„Schöne Atmosphäre … nette Leute“ *

20. Juni 2014

 Was wird aus dem Gasthof Adler?

“Es hat geschmeckt: literarisch-kulinarisch”, schrieb ein unbekannter Gast jenes “Literarischen Diner”, das im Frühjahr 2002 zum 75. Geburtstag von Martin Walser stattfand. In Großholzleute, einem Vorort von Isny. Im historischen Gasthof Adler. Das waren noch Zeiten! Seit über einem Jahr steht das traditionsreiche Land-Gasthaus inzwischen leer.

Dorf früher, das waren Kirche, Friedhof, Gasthof, drumherum Feld, Wald und Wiesen. Dorf heute: Drumherum das eine oder andere Neubaugebiet, kleinere bis mittelgroße Handwerks-, Industrie- oder Dienstleistungs-Ansiedlungen. Netto, Penny oder Preisfux. Getränkemarkt. Der Friedhof wurde vergrößert. Die Kirche steht noch. Am Gasthaus hängt ein Schild: „Geschlossen“. So auch am Adler in Großholzleute. Und der Kasten in dem einst die Speisekarte den Einkehrenden Appetit machte ist leer. Staubig, spinnverwebt.

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Vor gut zehn Jahren gab es noch etwa 48.000 dörfliche Gasthäuser in Deutschland. Inzwischen sind es weniger als 35.000. In Baden-Württemberg ist im gleichen Zeitraum die Zahl der Gastronomiebetriebe gestiegen; doch der Zuwachs fand fast ausschließlich in den Städten statt. Es ist schwierig geworden im ländlichen Raum Speiß’ und Trank in einem Ambiente anzubieten, das den Bedürfnissen einer mobilen, anspruchsvielfältigen Gesellschaft gerecht wird und wirtschaftlich erfolgreich betrieben werden kann.

Acht Jahre bewirtschafteten die letzten Besitzer den Adler. Zwei Jahre haben sie vergeblich nach Nachfolgern gesucht, im Frühjahr 2013 gaben sie auf, sahen für sich und ihren Betrieb keine Zukunft mehr und wanderten nach Südafrika aus. Seitdem stehen Gaststätte und Saal leer. Die Liegenschaft mit ihrer langen Geschichte geht einer ungewissen Zukunft entgegen.

Es war ein Ritter Syrg zu Syrgenstein der das Gebäude um 1400 errichten ließ. Drumherum wurde ein Wassergraben angelegt; so sicherte man sich damals vor unerwünschten Besuchern. Es war zunächst Amtshaus, im oberen Stockwerk war die “Gerichtslaube”. Mehrfach wurde es im 16. und 18. Jahrhundert erweitert und umgebaut, der Wassergraben trockengelegt. Fast 150 Jahre diente es dem “Logistikkonzern” Thurn und Taxis als Postwirtshaus, als Station für Postkutschen und Eilboten. Der Adler entwickelte sich zum Mittelpunkt des kleinen Dorfes. Bis heute liegt er strategisch günstig an der Verbindung von Lindau nach Kempten.

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Was hat das alte Haus nicht alles gesehen? 1525 trafen sich aufständische Bauern, berieten ihr Vorgehen gegen Adel und Klerus, die sich im Schwäbischen Bund organisiert hatten und vom berüchtigten Bauernjörg angeführt wurden. Die österreichische Kaiserin Maria Theresia machte in den 1760er-Jahren mehr oder weniger freiwillig hier Station. Ihre Tochter Marie Antoinette war im Mai 1770 zu Gast. 1899 wurde ein kleiner Wirtsgarten angelegt, den es bis heute vor dem Haus gibt. Ungestört gedeiht im warmen Juni 2014 allerhand Pflanzliches. 1987 logierte die englische Prinzessin Anne, als sie ein Wintersportereignis in der Region besuchte, für einige Tage im Adler.

1958 fand hier das legendäre Treffen der Gruppe 47 statt, bei dem Günter Grass erstmals aus der Blechtrommel las. Siehe dazu: “Auftritt Oskar Matzerath” – im Mai auf con=libri erschienen. “Und wer mich lieber hat als ich, / der schreibe sich hier hinter mich”, trug Walter Höllerer damals ins Gästebuch ein. “das ist nicht schwer”, ergänzte Martin Walser. Und jemand der seinen Namen nicht nannte schrieb etwas weiter unten die demonstrative Aussage: “Der Mensch ist gut!” In Klammern wird als Urheber dieser Aussage der italienische Tenor Benjamin Gigli genannt. Wie auch immer – Wolfgang Hildesheimer und Ilse Aichinger stimmten jedenfalls per Unterschrift zu. Die Teilnehmer Carl Zuckmayer und Max Frisch haben im Mai 1958 lediglich ihre Namenszüge hinterlassen.

Doch in den dörflichen Schänken landauf, landab, wird nicht auf Nobelpreisträger, nicht auf die Geschichte des Oskar Matzerath gewartet. Hier wurde bei Bier und Deftigem schon immer und wird immer noch erzählt. Familiäres, Gerüchte, Klatsch und Tratsch, wahre und halbwahre Geschichten, mehr oder weniger Erfundenes, Witze und Anekdoten. In Dorf-Beizen brodelt literarischer Urschlamm, der Dichter und Dichterinnen, seit die Höhlen- und Lagerfeuer von gezimmerten oder gemauerten Einkehrmöglichkeiten abgelöst wurden, reichlich Rohstoff für ihr literarisch-künstlerisches Gestalten bietet.

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Die Schließung des Adler fand angesichts seiner literarischen Vergangenheit sogar in der überregionalen Presse Beachtung. “Der kaschubische Gnom Oskar Matzerath … ist ein Kind des Allgäus. Als literarische Figur machte Günter Grass die Weltöffentlichkeit mit der Romanfigur in dem Örtchen Großholzleute bekannt”, schrieb die FAZ unter der Überschrift “Der Adler fliegt nicht mehr”. Der Tübinger Regierungspräsident – Großholzleute liegt im äußersten südöstlichen Zipfel dieses Regierungsbezirks, hart an der Grenze zu Bayern – sprach von einem “Juwel”, dass erhalten bleiben muss. Seine Behörde verschickte viele tausend Postkarten für einen Ideenwettbewerb. Als häufigster Wunsch kam der nach einem ganz normalen ländlichen Gasthof in dem man gut und preiswert essen und trinken und sich zum Stammtisch treffen kann.

