Reise ins Innere. Karl May und Hermann Hesse

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler

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Lieber Leser, weißt du, was das Wort Greenhorn bedeutet? – – eine höchst ärgerliche und despektierliche Bezeichnung für denjenigen, auf welchen sie angewendet wird.
(Karl May: Winnetou I)

Das Landhaus Erlenhof lag nicht weit vom Wald und Gebirge in der hohen Ebene.
Vor dem Hause war ein großer Kiesplatz, in den die Landstraße mündete.
(Hermann Hesse: Heumond)

Dies waren die ersten Zeilen, die ich von Karl May (1842-1912) und Hermann Hesse (1877-1962) gelesen habe. Karl May lernte ich im Alter von 12 Jahren in der Gestalt von Old Shatterhand in seiner Reiseerzählung Winnetou I kennen. Und ich war 17, als mir ein Fischer-Taschenbuch mit grünem Einband in die Hände fiel. Es trug den verlockenden Titel Schön ist die Jugend, enthielt die Erzählungen Heumond, Schön ist die Jugend und Der Zyklon und war von Hermann Hesse.

Der Abenteuerschriftsteller Karl May bescherte mir unzählige selige Lesestunden, in denen ich in eine komplett andere Wirklichkeit abtauchen konnte und wie der Autor selbst in einen Wunscherfüllungsrausch verfiel, der die Rückkehr in die Realität meiner Kinder- und Jugendjahre nicht immer leicht machte. Am Ende dieses Lesemarathons hatte ich alle damals erschienenen Werke Karl Mays einschließlich des Spätwerks regelrecht verschlungen- es dürften so um die 70 Bände gewesen sein.

In der Gemeindebücherei meines Heimatdorfes standen die Gesammelten Werke im Regal- es handelte sich um die berühmten grünen Bände des Karl-May-Verlages. Ich gehörte zu den eifrigsten Nutzern der kleinen Bibliothek. Zu Geburtstagen und an Weihnachten bekam ich einzelne Titel der Sonderausgabe des Wiener Tosa-Verlages geschenkt, die damals u.a. vom Kaufhof vertrieben wurden. Es waren Höhepunkte meines frühen Leselebens, wenn ich in der nahegelegenen Stadt vor den Kaufhof-Regalen stand und mir einen Karl May aussuchen durfte. In seltenen Fällen hatte ich mir vom kargen Taschengeld einen Band abgespart, den ich dann in Verbindung mit einem heftigen Ausstoß von Glückshormonen höchstselbst käuflich erworben habe.

Hermann Hesse schließlich wurde einige Jahre später zu meinem lebensbegleitenden Lieblingsdichter. Die Entdeckung des Hesse-Kosmos glich einer Entdeckungsfahrt ins Innere der Seele. Vieles von dem, was ich dort nach und nach vorfand, betraf mich direkt, schien wie für mich geschrieben. Eine Lesewirkung, die unter jugendlichen Hesse-Lesern weit verbreitet war. Ob sie es auch heute noch ist? Ob es denn im 21. Jahrhundert überhaupt noch eine nennenswerte Anzahl von Hesse-Lesern in der jüngeren Generation gibt?

Kurze Zeit nach der Initialzündung durch die Verheißung Schön ist die Jugend schenkten mir meine Eltern die 12-bändige Werkausgabe der Gesammelten Werke. Es war das kostbarste, folgenschwerste Geschenk, das ich je von meinen Eltern erhalten habe. Ich bin ihnen für immer dankbar dafür, zumal es ihnen schwergefallen sein dürfte, das nötige Geld für über 6000 Seiten Buch aufzubringen. In der Folge habe ich in vergleichsweise kurzer Zeit die 12 blauen Bände vom Auftakt in Band 1 (Einem Freunde mit dem Gedichtbuch) bis zum Schlussakkord in Band 12 (Ende einer Bücherbesprechung) gelesen- in jugendlichem Eifer und entflammt von der Brisanz und Kraft der Texte. Oft gerieten die Lektürestunden zu ausgesprochenen Lesefeiern, die ich zelebrierte wie ein geistiges Ritual.

Im Band 12 der geliebten blauen Bände (Schriften zur Literatur II) ist als letzte von Hesses Buchbesprechungen die Erzählung Abschied von den Eltern von Peter Weiss (1961) abgedruckt. Hier schließt sich für mich der Kreis um meine Geschichte der Hermann-Hesse-Werkausgabe, musste doch auch ich Abschied nehmen von meinen beiden Eltern, den Portalfiguren meines Lebens (Peter Weiss).

Nun, ich kenne ihn [Karl May] jetzt, und empfehle seine Bücher den Onkeln von Herzen, die der Jugend Bücher schenken wollen. Sie sind phantastisch, unentwegt und hanebüchen, von einer gesunden, prächtigen Struktur, etwas völlig Frisches und Naives, trotz aller flotten Technik. Wie muss er auf die Jungen wirken! Hätte er doch den Krieg noch erlebt und wäre Pazifist gewesen! Kein Sechzehnjähriger wäre mehr eingerückt. (Hermann Hesse 1919 nach der Lektüre von Schatz im Silbersee und Von Bagdad nach Stambul in der Neuen Zürcher Zeitung vom 13.07.1919.)

Der Volksschriftsteller Karl May und der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse lebten und arbeiteten ohne Zweifel in vollkommen verschiedenen Welten. Trotzdem gibt es, wenn man die oberen Schichten abträgt, bedeutende Gemeinsamkeiten, die Hartmut Wörner in seiner Studie Seelenbrüder akribisch herausgearbeitet hat. Danach diente die polare Struktur des Menschseins und der Welt, in wir leben, beiden als Grunderkenntnis, von der aus sie ihre Geschichten entwickelten. Hesses großes Thema der Individuation mit dem Ziel der Integration der Gegensätze entspricht bei May die Entwicklung des Einzelnen hin zur Überwindung des negativen Pols, des Bösen.

Beiden gemeinsam ist eine im weitesten Sinne ethisch-spirituelle Grundierung all ihren Denkens und Tuns. Während Mays Helden aus einer rigid christlich-mystischen Gesinnung heraus agieren, durchzieht Hesses Werk vor dem Hintergrund seiner pietistischen Herkunft eine überkonfessionelle, an das indische und vor allem chinesische Denken angelehnte Spiritualität. Es wundert nicht, dass sich daraus bei beiden eine pazifistische Grundhaltung manifestierte- bei Hesse sehr früh am Beginn des Ersten Weltkrieges, bei May spätestens in seinem Alterswerk ab ca. 1899.

Der Sofien-Saal zu Wien um 1900

In einzigartiger Weise hat Hermann Hesse sein Schreiben als Selbsttherapie betrieben. Seelisches und körperliches Leiden am Leben veredelte er zu Literatur. Karl May wiederum hat die Wunscherfüllungsfunktion von Literatur als Autor geradezu perfektioniert- in seinem Werk und in seiner vorgetäuschten Identität als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi in der realen Welt, die er erst nach seiner Orientreise 1899/1900 aufgab. Beiden gemeinsam ist eine komplizierte psychische Struktur, die Kompensationen geradezu lebensnotwendig machte. Die Reise ins Innere hat dabei zu sehr unterschiedlichen literarischen Resultaten geführt, in der Selbsterforschung und der Verwandlung von Gelebtem und nicht Gelebtem in packende Geschichten sind sich die Schriftsteller aus Radebeul und Montagnola auf einer tiefen Ebene nahe.

Getroffen haben sich die zwei Schriftsteller in den Jahren, in denen eine Begegnung hätte stattfinden können, wohl nie. Hartmut Wörner hat in seiner Studie Kirchheim unter Teck als den Ort genannt, wo sich die Wege beider um die Jahrhundertwende hätten kreuzen können. Darüber hinaus kann nun mitgeteilt werden, dass Karl May und Hermann Hesse sich im März 1912 nachweislich zur gleichen Zeit in derselben Stadt aufgehalten haben: in Wien. May hielt bei seinem letzten öffentlichen Auftritt am 22. März vor einem ca. 2000-köpfigen Publikum (darunter u.a. Bertha von Suttner, Georg Trakl, Karl Kraus und Heinrich Mann) im Sofiensaal seine berühmte Rede Empor ins Reich der Edelmenschen! Von Mittwoch, 20. März bis Sonntag, 24. März logierte er mit seiner Frau Klara im Wiener Hotel Krantz. Zurück in Radebeul starb Karl May wenige Tage später am 30.03.1912.

