Hin und weg

Nichts wie weg. Sommerfrische oder Fernreise, Städte- oder Bergtour. Sommerzeit ist Reisezeit ist Urlaubszeit. Kurz oder lang, fern oder nah, weg muss sein. Nicht zuletzt weil das Zurückkommen so schön ist. Das geliebte Zuhause genießt man um so mehr, wenn man es gelegentlich für einige Zeit verlässt um Ferne und Fremde zu erkunden.

Vielleicht zum Solidaritäts-Urlaub und zur Wirtschaftsförderung auf eine griechische Insel. Verbunden mit spannenden Währungsrisiken. Währungspolitik ist es, die seit einiger Zeit den Aufenthalt in den von mir geliebten Hoch- und Seitentälern der Schweizer Alpen erheblich erschwert bis verhindert. Auch der Aufenthalt in einer meiner Lieblingsstädte, dem literarischen Zürich, mit Spaziergang an den bergfrischen Wassern der Limmat, ist zum unerschwinglichen Luxus geworden.

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Für gemeine Euro-Bürger nur schwer erreichbar: Schweizer Hochtäler.

Bleibt die Kompensation des Verwehrten mittels Lektüre. Entsprechende Gedankengänge und Leseanregungen bieten Esther Scheideggers “Spaziergänge durch das Zürich der Literaten und Künstler”. Sie führt uns auf Wege die vor uns Joyce und Dürrenmatt, Max Frisch, Gottfried Keller, die Manns oder Therese Giehse gingen. In Zürich gab es keine Zerstörungen des Stadtbildes durch Kriege, nur den einen oder anderen Sündenfall der Kommerzialisierung. Doch abseits von Banken und Firmenzentralen kann man Viertel, Straßen, Gassen und Plätze von lebendiger urbaner Schönheit entdecken.

Dazu müsste man allerdings hin. Behelfen wir uns bis zum Kurssturz des Franken mit den fesselnden, hintergründig fundierten Zürich-Krimis von Michael Theurillat, dessen Kommissar Eschenbach seine liebe Mühe mit den Schweizer Verhältnissen hat. Oder folgen wir dem routinierten Erzähler Martin Suter, der uns äußerst lesbare Einblicke hinter die Kulissen der feinen Gesellschaft der Geld- und Weltstadt ermöglicht. Das und viel, viel mehr für Reisen und über ihre Ziele finden wir in unserer Lieblings-Buchhandlung, wo wir dann gleich mit weiteren anregenden Lese-Tipps versorgt werden. Ein Weg der sich natürlich nicht nur vor Reiseantritten lohnt. Zu Büchern, deren Preise dank Buchpreisbindung kalkulierbar und für die meisten Geldbeutel bezahlbar sind.

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Es führt kein Weg daran vorbei.

Wahre Traumreisen der Phantasie können beim Hören von Musik unternommen werden. Mit Smetana von der Quelle bis zur Mündung, perlend und dramatisch, die Moldau entlang. Frohen Mutes mit Strohhut, Picknickkorb und Beethovens sechster Sinfonie aufs Land. Oder mit der unvergleichlichen Stimme von Alice über den Sankt Petersburger “Prospettiva Nevski” promenieren. Sie singt in der gleichnamigen Canzone: “eines Tages traf ich auf dem Nevski Prospekt Igor Stravinsky”.

Mag ja sein. Aber “Kommando Elefant” waren schon mit Wittgenstein in der Kneipe. Die Jungs von der Blauen Donau nehmen uns sogar ganz lässig bis Alaska mit, und verbreiten dabei noch das passende Lebensgefühl: “lass’ die Dinge sein, wie sie niemals war’n”. Weil dem so ist, lassen uns Sibelius Tondichtungen sanft und entrückt über die unendlichen Weiten finnischer Wälder und Seen gleiten. Um schließlich mit Wolfgang Ambros auf dem Wiener Zentralfriedhof zu landen. Leben wie Reisen: Immer unterwegs, in einem fort irgendwo zwischen Aufbruch und Endstation.

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Westallgäuer Zufluchten

Zu kurzen Auszeiten zieht es mich bekanntlich gerne ins bodenseenahe Westallgäu. An Moorseen und schlängelnden Bächen, in Wäldern, auf Weiden und sanften Vorbergen mit überraschenden Ausblicken, auf unverhofften Lichtungen, in Kleinstädten, blumengeschmückten Dörfern und verstreuten Höfen, findet der Zivilisationbürger jene kleinen Zufluchten, menschenleeren Wege und verborgenen Leseplätze, die Wichtig und Richtig, Empörung und Zerstreuung des Alltags für eine Weile ihre Bedeutung nehmen. Der zweiwöchige Erholungsurlaub, der im August ansteht, wird hingegen in einer anderen, ebenfalls bergnahen Region verbracht.

Fast zum Schluss ein Geständnis: Den Titel für diesen Blog-Eintrag habe ich geklaut! Feiner ausgedrückt: Zur Überschrift über diesen Beitrag wurde ich durch die hochsommerliche Doppel-Ausgabe der Zeitschrift “DAS MAGAZIN” angeregt. Ein bunt-keckes, unterhaltsames Kleinformat, nicht ohne Anspruch, dessen Ursprünge sich bis ins Berlin der 1920er Jahre zurückverfolgen lassen.

“Hin & weg” lautet der Titel des aktuellen Schwerpunktheftes und im Untertitel heißt es verheißungsvoll: “Ab in die Wüste, zu Rita in den Hinterhof oder als Schisser um die Welt.” Für “DAS MAGAZIN” schreiben, neben vielen unentdeckten Talenten, Stefan Schwarz, der im letzten Jahr mit seinem Roman “Die Grossrussin” für satirisch-spannende Abwechslung sorgte und Kirsten Fuchs die derzeit mit ihrem All-Ager “Die Mädchenmeute”, einem echten Abenteuerbuch für Pubertierende aller Altersstufen, unterwegs ist.

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Was uns weg bringt.

In Franz Kafkas kurzer Parabel „Der Aufbruch“ (1922) schwingt sich ein Ich-Erzähler auf das gesattelte Pferd und nennt dem verdutzten Diener „weg von hier“ als sein Ziel. Ob man im Sommer verreist oder zuhause bleibt, mit guter Literatur begibt man sich auf eine – so heißt es bei Kafka – „wahrhaft ungeheure Reise“.

Weg ist nun con=libri für einige Wochen. Und irgendwann so gegen Mitte September wieder da. Dann wird die Tür geöffnet und nachgeschaut, ob der Herbst bereits davor steht. Außerdem gibt es Lokalberichterstattung. Für alle, die schon immer wissen wollten, was Hermann Hesse eigentlich mit Ulm zu tun hatte. Die vielen neuerscheinenden Bücher, zahlreich wie die bunten Blätter, die dann von den sommermüden Bäumen schweben, werden natürlich einmal mehr eine wichtige Rolle spielen.

Bis dahin.

