Biertrinker, Unruhestifter, Tonsetzer

Aktuelle Biographien über Dichter und Komponisten

In den letzten Wochen und Monaten sind einige neue, hochinteressante Biographien erschienen. Häufig war ein rundes Jubiläum Anlass für den Zeitpunkt der Veröffentlichung. Drei Bibliotheken musste ich bemühen, bis jene Bücher auf dem Schreibtisch lagen, mit denen ich mich befassen wollte. Inzwischen sind sie durchgesehen, angelesen und auf meine persönliche Lese-Dringlichkeit abgeschätzt.

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Jean Paul. * 21. März 1763 in Wunsiedel (“Wonsiedel”), + 14. November 1825 in Bayreuth

“Wenigstens den Wert hat dieses Werk, daß es ein Werkchen ist und klein genug; so daß es, hoff’ ich, jeder Leser fast schon im Buchladen schnell durchlaufen und auslesen kann, ohne es wie ein dickes erst deshalb kaufen zu müssen.” Einmal abgesehen davon, dass sich der Buchhändler bedanken wird, da die Empfehlung des Autors geeignet ist dessen ohnehin schon schmale wirtschaftliche Basis weiter zu schwächen: So schnell ist man denn doch nicht fertig mit diesen gerade einmal knapp 100 Seiten. Die zitierte Empfehlung steht in der “Vorrede” zu “Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz” eines für Jean Paul typischen Werkes.

Nicht durch Handlungsreichtum besticht die Erzählung, sondern durch Sprachkapriolen, Abschweifungen und allerhand satirisch-humorvolles Anspielen, was jedoch für uns heutige nicht mehr ohne weiteres verständlich ist. Dass der Text “mit fortlaufenden Noten” ausgestattet ist, hilft auch nicht weiter. Denn diese Fußnoten tauchen nicht nur in einer sehr eigenwilligen numerischen Reihenfolge auf; sie sind auch in keiner Weise geeignet dem Leser die Lektüre zu erleichtert. In vollem aphoristischem Glanz stehen sie meist ganz für sich. “Den Halbgelehrten betet der Viertelsgelehrte an – diesen der Sechzehnteilsgelehrte – und so fort; – aber nicht den Ganzgelehrten der Halbgelehrte.” So heißt es etwa in der Nummer 72, ohne dass sich ein Zusammenhang mit der Hauptgeschichte erkennen ließe; dafür folgen allzugleich die Nummern 35 und 17.

Helmut Pfotenhauer leitet die Arbeitstelle Jean-Paul-Edition der Universität Würzburg und war viele Jahre Präsident der Jean-Paul-Gesellschaft. Wie kaum ein anderer ist er also berufen, den 250. Geburtstag des großen Biertrinkers und leidenschaftlichen Schreibers mit einem Standardwerk über dessen Leben, Dichten und Publizieren zu würdigen. Der Wissenschaftler schildert den mühsamen, keineswegs selbstverständlichen Weg des Johann Paul Friedrich Richter – der sich als Schriftsteller Jean Paul nannte – zu Bildung und selbstbestimmter Berufsausübung, die langen Durststrecken der Erfolglosigkeit, die fehlende Anerkennung durch die Kollegen seiner Zeit – voran das klassische Weimar um den Geheimrat. Neben den Romanen und Erzählungen geht Pfotenhauer auch ausführlich auf das umfangreiche Briefwerk ein. Er legt eine Lebens- und Werkbeschreibung von hohem Niveau vor, die aber auch für Nicht-Spezialisten sehr gut lesbar ist. Zu Überblick und Orientierung tragen dabei die Anmerkungen und eine ausführliche Zeit- und Lebens-Chronik im Anhang bei.

Lese-Dringlichkeit: Baldmöglichst, da mit diesem Werk auch einiges an literaturgeschichtlichem Wissen vermittelt wird.

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Zum 250. Geburtstag Jean Pauls wurde auch eine überarbeitete Fassung von Günter de Bruyns “Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter” neu aufgelegt. Dabei handelt sich um keine streng wissenschaftliche Arbeit, sondern eine etwas freier gestaltete schriftstellerische Würdigung, die Leben und Schreiben Jean Pauls in engen Zusammhang mit dessen Zeit, Gesellschaft und Lebensumständen stellt. (Eine für die DDR-Zeit nicht untypische Vorgehensweise. De Bruyn gelingt es weitestgehend auf ideologische Klischees zu verzichten.) Ich besitze eine Lizenzausgabe der “Büchergilde Gutenberg”, des 1975 im Hallensischen Mitteldeutschen Verlag erschienenen Originals, die, wie damals nicht unüblich, aus DDR-Produktion stammt und zum Zwecke der Devisenbeschaffung nur im Westen verkauft wurde. Hergestellt im druckgraphischen Großbetrieb Karl-Marx-Werk in Pößneck. Die Lektüre dieses sprachlich sehr gelungenen Werkes war gleichzeitig meine erste Begegnung mit dem solitär neben den anderen Klassikern stehenden Autor. Seine Romane und Erzählungen zu lesen fällt allerdings auch versierten Lesern nicht leicht. Der absurde Sprachwitz und die vielen zeitbezogenen Anspielungen und Spitzen behindern die Verständlichkeit und hemmen den Lesefluss.

Lese-Dringlichkeit: Gering, da eine nochmalige Leküre wohl der Fülle anderer Lesevorhaben zum Opfer fallen wird.

Bertold (“Bert”) Brecht. * 10. Februar 1998 in Augsburg, + 14. August 1956 in Ost-Berlin (DDR)

In diesen Tagen jähren sich ja zum achtzigsten Male die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten. Bei jenen aus heutiger Sicht unfassbaren Aktionen „wider den undeutschen Geist“ gingen im Mai 1933 Bücher von Franz Kafka, Karl Kraus, Rosa Luxemburg, Robert Musil, Joachim Ringelnatz, Bertha von Suttner und vielen anderen in Flammen auf.  Mit dabei waren auch die Werke von Bertold Brecht und Kurt Tucholsky.

“Bertold Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten” von Jan Knopf ist Summe und Krönung einer wissenschaftlichen Laufbahn, die in großen Teilen dem wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker (und viele meinen auch des größten Lyrikers) des 20. Jahrhunderts gewidmet war und ist. Der Literaturwissenschaftler hatte eine Professur an der Universität Karlsruhe und baute dort die Arbeitsstelle Bertold Brecht (ABB) auf; er gab das Brecht-Handbuch heraus und ist Mitherausgeber der Großen Berliner und Frankfurter Ausgabe.

Brecht“Das simple Leben lebe, wer da mag! / … / Was hilft da Freiheit? Es ist nicht bequem. / Nur wer im Wohstand lebt, lebt angenehm!” (“Die Ballade vom angenehmen Leben”, aus der “Dreigroschenoper”)

Das Buch von Knopf ist umfangreich, dicht und detailgetreu. Auf jeder Seite spürt man die besondere Verbundenheit des Verfassers mit diesem charismatischen, schwierigen Menschen, dem genialisch lebensprallen Künstler. Brecht habe ich mir immer so ähnlich wie Wolf Biermann vorgestellt. Kraftvoll, zugewandt, von sich überzeugt, immer zwischen sehr laut und zart leise wechselnd. Die Biographie ist in historische Abschnitte gegliedert: Von “Deutsches Kaiserreich (1898 – 1918)” bis “Deutsche Folgen (1945/47 – 1956)”. Brechts typischer Stil wird mit vielen eingefügten Zitaten gegenwärtig für den Leser. Über das Verhältnis zu seinen Frauen – häufig ja auch engste Mitarbeiterinnen – erfährt man mehr neue Einzelheiten, als dem Gesamtbild des Menschen und Dichters gut tut.

