„Ulm eine alte, häßliche und schmutzige Stadt …“

Im Oktober 1856 reiste Theodor Fontane von München über Ulm und Stuttgart nach Paris.

In drei Tagen von München über Ulm, Stuttgart und Heidelberg nach Paris. Seit einigen Jahren war das möglich. Deutschland verfügte nun für die wichtigsten Verbindungen über ein nahezu lückenloses Eisenbahnnetz. Schwarzeiserne Lokomotiven dampften durch Landschaften, Städte und Dörfer mit nie gekannter, für manche beängstigender Geschwindigkeit. Neue logistische  Möglichkeiten taten sich auf. Waren- und Personentransport gewann an Tempo und Bedeutung. Die Industrialisierung schritt flott voran im deutschen Staatenbund. 

Die neuen Reisemöglichkeiten kamen dem Journalisten und preußischen Diplomaten Theodor Fontane (1819 – 1898) sehr entgegen. Die Strecke Augsburg – München war bereits 1840 eröffnet worden. Zwischen Ulm und Neu-Ulm wurde die Donau ab 1854 mit einem modernen Brückenbau überquert. Von Ulm nach Augsburg und weiter nach München konnte man nun durchfahren. Eine Verbindung von Ulm nach Stuttgart bestand seit 1850. In der Münsterstadt wechselten die Reisenden von der bayerischen auf die württembergische Eisenbahn.

Vorstellungen des Wirtschaftsreformers Friedrich List. Das von ihm 1833 entworfene Eisenbahnnetz für Deutschland war 1856 zu großen Teilen bereits realisiert.

Ab dem 30. August 1856 verbrachte Theodor Fontane einen längeren Urlaub, heute würde man sagen eine Auszeit, bei Frau und Kindern in Berlin. Seit 1855 war er als Herausgeber der Deutsch-Englischen Korrespondenz in London tätig und berichtete für das Literatur-Blatt des deutschen Kunstblatts über das Londoner Theatergeschehen. Allerdings wurde die Korrespondenz bereits nach einem Jahr wieder eingestellt. Fontane blieb als Presse-Agent der Preußischen Gesandtschaft (Botschaft) an der Themse. Mit seiner beruflichen Situation war er nicht rundum zufrieden; gerne hätte er mehr Zeit für schriftstellerische Tätigkeit gehabt, doch davon konnte die wachsende Familie nicht leben.

1856 war Theodor Fontane also noch längst nicht der Verfasser später berühmter Romane wie Effie Briest oder Der Stechlin. Auch seine legendären, aus mehreren Bänden bestehenden Wanderungen durch die Mark Brandenburg, jene einzigartigen regional- und kulturgeschichtlichen Abhandlungen, waren noch nicht erschienen. Allerdings kam ihm die Idee zum am Ende fünfbändigen Mammutwerk während einer Reise durch Schottland, die er von London aus unternommen hatte. Der erste Band Die Grafschaft Ruppin wurde 1862 fertig. Apropos Wanderungen: Nur einen kleineren Teil der geschilderten Strecken legte der Chronist zu Fuß zurück, meist bevorzugte er Pferde und Kutschen. Öffentlich debütiert hatte der Dichter Fontane 1841, als sein Gedicht Mönch und Ritter in einem Leipziger Wochenblatt mit dem Titel Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. Neue Folge gedruckt wurde. Sein erster Roman, der den Titel Vor dem Sturm trägt und noch nicht ganz das Niveau der folgenden Werke erreichte, erschien erst 1878.

Seine Auszeit ging zu Ende und es wurde Zeit, sich auf den Rückweg nach London zu machen. Abreise in Berlin am Abend des 4. Oktober. Gegen Mitternacht erreichte er Leipzig, wo er bereits von Ludwig Eduard Metzel (1815 – 1895) erwartet wurde. Metzel war als preußischer Beamter Leiter der Centralstelle für Preßangelegenheiten und in dieser Funktion Fontanes Vorgesetzter. Ein einfühlsamer, kollegialer Mensch, der viel Verständnis für Fontanes künstlerisch-kreative Ader hatte, berichten Zeitgenossen. Die beiden reisten die nächsten Tage gemeinsam.

Theodor Fontane um 1860.