Hesse war wegen Lesungen in Brünn (22.3.) und Wien (23.3.) in die Kaiserstadt an der Donau gereist. Unterbrochen von dem Abstecher nach Brünn weilte Hermann Hesse vom 19. März (Dienstag) bis 25. März (Montag) in Wien. Vor seiner Abreise hatte der Dichter am Sonntag in der Hofoper noch eine Nachmittagsvorstellung von Mozarts Zauberflöte besucht. Gut möglich, dass Hesse bei einem seiner Stadtrundgänge eines der vielen großformatigen Plakate oder einen Aushang gesehen hat, auf denen für Mays Vortrag geworben wurde. Am Vortragsabend selbst stand auch Hesse am Vortragspult, allerdings im nur wenige Bahnstunden entfernten Brünn. Jedenfalls waren sich die beiden Schriftsteller räumlich wohl nie so nahe wie in diesen Wiener Tagen im Frühjahr 1912. Geistig waren sie es bei den von Wörner nachgewiesenen Gemeinsamkeiten auf jeden Fall – unabhängig von Ort und Zeit.

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Karl May: Die Gesammelten Werke des Karl-May-Verlags (94 „grüne Bände“) sind weiterhin lieferbar. Seit 1987 erscheint zusätzlich die Historisch-kritische Ausgabe (seit 2008 im Karl-May-Verlag). Preisgünstige Ausgaben werden von diversen Verlagen vertrieben. 

Hermann Hesse: Die Sämtlichen Werke (20 Bände + Registerband) sind ebenso wie etliche Einzelausgaben und Sammlungen bei Suhrkamp/Insel erschienen.

Wörner, Hartmut: Seelenbrüder. Eine Studie zu Karl May und Hermann Hesse. Hansa Verlag 2015 (nicht mehr lieferbar).

AusLese 2018. Der zweite Teil

Deutsches Haus. Wir sind in den 1960er Jahren der jungen deutschen Republik. Männer tragen Nylonhemden und Frauen brauchen um berufstätig sein zu dürfen die Zustimmung von Vater oder Ehemann. Eva Bruhns ist Dolmetscherin für Polnisch. Als in Frankfurt Auschwitz-Prozesse stattfinden ist ihre Mitarbeit vor Gericht gefragt. Deutsches Haus heißt die Gaststätte der Eltern, die von den Plänen ihrer Tochter ebenso wenig begeistert sind wie ihr Verlobter. In einem schmerzlichen Prozess geht Eva ihren Weg. Annette Hess hat ein fesselndes Zeitporträt geschrieben in dessen Mittelpunkt eine junge Frau steht, die erstmals mit der Nazivergangenheit ihrer Elterngeneration konfrontiert wird und vor konfliktreichen Weichenstellungen steht. Die routinierte Drehbuchautorin (Weissensee, Kuhdamm 56 und 59) hat einen ebenso mitreißenden wie informativen Roman geschrieben, der auf seine Verfilmung wartet. Mein Fazit: Unterhaltsam, aufklärend, ein tolles Frauenbuch das nicht zuletzt männliche Leser faszinieren wird. Starke Empfehlung.

Hess, Annette: Deutsches Haus. Roman. – Ullstein, 2018. Euro 20.

Fräulein Nette. Wieder ein umfangreiches Stück erzählte Literaturgeschichte. Ein rechter Besen ist sie, diese angehende westfälische Dichterin und Adelige Annette von Droste-Hülshoff. Eine intelligente, eigenwillige Frau, die lieber Mineralien ausbuddelt als den gesellschaftlichen Gepflogenheiten Rechnung zu tragen. Der Göttinger Poet Heinrich Straube, zu Gast auf dem Hof der Eltern, ist von ihr hin und weg und auch sie ist nicht ganz abgeneigt. Doch wahre Liebe und ausgeprägter Eigensinn haben es nicht leicht in diesen Kreisen und Zeiten des 19. Jahrhunderts. Karen Duve erzählt realistisch und mit trockenem Humor von der Liebes- und Lebenskatastrophe der Annette von Droste-Hülshoff. Mein Eindruck: 560 Seiten nicht ohne Längen, dennoch für Freunde der Literaturgeschichte undoder des historischen Romans ein Fastmuss.

Duve, Karen: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Roman. – Galiani, 2018. Euro 25.

Ein irischer Dorfpolizist. Ein Krimi? Mehr als das. Eindringliches Porträt der irischen Provinz und seiner Bewohner. Eine ganz besondere Kriminal- und Seelengeschichte in die der behäbige, dickleibige Sergeant PJ Collins da gerät. In Duneen, das wirklich  am Arsch der Welt liegt, hofft nicht nur er auf etwas Sinn, Erfüllung und Liebe im eintönigen Dasein. Dass auf einer Baustelle ein Skelett gefunden wird, bringt jedoch nicht nur die erwünschte Abwechslung in den Alltag der Einheimischen. Der Fund reißt vielmehr alte Wunden auf und stürzt Collins und die anderen Protagonisten in einen Strudel der Wirrnisse und Lebenswenden. Literarisches Debüt des britischen Talkmasters Graham Norton. Glänzend geschrieben, wandelt das Buch auf schmalem Grat zwischen menschlichen Dramen, Spannung und Provinzposse. Fazit: Bitte mehr von Sergeant Collins und den anderen!

Norton, Graham: Ein irischer Dorfpolizist. Roman. – Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2018 (Dt. Originalausgabe 2017 bei Rowohlt.) Euro  12.

Eifersucht. Zweiter Fall der Münchener Rechtsanwältin Rachel Eisenberg von Meister Andreas Föhr, der mit seinen skurrilen Bergkrimis schon länger einen guten Ruf bei Lesern die das Besondere schätzen genießt. Seine neue Protagonistin ist ganz in der Weltstadt mit Herz und krimineller Energie verwurzelt. Eike Sandner soll ihren Lebensgefährten in die Luft gesprengt haben. Sie beteuert ihre Unschuld. Das ist schwer zu glauben. Die Indizien wiegen schwer. Doch nach und nach kommt Rachel Eisenberg einem weit verzweigten Komplott auf die Spur. Solide deutsche Spannungskost, die die gewünschte Dosis Atemlosigkeit erzeugt. Fazit: Einmal eingetaucht in die Geschichte, sollte man nichts anderes mehr vorhaben.

Föhr, Andreas: Eifersucht. Ein neuer Fall für Rachel Eisenberg. Knaur, 2018. Euro 14,99.

Mexikoring. Achtung starker Tobak. Dass in Hamburg und anderswo immer wieder Autos brennen ist kriminelle Tat und gesellschaftliches Symptom zugleich. Hier Aufklärung zu leisten, Täter zu identifizieren, das allgegenwärtige Zwielicht zu durchleuchten, ist die richtige Herausforderung für die Staatsanwältin mit amerikanischem Vater Chastity Riley und die Crew von Hamburger Polizisten um sie herum. Keine dieser handelnden Personen entspricht bürgerlichen Normen und Idealvorstellungen und ist weit davon entfernt dies anzustreben. Sie arbeiten hart, pflegen und begießen ihre irritierten Egos vorzugsweise in den Kneipen und Kaschemmen St. Paulis. Chas geht voran, folgt der Spur des verbrannten Nouri in die Welt arabischer Clans und Familien, deren Mitglieder in der Mehrzahl aus Intensivtätern bestehen. Der Weg zu ansatzweisen Erfolgen ist mit persönlichen Opfern, mit Verletzungen an Seele und Körper gepflastert. Zwischenmenschliche Beziehungen sind kompliziert und selten von Dauer. Liebe eine fragwürdige Vokabel. 

Simone Buchholz hat für ihre hochaktuellen Gesellschaftsromane mit Krimihandlung eine ganz eigene Sprache gefunden. Zupackend, originell, zielgenau. Ein junger Mann, eine junge Frau, beide am Rande der Gesellschaft aufgewachsen, haben sich in Hamburg wiedergefunden und fühlen sich einander nahe und verbunden: ... sie stand auf und zog sich aus, so war sie eben, so war sie schon immer gewesen, es interessierte sie einen Scheiß, was andere dachten, und als sie ihre Klamotten zu Boden fallen ließ, vibrierte in der ganzen Stadt der Stahlbeton. Sie sah aus wie eine Kriegerin. Man muss die Bücher der Simone Buchholz und ihren Ton nicht mögen, doch wer ihnen einmal verfällt … Meine Reaktion: Begeisterung. Mein Urteil: Literatur pur.

Buchholz, Simone: Mexikoring. Kriminalroman. – Suhrkamp, 2018. Euro 14,95.

