Die Vergnügungen des Bertolt Brecht

Tema con variazioni

Zu finden ist es in Werk- und Einzelausgaben, in Sammelbänden und Anthologien. Es ist bekannt, beliebt und vielfach verbreitet. Das Gedicht Vergnügungen von Bertolt Brecht (1898 – 1956). Vor mir liegt das Suhrkamp Taschenbuch Bertolt Brecht: Hundert Gedichte. Ausgewählt von Siegfried Unseld. Aufgeschlagen ist Seite 164. Er hat es wohl 1954 geschrieben und seiner letzten Geliebten, der Schauspielerin Käthe Reichel gewidmet. Thematik und Struktur reizen ganz besonders zu persönlicher Interpretation. Deshalb gibt es heute auf con=libri zwei Variationen, zwei individuelle Versuche, die keinesfalls den Anspruch erheben, sich mit dem Original messen zu können.

I

Berner Weltmeisterjahrgang, beheimatet in der Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm, die Herzallerliebste eine Götterbotin, als Wörter- und Bildersammler unterwegs, erkundet lesend den Weltinnenraum, schreibt um sich zu durchqueren, bibliophilen Eskapaden nicht abgeneigt, lebensbegleitend: der Eremit aus Montagnola, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Die Variation von Diplom-Bibliothekar a. D. Bernd Michael Köhler:

Vergnügungen (Bertolt Brecht gewidmet)

Der erste Blick in ein neues Buch
Die wiedergefundene alte Schrift
Freundliche Gesichter
Stille, der Schatten an einem Sommertag
Die Zeitung
Der Schreibtisch
Der Buddha
Lesen, weiterlesen
Klangwelten
Radfahren
Begreifen
Bibliotheken, Briefe
Schreiben, Zuhören
Fotografieren
Philosophieren
Anders sein.

II

Wurzeln in der Goethestadt Ilmenau, längst in Ulm, dem umliegenden Oberschwaben und Westallgäu zuhause, mit steter Lust auf Abstecher nach Leipzig und Wien, Spaziergänger, Buchmensch, Leser und Schreiber. Die Variation von Jan Haag:

Freuden  (für Charlotte und Marie Luise)

Der erste Blick in die Zeitung am Morgen
Die nächsten Bücher
Der Wechsel der Jahreszeiten
Das frische Hemd

Nachdenken
Skepsis
Lesen dürfen
Schreiben können
Begreifen

Alte Musik
Andere Musik

Schlendern durch Gassen
An Fluss oder See sitzen
Kleine Fluchten
Ankommen

Lange Gespräche
Verstanden werden

 

 

Das Nußbaumblatt

Ein Juligedicht von Louis Fürnberg. Mit Notizen zum Dichter.

Das Nußbaumblatt

Heut hat der Wind ein welkes Nußbaumblatt
in unsern schmalen, kalten Hof getragen,
der nichts als eine hohe Mauer hat.

Da haben wir die Hände ausgestreckt
danach, die schweigend wir den Hof durchschritten;
was so ein Blatt für Sommerwünsche weckt.

Und einer fing´s in seiner hohlen Hand
und hielt es zart und zärtlich an die Wange,
ein Nußbaumblatt, von Juliglut verbrannt;

und reicht es dem, der hinter ihm ging stumm …
der küßte es, und so im Weitergange
ging es, ein welkes Blatt, geküßt reihum.

In einem der bekanntesten Lieder der im Osten und Westen unserer Republik gleichermaßen beliebten Deutschrock-Formation Puhdys kommt zu rhythmischem Gitarrenklang ein Lebenswunsch zum Ausdruck: Alt wie ein Baum möchte ich werden, so wie der Dichter es beschreibt. 

Welcher Dichter ist da eigentlich gemeint? Nach ihm fragt kaum jemand. Er hieß Louis Fürnberg und die Puhdys beziehen sich auf sein Gedicht Alt möcht’ ich werden, das so beginnt:

Alt möcht’ ich werden wie ein alter Baum, / mit Jahresringen längst nicht mehr zu zählen …

Als Louis Fürnberg 1909 in Iglau geboren wurde, wäre die Vorstellung dass sich sein Lebenskreis eines Tages in Weimar schließen würde wohl völlig abwegig erschienen. Iglau, die Bergstadt an der Grenze von Böhmen und Mähren zählte um diese Zeit beachtliche 28.000 Einwohner. Etwa 22.000 davon hatten Deutsch als Muttersprache. Die jüdische Fabrikantenfamilie Fürnberg zog nach Karlsbad um, wo Louis Kindheit und Jugend verbrachte und das Gymnasium besuchte. Anschließend ging er in Prag auf die deutsche Handelsakademie und wurde 1928 Mitglied der (deutschen!) kommunistischen Partei. Erste Gedichte erschienen in deutschsprachigen Zeitungen. 1937 heiratete er die aus Wien stammende Lotte Wertheimer.

Die Machtergreifung Hitlers in Deutschland und der Einmarsch seiner Armee in Prag im März 1939 warf das junge Paar aus vorhersehbarer Lebensbahn. Die Flucht nach Polen scheiterte. Lotte wurde bereits nach zwei Monaten aus der Haft entlassen und floh nach London. Louis blieb inhaftiert und wurde mehrfach gefoltert. Der Familie gelang es schließlich ihn freizukaufen. Über Italien und Jugoslawien flohen Lotte und Louis nach Palästina. Die meisten Mitglieder ihrer Familien fielen dem Holocaust zum Opfer.

Zurück in Prag arbeitete Louis Fürnberg ab 1946 zunächst als Journalist und war von 1949 bis 1952 Kulturattaché der tschechoslowakischen Botschaft in Ost-Berlin. Das politische Klima in seiner Heimat wurde zunehmend von antisemitischen und nationalistischen Tendenzen geprägt. Aus Louis Fürnberg musste Lubomir Fyrnberg werden. Im Rahmen seiner Tätigkeit für die Botschaft kam er 1949 zum ersten Mal nach Weimar und nahm an den Feierlichkeiten zu Goethes 100. Geburtstag teil. Thomas Mann hielt seine berühmte Ansprache im Goethejahr 1949 und widerstand den Versuchen beider deutscher Staaten den damals noch im amerikanischen Exil lebenden Nobelpreisträger für sich zu vereinnahmen. 

