Sigrid Damm, Goethe und die Frau von Stein

11. Dezember 2015

“Sigrid Damm befreit Geschichte und Geschichten nach gründlicher Recherche vom Aktenstaub, holt sie in zeitgemäßer Sprache in die Gegenwart und lässt den Leser teilhaben an ihren Gedanken und Überlegungen.” (Thüringische Landeszeitung, 7.12.2015)

Sie hat über Caroline Schlegel-Schelling, Friedrich Schiller und Jakob Michael Reinhold Lenz geschrieben. Über Goethe natürlich, den sie uns als Menschen schildert, mit sehr menschlichen Schwächen und Schattenseiten. Und über Frauen rund um Goethe: Die Schwester Cornelia, die Partnerin, Ehefrau und Mutter seiner Kinder – Christiane Vulpius. Sie ist in Gotha geboren und verbrachte dort die Schulzeit. Studium und Promotion in Jena. Akribisch recherchiert sie für ihre literaturhistorischen Veröffentlichungen, Archive und Bibliotheken sind ihr zweite Heimat. Auf unvergleichliche Weise versteht sie es, Forschungsergebnisse einem breiten Leserkreis verständlich und durchaus unterhaltsam nahezubringen.

Sie ist Ehrenbürgerin der Heimatstadt und wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet. Mit dem Thüringer Literaturpreis, dem Lion-Feuchtwanger-, dem Fontane-und dem Mörike-Preis. Sie lebt in Berlin und Mecklenburg und hin und wieder hält sie sich gerne im hohen Norden auf. Meine Sichtweise auf die Weimarer Klassik und die Denkmäler Goethe und Schiller hat sie entscheidend beeiflusst. (Nebenbei: Dass ich mich vor einiger Zeit aufführlicher mit den Werken Günter de Bruyns befasst habe, den wir in West- und Süddeutschland bedauerlicherweise kaum wahrnehmen, verdanke ich ihr.)

Am 7. Dezember wurde Sigrid Damm 75 Jahre alt. Wenige Wochen zuvor erschien ihr neuestes Buch. Wieder eine “Recherche” zu einer Frau, die in Weimar und für Goethe eine wichtige, in seinen ersten Weimarer Jahren prägende Rolle spielte: “Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein.”

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“Ich muß dir’s sagen, du einzige unter den Weibern, die mir eine Liebe in’s Herz gab die mich glücklich macht… Ich liege zu deinen Füssen und küsse deine Hände.” (Aus einem Brief v. 23. Februar 1776)

Einmal mehr erfahren wir vom allzu menschlichen Goethe, dem Fehlbaren, Zweifelnden, manchmal Verzweifelten. Von einem jungen Heißsporn und liebenden Mann. Von seiner Seite ist es Liebe. Mit allem was dazugehört, wenn es nach ihm ginge. Seine Briefe lassen das unschwer erkennen. Er ist 27 Jahre alt und neu im Stab des Weimarer Kleinstaates. Sie ist 34, verheiratet, mehrfache Mutter. Konventionen, familiäre Verpflichtung und Selbstdisziplin sind stark genug. Sie widersteht dem Stürmer und Dränger. Wenn es bei ihm Liebe war, die Liebe eines jungen Mannes, die sich natürlich nach körperlicher Erfüllung sehnt, was hat die Umworbene empfunden? Was bedeutete ihr diese Beziehung? Sigrid Damm kann das nicht letztgültig beantworten. Doch sie versteht es auf die ihr eigene Art, sich in die beiden starken Persönlichkeiten einzufühlen.

“Liebste ich habe gestern Abend bemerckt dass ich nichts lieber sehe als Ihre Augen, und dass ich nicht lieber seyn mag als bey Ihnen.” (Aus einem Brief v. 3. August 1778)

media_38258836Man muss Schriftsteller oder Schriftstellerinnen deren Werke man verehrt nicht mögen, doch, beeindruckt vom literarischen Schaffen, würde man es vielleicht ganz gerne. Künstler sind jedoch in noch viel stärkerem Maße ambivalente Persönlichkeiten wie wir Schlichten. Dies am Beispiel Goethes zu zeigen ist eines der Ziele der Literaturhistorikerin Damm. Sie selbst schwankt dabei zwischen distanzierter Bewunderung und einem gewissen Widerwillen. An diesem Zwiespalt der Gefühle lässt sie ihre Leser teilhaben und vermittelt ein Goethebild das realistischer, schärfer und uns näher ist, als das der üblichen Klischee. Der zerrissene Künstler mit den mehr als zwei Seelen in seiner Brust, der Staatsmann ohne Überzeugung, der wilde Junge, der Scheue und Ängstliche, einen Mann, der von nichts so abhängig war, wie von den Frauen, die ihn auf Strecken seines Weges begleiteten.

