“Zum Lesen gibt es keine Alternative” – Notizen zur Leipziger Buchmesse 2017 (II)

Buchmesse 2016. Buchmesse 2017. In den letzten 12 Monaten hat sich die Welt verändert. Deshalb werden in diesem Jahr die Besucherströme kanalisiert und auf allen Zugangswegen Sicherheitskontrollen durchgeführt. Kräftige Männer in Plastewesten mit fluoriszierenden Streifen erkundigen sich freundlich ob Hieb-, Stich- oder Schusswaffen in Handtaschen und Rucksäcken mitgeführt werden, werfen dabei einen meist kurzen Blick in zu öffnende Gepäckstücke. Es geht höflich und verständnisvoll zu. Jedoch, an den “Dolch im Gewande” denkt niemand.

Am taz-Stand sorgte einer der überzeugtesten und überzeugendsten Europäer für enormen Andrang. Mit Schlagfertigkeit und knitzem Humor erreicht der 92-jährige Alfred Grosser mühelos ein junges Publikum. Überall in Europa sind es vor allem junge Menschen, die am Gemeinschaftsgedanken, an freien Grenzen und freiem Denken festhalten wollen. Grosser bestätigt diese Haltung, verkörpert sie selbst ausgesprochen glaubwürdig und bekommt dafür viel Zustimmung und Beifall.

Alfred Grosser (rechts)

“Le Mensch” ist der Titel seines neuesten Buches, das er auf der Messe vorstellte, “Die Ethik der Identitäten” der Untertitel. “Facettenreich und mit vielen persönlichen Rückblicken schreibt Grosser über die Entstehung und Moral sozialer Identität. Dabei wehrt er sich gegen ein altes Grundübel, das aktueller ist denn je – den Finger, der auf andere zeigt, das ‘schlimme DIE’: DIE Muslime, DIE Frauen, DIE Juden, DIE Deutschen, DIE Flüchtlinge. Ein großes Buch, das uns auffordert, auch in schwierigen Zeiten niemals unsere Menschlichkeit zu verlieren.” Heißt es in der Ankündigung des Verlags.

Litauen war das diesjährige Gastland in Leipzig. Ein kleiner Staat am Rande Mitteleuropas, mit einer Ostseeküste, die einst die Familie Mann zu schätzen wusste und in den großartigen Dünen einige Sommerurlaube verbrachte. Ein gewichtiges Pfund für die Tourismuswerbung des baltischen Landes. Darüber hinaus gab man sich alle Mühe den Messebesuchern das literarische Litauen näher zu bringen. Etwa mit einem gedruckten “Crashkurs”, der auf 130 Seiten in “100 Jahre litauischer Literatur” einführt. Die Anzahl der Bücher in deutscher Übersetzung ist nach wie vor überschaubar. Die Titel erscheinen meist in kleineren ambitionierten Verlagen. Wie zum Beispiel dem von Sebastian Guggolz.

Seit wenigen Jahren erst gibt es den Verlag, der sich auf Wiederauflagen und Neuübersetzungen – u. a. von Nobelpreisträgern – aus Nord- und Nordosteuropa spezialisiert hat. Aus Litauen ist der dort allgemein bekannte und sehr verehrte Antanas Skema (1910 – 1961) vertreten. Wie Albert Camus kam der Dichter, der Exiljahre in Deutschland und den USA verbrachte, viel zu jung bei einem Autounfall ums Leben. Der Roman “Das weiße Leintuch” ist sein zentrales, bis heute im Original viel gelesenes Werk. Entlang eigener biographischer Erlebnisse erzählt es vom Schicksal eines Schriftsteller im Exil. Das alter ego des Verfassers schöpft seine Zuversicht sehr stark aus den Erinnerungen an die Heimat. Die baltische Landschaft, literarische Traditionen, Folklore. Die frische Übersetzung ist kommentiert und – wie alle Bücher bei Guggolz – hochwertig ausgestattet.

Sebastian Guggolz (ohne), Klaus Schöffling (mit Bart)

Sebastian Guggolz war mit seinem Verlag einer der Gewinner des diesjährigen “Kurt-Wolff-Preises” für unabhängige Verlage. Während er den Förderpreis entgegennehmen durfte, ging der Hauptpreis an den schon seit vielen Jahren etablierten Verlag Schöffling & Co. und seinen Verleger Klaus Schöffling. “Liebe zum Buch, Mut und Leidenschaft”, seien erforderlich um im heutigen Wettbewerb mit schönen Büchern und außergewöhnlicher Literatur bestehen zu können. So der Laudator Burkhard Spinnen. Gerade die jährlichen Ereignisse auf und rund um die Leipziger Buchmesse zeigen, dass dafür nach wie vor ein gar nicht so kleines Publikum ansprechbar ist.

Besonderes, Schönes, Spannendes und gelegentlich Überraschendes kommt Jahr für Jahr aus der Schweiz. Unsere Nachbarn sprechen, schreiben und lesen ja in nicht weniger als vier Sprachen. Schon bei der Konzentration auf den stärksten Sprachraum, den deutschsprachigen, ist das Angebot so üppig, dass die Auswahl schwer fällt. Martin Suters neuen Roman “Elefant” habe ich allerdings noch nicht gelesen. Ihm wurde einmal mehr große Aufmerksam zuteil, versteht er es doch immer wieder, solide Unterhaltungsliteratur auf gutem Niveau in die Buchläden zu bringen.

Franz Hohler, dessen Erzählungen in der Schweiz schon zum klassischen Schulstoff gehören, war in diesem Jahr mit seinem Gedichtband “Alt?” vor Ort. (“Wird die Sparlampe / die du im WC einschraubst / Brenndauer 10.000 Stunden / länger halten als du?”) Ich habe mir einige von ihm vorgetragene Auszüge angehört, ziehe allerdings seine Prosatexte weiterhin vor. Zuletzt habe ich von ihm den Roman “Gleis 4” gelesen. Noch vergleichsweise jung ist Jonas Lüscher. Ihn konnte ich als Vorleser aus seinem Roman “Kraft” am Schweizer Gemeinschaftsstand erleben. Auf con=libri wurde das Buch bereits besprochen.

Lukas Bärfuss

“Leipzig ist ein Fest für Leser und Schreibende,” findet Lukas Bärfuss, dessen Auftritt mich besonders beeindruckt hat. Er gehört zu denen, die trotz aller professionellen Verbindlichkeiten gerne nach Leipzig kommen. Er spricht über seinen “Hagard”. Anspielungsreich und vieldeutig ist schon der Name des Protagonisten der obsessiven Geschichte. Bärfuss hat eine Schwäche für “Lexiköner” und den Begriff in einem Jagdlexikon gefunden; auch in Shakespears “Kaufmann von Venedig” taucht er auf. Es sind die roten Pumps einer Frau, die er nie richtig zu Gesicht bekommen wird, die Hagards Obsession und seinen daraus resultierenden Niedergang einleiten. Bärfuss: “Kleider machen Leute stimmt gar nicht, Schuhe machen Leute.” Der schmale Roman des Schweizers gehört zu den fesselndsten und originellsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs.

“In dieser kenntnisreichen Biografie dürfen wir alle Astrid Lindgren noch einmal erleben”, schrieb “Dagens Nyheter” als die Originalausgabe von Jens Andersens umfangreicher Lebens- und Werkbeschreibung erschien. Jetzt liegt sie als Taschenbuchausgabe vor. Sie ist deshalb aktuell, weil darin ausführlich die Haltung Lindgrens als Zeitgenossin und politischer Mensch gewürdigt wird. Im Mittelpunkt ihre Vorstellung von einer gewaltfreien Erziehung unter Achtung der Kinderrechte und ihr Wunsch nach einem friedlichen Miteinander in der Welt. Sehr eindrucksvoll sind in diesem Zusammenhang ihre Tagebücher, die sie während des zweiten Weltkriegs verfasst hat. Diese liegen seit Ende letzten Jahres ebenfalls in einer preiswerten broschierten Ausgabe vor

“Und dann muss man ja auch noch Zeit haben einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.” Diese Lebenshaltung schien ihr keinesweg nur für Kinder empfehlenswert. Ihrem Rat zu folgen bietet schließlich die Zugfahrt Richtung Heimat Gelegenheit. Zeit um dazusitzen, aus dem Zugfenster auf das vorbeiziehende Deutschland zu schauen, Begegnungen mit all den Wahlverwandten in Leipzig, auf der Buchmesse und dem Lesefestival “Leipzig liest” Revue passieren zu lassen, natürlich um zu lesen, und ein wenig auch zu träumen. Von einem Europa das nicht an Oder und Memel, Nordsee und Alpen, Rhein und Karpaten enden darf. Es war der an diesen Tagen in Leipzig der am häufigsten geäußerte Wunsch an die Zukunft: Ein friedliches, tolerantes, demokratisches Europa ohne Grenzen, das in jeder Hinsicht offen bleibt.

Foto: Wiebke Haag

Grosser, Alfred: Le Mensch. Die Ethik der Identitäten. – Dietz, 2017. Euro 24,90

Katkus, Laurynas: 100 Jahre litauischer Literatur. Ein Crashkurs. – Lithuanian Culture Institute, 2017

Hier erfährt man mehr dazu und kann die Broschüre anfordern:

www.lithuanianculture.lt

Skema, Antanas: Das weiße Leintuch. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. – Guggolz, 2017. Euro 21

Hohler, Franz: Alt?. Gedichte. – Luchterhand, 2017. – Euro 16

Lüscher, Jonas: Kraft. Roman – s. dazu:

Kraft auf con=libri

Bärfuss, Lukas: Hagard. Roman. – Wallstein, 2017. Euro 19,90

Andersen, Jens: Astrid Lindgren. Ihr Leben. – Pantheon, 2017. Euro 16,99 (Dt. Originalausgabe bei DVA, 2015)

Lindgren, Astrid: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939 – 1945. – Ullstein Taschenbuch, 2016. Euro 14 (Dt. Originalausgabe Ullstein, 2015)

November

Es ist November. Und es ist Krieg. In Afrika. Im Jemen. Im Nahen Osten. In der Ukraine. Es sind Bürgerkriege. Religionskriege. Kriege um Einfluss, Macht, Machterhalt, Rohstoffe, gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Despotismus. In Deutschland sind Kriegsgräber. Kreuze auf Rasenflächen die an unsere Kriege erinnern.