Fünf Uhr am nächsten Morgen ging es weiter. Zunächst bis Bamberg. Es blieb Zeit für einen kleinen Stadtrundgang und, wie an vielen Tagen, einen Brief Fontanes an die Gattin Emilie, die hochschwanger in Berlin geblieben war. Am Vormittag des 6. Oktober kamen die Reisenden bis Nürnberg. Wieder der kurze Rundgang durch die Innenstadt, von dessen Eindrücken in einem Brief an die Ehefrau zu lesen ist. Nürnberg, das vielberühmte, ist interessant aber durchaus nicht schön. Es ist eine Koofmannstadt und zwar eine blos spießbürgerliche. Es ging schnell mit Einschätzungen und Urteilen bei Fontane.

Am Abend desselben Tages kamen sie in München an und logierten im Bayerischen Hof, den es seit 1840 gab, deutlich kleiner als das heutige Luxushaus. Die Residenzstadt München zählte zu dieser Zeit etwa 140.000 Einwohner, Untertanen des Königs Maximilian II. Joseph von Bayern, dem Vater des späteren Wagner-Verehrers und manischen Schlösse-Erbauers Ludwig II.

Man ließ sich kutschieren in München. Metzel hatte sich bei einer Hühneraugen-Behandlung in den Fuß geschnitten, so dass Märsche mit selbigem kontraindiziert waren. Man fuhr zur Theresienwiese und der Bavaria, zur Einkehr ins Hofbräuhaus und abends ins Theater. Am nächsten Vormittag, inzwischen der 8. Oktober, besuchte Fontane den damals sehr populären Dichter Emanuel Geibel. Der Poet stammte aus Lübeck und wird knapp 50 Jahre später von Thomas Mann in seinen Buddenbrooks in Gestalt des Jean-Jacques Hoffstede liebevoll auf die Schippe genommen. An diesem Abend gab man im Nationaltheater Shakespeares Sturm.

Die Mahlzeiten und ihre Speisefolgen waren für Fontane wichtige Themen, im Werk wie im privaten Alltag. Ich habe eine hohe Vorstellung von der Heiligkeit der Mahlzeiten, gleich nach dem schlafenden kommt der essende Mensch. Zu den in der Regel mehrgängigen Mahlzeiten, vorzugsweise in angenehmer Gesellschaft, schätzte er das gepflegte Gespräch, den kultivierten Meinungsaustausch. Die Protagonisten seiner Romane werden es ihm nachtun, und nicht selten schreitet mit Hilfe dieser Unterhaltungen bei Tisch, die Handlung zügig voran.

In München und Umgebung kam er auf seine Kosten. Wie am Donnerstag, dem 9. Oktober 1856, bei einem Ausflug an den Starnberger See. In Seeshaupt wurden Brenken serviert, steht im Tagebuch. Es gibt keine Hinweise auf einen Speisefisch diesen Namens, vermutlich waren die Renken gemeint, ein bis heute sehr beliebter schmackhafter Fisch in oberbayerischen Seen. Vor dem abendlichen Theaterbesuch, diesmal stand eine Posse von Nestroy auf dem Programm, Einkehr im Gasthaus Sternecker-Bräu. 

Im Mittelpunkt des 10. Oktober, die Besichtigung der Pinakotheken. Und auch an diesem Tag kamen Speis‘ und Trank nicht zu kurz. Vormittags im Café Tambosi, bei einer Rast im Hofbräuhaus und schließlich im Gasthaus Ober-Pollinger. Es war Fontanes erster Aufenthalt in München. Noch dreimal wird er im weiteren Leben in die bayerische Hauptstadt reisen. Die diesmal auf München folgende Station besuchte er hingegen zum ersten und letzten Mal. Wieder um fünf Uhr in der Frühe ging der Zug nach Ulm. 

Das Ulmer Münster wie Theodor Fontane es gesehen hat.

Nun war es Samstag. Kaum in der württembergischen Donaustadt angekommen, hatte er schon ein Urteil parat. Im Reisetagebuch liest sich das so: Ulm eine häßliche und schmutzige Stadt, aber sehr belebt und überreich an Buchhandlungen und Kuchenläden. Die Menschen (wie überhaupt die Schwaben, im Gegensatz zu den schönen Pfälzern) auffallend häßlich. Das waren schon sehr meinungsstarke Formulierungen des Weitgereisten. Doch konnte er der alten Reichsstadt durchaus gefälligere Eindrücke abgewinnen. Grandios der Dom, wurde gegönnert.