 

Bücher des Jahres. Meine AusLese 2014

Kruso, Haratischwili, Grossrussin

Auch in diesem Jahr möchte ich wieder einige Bücher vorstellen, die mir in den letzte Monaten begegnet sind, die ich auf Streifzügen durch Buchhandlungen, Feuilletons und Literaturseiten, auf Buchmessen und durch Empfehlungen entdeckt habe und die mir besonders gut gefallen. Die hier aufgeführten Titel habe ich gelesen oder angelesen und über sie gelesen. Natürlich ist dies eine absolut subjektive Auswahl. Ich kann nicht garantieren, dass andere Leserinnen und Leser meine Einschätzung teilen.

Hier sind nun zunächst drei meiner persönlichen Spitzen-Titel zu finden, sozusagen ein erster Appetithappen. Unter der Rubrik „AusLese 2014“ (oben, rechts) gibt es die komplette, kommentierte Liste und noch einiges drumherum. Über Reaktionen und Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen.

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Seiler, Leitz: Kruso. – Suhrkamp, 2014. – Euro 22,95

In einer Ausflugsgaststätte auf Hiddensee haben sich im Sommer 1989 rund um den widersprüchlich charismatischen Alexander Krusowitsch allerhand DDR-Aussteiger versammelt. Für die meisten ist die Insel eine Zwischenstation auf ihrem Fluchtweg über die Ostsee. Dicht, poetisch, voll innerer Spannung, ein Buch von großer poetischer Kraft für erfahrene Leser die das sprachlich anspruchsvolle Erzählen lieben. Seiler gewann mit Kruso den Deutschen Buchpreis 2014. Zu recht. Das beste erzählerische Werk, das ich 2014 (bisher!) in der Hand hielt.

Haratischwili, Nino: Das achte Leben (für Brilka). Roman. – Frankfurter Verlagsanstalt, 2014. 1280 Seiten (!), Euro 34

Wahrscheinlich die interessanteste Autorin in meiner bisherigen Auswahl. Ich muss zugeben, es hat eine Weile gedauert bis ich ihren Familiennamen fehlerfrei schreiben und aussprechen konnte. Nino Haratischwili wurde 1983 in Tbilissi (Georgien) geboren. Sie arbeitete zunächst als Theaterautorin und -regisseurin in Georgien, später in Deutschland. Seit etlichen Jahren schreibt sie bereits in deutscher Sprache. 2009 gewann sie gemeinsam mit Philipp Löhle den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes. Sie lebt als freie Regisseurin und Autorin in Hamburg. – “Das achte Leben” ist bereits ihr dritter Roman. Hier holt sie weit aus und erzählt die Geschichte einer georgischen Familie über sechs Generationen. Opulent ausgebreitet, reicht das Spektrum der Ereignisse von der sanften Liebesgeschichte bis zu den bitteren Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die ja an fast keiner Familie des Kontinents vorüber gingen. Eine Fülle an Stimmungen und Charakteren breitet die Autorin vor dem Leser aus, den die über 1200 Seiten zu nächst vielleicht abschrecken; wer sich jedoch mit etwas Geduld auf diese zeitintensive Lektüre einlässt, wird mit einem besonderen Leselerlebnis belohnt. Ganz großes Kino. Extra breites Format. Hat das Zeug zum Klassiker. – Ein Tipp: Zunächst das sogenannte Einleseheft besorgen, dass es nur als E-Book gibt. Es ist gratis, kann auf alle Endgeräte geladen werden und macht es möglich zu prüfen, ob man dieser Lese-Herausforderung gewachsen ist und sein möchte.

Schwarz, Stefan: Die Grossrussin. Roman. – Rowohlt Berlin, 2014. Euro 16,95

Stefan Schwarz hat bisher die kürzere Form gepflegt und ist einem engeren Leserkreis hauptsächlich durch seine Kolumnen in der Zeitschrift “Das Magazin” bekannt, einem bunten Medium, dem es gelang durch Weimarer Republik und DDR-Zeit in unserer Gegenwart anzukommen und das sich einer nicht allzu großen, dafür umso treueren Anhängerschaft erfreut. Schwarz hat eine ausgesprochen gelungene Parodie auf die Klischees des Kriminalromans geschrieben. Temporeich, gefährlich und immer wieder zum Auflachen komisch. Und was mir am besten gefallen hat: Der Intellekt des unscheinbaren, körperlich unterlegenen Altphilologen siegt über die brutale, zu allem bereite Verbrecherbande. Eine Portion Glück und Zufall sind allerdings auch im Spiel. Dazu haarsträubende Liebesverwicklungen des Protagonisten. Krimineller Humor, wie es ihn in dieser Qualität sicher nur ganz selten gibt. Schmackhaftes Lesefutter selbst für nicht ganz so roman-affine Zeitgenossen.

Zur ganzen AusLese geht es hier entlang.

Sudeleien. Ende September 2014

Von Wortschätzchen und allerhand bedrohten Arten

„Ich sauge den Sommer in mich ein wie die Wildbienen den Honig,“ sagte sie. Ich sammle mir einen großen Sommerklumpen zusammen, und von dem werde ich leben, wenn es nicht mehr Sommer ist.“ (Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter)

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Oder: Wir lesen einfach durch bis der Frühling zurückkommt.

Schwer erträglich, und nicht selten schmerzhaft fürs Sprachempfindungs-Organ: das sogenannte Denglish der unermüdlich schiefe Metaphern und verquere Phrasen auswerfenden Sprachknechte unserer schillernden Konsumwelt: „Der alpenfrische Schüttel-Shake“, „Live Cooking“, „Don’t call it Schnitzel“, „Content ist King“. – Willkommener sind da jene Fremdlinge aus anderen Sprachräumen, denen es gelingt im Deutschen heimisch zu werden weil sie unsere Ausdruckmöglichkeiten erweitern und zu größerer Genauigkeit von Formulierungen beitragen. Hin und wieder stößt man recht unvermutet auf solch ein kleines Sprach-Schätzchen, das man dann gerne behalten möchte. Der amerikanischen Schriftstellerin Donna Tartt verdanke ich indirekt die Entdeckung eines solchen, für mich zu diesem Zeitpunkt neuen Lehnwortes aus dem Englischen.

Donna Tartt versteht es, sich und ihr Werk zu inszenieren. Auf Fotos sieht man sie stets in Schwarz und als hochstilisierte Kunstfigur. Ihre Romane, die zu großen Teilen handschriftlich in der New York Public Library entstehen, erscheinen in großen zeitlichen Abständen und sind sehr umfangreich. Die „Geheime Geschichte“ erschien zu Beginn der 1990er Jahre. Anfangs skeptisch, war ich nach und nach immer begeisterter. Ein großes Epos, figurenreich, erzählerisch weit ausholend, sprachlich von außergewöhnlicher Könnerschaft, mit fesselnden Spannungselementen ohne Kriminalroman zu sein. Das zweite Buch – „Der kleine Freund“ – besticht zunächst ebenfalls dank epischer Kraft, entpuppt sich mit steigender Seitenzahl leider als eine etwas schwerfälligere Lektüre. Der neueste Roman heißt „Der Distelfink“, erschien im Frühjahr auf Deutsch und es war klar, dass ich ihn irgendwann lesen würde. (Habe ich, Stand heute, noch nicht.)

