Spät-Lese (6)

26. Februar 2013

“Verlassene Zimmer” von Hermann Lenz

Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers

Hermann Lenz habe ich für mich in Hamburg entdeckt, weit weg vom württembergischen Kernland der Dichter, Tüftler und Grübler, meiner eigentlichen (zweiten) Heimat, und der von Hermann Lenz. In der Hansestadt studierte ich am verträumten Fachbereich Bibliothekswesen, der in einem nostalgischen roten Backstein-Gebäude untergebracht war – einst eine jüdische Mittelschule. Es war jene Zeit in der die nächste verrauchte Eckkneipe immer nur wenige Schritte entfernt lag. Dort floss unablässig frisches Pils aus dem Zapfhahn und auf dem Tresen standen ein Teller mit würzigen Frikadellen und der Senftopf.

Den Universitäts-Campus entlang verläuft die Grindelallee. An dieser Straße lag einmal der barackenartige Musikschuppen „Logo“, in dem allerhand Rock-, Jazz- und Blues-Leute auftraten, sowie gelegentlich auch ein gewisser Thommie Bayer. Im Trenchcoat und mit Band. Er sang vom letzten Cowboy, der angeblich aus Gütersloh stammen würde. Bayer seinerseits stammt aus Esslingen, nahe Stuttgart und eines seiner Alben hieß bezeichnenderweise „Silchers Rache“. Später schrieb Thommie Bayer lustige Liebesromane (“Das Herz ist eine miese Gegend”) die viel gelesen werden.

Und ebenfalls auf der Grindelallee fand man – und findet man noch heute – die Heinrich-Heine-Buchhandlung. Ein heller Laden, mit Büchern prallvoll gefüllte Regale, überladene Themen-Tische, viel Kritisches im Angebot, reichlich Diskussionsstoff und ein heute nicht mehr vorstellbares Spektrum an Autoren und literarischen Richtungen. Der inzwischen weit verbreitete  “Non Book”-Kram war noch lange nicht in Sicht. Das Wort hätten die damaligen Zeitgenossen vermutlich dem Perry-Rhodan-Imperium zugeordnet.

Lenz, ZimmerHier nahm ich mein erstes Hermann-Lenz-Buch in die Hand. Natürlich hatte ich schon irgendwo und irgendwann von diesem besonderen Autor gehört oder gelesen. Schließlich hatte ihm bereits 1973 Peter Handke mit einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung den Weg in die Feuilletons geebnet und seinen Büchern zu ersten zählbaren Verkaufserfolgen verholfen. Gelesen hatte ich bis dahin noch keines. Dieses erste Buch war die Suhrkamp-Taschenbuchausgabe von „Verlassene Zimmer“. Brauner Umschlag mit Kopf-Portrait des Schriftstellers auf der Vorderseite. 224 Seiten. Die Originalausgabe war bereits 1966 bei Jakob Hegner in Köln erschienen. Mein Exemplar gehört zu einer zweiten Auflage (9. Bis 15. Tausend), bei Nomos in Baden-Baden gedruckt und mit einem Umschlagentwurf von Willy Fleckhaus. Der minderbemittelte Student hatte dafür sechs Deutsche Mark zu bezahlen.

Hermann Lenz Hauptwerk, ein opus mangnum im wörtlichen Sinn, besteht aus einem neunbändigen Zyklus rund um den württembergischen Schwaben Eugen Rapp. Ein Schriftsteller, sowie eindeutiges und gewolltes alter ego des Autors – wie dieser geboren am 26. Februar 1913. „Verlassene Zimmer“ ist der erste Band dieser umfangreichen Reihe und die Handlung beginnt noch vor der Geburt des Protagonisten im 19. Jahrhunderts. Ein Jahrhundert, dem sich Lenz immer sehr nahe fühlte. Seine Sehnsuchtsepoche und sein Sehnsuchtsort waren das Wien vor 1918.