Ein Makler wurde von den bisherigen Besitzern beauftragt nach Käufern zu suchen. Im Hintergrund, und bisher noch ohne greifbares Ergebnis, bemühen sich Landkreis Ravensburg und Stadt Isny einen Investor zu finden. Eine solvente Brauerei wäre sicher willkommen. Denn es gibt viel zu tun. Das Gebäude ist denkmalgeschützt, Renovierung und Umbau für neue Nutzungen dürften einige Mittel erfordern. Der mit viel bürgerschaftlicher Initiative erhaltene, renovierte und heute vielfältig genutzte Bahnhof Leutkirch könnte vielleicht als Modell dienen. Und natürlich wünschen wir Idealisten, wir Kulturfreunde, uns eine Zukunft für den Adler, in der Dichter und Denker, Literatur, Philosophie und Geschichte einen prominenten Platz bekommen.

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* Bruchstücke eines Eintrags, der ebenfalls während des literarischen Diner für Martin Walser in das Gästebuch des Adler geschrieben wurde. Ich habe ihn nicht nur ungefragt verwendet, sondern auch noch  für meine Zwecke entstellt. Er stammt von U. Schneider und lautet im Original: “Schöne Atmosphäre, gute Texte, nette Leute, eine Wiederholung wäre schön.” Ein (sog. frommer) Wunsch, dem ich mich gerne anschließe.

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Seelenreich: Walser in Wasserburg

20. Januar 2013

Eine Januar-Fahrt an den Bodensee.

Der zweite Teil

Eines meiner Lieblingsbücher von Martin-Walser ist “Seelenarbeit”. Die wenig trostreiche Geschichte des Chauffeur Xaver Zürn, der Tag und Nacht an seinen Chef denken muss, sich schlaflos im Bett wälzt, Verdauungsprobleme bekommt und genau weiß, dass der Chef keine Sekunde an ihn denkt. Zürn hofft durch Anpassung bis zur Unterwerfung und durch Leistungswillen bis zur Selbstaufgabe, das Wohlwollen seines Arbeitgebers zu gewinnen. Doch das Ergebnis sind Leiden. Leiden an Körper und Seele. Xaver Zürn wird zum Seelenkrüppel.

Walsers neuestes Werk heißt “Das dreizehnte Kapitel”. Der alternde, süddeutsch-katholisch geprägte Schriftsteller Basil Schlupp erlebt darin noch einmal Liebes-Seeligkeit in der Fernbeziehung zu einer preußisch-evangelischen Theologin, die er in Briefen anschwärmt. Neben der Liebesgeschichte, die ausschließlich im Briefwechsel stattfindet, erfahren wir von der Seelen- und Wahlverwandtschaft der beiden Hauptfiguren, die sich in einem vielschichtigen und hintergründigen Meinungsaustausch über Religions- und Lebensfragen niederschlägt. “Verstehen Sie wenigstens so viel, dass Religion etwas anderes ist als das, was in unserer Welt dafür gehalten sein will?” Zum Seelenheil der beiden lässt es der Dichter allerdings nicht kommen.

Dem “Kultur-Spiegel” erzählte Martin Walser, dass der Titel des Romans eine Wasserburger Vorgeschichte hat: “Mein Großvater hatte einen Gasthof, und da gab es die Zimmer 11,12,14. Seitdem hat die Zahl 13 mich fasziniert. Ich habe jahrelang Romanprojekten den Titel “Das dreizehnte Kapitel” gegeben. Aber erst jetzt passte er.”

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Von klein auf war er ein leidenschaftlicher Leser. Zur frühen Leküre gehören viele Bände Karl May, der “Lederstrumpf” und was ihm sonst so in die Hand fällt. Er liest aus den selben Gründen “die uns veranlassen zu atmen oder zu essen.” Dabei ist der Junge keineswegs ein Stubenhocker. Er ist lebhaft, sportbegeistert, macht mit, ist eingebunden in die Klassengemeinschaft. Kein Bücherwurm der sich absondert. Am Klavier improvisiert er Schlager der Zeit. Schule ist für ihn Zwang. Er spürt Erwartungsdruck. Seine Deutsch-Aufsätze allerdings sind originell und eigenwillig, halten sich nicht an Musterlösungen. Der Schüler Walser hat Glück. Die Deutschlehrer erkennen das Besondere, fördern den Begabten.

1939, mit zwölf Jahren, stößt er in der Bibliothek eines Allgäuer Großonkels auf Gedichte von Friedrich Schillers. “…in den Ferien bei einem Verwandten… entdeckte der … Knabe einen Bücherschrank mit bespannten Glastüren. Darin lauter alte dunkle Bücher, die einander glichen wie die Rauchfleischbinden im Kamin. Er griff nach den hellsten Rücken in den dunklen Reihen und hatte einen Schiller-Band in der Hand… Der Knabe nahm Schiller mit in sein Zimmer und las. Vom Parterre herauf hörte er, daß gerade ein Krieg erklärt worden sei. Ihn störte es nicht. Er hatte auf seinen Knien Gedichte, deren Verse mit Hebungen anhoben.” Die Schiller-Töne erreichen einen Suchenden, einen zukünftigen Schriftsteller und bleiben nicht ohne Folgen: “Das wurde alles nachgelebt und nachgedichtet und führte zu lauter Schwulst und Schein.”

