Shan ermittelt – Die Tibet-Krimis von Eliot Pattison

25. Januar 2017

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler

Am 10. März 2008, 49 Jahre nach dem blutig niedergeschlagenen Aufstand der Tibeter gegen die chinesische Besatzung, begannen im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele in Peking landesweite Demonstrationen für Religionsfreiheit, die Unabhängigkeit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits fünf Romane in der Tibet-Reihe des amerikanischen Schriftstellers Eliot Pattison erschienen, drei weitere sollten bis heute noch folgen.

„[ ]nichts hat mein persönliches Interesse [ ] fester verankert als der Tag, an dem ich vor vielen Jahren in einem tibetischen Tempel saß und den Mönchen zusah, die hingebungsvoll ihre religiösen Riten ausübten, als plötzlich zwanzig chinesische Polizisten mit Schlagstöcken durch die Reihen rannten.“ Dieses Erlebnis Eliot Pattisons umreißt die in seinen Kriminalromanen verhandelte zentrale Thematik, um die herum er seine Figuren und Motive gruppiert. Den Rahmen für das Erzählte bildet eine Kriminalhandlung, die mit ihrer meisterhaften Dramaturgie Spannung pur garantiert.

Eliot Pattison (geb. 1951), der nach seinem Studium zunächst als Jurist tätig war, arbeitet seit Ende der 1990er Jahre als Schriftsteller und Journalist. Viele Auslandsreisen führten ihn schon in jungen Jahren u.a. nach China und vor allem Tibet, das eine große Anziehungskraft auf ihn ausübte. Während seines Studiums hatte er sich auch mit Tibetologie und Buddhismus befasst, so dass seine fiktiven Geschichten auf einer profunden Kenntnis der Realitäten im Schneeland Tibet beruhen.

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Foto: BM Köhler

Einer der beiden Hauptakteure seiner Romane ist der in Ungnade gefallene ehemalige Chefermittler des Ministerrates in Peking, Shan Tao Chun. Fünf Jahre musste er in einem der schlimmsten chinesischen  Arbeitslager einsitzen, weil er in seiner letzten Ermittlung hohen Parteikadern zu nahe gekommen war. In der Lagerhaft lernt er den alten Mönch Lokesh kennen, der zu seinem Lehrmeister und zum zweiten Hauptakteur der Romane wird. Nach der Freilassung macht sich das ungewöhnliche Freundespaar die Erhaltung der einzigartigen Kultur und Spiritualität Tibets zu eigen. Sie retten alte Artefakte- Schreine, Statuen, Tempel etc.- vor der Zerstörungswut des chinesischen Staates und renovieren sie bei Bedarf.

Shan dringt mit jedem neuen Abenteuer immer tiefer in Theorie und Praxis des tibetischen Buddhismus ein, ohne dabei seine rationale, analytische Kompetenzen zu verlieren. Der Boden seiner Empfänglichkeit für spirituell-philosophische Botschaften wurde schon früh durch seinen Vater bereitet, der ihn in die Werke der großen chinesischen Philosophen eingeführt hatte.

Die Konstruktion des Figurenpaares Shan (Han-Chinese, Schüler) und Lokesh (tibetischer Mönch, Lehrer) schafft dem Autor viele Gelegenheiten, die Grundzüge des tibetischen Buddhismus und dessen Alltagskultur darzulegen. Lokesh, der vor der chinesischen Besetzung als junger Beamter in der Regierung des Dalai Lama gearbeitet hatte, lehrt Shan, wenn es der Handlungsablauf erlaubt bzw. erfordert, etwa die Symbolsprache und Ikonographie des komplexen tibetischen Götterkosmos. Auch bei der Lösung der jeweiligen Kriminalfälle ergänzen sich Shan und Lokesh mit ihren jeweiligen spezifischen Fähigkeiten und Kompetenzen in bester Weise.

Die Tibet-Bücher Pattisons führen die Leserin, den Leser, in ein Land mit einem unermesslichen Reichtum an kulturellen Traditionen, Ritualen und Artefakten und in eine Lebensrealität, die immer mehr in ihrem innersten Kern gefährdet ist. Auf der einen Seite schildert Pattison in einer bilderreichen, magische Anziehung erzeugenden Sprache das innere Leuchten der tibetischen Kultur mit ihren unzähligen spirituellen Attributen und den mit Leib und Seele in der jahrhundertealten buddhistischen Religion verwurzelten tibetischen Menschentypus.

Auf der anderen Seite thematisiert der Tibet-Kenner die brutale Unterdrückung der tibetischen Tradition und Identität durch das „chinesische Mutterland“, die rücksichtslose Sinisierung des tibetischen Kernlandes vor allem nach dem Bau der Bahnlinie nach Lhasa, die verheerende Umweltzerstörung beim Abbau von Lithium, Seltenen Erden, Silber u.a. sowie die staatliche Kontrolle bis in die privatesten und auch in die klösterlichen Lebensbereiche hinein. All dies eindringlich und- ganz angelsächsisch unbefangen- in einer unterhaltsamen literarischen Form einem westlichen Publikum nahebringen zu können, ist der große Verdienst Eliot Pattisons.

„Die kleine Kapelle [ ] war ein winziges Juwel von einem Bauwerk inmitten duftender Wacholderbäume [ ]. Shan trat ein und sah einen schlichten Altar aus geschnitztem Holz mit den üblichen flackernden Opferlampen. Ein altes thangka der Tara hing über dem Altar, aber es wurde gar kein weiteres Seidenbildnis benötigt, denn die Wände waren bemalt. Jeder Zentimeter war mit den kunstvollen Abbildern von Gottheiten, Dämonen und Glück verheißenden Symbolen bedeckt. Shan hätte so gern jedes einzelne davon studiert, und wäre Lokesh jetzt bei ihm gewesen, würden sie Stunden hier verbracht haben.“

Es sind Passagen wie diese aus „Tibetisches Feuer“, die den Leser, die Leserin ganz tief hineinziehen in die geheimnisvolle, magische Bilderwelt des tibetischen Buddhismus, in dem Gottheiten und Rituale aus der vorbuddhistischen Bön-Religion weiterleben.

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Im achten und vorerst letzten Band der Tibet-Reihe- „Tibetisches Feuer“-, der 2016 in deutscher Übersetzung erschienenen ist, befasst sich Pattison in literarischer Form mit dem Drama der Selbstverbrennungen als äußerstem Protest der Tibeter gegen die chinesische Unterdrückung. Mindestens 145 solcher Selbstverbrennungen sind seit 2009 zu beklagen. Damit hat auch dieser Roman wieder eine explizit politische Dimension.

Die Geschichte beginnt damit, dass Shan gezwungen wird, Mitglied einer Kommission zu werden, die im Sinne der politischen Doktrin „beweisen“ soll, dass es sich bei den Selbstverbrennungen um Straftaten und nicht um verzweifelte Akte des Protestes handelt. Die bei einem Teil der Suizide an den Orten der Selbstverbrennungen gefundenen kurzen, Haiku-ähnlichen Gedichte lassen bei den Ermittlungsbehörden den Verdacht aufkommen, dass eine von einer Frau angeführte Widerstandsgruppe hinter diesen Aktionen steckt. Die Öffentliche Sicherheit, das noch mehr gefürchtete Büro für religiöse Angelegenheiten sowie weitere Ermittlungsbehörden werden in höchste Alarmbereitschaft versetzt und verfolgen wie Bluthunde die Spur der purbas, wie im Buch die Angehörigen der geheimen tibetischen Widerstandsbewegung genannt werden.

Wie Shan nach und nach die zunächst vollkommen im Dunklen liegenden Szenarien hinter dem äußeren Schein aufdeckt, zeigt das große dramaturgische Geschick des Autors. Dabei sind die Dialoge des Tibet-Freundes mit seinen chinesischen Widersachern ein intellektueller Genuss erster Güte. Die behutsame, Vertrauen schaffende Annäherung Shans an die Bewohner eines tibetisches Dorfes in der Nähe der chinesischen Station, in der die Kommission tagt, wärmt das Herz und entfacht- wie die Tibet-Reihe in ihrer Gesamtheit- Solidarität und Mitgefühl für dieses geschundene Volk.

Ein Höhepunkt des Buches ist die Schilderung des geheimen Refugiums Taktsang (Tigerhaus), das in einem abgelegenen Gebirgstal liegt. Der mit kostbaren buddhistischen Insignien versehene Höhlentempel mit einer erstklassig ausgestatteten Bibliothek von heiligen Überlieferungen wird zu einem Sehnsuchtsort, der „eine tröstende Umarmung für seit Langem leidende Besucher“ verkörpert, wie Pattison in seinem Nachwort schreibt. Auch den purbas, anderen Dissidenten und „illegalen“ Nonnen und Mönchen dient das Tigerhaus als Unterschlupf.

