Georgische Momente

Über Begegnungen mit Nino Haratischwili und Zurab Karumidze.

Georgischer Wein ist hierzulande schwer zu bekommen. Haben wir nicht im Angebot, teilt der lokale Handel auf Nachfrage mit. Natürlich wird man schließlich im Internet fündig. Ein Saperavi, Kindzmarauli und ein Tsinandali werden angeboten. Der Weißwein „Goruli Mtsvane“ vom georgischen Spitzenweingut Château Mukhrani wird aus der autochthonen georgischen Rebsorte Goruli erzeugt, die Trauben werden ausschließlich per Hand gelesen. Das erfahre ich auf der Seite des Bremer Weinkolleg. Hanseaten hatten schon immer ein Händchen für Weinimporte.

Wein fließt reichlich in die Kehlen der Protagonisten von Nino Haratischwilis großem georgischen Generationenroman Das achte Leben (für Brilka). Fast genauso häufig erfahren wir darin vom Genuss feiner Trinkschokolade deren Zubereitung und Verzehr zelebriert wird. Rezepturen der Vorfahren werden in den Familien vererbt und gehütet wie Goldschmuck.

Die Schokolade war zäh und dickflüssig, schwarz wie die Nacht vor einem schweren Gewitter, und wurde in kleinen Portionen, heiß, aber nicht zu heiß, in kleinen Tassen und – im Idealfall – mit Silberlöffeln verzehrt. Für dieses Jahrhundert-Buch und ihre Theaterstücke wurde die Schriftstellerin in Augsburg mit dem Bertolt-Brecht-Preis ausgezeichnet.

Der Frühsommer hatte sich in den April verirrt. Ein warmer weicher Nachmittag und Abend am Tag der Preisverleihung im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses. Hier die vergangene Pracht der einst reichen Fuggerstadt, draußen junges Leben und Treiben, Sonne und aufkeimende Frühlingssäfte riefen auf die Plätze und in die Gassen. Cafès und Biertische waren dicht besetzt, luftige Kleider, kurze Hosen, bare Füße allerorten. Gesprächsfetzen, Lachen und Rufen in der Luft. Brecht-Erbe Wecker im Sinn. Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und die Luft nach Erde schmeckt, ist´s egal, ob man gescheit ist, wichtig ist, daß man bereit ist und sein Fleisch nicht mehr versteckt … Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und der Himmel ein Opal, weiß ich, dass das meine Zeit ist …

Nino Haratischwili ist jetzt Mitte dreißig. Natürlich die jüngste Preisträgerin. Drei Romane und zahlreiche Theaterstücke sind von ihr bereits erschienen und aufgeführt worden. Aus Neigung zu dieser Sprache hat sie in der Schule früh Deutsch gelernt und bereits sehr jung begonnen in deutscher Sprache zu schreiben. Brechts Kaukasischer Kreidekreis war eines der ersten Theaterstücke die sie in Tiflis sah, sie beeindruckt und geprägt hat. 1998 gründete sie eine deutsch-georgische Theatergruppe, schrieb, inszenierte und spielte vier erste Stücke auf Deutsch. In Tiflis studierte sie Filmregie, in Hamburg Theaterregie, hier lebt sie inzwischen mit ihrer Familie. Schon 2008 erhielt ihr Drama Liv Stein einen Autorenpreis auf dem Heidelberger Stückemarkt.

Foto: Birgit Böllinger

In seiner Begrüßung der Preisträgerin wies Kultur-Bürgermeister Kiefer auf Brechts durch eine alte Legende angeregte Kalendergeschichte vom Augsburger Kreidekreis hin, eine Vorarbeit zum späteren Theaterstück Der Kaukasische Kreidekreis. In der Begründung für die Preisverleihung heißt es: Nino Haratischwilis Romane und Theaterstücke lassen sich mit den großen Exildramen Bertolt Brechts in Verbindung bringen. Und FAZ-Ressortchef Andreas Platthaus fand für seine Laudatio die Formel: Wenn Bertolt Brecht das epische Theater erfunden hat, dann Nino Haratischwili die theatralische Epik.

Im Herbst ist Georgien Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. Es besteht kein Zweifel, dass bei dieser Gelegenheit georgischer Wein an einschlägigen Messeständen zum Ausschank kommen wird. Viel wichtiger jedoch ist mir, dass zu diesem Zeitpunkt der neue Roman einer großen europäischen, aus Georgien stammenden Schriftstellerin erscheint. Wenn ich in Augsburg richtig hingehört habe, wird er den Titel Die Katze und der General tragen.

Der sommerliche Frühling in Ulm steht jenem in Augsburg in nichts nach. Hier wie dort atmet die Stadt auf und findet sich allerorten leichtlebiges Treiben und Sehnen. Zudem ist Literaturwoche an der Donau. Im Künstlerhaus bestand Gelegenheit zur Begegnung mit dem georgischen Autor Zurab Karumidze und seinem Übersetzer und Verleger Stefan Weidle. Die beiden hatten den Roman Dagny oder ein Fest der Liebe mitgebracht.

Kurz kam die Frage auf, ob Weidle wohl der georgischen Sprache mächtig sei. Dem ist nicht so. Karumidze hat das Buch in englischer Sprache verfasst. Neben der Muttersprache und Russisch seine dritte Sprache, wie er es formulierte. Karumidze lebt in Tiflis, doch sein Roman ist kein ausgesprochen georgisches Buch, Thema und Personal sind europäisch, die Abläufe universell.

Zarub Karumidze und Stefan Weidle (rechts)

Die Norwegerin Dagny Juel war ein Modell Edvard Munchs, etwa für seine bekannte Madonna. Strindberg verliebte sich in sie und reagierte bösartig als er auf Ablehnung stieß. Sie heiratete den polnischen Schriftsteller Stanislaw Przybyszewski und war mit ihm in Berliner Künstlerkreisen unterwegs. Przybyszewski verkaufte die Muse an seinen Bewunderer Wladyslaw Emeryk. So kam sie nach Tiflis.

Dagny Juel hat selbst Gedichte und kurze Dramen (in norwegischer Sprache) geschrieben, die Karumidze in seinem Buch immer wieder in englischer Version zitiert. Verleger Weidle möchte diese Werke demnächst als eigenen Band herausgeben. Am 4. Juni 1901 wurde Dagny von einem nicht erhörten Liebhaber in Tiflis erschossen und dort an ihrem 34. Geburtstag beerdigt. Als Aristokratin von Geburt und Charakter war Dagny Juel wie ein frischer Wind für die Männer, die atemlos nach ihrer Position in Kunst und Leben suchten.

Die in Ulm gelesenen Ausschnitte stellten ein herausforderndes Buch vor, eine tiefgründige Geschichte, frivol, erotisch, ebenso offen in der Sprache wie verschlüsselt in seinen Anspielungen. Die Hauptfigur ein Spielball männlicher Launen, Lüste, voll pornophonischem Lebensekel. Ein postmoderner Roman sei das, wurde als Kategorie bemüht. Der Begriff metamodern wurde erprobt. Doch wozu Klischees? Jedes literarische Werk steht letztlich für sich.