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Zunächst forschte ich nach professioneller Einschätzung und fand eine Rezension von Jane Shilling im britischen „New Statesman“, der normalerweise nicht zu den Wochen-Blättern gehört, die ich regelmäßig verschlinge; das verhindert schon die begrenzte englische Sprachkompetenz. So kann es halt passieren, wenn man sich dem großen Suchmaschinen-Bruder anvertraut, ohne wirklich zu wissen, wo man im Weltweitnetz hin möchte. Jedenfalls bespricht Frau Shilling vorrangig den „Distelfink“, den sie in höchsten Tönen lobt und kommt in diesem Zusammenhang auch noch einmal auf den Vorgänger „The Little Friend“. Den fand sie nicht so doll: „This … was a protracted essay in Gothic suspense, set in the American South with a bookish 12-year-old heroine…“

Bookish! Das gefiel mir. Dieses Wort wollte ich in meinen Thesaurus aufnehmen. Es schien mir passend; wobei ich nicht wirklich beurteilen kann, inwieweit für Frau Tartt, bzw. ihre junge Heldin, auf jeden Fall aber für mich. So bin ich zweifellos: Ein klein wenig bookish! Das meint etwas anderes als bibliophil. Die Bedeutung der deutschen Begriffe Bücherfreund und Büchernarr ist vielleicht darin enthalten. Doch ist es als Adjektiv oder Adverb sehr viel flexibler und treffender verwendbar. Probleme ergeben sich allenfalls mit den Steigerungsformen. Vorausgesetzt bookish ist überhaupt steigerbar, wäre es so wahrscheinlich korrekt (Einwände von Anglisten nehme ich jederzeit gerne entgegen): Bookish, more bookish, most bookish. Und jetzt – mit dem Ausklingen des Sommers – kommt die Zeit des Jahres, die nicht nur mich most bookish macht.

Mit abnehmender Tages-Helligkeit und steigender Nebel, geht die Zahl der Neuerscheinungen ihrem jährlichen Höhepunkt entgegen, schicken die Verlage ihre Auflagenbringer auf lange Lesereisen, nahen die groß inszenierten Verleihungen des Deutschen Buchpreises und des Nobelpreises für Literatur.

indexDie Bücher der sechs auf der Shortlist für den Buchpreis nominierten Autorinnen und Autoren habe ich angelesen. Obwohl sicher einiger Proporz im Spiel ist steht keines zu Unrecht auf der Liste. Am besten gefallen – und in dem Buch habe ich mich auch festgelesen – hat mir „Kruso“ von Lutz Seiler. Einer der sogenannten Wenderomane. Im Mittelpunkt steht eine hermetische Gemeinschaft von Personen auf der Insel Hiddensee, die das DDR-Festland verlassen haben, weil sie mehr oder weniger ausgegorene Fluchtpläne hegen. Zunächst einmal sind sie an der Ostseeküste gestrandet und arbeiten am Rande der Legalität in der Insel-Gastronomie. In hochpoetischer Sprache und mit Mitteln leichter Mystifizierung setzt Seiler all jenen ein literarisches Denkmal, denen die Flucht übers Meer nicht gelang oder die dabei umkamen.

Ginge es nach Martin Olczak würde es wohl keinen Literatur-Nobelpreis mehr geben – aus Mangel an Juroren. In seinem Krimi „Die Akademie-Morde“ lässt der schwedische Autor nach und nach die meisten Mitglieder des Nobelpreis-Komitees meucheln. Eine Geschichte die aus dem längst unüberschaubaren Angebot nordeuropäischer Kriminalliteratur etwas hervorsticht. Trotz zahlreicher Toter wird auf die sonst übliche reiserisch überzogene Brutalitäts-, und Sex-Darstellung verzichtet. Neben dem originellen Sujet bekommt der Leser ein interessantes multiethnisches Personal geboten.

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Immer bookish: Denis Scheck

Menschen die bookish sind können nicht ohne Bücher sein. Genauer: Wer bookish ist kann nicht ohne Literatur in gedruckter Form sein. Rezept-Sammlungen und Yoga-Anleitungen werden die Leidenschaft wohl weit weniger befriedigen als umfangreiche Romane, klassische Anthologien oder schön gestaltete und hochwertig produzierte Lyrik-Bände. Menschen die sich als bookish bezeichnen würden („outen“ wäre hier sehr passend), sind ihrer Leidenschaft bedingslos verfallen und durch nichts davon abzubringen. Sie gehen nie ohne Buch aus dem Haus. Bücher sind ständige Begleiter bei Tag und in der leselampenerleuchteten Nacht. Jede Lebenslage ist willkommenes Alibi für den Griff zum Buch. Sie lesen im Sitzen, Stehen und Liegen, zu jeder Uhrzeit, an jedem Platz. Sie kommen an keiner Buchhandlung vorbei, keinem Antiquariat, keiner Ramschkiste auf einschlägigen Flohmärkten. Diese Besonderlinge lesen in (gedruckten) Tageszeitungen zuerst die selten gewordenen Literaturseiten und gleich danach das Feuilleton. (Es soll Ausnahmen geben, die mit dem Sportteil anfangen und trotzdem bookish sind!)

Offene Fragen bleiben. Kann man mit eBooks bookish sein? Wie nennt man es wenn man verrückt nach Zeitungen ist? Paperish? Mit den riesenformatigen Tageszeitungen und den damit einhergehenden druckfarbenschwarz gefärbten Händen geht es ernsthaft zu Ende. Das gestand in einer umfangreichen Analyse die selbst betroffene, traditionsreiche Frankfurter Allgemeine Zeitung.

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In Anlehnung an eine bekannte Werbe-Unterstellung drängt sich abschließend die Frage auf: Sind wir nicht alle ein bisschen bookish? Keineswegs. Nur noch schmale 5 Prozent der erwachsenen deutschen Bevölkerung lesen regelmäßig Bücher – musste ich neulich lesen. Wenn man in Bus, Zug oder Straßenbahn unterwegs ist, wird deutlich warum. Die meisten Zeitgenossen haben gar keine Hände mehr frei für das greifbare Kulturgut. An der menschlichen Hand evolutioniert sich zunehmend das Smartphone zum dominanten Glied. Mitbürger die bookish sind, geblieben sind, bilden längst eine Minderheit, beängstigend in ihrem Bestand bedroht. Sie unter besonderen Schutz zu stellen, wie seltene Pflanzen oder Tiere, dürfte der schleichenden Dezimierung wohl kaum Einhalt gebieten.

