Hermann Hesse heute: “Kinderseele” mit Illustrationen von Marie Wolf

Fast drei Jahrzehnte hat es gedauert bis Hermann Hesse in der Lage war eines seiner bedrückenden Kindheitserlebnisse literarisch aufzuarbeiten. Eine Geschichte von Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen, kindlicher Angst, eine Geschichte über die Beziehung zu einem übermächtig scheinenden Vater, über schwäbisch-pietistische Erziehung im ausgehenden 19. Jahrhundert.

“Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach Hause, an einem von den Tagen, wo Schicksal in den Ecken lauert, wo leicht etwas passiert. An diesen Tagen scheint jede Unordnung und Störung der eigenen Seele sich in unserer Umwelt zu spiegeln und sie zu entstellen. Unbehagen und Angst beklemmen unser Herz, und wir suchen und finden ihre vermeintlichen Ursachen außer uns, sehen die Welt schlecht eingerichtet und stoßen überall auf Widerstände.”

Die Büchergilde Gutenberg hat es unternommen, diese für Hesse so exemplarische, meisterhafte Erzählung als eigene Veröffentlichung neu herauszugeben. Sie wurde von Hesse Ende 1918 geschrieben, erschien erstmals in der 181. Nummer der “Deutschen Rundschau” und in Buchform 1920 in einem Band mit “Klingsors letzter Sommer” und “Klein und Wagner”. Die Büchergilde zeigt verlegerischen Mut mit dieser feinen kleinen Einzelveröffentlichung.

Der jungen Illustratorin Marie Wolf gelingt mit ihren farbigen Bildern eine überraschend plastische und passende Interpretation. Szenen aus unserer Zeit, die gleichzeitig mystisch aufgeladene Parabeln sind. Sachlich, scheinbar naiv in der Ausführung, einmal in zarten Pastelltönen, ein anderes mal dunkel, düster, bedrohlich.

Im Nachwort erzählt sie welche Assoziationen die Lektüre des Hesse-Textes bei ihr auslöste und so die Formensprache ihrer Zeichnungen anregte. Die religiös aufgeladenen Metaphern, die gottgleiche Rolle des Vaters, die Macht der Erwachsenen über die Kinder. Sie fragte sich “Kinderseele! Was hat mich beschäftigt und bewegt, als ich in diesem Alter war? Was ist meine ‘Kinderseele’?” Dabei fallen ihr Situationen ein, in denen sie als Kind ein schlechtes Gewissen hatte, Situationen wie sie alle Kinder in irgendeiner Form kennenlernen. Kinder können die Größenordnung ihres, oft nur scheinbaren, Fehlverhaltens noch nicht einordnen, reagieren mit Ohnmacht und Angst vor den Konsequenzen. Diese Gefühle verfolgen sie sehr lange, bis in alptraumreiche Nächte.

Die Protagonisten in Wolfs Zeichnungen haben menschliche Körper und Tierköpfe. Die Hauptfigur, das alter ego Hermann Hesses, ist ein junger Affe. Ein Tier das in der christlichen Symbolik für Eitelkeit, Lüsternheit und Bosheit steht. Was dem subjektiv empfundenen Selbstbild des Jungen entspricht. Der Vater als Adler verkörpert ein übermächtiges Tier, das Intelligenz, Überlegenheit und göttliche Fürsorge ausstrahlt.

Marie Wolf auf der Leipziger Buchmesse 2017

Marie Wolfs Kinder der Gegenwart sind in den Plattenbauten der großstädtischen Vororte zu Hause. Ihre Spielplätze sind betonierte Wege zwischen Häuserschluchten und triste Schulhöfe, die familiäre Atmosphäre erscheint kalt, die Rollenverteilung klassisch. Wolf wurde 1991 geboren und wuchs selbst in einer Erfurter Plattensiedlung auf. Die Beziehung zu den Eltern war harmonisch, extreme Erfahrungen wie sie Hermann Hesse widerfuhren, gab es in ihrer Kindheit nicht.

Seit einem Studium in Kommunikationsdesign arbeitet sie freiberuflich. Bei ihrer Vorstellung des Buches auf der Leipziger Buchmesse hat mich fasziniert, wie sich eine Leserin ihrer Generation so selbstverständlich in die Vorstellungswelt eines Schriftstellers aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts einfühlen kann.

Ich habe sie deshalb nach ihren Hesse-Lektüren gefragt. Und sie hat mir erzählt, dass ihre erste Begegnung tatsächlich im gymnasialen Deutsch-Unterricht stattgefunden hat. Es gab da einen Lehrer, der die Schulgeschichte “Unterm Rad” mit seinen Schülerinnen und Schülern durchnahm. Danach hat Marie Wolf den “Steppenwolf” gelesen. Eine erstaunliche Lektüre-Biographie.

Ihre zeichnerische Interpretation von Hesses “Kinderseele” bietet nicht nur Einblick in ihre künstlerische Ausdrucksfähigkeit und einen ausgeprägten Gestaltungswillen, sondern ist darüber hinaus die gute Gelegenheit eine der vielen wunderbaren Erzählungen Hermann Hesses neu zu entdecken und vielleicht Lust auf mehr davon zu bekommen. Das schön gestaltete und hochwertig ausgestattete Buch eignet sich auch sehr gut zum verschenken.

Hesse, Hermann; Wolf, Marie (Illustrator): Kinderseele. Erzählung (Mit 13 vierfarbigen Illustrationen und einer Nachbemerkung der Illustratorin, fester Einband mit schillerndem Papier, Format 15 x 19,5 cm, Buchgestaltung von Cosima Schneider, 72 Seiten.) Edition Büchergilde, 2017. Euro 18 (Mitglieder Preis Euro 17)

„Schluss mit Hesse!“

Letzte Höhepunkte der Literaturwoche Donau 2016

LW DonauVermutlich fulminant wird sie zu Ende gehen. Die „Literaturwoche Donau 2016“. Am Samstag, den 7. Mai ab 18 Uhr. In der Neu-Ulmer Venet-Haus Galerie. Das finale Literaturfest steht unter dem Motto „Schluss mit Hesse“. Der Tübinger Verleger Hubert Klöpfer (Klöpfer & Meyer) wird zu Gast sein. Er versteht es, besonders kurzweilig über seine langjährigen Erfahrungen im Literaturbetrieb zu erzählen. In seinem Verlag ist der Roman „Sex mit Hermann Hesse“ von Felicitas Andresen erschienen, aus dem die Autorin an diesem Abend lesen wird. Es ist eine originelle, humorvolle Auseinandersetzung, mit dem vielfach idealisierten Nobelpreisträger.