„Siehe! da verstummen Menschenlieder / Wo der Seele Lust unnennbar ist…“ * Ab 1942 und seitdem: Hölderlin. Unter dem Dach des elterlichen Anwesens die Entdeckung literarischer Hinterlassenschaften seines Vaters. Dabei sind Gedichte in denen er einen neuen Ton für sich entdeckt. “Ich wußte allerdings nicht, daß die Gedichte von Hölderlin waren, die ich im Alter von fünfzehn Jahren in einer Kiste auf dem Dachboden entdeckte. Ein Stoß Kriegervereins-Zeitschriften und ein Stoß Cotta’sche Handbibliothek fielen mir in die Hände… und ein Bändchen, ein Bündel zerfledderter Blätter hatte keinen Umschlag mehr, es begann mitten in einem Gedicht.”

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Die Abschiede von Wasserburg begannen bereits kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Sein Vater, der das Gasthaus von seinem Vater übernommen hatte, und der weder rechter Wirt noch echter Kaufmann sein kann, vielmehr ein Kopf-Reisender, Vieldenker und Leser, ist häufig krank und stirbt 1938 mit gerade einmal 47 Jahren. Da geht Martin Walser bereits auf die Oberschule in Lindau. Eine erste kleine Distanz zur Wasserburger Welt und Familie ist damit entstanden.

Im März 1944 kommt sein Freund Gerhard bei einem Zugunglück nahe Bregenz ums Leben. Walser, mit ihm im Zug, überlebt. Am 19. Oktober 1944 fällt der zwei Jahre ältere Bruder Josef in Ungarn. Der 17-jährige Martin hatte sich bereits freiwillig zu den Gebirgsjägern in Garmisch gemeldet. In den Bergen hofft er dem eigentlichen Kriegsgeschehen fern zu sein. Kindheit und Jugendjahre am See gehen zu Ende. Als er 1945 zurückkehrt, ist die Gaststätte verpachtet; die Mutter betreibt nur noch den Kohlenhandel. Zu dieser Zeit lernt Walser seine spätere Frau Katharina Neuner-Jehle (“Käthe”) kennen. Nach dem Krieg beginnt er mit dem Studium zunächst in Regensburg. Der Landkreis Lindau unterstützt den Begabten mit einem kleinen Stipendium.

Doch ein Leben ohne See ist auf Dauer nicht zu ertragen. Und so zieht er nach dem Studium in Regensburg und Tübingen, Jahren in Stuttgart und München, mit Ehefrau Käthe bald für immer nach Überlingen-Nußdorf. Im eigenen Haus direkt am See wachsen die vier Töchter auf, entsteht Buch um Buch. Von hier schwärmt der Schriftsteller und Zeitgenosse Walser seitdem immer wieder aus in das literarische Leben der Republik; kleine Abstecher in politische Nebenschauplätze inbegriffen. Wasserburger ist er dabei immer geblieben: “Noch nie hatte ich einen Menschen so über seine Herkunft reden hören. Im Grunde waren es Lobgesänge, denn ich erinnere mich, daß ich wünschte, die Wasserburger könnten zuhören. Keine üblichen Lobgesänge, keine Spur von Euphorie, aber eine Genauigkeit, die etwas mit Gerechtigkeit zu tun hatte.” (Katharina Adler) Seit 1984 ist Martin Walser Ehrenbürger von Wasserburg.

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Neben Kirche und Schloss, findet man auf der Halbinsel das historische Malhaus, einst Gerichts- und Amtshaus der Fugger. Darin ist ein Heimatmuseum untergebracht. Man kann Werke von heimischen Künstlern sehen, die Geschichte der Hexenverfolgung studieren oder sich über Flora und Fauna des Seegebiets informieren. Eine Dauerausstellung ist der Kinder- und Jugendzeit Martin Walsers in Wasserburg gewidmet. Eine andere dem Schöpfer des “Lieben Augustin”, dem Schriftsteller Horst Wolfram Geissler. Aber das ist dann schon wieder eine ganz andere Wasserburg-Geschichte. Das Museum übrigens ist nur von April bis Oktober geöffnet.

“Man muß nicht fröhlich sein. Am Bodensee, meine ich. Heitere Landschaft und so… Dieser See bewirkt, glaube ich, nicht dies oder das. Wenn er etwas einprägt, dann den Wechsel. Die Nichteigenschaft. Ich bin vieles nicht. Das lerne ich hier.”

Ich bin fast allein am winterlichen See. Dieser Januar-See lässt seinen Besucher nur schwer wieder los. Der Niesel hat aufgehört. Es klart auf. Mit der Dämmerung beginnt ein faszinierendes Licht- und Lichterspiel. Aus blauweißem Himmel wird blauschwarzer Sternenhintergrund. Schwankendes Leuchten im Windspiel, fernes Blinken an anderen Ufern. Sanftes Plätschern von Wellen, die im vorrückenden Dunkel nur noch vermutet werden können. Vom Tag kennen wir den See. In der beginnenden Nacht drohen Untiefen.

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Kirche, Schloß und Museumsgebäude leuchten jetzt scheinwerferbestrahlt. Sie stehen so selbstverständlich und wie seit immer. Feuchte Kälte zieht auf. Die letzte bequeme Zugverbindung ab Wasserburg ist zu erreichen. Die Bahnfahrt an einem Januarabend findet bei Dunkelheit statt. Walser-Lektüre. Walser-Notizen. Wasserburg-Notizen. Zur Wegzehrung eine trockene Seele. Hart gebacken, mit fester Kruste, Kümmel und Salz. Wunschlos durch eine oberschwäbische Nacht.

* Aus der „Hymne an die Unsterblichkeit“ von Friedrich Hölderlin
 
Verwendete Literatur
Walser, Martin: Seelenarbeit. Roman. – Frankfurt, 1979
Walser, Martin: Ein springender Brunnen. Roman. – Frankfurt, 1998
Walser, Martin: Das dreizehnte Kapitel. Roman. – Reinbek bei Hamburg, 2012
Ficus, André; Walser, Martin: Heimatlob. Ein Bodensee-Buch. – Friedrichshafen, 1978
Walser, Martin: Liebes-Erklärungen. – Frankfurt, 1983
Magenau, Jörg: Martin Walser. Ein Biographie. – Reinbek bei Hamburg, 2005
Hagel, Manfred (Hrsg.): Annäherungen an Lindau. Berühmte Autoren in der Inselstadt und Umgebung. – Lindau, 1996
Hoben, Josef (Hrsg.): He, Patron! Martin Walser zum Siebzigsten. – Uhldingen, 1997
Mit 17 hat man noch Träume. Der Schriftsteller Martin Walser, 85, über Militärsprache, Kritiker und Aberglaube. In: Kultur-Spiegel, Heft 1, 2013, S. 55

Seelenreich: Walser in Wasserburg

9. Januar 2013

Eine Januar-Fahrt an den Bodensee.