Weidle verwies auf die breite und tiefe literarische Vorbildung des Verfassers und dessen zahlreiche Reminiszenzen an die Weltliteratur, die sich nur mit entsprechender Leseerfahrung erschließen. In diesem Zusammenhang forderte er dazu auf nicht nur aktuelle Bücher zu lesen, sondern immer wieder zu den Klassikern, den alten und den modernen zu greifen. Ein berechtigtes Ansinnen. Sein persönlicher Hausgott, ließ er noch wissen, ist Heimito von Doderer.

Zwischendurch sangen Autor und Verleger Norwegian Wood im Männerduett. Warum wurde nicht so recht klar, kam aber gut an. Der volle Bass Karumidzes ist so beeindruckend, dass der Wunsch geäußert wurde, er möge mit seiner Stimme noch etwas auf Georgisch vortragen. Er wählte eine Passage aus dem über 850 Jahre alten georgischen Nationalepos Vepkhis t’q’aosani (zu deutsch: Der Recke im Tigerfell) des Dichters Rustaveli. Ein wohltönender Vortrag.

Georgien ist die ursprüngliche Heimat des Weines und des kultivierten Weinbaus, behaupten Fachleute. Archäologen haben im Land Weinrebsamen entdeckt, die 5.000 Jahre alt sind. Sie können in Tbilissi im Museum des Weininstitutes bewundert werden.

Nino Haratischwilis Achtes Leben (für Brilka) habe ich kurz nach Erscheinen gelesen. Verschlungen, genossen und bewundert. Ob ich über kurz oder länger zu Dagny oder ein Fest der Liebe greifen werde, ist nicht absehbar. Allerdings kann kaum etwas anderes einen selbst so überraschen wie Wendungen und Launen der Leselust. Und irgendwann wird vielleicht ein Glas das beim Lesen vor mir steht mit georgischem Wein gefüllt sein.

Die Kerners

Felix Huby und Hartwin Gromes erzählen eine wenig bekannte Familiengeschichte.

Die frisch erworbene Flasche Kerner-Wein kommt erst einmal in des Kellers kühlen Grund, damit der Inhalt die empfohlene Trinktemperatur von 8 bis 10 Grad Celsius annehmen kann. Dann die Lektüre vor der Lektüre. Es ist mehr ein Schmökern, im fetten gelben Band 3857 von Reclams Universal-Bibliothek, der Ausgewählte Werke des schwäbischen Dichters Justinus Kerner (1786 – 1862) enthält: Prosa, Biographisches, viele Gedichte. Glaubt einem Gram ihr zu entfliehen / Wenn ihr entflieht dem alten Raum? / Der Glaube ist ein irrer Traum: / Der Gram wird allwärts mit euch ziehen.

Zur Bibliotherapie taugen solche Reime weniger, immerhin erfährt man in Bausingers Schwäbischer Literaturgeschichte von des Dichters Spaß an der Klecksographie. Dort liest man von seinem Hang zum Okkultismus und vom Arzt Kerner der vom Meßmerschen Magnetismus überzeugt war. Als ein Freund des Weines, nach dem viele Jahrzehnte nach seinem Tod in Weinsberg die Sorte Kerner benannt wurde, brachte er es zeitweise auf einen Verzehr von zwei bis drei Litern am Tag, was seine Frau Friederike schließlich zu begrenzender Kontrolle veranlasste. So ist es nicht verwunderlich dass seiner Feder mancher Vers entsprang, der immer wieder gerne in feucht-fröhlicher Runde gesungen wird: Wohlauf, noch getrunken den funkelnden Wein …

Justinus Kerner ist die bekannteste Persönlichkeit der weitverzweigten Kerner-Sippe, zu seiner Zeit war er ebenso eine Berühmtheit wie die schreibenden Kollegen Ludwig Uhland und Gustav Schwab. In Hubys und Gromes Buch steht er nicht allein im Mittelpunkt. Zentrale Figuren sind neben ihm seine beiden Brüder Georg und Karl. Um sie herum wird von weiteren Familienmitgliedern erzählt. Den Eltern Christoph Ludwig Kerner (1744 – 1799) und seiner Gattin Friederike Luise geborene Stockmayer (1750 – 1817), dem Paar wurden im Lauf der Jahre 12 Kinder geboren, sechs Töchter erreichten das Erwachsenenalter nicht. Und den zahlreichen Nachkommen, deren Schicksal nur angedeutet werden kann um den verträglichen Rahmen des Erzählwerks nicht zu sprengen.

Justinus Kerner ist heute gerade noch eingefleischten Literaturfreunden ein Begriff. Seine nahezu vergessenen Brüder Georg und Karl waren hingegen wichtige, einflussreiche Figuren der schwäbischen und europäischen Geschichte. Georg war ein sanfter Revolutionär. Zunächst Feuer und Flamme für die Ideen der französischen Revolution, wandte er sich später von Frankreichs Politik ab, als er erleben musste, wie ein neoabsolutistischer Napoleon seine Rolle als Führer der Grand Nation interpretierte und schließlich Europa mit Schrecken und Tod überzog. Georg lebte als Diplomat, Arzt, Journalist und gescheiterter Geschäftsmann in Paris, Florenz und Hamburg. In der Hansestadt wirkte er hoch angesehen unter anderem als Armenarzt. 1812 starb er dort 42-jährig an einer Infektion, die er sich bei seiner ärztlichen Tätigkeit zugezogen hatte. Geboren wurde er im gleichen Jahr wie Friedrich Hölderlin: 1770.

Den kranken und alten Hölderlin in seinem Turmzimmer mit Neckarblick erlebte der Bruder Justinus als angehender Arzt, zu dem er an der württembergischen Kaderschmiede Karlsschule ausgebildet wurde. Die Anstalt war direkt dem Herzog unterstellt und hatte den Auftrag begabte Landeskinder zu frommen und untertänigen Dienern der württembergischen Dynastie heranzuzüchten. Dass es einigen dieser jungen Männern gelang der Unterdrückung zu entkommen und ihre Talente anderweitig und andernorts zu entfalten wissen wir nicht nur von Friedrich Schiller.

Ein treuer Diener von Herzog und Staat war lebenslang Karl Kerner (1775 – 1840), nach der Erhebung in den Adelsstand Karl von Kerner. Als Offizier führte er ein württembergisches Heer im Gefolge Napoleons in den Russland-Feldzug. Seine Mannschaften wurden vom russischen Winter und von des Gegners raffinierter Kriegsführung aufgerieben. Nur wenige kehrten in die Heimat zurück. Karl war anschließend nicht bereit die Seiten zu wechseln und erneut und diesmal gegen die Franzosen ins Feld zu ziehen. Er wurde Minister, Direktor der landeseigenen Eisen- und Hüttenwerke und schließlich Gutsbesitzer im hohenlohischen Niederhofen.

Die Familie Kerner, die Geschichte des 19. Jahrhunderts, das württembergische Herzogtum und Ausschnitte der schwäbischen Literaturgeschichte boten den Autoren überreichen Stoff für einen dichten, fesselnden Roman rund um die Brüder Georg, Karl und Justinus. Felix Huby, den wir seit Jahrzehnten als versierten Krimi- und Drehbuchschreiber kennen, gelingen einmal mehr realistisch wirkende Dialoge, die uns die menschlichen Facetten der Protagonisten näher bringen.