Nach jedem Krieg ein überzeugtes “Nie wieder!” Zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg lagen gerade einmal 21 Jahre. Deutschland lebt nun seit über 70 Jahren in einem friedensähnlichen Zustand. Doch dieser Zustand ist labil, das Gleichgewicht allzeit gefährdet, die Ruhe trügerisch. Wenn Geschichte mit Erfahrung zu tun hat, dann muss uns der Verstand sagen, dass der letzte Krieg in Deutschland, den meine Generation nur aus Erzählungen von Eltern und Großeltern kennt, nicht der wirklich letzte gewesen sein wird.

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„Toter Soldat / Deine Feldpost im Regen der wie Feuer fällt / Toter Soldat / Und daneben der Segen der kein Wort mehr hält.“ (1)

Irgendeine Wiese, umzäunt, irgendwo in Deutschland. Holz- oder Granitkreuze mit Aufschrift: “Unbekannter Soldat”.

Ein Paul, ein Peter, ein Wilhelm oder ein Walter. Es gibt niemanden mehr, der das noch weiß. Vielleicht hat er geschrieben, wollte Schriftsteller oder Journalist werden. Ich stelle mir vor, irgendwo existieren noch Tagebücher, Kladden mit Gedichtversuchen, geheftete Blätter mit Romanentwürfen. Sicher hat er mit Tinte geschrieben, eventuell mit Bleistiften. Ob er schon eine Schreibmaschine besessen hat?

Gefallen 1918. Kurz vor Kriegsende? Waren seine Haare blond, braun oder dunkel. War er groß oder eher klein, untersetzt oder schlank. Verliebt? Der einzige Sohn oder Bruder seiner Geschwister? Wie ist er gestorben, verreckt? Nach langem Leiden oder plötzlich, bewußt oder im Delirium, mit Schmerzen oder leicht. Hat er gebetet, auf ein Leben nach dem Tod gehofft oder den Gott an den er glaubte verflucht?

„Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuß? / Oder hat ein Geschoß Dir die Glieder zerfetzt / Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt / Bist Du auf Deinen Beinstümpfen weitergerannt / Und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein, eine Hand?“ (Hannes Wader, Es ist an der Zeit) (2)

Wie war er? War er ein Angeber und Haudrauf, der keinem Gelage, keiner Keilerei aus dem Weg ging? Oder ein stiller Stubenhocker und Leisetreter? Ein Fechter, ein Reiter, Mitglied im Schützen- oder Gesangverein?

Vielleicht war er Leser. Ein Freund der Bücher des noch jungen Thomas Mann, der Romane Theodor Fontanes, der Dramen Gerhard Hauptmanns. Als Freund der zeitgenössischen Lyrik kannte er bereits den Generations-Genossen Georg Trakl.

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Gedichte, Lieder, Erzählungen über gefallene Soldaten, den Schrecken der Kriege, all das Grauen, das bewaffnete Konflikte erzeugen, können so ergreifend schön sein. Und es gibt Songs die protestieren, aufrühren, auffordern zum Wiederstand, Hintergründe benennen und Schuldige. Die warnen, rufen, flüstern und trauern. Wie die des aktuellen Literatur-Nobelpreisträgers, der häufig abstreitet dass er irgendetwas mit Politik am so gern getragenen Hut hat. Doch viele seiner Texte haben klare unmissverständliche Aussagen:

„Come you masters of war / You that build all the guns / You that build the death planes / You that build all the bombs / You that hide behind walls / You that hide behind desks / I just want you to know / can see through your masks.“ (3)

Sein Klassiker “Blowing in the wind” erklingt zusammen mit Pete Seegers “Sag mir wo die Blumen sind” (“Where have all the Flowers gone”) seit über 50 Jahren auf nahezu jeder Friedensdemo und Lichterkette. Angeregt zu seinem Song wurde Seeger durch das aus Litauen stammende “Zogen einst fünf wilde Schwäne”, das 1918 vor dem Hintergrund des großflächigen Vernichtungskrieges, den sie später den Ersten Weltkrieg nennen würden, von dem Volkskundler Kurt Plenzat aufgezeichnet wurde und in dem eine Strophe so geht:

“Zogen einst fünf junge Burschen / stolz und kühn zum Kampf hinaus. / Sing, sing, was geschah? / Keiner kehrt nach Haus.”

220px-georg_trakl_-_gedichte_erstausgabe_1913_im_kurt_wolff_verlagGeorg Trakl, den ich meinem unbekannten Soldaten gerne als Lektüre unterstellen würde, kam 1887 in Salzburg zur Welt. Seinen Kampf hatte er von Anfang an verloren. Dazu bedurfte es keines Krieges. Schulprobleme, frühe Drogenabhängigkeit, vergebliche Versuche sich beruflich und bürgerlich zu etablieren, 1914 fandt er im Sanitätsdienst Verwendung. Es war das schwere Leben eines Lebensuntauglichen, der an seiner Zeit und seinen Mitmenschen litt. Anfang Oktober 1914 wurde er in ein Militärhospital in Krakau eingewiesen, wo er am 3. November an einer Überdosis Kokain starb. Ob Versehen oder Suizid bleibt unklar.

Hinterlassen hat Trakl wenig. Vieles blieb Fragment. Seine Gedichte haben einen einzigartigen Klang. Stark von düsteren Farben und Bildern sind sie durchdrungen, voll Sprachkraft und Gestaltungswillen, doch meist ohne Hoffnung und Zuversicht.

„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen / Und blauen Seen, darüber die Sonne / Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht / Sterbende Krieger, die wilde Klage / Ihrer zerbrochenen Münder.“ (Der Anfang von Georg Trakls Gedicht  “Grodek”) (4)

Zum Kontrast noch einmal der tapfere, inzwischen alt, jedoch nie mutlos gewordene Liedermacher. Mit einer Zuversicht, der anzuschließen, mir nicht recht gelingen will:

„Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit / Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.“ (2)

***

(1) “Ihre Kinder”, 1971. “Ihre Kinder” war eine Rockband der späten 1960er und frühen 1970er Jahre; sie zählte zu den Pionieren deutschsprachiger Rockmusik und war Vorbild für Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen u. a.

(2) Das von Hannes Wader gesungene “Es ist an der Zeit“ ist die deutschsprachige Version von Eric Bogles „No man’s Land“.

(3) Bob Dylan: „Masters Of War“. – Übertragung ins Deutsche: Kommt, ihr Herren des Krieges / Ihr, die ihr die Kanonen baut / Ihr, die ihr die Kampfflugzeuge baut / Ihr, die ihr all die Bomben baut /Ihr, die ihr euch hinter Mauern versteckt / Ihr, die ihr euch hinter Schreibtischen versteckt / Ich möchte nur, dass ihr wisst / Ich kann durch eure Masken sehen.

(4) Trakl, Georg: Das dichterische Werk, 14. Aufl. – DTV, 1995 (dtv klassik)

Auf einen kleinen Braunen ins Kafka

Sommertage in Wien

ein faulsein / ist nicht lesen kein buch / ist nicht lesen keine zeitung / ist überhaupt nicht kein lesen (Ernst Jandl, 1925 – 2000)

Wasser gab es in der Gegend immer reichlich. Die Wasserläufe aus den Quellen in Oberreinprechtsdorf wurden schon vor Jahrhunderten erschlossen und in den kaiserlichen Hof geleitet. Daran erinnert der Brunnen mit seinen sieben Wasserspendern auf dem Siebenbrunnenplatz. Logisch, dass die Eisdiele schräg gegenüber “Sette Fontane” heißt.

Der heutige 5. Bezirk, das einstige Besitztum Margareten, kam 1850 zu Wien. Im 20. Jahrhundert entstand ein Wohnquartier der Arbeiterschaft, der kleinen Angestellten, der niederen Beamten. Fast 55.000 Menschen sind inzwischen hier zuhause. Es dominieren die Gemeindebauten, kleine Ladengeschäfte für fast Alles, Handwerker, Imbisse und Kneipen. Düfte und Gerüche des Orients, aus Asien und vom Balkan kämpfen gegen die Diesel- und Benzindämpfe des stets dichten Verkehrs in engen Straßen.

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Fast ein Drittel der Margaretner sind nicht in Österreich geboren, haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Vielleicht wirkt der Siebenbrunnenplatz auf den ersten Blick nicht eben einladend. Doch an milden Abenden ist er ideal zum lässigen Draußensein und wird zum quirligen urbanen Treffpunkt. Neben breitem Wiener Stadtteil-Dialekt hört man Unterhaltungen, Diskussionen, kleine Streitereien auf Serbisch, Türkisch, Ungarisch, Arabisch.

August 2016. Gleich um die Ecke dieses beliebten Unterzentrums eines ganz normalen großstädtischen Wohnviertels haben wir uns zum wiederholten Male während eines Wien-Aufenthalts einquartiert. Bis vor Kurzem wussten wir allerdings nicht, wo wir da gelandet sind:

“In diesem nicht besonders ansehnlichen Quartier im fünften Wiener Gemeindebezirk, in dieser Abgrundgegend also, weitgehend bevölkert von Unterschichts- und Randexistenzen, unter Menschen, von denen die wenigsten jemals ein Buch auch nur in der Hand gehalten dürften … ”.

So sieht und beschreibt der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller und selbsternannte Wien-Kenner Marcel Beyer den Kern Margaretens. (Nachzulesen in der FAZ vom 1. Juli.)

Uns gefällt die Gegend. Bei ausgiebigen Streifzügen gedenken wir seliger Geister, die vor uns durch diese Straßen, über diese Plätze wandelten, wie der nuschelnde Mime und Barde Hans Moser, der berühmte Sozialdemokrat und langjährige Bürgermeister Bruno Kreisky. Und natürlich der von hier als internationaler Popstar durchstartende Falco. Im Garten von dessen Stamm-Beisl, dem “Alten Fassl”, verbringen wir in geselliger Runde einen angeregten Sommerabend.