AusLese 2018. Der erste Teil

Höchste Zeit wieder einmal hinzuschreiben was das zurückliegende Jahr an neuen Büchern und guten Geschichten auf die Auslagetische der Buchhandlungen gelegt hatte. Dafür heißt es Anlauf zu nehmen, warten bis Worte und Sätze zu sprudeln beginnen.

Wo hatte ich denn eigentlich den neuen Haas hingelegt? Und das Buch von dieser Melandri? An Maxi verliehen? Das kann nicht sein. Hier liegt es doch. Auf den CDs.

Ja. Erst einmal etwas Musik auflegen zur Einstimmung bevor es an die Tastatur geht. Vielleicht was Weihnachtliches? Last Christmas? (Siehe dazu später unten: Thomas Bauer zum Thema Verlust der Vielfalt!) Felix Meyer könnte passen. Mal eben kurz reinhören …

Wie soll’n wir kleinen Menschen nur / mit kleinen Schritten, kleinen Schuh’n / sehen dass das nicht das Paradies / sondern nur Weihnachten ist.

Weihnachtszeit auf den Straßen / wo es schneit oder zieht, / oder regnet, so dass man die Tränen nicht sieht. / Wir kleinen Menschen haben Spaß, / sehen uns die Schönheit gut an, / doch nur von Weitem hinter Glas, / weil man nicht alles haben kann.

Weihnachtszeit in den Straßen / ist der Winter so kalt. / In weit aufgeriss’nen Augen / spiegeln sich Dreck und Gewalt …

Foto: Wiebke Haag

Die AusLese 2018. Wie immer bedenkenlos subjektiv und unvollständig.

Was dann nachher so schön fliegt. Junger Dichter. Mitte der 1980er Jahre. Die Zeit als Zivi im Altersheim ist für Volker keine leichte. Er ist dort Außenseiter, möchte Dichter werden, Lyriker. Erträumt Begegnungen mit Persönlichkeiten der Literaturszene. Als ihm auf einem Kurztrip nach Paris sein bis dahin bestes Gedicht gelingt, bewirbt er sich um Teilnahme an einem Treffen für Nachwuchsschriftsteller in Berlin. Dichterwettstreit, Alltag im Altersheim, die Atmosphäre im Berlin der Vorwendezeit, reale Begegnung mit Heiner Müller und Co., erste große Liebe. Kein leichtes Alter, wenn man so um die 20 ist.

Hilmar Klute hat eine Ringelnatz-Biografie und zahlreiche Streiflichter für die Süddeutsche Zeitung verfasst. Nun ist sein erster Roman erschienen. Temporeich und dicht geschrieben. Gelungener Einblick in die Gedankenwelt eines jungen Mannes mit all seinen Ambivalenzen und ein Stück Kulturgeschichte der alten BRD. Wirkung des Buches auf mich: Fesselnd, in einem Rutsch durchgelesen.

Klute, Hilmar: Was dann nachher so schön fliegt. Roman. – Galiani, 2018. Euro 22.

Ans Meer. Die heitere Lektüre für zwischendurch und ideales kleines Geschenk für nahezu jeden Lesertyp. Die krebskranke Carla möchte noch einmal ans Meer. Sie steigt in den Linienbus von Anton. Der ist gerade nicht so gut drauf, aber zu einer mutigen Wende in Leben und Fahrtrichtung bereit. Seine Durchsage an die Fahrgäste deshalb: Wir fahren jetzt ans Meer. Warmherzige, federleichte Geschichte über das Schwere im Leben. Von dem österreichischen Autor René Freund hatte ich bereits seinen Roman Liebe unter Fischen als Sommerlektüre vorgestellt. Er schreibt unterhaltsam ohne in Kitsch und Klischees abzugleiten. Aus meiner Sicht: In jeder Lebenslage zu empfehlen. Mir persönlich sind seine Bücher zu kurz. Die Geschichte mit Carla hat lediglich 140 Seiten. (Naja, vielleicht ist sie gerade deshalb so gut.)

Freund, René: Ans Meer. Roman. – Deuticke, 2018. Euro 16.

Freund, René: Liebe unter Fischen. Roman. – Goldmann TB, 2015. Euro 8,99

Junger Mann. Bücher zu lesen ist zwar vorteilhaft für Hirn und Gemüt, verbraucht allerdings nur rund 100 Kalorien pro Lesestunde. Nicht klären konnte ich, ob das für Arno Schmidt und James Joyces gleichermaßen gilt wie für Dora Heldt oder Dan Brown. Der 13-jährige Held in Wolf Haas neuem Roman jedenfalls muss körperlich deutlich mehr tun um seinen adipösen Neigungen entgegenzuwirken. Er ist schwer verliebt und möchte entsprechend fesch daher kommen. Leider ist die Angebetete fast zehn Jahre älter und verheiratet. Mit dem Tscho. Und der hat ganz besondere Pläne mit dem jungen Mann. Coming-of-Age-Geschichte, Roadmovie, ein sehr spezielles Dreiecksverhältnis, Kalorienzählerei, überraschende Wendungen. Ein wunderbarer Roman, voller (auf den zweiten Blick!) ausgesprochen liebevoller Protagonisten. Kein Brenner-Haas, aber einmal mehr ein Buch in ganz eigener Haas-Sprache, die zu den Figuren passt wie dafür ausgedacht. Mein Eindruck: Hin und weg.

Haas, Wolf: Junger Mann. Roman. – Hoffmann und Campe, 2018. Euro 22.

Alle, außer mir. Ein Titel mit Komma, der etwas mehr Leseerfahrung und Durchhaltebereitschaft erfordert, als die bisher vorgestellten. Für mich eines der Bücher des Jahres. Als die Lehrerin Ilaria mit dem jungen Afrikaner Attilio Profeti konfrontiert wird, der behauptet ihr Bruder zu sein, entfaltet sich eine über drei Generationen erzählte Familiengeschichte und ein tiefgreifender Ausflug in die italienische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen neben den familiären Verwicklungen und Geheimnissen des Profeti-Clans die verdrängten Kapitel der unseligen Kolonialgeschichte des bis heute innerlich zerrissenen Italien. Fast 600 Seiten, die es Leser und Leserin nicht immer leicht machen, die dafür jeden der sich darauf einlässt in ihren Bann schlagen.

Große Literatur der in Rom geborenen Autorin Francesca Melandri und wie Kritiker fast übereinstimmend konstatieren bereits ihr drittes Meisterwerk. Ihren zweiten Roman Über Meershöhe hatte ich ebenfalls in meinen Sommerlektüren kurz vorgestellt. Er eignet sich, ebenso wie das jetzt wieder neu aufgelegte erste Buch Eva schläft, bestens für ein erstes Kennenlernen der Schriftstellerin Francesca Melandri. Wer danach zu Alle, außer mir greift, wird mit einem außergewöhnlichen Leseerlebnis belohnt. Mein Eindruck: Nachhaltig. Überrascht, was die italienische Literatur der Gegenwart zu bieten hat.

Melandri, Francesca: Alle, außer mir. Roman. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. – Wagenbach (wo sonst?), 2018. Euro 26.

Melandri, Francesca: Über Meereshöhe. Roman. Derzeit vergriffen, erscheint 2019 bei Wagenbach neu.

Melandri, Francesca:  Eva schläft. Roman. Neuauflage 2018 bei Wagenbach. Euro 15,90.

Keyserlings Geheimnis. Nach Konzert ohne Dichter ein weiterer Künstlerroman des fleißigen Klaus Modick. Bücher von Klaus Modick kann man eigentlich immer bedenkenlos kaufen, und natürlich lesen. Ich kenne keinen richtigen Missgriff von ihm. Der gute Eduard Keyserling (1855 – 1918) ist schon längst aus der ersten Reihe der Literaturgeschichte verschwunden. Einige seiner kurzen Romane und Erzählungen sind noch greifbar (Wellen, Fürstinnen). Dass er eine schillernde Figur war, ein bewegtes Leben führte und in einer Zeit lebte, in der nicht jeder Fehltritt und jedes Missgeschick der Boulevardpresse anheim fiel, bietet Modick soliden Stoff für seinen Roman. Und die Fantasie anregende Gelegenheit um auf der Basis gesicherter Fakten sein Netz aus hinzu erdachten Möglichkeiten zu knüpfen. Für mich: Literaturgeschichte in unterhaltsamer Form aufbereitet – immer willkommen.

Modick, Klaus: Keyserlings Geheimnis. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2018. Euro 20.

