Noch einmal Sommer mit Ringelnatz

An guten Tagen kann ich die Stimmung im Gedicht von Joachim Ringelnatz (s. unten) nachvollziehen. Auf keinen Fall wäre sie jedoch Grund genug haltlos durch blaue Lüfte zu schweben. Hinter dem Appetit auf Frühstück und Leben lauern immer eine kleine Angst vor Absturz aus zu großer Höhe und der Wunsch nach verlässlicher Bodenhaftung.

Den Dichter sehe ich derweil mit seiner geliebten und besungenen Muschelkalk auf besonnter Terrasse. Wir teilen den Appetit und das Dürsten nach Lüften. Mit seinen Versen und denen anderer Poeten genießen wir was vom Sommer bleibt.

Für die Bild- und Textauswahl des heutigen Tages danke ich wieder Bernd Michael Köhler.

Foto: Bernd Michael Köhler

 

Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich „Euer Gnaden“.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

(Joachim Ringelnatz)

An der Donau ist Literaturwoche!

Zehn Tage Leidenschaft für Literatur, besondere Bücher aus unabhängigen Verlagen, ergänzt um feine musikalische Anreicherungen. Vom 20. bis zum 29. April dauert die diesjährige Literaturwoche Donau. Der Verein Literatursalon Donau e. V. und zahlreiche Partner und Unterstützer laden ein.

Freunde schöner Poesie und Poetik, großer Erzählungen und überraschender Texte sollten vorschlafen und sich die Abende und Wochenenden freihalten für das ambitionierte und breit gefächerte Programm. 

Am Freitag 20. April findet bei freiem Eintritt die Eröffnungsveranstaltung im Haus der Museumsgesellschaft Ulm in der Neuen Straße statt. Mit Hernan Ronsino ist gleich eine der wichtigsten Stimmen der argentinischen Literatur zu Gast. Er hat den Übersetzer Luis Ruby und seinen deutschen Verleger Ricco Bilger mitgebracht. Für die musikalischen Akzente des Abends sorgt das Silber Quartett.

Zwei markante Veranstaltungsorte im Rahmen der Literaturwoche Donau 2018: Ulmer Münster und das Haus der Museumsgesellschaft

Was bieten die folgenden Tage?

Um nur einige Höhepunkte zu nennen: Jonas Lüscher stellt seinen Roman über das Streben und Scheitern des Rhetorikprofessors Kraft vor. Iris Wolff liest aus dem vielbesprochenen und hochgelobten, aus vier zusammenhängenden Erzählungen bestehenden Roman So tun als ob es regnet (bei dem Titel handelt es sich um eine rumänische Redensart). Bei Anna Baars Als ob sie träumend gingen begegnen wir einer kroatisch-österreichischen Autorin, die ebenso sprachmächtig wie anrührend von Liebe in Zeiten des Krieges erzählt. Der Schweizer Thomas Meyer besticht mit feinem Humor und Hintersinn. Sein aktuelles Buch Trennt euch! ist konsequenterweise eine überraschende Liebeserklärung an die Beziehung zwischen zwei Menschen.

Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein behauptet Thomas Kapielski. Um das zu überprüfen wird am Schlusssontag zu einer Frühschoppenlesung ins Ulmer Künstlerhaus geladen. Es empfiehlt sich jedoch Zurückhaltung beim Genuss geistiger Getränke, denn am Abend kann man zusammen mit Sudabeh Mohafez den Münsterturm besteigen. In schwindelnder Höhe wird sie ihren Stadtschreibertext vorstellen, der für diese Literaturwoche entstanden ist.

Künstlerhaus und Münsterturm sind nur zwei der wunderbaren Lokalitäten die Florian Arnold und Rasmus Schöll, die beiden Hauptmacher der Veranstaltungsreihe, dem Publikum erschließen konnten. Gespannt sein darf man nicht zuletzt auf die Botschaft internationale Stadt im Herzen Ulms auf dem Hans-und-Sophie-Scholl-Platz. Im bayerischen Nachbarn Neu-Ulm geht es zum Wiley-Kiosk, ins frisch renovierte Edwin-Scharff-Museum und das beliebte Café d’Art.

Im Rahmen der diesjährigen Literaturwoche Donau findet schließlich und zum guten Schluss noch die Erste Ulmer Buchmesse der unabhängigen Verlage statt. Am Sonntag, 29. April im renommierten Museum Villa Rot in Burgrieden (der Ort liegt etwa 20 Kilometer südlich der Donau-Doppelstadt) und bereits einen Tag zuvor, dem Samstag, in den Räumen der Museumsgesellschaft Ulm. 19 Verlage aus ganz Deutschland – aus Ulm sind danubebooks und Topalian & Milani vertreten – präsentieren ein breites Spektrum schöner Bücher, exquisiter Gestaltung und hochwertiger Literatur. Der Eintritt ist frei.

In den Städten Ulm und Neu-Ulm hängen bereits flächendeckend die von Joachim Brandenburg großartig gestalteten Einladungs-Plakate aus. Hinsehen lohnt sich. Das vollständige Programm (das natürlich viel mehr bietet als die hier aufgeführten Appetithappen) mit genauen Angaben zu Orten, Zeiten und Preisen findet man überall dort wo Kultur stattfindet, ganz sicher aber in den beiden Stadtbibliotheken und der Buchhandlung Aegis.

Infos im Netz gibt es hier:

http://literatursalon.net/literaturwoche-donau-2018/

 

Die Kerners

Felix Huby und Hartwin Gromes erzählen eine wenig bekannte Familiengeschichte.