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Foto: BM Köhler

An Pattisons Einstellung zu dem folgenreichen Konflikt zwischen seelenlosen wirtschaftlichen und aggressiv-totalitären Interessen einerseits und der tibetischen Identität mit einer hoch entwickelten Spiritualität und Kultur andererseits lässt der Autor keinen Zweifel. Aber nicht nur in seinen Kriminalromanen bezieht Pattison eindeutig Stellung: so hat er bei den Unruhen vor den Olympischen Spielen 2008 den Westen zum Boykott der Spiele aufgerufen, es sei denn, die chinesische Regierung ermögliche einen internationalen Diskurs über Tibet und die Rechte der Tibeter. Die negativen Aspekte einer alle Lebensbereiche durchdringenden religiösen und damit zumindest teilweise auch restriktiven Kultur darzustellen, sieht Eliot Pattison dagegen nicht als seine Aufgabe an.

Man kann die Romane als jeweils in sich abgeschlossene Krimis lesen. Die faszinierende innere Entwicklung Shans vom Bediensteten des kommunistischen Staatssystems zum Praktizierenden und Kenner der buddhistischen Alltagsfrömmigkeit unter Beibehalt seiner rationalen Denkweisen kann man jedoch in ihrer subtilen, berührenden Art und Weise nur vollständig  nachvollziehen, wenn die Romane in der Chronologie ihres Erscheinens gelesen werden.

Ärgerlich ist, dass der Verlag aus Marketing-Gründen in jedem der bisher acht Romantitel den Wortstamm „Tibet“ platziert hat. Die amerikanischen Originaltitel nähern sich dagegen viel einfühlsamer dem jeweiligen zentralen Motiv und dem dazu vom Autor entwickelten atmosphärischen Grundton  (z.B. The Skull Mantra, dt. Der fremde Tibeter oder Soul oft the Fire , dt. Tibetisches Feuer). Dies ist aber nur eine formale Unebenheit – die von Pattison erzählten Geschichten aus Tibet sind sehr zu empfehlen, und das keineswegs nur Krimi-Fans.

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Die ersten sieben Bände der Reihe sind als Aufbau Taschenbuch erhältlich. Übersetzt wurden sie aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild und kosten zwischen Euro 9,95 und Euro 12,00:

Der fremde Tibeter (2002)
Das Auge von Tibet (2003)
Das tibetische Orakel (2005)
Der verlorene Sohn von Tibet (2006)
Der Berg der toten Tibeter (2008)
Der tibetische Verräter (2011)
Der tibetische Agent (2015)

Tibetisches Feuer. Roman, aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild.- Rütten & Loening, 2016. Euro 19,99

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(Bernd Michael Köhler lebt in Neu-Ulm und arbeitete viele Jahre als Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Ulm. Natürlich ist er ein passionierter Leser. Darüber hinaus fotografiert er und schreibt gelegentlich.)

 


November

10. November 2016

Es ist November. Und es ist Krieg. In Afrika. Im Jemen. Im Nahen Osten. In der Ukraine. Es sind Bürgerkriege. Religionskriege. Kriege um Einfluss, Macht, Machterhalt, Rohstoffe, gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Despotismus. In Deutschland sind Kriegsgräber. Kreuze auf Rasenflächen die an unsere Kriege erinnern.

Nach jedem Krieg ein überzeugtes “Nie wieder!” Zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg lagen gerade einmal 21 Jahre. Deutschland lebt nun seit über 70 Jahren in einem friedensähnlichen Zustand. Doch dieser Zustand ist labil, das Gleichgewicht allzeit gefährdet, die Ruhe trügerisch. Wenn Geschichte mit Erfahrung zu tun hat, dann muss uns der Verstand sagen, dass der letzte Krieg in Deutschland, den meine Generation nur aus Erzählungen von Eltern und Großeltern kennt, nicht der wirklich letzte gewesen sein wird.

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„Toter Soldat / Deine Feldpost im Regen der wie Feuer fällt / Toter Soldat / Und daneben der Segen der kein Wort mehr hält.“ (1)

Irgendeine Wiese, umzäunt, irgendwo in Deutschland. Holz- oder Granitkreuze mit Aufschrift: “Unbekannter Soldat”.

Ein Paul, ein Peter, ein Wilhelm oder ein Walter. Es gibt niemanden mehr, der das noch weiß. Vielleicht hat er geschrieben, wollte Schriftsteller oder Journalist werden. Ich stelle mir vor, irgendwo existieren noch Tagebücher, Kladden mit Gedichtversuchen, geheftete Blätter mit Romanentwürfen. Sicher hat er mit Tinte geschrieben, eventuell mit Bleistiften. Ob er schon eine Schreibmaschine besessen hat?

Gefallen 1918. Kurz vor Kriegsende? Waren seine Haare blond, braun oder dunkel. War er groß oder eher klein, untersetzt oder schlank. Verliebt? Der einzige Sohn oder Bruder seiner Geschwister? Wie ist er gestorben, verreckt? Nach langem Leiden oder plötzlich, bewußt oder im Delirium, mit Schmerzen oder leicht. Hat er gebetet, auf ein Leben nach dem Tod gehofft oder den Gott an den er glaubte verflucht?

„Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuß? / Oder hat ein Geschoß Dir die Glieder zerfetzt / Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt / Bist Du auf Deinen Beinstümpfen weitergerannt / Und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein, eine Hand?“ (Hannes Wader, Es ist an der Zeit) (2)

Wie war er? War er ein Angeber und Haudrauf, der keinem Gelage, keiner Keilerei aus dem Weg ging? Oder ein stiller Stubenhocker und Leisetreter? Ein Fechter, ein Reiter, Mitglied im Schützen- oder Gesangverein?

Vielleicht war er Leser. Ein Freund der Bücher des noch jungen Thomas Mann, der Romane Theodor Fontanes, der Dramen Gerhard Hauptmanns. Als Freund der zeitgenössischen Lyrik kannte er bereits den Generations-Genossen Georg Trakl.

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Gedichte, Lieder, Erzählungen über gefallene Soldaten, den Schrecken der Kriege, all das Grauen, das bewaffnete Konflikte erzeugen, können so ergreifend schön sein. Und es gibt Songs die protestieren, aufrühren, auffordern zum Wiederstand, Hintergründe benennen und Schuldige. Die warnen, rufen, flüstern und trauern. Wie die des aktuellen Literatur-Nobelpreisträgers, der häufig abstreitet dass er irgendetwas mit Politik am so gern getragenen Hut hat. Doch viele seiner Texte haben klare unmissverständliche Aussagen:

„Come you masters of war / You that build all the guns / You that build the death planes / You that build all the bombs / You that hide behind walls / You that hide behind desks / I just want you to know / can see through your masks.“ (3)

Sein Klassiker “Blowing in the wind” erklingt zusammen mit Pete Seegers “Sag mir wo die Blumen sind” (“Where have all the Flowers gone”) seit über 50 Jahren auf nahezu jeder Friedensdemo und Lichterkette. Angeregt zu seinem Song wurde Seeger durch das aus Litauen stammende “Zogen einst fünf wilde Schwäne”, das 1918 vor dem Hintergrund des großflächigen Vernichtungskrieges, den sie später den Ersten Weltkrieg nennen würden, von dem Volkskundler Kurt Plenzat aufgezeichnet wurde und in dem eine Strophe so geht:

“Zogen einst fünf junge Burschen / stolz und kühn zum Kampf hinaus. / Sing, sing, was geschah? / Keiner kehrt nach Haus.”

220px-georg_trakl_-_gedichte_erstausgabe_1913_im_kurt_wolff_verlagGeorg Trakl, den ich meinem unbekannten Soldaten gerne als Lektüre unterstellen würde, kam 1887 in Salzburg zur Welt. Seinen Kampf hatte er von Anfang an verloren. Dazu bedurfte es keines Krieges. Schulprobleme, frühe Drogenabhängigkeit, vergebliche Versuche sich beruflich und bürgerlich zu etablieren, 1914 fandt er im Sanitätsdienst Verwendung. Es war das schwere Leben eines Lebensuntauglichen, der an seiner Zeit und seinen Mitmenschen litt. Anfang Oktober 1914 wurde er in ein Militärhospital in Krakau eingewiesen, wo er am 3. November an einer Überdosis Kokain starb. Ob Versehen oder Suizid bleibt unklar.

Hinterlassen hat Trakl wenig. Vieles blieb Fragment. Seine Gedichte haben einen einzigartigen Klang. Stark von düsteren Farben und Bildern sind sie durchdrungen, voll Sprachkraft und Gestaltungswillen, doch meist ohne Hoffnung und Zuversicht.