Über Verluste. Im September durfte ich ein neues Fremdwort lernen. Ambiguität bezeichnet alle Phänomene der Mehrdeutigkeit, der Unentscheidbarkeit und Vagheit, mit denen Menschen fortwährend konfrontiert werden. So definiert Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaft und Arabistik, Sprachwissenschaftler und Germanist, einen Schlüsselbegriff seines Büchleins Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Klingt vielleicht im ersten Moment etwas akademisch und hochtrabend, ist aber in der Tat gut lesbar und verständlich. Und eine überfällige und notwendige Lektüre.

Bauer führt uns die schleichende Reduzierung von Vielfalt und das Verschwinden des Unangepassten, Unzeitgemäßen vor Augen. An die Stelle von Artenvielfalt, konkurrierender Denkschulen, origineller Sichtweisen und Lebensentwürfen sind Schubladendenken und simpler Fundamentalismus getreten. Häufig verschleiert durch den inflationär verwendeten Begriff Authentizität. Konformismus und Gleichschaltung erzeugen, so die Überzeugung Bauers, letztlich Rassismus und Fanatismus. Bedrohliche Gleichmacherei macht er aus bis in die Kreativbezirke von Kunst, Musik, Mode.

Ganz konkrete Verluste hat Judith Schalansky in einem hinreißenden Erzählband verzeichnet. In meinem Beitrag über die Buch Wien 18 habe ich das Werk bereits vorgestellt. Es kann vielleicht als erzählerische Konkretisierung zu Thomas Bauers allgemeiner Abhandlung herangezogen werden. Lesefreude und haptischen Buchgenuss bietet es allemal.

Bauer, Thomas: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. – Reclam, 2018. Euro 6.

Schalansky, Judith: Verzeichnis einiger Verluste. – Suhrkamp, 2018. Euro 24.

Das Ende des Jahres ist nah. Und ich bin spät dran mit meinem literarischen Rückblick. Deshalb gibt es einen zweiten Teil schon in einigen Tagen. Dann mit Krimis.

Das Lied Weihnachtszeit in den Straßen von Felix Meyer (auf dem gleichnamigen Album von 2016) ist übrigens die deutsche Version eines französisches Chansons, das im Original einst keine geringere als Edith Piaf sang: Le noel de la Rue.

Mich Thomas Bauers Bedenken anschließend, wünsche ich mir und uns Vielfalt. Dass zum Beispiel wieder mehr populäre Musik in nichtenglischer Sprache gesungen, abgespielt und gesendet würde. Mehr Französisch, Spanisch, Italienisch, Schwedisch, Polnisch, Serbisch, Deutsch und und und. Ein frommer Wunsch – ich weiß.

Sommer mit leichter Lektüre

Auf geht’s. Mit leichtem Gepäck an den Strand. Mit leichten Genüssen an den Gartengrill. Leicht und locker durch einen wunderbaren Sommer. Entsprechend fällt unsere Lektüre aus. Leicht und bekömmlich. Dabei nicht ohne Anspruch und Qualität. Doch stets unterhaltsam, humorvoll, spannend.

Meine Vorschläge in diesem Jahr sind fast ausschließlich Taschenbuch-Ausgaben. Leicht und biegsam, bequem zu transportieren. Die Mehrzahl der von mir ausgewählten Autoren oder Autorinnen stammt aus Österreich. Sagt das etwas aus über Fähigkeiten und Bereitschaft bundesdeutscher Schriftsteller mit Niveau kurzweilig zu schreiben?

Der Wiener Peter Henisch ist ein alter Hase. 1943 geboren liegen von ihm eine ganze Reihe lesenswerter Titel vor, die zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen erhielten. In Deutschland ist er nicht ganz so bekannt wie im Heimatland. Die schwangere Madonna heißt sein umfangreicher Roman um einen schwung- und wechselvollen Giro d’Italia (vulgo:  road movie) der beiden Hauptpersonen nebst einiger markanter Nebendarsteller.

Er, Josef, in der Krise seiner Lebensmitte und heftig auf dem absteigenden Ast, nutzt die Gelegenheit ein Auto auszuleihen mit dem er sich auf und davon machen will, möglichst weit weg von allen Problemen und dem bisherigen Leben. Dummerweise schläft auf dem Rücksitz des Wagens, zunächst unbemerkt, die junge Maria, die ganz andere Sorgen hat. Die Flucht schweißt die so unterschiedlichen Menschen zusammen, sorgt aber gleichzeitig für reichlich Reibungsfläche. Es geht den ganzen Stiefel rauf und runter, mit etwas Kunstgeschichte und Italienischunterricht garniert, Liebeswirren inklusive. Ein Buch das zu jedem Reiseziel gut begleitet.

Auch René Freund hat schon eine beachtliche Titelliste vorgelegt. 1967 geboren, lebt er als Autor und Übersetzer in Grünau im Almtal. (Ich musste nachschauen: Das liegt im Salzkammergut und im Gemeinderat dominiert erstaunlicherweise die SPÖ.) Er war einst Dramaturg in Wien und schreibt nunmehr Stück auf Stück, Buch auf Buch. Von ihm schlage ich gleich zwei richtig süffige Schmöker fürs Urlaubsgepäck vor.

Niemand weiß, wie spät es ist. Und Nora weiß nicht wie ihr geschieht. Seit sie denken kann lebt sie in Paris. Nun ist der Vater gestorben und verdonnert die Alleinerbin die Urne mit seiner Asche in die österreichische Heimat zu bringen und dort zu beerdigen. Damit alles dem letzten Willen entsprechend abläuft hat sie ein junger Notariatsgehilfe zu begleiten. Der erweist sich als spröder, asketischer Pedant. Da die Reise nicht ohne überraschende Komplikationen verläuft, ist Nora alsbald irritiert und genervt und der Leser sehr amüsiert. Zahlreiche Wendungen und Windungen der Erzählung führen zum überraschenden Ende.

Bitte hinterlassen Sie keine Nachricht. Ich rufe nicht zurück. So die Ansage auf dem Anrufbeantworter von Fred Firneis. Und so beginnt die turbulente Geschichte Liebe unter Fischen von René Freund. Einst erfolgreicher Lyriker mit mega Auflagen. Nun Dichter mit Schreibblockade der zunehmend verbittert und in den sozialen Abgrund blickt. Doch nach wie vor ist er die große kommerzielle Hoffnung seiner energischen Verlegerin. Sie setzt alles daran ihn aus dem Abseits zu locken und zu neuen dichterischen Höchstleistungen zu animieren. Der Aufenthalt in einer abgelegenen Berghütte ohne Strom und Handyempfang soll Firneis von Hemmnis und Paranoia befreien. Da taucht eine junge tschechische Fischforscherin in der Gegend auf… Wer zappelt da an wessen Angel? Einfalls- und fintenreich ist dieser Roman. Voller Ironie und mit einem Schuss Kritik an den Erfolgskriterien unser Zeit.

Der nächste Autor ist zur Abwechslung ein Bayer, der jedoch, wie es sich für deutsche Schriftsteller gehört, in Berlin lebt. Natürlich spielt auch in Berni Mayers Rosalie die Liebe eine wichtige Rolle, zumal wir die zentralen Protagonisten in ihrer spätpubertären Phase kennenlernen. Im niederbayerischen Praam an der Schwarzen Laaber erlebt Konstantin nicht nur erste Turbulenzen der Hormone, sondern stößt auf der Suche nach ungestörter Zweisamkeit mit der Angebeteten auf ein verdrängtes Geheimnis des Ortes, das sich schließlich als Verbrechen während der Nazizeit erweist und dessen skandalöse Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.

Was sich, so berichtet, etwas schwerwiegend und geschichtsträchtig anhört, ist spannend und mitreißend geschrieben. Mayer erzählt aufschlussreich von späten Emanzipationstendenzen in deutscher Provinz, von überfälligen Auseinandersetzungen mit alten und neuen Autoritäten. Zudem handelt es sich um einen weiteren sehr gelungenen Coming-of-Age-Roman, eine Gattung, die spätestens seit Herrndorfs Tschick eine breite Anhängerschaft hat. Der Autor, Jahrgang 1974, arbeitet sich mit diesem Buch, so darf man vermuten, auch ein wenig an der eigenen Jugend ab.

Nach so viel männlicher Verfasserschaft wird es weiblich. Ende Juni hatte ich Gelegenheit einige anregende Stunden auf dem weitläufigen Gelände des Wiener MuseumsQuartiers verbringen zu dürfen. Dort herrscht vor und nach dem Besuch in einem der an Kunstwerken so überreichen Museen eine ausgesprochen entspannte Stimmung, die man mit guten Gesprächen, einer Melange, einem Mohnkuchen mit Schlag genussvoll anreichern kann. Die glitzernden Wienerinnen des Gustav Klimt sind dabei allgegenwärtig. Sei es als großformatig werbendes Poster an Außenwänden, sei es als handliche Postkarte oder als schwergewichtiger Kunstband.