Der Feingeist, Dichter und Goetheverehrer Louis Fürnberg hingegen war in seinem heimlichen geistigen Zentrum angekommen. Dass diese geistig-literarische Heimat in einem Staatswesen lag das den Weimarer Idealen, seiner Tradition und seinen ehedem hier wirkenden Repräsentanten, von Wieland bis Goethe, Hohn sprach, ist aus heutiger Sicht leicht zu erkennen. Fürnberg und viele andere jedoch fühlten sich damals im richtigen Deutschland, hofften auf eine gerechte Zukunft in sozialistischer Gesellschaft. Mit seinem literarischen Wirken setzte sich ja nicht nur Fürnberg für diese Utopie ein. Auch Kollegen wie Brecht, Huchel, Hermlin, und vor allem der zum Funktionär avancierte Johannes R. Becher, waren mit Teilen ihres Schaffens auf Linie.

1954 übersiedelte das Ehepaar Fürnberg mit ihren beiden Kindern nach Weimar. Wohnadresse wurde die Rainer-Maria-Rilke-Straße 17. Eine berufliche und damit materielle Basis für die Familie fand Louis als stellvertretender Leiter der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur. 1955 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Künste. Noch im selben Jahr erlitt er einen schweren Herzinfarkt von dem er sich nie wieder richtig erholte. Der Dichter, der schon als junger Mann schwer an Lungentuberkulose erkrankt war, starb schließlich am 24. Juni 1957. Er wurde 48 Jahre alt. Ein großer Trauerzug begleitete den Sarg durch ein dichtes Spalier Weimarer Bürger zum Ehrengräberfeld des Historischen Friedhofs.

Was ich singe, sing ich den Genossen. / Ihre Träume gehen durch mein Lied. 

Louis Fürnberg 1949. Quelle: Bundesarchiv Bild 183-S81891

Louis Fürnberg verstand sich als politischer Dichter. Er zählte zu den von den Führungskadern geschätzten, weil nützlichen, benutzbaren Staatsdichtern. Bis in breite Schichten der Bevölkerung war er bekannt und beliebt. Insbesondere Teile seiner Lyrik, die manchmal fast hymnische Züge hatte, zeugen von fester kommunistischer Gesinnung, der er ein Leben lang treu blieb. Seine Gedichte wurden immer wieder vertont. Es entstanden eingängige, leicht singbare Lieder die besonders in Schulen und Jugendorganisationen sehr populär wurden.

Neben unzähligen Gedichten schrieb Fürnberg Erzählungen und Romane. Zu seinen bekannteren Prosaarbeiten zählt die Novelle Begegnung in Weimar, in der er seiner Verehrung für das klassische Weimar und seine Goethe-Bewunderung zum Ausdruck bringt. Sie erzählt von einem Treffen des polnischen Dichters Adam Mickiewiczs mit Johann Wolfgang von Goethe. Die über weite Strecken in Dialogform gestaltete Geschichte deutet das erzählerisch-gestalterische Potenzial des Autors an, ist inhaltlich letztlich zu speziell und elitär.

Nach dem Tod des systemtreuen Dichters betreute die Witwe Lotte Fürnberg das Werk ihres Mannes. Sie gab seine Gesammelten Werke heraus, die in sechs Bänden in den Jahren 1964 bis 1973 erschienen. Die langjährige Freundschaft mit Arnold Zweig dokumentiert der 1978 publizierte Briefwechsel. Louis Fürnberg wurde von seinem Umfeld als freundlicher, bescheidener Mensch charakterisiert. Sein großer Gerechtigkeitssinn und seine Sympathie für die Vernachlässigten und zu kurz Gekommenen führten dazu dass er sich für einen Weg entschied der zwar viel Hoffnung, doch letztlich keine Lösung für die Probleme der Welt bot.

In Weimar entstand ein Louis-Fürnberg-Archiv, das Lotte Fürnberg bis zu ihrem Tod, im Alter von 92 Jahren im Januar 2004, betreute. Ruhm und Bekanntheit des Schriftstellers wurden auch nach dem Ende des DDR-Staats hauptsächlich in Weimar und Thüringen eifrig gepflegt. Als 2009 der 100. Geburtstag anstand, gab es eine Gedenkveranstaltung im Weimarer Stadtschloss. Alena, Tochter der Fürnbergs, trug Gedichte des Vaters vor und Wulf Kirsten hielt die Laudatio. In einem Gebäude der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, wenige Kilometer außerhalb der Klassikerstadt gelegen, wurde Louis Fürnbergs Arbeitszimmer originalgetreu rekonstruiert. Es kann nach Anmeldung besichtigt werden.

***

Fürnberg, Louis: Gesammelte Werke in sechs Bänden. – Berlin und Weimar, 1964 – 1973

Fürnberg, Louis; Zweig, Arnold: Der Briefwechsel zwischen Louis Fürnberg und Arnold Zweig : Dokumente e. Freundschaft. – Berlin und Weimar, 1978

Fürnberg, Louis: Die Begegnung in Weimar. 2. Aufl. – Berlin und Weimar, 1969

Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. – erw. Aufl., Berlin, 2009

Das Blättchen. Zweiwochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft. – Berlin : Verl. d. Blättchens (Online-Ausgabe) (22) 2019. https://das-blaettchen.de/schlagwort/louis-fuernberg

 

 

 

Zehn zahme Ziegen zogen zehn Zentner Zucker zum Zoo

Von Zungenbrechern und einer Wunderkammer

Vor den coronabedingten Einschränkungen war ich in einer Kita Lesepate und Vorleser. Eine Aufgabe die mir viel Freude gemacht hat. Bevor ich den Kindern ein weiteres Kapitel aus der Kleinen Hexe, dem Räuber Hotzenplotz oder von Urmel aus dem Eis vorlas, trug ich meist ein lustiges (manchmal auch ein ernstes) Gedicht vor, das wir dann zusammen nachsprachen – mal schell und mal gaaanz laaangsam. Hin und wieder wählte ich an Stelle des Gedichts einen Zungenbrecher.