Doch noch fallen sie gelegentlich auf. Wirken auf Jene, die für kurze Zeit verstört vom Display aufblicken schrullig, seltsam analog. Sei’s drum und jetzt erst recht: Be foolish. Stay bookish!

Die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2014.

„Wir sind die Treibenden.“

Ein Jahr geht zu Ende

Neben Essen, Trinken, Schwatzen, Schenken und Beschenktwerden, Zanken und Vertragen, Zusammen- und Besinnlichsein; außer Tannenbäumebestaunen und Vorsätzefassen, Raketen zünden und Ideen zulassen, Träumen und Schlendern, bieten die Tage um Weihnachten und den Jahreswechsel noch manche Stunde (manchen Tag) zum Blättern und Schmökern, für alte und neue Lektüre, dem Wiederindiehandnehmen fast vergessener Bücher und das Entdecken literarischen Neulands.

Zur Zeit lese ich den meisterlichen Roman „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Über 800 lohnende Seiten, die natürlich etwas Geduld und Beharrlichkeit erfordern. Es ist der dritte Band der sogenannten „Wartesaal-Trilogie“ und handelt vom Schicksal einer Gruppe Menschen, die Naziherrschaft und Judenverfolgung nach Paris vertrieben haben. Die ersten beiden der inhaltlich nur lose verknüpften Bände, „Erfolg“ und „Die Geschwister Oppermann“, hatte ich bereits vor längerer Zeit gelesen.

Süffigeres liegt für danach bereit. In den freien Tagen bis zum 6. Januar möchte ich mir unbedingt noch den neuen Krimi von Elisabeth Herrmann gönnen. Er heißt „Versunkene Gräber“ und wurde von einer meiner anderen Lieblings-Spannungsautorinnen, nämlich Inge Löhnig, sehr gelobt. Herrmann greift gerne Themen der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte auf. Und so verrät der Klappentext ihres aktuellen Buches, dass ein Verbrechen in der Gegenwart, hineinführt “in die dramatischen Ereignisse des Jahres 1945, als sich die Schicksale von Tätern und Opfern kreuzten und Entsetzliches geschah.” Ich bin gespannt.

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“Seit mindestens zweihundert Jahren ist der Drang nach Beschleunigung so dominant, daß er Umwälzungen von schockierendem Ausmaß bewirkte, die ihrerseits Anlaß zu Fragen, Klagen und Warnungen gaben.”

In diesen Tagen und Wochen begleitet mich ein schmales Büchlein der aus der heutigen Slowakei stammenden, in der Schweiz lebenden Übersetzerin, Essayistin und Schriftstellerin Ilma Rakusa mit dem Titel „Langsamer! Gegen Atemlosigkeit, Akzeleration und andere Zumutungen“. Es enthält mehrere nicht allzu lange Aufsätze, jeder mit starken Bezügen zur Literatur, die um das für Viele immer drängender werdende Bedürfnis nach Entschleunigung kreisen. Zu den verweisungs- und geistreich aufgegriffenen Themen, die Rakusa mit diesem Verlangen in Zusammenhang bringt, gehören u. a. Arbeit, Natur, Muße und Reise.

Mir gefällt am besten das Kapitel “Lektüre”, in dem die Autorin den Lesern verdeutlicht, dass in ganz besonderer Weise “Lesen ein langsamer Vorgang … ist und bleibt.” Und “das sogenannte Verschlingen von Büchern … sich vorhandener Zeit und Ausdauer” verdankt. In den Gedanken von Ilma Rakusa finde ich willkommene Rechtfertigung und Bestätigung für die eigene Liebe zur Literatur, zu den Werken von Dichtern und Denkern, für meine liebste Zeitverwendung – das Lesen. “Sinnlichkeit, Beschaulichkeit, Entspannung … Lesen will nicht nur zweckdienlich sein. Daß es Erkenntnisse vermitteln und unterhalten kann, daß es zur Welt- und Ich-Findung, zur Sinnstiftung und Klärung beiträgt, ist das eine. Zugleich ist es eine sich selbst genügende Tätigkeit, die ein großes Glücksversprechen enthält.”

Der Leser “erfährt, dank Konzentration und Hingabe, ein verändertes Zeitgefühl, überwindet die Ich-Grenzen und bewegt sich in einem Raum spielerischer Autonomie.” Täuscht mein Eindruck, oder sind es tatsächlich immer weniger Menschen, die in unserer Gegenwart der Einladung, solch ganz persönliche Privilegien wahrzunehmen und in selbstbestimmtem Tempo durch die Welt zu schreiten, folgen?

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Meine allerneueste Erwerbung, nach langem Hinundherüberlegen, ist die bei Fischer erschienene Taschenbuch-Ausgabe der Romantrilogie „November 1918“. Ein literarisches Großprojekt des Schriftstellers und Arztes Alfred Döblin über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Beginn sich im neuen Jahr 2014 zum 100. Male jährt. Döblin zählt zu den etwas aus dem Blick geratenen Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am bekanntesten ist sein stilistisch außergewöhnlicher, von Rainer Werner Fassbinder einst eindrucksvoll verfilmter Roman “Berlin Alexanderplatz”. Mit Döblin wollte ich mich schon länger einmal etwas intensiver beschäftigen. Nach Feuchtwanger und dem Krimi soll dies der nächste Lesestoff werden. Ob es dazu kommt? Lesen kann man nicht wirklich planen. Es ist von Launen, Stimmungen, Angeboten und zahlreichen Einflüssen und Zufällen abhängig.

Ein Jahr geht zu Ende. Wie immer in unserem Kulturkreis mit einem 31. Dezember. Bei Anbruch des darauffolgenden Tages, dem 1. Januar, wird sich wenig geändert haben. Wir treiben weiter durch Raum und Zeit. Dimensionen für die nur der Mensch Maßeinheiten, Maßstäbe und Normen kennt. Stets auf der Suche nach sicheren Ankerplätzen. Im unauflöslichen Zwiespalt von „Wille und Vorstellung“.

„Wir sind die Treibenden“, beginnt das XXII. “Sonett an Orpheus” von Rainer Maria Rilke aus dem Jahr 1922:

Wir sind die Treibenden. / Aber der Schritt der Zeit, / nehmt ihn als Kleinigkeit / im immer Bleibenden.

Alles das Eilende / wird schon vorüber sein; /  denn das Verweilende / erst weiht uns ein.

Knaben, o werft den Mut / nicht in die Schnelligkeit, / nicht in den Flugversuch.

Alles ist ausgeruht: / Dunkel und Helligkeit, / Blume und Buch.

Schöne Bescherung! – Der Gabentisch 2012

„Lesen ist nicht wie Musik hören, lesen ist wie musizieren.“ (Martin Walser)

Lichterglanz und Glockenbimmel. Schneegestöber, Glühweindampf und Bratwurstduft. Schon ist es wieder Mitte Dezember. Höchste Zeit für den Weg in die festlich dekorierte Lieblingsbuchhandlung. Gönnen wir uns in diesen kalten Tagen ein erwärmendes Schnupper- und Einkaufserlebnis in originellen, breit sortierten kleinen Handlungen fürs gute alte, immer wieder schön gedruckte und gebundene Buch. Hier sind meine Ideen für den Gabentisch, für unter die Tanne-Fichte, zum den Nächsten und Liebsten in die Hand drücken, oder zum Sichselbstbeschenken.