Der promovierte Theaterwissenschaftler, Dramaturg und langjährige Professor für Kulturwissenschaften Hartwin Gromes hat schon öfters mit Huby zusammengearbeitet. Er dürfte wohl in erster Linie für das Recherchieren der historischen Fakten und Zusammenhänge zuständig gewesen sein. Wo sachliches Wissen eingeflochten und wo das fiktive Erzählen zur raffiniert konstruierten Melange beiträgt, ist für einigermaßen erfahrene Leser unschwer zu erkennen. Entstanden ist ein biographisch fundierter Roman der sich süffig wie ein guter Kerner liest, bestens unterhält und ganz nebenbei eine leicht verdauliche Portion schwäbische Heimatkunde im europäischen Kontext vermittelt.

Längst hatte die Flasche Kerner vom Besigheimer Felsengarten ideale Trinktemperatur erreicht, konnte aufgeschraubt und der hellgelbe Wein eingeschenkt werden. … zarter Duft von Birne und grünem Apfel, leichte Muskataromen, fruchtbetonte, feingliedrige, würzige Fruchtsäure, saftige Süße im Abgang. Wird empfohlen zu Kalbs- und Nierenbraten, Geflügel, würzigem Käse. Passt jederzeit auch zu einem guten Buch.

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Huby, Felix; Gromes, Hartwin: Die Kerners. Eine Familiengeschichte. Roman. – Klöpfer & Meyer, 2018

Kerner, Justinus: Ausgewählte Werke. – Philipp Reclam jun., 1981 (Universal-Bibliothek; 3857)

Bausinger, Hermann: Eine Schwäbische Literaturgeschichte. – Klöpfer & Meyer, 2016

Die Vergessenen

Ein Roman von Ellen Sandberg der zu denken gibt.

Es endet mit einem kurzen Telefonat und einer Verabredung zu einem Treffen der beiden Hauptfiguren. Einer Frau und einem Mann. Es ist einer der gelungensten Dialoge die ich in letzter Zeit von einer deutschsprachigen Autorin oder einem Autor gelesen habe. Das Buch ist aus. Als Leser bleibe ich nach dieser Lektüre mit ausgesprochen gemischten Gefühlen im Lesesessel zurück.

Zurückgelassen mit der Frage, ob man Spannung und unterhaltsame Kurzweil dieses Romans genießen darf angesichts der Thematik die hier behandelt wird. Die Abläufe der erzählten Gegenwart haben ihre Auslöser, ihre Ursachen, in zwei unfassbaren Verbrechenskomplexen: Den Kriegsverbrechen deutscher Soldaten im besetzten Griechenland gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und den Euthanasiemorden im Dritten Reich. Schatten aus brauner Vergangenheit fallen auf die Protagonisten im München der Gegenwart.

1944 arbeitete die junge Krankenschwester Kathrin in einem Heim für geistig und körperlich behinderte Menschen. Für die Nazis sind das lebensunwerte Randexistenzen. Ärzte missbrauchen sie für Experimente, lassen sie verhungern, töten sie. Die Vorgänge werden als Erlösung für die Patienten beschönigt. Politisch deklariert als Befreiung von unnötigem Ballast für den Volkskörper. Euthanasie ist das Stichwort. Unmenschlicher Zynismus die Folge. Kathrin, dem charismatischen Chefarzt der Einrichtung mehr wie zugeneigt, ist zwiegespalten; schließlich erstellt sie mit Hilfe eines Arztes in Ausbildung Dokumentationen einiger besonders krasser Fälle.

Ihre Nichte Vera erfährt über siebzig Jahre später durch mehrere Zufälle von der Existenz dieser Unterlagen. Die Journalistin hat Probleme mit ihrer beruflichen Orientierung. Sie droht als Redakteurin eines Zeitgeist-Journals für Frauen zu versauern, während ihre wahren Ambitionen doch in eine ganz andere Richtung gehen. Deshalb sieht sie es als willkommene Chance den Verbrechen aus der Zeit des Dritten Reichs nachzugehen und darüber zu schreiben. Vom Ergebnis dieser Arbeit erhofft sie sich einen Karrieresprung.

Sie ahnt nicht, dass gleichzeitig sehr viel entschlossenere Kreise und gefährlichere Kräfte dabei sind, die belastenden Unterlagen aus der Welt zu schaffen. Diesen Auftrag soll Manolis Leftis ausführen. Ein gut bezahlter Spezialist für zweifelhafte Machenschaften, Handlanger für Menschen, die sich selbst die Hände nicht schmutzig machen. Er hatte griechische Vorfahren und ist in zweiter Generation traumatisiert durch Massaker die deutsche Soldaten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im Heimatdorf seiner Eltern und Großeltern verübten.

Aus dieser Konstellation macht Ellen Sandberg eine ungemein spannende, großartig konstruierte Geschichte mit allerhand Nebenhandlungen und geschickt eingeflochtenen historischen Reflexionen. Dass sie dieses mitreisende Erzählen bestens beherrscht hat sie unter ihrem Namen Inge Löhnig mit Kriminalromanen rund um den Münchner Kommissar Dühnfohrt bereits mehrfach sehr erfolgreich nachgewiesen. Waren die Dühnfort-Bücher beste Gesellenstücke, so gelingt ihr mit Die Vergessenen die Meisterarbeit als Autorin von Spannungsliteratur.

Gründlich recherchiert und nach langer Vorarbeit nunmehr veröffentlicht, entwickelte sich der Titel rasch zu einem unerwarteten Bestseller. Neben den spannenden Passagen sind es vor allem die schicksalhaften Momente, die schockierenden Szenen, die Ellen Sandberg so eindrucksvoll und anhaltend berührend gelingen. Und eben die Frage aufwerfen, ob man sich dieser belletristischen Unterhaltung uneingeschränkt hingeben darf.

Natürlich ist es nicht das einzige Buch dessen fikive Erzählung auf grausigen historischen Fakten beruht. Die Literaturgeschichte ist voll davon, gerade die der unterhaltenden Literatur. Man muss so lesen dürfen. Das ist nicht verwerflich, da man sicher sein kann, dass bei fast allen Leserinnen und Lesern etwas zurückbleiben wird. Eindrücke die über die Genugtuung an guter Lektüre hinausgehen, die kleine Widerhaken einpflanzen, Erkennnisfetzen ins Bewusstsein drücken, dass es Teile der deutschen Geschichte gibt, die nicht vergessen werden dürfen, die selbst gegenwärtigen und zukünftigen Generationen deutlich machen können, was nicht und nie mehr sein dürfte. Dass aber unsere Welt noch längst nicht frei davon ist.

Ellen Sandbergs Die Vergessenen ist ein Buch dass von Vielen gelesen werden kann und sollte. Wenn es in letzter Zeit ein Buch gab über das man mit Freunden, Bekannten, Mitlesern sprechen und diskutieren muss, dann ist es dieses.

