November

Es ist November. Und es ist Krieg. In Afrika. Im Jemen. Im Nahen Osten. In der Ukraine. Es sind Bürgerkriege. Religionskriege. Kriege um Einfluss, Macht, Machterhalt, Rohstoffe, gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Despotismus. In Deutschland sind Kriegsgräber. Kreuze auf Rasenflächen die an unsere Kriege erinnern.

Nach jedem Krieg ein überzeugtes “Nie wieder!” Zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg lagen gerade einmal 21 Jahre. Deutschland lebt nun seit über 70 Jahren in einem friedensähnlichen Zustand. Doch dieser Zustand ist labil, das Gleichgewicht allzeit gefährdet, die Ruhe trügerisch. Wenn Geschichte mit Erfahrung zu tun hat, dann muss uns der Verstand sagen, dass der letzte Krieg in Deutschland, den meine Generation nur aus Erzählungen von Eltern und Großeltern kennt, nicht der wirklich letzte gewesen sein wird.

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„Toter Soldat / Deine Feldpost im Regen der wie Feuer fällt / Toter Soldat / Und daneben der Segen der kein Wort mehr hält.“ (1)

Irgendeine Wiese, umzäunt, irgendwo in Deutschland. Holz- oder Granitkreuze mit Aufschrift: “Unbekannter Soldat”.

Ein Paul, ein Peter, ein Wilhelm oder ein Walter. Es gibt niemanden mehr, der das noch weiß. Vielleicht hat er geschrieben, wollte Schriftsteller oder Journalist werden. Ich stelle mir vor, irgendwo existieren noch Tagebücher, Kladden mit Gedichtversuchen, geheftete Blätter mit Romanentwürfen. Sicher hat er mit Tinte geschrieben, eventuell mit Bleistiften. Ob er schon eine Schreibmaschine besessen hat?

Gefallen 1918. Kurz vor Kriegsende? Waren seine Haare blond, braun oder dunkel. War er groß oder eher klein, untersetzt oder schlank. Verliebt? Der einzige Sohn oder Bruder seiner Geschwister? Wie ist er gestorben, verreckt? Nach langem Leiden oder plötzlich, bewußt oder im Delirium, mit Schmerzen oder leicht. Hat er gebetet, auf ein Leben nach dem Tod gehofft oder den Gott an den er glaubte verflucht?

„Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuß? / Oder hat ein Geschoß Dir die Glieder zerfetzt / Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt / Bist Du auf Deinen Beinstümpfen weitergerannt / Und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein, eine Hand?“ (Hannes Wader, Es ist an der Zeit) (2)

Wie war er? War er ein Angeber und Haudrauf, der keinem Gelage, keiner Keilerei aus dem Weg ging? Oder ein stiller Stubenhocker und Leisetreter? Ein Fechter, ein Reiter, Mitglied im Schützen- oder Gesangverein?

Vielleicht war er Leser. Ein Freund der Bücher des noch jungen Thomas Mann, der Romane Theodor Fontanes, der Dramen Gerhard Hauptmanns. Als Freund der zeitgenössischen Lyrik kannte er bereits den Generations-Genossen Georg Trakl.

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Gedichte, Lieder, Erzählungen über gefallene Soldaten, den Schrecken der Kriege, all das Grauen, das bewaffnete Konflikte erzeugen, können so ergreifend schön sein. Und es gibt Songs die protestieren, aufrühren, auffordern zum Wiederstand, Hintergründe benennen und Schuldige. Die warnen, rufen, flüstern und trauern. Wie die des aktuellen Literatur-Nobelpreisträgers, der häufig abstreitet dass er irgendetwas mit Politik am so gern getragenen Hut hat. Doch viele seiner Texte haben klare unmissverständliche Aussagen:

„Come you masters of war / You that build all the guns / You that build the death planes / You that build all the bombs / You that hide behind walls / You that hide behind desks / I just want you to know / can see through your masks.“ (3)

Sein Klassiker “Blowing in the wind” erklingt zusammen mit Pete Seegers “Sag mir wo die Blumen sind” (“Where have all the Flowers gone”) seit über 50 Jahren auf nahezu jeder Friedensdemo und Lichterkette. Angeregt zu seinem Song wurde Seeger durch das aus Litauen stammende “Zogen einst fünf wilde Schwäne”, das 1918 vor dem Hintergrund des großflächigen Vernichtungskrieges, den sie später den Ersten Weltkrieg nennen würden, von dem Volkskundler Kurt Plenzat aufgezeichnet wurde und in dem eine Strophe so geht:

“Zogen einst fünf junge Burschen / stolz und kühn zum Kampf hinaus. / Sing, sing, was geschah? / Keiner kehrt nach Haus.”

220px-georg_trakl_-_gedichte_erstausgabe_1913_im_kurt_wolff_verlagGeorg Trakl, den ich meinem unbekannten Soldaten gerne als Lektüre unterstellen würde, kam 1887 in Salzburg zur Welt. Seinen Kampf hatte er von Anfang an verloren. Dazu bedurfte es keines Krieges. Schulprobleme, frühe Drogenabhängigkeit, vergebliche Versuche sich beruflich und bürgerlich zu etablieren, 1914 fandt er im Sanitätsdienst Verwendung. Es war das schwere Leben eines Lebensuntauglichen, der an seiner Zeit und seinen Mitmenschen litt. Anfang Oktober 1914 wurde er in ein Militärhospital in Krakau eingewiesen, wo er am 3. November an einer Überdosis Kokain starb. Ob Versehen oder Suizid bleibt unklar.

Hinterlassen hat Trakl wenig. Vieles blieb Fragment. Seine Gedichte haben einen einzigartigen Klang. Stark von düsteren Farben und Bildern sind sie durchdrungen, voll Sprachkraft und Gestaltungswillen, doch meist ohne Hoffnung und Zuversicht.

„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen / Und blauen Seen, darüber die Sonne / Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht / Sterbende Krieger, die wilde Klage / Ihrer zerbrochenen Münder.“ (Der Anfang von Georg Trakls Gedicht  “Grodek”) (4)

Zum Kontrast noch einmal der tapfere, inzwischen alt, jedoch nie mutlos gewordene Liedermacher. Mit einer Zuversicht, der anzuschließen, mir nicht recht gelingen will:

„Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit / Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.“ (2)

***

(1) “Ihre Kinder”, 1971. “Ihre Kinder” war eine Rockband der späten 1960er und frühen 1970er Jahre; sie zählte zu den Pionieren deutschsprachiger Rockmusik und war Vorbild für Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen u. a.

(2) Das von Hannes Wader gesungene “Es ist an der Zeit“ ist die deutschsprachige Version von Eric Bogles „No man’s Land“.

(3) Bob Dylan: „Masters Of War“. – Übertragung ins Deutsche: Kommt, ihr Herren des Krieges / Ihr, die ihr die Kanonen baut / Ihr, die ihr die Kampfflugzeuge baut / Ihr, die ihr all die Bomben baut /Ihr, die ihr euch hinter Mauern versteckt / Ihr, die ihr euch hinter Schreibtischen versteckt / Ich möchte nur, dass ihr wisst / Ich kann durch eure Masken sehen.

(4) Trakl, Georg: Das dichterische Werk, 14. Aufl. – DTV, 1995 (dtv klassik)

Seelesen

Mit Ursula Krechels “Shanghai fern von wo”

Spätsommer? Frühherbst? Es gibt Tage an denen solche Fragen und mögliche Antworten darauf müßig sind, an denen wenig nötig ist zum Gefühl des Gelingens.

Fast wunschlos, und nahezu erwartungsfrei.

Was noch? Ein großer roter Apfel aus neuer Ernte vom Wochenmarkt, eine schlanke knusprige oberschwäbische Seele mit Salz und Kümmel vom Bäcker, das wohlfeile Taschenbuch und ein geeigneter Lese- und Rastplatz.

Der ideale schattige Ort fand sich an einem der letzten Septembertage nur wenige Schritte vom silberspiegelnden Wasser des Bodensees. Ein kleiner Park, leicht erhöht, mit roten Bänken, direkt am Lindauer Hafenbecken, mit Blick auf vertäute Segelboote, die ein- und ausfahrenden Kursschiffe der Weißen Flotte und die sanft ansteigenden Berge des Schweizer Appenzell.