Der erste Teil

Was steckt eigentlich in einer guten oberschwäbischen Seele? Weizen- und Dinkelmehl, Hefe, Weizensauerteig, Wasser und Quellsalz. Auf die knusprige Oberfläche kommen dann noch Salz und würziger Kümmel. Die besten Exemplare dieser regionalen Spezialität gibt es beim jahrhundertealten “Fidelisbäck” in Wangen im Allgäu.

Der Zug ist pünktlich. Ankunft um 9.44 Uhr in Wasserburg am Bodensee. Kurzer Halt des Regionalexpress auf eingleisiger Strecke die Friedrichshafen mit Lindau verbindet. Aus einem bescheidenen Bauern- und Fischerdorf ist längst ein beliebter touristischer Anziehungspunkt geworden. Rundum Obstbau und etwas Wein. Von der malerischen, zu Saison-Zeiten aber völlig überlaufenen, Halbinsel hat man wahlweise Pfänder- oder Säntisblick. Man kann aber auch den Blick einfach nur über eine endlos scheinende Wasserfläche gleiten lassen: “Schwäbisches Meer”. Der Schriftsteller Martin Walser wurde am 24. März 1927 in Wasserburg geboren.

Es ist kein Januar-Wetter. Weder Schnee noch Frost. Nieselregen. Wolkenfetzen. Reisen macht hungrig und durstig. Am Weg vom Bahnhof zum See, im oberen Teil der Halbinselstraße, stoße ich zu meiner Überraschung und großer Freude auf eine Filiale des erwähnten “Fidelisbäck”. Rasche Einkehr zu Milch-Kaffee und Originalseele in bebutterter Version. Satte Zufriedenheit. Mit Zuversicht bereit zur Walser-Wasserburg-Exkursion.

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Im  Haus direkt gegenüber des Bahnhofs war die “Restauration” der Walsers – 1901 eröffnet. Von Martins Großvater selbst geplant und über zwanzig Jahre umgetrieben. Zwei Jahre nachdem Wasserburg einen Bahnhof bekommen hatte, versprach man sich von den hier Durch- und Anreisenden ein gutes Auskommen. Es gab die Gaststätte und es gab “Fremdenzimmer”. Die ehemalige Terrasse ist noch gut zu erkennen; sie ist inzwischen überbaut, aber die Holzstützen, die das Vorbaudach tragen, dürften wohl noch die Originale sein.

1924 übergab Josef Walser den Betrieb an seinen Sohn Martin, den Vater Martin Walsers, der eigentlich lieber Lehrer werden wollte und zum Gast- und Betriebswirt wenig Talente hatte. Als der Gasthof nicht mehr genug einbringt, kommt noch ein Holz- und Kohlehandel dazu. Die tatkräftige Ehefrau Augusta hält den Betrieb einigermaßen aufrecht. Die Angst vor dem wirtschaftlichen Scheitern ist ständiger Begleiter der Familie und der Kindheit Martin Walsers. Er muss mit anpacken und lernt früh, dass menschliches Handeln auch seine wirtschaftlichen Seiten hat. Eine Erkenntnis, die den späteren Schriftsteller prägen wird. Die Einnahmenseite muss stimmen – seine Verleger konnten ein Lied singen.

In der Gaststätte kehrten allerhand geschichtenvolle Menschen ein. Es wurde viel geredet. Der kleine Martin, der früh schon beim Servieren hilft, hat offene Ohren und eine lebhafte Phantasie. In der Region Lindau, Wasserburg ist der Name Walser auch heute noch sehr verbreitet. Man spricht einen allemannischen Dialekt, der sich aus bayerischen, vorarlberger und schweizer Quellen speist. Es sind dies die Laute, Worte und Satzmelodien die das Kind zu hören bekam, mit denen es sprechen lernte und die bis heute Walsers Schreiben und Sprechen prägen.

Mancher Winkel im Ort hat ländlichen Charakter bewahrt. Kleine Obsthöfe, Brennereien, Fisch-Räuchereien, kleine, niedrige Häuser, die sich allen Modernisierungswellen entziehen konnten und noch etwas von der Atmosphäre ahnen lassen, in der Martin Walser als Kind unterwegs war.

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Wer echte See-Erlebnisse liebt, sollte im Januar an den Bodensee fahren. Ist zudem noch schlechtes Wetter, begegnet man nur wenigen Menschen und kann sich ganz eigenen Stimmungen und Sinnen hingeben. Der See wirkt. Für Martin Walser war ein Leben ohne See immer undenkbar. “Ich liebe den See, weil es sich bei ihm um nichts Bestimmtes handelt. Wie schön wäre es, wann man sich allem anpassen könnte. Auf nichts Eigenem bestehen. Nichts Bestimmtes sein. Das wäre Harmonie. Gesundheit. Ichlosigkeit. Todlosigkeit.”

Im feuchten Kies am Ufer stehend, mit Blick auf die Hügel des Appenzeller Landes und die schneebedeckten Alpengipfel dahinter, stelle ich mir vor, wie 80 oder 75 Jahre vor mir dieser Martin hier stand, der einmal einer der bekanntesten Schriftsteller deutscher Sprache werden sollte. Zum Säntisblick beißt er abwechselnd von einer zähen Seele vom Vortag und dem süßsauren heimischen Apfel ab. Dann wirft er mit Kieselsteinen nach Enten, die im Treibholz dösen.