Sandberg, Ellen: Die Vergessenen. – Penguin Verlag, 2017. Euro 13

Nicht nur Walser

Bei Gmeiner ist ein umfangreicher Text- und Bildband zur Literatur in Oberschwaben seit 1945 erschienen.

Die vordere Umschlagseite zeigt auf einer Schwarzweiß-Fotografie Maria Menz im Gespräch mit Martin Walser. Die beiden verdeutlichen in beispielhafter Weise das weite Spektrum der oberschwäbischen Literaturszene im 20. Jahrhundert. Hier einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren, vielgelesen, vielgefragt, von dem ein umfangreiches Werk unterschiedlicher Gattungen vorliegt, das verfilmt wurde, übersetzt, das Kontroversen auslöste und seinen Verfasser zum omnipräsenten Zeitgenossen werden ließ. Im März dieses Jahres wurde er 90 Jahre alt, tourt und schreibt derweil unverdrossen.

Dort die katholische Frau, aus einem dörflichen Umfeld, die ihre Begabung vorwiegend in Form mystisch durchwebter religiöser Lyrik und Dialektdichtung umsetzte, der man die Ausübung ihrer Neigung und Begabung nicht durchgehen lassen wollte, die sich dennoch berufen fühlte und vielfältige Widerstände in Kauf nahm. In jungen Jahren entkam sie für kurze Zeit der heimatlichen Enge. Als Krankenschwester konnte sie sich im großstädtischen Leipzig nicht behaupten, verbrachte schließlich als Außenseiterin ein langes Leben in ländlicher Abgeschiedenheit. Durch Walsers Zuspruch und Unterstützung erfuhr sie bescheidene und späte Anerkennung und ruht seit 1996, bereits fast wieder vergessen, auf dem Friedhof von Oberessendorf bei Biberach.

Literatur in Oberschwaben seit 1945 ist ein über 300 Seiten starker Sammelband mit Aufsätzen ausgewiesener Kenner der Region und ihres literarischen Lebens. So sind unter anderem Peter Blickle, Oswald Burger, Ulrike Längle und Peter Renz mit Beiträgen vertreten. Jeder Aufsatz ist in sich abgeschlossen und kann separat gelesen werden. Kleinere Redundanzen ließen sich so nicht ganz vermeiden. Der Gmeiner Verlag hat das Werk in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft Oberschwaben editiert, zur Finanzierung des ambitionierten Vorhabens leisteten die Oberschwäbischen Energiewerke einen erheblichen Beitrag.

Manfred Bosch leitet den Band mit seinem Überblick ein. Nicht zufällig trägt der Aufsatz den Titel Oberschwaben als literarische Landschaft nach 1945. Eng verbunden sind die Schriftstellerinnen und Schriftsteller zwischen Donau und Bodensee mit ihrer natürlichen und zivilisatorischen Umwelt, den Hügeln und Tälern, Seen und Flüssen, den kleinen und etwas größeren Städten. Nicht selten findet sich diese Verbundenheit im Werk wieder. Sei es das Leben am großen See bei Walser oder das bäuerlich Existenzielle bei Maria Beig, bis hin zur literarischen Umformung architektonischer und religiöser Besonderheiten bei Arnold Stadler.

Natürlich sind die bekanntesten Namen prominent vertreten. Ernst Jünger, Maria Beig oder Arnold Stadler. Und natürlich Martin Walser, der sich als Patron bis heute immer wieder für die Literatur seiner Gegend und die Persönlichkeiten, die sie schaffen, einsetzt. Denn die Schreibenden Oberschwabens stehen nicht in gleicher Weise im Blickpunkt wie jene der bundesdeutschen Metropolen. So darf man bei der Lektüre des Buches auch an jene denken, die hier nicht vorkommen. Die es trotz einschlägiger Begabung und vorhandenen dichterischen Fleißes nicht geschafft haben verlegt und damit öffentlich überhaupt erst wahrgenommen zu werden. Ganz sicher gehören dazu zahlreiche Frauen des 20. Jahrhunderts. Die Probleme und Hindernisse die Maria Menz, Maria Beig und Maria Müller-Gögler in ihren Laufbahnen und Lebenswegen zu bewältigen hatten, lassen dies zumindest erahnen. Ich weiß, da ist eine Geschichte, und ich weiß, ich werde sie nicht erfahren, beschreibt Cees Nooteboom in seinem Roman Paradies verloren dieses Dilemma.

Ulrike Längle erweitert die Region um das angrenzende Vorarlberg. Das ist geschickt, so sind interessante und bekannte Namen, wie Michael Köhlmeier und Monika Helfer in das Buch geraten. Mit Grenzziehungen ist es ja so eine Sache. Ein geographischer Raum Oberschwaben ist nicht eindeutig definiert und kulturell gibt es traditionell zahlreiche verwandschaftliche Beziehungen, Verflechtungen, Parallelen mit der angrenzenden Nachbarschaft in Österreich, der Schweiz, den bayerischen und badischen Ländereien.

Auf dem vorderen Umschlag sehen wir ein zweites Bild, das uns die malerische Pracht im Inneren des Rathauses der Stadt Wangen erahnen lässt. Und wir sehen die Teilnehmer am sogenannten Literarischen Forum Oberschwaben, die sich hier zu einer ihrer jährlichen Zusammenkünfte getroffen haben. Zu den Förderern, Inspiratoren oberschwäbischen Kunstschaffens im weitesten Sinne gehörte der feinsinnige Kommunikator Walter Münch, einst Landrat des Kreises Wangen, als es diesen noch gab. Er und weitere engagierte Mitstreiter waren es, die die Tradition des Forums ins Leben riefen. Es handelt sich dabei um offene Treffen von Autoren und Autorinnen, die aus dem Gebiet stammen oder sich ihm zugehörig fühlen, zu zwanglosem Kennenlernen und Erfahrungsaustausch. Das Buch berichtet darüber ebenso wie über das Wirken einer literarischen Gruppe, die als Ravensburger Kreis bis 2005 existierte.

Literatur in Oberschwaben seit 1945 gewinnt zusätzlichen Wert und Reiz durch die zahlreichen Abbildungen, darunter viele Personenporträts. Ein großer Teil der Fotografien stammt von dem in diesem Jahr verstorbenen Rupert Leser. Über viele Jahrzehnte ein in vielen Medien und Ausstellungen vertretener Bildchronist der oberschwäbischen Landschaft und ihrer Menschen.

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Weber, Edwin Ernst (Hrsg.): Literatur in Oberschwaben seit 1945. – Gmeiner-Verlag, 2017

(Der größte Teil der Beiträge in diesem Buch basiert auf Vorträgen während einer Tagung der Gesellschaft Oberschwaben, die 2011 im Volkshochschulheim Inzigkofen stattfand.)