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Künzelsau, um 1880

Eugen Rapps Großeltern und Eltern lebten als Untertanen des württembergischen Königs Wilhelm II. in der hohenlohischen Provinz. In diese Welt hinein wird die Erzählfigur, der spätere Schriftsteller Eugen Rapp, geboren. 1913 ist das Ende der monarchischen Idylle bereits absehbar, der Erste Weltkrieg steht vor der Tür. Das Kind, das an dieser Zeitenwende ins Leben tritt, ist von Anfang an etwas Besonderes, ja Seltsames. Ein Weltentflieher, der den Härten des Alltags, den Profanitäten seiner Mitmenschen kaum gewachsen sein wird. Ein Leben lang muss Eugen Strategien des Raushaltens und des Abseitsstehens entwickeln. Zu einer Existenz als Schriftsteller gibt es dabei für ihn nie eine Alternative.

Der langjährige Lektor und heutige Leiter des Literaturhauses Hamburg, Rainer Moritz, hat “Verlassene Zimmer” in seine vor einigen Jahren erschienene – und sehr empfehlenswerte – “Überlebensbibliothek” aufgenommen. Das Lebenshilfe-Kapitel mit Lenz hat den Titel “Wer die Angst vor dem Tod ein wenig verlieren möchte, lese ‘Verlassene Zimmer’ von Hermann Lenz.” Moritz hat über Lenz promoviert und gehört zu den wenigen echten wissenschaftlichen Spezialisten für diesen Autor und dessen Werk. Sein Urteil über “Verlassene Zimmer”: “Es ist tröstlich, Hermann Lenz’ ruhiger, eingängiger Prosa zu folgen und diesen Weg mit den Krumms (und in den späteren Bänden der Lenz’schen Autobiografie mit den Rapps) gemeinsam zu gehen.” Der geduldige Sprachfluss, die akribischen Alltagsschilderungen, der genaue Blick auf die Schauplätze der Romane, erinnern nicht zufällig an Stifter und Mörike, in deren Schule und Nachfolge man Hermann Lenz durchaus einordnen kann.

Hermann Lenz verbrachte seine frühen Jahre in Künzelsau und später einen großen Teil seines Lebens in Stuttgart. In Tübingen begann er ein Theologie-Studium. Da er sich weigerte der Studenten-SA beizutreten, geriet er gesellschaftlich ins Abseits. Es folgten Studienjahre in Heidelberg und München. Lenz belegte Germanistik, Archäologie und Kunstgeschichte. Im kunstgeschichtlichen Seminar in München lernte er seine Lebens- und Arbeitspartnerin, seine spätere Ehefrau, Hanne Trautwein kennen. Nach dem Studium lebten sie gemeinsam in Lenz Elternhaus in Stuttgart. Während er mit dem Schreiben fast nichts, als Sekretär von Kultureinrichtungen recht wenig verdiente, sorgte sie mit ihrem Einkommen als Lektorin für das Auskommen. 1975 zogen sie nach München und wohnten nun im Schwabinger Haus der Familie Trautwein.

Lenz Haus

Das ehemalige Elternhaus von Hermann Lenz in der Stuttgarter Birkenwaldstrasse. – Foto: 8mobili

Hermann Lenz starb am 12. Mai 1998. Bis zu ihrem Tod im Jahre 2010 betreute Hanne Lenz das literarische Erbe ihres Mannes und gründete eine Stiftung, die an ihn und sein Werk erinnern soll. “Mit dem Tod der Kunsthistorikerin, Erzählerin und Lektorin Hanne Lenz versinkt endgültig das Universum des großartigen dichterischen Chronisten des 20. Jahrhunderts, Hermann Lenz.” Das schrieb „Die Welt“. Es kam nicht ganz so. Peter Hamm und andere führen die Stiftung bis heute fort. Mit ihr und der Unterstützung der Stadt München gelang es inzwischen, das Münchner Trautwein-Lenz-Haus in eine Gedenkstätte umzugestalten. In der Mannheimer Straße kann sie nach Voranmeldung besichtigt werden.