Es ging sogar genauer. Im inzwischen allgemein als Ulmer Münster bekannten Bauwerk beeindruckten Fontane das Chorgestühl von Jörg Syrlin und in einer der Seitenkapellen das Gemälde von Martin Schaffner aus dem Jahr 1516. Es zeigt den Ulmer Patrizier Eitel Besserer, nach dem diese Kapelle benannt ist und befindet sich heute im Ulmer Stadtmuseum. Als Fontane das Münster besuchte, hatte es noch nicht seine heutige Höhe von 161 Metern erreicht, der Hauptturm wurde erst 1910 vollendet. Zeit nahmen sich die Reisenden für ein ausgedehntes Frühstück im Café Döbele. Nicht fehlen durfte dabei der frische Käsberger, ein Weißwein aus Mundelsheim.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs. August Döbele war um 1850 aus Waldsee nach Ulm gekommen und führte zunächst die Berufsbezeichnung Kellner, aus dem bereits 1853, als er sich um das Ulmer Bürgerrecht bewarb, ein Cafetiér geworden war. Dieser August Döbele begegnet uns dann im Jahr 1869 erneut, als er eine Klageschrift gegen eine Albertine von Schad einreichte. Inzwischen firmierte er als Weinhändler. Die Schads gehörten zu den angesehenen Patrizierfamilien (Stadtadel) Ulms, sie stammte aus Oberschwaben und besaß südlich der Stadt Wälder und Ländereien. 

Erwin Carlé, 1876 in Karlsruhe geboren, war ein Schriftsteller, der unter dem Künstlernamen Erwin Rosen Erzählungen und Erinnerungen veröffentlichte, darunter den autobiographischen Band Allen Gewalten zum trotz, worin er in einer kurzen Passage von seiner Zeit in Ulm erzählt. Die Mutter Rosens war eine gebürtige Döbele. Über deren Vater schrieb der Enkel: Dicht am Münsterplatz lag das Haus, das einmal meinem Großvater gehört hatte; dem Großvater Döbele. Der war ein großer Herr gewesen und hatte im Württembergischen Weinberge gehabt und Jagden.

Ob es dieser Großvater war, bei dem Metzel und Fontane einkehrten? Oder dessen Vater? Ob das schwäbische Frühstück im Café Döbele mit dem Schritt halten konnte, was die Herren in England kennen und genießen gelernt hatten? Nach abgehaltener Morgenandacht versammelt sich alles beim Frühstück: Kaffee und Tee, Hammelbraten und Eier, Speckschnitte und geröstetes Weißbrot machen die Runde am Tisch, und unter Essen und Trinken, Sprechen und Lachen vergeht eine volle Frühstücksstunde

Es ging weiter nach Stuttgart. Die Fahrt durchs Neckartal fand Fontane reizend. Eine Gegend, die in der Gegenwart stark von Industrie- und Handelsansiedlungen geprägt, deren Höhepunkt bei Ober- und Untertürkheim mit den ausgedehnten Daimler-Werken erreicht wird. Doch gerade dort sind nach wie vor im Osten der Stuttgarter Vororte die typisch württembergischen Steillagen zu sehen, deren herbstliches Farbenspiel einen wunderbaren Kontrast zu den Fabriken, Werken und Warenlagern auf der anderen Seite des Zuges bildet. Am Abend im Hotel St. Petersburg kamen sie auf den Tisch der Herren – die süffigen Württemberger, der Türkheimer und der Neuperger – gute Neckarweine. Dazu Rothfisch aus der Donau und Felchen vom Bodensee.

Einen Tag später, inzwischen Sonntag der 12. Oktober, ritten Fontane und Metzel auf Eseln vom Neckartal zum Heidelberger Schloss hinauf und kamen sich dabei vor wie Don Quixote und Sancho Pansa. Für welche Figur er wen hielt, verrät uns Fontane nicht. Besichtigung der viel besuchten Ruine. Entzückt von dem Zauberblick des in der Mitte (der Länge nach) durchgebrochenen Thurms. Nun stand hier ein Schriftsteller, der später als wichtigster deutscher Vertreter des realistischen Romans in die Literaturgeschichte eingehen sollte, vor einem der bedeutendsten Symbole der Romantik. Es folgte die übliche Einkehr. Doch wie es so vorkommt an hoch frequentierten Sehenswürdigkeiten: Schlechte Restauration an Ort und Stelle. Zurück in der Ebene ging es weiter nach Mannheim. Zeit für den Abschied von Direkt. (Direktor, J. H.) Metzel. 