Klimt als Romanfigur ist mir in Caroline Bernards Die Muse von Wien begegnet. Darin sorgt der charismatische Künstler gleich zu Beginn für die erotische Verwirrung der jungen Alma Schindler, die er zum Modell auserkoren hat. Auch Alma selbst ist dem originellen Mann sehr gewogen. Damit beginnt ihre Laufbahn als Begleiterin großer kreativer Menschen. Aus bester Gesellschaft stammend, musikalisch hochbegabt, gibt sie eine mögliche Laufbahn als Komponistin auf als sie sich in Gustav Mahler verliebt und dessen Gattin wird. Als weitere Ehemänner folgen der Architekt Gropius und der Dichter Franz Werfel.

Caroline Bernard ist das Pseudonym einer Autorin, deren Spezialität historische Romane im Künstlermilieu sind. In Die Muse von Wien gelingt ihr nicht nur ein faires Portrait der oft falsch eingeschätzten, von Männern umschwärmten Alma Schindler-Mahler-Werfel, sondern darüber hinaus eine gut lesbare Schilderung der Zeit der Wiener Boheme um die Wende zum 20. Jahrhundert, dem Entstehen des Künstlerbundes Secession, sowie einer schillernden, von vielen herausragenden Künstlern geprägten Metropole. Fast 500 Seiten Unterhaltung – mit allgemeinbildendem Mehrwert.

Kein Sommer ohne gute Kriminalromane. Wir bleiben gleich in Wien. Auch in der Zeit kommen wir nur wenig voran. Die Romane von Alex Beer spielen in Wien ab 1919. Die goldene Zeit ist vorbei, der Erste Weltkrieg liegt wenige Jahre zurück, das große Habsburger-Reich ist zerfallen, Krone und Adel haben abgedankt. Doch die junge, politisch instabile Republik hat es schwer. Hunger und Elend, Arbeitslosigkeit, Armut und Zukunftsängste prägen den Alltag.

Klar dass es da für Inspektor August Emmerich nicht eben leicht ist seine schwierigen Aufgaben zu erfüllen und inmitten von Chaos und allgegenwärtigen Verbrechen, Recht und Ordnung wenigstens ansatzweise Geltung zu verschaffen. Der unorthodoxe Methoden bevorzugende Emmerich ist kriegsversehrt. Doch nicht nur sein Knie macht ihm Probleme, natürlich gab es auch schon im frühen 20. Jahrhundert ungerechte Vorgesetzte und missliebige Kollegen. Dem Inspektor geht ein überkorrekter Watson zur Hand. Auf die Loyalität des wohlerzogenen, mit Wiener Etikette vertrauten Ferdinand Winter kann er sich verlassen, der Assistent geht für ihn durch dick und dünn.

Mir war zuerst der zweite Band der Reihe in die Hände gefallen. Die Handlung in Die Rote Frau ist exakt auf 18. bis 29. März 1920 datiert. Die eigentliche Kriminalgeschichte wird chronologisch erzählt. Parallel erfährt man einiges über die persönlichen Schicksale der genau geschilderten Charaktere. Von großer Dichte und gut recherchierter Authentizität sind die Milieuschilderungen. Natürlich ist ein Mord aufzuklären, dass es am Ende sogar drei werden, ist jedoch nur scheinbar so. Die Geschichte fesselt von Anfang an, mit den Hauptfiguren, die in immer neue Kalamitäten geraten, fiebert der Leser mit. Schließlich kommt es zum aktionsreichen, spannenden Finale, bei dem die Autorin manchmal etwas dick aufträgt, was dem Lesevergnügen allerdings keinen Abbruch tut.

Das erste Buch um Emmerich und Winter trägt den Titel Der zweite Reiter. Es spielt Ende 1919. Auf die Lektüre, die noch vor mir liegt, bin ich gespannt nachdem ich die Rote Frau gelesen habe. Im Verlagstext heißt es: Als Polizeiagent August Emmerich über die Leiche eines ehemaligen Soldaten stolpert, glaubt er zunächst an einen Selbstmord. Doch schon bald stößt er auf eine schreckliche Wahrheit, die ihn vom Jäger zum Gejagten macht.

Alex Beer, die Erfinderin dieser neuen Folge historischer Kriminalromane aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, ein Genre das schon länger sehr in Mode ist und in Volker Kutscher ein hehres Vorbild hat, stammt aus Bregenz und lebt in Wien. Das Presse-Echo auf ihre Romane ist sehr positiv und sie wurden bereits mit dem renommierten Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur ausgezeichnet.

Eine junge deutsche Autorin hat ebenfalls bereits zwei Krimis vorgelegt deren zeitgeschichtliche Kulisse die 1920er-Jahre sind. Joan Weng stammt aus Stuttgart und lebt mit ihrer Familie in Tübingen. Ihre Romane spielen in Berlin. Im Mittelpunkt steht der aus einfachen Verhältnissen stammende Kriminalkommissar Paul Genzer, der kurioserweise von Schauspielstar Carl von Bäumer unterstützt wird. Der erste trägt den Titel Feine Leute und ist im Milieu der Scheinwelt der zu dieser Zeit boomenden deutschen Filmindustrie angesiedelt. Davon dass Bernice ihren reichen Gatten ins Jenseits befördert haben soll, ist Paul Genzer nicht überzeugt. Kurz darauf ist auch die Verdächtige tot und weitere Bluttaten folgen.

Aus den Kehrseiten der Goldenen Zwanziger in der Reichshauptstadt hat die Autorin phantasievolle und locker erzählte Bücher gemacht. Als neuester Band der Reihe um Paul Genzer liegt Noble Gesellschaft vor. Ich zitiere aus den Verlagsangaben: … ein Dienstmädchen (ist) verschwunden. Ein alter Bekannter erzählt Carl von Bäumer, Starschauspieler der UFA, bei einem Galadinner davon – und schon am nächsten Tag ist er tot. Handelt es sich wirklich um Selbstmord? Carl glaubt nicht daran und forscht nach den Hintergründen. Gemeinsam mit Kommissar Paul Genzer taucht er tief ein in Berlins Gesellschaft der Zwanziger Jahre. Und plötzlich befinden sie sich in einem Verwirrspiel aus Rache, Diamantenschmuggel und jahrzehnte altem Hass.

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Diese Ausgaben der erwähnten Bücher lagen mir vor:

Henisch, Peter: Die schwangere Madonna. Roman. – DTV, 4. Aufl. 2014

Freund, René: Niemand weiß, wie spät es ist. Roman. – Goldmann Verlag, 2018

Freund, René: Liebe unter Fischen. Roman. – Goldmann Verlag, 2015

Mayer, Berni: Rosalie. Roman. – DuMont Buchverlag, 2018

Bernard, Caroline: Die Muse von Wien. Roman. – Aufbau Taschenbuch, 2018

Beer, Alex: Die Rote Frau. Ein Fall für August Emmerich. Roman. – Limes, 2018 (hier: gebundene Originalausgabe z. Preis v. Euro 20)

Beer, Alex: Der zweite Reiter. Ein Fall für August Emmerich. Kriminalroman. – Blanvalet, 2017

Weng, Joan: Feine Leute. Kriminalroman. – Aufbau Taschenbuch, 2016

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Zu den Bildern in diesem Beitrag: Die Motive fand ich während einer Fahrt auf Goethes Spuren von Weimar nach Ilmenau. Eindrücke von der kleinen Reise habe ich im con=libri-Artikel vom 24. Juni geschildert. Die Gegend ist kulturgeschichtlich wie landschaftlich jederzeit einen Besuch wert.

Von Weimar nach Ilmenau

Eine Erkundung. 200 Jahre nach Goethe.

Für mich wird es ein kleiner Ausflug von den deutschen Klassikern, seligen Geistern wie Goethe, Schiller, Herder und Wieland, zur Kleinstadt am Nordhang des Thüringer Waldes. Von einer Keimzelle deutscher Republik, der Musik- und Bauhausstadt zum Ort einiger prägender Kinderjahre. 

Reichlich 50 Kilometer durch junigrünes Thüringen. Über Land eine Fahrt von einer guten Stunde. Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine mühsame, staubige Tagesreise. Früh halb Sieben aus Weimar. Goethes Route ging über Bad Berka, Tannroda, Kranichfeld, Dienstedt, Groß-Hettstett, Stadtilm. Schmale harte Wege, bei Regen schlammig. Gepäck, Kutsche, Pferde, Dienerschaft. 

