Gertrud”, von dem mir vor Jahren eine ältere, schon recht zerlesene Ausgabe in die Hände fiel. Ich las sie kurz an und schließlich mit Hingabe und Bewegung zu Ende. Meinen Nerv hatte der Autor getroffen. Zudem freute mich, dass das Buch zu den umfangreicheren Werken Hesses gehört und ich so länger zu lesen hatte, als an schmalen Bändchen, wie dem “Lauscher”, “Kurgast” oder “Nürnberger Reise”, die ich alle auch sehr schätze.

Inhalt

Nach einem Unfall beim Schlittenfahren behält der angehende Musiker Kuhn eine Behinderung zurück, die seine weitere Laufbahn in Frage stellt. Mühsam findet er körperlich und seelisch auf den eingeschlagenen Weg zurück. Ein längerer Aufenthalt in einem graubündischen Bergdorf hilft ihm Klarheit in Denken und Fühlen zu finden und neue kreative Kraft zu schöpfen: “Aus dem Treiben, Schillern und Kämpfen meiner gesteigerten Empfindungen war Musik geworden.” Kuhn, der Ich-Erzähler des Romans, wird Komponist, ermutigt und gefördert von dem Sänger Muoth.

Eine Brot-Beschäftigung findet Kuhn als zweiter Geiger in einem Orchester. Sein privates Glück gestaltet sich derweil schwierig. Voller Unsicherheiten, verliebt er sich in die Sopranistin Gertrud. Für sie schreibt er eine Oper, doch gelingt es ihm nicht ihr entscheidend näher zu kommen. Gertrud erliegt vielmehr dem männlich drängenden Charme Muoths. Die beiden heiraten, was Kuhn in eine Lebenskrise treibt. Er trägt sich mit Selbstmord-Gedanken. Freiwillig aus dem Leben scheidet dann allerdings Muoth, als die Ehe mit Gertrud scheitert. Was bleibt, ist die platonisch distanzierte Freundschaft zwischen der Sängerin und dem Komponisten.

Hesses Sprache und Stil in diesem Buch, für dessen endgültige Fassung, die 1910 bei Albert Langen erschien, drei Anläufe notwendig waren, kann mit einigem Recht als spätromantisch eingestuft werden. Für die meisten Kritiker waren Sprache, Motive und Handlungsverlauf des Romans zu populär angelegt, “auf breite Konsumierbarkeit abgestellt,” wie der “Kindler” urteilt. Ich sehe das etwas anders. In Literaturwissenschaft- und -kritik, gab es immer wieder Versuche Hesse höhere literarische Qualitäten abzusprechen. An “Getrud” wurde das exemplarisch exekutiert; was leider dazu führte, dass das Buch heute in der breiten Öffentlichkeit und selbst bei echten Hesse-Verehrern, nicht angemessen wahrgenommen wird. Für mich nimmt die leichte Lesbarkeit des Textes, dem Werk nichts von seiner Bedeutung. Es gehört zu meinen Lieblingsbüchern Hesses.

Anmerkungen und Stimmen zum Werk

In seiner umfangreichen, aktuellen und spannenden Hesse-Biographie weist Gunnar Decker immer wieder auf die Schwierigkeiten Hesses mit den “Wirklichkeitsmenschen” hin. Sie sind nicht in der Lage sich in das Seelenleben und die Vorstellungswelten eines Künstlers zu versetzen. Die Verständigung mit ihnen scheitert ständig. Der unangepasste Kreative, der nicht in die üblichen Berufs- und Laufbahn-Schubladen passt, ist darauf angewiesen auf seinem “Eigensinn” zu bestehen. “Sei du selbst, so ist die Welt reich und schön”, lautet Hesses Credo und Fazit.

Einer der zentralen Momente des Romans ist die nicht erwiderte Anbetung Gertruds durch Kuhn. Eine Parallele zu Hesses Leben, dessen Verhältnis zu Frauen sich häufig in Verehrung aus der Ferne erschöpfte. Beiden männlichen Hauptfiguren hat Hesse autobiographische Züge mitgegeben.