Sogar Menschen mit Buch sieht man gelegentlich zwischen Wienfluss und Südbahntrasse, selbst Alphabetismus macht sich breit zwischen Wieden und Meidling, schließlich gibt es im Viertel weiterführende Schulen und höhere Lehranstalten. Eine aktuelle Bachmann-Preisträgerin mit Rotkäppchen-Anmutung wohnt in einem typischen Gemeindebau und kehrt, wie auch wir, ab und an in einer der unkomplizierten Gaststätten auf dem Siebenbrunnenplatz ein. Zum sommerlich frischen Weißwein-Spritzer, zum Bier, auf einen Eisbecher, zu Falafel oder Pizza, Schnitzel oder Backhendl.

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Ich muss noch verraten, was den zukünftigen Georg-Büchner-Preisträger letztlich herführte und seinen Mut loben. Kam er doch auf dem Weg zu Gespräch und Recherche vorbei am “Vereinslokal der Wiener Hells Angels.” Das hat er gewagt, um “eine der größten Dichterinnen, die das zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat”, zu treffen und darüber zu berichten. Friederike Mayröcker, die “seit ihrer Geburt am 20. Dezember 1924, vier Uhr nachmittags”, in dieser “Abgrundgegend”, diesem Margareten, lebt und schreibt. Viele Jahre davon eng befreundet mit Ernst Jandl.

“es war ein glück, daß ich 1954 mit der dichterin friederike mayröcker zusammentraf, die schon damals einen guten namen besaß, und ich schrieb an ihrer seite viele gedichte. wir sind bis heute eng verbunden, aber wir leben nicht zusammen, denn ich verstand es nicht, etwas an glück dauerhaft zu machen.” (Ernst Jandl: biographische notiz)

Hin und wieder lässt Frau Mayröcker die Arbeit an ihrem hermetischen Werk ruhen und verlässt die mit Manuskripten verstopfte Klause und begibt sich zu ihrer Lieblingsbuchhändlerin. Die Buchhandlung von Anna Jeller liegt ein paar Schritte außerhalb von Margareten, in Wieden, dem 4. Bezirk. Bei einer gemeinsamen Zigarette vor dem Laden plaudern die beiden lebenskundigen Damen sicher nicht nur über Bücher, nicht nur über Lesen und Schreiben. Für die Dichterin allerdings ist Schreiben zentraler Lebenssinn, der sie bis ins hohe Alter erhält.

“ … ach die Wörter in ihrer Windigkeit, ich meine ich ahnte das ganze ohne dasz ich wuszte wohin es mich führen sollte, also ich wuszte nicht genau was ich eigentlich schreiben wollte, ABER ÜBERHAUPT SCHREIBEN!, nicht wahr, das war die Hauptsache.” (Mayröcker, Liebling)

Zu meinen liebsten Bücher-Orten in Wien gehört das “Phil”. Buchhandlung, Denkplatz, Kaffeehaus und Heldenplatz von Menschen, die mit ihren Apple-Laptops auf Kaffehaus-Literat Version 21. Jahrhundert machen. In den Regalen und Auslagen gibt es für mich immer wieder Bücher und SchriftstellerInnen zu entdecken, die auf den bundesdeutschen Büchertischen selten zu finden sind. Während Eva Menasses Romane in Deutschland durchaus gelesen werden, sind ihre Kolumnen und Essays eher unbekannt. Ich entdecke eine Sammlung davon in einem frisch erschienenen btb-Taschenbuch mit dem Titel “Lieber aufgeregt als abgeklärt”.

Die Wahl-Berlinerin berichtet von einer für sie überraschenden Einsicht: “Die Deutschen nämlich lieben uns. Das ist für den frisch eingewanderten Österreicher die erschütterndste Erkenntnis… Diese Begeisterungsstürme, sobald man den Mund öffnet. Sie überschütten uns mit Komplimenten zu unserem weichen, gemütlichen Akzent … “

Halten wir “Piefkes” uns hingegen in Austria auf, wird diese Liebe leider keineswegs gleichermaßen herzlich erwidert. In Wien geht’s. Denn “Wien ist nicht Österreich” hört man hier eben so oft, wie bestimmt. Womit sich die Hauptstädter recht geschickt von manch politischem Trend der Provinz distanzieren.

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Im “Phil” blättere ich in dem bunt-witzigen Buch zur Ausstellung “Literarische Cartoons”, die bis Ende August im Museums-Quartier zu sehen war. Mit Karikaturen von Till Mette, Greser & Lenz und vielen mehr. Für Literaturfreunde und -hasser gleichermaßen geeignet, vielleicht schon einen ersten Eintrag auf dem Weihnachts-Wunschzettel wert. Einen weiteren interessanten Titel habe ich entdeckt. Dazu gleich mehr.

“in Wien ist ein schloß und vor dem schloß steh jetzt ich.” (wieder Ernst Jandl)

Beim Bummel zwischen den bunten Beeten und akuraten Hecken der Gartenanlage des Belvedere (leicht ansteigendes Gelände, Schloss oben, Schloss unten) kann man für einige Zeit stickiger Hitze und Verkehrslärm entkommen. Schattige Bänke laden zum Verweilen und Nachsinnen über Pracht und Prunk der ehemaligen Habsburger k. und k. Monarchie. Ihre Hinterlassenschaften sind unverzichtbare Anziehungspunkte für uns Zeitgenossen und Touristen, die aus aller Welt und zu jeder Jahreszeit in die österreichische Hauptstadt strömen. Die Geschichte dieses ehemals so mächtigen Großreichs und faszinierend vielstimmigen Kultraums, wirkt bis in unsere Gegenwart. Ihr Erbe sind nicht zuletzt die unvergleichlichen Kunstwerke aus Malerei, Musik und Literatur.

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Der rumäniendeutsche Schriftsteller Richard Wagner hat ein ebenso lehrreiches wie unterhaltsames Buch über die Donaumonarchie mit dem Titel “Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt” geschrieben. In kleinen literarischen Essays und Anekdoten umreißt er Bedeutung und Wirkung des österreichisch-ungarischen Kaiserkönigtums. Beginnend mit der “Schönen Blauen Donau”, über die “Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs” bis “Neunzehnhundertneunundachtzig” reicht das Spektrum, in dem auch Kafka und Musil, das Rezept der Doboschtorte, Stalin und Tito Platz gefunden haben.

“Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.” (Diese Erkenntnis wird Franz Kafka zugeschrieben – ich habe es nicht verifiziert.)

So ganz klar komme ich mit der Aussage nicht. Was mich nicht davon abhalten kann den Nachmittagskaffee einmal im leicht morbiden “Kafka” einzunehmen, wo dieses und andere Zitate, sowie allerhand Künstlerportraits an den Wänden hängen. Den kleinen Braunen gibt es mit etwas warmer Milch im separaten Mini-Kännchen und einem Glas frischen Wasser auf dem kleinen Tablett, das hier nicht aus Silber, sondern hygienischen Chromnickelstahl besteht. Das “Kafka” heißt “Kafka” nach Franz Kafka, auf der übersichtlichen Karte findet man Vegetarisches.

Das “Jelinek” ist hingegen nicht nach der Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek benannt. Das Lokal mit seinem vor langer Zeit entstandenen und seitdem stilvoll gealterten Ambiente, seinen knarrenden Türen und dem schiefen Kachelofen, hat eine der größten Zeitungsauslagen aller mir bekannten Wiener Kaffeehäuser. Österreichische Blätter wie “Standard”, “Salzburger Nachrichten” oder “Tiroler Tageszeitung” und internationale Organe von “Süddeutscher Zeitung”, über “Le Monde” bis “The Times”.

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Leider hat das Interesse an diesen Druckerzeugnissen sichtlich nachgelassen. In den Stunden unserer Besuche blieben sie unberührt. Keiner der Gäste verbarg sich hinter einem der Großformate, bevorzugt wurden Tablet, Laptop und Smartphone. Eine mich irritierende und, wie zu befürchten, unumkehrbare Tendenz.

Ein Buch, wie jenes mit den kurzen Arbeiten von Eva Menasse, das ich von diesem Wien-Aufenthalt mit nach Hause nehme, würde es ohne Tageszeitungen gar nicht geben. Die hier versammelten kleinen Perlen knapper, prägnanter Form höherer Schreibkunst erschienen zuerst und erscheinen vorerst weiterhin in gedruckten Zeitungen.

Dass sich diese, bis vor wenigen Jahren viel genutzte, ebenso geliebte wie viel gescholtene Medienform, dass sich Neuigkeiten und Hintergründe mit abfärbender Druckerschwärze aufs holzige Papier gebracht, eindeutig auf dem Rückzug befinden, beschäftigt mich sehr. Der nächste Beitrag auf con=libri wird deshalb, und aus Anlass einer aktuellen Neuerscheinung, diesem Thema gewidmet sein.

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Jandl, Ernst: Aus dem wirklichen Leben. Gedichte & Prosa. Mit 66 Grafiken von Hans Ticha. – Büchergilde Gutenberg, 2000

Mayröcker, Friederike: Und ich schüttelte einen Liebling. – Suhrkamp, 2005

Menasse, Eva: Lieber Aufgeregt als abgeklärt. Essays. – btb, 2016

Ettenauer, Clemens (Hrsg.): Literarische Cartoons. – Holzbaum Verlag, 2016

Wagner, Richard: Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt. – Hoffmann und Campe, 2014

Sommer mit Russen

Die Natur ist weit über ihr Ziel hinausgeschritten, als sie dem Menschen das Bedürfnis nach Poesie und Liebe gab, wenn wirklich ihr einziges Gesetz die Zweckmäßigkeit ist. (Leo N. Tolstoi)

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Sommerliche Lesezeit hat den wunderbaren Vorteil, dass man bis spät in den Abend von naturgegebener Helligkeit verwöhnt wird und nicht auf den Schein schaler Lampen angewiesen ist. Einer von zahlreichen guten Gründen, die langen Sommerabende und vielleicht einige Wochen wohlverdienten Urlaubs mit intensiven Leseerlebnissen zu verbringen. Als spezielles Abenteuer eignet sich die russische Literatur mit ihren vielen hervorragenden, bekannten und weniger bekannten, Dichterinnen und Dichtern.

Wie wäre es also einmal mit einem Wechsel der normativen Blickrichtung? Im Osten findet sich reichlich Stoff für einen mitteleuropäischen Sommer. Zum Lesen bei Sonne mit kühlem Drink auf der Liege an Waldrand oder Strand; bei Regen in Zimmer und Sessel, mit schwarzem Tee und Konfitüre. (Der in russischen Büchern meist reichlich konsumierte Wodka eignet sich weniger, da er die Konzentrationsfähigkeit innert Kurzem rapide senkt.)