2001 ist bei Suhrkamp ein Band mit Auszügen aus dem Briefwechsel zwischen Paul Celan und Gisèle Celand-Lestrange und dem Ehepaar Lenz erschienen. Er enthält 137 Briefe, Postkarten und Telegramme. Die vier waren sich 1954 zum erstenmal und eher zufällig begegnet. Man kannte aber bereits die Werke des jeweils anderen. “Der schreibt, wie er ist…” urteilte Hermann Lenz einmal über Paul Celan. Eine Aussage, die fast noch passender auf ihn selbst zutrifft. “Verlassene Zimmer” und die nachfolgenden Eugen-Rapp-Romane sind nicht zuletzt Zeugnis einer unabdingbaren Schriftsteller-Existenz, die zeitweise dem Spitzweg-Klischee vom armen Poeten entsprochen haben muss, die aber trotz aller Entbehrungen, Anfechtungen und Ausgrenzungen für Hermann Lenz alternativlos war. Zurück bleibt sein umfangreiches Lebenswerk, bestehend aus Romanen, Erzählungen, Gedichten, Briefen und Rezensionen. Wir Leser entscheiden darüber, wie gegenwärtig es bleiben wird.

Neue ZeitVerlegerisch ist es bisher nur unvollständig erschlossen. Zum hundertsten Geburtstag hat Insel den Eugen-Rapp-Roman “Neue Zeit” neu aufgelegt. Die aktuelle Ausgabe wurde um eine Auswahl aus dem Briefwechsel zwischen Hanne und Hermann Lenz aus den Jahren 1937 bis 1945, also etwa dem Handlungszeitraum des Romans, erweitert. Eine fundierte Biographie über Hermann Lenz liegt bisher nicht vor. 1987 erschien “Bilder aus meinem Album”. Eine fotografische Dokumentation, angereichert mit autobiographischen Hinweisen, die einen intimen Einblick in das Leben von Hermann Lenz und sein familiäres Umfeld gewährt.

Der broschierte Band “Im stillen Haus” ist eine Spurensuche von Norbert Hummelt, der erkundet hat “Wo Hermann Lenz in München schrieb.” Die Schwarzweiß-Fotografien stammen von Isolde Ohlbaum. 1999 hatte die Zeitschrift “Text + Kritik” seine Nummer 141 Hermann Lenz gewidmet. Sie enthält zahlreiche literaturwissenschaftliche Beiträge zum Werk. Außerdem gibt es ein Heft aus der Marbacher Reihe “Spuren”, in dem Rainer Moritz unter dem Titel “Hermann Lenz und Künzelsau” den ersten Lebensabschnitt des Dichters knapp, aber sehr anschaulich behandelt.

Literaturhinweise

Die Eugen-Rapp-Romane: Verlassene Zimmer (st), Andere Tage (st), Neue Zeit (Neuauflage), Tagebuch vom Leben und Überleben (st), Ein Fremdling (nur antiquarisch), Der Wanderer (nur antiquarisch), Seltsamer Abschied (nur antiquarisch), Herbstlicht (st), Freunde (st). – (st) = als Suhrkamp-Taschenbuch lieferbar

Lenz, Hermann: Neue Zeit (Neuausgabe). Mit einem Anhang: Briefe von Hermann und Hanne Lenz 1937 – 1945. Ausgewählt von Peter Hamm. – Insel, 2013

Lenz, Hermann: Bilder aus meinem Album. – Insel, 1987

Hummelt, Norbert: Im stillen Haus. Wo Hermann Lenz in München schrieb. Mit Fotografien von Isolde Ohlbaum. – Allitera, 2009

Moritz, Rainer: Hermann Lenz und Künzelsau (Spuren, 87) Deutsche Schillergesellschaft Marbach am Neckar, 2011

Hermann Lenz. Text +Kritik, 141. I/99. – Text + Kritik, 1999

Moritz, Rainer: Die Überlebensbibliothek. Bücher für alle Lebenslagen. – Piper, 2006


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