Der Komponist Kuhn ist der gescheiterte Bürger, der zum Künstlertum geradezu gezwungen wird; der Sänger Muoth ein innerlich zerissener Mensch, und damit ein Vorläufer der späteren Steppenwolf-Figur. “Zwischen beiden steht Getrud, die gewiß am wenigsten faßliche, nur umrißhaft gestaltete Frau.” (Eike Middell) Hesse hat sich auf dem Gebiet der literarischen Frauendarstellung auch nie wesentlich weiterentwickelt. Besser gelingt ihm in “Gertrud” etwas anderes: “Erstmals versucht Hesse in diesem Buch die Gestaltung des künstlerischen Produktionsprozesses.” (Eike Middell)

Der früh verstorbene Hugo Ball (1886 – 1927 ), einer der ersten Dadaisten und Lautdichter, stand Hesse zeitweise sehr nahe. Er war mit dem Dichter so befreundet, wie man dem stets zu große Nähe meidenden Menschen Hesse überhaupt befreundet sein konnte. Ball schrieb die erste, bereits 1927 erschienene Hesse-Biographie. Sie war als Geschenk zum 50. Geburtstag des Dichters gedacht.

Ball sieht den Musikerroman “Gertrud” als Parallel-Stück zum einige Jahre später erschienen Malerroman “Roßhalde”. Musik war ja für Hesse die erste, wichtigste und tiefste Kunst. Für Hugo Ball war sie interessanterweise “die eigentliche Trug- und Illusionskunst, weil man in ihr und durch sie ums Leben betrogen wird”. Und er behauptet sogar, Hesse habe die “Gefährlichkeit der Musik erkannt” und wollte sich von ihr lösen. Auch wenn er das tatsächlich zu irgendwelchen Phasen seines Lebens gewollt haben sollte, gelungen ist es Hermann Hesse nie. Den Selbstbetrug nahm er dabei gerne in Kauf. Musik war für ihn zentrales Lebenselexier, Mozart sein Fixstern, und ein echtes Illusions-Gesamtkunstwerk wie die “Zauberflöte” eines seiner liebsten. Gerade dieses intensive Verhältnis Hesses zur Musik verleiht seiner “Gertrud” besondere Bedeutung.

Höhepunkte

Zwei Sätze aus diesem vielstimmigen Roman, die mir, neben vielen anderen, sehr gefallen: „Aus den eifrigsten Jungen werden die besten Alten und nicht aus denen, die schon in der Jugend wie Großväter tun.“ – “Und während es mir innen wohl oder weh erging, stand meine Kraft doch in Ruhe darüber, schaute zu und erkannte das Helle und Dunkle als geschwisterlich zusammengehörend, das Leid und den Frieden als Takte und Kräfte und Teile derselben großen Musik.”

Es geht also letztlich auch in diesem Buch um nichts anderes als um die von Hesse immer wieder behandelte Doppelwesenheit der Menschen im allgemeinen und jene des Autors und damit seiner Protagonisten im besonderen. Um Mensch oder Wolf, Verbrecher oder Ehrenmann, Bürger oder Künstler, gesund oder krank. Die uralte “Zwei Seelen ach in meiner Brust” – Geschichte.

In humaner Wirklichkeit jenseits aller Literatur sind es nicht selten auch noch mehr als zwei Seelen. So sah auch der Arzt und Schriftsteller Ludwig Finckh seinen Jugendfreund aus Tübinger Tagen: “Er war zwiespältig, driespältig, hundertspältig, er konnte sprunghaft wechseln.” Dass Ursprung und Urgrund damit verbundener lebenslanger Probleme in der Kindheit zu finden sind, hat Hesse immer wieder thematisiert: “… denn sie klingt mir dennoch in allen Träumen wie ein herrliches Lied herüber und klingt heute reiner und lauterer gestimmt, als da sie noch Wirklichkeit gewesen ist.”