Rammstedt. In diesem Herbst ist auch der lustige, erstaunlicherweise aus Bielefeld stammende (doch längst in Berlin ansässige) Tilman Rammstedt (“Der Kaiser von China”) wieder mit einer Neuerscheinung vertreten. Und die hat es in sich. In “Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters” geht es viel weniger um den Bankberater eines Protagonisten namens Tilman Rammstedt, als vielmehr um dessen Briefwechsel mit dem american heroe Bruce Willis. “Sehr geehrter Herr Willis, geht es Ihnen gut?” Der Briefverkehr verläuft allerdings sehr einseitig, denn der Schauspieler antwortet nicht. Was sich daraus entwickelt, und wie es mit dem Bankberater weitergeht ist virtuos und hochkomisch. Ein Buch für alle, die sich einfach einmal richtig amüsieren möchten. (Dumont, 2012. Euro 18,99)

Haas. Wenn es jemanden gibt der den “neuen Haas” noch nicht hat, kennt oder las, sollte man diesen Menschen auf jeden Fall mit der “Verteidigung der Missionarsstellung” beglücken. Im Gegensatz zu dem, was der Titel vielleicht vermuten lässt, handelt es sich keineswegs um eine nahe Verwandtschaft der Grauschatten-Machwerke. Raffiniert, witzig und spannend, wird uns hier echter Unterhaltungs-Mehrwert auf überdurchschnittlichem Niveau geboten. Für den erstmal auf den Geschmack gekommenen Leser leider viel zu kurz. (Hoffmann und Campe, 2012. Euro 19,90)

Suter. Die Zeit, die Zeit. Mit diesem – einem Seufzer gleichen – Titel führt uns Martin Suter einmal mehr einen seiner leicht unbedarften Helden vor, die gerne, jedoch selten freiwillig, an allerhand Ecken und Kanten ihres Schicksals stoßen. Klassisch erzählt, flüssig zu lesen, durchaus doppelbödig. Ein Spiel mit der Zeit und auf Zeit. Suter endlich wieder auf dem Höhepunkt seines erzählerischen Könnens. Kleinkinder einmal ausgenommen, kann das Buch problemlos an breite Leserschichten verschenkt werden. (Diogenes, 2012. Euro 21,90)

>>> Haas und Suter wurden auf con = libri bereits ausführlich besprochen. <<<

Russisch 1. Vladimir Sorokin schreibt fabelhaft, satirisch, grotesk. Es ist stets feinderbes Erzählwerk, das einer der wichtigsten Autoren des heutigen Russland präsentiert. In “Der Schneesturm” erleben wir den Landarzt Garin im Kampf gegen eine rätselhafte Seuche, bzw. auf seinem Weg zum Kampf. Sein größter Gegner sind dabei der russische Winter und die märchenhaften Ereignisse, die sich auf der Fahrt zum Einsatzort abspielen. Die Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich dem guten Doktor immer wieder in den Weg stellen, sollen, so Kenner, jedenfalls sehr viel Ähnlichkeit mit den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen im Putin-Reich haben. Für alle Freunde surrealer Geschichten; trotz Schneegestöber-Idylle nicht jugendfrei. (Kiepenheuer & Witsch, 2012. Euro 17,99)

Russisch 2. Seit ich den Bonner Verleger Stefan Weidle auf der Tübinger Sahl-Tagung erleben durfte (s. dazu auch den letzten Beitrag auf con = libri), habe ich auf das Programm seines Verlages ein besonderes Auge geworfen. Hier ist immer wieder Überraschendes zu entdecken. Wie jetzt “Die Manon Lescaut von Turdej” von Wsewolog Petrow. Ein schmaler Band mit einer nicht allzu langen Erzählung. Man darf die Frage stellen, ob sie ein eigenes Buch wert ist. In diesem Fall kann das rasch und klar mit Ja beantwortet werden. Bemerkenswert, hinreißend, todtraurig. Ein Petersburger Intellektueller, im petrow_1Krieg mit einem Krankentransport unterwegs, den “Werther” (vom größten Dichter des größten Feindes geschrieben) auf Deutsch lesend, lernt das Mädchen Vera kennen und – das Klischee muss hier sein – er verfällt ihren Reizen: der physischen Präsenz, ihrer Jugend, ihrem Anderssein. Es ist der Zauber des Gewöhnlichen, der ihn anzieht, die lebenshungrige Gegenwärtigkeit eines flatterhaften Wesens. Sie kann halt lieben nur… Die Geschichte entstand bereits 1946, erschien aber erstmals 2006 in einer russischen Zeitschrift. Petrow war eigentlich Kunsthistoriker und lebte von 1912 bis 1978. Das schmächtige Buch wurde von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats November gewählt; auf der aktuellen SWR-Bestenliste belegt es Platz 8. Das sehr informative Nachwort hat Oleg Jurjew geschrieben; die Germanistin Olga Martynova kommentierte einige wesentliche Passagen. (Weidle Verlag, 2012. Euro 16,90)

Russisch-Deutsch. Olga Martynova ist selbst eine interessante Autorin. Von ihr liegen Gedichte, Prosa und Essays vor. Sie stammt aus Russland, lebt seit über zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt ihre Prosawerke in deutscher Sprache. Der leicht experimentell und assoziativ erzählte Roman “Sogar Papageien überleben uns” war für mich eine wirkliche Entdeckung, das, was man gemeinhin ein Leseabenteuer nennt. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die zwischen Russland und Deutschland unterwegs sind. Wissenschaftler, Literaten, Künstler. Der Leser erfährt viel über die kulturellen Wechselwirkungen zwischen Ost und West. Die Erzählung kreist um ein dichtes Geflecht russisch-deutscher Literatur- und Liebesbeziehungen. Wir begleiten eine junge Literaturwissenchaftlerin auf ihrer sentimentalen Reise durch Gefühls- und Steppenwelten und erleben dabei rasche Richtungs- und Stimmungswechsel. In hintergründig philosophischen Passagen geht es zudem immer wieder um die allerletzten unsicheren Wahrheiten. Vielfach kommt das Buch auf Größen der russischen Literaturgeschichte zu sprechen. Hinweise, die zu weiterer Lektüre anregen können. Olga Martinova schreibt für geübte Leser. (Literaturverlag Droschl, 2010. Euro 19)
P. S.: “Mörikes Schlüsselbein” wird das nächste Buch von Olga Martynova heißen, auf das man schon sehr gespannt sein darf. Es wird im nächsten Frühjahr erscheinen. Mit der Lesung eines Kapitels daraus (“Ich werde sagen: ‘Hi’) gewann sie im Sommer den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb.