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Der Apfel. Die Seele. Und das Buch? Welche Lektüre ist einem Zustand angemessen, der noch nicht Glück, jedoch weit jenseits von Unglück und Gleichgültigkeit? Die eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Es ist doch oft so, dass Bücher zu uns finden nach denen wir gar nicht suchten. In diesem Fall war es weder eine bewusste Wahl noch reiner Zufall.

Ich hatte angefangen mich mit den aktuellen Neuerscheinungen zu beschäftigen, interessante Titel für meine AusLese 2016 zu sichten. Brigitte Geigers “Bühlerhöhe” machte den Anfang. Ein spannender Unterhaltunsroman vor dem Hintergrund der Adenauer-Zeit in Nachkriegsdeutschland. In der Agenten- und Liebesgeschichte geht es u. a. um das Verhältnis Westdeutschlands zum jungen Staat Israel. Und in diesem Zusammenhang natürlich in Rückblicken um den Holocaust, sowie die verschiedenen Exilorte und -regionen deutscher Juden auf der Flucht vor dem Hitler-Regime.

Geiger nennt im Anhang ihres Buches, neben anderen Quellen für ihre Recherchen, zwei Titel von Ursula Krechel: “Landgericht”, für das sie 2012 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde und “Shanghai fern von wo”. Genau diesen Roman hatte ich mir nach der Preisverleihung gekauft, um mich erstmals mit einem Prosawerk der Autorin zu beschäftigen. Es stand seitdem nur angelesen im Regal und wartete auf seine Stunde.

Shanghai als Exil-Ort war mir bis dahin kein Begriff. Ich hatte bisher nicht davon gehört oder gelesen, dass die chinesische Stadt ab 1938 eine allerletzte Hoffnung für viele Verzweifelte nach oft langer dramatischer Flucht wurde. Sie fanden dort zwar visumfreie Aufnahme, waren jedoch unter schwierigsten Umständen, fast ohne Unterstützung, ganz auf sich allein gestellt.

Der Jurist Tausig mit seiner krisentauglichen Gattin, der Uhrmacher Kronheim, der ererbtes Werkzeug immer mit sich trägt, der Kunsthistoriker Brieger, der letzte Briefe an seinen ehemaligen Freund Walter Benjamin schickt, der Buchhändler und spätere Chronist Ludwig Lazarus. Die Vorgeschichten und Exilschicksale dieser und weiterer Protagonisten verdichtet Ursula Krechel zu einem exemplarischen Reigen höchster literarischer Qualität.

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Die Vielstimmigkeit des Romanpersonals hat mich an Alfred Döblins Trilogie “November 1918” erinnert – sicher nicht die schlechteste Patenschaft für eine Autorin der Gegenwart. (Und schade, dass von Döblin heute kaum mehr gegenwärtig ist als sein Großstadt-Panorama “Berlin Alexanderplatz.”) Döblin erzählt von der Zeit kurz nach dem dem Ende des Ersten Weltkriegs. In “Shanghai fern von wo” steht der Zweite unmittelbar bevor.

Juden, die aus verschiensten Gründen, in Deutschland blieben, werden Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungswillens. Die Zukunft der Exilanten im fernen Südchina ist ungewiss. Für’s erste zählt nur der tägliche Überlebenskampf. Solange der Selbstbehauptungswille dafür ausreicht.

Der Apfel. Die Seele. Das Buch. Und die Musik? An diesem Tag kam sie zu mir, ohne dass ich nach ihr gesucht hatte.

Hanna Włodarczyk spielt klassische Gitarre, Fabiana Raban Doppelbass, Flöte, Kastagnetten und allerlei Schlagwerk. Als Duo nennen sie sich HuRaban und sind mit ihren eigenen Kompositionen, Weltmusik und ausgefeilten Variationen bekannter Popsongs fast ständig unterwegs. Häufig als klassische Straßenmusiker, wie an diesem Nachmittag auf der Uferpromenade von Lindau. Darüber hinaus sind sie regelmäßig Gäste bekannter Ereignisse, wie dem Folk-Roots-Weltmusik-Festival in Rudolstadt.

Es waren die Gypsy-Klänge der beiden Polinnen die mich angelockt hatten. Die folgenden Stücke und ihre ganz speziellen Arrangements ließen mich schließlich über eine Stunde nicht mehr los und unter heller See-Sonne zum faszinierten Zuhörer werden. Mit der Dame neben mir war ich rasch einig, dass es sich hier um Straßenmusik selten gehörter Qualität handelt und dass uns offensichtlich zwei Profi-Musikerinnen ein unverhofftes Vergnügen bereiten.

Während HuRaban bei einem variantenreich ausimprovisierten “hava nagila” angekommen waren, erfuhr ich dass die Musikfreundin 70plus einen Konzertflügel im heimischen Wohnzimmer hat, auf dem sie im Vergleich zu früher (“ja, früher … ”) nur noch selten spielt. Wenige Passanten hörten den intensiven Takten von Bass und Gitarre längere Zeit zu. Kaffee, Eis und Torte lockten. Die Pianistin eilte bald zum nahen Bahnhof um die Abfahrt ihres Zuges nicht zu versäumen. Inzwischen erklang das ruhige, meditativ angehauchte “Palermo”. Ein wehmütiges Stück, mit dem das nahe Ende des Freiluft-Konzerts eingeleitet wurde.

In der rechten Hand hielt ich immer noch das Shanghai-Buch, irgendwann beim Verlassen der Lesebank hatte ich es wohl zugeschlagen. Wo war eigentlich das Lesezeichen geblieben? Ich verstaute das Buch in der ledernen Umhängetasche und ging meines Weges.

Apfel und Seele. Buch und Musik. Was blieb noch?

Der Abschied. Denn Abschied ist immer.

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Geiger, Brigitte: Bühlerhöhe. Roman. – List, 2016

Krechel, Ursula: Shanghai fern von wo. Roman. – Jung und Jung, 2008 (als btb Taschenbuch erhältlich)

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Hin und weg

Nichts wie weg. Sommerfrische oder Fernreise, Städte- oder Bergtour. Sommerzeit ist Reisezeit ist Urlaubszeit. Kurz oder lang, fern oder nah, weg muss sein. Nicht zuletzt weil das Zurückkommen so schön ist. Das geliebte Zuhause genießt man um so mehr, wenn man es gelegentlich für einige Zeit verlässt um Ferne und Fremde zu erkunden.

Vielleicht zum Solidaritäts-Urlaub und zur Wirtschaftsförderung auf eine griechische Insel. Verbunden mit spannenden Währungsrisiken. Währungspolitik ist es, die seit einiger Zeit den Aufenthalt in den von mir geliebten Hoch- und Seitentälern der Schweizer Alpen erheblich erschwert bis verhindert. Auch der Aufenthalt in einer meiner Lieblingsstädte, dem literarischen Zürich, mit Spaziergang an den bergfrischen Wassern der Limmat, ist zum unerschwinglichen Luxus geworden.

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Für gemeine Euro-Bürger nur schwer erreichbar: Schweizer Hochtäler.

Bleibt die Kompensation des Verwehrten mittels Lektüre. Entsprechende Gedankengänge und Leseanregungen bieten Esther Scheideggers “Spaziergänge durch das Zürich der Literaten und Künstler”. Sie führt uns auf Wege die vor uns Joyce und Dürrenmatt, Max Frisch, Gottfried Keller, die Manns oder Therese Giehse gingen. In Zürich gab es keine Zerstörungen des Stadtbildes durch Kriege, nur den einen oder anderen Sündenfall der Kommerzialisierung. Doch abseits von Banken und Firmenzentralen kann man Viertel, Straßen, Gassen und Plätze von lebendiger urbaner Schönheit entdecken.

Dazu müsste man allerdings hin. Behelfen wir uns bis zum Kurssturz des Franken mit den fesselnden, hintergründig fundierten Zürich-Krimis von Michael Theurillat, dessen Kommissar Eschenbach seine liebe Mühe mit den Schweizer Verhältnissen hat. Oder folgen wir dem routinierten Erzähler Martin Suter, der uns äußerst lesbare Einblicke hinter die Kulissen der feinen Gesellschaft der Geld- und Weltstadt ermöglicht. Das und viel, viel mehr für Reisen und über ihre Ziele finden wir in unserer Lieblings-Buchhandlung, wo wir dann gleich mit weiteren anregenden Lese-Tipps versorgt werden. Ein Weg der sich natürlich nicht nur vor Reiseantritten lohnt. Zu Büchern, deren Preise dank Buchpreisbindung kalkulierbar und für die meisten Geldbeutel bezahlbar sind.