Etwa den Klassiker: Fischers Fritz fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischers Fritze.

Ich sprach es den Vier- bis Sechsjährigen vor und ließ sie dann selbst wiederholen, so lange bis es einigermaßen korrekt klang. Oder eben nicht. Sondern wie Kauderwelsch oder wie mit der heißen Kartoffel im Mund. Ein Riesenspaß!

Auf der Suche nach neuen unsinnigen Lautmalereien machte ich das was heutzutage alle so machen würden. Ich gab in den Googleschlitz zunächst „Zungenbrecher für Kinder“ ein, später, das Ergebnis dieser ersten Suche war mager, beließ ich es beim allgemeinen „Zungenbrecher“. Die Trefferquote blieb spärlich und beschränkte sich fast ausschließlich auf Altbekanntes.

Entfallen war mir, dass, was mir weiterhelfen konnte, längst im heimischen Bücherregal wartete. Als es mir wieder einfiel, fand ich, dank konsequenter grobsystematischer Ordnung, inmitten der kleinen Abteilung „Sprache und Schreiben“ Die Wunderkammer der Deutschen Sprache. Ein wahrer Hausschatz, ein Schatzkästchen, das ultimative Werk für Menschen, die ihre Ausdrucksfähigkeit zu mehr als Imbissbudenbestellungen oder Fangesängen nutzen möchten.

Zungenbrecher gibt es auf den Seiten 140 und 141. Hier einer der kürzeren: Brauchbare Bierbrauerburschen brauen brausendes Braunbier.

Was diese Wunderkammer ausmacht, was sie bietet, womit sie lockt und reizt, erklärt ihr Untertitel: Gefüllt mit Wortschönheiten, Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte. Die logopädischen Stabreimereien machen nur eines der vielen erstaunlichen Kapitel des Buches aus. Über zwanzig verschiedene Kategorien werden geboten. Von der Alchemie des Deutschen, über Liebesbekundungen bis Zitate und, ja, eben Zungenbrechern. Im Detail finden sich originelle Sammlungen und kuriose Blickwinkel auf ein Deutsch, das aus dem Sprachbewusstsein und der Alltags-Kommunikation nahezu verschwunden ist.

Foto: Bernd Michael Köhler

Vergleichen wir doch einmal den Wortschatz der DDR mit dem des Großdichters Johann Wolfgang Goethe. Ergebnis: Es gibt keine Schnittmenge. Und wer weiß denn auf Anhieb, was Palindrome sind? Wörter, Sätze, die man von vorne und von hinten lesen kann und es bedeutet immer dasselbe: Rentner, Marktkram … Lagertonnennotregal … Lag er im Kajak? Mir egal! (Die Satzzeichen bleiben unberücksichtigt.)

Die Wunderkammer bietet kulinarische Aufklärung. Man erfährt – so man es denn wirklich wissen will – was es mit den Schillerlocken auf sich hat und warum bei Eisbein warme Socken nutzlos sind. Wollte ich schon immer die zehn Lieblingswörter der Schriftstellerin Karen Duve kennenlernen? Eigentlich nicht zwingend. Doch nun weiß ich, dass Badezimmerobst, Rokokokröte und Tollpatsch dazu gehören.

Vermutet hatte ich es längst, in der Wunderkammer finde ich es fundiert belegt. Das erste große Wörterbuch der Deutschen Sprache stammt nicht von den Grimms. Sondern von Johann Christoph Adelung (1732 – 1806). Erschienen in den Jahren 1774 bis 1786, fünf Bände mit 60.000 Artikeln, die Herkunft, Bedeutung und Verwendung der Worte erläutern. Der ehrgeizige Wilhelm (1786 – 1859) und der etwas verträumte Jacob (1785 – 1863) haben das natürlich übertreffen müssen: 33 Bände umfasst das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm.

34.000 Seiten, 350.000 Stichworte und 600.000 Belegzitate. Jahrzehnte waren sie damit beschäftigt. Zur Erholung und zum Ausgleich sammelten sie in Kassels Umgebung Märchen, die nach heutigem Stand der Literaturpädagogik für kleinere Kinder nicht geeignet sind. Verbissen arbeiteten sie Jahrzehnte an ihrem Vorhaben ohne ans Ziel zu kommen: dem Zypressenzweig. Es waren weitere Generationen von germanistischen Wortsammlern am Werk, bevor endlich der letzte Band im Jahr 1961 in den Bibliotheken stand. (Längst gibt es Neuauflagen und Nachbearbeitungen.)

Heutigen Autoren und Autorinnen sei empfohlen gelegentlich bei den Grimms nachzuschlagen und die eigenen mageren Auslassungen mit saftigen Fundstücken aus der Grimm‘schen Wortwelt zu bereichern: Blitzzwiebelblau, busenwarm, Galanteriewarenhändler, Tollhausbibliothekar, lusttaumelnd, Quetschgesicht, wuppsen.

Jetzt ist es ja so, – und das nicht erst seit Corona – dass die Heimatzeitungen inhaltlich starken Abmagerungserscheinungen ausgesetzt sind. Je mehr die hauseigenen journalistischen Beiträge schwinden, umso kurioser die Versuche ohne Aufwand Fülle herzustellen. Seiten voller Grüße der Enkel an die Großeltern und umgekehrt, Geschichten, die die Leser und Leserinnen selbst schreiben müssen, Belanglosigkeiten und überdimensioniertes Bildmaterial statt recherchierter Berichte und wohl wägender Kommentare.

Dass in Zeiten von Home Office und in der eigenen Familie gestrandeten Kindern, die von didaktisch defizitären Eltern im Home Schooling traktiert werden, die Kinderseiten der gedruckten Tageszeitungen eine Renaissance erleben, gehört sicher zu den nicht ganz unerfreulichen Erscheinungen der Pandemie. Und siehe, war da dieser Tage in meinem Leib- und Lokalblättchen tatsächlich eine kwietschbunte Seite im traditionellen Großformat gefüllt mit Zungenbrechern zu entdecken.