„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen / Und blauen Seen, darüber die Sonne / Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht / Sterbende Krieger, die wilde Klage / Ihrer zerbrochenen Münder.“ (Der Anfang von Georg Trakls Gedicht  “Grodek”) (4)

Zum Kontrast noch einmal der tapfere, inzwischen alt, jedoch nie mutlos gewordene Liedermacher. Mit einer Zuversicht, der anzuschließen, mir nicht recht gelingen will:

„Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit / Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.“ (2)

***

(1) “Ihre Kinder”, 1971. “Ihre Kinder” war eine Rockband der späten 1960er und frühen 1970er Jahre; sie zählte zu den Pionieren deutschsprachiger Rockmusik und war Vorbild für Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen u. a.

(2) Das von Hannes Wader gesungene “Es ist an der Zeit“ ist die deutschsprachige Version von Eric Bogles „No man’s Land“.

(3) Bob Dylan: „Masters Of War“. – Übertragung ins Deutsche: Kommt, ihr Herren des Krieges / Ihr, die ihr die Kanonen baut / Ihr, die ihr die Kampfflugzeuge baut / Ihr, die ihr all die Bomben baut /Ihr, die ihr euch hinter Mauern versteckt / Ihr, die ihr euch hinter Schreibtischen versteckt / Ich möchte nur, dass ihr wisst / Ich kann durch eure Masken sehen.

(4) Trakl, Georg: Das dichterische Werk, 14. Aufl. – DTV, 1995 (dtv klassik)


Seelesen

2. Oktober 2016

Mit Ursula Krechels “Shanghai fern von wo”

Spätsommer? Frühherbst? Es gibt Tage an denen solche Fragen und mögliche Antworten darauf müßig sind, an denen wenig nötig ist zum Gefühl des Gelingens.

Fast wunschlos, und nahezu erwartungsfrei.

Was noch? Ein großer roter Apfel aus neuer Ernte vom Wochenmarkt, eine schlanke knusprige oberschwäbische Seele mit Salz und Kümmel vom Bäcker, das wohlfeile Taschenbuch und ein geeigneter Lese- und Rastplatz.

Der ideale schattige Ort fand sich an einem der letzten Septembertage nur wenige Schritte vom silberspiegelnden Wasser des Bodensees. Ein kleiner Park, leicht erhöht, mit roten Bänken, direkt am Lindauer Hafenbecken, mit Blick auf vertäute Segelboote, die ein- und ausfahrenden Kursschiffe der Weißen Flotte und die sanft ansteigenden Berge des Schweizer Appenzell.

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Der Apfel. Die Seele. Und das Buch? Welche Lektüre ist einem Zustand angemessen, der noch nicht Glück, jedoch weit jenseits von Unglück und Gleichgültigkeit? Die eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Es ist doch oft so, dass Bücher zu uns finden nach denen wir gar nicht suchten. In diesem Fall war es weder eine bewusste Wahl noch reiner Zufall.

Ich hatte angefangen mich mit den aktuellen Neuerscheinungen zu beschäftigen, interessante Titel für meine AusLese 2016 zu sichten. Brigitte Geigers “Bühlerhöhe” machte den Anfang. Ein spannender Unterhaltunsroman vor dem Hintergrund der Adenauer-Zeit in Nachkriegsdeutschland. In der Agenten- und Liebesgeschichte geht es u. a. um das Verhältnis Westdeutschlands zum jungen Staat Israel. Und in diesem Zusammenhang natürlich in Rückblicken um den Holocaust, sowie die verschiedenen Exilorte und -regionen deutscher Juden auf der Flucht vor dem Hitler-Regime.

Geiger nennt im Anhang ihres Buches, neben anderen Quellen für ihre Recherchen, zwei Titel von Ursula Krechel: “Landgericht”, für das sie 2012 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde und “Shanghai fern von wo”. Genau diesen Roman hatte ich mir nach der Preisverleihung gekauft, um mich erstmals mit einem Prosawerk der Autorin zu beschäftigen. Es stand seitdem nur angelesen im Regal und wartete auf seine Stunde.

Shanghai als Exil-Ort war mir bis dahin kein Begriff. Ich hatte bisher nicht davon gehört oder gelesen, dass die chinesische Stadt ab 1938 eine allerletzte Hoffnung für viele Verzweifelte nach oft langer dramatischer Flucht wurde. Sie fanden dort zwar visumfreie Aufnahme, waren jedoch unter schwierigsten Umständen, fast ohne Unterstützung, ganz auf sich allein gestellt.

Der Jurist Tausig mit seiner krisentauglichen Gattin, der Uhrmacher Kronheim, der ererbtes Werkzeug immer mit sich trägt, der Kunsthistoriker Brieger, der letzte Briefe an seinen ehemaligen Freund Walter Benjamin schickt, der Buchhändler und spätere Chronist Ludwig Lazarus. Die Vorgeschichten und Exilschicksale dieser und weiterer Protagonisten verdichtet Ursula Krechel zu einem exemplarischen Reigen höchster literarischer Qualität.

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Die Vielstimmigkeit des Romanpersonals hat mich an Alfred Döblins Trilogie “November 1918” erinnert – sicher nicht die schlechteste Patenschaft für eine Autorin der Gegenwart. (Und schade, dass von Döblin heute kaum mehr gegenwärtig ist als sein Großstadt-Panorama “Berlin Alexanderplatz.”) Döblin erzählt von der Zeit kurz nach dem dem Ende des Ersten Weltkriegs. In “Shanghai fern von wo” steht der Zweite unmittelbar bevor.

Juden, die aus verschiensten Gründen, in Deutschland blieben, werden Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungswillens. Die Zukunft der Exilanten im fernen Südchina ist ungewiss. Für’s erste zählt nur der tägliche Überlebenskampf. Solange der Selbstbehauptungswille dafür ausreicht.

Der Apfel. Die Seele. Das Buch. Und die Musik? An diesem Tag kam sie zu mir, ohne dass ich nach ihr gesucht hatte.

Hanna Włodarczyk spielt klassische Gitarre, Fabiana Raban Doppelbass, Flöte, Kastagnetten und allerlei Schlagwerk. Als Duo nennen sie sich HuRaban und sind mit ihren eigenen Kompositionen, Weltmusik und ausgefeilten Variationen bekannter Popsongs fast ständig unterwegs. Häufig als klassische Straßenmusiker, wie an diesem Nachmittag auf der Uferpromenade von Lindau. Darüber hinaus sind sie regelmäßig Gäste bekannter Ereignisse, wie dem Folk-Roots-Weltmusik-Festival in Rudolstadt.

Es waren die Gypsy-Klänge der beiden Polinnen die mich angelockt hatten. Die folgenden Stücke und ihre ganz speziellen Arrangements ließen mich schließlich über eine Stunde nicht mehr los und unter heller See-Sonne zum faszinierten Zuhörer werden. Mit der Dame neben mir war ich rasch einig, dass es sich hier um Straßenmusik selten gehörter Qualität handelt und dass uns offensichtlich zwei Profi-Musikerinnen ein unverhofftes Vergnügen bereiten.

Während HuRaban bei einem variantenreich ausimprovisierten “hava nagila” angekommen waren, erfuhr ich dass die Musikfreundin 70plus einen Konzertflügel im heimischen Wohnzimmer hat, auf dem sie im Vergleich zu früher (“ja, früher … ”) nur noch selten spielt. Wenige Passanten hörten den intensiven Takten von Bass und Gitarre längere Zeit zu. Kaffee, Eis und Torte lockten. Die Pianistin eilte bald zum nahen Bahnhof um die Abfahrt ihres Zuges nicht zu versäumen. Inzwischen erklang das ruhige, meditativ angehauchte “Palermo”. Ein wehmütiges Stück, mit dem das nahe Ende des Freiluft-Konzerts eingeleitet wurde.

In der rechten Hand hielt ich immer noch das Shanghai-Buch, irgendwann beim Verlassen der Lesebank hatte ich es wohl zugeschlagen. Wo war eigentlich das Lesezeichen geblieben? Ich verstaute das Buch in der ledernen Umhängetasche und ging meines Weges.

Apfel und Seele. Buch und Musik. Was blieb noch?

Der Abschied. Denn Abschied ist immer.