Der Roman “Das grüne Zelt” von Ludmilla Ulitzkaja wäre dabei nicht der schlechteste Einstieg. Er bietet nicht nur fast 600 Seiten fesselnde Unterhaltung, sondern darüber hinaus weiterführende Exkursionen zu Meilensteinen der Literaturgeschichte und ihren Protagonisten. Das große Gesellschaftspanorama spielt vor dem Hintergrund der sehr bewegten mittleren Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.

das_gruene_zelt-9783423143387Im Zentrum stehen Ilja, Micha, Sanja und ihre Patchwork-Familien. Die drei verbindet seit früher Kindheit eine Freundschaft, die in späteren Jahren durch die wechselnden gesellschaftlichen Verhältnisse und deren fortwährenden Repressionen starken Belastungen ausgesetzt wird. Eine der wichtigsten verbindenden Elemente ist die Liebe zur (russischen) Literatur. Die Saat dafür hatte der junge engagierte Lehrer Viktor Schengeli und sein Lesezirkel gelegt.

“Während sich die Schüler setzten und die Hefte auspackten, begann er die Stunde mit einem Gedicht.” Lyriker und Lyrikerinnen genießen in Russland bis heute einen hohen Stellenwert. Ihre Werke sind im Alltag gegenwärtig, werden oft vertont und gesungen. Puschkin, Pasternak, Brodsky, Achmatowa und viele andere, sind bekannt wie Filmstars, ihre Verse buchstäblich jedem Kind vertraut. Dabei sind die so verehrten Gedichte für Nichtrussen sicherlich nicht unbedingt leicht zugänglich. Ebensowenig wie die berühmten Vers-Epen eines Puschkin. Wir bevorzugen deshalb den Roman “Die Hauptmannstochter”, sein letztes abgeschlossenes Prosawerk. Es gilt als einer der absoluten Höhepunkte russischer Epik.

Zur Zeit der großen Bauernaufstände, in den Jahren 1773 – 1775 sind die Lebenswege des Aufständischen Pugatschow und des adligen Offiziers Grinjow auf schicksalhafte Weise verbunden. Dreimal werden sich beide, die eigentlich Kontrahenten sind, begegnen und in schwierigen Situationen beistehen. “Atmosphärisch dicht und mit großem Raffinement verbindet Puschkin die Handlungsstränge in einer perfekt durchdachten Komposition”, heißt es im Klappentext. Das Buch erschien erstmals 1836, ein Jahr vor dem Tod seines Verfassers durch eine Schussverletzung als Folge eines Duells. Fast 200 Jahre alt, liest sich dieser Text erstaunlich frisch und leicht, was wohl der Übersetzung von Arthur Luther zu verdanken ist.

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Zum mit anderen Augen Wiederlesen eignet sich besonders Boris Pasternaks umfang- und personenreicher “Doktor Schiwago”. Wer sich darauf einlässt wird einen grandiosen, vielschichtigen Roman jenseits jenes Hollywood-Schmelzes entdecken, den Millionen Kinogänger weltweit durch Julie Christie und Omar Sharif verabreicht bekamen.

Zur Erinnerung: Schiwagos Idealismus, seine Freiheitsideale und seine Beziehung zu Lara scheitern an der Wirklichkeit des totalitären Staates. Die Handlung spielt zwischen 1903 und 1929, und auch in dieses Buch flossen viele literarische Querverweise ein. Dazu zählen Gedichte Pasternaks im Anhang, die er Schiwago zuschreibt. Pasternak begann seine schriftstellerische Laufbahn, wie viele russische Schriftsteller als Lyriker. 1958 erhielt er für den systemkritischen “Schiwago” den Nobelpreis für Literatur.

Michail Schischkin lebt mal in Moskau, mal in Berlin, meist in Zürich. Er schreibt in russischer Sprache, seine Werke erscheinen jedoch fast gleichzeitig auf Deutsch. Im Roman “Briefsteller” wird frische junge Liebe mit der Wirklichkeit des Krieges konterkariert. Nach einer zu kurzen Zeit der Zweisamkeit muss Er ins Feld ziehen.

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Was bleibt ist ein rührender Briefwechsel, in dem nicht nur immer wieder aufs neue große Gefühle beschworen werden, sondern sich die beiden Liebenden nach und nach ihr ganzes Leben erzählen, wozu bisher die Gelegenheit fehlte. Bereits nach wenigen Seiten, kommt man als Leser nicht mehr los von dieser tragischen, aus origineller Perspektive betrachteten Geschichte eines Paares das wohl nie mehr zusammenkommen wird.

Abkühlung bei akuter Hitzewelle bietet “Der Schneesturm” von Vladimir Sorokin. Der ehemalige Erdöl- und Gas-Ingenieure hat sich in verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen versucht, bevor er als Schriftsteller das ihm gemäße Metier gefunden hatte. Er gehört einer starken Fraktion russischer Autoren an, die in ihren Arbeiten mit der Tradition des phantastischen Erzählens spielen.

51E7ZF9XMTL._SX327_BO1,204,203,200_“Der Schneesturm” ist ein leicht absurdes Märchen, rund um den Arzt Garin, der im tiefsten Winter zu einem weiter entfernt wohnenden Patienten um dringende Hilfe gerufen wird. Auf der gefährlichen Reise, zurückgelegt u. a. mit den Mini-Pferden eines angeheuerten Kutschers, gerät er in manch missliche Lage, an den Rand der Erschöpfung, und nach reichlich krassen Abenteuern, endlich ans Ziel, wo ihn weitere Überraschungen erwarten.

In der scheinbar zeit- und raumlosen Erzählung hat sich eine gewichtige Portion Zeitkritik am aktuellen Russland versteckt, die zu verstehen, eigentlich Kenntnis der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Land voraussetzt. Vladimir Sorokin kann man allerdings bedenkenlos genießen ohne jede Doppeldeutigkeit erkennen zu müssen. Er gehört sicher zu den besten, sprachgewaltigsten der zeitgenössischen Literatur in russischer Sprache.

Die Hauptfiguren in Ludmilla Ulitzkajas “Das grüne Zelt” pflegen Kontakte zu illegalen Literaturzirkeln und Dissidentengruppierungen. Deren “gemeinsamer Nenner war vermutlich ihr Abscheu gegen den Stalinismus, und natürlich das Lesen. Gieriges, besessenes Lesen.”

“Eine aktuelle Studie zeigt: Wer Romane liest, hat mehr Erfolg und sitzt weniger Vorurteilen auf. Liebesgeschichten, Krimis und Thriller sind besonders gut, Science-Fiction eher weniger.” (SZ online, 19. Juli 2016). Russische Literatur bietet darüber hinaus die Gelegenheit den persönlichen Horizont zu erweitern, indem man sich mit einem Kulturkreis beschäftigt, der in unseren gängigen Medien, im Unterricht der Schulen, den Auslagen der Bibliotheken und Buchhandlungen gemeinhin etwas zu kurz kommt. Aus ideologischen Gründen?

Durch diesen, bisher so wechselfälligen Sommer 2016, kann man berechtigerweise mit gemischten Gefühlen gehen. Seinen Lesefreuden und -lastern darf man sich dennoch ungehemmt und ohne Zurückhaltung hingeben. Die größte Schwierigkeit bei der Lektüre russischer Werke besteht in der Namensvielfalt der Figuren. Familienname, Vatername, Vorname samt mehrer Koseformen. Da ist man für jedes Personenregister zum Buch dankbar, wie man es z. B. im “Schiwago” findet. Man würde sich diese kleine Verständnishilfe öfters wünschen.

Die aktuellen Handelsbeschränkungen mit dem Reich des Ach-so-Bösen betreffen in erster Linie Maschinen und andere Industriegüter. Die reiche Fülle seiner und unserer Literatur aus Vergangenheit und Gegenwart steht auf keiner Embargo-Liste. Die Kraft des Geschichtenerzählens und grenzenlose Phantasie überwinden ohnehin alle kleinlichen Hemmnisse und Schranken.

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Ulitzkaja, Ljudmila: Das grüne Zelt. – dtv, 2014. Euro 12,90

Puschkin, Alexander: Die Hauptmannstochter. – Insel Verlag, 2014. Euro 8

Pasternak, Boris: Doktor Schiwago. – Axel Springer, 2011. Euro 7,95 (Leider nur noch in dieser “Nobelpreis Bibliothek” zu bekommen. Eine vernünftige Taschenbuch-Ausgabe fehlt derzeit.)

Schischkin, Michail: Briefsteller. – btb, 2014. Euro 10,99

Sorokin, Vladimir: Der Schneesturm. – Kiepenheuer & Witsch, 2014. Euro 8,99

Leipziger Buchmesse 2015

Worte und Welten – Themen und Bücher (der erste Teil)

Das Fest des Poeten. Und ein Fest für die Poesie. Erstmals ging einer der großen deutschen Buchpreise an einen Lyriker. An Jan Wagner und seine „Regentonnenvariationen“. Kurz darauf war die ausgelieferte Auflage in allen 4.782 Buchhandlungen der Republik komplett vergriffen. Landauf, landab blieb die Scheibe matt und die Küche kalt, in Ost und West, von jung und alt, wurden jetzt Gedichte gelesen. Das Gedicht vom Giersch („kehrt stets zurück wie eine alte schuld“), das Gedicht vom Pferd („ist es ein fuchs, ein schimmel oder rappe / hengst oder stute“), das Gedicht von den Koalas war ganz schnell der große Hit, während „giovanni gnocchi am violoncello“ mit Sicherheit in zukünftigen Anthologien vertreten sein wird, und meine Enkel werden in Schulaufsätzen dereinst „eule“, „elch“ oder „grottenolm“ zu interpretieren haben.

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Der Dichter Jan Wagner signiert seine preisgekrönten „Regentonnenvariationen“.