Dafür staunen wir über die Schaffenskraft dieses Berserkers, die uns Knopf im Vorwort demonstrativ auflistet:“Bertold Brecht schrieb im Laufe seines kurzen Leben 48 Stücke (Shakespeare 37), über 2300 Gedichte (Goethe, der allerdings älter wurde, über 3000), etwa 200 Erzählungen … und immerhin drei Romane.” Die Brecht-Biographie von Jan Knopf ist kein einfaches Buch. Es fordert den Leser, es seziert den Gegenstand und ich bin gespannt, ob es eine lohnende Lektüre für mich werden wird.

Lese-Dringlichkeit: Gleich nach Büchner (s. unten).

Kurt Tucholsky. * 9. Januar 1890 in Berlin, + 21. Dezember 1935 in Göteborg

Wahrlich “ein deutsches Leben”, wie es im Untertitel von Rolf Hosfelds Buch heißt. Und ein deutsches Leiden, ein Leiden durch und mit Deutschland. Tucholsky, der so hart und treffsicher formulieren konnte, dabei so empfindlich und empfindsam war, der leichtfüßigen Humor und Traurigkeit so wunderbar verbinden konnte, wie man es aus seinen autobiographisch angehauchten Erzählungen “Schloß Gripsholm” oder “Rheinsberg” kennt.

41342MYSH1L._“Es war ein bunter Sommertag – und wir waren sehr froh. Morgens hatten sich die Wolken rasch verzogen; nun legte sich der Wind, und große, weiße Wattebäusche leuchteten hoch am blauen Himmel, sie ließen die gute Hälfte unbedeckt und dunkelblau – und da stand die Sonne und freute sich.” (“Schloss Gripsholm”)

Rolf Hosfeld hat bereits eine sehr beachtete Karl-Marx-Biographie geschrieben. In seiner neuesten Monographie stellt er neben dessen Werken, Tucholskys geographischen, sprachlichen und geistigen Heimatverlust durch die Machtergreifung der Nazis in den Mittelpunkt. “Innerlich zerrissen, rast- und heimatlos führte er ein Leben zwischen Berlin, Paris und Schweden.” Ausführlich geht Hosfeld auch auf die Frauen ein, die in Tucholskys Leben eine wichtige Rolle spielten. Else Weil und Mary Gerold mit denen er verheiratet war und die Spuren in seinem Werk hinterließen, Lisa Matthias, die in zeitweise nach Schweden begleitete, Getrude Meyer, mit der in England war, Hedwig Müller bei der er über ein Jahr in Zürich lebte.

Von großer Bedeutung war die Beziehung zu Carl von Ossietzky, mit dem zusammen er für die “Weltbühne” arbeitete, und der sich 1932 für den berühmten Tucholsky-Satz “Soldaten sind Mörder” vor Gericht verantworten musste. Da wurde er noch freigesprochen, doch bereits im Februar 1933 sperrten ihn die neuen Machthaber ins Konzentrationslager. Am 7. März 1933 erschien die letzte Nummer der “Weltbühne”, am 10. Mai fanden die ersten großen Bücherverbrennungen statt, am 23. August wurde Kurt Tucholsky, der sich in Schweden aufhielt, von den Nationalsozialisten offiziell ausgebürgert.

Hosfelds Biographie ist eine journalistische Arbeit, die mit wissenschaftlicher Sorgfalt geschrieben wurde und sehr gut lesbar ist. Nach den zahlreichen Mord- und Gewalttaten von Rechts in den letzten Jahren, in Zeiten wieder oder immer noch salonfähiger religiöser Intoleranz und teilweise unverhohlenem Rassismus, zum Zeitpunkt eines großen Neo-Nazi-Prozesses in München, ist es mehr als naheliegend sich mit Leben und Werk dieses konsequenten Pazifisten und Antifaschisten zu beschäftigen.

Lese-Dringlichkeit: Gleich nach dem “Brecht”. Zwei großartige Schriftsteller, zwei deutsche Lebensläufe, die ein wichtiges Gegengewicht zu aktuellen Zeiterscheinungen vermitteln. Zwei Bücher, die in die Schaufenster aller Buchhandlungen der Berliner Republik gehören.

Guiseppe Verdi. * 10. Oktober 1813 in Le Roncole, nahe Parma, + 27. Januar 1901 in Mailand

Richard Wagner. * 22. Mai 1813 in Leipzig, + 13. Februar 1883 in Venedig

Zur Einstimmung auf die nächsten Abschnitte habe ich ein CD eingelegt und es wären nun eigentlich zwei Komponisten mit ihren Biographien an der Reihe, die beide vor 200 Jahren geboren wurden. Doch während ich Arien aus “La Traviata” höre, kommen mir Zweifel, ob ich nicht den verträglichen Umfang eines einigermaßen lesenswerten Blog-Artikels sprenge, wenn ich die Bücher zu Verdi und Wagner so ausführlich darstelle, wie die über meine Dichter. Zumal ich alles andere als ein Musikspezialist bin. Deshalb sei in aller Kürze darauf hingewiesen, dass die einschlägigen Titel in den Literaturangaben am Ende des Beitrags aufgeführt sind: Die Bücher von Rosselli und Schwandt (Neuauflage) zu Verdi und die Biographie von Geck über Wagner (über den im Jubiläumsjahr noch sehr viel mehr Neues erscheint).

Und nur noch dies zur Ergänzung: Wagner und Verdi waren klassische Antipoden ihrer Zeit, in ihren Lebensentwürfen und den verwirklichten Kunstvorstellungen. Dazu bietet sich als alternative und sehr unterhaltsame Lektüre der Verdi-Roman von Franz Werfel an. Einer der Handlungsstränge des Buches ist der Rivalität zwischen Wagner und Verdi gewidmet und endet mit dem Tode Wagners in Venedig (!). Ein anderer dreht sich um den  Marchese Gritti, der die meisten Abende seines hundertjährigen Lebens in der Oper verbracht hat. “Der Marchese war neunundzwanzigtausenddreihundertundsiebenundachtzigmal im Theater gewesen, hatte neunhunderteinundsiebzig verschiedene Werke gehört… “ Der Roman gehört zu den schönsten, heute noch lesenswerten Büchern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Georg Büchner. * 17. Oktober 1813 in Goddelau nahe Darmstadt, + 19. Februar 1837 in Zürich

Hermann Kurzke lehrte viele Jahre als Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte in Mainz. Er ist ein bekannter und anerkannter Thomas-Mann-Spezialist, u. a. Mitherausgeber der “Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe”. Sein 1999 erschienenes und längst zum Standardwerk gewordenes Buch “Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk” setzte Maßstäbe sowohl der Biographik als auch der Werkinterpretation. Jetzt hat er sich mit großer Lust und Hingabe mit Georg Büchner beschäftigt. Kurzke, der in Mainz ein Gesangbucharchiv aufgebaut hat und dieses bis heute betreut, fand “Georg Büchner sei ein erfrischendes Kontrastmittel zum Kirchenlied.” Frisch und mitreisend ist in der Tat das vorliegende Werk “Georg Büchner. Geschichte eines Genies”.