Wie diesem typischen Beispiel: Putzige Pinguine packen pausenlos Pralinenpakete.

Noch ein letztes Mal zurück in die Wunderkammer und hinein in den Wortschatz der DDR. Der Einheitspartei war bereits damals die Einsickerung englischsprachiger Ausdrücke in die deutsche Sprache ein Dorn im Auge, insbesondere jenem der Volksbildungsministerin Margot Honecker. So wurde aus „Bodybuilding“ das klangschöne „Körperkulturistik“ und aus „Darts“ ein simples „Wurfspiel“. Die Frau Ministerin ihrerseits wurde angesichts der meist blau-violett schimmernden Haare als „Blaue Eminenz“ verhohnepiepelt.

Die Wunderkammer der Deutschen Sprache wurde von Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer herausgegeben, die auch die kongeniale Auswahl besorgten. Sie wurde von 2xGoldstein (Rheinstetten) aufwändig gestaltet und ausgestattet, zweifarbig gedruckt und in Leinen gebunden bei Ebner & Spiegel in Ulm. Das 300 Seiten umfassende Werk liegt mir in der zweiten Auflage von 2020 vor. Es hat einen angemessenen Preis.

Böhm, Thomas; Pfeiffer Carsten (Hrsg.) Die Wunderkammer der Deutschen Sprache. Gefüllt mit Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte. – Berlin : Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, 2. Aufl. 2020

 

(Der Verlag ist Preisträger des Deutschen Verlagspreises 2020)

P.S.: Zungenbrecher entfalten ihre volle Wirkung am besten, wenn man sie mehrmals schnell hintereinander spricht.

Ein Frühlingsgedicht von Selma Meerbaum-Eisinger

Frühling

Sonne. Und noch ein bißchen aufgetauter Schnee
und Wasser, das von allen Dächern tropft,
und dann ein bloßer Absatz, welcher klopft,
und Straßen, die in nasser Glattheit glänzen,
und Gräser, welche hinter hohen Fenzen
dastehen, wie ein halbverscheuchtes Reh …

Himmel. Und milder, warmer Regen, welcher fällt,
und dann ein Hund, der sinn- und grundlos bellt,
ein Mantel, welcher offen weht,
ein dünnes Kleid, das wie ein Lachen steht,
in einer Kinderhand ein bißchen nasser Schnee
und in den Augen Warten auf den ersten Klee …

Frühling. Die Bäume sind erst jetzt ganz kahl
und jeder Strauch ist wie ein weicher Schall
als erste Nachricht von dem neuen Glück.
Und morgen kehren Schwalben auch zurück.

(Geschrieben am 07.03.1940)

Heute gehört sie zum literarischen Dreigestirn der Stadt Czernowitz, das die Namen Paul Celan, Rose Ausländer und Selma Meerbaum-Eisinger trägt. Czernowitz war jene deutschsprachige Insel aus Zeiten der Habsburgermonarchie, die durch den Vernichtungsfuror Hitler-Deutschlands unterging. Zu den Opfern des Holocaust gehörte auch die 18jährige Selma Meerbaum-Eisinger. (Jürgen Serke in: Ein Buch kommt in Deutschland an. PDF-Dokument via Wikipedia-Eintrag zu Selma Meerbaum-Eisinger.)

In Czernowitz kam Selma Merbaum am 5. Februar 1924 zur Welt. Der Vater war ein Schuhhändler, im Elternhaus wurde Deutsch gesprochen, in der Schule Rumänisch. Ihr Umfeld war geprägt von deutsch-jüdischer Kultur, die Region vom Vielklang der unterschiedlichsten Völkerschaften. Schon früh entdeckte sie für sich die Gedichte Heines und Rilkes, Verlaines und Tagores, Klabunds Nachdichtungen chinesischer Werke. Selma starb am 16. Dezember 1942 im Arbeitslager Michailowka.

Gerade einmal 57 eigene, handschriftlich verfasste Gedichte hat sie hinterlassen. (Darüber hinaus hat sie sich auch an Nachdichtungen französischer, rumänischer und jiddischer Lyrik versucht.) Unter dem Titel Blütenlese hat sie diese selbst zu einem Album gebunden, das sie ihrem Freund Leiser Fichmann widmete, der auf der Flucht nach Palästina starb. Mit dem Satz Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben … endet das schmale Bändchen, das auf glückliche Weise durch Krieg und Wirrnisse erhalten blieb.

Erstmals publiziert wurden ihre Gedichte 1976 als Privatdruck in Israel. Die Dichterin Hilde Domin machte den Exilforscher Jürgen Serke auf die Autorin aufmerksam. Im Mai 1980 erschien ein Artikel Serkes über Selma Merbaum in der Illustrierten Stern, der eine breitere Öffentlichkeit auf sie aufmerksam machte. Im Herbst des gleichen Jahres kam ein von Serke editierter Band bei Hoffmann und Campe heraus: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eine jüdischen Mädchens an seinen Freund. 

Der herausragende literarische Rang dessen was in so knapp bemessener Lebenszeit entstehen konnte ist heute unbestritten. Einzelne Gedichte wurden unter anderem von Reinhard Mey, Inga Humpe und Sarah Connor vertont oder interpretiert. Sie fanden Aufnahme in Anthologien und Schulbüchern. Hörbücher wurden von Iris Berben und Herman van Veen eingelesen. 2007 stand ein bundesweiter Gedichtwettbewerb unter dem Motto Was geht mich Selma an?

Zu Selma Merbaums Leben in Czernowitz und zu ihrer Familie war bisher so gut wie nichts bekannt. Die Vernichtungsfeldzüge der Nazis sowie das Chaos der anschließenden Kriegs- und Nachkriegszeit schienen Informationen zu ihr und ihrem Leben restlos getilgt zu haben. Nicht einmal ihr Name war richtig überliefert worden.