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Es führt kein Weg daran vorbei.

Wahre Traumreisen der Phantasie können beim Hören von Musik unternommen werden. Mit Smetana von der Quelle bis zur Mündung, perlend und dramatisch, die Moldau entlang. Frohen Mutes mit Strohhut, Picknickkorb und Beethovens sechster Sinfonie aufs Land. Oder mit der unvergleichlichen Stimme von Alice über den Sankt Petersburger “Prospettiva Nevski” promenieren. Sie singt in der gleichnamigen Canzone: “eines Tages traf ich auf dem Nevski Prospekt Igor Stravinsky”.

Mag ja sein. Aber “Kommando Elefant” waren schon mit Wittgenstein in der Kneipe. Die Jungs von der Blauen Donau nehmen uns sogar ganz lässig bis Alaska mit, und verbreiten dabei noch das passende Lebensgefühl: “lass’ die Dinge sein, wie sie niemals war’n”. Weil dem so ist, lassen uns Sibelius Tondichtungen sanft und entrückt über die unendlichen Weiten finnischer Wälder und Seen gleiten. Um schließlich mit Wolfgang Ambros auf dem Wiener Zentralfriedhof zu landen. Leben wie Reisen: Immer unterwegs, in einem fort irgendwo zwischen Aufbruch und Endstation.

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Westallgäuer Zufluchten

Zu kurzen Auszeiten zieht es mich bekanntlich gerne ins bodenseenahe Westallgäu. An Moorseen und schlängelnden Bächen, in Wäldern, auf Weiden und sanften Vorbergen mit überraschenden Ausblicken, auf unverhofften Lichtungen, in Kleinstädten, blumengeschmückten Dörfern und verstreuten Höfen, findet der Zivilisationbürger jene kleinen Zufluchten, menschenleeren Wege und verborgenen Leseplätze, die Wichtig und Richtig, Empörung und Zerstreuung des Alltags für eine Weile ihre Bedeutung nehmen. Der zweiwöchige Erholungsurlaub, der im August ansteht, wird hingegen in einer anderen, ebenfalls bergnahen Region verbracht.

Fast zum Schluss ein Geständnis: Den Titel für diesen Blog-Eintrag habe ich geklaut! Feiner ausgedrückt: Zur Überschrift über diesen Beitrag wurde ich durch die hochsommerliche Doppel-Ausgabe der Zeitschrift “DAS MAGAZIN” angeregt. Ein bunt-keckes, unterhaltsames Kleinformat, nicht ohne Anspruch, dessen Ursprünge sich bis ins Berlin der 1920er Jahre zurückverfolgen lassen.

“Hin & weg” lautet der Titel des aktuellen Schwerpunktheftes und im Untertitel heißt es verheißungsvoll: “Ab in die Wüste, zu Rita in den Hinterhof oder als Schisser um die Welt.” Für “DAS MAGAZIN” schreiben, neben vielen unentdeckten Talenten, Stefan Schwarz, der im letzten Jahr mit seinem Roman “Die Grossrussin” für satirisch-spannende Abwechslung sorgte und Kirsten Fuchs die derzeit mit ihrem All-Ager “Die Mädchenmeute”, einem echten Abenteuerbuch für Pubertierende aller Altersstufen, unterwegs ist.

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Was uns weg bringt.

In Franz Kafkas kurzer Parabel „Der Aufbruch“ (1922) schwingt sich ein Ich-Erzähler auf das gesattelte Pferd und nennt dem verdutzten Diener „weg von hier“ als sein Ziel. Ob man im Sommer verreist oder zuhause bleibt, mit guter Literatur begibt man sich auf eine – so heißt es bei Kafka – „wahrhaft ungeheure Reise“.

Weg ist nun con=libri für einige Wochen. Und irgendwann so gegen Mitte September wieder da. Dann wird die Tür geöffnet und nachgeschaut, ob der Herbst bereits davor steht. Außerdem gibt es Lokalberichterstattung. Für alle, die schon immer wissen wollten, was Hermann Hesse eigentlich mit Ulm zu tun hatte. Die vielen neuerscheinenden Bücher, zahlreich wie die bunten Blätter, die dann von den sommermüden Bäumen schweben, werden natürlich einmal mehr eine wichtige Rolle spielen.

Bis dahin.

 

Leipziger Buchmesse 2015

Worte und Welten – Themen und Bücher (der erste Teil)

Das Fest des Poeten. Und ein Fest für die Poesie. Erstmals ging einer der großen deutschen Buchpreise an einen Lyriker. An Jan Wagner und seine „Regentonnenvariationen“. Kurz darauf war die ausgelieferte Auflage in allen 4.782 Buchhandlungen der Republik komplett vergriffen. Landauf, landab blieb die Scheibe matt und die Küche kalt, in Ost und West, von jung und alt, wurden jetzt Gedichte gelesen. Das Gedicht vom Giersch („kehrt stets zurück wie eine alte schuld“), das Gedicht vom Pferd („ist es ein fuchs, ein schimmel oder rappe / hengst oder stute“), das Gedicht von den Koalas war ganz schnell der große Hit, während „giovanni gnocchi am violoncello“ mit Sicherheit in zukünftigen Anthologien vertreten sein wird, und meine Enkel werden in Schulaufsätzen dereinst „eule“, „elch“ oder „grottenolm“ zu interpretieren haben.

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Der Dichter Jan Wagner signiert seine preisgekrönten „Regentonnenvariationen“.

Im Ernst: Schön wär’s, dem Dichter zu gönnen, wenn wenigstens in einem Teil der gekauften Bücher wirklich gelesen würde. Jan Wagners Gedichte sind es wert gelesen und ausgezeichnet zu werden. Es sind kleine, fein ziselierte Geschichten, melodisch schwingend, gut lesbar bis unterhaltsam. Am besten kommen sie vom Autor oder einer geschulten Stimme rezitiert zur Geltung. Wir warten auf das Hörbuch, das es noch nicht gibt. Die Gedichte des diesjährigen Trägers des „Preises der Leipziger Buchmesse“ von einem fähigen Schauspieler kongenial eingelesen. Darauf warten wir jetzt. Und auf die Auslieferung der nächsten Auflage. Möge ab sofort auch anderen Lyrikern und Lyrikerinnen mehrere Auflagen beschieden sein.

Die Unabhängigen. Neu war in diesem Jahr das Forum „Die Unabhängigen“, ein Gemeinschaftsprojekt von Leipziger Buchmesse und Kurt-Wolff-Stiftung. Dazu Buchmesse-Chef Oliver Zille: „Mit dem Forum wollen wir einen Ort etablieren, der bei Leserpublikum, Medien und dem Buchhandel für unabhängige Verlage und deren Autoren wirbt.“ Immerhin 37 Verlage haben sich hier zusammengefunden und 44 Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Ein ausgesprochen anregender Freiraum, der in den ständig überfüllten Hallen nicht nur raren Sitzplatz bot, sondern darüber hinaus allerlei Geistreiches, Aufmunterndes, Hoffnungsvolles aus Worten und zu berichtenden Taten.