Im Ernst: Schön wär’s, dem Dichter zu gönnen, wenn wenigstens in einem Teil der gekauften Bücher wirklich gelesen würde. Jan Wagners Gedichte sind es wert gelesen und ausgezeichnet zu werden. Es sind kleine, fein ziselierte Geschichten, melodisch schwingend, gut lesbar bis unterhaltsam. Am besten kommen sie vom Autor oder einer geschulten Stimme rezitiert zur Geltung. Wir warten auf das Hörbuch, das es noch nicht gibt. Die Gedichte des diesjährigen Trägers des „Preises der Leipziger Buchmesse“ von einem fähigen Schauspieler kongenial eingelesen. Darauf warten wir jetzt. Und auf die Auslieferung der nächsten Auflage. Möge ab sofort auch anderen Lyrikern und Lyrikerinnen mehrere Auflagen beschieden sein.

Die Unabhängigen. Neu war in diesem Jahr das Forum „Die Unabhängigen“, ein Gemeinschaftsprojekt von Leipziger Buchmesse und Kurt-Wolff-Stiftung. Dazu Buchmesse-Chef Oliver Zille: „Mit dem Forum wollen wir einen Ort etablieren, der bei Leserpublikum, Medien und dem Buchhandel für unabhängige Verlage und deren Autoren wirbt.“ Immerhin 37 Verlage haben sich hier zusammengefunden und 44 Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Ein ausgesprochen anregender Freiraum, der in den ständig überfüllten Hallen nicht nur raren Sitzplatz bot, sondern darüber hinaus allerlei Geistreiches, Aufmunterndes, Hoffnungsvolles aus Worten und zu berichtenden Taten.

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Der Schweizer Journalist Manfred Papst bedankt sich für die Auszeichnung mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

Abgesang. Gehört bei der Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik an Manfred Papst den langjährigen Mitarbeiter von Neuer Zürcher Zeitung und deren Sonntags-Ableger, in eben jenem Forum der Unabhängigen. Beklagt wurde dabei in wohlgesetzten Worten das Ende einer langen Tradition, die im 20. Jahrhundert von Kerr und Karl Kraus über Tucholsky und Kästner bis zu den jüngst verstorbenen Marcel Reich-Ranicki und Fritz J. Raddatz währte. Papst sei ein allerletzter Nachzügler dieser Hochblüte. Der Geehrte bedankte sich selbstironisch und die Bedeutung seiner Profession bescheiden relativierend. Man müsse sich hüten diktatorisch oder besserwisserisch zu sein. Die Aufgabe sei eine vermittelnde, eine dienende. Dabei müsse man vor allem an jüngere Menschen denken, die noch unerfahren sind. Und „man muss bereit sein, sich Feinde zu machen.“ Dabei ist „der Hochstapler Felix Krull unser Schutzheiliger.“

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Blauer Engel. Für eine gelbe Institution. Die Wand aus hunderten Bänden der Reclams Universalbibliothek ist immer wieder gern gesehener Blickfang auf Buchmessen. Der im selben Farbton gehaltene Gesamtkatalog des Unternehmens sehr begehrt. Doch neuerdings ist nicht mehr nur gelb angesagt. Reclam erhielt vor kurzem den „Blauen Engel“ für die Produktion seiner Universalbibliothek. Jene broschierten, gleichzeitig strapazierfähigen und langlebigen Kleinformate, die in fast jede Tasche passen, werden schon seit über 10 Jahren aus Recycling-Materialien hergestellt. Zur Buchmesse erschienen die ersten Bände mit Umweltzeichen. Der „Blaue Engel“ ist das Umweltzeichen der Bundesregierung; die Vergabe erfolgt nach einer strengen Zertifizierung. Bücher- und Umweltfreunde können also guten Gewissens zugreifen und sich ein Bändchen mehr gönnen.

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Foto: Leipziger Messe GmbH / Rainer Justen

Taktlos. „Durch Wald und Wiese, Heide und Hain, / jagte mich Sturm und starke Not: / nicht kenn’ ich den Weg, den ich kam. / Wohin ich irrte, weiß ich noch minder: / Kunde gewänn’ ich des gern.“ Wem wohl wäre dieses Dilemma fremd, das hier einer beschreibt, der dort in Leipzig geboren wurde, wo heute ein Einkaufstempel glänzt, dessen noble Shops sicherlich nur wenige Bewohner der hochgelobten Musik- und Literaturstadt frequentieren können? Vielleicht wäre Richard Wagner mit Reimen, wie den hier zitierten aus der „Walküre“, heute ja auf der Buchmesse vertreten. Oder auch nicht. Welcher Verleger würde schon solch bemühten Schwulst herausbringen? Tatsächlich vertreten war er mit seiner Musik – dem Vorspiel aus den Meistersingern – auf jener Eröffnungsveranstaltung im Gewandhaus zu Leipzig, auf der die deutsch-israelische Freundschaft und 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen den beiden problematischen Staaten eine zentrale Rolle spielten. Die israelischen Gäste ließen die heroischen Klänge ohne sichtbare Regung an sich vorbeischallen.

Weil er in diesem Jahr so früh kommt…

 

…beginnt die neue con=libri-Saison mit zwei Herbstgedichten

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Verfall

(von Georg Trakl, 3. 2. 1887 – 3.11.1914)

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

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Zum hundertsten Todesjahr des Dichters erschien eine bewährte Biographie in neuer, aktualisierter Bearbeitung: Weichselbaum, Hans: Georg Trakl. – Otto Müller, 2014

Fast Alles von Georg Trakl findet man in: Trakl, Georg: Das dichterische Werk. – DTV, 2008

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Und für alle, denen dieses für Trakl so typische Werk zu schwermütig ist, noch dies:

Äpfellese

(von Hoffmann von Fallersleben, 2.4.1798 – 19.1.1874)

Das ist ein reicher Segen
In Gärten und an Wegen!
Die Bäume brechen fast.
Wie voll doch alles hangelt!
Wie lieblich schwebt und pranget
Der Äpfel goldne Last!

Jetzt auf den Baum gestiegen!
Lasst uns die Zweige biegen,
Dass jedes pflücken kann!
Wie hoch die Äpfel hangen,
Wir holen sie mit Stangen
Und Haken all‘ heran.

Und ist das Werk vollendet,
So wird auch uns gespendet
Ein Lohn für unsern Fleiß.
Dann zieh’n wir fort und bringen
Die Äpfel heim und singen
Dem Herbste Lob und Preis.

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Mehr Lyrik zur Jahreszeit bietet ein schmales, leichtes und wohlfeiles Bändchen: Polt-Heinzl, Evelyne: Herbstgedichte. – Reclam, 2012

Leipziger Buchmesse 2014

Der erste Teil: Themen und Momente

„Der Dichter frisch voran.“ (Joseph von Eichendorff)

Nach dem milden Winter hatte es der März leicht. Weder Strom noch Bäche mussten vom Eise befreit werden. Der Bücherhimmel über Leipzig strahlte in den ersten beiden Messetagen klar und blau, nach Kälte und Schnee im Vorjahr, diesmal der willkommene Kontrast erster milder Frühlingstage. So war die Stimmung des Publikums gehoben und erwartungsfroh. Am besten bei all jenen, die einen der zahlreich vergebenen Preise überreicht bekamen. Allen voran Sasa Stanisic mit seinem allseits hochgelobten Roman „Vor dem Fest“, als Gewinner des angesehenen und viel beklatschten „Preises der Leipziger Buchmesse“ in der Kategorie Belletristik. Am Abend vor der Messe konnte ich mich bei einer längeren Vorstellung aller fünf nominierten Autoren und ihrer Bücher davon überzeugen, dass dieser Roman und Martin Mosebachs „Blutbuchenfest“ preiswürdige literarische Qualität besitzen.

media_21223761--INTEGERDer diesjährige „Preis der Literaturhäuser“ ging an die Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky, „als eine Autorin, die sich in besonderem Maße um das Gelingen von Literaturveranstaltungen verdient gemacht hat und selbst den Akt des Signierens zu einem künstlerischen Moment macht.“ Leipzig zeichnet sich ja dadurch aus, dass uns Lesern die Schriftsteller und anderen Künstler besonders nahe kommen und ungezwungen begegnen. Und so wunderte ich mich, als Judith Schalansky, im engen Gedränge der Gänge an mir vorbei kam, nur darüber, dass ich sie sofort erkannte, weil sie genau so aussah wie auf den Fotos in ihren Büchern. Ein durchaus ungewöhnliches Phänomen – man vergleiche nur einmal die Abbilder der unzähligen Crime-Ladys mit den realen Frauen.

Einen besonders interessanten und wichtigen Preis vergab einmal mehr die Kurt-Wolff-Stiftung, die damit die Erinnerung an den großen Verleger Kurt Wolff (1887 bis 1963) wach hält. Diese Auszeichnung für kleine unabhängige, besonders engagierte Verlage, erhielten der Berliner Verbrecher Verlag (Hauptpreis, mit Euro 26.000 dotiert) und der in Hamburg beheimatete Mairisch Verlag (Förderpreis, Euro 5.000). Von persönlicher Dankbarkeit geprägt war die Laudatio des in mehreren Schreib-Sparten fleißigen Dietmar Dath, waren doch dessen erste Publikationen in eben jenem Verbrecher Verlag erschienen

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Der indische Historiker und Publizist Pankaj Mishra.

Im festlichen Rahmen der offiziellen Eröffnungsfeier der Buchmesse, die alljährlich viel Prominenz aus Politik und Gesellschaft im Gewandhaus versammelt, wird traditionell der „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ überreicht. Er würdigt „Persönlichkeiten, die sich in Buchform um das gegenseitige Verständnis in Europa, vor allem mit den Ländern Mittel- und Osteuropas, verdient gemacht haben.“ Da überraschte es im ersten Augenblick, dass in diesem Jahr der indische Publizist und Historiker Pankaj Mishra ausgezeichnet wurde. Näher kommt man den Hintergründen wenn man erfährt, dass sein aktuelles Werk „Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“, sich aus einer nicht-westlichen Perspektive mit der kolonialen Überwältigung Asiens durch den Westen beschäftigt. In Diskussionen und Interviews hat mir der ruhige reflektive Ton dieses belesenen, bescheiden auftretenden Intellektuellen („Ich bin vor allem ein großer Leser.“) sehr gut gefallen.