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Foto: Wiebke Haag

Exkurs. Eine kleine Hinwegführung von den rein erzählerischen Werken, hin zu einem sehr empfehlenswerten Essay-Band des bisher vorwiegend als Übersetzer bekannten Joachim Kalka. Seine zugleich leichtfüßigen und dichten Arbeiten sind in “Die Katze, der Regen, das Totenreich. Ehrfurchtsnotizen” versammelt. Ein Titel der bewusst gewählt wurde und bereits einiges über den Inhalt verrät ohne auch nur andeuten zu können, wie komplex die einzelnen Stichworte und Themen abgehandelt werden. Großartige Kabinettstückchen. Eine Liebeserklärung an Bücher, Geschichten und Dichter. Hier schwadroniert ein im besten Sinne chronisch Lesewütiger, ein kenntnisreicher Literat und für jene gleich mit, die wie er, vom Lesen nicht lassen. Das ideale Geschenk für Menschen, die auf dem Fundament einer soliden Allgemeinbildung stehen. (Berenberg, 2012. Euro 20)

Krimi 1. Noch einmal zurück nach Russland. Zu den führenden Kriminalschriftstellerinnen des Landes gehört seit etlichen Jahren Polina Daschkova, von der bereits zahlreiche Werke in deutscher Übersetzung vorliegen. Das neueste trägt den etwas allerweltlichen Titel “Bis in alle Ewigkeit.” Darin soll eine junge Biologin an einem internationalen Forschungsprojekt auf Sylt mitarbeiten. Sie merkt bald, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugeht. Auch der kürzliche Tod ihres Vaters scheint dabei eine Rolle zu spielen. Daschkovas Stärken sind neben dem gekonnten Aufbau sehr spannender, breit angelegter Geschichten, die Schilderung glaubhafter Figuren, mit ihren Schicksalen, ihrem Alltag. Die meist ausführlichen Biographien werden geschickt in die Handlungsabläufe eingewoben und wir erfahren durch sie einiges über das Leben der Menschen im Russland unserer Zeit. Für Krimileser, die mehr als Mord und Totschlag wollen. (Aufbau Taschenbuch, 2012. Euro 10,99)

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Foto: Jan Haag

Krimi 2. Der neue Dühnfort erscheint Ende der Woche! Nichts gegen die fabelhaft tapfere Nele Neuhaus. Obwohl für meinen Geschmack die Zahl der Handlungsfäden in ihren Büchern etwas zu hoch ist – die Frau schreibt Klasse. Doch mein liebster deutscher Ermittler ist derzeit der Kommissar Dühnfort, dessen Erlebnisse die Münchner Schriftstellerin Inge Löhnig ersinnt. Ihr neuer Roman heißt “Verflucht seist Du”, ist der inzwischen fünfte, und die Entstehung des Buches wurde von einer großen Fangemeinde das ganze Jahr über auf Facebook mit großer Spannung verfolgt. So ist auch die Zahl der Vorbestellungen im Buchhandel bereits beträchtlich. Die bisherigen Bände überraschten und überzeugten mit ihren stimmigen, realitätsnahen Plots, dem hohen Spannungsfaktor und lebensechten Figuren. Dazu kommen wiedererkennbare Lokalitäten in und um München herum, ohne dass dabei einer der vielen nicht immer leicht erträglichen Provinz-Krimis herauskommt. Das hat vielmehr wirklich Stil, wie ihn auch die Hauptfigur, ein wählerischer Espresso- und Weißwein-Trinker, repräsentiert. Die nicht immer geradlinig verlaufenden Entwicklungen der wichtigsten Mitwirkenden sind mindestens so interessant wie die eigentliche Krimihandlung. Für alle, die immer noch nicht glauben wollen, dass es auch tolle Deutsch schreibende “Crime-Ladies” gibt. (List Taschenbuch, 14. Dezember 2012. Euro 9,99)

Krimi 3. “Denn die Gier wird euch verderben”. So pseudo-alttestamentarisch heißt die neueste Geschichte aus dem nordischen Mordloch Kiruna. Ein durchaus exotischer Schauplatz, den die schwedische Autorin Asa Larsson für sich entdeckt hat. Ihre Staatsanwältin Rebecka Martinsson macht sich einmal mehr auf, den zahlreichen verbrecherischen Spuren im Provinzsumpf zu folgen. Auf der Suche nach Mörder oder Mörderin stößt sie auf Geheimnisse deren Ursprünge bis ins Jahr 1914 zurückreichen, gerät in höchste Kreise und natürlich auch wieder in ebensolche Gefahren. Schmackhafte Krimi-Kost, angereichert mit einer Portion Gesellschaftskritik und gewürzt mit einer Prise Gewalt. Für Freunde der hohen skandinavischen Verbrechensrate eine gern genommene Neuerscheinung. (C. Bertelsmann, 2012. Euro 19,99)

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Eine musikalische Zugabe. “Passe passe le temps il n’y en a plus pour très longtemps.” Eben. Nur graugruftige Überbleibsel wie ich werden sich noch an dieses oder andere Chansons eines bärtigen, großgewachsenen Herrn erinnern. An die Chansons von hauchzarter, schlichtstarker Ausdruckskraft des großartigen, inzwischen schwer in die Jahre gekommenen, George Moustaki. Le Métèque. Ma Liberté. En Mediterranée. Ein Hauch mediteranes Lebensgefühl ist es auch, die diese einfachen, aber eindringlichen Lieder in den kalten deutschen Winter bringen. Marina Rossell hat 12 Moustaki-Titel wiederbelebt und singt sie mit kräftigem klarem Alt und in katalanischer Sprache. Das klingt wunderschön, vertraut und neu zugleich. Beim Titel “Màrmara” haucht auch noch der alte Meister selbst mit. Geschenkeignung: 45 plus undoder ausgesprochene Liebhaber der katalanischen Sprache (wer sie beherrscht kann mitsingen!). (“Marina Rossell canta Moustaki”, beim Label “world village” von harmonia mundi)

Urbi et Libri

StadtLesen kommt nach Neu-Ulm

„In der Stadt lebt man zu seiner Unterhaltung, auf dem Lande zur Unterhaltung der anderen.“
(Oscar Wilde)

Ich bin ja gern in Metropolen unterwegs. Einen Tag oder mehrere in München oder Leipzig, Wien, Berlin oder Zürich, notfalls sogar Stuttgart, bringen immer Gewinn, Anregung, Aufregung, Kunst-, Musik- und Literatur-Erlebnisse. Man kann lange davon zehren. Aber im Grunde meines Herzens bin ich ein Kleinstädter, komme aus einer, habe lange in diesen überschaubaren Biotopen gelebt. Und es zieht mich immer wieder hin.