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Der Schweizer Journalist Manfred Papst bedankt sich für die Auszeichnung mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

Abgesang. Gehört bei der Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik an Manfred Papst den langjährigen Mitarbeiter von Neuer Zürcher Zeitung und deren Sonntags-Ableger, in eben jenem Forum der Unabhängigen. Beklagt wurde dabei in wohlgesetzten Worten das Ende einer langen Tradition, die im 20. Jahrhundert von Kerr und Karl Kraus über Tucholsky und Kästner bis zu den jüngst verstorbenen Marcel Reich-Ranicki und Fritz J. Raddatz währte. Papst sei ein allerletzter Nachzügler dieser Hochblüte. Der Geehrte bedankte sich selbstironisch und die Bedeutung seiner Profession bescheiden relativierend. Man müsse sich hüten diktatorisch oder besserwisserisch zu sein. Die Aufgabe sei eine vermittelnde, eine dienende. Dabei müsse man vor allem an jüngere Menschen denken, die noch unerfahren sind. Und „man muss bereit sein, sich Feinde zu machen.“ Dabei ist „der Hochstapler Felix Krull unser Schutzheiliger.“

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Blauer Engel. Für eine gelbe Institution. Die Wand aus hunderten Bänden der Reclams Universalbibliothek ist immer wieder gern gesehener Blickfang auf Buchmessen. Der im selben Farbton gehaltene Gesamtkatalog des Unternehmens sehr begehrt. Doch neuerdings ist nicht mehr nur gelb angesagt. Reclam erhielt vor kurzem den „Blauen Engel“ für die Produktion seiner Universalbibliothek. Jene broschierten, gleichzeitig strapazierfähigen und langlebigen Kleinformate, die in fast jede Tasche passen, werden schon seit über 10 Jahren aus Recycling-Materialien hergestellt. Zur Buchmesse erschienen die ersten Bände mit Umweltzeichen. Der „Blaue Engel“ ist das Umweltzeichen der Bundesregierung; die Vergabe erfolgt nach einer strengen Zertifizierung. Bücher- und Umweltfreunde können also guten Gewissens zugreifen und sich ein Bändchen mehr gönnen.

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Foto: Leipziger Messe GmbH / Rainer Justen

Taktlos. „Durch Wald und Wiese, Heide und Hain, / jagte mich Sturm und starke Not: / nicht kenn’ ich den Weg, den ich kam. / Wohin ich irrte, weiß ich noch minder: / Kunde gewänn’ ich des gern.“ Wem wohl wäre dieses Dilemma fremd, das hier einer beschreibt, der dort in Leipzig geboren wurde, wo heute ein Einkaufstempel glänzt, dessen noble Shops sicherlich nur wenige Bewohner der hochgelobten Musik- und Literaturstadt frequentieren können? Vielleicht wäre Richard Wagner mit Reimen, wie den hier zitierten aus der „Walküre“, heute ja auf der Buchmesse vertreten. Oder auch nicht. Welcher Verleger würde schon solch bemühten Schwulst herausbringen? Tatsächlich vertreten war er mit seiner Musik – dem Vorspiel aus den Meistersingern – auf jener Eröffnungsveranstaltung im Gewandhaus zu Leipzig, auf der die deutsch-israelische Freundschaft und 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen den beiden problematischen Staaten eine zentrale Rolle spielten. Die israelischen Gäste ließen die heroischen Klänge ohne sichtbare Regung an sich vorbeischallen.

Von gestrandeten Walen und Sternen des Südens

Katrin Aehnlich und Monika Zeiner erzählen starke Sehnsuchtsgeschichten

Der Buchmonat Oktober geht so langsam dahin. Die literarischen Großereignisse sind durch, die Preise vergeben. Der diesjährige Messerummel ist Geschichte, in den Frankfurter Hallen längst durchgekehrt. Verkaufsträchtige Neuerscheinungen stapeln sich in den Buchhandlungen, Munro neben Mora, Ochsenknecht neben Becker.

Mein erstes Fazit in diesem Herbst: Der Roman lebt! und das zu meinem allergrößten Vergnügen und Bedauern. Bedauern deshalb, weil man natürlich einmal mehr nie und nimmer, selbst im längsten Leserleben nicht, all das lesen kann auf das man neugierig geworden ist. Zwei neuere Exemplare meiner bevorzugten Literaturgattung habe ich in den letzten Tagen gelesen und möchte sie hier kurz vorstellen. Es sind Bücher, die überraschender Weise sehr interessante Parallelen aufweisen.

WaleIn den Romanen von Monika Zeiner und Kathrin Aehnlich reisen die Hauptfiguren ihren Lieben von früher nach. Dieses Unterwegssein bildet jeweils den Rahmen für die Geschichten darum herum und für die Geschichte davor. Bei Zeiner bekommt ein Mann und Musiker während einer Italientournee die Gelegenheit zum Wiedersehen mit der Frau von früher. Zehn Jahr sind vergangen. Bei Kathrin Aehnlich sind es sogar fünfundzwanzig. Hier reist eine Frau zum Ehemaligen. Ihr Weg ist weiter und zwischen damals und heute ist aus zwei deutschen Staaten ein Land geworden. In beiden Büchern klingt viel Musik mit. Aehnlichs ostdeutsche Roswitha und ihre Freunde leben in DDR-Tristesse mit Sehnsucht nach dem Blues und Jazz Nordamerikas. Bei Monika Zeiner machen Tom und Marc im Berlin der Nullerjahre Barmusik, Jazz und Experimentelles. In beiden Büchern kommt man irgendwann musikalisch auch bei Bach vorbei.

“Ich weiß”, sagte Mick, “aber alles braucht seine Zeit.” Mit diesem Resümee, in Form einer Binsenweisheit, endet der Roman “Wenn die Wale an Land gehen” von Kathrin Aehnlich. Es ist der dritte der Leipziger Schriftstellerin nach “Wenn ich groß bin, flieg ich zu den Sternen” und “Alle sterben, auch die Loeffelstöre”. Erneut erweist sie sich dabei als Spezialistin für die belletristsiche Aufarbeitung deutsch-deutscher Kultur- und Alltagsgeschichte. Es sind fesselnd zu lesende Systemvergleiche. Im neuen Buch kommt mit New York ein weitere Versuchsanordnung menschlicher Siedlungs- und Lebensformen hinzu. Das ist im Großen sehr präzise und im Privaten ausgesprochen berührend erzählt. Kathrin Aehnlich beweist, dass sie bereits eine routinierte Verfasserin ist und kommt mit 250 Seiten aus.

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Erbe aus DDR-Zeiten in Leipzig

Im Mittelpunkt steht Roswitha die von ihren Freunden Rose (englisch ausgesprochen) genannt wird. Der Leser erlebt Rose auf dem Weg zu ihrem alten Kumpel und ehemaligen Geliebten Mick, der seinerzeit aus der DDR geflohen und irgendwann in Big Apple gestrandet war. (Hier kommt die Wal-Metapher ins Spiel). In Rückblenden wird vom Heranwachsen in der ehemaligen DDR erzählt. Eindrücklich schildert Aehnlich das Leben der Menschen in grauer Enge und Begrenztheit; sie erzählt von Mangel und Unterdrückung, Ungerechtigkeit und unfreiwilligem Verzicht, von der dauernden Bevormundung durch Partei und Funktionäre. Aber auch von den Hoffnungen der jungen Generation, im eigenen Land noch etwas zum Besseren bewegen zu können.

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“An einem Spätabend, dem Wetter nach zu urteilen irgendwo zwischen November und Februar, bekam Holler unerwarteten Buch von seiner Ehefrau, die, wie sie sagt, ein paar Kleinigkeiten abholen wollte.” So beginnt der Roman “Die Ordnung der Sterne über Como” von Monika Zeiner. Es ist die Geschichte von Tom, Marc und Betty, die befreundet sind, die sich ineinander verlieben, die miteinander Musik machen, und die tragisch endet. 10 Jahre später macht sich Tom noch einmal auf den Weg zu Betty, die inzwischen in Neapel verheiratet und als Ärztin tätig ist.

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Como und Lago di Como. – Foto: Nicolago

Monika Zeiner hat als Debütantin gleich die ganz große Form gewählt. Der Musik verwandte Stilelemente und längere, raffiniert konstruierte Sätze verraten eine gewisse Thomas-Mann-Affinität. Die Schneesturmszene im Schweizer Hochgebirge verstärkt diesen Eindruck. Pralle 600 Seiten sind es geworden. Und so wird die Geschichte, samt Vorgeschichten, bis in die kleinsten Verästelungen und das Personal bis zur xten Nebenfigur gründlich ausgeleuchtet und abgehandelt. Dass sich Leser oder Leserin dabei nie langweilen ist die Kunst der Autorin und einer der Vorzüge dieses bemerkenswerten Buches. Wenn man so will, haben wir es wie bei Aehnlich mit einer Art Systemvergleich zu tun. Auf der einen Seite die wohlgeordnete Bundesrepublik, vertreten durch das kreative, aber kalte, nach Osten schauende Berlin, und als Gegenpol das chaotische, überhitzte, vor Musik vibrierende Neapel, wo auf dem Vulkan getanzt wird.