“Den 20. ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.” Die ersten Sätze von Georg Büchners Erzählung “Lenz”, die ich bereits als Schullektüre kennenlernte. Über den tragischen Lebenslauf des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz habe ich später vor allem bei meiner Beschäftigung mit Goethe und seinem Umfeld mehr erfahren. Büchners Theaterstück Woyzeck konnte ich sowohl als Original-Sprechstück sehen, wie auch in der Alban Bergschen Opern-Interpretation erleben.

ln Kurzkes Buch lernt man einen neuen Büchner kennen. Einen anderen, als den, den wir bisher zu kennen glaubten: den politisch engagierten Dichter, den jungen Revoluzzer. Bei Kurzke erfahren wir, dass er selbst sich nicht in erster Linie als Dichter verstand und nicht der Aufrührer und Anzettler war, als der er vielfach dargestellt wurde. Georg Büchner studierte ja Medizin und seine eigentliche Leidenschaft waren die Naturwissenschaften. Doch der frühe Tod hat die eingeschlagene Laufbahn beendet, bevor sie richtig beginnen konnte.

Im Büchner-Buch von Hermann Kurzke werden die Werke Büchners natürlich angemessen gewürdigt. Doch der Autor macht deutlich, dass Büchner selbst seinen “Landboten” für unreif und den “Woyzeck” für unfertig hielt. Dass ihm seine Doktorarbeit über das Nervensystem der Barben wichtiger war als alles Dichten. Büchner war immer jung, unfertig. Ein Genie freilich, von dem wir aber nicht wissen können, was aus ihm im Laufe eines längeren Lebens, mit der Möglichkeit zu reifen, sich zu entwickeln, geworden wäre. “Das Verstandene ist das Tote, nur das Unverstandene lebt und lockt. Was endgültig durchschaut ist, wird abgehakt und aufgeräumt. Was noch ein Geheimnis hat, fasziniert hingegen,” schreibt Hermann Kurzke. Sein neues Buch ist eine fesselnde und fundierte Lektüre über das Geheimnis Georg Büchner.

Lese-Dringlichkeit: Ich bin mittendrin.

Pfotenhauer, Helmut: Jean Paul. Das Leben als Schreiben. Biographie. – Hanser, 2013. Euro 27,90

Bruyn, Günter de: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Eine Biographie. Überarb. Neufassung. S. Fischer, 2013. Euro 21,99

Knopf, Jan: Bertold Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten. Biografie. Hanser, 2012. Euro 27,90

Hosfeld, Rolf: Tucholsky. Ein deutsches Leben. Biographie. – Siedler, 2012. Euro 21,99

Rosselli, John: Guiseppe Verdi – Genie der Oper. Eine Biographie. – Beck, 2013. Euro 21,95

Schwandt, Christoph: Giuseppe Verdi. Die Biographie. Aktualisierte Neuausgabe. Insel, 2013. Euro 10,99

Geck, Martin: Wagner. Biographie. – Siedler, 2012. Euro 24,99

Werfel, Franz: Verdi. Roman der Oper.  u. a. als Fischer TB, Euro 12,95

Kurzke, Hermann: Georg Büchner. Geschichte eines Genies. Beck, 2013. Euro 29,95

Schöne Bescherung! – Der Gabentisch 2012

„Lesen ist nicht wie Musik hören, lesen ist wie musizieren.“ (Martin Walser)

Lichterglanz und Glockenbimmel. Schneegestöber, Glühweindampf und Bratwurstduft. Schon ist es wieder Mitte Dezember. Höchste Zeit für den Weg in die festlich dekorierte Lieblingsbuchhandlung. Gönnen wir uns in diesen kalten Tagen ein erwärmendes Schnupper- und Einkaufserlebnis in originellen, breit sortierten kleinen Handlungen fürs gute alte, immer wieder schön gedruckte und gebundene Buch. Hier sind meine Ideen für den Gabentisch, für unter die Tanne-Fichte, zum den Nächsten und Liebsten in die Hand drücken, oder zum Sichselbstbeschenken.

Rammstedt. In diesem Herbst ist auch der lustige, erstaunlicherweise aus Bielefeld stammende (doch längst in Berlin ansässige) Tilman Rammstedt (“Der Kaiser von China”) wieder mit einer Neuerscheinung vertreten. Und die hat es in sich. In “Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters” geht es viel weniger um den Bankberater eines Protagonisten namens Tilman Rammstedt, als vielmehr um dessen Briefwechsel mit dem american heroe Bruce Willis. “Sehr geehrter Herr Willis, geht es Ihnen gut?” Der Briefverkehr verläuft allerdings sehr einseitig, denn der Schauspieler antwortet nicht. Was sich daraus entwickelt, und wie es mit dem Bankberater weitergeht ist virtuos und hochkomisch. Ein Buch für alle, die sich einfach einmal richtig amüsieren möchten. (Dumont, 2012. Euro 18,99)

Haas. Wenn es jemanden gibt der den “neuen Haas” noch nicht hat, kennt oder las, sollte man diesen Menschen auf jeden Fall mit der “Verteidigung der Missionarsstellung” beglücken. Im Gegensatz zu dem, was der Titel vielleicht vermuten lässt, handelt es sich keineswegs um eine nahe Verwandtschaft der Grauschatten-Machwerke. Raffiniert, witzig und spannend, wird uns hier echter Unterhaltungs-Mehrwert auf überdurchschnittlichem Niveau geboten. Für den erstmal auf den Geschmack gekommenen Leser leider viel zu kurz. (Hoffmann und Campe, 2012. Euro 19,90)

Suter. Die Zeit, die Zeit. Mit diesem – einem Seufzer gleichen – Titel führt uns Martin Suter einmal mehr einen seiner leicht unbedarften Helden vor, die gerne, jedoch selten freiwillig, an allerhand Ecken und Kanten ihres Schicksals stoßen. Klassisch erzählt, flüssig zu lesen, durchaus doppelbödig. Ein Spiel mit der Zeit und auf Zeit. Suter endlich wieder auf dem Höhepunkt seines erzählerischen Könnens. Kleinkinder einmal ausgenommen, kann das Buch problemlos an breite Leserschichten verschenkt werden. (Diogenes, 2012. Euro 21,90)

>>> Haas und Suter wurden auf con = libri bereits ausführlich besprochen. <<<

Russisch 1. Vladimir Sorokin schreibt fabelhaft, satirisch, grotesk. Es ist stets feinderbes Erzählwerk, das einer der wichtigsten Autoren des heutigen Russland präsentiert. In “Der Schneesturm” erleben wir den Landarzt Garin im Kampf gegen eine rätselhafte Seuche, bzw. auf seinem Weg zum Kampf. Sein größter Gegner sind dabei der russische Winter und die märchenhaften Ereignisse, die sich auf der Fahrt zum Einsatzort abspielen. Die Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich dem guten Doktor immer wieder in den Weg stellen, sollen, so Kenner, jedenfalls sehr viel Ähnlichkeit mit den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen im Putin-Reich haben. Für alle Freunde surrealer Geschichten; trotz Schneegestöber-Idylle nicht jugendfrei. (Kiepenheuer & Witsch, 2012. Euro 17,99)

Russisch 2. Seit ich den Bonner Verleger Stefan Weidle auf der Tübinger Sahl-Tagung erleben durfte (s. dazu auch den letzten Beitrag auf con = libri), habe ich auf das Programm seines Verlages ein besonderes Auge geworfen. Hier ist immer wieder Überraschendes zu entdecken. Wie jetzt “Die Manon Lescaut von Turdej” von Wsewolog Petrow. Ein schmaler Band mit einer nicht allzu langen Erzählung. Man darf die Frage stellen, ob sie ein eigenes Buch wert ist. In diesem Fall kann das rasch und klar mit Ja beantwortet werden. Bemerkenswert, hinreißend, todtraurig. Ein Petersburger Intellektueller, im petrow_1Krieg mit einem Krankentransport unterwegs, den “Werther” (vom größten Dichter des größten Feindes geschrieben) auf Deutsch lesend, lernt das Mädchen Vera kennen und – das Klischee muss hier sein – er verfällt ihren Reizen: der physischen Präsenz, ihrer Jugend, ihrem Anderssein. Es ist der Zauber des Gewöhnlichen, der ihn anzieht, die lebenshungrige Gegenwärtigkeit eines flatterhaften Wesens. Sie kann halt lieben nur… Die Geschichte entstand bereits 1946, erschien aber erstmals 2006 in einer russischen Zeitschrift. Petrow war eigentlich Kunsthistoriker und lebte von 1912 bis 1978. Das schmächtige Buch wurde von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats November gewählt; auf der aktuellen SWR-Bestenliste belegt es Platz 8. Das sehr informative Nachwort hat Oleg Jurjew geschrieben; die Germanistin Olga Martynova kommentierte einige wesentliche Passagen. (Weidle Verlag, 2012. Euro 16,90)