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Geiger, Brigitte: Bühlerhöhe. Roman. – List, 2016

Krechel, Ursula: Shanghai fern von wo. Roman. – Jung und Jung, 2008 (als btb Taschenbuch erhältlich)

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Auf einen kleinen Braunen ins Kafka

9. September 2016

Sommertage in Wien

ein faulsein / ist nicht lesen kein buch / ist nicht lesen keine zeitung / ist überhaupt nicht kein lesen (Ernst Jandl, 1925 – 2000)

Wasser gab es in der Gegend immer reichlich. Die Wasserläufe aus den Quellen in Oberreinprechtsdorf wurden schon vor Jahrhunderten erschlossen und in den kaiserlichen Hof geleitet. Daran erinnert der Brunnen mit seinen sieben Wasserspendern auf dem Siebenbrunnenplatz. Logisch, dass die Eisdiele schräg gegenüber “Sette Fontane” heißt.

Der heutige 5. Bezirk, das einstige Besitztum Margareten, kam 1850 zu Wien. Im 20. Jahrhundert entstand ein Wohnquartier der Arbeiterschaft, der kleinen Angestellten, der niederen Beamten. Fast 55.000 Menschen sind inzwischen hier zuhause. Es dominieren die Gemeindebauten, kleine Ladengeschäfte für fast Alles, Handwerker, Imbisse und Kneipen. Düfte und Gerüche des Orients, aus Asien und vom Balkan kämpfen gegen die Diesel- und Benzindämpfe des stets dichten Verkehrs in engen Straßen.

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Fast ein Drittel der Margaretner sind nicht in Österreich geboren, haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Vielleicht wirkt der Siebenbrunnenplatz auf den ersten Blick nicht eben einladend. Doch an milden Abenden ist er ideal zum lässigen Draußensein und wird zum quirligen urbanen Treffpunkt. Neben breitem Wiener Stadtteil-Dialekt hört man Unterhaltungen, Diskussionen, kleine Streitereien auf Serbisch, Türkisch, Ungarisch, Arabisch.

August 2016. Gleich um die Ecke dieses beliebten Unterzentrums eines ganz normalen großstädtischen Wohnviertels haben wir uns zum wiederholten Male während eines Wien-Aufenthalts einquartiert. Bis vor Kurzem wussten wir allerdings nicht, wo wir da gelandet sind:

“In diesem nicht besonders ansehnlichen Quartier im fünften Wiener Gemeindebezirk, in dieser Abgrundgegend also, weitgehend bevölkert von Unterschichts- und Randexistenzen, unter Menschen, von denen die wenigsten jemals ein Buch auch nur in der Hand gehalten dürften … ”.

So sieht und beschreibt der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller und selbsternannte Wien-Kenner Marcel Beyer den Kern Margaretens. (Nachzulesen in der FAZ vom 1. Juli.)

Uns gefällt die Gegend. Bei ausgiebigen Streifzügen gedenken wir seliger Geister, die vor uns durch diese Straßen, über diese Plätze wandelten, wie der nuschelnde Mime und Barde Hans Moser, der berühmte Sozialdemokrat und langjährige Bürgermeister Bruno Kreisky. Und natürlich der von hier als internationaler Popstar durchstartende Falco. Im Garten von dessen Stamm-Beisl, dem “Alten Fassl”, verbringen wir in geselliger Runde einen angeregten Sommerabend.

Sogar Menschen mit Buch sieht man gelegentlich zwischen Wienfluss und Südbahntrasse, selbst Alphabetismus macht sich breit zwischen Wieden und Meidling, schließlich gibt es im Viertel weiterführende Schulen und höhere Lehranstalten. Eine aktuelle Bachmann-Preisträgerin mit Rotkäppchen-Anmutung wohnt in einem typischen Gemeindebau und kehrt, wie auch wir, ab und an in einer der unkomplizierten Gaststätten auf dem Siebenbrunnenplatz ein. Zum sommerlich frischen Weißwein-Spritzer, zum Bier, auf einen Eisbecher, zu Falafel oder Pizza, Schnitzel oder Backhendl.

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Ich muss noch verraten, was den zukünftigen Georg-Büchner-Preisträger letztlich herführte und seinen Mut loben. Kam er doch auf dem Weg zu Gespräch und Recherche vorbei am “Vereinslokal der Wiener Hells Angels.” Das hat er gewagt, um “eine der größten Dichterinnen, die das zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat”, zu treffen und darüber zu berichten. Friederike Mayröcker, die “seit ihrer Geburt am 20. Dezember 1924, vier Uhr nachmittags”, in dieser “Abgrundgegend”, diesem Margareten, lebt und schreibt. Viele Jahre davon eng befreundet mit Ernst Jandl.

“es war ein glück, daß ich 1954 mit der dichterin friederike mayröcker zusammentraf, die schon damals einen guten namen besaß, und ich schrieb an ihrer seite viele gedichte. wir sind bis heute eng verbunden, aber wir leben nicht zusammen, denn ich verstand es nicht, etwas an glück dauerhaft zu machen.” (Ernst Jandl: biographische notiz)

Hin und wieder lässt Frau Mayröcker die Arbeit an ihrem hermetischen Werk ruhen und verlässt die mit Manuskripten verstopfte Klause und begibt sich zu ihrer Lieblingsbuchhändlerin. Die Buchhandlung von Anna Jeller liegt ein paar Schritte außerhalb von Margareten, in Wieden, dem 4. Bezirk. Bei einer gemeinsamen Zigarette vor dem Laden plaudern die beiden lebenskundigen Damen sicher nicht nur über Bücher, nicht nur über Lesen und Schreiben. Für die Dichterin allerdings ist Schreiben zentraler Lebenssinn, der sie bis ins hohe Alter erhält.

“ … ach die Wörter in ihrer Windigkeit, ich meine ich ahnte das ganze ohne dasz ich wuszte wohin es mich führen sollte, also ich wuszte nicht genau was ich eigentlich schreiben wollte, ABER ÜBERHAUPT SCHREIBEN!, nicht wahr, das war die Hauptsache.” (Mayröcker, Liebling)

Zu meinen liebsten Bücher-Orten in Wien gehört das “Phil”. Buchhandlung, Denkplatz, Kaffeehaus und Heldenplatz von Menschen, die mit ihren Apple-Laptops auf Kaffehaus-Literat Version 21. Jahrhundert machen. In den Regalen und Auslagen gibt es für mich immer wieder Bücher und SchriftstellerInnen zu entdecken, die auf den bundesdeutschen Büchertischen selten zu finden sind. Während Eva Menasses Romane in Deutschland durchaus gelesen werden, sind ihre Kolumnen und Essays eher unbekannt. Ich entdecke eine Sammlung davon in einem frisch erschienenen btb-Taschenbuch mit dem Titel “Lieber aufgeregt als abgeklärt”.

Die Wahl-Berlinerin berichtet von einer für sie überraschenden Einsicht: “Die Deutschen nämlich lieben uns. Das ist für den frisch eingewanderten Österreicher die erschütterndste Erkenntnis… Diese Begeisterungsstürme, sobald man den Mund öffnet. Sie überschütten uns mit Komplimenten zu unserem weichen, gemütlichen Akzent … “

Halten wir “Piefkes” uns hingegen in Austria auf, wird diese Liebe leider keineswegs gleichermaßen herzlich erwidert. In Wien geht’s. Denn “Wien ist nicht Österreich” hört man hier eben so oft, wie bestimmt. Womit sich die Hauptstädter recht geschickt von manch politischem Trend der Provinz distanzieren.

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Im “Phil” blättere ich in dem bunt-witzigen Buch zur Ausstellung “Literarische Cartoons”, die bis Ende August im Museums-Quartier zu sehen war. Mit Karikaturen von Till Mette, Greser & Lenz und vielen mehr. Für Literaturfreunde und -hasser gleichermaßen geeignet, vielleicht schon einen ersten Eintrag auf dem Weihnachts-Wunschzettel wert. Einen weiteren interessanten Titel habe ich entdeckt. Dazu gleich mehr.

“in Wien ist ein schloß und vor dem schloß steh jetzt ich.” (wieder Ernst Jandl)

Beim Bummel zwischen den bunten Beeten und akuraten Hecken der Gartenanlage des Belvedere (leicht ansteigendes Gelände, Schloss oben, Schloss unten) kann man für einige Zeit stickiger Hitze und Verkehrslärm entkommen. Schattige Bänke laden zum Verweilen und Nachsinnen über Pracht und Prunk der ehemaligen Habsburger k. und k. Monarchie. Ihre Hinterlassenschaften sind unverzichtbare Anziehungspunkte für uns Zeitgenossen und Touristen, die aus aller Welt und zu jeder Jahreszeit in die österreichische Hauptstadt strömen. Die Geschichte dieses ehemals so mächtigen Großreichs und faszinierend vielstimmigen Kultraums, wirkt bis in unsere Gegenwart. Ihr Erbe sind nicht zuletzt die unvergleichlichen Kunstwerke aus Malerei, Musik und Literatur.