Hesse 6

Ab 21 Uhr folgt dann der Auftritt des Singer-Songwriter Duos Knulp, das sich nach der Hauptfigur in der gleichnamigen Erzählung Hermann Hesses benannt hat.“

Knulp

Sein Bericht „Die Nürnberger Reise” war Ausgangspunkt für Jan Haag und Bernd Michael Köhler zu fragen, was Hesse über den dort geschilderten Aufenthalt (der keine zwei ganzen Tage dauerte) hinaus mit Ulm zu tun hatte. Bei den Recherchen wurde bald klar, dass dies mehr war, als den gängigen Biographien zu entnehmen ist. Erste Zwischenergebnisse der Nachforschungen wurden auf diesem Blog veröffentlicht:

Hermann Hesse und Ulm

Erster Teil „Die Schwarze Henne“

Zweiter Teil „Die Nürnberger Reise“

Dritter Teil „Die Geige“

Eine erweiterte Fassung mit ausführlichen Literatur- und Quellenverzeichnissen ist in Vorbereitung.

LW DonauAchtung! Achtung!

Noch ist die Literaturwoche Donau 2016 nicht zu Ende. Heute (4. Mai in der Museumsgesellschaft) und morgen (5. Mai in der Venet-Haus Galerie, Neu-Ulm): „Teatro Caprile“ aus Wien. Literarisches Kabarett und Kleintheater mit zupackenden Texten von Karl Valentin, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Florian L. Arnold u. a. „Die Beseitigung der modernen Ratlosigkeit!“ heißt das Programm. Vergnüglich Skurriles zum Staunen und Lachen. Das sollte man wirklich nicht versäumen.

Hier gibt es mehr dazu.

 

Spät-Lese (5)

(Reife Bücher: Erstmals, neu oder wieder gelesen)

„Gertrud“ – von Hermann Hesse

Warum jetzt?

Die Meinung, dass der als kultig geltende amerikanische Film-Klassiker “Easy Rider” Berühungspunkte zu Werk und Gedankenwelt Hermann Hesses aufweist, ist eines der vielen Missverständnisse mit denen sich der Hesse-Leser, -Liebhaber und nicht ganz unkundige Hesse-Kenner anlässlich der ausgelassenen Feierlichkeiten rund um dessen 50. Todestag konfrontiert sieht. Der Dichter Hermann Hesse stammte aus polyglotter pietistischer Familie und wurde am 2. Juli 1877 im Königreich Württemberg geboren. Er starb am 9. August 1962 im Tessin; die meiste Zeit seines Lebens war er Schweizer Staatsbürger.

Eine Musikgruppe, die zum Film auch heute noch gern gehörte Popmusik über die Themen Freiheit und Abenteuer beisteuerte, wurde nach Hesses wirkungsmächtigen Roman “Steppenwolf” benannt. Längst wissen wir, dass die Mitglieder der Band keinerlei Kenntnis von Hermann Hesse hatten und die Namensgebung einem spontanen Einfall des erfolgsorientierten Managers zu verdanken war. “Born to be wild” kann uns also ebensowenig als geistige Essenz Hesses verkauft werden, wie die lederne Männer-Romantik des Road-Movies und dessen zunehmend gewaltgeladener Verlauf.

Die Stadt Calw (Gerbersau), in der Hermann Hesse zur Welt kam, die Sparkasse Nordschwarzwald, der selbsternannte Hesse-Nachfolger und Nuschelbarde Udo Lindenberg und viele Einrichtungen landauf, landab, fühlten sich nur zu gerne berufen, heftig zu veranstalten, auszustellen, zu verfilmen und aufzuführen, und damit Fremdenverkehr und eigenen Ruhm zu fördern. Auf diesem Rummel, der schon das ganze Jahr im Namen des runden Trauer-Jubiläums in Betrieb war, gehen nun so nach und nach die Lichter wieder aus. Die Phase der Hyperaktivitäten hat ihren Höhepunkt überschritten. Die Aufgeregtheiten beginnen sich zu legen. In Gerbersau kehren die ersten Bewohner hinter die Spitzengardinen zurück.

Wenn es um diesen Zwangsschwaben und Literatur-Nobelpreisträger Hesse geht, stehen immer wieder einige wenige Werke vielbeachtet im Mittelpunkt. Das Kindheitsdrama “Unterm Rad” etwa, die Legende “Siddhartha”, populäre Gedichte wie “Im Nebel” oder “Stufen”, das von den Wenigsten zu Ende gelesene “Glasperlenspiel” und natürlich der legendäre und sprichwörtliche “Steppenwolf.” Andere Werke hingegen haben deutlich weniger Käufer und Leser gefunden. Zu diesen zählt ganz sicher der Roman “Gertrud”, von dem mir vor Jahren eine ältere, schon recht zerlesene Ausgabe in die Hände fiel. Ich las sie kurz an und schließlich mit Hingabe und Bewegung zu Ende. Meinen Nerv hatte der Autor getroffen. Zudem freute mich, dass das Buch zu den umfangreicheren Werken Hesses gehört und ich so länger zu lesen hatte, als an schmalen Bändchen, wie dem “Lauscher”, “Kurgast” oder “Nürnberger Reise”, die ich alle auch sehr schätze.

Inhalt

Nach einem Unfall beim Schlittenfahren behält der angehende Musiker Kuhn eine Behinderung zurück, die seine weitere Laufbahn in Frage stellt. Mühsam findet er körperlich und seelisch auf den eingeschlagenen Weg zurück. Ein längerer Aufenthalt in einem graubündischen Bergdorf hilft ihm Klarheit in Denken und Fühlen zu finden und neue kreative Kraft zu schöpfen: “Aus dem Treiben, Schillern und Kämpfen meiner gesteigerten Empfindungen war Musik geworden.” Kuhn, der Ich-Erzähler des Romans, wird Komponist, ermutigt und gefördert von dem Sänger Muoth.

Eine Brot-Beschäftigung findet Kuhn als zweiter Geiger in einem Orchester. Sein privates Glück gestaltet sich derweil schwierig. Voller Unsicherheiten, verliebt er sich in die Sopranistin Gertrud. Für sie schreibt er eine Oper, doch gelingt es ihm nicht ihr entscheidend näher zu kommen. Gertrud erliegt vielmehr dem männlich drängenden Charme Muoths. Die beiden heiraten, was Kuhn in eine Lebenskrise treibt. Er trägt sich mit Selbstmord-Gedanken. Freiwillig aus dem Leben scheidet dann allerdings Muoth, als die Ehe mit Gertrud scheitert. Was bleibt, ist die platonisch distanzierte Freundschaft zwischen der Sängerin und dem Komponisten.