Hesse, Hermann: Gertrud : Roman. – Bei Suhrkamp in verschiedenen Auflagen und Ausgaben

Decker, Gunnar: Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten. Biographie. – Suhrkamp, 2012

Middell, Eike: Hermann Hesse. Die Bilderwelt seines Lebens. 5. Aufl. – Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1990 (nur antiquarisch)

Ball, Hugo: Hermann Hesse. Sein Leben und sein Werk. 12. Aufl. – Suhrkamp, 1985

Sudeleien: März 2012

Unterwegs in Gerbersau

(Um es gleich zu sagen: Diese Sudeleien sind für einen Blog-Beitrag etwas zu lang geraten. Wer also meint, das sei ihm zu viel, er habe eh‘ keine Zeit oder dem Text fehle sowieso jegliche praktische Relevanz, und was der Leseverweigerungs-Begründungen mehr sind, der möge am besten gar nicht erst mit der Lektüre beginnen.)

Beim Ziellosvormichhinschlendern durch einen nieseligen Tag und durch Gässchen und Durchlässe, über Brücken und Stege unserer heimelig winkligen Dreiflüssestadt, musste ich an die Frage des Users “Minhthang” denken, die ich neulich in der Wissens-Community “COSMiQ” gelesen hatte: “Kann mir jemand sagen, wo Gerbersau in Deutschland liegt?” Mir persönlich geht es, ganz gleich wo ich gerade bin, häufig so, dass ich das Gefühl habe, zwar nicht als Teilnehmer dabei, aber irgendwie dennoch mittendrin zu stecken – in Gerbersau.

Am 9. August 2012 jährt sich der Todestag des Dichters und Literatur-Nobelpreisträgers Hermann Hesse (1877 – 1962) zum 50. Mal. Aus diesem Anlass plant nicht nur die Hesse-Geburtsstadt Calw zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen. Damit an dieser Stelle nicht schon Leser abhanden kommen, findet man den Link dorthin erst am Ende des Artikels. In den nächsten Wochen werde ich außerdem noch einmal auf diesen für Literaturfreunde bedeutenden Anlass zurückkommen.

Gerbersauer Idylle

Hesses Verhältnis zu seiner Heimatstadt war in Kindheit und Jugend voller Spannungen, der meist gemütlich genügsame Gerbersauer Geist für den phantasievoll reichbegabten Knaben nicht leicht zu ertragen, die Schulzeit über weite Strecken die reine Qual. Im “kleinen Schwarzwaldnest” war “nie ein Mensch ausgegangen, der einen Blick und eine Wirkung über das Engste hinaus gehabt hätte.” Zwar verklärte sich manches im Lauf der Jahre und Hesse selbst hat die Erinnerung an das Städtchen in seinen Werken immer wieder romantisch verpackt, dennoch war er sich darüber im Klaren, dass dort für ihn kein dauerhaft erträgliches Leben möglich gewesen wäre: “… obwohl Calw für mich nicht halb so schön wäre, wenn ich öfter als alle drei, vier Jahre hinkäme”, hat er 1915 an seine Schwester Adele geschrieben.

Auch das städtische Gemeinwesen wurde und wird nicht nur von vorbehaltlosen Bewundereren des in aller Welt geschätzten Dichters bewohnt. Desinteresse und skeptische Ablehnung waren über Generationen hinweg fester Bestandteile der Einschätzung. In dem Artikel “Hermann Hesses Gerbersau”, der 1930 in der Vossischen Zeitung, Berlin erschien, kam Hans Popp zu dem Fazit: “Die Calwer selbst lieben ihn nicht, sie begreifen ihn nicht; ohne Verständnis für seine große Liebe, die er zu ihnen im Herzen trägt, ohne Verständnis für seine große Seele stehen sie ihm gegenüber, unverstanden steht Hesse unter ihnen, er, der als erster verdienen würde, ihr größter Freund zu sein.” Da sich daran bis heute nicht so grundlegend etwas geändert hat, sind wohl die Bemühungen zum diesjährigen Jubiläumsjahr weniger der literarischen oder persönlichen Bedeutung Hesses, als vielmehr einem kommerziell touristischen Hintergrund geschuldet. Das muss das eine oder andere Ereignis und Angebot der kommenden Wochen und Monate aber keineswegs uninteressanter machen.