Fontane verbrachte die Nacht im Europäischen Hof, bevor es morgens mit dem Schiff (einer Fähre?) über den Rhein ging und schließlich weiter nach Paris. Von Ludwigshafen aus dauerte die Fahrt knapp 16 Stunden. Für Reisende im Jahr 1856 eine staunenswert kurze Zeit. Heute legt der TGV die Strecke in gut drei Stunden zurück. Fontane genoss die Stadt. Spazierte durch die Tuilerien, über die Champs Éllysées, besuchte den Louvre. Die Tage in der französischen Metropole vergingen viel zu schnell. Bald hieß es wieder zurück an die wenig geliebte Arbeit. Am 22. und 23. Oktober nach Calais und mit dem Schiff nach Dover. Schöne Ueberfahrt, niemand seekrank. Um 8 in London.

1858 wird Fontane seine Stellung in London kündigen und nach Berlin zurückkehren.

Nürnberger, Helmuth; Storch, Dietmar: Fontane-Lexikon. Namen – Stoffe – Zeitgeschichte. – München, 2007

Hädecke, Wolfgang: Theodor Fontane. Biographie. – München, 1998

Fontane, Theodor: Tage- und Reisetagebücher. Bd. 1: 1852, 1855 – 1858 / hrsg. von Charlotte Jolles. – Berlin, 1995 (Große Brandenburger Ausgabe, Abt. 11)

Rosen, Erwin: Allen Gewalten zum Trotz. Lebenskämpfe, Niederlagen, Arbeitssiege eines deutschen Schreibersmannes. – Stuttgart, 1922

Hölscher, Horst: Fontane und München. – Karwe bei Neuruppin, 2016

Berg-Ehlers, Luise; Erler, Gotthard (Hrsg.): Ich bin nicht für halbe Portionen. Essen und Trinken bei Fontane. 2. Aufl. – Berlin, 2019

Warum das Eierhäuschen kein Adler ist.

„… der rote Bau da, der zwischen den Pappelweiden mit Turm und Erker sichtbar wird, das ist das Eierhäuschen.“ (Theodor Fontane: Der Stechlin)

Vor einiger Zeit habe ich über das unklare Schicksal des Gasthofs „Adler“ im oberschwäbischen Isny-Großholzleute berichtet. Eine Lokalität in der einst die Gruppe 47 tagte und Günter Grass erstmals aus der Blechtrommel las. Das Haus ist inzwischen seit mehreren Jahren ungenutzt und dem langsam zunehmenden Zerfall ausgesetzt. Besser ergeht es da einem anderen interessanten Gebäude von einiger literaturhistorischer Bedeutung.

Dabei hat dieses preußische Original einen eher kurzen Auftritt in Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“. Darin unternimmt eine muntere Gruppe rund um den jungen Offizier Woldemar von Stechlin einen heiter animierten Halbtagesausflug („Abfahrt vier Uhr, Jannowitzerbrücke“) zu einer Einkehr namens „Eierhäuschen“. Mit einem Flussdampfer geht es in das südöstlich von Berlins heutiger Mitte, damals noch außerhalb der Stadt gelegene Treptow.

Die aus Berliner Städtern, brandenburgischem Landadel, zu gleichen Teilen aus Männern und Frauen bestehende Gesellschaft kommt an, verlässt das Schiff, macht einen kleinen Spaziergang, kehrt in dem beliebten Ausflugslokal ein, stärkt sich mit „Wiener Würstl“ und „Löwenbräu“. Nach Einbruch der Dunkelheit geht es mit dem Schiff wieder zurück, unterwegs kommt man in den Genuss eines brillanten abendlichen Feuerwerks.

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Das Eierhäuschen auf einer alten Postkarte zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Wie immer bei Fontane bilden sich wechselnde Paare und personelle Konstellationen, es wird lebhaft Konversation gemacht, sehr andeutungsweise geflirtet, etwas preußische Politik verhandelt. Der Autor legt keinen Wert auf äußerliches Spektakel, begleitet vielmehr seine Figuren mit sanfter Ironie und hintergründigem Humor, der Leser nimmt etwas Zeitgeist mit und genießt den typischen Erzählstil dieses großen Meisters des realistischen Romans.

1837 wurde das Gasthaus als Kneipe für die Schiffer auf Spree, Dahme und Müggelsee eröffnet. Der Wirt verkaufte an der Anlegestelle als Nebenerwerb Eier, so entstand der originelle Name. Im 19. Jahrhundert brannte die Liegenschaft zweimal ab, bevor das Gebäude 1891 im heutigen Stil wieder aufgebaut wurde.