Hesses Sprache und Stil in diesem Buch, für dessen endgültige Fassung, die 1910 bei Albert Langen erschien, drei Anläufe notwendig waren, kann mit einigem Recht als spätromantisch eingestuft werden. Für die meisten Kritiker waren Sprache, Motive und Handlungsverlauf des Romans zu populär angelegt, “auf breite Konsumierbarkeit abgestellt,” wie der “Kindler” urteilt. Ich sehe das etwas anders. In Literaturwissenschaft- und -kritik, gab es immer wieder Versuche Hesse höhere literarische Qualitäten abzusprechen. An “Getrud” wurde das exemplarisch exekutiert; was leider dazu führte, dass das Buch heute in der breiten Öffentlichkeit und selbst bei echten Hesse-Verehrern, nicht angemessen wahrgenommen wird. Für mich nimmt die leichte Lesbarkeit des Textes, dem Werk nichts von seiner Bedeutung. Es gehört zu meinen Lieblingsbüchern Hesses.

Anmerkungen und Stimmen zum Werk

In seiner umfangreichen, aktuellen und spannenden Hesse-Biographie weist Gunnar Decker immer wieder auf die Schwierigkeiten Hesses mit den “Wirklichkeitsmenschen” hin. Sie sind nicht in der Lage sich in das Seelenleben und die Vorstellungswelten eines Künstlers zu versetzen. Die Verständigung mit ihnen scheitert ständig. Der unangepasste Kreative, der nicht in die üblichen Berufs- und Laufbahn-Schubladen passt, ist darauf angewiesen auf seinem “Eigensinn” zu bestehen. “Sei du selbst, so ist die Welt reich und schön”, lautet Hesses Credo und Fazit.

Einer der zentralen Momente des Romans ist die nicht erwiderte Anbetung Gertruds durch Kuhn. Eine Parallele zu Hesses Leben, dessen Verhältnis zu Frauen sich häufig in Verehrung aus der Ferne erschöpfte. Beiden männlichen Hauptfiguren hat Hesse autobiographische Züge mitgegeben.

Der Komponist Kuhn ist der gescheiterte Bürger, der zum Künstlertum geradezu gezwungen wird; der Sänger Muoth ein innerlich zerissener Mensch, und damit ein Vorläufer der späteren Steppenwolf-Figur. “Zwischen beiden steht Getrud, die gewiß am wenigsten faßliche, nur umrißhaft gestaltete Frau.” (Eike Middell) Hesse hat sich auf dem Gebiet der literarischen Frauendarstellung auch nie wesentlich weiterentwickelt. Besser gelingt ihm in “Gertrud” etwas anderes: “Erstmals versucht Hesse in diesem Buch die Gestaltung des künstlerischen Produktionsprozesses.” (Eike Middell)

Der früh verstorbene Hugo Ball (1886 – 1927 ), einer der ersten Dadaisten und Lautdichter, stand Hesse zeitweise sehr nahe. Er war mit dem Dichter so befreundet, wie man dem stets zu große Nähe meidenden Menschen Hesse überhaupt befreundet sein konnte. Ball schrieb die erste, bereits 1927 erschienene Hesse-Biographie. Sie war als Geschenk zum 50. Geburtstag des Dichters gedacht.

Ball sieht den Musikerroman “Gertrud” als Parallel-Stück zum einige Jahre später erschienen Malerroman “Roßhalde”. Musik war ja für Hesse die erste, wichtigste und tiefste Kunst. Für Hugo Ball war sie interessanterweise “die eigentliche Trug- und Illusionskunst, weil man in ihr und durch sie ums Leben betrogen wird”. Und er behauptet sogar, Hesse habe die “Gefährlichkeit der Musik erkannt” und wollte sich von ihr lösen. Auch wenn er das tatsächlich zu irgendwelchen Phasen seines Lebens gewollt haben sollte, gelungen ist es Hermann Hesse nie. Den Selbstbetrug nahm er dabei gerne in Kauf. Musik war für ihn zentrales Lebenselexier, Mozart sein Fixstern, und ein echtes Illusions-Gesamtkunstwerk wie die “Zauberflöte” eines seiner liebsten. Gerade dieses intensive Verhältnis Hesses zur Musik verleiht seiner “Gertrud” besondere Bedeutung.

Höhepunkte

Zwei Sätze aus diesem vielstimmigen Roman, die mir, neben vielen anderen, sehr gefallen: „Aus den eifrigsten Jungen werden die besten Alten und nicht aus denen, die schon in der Jugend wie Großväter tun.“ – “Und während es mir innen wohl oder weh erging, stand meine Kraft doch in Ruhe darüber, schaute zu und erkannte das Helle und Dunkle als geschwisterlich zusammengehörend, das Leid und den Frieden als Takte und Kräfte und Teile derselben großen Musik.”

Es geht also letztlich auch in diesem Buch um nichts anderes als um die von Hesse immer wieder behandelte Doppelwesenheit der Menschen im allgemeinen und jene des Autors und damit seiner Protagonisten im besonderen. Um Mensch oder Wolf, Verbrecher oder Ehrenmann, Bürger oder Künstler, gesund oder krank. Die uralte “Zwei Seelen ach in meiner Brust” – Geschichte.

In humaner Wirklichkeit jenseits aller Literatur sind es nicht selten auch noch mehr als zwei Seelen. So sah auch der Arzt und Schriftsteller Ludwig Finckh seinen Jugendfreund aus Tübinger Tagen: “Er war zwiespältig, driespältig, hundertspältig, er konnte sprunghaft wechseln.” Dass Ursprung und Urgrund damit verbundener lebenslanger Probleme in der Kindheit zu finden sind, hat Hesse immer wieder thematisiert: “… denn sie klingt mir dennoch in allen Träumen wie ein herrliches Lied herüber und klingt heute reiner und lauterer gestimmt, als da sie noch Wirklichkeit gewesen ist.”