ComoIch vermute einmal die Autorin hat in ihrer “Ordnung der Sterne über Como” alles verarbeitet was sich in vielen Jahren an Stoff und Ideen angesammelt hatte. Anders lässt sich diese Überfülle, die erstaunlich perfekt beherrscht und organisiert wird, kaum erklären. Da frage ich mich natürlich, ob Monika Zeiner noch nachlegen kann. Können wir irgendwann mit einem Zweitling rechnen, oder widmet sie sich wieder ihren musikalischen Talenten. Marinafon heißt die Italojazz-Formation mit der sie als Sängerin bisher unterwegs war.

Während der Frankfurter Buchmesse schrieb sie (erstmals) Blogbeiträge für Deutschlandradio Kultur. Dort war u. a. zu lesen: “Ich, die ich es gewohnt bin, mindestens fünf Jahre über einen Satz nachzudenken, bevor ich ihn veröffentliche, weiß plötzlich gar nicht mehr, was ich ohne das tägliche Bloggen auf der Welt noch machen soll. Aber ich kann ja nicht ewig über die Frankfurter Buchmesse 2013 bloggen, das Radio würde ja durchdrehen. Andererseits, warum nicht?” Den ersten Teil kann man kaum glauben, sonst könnten wir ihr Buch nicht bereits in Händen halten. Der abschließenden Feststellung kann man nur zustimmen. Warum nicht? Sie war eine flotte, einfallsreiche Bloggerin und hat damit bewiesen, dass sie, wie in der Musik, auch mit Feder, Stift oder Laptop den Wechsel von Rhythmus und Stil gekonnt beherrscht.

Aehnlich, Kathrin: Wenn die Wale an Land gehen. – A. Kunstmann, 2013

Zeiner, Monika: Die Ordnung der Sterne über Como. – blumenbar, 2013

Biertrinker, Unruhestifter, Tonsetzer

Aktuelle Biographien über Dichter und Komponisten

In den letzten Wochen und Monaten sind einige neue, hochinteressante Biographien erschienen. Häufig war ein rundes Jubiläum Anlass für den Zeitpunkt der Veröffentlichung. Drei Bibliotheken musste ich bemühen, bis jene Bücher auf dem Schreibtisch lagen, mit denen ich mich befassen wollte. Inzwischen sind sie durchgesehen, angelesen und auf meine persönliche Lese-Dringlichkeit abgeschätzt.

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Jean Paul. * 21. März 1763 in Wunsiedel (“Wonsiedel”), + 14. November 1825 in Bayreuth

“Wenigstens den Wert hat dieses Werk, daß es ein Werkchen ist und klein genug; so daß es, hoff’ ich, jeder Leser fast schon im Buchladen schnell durchlaufen und auslesen kann, ohne es wie ein dickes erst deshalb kaufen zu müssen.” Einmal abgesehen davon, dass sich der Buchhändler bedanken wird, da die Empfehlung des Autors geeignet ist dessen ohnehin schon schmale wirtschaftliche Basis weiter zu schwächen: So schnell ist man denn doch nicht fertig mit diesen gerade einmal knapp 100 Seiten. Die zitierte Empfehlung steht in der “Vorrede” zu “Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz” eines für Jean Paul typischen Werkes.

Nicht durch Handlungsreichtum besticht die Erzählung, sondern durch Sprachkapriolen, Abschweifungen und allerhand satirisch-humorvolles Anspielen, was jedoch für uns heutige nicht mehr ohne weiteres verständlich ist. Dass der Text “mit fortlaufenden Noten” ausgestattet ist, hilft auch nicht weiter. Denn diese Fußnoten tauchen nicht nur in einer sehr eigenwilligen numerischen Reihenfolge auf; sie sind auch in keiner Weise geeignet dem Leser die Lektüre zu erleichtert. In vollem aphoristischem Glanz stehen sie meist ganz für sich. “Den Halbgelehrten betet der Viertelsgelehrte an – diesen der Sechzehnteilsgelehrte – und so fort; – aber nicht den Ganzgelehrten der Halbgelehrte.” So heißt es etwa in der Nummer 72, ohne dass sich ein Zusammenhang mit der Hauptgeschichte erkennen ließe; dafür folgen allzugleich die Nummern 35 und 17.

Helmut Pfotenhauer leitet die Arbeitstelle Jean-Paul-Edition der Universität Würzburg und war viele Jahre Präsident der Jean-Paul-Gesellschaft. Wie kaum ein anderer ist er also berufen, den 250. Geburtstag des großen Biertrinkers und leidenschaftlichen Schreibers mit einem Standardwerk über dessen Leben, Dichten und Publizieren zu würdigen. Der Wissenschaftler schildert den mühsamen, keineswegs selbstverständlichen Weg des Johann Paul Friedrich Richter – der sich als Schriftsteller Jean Paul nannte – zu Bildung und selbstbestimmter Berufsausübung, die langen Durststrecken der Erfolglosigkeit, die fehlende Anerkennung durch die Kollegen seiner Zeit – voran das klassische Weimar um den Geheimrat. Neben den Romanen und Erzählungen geht Pfotenhauer auch ausführlich auf das umfangreiche Briefwerk ein. Er legt eine Lebens- und Werkbeschreibung von hohem Niveau vor, die aber auch für Nicht-Spezialisten sehr gut lesbar ist. Zu Überblick und Orientierung tragen dabei die Anmerkungen und eine ausführliche Zeit- und Lebens-Chronik im Anhang bei.

Lese-Dringlichkeit: Baldmöglichst, da mit diesem Werk auch einiges an literaturgeschichtlichem Wissen vermittelt wird.

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Zum 250. Geburtstag Jean Pauls wurde auch eine überarbeitete Fassung von Günter de Bruyns “Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter” neu aufgelegt. Dabei handelt sich um keine streng wissenschaftliche Arbeit, sondern eine etwas freier gestaltete schriftstellerische Würdigung, die Leben und Schreiben Jean Pauls in engen Zusammhang mit dessen Zeit, Gesellschaft und Lebensumständen stellt. (Eine für die DDR-Zeit nicht untypische Vorgehensweise. De Bruyn gelingt es weitestgehend auf ideologische Klischees zu verzichten.) Ich besitze eine Lizenzausgabe der “Büchergilde Gutenberg”, des 1975 im Hallensischen Mitteldeutschen Verlag erschienenen Originals, die, wie damals nicht unüblich, aus DDR-Produktion stammt und zum Zwecke der Devisenbeschaffung nur im Westen verkauft wurde. Hergestellt im druckgraphischen Großbetrieb Karl-Marx-Werk in Pößneck. Die Lektüre dieses sprachlich sehr gelungenen Werkes war gleichzeitig meine erste Begegnung mit dem solitär neben den anderen Klassikern stehenden Autor. Seine Romane und Erzählungen zu lesen fällt allerdings auch versierten Lesern nicht leicht. Der absurde Sprachwitz und die vielen zeitbezogenen Anspielungen und Spitzen behindern die Verständlichkeit und hemmen den Lesefluss.

Lese-Dringlichkeit: Gering, da eine nochmalige Leküre wohl der Fülle anderer Lesevorhaben zum Opfer fallen wird.

Bertold (“Bert”) Brecht. * 10. Februar 1998 in Augsburg, + 14. August 1956 in Ost-Berlin (DDR)

In diesen Tagen jähren sich ja zum achtzigsten Male die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten. Bei jenen aus heutiger Sicht unfassbaren Aktionen „wider den undeutschen Geist“ gingen im Mai 1933 Bücher von Franz Kafka, Karl Kraus, Rosa Luxemburg, Robert Musil, Joachim Ringelnatz, Bertha von Suttner und vielen anderen in Flammen auf.  Mit dabei waren auch die Werke von Bertold Brecht und Kurt Tucholsky.

“Bertold Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten” von Jan Knopf ist Summe und Krönung einer wissenschaftlichen Laufbahn, die in großen Teilen dem wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker (und viele meinen auch des größten Lyrikers) des 20. Jahrhunderts gewidmet war und ist. Der Literaturwissenschaftler hatte eine Professur an der Universität Karlsruhe und baute dort die Arbeitsstelle Bertold Brecht (ABB) auf; er gab das Brecht-Handbuch heraus und ist Mitherausgeber der Großen Berliner und Frankfurter Ausgabe.