Die frisch erworbene Flasche Kerner-Wein kommt erst einmal in des Kellers kühlen Grund, damit der Inhalt die empfohlene Trinktemperatur von 8 bis 10 Grad Celsius annehmen kann. Dann die Lektüre vor der Lektüre. Es ist mehr ein Schmökern, im fetten gelben Band 3857 von Reclams Universal-Bibliothek, der Ausgewählte Werke des schwäbischen Dichters Justinus Kerner (1786 – 1862) enthält: Prosa, Biographisches, viele Gedichte. Glaubt einem Gram ihr zu entfliehen / Wenn ihr entflieht dem alten Raum? / Der Glaube ist ein irrer Traum: / Der Gram wird allwärts mit euch ziehen.

Zur Bibliotherapie taugen solche Reime weniger, immerhin erfährt man in Bausingers Schwäbischer Literaturgeschichte von des Dichters Spaß an der Klecksographie. Dort liest man von seinem Hang zum Okkultismus und vom Arzt Kerner der vom Meßmerschen Magnetismus überzeugt war. Als ein Freund des Weines, nach dem viele Jahrzehnte nach seinem Tod in Weinsberg die Sorte Kerner benannt wurde, brachte er es zeitweise auf einen Verzehr von zwei bis drei Litern am Tag, was seine Frau Friederike schließlich zu begrenzender Kontrolle veranlasste. So ist es nicht verwunderlich dass seiner Feder mancher Vers entsprang, der immer wieder gerne in feucht-fröhlicher Runde gesungen wird: Wohlauf, noch getrunken den funkelnden Wein …

Justinus Kerner ist die bekannteste Persönlichkeit der weitverzweigten Kerner-Sippe, zu seiner Zeit war er ebenso eine Berühmtheit wie die schreibenden Kollegen Ludwig Uhland und Gustav Schwab. In Hubys und Gromes Buch steht er nicht allein im Mittelpunkt. Zentrale Figuren sind neben ihm seine beiden Brüder Georg und Karl. Um sie herum wird von weiteren Familienmitgliedern erzählt. Den Eltern Christoph Ludwig Kerner (1744 – 1799) und seiner Gattin Friederike Luise geborene Stockmayer (1750 – 1817), dem Paar wurden im Lauf der Jahre 12 Kinder geboren, sechs Töchter erreichten das Erwachsenenalter nicht. Und den zahlreichen Nachkommen, deren Schicksal nur angedeutet werden kann um den verträglichen Rahmen des Erzählwerks nicht zu sprengen.

Justinus Kerner ist heute gerade noch eingefleischten Literaturfreunden ein Begriff. Seine nahezu vergessenen Brüder Georg und Karl waren hingegen wichtige, einflussreiche Figuren der schwäbischen und europäischen Geschichte. Georg war ein sanfter Revolutionär. Zunächst Feuer und Flamme für die Ideen der französischen Revolution, wandte er sich später von Frankreichs Politik ab, als er erleben musste, wie ein neoabsolutistischer Napoleon seine Rolle als Führer der Grand Nation interpretierte und schließlich Europa mit Schrecken und Tod überzog. Georg lebte als Diplomat, Arzt, Journalist und gescheiterter Geschäftsmann in Paris, Florenz und Hamburg. In der Hansestadt wirkte er hoch angesehen unter anderem als Armenarzt. 1812 starb er dort 42-jährig an einer Infektion, die er sich bei seiner ärztlichen Tätigkeit zugezogen hatte. Geboren wurde er im gleichen Jahr wie Friedrich Hölderlin: 1770.

Den kranken und alten Hölderlin in seinem Turmzimmer mit Neckarblick erlebte der Bruder Justinus als angehender Arzt, zu dem er an der württembergischen Kaderschmiede Karlsschule ausgebildet wurde. Die Anstalt war direkt dem Herzog unterstellt und hatte den Auftrag begabte Landeskinder zu frommen und untertänigen Dienern der württembergischen Dynastie heranzuzüchten. Dass es einigen dieser jungen Männern gelang der Unterdrückung zu entkommen und ihre Talente anderweitig und andernorts zu entfalten wissen wir nicht nur von Friedrich Schiller.

Ein treuer Diener von Herzog und Staat war lebenslang Karl Kerner (1775 – 1840), nach der Erhebung in den Adelsstand Karl von Kerner. Als Offizier führte er ein württembergisches Heer im Gefolge Napoleons in den Russland-Feldzug. Seine Mannschaften wurden vom russischen Winter und von des Gegners raffinierter Kriegsführung aufgerieben. Nur wenige kehrten in die Heimat zurück. Karl war anschließend nicht bereit die Seiten zu wechseln und erneut und diesmal gegen die Franzosen ins Feld zu ziehen. Er wurde Minister, Direktor der landeseigenen Eisen- und Hüttenwerke und schließlich Gutsbesitzer im hohenlohischen Niederhofen.

Die Familie Kerner, die Geschichte des 19. Jahrhunderts, das württembergische Herzogtum und Ausschnitte der schwäbischen Literaturgeschichte boten den Autoren überreichen Stoff für einen dichten, fesselnden Roman rund um die Brüder Georg, Karl und Justinus. Felix Huby, den wir seit Jahrzehnten als versierten Krimi- und Drehbuchschreiber kennen, gelingen einmal mehr realistisch wirkende Dialoge, die uns die menschlichen Facetten der Protagonisten näher bringen.