Nach jahrelangen Forschungen hat Marion Tauschwitz 2014 eine Biographie einschließlich aller Gedichte veröffentlicht. Sie hat dazu Daten, Lebenszeugnisse und Fakten des Umfelds in Archiven der Ukraine, Englands, der USA und Deutschlands gesichtet und ausgewertet. Es gelang ihr Zeitzeugen ausfindig zu machen und zu befragen. In einer einfühlsamen, wissenschaftlich fundierten Arbeit hat Tauschwitz Selma Merbaums Leben rekonstruiert und alle Gedichte nach den Originalhandschriften neu übertragen.

Serke, Jürgen (Hrsg.): Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eine jüdischen Mädchens an seinen Freund. – Hamburg, 1980 (danach versch. Auflagen und Ausgaben)

Tauschwitz, Marion: Selma Merbaum : Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biographie und Gedichte. Mit einem Vorwort von Iris Berben. – Springe, 2014

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(Vielen Dank an Bernd Michael Köhler, dass er mich auf die Dichterin aufmerksam gemacht hat, für die Auswahl des zur Jahreszeit passenden Gedichts, sowie für die Zusammenstellung von Datenmaterial zu Leben und Rezeption der Dichterin.)

Sommerpause, Tucholsky, Ausblick

 

Mit einem Gedicht von Kurt Tucholsky, das er unter einem seiner zahlreichen Pseudonyme veröffentlichte, geht con=libri in die Sommerpause.

Bernd Michael Köhler hat es entdeckt und wir finden es passt nicht nur in den Sommer, sondern haarscharf und genau in unsere Zeit – wie übrigens so vieles das Kurt Tucholsky vor nunmehr etwa hundert Jahren erdachte und schrieb.

Im September geht es hier auf dem Blog weiter. Mit zwei Beiträgen über große Fabulierer in der deutschen Literatur; nach längerer Pause auch wieder einmal mit einer kleinen Satire; und – wenn alles klappt wie geplant – mit stimmungsvollen Impressionen von Exkursionen zu poetischen Orten, zu Städten und Dichtern und von Reisen durch schöne Landschaften.

 

Feldfrüchte 

Sinnend geh ich durch den Garten,
still gedeiht er hinterm Haus;
Suppenkräuter, hundert Arten,
Bauernblumen, bunter Strauß.
Petersilie und Tomaten,
eine Bohnengalerie,
ganz besonders ist geraten
der beliebte Sellerie.
Ja, und hier –? Ein kleines Wieschen?
Da wächst in der Erde leis
das bescheidene Radieschen:
außen rot und innen weiß.

Sinnend geh ich durch den Garten
unsrer deutschen Politik;
Suppenkohl in allen Arten
im Kompost der Republik.
Bonzen, Brillen, Gehberockte,
Parlamentsroutinendreh …
Ja, und hier –? Die ganz verbockte
liebe gute S.P.D.
Hermann Müller, Hilferlieschen
blühn so harmlos, doof und leis
wie bescheidene Radieschen:
außen rot und innen weiß.

(Theobald Tiger)

Erstdruck in: Die Weltbühne, 21.09.1926, Nr. 38, S. 470 / dann wieder in: Tucholsky, Kurt: Mit 5 PS, Berlin: E. Rowohlt, 1928, S. 362

Hermann Müller: bis 1928 einer der SPD-Vorsitzenden und Fraktionsvorsitzender der SPD im Reichstag, dann ab 28.06.1928 letzter Reichskanzler mit parlamentarischer Mehrheit, der am 27.03.1930 zurücktreten musste. (Vom 27. März bis zum 6. Juni 1920 war ererstmals Reichskanzler).

1930 von Hanns Eisler als Lied vertont. Gemeinsame Auftritte mit dem Schauspieler und Sänger Ernst Busch. Gesang: Ernst Busch; Klavier: Hanns Eisler. Auf der LP Ernst Busch singt Hanns Eisler / Kurt Tucholsky (1967) enthalten. 2010 erschien die CD: Ernst Busch Live in Berlin 1960 Konzert in der Akademie der Künste der DDR. Auch darauf ist das vertonte Gedicht zu hören.

***

Beim einem späten Frühstück entstand Wulf Rehders sehr würzige zeitgemäße Variation des Tucholsky-Gedichts. Wir veröffentlichen sie mit seiner freundlichen Zustimmung.

Giftige Feldfrüchte von der anderen Seite des Atlantik

Sinnend geh ich durch den Garten
rund herum um’s Weiße Haus:
Korruption in allen Sparten,
Lügen, oh es ist ein Graus,
im Kabinett, bei Subalternen,
in Trumps Familiengalerie.

Herzlich schmettert aus den Fernen
Der Ku-Klux-Klan sein Kikeriki.
Donald Trump, Rassist und Hehler,
gehabt sich wohl in dem Geschmeiß,
dankt Gott für seinen treuen Wähler:
innen dumm und außen weiß.

Wulf Rehder gehört seit vielen Jahren zu den aufmerksamen Lesern von con=libri. Er hat zwei Wohnsitze, einen nördlich von San Francisco und einen (bevorzugten) in Potsdam bei Berlin, sowie zwei Pässe, einen amerikanischen und einen deutschen. Als junger Mann trieb er sich in akademischen Hainen herum, später in start-ups als umtriebener Manager. Inzwischen schreibt Wulf Rehder Essays und Bücher. Unter anderem:

Rehder, Wulf: Hallo Herr Goethe. Phantastische E-Mails seit Adam und Eva. – MV-Verlag, 2015 (vergriffen!)

Rehder, Wulf: Der deutsche Professor. Handbuch für Studierende, Lehrer, Professoren und solche, die es werden wollen. – tredition, 2017

Rehder, Wulf: Quisquilien zu Thomas Mann. Glossen und Gedankenkrümel. – tredition, 2017

 

Die Eisheiligen

Ein Gedicht zum wunderschönen Monat Mai (Heinrich Heine). Allerdings eines ganz ohne triebhafte Bäume, ohne Blütenkraft und Sonnenschein, ohne Vogelgezwitscher und warmen Abendschimmer. Die Genossen Mamertus, Pankratius, Servatius und Bonifatius, ihnen auf schnellem Fuße folgend die kalte Sophie, vertreten die andere Seite des Wonnemonats. Max Herrmann-Neiße hat dieses Geschehen vortrefflich in frostige Verse gefasst.