Russisch-Deutsch. Olga Martynova ist selbst eine interessante Autorin. Von ihr liegen Gedichte, Prosa und Essays vor. Sie stammt aus Russland, lebt seit über zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt ihre Prosawerke in deutscher Sprache. Der leicht experimentell und assoziativ erzählte Roman “Sogar Papageien überleben uns” war für mich eine wirkliche Entdeckung, das, was man gemeinhin ein Leseabenteuer nennt. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die zwischen Russland und Deutschland unterwegs sind. Wissenschaftler, Literaten, Künstler. Der Leser erfährt viel über die kulturellen Wechselwirkungen zwischen Ost und West. Die Erzählung kreist um ein dichtes Geflecht russisch-deutscher Literatur- und Liebesbeziehungen. Wir begleiten eine junge Literaturwissenchaftlerin auf ihrer sentimentalen Reise durch Gefühls- und Steppenwelten und erleben dabei rasche Richtungs- und Stimmungswechsel. In hintergründig philosophischen Passagen geht es zudem immer wieder um die allerletzten unsicheren Wahrheiten. Vielfach kommt das Buch auf Größen der russischen Literaturgeschichte zu sprechen. Hinweise, die zu weiterer Lektüre anregen können. Olga Martinova schreibt für geübte Leser. (Literaturverlag Droschl, 2010. Euro 19)
P. S.: “Mörikes Schlüsselbein” wird das nächste Buch von Olga Martynova heißen, auf das man schon sehr gespannt sein darf. Es wird im nächsten Frühjahr erscheinen. Mit der Lesung eines Kapitels daraus (“Ich werde sagen: ‘Hi’) gewann sie im Sommer den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb.

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Foto: Wiebke Haag

Exkurs. Eine kleine Hinwegführung von den rein erzählerischen Werken, hin zu einem sehr empfehlenswerten Essay-Band des bisher vorwiegend als Übersetzer bekannten Joachim Kalka. Seine zugleich leichtfüßigen und dichten Arbeiten sind in “Die Katze, der Regen, das Totenreich. Ehrfurchtsnotizen” versammelt. Ein Titel der bewusst gewählt wurde und bereits einiges über den Inhalt verrät ohne auch nur andeuten zu können, wie komplex die einzelnen Stichworte und Themen abgehandelt werden. Großartige Kabinettstückchen. Eine Liebeserklärung an Bücher, Geschichten und Dichter. Hier schwadroniert ein im besten Sinne chronisch Lesewütiger, ein kenntnisreicher Literat und für jene gleich mit, die wie er, vom Lesen nicht lassen. Das ideale Geschenk für Menschen, die auf dem Fundament einer soliden Allgemeinbildung stehen. (Berenberg, 2012. Euro 20)

Krimi 1. Noch einmal zurück nach Russland. Zu den führenden Kriminalschriftstellerinnen des Landes gehört seit etlichen Jahren Polina Daschkova, von der bereits zahlreiche Werke in deutscher Übersetzung vorliegen. Das neueste trägt den etwas allerweltlichen Titel “Bis in alle Ewigkeit.” Darin soll eine junge Biologin an einem internationalen Forschungsprojekt auf Sylt mitarbeiten. Sie merkt bald, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugeht. Auch der kürzliche Tod ihres Vaters scheint dabei eine Rolle zu spielen. Daschkovas Stärken sind neben dem gekonnten Aufbau sehr spannender, breit angelegter Geschichten, die Schilderung glaubhafter Figuren, mit ihren Schicksalen, ihrem Alltag. Die meist ausführlichen Biographien werden geschickt in die Handlungsabläufe eingewoben und wir erfahren durch sie einiges über das Leben der Menschen im Russland unserer Zeit. Für Krimileser, die mehr als Mord und Totschlag wollen. (Aufbau Taschenbuch, 2012. Euro 10,99)

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Foto: Jan Haag

Krimi 2. Der neue Dühnfort erscheint Ende der Woche! Nichts gegen die fabelhaft tapfere Nele Neuhaus. Obwohl für meinen Geschmack die Zahl der Handlungsfäden in ihren Büchern etwas zu hoch ist – die Frau schreibt Klasse. Doch mein liebster deutscher Ermittler ist derzeit der Kommissar Dühnfort, dessen Erlebnisse die Münchner Schriftstellerin Inge Löhnig ersinnt. Ihr neuer Roman heißt “Verflucht seist Du”, ist der inzwischen fünfte, und die Entstehung des Buches wurde von einer großen Fangemeinde das ganze Jahr über auf Facebook mit großer Spannung verfolgt. So ist auch die Zahl der Vorbestellungen im Buchhandel bereits beträchtlich. Die bisherigen Bände überraschten und überzeugten mit ihren stimmigen, realitätsnahen Plots, dem hohen Spannungsfaktor und lebensechten Figuren. Dazu kommen wiedererkennbare Lokalitäten in und um München herum, ohne dass dabei einer der vielen nicht immer leicht erträglichen Provinz-Krimis herauskommt. Das hat vielmehr wirklich Stil, wie ihn auch die Hauptfigur, ein wählerischer Espresso- und Weißwein-Trinker, repräsentiert. Die nicht immer geradlinig verlaufenden Entwicklungen der wichtigsten Mitwirkenden sind mindestens so interessant wie die eigentliche Krimihandlung. Für alle, die immer noch nicht glauben wollen, dass es auch tolle Deutsch schreibende “Crime-Ladies” gibt. (List Taschenbuch, 14. Dezember 2012. Euro 9,99)

Krimi 3. “Denn die Gier wird euch verderben”. So pseudo-alttestamentarisch heißt die neueste Geschichte aus dem nordischen Mordloch Kiruna. Ein durchaus exotischer Schauplatz, den die schwedische Autorin Asa Larsson für sich entdeckt hat. Ihre Staatsanwältin Rebecka Martinsson macht sich einmal mehr auf, den zahlreichen verbrecherischen Spuren im Provinzsumpf zu folgen. Auf der Suche nach Mörder oder Mörderin stößt sie auf Geheimnisse deren Ursprünge bis ins Jahr 1914 zurückreichen, gerät in höchste Kreise und natürlich auch wieder in ebensolche Gefahren. Schmackhafte Krimi-Kost, angereichert mit einer Portion Gesellschaftskritik und gewürzt mit einer Prise Gewalt. Für Freunde der hohen skandinavischen Verbrechensrate eine gern genommene Neuerscheinung. (C. Bertelsmann, 2012. Euro 19,99)