“Kaum bin ich aufgestanden so mach’ ich schon Plane wie ich zu Ihnen kommen und den Tag bey Ihnen zubringen will… So lang das geht werde ich in meinem Schneegestöber aushalten, und schreiben und zeichnen, hernach komm ich und fahre mit Ihnen in’s Conzert. Adieu meine liebe Cometenbewohnerinn.” (Aus einem Brief v. 4. Februar 1781)

Im Mittelpunkt des Interesses stehen bei der Wissenschaftlerin und Autorin Damm die Frauen. Über und für Cornelia, Christiane und Charlotte schreibt die Weimar-Spezialistin. Sie weist auf die Bedeutung der Zeit hin, in der diese Personen lebten, die Prägung durch Herkunft, durch Milieus in denen sie aufwuchsen und zu leben hatten. Nicht zuletzt, aber nicht so vordergründung wie in konventioneller Geschichtsschreibung, geht es um die Männer, die so viel Einfluss auf ihre Lebensläufe hatten, von denen sie gesellschaftlich und wirtschaftlich abhängig waren. Doch die Frauen über die Damm schreibt sind keine bloßen Objekte, Anhängsel, Produkte einer männerdominierten Gesellschaft. Sie sind eigenständige, eigenwillige Charaktere. Belesen,  klug oder beides. Lebenserfahren, praktisch veranlagt, pragmatisch. Oft handeln sie gerade dann, wenn die Männer zurückziehen. Wie Goethe, der besonders gerne unangenehmen Situationen aus dem Weg ging.

Sigrid Damms Buch besteht aus drei Teilen. Einer längeren Einleitung, mit der Schilderung des Lebenswegs der Charlotte Albertine Ernestine Freifrau von Stein, geborene von Schardt. Eine Auswahl der Briefe Goethes an Charlotte; Gegenbriefe sind leider nicht überliefert, der größte Teil wurde auf Wunsch Frau von Steins vernichtet. Sowie einer ausführlichen Interpretation der außergewöhnlichen Beziehung und ihres Umfeldes. Zum besseren Verständnis der Briefe dienen die Anmerkungen im Anhang. Personenregister und Literaturverzeichnis ergänzen eine sorgfältige Edition.

Damm, Sigrid: Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein. – Insel Verlag, 2015. Euro 22,95


Goethes Orte in Ilmenau

27. September 2011

„Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“ (1)

“Die Gegend ist herrlich, herrlich!”, schrieb Johann Wolfgang von Goethe am 4. Mai 1776 an Herzog Karl August nach Weimar. Am Tag zuvor war der Dichter des “Werther” und des “Götz” zu einem allerersten Aufenthalt in Ilmenau eingetroffen. Für Ilmenau durchaus ein Ereignis, denn der neue Berater und bald auch Freund des Herrschers über die Kleinstaaterei Sachsen-Weimar-Eisenach war bereits eine Berühmtheit in deutschsprachigen Ländern.

In den folgenden Jahrzehnten besuchte er das Städtchen am Nordrand des Thüringer Waldes und seine Umgebung achtundzwanzigmal und verbrachte dort insgesamt 220 Tage. Auch seinen 82. Geburtstag hat er im August 1831 in Ilmenau gefeiert. Neben anderen waren die Enkel Wolfgang und Walter, damals 11 und 13 Jahre alt, dabei. Man logierte im Gasthaus „Zum Löwen“ (s. a. unten). Die Stadtkapelle spielte auf, und abends zog man mit Fakeln über Roda nach Elgersburg. Es wurde der letzte Ilmenau-Aufenthalt, die letzte Reise (2) überhaupt, des inzwischen reisemüden Dichters. Johann Wolfgang von Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar.

Amtshaus. Das ehemalige Amtshaus beherbergt heute das Goethe- und Stadtmuseum. Nach einem Brand im Jahre 1752 wurde es als Barockbau neu errichtet und schließt den am Hang gelegenen Marktplatz nach Norden hin ab. Zur Goethezeit war es der Sitz des Amtmanns, also des herzöglichen Vertreters in der Stadt. Goethe standen in dem vergleichsweise großzügigen Gebäude einige Jahre eigene Räume zur Verfügung. Soweit es seine zahlreichen Verpflichtungen zuliesen, hat er hier immer wieder am „Wilhelm Meister“ gearbeitet.