Besonders gerne ist der Junge mit Mädchen zusammen. Sucht Nähe und heimliche Berührungen, erforscht die Unterschiede der Geschlechter. “Aber ihm war hinter der Käserei in Glatthars Schopf mit Irmgard eine Enge gelungen wie noch nie… Sie mußten sich, weil dieser Kasten wirklich klein war, eng aneinander pressen. Johann hatte das Gefühl, beide, Irmgard und er, hätten, solange sie so aneinandergedrängt standen, er hinter ihr, sie vor ihm, nicht mehr geatmet.” Man darf Walser unterstellen, daß auf eigenen Erlebnissen beruht, was er hier seiner Hauptfigur Johann im stark autobiographischen Roman “Ein springender Brunnen” zuschreibt.

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Dieser Johann erlebt dann mit dem Mädchen Anita vom Wanderzirkus “La Paloma” so etwas wie die allererste ganz große Liebe. Verbunden mit all der Sehnsucht und den Freuden, die das auslöst. “Johann konnte weder lesen noch schlafen. Er schlich vor in den Abort, öffnete das zum Glück große Fenster und beugte sich hinaus und sah hinab auf die drei Wohnwagen, in denen noch Licht brannte.” Und den Schmerz: “Ja, sagte Anita, wir fahren heute noch. Bei dem Wetter ist es am besten, man ist im Wagen und fährt… Darauf mußte er sich einstellen. Gewappnet sein. Gewappnet gegen den Anblick des Obstgartens…ohne Manege und Zirkuswagen.”

Was da zwischen dem neugierigen Jungen und den Mädchen geschah, war nach gängigen Regeln in die kirchliche Kategorie der Sünde einzuordnen. “Er dachte an die Haare in Anitas Achselhöhlen. Mußte man Haare in Achselhöhlen beichten?” Das kindliche Seelenheil ist ständig von kleinen und größeren Sünden bedroht. Doch von der Sünde erlöst die katholische Ohrenbeichte – das ist peinlich und zugleich praktisch; es erleichtert das junge Gewissen. Beichte und sonntäglicher Besuch der heiligen Messe in der Kirche St. Georg waren unumstößliche Rituale für alle Wasserburger Kinder aus katholischen Elternhäusern.

Der zweite Teil mit Wasserburger Walser-Impressionen folgt in acht bis zehn Tagen. Hier auf con = libri.

Übrigens: Wer mehr über die Seelen des “Fidelisbäck” zu Wangen wissen möchte, kann hier nachsehen:
Fidelisbäck
Oder fährt am besten gleich in das sehenswerte Allgäustädtchen, um dort in der holzgetäfelten Gaststube der traditionsreichen Bäckerei einzukehren. Zu einer heißen Seele oder einer Portion Leberkäs’ mit Laugenhörnchen und einem kühl-trüben Zwickelbier.


Sudeleien: März 2012

13. März 2012

Unterwegs in Gerbersau

(Um es gleich zu sagen: Diese Sudeleien sind für einen Blog-Beitrag etwas zu lang geraten. Wer also meint, das sei ihm zu viel, er habe eh‘ keine Zeit oder dem Text fehle sowieso jegliche praktische Relevanz, und was der Leseverweigerungs-Begründungen mehr sind, der möge am besten gar nicht erst mit der Lektüre beginnen.)

Beim Ziellosvormichhinschlendern durch einen nieseligen Tag und durch Gässchen und Durchlässe, über Brücken und Stege unserer heimelig winkligen Dreiflüssestadt, musste ich an die Frage des Users “Minhthang” denken, die ich neulich in der Wissens-Community “COSMiQ” gelesen hatte: “Kann mir jemand sagen, wo Gerbersau in Deutschland liegt?” Mir persönlich geht es, ganz gleich wo ich gerade bin, häufig so, dass ich das Gefühl habe, zwar nicht als Teilnehmer dabei, aber irgendwie dennoch mittendrin zu stecken – in Gerbersau.

Am 9. August 2012 jährt sich der Todestag des Dichters und Literatur-Nobelpreisträgers Hermann Hesse (1877 – 1962) zum 50. Mal. Aus diesem Anlass plant nicht nur die Hesse-Geburtsstadt Calw zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen. Damit an dieser Stelle nicht schon Leser abhanden kommen, findet man den Link dorthin erst am Ende des Artikels. In den nächsten Wochen werde ich außerdem noch einmal auf diesen für Literaturfreunde bedeutenden Anlass zurückkommen.

Gerbersauer Idylle

Hesses Verhältnis zu seiner Heimatstadt war in Kindheit und Jugend voller Spannungen, der meist gemütlich genügsame Gerbersauer Geist für den phantasievoll reichbegabten Knaben nicht leicht zu ertragen, die Schulzeit über weite Strecken die reine Qual. Im “kleinen Schwarzwaldnest” war “nie ein Mensch ausgegangen, der einen Blick und eine Wirkung über das Engste hinaus gehabt hätte.” Zwar verklärte sich manches im Lauf der Jahre und Hesse selbst hat die Erinnerung an das Städtchen in seinen Werken immer wieder romantisch verpackt, dennoch war er sich darüber im Klaren, dass dort für ihn kein dauerhaft erträgliches Leben möglich gewesen wäre: “… obwohl Calw für mich nicht halb so schön wäre, wenn ich öfter als alle drei, vier Jahre hinkäme”, hat er 1915 an seine Schwester Adele geschrieben.

Auch das städtische Gemeinwesen wurde und wird nicht nur von vorbehaltlosen Bewundereren des in aller Welt geschätzten Dichters bewohnt. Desinteresse und skeptische Ablehnung waren über Generationen hinweg fester Bestandteile der Einschätzung. In dem Artikel “Hermann Hesses Gerbersau”, der 1930 in der Vossischen Zeitung, Berlin erschien, kam Hans Popp zu dem Fazit: “Die Calwer selbst lieben ihn nicht, sie begreifen ihn nicht; ohne Verständnis für seine große Liebe, die er zu ihnen im Herzen trägt, ohne Verständnis für seine große Seele stehen sie ihm gegenüber, unverstanden steht Hesse unter ihnen, er, der als erster verdienen würde, ihr größter Freund zu sein.” Da sich daran bis heute nicht so grundlegend etwas geändert hat, sind wohl die Bemühungen zum diesjährigen Jubiläumsjahr weniger der literarischen oder persönlichen Bedeutung Hesses, als vielmehr einem kommerziell touristischen Hintergrund geschuldet. Das muss das eine oder andere Ereignis und Angebot der kommenden Wochen und Monate aber keineswegs uninteressanter machen.