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Eine musikalische Zugabe. “Passe passe le temps il n’y en a plus pour très longtemps.” Eben. Nur graugruftige Überbleibsel wie ich werden sich noch an dieses oder andere Chansons eines bärtigen, großgewachsenen Herrn erinnern. An die Chansons von hauchzarter, schlichtstarker Ausdruckskraft des großartigen, inzwischen schwer in die Jahre gekommenen, George Moustaki. Le Métèque. Ma Liberté. En Mediterranée. Ein Hauch mediteranes Lebensgefühl ist es auch, die diese einfachen, aber eindringlichen Lieder in den kalten deutschen Winter bringen. Marina Rossell hat 12 Moustaki-Titel wiederbelebt und singt sie mit kräftigem klarem Alt und in katalanischer Sprache. Das klingt wunderschön, vertraut und neu zugleich. Beim Titel “Màrmara” haucht auch noch der alte Meister selbst mit. Geschenkeignung: 45 plus undoder ausgesprochene Liebhaber der katalanischen Sprache (wer sie beherrscht kann mitsingen!). (“Marina Rossell canta Moustaki”, beim Label “world village” von harmonia mundi)

„Es gilt, noch viel zu wagen…“

Theodor Kramer und Wenzel


In der aktuellen Auflage von Rothmanns „Kleiner Geschichte der deutschen Literatur“ ist er nicht zu finden. Dort wird ein zeitgenössischer Heiterling namens Otto Waalkes gewürdigt; den Namen Theodor Kramer sucht man jedoch vergebens im Register. Im großen und neuesten „Kindler“ werden wir fündig. Das Literaturlexikon kennt den Schöpfer „dieser eigenwilligen Lyrik, die sich allen Etikettierungen widersetzt.“

Theodor Kramer schrieb ausschließlich Lyrik. Es wird geschätzt, dass er im Laufe seines Lebens über 10.000 Gedichte geschrieben hat. Jene, die Schubladen brauchen, verliehen das Etikett „soziale Lyrik“; er selbst sah sich als Mittler zwischen denen, die im Strom problemlos mitschwimmen können und „denen, die ohne Stimme sind.“

Theodor Kramer wurde am Neujahrstag des Jahres 1897 im niederösterreichischen Niederhollabrunn geboren. Er arbeitete zunächst als Buchhändler und Vertreter; ab Anfang der 1930er Jahre war er ein sehr erfolgreicher, im ganzen deutschen Sprachraum bekannter Schriftsteller. Er stammte aus einer jüdischen Familie; politisch stand er auf der Seite der sozialdemokratischen Bewegungen.

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In einem Antiquariat des Ceausescu- und Securitate-Bukarest der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, erwarb Herta Müller für einen rumänischen Leu das Buch „Die Gaunerzinke“ von Theodor Kramer. Ein Leu entsprach damals dem Gegenwert einer, in sozialistischen Staaten äußerst preiswerten, Straßenbahnfahrt. Den Autor kannte die junge Frau und angehende Schriftstellerin bis dahin noch nicht. Herta Müller war als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien bereits in den Focus des berüchtigten Geheimdienstes des totalitären Regimes geraten und fand sich und ihre Welt in den Gedichten über Verfolgung, Tod, Gefängnis und Flucht sofort wieder. „Kein anderer Autor fand für das Schwerste so leicht einen Klang, keiner war so mündlich im Ton und so einprägsam wie die schönsten rumänischen Volkslieder.“

Etwa 25 Jahre später gab Herta Müller, die inzwischen längst in Berlin lebte, einen Sammelband des Dichters Kramer heraus und verfasste dazu das Nachwort. Das Buch trägt den Titel „Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan.“ Mit diesen Versen beginnt das erste Gedicht des Buches:

„Mein Bruder Aron Lumpenspitz, / was hast du dich erhängt / und mich allein gelassen / in Stuben und auf Gassen, / wo nachts das Grauen hängt?!“

Kramer versuchte hier die Stimmung zur Zeit des Nationalsozialismus und der Judenvernichtung wiederzugeben. Nach dem Einmarsch von Hitlers Truppen in Österreich und dem – nicht nur erzwungenen – Anschluss des Landes an Deutschland, hatte der Schriftsteller die Gefährdung für sich und seine Frau lange unterschätzt. Erst im Februar 1939 floh zunächst Inge Kramer-Halberstam mit der Unterstützung Thomas Manns, Franz Werfels und Arnold Zweigs nach London. Auf Intervention des englischen PEN konnte im Juli auch Theodor Kramer sein Heimatland verlassen und nach England ausreisen. In dem Gedicht „Verbannt aus Österreich“ versuchte er sein Gefühlsleben im Exil in Worte zu fassen:

„Schon dreimal fiel und schmolz der Schnee; / wie lang noch, daß ich nicht vergeh, / verbannt aus Österreich.“

Im Dezember 1946 kehrte er nach Hause zurück. Im Wiener Globus-Verlag erschienen bald zwei Bücher. Eine zaghafte Anerkennung durch die Nachkriegsgesellschaft für einen Autor setzte ein, der während der Kriegsjahre in Vergessenheit geraten war. Doch sein Leben war in den folgenden Jahren von Krankheit geprägt. Theodor Kramer starb am 3. April 1958. Seine poetische Kraft, sein wacher Sinn für soziale Realitäten, sein sanfter aber eindringlicher Ton bleibt in seinen Gedichten erhalten. Wie zum Beispiel in „Wann sich im Herd die Asche wellt“ (das „wann“ ist hier eine wienerische Variante von „wenn“):

„Wann sich im Herd die Asche wellt / Und durch das kalte Gitter fällt / Und sich im Winkel find’t kein Scheit / Ist es die allerbeste Zeit / Um von der Glut zu schreiben.

Wann still es wird im fremden Land / Und der Kumpan, wozu er stand / Verriet und gut dabei gedeiht / Ist es die allerbeste Zeit / Um von der Glut zu schreiben.“

Auf dem Buchmarkt ist derzeit leider nur eine einzige Gedichtsammlung Kramers zu bekommen. Sie trägt den Titel „Laß still bei dir mich liegen“ und enthält ausschließlich Liebesgedichte. Der Dichter hat viel über dieses facettenreiche Thema geschrieben; inhaltlich reicht dabei das Spektrum von zarter Anbetung bis zu drastischer Erotik. Wie ein Lebensmotto, das durchaus auch auf dem Grabstein einer Janis Joplin oder Ingeborg Bachmann stehen könnte, liest sich die letzte Strophe seines „Nachtlieds“:

„Allen, die’s zu üppig treiben, / allen, die sich früh zerreiben, / allen die dies glücklich macht, / wünsch ich eine gute Nacht.“

***

Kurz, prägnant und doch vieldeutig: „Wenzel“ nennt sich der aus dem Wittenberger Ortsteil Kropstädt stammende Künstler Hans-Eckardt Wenzel. Ein Liedermacher, Sänger, Komponist, Dichter und Clown. Dass er nicht ganz den populären Bekanntheitsgrad wie ein Konstantin Wecker oder Hannes Wader erlangte, hat zum einen damit zu tun, dass er aus dem Osten Deutschlands stammt, dort auch hauptsächlich sein Publikum findet, sich zum anderen den heute gängigen Medienkonventionen weitestgehend entzieht.

Wenzel hat sich längere Zeit intensiv mit dem Werk Theodor Kramers beschäftigt und in den letzten Jahren zahlreiche Texte vertont und interpretiert. Das Ergebnis ist eine harmonische Zusammenführung von Text und Musik, als hätten Kramers Verse seit Jahrzehnten darauf gewartet, so in Noten gesetzt und vorgetragen zu werden. Für die expressive, teils sozialromantische, teils sozialkritische Lyrik des Österreichers hat Wenzel passende, schlichte Melodien gefunden, die allerdings raffiniert arrangiert und von Musikern gespielt wurden, die ihre Instrumente (oft mehrere) beherrschen.