„Für das Wort und die Freiheit” – Notizen zur Leipziger Buchmesse 2017. (I)

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“Nicht zu lesen lohnt sich nicht” (Katharina Herrmann / Kulturgeschwaetz.Wordpress.Com)

“Lesen hilft – und viel lesen hilft viel!” (Julia Schmitz / fraeuleinjulia.de)

“Ich lese, weil ich nicht weiß, wie es ist, nicht zu lesen.” (Marion Rave / schiefgelesen.net)

Hurra! Ich habe einen Sitzplatz ergattert. Mir gegenüber feuerrote Kontaktlinsen und die staubige Perücke einer Manga-Figur. Schweißgeruch. Auf dem Schoß “Warum ich lese” aus dem Homunculus Verlag. (Daraus stammen die Zitate oben.) Ja warum eigentlich? Das fragt man sich schon einmal im völlig überfüllten Straßenbahnwagen der Linie 16 auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse 2017.

Eine Dame hinter mir outet sich als Professorin für Buchwissenschaften in M. Ihre Gesprächpartnerin, erfahre ich postwendend, ist Lektorin für Schulbücher in Wien. Die Beiden kommen immer besser ins Gespräch und ich verliere endgültig den Faden meiner Lektüreversuche. Die “Sinnstiftung des Lesens” spiele kaum noch eine Rolle, höre ich und muss komisch aussehen, weil ich heftig nicke. Spaßfaktor, Erfolgsaussichten in Leben und Beruf, vorgegebene Curricula, der Wille mitreden zu können, bestimmen die Wahl. Wenn überhaupt noch das Buch die Wahl ist.

Leipziger Messe – Buchmesse 2017. Foto: Tom Schulze

“Wir sind da!” Die helle Stimme der Straßenbahnfahrerin reißt mich aus meinen zustimmenden Gedanken. “Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag auf der Leipziger Buchmesse.” Solche Straßenfahrerinnen gibt es nur in Leipzig. Überhaupt gibt es nur in Leipzig so viele Straßenbahnfahrerinnen. Vielleicht noch in Berlin. Apropos Straßenbahnfahrerin, wer es noch nicht gelesen hat, sollte das bald nachholen. Paula Fürstenbergs “Familie der geflügelten Tiger”, bereits im letzten Jahr bei Kiepenheuer und Witsch erschienen. Handelt von einer angehenden Straßenbahnfahrerin und ihrer kuriosen, leicht tragischen Famliengeschichte vor und nach ‘89.

Diese Buchmesse 2017 war eine politische Buchmesse. Besser: Auf dieser Buchmesse spielten politische Inhalte, Themen, Schlagworte und aktuelle Auseinandersetzungen eine zentrale Rolle. “Für das Wort und die Freiheit” hieß es auf Bannern, Fahnen und Podien.

“Wie reden wir eigentlich miteinander?” wurde im Cafè Europa gefragt. Nach Antworten suchten Mely Kiyak, sie ist ist politische Kolumnistin, Fatih Çevikkollu, Theater- und Filmschauspieler, Komiker und Kabarettist, Kijan Espahangizi, Historiker und Leiter des Zentrums Geschichte des Wissens an der ETH Zürich, und Moderatorin Esra Küçük, Kuratorin von Europa21, Mitglied im Direktorium des Maxim Gorki Theater. Intellektuelle, Wissenschaftler, professionelle Schreiber aus Deutschland und der Schweiz, der deutschen Sprache besonders mächtig. Sie machten zunächst deutlich, dass Fake News und Filterblasen so neu gar nicht sind. Das hieß früher nur anders.

Kritik an der alltäglichen Debattenkultur, in Medien und Kanälen, im Privaten. Auf komplexe Probleme und Fragen seien kaum noch differenzierte Antworten möglich. Pro oder Contra Flüchtlinge, nichts dazwischen. Kijan Espahangizi entzauberte das scheinbare Ideal der Volksabstimmungen, die im kantonal strukturierten Nachbarland ja besonders gerne durchgeführt werden. Es gäbe dabei eben nur ja oder nein. Ja oder nein auf vereinfachte Fragestellungen die für vielschichtige Sachverhalte stehen. Und die vermeintlichen Stimmenmehrheiten sind in Wahrheit allenfalls Bruchteile, denn viele dürfen nicht wählen, manche wollen nicht, und dann stimmen 51 Prozent dafür, was letztlich bedeutet, dass eine erhebliche Mehrheit unentschieden oder dagegen ist.

Warum wissen wir eigentlich so wenig über andere Länder? Mehr als Nachrichtenmedien vermitteln können? Einer der Gründe ist, weil so wenig Sachliteratur aus diesen Ländern, von Autoren die in diesen Ländern leben, übersetzt wird. Was wissen wir denn schon über die innergesellschaftlichen Diskurse und Diskussionen, Stimmungen und Strömungen in der Türkei, in Syrien, in Zentralafrika? Bürger und Zeitgenossen dürfen nicht nur das Recht auf Informationen fordern, sie müssen es auch wahrnehmen. Resultiert daraus nicht sogar die Pflicht, sich qualifiziert zu informieren? Und zu lernen, wie man das macht?

Hoffnung und Zukunft für Europa, für die Literatur, für das Lesen und Schreiben? Die Jungen. Junge Menschen die Lesen, die Schreiben, und in Leipzig tapfer und erstaunlich selbstsicher aus ersten Werken vortragen. Oder sich zum intensiven, exzessiven Lesen bekennen. Leser als Lebensform. Wie die drei Bloggerinnen auf der “Leseinsel der Jungen Verlage”. Drei von vierzig Autoren und Autorinnen, stellvertretend für all jene, die in dem bereits erwähnten Sammelsurium “Warum ich lese” enthalten sind, mit ihren ganz persönlichen Leselebensgeschichten. Sarah Reul, Sophie Weigand und Katharina Herrmann.

Sarah Reul, die das Blog pinkfisch.net schreibt hat sich auf 15 triftige Gründe beschränkt. Die haben es in sich, bilden sie doch so etwas wie eine kurzgefasste Lesebiographie. Beginnend mit ihrem ersten Pixi-Buch – “Ralf und die Semmel” – , über den Klassiker “Romeo und Julia”, das abgehobene “Per Anhalter durch die Galaxis”, bis zur unvermeidlichen Harry-Potter-Reihe, über die Bibel und den von Viellesern oft erwähnten Murakami-Roman “Kafka am Strand”, bis zum 15. Grund, der sicher nicht der wirklich letzte sein wird: “Bitte nicht lesen oder Der aufregendste Sommer im Leben von Nelson Jaqua” von Monte Merrick.