Bei meiner Fahrt bin ich in einen ungewöhnlichen frühen Sommer geraten. Dreißig Grad am frühen Nachmittag. Die Spargel- und Erdbeerzeit ist auf dem Höhepunkt. Verkaufsstände am Wegesrand. Eine Gemüse-, Blumen- und Beerengegend. Zu DDR-Zeiten konnten nicht einmal die Parteifunktionäre das Reifen von Früchten gänzlich verhindern. Wer einen kleinen privaten Garten besaß war fein raus und gut versorgt. Konnte genießen, was staatlich gelenkte Erzeugergenossenschaften und Konsum- und HO-Läden verplant hatten.

Die Zweiburgenstadt Kranichfeld. Niederburg und Oberschloss. Das mittlere Ilmtal. Hier darf sich eine Ansiedlung von wenigen Tausend Menschen in Ballungsgebieten allenfalls Dorf oder Vorort bereits Stadt nennen. Der Weg zum Oberschloss ist streckenweise eng und steil. Sträßchen mit erneuertem Katzenkopfpflaster. Erste Vorgänger der Anlage entstanden bereits im 12. Jahrhundert. Seine heutige Form bekam es um 1530. Eine Ausstellung zu Geschichte von Schloss und Stadt sind hier untergebracht. Weiter Blick über Wiesen, Felder und bewaldete Hügel. Die Höhen des Thüringer Waldes vor Augen.

Rudolf Baumbach wurde 1840 in Kranichfeld geboren. Er wäre längst vergessen, hätte er nicht Texte geschrieben aus denen so häufig und gern gesungene Lieder wie Hoch auf dem Gelben Wagen wurden. Deshalb gibt es im Ort das Baumbachhaus. Mit der Dauerausstellung zum Leben von Rudolf Baumbach und wechselnden Ausstellungen mit regionalem Bezug. Jetzt im Juni findet wieder das Rosenfest statt. Zum 140. Mal, es hat alle Staatsformen und politischen Systeme scheinbar unbeschadet überstanden.

Immer wieder Alleen. Alte Linden und schlanke Pappeln. Sie sind den Straßenerneuerungen nach der Wende nicht zum Opfer gefallen. Schnelles Fahren verbietet sich, ist wohl auch nicht erwünscht. Meist geht es kurvig voran und immer wieder durch kleine Ortschaften. Verschlafen wirken sie, verlassen, müde in der Junisonne des Jahres 2018. Es gibt Bäume, die müssen schon hier gestanden haben als der Weimarer Minister und Dichter mit seiner Entourage durchreiste. Auf dem Weg zu staatstragenden Geschäften oder naturkundlichen Exkursionen. Oder einfach zu einigen Stunden Waldeinsamkeit. 

Nach 12 Uhr in Stadtilm. Nach über fünf Stunden Holpern und Rütteln ist Stadtilm Rast- und Zwischenstation für Johann Wolfgang von Goethe und sein Gefolge. Einkehr im Gasthaus Zum Hirschen. Es liegt am größten Marktplatz Thüringens, einem weiten länglichen Rechteck dessen Fläche über 10.000 Quadratmeter misst. Der 202 Meter lange steinerne Eisenbahnviadukt am Ortsausgang ist unbedingt sehenswert. Heute verkehren auf ihm nur die Regionalbahnen von Saalfeld nach Erfurt. Der Fernverkehr rauscht mit 250 Stundenkilometern über noch längere hohe Betonbrücken und durch nicht enden wollende Tunnel von München über Nürnberg in die Hauptstadt des Freistaats.

Von den ersten Lokomotiven und der ersten regelmäßig befahrenen Strecke mit Personenverkehr zwischen Manchester und Liverpool 1830 eröffnet hat Goethe noch erfahren. Hat er eine der rollenden Dampfmaschinen in Deutschland gesehen? Vielseitig interessiert, hat er technische Neuerungen stets begrüßt, wenngleich er, wie die meisten Älterwerdenden, die ständige Beschleunigung von Entwicklungen und Ereignissen beklagte. Vielen Ostdeutschen ging es nach 1990 ähnlich. Was auf jahrelange Agonie und Gleichgültigkeit nach dem Beitritt in die Marktwirtschaft folgte, überforderte. Man fühlte sich überfahren, abgestellt, ratlos zurückgelassen. Darunter litt nicht zuletzt da und dort die Begeisterung für demokratische Freiheiten.

Vor dem Viadukt das Rathaus der Gemeinde Stadtilm. Ein ehemaliges Kloster. Stadtbibliothek, Polizeiposten und Touristen-Info sind mit untergekommen in dem vielräumigen langgestreckten Komplex, der leicht vernachlässigt wirkt. Stadtilm ist ein ehemaliges Straßendorf. Mehre Kilometer erstreckt sich die Hauptstraße zwischen den niedrigen, geduckt wirkenden Häusern mit ihren tiefen Erdgeschoßwohnungen, deren Fenster sich oft kaum einen Meter über dem Gehweg befinden.

Am 26. August 1813 wieder einmal unterwegs von Weimar nach Ilmenau schrieb Goethe in Stadtilm (wohl während der Mittagsrast) sein Gedicht Unterwegs. Es gehört bis heute zu seinen populärsten: Ich ging im Walde / So vor mich hin, / Und nichts zu suchen, / Das war mein Sinn. Er findet ein Blümchen am Wegesrand, möchte es spontan pflücken, überlegt es sich schließlich anders. Ein allegorisches Liebesgedicht, das er seiner Christiane zum 25. Jahrestag widmet und sogleich nach Weimar sendet.

Um drei Uhr am Nachmittag Aufbruch in Stadtilm. Über Gräfenau zum Ziel der Reise. Und schließlich Nach Sechs in Ilmenau. Die Herberge heißt Zum Goldenen Löwen. Vor wenigen Jahren wurde unmittelbar neben diesem, in der ehemaligen Form nicht mehr existenten Gebäude, ein Hotel unter dem geschichtsträchtigen Namen eröffnet. Es ist bereits wieder geschlossen. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der thüringischen Provinz sind auch im Jahr 28 der Einheit schwierig.

1776 war Goethe zum ersten Mal in Ilmenau. Verschiedene Verwaltungsaufgaben im Auftrag des Herzogs in den folgenden Jahren führten zu häufigen Besuchen. Darunter der Versuch den brachliegenden Bergbau wiederzubeleben. Was zunächst aussichtsreich erscheint und dem Städtchen bescheidenen Aufschwung verspricht, scheitert letztlich. 1796 muss der Stollen nach massivem Wassereinbruch für immer stillgelegt werden. 17 Jahre lang meidet Goethe danach Ilmenau.

Zu Beginn des Jahres 1779 war ihm die Direktion der Kriegskommission übertragen worden. Sie hatte die Aufgabe Rekruten für den Kleinstaat zu verpflichten. Soldaten die dann vom Landesherrn gegen gutes Geld an andere Heere „verliehen“ wurden. Goethe ist nicht immer begeistert von den Aufgaben die ihm sein Dienstherr überträgt. Bevorstehende Ekelverhältnisse durch die Kriegskommission, schreibt er ins Tagebuch.

Das andere Ilmenau. Schöne Stunden in der Umgebung. Im Wald. Beim Wandern und Erforschen der artenreichen Natur. Die Geologie. Goethe der Zeichner. Dampfende Täler bei Ilmenau. Seine letzte Reise nach Ilmenau findet im August 1831 um den 82. Geburtstag statt, zwei Enkelsöhne begleiten ihn, sieben Monate vor seinem Tod. Am 22. Juli hatte er endlich sein dichterisches Lebenswerk beendet. Das umfangreiche Manuskript des Faust gebündelt, verschnürt und fürs Erste in die Schublade gelegt. Das Hauptgeschäft zustande gebracht. Letztes Mundum. – Alles rein Geschriebene eingeheftet …, steht im Tagebuch. Er ist erleichtert: Mein ferneres Leben kann ich nunmehr als ein reines Geschenk ansehen …

Ende August noch einmal eine kleine Rundreise von Ilmenau aus nach Martinroda, Langewiesen und Stützerbach. Neu angelegte Chauseen bewundert er. Sieht eine Lindenallee wieder bei deren Pflanzung er vor 50 Jahren dabei war. Lebensbilanz. An Zelter schreibt er: … Nach so vielen Jahren war denn doch zu übersehen: das Dauernde, das Verschwundene. – Das Gelungene trat vor und erheiterte, das Mißlungene aber war vergessen und verschmerzt.