Politische Themen und die damit verbundenen Gespräche und Debatten, drängten sich auf der Leipziger Buchmesse 2014 und dem begleitenden Lesefestival „Leipzig liest“ immer wieder in den Vordergrund. Das Interesse war rege und alle Veranstaltungen dieser Ausrichtung fanden großen Zulauf und aufmerksame Zuhörer. Nicht immer glücklich damit wurden vielleicht Autoren, die mit ihren frisch publizierten belletristischen Erzählformen in diesen Strudel aktueller zeitgeschichtlicher Fragen gerieten. Wie etwa die ebenfalls für den Buchpreis nominierte Katja Petrowskaja, die gerne über ihren Roman „Vielleicht Esther“, mit dem sie im Vorjahr den Bachmann-Preis gewonnen hatte, gesprochen hätte. Doch ihre Gesprächspartner nahmen zu oft die Gelegenheit wahr, die gebürtige Ukrainerin, die seit vielen Jahren in Berlin lebt und deutsch schreibt, zur aktuellen Situation in ihrem Geburtsland zu befragen. Wobei einem Moderator sogar die Peinlichkeit gelang, Petrowskaja auf ihre „Sowjetvergangenheit“ anzusprechen.

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Seine Signaturen waren in Leipzig gefragt: Martin Suter gehört zu den populärsten und auflagenstärksten Autoren der schweizerischen Literatur-Szene.

Ähnlich erging es den aus dem Gastland Schweiz angereisten Schriftstellern und Schriftstellerinnen. Bietet doch dieser kleine zentraleuropäische Viersprachenstaat nicht erst seit einer jüngsten Volksabstimmung immer wieder Anlass zu kontroversen Diskussionen. Und so mussten die Autoren mehr Auskunft über die Rolle der Alpenrepublik in Europa erteilen, als über ihre schriftstellerischen Erzeugnisse. Messebesucher konnten es sich derweil auf den vielen roten Bänken bequem machen, die von den Gästen über Messe und Stadt verteilt worden waren. Schweizbesucher kennen diese willkommenen Ruhe- und Sitzgelegenheiten von den hervorragend ausgeschilderten Wanderwegen, die das ganze Land durchziehen. Auch in Leipzig wurden sie dankbar angenommen, als ideale Plätze für eine kurze Erholung der strapazierten Füße oder ein erstes Prüfen der eingesammelten Prospekte, Kataloge und Leseproben.

Neokolonialistische Kraftmeierei des Ober-Russen Putin. Säbelrasseln einer ukrainischen Regierung, die kein Wählermandat besitzt. Eine deutsche Ministerin, die einer neuen Vorwärtsverteidigung das Wort redet (Stichwort: „Stärkung der Nato an den Ostgrenzen“). Der Blick zurück ins 20. Jahrhundert sollte eigentlich gegen jede Sehnsucht nach militärischen Auseinandersetzungen in Europa immunisieren. Vor einhundert Jahren begann der Erste Weltkrieg, Auftakt zu einem Jahrhundert der Vernichtung, Verwüstung und nicht mehr rückgängig zu machenden Entkultivierung Mitteleuropas. Auch an diesem Thema und den Büchern dazu kam man in Leipzig nicht vorbei.

5143CeB2mNL._Zwei Titel sind es, die ich mir aus dem unüberschaubar breiten Angebot herauspicken würde: Herfried Münklers „Der große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918“, weil hier weit über das Militärische und Politische hinaus geblickt wird und weil ich den Autor als besonders gut lesbar schätzen gelernt habe (zuletzt: „Die Deutschen und ihre Mythen“). Sowie Hermann Vinkes „Der Erste Weltkrieg: Vom Attentat in Sarajewo bis zum Friedensschluss von Versailles.“ Für die zahlreichen Fotos, Karten und Grafiken zeichnet Ludvik Galzer-Naudé verantwortlich. Vinke gelingt es wieder ein komplexes und schwieriges Thema in äußerst ansprechender Weise für ein jüngeres Publikum aufzubereiten. Ich wünsche gerade diesem Buch eine große Leserschaft in allen Altersklassen.

Zurück zur Poesie. Und damit zur „Leseinsel Junger Verlage“. Für mich immer einer der wichtigsten und spannendsten Anlaufstellen im Messe-Tohuwabohu. Verlage wie Volland & Quist (Kurt Wolff-Förderpreis 2010), Mairisch (s. oben) und Satyr zählen hier zu den betreibenden Kräften. Bei Mairisch erschien der Debutroman von Lisa Kreißler. Auf dem Podium der Lesebühne las sie eine längere Passage aus „Blitzbirke“. Eine Liebesgeschichte mit phantastischen Elementen und altgermanischen Einsprengseln, in der die Autorin stilistisch kleinere Experimente wagt, während ansonsten durchweg – bei aller Qualität – auch von Nachwuchsautoren sehr konventionell erzählt wird.

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Nora Gomringer und das „Wortart Ensemble“.

Nora Gomringers Lyrik hingegen ist eine ganz eigene Welt, die sich nicht in gängige formale Kategorien einordnen lässt. Diese Dichterin missachtet virtuos die Grenzen von Wort und Melodie, Rap und Slam, Deklamation und Proklamation. A-capella-Interpretationen ihrer Texte durch das Dresdner Ensemble „Wortart“ zählten für mich zu den eindrucksvollsten Momenten des heurigen Leipziger Büchermärz. Die CD auf der man das hören kann trägt den schönen Titel „Wie sag ich Wunder“. Den vollen Genuss bieten allerdings nur die Live-Auftritte. Hier gibt es Hörproben und die Tour-Termine!

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In Kürze gibt es auf con = libri den zweiten Teil meiner Eindrücke von der diesjährigen Leipziger Buchmesse.

„Wir sind die Treibenden.“

Ein Jahr geht zu Ende

Neben Essen, Trinken, Schwatzen, Schenken und Beschenktwerden, Zanken und Vertragen, Zusammen- und Besinnlichsein; außer Tannenbäumebestaunen und Vorsätzefassen, Raketen zünden und Ideen zulassen, Träumen und Schlendern, bieten die Tage um Weihnachten und den Jahreswechsel noch manche Stunde (manchen Tag) zum Blättern und Schmökern, für alte und neue Lektüre, dem Wiederindiehandnehmen fast vergessener Bücher und das Entdecken literarischen Neulands.

Zur Zeit lese ich den meisterlichen Roman „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Über 800 lohnende Seiten, die natürlich etwas Geduld und Beharrlichkeit erfordern. Es ist der dritte Band der sogenannten „Wartesaal-Trilogie“ und handelt vom Schicksal einer Gruppe Menschen, die Naziherrschaft und Judenverfolgung nach Paris vertrieben haben. Die ersten beiden der inhaltlich nur lose verknüpften Bände, „Erfolg“ und „Die Geschwister Oppermann“, hatte ich bereits vor längerer Zeit gelesen.

Süffigeres liegt für danach bereit. In den freien Tagen bis zum 6. Januar möchte ich mir unbedingt noch den neuen Krimi von Elisabeth Herrmann gönnen. Er heißt „Versunkene Gräber“ und wurde von einer meiner anderen Lieblings-Spannungsautorinnen, nämlich Inge Löhnig, sehr gelobt. Herrmann greift gerne Themen der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte auf. Und so verrät der Klappentext ihres aktuellen Buches, dass ein Verbrechen in der Gegenwart, hineinführt “in die dramatischen Ereignisse des Jahres 1945, als sich die Schicksale von Tätern und Opfern kreuzten und Entsetzliches geschah.” Ich bin gespannt.

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“Seit mindestens zweihundert Jahren ist der Drang nach Beschleunigung so dominant, daß er Umwälzungen von schockierendem Ausmaß bewirkte, die ihrerseits Anlaß zu Fragen, Klagen und Warnungen gaben.”

In diesen Tagen und Wochen begleitet mich ein schmales Büchlein der aus der heutigen Slowakei stammenden, in der Schweiz lebenden Übersetzerin, Essayistin und Schriftstellerin Ilma Rakusa mit dem Titel „Langsamer! Gegen Atemlosigkeit, Akzeleration und andere Zumutungen“. Es enthält mehrere nicht allzu lange Aufsätze, jeder mit starken Bezügen zur Literatur, die um das für Viele immer drängender werdende Bedürfnis nach Entschleunigung kreisen. Zu den verweisungs- und geistreich aufgegriffenen Themen, die Rakusa mit diesem Verlangen in Zusammenhang bringt, gehören u. a. Arbeit, Natur, Muße und Reise.

Mir gefällt am besten das Kapitel “Lektüre”, in dem die Autorin den Lesern verdeutlicht, dass in ganz besonderer Weise “Lesen ein langsamer Vorgang … ist und bleibt.” Und “das sogenannte Verschlingen von Büchern … sich vorhandener Zeit und Ausdauer” verdankt. In den Gedanken von Ilma Rakusa finde ich willkommene Rechtfertigung und Bestätigung für die eigene Liebe zur Literatur, zu den Werken von Dichtern und Denkern, für meine liebste Zeitverwendung – das Lesen. “Sinnlichkeit, Beschaulichkeit, Entspannung … Lesen will nicht nur zweckdienlich sein. Daß es Erkenntnisse vermitteln und unterhalten kann, daß es zur Welt- und Ich-Findung, zur Sinnstiftung und Klärung beiträgt, ist das eine. Zugleich ist es eine sich selbst genügende Tätigkeit, die ein großes Glücksversprechen enthält.”

Der Leser “erfährt, dank Konzentration und Hingabe, ein verändertes Zeitgefühl, überwindet die Ich-Grenzen und bewegt sich in einem Raum spielerischer Autonomie.” Täuscht mein Eindruck, oder sind es tatsächlich immer weniger Menschen, die in unserer Gegenwart der Einladung, solch ganz persönliche Privilegien wahrzunehmen und in selbstbestimmtem Tempo durch die Welt zu schreiten, folgen?

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Meine allerneueste Erwerbung, nach langem Hinundherüberlegen, ist die bei Fischer erschienene Taschenbuch-Ausgabe der Romantrilogie „November 1918“. Ein literarisches Großprojekt des Schriftstellers und Arztes Alfred Döblin über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Beginn sich im neuen Jahr 2014 zum 100. Male jährt. Döblin zählt zu den etwas aus dem Blick geratenen Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am bekanntesten ist sein stilistisch außergewöhnlicher, von Rainer Werner Fassbinder einst eindrucksvoll verfilmter Roman “Berlin Alexanderplatz”. Mit Döblin wollte ich mich schon länger einmal etwas intensiver beschäftigen. Nach Feuchtwanger und dem Krimi soll dies der nächste Lesestoff werden. Ob es dazu kommt? Lesen kann man nicht wirklich planen. Es ist von Launen, Stimmungen, Angeboten und zahlreichen Einflüssen und Zufällen abhängig.