(Bernd Michael Köhler hat das Gedicht für con=libri ausgegraben und Infos zu Leben und Werk Max Herrmann-Neißes geliefert. Das Foto stammt ebenfalls von ihm.)

Die Eisheiligen

Die Eisheiligen stehen mit steif gefrorenen Bärten,
aus denen der kalte Wind Schneekörner kämmt,
früh plötzlich in den blühenden Frühlingsgärten,
Nachzügler, Troß vom Winter, einsam, fremd.

Eine kurze Weile nur sind sie hilflos, betroffen,
dann stürzt die Meute auf den Blumenpfad.
Sie können nicht, sich lang zu halten, hoffen;
so wüsten sie in sinnlos böser Tat.

Von den Kastanien reißen sie die Kerzen
und trampeln tot der Beete bunten Kranz,
dem zarten, unschuldsvollen Knospenglück bereiten sie hohnlachend Schmerzen,
zerstampfen junges Grün in geisterhaft verbissenem Kriegestanz.

Plötzlich mitten in all dem Toben und Rasen
ist ihre Kraft vertan,
und die ersten warmen Winde blasen
aus der Welt den kurzen Wahn.

Der Lyriker, Dramatiker und Erzähler wurde am 23. Mai 1886 als Sohn eines Gastwirts im schlesischen Neiße als Max Herrmann geboren. Vielleicht aus Stolz auf diese Herkunft nannte er sich später Herrmann-Neiße. Dass seine Heimatregion nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr Teil Deutschlands war, hat er nicht mehr erlebt. Bereits 1933 ging der politisch links stehende Pazifist mit seiner Frau in die Schweiz ins Exil, später nach Holland und Paris und übersiedelte schließlich nach Großbritannien. Er starb am 8. April 1941 in London. Die Heimatlosigkeit hatte ihn krank gemacht, er starb an gebrochenem Herzen.

Max Herrmann-Neiße war eine geschätzte und anerkannte künstlerische Größe seiner Zeit, bekannt mit den wichtigsten kreativen Köpfen der Weimarer Republik. Stefan Zweig, der bekanntlich ebenfalls an seinem Schicksal im Exil litt, schrieb über ihn: … die schönsten (Verse) vielleicht, die seit Heinrich Heine im Exil geschrieben wurden. … Etwas Einmaliges, etwas Großartig-Unwahrscheinliches ist mit dieser Treue zur Dichtung und zur humanen Gesinnung mit ihm dahingegangen. Denn selten habe ich bei einem Menschen so viel seelische Tapferkeit der Gesinnung gesehen wie bei diesem kleinen schwachen Mann, der zerbrechlich schien vor einem Hauch des Winds …

Von kleiner Statur, wirkte der Dichter als erwachsener Mensch auf den ersten Blick eher unansehnlich. Sein Rücken war buckelig, früh wurde der Schädel kahl. Man nannte ihn den deutschen Toulouse-Lautrec. Es ist ein kleiner Treppenwitz der deutschen Kulturgeschichte, dass dem bissigen Zeichner und Gesellschaftskritiker George Grosz mit einem Porträt des Freundes eines seiner bekanntesten und schönsten Gemälde gelang. Der Neuen Sachlichkeit zugerechnet, wirkt es ehrlich und präzise, drückt gleichzeitig Zuneigung aus und weckt beim Betrachter eine Art ehrfürchtiges Mitleid.

Max Herrmann-Neiße war nach 1945 in Deutschland nahezu vergessen. Erst 1986 – 88 erschien eine Ausgabe seiner gesammelten Werke, 2012 wurden eine zweibändige Briefausgabe, ein Reisealbum, sowie ein Erinnerungsbuch mit Aufzeichnungen seiner Frau Leni und einer Auswahl seiner Gedichte herausgegeben. Das eine oder andere davon mag noch lieferbar sein, für gute Bibliotheken sollte es eine Selbstverständlichkeit sein dieses Erbe zu bewahren und bereit zu halten.

Intermezzo. Ein Gedicht von Hugo Ball

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Intermezzo

Ich bin der große Gaukler Vauvert.
In hundert Flammen lauf ich einher.
Ich knie vor den Altären aus Sand,
Violette Sterne trägt mein Gewand.
Aus meinem Mund geht die Zeit hervor,
Die Menschen umfaß ich mit Auge und Ohr.

Ich bin aus dem Abgrund der falsche Prophet,
der hinter den Rädern der Sonne steht.
Aus dem Meere, beschworen von dunkler Trompete,
Flieg ich im Dunste der Lügengebete.
Das Tympanum schlag ich mit großem Schall.
Ich hüte die Leichen im Wasserfall.

Ich bin der Geheimnisse lächelnder Ketzer,
Ein Buchstabenkönig und Alleszerschwätzer.
Hysteria clemens hab ich besungen
In jeder Gestalt ihrer Ausschweifungen.
Ein Spötter, ein Dichter, ein Literat
Streu ich der Worte verfängliche Saat.

O O O

Der Dichter und Publizist Hugo Ball wurde am 22. Februar 1886 in Pirmasens geboren. Nach Abitur und Studium wandte er sich zunächst der Theaterarbeit zu. Er gehörte zu den zentralen Figuren der Dadaismus-Bewegung und den Erfindern des Lautgedichts. Bereits 1915 verließ er Deutschland und lebte in Italien und der Schweiz, seit seiner Heirat mit Emmy Hennings im Jahr 1920 im Tessin. Das Paar gehörte zu den engeren Freunden Hermann Hesses. Hugo Ball schrieb die erste Hesse-Biografie, die er kurz vor seinem frühen Tod im September 1927 vollenden und dem Freund zum 50. Geburtstag widmen konnte.

 

Noch einmal Sommer mit Ringelnatz

An guten Tagen kann ich die Stimmung im Gedicht von Joachim Ringelnatz (s. unten) nachvollziehen. Auf keinen Fall wäre sie jedoch Grund genug haltlos durch blaue Lüfte zu schweben. Hinter dem Appetit auf Frühstück und Leben lauern immer eine kleine Angst vor Absturz aus zu großer Höhe und der Wunsch nach verlässlicher Bodenhaftung.