Der promovierte Theaterwissenschaftler, Dramaturg und langjährige Professor für Kulturwissenschaften Hartwin Gromes hat schon öfters mit Huby zusammengearbeitet. Er dürfte wohl in erster Linie für das Recherchieren der historischen Fakten und Zusammenhänge zuständig gewesen sein. Wo sachliches Wissen eingeflochten und wo das fiktive Erzählen zur raffiniert konstruierten Melange beiträgt, ist für einigermaßen erfahrene Leser unschwer zu erkennen. Entstanden ist ein biographisch fundierter Roman der sich süffig wie ein guter Kerner liest, bestens unterhält und ganz nebenbei eine leicht verdauliche Portion schwäbische Heimatkunde im europäischen Kontext vermittelt.

Längst hatte die Flasche Kerner vom Besigheimer Felsengarten ideale Trinktemperatur erreicht, konnte aufgeschraubt und der hellgelbe Wein eingeschenkt werden. … zarter Duft von Birne und grünem Apfel, leichte Muskataromen, fruchtbetonte, feingliedrige, würzige Fruchtsäure, saftige Süße im Abgang. Wird empfohlen zu Kalbs- und Nierenbraten, Geflügel, würzigem Käse. Passt jederzeit auch zu einem guten Buch.

***

Huby, Felix; Gromes, Hartwin: Die Kerners. Eine Familiengeschichte. Roman. – Klöpfer & Meyer, 2018

Kerner, Justinus: Ausgewählte Werke. – Philipp Reclam jun., 1981 (Universal-Bibliothek; 3857)

Bausinger, Hermann: Eine Schwäbische Literaturgeschichte. – Klöpfer & Meyer, 2016

Die Vergnügungen des Bertolt Brecht

Tema con variazioni

Zu finden ist es in Werk- und Einzelausgaben, in Sammelbänden und Anthologien. Es ist bekannt, beliebt und vielfach verbreitet. Das Gedicht Vergnügungen von Bertolt Brecht (1898 – 1956). Vor mir liegt das Suhrkamp Taschenbuch Bertolt Brecht: Hundert Gedichte. Ausgewählt von Siegfried Unseld. Aufgeschlagen ist Seite 164. Er hat es wohl 1954 geschrieben und seiner letzten Geliebten, der Schauspielerin Käthe Reichel gewidmet. Thematik und Struktur reizen ganz besonders zu persönlicher Interpretation. Deshalb gibt es heute auf con=libri zwei Variationen, zwei individuelle Versuche, die keinesfalls den Anspruch erheben, sich mit dem Original messen zu können.

I

Berner Weltmeisterjahrgang, beheimatet in der Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm, die Herzallerliebste eine Götterbotin, als Wörter- und Bildersammler unterwegs, erkundet lesend den Weltinnenraum, schreibt um sich zu durchqueren, bibliophilen Eskapaden nicht abgeneigt, lebensbegleitend: der Eremit aus Montagnola, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Die Variation von Diplom-Bibliothekar a. D. Bernd Michael Köhler:

Vergnügungen (Bertolt Brecht gewidmet)

Der erste Blick in ein neues Buch
Die wiedergefundene alte Schrift
Freundliche Gesichter
Stille, der Schatten an einem Sommertag
Die Zeitung
Der Schreibtisch
Der Buddha
Lesen, weiterlesen
Klangwelten
Radfahren
Begreifen
Bibliotheken, Briefe
Schreiben, Zuhören
Fotografieren
Philosophieren
Anders sein.

II

Wurzeln in der Goethestadt Ilmenau, längst in Ulm, dem umliegenden Oberschwaben und Westallgäu zuhause, mit steter Lust auf Abstecher nach Leipzig und Wien, Spaziergänger, Buchmensch, Leser und Schreiber. Die Variation von Jan Haag:

Freuden  (für Charlotte und Marie Luise)

Der erste Blick in die Zeitung am Morgen
Die nächsten Bücher
Der Wechsel der Jahreszeiten
Das frische Hemd

Nachdenken
Skepsis
Lesen dürfen
Schreiben können
Begreifen

Alte Musik
Andere Musik

Schlendern durch Gassen
An Fluss oder See sitzen
Kleine Fluchten
Ankommen

Lange Gespräche
Verstanden werden

 

 

“Zum Lesen gibt es keine Alternative” – Notizen zur Leipziger Buchmesse 2017 (II)

Buchmesse 2016. Buchmesse 2017. In den letzten 12 Monaten hat sich die Welt verändert. Deshalb werden in diesem Jahr die Besucherströme kanalisiert und auf allen Zugangswegen Sicherheitskontrollen durchgeführt. Kräftige Männer in Plastewesten mit fluoriszierenden Streifen erkundigen sich freundlich ob Hieb-, Stich- oder Schusswaffen in Handtaschen und Rucksäcken mitgeführt werden, werfen dabei einen meist kurzen Blick in zu öffnende Gepäckstücke. Es geht höflich und verständnisvoll zu. Jedoch, an den “Dolch im Gewande” denkt niemand.

Am taz-Stand sorgte einer der überzeugtesten und überzeugendsten Europäer für enormen Andrang. Mit Schlagfertigkeit und knitzem Humor erreicht der 92-jährige Alfred Grosser mühelos ein junges Publikum. Überall in Europa sind es vor allem junge Menschen, die am Gemeinschaftsgedanken, an freien Grenzen und freiem Denken festhalten wollen. Grosser bestätigt diese Haltung, verkörpert sie selbst ausgesprochen glaubwürdig und bekommt dafür viel Zustimmung und Beifall.

Alfred Grosser (rechts)

“Le Mensch” ist der Titel seines neuesten Buches, das er auf der Messe vorstellte, “Die Ethik der Identitäten” der Untertitel. “Facettenreich und mit vielen persönlichen Rückblicken schreibt Grosser über die Entstehung und Moral sozialer Identität. Dabei wehrt er sich gegen ein altes Grundübel, das aktueller ist denn je – den Finger, der auf andere zeigt, das ‘schlimme DIE’: DIE Muslime, DIE Frauen, DIE Juden, DIE Deutschen, DIE Flüchtlinge. Ein großes Buch, das uns auffordert, auch in schwierigen Zeiten niemals unsere Menschlichkeit zu verlieren.” Heißt es in der Ankündigung des Verlags.