Hesse, Hermann: Gertrud : Roman. – Bei Suhrkamp in verschiedenen Auflagen und Ausgaben

Decker, Gunnar: Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten. Biographie. – Suhrkamp, 2012

Middell, Eike: Hermann Hesse. Die Bilderwelt seines Lebens. 5. Aufl. – Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1990 (nur antiquarisch)

Ball, Hugo: Hermann Hesse. Sein Leben und sein Werk. 12. Aufl. – Suhrkamp, 1985

Sudeleien: März 2012

Unterwegs in Gerbersau

(Um es gleich zu sagen: Diese Sudeleien sind für einen Blog-Beitrag etwas zu lang geraten. Wer also meint, das sei ihm zu viel, er habe eh‘ keine Zeit oder dem Text fehle sowieso jegliche praktische Relevanz, und was der Leseverweigerungs-Begründungen mehr sind, der möge am besten gar nicht erst mit der Lektüre beginnen.)

Beim Ziellosvormichhinschlendern durch einen nieseligen Tag und durch Gässchen und Durchlässe, über Brücken und Stege unserer heimelig winkligen Dreiflüssestadt, musste ich an die Frage des Users “Minhthang” denken, die ich neulich in der Wissens-Community “COSMiQ” gelesen hatte: “Kann mir jemand sagen, wo Gerbersau in Deutschland liegt?” Mir persönlich geht es, ganz gleich wo ich gerade bin, häufig so, dass ich das Gefühl habe, zwar nicht als Teilnehmer dabei, aber irgendwie dennoch mittendrin zu stecken – in Gerbersau.

Am 9. August 2012 jährt sich der Todestag des Dichters und Literatur-Nobelpreisträgers Hermann Hesse (1877 – 1962) zum 50. Mal. Aus diesem Anlass plant nicht nur die Hesse-Geburtsstadt Calw zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen. Damit an dieser Stelle nicht schon Leser abhanden kommen, findet man den Link dorthin erst am Ende des Artikels. In den nächsten Wochen werde ich außerdem noch einmal auf diesen für Literaturfreunde bedeutenden Anlass zurückkommen.

Gerbersauer Idylle

Hesses Verhältnis zu seiner Heimatstadt war in Kindheit und Jugend voller Spannungen, der meist gemütlich genügsame Gerbersauer Geist für den phantasievoll reichbegabten Knaben nicht leicht zu ertragen, die Schulzeit über weite Strecken die reine Qual. Im “kleinen Schwarzwaldnest” war “nie ein Mensch ausgegangen, der einen Blick und eine Wirkung über das Engste hinaus gehabt hätte.” Zwar verklärte sich manches im Lauf der Jahre und Hesse selbst hat die Erinnerung an das Städtchen in seinen Werken immer wieder romantisch verpackt, dennoch war er sich darüber im Klaren, dass dort für ihn kein dauerhaft erträgliches Leben möglich gewesen wäre: “… obwohl Calw für mich nicht halb so schön wäre, wenn ich öfter als alle drei, vier Jahre hinkäme”, hat er 1915 an seine Schwester Adele geschrieben.

Auch das städtische Gemeinwesen wurde und wird nicht nur von vorbehaltlosen Bewundereren des in aller Welt geschätzten Dichters bewohnt. Desinteresse und skeptische Ablehnung waren über Generationen hinweg fester Bestandteile der Einschätzung. In dem Artikel “Hermann Hesses Gerbersau”, der 1930 in der Vossischen Zeitung, Berlin erschien, kam Hans Popp zu dem Fazit: “Die Calwer selbst lieben ihn nicht, sie begreifen ihn nicht; ohne Verständnis für seine große Liebe, die er zu ihnen im Herzen trägt, ohne Verständnis für seine große Seele stehen sie ihm gegenüber, unverstanden steht Hesse unter ihnen, er, der als erster verdienen würde, ihr größter Freund zu sein.” Da sich daran bis heute nicht so grundlegend etwas geändert hat, sind wohl die Bemühungen zum diesjährigen Jubiläumsjahr weniger der literarischen oder persönlichen Bedeutung Hesses, als vielmehr einem kommerziell touristischen Hintergrund geschuldet. Das muss das eine oder andere Ereignis und Angebot der kommenden Wochen und Monate aber keineswegs uninteressanter machen.

Der Trommler und Sprach-Wirbler Udo Lindenberg sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf die Frage, ob er Hesse gelesen habe: “Das hat mich gepackt. Wie kann einer über mich schreiben, der mich nicht kennt? Hab’ ich gedacht. Die kleine Stadt, die bürgerliche Enge, der Stress in der Schule, die Suche nach Coolness, der Ausbruch.” Zur Erinnerung: Lindenberg stammt aus einem Gerbersau namens Gronau.

Vor einigen Jahren hat er, inspiriert von Leben und Werk Hermann Hesses, die Udo-Lindenberg-Stiftung gegründet. Diese “fördert junge Texter und Musiker durch Wettbewerbe, um neue Wege gegen das Mitmarschieren in der Masse zu suchen, provokant zu schreiben und sich nicht anzupassen an Mainstream und Casting-Wettbewerbe. Sie will nationale und internationale kulturpolitische Aktivitäten unterstützen, sowie durch die Förderung humanitärer und sozialer Projekte weltweit den Schwächeren zur Seite stehen.”

Gerbersau-on-Wye

“In manchen Augenblicken war Altes und Neues, war Schmerz und Lust, Furcht und Freude ganz wunderlich durcheinander gemischt. Bald war ich im Himmel, bald in der Hölle, meistens in beiden zugleich.” 

Es gab Zeiten, da wollte ich ganz gerne wie Harry Haller sein. Allein mit mir, der Musik Mozarts, dem nie leer werdenden Glas Rotwein, zu nichts und niemandem verpflichtet, als Verrückter da und dort freien Eintritt genießend; hin und wieder würde mich genau so das eine oder andere Gerbersauer Mädel unheimlich cool finden und nicht nur zum Tanze bitten; ich würde Traktate schreiben und sie anschließend in den Wind werfen; meine Kammer wäre kahl und damit mein Leben ohne belastenden Unrat; so lebte ich für und für, Tag um Tag, Jahr um Jahr, für meine Gleichzeitigen längst zur Legende geworden. – Im realen Leben hingegen war ich lediglich bemüht kein Serenus Zeitblom zu werden.