Den Dichter sehe ich derweil mit seiner geliebten und besungenen Muschelkalk auf besonnter Terrasse. Wir teilen den Appetit und das Dürsten nach Lüften. Mit seinen Versen und denen anderer Poeten genießen wir was vom Sommer bleibt.

Für die Bild- und Textauswahl des heutigen Tages danke ich wieder Bernd Michael Köhler.

Foto: Bernd Michael Köhler

 

Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich „Euer Gnaden“.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

(Joachim Ringelnatz)

An der Donau ist Literaturwoche!

Zehn Tage Leidenschaft für Literatur, besondere Bücher aus unabhängigen Verlagen, ergänzt um feine musikalische Anreicherungen. Vom 20. bis zum 29. April dauert die diesjährige Literaturwoche Donau. Der Verein Literatursalon Donau e. V. und zahlreiche Partner und Unterstützer laden ein.

Freunde schöner Poesie und Poetik, großer Erzählungen und überraschender Texte sollten vorschlafen und sich die Abende und Wochenenden freihalten für das ambitionierte und breit gefächerte Programm. 

Am Freitag 20. April findet bei freiem Eintritt die Eröffnungsveranstaltung im Haus der Museumsgesellschaft Ulm in der Neuen Straße statt. Mit Hernan Ronsino ist gleich eine der wichtigsten Stimmen der argentinischen Literatur zu Gast. Er hat den Übersetzer Luis Ruby und seinen deutschen Verleger Ricco Bilger mitgebracht. Für die musikalischen Akzente des Abends sorgt das Silber Quartett.

Zwei markante Veranstaltungsorte im Rahmen der Literaturwoche Donau 2018: Ulmer Münster und das Haus der Museumsgesellschaft

Was bieten die folgenden Tage?

Um nur einige Höhepunkte zu nennen: Jonas Lüscher stellt seinen Roman über das Streben und Scheitern des Rhetorikprofessors Kraft vor. Iris Wolff liest aus dem vielbesprochenen und hochgelobten, aus vier zusammenhängenden Erzählungen bestehenden Roman So tun als ob es regnet (bei dem Titel handelt es sich um eine rumänische Redensart). Bei Anna Baars Als ob sie träumend gingen begegnen wir einer kroatisch-österreichischen Autorin, die ebenso sprachmächtig wie anrührend von Liebe in Zeiten des Krieges erzählt. Der Schweizer Thomas Meyer besticht mit feinem Humor und Hintersinn. Sein aktuelles Buch Trennt euch! ist konsequenterweise eine überraschende Liebeserklärung an die Beziehung zwischen zwei Menschen.

Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein behauptet Thomas Kapielski. Um das zu überprüfen wird am Schlusssontag zu einer Frühschoppenlesung ins Ulmer Künstlerhaus geladen. Es empfiehlt sich jedoch Zurückhaltung beim Genuss geistiger Getränke, denn am Abend kann man zusammen mit Sudabeh Mohafez den Münsterturm besteigen. In schwindelnder Höhe wird sie ihren Stadtschreibertext vorstellen, der für diese Literaturwoche entstanden ist.

Künstlerhaus und Münsterturm sind nur zwei der wunderbaren Lokalitäten die Florian Arnold und Rasmus Schöll, die beiden Hauptmacher der Veranstaltungsreihe, dem Publikum erschließen konnten. Gespannt sein darf man nicht zuletzt auf die Botschaft internationale Stadt im Herzen Ulms auf dem Hans-und-Sophie-Scholl-Platz. Im bayerischen Nachbarn Neu-Ulm geht es zum Wiley-Kiosk, ins frisch renovierte Edwin-Scharff-Museum und das beliebte Café d’Art.

Im Rahmen der diesjährigen Literaturwoche Donau findet schließlich und zum guten Schluss noch die Erste Ulmer Buchmesse der unabhängigen Verlage statt. Am Sonntag, 29. April im renommierten Museum Villa Rot in Burgrieden (der Ort liegt etwa 20 Kilometer südlich der Donau-Doppelstadt) und bereits einen Tag zuvor, dem Samstag, in den Räumen der Museumsgesellschaft Ulm. 19 Verlage aus ganz Deutschland – aus Ulm sind danubebooks und Topalian & Milani vertreten – präsentieren ein breites Spektrum schöner Bücher, exquisiter Gestaltung und hochwertiger Literatur. Der Eintritt ist frei.

In den Städten Ulm und Neu-Ulm hängen bereits flächendeckend die von Joachim Brandenburg großartig gestalteten Einladungs-Plakate aus. Hinsehen lohnt sich. Das vollständige Programm (das natürlich viel mehr bietet als die hier aufgeführten Appetithappen) mit genauen Angaben zu Orten, Zeiten und Preisen findet man überall dort wo Kultur stattfindet, ganz sicher aber in den beiden Stadtbibliotheken und der Buchhandlung Aegis.

Infos im Netz gibt es hier:

http://literatursalon.net/literaturwoche-donau-2018/

 

Die Kerners

Felix Huby und Hartwin Gromes erzählen eine wenig bekannte Familiengeschichte.

Die frisch erworbene Flasche Kerner-Wein kommt erst einmal in des Kellers kühlen Grund, damit der Inhalt die empfohlene Trinktemperatur von 8 bis 10 Grad Celsius annehmen kann. Dann die Lektüre vor der Lektüre. Es ist mehr ein Schmökern, im fetten gelben Band 3857 von Reclams Universal-Bibliothek, der Ausgewählte Werke des schwäbischen Dichters Justinus Kerner (1786 – 1862) enthält: Prosa, Biographisches, viele Gedichte. Glaubt einem Gram ihr zu entfliehen / Wenn ihr entflieht dem alten Raum? / Der Glaube ist ein irrer Traum: / Der Gram wird allwärts mit euch ziehen.