Litauen war das diesjährige Gastland in Leipzig. Ein kleiner Staat am Rande Mitteleuropas, mit einer Ostseeküste, die einst die Familie Mann zu schätzen wusste und in den großartigen Dünen einige Sommerurlaube verbrachte. Ein gewichtiges Pfund für die Tourismuswerbung des baltischen Landes. Darüber hinaus gab man sich alle Mühe den Messebesuchern das literarische Litauen näher zu bringen. Etwa mit einem gedruckten “Crashkurs”, der auf 130 Seiten in “100 Jahre litauischer Literatur” einführt. Die Anzahl der Bücher in deutscher Übersetzung ist nach wie vor überschaubar. Die Titel erscheinen meist in kleineren ambitionierten Verlagen. Wie zum Beispiel dem von Sebastian Guggolz.

Seit wenigen Jahren erst gibt es den Verlag, der sich auf Wiederauflagen und Neuübersetzungen – u. a. von Nobelpreisträgern – aus Nord- und Nordosteuropa spezialisiert hat. Aus Litauen ist der dort allgemein bekannte und sehr verehrte Antanas Skema (1910 – 1961) vertreten. Wie Albert Camus kam der Dichter, der Exiljahre in Deutschland und den USA verbrachte, viel zu jung bei einem Autounfall ums Leben. Der Roman “Das weiße Leintuch” ist sein zentrales, bis heute im Original viel gelesenes Werk. Entlang eigener biographischer Erlebnisse erzählt es vom Schicksal eines Schriftsteller im Exil. Das alter ego des Verfassers schöpft seine Zuversicht sehr stark aus den Erinnerungen an die Heimat. Die baltische Landschaft, literarische Traditionen, Folklore. Die frische Übersetzung ist kommentiert und – wie alle Bücher bei Guggolz – hochwertig ausgestattet.

Sebastian Guggolz (ohne), Klaus Schöffling (mit Bart)

Sebastian Guggolz war mit seinem Verlag einer der Gewinner des diesjährigen “Kurt-Wolff-Preises” für unabhängige Verlage. Während er den Förderpreis entgegennehmen durfte, ging der Hauptpreis an den schon seit vielen Jahren etablierten Verlag Schöffling & Co. und seinen Verleger Klaus Schöffling. “Liebe zum Buch, Mut und Leidenschaft”, seien erforderlich um im heutigen Wettbewerb mit schönen Büchern und außergewöhnlicher Literatur bestehen zu können. So der Laudator Burkhard Spinnen. Gerade die jährlichen Ereignisse auf und rund um die Leipziger Buchmesse zeigen, dass dafür nach wie vor ein gar nicht so kleines Publikum ansprechbar ist.

Besonderes, Schönes, Spannendes und gelegentlich Überraschendes kommt Jahr für Jahr aus der Schweiz. Unsere Nachbarn sprechen, schreiben und lesen ja in nicht weniger als vier Sprachen. Schon bei der Konzentration auf den stärksten Sprachraum, den deutschsprachigen, ist das Angebot so üppig, dass die Auswahl schwer fällt. Martin Suters neuen Roman “Elefant” habe ich allerdings noch nicht gelesen. Ihm wurde einmal mehr große Aufmerksam zuteil, versteht er es doch immer wieder, solide Unterhaltungsliteratur auf gutem Niveau in die Buchläden zu bringen.

Franz Hohler, dessen Erzählungen in der Schweiz schon zum klassischen Schulstoff gehören, war in diesem Jahr mit seinem Gedichtband “Alt?” vor Ort. (“Wird die Sparlampe / die du im WC einschraubst / Brenndauer 10.000 Stunden / länger halten als du?”) Ich habe mir einige von ihm vorgetragene Auszüge angehört, ziehe allerdings seine Prosatexte weiterhin vor. Zuletzt habe ich von ihm den Roman “Gleis 4” gelesen. Noch vergleichsweise jung ist Jonas Lüscher. Ihn konnte ich als Vorleser aus seinem Roman “Kraft” am Schweizer Gemeinschaftsstand erleben. Auf con=libri wurde das Buch bereits besprochen.

Lukas Bärfuss

“Leipzig ist ein Fest für Leser und Schreibende,” findet Lukas Bärfuss, dessen Auftritt mich besonders beeindruckt hat. Er gehört zu denen, die trotz aller professionellen Verbindlichkeiten gerne nach Leipzig kommen. Er spricht über seinen “Hagard”. Anspielungsreich und vieldeutig ist schon der Name des Protagonisten der obsessiven Geschichte. Bärfuss hat eine Schwäche für “Lexiköner” und den Begriff in einem Jagdlexikon gefunden; auch in Shakespears “Kaufmann von Venedig” taucht er auf. Es sind die roten Pumps einer Frau, die er nie richtig zu Gesicht bekommen wird, die Hagards Obsession und seinen daraus resultierenden Niedergang einleiten. Bärfuss: “Kleider machen Leute stimmt gar nicht, Schuhe machen Leute.” Der schmale Roman des Schweizers gehört zu den fesselndsten und originellsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs.