Selbst zu DDR Zeiten wurde es restauriert und einigermaßen in Stand gehalten. Das „Eierhäuschen“ wurde Teil des Volkseigenen Betriebes (VEB) „Kulturpark Plänterwald“. Nach der Wende ging es zunächst in Privatbesitz über und bereits 1991 mit dem zugehörigen Freizeitgelände in Insolvenz. Gelände und Gebäude wurden über 20 Jahre sich selbst und dem zerstörerischen Zahn der Zeit überlassen, bis im März 2014 der Berliner Senat das Grundstück für zwei Millionen Euro erwarb und damit auch in den Besitz des brachliegenden Vergnügungspark und des „Eierhäuschen“ kam.

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Das stark sanierungsbedürftige Anwesen im Jahr 2012

Die Erwähnung des Anwesens in einem Roman von Theodor Fontane wird wohl nicht der einzige Auslöser sein, dass voraussichtlich bereits in diesem Jahr mit der Sanierung begonnen werden kann. Sicher spielte die Möglichkeit eine attraktive Naherholungsmöglichkeit für die Berliner Bevölkerung zu schaffen eine wichtige Rolle. Dafür muss vermutlich ein zweistelliger Millionenbetrag aufgebracht werden. Die Finanzierung erfolgt über einen Investitionsfonds des Landes Berlin. „Naturbezogen und grün geprägt“ Gasthaus und Gelände „als bedeutenden Anziehungspunkt für Erholungssuchende“ zu reaktivieren, haben der Senat des Stadtstaates und der Bezirk Treptow-Köpenick als Ziel ausgegeben. Auch eine Anlegestelle soll es wieder geben, damit die Ausflügler wie zu Fontanes Zeiten mit Schiff von der Flussseite eintreffen können.

Verbunden damit ist die Hoffnung, dass, wie zu Fontanes Zeiten, zahlreiche Gäste kommen, um sich an den „dicht zusammengerückten Tischen niederzulassen, eine Laube von Baumkronen über sich,“ wie es im „Stechlin“ heißt. Doch bis den neu zu pflanzenden jungen Bäumen große Kronen gewachsen sind, wird einiges Wasser die Spree hinab fließen. Immerhin: Ist die Geldnot noch so groß, in Berlin tut sich offensichtlich immer wieder rechtzeitig ein Töpfchen oder gar ein Topf auf aus dem man schöpfen kann.

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Der Gasthof Adler in Isny-Großholzleute im Jahr 2014

Was dem chronisch klammen Berlin mit viel Finanzierungs-Kreativität zu gelingen scheint, ist im vergleichsweise pekuniär gut aufgestellten südöstlichen Baden-Württemberg bisher nicht möglich. Schwäbisch-skeptische Zurückhaltung beim Geldausgeben und seriöse Kämmerer der verantwortlichen Gebietskörperschaften haben eine ähnliche Vorgehensweise für den sehr viel älteren „Adler“ verhindert. Dessen Geschichte reicht immerhin bis zu den Bauernkriegen zurück. Die dringende Erhaltungs-Sanierung oder ein neues Nutzungskonzept sind derzeit nicht in Sicht. Verhandlungen der Stadt Isny, des Landkreises Ravensburg und des zuständigen Regierungsbezirks Tübingen mit potentiellen Investoren blieben ohne Ergebnis.

Ein Engagement der öffentlichen Hand wurde zunächst nicht ernsthaft erwogen. Doch darüber wird jetzt möglicherweise neu nachgedacht, wie in einem Bericht der „Schwäbischen Zeitung“ vom 23. Januar diesen Jahres zu erfahren war. Die Rede ist nun auch im Westallgäu von Fördertöpfen, etwa jenen des Denkmalschutzes. Dazu sollen zunächst einmal die genauen Investitionskosten ermittelt werden; man geht von einem „niedrigen einstelligen Millionenbetrag“ aus. Und einen weiteren Trumpf glauben die Verantwortlichen noch im Ärmel zu haben. Nämlich „zu gegebener Zeit auf Schriftsteller Grass zuzugehen, um mit ihm als Zugpferd weitere finanzielle Unterstützer zu finden.“ Interessanterweise sind wohl die Zeiten endgültig vorbei, in denen das gesellschaftliche Engagement des Literatur-Nobelpreisträgers weit weniger geschätzt wurde.