Rathaus. Am westlichen Rand des Marktplatzes steht bis heute das Rathaus. Das historische Gebäude wurde längst um einige moderne Anbauten erweitert. Unter Goethes Vorsitz tagte hier im Juni 1781 die Bergbau-Kommission. Es ging dabei in Verhandlungen mit Abordnungen von Kursachsen und Sachsen-Gotha um die Klärung von Bergwerksrechten – Voraussetzung um den Bergbau der Ilmenauer Gegend auf eine neue solide Basis zu stellen. Das gelang zunächst, doch schon nach wenigen Jahren mussten die wiedereröffneten Minen, die der Stadt eine wirtschafliche Erholung gebracht hatten, erneut geschlossen werden. Es waren hauptsächlich geologische Gegebenheiten, die diesen Erwerbszweig zum Erliegen brachten.

Sächsischer Hof. An der Stelle der ehemaligen Gaststätte “Sächsischer Hof” steht heute ein stattliches Wohn- und Geschäftshaus. Im “Sächsischen Hof” wohnte Charlotte von Stein, als sie Goethe 1776 in Ilmenau besuchte. Zeitweise stieg auch Goethe selbst hier ab. Unter anderem 1784, als er seine vielbeachtete Rede zur Wieder-Eröffnung des Bergbaus in den zuvor stillgelegten Gruben der Ilmenauer Gegend hielt.
Von 1801 bis zu ihrem Tod wohnte die Sängerin und Schauspielerin Corona Schröder (1751 – 1802) im Sächsischen Hof. Auf dem Schwalbensteinfelsen nahe Ilmenau hatte Goethe im März 1779 seine „Iphigenie“ vollendet. Das Drama wurde am 6. April in Weimar uraufgeführt. Goethe führte Regie und gab den Orest. Die Schröder spielte die Iphigenie. Ihr Grab auf dem Ilmenauer Friedhof ist heute eine Station des Goethe-Wanderwegs.

Der “Löwen.” Häufig, und wie beschrieben, letztmals an seinem 82. Geburtstag, wohnte Goethe während seiner Ilmenau-Aufenthalte im Gasthof „Zum Löwen“, der nicht mehr existiert. Damals war es das erste Haus am Platz. Allerdings hielt sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Übernachtungsangebot im Städtchen sehr in Grenzen. Reisende kamen selten, man hatte lange Jahre existenzielle Probleme: Kriegsfolgen, Hungersnöte, Brände und Misswirtschaft. Mit Goethes Einsatz und Ideenreichtum kamen bessere Zeiten. In dem Gebäude, das heute an dieser Stelle steht, befindet sich im Erdgeschoss eine italienische Eisdiele. Dem modernen Reisenden auf Goethe-Spuren kann das sehr freundlich kommode Hotel “Lindenhof” gleich nebenan empfohlen werden.

“Was weis ich was mir hier gefällt / In dieser engen kleinen Welt / Mit leiser Zauberhand mich hält … “ (3). Goethe war auch viel in der Umgebung Ilmenaus unterwegs. Bei seinen Exkursionen im Thüringer Wald widmete sich der universell interessierte Dichter geologischen, mineralogischen und botanischen Forschungen. „Als Vorläufer Darwins hat er den Gedanken einer organischen Entwicklung der Natur von einfachen zu immer vollkommeneren Gebilden klar ausgesprochen.“ (4) Doch vor allem in jüngeren Jahren kamen auch die vergnüglichen Natur-Aufenthalte nicht zu kurz. Zusammen mit dem herzoglichen Freund wurden Jagden veranstaltet; und bei manchem Nachtlager unter freiem Himmel ging es in großer Gesellschaft laut und feuchtfröhlich zu. Gut ausgeschilderte Wanderwege rund um Ilmenau ermöglichen es heute allen Interessierten diesen Spuren Goethes zu folgen. Vielleicht mit der einen oder anderen Reclam-Ausgabe seiner Werke im Rucksack.

(1) Aus dem “ Osterspaziergang“, der gerne als eigenständiges Gedicht angesehen wird, dessen Verse aber aus dem ersten Teil des „Faust“ stammen.

(2) Siehe dazu: Damm, Sigrid: Goethes letzte Reise. – Frankfurt und Leipzig, 2007 (auch als Insel Taschenbuch erhältlich). Ausgehend von Goethes letztem Ilmenau-Aufenthalt berichtet die Autorin in kurzweilig erzählender Form über verschiedene Stationen in Goethes Leben.

(3) Aus dem Gedicht „Einschränkung“, geschrieben in dem Dörfchen Stützerbach, das einige Kilometer südwestlich von Ilmenau liegt und dessen Goethe-Gedenkstätte dieser Tage aus Kostengründen von der Schließung bedroht ist.

(4) Neuendorf, Siegfried: Die Goethestadt Ilmenau. – Ilmenau, 1959 (rarer DDR-Druck)


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