Bis zum hier angesprochenen Jubiläum, dem Todestag Hermann Hesses im August, ist es noch einige Zeit hin. Ein anderer bemerkenswerter Jahrestag liegt hingegen bereits unmittelbar vor uns. Am 24. März wird Martin Walser 85 Jahre alt. Ist es wirklich schon wieder fünf Jahre her, dass er direkt vor mir über einen Leipziger Zebrastreifen ging? Begleitet von Kameramann und Pressefrau. Am Abend hat er gelesen. Vor vielen Menschen, die ihm kräftig applaudierten und ihn hochleben ließen. Damals konnte man nicht ahnen – und entsprechende Prognosen wären gewagt gewesen – dass Walser kurz vor seinem 85. Geburtstag wieder zur Frühjahrs-Buchmesse kommen würde.

Gerbersau am See

Martin Walser lebt seit Jahrzehnten in Gerbersau am Bodensee. Einmal – vor einigen Jahren – wollten die Menschen in diesem Landstrich dem Dichter und Zeitgenossen ein Denkmal spendieren. Ein fleißiger, vielerorts vertretener Künstler, bekannt für seine ebenso plastischen wie leicht hinterfotzigen Arbeiten, führte von den Honoratioren abgenickte Entwürfe gekonnt und an zentraler Stelle aus. Der Mensch und Schriftsteller Walser war nicht angetan, hingegen gewillt, den Bildhauer und seine Intentionen gründlich misszuverstehen. Das war eigentlich nicht schön und direkt so kleingeistig, wie es den ganzen Gerbersauern im Ländle des Schriftstellers gern unterstellt wird.

Dabei hätten Walser Kunstsinn und etwas Toleranz ganz gut gestanden, schließlich war er selbst schon öfters Opfer gravierender Missverständnisse. Wie damals in der Paulskirche von Gerbersau am Main. Oder erst kürzlich mit seinen Glaubensthemen-Büchern „Mein Jenseits“ und „Muttersohn“, als man ihn prompt in die religiöse Erweckungs-Schublade stecken wollte. – (Zu beiden Titeln sind auf = conlibri = seinerzeit Rezensionen erschienen; diese sind jetzt noch einmal auf der Seite „da capo“ zu finden.) – Nein, zum tief Gläubigen, zum kritiklos Glaubenden, zum Hoffenden auf das Jenseits ist er nicht geworden. Er macht uns nur klar, dass uns ohne Glauben Vieles fehlen würde. Wozu die zahlreichen, gedankenlos selbstverständlichen, meist vom ursprünglich religiösen Ursprung gelösten, künstlerischen, alltags-kulturellen und musikalischen Glaubenszeugnisse gehören. Und nicht zu vergessen – Walser betont das unermüdlich -, schließlich sei auch die Liebe reine Glaubenssache.

Leipzig-Gerbersau

Ab Donnerstag ist wieder Buchmesse in Leipzig. Martin Walser wird dort sein. Er wird u. a. seinen Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ vorstellen, in dem er die Verarmung beklagt, die wir durch das Fehlen eines Bedürfnisses nach Rechtfertigung erfahren. Seine Zeugen dafür sind Kafka und Augustinus, Luther, Calvin und Max Weber, Nietzsche und Karl Barth. Außerdem kommt unter dem Titel „Meine Lebensreisen“ noch eine schmale, überteuerte Resteverwertung auf den Markt. Ein bisschen viel hat er ja schon drauflosgeschrieben in den letzten fünf Jahren und seine Verlage ein klein wenig zuviel drauflosveröffentlicht.

Auch ich werde wieder an der Weißen Elster, in den Messehallen und bei einigen der vielen Veranstaltungen an kontrastreichen Örtlichkeiten der spannenden Stadt unterwegs sein. Und irgendwann danach für = conlibri = ein paar Zeilen darüber schreiben. Über meine Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen und Büchern in Leipzig, rund um die Buchmesse und das große Lesefest “Leipzig liest”.

Zum Hesse-Jahr findet man hier Infos die weiterhelfen: Gerbersau/Calw/Hesse/Juliäum

Das Verhältnis Hesses zu Calw wird in diesem ergiebigen Buch gründlich aufgearbeitet:

Schnierle-Lutz, Herbert: Hermann Hesse und seine Heimatstadt Calw. Chronologie eines wechselvollen Verhältnisses. – Calw : Stadtarchiv, 2011. Euro 15

Endlich gibt es auch wieder eine aktuelle Biographie:

Schwilk, Heimo: Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers. – München : Piper, 2012. Euro 22,99

Das Neueste von Martin Walser:

Walser, Martin: Über Rechtfertigung, eine Versuchung: Zeugen und Zeugnisse. – Reinbek : Rowohlt, 2012. Euro 14,95

Walser, Martin: Meine Lebensreisen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Thomas Schmid. – Hamburg : Corso, 2012. Euro 24,90

Hesse-Orte in Tübingen. Zweiter Teil

Leben wird Literatur

“Über Tübingen hing eine schwarze, verwölkte Novembernacht. Sturm und Sprühregen klirrte und zitterte durch die engen Gassen, aufflackernde rote Laternenlichter glänzten trüb auf dem nassen Plaster wider. Trüb und schwarz mit zwei, drei kleinen roten Fensteraugen lag das alte Schloß wie ein halbschlafendes träges Untier auf seinem langen Hügel, Fetzen von Wolkenschleiern um die spitzen Dächer.”

So schrieb Hermann Hesse 1899 und so beginnt der Abschnitt “Die Novembernacht. Eine Tübinger Erinnerung” im “Hermann Lauscher”. Eigentlich eine in sich geschlossene, eigene kurze Geschichte, wie der ganze “Hermann Lauscher” aus einer Reihe von mehr oder weniger selbständigen Erzählungen besteht, lose verbunden durch die stark autobiographisch geprägte Hauptfigur.

Die Zeit in Tübingen, die Erfahrungen, Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen dieser Jahre, hat Hermann Hesse auf vielfältige Weise und mit den Freiheiten künstlerischen Gestaltens zu Literatur werden lassen. Die Neckarstadt begegnet dem Leser im „Hermann Lauscher“ gleich mehrfach. In dieser stürmischen, aufrührenden Novembernacht gehen Hermann Lauscher und Otto Aber durch die stille Stadt, über Holzmarkt und Marktplatz, vorbei am historischen Rathaus, durch enge Gassen zum Gasthaus „Löwen.“ In der Erzählung „Der Novalis. Aus den Papieren eines Altmodischen“, ist es der Kandidat Rettig der dort einkehrt. Auch in der Erzählung “Freunde” taucht Tübingen auf. Etwas aus dem Rahmen fällt die deutlich längere Geschichte „Im Presselschen Gartenhaus.“ Dazu gleich mehr.