Leipziger Begegnungen 2012

Von Menschen und Büchern rund um die Stadt, ihre Buchmesse und “Leipzig liest” – Der zweite Teil

Werbeblock. Zugegeben, Werbung kann bis zum Brechreiz nerven. (“For you. Vor Ort.”) Sie kann niveau- und geschmacklos sein. Penetrant. An falscher Stelle und zur falschen Zeit. Sie kann echte Gerbersauer Miefigkeit verbreiten. Aber sie kann auch ganz anders. Werbung kann von weltläufiger Urbanität sein, intelligent (“Quadratisch. Praktisch. Gut.”), charmant, witzig, ästhetisch. Gute Werbung hat, was gute Literatur und gute Kunst auch haben: Geist, Geschmack, Ironiefähigkeit.

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Die im Volksmund als Löffelfamilie bekannte Leuchtreklame des VEB Feinkost Leipzig wurde 1973 am Firmensitz in der Karl-Liebknecht-Straße errichtet und 1993 zum Kulturdenkmal erklärt.

Im ersten Teil der “Leipziger Begegnungen 2012” hatte ich schon die Kampagne für die appetitlichen Wendl’schen Backwaren und ihre ideenreiche Wortspielerei angesprochen. Jetzt komme ich zu zwei positiv auffälligen Beispielen aus der Buchproduktion.

Das “Diogenes Magazin” Nr. 9, Frühjahr 2012. Mit Beiträgen über Bibliotherapie, Donna Leons intime Sicht auf Venedig, den Vieldenker und -schreiber Paulo Coelho und einer ausführlichen Würdigung des im letzten Jahr verstorbenen Verlegers Daniel Keel. Besonders spannend und anregend sind Gespräche und Interviews mit Autoren wie John Irving oder Lukas Hartmann. Es gibt natürlich ein Gewinnspiel und Anregungen zum literarischen Kochen. Selbstverständlich ist das in erster Linie Verkaufsförderung für Autoren und Bücher des Hauses Diogenes. Die man sich allerdings in der Form gerne gefallen lässt. Das Druckwerk fühlt und sieht sich an als hielte man eine wertvoll gemachte Literatur-Zeitschrift in Händen. Zahlreiche farbige und schwarzweiße Abbildungen, hervorragende typographische Gestaltung und über hundert Seiten auf erstklassigem Papier in bester Druckqualität machen dieses Magazin zu einem begehrten Sammelobjekt. Schön, dass das nächste bereits im Mai erscheinen wird.

Das Hesse-Jahr 2012, rund um den 50. Todestag des Dichters im August, begehen die Verlage Suhrkamp und Insel mit einem Jubiläumsprogamm. In einem aufwendigen Farbprospekt werden Bewährtes und Neuproduktionen präsentiert. Dazu gehören klassische Hesse-Titel wie “Der Steppenwolf”, “Siddhartha” oder “Das Glasperlenspiel”, die in neuer hochwertiger und dennoch preisgünstiger Flexcover-Ausstattung herauskommen ebenso wie zwei neue zehnbändige Kompilationen. Die eine enthält das erzählerische Werk (6137 Seiten für Euro 128), eine weitere die neu editierte Versammlung essayistischer Schriften (7127 Seiten für Euro 148). Interessant sind auch Themenbände, die von Hesse ausgewählte und zusammengestellte Werke von ihm geschätzter Autoren und Kulturkreise enthalten: “Morgenländische Erzählungen”, “Geschichten aus Japan” und anderes.

Spuren. Werbung für die Region Kurische Nehrung im allgemeinen und den heute litauischen Ort Nidden macht Frido Mann, der Enkel des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann. Dafür hat er im Auftrag des Mare-Verlages ein wunderschönes, vielschichtiges Buch geschrieben. Thomas Mann und seine Famlie kommen darin am Rande vor, denn in den frühen 1930er Jahren verbrachten sie drei Sommer-Urlaube in diesem am Meer gelegenen, ehemaligen “Worpswede des Ostens”, wie es genannt wurde, weil sich dort einst zahlreiche Maler niedergelassen hatten. Die Einheimischen nannten das Ferienhaus der Manns “Onkel Toms Hütte”. Darin ist inzwischen eine internationale Begegnungsstätte untergebracht, die ein reges Kulturprogramm auf die Beine stellt, das sich u. a. mit Werk und Leben des großen Literaten beschäftigt.