“In dieser kenntnisreichen Biografie dürfen wir alle Astrid Lindgren noch einmal erleben”, schrieb “Dagens Nyheter” als die Originalausgabe von Jens Andersens umfangreicher Lebens- und Werkbeschreibung erschien. Jetzt liegt sie als Taschenbuchausgabe vor. Sie ist deshalb aktuell, weil darin ausführlich die Haltung Lindgrens als Zeitgenossin und politischer Mensch gewürdigt wird. Im Mittelpunkt ihre Vorstellung von einer gewaltfreien Erziehung unter Achtung der Kinderrechte und ihr Wunsch nach einem friedlichen Miteinander in der Welt. Sehr eindrucksvoll sind in diesem Zusammenhang ihre Tagebücher, die sie während des zweiten Weltkriegs verfasst hat. Diese liegen seit Ende letzten Jahres ebenfalls in einer preiswerten broschierten Ausgabe vor

“Und dann muss man ja auch noch Zeit haben einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.” Diese Lebenshaltung schien ihr keinesweg nur für Kinder empfehlenswert. Ihrem Rat zu folgen bietet schließlich die Zugfahrt Richtung Heimat Gelegenheit. Zeit um dazusitzen, aus dem Zugfenster auf das vorbeiziehende Deutschland zu schauen, Begegnungen mit all den Wahlverwandten in Leipzig, auf der Buchmesse und dem Lesefestival “Leipzig liest” Revue passieren zu lassen, natürlich um zu lesen, und ein wenig auch zu träumen. Von einem Europa das nicht an Oder und Memel, Nordsee und Alpen, Rhein und Karpaten enden darf. Es war der an diesen Tagen in Leipzig der am häufigsten geäußerte Wunsch an die Zukunft: Ein friedliches, tolerantes, demokratisches Europa ohne Grenzen, das in jeder Hinsicht offen bleibt.

Foto: Wiebke Haag

Grosser, Alfred: Le Mensch. Die Ethik der Identitäten. – Dietz, 2017. Euro 24,90

Katkus, Laurynas: 100 Jahre litauischer Literatur. Ein Crashkurs. – Lithuanian Culture Institute, 2017

Hier erfährt man mehr dazu und kann die Broschüre anfordern:

www.lithuanianculture.lt

Skema, Antanas: Das weiße Leintuch. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. – Guggolz, 2017. Euro 21

Hohler, Franz: Alt?. Gedichte. – Luchterhand, 2017. – Euro 16

Lüscher, Jonas: Kraft. Roman – s. dazu:

Kraft auf con=libri

Bärfuss, Lukas: Hagard. Roman. – Wallstein, 2017. Euro 19,90

Andersen, Jens: Astrid Lindgren. Ihr Leben. – Pantheon, 2017. Euro 16,99 (Dt. Originalausgabe bei DVA, 2015)

Lindgren, Astrid: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939 – 1945. – Ullstein Taschenbuch, 2016. Euro 14 (Dt. Originalausgabe Ullstein, 2015)

November

Es ist November. Und es ist Krieg. In Afrika. Im Jemen. Im Nahen Osten. In der Ukraine. Es sind Bürgerkriege. Religionskriege. Kriege um Einfluss, Macht, Machterhalt, Rohstoffe, gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Despotismus. In Deutschland sind Kriegsgräber. Kreuze auf Rasenflächen die an unsere Kriege erinnern.

Nach jedem Krieg ein überzeugtes “Nie wieder!” Zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg lagen gerade einmal 21 Jahre. Deutschland lebt nun seit über 70 Jahren in einem friedensähnlichen Zustand. Doch dieser Zustand ist labil, das Gleichgewicht allzeit gefährdet, die Ruhe trügerisch. Wenn Geschichte mit Erfahrung zu tun hat, dann muss uns der Verstand sagen, dass der letzte Krieg in Deutschland, den meine Generation nur aus Erzählungen von Eltern und Großeltern kennt, nicht der wirklich letzte gewesen sein wird.

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„Toter Soldat / Deine Feldpost im Regen der wie Feuer fällt / Toter Soldat / Und daneben der Segen der kein Wort mehr hält.“ (1)

Irgendeine Wiese, umzäunt, irgendwo in Deutschland. Holz- oder Granitkreuze mit Aufschrift: “Unbekannter Soldat”.

Ein Paul, ein Peter, ein Wilhelm oder ein Walter. Es gibt niemanden mehr, der das noch weiß. Vielleicht hat er geschrieben, wollte Schriftsteller oder Journalist werden. Ich stelle mir vor, irgendwo existieren noch Tagebücher, Kladden mit Gedichtversuchen, geheftete Blätter mit Romanentwürfen. Sicher hat er mit Tinte geschrieben, eventuell mit Bleistiften. Ob er schon eine Schreibmaschine besessen hat?

Gefallen 1918. Kurz vor Kriegsende? Waren seine Haare blond, braun oder dunkel. War er groß oder eher klein, untersetzt oder schlank. Verliebt? Der einzige Sohn oder Bruder seiner Geschwister? Wie ist er gestorben, verreckt? Nach langem Leiden oder plötzlich, bewußt oder im Delirium, mit Schmerzen oder leicht. Hat er gebetet, auf ein Leben nach dem Tod gehofft oder den Gott an den er glaubte verflucht?

„Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuß? / Oder hat ein Geschoß Dir die Glieder zerfetzt / Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt / Bist Du auf Deinen Beinstümpfen weitergerannt / Und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein, eine Hand?“ (Hannes Wader, Es ist an der Zeit) (2)

Wie war er? War er ein Angeber und Haudrauf, der keinem Gelage, keiner Keilerei aus dem Weg ging? Oder ein stiller Stubenhocker und Leisetreter? Ein Fechter, ein Reiter, Mitglied im Schützen- oder Gesangverein?