Der heiße Spätnachmittag im Juni. Das Auto habe ich auf dem Parkplatz an der Festhalle abgestellt. Einmal quer durch die Stadt führt mein Weg. Naumannstraße, Lindenstraße, Mühlgraben, Oehrenstöcker Straße. Im Tageskaffee der Bäckerei die alten Männer vor dem Kaffee, der längst kalt ist. Ihr Schweigen nur selten unterbrochen von dem nasalen südthüringischen Nuu, das alles bedeutet und nichts. 

Das Hinterhaus in dem die Großeltern lebten wurde vor einigen Jahren abgerissen. Im Erdgeschoß schwitzten Glasbläser vor ihren Gasfeuern. Der Onkel in der Neubausiedlung. Die Lieblingstante. Die Schischanzen und die Schlittenbahn. In der Erinnerung weiße, kalte Winter, aus den Schornsteinen Rauch von verfeuerter Braunkohle. Es stinkt und beißt im Rachen. Längst sanfte Kindheitserinnerung. Wie der Duft der Bratwürste auf glühenden Holzkohlen.

Schon ist es nach sechs. Die Läden geschlossen. Die Straßen nahezu menschenleer. Von Ilmenau nach Weimar in einer Stunde. Hin und wieder durch eine Allee. 200 Jahre nach Goethe.

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Oberhauser, Fred; Kahrs, Axel: Literarischer Führer Deutschland. – Frankfurt : Insel Verlag, 2008

Damm, Sigrid: Goethes letzte Reise. – Frankfurt : Insel Verlag, 2007

Schrader, Walter: Goethe und Ilmenau. – Kassel : Verlag Jenior und Preßler, 1994

Neuendorf, Siegfried: Die Goethestadt Ilmenau. – Ilmenau : Carl Heiner Druck (Hrsg.: Deutscher Kulturbund), 1959

Das Buch verschwindet!

Es unken die Unken, es pfeifen die Spatzen vom Flachdach und selbst die Verbandsfunktionäre glauben zu wissen: Das Buch verschwindet. Zumindest das gedruckte. Zuerst werden Gebrauchsanweisungen und Lehrbücher obsolet, bis schließlich auch die erzählende, sogenannte Schöne Literatur, der digitalen Übermacht erliegt.

Jene, die glauben es wissen zu müssen, versichern, dass nur die Digitalisierung helfen kann wenigstens die Inhalte zu sichern. Auf Speichermedien, in Clouds. Für alle Ewigkeit. Sicher und fest wie die strahlende Hinterlassenschaft des Atomstroms im Salzbergwerk. Verfügbar über alle Hard- und Softwaregenerationen hinweg. In sicherer Obhut von Microsoft, Google und Companie.

Die Märkte wissen wie immer Bescheid, die Wahrsagerin hat es längst gewusst, im Kaffeesatz steht es, selbst in Familien deren Mitglieder seit Jahrhunderten Buchhandel betreiben macht sich die Gewissheit breit: Das Buch verschwindet! Schließlich sagen uns aktuelle Statistiken, dass immer mehr Menschen immer weniger lesen. Dass der Absatz von Druckwerken von Jahr zu Jahr rückläufig ist.

Noch ist es nicht so weit. Derzeit zeugen sogar einige Trends scheinbar vom Gegenteil. Noch nie gab es so viele Lesefestivals, große und kleine Buchmessen, Tauschbörsen, offene Bibliotheken, Bibliotheksneubauten, junge Verlage, Autoren und Autorinnen. Doch dies sei ein letztes Aufflammen, Strohfeuer und ohnehin nur von Minderheiten wahrgenommen und frequentiert.

Es sei, so wieder die Statistiker, in dieser Hinsicht wie mit der Vermögensverteilung, immer weniger Menschen besitzen immer mehr. In unserem Fall vom Wirtschaftsgut Buch. Gut, wer kann sich bei der seit Jahren zu beobachtenden Preisentwicklung auf dem Wohnungsmarkt noch ein Heim leisten in dem Raum für meterlange Bücherregale ist? (Eine fundierte Untersuchung über die Wechselwirkungen von Wohnungs- und Buchmarkt ist überfällig.) So wird der Buchbesitz in Zukunft vielleicht zur Sache von Snobs und Begüterten. Zum Sammelgut, zur Wertanlage. Was weniger wird, wird wertvoll. Was wertvoll ist weckt Begierde.

Pädagogen, Bibliothekare, Traditionalisten der Branche und viele engagierte Leser stemmen sich dem Trend entgegen. Setzen auf Lesekompetenz, auf gut ausgestattete Bibliotheken und Archive. Betonen die Bedeutung des Vorlesens im frühen Kindesalter. Eltern, Großeltern, Paten und Freunde sind als Lesevorbilder gefragt. Von Kulturpolitikern, Schulen und Vorschulen wird Unterstützung finanzieller und struktureller Art gefordert.

Das sind Übergangsstadien, wird prognostiziert, die das endgültige Verschwinden allenfalls hinauszögern. Die Endzeit hat längst begonnen.

Foto: Wiebke Haag

Es wird anders kommen.

… als die Literatur beginnt, sich vom Atem des Menschen zu lösen und auf ein Trägermedium auszuwandern, beginnt sie sich gewissermaßen reisefertig zu machen. (Jürgen Wertheimer in Weltsprache Literatur)

Nach ersten Versuchen auf Steintafeln und Papyrusrollen erwies sich spätestens seit Gutenberg das gedruckte Buch als idealer Träger für alles was sich Menschen nicht nur mitteilen, sondern darüber hinaus für folgende Generationen bewahren wollten. Das Erzählen wird nicht aufhören solange es Bewohner auf diesem Planeten gibt. Wenn eines fernen oder auch näheren Tages dieses menschliche Erzählen längst an seinem Ende angekommen sein wird, wird es die niedergeschriebenen und in Satz und Druck wiedergegebenen Erzählungen immer noch geben.

Der große Widerspenstige unter den deutschen Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts, Arno Schmidt, hat dies zutiefst bedauert. Er setzte auf ein rasches Vergessenwerden nach seinem Tod, das schien ihm Erlösung. In seiner Erzählung TINA oder über die Unsterblichkeit schildert er in einer fiktiven Konstellation wie schrecklich es sein kann, wenn dies nicht eintritt.

Dichter und Dichterinnen landen nach ihrem Ableben in einem quälenden Hades. Sie möchten die unwirtliche Stätte so rasch wie möglich verlassen. Allerdings dürfen sie nicht, solange sie nicht komplett vergessen sind. Endgültig tot ist nur der, an den sich niemand mehr erinnert. Die Aussichten sind nicht allzu rosig. Solange noch 1 Exemplar eines ihrer Bücher vorhanden ist, besteht schon gar keine Aussicht. Während also heute immer mehr Zeitgenossen gegen das Vergessenwerden anschreiben (Wer schreibt der bleibt!), sind unseren Unterweltbewohnern ihre gedruckten Werke zum Verhängnis geworden.

Mit den Hinterbliebenen und den Büchern, die sich als unausrottbar erweisen, bleibt die Erinnerung. Es wird jedoch unumkehrbar eine Zeit kommen, da selbst diese entschwindet. Mit den Letzten der Menschheit. Auf dem entmenschlichten Planeten zurück bleiben Echsen und Ameisen, strahlenmutierte Riesenspinnen und zweiköpfige Ratten. Und unzählige verstreute Bücher. Seit Myriaden von Jahren ungelesen, unbeachtet, sich selbst und der Macht der Natur überlassen.

Martin Luther war sich bekanntlich sicher, stünde nächstentags der Weltuntergang bevor, würde er heute noch ein neues Apfelbäumchen pflanzen. Eine Mischung aus Verzweiflung, Hoffnung und Lebenskraft. In den letzten Jahrzehnten entdecken politisch junge Staaten ihr kulturelles Erbe und setzen auf Pflege und Bewahrung. Das Bild in diesem Artikel zeigt den 2015 fertig gestellten Neubau der lettischen Nationalbibliothek in Riga. Das von Gunnar Birkerts entworfene Gebäude beherbergt etwa fünf Millionen Medieneinheiten (ca. 2,5 pro Einwohner), überwiegend in gedruckter Form. Ein kühnes, mutiges Vorhaben, das Tradition bewahrt und Zukunft signalisiert.

Georgische Momente

Über Begegnungen mit Nino Haratischwili und Zurab Karumidze.