Frido Mann ist ein echter Tausendsassa, rührig und tätig an allen Ecken und Enden. Er hat Musik, Katholische Theologie und Psychologie studiert, jahrelang als Therapeut gearbeitet und nebenbei auch schon immer geschrieben. Heute lebt er als Schriftsteller und Macher in München. In seinem neuesten Buch “Mein Nidden” (Mare, 2012. Euro 18). geht es vorrangig um Kultur, Geschichte und Gegenwart von Ort und Landstrich. Der Autor zeichnet die wechselvolle Geschichte der Kurischen Nehrung im 20. Jahrhundert nach – zwischen Deutschem Reich, Sowjetherrschaft und der Unabhängigkeit Litauens. Mann entwirft gleichzeitig ein einprägsames Bild der überwältigenden Natur und ihrer Mischung aus nördlichem und südlichem Charme. Darüber ein Himmel, der sich fast endlos mit seinen Blautönen über das Haff und die Wanderdünen-Landschaft wölbt.

Orte (1). Das Lesefestival “Leipzig liest” findet auf der Buchmesse und über die ganze Stadt verteilt statt. Den Tag hindurch und bis hinter Mitternacht, an Orten, die so vielfältig und abwechslungsreich, so skurril oder gewöhnlich sind, wie die Autoren und ihre Stoffe, die dort den begeisterungsfähigen – mal größeren, mal kleineren – Menschenscharen präsentiert werden. Da wird in der Deutschen Nationalbibliothek der 100. Geburtstag der Insel-Bücherei gefeiert. Im Gewölbe der Moritzbastei setzen tief unter Tage zwischen dicken Mauern, hoffnungsvolle Nachwuchs-Schriftsteller zu ersten lyrischen oder epischen Höhenflügen an. Da lässt man die hitzige Dora Heldt gleich in einer Sauna auftreten. (Temperatur und/oder Aufguss unbekannt!)

Orte (2). Die Verlagsbuchhandlung – eine Geschäftsform deren Art akut vom Aussterben bedroht ist. Quicklebendig und ein klein wenig wie von gestern wirkend – was ihren Reiz noch erhöht – ist die nach einem Leipziger Stadtteil benannte Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Ihr Ladengeschäft ist vielleicht eines der schönsten das in Leipzig Bücher feil bietet. Im Obergeschoß dieser Handlung finden “Leipzig liest” – Veranstaltungen in einem kleinen, intimen Rahmen statt. Der Verlagszweig hat 2009 den vielgelesenen und verfilmten, in den 1950er Jahre spielenden Leipzig-Roman “Für’n Groschen Brause” (Euro 18,90) von Dieter Zimmer neu aufgelegt. Pünktlich zur Messe erschien das Büchlein “101 Asservate. Alter Worte Wert” (Euro 18) von Thomas Böhme. Der Verfasser las in der Buchhandlung einige seiner 101 Miniaturen, die sich um Begriffe drehen, die nicht mehr geläufig oder bereits aus unserem Sprachgebrauch verschwunden sind: Lakritzstangen und Angebinde, Fisimatenten und Fidibus, Möndchenschieber und Garaus, Kerbholz und Unterpfand.

Orte (3). Nicht weit vom Laden der Connewitzer liegt die Adler-Apotheke. Dort arbeitete ab 1. April 1841 der 21-jährige Apotheker-Gehilfe Theodor Fontane (die Apotheke hieß damals “Zum Weißen Adler“). Er war Mitglied im politisch-literarischen “Herwegh-Klub” und veröffentlichte erste Gedichte in dem Unterhaltungsblatt “Die Eisenbahn”. Bereits 1942 veränderte sich Fontane nach Dresden. Erst Jahrzehnte später entstanden jene Romane, die ihm seinen Platz in der  Literaturgeschichte sicherten und in deren Mittelpunkt berühmte Frauenfiguren wie “Effie Briest”, Lene Nimptsch (“Irrungen, Wirrungen”), “Grete Minde” oder “Frau Jenny Treibel” stehen.

Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Burkhard Spinnen (“Belgische Riesen”, “Der schwarze Grat”) hat ein Buch über “Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen” geschrieben, wie “Sein Glück verdienen” im Untertitel heißt. Die Fotos in dem Band stammen von Lorenz Kienzle. Er hat Orte aufgesucht, die in den Romanen Fontanes beschrieben werden, und diese in ihrem gegenwärtigen Zustand mit einer Plattenkamera festgehalten. Im Rahmen von “Leipzig liest” und im Gespräch mit dem Literaturkritiker Elmar Krekeler stellten Spinnen und Kienzle das Buch am ehemaligen Arbeitsplatz Fontanes vor (Knesebeck, Euro 29,95). Für Burhard Spinnen sind die psychologischen Konstellationen, die Problematik des Absterbens von Hergebrachtem, das Brechen von Konventionen, wie sie Fontane schildert, von zeitloser Gültigkeit.