Der Trommler und Sprach-Wirbler Udo Lindenberg sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf die Frage, ob er Hesse gelesen habe: “Das hat mich gepackt. Wie kann einer über mich schreiben, der mich nicht kennt? Hab’ ich gedacht. Die kleine Stadt, die bürgerliche Enge, der Stress in der Schule, die Suche nach Coolness, der Ausbruch.” Zur Erinnerung: Lindenberg stammt aus einem Gerbersau namens Gronau.

Vor einigen Jahren hat er, inspiriert von Leben und Werk Hermann Hesses, die Udo-Lindenberg-Stiftung gegründet. Diese “fördert junge Texter und Musiker durch Wettbewerbe, um neue Wege gegen das Mitmarschieren in der Masse zu suchen, provokant zu schreiben und sich nicht anzupassen an Mainstream und Casting-Wettbewerbe. Sie will nationale und internationale kulturpolitische Aktivitäten unterstützen, sowie durch die Förderung humanitärer und sozialer Projekte weltweit den Schwächeren zur Seite stehen.”

Gerbersau-on-Wye

“In manchen Augenblicken war Altes und Neues, war Schmerz und Lust, Furcht und Freude ganz wunderlich durcheinander gemischt. Bald war ich im Himmel, bald in der Hölle, meistens in beiden zugleich.” 

Es gab Zeiten, da wollte ich ganz gerne wie Harry Haller sein. Allein mit mir, der Musik Mozarts, dem nie leer werdenden Glas Rotwein, zu nichts und niemandem verpflichtet, als Verrückter da und dort freien Eintritt genießend; hin und wieder würde mich genau so das eine oder andere Gerbersauer Mädel unheimlich cool finden und nicht nur zum Tanze bitten; ich würde Traktate schreiben und sie anschließend in den Wind werfen; meine Kammer wäre kahl und damit mein Leben ohne belastenden Unrat; so lebte ich für und für, Tag um Tag, Jahr um Jahr, für meine Gleichzeitigen längst zur Legende geworden. – Im realen Leben hingegen war ich lediglich bemüht kein Serenus Zeitblom zu werden.

Bis zum hier angesprochenen Jubiläum, dem Todestag Hermann Hesses im August, ist es noch einige Zeit hin. Ein anderer bemerkenswerter Jahrestag liegt hingegen bereits unmittelbar vor uns. Am 24. März wird Martin Walser 85 Jahre alt. Ist es wirklich schon wieder fünf Jahre her, dass er direkt vor mir über einen Leipziger Zebrastreifen ging? Begleitet von Kameramann und Pressefrau. Am Abend hat er gelesen. Vor vielen Menschen, die ihm kräftig applaudierten und ihn hochleben ließen. Damals konnte man nicht ahnen – und entsprechende Prognosen wären gewagt gewesen – dass Walser kurz vor seinem 85. Geburtstag wieder zur Frühjahrs-Buchmesse kommen würde.

Gerbersau am See

Martin Walser lebt seit Jahrzehnten in Gerbersau am Bodensee. Einmal – vor einigen Jahren – wollten die Menschen in diesem Landstrich dem Dichter und Zeitgenossen ein Denkmal spendieren. Ein fleißiger, vielerorts vertretener Künstler, bekannt für seine ebenso plastischen wie leicht hinterfotzigen Arbeiten, führte von den Honoratioren abgenickte Entwürfe gekonnt und an zentraler Stelle aus. Der Mensch und Schriftsteller Walser war nicht angetan, hingegen gewillt, den Bildhauer und seine Intentionen gründlich misszuverstehen. Das war eigentlich nicht schön und direkt so kleingeistig, wie es den ganzen Gerbersauern im Ländle des Schriftstellers gern unterstellt wird.

Dabei hätten Walser Kunstsinn und etwas Toleranz ganz gut gestanden, schließlich war er selbst schon öfters Opfer gravierender Missverständnisse. Wie damals in der Paulskirche von Gerbersau am Main. Oder erst kürzlich mit seinen Glaubensthemen-Büchern „Mein Jenseits“ und „Muttersohn“, als man ihn prompt in die religiöse Erweckungs-Schublade stecken wollte. – (Zu beiden Titeln sind auf = conlibri = seinerzeit Rezensionen erschienen; diese sind jetzt noch einmal auf der Seite „da capo“ zu finden.) – Nein, zum tief Gläubigen, zum kritiklos Glaubenden, zum Hoffenden auf das Jenseits ist er nicht geworden. Er macht uns nur klar, dass uns ohne Glauben Vieles fehlen würde. Wozu die zahlreichen, gedankenlos selbstverständlichen, meist vom ursprünglich religiösen Ursprung gelösten, künstlerischen, alltags-kulturellen und musikalischen Glaubenszeugnisse gehören. Und nicht zu vergessen – Walser betont das unermüdlich -, schließlich sei auch die Liebe reine Glaubenssache.

Leipzig-Gerbersau

Ab Donnerstag ist wieder Buchmesse in Leipzig. Martin Walser wird dort sein. Er wird u. a. seinen Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ vorstellen, in dem er die Verarmung beklagt, die wir durch das Fehlen eines Bedürfnisses nach Rechtfertigung erfahren. Seine Zeugen dafür sind Kafka und Augustinus, Luther, Calvin und Max Weber, Nietzsche und Karl Barth. Außerdem kommt unter dem Titel „Meine Lebensreisen“ noch eine schmale, überteuerte Resteverwertung auf den Markt. Ein bisschen viel hat er ja schon drauflosgeschrieben in den letzten fünf Jahren und seine Verlage ein klein wenig zuviel drauflosveröffentlicht.