Vielleicht war er Leser. Ein Freund der Bücher des noch jungen Thomas Mann, der Romane Theodor Fontanes, der Dramen Gerhard Hauptmanns. Als Freund der zeitgenössischen Lyrik kannte er bereits den Generations-Genossen Georg Trakl.

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Gedichte, Lieder, Erzählungen über gefallene Soldaten, den Schrecken der Kriege, all das Grauen, das bewaffnete Konflikte erzeugen, können so ergreifend schön sein. Und es gibt Songs die protestieren, aufrühren, auffordern zum Wiederstand, Hintergründe benennen und Schuldige. Die warnen, rufen, flüstern und trauern. Wie die des aktuellen Literatur-Nobelpreisträgers, der häufig abstreitet dass er irgendetwas mit Politik am so gern getragenen Hut hat. Doch viele seiner Texte haben klare unmissverständliche Aussagen:

„Come you masters of war / You that build all the guns / You that build the death planes / You that build all the bombs / You that hide behind walls / You that hide behind desks / I just want you to know / can see through your masks.“ (3)

Sein Klassiker “Blowing in the wind” erklingt zusammen mit Pete Seegers “Sag mir wo die Blumen sind” (“Where have all the Flowers gone”) seit über 50 Jahren auf nahezu jeder Friedensdemo und Lichterkette. Angeregt zu seinem Song wurde Seeger durch das aus Litauen stammende “Zogen einst fünf wilde Schwäne”, das 1918 vor dem Hintergrund des großflächigen Vernichtungskrieges, den sie später den Ersten Weltkrieg nennen würden, von dem Volkskundler Kurt Plenzat aufgezeichnet wurde und in dem eine Strophe so geht:

“Zogen einst fünf junge Burschen / stolz und kühn zum Kampf hinaus. / Sing, sing, was geschah? / Keiner kehrt nach Haus.”

220px-georg_trakl_-_gedichte_erstausgabe_1913_im_kurt_wolff_verlagGeorg Trakl, den ich meinem unbekannten Soldaten gerne als Lektüre unterstellen würde, kam 1887 in Salzburg zur Welt. Seinen Kampf hatte er von Anfang an verloren. Dazu bedurfte es keines Krieges. Schulprobleme, frühe Drogenabhängigkeit, vergebliche Versuche sich beruflich und bürgerlich zu etablieren, 1914 fandt er im Sanitätsdienst Verwendung. Es war das schwere Leben eines Lebensuntauglichen, der an seiner Zeit und seinen Mitmenschen litt. Anfang Oktober 1914 wurde er in ein Militärhospital in Krakau eingewiesen, wo er am 3. November an einer Überdosis Kokain starb. Ob Versehen oder Suizid bleibt unklar.

Hinterlassen hat Trakl wenig. Vieles blieb Fragment. Seine Gedichte haben einen einzigartigen Klang. Stark von düsteren Farben und Bildern sind sie durchdrungen, voll Sprachkraft und Gestaltungswillen, doch meist ohne Hoffnung und Zuversicht.

„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen / Und blauen Seen, darüber die Sonne / Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht / Sterbende Krieger, die wilde Klage / Ihrer zerbrochenen Münder.“ (Der Anfang von Georg Trakls Gedicht  “Grodek”) (4)

Zum Kontrast noch einmal der tapfere, inzwischen alt, jedoch nie mutlos gewordene Liedermacher. Mit einer Zuversicht, der anzuschließen, mir nicht recht gelingen will:

„Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit / Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.“ (2)

***

(1) “Ihre Kinder”, 1971. “Ihre Kinder” war eine Rockband der späten 1960er und frühen 1970er Jahre; sie zählte zu den Pionieren deutschsprachiger Rockmusik und war Vorbild für Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen u. a.

(2) Das von Hannes Wader gesungene “Es ist an der Zeit“ ist die deutschsprachige Version von Eric Bogles „No man’s Land“.

(3) Bob Dylan: „Masters Of War“. – Übertragung ins Deutsche: Kommt, ihr Herren des Krieges / Ihr, die ihr die Kanonen baut / Ihr, die ihr die Kampfflugzeuge baut / Ihr, die ihr all die Bomben baut /Ihr, die ihr euch hinter Mauern versteckt / Ihr, die ihr euch hinter Schreibtischen versteckt / Ich möchte nur, dass ihr wisst / Ich kann durch eure Masken sehen.

(4) Trakl, Georg: Das dichterische Werk, 14. Aufl. – DTV, 1995 (dtv klassik)

Auf einen kleinen Braunen ins Kafka

Sommertage in Wien

ein faulsein / ist nicht lesen kein buch / ist nicht lesen keine zeitung / ist überhaupt nicht kein lesen (Ernst Jandl, 1925 – 2000)

Wasser gab es in der Gegend immer reichlich. Die Wasserläufe aus den Quellen in Oberreinprechtsdorf wurden schon vor Jahrhunderten erschlossen und in den kaiserlichen Hof geleitet. Daran erinnert der Brunnen mit seinen sieben Wasserspendern auf dem Siebenbrunnenplatz. Logisch, dass die Eisdiele schräg gegenüber “Sette Fontane” heißt.

Der heutige 5. Bezirk, das einstige Besitztum Margareten, kam 1850 zu Wien. Im 20. Jahrhundert entstand ein Wohnquartier der Arbeiterschaft, der kleinen Angestellten, der niederen Beamten. Fast 55.000 Menschen sind inzwischen hier zuhause. Es dominieren die Gemeindebauten, kleine Ladengeschäfte für fast Alles, Handwerker, Imbisse und Kneipen. Düfte und Gerüche des Orients, aus Asien und vom Balkan kämpfen gegen die Diesel- und Benzindämpfe des stets dichten Verkehrs in engen Straßen.