Der Trommler und Sprach-Wirbler Udo Lindenberg sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf die Frage, ob er Hesse gelesen habe: “Das hat mich gepackt. Wie kann einer über mich schreiben, der mich nicht kennt? Hab’ ich gedacht. Die kleine Stadt, die bürgerliche Enge, der Stress in der Schule, die Suche nach Coolness, der Ausbruch.” Zur Erinnerung: Lindenberg stammt aus einem Gerbersau namens Gronau.

Vor einigen Jahren hat er, inspiriert von Leben und Werk Hermann Hesses, die Udo-Lindenberg-Stiftung gegründet. Diese “fördert junge Texter und Musiker durch Wettbewerbe, um neue Wege gegen das Mitmarschieren in der Masse zu suchen, provokant zu schreiben und sich nicht anzupassen an Mainstream und Casting-Wettbewerbe. Sie will nationale und internationale kulturpolitische Aktivitäten unterstützen, sowie durch die Förderung humanitärer und sozialer Projekte weltweit den Schwächeren zur Seite stehen.”

Gerbersau-on-Wye

“In manchen Augenblicken war Altes und Neues, war Schmerz und Lust, Furcht und Freude ganz wunderlich durcheinander gemischt. Bald war ich im Himmel, bald in der Hölle, meistens in beiden zugleich.” 

Es gab Zeiten, da wollte ich ganz gerne wie Harry Haller sein. Allein mit mir, der Musik Mozarts, dem nie leer werdenden Glas Rotwein, zu nichts und niemandem verpflichtet, als Verrückter da und dort freien Eintritt genießend; hin und wieder würde mich genau so das eine oder andere Gerbersauer Mädel unheimlich cool finden und nicht nur zum Tanze bitten; ich würde Traktate schreiben und sie anschließend in den Wind werfen; meine Kammer wäre kahl und damit mein Leben ohne belastenden Unrat; so lebte ich für und für, Tag um Tag, Jahr um Jahr, für meine Gleichzeitigen längst zur Legende geworden. – Im realen Leben hingegen war ich lediglich bemüht kein Serenus Zeitblom zu werden.

Bis zum hier angesprochenen Jubiläum, dem Todestag Hermann Hesses im August, ist es noch einige Zeit hin. Ein anderer bemerkenswerter Jahrestag liegt hingegen bereits unmittelbar vor uns. Am 24. März wird Martin Walser 85 Jahre alt. Ist es wirklich schon wieder fünf Jahre her, dass er direkt vor mir über einen Leipziger Zebrastreifen ging? Begleitet von Kameramann und Pressefrau. Am Abend hat er gelesen. Vor vielen Menschen, die ihm kräftig applaudierten und ihn hochleben ließen. Damals konnte man nicht ahnen – und entsprechende Prognosen wären gewagt gewesen – dass Walser kurz vor seinem 85. Geburtstag wieder zur Frühjahrs-Buchmesse kommen würde.

Gerbersau am See

Martin Walser lebt seit Jahrzehnten in Gerbersau am Bodensee. Einmal – vor einigen Jahren – wollten die Menschen in diesem Landstrich dem Dichter und Zeitgenossen ein Denkmal spendieren. Ein fleißiger, vielerorts vertretener Künstler, bekannt für seine ebenso plastischen wie leicht hinterfotzigen Arbeiten, führte von den Honoratioren abgenickte Entwürfe gekonnt und an zentraler Stelle aus. Der Mensch und Schriftsteller Walser war nicht angetan, hingegen gewillt, den Bildhauer und seine Intentionen gründlich misszuverstehen. Das war eigentlich nicht schön und direkt so kleingeistig, wie es den ganzen Gerbersauern im Ländle des Schriftstellers gern unterstellt wird.