Neulich hatte ich wieder einen meiner Westallgäu-Tage. Das ist so eine kleine Kurz-Kur; der Erholungsbedarf nimmt schließlich von Lebensjahr zu Lebensjahr zu. Der Himmel war blau, die Luft frisch, es wurde flächendeckend geheut (= Gras gemäht); Gras und Kräuter setzten die herrlichsten Aromen und Aerosole frei. Wie fast jedesmal landete ich auch diesmal in einer jener malerisch heimeligen Kleinstädte der Region. Ich saß, ich laß, ich aß (kleine Demo warum wir das “ß” noch brauchen!) und zwischendurch ging ich ein wenig. Er-ging mich zwischen duftenden Wiesen, an Waldränder entlang, bergauf und bergab. Zwischendurch wurde der Blick frei auf die Alpenkette; an Nordhängen und in Mulden der Hochtäler lag noch reichlich Schnee. Der Weg führte schließlich wieder zurück ins Städtchen. StadtLesen auf der Parkbank, im Cafè oder Biergarten. Unter Linden, blühenden Kastanien, wuchtigen Buchen. Mein ganz persönliches StadtLesen.

StadtLesen gibt es seit einigen Jahren auch im großen Stil. Als Kampagne. Dieses StadtLesen ist eine Aktions- und Veranstaltungsreihe die das Thema Lesen in eine breite Öffentlichkeit tragen möchte – ohne Verpflichtung, ohne Hemmschwellen. Konzipiert und realisiert wird das Ganze von der Innovationswerkstatt Sebastian Mettler in Salzburg. Unterstützt und finanziert von Partnern und Sponsoren aus Wirtschaft, Kultur und Medien. Die wohl unvermeidliche Schirmherrschaft haben die UNESCO- Kommissionen Österreichs und Deutschlands übernommen. In ausgewählten StadtLesestädten wird auf einem von der jeweiligen Stadt zur Verfügung gestellten Platz zu freiem Lesegenuss unter freiem Himmel eingeladen. Höhepunkte sind Lesungen bekannter Autorinnen und Autoren, die aus populären Werken lesen. Nach den ersten Jahren in Österreich, gibt es StadtLesen inzwischen auch in Deutschland, der Schweiz und Italien.

Jedes Jahr wird eine begrenzte Anzahl LeseStädte ausgewählt. 2011 waren das u. a. Ludwigshafen, München und Landshut, Innsbruck, Graz und Eisenstadt. Diesmal sind aus Deutschland z. B. Fürth und Berlin, Zwickau und Chemitz, Saarbrücken und Ingelheim dabei.

Und zum ersten Mal macht heuer der Tross auch in unserer Region halt. Vom 5. bis 8. Juli heißt dann die LeseStadt Neu-Ulm. Ab neun Uhr morgens, bis zum Einbruch der Dunkelheit, kann man auf dem Rathausplatz in über 3000 Büchern schmökern. Am 6. Juli findet ein Integrationslesetag statt, an dem Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund dazu eingeladen sind, in ihrer Muttersprache selbst verfasste Texte zu präsentieren. Und gleich am ersten Abend um 20 Uhr liest der bekannte Krimi-Autor und ehemalige Ulmer Gerichts-Reporter Ulrich Ritzel aus “Schlangenkopf”, seinem neuesten Buch rund um den ehemaligen Polizeibeamten Hans Berndorf.

Rathaus-Platz Neu-Ulm mit Brunnen und Skulptur „Drei Männer im Boot“ des in Neu-Ulm geborenen Bildhauers Edwin Scharff (1887 – 1955).

Welche Bedeutung dem Ereignis auf lokaler Ebene zukommt, lässt uns das Grußwort von Gerold Noerenberg, seines Zeichens Lese-Biest und Oberbürgermeister von Neu-Ulm, erahnen:
„Bücher bergen Wissen, Geschichten und Schicksale. Sie lehren von der Natur, von der Wissenschaft oder vom Leben und erzählen spannende, phantastische oder traurige Geschichten. Lesen heißt: Aussteigen aus dem Alltag, aufsaugen von Wissen oder abwandern in andere Welten. In einen besonderen Erlebnisraum des Lesens können Sie im „Lesewohnzimmer“ der Aktion StadtLesen auf dem Neu-Ulmer Rathausplatz eintreten. Genießen Sie und bleiben Sie ein Weilchen. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.“

Lesefestivals in vielen großen und kleinen Städten: Leipzig, Köln, Hamburg, in Literaturhäusern, auf Burg Ranis, sogar in Schaffhausen. Leseförderung flächendeckend in Kindergärten, Schulen, Vereinen, Bibliotheken, demnächst vermutlich auch in Altenheimen. Der “Welttag des Buches” im April. “Treffpunkt Bibliothek” im Oktober. Jetzt also auch noch “Stadtlesen”. Glaubt wirklich jemand, dass sich mit all diesem Aktionismus, all dem Gutgemeinten, die Zahl der Lesefähigen und Lesewilligen signikant erhöhen, die Zahl der Leseverweigerer deutlich verringern lässt? Ich melde vorsichtshalber Skepsis an. Letztlich ist es immer ein individueller Schritt. Lesen erfordert Antrieb, Lust, Fähigkeiten und setzt ein Verlangen nach dem voraus was Lesen geben kann: Genussvolle Unterhaltung, Wissen, Bildung, Kritikfähigkeit, Lust am Vertiefen und Studieren, vielleicht sogar den Anstoß zu eigenem Schreiben.

Der Klick zu StadtLesen.

Frankfurter Buchmesse 2011

Eine kurze Nachlese in Stichworten, wobei fast nur von Büchern die Rede ist

Ob absolviert oder zelebriert – die Frankfurter Buchmesse 2011 ist vorbei. Was bleibt? Der “Sprachkurs Plus: Isländisch, systematisch, schnell und gut” von Cornelsen. Die Freude darüber, dass es gelungen ist eine Verbindung zwischen Buch- und Automobil-Branche zu konstruieren (einfach und zweckmäßigerweise deshalb, weil als Symbol des modernen Golden Kalbes der Audi-Pavillon von der Automobil-Messe noch im Weg stand). Und schließlich, unvergessen, die flammenden Sätze über vulkanische Landschaften eines Literatur- und Island-Experten namens Westerwelle (nein, mit der Brandung an Islands Küste hat das nichts zu tun) – im Hauptberuf Noch-Außenminister.

Copyright: Frankfurter Buchmesse

Auszeichnungen 1. Den Deutschen Buchpreis bekam in diesem Jahr Eugen Ruge für sein “In Zeiten des abnehmenden Lichts” (1). Ein wirklich gutes Buch. Deutsche Geschichte aus radikal östlicher Perspektive; eine Familiengeschichte über vier Generationen, sehr spannend geschrieben. Höhepunkt, wie in so manch gutem Generationen-Roman seit “Buddenbrooks”, das Weihnachtskapitel. Rasant und amüsant wie hier linienharte Stalinisten den Spagat versuchen zwischen völligem Ignorieren und gelassenem Hinnehmen dieser christlich-heidnischen Traditionsveranstaltung. Ein beachtliches und lesenswertes Buch, das diesen Preis ebenso verdient hat, wie den der nächtlichen Kultur-Sendung “Aspekte”, die damit tradtionell Debütanten auszeichnet. Ein guter, ein hoffnungsvoller Schriftsteller also? Ruge hat zwar Schreiberfahrung, doch in der Epik debütiert er mit 57 Jahren, was in der Reife seines Schreibens durchweg deutlich wird. Er hat fast ein Leben lang gesammelt und gewartet, bis er schreiben konnte, was er zu sagen hatte. Ob da dann allerdings noch etwas nachkommen kann?