Auch ich werde wieder an der Weißen Elster, in den Messehallen und bei einigen der vielen Veranstaltungen an kontrastreichen Örtlichkeiten der spannenden Stadt unterwegs sein. Und irgendwann danach für = conlibri = ein paar Zeilen darüber schreiben. Über meine Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen und Büchern in Leipzig, rund um die Buchmesse und das große Lesefest “Leipzig liest”.

Zum Hesse-Jahr findet man hier Infos die weiterhelfen: Gerbersau/Calw/Hesse/Juliäum

Das Verhältnis Hesses zu Calw wird in diesem ergiebigen Buch gründlich aufgearbeitet:

Schnierle-Lutz, Herbert: Hermann Hesse und seine Heimatstadt Calw. Chronologie eines wechselvollen Verhältnisses. – Calw : Stadtarchiv, 2011. Euro 15

Endlich gibt es auch wieder eine aktuelle Biographie:

Schwilk, Heimo: Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers. – München : Piper, 2012. Euro 22,99

Das Neueste von Martin Walser:

Walser, Martin: Über Rechtfertigung, eine Versuchung: Zeugen und Zeugnisse. – Reinbek : Rowohlt, 2012. Euro 14,95

Walser, Martin: Meine Lebensreisen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Thomas Schmid. – Hamburg : Corso, 2012. Euro 24,90


Wer glauben will muss lesen: „Muttersohn“ von Martin Walser

17. Juli 2011

Im Stuttgarter Literaturhaus las der Autor aus seinem neuen Roman

“Wenn Sie einen Roman schreiben, der in Schussenried spielt, müssen Sie den Handlungsort Scherblingen nennen”, sagte Martin Walser. Und versammelte zur Urlesung aus seinem neuesten Buch unter barockem Himmel, lichten Deckengemälden, zwischen Putten und Goldglanz, im Bibliothekssaal des ehemaligen Klosters, zahlreiches Publikum und seinen ganz privaten Kosmos um sich: Ehefrau und Mitschreiberin Käthe, die kreativen Töchter, Schwiegersöhne, allerhand Künstler und regionale Prominenz.

“Wenn Sie einen Roman schreiben, der in Stuttgart spielt, müssen sie den Handlungsort Philippsburg nennen”, lasse ich Martin Walser auch noch sagen. In Stuttgart fand der Oberschwabe vor dem Beginn seiner langen Schriftsteller-Laufbahn Anstellung beim Südfunk (heute SWR) und arbeitete neben anderen mit Alfred Andersch und Arno Schmidt zusammen. (Arno Schmidt setzt Walser übrigens in “Muttersohn” ein bemerkenswertes, leicht schräges, literarisches Denkmal.) “Philippsburg” heißt der erste Roman von Walser und dieser Ort ist unschwer als Stuttgart zu identifizieren. Am Abend des 14. Juli – letzten Donnerstag – las Martin Walser zum zweiten Mal aus seinem bisher letzten Buch. Im Literaturhaus der baden-württembergischen Landeshauptstadt.

“…es ist eine helle Freude … wie Martin Walser in fünf Kapiteln und mit ungezählten Stimmen vom Suchen und Finden des religiösen Glaubens als schöner Sprech- und Lebenspraxis erzählen lässt, wie er mystischen Tiefsinn mit erzählerischen Leichtsinn paart und sich gelegentlich im hymnischen Blödsinn erholt, wie er rituelle Einübungen in christliche Demut mit wilden Ausübungen von sprachlichem Übermut kreuzt …” (Hans-Jost Weyandt, Spiegel Online, 13.7.2011)

Den großen Saal des Stuttgarter Literaturhauses betritt er schwungvoll, zusammen mit Julia Schröder, der Redakteurin der Stuttgarter Zeitung, die ihn rund um die eigentliche Lesung befragen, sich mit ihm unterhalten wird. Er ist braungebrannt, offensichtlich bester Dinge, schmunzelt von Anfang an. Er hätte endlich einmal kein Buch über gesellschaftliche Fragen, wie den Unterschied zwischen CDU und SPD, schreiben wollen, erklärt er seiner Gesprächspartnerin. Glaubensätze seien von ihm ja nicht erwartet worden und nun wolle er einmal sehen, wie die Leute reagieren. Er lächelt Julia Schröder an. Verschmitzt. “Man darf nicht mehr der Realität dienen.” Außerdem sei ja “alles was möglich ist langweilig.” Uns interessiere doch die Anziehungskraft des Unerklärlichen. Der “Muttersohn”, möglicherweise eine Jungfrauengeburt. “Es gibt ja Vorbilder”, sagt Frau Schröder.

Walser verlässt den Holzstuhl, auf dem er Julia Schröder gegenüber saß und tritt ans Rednerpult, zieht das Mikrophon zu sich heran, verbittet sich weiteres Photographieren. Die Lichtkegel der Scheinwerfer sind auf eine Fläche direkt neben Walser gerichtet. Von draußen fällt letztes Sonnenlicht herein; der Raum ist noch vom späten Tag erhellt. Ich vermisse das Glas Rotwein, dass so oft vor ihm stand, wenn er las. “Ich lese quer durch dieses Buch, um den Percy vorstellbar zu machen.”

Percy. Percy Anton Schlugen, Muttersohn und Hauptfigur. Percy fällt durch Leibesfülle auf, widerspricht den gängigen Lebensentwürfen. “Ich bin ein Echo, und weis nicht von was.” Percy predigt gerne und erlebt dabei “Pfingstaugenblicke”. Seine Lebensstimmung ist von “Glaubensübermut” geprägt. Wenn Percy glücklich ist, denkt er an seine Mutter. Als er eine Frau kennenlernt und bereit ist, sich ihr auszuliefern, besteht diese Sandra auf brieflichen Fernkontakt. Sie kann es sich nicht erlauben, verlassen zu werden. Percy ist in der Kirchenmusik zu Hause. Percy ist Krankenpfleger im psychiatrischen Landeskrankenhaus Scherblingen. Er liebt die lateinische Sprache. Furcht und Ungeduld sind Percy fremd.