Dabei hätten Walser Kunstsinn und etwas Toleranz ganz gut gestanden, schließlich war er selbst schon öfters Opfer gravierender Missverständnisse. Wie damals in der Paulskirche von Gerbersau am Main. Oder erst kürzlich mit seinen Glaubensthemen-Büchern „Mein Jenseits“ und „Muttersohn“, als man ihn prompt in die religiöse Erweckungs-Schublade stecken wollte. – (Zu beiden Titeln sind auf = conlibri = seinerzeit Rezensionen erschienen; diese sind jetzt noch einmal auf der Seite „da capo“ zu finden.) – Nein, zum tief Gläubigen, zum kritiklos Glaubenden, zum Hoffenden auf das Jenseits ist er nicht geworden. Er macht uns nur klar, dass uns ohne Glauben Vieles fehlen würde. Wozu die zahlreichen, gedankenlos selbstverständlichen, meist vom ursprünglich religiösen Ursprung gelösten, künstlerischen, alltags-kulturellen und musikalischen Glaubenszeugnisse gehören. Und nicht zu vergessen – Walser betont das unermüdlich -, schließlich sei auch die Liebe reine Glaubenssache.

Leipzig-Gerbersau

Ab Donnerstag ist wieder Buchmesse in Leipzig. Martin Walser wird dort sein. Er wird u. a. seinen Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ vorstellen, in dem er die Verarmung beklagt, die wir durch das Fehlen eines Bedürfnisses nach Rechtfertigung erfahren. Seine Zeugen dafür sind Kafka und Augustinus, Luther, Calvin und Max Weber, Nietzsche und Karl Barth. Außerdem kommt unter dem Titel „Meine Lebensreisen“ noch eine schmale, überteuerte Resteverwertung auf den Markt. Ein bisschen viel hat er ja schon drauflosgeschrieben in den letzten fünf Jahren und seine Verlage ein klein wenig zuviel drauflosveröffentlicht.

Auch ich werde wieder an der Weißen Elster, in den Messehallen und bei einigen der vielen Veranstaltungen an kontrastreichen Örtlichkeiten der spannenden Stadt unterwegs sein. Und irgendwann danach für = conlibri = ein paar Zeilen darüber schreiben. Über meine Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen und Büchern in Leipzig, rund um die Buchmesse und das große Lesefest “Leipzig liest”.

Zum Hesse-Jahr findet man hier Infos die weiterhelfen: Gerbersau/Calw/Hesse/Juliäum

Das Verhältnis Hesses zu Calw wird in diesem ergiebigen Buch gründlich aufgearbeitet:

Schnierle-Lutz, Herbert: Hermann Hesse und seine Heimatstadt Calw. Chronologie eines wechselvollen Verhältnisses. – Calw : Stadtarchiv, 2011. Euro 15

Endlich gibt es auch wieder eine aktuelle Biographie:

Schwilk, Heimo: Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers. – München : Piper, 2012. Euro 22,99

Das Neueste von Martin Walser:

Walser, Martin: Über Rechtfertigung, eine Versuchung: Zeugen und Zeugnisse. – Reinbek : Rowohlt, 2012. Euro 14,95

Walser, Martin: Meine Lebensreisen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Thomas Schmid. – Hamburg : Corso, 2012. Euro 24,90

Hesse-Orte in Tübingen. Zweiter Teil

Leben wird Literatur

“Über Tübingen hing eine schwarze, verwölkte Novembernacht. Sturm und Sprühregen klirrte und zitterte durch die engen Gassen, aufflackernde rote Laternenlichter glänzten trüb auf dem nassen Plaster wider. Trüb und schwarz mit zwei, drei kleinen roten Fensteraugen lag das alte Schloß wie ein halbschlafendes träges Untier auf seinem langen Hügel, Fetzen von Wolkenschleiern um die spitzen Dächer.”