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Fast ein Drittel der Margaretner sind nicht in Österreich geboren, haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Vielleicht wirkt der Siebenbrunnenplatz auf den ersten Blick nicht eben einladend. Doch an milden Abenden ist er ideal zum lässigen Draußensein und wird zum quirligen urbanen Treffpunkt. Neben breitem Wiener Stadtteil-Dialekt hört man Unterhaltungen, Diskussionen, kleine Streitereien auf Serbisch, Türkisch, Ungarisch, Arabisch.

August 2016. Gleich um die Ecke dieses beliebten Unterzentrums eines ganz normalen großstädtischen Wohnviertels haben wir uns zum wiederholten Male während eines Wien-Aufenthalts einquartiert. Bis vor Kurzem wussten wir allerdings nicht, wo wir da gelandet sind:

“In diesem nicht besonders ansehnlichen Quartier im fünften Wiener Gemeindebezirk, in dieser Abgrundgegend also, weitgehend bevölkert von Unterschichts- und Randexistenzen, unter Menschen, von denen die wenigsten jemals ein Buch auch nur in der Hand gehalten dürften … ”.

So sieht und beschreibt der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller und selbsternannte Wien-Kenner Marcel Beyer den Kern Margaretens. (Nachzulesen in der FAZ vom 1. Juli.)

Uns gefällt die Gegend. Bei ausgiebigen Streifzügen gedenken wir seliger Geister, die vor uns durch diese Straßen, über diese Plätze wandelten, wie der nuschelnde Mime und Barde Hans Moser, der berühmte Sozialdemokrat und langjährige Bürgermeister Bruno Kreisky. Und natürlich der von hier als internationaler Popstar durchstartende Falco. Im Garten von dessen Stamm-Beisl, dem “Alten Fassl”, verbringen wir in geselliger Runde einen angeregten Sommerabend.

Sogar Menschen mit Buch sieht man gelegentlich zwischen Wienfluss und Südbahntrasse, selbst Alphabetismus macht sich breit zwischen Wieden und Meidling, schließlich gibt es im Viertel weiterführende Schulen und höhere Lehranstalten. Eine aktuelle Bachmann-Preisträgerin mit Rotkäppchen-Anmutung wohnt in einem typischen Gemeindebau und kehrt, wie auch wir, ab und an in einer der unkomplizierten Gaststätten auf dem Siebenbrunnenplatz ein. Zum sommerlich frischen Weißwein-Spritzer, zum Bier, auf einen Eisbecher, zu Falafel oder Pizza, Schnitzel oder Backhendl.

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Ich muss noch verraten, was den zukünftigen Georg-Büchner-Preisträger letztlich herführte und seinen Mut loben. Kam er doch auf dem Weg zu Gespräch und Recherche vorbei am “Vereinslokal der Wiener Hells Angels.” Das hat er gewagt, um “eine der größten Dichterinnen, die das zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat”, zu treffen und darüber zu berichten. Friederike Mayröcker, die “seit ihrer Geburt am 20. Dezember 1924, vier Uhr nachmittags”, in dieser “Abgrundgegend”, diesem Margareten, lebt und schreibt. Viele Jahre davon eng befreundet mit Ernst Jandl.

“es war ein glück, daß ich 1954 mit der dichterin friederike mayröcker zusammentraf, die schon damals einen guten namen besaß, und ich schrieb an ihrer seite viele gedichte. wir sind bis heute eng verbunden, aber wir leben nicht zusammen, denn ich verstand es nicht, etwas an glück dauerhaft zu machen.” (Ernst Jandl: biographische notiz)

Hin und wieder lässt Frau Mayröcker die Arbeit an ihrem hermetischen Werk ruhen und verlässt die mit Manuskripten verstopfte Klause und begibt sich zu ihrer Lieblingsbuchhändlerin. Die Buchhandlung von Anna Jeller liegt ein paar Schritte außerhalb von Margareten, in Wieden, dem 4. Bezirk. Bei einer gemeinsamen Zigarette vor dem Laden plaudern die beiden lebenskundigen Damen sicher nicht nur über Bücher, nicht nur über Lesen und Schreiben. Für die Dichterin allerdings ist Schreiben zentraler Lebenssinn, der sie bis ins hohe Alter erhält.

“ … ach die Wörter in ihrer Windigkeit, ich meine ich ahnte das ganze ohne dasz ich wuszte wohin es mich führen sollte, also ich wuszte nicht genau was ich eigentlich schreiben wollte, ABER ÜBERHAUPT SCHREIBEN!, nicht wahr, das war die Hauptsache.” (Mayröcker, Liebling)

Zu meinen liebsten Bücher-Orten in Wien gehört das “Phil”. Buchhandlung, Denkplatz, Kaffeehaus und Heldenplatz von Menschen, die mit ihren Apple-Laptops auf Kaffehaus-Literat Version 21. Jahrhundert machen. In den Regalen und Auslagen gibt es für mich immer wieder Bücher und SchriftstellerInnen zu entdecken, die auf den bundesdeutschen Büchertischen selten zu finden sind. Während Eva Menasses Romane in Deutschland durchaus gelesen werden, sind ihre Kolumnen und Essays eher unbekannt. Ich entdecke eine Sammlung davon in einem frisch erschienenen btb-Taschenbuch mit dem Titel “Lieber aufgeregt als abgeklärt”.