Aus dieser Arbeit sind zwei CDs hervorgegegangen: “Lied am Rand” und “Vier Uhr früh”. Wenzel ist ein Volkssänger und -dichter im ganz urspringlichen Sinn, ein Komödiant und Musikant, wie er auch von Kramer erdacht und bedichtet sein könnte:

“Darf nicht ruhn, muß Straßen weiter; / Denn bald bin ich nicht mehr da, / und es spielt die Stadt kein zweiter / so die Ziehharmonika.”

Zur Leipziger Buchmesse im März erscheint nach etlichen Jahren endlich auch wieder ein Gedichtband von Hans-Eckardt Wenzel. “Seit ich am Meer bin”, kommt im Berliner Verlag Matrosenblau heraus. Die Premiere wird mit einer musikalischen Lesung am 16.3. in der Leipziger Schaubühne Lindenfels gefeiert. 2010 erschien Wenzels 30. CD “Kamille und Mohn”. Mit dem Lied “Krise” steht er derzeit auf Platz 1 der Liederbestenliste.

Das Zitat im Titel dieses Blog-Beitrags stammt aus Theodor Kramers Gedicht “Oh, käms auf mich nicht an.” Es wurde von Wenzel ebenfalls vertont und gesungen und gehört zu den schönsten Liedern der CD “Vier Uhr früh”. Drum sei zum guten Schluß, die letzte Strophe hier zitiert:

“Wann unser immer einer / Sich fallen läßt und fällt, / so wird um ihn gleich kleiner / und ärmer diese Welt / Es gilt, noch viel zu wagen, / wieviel mir auch verrann / oh, könnt ich doch noch sagen: / Es kommt auf mich nicht an.”

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Kramer, Theodor: Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan. Gedichte. – Hrsg. und mit einem Nachwort von Herta Müller. – Wien, 1999. (Vergriffen, nur noch antiquarisch zu bekommen.)

Kramer, Theodor: Laß still bei dir mich liegen. Liebesgedichte. – Erweiterte Neuausgabe. – Wien, 2005

Weitere Informationen zu Theodor Kramer findet man bei der Theodor-Kramer-Gesellschaft, Wien.

Und hier geht es zu Wenzel.

(Bei der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien, bedanke ich mich für die Genehmigung das Foto Theodor Kramers verwenden zu dürfen.)

Ännchen von Tharau

Vor einiger Zeit veranstaltete die Zeitschrift „chrismon“ eine Leser-Umfrage. Sie wollte die Top Ten der Volkslieder ermitteln. Hitlisten waren und sind angesagt; das Ergebnis dieser sah so aus:

Platz 3: Kein schöner Land in dieser Zeit

Platz 2: Die Gedanken sind frei

Platz 1: Der Mond ist aufgegangen

Die Top Ten und sieben weitere Lieder wurden von dem Leipziger Ensemble „Calmus“ auf einer CD eingespielt, oder besser eingesungen, die den Titel „Lied:gut! Die schönsten deutschen Volkslieder“ trägt, in der edition chrismon erschienen ist und nur wärmsten empfohlen werden kann, da es sich bei dieser a-cappella-Gruppe um gut ausgebildete Sänger aus dem Kreis des Thomaner-Chors handelt. Sie sind in vielen musikalischen Genres zu Hause, von Bach über Jazz bis Pop. Ihre Volkslieder-CD enthält übrigens am Ende ein Angebot zum Mitsingen.

Mein liebstes Volkslied kam nur auf Rang sieben. Es heißt Ännchen von Tharau und die erste Strophe hat diesen Text:

Ännchen von Tharau ist’s, die mir gefällt, / sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld. / Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz / auf mich gerichtet in Lieb und in Schmerz. / Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, / du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!

Nach heutigen Maßstäben würde man diese Verse wohl kitschig nennen. Allerdings stammen sie von Simon Dach, einem ostpreußischen Dichter, der von 1605 bis 1659 lebte; in einer Zeitspanne, die geprägt war von der großen europäischen Tragödie des Dreißigjährigen Krieges. Elend und Verzweiflung dieses Zeitalters klingen in der zweiten Strophe des „Ännchen“ an:

Käm alles Wetter gleich auf uns zu schlahn, / wir sind gesinnt beieinander zu stahn. / Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein / soll unsrer Liebe Verknotigung sein. / Ännchen von Tharau …

Zusammenhalt und Schicksals-Genossenschaft in seiner häufigsten und schönsten Form, der Liebe zwischen Mann und Frau, als Hoffnungsfunken in einer Zeit, einer Gegenwart, die den Menschen wenig Hoffnung und Zukunft zu bieten hatte. Diese Liebe muss dabei nicht einmal unbedingt realisiert werden; es reicht der Glaube an sie, um das Leben, zumindest in Gedanken, zu einem sinnvollen, lebenswerten zu machen. Und so heißt es folgerichtig in der dritten Strophe:

Würdest du gleich einmal von mir getrennt, / lebtest, da wo man die Sonne kaum kennt; / ich will Dir folgen durch Wälder, durch Meer, / durch Eisen, durch Kerker, durch feindliches Heer. / Ännchen von Tharau …

Neben der Interpretation durch das Calmus Ensemble, hat mich besonders jene von Annette Dasch beeindruckt. Zuerst war ich irritiert. Es ist kein Lied, von dem man erwartet, dass es von einer Frau gesungen wird; noch dazu von einer der derzeit besten deutschen Opern-Soprane. Doch Dasch gelingt es in hervorragender Weise, die Intentionen des Dichters, sowie Sehnsucht, Melancholie und Verzweiflung, die mit dieser Liebe verbunden sind, zum Ausdruck zu bringen. Ihre Version in der bekannten Vertonung von Friedrich Silcher aus dem 19. Jahrhundert, findet man auf der im letzten Jahr bei Sony erschienen CD „Wenn ich ein Vöglein wär – Deutsche Volkslieder“.

Herbst-Lese (1)

Martin von Arndt: Der Tod ist ein Postmann mit Hut

Bei diesem Buch hatte ich auf den ersten Seiten zunächst einen kleinen Naja-Effekt. Naja, ob das was ist? Einige Seiten hat es schon gedauert bis sich Leselust einstellte, Geschichte und Autor mich für sich gewonnen hatten. Die Geduld wurde belohnt.

vArndt_PostmannJulio C. Rampf ist Musiker. Seinen Lebensunterhalt verdient er in einem Studio, das Hintergrundmusik für asiatische Restaurants produziert. Pop-Klassikern wird dabei ein unaufdringliches, breit einsetzbares  Sound-Kleid verpasst. Der Liebe zuliebe war Julio vor Jahren nach Innsbruck gezogen. Jetzt ist die Ehe gescheitert, die Liebe ausgezogen und unser Held mäandert orientierungslos durch die bergumzäunte Landeshauptstadt. Aus dieser und den anderen österreichischen Landeshauptstädten bekommt er nach und nach und jeweils jeden ersten Mittwoch im Monat einen eingeschriebenen Brief ohne Absender, aber mit verblüffendem Inhalt. Diese irritierenden Einschreiben bringt der immer gleiche, titelgebende Postmann mit Hut, dem seine Zubringerdienste vom Empfänger regelmäßig mit einem Schnaps entgolten werden.