So schrieb Hermann Hesse 1899 und so beginnt der Abschnitt “Die Novembernacht. Eine Tübinger Erinnerung” im “Hermann Lauscher”. Eigentlich eine in sich geschlossene, eigene kurze Geschichte, wie der ganze “Hermann Lauscher” aus einer Reihe von mehr oder weniger selbständigen Erzählungen besteht, lose verbunden durch die stark autobiographisch geprägte Hauptfigur.

Die Zeit in Tübingen, die Erfahrungen, Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen dieser Jahre, hat Hermann Hesse auf vielfältige Weise und mit den Freiheiten künstlerischen Gestaltens zu Literatur werden lassen. Die Neckarstadt begegnet dem Leser im „Hermann Lauscher“ gleich mehrfach. In dieser stürmischen, aufrührenden Novembernacht gehen Hermann Lauscher und Otto Aber durch die stille Stadt, über Holzmarkt und Marktplatz, vorbei am historischen Rathaus, durch enge Gassen zum Gasthaus „Löwen.“ In der Erzählung „Der Novalis. Aus den Papieren eines Altmodischen“, ist es der Kandidat Rettig der dort einkehrt. Auch in der Erzählung “Freunde” taucht Tübingen auf. Etwas aus dem Rahmen fällt die deutlich längere Geschichte „Im Presselschen Gartenhaus.“ Dazu gleich mehr.

„Zum Löwen“

Hesse fiel es zunächst nicht leicht in Tübingen gesellschaftlichen Anschluss zu finden. Er wollte es auch nicht unbedingt, war skeptisch gegenüber den studentischen Umtrieben, insbesondere jenen der bunten Burschenschaften, und im übrigen mit seiner buchhändlerischen Tätigkeit und seinem umfangreichen Selbststudium sehr gut beschäftigt. „In den ersten Tübinger Zeiten war ich sehr strebsam und solide, später soff ich viel mit Studenten herum.“

In der zweiten Hälfte der Tübinger Zeit schloss sich Hermann Hesse einem kleinen Freundeskreis an, der sich „petit cénacle“ nannte und zu dem er über Ludwig Finckh kam. Der Medizinstudent und spätere Arzt und Schriftsteller gehörte zu den ersten näheren Bekanntschaften die Hesse in Tübingen machte, und aus der eine Freundschaft entstand, die viele Jahre anhielt und eine umfangreiche Korrespendenz hervorbrachte. Als Finckhs antisemitische Haltung offenbar wurde und er sich schließlich der nationalsozialistischen Bewegung anschloss, endete die Freundschaft mit Hesse. Zu dem Tübinger Kreis gehörten noch Otto Erich Faber, Carlo Hammelehle, Oskar Rupp und Wilhelm Schöning. Man traf sich regelmäßig in der Kornhausstraße, im Gasthaus „Zum Löwen.

Von links nach rechts: Otto Erich Faber, Oskar Rupp, Ludwig Finckh, Carl Hammelehle und Hermann Hesse. (Foto: Otto Hofmann, Atelier, Kirchheim unter Teck, heute im Literatur-Archiv Marbach)

„Wir galten als dekadent und modern / Und glaubten es mit Behagen. / In Wirklichkeit waren wir junge Herren / Von höchst modestem Betragen.“

Die Räumlichkeiten des ehemaligen Wirtshauses wurden im Laufe der vielen Jahre unterschiedlich genutzt. Zuletzt war dort ein Kino zu finden. Der goldene Löwe über dem Eingang blieb bis heute erhalten.