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Der rumäniendeutsche Schriftsteller Richard Wagner hat ein ebenso lehrreiches wie unterhaltsames Buch über die Donaumonarchie mit dem Titel “Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt” geschrieben. In kleinen literarischen Essays und Anekdoten umreißt er Bedeutung und Wirkung des österreichisch-ungarischen Kaiserkönigtums. Beginnend mit der “Schönen Blauen Donau”, über die “Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs” bis “Neunzehnhundertneunundachtzig” reicht das Spektrum, in dem auch Kafka und Musil, das Rezept der Doboschtorte, Stalin und Tito Platz gefunden haben.

“Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.” (Diese Erkenntnis wird Franz Kafka zugeschrieben – ich habe es nicht verifiziert.)

So ganz klar komme ich mit der Aussage nicht. Was mich nicht davon abhalten kann den Nachmittagskaffee einmal im leicht morbiden “Kafka” einzunehmen, wo dieses und andere Zitate, sowie allerhand Künstlerportraits an den Wänden hängen. Den kleinen Braunen gibt es mit etwas warmer Milch im separaten Mini-Kännchen und einem Glas frischen Wasser auf dem kleinen Tablett, das hier nicht aus Silber, sondern hygienischen Chromnickelstahl besteht. Das “Kafka” heißt “Kafka” nach Franz Kafka, auf der übersichtlichen Karte findet man Vegetarisches.

Das “Jelinek” ist hingegen nicht nach der Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek benannt. Das Lokal mit seinem vor langer Zeit entstandenen und seitdem stilvoll gealterten Ambiente, seinen knarrenden Türen und dem schiefen Kachelofen, hat eine der größten Zeitungsauslagen aller mir bekannten Wiener Kaffeehäuser. Österreichische Blätter wie “Standard”, “Salzburger Nachrichten” oder “Tiroler Tageszeitung” und internationale Organe von “Süddeutscher Zeitung”, über “Le Monde” bis “The Times”.

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Leider hat das Interesse an diesen Druckerzeugnissen sichtlich nachgelassen. In den Stunden unserer Besuche blieben sie unberührt. Keiner der Gäste verbarg sich hinter einem der Großformate, bevorzugt wurden Tablet, Laptop und Smartphone. Eine mich irritierende und, wie zu befürchten, unumkehrbare Tendenz.

Ein Buch, wie jenes mit den kurzen Arbeiten von Eva Menasse, das ich von diesem Wien-Aufenthalt mit nach Hause nehme, würde es ohne Tageszeitungen gar nicht geben. Die hier versammelten kleinen Perlen knapper, prägnanter Form höherer Schreibkunst erschienen zuerst und erscheinen vorerst weiterhin in gedruckten Zeitungen.

Dass sich diese, bis vor wenigen Jahren viel genutzte, ebenso geliebte wie viel gescholtene Medienform, dass sich Neuigkeiten und Hintergründe mit abfärbender Druckerschwärze aufs holzige Papier gebracht, eindeutig auf dem Rückzug befinden, beschäftigt mich sehr. Der nächste Beitrag auf con=libri wird deshalb, und aus Anlass einer aktuellen Neuerscheinung, diesem Thema gewidmet sein.

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Jandl, Ernst: Aus dem wirklichen Leben. Gedichte & Prosa. Mit 66 Grafiken von Hans Ticha. – Büchergilde Gutenberg, 2000

Mayröcker, Friederike: Und ich schüttelte einen Liebling. – Suhrkamp, 2005

Menasse, Eva: Lieber Aufgeregt als abgeklärt. Essays. – btb, 2016

Ettenauer, Clemens (Hrsg.): Literarische Cartoons. – Holzbaum Verlag, 2016

Wagner, Richard: Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt. – Hoffmann und Campe, 2014


„Wege mit Martin Walser“

20. Juni 2016

Susanne Klingenstein gelingt in ihrem Buch die glückliche Verbindung von wissenschaftlichen Anspruch mit leserfreundlicher Ausführung.

Von der ersten Seite an muss ich markieren, Sätze, Passagen merkbar und wiederauffindbar machen. Gleich zu Beginn die Aussage über eine Entwicklung, von der jeder leidenschaftliche Literatur- und Buchmensch weiß, sie jedoch nur ungern wahrhaben will: “ … die Welt des intensiven Lesens ist in diesen Tagen am Untergehen.”

Sholem Yankev Abramovitsh (es gibt viele Schreibweisen des Namens) wurde 1836 in Kopyl, nahe Minsk geboren. Unter dem Namen Mendele der Buchhändler brachte er in jiddischer Sprache verfasste Romane vor Ort zu den Lesern. Mendele/Abramovitsh wurde zum Begründer erzählender jiddischer Literatur. Was würde er wohl sagen, wüsste er, dass sich fast 100 Jahre nach seinem Tod, er starb 1917 in Odessa, ein deutscher Groß-Schriftsteller und eine deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftlerin intensiv mit seinem Werk befassen und zwei eigenwillige Bücher über diese Studien verfassen?

Susanne Klingenstein, die eigentlich vorhatte eine jiddische Literaturgeschichte zu schreiben, blieb an dieser Personlichkeit hängen und es entstand zunächst das umfangreiche Portrait “Mendele der Buchhändler”. Als sich die Arbeit noch im Manuskript-Stadium befand, wurde Martin Walser darauf aufmerksam und begeisterte sich für die Werke Abramovitshs. Unter Titeln wie “Fischke der Krumer”, “Die Mähre” und “Schloimale” wurden diese, sowie einige andere seiner Romane ins Hochdeutsche übersetzt. Martin Walser, der wohl die meisten gelesen hat, schrieb dem Dichter das literarisches Denkmal “Shmekendike Blumen” und half Susanne Klingenstein einen Verlag für ihr Buch zu finden.

Klingenstein

Susanne Klingenstein. – Copyright © Rachel Klingenstein

Die Autorin ist in Baden-Baden aufgewachsen, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Amerikanistik in Heidelberg, Harvard und Brandeis (Mass.), promovierte 1991, bereits in die USA übersiedelt, in Heidelberg, lebt und lehrt seit inzwischen fast dreißig Jahren in Boston. Zum Bodenseeraum hatte und hat sie familiäre Verbindungen, ist immer wieder in Walsers Geburtsort Wasserburg zu Besuch. Seine Romane, Erzählungen, Essays haben sie von jungen Jahren an begleitet.

Um ihre “Wege mit Martin Walser” mit Gewinn und Genuss lesen zu können, sollte man seine Bereitschaft zum intensiven Lesen behalten haben oder wiederentdecken. Es lohnt sich.

Erzählt wird von Wasserburger Spurensuchen und den ersten persönlichen Begegnungen Klingensteins mit Walser. Berichtet von der Faszination beider an der Welt der jiddischen Literatur, dem gemeinsamen Interesse an Abramovitsh, dem Entstehen ihrer Bücher. Wir erleben das spannende Duell zweier völlig unterschiedlicher Charaktere. Hier der emotional narzistische Schriftsteller, dort die analytisch fundierte Geisteswissenschaftlerin. Wir sind neutral und behaupten es endet unentschieden.

“Die Beschäftigung mit der jiddischen Literatur gehört in Deutschland, Israel und Amerika zum kulturellen Luxus, den man in Hochschulen konserviert und den sich einzelne Intellektuelle leisten.” Immerhin Walser und Klingenstein haben sich diesen Luxus geleistet und Susanne Klingenstein lässt uns mit ihrem Buch teilhaben an den intensiven Prozessen des Austauschs, des Widerspruchs, der Annäherungen.

In poetischem Ton schildert sie ihre Reisen durch Oberschwaben, die Bahnfahrten am See entlang zum Schriftsteller. Mit der Regionalbahn von Wasserburg über Friedrichshafen, vorbei an der barocken Birnau, bis Nussdorf. In kurzer Zeit viele Assoziationen und Gedanken zu diesem Kirchenjuwel auf seiner Anhöhe. “Nur fünf Sekunden dauert das Schauspiel, dann ist der Zug an der Birnau vorbei und taucht wieder in Grünes ein. Zwischen See und Schienenstrang schieben sich baumbestandene Grundstücke und eine Straße. Hier wohnt Martin Walser.”

Einmal ist es eine Reise nach Isny zu frühen Quellen jiddischer Literatur. Ein andermal die Fahrt nach Schussenried, wo im Bibliothekssaal des ehemaligen Klosters die Urlesung zu Walsers “Muttersohn” stattfindet und Klingenstein auf Mitglieder der Walserschen Großfamilie nebst einiger Wahlverwandter trifft. Die Töchter, die Schwiegersöhne Selge und Ott, Arnold Stadler.