Aus der rätselhaften Geschichte entwickelt sich ein Fast-Kriminalfall, der zunehmend an Dichte und Dramatik gewinnt und überraschend endet. Eine wichtige Rolle spielt dabei der ehemalige Polizist Holetschek, mitsamt Hund, den Rampf zunächst zu Rate zieht, der ihm aber immer mehr zum väterlichen Freund und jazzenden Session-Partner wird. Die beiden wechseln problemlos zwischen Tiefsinn und Spürsinn und begegnen während der gemeinsamen Aufklärungsarbeit allerhand randständigen Figuren der Innsbrucker Halb- und Zwischenwelt.vArndt

Von Arndt erzählt in einer bildreichen Sprache, dem Schauplatz entsprechend mit deutlichem tiroler Akzent. Neben dieser Sprachkulisse trägt die Stadt Innsbruck, die wahre Perle Tirols, sehr zur Illustration des Geschehens bei. Das Buch ist darüber hinaus durchsetzt mit musikalischen Bezügen und Anspielungen; eine ganze Reihe klassischer Jazz- und Pop-Titel werden erwähnt. Praktischerweise findet man deshalb am Ende des Buches eine „Playlist.“

Der „Postmann“ ist der zweite Roman des 1968 geborenen Martin von Arndt. Sein erster, der 2007 erschien, heißt „ego shooter“. Eine Geschichte aus der Welt der Computer-Freaks, die sehr positiv aufgenommen wurde. Außerdem hat der Autor Lyrik, Theaterstücke und Sachbücher geschrieben. Er wurde unter anderem mit dem „Großen Literaturstipendium“ des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Von Arndt lebt als Musiker und Schriftsteller in Stuttgart. Aus seinem neuen Buch liest er am 17. Oktober in Rottweil, am 25. Oktober in Ludwigsburg und am 1. November in Tübingen.

Arndt, Martin von: Der Tod ist ein Postmann mit Hut. Roman. – Klöpfer & Meyer, 2009. Euro 17,90.

Buchenwald

„Ich würde es genau so wieder machen.“ (Sophie Scholl)

Wenn irgendwo in der Welt US-Präsident Obama angekündigt wird, können sich einheimische Bevölkerung und Touristen auf massive Einschränkungen ihrer persönlichen Bewegungsfreiheiten gefasst machen. Offensichtlich eines der Opfer, das man der Präsenz herausgehobener, selbst demokratisch gewählter, Persönlichkeiten bringen muss. So geschehen, Freitag, den 5. Juni, in Weimar. Diesen Tag hatte ich zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt als der amerikanische Präsident, für einen Besuch in Buchenwald eingeplant. Das erste Mal war ich im letzten Herbst dort. Nach Abschluss des offiziellen Bibliothekartags-Programms, wollte ich die nahe liegende Gelegenheit nutzen, meine Eindrücke zu vertiefen. Es wurde nichts daraus. Weil dem Nachkommen der Befreier Deutschlands von Nazi-Herrschaft, Überlebenden des Lagers und einer bundesdeutschen Bundeskanzlerin, der Vortritt zu lassen war. Obwohl so ein Präsident während seiner zügigen Weltvisiten viel zu sehen bekommt – gestern Kairo, heute Dresden und Buchenwald, morgen Paris und Normandie – und man sich fragt, ob er hinterher wirklich noch weiß, wo er eigentlich war – kann man seinen Besuch auf dem Schicksalshügel nordwestlich von Weimar nur begrüßen. Auch ist die Konstellation wirklich bemerkenswert: Ein farbiger Präsident der USA, eine weibliche Bundeskanzlerin, jüdische KZ-Überlebende, Seite an Seite in Buchenwald. Ich glaube, noch vor zehn Jahren hätte man eine solche Vorstellung wohl für Utopie gehalten. Schöne neue Welt; ausnahmsweise einmal gemeint wie geschrieben.

Meine persönlichen Eindrücke blieben also fürs Erste unvertieft und ich greife deshalb auf die Niederschriften nach meinem ersten Besuch zurück. Mitte September 2008 war es, dass ich im Rahmen einer Thomas-Mann-Tagung in Weimar, auch und endlich Buchenwald besuchte, nachdem ich mich bei vorherigen Weimar- und Thüringenbesuchen gedrückt und herausgeredet hatte.

*

Aus der Stadt hinaus führt die Straße sanft bergauf. Hinter der Stadtgrenze geht es noch einige Kilometer durch Buchen-, Eichen- und Mischwald. Die Landschaft der ganzen Umgebung ist so mythenhaft deutsch, dass noch bevor man das Lager erreicht, deutlich wird, welche Perversion Hitler und Konsorten eigentlich begangen haben. Es würde nicht überraschen wenn der Hof Buchel aus Thomas Manns Faustus – dem deutschen Buch des 20. Jahrhunderts – hinter der nächsten Straßenbiegung auftaucht. Das deutsche Buch, die deutsche Stadt, das deutsche KZ.

Die Straße besteht teilweise aus Kopfsteinpflaster, wie auf alten DDR-Straßen, teilweise aus Platten, wie sie beim NS-Autobahn-Bau verwendet wurden. Noch vor dem eigentlichen Konzentrationslager liegt links an freiem weitem Südhang, mit Blick zum Thüringer Wald, das monumentale, etwas martialische Denkmal.

Wenige hundert Meter weiter dann die Parkplätze, die Bushaltestelle, Orientierungstafeln, der Wegweiser zum Eingang. Zwischen Parkplatz und Eingang: Jugendbegegnungsstätte, Informationsstelle mit Buchhandlung, Museumscafè, einige leerstehende Blocks. Von hier aus rechts ganz hinten am Waldrand, lag der „Bahnhof“. Es gab eine eigene Bahnlinie von der Stadt hier hoch, der ehemalige Bahndamm ist bei der Anfahrt an manchen Stellen noch zu sehen, die Schienen sind entfernt. Alles ist sehr weitläufig und großzügig.

An das Eisentor, durch das man die eigentliche Lager-Anlage mit den Wohnbaracken, dem Appellplatz, der Häftlingskantine und dem Krematorium erreicht, wurde von innen, wie für die Ewigkeit geschmiedet: „Jedem das Seine.“ Eine tödliche Verdrehung jeder Vorstellung von Liberalität. Wenn man das Tor passiert hat, steht man auf einer großen baumfreien Fläche, die einen sanften Nordhang bildet. Man sieht über halb Thüringen. Was für ein unfassbar schöner Flecken Erde! Als ich dort stehe, weht ein kräftiger kalter Ostwind, kühlt die Backen, rötet die Haut. Die Buchen rauschen. Hier gingen Menschen in Rauch auf. Den Rauch aus dem hohen Schornstein des Verbrennungsgebäudes konnte man von der Stadt der Klassik aus sehen.

Jedem das Seine

Auf dem Ettersberg vor den Toren Weimars kamen vermutlich 51.000 Menschen ums Leben. Weitere wurden von hier in andere Lager gebracht, starben dort. Sie wurden erschossen, gehenkt, vergiftet, zu Tode gespritzt, zu medizinischen Versuchen missbraucht, schließlich verbrannt und verscharrt. Es waren Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Regimegegner, Zeugen Jehovas, später auch Kriegsgefangene. Als am 11. April 1945 die ersten Panzer der US-Armee in Buchenwald eintrafen, befanden sich noch mehr als 21.000 Menschen im Lager. Die eigentliche Befreiung des Lagers war ein Ergebnis aus Lageraufständen, dem Eintreffen der roten Armee und der baldigen Unterstützung der Amerikaner, die vom Nebenlager Ohrdruf nach Weimar gelangten. Die Bilder der nackten, dürren Gestalten mit Totenkopfgesichtern gingen um die Welt. Weimarer Bürger wurden von den Alliierten gezwungen diesen Anblick, und damit das vor ihrer Haustüre Geschehene, am Ort zu bezeugen. Zeugen, die, ebenso wie die alliierten Soldaten, jeder Art von Holocaust-Leugnern, seit Jahrzehnten für glaubhafte Aussagen zur Verfügung gestanden hätten.