Die Wahl-Berlinerin berichtet von einer für sie überraschenden Einsicht: “Die Deutschen nämlich lieben uns. Das ist für den frisch eingewanderten Österreicher die erschütterndste Erkenntnis… Diese Begeisterungsstürme, sobald man den Mund öffnet. Sie überschütten uns mit Komplimenten zu unserem weichen, gemütlichen Akzent … “

Halten wir “Piefkes” uns hingegen in Austria auf, wird diese Liebe leider keineswegs gleichermaßen herzlich erwidert. In Wien geht’s. Denn “Wien ist nicht Österreich” hört man hier eben so oft, wie bestimmt. Womit sich die Hauptstädter recht geschickt von manch politischem Trend der Provinz distanzieren.

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Im “Phil” blättere ich in dem bunt-witzigen Buch zur Ausstellung “Literarische Cartoons”, die bis Ende August im Museums-Quartier zu sehen war. Mit Karikaturen von Till Mette, Greser & Lenz und vielen mehr. Für Literaturfreunde und -hasser gleichermaßen geeignet, vielleicht schon einen ersten Eintrag auf dem Weihnachts-Wunschzettel wert. Einen weiteren interessanten Titel habe ich entdeckt. Dazu gleich mehr.

“in Wien ist ein schloß und vor dem schloß steh jetzt ich.” (wieder Ernst Jandl)

Beim Bummel zwischen den bunten Beeten und akuraten Hecken der Gartenanlage des Belvedere (leicht ansteigendes Gelände, Schloss oben, Schloss unten) kann man für einige Zeit stickiger Hitze und Verkehrslärm entkommen. Schattige Bänke laden zum Verweilen und Nachsinnen über Pracht und Prunk der ehemaligen Habsburger k. und k. Monarchie. Ihre Hinterlassenschaften sind unverzichtbare Anziehungspunkte für uns Zeitgenossen und Touristen, die aus aller Welt und zu jeder Jahreszeit in die österreichische Hauptstadt strömen. Die Geschichte dieses ehemals so mächtigen Großreichs und faszinierend vielstimmigen Kultraums, wirkt bis in unsere Gegenwart. Ihr Erbe sind nicht zuletzt die unvergleichlichen Kunstwerke aus Malerei, Musik und Literatur.

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Der rumäniendeutsche Schriftsteller Richard Wagner hat ein ebenso lehrreiches wie unterhaltsames Buch über die Donaumonarchie mit dem Titel “Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt” geschrieben. In kleinen literarischen Essays und Anekdoten umreißt er Bedeutung und Wirkung des österreichisch-ungarischen Kaiserkönigtums. Beginnend mit der “Schönen Blauen Donau”, über die “Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs” bis “Neunzehnhundertneunundachtzig” reicht das Spektrum, in dem auch Kafka und Musil, das Rezept der Doboschtorte, Stalin und Tito Platz gefunden haben.

“Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.” (Diese Erkenntnis wird Franz Kafka zugeschrieben – ich habe es nicht verifiziert.)

So ganz klar komme ich mit der Aussage nicht. Was mich nicht davon abhalten kann den Nachmittagskaffee einmal im leicht morbiden “Kafka” einzunehmen, wo dieses und andere Zitate, sowie allerhand Künstlerportraits an den Wänden hängen. Den kleinen Braunen gibt es mit etwas warmer Milch im separaten Mini-Kännchen und einem Glas frischen Wasser auf dem kleinen Tablett, das hier nicht aus Silber, sondern hygienischen Chromnickelstahl besteht. Das “Kafka” heißt “Kafka” nach Franz Kafka, auf der übersichtlichen Karte findet man Vegetarisches.

Das “Jelinek” ist hingegen nicht nach der Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek benannt. Das Lokal mit seinem vor langer Zeit entstandenen und seitdem stilvoll gealterten Ambiente, seinen knarrenden Türen und dem schiefen Kachelofen, hat eine der größten Zeitungsauslagen aller mir bekannten Wiener Kaffeehäuser. Österreichische Blätter wie “Standard”, “Salzburger Nachrichten” oder “Tiroler Tageszeitung” und internationale Organe von “Süddeutscher Zeitung”, über “Le Monde” bis “The Times”.

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Leider hat das Interesse an diesen Druckerzeugnissen sichtlich nachgelassen. In den Stunden unserer Besuche blieben sie unberührt. Keiner der Gäste verbarg sich hinter einem der Großformate, bevorzugt wurden Tablet, Laptop und Smartphone. Eine mich irritierende und, wie zu befürchten, unumkehrbare Tendenz.

Ein Buch, wie jenes mit den kurzen Arbeiten von Eva Menasse, das ich von diesem Wien-Aufenthalt mit nach Hause nehme, würde es ohne Tageszeitungen gar nicht geben. Die hier versammelten kleinen Perlen knapper, prägnanter Form höherer Schreibkunst erschienen zuerst und erscheinen vorerst weiterhin in gedruckten Zeitungen.

Dass sich diese, bis vor wenigen Jahren viel genutzte, ebenso geliebte wie viel gescholtene Medienform, dass sich Neuigkeiten und Hintergründe mit abfärbender Druckerschwärze aufs holzige Papier gebracht, eindeutig auf dem Rückzug befinden, beschäftigt mich sehr. Der nächste Beitrag auf con=libri wird deshalb, und aus Anlass einer aktuellen Neuerscheinung, diesem Thema gewidmet sein.

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Jandl, Ernst: Aus dem wirklichen Leben. Gedichte & Prosa. Mit 66 Grafiken von Hans Ticha. – Büchergilde Gutenberg, 2000

Mayröcker, Friederike: Und ich schüttelte einen Liebling. – Suhrkamp, 2005

Menasse, Eva: Lieber Aufgeregt als abgeklärt. Essays. – btb, 2016

Ettenauer, Clemens (Hrsg.): Literarische Cartoons. – Holzbaum Verlag, 2016

Wagner, Richard: Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt. – Hoffmann und Campe, 2014