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In den Sinn kommen mir meine eigenen Ausflüge, Fahrten, Wanderungen im Gebiet zwischen Donau und Säntis. Meine oberschwäbische Seelenlandschaft. Wasserburg, Meersburg, Überlingen. Wangen, Isny, Ravensburg. Steinhausen, Biberach und natürlich Ulm. Es gibt Flecken, da kenne ich jeden Trumlin und Weiher, jeden Weg und Steg. Dieses Hügelland der drei Marien, von Sepp Mahler und André Ficus, von Sebastian Seiler und der Droste. Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl, die für mich wichtig waren. Das Land der namenlosen dichtenden und singenden Klosterbrüder und -schwestern, der jubelnden Orgeln, stillen Moore und herbstgoldenen Sonnenuntergänge.

Klingenstein kommt nach Nussdorf, Walser nach Boston. Am 9. November 2011 spricht er an der Harvard University “Über Rechtfertigung”. Rechtfertigung des Einzelnen, des Individuums, u. a. am Beispiel von Kafkas Josef K. im Roman “Der Prozess”. Eine erweiterte Fassung der Rede erscheint im Frühjahr 2012 als Buch. In “Wege mit Martin Walser” erfahren wir von den komplizierten Vorbereitungen dieser Reise, dem nicht ganz geglückten Auftritt, den Verständigungsprobleme im sprachlichen, wie im übertragenen Sinn.

Im Herbst 2014 sind sie gemeinsam mit ihren Abramovitsh-Büchern unterwegs. Die Premiere ist im September in Überlingen. Ungewöhnlich und überraschend, da Walser eigentlich nicht an seinem Wohnort liest. Jetzt also Überlingen. Er soll einleiten und moderieren. Mit etwa 600 erwartungsvollen Menschen ist der Saal proppenvoll. Es gibt Differenzen in Sachen Dramaturgie und Reihenfolge des Auftritts. Ein Überraschungsgast wird kurzfristig dabei sein. Klingenstein setzt sich durch. Walser ist verschnupft.

Die Schilderung dieser ersten gemeinsamen Lesung gehört zu den dramatischen Höhepunkten des Buches. Sie zeigt deutlich, welch enorme Belastungsprobe dieses Kräftemessen für die Arbeitsbeziehung ist. Über mehrere Jahre war Susanne Klingenstein immer wieder bei Walser in Nussdorf auf der Terasse gesessen, es war entstanden, was verband und zugleich an einigen Stellen trennte. Diese Ambivalenz wird bei der Lektüre der “Wege” deutlich. Zudem erschweren eingeschliffene Gewohnheiten und kleine Sturheiten das Miteinander. “Wer mit Martin Walser auf Lesereise geht, braucht eine Uhr, Selbstbeherrschung und starke Schnäpse.”

“Ein springender Brunnen”, “Mein Jenseits”, “Muttersohn”, “Ein liebender Mann” sind Erzählwerke Walsers, die Klingenstein immer wieder aufruft, zitiert, ihren biographischen und kulturhistorischen Quellen nachhorcht. Die ganze Tiefe abendländischer Geistesgeschichte, ein breiter literarischer, religiöser und philosophischer Kanon stehen ihr dabei zur Verfügung. Faszinierend zu erlesen aus welchen Brunnen sie zu schöpfen vermag. Auf Walsers Wasserburger Kindheitsroman hat sie mir eine völlig neue Sichtweise eröffnet. Sie kommt zu dem Schluss, dass dieses Buch “einer der bedeutendsten deutschen Erinnerungsromane” ist. “Er erzählt, wie ein Junge in einer Welt, in der Angst und Tod dominieren, zur Liebe und zum Schreiben findet.”

Wenn die Autorin Bezüge zu Rezeption und Kritik herstellt, spielt Walsers Dankesrede zur Verleihung des “Friedenspreises des Deutschen Buchhandels” am 11. Oktover 1998 in der Frankfurter Paulskirche eine zentrale Rolle. Die Schilderung von Diskussionen und Kontroversen, des Unverständnisses das dem Ausgezeichneten mit Verzögerung entgegenschlug, Missverständnisse die anwuchsen, nicht selten gewollt waren, das Aneinandervorbeireden. Die ganze Differenzierungsverweigerung der berufenen und sich berufen fühlenden Kritiker und Meinungsinhaber. Bei der Lesung in Überlingen kommt es zu einer Aussage Walsers, über die Klingenstein schreibt, dass man sie “schon lange so eindeutig hatte hören wollen. Sie war das geheime Zentrum des Abends gewesen.”

Der Satz: “In mir dominiert die Mitteilung, dass wir dieses Volk umbringen wollten und zu Millionen umgebracht haben.”

Klingenstein: “Die Radikalität des Wortes wollten, mussten die Hörer erst einmal erkennen. Das Wichtigste ist bei Walser immer knapp unter der Oberfläche.”

In Überlingen wurde notwendig und überfällig ergänzt.

“Was ich beschreibe, habe ich so erlebt. Meine Erzählung handelt von der Differenz zwischen Werk und Leben, zwischen Zauber und Wirklichkeit. Die Brücke vom Leben zum Werk ist die Zauberleistung eines Schriftstellers.”

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Gelungen ist ein einfühlsames, gleichzeitig differenziertes, nie unkritisches Portrait eines der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller unserer Zeit, eines Handlungsreisenden in Sachen eigene literarische Produktion und nicht zuletzt das eines manchmal glauben wollenden, meist zweifelnden, stets liebenden Mannes. Der immer alles schöner schreiben will als es ist. Wir erfahren von Enttäuschungen auf dem gemeinsamen Weg, kleinen Demütigungen, Verletzungen. Nach jahrelanger Zusammenarbeit, den vielen Treffen und dem gemeinsamen Reisen, gelingt der vorläufige Abschied leidlich.

Der findet am 16. Oktober 2015 nach einer Lesung im Rahmen der Frankfurter Buchmesse statt. Er liest aus einem Roman der noch nicht erschienen ist: “Ein sterbender Mann.” Nach der Lesung geht Susanne Klingenstein zu ihm hin. “Ich reichte ihm die Hand. Er nahm sie in seine beiden Hände und hielt sie fest. Morgen würde er in Naumburg … den Nietzsche-Preis entgegennehmen und ich würde im Flugzeug nach Boston sitzen. Wir waren im Klaren miteinander.” Im April 2016 wird “Wege mit Martin Walser” bei weissbooks erscheinen.

Walsers Romane waren für sie schon früh ein Stück Heimat und “Kulturgepräch meiner bürgerlichen Klasse … “ In ihrem Buch lässt sie immer wieder Details des eigenen Werdegangs einfließen, der Kindheit, den Stationen des Studiums, die wichtigsten Persönlichkeiten, die sie prägten. Dann der Entschluss in den USA zu bleiben, Heirat, Kinder, doch nie ganz weg aus Deutschland, vom Bodensee. “Meine Wurzeln stecken im Wolmatinger Ried.”

Vom westlichen Rand der Wasserburger Halbinsel kann man direkt ins Paradies schauen. Es ist ein Teil des Nachbarorts Nonnenhorn, der so heißt. Susanne Klingenstein war als Kind oft bei ihren Großeltern im Konstanzer Stadtteil Paradies. In Walsers Büchern begegnen wir Figuren, die an ein überirdisches Paradies glauben oder gerne glauben können würden. Auch dem Dichter geht es manchmal so. Glauben können, das kann ein Privileg sein. Allerdings ist ein Paradies wie es die Religionen verheißen untauglich als Sehnsuchtsort. Nirgends wären wir unfreier, unterworfener, hoffnungsloser als in diesem Jenseits des Lust- und Ewigkeitszwangs.

“Was ist mein Paradies?” fragt Susanne Klingenstein. “Frei und sorglos durch einen literarischen Raum streifen, schönen Ideen nachlaufen, Gedankenverbindungen entdecken, die blitzartig das Leben erhellen, Sätze lesen, die ins Herz treffen, selber welche machen.”

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Schloss Giessen, bei Kressbronn. – Foto: Giacomo

Ein Junitag im verregneten Frühjahr 2016. Früher trüber Abend in Kressbronn. Der Himmel hat alle Schleusen geöffnet. Rund um das oberhalb des Ortes gelegene Schloss Giessen sumpfige Wiesen, tiefe Pfützen, morastige Wege, feuchtglänzende Apfelbäume in Reih und Glied, ungeduldig himmelstrebender Hopfen. Das Schloss ist eigentlich eine Turmhügelburg, sie entstand an der Stelle römischer Wehranlagen, die einst den Argenübergang bewachten. Der gegenwärtige Burgherr und Besitzer der Anlage heißt Werner Heine. Er hat nicht zuletzt in über vierjähriger Arbeit den vom Einsturz bedrohten Turm gerettet und wieder begehbar gemacht. Hin und wieder öffnet er das Schloss für kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen, Konzerte oder Tagungen.