„Zum Löwen“

Hesse fiel es zunächst nicht leicht in Tübingen gesellschaftlichen Anschluss zu finden. Er wollte es auch nicht unbedingt, war skeptisch gegenüber den studentischen Umtrieben, insbesondere jenen der bunten Burschenschaften, und im übrigen mit seiner buchhändlerischen Tätigkeit und seinem umfangreichen Selbststudium sehr gut beschäftigt. „In den ersten Tübinger Zeiten war ich sehr strebsam und solide, später soff ich viel mit Studenten herum.“

In der zweiten Hälfte der Tübinger Zeit schloss sich Hermann Hesse einem kleinen Freundeskreis an, der sich „petit cénacle“ nannte und zu dem er über Ludwig Finckh kam. Der Medizinstudent und spätere Arzt und Schriftsteller gehörte zu den ersten näheren Bekanntschaften die Hesse in Tübingen machte, und aus der eine Freundschaft entstand, die viele Jahre anhielt und eine umfangreiche Korrespendenz hervorbrachte. Als Finckhs antisemitische Haltung offenbar wurde und er sich schließlich der nationalsozialistischen Bewegung anschloss, endete die Freundschaft mit Hesse. Zu dem Tübinger Kreis gehörten noch Otto Erich Faber, Carlo Hammelehle, Oskar Rupp und Wilhelm Schöning. Man traf sich regelmäßig in der Kornhausstraße, im Gasthaus „Zum Löwen.

Von links nach rechts: Otto Erich Faber, Oskar Rupp, Ludwig Finckh, Carl Hammelehle und Hermann Hesse. (Foto: Otto Hofmann, Atelier, Kirchheim unter Teck, heute im Literatur-Archiv Marbach)

„Wir galten als dekadent und modern / Und glaubten es mit Behagen. / In Wirklichkeit waren wir junge Herren / Von höchst modestem Betragen.“

Die Räumlichkeiten des ehemaligen Wirtshauses wurden im Laufe der vielen Jahre unterschiedlich genutzt. Zuletzt war dort ein Kino zu finden. Der goldene Löwe über dem Eingang blieb bis heute erhalten.

„Im Pressel’schen Gartenhaus“

Diese längere, sehr ruhige Erzählung Hesses, nimmt den Leser mit in das Jahr 1823. Angelehnt an Überlieferungen, schildert er, wie die Theologiestudenten und späteren Dichter Wilhelm Waiblinger und Eduard Mörike, den geistig verwirrten, damals 53-jährigen Friedrich Hölderlin bei seiner Pflegefamilie Zimmer in der Bursagasse abholen, um mit ihm zu dem titelgebenden Gartenhäuschen zu wandern. Es lag einst auf dem innenstadtnahen Österberg, um den herum sich damals noch keine Wohnbebauung befand, sondern Gärten und Weinberge. In einem dieser Gärten, stand das im chinesischen Stil erbaute Häuschen, das längst verschwunden ist.

Die Gegend erreicht man heute wie damals, wenn man von Stift oder Hölderlinturm kommend, bei der Eberhardbrücke die verkehrsreiche Straße überquert. Neben einem kleinen Stehcafè und einem türkischen Imbiss führen die zahlreichen steilen, häufig rutschigen Stufen der Germanenstaffel zum Österbergweg, auf dem man weiter bergauf marschiert. Der Spaziergänger verschwindet zunächst zwischen dem dichten Laub der Bäume und Büsche. Doch wenn man eine gewisse Höhe erreicht hat, öffnet sich der Blick auf das Panorama der alten und neuen Dächer, sieht man auf den Neckar, bis zum ebenfalls auf einem Hügel liegenden Schloss und bis zu den etwas weiter entfernten neuen Stadt- und Universitätsteilen, die sich über die Hänge im Westen und Norden verteilen.

Weiter geht man, vorbei an den stilvollen Villen der wohlhabenden studentischen Verbindungen, bis zum heutigen SWR-Regionalstudio. Von hier aus führt der Wilhelm-Schussen-Weg wieder bergab und, im Tal angekommen, befindet man sich direkt auf der Rückseite der heutigen Universitätsbibliothek, nahe der von Universitäts-Einrichtungen geprägten Wilhelmstraße. (Wilhelm Schussen war ein oberschwäbischer Lehrer und Schriftsteller, über den in diesem Blog sicherlich bei Gelegenheit auch einmal zu berichten sein wird.)

Abschied

Ende Juli 1899 schied Hesse bei Heckenhauer aus. Mit Ludwig Finckh und den anderen aus dem „cénacle“ verbrachte er noch einige sommerliche Ferientage in Kirchheim an der Teck. Dort kam es zu einem kleinen „Liebesmärchen“ mit Julie Hellmann, genannt Lulu, der Nichte des Wirts. Diesem schwärmerischen Intermezzo verdanken wir das E. T. A. Hoffmann gewidmete Kapitel „Lulu. Ein Jugenderlebnis“, das ab der zweiten Auflage von 1907, im „Hermann Lauscher“ enthalten ist. Man kann sich nach der Lektüre lebhaft die wehmütige sommerliche Verliebtheit der jungen Männer vorstellen: „Leise begann die schöne Lulu eine Melodie zu summen, und allmählich ging das halbe Flüstern in ein zartes Singen über. Die Jünglinge lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen süßen Töne der edlen Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie Träume aus der Brust der einschlummernden Erde.“

Der Abschied aus dem kleinen schwäbischen Städtchen am Fuße der Burg Teck fiel natürlich schwer. Hesse hatte Basel als nächste Lebensstation gewählt, wo er als Kind bereits von 1881 bis 1886 mit der Familie gewohnt hatte, als der Vater dort Lehrer im Missionshaus war. „Ich hatte keinen anderen Wunsch, als wieder nach Basel zu kommen; es schien dort etwas auf mich zu warten, und ich gab mir alle Mühe, als junger Buchhandelsgehilfe eine Stelle in Basel zu finden.“ Im Nachsommer 1899 lässt sich Hesse in Basel nieder „mit Nietzsches Werken … und mit Böcklins gerahmter Toteninsel in der Kiste, die meine Besitztümer enthielt.“ Ab 15. September 1899 arbeitete Hermann Hesse als Sortimentsgehilfe in der Reichschen Sortiments-Buchhandlung.