Ein Jahr geht zu Ende. Wie immer in unserem Kulturkreis mit einem 31. Dezember. Bei Anbruch des darauffolgenden Tages, dem 1. Januar, wird sich wenig geändert haben. Wir treiben weiter durch Raum und Zeit. Dimensionen für die nur der Mensch Maßeinheiten, Maßstäbe und Normen kennt. Stets auf der Suche nach sicheren Ankerplätzen. Im unauflöslichen Zwiespalt von „Wille und Vorstellung“.

„Wir sind die Treibenden“, beginnt das XXII. “Sonett an Orpheus” von Rainer Maria Rilke aus dem Jahr 1922:

Wir sind die Treibenden. / Aber der Schritt der Zeit, / nehmt ihn als Kleinigkeit / im immer Bleibenden.

Alles das Eilende / wird schon vorüber sein; /  denn das Verweilende / erst weiht uns ein.

Knaben, o werft den Mut / nicht in die Schnelligkeit, / nicht in den Flugversuch.

Alles ist ausgeruht: / Dunkel und Helligkeit, / Blume und Buch.

In Hölderlins Nähe

Ein Buch von Barbara Wiedemann erkundet Paul Celans Spuren in Württemberg und untersucht sein Verhältnis zu Deutschland.

Ende Oktober. Einer der letzten sonnigen und bunten Herbsttage. Ein Gang durch den Alten Botanischen Garten in Tübingen. Unter farbigen Baumkronen spielende Kinder mit ihren smartphonevernarrten Müttern. Junge Seiltänzer und Ballartisten auf weiten Wiesenflächen. Lesende Studentinnen und Studenten haben die Bänke besetzt. Vor der Brücke über die Ammer: Ein großer alter Herr mit langem schneeweißen Bart in Stricksocken und Ledersandalen spricht lebhaft zu einer spätsommerlich gekleideten jungen Frau mit dicker Umhängetasche und Fahrrad. Als Emeritus und Studentin stelle ich mir die Beiden vor, und dass er dabei war als Paul Celan in den 1950er und 1960er Jahren in Tübingen seine Gedichte vortrug. Vielleicht saß er neben Walter Jens, Ernst Bloch oder Hermann Lenz.

9783863510725_LBarbara Wiedemann hat ihr Celan-Buch an der Werk- und Editionsgeschichte von Celans Lyrik entlang geschrieben. Tübingen ist dabei Ausgangs- und zusammen mit Stuttgart geographischer Mittelpunkt. Die Germanistin und Romanistin Wiedemann arbeitet und schreibt seit vielen Jahren über Paul Celan. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität Tübingen und Herausgeberin zahlreicher Publikationen aus Celans Nachlass. Darunter der berührend poetische Briefwechsel mit der seelenverwandten Dichterfreundin Nelly Sachs und eine Dokumentation des Schriftverkehrs mit dem befreundeten Ehepaar Hanne und Hermann Lenz.

Hermann Lenz, ein Schriftsteller dem man früh das Etikett “Außenseiter” anklebte, hat Celan in seinem figurenreichen autobiographischen Roman “Ein Fremdling” in Gestalt des Dichters Jakob Stern auftreten lassen: “Jakob Stern las, und dabei flog alles Muffige beiseite… Von Stern ging eine Strahlungskraft aus; von ihm und seinen Versen… Stern war der einzige von heute, der sich sehen lassen konnte neben denen aus der alten Zeit; den Dichtern nämlich… “

1952 war der erste Gedichtband Celans in der Bundesrepublik erschienen. “Mohn und Gedächtnis”, der das berühmte Gedicht “Todesfuge” enthält. Im Juli des selben Jahres kam der Dichter zum ersten Mal nach Stuttgart, auf Einladung seines damaligen Verlags, der Deutschen Verlagsanstalt (DVA). Die Freundschaft mit dem Ehepaar Lenz begann bei einem Stuttgart-Besuch im Jahr 1954. “…bei ihnen wohnte Celan, weil der Verlag diesmal seinem Autor, an dem er inzwischen kräftig verdient hatte, zwar großzügig die Fahrkosten erstattete, sich um ein Hotelzimmer aber nicht gekümmert hatte.” Die enge Verbindung mit Hanne und Hermann Lenz blieb zwar nicht ganz ohne athmosphärische Störungen, doch sie gehörte bis zu seinem Freitod im Jahre 1970 zu den Konstanten in Celans Leben.

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Tübingen besuchte Paul Celan zum ersten Mal am 3. Februar 1955. Diese “Pilgerfahrt zu Hölderlin” führte ihn an das Grab im alten Stadtfriedhof und in den “‘Turm” am Neckar. 1955 erschien unter dem Titel “Von Schwelle zu Schwelle” ein weiterer Gedichtband. Seine erste Lesung in Tübingen fand am 3. Juni 1957 statt. Im Hörsaal 9 der „Neuen Aula“ der Universität, eingeladen und veranstaltet von der Buchhandlung Gastl. Vor einigen Monaten ist bei Klöpfer & Meyer ein wunderbares Buch mit dem Titel “Gastlwelt” erschienen. Eine “Hommage an eine alte Buchhandlung” mit Beiträgen dankbarer Kunden und Freunde. In ihrem Kapitel erzählt Barbara Wiedemann die Geschichte von Celans erster Lesung in Tübingen.

1959 erschien “Sprachgitter” und 1960 wurde Paul Celan mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet. Er reiste stets mit gemischten Gefühlen nach Deutschland. (Antijüdische Hass-Parolen an Häuserwänden waren keine Seltenheit.) Sehr deutlich nahm er den immer noch präsenten Antisemitismus im Land wahr und beklagte die mangelnde Aufarbeitung der Nazizeit im Deutschland nach 1945. Die Schriftsteller-Kollegen nahm er davon nicht aus. Als 1959 Heinrich Bölls “Billard um halb zehn” erschien sah er in diesem Werk ebenfalls entsprechende Tendenzen und es entspann sich eine Kontroverse zwischen den Schriftstellern.

In ihrem Buch geht Barbara Wiedemann auch noch einmal ausführlich auf die sogenannte “Goll-Affäre” ein. Die Witwe des Dichters Ivan Goll erhob gegen Celan Plagiatsvorwürfe. Obwohl sich die Unterstellungen als haltlos erwiesen, war Paul Celan tief getroffen. Aber “…viele deutsche Gesprächspartner rieten Celan vor allem dazu, seine Empfindlichkeiten doch möglichst abzustellen!” Während also die breite literarische Öffentlichkeit abwiegelte, stand Hermann Lenz dem Freund mit klaren Worten bei: “Solche Infamien sind auf die Dauer sehr gefährlich, denn eine Lüge, die immer wieder ausgesprochen wird, kann zuletzt doch noch geglaubt werden.”

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Die erste Lesung Paul Celans in Tübingen fand am 3. Juni 1957 in der „Neuen Aula“ der Universität statt.

“Ein Faible für Tübingen“. Paul Celan in Württemberg. Deutschland und Paul Celan, lauten etwas umständlich Titel und Untertitel von Barbara Wiedemanns Buch. Sie drücken aber sehr genau aus worum es der Autorin geht. Ausgehend von den zahlreichen Besuchen Paul Celans in Schwaben wird die komplizierte Beziehung eines deutschsprachigen Dichters, der kein Deutscher war, zum Land der Dichter und Denker – lange eines der Nazis und Henker – beleuchtet und akribisch aufgearbeitet. Wiedemann hat dazu zahlreiche neue Quellen erschlossen und Aussagen von Zeitzeugen einbezogen. So ist ein materialreiches Werk entstanden, das nicht immer flüssig zu lesen ist. Umfangreiche Quellen- und Literaturangaben, sowie das Register, regen zudem leicht zu Abschweifungen an. Für alle die sich mit Paul Celan beschäftigen, die sich für die literarische Szene in Württemberg und die geistige Verfassung Nachkriegsdeutschlands interessieren, ist es allerdings ein Meilenstein mit Handbuchcharakter.

“Niemandsrose” war 1963 der vierte und letzte Gedichtband Celans der zu seinen Lebzeiten in Deutschland erschien. Posthum kamen 1970 noch “Lichtzwang” und 1971 “Schneepart” heraus. Im Rahmen einer Tagung der Hölderlin-Gesellschaft in Stuttgart fand am 21. März 1970 die letzte öffentliche Lesung Paul Celans statt. Eine weitere sollte eigentlich noch im selben Jahr in Ulm stattfinden. Inge Aicher-Scholl, die Schwester der von den Nazis hingerichteten Studenten Hans- und Sophie Scholl, hatte eingeladen. Er ließ wissen, dass er gerne kommen würde und dass ein genauer Termin noch gefunden werden müsse. “Vermutlich in der Nacht vom 19. auf den 20. April hat Celan das Leben eines Überlebenden nicht mehr ertragen können. Inge Aicher Scholls Antwort vom 17. April wurde ungeöffnet aufgefunden.”

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Als ich an jenem Spätnachmittag Ende Oktober Tübingen wieder verließ, hatte ich tatsächlich große Teile des Buches vor Ort gelesen. Auf Bänken am Neckar und im Alten Botanischen Garten, bei Kaffee und Eis in der Altstadt. Im Schaufenster von Gastl entdeckte ich auf dem Rückweg einen Band mit Gedichten über Tübingen. Bevor ich ihn an der Kasse bezahlte, sah ich mich noch ein wenig zwischen den bücherprallen Regalen des engen, ganz seinem eigenlichen Zweck dienenden Ladens um, der für das geistige Leben Tübingens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielte. Dass in dem erworbenen Buch neben bekannten Namen wie Gustav Schwab, Isolde Kurz, Robert Gernhardt und natürlich Friedrich Hölderlin, weniger bekannten wie Irmgard Perfahl oder Dietrich Uffhausen, auch Paul Celan vertreten ist, kann nicht überraschen. Ausgewählt wurde sein Gedicht “Tübingen, Jänner”.