Burkhard Spinnen (links) im Gespräch mit Elmar Krekeler in der Adler Apotheke. – Foto: Monika Stoye

Interessanterweise entspann sich in den anschließenden Gesprächen eine intensive Diskussion über heutige Schul- und Bildungsformen, die ja wesentlich zur Prägung von Menschen beitragen. Spinnen, der sich selbst als “in der Schule als Junge nicht angekommen” bezeichnete, und der viel zu Lesungen in Schulen unterwegs ist, sprach sich entschieden gegen jede Art politisch festgelegter Formatierung von Kindern und Jugendlichen im Rahmen ihrer Schullaufbahn aus. In seine kritischen Äußerungen schloss er auch die Medien, insbesondere das Fernsehen, ein. Es gehe nicht an, dass sich Casting Shows zum Standard für die Beurteilung junger Menschen entwickeln.

Favoriten (1). Leipzig 2012 – einmal mehr sind es viel zu viele Bücher! “Und so viele dumme Bücher.” (Peter Sodann.) Der Dummheit zu Leibe rücken wollte und will die Aufklärung. Denn nie war sie nötiger als heute: die scharfe Schule der Vernunft. Wärmstens zu empfehlen ist deshalb die Lektüre von Manfred Geiers: “Aufklärung. Das europäische Projekt” (Rowohlt, 2012. Euro 24,95). Ein Buch, das auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war und das in verständlicher, ja unterhaltsamer Form, einen Bogen spannt von den Begründern der Philosophie der Aufklärung wie Locke, Kant und Rousseau bis zu ihren Nachfolgern im 20. Jahrhundert: Hannah Arendt, Karl Popper, Jürgen Habermas und Jacques Derrida. Geier verliert dabei die Lebenspraxis nie aus dem Auge und stellt realistische Bezüge zu Alltag und Gegenwart her. So lesen wir auch als Laien mit Genuss in einer fesselnden Geschichte des aufklärenden Denkens und vernehmen das Plädoyer für Toleranz und Vernunft als hochaktuelle Verpflichtung.

Christian Schüle auf dem orangen Sofa des Universitäts-Radios

Favoriten (2). Schüle, Christian: „Das Ende unserer Tage. Roman“  (Klett-Cotta, 2012. Euro 22,95). Originell, spannend, temporeich. Was wie Science Fiction wirkt, ist großteils längst Gegenwart. Wir schreiben schließlich das Jahr 2012 und der Bundespräsident heißt Christian Wulf. Als Wulf ging und Gauck kam, war die erste Auflage schon im Druck; Verlag und Autor beschlossen die “fiktiven Fakten” nicht mehr zu ändern. So schreibt dieser Roman, der wie eine Zukunftsvision daherkommt, gleichzeitig jüngste bundesdeutsche Geschichte. Im nicht mehr ganz so reichen Hamburg werden Kirchen zu Event-Tempeln umgebaut. Die traditionsreiche Kammfabrik im Süden Hamburgs wird, wie viele andere Firmen der Hansestadt, von chinesischen Investoren übernommen. Der hauptberufliche Journalist Christian Schüle erzählt exemplarisch anhand der Geschichte zweier Männer: Charlie Spengler, Ex-Fabrikdirektor, jetzt Rebell an der Front der Werktätigen und Jungunternehmer Jan Philipp Hertz. Dazu kommen allerhand interessante Nebenschauplätze und -figuren, sowie eine gehörige Portion Zeitgeist und Lokal-Kollorit.

Favoriten (3). “Am Schwarzen Berg” (Suhrkamp, 2012. Euro 19,95). Anna Katharina Hahn hat einen Stuttgart-Roman geschrieben, der gleichzeitig ein Mörike-, Literatur-, und Bibliotheksroman ist. Sie zeichnet ein krasses, hoffnungsloses Bild heutiger Großstadt- und Mittelstands-Verhältnisse. Dazu mehr in einer eigenen Besprechung, die in etwa zwei Wochen auf = conlibri = erscheinen wird.