Brecht“Das simple Leben lebe, wer da mag! / … / Was hilft da Freiheit? Es ist nicht bequem. / Nur wer im Wohstand lebt, lebt angenehm!” (“Die Ballade vom angenehmen Leben”, aus der “Dreigroschenoper”)

Das Buch von Knopf ist umfangreich, dicht und detailgetreu. Auf jeder Seite spürt man die besondere Verbundenheit des Verfassers mit diesem charismatischen, schwierigen Menschen, dem genialisch lebensprallen Künstler. Brecht habe ich mir immer so ähnlich wie Wolf Biermann vorgestellt. Kraftvoll, zugewandt, von sich überzeugt, immer zwischen sehr laut und zart leise wechselnd. Die Biographie ist in historische Abschnitte gegliedert: Von “Deutsches Kaiserreich (1898 – 1918)” bis “Deutsche Folgen (1945/47 – 1956)”. Brechts typischer Stil wird mit vielen eingefügten Zitaten gegenwärtig für den Leser. Über das Verhältnis zu seinen Frauen – häufig ja auch engste Mitarbeiterinnen – erfährt man mehr neue Einzelheiten, als dem Gesamtbild des Menschen und Dichters gut tut.

Dafür staunen wir über die Schaffenskraft dieses Berserkers, die uns Knopf im Vorwort demonstrativ auflistet:“Bertold Brecht schrieb im Laufe seines kurzen Leben 48 Stücke (Shakespeare 37), über 2300 Gedichte (Goethe, der allerdings älter wurde, über 3000), etwa 200 Erzählungen … und immerhin drei Romane.” Die Brecht-Biographie von Jan Knopf ist kein einfaches Buch. Es fordert den Leser, es seziert den Gegenstand und ich bin gespannt, ob es eine lohnende Lektüre für mich werden wird.

Lese-Dringlichkeit: Gleich nach Büchner (s. unten).

Kurt Tucholsky. * 9. Januar 1890 in Berlin, + 21. Dezember 1935 in Göteborg

Wahrlich “ein deutsches Leben”, wie es im Untertitel von Rolf Hosfelds Buch heißt. Und ein deutsches Leiden, ein Leiden durch und mit Deutschland. Tucholsky, der so hart und treffsicher formulieren konnte, dabei so empfindlich und empfindsam war, der leichtfüßigen Humor und Traurigkeit so wunderbar verbinden konnte, wie man es aus seinen autobiographisch angehauchten Erzählungen “Schloß Gripsholm” oder “Rheinsberg” kennt.

41342MYSH1L._“Es war ein bunter Sommertag – und wir waren sehr froh. Morgens hatten sich die Wolken rasch verzogen; nun legte sich der Wind, und große, weiße Wattebäusche leuchteten hoch am blauen Himmel, sie ließen die gute Hälfte unbedeckt und dunkelblau – und da stand die Sonne und freute sich.” (“Schloss Gripsholm”)

Rolf Hosfeld hat bereits eine sehr beachtete Karl-Marx-Biographie geschrieben. In seiner neuesten Monographie stellt er neben dessen Werken, Tucholskys geographischen, sprachlichen und geistigen Heimatverlust durch die Machtergreifung der Nazis in den Mittelpunkt. “Innerlich zerrissen, rast- und heimatlos führte er ein Leben zwischen Berlin, Paris und Schweden.” Ausführlich geht Hosfeld auch auf die Frauen ein, die in Tucholskys Leben eine wichtige Rolle spielten. Else Weil und Mary Gerold mit denen er verheiratet war und die Spuren in seinem Werk hinterließen, Lisa Matthias, die in zeitweise nach Schweden begleitete, Getrude Meyer, mit der in England war, Hedwig Müller bei der er über ein Jahr in Zürich lebte.

Von großer Bedeutung war die Beziehung zu Carl von Ossietzky, mit dem zusammen er für die “Weltbühne” arbeitete, und der sich 1932 für den berühmten Tucholsky-Satz “Soldaten sind Mörder” vor Gericht verantworten musste. Da wurde er noch freigesprochen, doch bereits im Februar 1933 sperrten ihn die neuen Machthaber ins Konzentrationslager. Am 7. März 1933 erschien die letzte Nummer der “Weltbühne”, am 10. Mai fanden die ersten großen Bücherverbrennungen statt, am 23. August wurde Kurt Tucholsky, der sich in Schweden aufhielt, von den Nationalsozialisten offiziell ausgebürgert.

Hosfelds Biographie ist eine journalistische Arbeit, die mit wissenschaftlicher Sorgfalt geschrieben wurde und sehr gut lesbar ist. Nach den zahlreichen Mord- und Gewalttaten von Rechts in den letzten Jahren, in Zeiten wieder oder immer noch salonfähiger religiöser Intoleranz und teilweise unverhohlenem Rassismus, zum Zeitpunkt eines großen Neo-Nazi-Prozesses in München, ist es mehr als naheliegend sich mit Leben und Werk dieses konsequenten Pazifisten und Antifaschisten zu beschäftigen.

Lese-Dringlichkeit: Gleich nach dem “Brecht”. Zwei großartige Schriftsteller, zwei deutsche Lebensläufe, die ein wichtiges Gegengewicht zu aktuellen Zeiterscheinungen vermitteln. Zwei Bücher, die in die Schaufenster aller Buchhandlungen der Berliner Republik gehören.

Guiseppe Verdi. * 10. Oktober 1813 in Le Roncole, nahe Parma, + 27. Januar 1901 in Mailand

Richard Wagner. * 22. Mai 1813 in Leipzig, + 13. Februar 1883 in Venedig

Zur Einstimmung auf die nächsten Abschnitte habe ich ein CD eingelegt und es wären nun eigentlich zwei Komponisten mit ihren Biographien an der Reihe, die beide vor 200 Jahren geboren wurden. Doch während ich Arien aus “La Traviata” höre, kommen mir Zweifel, ob ich nicht den verträglichen Umfang eines einigermaßen lesenswerten Blog-Artikels sprenge, wenn ich die Bücher zu Verdi und Wagner so ausführlich darstelle, wie die über meine Dichter. Zumal ich alles andere als ein Musikspezialist bin. Deshalb sei in aller Kürze darauf hingewiesen, dass die einschlägigen Titel in den Literaturangaben am Ende des Beitrags aufgeführt sind: Die Bücher von Rosselli und Schwandt (Neuauflage) zu Verdi und die Biographie von Geck über Wagner (über den im Jubiläumsjahr noch sehr viel mehr Neues erscheint).

Und nur noch dies zur Ergänzung: Wagner und Verdi waren klassische Antipoden ihrer Zeit, in ihren Lebensentwürfen und den verwirklichten Kunstvorstellungen. Dazu bietet sich als alternative und sehr unterhaltsame Lektüre der Verdi-Roman von Franz Werfel an. Einer der Handlungsstränge des Buches ist der Rivalität zwischen Wagner und Verdi gewidmet und endet mit dem Tode Wagners in Venedig (!). Ein anderer dreht sich um den  Marchese Gritti, der die meisten Abende seines hundertjährigen Lebens in der Oper verbracht hat. “Der Marchese war neunundzwanzigtausenddreihundertundsiebenundachtzigmal im Theater gewesen, hatte neunhunderteinundsiebzig verschiedene Werke gehört… “ Der Roman gehört zu den schönsten, heute noch lesenswerten Büchern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Georg Büchner. * 17. Oktober 1813 in Goddelau nahe Darmstadt, + 19. Februar 1837 in Zürich

Hermann Kurzke lehrte viele Jahre als Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte in Mainz. Er ist ein bekannter und anerkannter Thomas-Mann-Spezialist, u. a. Mitherausgeber der “Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe”. Sein 1999 erschienenes und längst zum Standardwerk gewordenes Buch “Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk” setzte Maßstäbe sowohl der Biographik als auch der Werkinterpretation. Jetzt hat er sich mit großer Lust und Hingabe mit Georg Büchner beschäftigt. Kurzke, der in Mainz ein Gesangbucharchiv aufgebaut hat und dieses bis heute betreut, fand “Georg Büchner sei ein erfrischendes Kontrastmittel zum Kirchenlied.” Frisch und mitreisend ist in der Tat das vorliegende Werk “Georg Büchner. Geschichte eines Genies”.