Beeindruckt hat mich das literarische Debut von Nadja Schlüter, die auf Lesebühnen unterwegs ist und auch schon journalistisch gearbeit hat. Ihre Erzählungen sind bei Voland & Quist erschienen. Jede Geschichte in »Einer hätte gereicht« handelt von Geschwister-Konstellationen. Pointierte, stimmige Arbeiten, die es verdienen ein breites Publikum zu erreichen. “Da ist eine kauzige Frau, die ihren Bruder bisher gar nicht kannte und jetzt zu sehr mag. Und da ein junger Mann, der es nicht aushält, seinen Bruder besser zu kennen als sich selbst. Zwei völlig Fremde im Zug geben sich spontan als Geschwisterpaar aus und sind sich plötzlich ganz bekannt… Nadja Schlüter lotet in zehn Erzählungen aus, was es heißt, sich auf diese ganz eigene Art nah zu sein.” (Verlagsblog)

Ulrich Schacht (r.) im Gespräch mit Rainer Moritz

Etwas älter ist Ulrich Schacht, und hat dementsprechend schon einiges erlebt. Gefängnis in der ehemaligen DDR, Freikauf durch die damalige Bundesrepublik, eine veritable Karriere als Journalist. Lyrik hat er veröffentlicht. Und nun einen großen Roman, der natürlich autobiographische Bezüge aufweist, die er allerdings im Gespräch mit Rainer Moritz sofort relativiert. Wie das eben so sei mit Literatur und Realität, mit Erdachtem und Erlebten, die Grenzen verschwimmen. “Notre Dame” ist zu allererst eine große Liebesgeschichte. Gleich danach ein Buch über die Freiheit des Einzelnen und das Fehlen von Freiheit, ein überzeugendes Plädoyer für ein offenes Europa so ganz nebenbei. Mittreißend und fesselnd erzählt. Eine der vielen Titel in diesem Frühjahr die am besten sofort gelesen werden wollen.

Schließlich noch eine Bemerkung aus aktuellem Anlass. Entgegen des Eindrucks den einige Mäkler und Nörgler in diesen Tagen gerne verbreiten möchten, standen sich Menschen, die der Ernst der Weltlage bewegt und unbeschwerte, phantasievoll kostümierte Teilnehmer der Manga-Comic-Cosplayer-Szene respektvoll und freundschaftlich gegenüber; ja die verschiedenen Stimmungslagen und Interessengruppen vermischten und vermengten sich. Im März in Leipzig geht es offen zu, tolerant, neugierig, der Blick geht in alle Himmelsrichtungen, es entsteht ein wohltuendes Nebeneinander von Jung und Alt, Bunt und Schwarzgrau, Original und Kopie, Drama und Komödie.

Foto: Wiebke Haag

Den zweiten Teil zur Leipziger Buchmesse 2017 gibt es in einigen Tagen und hier die Daten der ausführlicher erwähnten Bücher:

Fürstenberg, Paula: Familie der geflügelten Tiger. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2016. Euro 18,99

Warum ich lese. 40 Liebeserklärungen an die Literatur. – Homunculus Verlag, 2017. Euro 12,90

Schlüter, Nadja: Einer hätte gereicht. – Voland & Quist, 2017. Euro 18

Schacht, Ulrich: Notre Dame. Roman. – Aufbau Verlag, 2017. Euro 22

Shan ermittelt – Die Tibet-Krimis von Eliot Pattison

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler

Am 10. März 2008, 49 Jahre nach dem blutig niedergeschlagenen Aufstand der Tibeter gegen die chinesische Besatzung, begannen im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele in Peking landesweite Demonstrationen für Religionsfreiheit, die Unabhängigkeit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits fünf Romane in der Tibet-Reihe des amerikanischen Schriftstellers Eliot Pattison erschienen, drei weitere sollten bis heute noch folgen.

„[ ]nichts hat mein persönliches Interesse [ ] fester verankert als der Tag, an dem ich vor vielen Jahren in einem tibetischen Tempel saß und den Mönchen zusah, die hingebungsvoll ihre religiösen Riten ausübten, als plötzlich zwanzig chinesische Polizisten mit Schlagstöcken durch die Reihen rannten.“ Dieses Erlebnis Eliot Pattisons umreißt die in seinen Kriminalromanen verhandelte zentrale Thematik, um die herum er seine Figuren und Motive gruppiert. Den Rahmen für das Erzählte bildet eine Kriminalhandlung, die mit ihrer meisterhaften Dramaturgie Spannung pur garantiert.

Eliot Pattison (geb. 1951), der nach seinem Studium zunächst als Jurist tätig war, arbeitet seit Ende der 1990er Jahre als Schriftsteller und Journalist. Viele Auslandsreisen führten ihn schon in jungen Jahren u.a. nach China und vor allem Tibet, das eine große Anziehungskraft auf ihn ausübte. Während seines Studiums hatte er sich auch mit Tibetologie und Buddhismus befasst, so dass seine fiktiven Geschichten auf einer profunden Kenntnis der Realitäten im Schneeland Tibet beruhen.

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Foto: BM Köhler

Einer der beiden Hauptakteure seiner Romane ist der in Ungnade gefallene ehemalige Chefermittler des Ministerrates in Peking, Shan Tao Chun. Fünf Jahre musste er in einem der schlimmsten chinesischen  Arbeitslager einsitzen, weil er in seiner letzten Ermittlung hohen Parteikadern zu nahe gekommen war. In der Lagerhaft lernt er den alten Mönch Lokesh kennen, der zu seinem Lehrmeister und zum zweiten Hauptakteur der Romane wird. Nach der Freilassung macht sich das ungewöhnliche Freundespaar die Erhaltung der einzigartigen Kultur und Spiritualität Tibets zu eigen. Sie retten alte Artefakte- Schreine, Statuen, Tempel etc.- vor der Zerstörungswut des chinesischen Staates und renovieren sie bei Bedarf.

Shan dringt mit jedem neuen Abenteuer immer tiefer in Theorie und Praxis des tibetischen Buddhismus ein, ohne dabei seine rationale, analytische Kompetenzen zu verlieren. Der Boden seiner Empfänglichkeit für spirituell-philosophische Botschaften wurde schon früh durch seinen Vater bereitet, der ihn in die Werke der großen chinesischen Philosophen eingeführt hatte.

Die Konstruktion des Figurenpaares Shan (Han-Chinese, Schüler) und Lokesh (tibetischer Mönch, Lehrer) schafft dem Autor viele Gelegenheiten, die Grundzüge des tibetischen Buddhismus und dessen Alltagskultur darzulegen. Lokesh, der vor der chinesischen Besetzung als junger Beamter in der Regierung des Dalai Lama gearbeitet hatte, lehrt Shan, wenn es der Handlungsablauf erlaubt bzw. erfordert, etwa die Symbolsprache und Ikonographie des komplexen tibetischen Götterkosmos. Auch bei der Lösung der jeweiligen Kriminalfälle ergänzen sich Shan und Lokesh mit ihren jeweiligen spezifischen Fähigkeiten und Kompetenzen in bester Weise.

Die Tibet-Bücher Pattisons führen die Leserin, den Leser, in ein Land mit einem unermesslichen Reichtum an kulturellen Traditionen, Ritualen und Artefakten und in eine Lebensrealität, die immer mehr in ihrem innersten Kern gefährdet ist. Auf der einen Seite schildert Pattison in einer bilderreichen, magische Anziehung erzeugenden Sprache das innere Leuchten der tibetischen Kultur mit ihren unzähligen spirituellen Attributen und den mit Leib und Seele in der jahrhundertealten buddhistischen Religion verwurzelten tibetischen Menschentypus.