Hesse-Orte in Tübingen. Erster Teil

Ankunft

Hermann Hesse lebte von Oktober 1895 bis Juli 1899 in Tübingen. Als er in der Universitätsstadt am Neckar eintraf war er 18 Jahre alt. Er hatte zu diesem Zeitpunkt einige schwierige und wechselhafte Jugendjahre hinter sich. In Esslingen war ein erster Anlauf eine Buchhändler-Lehre zu absolvieren bereits nach drei Tagen gescheitert. Eine anschließende Mechaniker-Ausbildung bei der Turmuhren-Fabrik Perrot in Calw, war eine rechte Zumutung für den sensiblen Künstler-Charakter. Die Atmosphäre im pietistischen Heimatstädtchen empfand er als bedrängend. Deshalb war Tübingen nicht nur ein weiterer Neuanfang, sondern fast schon so etwas wie die letzte Chance für den jungen Hermann Hesse in einer bürgerlichen Berufslaufbahn.

Heckenhauer

Am 17. Oktober trat Hesse als Lehrling in die Heckenhauer’sche Buchhandlung ein. Das Geschäft befand sich am Holzmarkt, schräg gegenüber der Stiftskirche. Noch heute besteht dort ein, u. a. auf Hesse spezialisiertes Antiquariat, als Nachfolger des ehemaligen Sortiments. Die Ausbildung dauerte drei Jahre und Hesse wurde danach als Sortimentsgehilfe übernommen. Er war zu dieser Zeit bereits fest entschlossen Schriftsteller zu werden und so dienten die zahlreichen Briefe, die er aus Tübingen an die Familie schrieb, auch als Einübung in die zukünftige Laufbahn. Als guter und genauer Beobachter hatte er reichlich Kurioses und Anekdotisches zu berichten; zudem sammelte er fleißig Motive und Charaktere für spätere literarische Arbeiten.

Am akademischen Leben der Stadt, in der die Studierenden und Wissenschaftler bis heute einen großen Teil der Bevölkerung ausmachen, nahm er zunächst nicht teil. „… im ganzen scheint mir das akademische Treiben doch nicht ganz ideal, sondern eng und lückenhaft wie alles Irdische.“ Er eignete sich seinen eigenen Bildungskanon an. Beschäftigte sich jahrelang sehr intensiv mit Goethe, las russische, skandinavische und französische Autoren und wendet sich schließlich Romantikern wie Eichendorff, Tieck und Novalis zu. „Jede Stunde scheint mir verloren, die ich nicht über guten Büchern oder Zeitschriften hinbringe …“. Er las und schrieb, durchforschte im Selbst-Studium die Literaturgeschichte; Zeitschriften druckten bald erste Gedichte von ihm.

Hesses erste selbstständige Veröffentlichung erschien bereits 1898 im Dresdner Verlag E. Pierson. „Romantische Lieder“ wurde in einer Auflage von 600 Exemplaren gedruckt und verkaufte sich schlecht. Ein Jahr danach brachte Diederichs in Leipzig einen Band mit kurzer Prosa heraus. Er trug den Titel „Eine Stunde hinter Mitternacht.“ Mit der späteren Frau des Verlegers Helene Voigt-Diederichs, die etwa in Hesses Alter war, und der seine Arbeiten gefielen, entspann sich ein Briefwechsel. Der Austausch offenbarte gemeinsame Interessen und Neigungen. Zu einer persönlichen Begegnung ist es nie gekommen. Hermann Hesse hatte, neben seiner berufspraktischen Ausbildung, die ersten Schritte auf dem Weg zum etablierten Schriftsteller zurückgelegt.

Herrenberger Straße

Während seiner Tübinger Zeit wohnte Hesse etwas außerhalb der heute bekannten historischen Altstadt. Bei der Dekans-Witwe Leopold hatten ihm die Eltern ein Zimmer gemietet; dort wurde er morgens, mittags und abends mit kräftigen Mahlzeiten versorgt. Der Lehrherr war für ein Vesper am Nachmittag zuständig; meist gab es Bier und Brot. Es war damals durchaus noch üblich, dass die Ausbilder im Betrieb an Erziehung und Menschenbildung der meist noch sehr jungen Lehrlinge mitwirkten; das geschah nicht selten mit einer gewissen Härte. („Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ ist bis heute ein oft zitiertes geflügeltes Wort.) Seinem Sohn in der Fremde hatte zudem Vater Hesse diszplinarische Regeln mit auf den Weg gegeben. Eine davon lautete: „Alle anderen Ausgaben sind zu vermeiden … Das Rauchen auf ein Minimum zu beschränken, weil es den Appetit vermindert, die Nerven reizt und Geld kostet.“

Die Adresse Herrenberger Straße 28 war ein damals sicherlich modernes Wohnhaus in nüchterner Vorstadt-Umgebung. Es wurde inzwischen mehrfach umgebaut, ein Anbau errichtet; heute wird hier Musikunterricht gegeben. Hin und wieder sieht man Japaner und Japanerinnen mit etwas ratlosen Minen davor stehen. Die Herrenberger Straße und ihre Umgebung sind seit dem zweiten Weltkrieg zu einer der verkehrsreichsten Gegenden der Universitätsstadt Tübingen geworden.

In den Jahren, die Hesse bei Frau Leopold wohnte und seiner Arbeit bei Heckenhauer nachging, gab er den skeptischen und um die Zukunft ihres Sohnes besorgten Eltern in Calw keinen Anlass zum Klagen. Er fühlte sich wohl bei seiner Wirtin. „Frau Dekan bemuttert mich aufs sorglichste … Vom Mittagstisch komme ich nur mit Mühe los, da sie voller Erzählkunst ist. Sie ist wie aus einem Dickens’schen Roman exzerpiert … zum Platzen voll von alten und neuen Geschichten, und dabei voll Gutmütigkeit und Liebe.“

Sein Zimmer war das größte der Wohnung und gut ausgestattet: Tisch, Sofa, Schrank, Bett und Nachttisch, Bilder und Blumenstöcke. Zum Schreiben stand Hesse ein Stehpult zur Verfügung, von den beiden Fenstern sah man auf das Schloss Hohentübingen. Vom Lehrlingslohn erwarb er noch eine Gipsbüste des Hermes von Praxitiles und hängte Portraits von Schriftstellen und Komponisten auf. „Auf der Kommode vereinigen sich einige Zinnbecher mit Bierkrieg, Hermes, Muschelkorb … zu einer künstlerisch barocken Gesamtwirkung. Auf dem Kasten ein Still-Leben von Zigarrenschachteln, Flaschen, Honigtopf …“

Fortsetzung folgt.