“Den 20. ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.” Die ersten Sätze von Georg Büchners Erzählung “Lenz”, die ich bereits als Schullektüre kennenlernte. Über den tragischen Lebenslauf des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz habe ich später vor allem bei meiner Beschäftigung mit Goethe und seinem Umfeld mehr erfahren. Büchners Theaterstück Woyzeck konnte ich sowohl als Original-Sprechstück sehen, wie auch in der Alban Bergschen Opern-Interpretation erleben.

ln Kurzkes Buch lernt man einen neuen Büchner kennen. Einen anderen, als den, den wir bisher zu kennen glaubten: den politisch engagierten Dichter, den jungen Revoluzzer. Bei Kurzke erfahren wir, dass er selbst sich nicht in erster Linie als Dichter verstand und nicht der Aufrührer und Anzettler war, als der er vielfach dargestellt wurde. Georg Büchner studierte ja Medizin und seine eigentliche Leidenschaft waren die Naturwissenschaften. Doch der frühe Tod hat die eingeschlagene Laufbahn beendet, bevor sie richtig beginnen konnte.

Im Büchner-Buch von Hermann Kurzke werden die Werke Büchners natürlich angemessen gewürdigt. Doch der Autor macht deutlich, dass Büchner selbst seinen “Landboten” für unreif und den “Woyzeck” für unfertig hielt. Dass ihm seine Doktorarbeit über das Nervensystem der Barben wichtiger war als alles Dichten. Büchner war immer jung, unfertig. Ein Genie freilich, von dem wir aber nicht wissen können, was aus ihm im Laufe eines längeren Lebens, mit der Möglichkeit zu reifen, sich zu entwickeln, geworden wäre. “Das Verstandene ist das Tote, nur das Unverstandene lebt und lockt. Was endgültig durchschaut ist, wird abgehakt und aufgeräumt. Was noch ein Geheimnis hat, fasziniert hingegen,” schreibt Hermann Kurzke. Sein neues Buch ist eine fesselnde und fundierte Lektüre über das Geheimnis Georg Büchner.

Lese-Dringlichkeit: Ich bin mittendrin.

Pfotenhauer, Helmut: Jean Paul. Das Leben als Schreiben. Biographie. – Hanser, 2013. Euro 27,90

Bruyn, Günter de: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Eine Biographie. Überarb. Neufassung. S. Fischer, 2013. Euro 21,99

Knopf, Jan: Bertold Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten. Biografie. Hanser, 2012. Euro 27,90

Hosfeld, Rolf: Tucholsky. Ein deutsches Leben. Biographie. – Siedler, 2012. Euro 21,99

Rosselli, John: Guiseppe Verdi – Genie der Oper. Eine Biographie. – Beck, 2013. Euro 21,95

Schwandt, Christoph: Giuseppe Verdi. Die Biographie. Aktualisierte Neuausgabe. Insel, 2013. Euro 10,99

Geck, Martin: Wagner. Biographie. – Siedler, 2012. Euro 24,99

Werfel, Franz: Verdi. Roman der Oper.  u. a. als Fischer TB, Euro 12,95

Kurzke, Hermann: Georg Büchner. Geschichte eines Genies. Beck, 2013. Euro 29,95

Schöne Bescherung! – Der Gabentisch 2012

„Lesen ist nicht wie Musik hören, lesen ist wie musizieren.“ (Martin Walser)

Lichterglanz und Glockenbimmel. Schneegestöber, Glühweindampf und Bratwurstduft. Schon ist es wieder Mitte Dezember. Höchste Zeit für den Weg in die festlich dekorierte Lieblingsbuchhandlung. Gönnen wir uns in diesen kalten Tagen ein erwärmendes Schnupper- und Einkaufserlebnis in originellen, breit sortierten kleinen Handlungen fürs gute alte, immer wieder schön gedruckte und gebundene Buch. Hier sind meine Ideen für den Gabentisch, für unter die Tanne-Fichte, zum den Nächsten und Liebsten in die Hand drücken, oder zum Sichselbstbeschenken.

Rammstedt. In diesem Herbst ist auch der lustige, erstaunlicherweise aus Bielefeld stammende (doch längst in Berlin ansässige) Tilman Rammstedt (“Der Kaiser von China”) wieder mit einer Neuerscheinung vertreten. Und die hat es in sich. In “Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters” geht es viel weniger um den Bankberater eines Protagonisten namens Tilman Rammstedt, als vielmehr um dessen Briefwechsel mit dem american heroe Bruce Willis. “Sehr geehrter Herr Willis, geht es Ihnen gut?” Der Briefverkehr verläuft allerdings sehr einseitig, denn der Schauspieler antwortet nicht. Was sich daraus entwickelt, und wie es mit dem Bankberater weitergeht ist virtuos und hochkomisch. Ein Buch für alle, die sich einfach einmal richtig amüsieren möchten. (Dumont, 2012. Euro 18,99)

Haas. Wenn es jemanden gibt der den “neuen Haas” noch nicht hat, kennt oder las, sollte man diesen Menschen auf jeden Fall mit der “Verteidigung der Missionarsstellung” beglücken. Im Gegensatz zu dem, was der Titel vielleicht vermuten lässt, handelt es sich keineswegs um eine nahe Verwandtschaft der Grauschatten-Machwerke. Raffiniert, witzig und spannend, wird uns hier echter Unterhaltungs-Mehrwert auf überdurchschnittlichem Niveau geboten. Für den erstmal auf den Geschmack gekommenen Leser leider viel zu kurz. (Hoffmann und Campe, 2012. Euro 19,90)

Suter. Die Zeit, die Zeit. Mit diesem – einem Seufzer gleichen – Titel führt uns Martin Suter einmal mehr einen seiner leicht unbedarften Helden vor, die gerne, jedoch selten freiwillig, an allerhand Ecken und Kanten ihres Schicksals stoßen. Klassisch erzählt, flüssig zu lesen, durchaus doppelbödig. Ein Spiel mit der Zeit und auf Zeit. Suter endlich wieder auf dem Höhepunkt seines erzählerischen Könnens. Kleinkinder einmal ausgenommen, kann das Buch problemlos an breite Leserschichten verschenkt werden. (Diogenes, 2012. Euro 21,90)

>>> Haas und Suter wurden auf con = libri bereits ausführlich besprochen. <<<

Russisch 1. Vladimir Sorokin schreibt fabelhaft, satirisch, grotesk. Es ist stets feinderbes Erzählwerk, das einer der wichtigsten Autoren des heutigen Russland präsentiert. In “Der Schneesturm” erleben wir den Landarzt Garin im Kampf gegen eine rätselhafte Seuche, bzw. auf seinem Weg zum Kampf. Sein größter Gegner sind dabei der russische Winter und die märchenhaften Ereignisse, die sich auf der Fahrt zum Einsatzort abspielen. Die Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich dem guten Doktor immer wieder in den Weg stellen, sollen, so Kenner, jedenfalls sehr viel Ähnlichkeit mit den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen im Putin-Reich haben. Für alle Freunde surrealer Geschichten; trotz Schneegestöber-Idylle nicht jugendfrei. (Kiepenheuer & Witsch, 2012. Euro 17,99)

Russisch 2. Seit ich den Bonner Verleger Stefan Weidle auf der Tübinger Sahl-Tagung erleben durfte (s. dazu auch den letzten Beitrag auf con = libri), habe ich auf das Programm seines Verlages ein besonderes Auge geworfen. Hier ist immer wieder Überraschendes zu entdecken. Wie jetzt “Die Manon Lescaut von Turdej” von Wsewolog Petrow. Ein schmaler Band mit einer nicht allzu langen Erzählung. Man darf die Frage stellen, ob sie ein eigenes Buch wert ist. In diesem Fall kann das rasch und klar mit Ja beantwortet werden. Bemerkenswert, hinreißend, todtraurig. Ein Petersburger Intellektueller, im petrow_1Krieg mit einem Krankentransport unterwegs, den “Werther” (vom größten Dichter des größten Feindes geschrieben) auf Deutsch lesend, lernt das Mädchen Vera kennen und – das Klischee muss hier sein – er verfällt ihren Reizen: der physischen Präsenz, ihrer Jugend, ihrem Anderssein. Es ist der Zauber des Gewöhnlichen, der ihn anzieht, die lebenshungrige Gegenwärtigkeit eines flatterhaften Wesens. Sie kann halt lieben nur… Die Geschichte entstand bereits 1946, erschien aber erstmals 2006 in einer russischen Zeitschrift. Petrow war eigentlich Kunsthistoriker und lebte von 1912 bis 1978. Das schmächtige Buch wurde von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats November gewählt; auf der aktuellen SWR-Bestenliste belegt es Platz 8. Das sehr informative Nachwort hat Oleg Jurjew geschrieben; die Germanistin Olga Martynova kommentierte einige wesentliche Passagen. (Weidle Verlag, 2012. Euro 16,90)