Auszeichnungen 2. Sibylle Lewitscharoff, 2009 mit dem Leipziger Buchpreis für ihren Roman “Apostoloff“ ausgezeichnet, und in diesem Jahr mit ihrem Philosophen-Roman “Blumenberg” (2) immerhin auf der Short-List für den Deutschen Buchpreis, durfte sich schon einige Tage vor Messebeginn freuen. Über den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und die damit verbundenen 30.000 Euro. Ihre Sprache macht es uns nicht leicht und mit ihrem neuesten Werk setzt sie auch noch richtig voraus. Das ist nicht unbedingt meine liebste Urlaubslektüre, aber die schwäbelnde Stuttgarterin mit den bulgarischen Wurzeln gehört sicher zu den Besten im Land.

Island 1.Eines der ältesten Zeugnisse europäischer Literatur und Ausgangspunkt allen isländischen Dichtens sind die Sagas (3). Sie erzählen vom Leben der ersten Siedler auf Island, der Landnahme, den oft blutigen Familienfehden, den Erkundungsfahrten per Schiff nach England, Schottland und sonstwohin. Islands vielleicht wichtigster Beitrag zur Weltliteratur ist neu übersetzt in fünf gut ausgestatteten Bänden bei S. Fischer erschienen.

Copyright: Frankfurter Buchmesse, Fotograf: Peter Hirth

Island 2. In den letzten Jahren zur regelrechten Titelschwemme angewachsen: Die Island-Krimis. In meiner Stadtbibliothek habe ich eher zufällig das Ur dieser Gattung entdeckt. Der Roman “Schwarze Vögel” (4) von Gunnar Gunnarson erschien erstmals 1929. Seine Handlung beruht auf einem aufsehenerregenden Rechtsfall aus dem Jahr 1802. Ein ehebrechendes Paar war auf Grund von Indizien zum Tode verurteilt worden, weil sie gemeinschaftlich die jeweiligen Ehepartner umgebracht haben sollten. Gunnarson hat für seine Geschichte die Protokolle dieses Prozesses studiert. Der Autor ist einer der wichtigsten isländischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er lebte von 1889 bis 1975. “Schwarze Vögel” (Svartfugl) erschien im Original in dänischer Sprache; erst später erstellte der Autor eine isländische Fassung.

Island 3. Apropos Übersetzer. Kristof Magnusson ist Hamburger mit isländischem Migrationshintergrund. Er sorgt dafür, dass wir in Deutschland den einen oder anderen isländischen Dichter überhaupt lesen können. Zahlreiche Übersetzungen von ihm haben uns Autoren wie Hallgrímur Helgason, Einar Kárason oder Audur Jónsdóttir nähergebracht. Er selbst hat uns im letzten Jahr mit seinem Roman “Das war ich nicht” (5), einer flotten, originellen und überraschungsreichen Geschichte, auch als Autor begeistert. Von ihm gibt es jetzt eine humor- und stimmungsvolle “Gebrauchsanweisung für Island” (6). Die lesbar leichfüßige Annäherung an Land und Leute.

Laxness 1. Der isländische Literaturnobelpreisträger (1955) heißt Halldór Laxness. Er hat große Romane geschrieben. Zum Beispiel “Die Islandglocke” (7). Wie Hermann Hesses “Glasperlenspiel” und der letzte Band der Joseph-Romane von Thomas Mann im Jahr 1943 erschienen (was für ein Jahr für Romane! – und die halbe Welt im Krieg). Rolf Vollmann schwärmte: “Es ist auch ein wunderbarer Swing in dieser Sprache, im ruhigen Duktus ihrer Dialoge und Berichte. Auch die Namen haben schon etwas; das Mädchen … heißt Snaefridur, der Mann Sigurdur, ein Dichter auch, außer daß er Prediger ist und Bischof werden wird; am Schluß sind sie zusammen … Das großartige Deutsch der Übersetzung ist von Hubert Seelow.”

Laxness 2. Die deutschen Ausgaben der Werke von Halldór Laxness werden im Göttinger Steidl-Verlag gepflegt. Dort ist auch die Neuausgabe einer Biographie (8) von Halldór Gudmundsson über den großen Dichter erschienen. Dafür hat der Verleger Gerhard Steidl, der Laxness persönlich gut kannte, einige Schätze aus seinem Privatarchiv gehoben. So präsentiert das Buch zahlreiche nie zuvor publizierte Fotografien aus dem ungewöhnlichen Leben des isländischen Schriftstellers und weitgereisten Weltbürgers.

Frankfurt vor wenigen Tagen. An einem kleinen Tisch im Messe-Cafè. Jung-Autor und Alt-Verleger. Jung-Autor: Haben Sie mein Manuskript gelesen? Was empfehlen Sie mir? Alt-Verleger: Lesen, lesen, lesen. So lange Sie lesen, können Sie nicht schreiben.

Copyright: Frankfurter Buchmesse, Fotograf: Alexander Heimann

Fazit. Willkommener Kontrast zu Menschenmassen, Medienauflauf und Dauer-Propaganda: “Man ist ganz auf sich geworfen. Diese Einsamkeit kann schrecklich sein, es geht aber auch eine große Faszination von ihr aus.” Was Daniela Krien über das Schreiben sagt, trifft natürlich auch auf das Lesen zu. Und das tut uns nach Frankfurt und Reykjavik jetzt so richtig gut.

(1) Ruge, Eugen: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman einer Familie. – Reinbek : Rowohlt, 2011

(2) Lewitscharoff, Sibylle: Blumenberg. Roman. – Berlin : Suhrkamp, 2011

(3) Böldl, Klaus (Hrsg.): Die Isländersagas in vier Bänden mit einem Begleitband. – Frankfurt : S. Fischer, 2011

(4) Gunnarsson, Gunnar: Schwarze Vögel. Roman. – Stuttgart : Reclam, 2009

(5) Magnusson, Kristof: Das war ich nicht. Roman. – München : Kunstmann, 2010

(6) Magnusson, Kristof: Gebrauchsanweisung für Island. – München : Piper, 2011

(7) Laxness, Halldór: Die Islandglocke. Roman. – Göttingen : Steidl, Neuausg. 2009

(8) Gudmundsson, Halldór: Halldór Laxness. Sein Leben. – Göttingen : Steidl, 2011 (Erweiterte und überarbeitete Ausgabe einer 2002 erstmals auf Deutsch erschienenen Biographie)