Hier begegne ich Susanne Klingenstein. Und Sabine Zürn, eine profunde Kennerin der Werke Walsers, die den Abend mitgestaltet. Sie lebt in Wasserburg und trägt einen Namen, den der Dichter von dort zu Literatur gemacht hat. Klingenstein und Zürn haben das Publikum für sich. Walser ist jetzt ganz literarische Figur eines Textes aus dem die Verfasserin einige der wirkungsvollsten Passagen vorträgt. Protagonist ist er, in einem Buch, über das sich die beiden Frauen, die Lesungsteile ergänzend und für die Zuhörer mit Gewinn, ausführlich unterhalten.

Auf der Heimfahrt, die Gewissheit, dass hinter dem dichten Regen der See liegt. Und der Säntis. Und die thurgauer Gemeinde Hauptwil, von wo im Frühjahr 1801 der verwirrte, verstoßene, abgerissene Hölderlin in die Heimat zurückkehrte. Ein Dichter von dem viele Zeitgenossen, die mit mir irgendwann einmal durch Kressbronner, Wasserburger, Ulmer oder Konstanzer Straßen wandeln, noch nie gehört haben. Auch daran erinnert Susanne Klingenstein in ihrem Wege-Buch und zitiert das Ende seines Griechenlandgedichts. “Laßt, o Parzen, laßt die Schere tönen, / Denn mein Herz gehört den Toten an!” Das sei das Los der Literaturhistoriker, schreibt sie.

Wir Leser dürfen uns indessen weiterhin, ganz naiv und ganz nach eigener Neigung, an den Dichterinnen und Dichtern der Gegenwart freuen. Und an dem Buch Susanne Klingensteins, das uns mitnimmt auf ihre “Wege mit Martin Walser.”

***

Alle Zitate (mit Ausnahme der Hölderlin-Verse) aus:

Klingenstein, Susanne: Wege mit Martin Walser. Zauber und Wirklichkeit. – Frankfurt am Main : weissbooks, 2016

Die Abramovitsh-Bücher:

Klingenstein, Susanne: Mendele der Buchhändler. Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh. – Harrassowitz, 2014 (Jüdische Kultur, 27)

Walser, Martin: Shmekendike blumen: Ein Denkmal / A dermonung für Sholem Yankev Abramovitsh. – Reinbek : Rowohlt, 2014


“Über das Land hinaus”

30. Mai 2016

Von Lenz und Niedlich, bis Sayer und Riethmüller. Irene Ferchls Zeitreise durch den literarischen Südwesten.

Am 8. Mai 1955 hielt Thomas Mann seine berühmte Rede zum 150. Todestag Friedrich Schillers. Im Großen Haus des Württembergischen Staatstheaters zu Stuttgart. Im selben Jahr wurde in Marbach am Neckar, Schillers Geburtsstadt, das Deutsche Literaturarchiv gegründet. Von 1953 bis 1968 existierte die “Hochschule für Gestaltung” in Ulm. Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher und ihr erster Rektor Max Bill wollten so die Bauhaus-Tradtion fortführen.

“Literarisches Leben in Baden-Württemberg” ist der Untertitel des großformatigen Bandes, der mir diese Ereignisse vergegenwärtigt. Er ist bei Klöpfer & Meyer erschienen. Schwarz auf gelb signalisiert er die Landesfarben, seine inhaltlichen Grenzen sind allerdings nach allen Seiten offen, wie der Titel erkennen lässt. Begrenzen musste sich die Autorin und Herausgeberin bei der zu berücksichtigenden Zeitspanne. Sie beginnt 1950, fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und zwei Jahre vor der Entstehung des heutigen Bundeslandes, und erreicht schließlich unsere Gegenwart. So ist eine Kapiteleinteilung entstanden, die sich in sieben Dekaden gliedert.

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Gegründet 1828 in Leipzig. Heute in Baden-Württemberg zu Hause: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH

Natürlich lassen sich nicht alle Ereignisse, Personen, Werke einer einzigen Dekade zuordnen, die Chronologie wird oft erweitert oder durchbrochen, “denn Geschichte und Geschichten spielen sich eben niemals geordnet ab: Da gibt es Rückblicke und Rückblenden … die historischen Schichten mischen sich, fließen ineinander … “ (Irene Ferchl im Vorwort). Entsprechend bunt und vielfältig sind die Stilelement, die Formen, die für diese kaleidoskopische Vorgehensweise verwendet werden: “Essays und Romanauszüge, Gespräche und Gedichte, Erzählungen und Interviews, Porträts und Reportagen.” Der renommierte “schwäbische” Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger hat eine Einleitung geschrieben, in dem er den Kulturraum Südwestdeutschland ungeachtet politischer Landesgrenzen definiert.

Jeder Zeitabschnitt beginnt mit einem kurzen prägnanten Text eines schreibenden Zeitgenossen und einem Zeitfenster, dass einige wichtige Meilensteine der jeweiligen Epoche in Erinnerung bringt. Das ist sehr nützlich. Denn wie mir, wird es vielen Anderen auch gehen. Hatte ich doch völlig verdrängt, dass am 4. Oktober 1983 das Stuttgarter Schriftstellerhaus eröffnete, oder dass Arnold Stadler 1999 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde. Ähnlich nützlich wie diese Synopsen ist das erstaunlich umfangreiche Namensregister von Achternbusch, Herbert bis Ziegler, Leopold.

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Ein Haus für die Literatur der Zukunft: Die Stadtbibliothek Ulm

Dass in einer Publikation von Irene Ferchl die schreibenden Frauen nicht zu kurz kommen, ist ebenso wenig überraschend wie erfreulich. So war ich sehr angetan, zwei der im allgemeinen Rummel des Betriebs eher als Mauerblümchen anzusehenden oberschwäbischen Marien in diesem Buch zu finden. Maria Müller-Gögler mit dem Gedicht “Kindheit” und Maria Beig mit ihrem Text “Paradies vorm Ausverkauf.” Ebenfalls Außenseiter angesichts landläufiger Vermarktungs-Klischees war sicher der in sich gekehrte Hermann Lenz und ist es der Zeitgenosse Walle Sayer mit seinen schmalen Bändchen in denen seine zarten Miniaturen erscheinen.

Unterhaltsam amüsant sind die Beiträge von Peter Härtling (“Die Kehrwoche”) und Thaddäus Troll (“Der Schwabe und die Musen”). Spannend die Informationen über die Entwicklungen im Buchhandel in diesen fast 70 Jahren. Da wird zum einen an das Stuttgarter Bibliotop des Wendelin Niedlich erinnert (“Babylonische Buch-Türme und -Labyrinthe”), während Osiander-Chef Heinrich Riethmüller im Interview über die nicht immer einfache Situation seiner Branche in der Gegenwart Auskunft gibt. Er ist es, der uns Buch- und Literaturenthusiasten etwas aufatmen lässt: “Bei aller Euphorie gegenüber dem E-Book und der Digitalisierung glaube ich, dass man auch in zwanzig Jahre noch gedruckte Bücher haben wird.”

FerchlWas diese Welt der schönen Bücher und ihrer Macher im deutschen Südwesten zu bieten hatte und immer wieder anzubieten hat, macht das mit zahlreichen schwarzweißen Fotos illustrierte Buch von Irene Ferchl deutlich.

Ferchl, Irene (Hrsg.): Über das Land hinaus : literarisches Leben in Baden-Württemberg. – Klöpfer & Meyer, 2016


Leipziger Buchmesse 2016 (II)

7. April 2016

Meine Bücher

* * *

Fast drei Wochen nach dem Ende der diesjährigen Leipziger Buchmesse liegt es nahe eine kleine Bilanz der Frühjahrs-Neuerscheinungen zu ziehen. Hier sind meine ganz persönlichen Favoriten.

(Die Reihenfolge stellt keine Wertung dar. Bibliographische Daten am Ende des Beitrags.)

Zeh, Unterleuten

“Die Wahrheit war nicht, was sich wirklich ereignet hatte, sondern was die Leute einander erzählten.”

Auf engstem Raum, im märkischen Sand, lässt Juli Zeh ein exemplarisches Bestiarium aufeinander los. Das Dorf hat gelitten. Unter den Weltkriegen, der DDR, der Vergesellschaftung, dem Mauerbau, der Wiedervereinigung und dem Wüten der Treuhand-Gesellschaft, und leidet jetzt unter der Gnadenlosigkeit einer schrankenlos liberalisierten Marktwirtschaft. Nahezu abgeschnitten vom Rest der Welt pflegen Alteingesessene und wenige Zuzöglinge ihre Abhängigkeiten, Schuldgefühle und Zukunftsverweigerung. Eine auf einander fixierte und angewiesene Gemeinschaft, meist älterer Mitglieder.