Russisch-Deutsch. Olga Martynova ist selbst eine interessante Autorin. Von ihr liegen Gedichte, Prosa und Essays vor. Sie stammt aus Russland, lebt seit über zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt ihre Prosawerke in deutscher Sprache. Der leicht experimentell und assoziativ erzählte Roman “Sogar Papageien überleben uns” war für mich eine wirkliche Entdeckung, das, was man gemeinhin ein Leseabenteuer nennt. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die zwischen Russland und Deutschland unterwegs sind. Wissenschaftler, Literaten, Künstler. Der Leser erfährt viel über die kulturellen Wechselwirkungen zwischen Ost und West. Die Erzählung kreist um ein dichtes Geflecht russisch-deutscher Literatur- und Liebesbeziehungen. Wir begleiten eine junge Literaturwissenchaftlerin auf ihrer sentimentalen Reise durch Gefühls- und Steppenwelten und erleben dabei rasche Richtungs- und Stimmungswechsel. In hintergründig philosophischen Passagen geht es zudem immer wieder um die allerletzten unsicheren Wahrheiten. Vielfach kommt das Buch auf Größen der russischen Literaturgeschichte zu sprechen. Hinweise, die zu weiterer Lektüre anregen können. Olga Martinova schreibt für geübte Leser. (Literaturverlag Droschl, 2010. Euro 19)
P. S.: “Mörikes Schlüsselbein” wird das nächste Buch von Olga Martynova heißen, auf das man schon sehr gespannt sein darf. Es wird im nächsten Frühjahr erscheinen. Mit der Lesung eines Kapitels daraus (“Ich werde sagen: ‘Hi’) gewann sie im Sommer den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb.

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Foto: Wiebke Haag

Exkurs. Eine kleine Hinwegführung von den rein erzählerischen Werken, hin zu einem sehr empfehlenswerten Essay-Band des bisher vorwiegend als Übersetzer bekannten Joachim Kalka. Seine zugleich leichtfüßigen und dichten Arbeiten sind in “Die Katze, der Regen, das Totenreich. Ehrfurchtsnotizen” versammelt. Ein Titel der bewusst gewählt wurde und bereits einiges über den Inhalt verrät ohne auch nur andeuten zu können, wie komplex die einzelnen Stichworte und Themen abgehandelt werden. Großartige Kabinettstückchen. Eine Liebeserklärung an Bücher, Geschichten und Dichter. Hier schwadroniert ein im besten Sinne chronisch Lesewütiger, ein kenntnisreicher Literat und für jene gleich mit, die wie er, vom Lesen nicht lassen. Das ideale Geschenk für Menschen, die auf dem Fundament einer soliden Allgemeinbildung stehen. (Berenberg, 2012. Euro 20)

Krimi 1. Noch einmal zurück nach Russland. Zu den führenden Kriminalschriftstellerinnen des Landes gehört seit etlichen Jahren Polina Daschkova, von der bereits zahlreiche Werke in deutscher Übersetzung vorliegen. Das neueste trägt den etwas allerweltlichen Titel “Bis in alle Ewigkeit.” Darin soll eine junge Biologin an einem internationalen Forschungsprojekt auf Sylt mitarbeiten. Sie merkt bald, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugeht. Auch der kürzliche Tod ihres Vaters scheint dabei eine Rolle zu spielen. Daschkovas Stärken sind neben dem gekonnten Aufbau sehr spannender, breit angelegter Geschichten, die Schilderung glaubhafter Figuren, mit ihren Schicksalen, ihrem Alltag. Die meist ausführlichen Biographien werden geschickt in die Handlungsabläufe eingewoben und wir erfahren durch sie einiges über das Leben der Menschen im Russland unserer Zeit. Für Krimileser, die mehr als Mord und Totschlag wollen. (Aufbau Taschenbuch, 2012. Euro 10,99)

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Foto: Jan Haag

Krimi 2. Der neue Dühnfort erscheint Ende der Woche! Nichts gegen die fabelhaft tapfere Nele Neuhaus. Obwohl für meinen Geschmack die Zahl der Handlungsfäden in ihren Büchern etwas zu hoch ist – die Frau schreibt Klasse. Doch mein liebster deutscher Ermittler ist derzeit der Kommissar Dühnfort, dessen Erlebnisse die Münchner Schriftstellerin Inge Löhnig ersinnt. Ihr neuer Roman heißt “Verflucht seist Du”, ist der inzwischen fünfte, und die Entstehung des Buches wurde von einer großen Fangemeinde das ganze Jahr über auf Facebook mit großer Spannung verfolgt. So ist auch die Zahl der Vorbestellungen im Buchhandel bereits beträchtlich. Die bisherigen Bände überraschten und überzeugten mit ihren stimmigen, realitätsnahen Plots, dem hohen Spannungsfaktor und lebensechten Figuren. Dazu kommen wiedererkennbare Lokalitäten in und um München herum, ohne dass dabei einer der vielen nicht immer leicht erträglichen Provinz-Krimis herauskommt. Das hat vielmehr wirklich Stil, wie ihn auch die Hauptfigur, ein wählerischer Espresso- und Weißwein-Trinker, repräsentiert. Die nicht immer geradlinig verlaufenden Entwicklungen der wichtigsten Mitwirkenden sind mindestens so interessant wie die eigentliche Krimihandlung. Für alle, die immer noch nicht glauben wollen, dass es auch tolle Deutsch schreibende “Crime-Ladies” gibt. (List Taschenbuch, 14. Dezember 2012. Euro 9,99)

Krimi 3. “Denn die Gier wird euch verderben”. So pseudo-alttestamentarisch heißt die neueste Geschichte aus dem nordischen Mordloch Kiruna. Ein durchaus exotischer Schauplatz, den die schwedische Autorin Asa Larsson für sich entdeckt hat. Ihre Staatsanwältin Rebecka Martinsson macht sich einmal mehr auf, den zahlreichen verbrecherischen Spuren im Provinzsumpf zu folgen. Auf der Suche nach Mörder oder Mörderin stößt sie auf Geheimnisse deren Ursprünge bis ins Jahr 1914 zurückreichen, gerät in höchste Kreise und natürlich auch wieder in ebensolche Gefahren. Schmackhafte Krimi-Kost, angereichert mit einer Portion Gesellschaftskritik und gewürzt mit einer Prise Gewalt. Für Freunde der hohen skandinavischen Verbrechensrate eine gern genommene Neuerscheinung. (C. Bertelsmann, 2012. Euro 19,99)

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Eine musikalische Zugabe. “Passe passe le temps il n’y en a plus pour très longtemps.” Eben. Nur graugruftige Überbleibsel wie ich werden sich noch an dieses oder andere Chansons eines bärtigen, großgewachsenen Herrn erinnern. An die Chansons von hauchzarter, schlichtstarker Ausdruckskraft des großartigen, inzwischen schwer in die Jahre gekommenen, George Moustaki. Le Métèque. Ma Liberté. En Mediterranée. Ein Hauch mediteranes Lebensgefühl ist es auch, die diese einfachen, aber eindringlichen Lieder in den kalten deutschen Winter bringen. Marina Rossell hat 12 Moustaki-Titel wiederbelebt und singt sie mit kräftigem klarem Alt und in katalanischer Sprache. Das klingt wunderschön, vertraut und neu zugleich. Beim Titel “Màrmara” haucht auch noch der alte Meister selbst mit. Geschenkeignung: 45 plus undoder ausgesprochene Liebhaber der katalanischen Sprache (wer sie beherrscht kann mitsingen!). (“Marina Rossell canta Moustaki”, beim Label “world village” von harmonia mundi)