„Im Pressel’schen Gartenhaus“

Diese längere, sehr ruhige Erzählung Hesses, nimmt den Leser mit in das Jahr 1823. Angelehnt an Überlieferungen, schildert er, wie die Theologiestudenten und späteren Dichter Wilhelm Waiblinger und Eduard Mörike, den geistig verwirrten, damals 53-jährigen Friedrich Hölderlin bei seiner Pflegefamilie Zimmer in der Bursagasse abholen, um mit ihm zu dem titelgebenden Gartenhäuschen zu wandern. Es lag einst auf dem innenstadtnahen Österberg, um den herum sich damals noch keine Wohnbebauung befand, sondern Gärten und Weinberge. In einem dieser Gärten, stand das im chinesischen Stil erbaute Häuschen, das längst verschwunden ist.

Die Gegend erreicht man heute wie damals, wenn man von Stift oder Hölderlinturm kommend, bei der Eberhardbrücke die verkehrsreiche Straße überquert. Neben einem kleinen Stehcafè und einem türkischen Imbiss führen die zahlreichen steilen, häufig rutschigen Stufen der Germanenstaffel zum Österbergweg, auf dem man weiter bergauf marschiert. Der Spaziergänger verschwindet zunächst zwischen dem dichten Laub der Bäume und Büsche. Doch wenn man eine gewisse Höhe erreicht hat, öffnet sich der Blick auf das Panorama der alten und neuen Dächer, sieht man auf den Neckar, bis zum ebenfalls auf einem Hügel liegenden Schloss und bis zu den etwas weiter entfernten neuen Stadt- und Universitätsteilen, die sich über die Hänge im Westen und Norden verteilen.

Weiter geht man, vorbei an den stilvollen Villen der wohlhabenden studentischen Verbindungen, bis zum heutigen SWR-Regionalstudio. Von hier aus führt der Wilhelm-Schussen-Weg wieder bergab und, im Tal angekommen, befindet man sich direkt auf der Rückseite der heutigen Universitätsbibliothek, nahe der von Universitäts-Einrichtungen geprägten Wilhelmstraße. (Wilhelm Schussen war ein oberschwäbischer Lehrer und Schriftsteller, über den in diesem Blog sicherlich bei Gelegenheit auch einmal zu berichten sein wird.)

Abschied

Ende Juli 1899 schied Hesse bei Heckenhauer aus. Mit Ludwig Finckh und den anderen aus dem „cénacle“ verbrachte er noch einige sommerliche Ferientage in Kirchheim an der Teck. Dort kam es zu einem kleinen „Liebesmärchen“ mit Julie Hellmann, genannt Lulu, der Nichte des Wirts. Diesem schwärmerischen Intermezzo verdanken wir das E. T. A. Hoffmann gewidmete Kapitel „Lulu. Ein Jugenderlebnis“, das ab der zweiten Auflage von 1907, im „Hermann Lauscher“ enthalten ist. Man kann sich nach der Lektüre lebhaft die wehmütige sommerliche Verliebtheit der jungen Männer vorstellen: „Leise begann die schöne Lulu eine Melodie zu summen, und allmählich ging das halbe Flüstern in ein zartes Singen über. Die Jünglinge lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen süßen Töne der edlen Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie Träume aus der Brust der einschlummernden Erde.“

Der Abschied aus dem kleinen schwäbischen Städtchen am Fuße der Burg Teck fiel natürlich schwer. Hesse hatte Basel als nächste Lebensstation gewählt, wo er als Kind bereits von 1881 bis 1886 mit der Familie gewohnt hatte, als der Vater dort Lehrer im Missionshaus war. „Ich hatte keinen anderen Wunsch, als wieder nach Basel zu kommen; es schien dort etwas auf mich zu warten, und ich gab mir alle Mühe, als junger Buchhandelsgehilfe eine Stelle in Basel zu finden.“ Im Nachsommer 1899 lässt sich Hesse in Basel nieder „mit Nietzsches Werken … und mit Böcklins gerahmter Toteninsel in der Kiste, die meine Besitztümer enthielt.“ Ab 15. September 1899 arbeitete Hermann Hesse als Sortimentsgehilfe in der Reichschen Sortiments-Buchhandlung.