“ … gefährlicher waren Leute, die sich im Recht glaubten. Sie waren ungeheuer zahlreich, und sie kannten keine Gnade.”

Als nahe der falschen Idylle ein Windpark entstehen soll, brechen Neid und Missgunst, Betrug und Gewalt über Unterleuten herein. Alte Rechnungen sind zu begleichen. Neue werden ausgestellt. Juli Zeh erzählt aus den wechselnden Perspektiven von sehr unterschiedlichen Personen, die jeweils für eine bestimmte charakteristische Haltung stehen. Für jeden dieser Menschen haben wir Leser Verständnis bis Sympathie, obwohl sie sich unmöglich, ungerecht, geschmacklos, egoistisch, ja kriminell verhalten. Dass ihr auf über 600 Seiten ein Zeit- und Generationenroman von höchster Spannung gelungen ist, der uns bis zum (nicht nur) tragischen Ende nicht mehr los lässt, ist die hehre Kunst dieser großartigen Autorin.

Bugadze, Literaturexpress

Einer der bekanntesten Schriftsteller Georgiens erstmals in einer deutschen Übersetzung.

“Im August warfen die Russen Bomben auf uns. Im September trennte sich Elene von mir. Im Oktober fuhr ich nach Lissabon.”

Die munter überzeichnete Geschichte einer Zugfahrt von 100 Dichtern aus vielen Nationen quer durch Europa. Roadmovie und Liebesgeschichte. Drugs, Sex, Rock and Roll. Wobei die Drugs hautpsächlich alkoholische Substanzen sind. Allüren, Schreibblockaden, Futterneid und Narzissmus prägen das erzwungene Miteinander der Künstler-Individuen. Geschildert wird die Fahrt aus der Sicht eines mäßig erfolgreichen, jungen georgischen Schriftstellers. Städte in denen der Expresszug halt macht, die Dichter Gelegenheit zum Landgang bekommen, gleichzeitig Verpflichtungen zu Lesungen haben, sind nach dem Start in Lissabon u. a. Madrid, Paris, Frankfurt, Moskau und Warschau. Der Zielbahnhof steht in Berlin.

Übersetzt hat das Buch die wunderbare, vielseitige Nino Harratischwili, selbst georgischer Herkunft, deren 2014 erschienener Roman “Das achte Leben” zu den wichtigsten deutschsprachigen Büchern des noch jungen Jahrhunderts zählt.

Der georgische Schriftsteller Lasha Bugadze

Stamm, Weit über das Land

Peter Stamm zu lesen, so hat sich gezeigt, lohnt eigentlich immer. Da sein neuestes Buch noch unabgestrichen auf meiner Leseliste steht, zitiere ich ausnahmsweise aus Verlagswerbung und Medium.

Ein Mann steht auf und geht. Einen Augenblick zögert Thomas, dann verlässt er das Haus, seine Frau und seine Kinder. Mit einem erstaunten Lächeln geht er einfach weiter und verschwindet. Astrid, seine Frau, fragt sich zunächst, wohin er gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt. (Verlag)

Mit fassungsloser Faszination folgt der Leser Thomas‘ krummen Wegen durch die Schweizer Wälder und Dörfer, die Pässe hinauf, die Bergwege wieder hinunter: Wege, die keinem Plan folgen, die kein Ziel kennen, kein Ziel außer dem, weg zu sein, nicht mehr greifbar zu sein. (Alexander Solloch im NDR)

Hahn, Kleid meiner Mutter

Anna Katharina Hahn hat ihre Erzählheimat Stuttgart verlassen und macht die spanische Hauptstadt zum Schauplatz ihres neuen Romans. Im Mittelpunkt steht die junge Anita, deren Alltag von Arbeitslosigkeit, Sinn- und Geldmangel, fehlenden Zukunftsperspektiven geprägt ist. Abhilfe verspräche das Auswandern auf den bundesdeutschen Arbeitsmarkt.

“In meinem Beruf habe ich noch nie gearbeitet, denn es gibt keine Stellen. Manchmal engagieren mich junge Familien aus der Nachbarschaft als Babysitterin, aber sie können mich nicht richtig bezahlen, weil sie auch arbeitslos sind. Sie revanchieren sich dann mit Naturalien … “

Doch anders als ihr Bruder kann sich Anita nicht dazu durchringen. Dann sterben überraschend und auf kuriose Weise ihre Eltern und sie macht sich auf eine eher unfreiwillige Spurensuche in deren Vergangenheit, die einige Überraschungen bereithält, und in der ein deutscher Schriftsteller namens de Ruit eine wichtige Rolle spielte.

Hahn verwendet Stilmittel der romantischen Literatur. Es gibt unerklärliche Ereignisse, Schauerliches und Geschichten in der Geschichte. Ein immer wieder überraschendes Buch, rund um aktuelle europäische Probleme, unter Verwendung in der Gegenwartsliteratur aus der Mode geratener Stilelemente. Apropos Mode: Ein Kleid mit Zitronenmuster ist in der Geschichte von besonderer Bedeutung. Ein solches – in Stuttgart entworfen und geschneidert – trug die Autorin, als sie auf der Leipziger Messe ihr Buch vorstellte.

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Anna Katharina Hahn trug ein Kleid mit Zitronenmuster – wie sie es ihrer Protagonistin andichtete.

Gansel, Literatur im Dialog

“Der Band versammelt Interviews von Carsten Gansel mit maßgebenden Vertretern der beiden Literatursysteme Ost- und Westdeutschland sowie der nachfolgenden Autorengeneration zu einem repräsentativen Dialog über die Kultur- und Zeitgeschichte der jüngsten deutschen Vergangenheit.”

Ein Buch, wie geschaffen für jemanden der einen Blog mit dem Untertitel “Literatur.Orte.Spuren” schreibt. Und darüber hinaus für all jene, die sich für Entstehungsprozesse von Literatur und die Personen die sie schaffen interessieren. Es enthält reichlich Material und Anregungen für eine intensivere Beschäftigung mit dem literarischen Leben im Deutschland nach der Wende. Es kann zudem Anstoss sein, den einen Autor, die andere Autorin, neu oder besser kennenzulernen.

Vertreten sind Schriftsteller, die nicht mehr leben, wie Stephan Heym, Erich Loest oder Christa Wolf. Aber auch Persönlichkeiten, die dieser Tage durchaus von sich reden machen. Thomas Brussig, Alexa Hennig von Lange, Reinhard Jirgl und die Buchpreisgewinnerin Kathrin Schmidt.

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Der Stand des Züricher Unionsverlags auf der Leipziger Buchmesse

Disher, Bitter Wash Road

Natürlich darf ein guter Krimi in meiner kleinen Auflistung nicht fehlen. Er kommt diesmal von „down under“ und Bernd Michael Köhler hat ihn schon vor mir gelesen:

„Bitter Wash Road“ von dem australischen Autor Garry Disher ist im besten Sinne ein Gesellschaftsroman in der Form des Krimis. Es finden sich zuhauf betörende Sätze und Passagen wie diese darin:

“Kropp fuhr nordwärts auf dem Barrier Highway in einen Tag voll rostiger Winde und schwarzer, glotzender Vögel, die auf durchhängenden Drähten hockten.”

Wie der Autor mit den poetischen Bildern der kargen Landschaft im Hinterland von Adelaide die Beschreibungen trostloser Menschencharaktere, extrem negativ aufgeladender untergründiger Gesellschaftsschichten, erzählungsbedingter Situationen und Stimmungen, verstärkt und zum Leuchten bringt, ist einfach Klasse. Mit der Figur des strafversetzten Polizisten Paul Hirschhausen, der in dieser menschlichen Wüste als Lonesome Rider mit Herz, sehr schnell die Sympathien des Lesers gewinnt, hat Disher einen originären Typus von Ermittler geschaffen, auf dessen weiteren Fälle man sich schon freuen darf.

*  * *

Zeh, Juli: Unterleuten. Roman. – Luchterhand, 2016. Euro 24,99

Bugadze, Lasha: Der Literaturexpress. Roman. – Frankfurter Verlagsanstalt, 2016. Euro 24

Stamm, Peter: Weit über das Land. Roman. – S. Fischer, 2016. Euro 19,99

Hahn, Anna Katharina: Das Kleid meiner Mutter. Roman. – Suhrkamp, 2016. Euro 21,95

Gansel, Carsten: Literatur im Dialog. Gespräche mit Autorinnen und Autoren 1989 – 2014. – Verbrecher Verlag, 2016. Euro 26

Disher, Garry: Bitter Wash Road. Kriminalroman. – Unionsverlag, 2016. Euro 21,95


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