Georgischer Wein ist hierzulande schwer zu bekommen. Haben wir nicht im Angebot, teilt der lokale Handel auf Nachfrage mit. Natürlich wird man schließlich im Internet fündig. Ein Saperavi, Kindzmarauli und ein Tsinandali werden angeboten. Der Weißwein „Goruli Mtsvane“ vom georgischen Spitzenweingut Château Mukhrani wird aus der autochthonen georgischen Rebsorte Goruli erzeugt, die Trauben werden ausschließlich per Hand gelesen. Das erfahre ich auf der Seite des Bremer Weinkolleg. Hanseaten hatten schon immer ein Händchen für Weinimporte.

Wein fließt reichlich in die Kehlen der Protagonisten von Nino Haratischwilis großem georgischen Generationenroman Das achte Leben (für Brilka). Fast genauso häufig erfahren wir darin vom Genuss feiner Trinkschokolade deren Zubereitung und Verzehr zelebriert wird. Rezepturen der Vorfahren werden in den Familien vererbt und gehütet wie Goldschmuck.

Die Schokolade war zäh und dickflüssig, schwarz wie die Nacht vor einem schweren Gewitter, und wurde in kleinen Portionen, heiß, aber nicht zu heiß, in kleinen Tassen und – im Idealfall – mit Silberlöffeln verzehrt. Für dieses Jahrhundert-Buch und ihre Theaterstücke wurde die Schriftstellerin in Augsburg mit dem Bertolt-Brecht-Preis ausgezeichnet.

Der Frühsommer hatte sich in den April verirrt. Ein warmer weicher Nachmittag und Abend am Tag der Preisverleihung im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses. Hier die vergangene Pracht der einst reichen Fuggerstadt, draußen junges Leben und Treiben, Sonne und aufkeimende Frühlingssäfte riefen auf die Plätze und in die Gassen. Cafès und Biertische waren dicht besetzt, luftige Kleider, kurze Hosen, bare Füße allerorten. Gesprächsfetzen, Lachen und Rufen in der Luft. Brecht-Erbe Wecker im Sinn. Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und die Luft nach Erde schmeckt, ist´s egal, ob man gescheit ist, wichtig ist, daß man bereit ist und sein Fleisch nicht mehr versteckt … Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und der Himmel ein Opal, weiß ich, dass das meine Zeit ist …

Nino Haratischwili ist jetzt Mitte dreißig. Natürlich die jüngste Preisträgerin. Drei Romane und zahlreiche Theaterstücke sind von ihr bereits erschienen und aufgeführt worden. Aus Neigung zu dieser Sprache hat sie in der Schule früh Deutsch gelernt und bereits sehr jung begonnen in deutscher Sprache zu schreiben. Brechts Kaukasischer Kreidekreis war eines der ersten Theaterstücke die sie in Tiflis sah, sie beeindruckt und geprägt hat. 1998 gründete sie eine deutsch-georgische Theatergruppe, schrieb, inszenierte und spielte vier erste Stücke auf Deutsch. In Tiflis studierte sie Filmregie, in Hamburg Theaterregie, hier lebt sie inzwischen mit ihrer Familie. Schon 2008 erhielt ihr Drama Liv Stein einen Autorenpreis auf dem Heidelberger Stückemarkt.

Foto: Birgit Böllinger

In seiner Begrüßung der Preisträgerin wies Kultur-Bürgermeister Kiefer auf Brechts durch eine alte Legende angeregte Kalendergeschichte vom Augsburger Kreidekreis hin, eine Vorarbeit zum späteren Theaterstück Der Kaukasische Kreidekreis. In der Begründung für die Preisverleihung heißt es: Nino Haratischwilis Romane und Theaterstücke lassen sich mit den großen Exildramen Bertolt Brechts in Verbindung bringen. Und FAZ-Ressortchef Andreas Platthaus fand für seine Laudatio die Formel: Wenn Bertolt Brecht das epische Theater erfunden hat, dann Nino Haratischwili die theatralische Epik.

Im Herbst ist Georgien Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. Es besteht kein Zweifel, dass bei dieser Gelegenheit georgischer Wein an einschlägigen Messeständen zum Ausschank kommen wird. Viel wichtiger jedoch ist mir, dass zu diesem Zeitpunkt der neue Roman einer großen europäischen, aus Georgien stammenden Schriftstellerin erscheint. Wenn ich in Augsburg richtig hingehört habe, wird er den Titel Die Katze und der General tragen.

Der sommerliche Frühling in Ulm steht jenem in Augsburg in nichts nach. Hier wie dort atmet die Stadt auf und findet sich allerorten leichtlebiges Treiben und Sehnen. Zudem ist Literaturwoche an der Donau. Im Künstlerhaus bestand Gelegenheit zur Begegnung mit dem georgischen Autor Zurab Karumidze und seinem Übersetzer und Verleger Stefan Weidle. Die beiden hatten den Roman Dagny oder ein Fest der Liebe mitgebracht.

Kurz kam die Frage auf, ob Weidle wohl der georgischen Sprache mächtig sei. Dem ist nicht so. Karumidze hat das Buch in englischer Sprache verfasst. Neben der Muttersprache und Russisch seine dritte Sprache, wie er es formulierte. Karumidze lebt in Tiflis, doch sein Roman ist kein ausgesprochen georgisches Buch, Thema und Personal sind europäisch, die Abläufe universell.

Zarub Karumidze und Stefan Weidle (rechts)

Die Norwegerin Dagny Juel war ein Modell Edvard Munchs, etwa für seine bekannte Madonna. Strindberg verliebte sich in sie und reagierte bösartig als er auf Ablehnung stieß. Sie heiratete den polnischen Schriftsteller Stanislaw Przybyszewski und war mit ihm in Berliner Künstlerkreisen unterwegs. Przybyszewski verkaufte die Muse an seinen Bewunderer Wladyslaw Emeryk. So kam sie nach Tiflis.

Dagny Juel hat selbst Gedichte und kurze Dramen (in norwegischer Sprache) geschrieben, die Karumidze in seinem Buch immer wieder in englischer Version zitiert. Verleger Weidle möchte diese Werke demnächst als eigenen Band herausgeben. Am 4. Juni 1901 wurde Dagny von einem nicht erhörten Liebhaber in Tiflis erschossen und dort an ihrem 34. Geburtstag beerdigt. Als Aristokratin von Geburt und Charakter war Dagny Juel wie ein frischer Wind für die Männer, die atemlos nach ihrer Position in Kunst und Leben suchten.

Die in Ulm gelesenen Ausschnitte stellten ein herausforderndes Buch vor, eine tiefgründige Geschichte, frivol, erotisch, ebenso offen in der Sprache wie verschlüsselt in seinen Anspielungen. Die Hauptfigur ein Spielball männlicher Launen, Lüste, voll pornophonischem Lebensekel. Ein postmoderner Roman sei das, wurde als Kategorie bemüht. Der Begriff metamodern wurde erprobt. Doch wozu Klischees? Jedes literarische Werk steht letztlich für sich.

Weidle verwies auf die breite und tiefe literarische Vorbildung des Verfassers und dessen zahlreiche Reminiszenzen an die Weltliteratur, die sich nur mit entsprechender Leseerfahrung erschließen. In diesem Zusammenhang forderte er dazu auf nicht nur aktuelle Bücher zu lesen, sondern immer wieder zu den Klassikern, den alten und den modernen zu greifen. Ein berechtigtes Ansinnen. Sein persönlicher Hausgott, ließ er noch wissen, ist Heimito von Doderer.

Zwischendurch sangen Autor und Verleger Norwegian Wood im Männerduett. Warum wurde nicht so recht klar, kam aber gut an. Der volle Bass Karumidzes ist so beeindruckend, dass der Wunsch geäußert wurde, er möge mit seiner Stimme noch etwas auf Georgisch vortragen. Er wählte eine Passage aus dem über 850 Jahre alten georgischen Nationalepos Vepkhis t’q’aosani (zu deutsch: Der Recke im Tigerfell) des Dichters Rustaveli. Ein wohltönender Vortrag.

Georgien ist die ursprüngliche Heimat des Weines und des kultivierten Weinbaus, behaupten Fachleute. Archäologen haben im Land Weinrebsamen entdeckt, die 5.000 Jahre alt sind. Sie können in Tbilissi im Museum des Weininstitutes bewundert werden.

Nino Haratischwilis Achtes Leben (für Brilka) habe ich kurz nach Erscheinen gelesen. Verschlungen, genossen und bewundert. Ob ich über kurz oder länger zu Dagny oder ein Fest der Liebe greifen werde, ist nicht absehbar. Allerdings kann kaum etwas anderes einen selbst so überraschen wie Wendungen und Launen der Leselust. Und irgendwann wird vielleicht ein Glas das beim Lesen vor mir steht mit georgischem Wein gefüllt sein.