Arno Schmidt und Hermann Hesse

Zweiter Teil: Neunzehnhundertneunundvierzig/fünfzig

„Der Mond grellt im Pappelgang.“

1948 war in den alliierten Westzonen Deutschlands eine Währungsreform durchgeführt worden. Ein geordnetes Wirtschaftsleben kam in Gang. Berlin, Deutschland und Europa wurden durch den „eisernen Vorhang“ in zwei Blöcke geteilt. Den westlichen, von den Markt und Popular-Kultur dominierenden USA und den östlichen, von der stalinistischen Sowjetunion dominierten. 1949 entstanden – wie es damals schien: endgültig – zwei deutsche Staaten. Die Bundesrepublik Deutschland mit der neuen Kompromiss-Hauptstadt Bonn und die Deutsche Demokratische Republik (DDR – oder „DDR“, wie jahrzehnteland die Springerpresse relativierte) mit ihrem Zentrum Ost-Berlin. Die Veröffentlichung von George Orwells Roman „1984“ im Jahr 1949 passte bestens in die Zeit. „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir – aus dem selben Jahr – war seiner Zeit hingegen deutlich voraus.

Nach Arnos Jahren als Soldat und den Monaten in britischer Kriegsgefangenschaft nahe Brüssel, landete das Ehepaar Schmidt zunächst im niedersächsischen Cordingen. Sie wurden im Mühlenhof zwangseinquartiert. Alice liebte Kinder und Katzen; sie musste sich ein Leben lang mit Katzen zufrieden geben. Die Eheleute waren zunächst nahezu mittellos. Dann hatte Arno Schmidt erste kleine Einkünfte als Dolmetscher bei der englischen Besatzungsmacht. In späteren Jahren werden auch literarische Übersetzungen zum Auskommen beitragen.

1947 hatte sich Arno Schmidt zum freien Schriftsteller erklärt. 1949 erschien mit der Erzählung „Leviathan“ seine erste selbständige Veröffentlichung im Rowohlt-Verlag. Das Buch wurde von Hermann Hesse auf Bitten des Verlegers Ernst Rowohlt gelesen und kurz rezensiert. Der Grundtenor des zeugnisartigen Urteils war zwar nicht unfreundlich, hatte jedoch einen skeptischen Unterton. Hesse ließ einige Vorbehalte einfließen, was Person und Persönlichkeit des Autors betraf, ohne dass er diesen persönlich kannte:

„Das ist nun … ein junger Intellektueller und Dichter, der nicht nur mit dem Untergang des Abendlandes von Herzen einverstanden ist, sondern auch den Untergang der Menschheit glühend wünscht … Das wäre für sich allein nicht interessant, der Weltkatzenjammer ist nicht mehr um Ausdrucksmittel verlegen. Aber hier ist es nun ein wirklicher Dichter, der seinen Ekel uns ins Gesicht spuckt …“

Hesse dürfte sich kaum noch an die Gedicht-Einsendung von 1934 erinnert haben, als er urteilte: „Dieser junge, schnoddrige und begabte Dichter … ist ein etwas gefährdeter und möglicherweise nicht ungefährlicher, aber echter Visionär.“ Im Februar 1950 ließ er dem Kollegen sogar einen Separatdruck seiner 1928 entstandenen Betrachtung „Eine Arbeitsnacht“ zukommen, die heute Bestandteil von Band 11 der Werkausgabe ist.

Hermann Hesse hatte gute und ertragreiche Jahre erlebt. 1946 war ihm der Frankfurter Goethe-Preis und für das 1943 erschienene „Glasperlenspiel“ der Literatur-Nobelpreis verliehen worden. 1947 wurde er Ehrendoktor der Universität Bern und 1950 mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet. Er lebte fern der Not in Nachkriegs-Deutschland im blühenden Tessin. Sein literarisches Werk war abgeschlossen.

Arno Schmidt stand ganz am Anfang seiner Laufbahn. Die Beurteilung des „Leviathan“ durch Hesse hatte er von Rowohlt erhalten. Erst am 23. Mai schrieb er heftig enttäuscht eine eng beschriebene Postkarte an Hesse:

„Rowohlt sandte mir Ihre Beurteilung. Schade! Sie ist bedauerlich flach. Als Gegengabe will ich Ihnen mein Urteil über Ihr Werk senden: Ein begabter Dichter, weich und faltig. Zweierlei fehlt ihm: naturwissenschaftliche Kenntnisse und das Erlebnis folgender Urphänomene: Soldat sein müssen, Krieg, Gefangenschaft, Hunger.“

Zu dem kleinen Geschenk, das er von Hesse erhalten hatte, schrieb er: „Ich habe Ihnen noch nicht für Ihre letzte Mitteilung vom Februar gedankt. Daß Sie gegen 8 Uhr aus kühlen Nebenzimmer Abendessen zu holen pflegen: Ein Töpfchen Joghurt und eine Banane.“ Diese Information hatte Schmidt dem übersandten Text entnommen und retournierte nun in etwas gehässiger Form. Die Karte schließt mit den Worten „Ich verbleibe mit tiefer Ehrerbietung für Harry Haller (der mich wohl anders angesehen hätte) Ihr sehr ergebener Arno Schmidt.“

Hier endet die spärliche Korrespondenz der beiden großen, sehr gegensätzlichen Schriftsteller auch schon wieder. Im Juni 1950 äußerte sich Hesse in einem Brief an Ernst Rowohlt allerdings noch einmal zu Schmidt:

„Denn etwas in seinem Buch geht über die bloße Schnoddrigkeit hinaus und erinnert mich beim Lesen … an jenes unsterblich dumme und gemeine Wort eines der kleineren Unterteufel von Goebbels oder Rosenberg: ‚Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver.‘ So hatte ich bei Arno S. ein unbehagliches Gefühl, so einer könne, wenn unsereiner in freundlich anspreche, ihm ins Gesicht spucken oder eine Ohrfeige geben. Das hat er denn auch getan.“

Von diesen Zeilen und der heftigen Aburteilung – unter Verwendung von Vergleichen, die heutzutage nicht zu Unrecht geächtet sind – hat Arno Schmidt nie erfahren. Am Ende kehrt Hermann Hesse wieder zur Gelassenheit zurück und schließt das Kapitel Schmidt für sich ab: „Knabe hat alten Kerl mit Dreck beworfen. Alter Kerl bürstet sich den Rock.“