Zur Bibliotherapie taugen solche Reime weniger, immerhin erfährt man in Bausingers Schwäbischer Literaturgeschichte von des Dichters Spaß an der Klecksographie. Dort liest man von seinem Hang zum Okkultismus und vom Arzt Kerner der vom Meßmerschen Magnetismus überzeugt war. Als ein Freund des Weines, nach dem viele Jahrzehnte nach seinem Tod in Weinsberg die Sorte Kerner benannt wurde, brachte er es zeitweise auf einen Verzehr von zwei bis drei Litern am Tag, was seine Frau Friederike schließlich zu begrenzender Kontrolle veranlasste. So ist es nicht verwunderlich dass seiner Feder mancher Vers entsprang, der immer wieder gerne in feucht-fröhlicher Runde gesungen wird: Wohlauf, noch getrunken den funkelnden Wein …

Justinus Kerner ist die bekannteste Persönlichkeit der weitverzweigten Kerner-Sippe, zu seiner Zeit war er ebenso eine Berühmtheit wie die schreibenden Kollegen Ludwig Uhland und Gustav Schwab. In Hubys und Gromes Buch steht er nicht allein im Mittelpunkt. Zentrale Figuren sind neben ihm seine beiden Brüder Georg und Karl. Um sie herum wird von weiteren Familienmitgliedern erzählt. Den Eltern Christoph Ludwig Kerner (1744 – 1799) und seiner Gattin Friederike Luise geborene Stockmayer (1750 – 1817), dem Paar wurden im Lauf der Jahre 12 Kinder geboren, sechs Töchter erreichten das Erwachsenenalter nicht. Und den zahlreichen Nachkommen, deren Schicksal nur angedeutet werden kann um den verträglichen Rahmen des Erzählwerks nicht zu sprengen.

Justinus Kerner ist heute gerade noch eingefleischten Literaturfreunden ein Begriff. Seine nahezu vergessenen Brüder Georg und Karl waren hingegen wichtige, einflussreiche Figuren der schwäbischen und europäischen Geschichte. Georg war ein sanfter Revolutionär. Zunächst Feuer und Flamme für die Ideen der französischen Revolution, wandte er sich später von Frankreichs Politik ab, als er erleben musste, wie ein neoabsolutistischer Napoleon seine Rolle als Führer der Grand Nation interpretierte und schließlich Europa mit Schrecken und Tod überzog. Georg lebte als Diplomat, Arzt, Journalist und gescheiterter Geschäftsmann in Paris, Florenz und Hamburg. In der Hansestadt wirkte er hoch angesehen unter anderem als Armenarzt. 1812 starb er dort 42-jährig an einer Infektion, die er sich bei seiner ärztlichen Tätigkeit zugezogen hatte. Geboren wurde er im gleichen Jahr wie Friedrich Hölderlin: 1770.

Den kranken und alten Hölderlin in seinem Turmzimmer mit Neckarblick erlebte der Bruder Justinus als angehender Arzt, zu dem er an der württembergischen Kaderschmiede Karlsschule ausgebildet wurde. Die Anstalt war direkt dem Herzog unterstellt und hatte den Auftrag begabte Landeskinder zu frommen und untertänigen Dienern der württembergischen Dynastie heranzuzüchten. Dass es einigen dieser jungen Männern gelang der Unterdrückung zu entkommen und ihre Talente anderweitig und andernorts zu entfalten wissen wir nicht nur von Friedrich Schiller.

Ein treuer Diener von Herzog und Staat war lebenslang Karl Kerner (1775 – 1840), nach der Erhebung in den Adelsstand Karl von Kerner. Als Offizier führte er ein württembergisches Heer im Gefolge Napoleons in den Russland-Feldzug. Seine Mannschaften wurden vom russischen Winter und von des Gegners raffinierter Kriegsführung aufgerieben. Nur wenige kehrten in die Heimat zurück. Karl war anschließend nicht bereit die Seiten zu wechseln und erneut und diesmal gegen die Franzosen ins Feld zu ziehen. Er wurde Minister, Direktor der landeseigenen Eisen- und Hüttenwerke und schließlich Gutsbesitzer im hohenlohischen Niederhofen.

Die Familie Kerner, die Geschichte des 19. Jahrhunderts, das württembergische Herzogtum und Ausschnitte der schwäbischen Literaturgeschichte boten den Autoren überreichen Stoff für einen dichten, fesselnden Roman rund um die Brüder Georg, Karl und Justinus. Felix Huby, den wir seit Jahrzehnten als versierten Krimi- und Drehbuchschreiber kennen, gelingen einmal mehr realistisch wirkende Dialoge, die uns die menschlichen Facetten der Protagonisten näher bringen.

Der promovierte Theaterwissenschaftler, Dramaturg und langjährige Professor für Kulturwissenschaften Hartwin Gromes hat schon öfters mit Huby zusammengearbeitet. Er dürfte wohl in erster Linie für das Recherchieren der historischen Fakten und Zusammenhänge zuständig gewesen sein. Wo sachliches Wissen eingeflochten und wo das fiktive Erzählen zur raffiniert konstruierten Melange beiträgt, ist für einigermaßen erfahrene Leser unschwer zu erkennen. Entstanden ist ein biographisch fundierter Roman der sich süffig wie ein guter Kerner liest, bestens unterhält und ganz nebenbei eine leicht verdauliche Portion schwäbische Heimatkunde im europäischen Kontext vermittelt.

Längst hatte die Flasche Kerner vom Besigheimer Felsengarten ideale Trinktemperatur erreicht, konnte aufgeschraubt und der hellgelbe Wein eingeschenkt werden. … zarter Duft von Birne und grünem Apfel, leichte Muskataromen, fruchtbetonte, feingliedrige, würzige Fruchtsäure, saftige Süße im Abgang. Wird empfohlen zu Kalbs- und Nierenbraten, Geflügel, würzigem Käse. Passt jederzeit auch zu einem guten Buch.

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Huby, Felix; Gromes, Hartwin: Die Kerners. Eine Familiengeschichte. Roman. – Klöpfer & Meyer, 2018

Kerner, Justinus: Ausgewählte Werke. – Philipp Reclam jun., 1981 (Universal-Bibliothek; 3857)

Bausinger, Hermann: Eine Schwäbische Literaturgeschichte. – Klöpfer & Meyer, 2016