Auf der anderen Seite thematisiert der Tibet-Kenner die brutale Unterdrückung der tibetischen Tradition und Identität durch das „chinesische Mutterland“, die rücksichtslose Sinisierung des tibetischen Kernlandes vor allem nach dem Bau der Bahnlinie nach Lhasa, die verheerende Umweltzerstörung beim Abbau von Lithium, Seltenen Erden, Silber u.a. sowie die staatliche Kontrolle bis in die privatesten und auch in die klösterlichen Lebensbereiche hinein. All dies eindringlich und- ganz angelsächsisch unbefangen- in einer unterhaltsamen literarischen Form einem westlichen Publikum nahebringen zu können, ist der große Verdienst Eliot Pattisons.

„Die kleine Kapelle [ ] war ein winziges Juwel von einem Bauwerk inmitten duftender Wacholderbäume [ ]. Shan trat ein und sah einen schlichten Altar aus geschnitztem Holz mit den üblichen flackernden Opferlampen. Ein altes thangka der Tara hing über dem Altar, aber es wurde gar kein weiteres Seidenbildnis benötigt, denn die Wände waren bemalt. Jeder Zentimeter war mit den kunstvollen Abbildern von Gottheiten, Dämonen und Glück verheißenden Symbolen bedeckt. Shan hätte so gern jedes einzelne davon studiert, und wäre Lokesh jetzt bei ihm gewesen, würden sie Stunden hier verbracht haben.“

Es sind Passagen wie diese aus „Tibetisches Feuer“, die den Leser, die Leserin ganz tief hineinziehen in die geheimnisvolle, magische Bilderwelt des tibetischen Buddhismus, in dem Gottheiten und Rituale aus der vorbuddhistischen Bön-Religion weiterleben.

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Im achten und vorerst letzten Band der Tibet-Reihe- „Tibetisches Feuer“-, der 2016 in deutscher Übersetzung erschienenen ist, befasst sich Pattison in literarischer Form mit dem Drama der Selbstverbrennungen als äußerstem Protest der Tibeter gegen die chinesische Unterdrückung. Mindestens 145 solcher Selbstverbrennungen sind seit 2009 zu beklagen. Damit hat auch dieser Roman wieder eine explizit politische Dimension.

Die Geschichte beginnt damit, dass Shan gezwungen wird, Mitglied einer Kommission zu werden, die im Sinne der politischen Doktrin „beweisen“ soll, dass es sich bei den Selbstverbrennungen um Straftaten und nicht um verzweifelte Akte des Protestes handelt. Die bei einem Teil der Suizide an den Orten der Selbstverbrennungen gefundenen kurzen, Haiku-ähnlichen Gedichte lassen bei den Ermittlungsbehörden den Verdacht aufkommen, dass eine von einer Frau angeführte Widerstandsgruppe hinter diesen Aktionen steckt. Die Öffentliche Sicherheit, das noch mehr gefürchtete Büro für religiöse Angelegenheiten sowie weitere Ermittlungsbehörden werden in höchste Alarmbereitschaft versetzt und verfolgen wie Bluthunde die Spur der purbas, wie im Buch die Angehörigen der geheimen tibetischen Widerstandsbewegung genannt werden.

Wie Shan nach und nach die zunächst vollkommen im Dunklen liegenden Szenarien hinter dem äußeren Schein aufdeckt, zeigt das große dramaturgische Geschick des Autors. Dabei sind die Dialoge des Tibet-Freundes mit seinen chinesischen Widersachern ein intellektueller Genuss erster Güte. Die behutsame, Vertrauen schaffende Annäherung Shans an die Bewohner eines tibetisches Dorfes in der Nähe der chinesischen Station, in der die Kommission tagt, wärmt das Herz und entfacht- wie die Tibet-Reihe in ihrer Gesamtheit- Solidarität und Mitgefühl für dieses geschundene Volk.

Ein Höhepunkt des Buches ist die Schilderung des geheimen Refugiums Taktsang (Tigerhaus), das in einem abgelegenen Gebirgstal liegt. Der mit kostbaren buddhistischen Insignien versehene Höhlentempel mit einer erstklassig ausgestatteten Bibliothek von heiligen Überlieferungen wird zu einem Sehnsuchtsort, der „eine tröstende Umarmung für seit Langem leidende Besucher“ verkörpert, wie Pattison in seinem Nachwort schreibt. Auch den purbas, anderen Dissidenten und „illegalen“ Nonnen und Mönchen dient das Tigerhaus als Unterschlupf.

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Foto: BM Köhler

An Pattisons Einstellung zu dem folgenreichen Konflikt zwischen seelenlosen wirtschaftlichen und aggressiv-totalitären Interessen einerseits und der tibetischen Identität mit einer hoch entwickelten Spiritualität und Kultur andererseits lässt der Autor keinen Zweifel. Aber nicht nur in seinen Kriminalromanen bezieht Pattison eindeutig Stellung: so hat er bei den Unruhen vor den Olympischen Spielen 2008 den Westen zum Boykott der Spiele aufgerufen, es sei denn, die chinesische Regierung ermögliche einen internationalen Diskurs über Tibet und die Rechte der Tibeter. Die negativen Aspekte einer alle Lebensbereiche durchdringenden religiösen und damit zumindest teilweise auch restriktiven Kultur darzustellen, sieht Eliot Pattison dagegen nicht als seine Aufgabe an.

Man kann die Romane als jeweils in sich abgeschlossene Krimis lesen. Die faszinierende innere Entwicklung Shans vom Bediensteten des kommunistischen Staatssystems zum Praktizierenden und Kenner der buddhistischen Alltagsfrömmigkeit unter Beibehalt seiner rationalen Denkweisen kann man jedoch in ihrer subtilen, berührenden Art und Weise nur vollständig  nachvollziehen, wenn die Romane in der Chronologie ihres Erscheinens gelesen werden.

Ärgerlich ist, dass der Verlag aus Marketing-Gründen in jedem der bisher acht Romantitel den Wortstamm „Tibet“ platziert hat. Die amerikanischen Originaltitel nähern sich dagegen viel einfühlsamer dem jeweiligen zentralen Motiv und dem dazu vom Autor entwickelten atmosphärischen Grundton  (z.B. The Skull Mantra, dt. Der fremde Tibeter oder Soul oft the Fire , dt. Tibetisches Feuer). Dies ist aber nur eine formale Unebenheit – die von Pattison erzählten Geschichten aus Tibet sind sehr zu empfehlen, und das keineswegs nur Krimi-Fans.

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Die ersten sieben Bände der Reihe sind als Aufbau Taschenbuch erhältlich. Übersetzt wurden sie aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild und kosten zwischen Euro 9,95 und Euro 12,00:

Der fremde Tibeter (2002)
Das Auge von Tibet (2003)
Das tibetische Orakel (2005)
Der verlorene Sohn von Tibet (2006)
Der Berg der toten Tibeter (2008)
Der tibetische Verräter (2011)
Der tibetische Agent (2015)

Tibetisches Feuer. Roman, aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild.- Rütten & Loening, 2016. Euro 19,99

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(Bernd Michael Köhler lebt in Neu-Ulm und arbeitete viele Jahre als Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Ulm. Natürlich ist er ein passionierter Leser. Darüber hinaus fotografiert er und schreibt gelegentlich.)