(Mit Ausnahme der Sätze aus Hermann Lenz Roman “Ein Fremdling” stammen alle Zitate aus Wiedemann, “Ein Faible für Tübingen.”)

Wiedemann, Barbara: “Ein Faible für Tübingen”. Paul Celan in Württemberg. Deutschland und Paul Celan. – Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2013

Wiedemann, Barbara (Hrsg.): Paul Celan – Nelly Sachs. Briefwechsel. – Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1993

Wiedemann Barbara; Lenz, Hanne (Hrsg.): Paul Celan – Hanne und Hermann Lenz. Briefwechsel. Mit den Briefen von Gisèle Celan-Lestrange. – Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2001

Lenz, Hermann: Ein Fremdling. Roman. – Insel Verlag, 1983

Rademacher, Heinz (Hrsg.): Gastlwelt. Hommage an eine “alte” Buchhandlung. – Klöpfer & Meyer, 2013

Borowsky, Kay; Werner, Barbara (Hrsg.): …und stochern weiter durchs Aquarell… Tübingen im Gedicht. (Mit e. Vorwort von Inge und Walter Jens), 2. Aufl. – Tübingen und Berlin: edition j. j. heckenhauer, 2004

Marcel Reich-Ranicki

„Wäre es nicht richtiger, die Poesie in das Centrum zu setzen?“ (Friedrich Schlegel, Notizen zur Philosophie)

Am Tag nach seinem Tod sahen viele Titelseiten der Tageszeitungen aus, wie sie früher immer aussahen. Unbunt. Ein großes Schwarzweiß-Portrait des Verstorbenen wurde an prominenter Stelle plaziert. Auf diesen Bildern sieht er aus, wie er für uns viel jüngere – heute durchaus auch schon Fünfzig- oder Sechszigjährigen – aussah seit wir ihn kannten. Alterslos alt, kritisch gefaltetes Gesicht, ironisch geschwungene Lippen, starke Brille. Ein temperamentvoller Mann mit lebenskräftiger Ausstrahlung.

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Er gehörte zu Jenen, die Zögerlichen wie mir versicherten, dass man die Beschäftigung mit Literatur zu einem Hauptbestandteil des eigenen Lebens machen darf. Hauptberuflich, außerberuflich, überhaupt. Wie es sich ergibt. Wie es gefällt. Alle schrägen Blicke und verletzenden Einwände, alle Verdächtigungen von ach so regen, zerstreut und unruhig tätigen Zeitgenossen, können getrost und ohne Rechtfertigungszwang ignoriert werden. Marcel Reich-Ranicki lebte eine unbedingte Hingabe an die Literatur vor. Leben in, mit und für Literatur, verstanden als Gunst, nicht ohne auch Genuss und “viel Spaß” daran zu haben.

Viel Freude und intensives Interesse hatte er am großräumig realistischen Erzählen. Mit ihm teile ich die Begeisterung für die gewichtigen Gesellschaftsromane des 19. Und 20. Jahrhunderts. Und im Gegensatz zu ihm, werde ich hoffentlich noch etwas Zeit haben um entsprechende Werke des 21. Jahrhundert zu entdecken. In der weitausholenden Epik muss – darauf legte er ausdrücklich Wert – immer auch viel Platz für die Liebe sein, auch die erotische Liebe.

Das galt ebenso für von ihm geschätzte Lyrik. Für starke Poesie, für Verse, Lieder, Bilder von bleibendem Wert, setzte er sich ein. Als Herausgeber seiner Frankfurter Anthologie. Zeitlose Höhepunkte der Dichtkunst aller Epochen wurden regelmäßiger und fester Teil einer einflussreichen Tageszeitung und erschienen in Buchform. Es ist sehr zu hoffen, dass die Serie nicht endet, dass “seine” Zeitung auch in Zukunft dafür Raum bietet. Von ihm habe ich mir sagen lassen, dass Bert Brecht einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker neuerer Zeit war. Das hatte ich selbst nie so wahrgenommen. Jetzt sah ich Brecht mit anderen Augen, las ihn völlig neu.

Thomas Manns letzter Roman blieb Fragment, denn ursprünglich hatte er einen weiteren Teil geplant. Es war dieses Buch, das ich von ihm als erstes in die Hände bekam – eher zufällig, vielleicht aus Neugierde. Stundenlang saß ich, versunken in den “Krull” und in einen alten, weinroten Plüschsessel. Ich werde damals wohl etwa 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein. Was habe ich verstanden, was empfunden? Die Sprache, der Ton, die Melodie, seine Ironie und die genial aus Realität geformte Erzählung, gewannen mich, wie ich jetzt im Rückblick feststellen kann, zunächst für sein Werk, später auch für Person und Umfeld. Es wird wohl eine lebenslange Beziehung bleiben. Dauerhaft wurden „Doktor Faustus“, „Tonio Kröger“ und „Der Tod in Venedig“ zu meinen ganz persönlichen „Hauptwerken.“ Wobei ich sagen muss, dass natürlich die „Buddenbrooks“ eine herausgehobene Sonderstellung einnehmen. Dieses Buch ist dann doch zu „famos“, grandios und virtuos.

Berlin, Thomas Mann

Thomas Mann, 1929, das Jahr in dem ihm der Nobelpreis verliehen wurde. – Quelle: Bundesarchiv Berlin. Bild 183-H28795

“Je mehr wir von Thomas Mann zu lesen bekommen, desto schwieriger wird es, diesen Leistungsethiker, diesen gigantischen Enzyklopädisten zu lieben – und desto leichter, in zu bewundern, ja zu verehren.” (Marcel Reich-Ranicki, “Das Genie und seine Helfer”, 1976)

Wo soll man bleiben mit eigener Bewunderung und Verehrung, die etwas einsam machen kann? Da freut man sich Gesinnungsbrüder zu finden. Wobei in diesem Fall Gesinnungs-Vater vielleicht die passendere Bezeichnung wäre. Es war in den letzten Jahrzehnten nicht immer leicht sich als leidenschaftlicher Thomas-Mann-Leser zu bekennen. Es gab viele Schnellaburteiler, kenntnisfreie Verächter. Wer, wie Marcel Reich-Ranicki, beim Thema Thomas Manns Epik ins Schwärmen, sehr leicht auch in referierendes Monologisieren geriet, stieß vielfach auf Ablehnung. Marcel Reich-Ranicki verdanke ich die Bestätigung meiner Ahnung, dass Thomas Mann der bedeutenste Epiker deutscher Sprache, mindestens des 20. Jahrhunderts ist. Und dass man sich zu diesem exzellenten Wirklichkeitsgestalter, handwerklich höchst anspruchsvollen Satzdrechsler und bitter-zartem Ironiker ohne Scheu und Reue bekennen kann. Er hat die umfangreiche, breitangelegte literarische Form zur Vollendung gebracht.

 “Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es.”

Erich Kästners Kinderbücher haben inzwischen vielen jungen Generationen gut getan. Wie oft habe ich das „Fliegende Klassenzimmer“ gelesen? Ich kenne alle Verfilmungen des Stoffes. Von Erich Kästner konnte, wer wollte, erfahren, das die scheinbare Unvernunft von Kindern, die vernünftigere Geisteshaltung ist. Dann natürlich seine Chansons und Gedichte für Erwachsene aus der Zeit der Weimarer Republik. “Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?” Sein Berliner Krisen-Roman „Fabian“, über die Hilflosigkeit des Individuums. Über Arbeitslosigkeit und Elend, die Endzeitstimmung der Zwischenkriegsjahre. Diese Geschichte eines begabten Menschen dem immer mehr die Hoffnung auf eine erträgliche Zukunft schwindet. Der Ausweg der sich dann doch abzeichnete, und von vielen Zeitgenossen Kästners, auch Künstlerkollegen, euphorisch eingeschlagen wurde – er führte in die Nazi-Diktatur mit all ihren furchtbaren Folgen.

Erich Kästner 1968 bei Dreharbeiten in München. Foto: MoSchle

Mit Marcell Reich-Ranicki teile ich die Sympathie für den Schriftsteller – und ein bisschen auch für diesen sächsischen Muttersohn – Erich Kästner. Zu dessen 75. Geburtstag erschien ein mehrspaltiger, liebevoller Aufsatz Reich-Rinickis in der FAZ. Zurückhaltend bis wohlwollend äußerte er sich über Kästners Verhalten während des Dritten Reichs. Kästner habe seine besondere Form des inneren Exils gewählt. Für den Autor spräche auch, dass seine Bücher von den Nazis verbrannt wurden. „Deutschlands Exilschriftsteller honoris causa“ nennt ihn deshalb der Kritiker. Für ihn war er „der Sänger der kleinen Leute, der Dichter der kleinen Freiheit.“ Kästner wollte niemanden erlösen, glaubte nicht die Welt verbessern zu können. „Er hatte nicht mehr und nicht weniger zu bieten als Grazie und Esprit, Humor und Vernunft“, heißt es im Aufsatz von 1974.

Marcel Reich-Ranickis Autobiographie „Mein Leben“ wurde ein internationaler Bestseller. Hier trat er den Beweis an, dass auch er zu den richtigen Erzählern gehört. Was mag es ihm bedeutet haben, dass sein kommerzieller Erfolg mit diesem Buch manches übertraf was die von ihm gelobten oder gescholtenen Autoren verfasst hatten? Die Lektüre von Reich-Ranickis Lebensbeschreibung war für mich einer der wichtigsten und ehrlichsten, mich sehr unmittelbar erreichenden Einblicke in die Ungeheuerlichkeiten des Dritten Reichs und das Schicksal deutscher und osteuropäischer Juden. Dieses Buch hat mein Geschichtsbild noch einmal nachhaltig geschärft und mich erneut gegen alle Formen von Relativierung sensibilisiert.

Aus seinem Schicksal schöpfte er selbst Mut, Kraft und Zuversicht. Man kann das mit eigenem Verstand kaum fassen. „Schrecken konnte ihn wenig. Er hatte andere Schrecken erfahren und überlebt,“ schrieb Volker Hage im „Spiegel“. Allen Pauschalverurteilungen hat er, der jedes Recht auf lebenslangen Hass gehabt hätte, sich stets verweigert, und bleibt so dauerhaftes Vorbild für die eigenen Sichtweisen der Gegenwart.