Die kräftig kehlige Walserstimme mit allemannischen Akzent. Das rollende R. Das Buch enthält Szenen absurder Situationskomik. Das Publikum, viele der Anwesenden sind in Walsers Alter, darüber oder wenig darunter, fühlt sich prächtig unterhalten.

“An ‘Muttersohn’ beeindruckt die Rücksichtslosigkeit, mit der Walser seinen Ausdrucksnotwendigkeiten nachgeht… Er sprengt die Form, weitet sie bei Bedarf zum Drama. Er verlangt seinen Lesern alles ab: ‘Muttersohn’ ist keine lauwarme Konfektionsware, sondern ein abgründiges, kraftvolles, struppiges Lebens-, Liebes- und Glaubensbuch.” (Jörg Magenau, Literaturen, 102.2011)

Feinlein. Professor Dr. Dr. Augustin Feinlein war Chefarzt am psychiatrischen Landeskrankenhaus Scherblingen, dass der barocken Klosteranlage Schussenried zum Verwechseln ähnelt, bis er von Dr. Bruderhofer nicht ganz schmerzfrei abgelöst wurde. Feinlein ist väterlicher Freund und Förderer Percys; er war sein Lehrer an der Krankenpflegeschule. Nebenbei unterrichtete er den Schützling privat in Latein und Orgelspielen. Feinlein selbst liebt die Musik und Latein. Er erforscht den Reliquienglauben, der in oberschwäbischen Landen sehr verbreitet ist. Doch Feinleins eigener Glauben besteht hauptsächlich darin, dass er glaubt, eine Frau liebe ihn noch immer, die ihn schon vor Jahren verlassen hat. Feinlein kann von seinem Glauben nicht lassen.

Martin Walser litt ja immer etwas an Lobmangel. An diesem Abend holt er sich Aufmerksamkeit und Zuwendung im Übermaß. Der Saal ist proppenvoll. Gesammelte Stille und konzentrierte Hinwendung.

“Es ist, als habe jemand eine Tür aufgestoßen und lasse Licht und Luft hinein in diese oftmals dunkle, schwere Walser-Welt. Walsers Jesus- Rausch bringt in diesen 500-Seiten-Roman Tempo, Farbigkeit und Licht. Und am Ende … einen gelösten Abschiedston von einem Autor, der aber mit Sicherheit noch sechs, sieben Romane schreiben wird.” (Volker Weidermann, FAS, 3. Juli 2011)

Martin Walser wurde am 24. März diesen Jahres 84 Jahre alt.

Fini. Josefine Schlugen, die Mutter Percys. Fini lebt dem Leben zuliebe und forscht nach blauem Blut unter ihren Vorfahren. Sie war in jungen Jahren Percy Sledge Fan. Daher der Vorname des Sohnes. Der kann mit Musik dieser Art allerdings nichts anfangen. Fini hat dem Sohn immer wieder erzählt, dass für seine Zeugung kein Mann notwendig war. “Kein Mensch außer mir muss das glauben”, sagt der Sohn dazu. Fini liebte einst einen Mann, den sie nicht erobern konnte, der sie nicht erhörte; einen Mann, der Jahre später Percy als Patient begegnen wird.

Bild: A. Savin

Anknüpfend an Thomas Manns “Segenszutraulichkeit” geht es Walser um “Glaubensfähigkeit”, die in seiner Heimatregion, dem Bodensee-Hinterland, heute noch stark verbreitet ist. Walser erläutert aber in diesem Zusammenhang immer wieder, dass ein naiver Gottes-Glaube intellektuell nicht möglich ist. “Je nötiger Gott wäre, umso deutlicher wird jetzt, dass er aus nichts bestehe als aus Sprache. Statt etwas haben wir Wörter.“ So hat es Walser in seinem Essay “Sprache, sonst nichts” ausgedrückt.

Einleuchtend sind ihm hingegen die Ausdrucksformen von Glauben. Die Geschichte des Weihnachtsevangeliums als reine Literatur. Musik von Bach, Mozart und Schubert, die künstlerischen Zeugnisse in Kirchen und Klöstern, an süddeutschen Wegrändern. Uns begegnen ständig Ergebnisse realer “Glaubensbewegung”. Deshalb gibt es wohl einen Auslöser für Schöpfungsprozesse hinter der von uns wahrgenommenen Dinglichkeit.

“… Walser macht … zum Gegenstand des Erzählens, was andere Schriftsteller vielleicht als ihr Material bezeichnen würden, die Sprache. Er bedient sich dabei des christlichen, genauer, des katholischen Mythos, und er treibt auf die Spitze, was bei vielen wesentlich jüngeren Autoren in den letzten Jahren untergründig wirksam wird: die Reanimation vielleicht nicht des religiösen Sprechens, aber jedenfalls des Sprechens von der Transzendenz.” (Julia Schröder, Stuttgarter Zeitung, 9.7.2011)

Martin Walser beendet seine Stuttgarter Lesung aus “Muttersohn” mit einer Predigt Percys am Weihnachtstag. Percy predigt über den Satz “Lass mich nicht allein.” In der Geschichte setzt Schneefall ein. Die Anziehungskraft von Gegenpolen: Sprache und Ironie, Dichtung und Wahrheit. Walser auf der Höhe seiner Erzählkunst. Wortwirbel und Formulierungszauberei. Ergriffenheit im Saal. Draußen geht ein sonniger Sommertag in Dämmerung und schließlich Dunkelheit über. Der Schneefall im Buch wird stärker. Percys Predigt ist zu Ende.

Walser schließt das Buch.

Martin Walser hat sein Buch für den Rundfunk eingelesen. In der Reihe „Fortsetzung folgt“, sendet SWR 2 ab 19. Juli um 14.30 Uhr. Die Sendungen werden auch von anderen Hörfunkprogrammen übernommen.

Bereits im letzten Jahr erschien Kapitel III von „Muttersohn“ unter dem Titel „Mein Jenseits“ als selbstständige Veröffentlichung.  Martin Walser wollte damit Gottfried Honnefelder und dessen Verlag Berlin University Press, dem er das Buch überlies, unterstützen.

Walser, Martin: Muttersohn. – Rowohlt, 2011. Euro 24,95


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