 

November

Es ist November. Und es ist Krieg. In Afrika. Im Jemen. Im Nahen Osten. In der Ukraine. Es sind Bürgerkriege. Religionskriege. Kriege um Einfluss, Macht, Machterhalt, Rohstoffe, gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Despotismus. In Deutschland sind Kriegsgräber. Kreuze auf Rasenflächen die an unsere Kriege erinnern.

Nach jedem Krieg ein überzeugtes “Nie wieder!” Zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg lagen gerade einmal 21 Jahre. Deutschland lebt nun seit über 70 Jahren in einem friedensähnlichen Zustand. Doch dieser Zustand ist labil, das Gleichgewicht allzeit gefährdet, die Ruhe trügerisch. Wenn Geschichte mit Erfahrung zu tun hat, dann muss uns der Verstand sagen, dass der letzte Krieg in Deutschland, den meine Generation nur aus Erzählungen von Eltern und Großeltern kennt, nicht der wirklich letzte gewesen sein wird.

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„Toter Soldat / Deine Feldpost im Regen der wie Feuer fällt / Toter Soldat / Und daneben der Segen der kein Wort mehr hält.“ (1)

Irgendeine Wiese, umzäunt, irgendwo in Deutschland. Holz- oder Granitkreuze mit Aufschrift: “Unbekannter Soldat”.

Ein Paul, ein Peter, ein Wilhelm oder ein Walter. Es gibt niemanden mehr, der das noch weiß. Vielleicht hat er geschrieben, wollte Schriftsteller oder Journalist werden. Ich stelle mir vor, irgendwo existieren noch Tagebücher, Kladden mit Gedichtversuchen, geheftete Blätter mit Romanentwürfen. Sicher hat er mit Tinte geschrieben, eventuell mit Bleistiften. Ob er schon eine Schreibmaschine besessen hat?

Gefallen 1918. Kurz vor Kriegsende? Waren seine Haare blond, braun oder dunkel. War er groß oder eher klein, untersetzt oder schlank. Verliebt? Der einzige Sohn oder Bruder seiner Geschwister? Wie ist er gestorben, verreckt? Nach langem Leiden oder plötzlich, bewußt oder im Delirium, mit Schmerzen oder leicht. Hat er gebetet, auf ein Leben nach dem Tod gehofft oder den Gott an den er glaubte verflucht?

„Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuß? / Oder hat ein Geschoß Dir die Glieder zerfetzt / Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt / Bist Du auf Deinen Beinstümpfen weitergerannt / Und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein, eine Hand?“ (Hannes Wader, Es ist an der Zeit) (2)

Wie war er? War er ein Angeber und Haudrauf, der keinem Gelage, keiner Keilerei aus dem Weg ging? Oder ein stiller Stubenhocker und Leisetreter? Ein Fechter, ein Reiter, Mitglied im Schützen- oder Gesangverein?

Vielleicht war er Leser. Ein Freund der Bücher des noch jungen Thomas Mann, der Romane Theodor Fontanes, der Dramen Gerhard Hauptmanns. Als Freund der zeitgenössischen Lyrik kannte er bereits den Generations-Genossen Georg Trakl.

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Gedichte, Lieder, Erzählungen über gefallene Soldaten, den Schrecken der Kriege, all das Grauen, das bewaffnete Konflikte erzeugen, können so ergreifend schön sein. Und es gibt Songs die protestieren, aufrühren, auffordern zum Wiederstand, Hintergründe benennen und Schuldige. Die warnen, rufen, flüstern und trauern. Wie die des aktuellen Literatur-Nobelpreisträgers, der häufig abstreitet dass er irgendetwas mit Politik am so gern getragenen Hut hat. Doch viele seiner Texte haben klare unmissverständliche Aussagen:

„Come you masters of war / You that build all the guns / You that build the death planes / You that build all the bombs / You that hide behind walls / You that hide behind desks / I just want you to know / can see through your masks.“ (3)

Sein Klassiker “Blowing in the wind” erklingt zusammen mit Pete Seegers “Sag mir wo die Blumen sind” (“Where have all the Flowers gone”) seit über 50 Jahren auf nahezu jeder Friedensdemo und Lichterkette. Angeregt zu seinem Song wurde Seeger durch das aus Litauen stammende “Zogen einst fünf wilde Schwäne”, das 1918 vor dem Hintergrund des großflächigen Vernichtungskrieges, den sie später den Ersten Weltkrieg nennen würden, von dem Volkskundler Kurt Plenzat aufgezeichnet wurde und in dem eine Strophe so geht:

“Zogen einst fünf junge Burschen / stolz und kühn zum Kampf hinaus. / Sing, sing, was geschah? / Keiner kehrt nach Haus.”

220px-georg_trakl_-_gedichte_erstausgabe_1913_im_kurt_wolff_verlagGeorg Trakl, den ich meinem unbekannten Soldaten gerne als Lektüre unterstellen würde, kam 1887 in Salzburg zur Welt. Seinen Kampf hatte er von Anfang an verloren. Dazu bedurfte es keines Krieges. Schulprobleme, frühe Drogenabhängigkeit, vergebliche Versuche sich beruflich und bürgerlich zu etablieren, 1914 fandt er im Sanitätsdienst Verwendung. Es war das schwere Leben eines Lebensuntauglichen, der an seiner Zeit und seinen Mitmenschen litt. Anfang Oktober 1914 wurde er in ein Militärhospital in Krakau eingewiesen, wo er am 3. November an einer Überdosis Kokain starb. Ob Versehen oder Suizid bleibt unklar.

Hinterlassen hat Trakl wenig. Vieles blieb Fragment. Seine Gedichte haben einen einzigartigen Klang. Stark von düsteren Farben und Bildern sind sie durchdrungen, voll Sprachkraft und Gestaltungswillen, doch meist ohne Hoffnung und Zuversicht.

„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen / Und blauen Seen, darüber die Sonne / Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht / Sterbende Krieger, die wilde Klage / Ihrer zerbrochenen Münder.“ (Der Anfang von Georg Trakls Gedicht  “Grodek”) (4)

Zum Kontrast noch einmal der tapfere, inzwischen alt, jedoch nie mutlos gewordene Liedermacher. Mit einer Zuversicht, der anzuschließen, mir nicht recht gelingen will:

„Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit / Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.“ (2)

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(1) “Ihre Kinder”, 1971. “Ihre Kinder” war eine Rockband der späten 1960er und frühen 1970er Jahre; sie zählte zu den Pionieren deutschsprachiger Rockmusik und war Vorbild für Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen u. a.

(2) Das von Hannes Wader gesungene “Es ist an der Zeit“ ist die deutschsprachige Version von Eric Bogles „No man’s Land“.

(3) Bob Dylan: „Masters Of War“. – Übertragung ins Deutsche: Kommt, ihr Herren des Krieges / Ihr, die ihr die Kanonen baut / Ihr, die ihr die Kampfflugzeuge baut / Ihr, die ihr all die Bomben baut /Ihr, die ihr euch hinter Mauern versteckt / Ihr, die ihr euch hinter Schreibtischen versteckt / Ich möchte nur, dass ihr wisst / Ich kann durch eure Masken sehen.

(4) Trakl, Georg: Das dichterische Werk, 14. Aufl. – DTV, 1995 (dtv klassik)