Kaum hatte man sich 1945 vielstimmig und vielsprachig versichert, dass Solches nie wieder passieren dürfe, wurde Buchenwald schon von der Siegermacht Russland und später auch von der ihr verbündeten DDR als Gefangenen-Lager genutzt. Dort saßen Schuldige und Unschuldige ein. Den Wenigsten wurde ein ordentlicher Prozess gemacht. In diesem „Buchenwald 2“ starben mindestens 7100 Menschen. Sie wurden in Massengräbern beerdigt. Die Angehörigen erhielten keine offizielle Benachrichtigung. Und dies geschah nicht irgendwann im ach so finsteren Mittelalter, sondern lange nach dem Zeitalter der Aufklärung, lange nach Kant und Schopenhauer, nach Schiller und Goethe, nach Kaiserreich und Weimarer Republik, nach Tucholsky und Ossietzky – mitten im 20. Jahrhundert.

Auf dem Rückweg zum Auto kommt mir eine fröhliche Busfuhre, die fast nur aus Männern besteht, entgegen. Vielleicht ein Kegelausflug, möglicherweise Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr, irgendwo aus der Pfalz. Es wird gefeixt, schallend gelacht, auf Schultern geklopft – männlich selbstbewusst, seiner Sache sicher und daher unerträglich.

Dann fahre ich in langsamen Tempo fort und weiter, durch die Thüringer Landschaft, auf Nebenstraßen, durch kleine stille Dörfer, vorbei an graubraunen Kirchen, kleinen Friedhöfen, abgeernteten Feldern, schlafenden Katzen. Im Auto-Radio Mozarts Klavierkonzert in d-moll, das mit dem wunderbar tiefen Adagio. Musik, deren traurige Schönheit zu Tränen rührt und gleichzeitig die einzige Rettung aus tiefem Tal, die jetzt möglich scheint, und die irgendein Himmel, den es nach Buchenwald und Auschwitz eigentlich gar nicht mehr geben kann, geschickt haben muss.

Zwischenbericht

Leipziger Buchmesse 2009

Mehr oder weniger. Die Messeverantwortlichen glauben Jahr für Jahr die Qualität ihrer Veranstaltung über die Steigerungsraten von schierer Masse definieren zu müssen. Das ist wohl branchen- und wirtschaftsüblich. So kommt man dann in diesem Jahr auf erstaunliche und für die Messegesellschaft als Erfolgsnachweis sicher erfreuliche 2.300 Aussteller, 1.900 Veranstaltungen, 1.500 teilnehmende Autoren, die an 300 Spielstätten auftreten (Messegelände und Stadt). Schon zur Halbzeit waren 59.000 Besucher zu verzeichnen, was einer Steigerungsrate von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Irgendwann in den nächsten Jahren wird sich dieser Trend möglicherweise einmal umkehren. Wird dann Panik und Krisenstimmung ausbrechen? Oder wird man sich dessen erinnern, was man noch zu bieten hat: Neben Breite auch viel Qualität, neben oft mürrischen Ausstellern, viel fröhliches Jungvolk. Und nirgends sonst treffen sich so viele Leser. Finden sich so viele Menschen ein, die gleiches Interesse eint: Ihre Verbundenheit zur Literatur und ihren Protagonisten.

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Da ist Musik drin. Auch die Musikstadt Leipzig ist auf der Messe präsent. Und die Messebesucher wiederum sieht man natürlich auch in der Thomaskirche, im Gewandhaus, in der Oper und den vielen kleinen und größeren Musiktempeln der Off-Szene in Connewitz, Plagwitz und Sonstwitz.
Aufgefallen ist mir ein ganz kleiner Stand in der großen Glashalle. Er präsentiert: „Bach, Mendelssohn, Schumann. Wege zur Musik in Leipzig“. Hier haben sich die Leipziger Musikmuseen und -gedänkstätten zusammengetan. Dazu gibt es eine sehr schön gestaltete, mit vielen Klangbeispielen ausgestattete, Web-Site:
www.klangquartier.de

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Personenbeförderung. Etwas weit draußen ist das neue Messegelände in Leipzig ja schon. Dort hat es allerdings sehr großzügig, viel und schön Raum gefunden. Und man sollte es nicht versäumen aus der Innenstadt mit den Leipziger Straßenbahnen dorthin zu gelangen. Sie fahren in dichtem Takt und die Reise mit den Modellen der verschiedensten Bahnen-Generationen ist immer ein Ereignis. Manchmal geht es dabei etwas eng und hautnah zu und man hat so Gelegenheit die ersten Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen zu knüpfen. Wem das nicht behagt, der wartet einfach auf den nächsten Zug und findet in diesem wahrscheinlich wieder ein großzügigeres Platzangebot.

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Wo ist Kehlmann? Am Donnerstag-Nachmittag, als die Preise der Leipziger Buchmesse vergeben werden sollen, ist für alle nominierten Autoren ein Platz mit ihrem Namen reserviert. Den Namen Daniel Kehlmann sucht man vergebens. Ist damit von vornherein klar, dass der Jungstar bei der Preisvergabe leer ausgeht? Das würde dann aber schon stark nach Schiebung riechen. Und wo ist er dann, wenn er nicht hier ist?
Am nächsten Tag erfahre ich, dass er an diesem Tag in Köln ist. In Köln bei der Konkurrenz. Beim Liteaturfestival „Litcologne“, welches neuerdings offensichtlich unbedingt parallel zu Leipzig stattfinden muss. Mit Grönemeyer fragt man: „was soll das?!“, blättert kurz virtuell im Programm und findet unseren vermissten Kehlmann – nicht in kasachischer Steppe – sondern am deutschen Rheine wieder: Um 19 Uhr und dreißig liest er im Theater am Tanzbrunnen, Rheinparkweg 11, wer dabei sein will zahlt oberstolze 12 bis 17,50 Euronen. Am Freitag-Abend taucht er dann in Leipzig auf und liest im Schauspielhaus. Den Preis hat er nicht bekommen. Weil es so vorgesehen war? Oder jetzt erst recht zu recht nicht?
Ich halte es mit Clemens Meyer, der alles Wichtige zu diesem Thema im FAZ-Blog auf den Punkt bringt:
„Preise wurden auch noch vergeben. Alles Prima. Lesen Sie Zeitung. Kommen Sie ins „Bricks“. Fahren Sie nicht nach Köln. Einsturzgefahr.“

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Nachwuchs. Die Messe ist bunt, fröhlich und jung, auch wenn einmal einen ganzen Tag lang der Regen über das riesige Dach der Glashalle rinnt. Am nächsten Tag scheint wieder die Sonne und verwandelt die Lokalität in eine Mega-Sauna. Autoren und Zuhörer schwitzen, die Getränkestände machen gute Umsätze und jede Menge pittoresquer Gestalten wimmeln, hüpfen oder schreiten zu zweit, zu dritt und in größeren Gruppen durch die Hallen und zwischen den mit ernsten Mienen echte Literatur goutierenden „Erwachsenen“ hindurch.

Es sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene die sich in die Lieblingsfiguren ihrer Comic-, Hentei- oder Manga-Lektüren verwandelt haben.

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Zeh um Zeh. Wer zu Juli Zeh möchte, kommt an Bärbel Schäfer nicht vorbei. Die Plätze in der Autorenarena der Leipziger Volkszeitung – wo Zeh um 14 Uhr im Gespräch mit einem Redakteur des Blattes zu erleben sein wird – sind knapp; wer gut sehen und hören, hautnah miterleben möchte, muss rechtzeitig kommen. Wer rechtzeitig kommt, kommt gerade recht um der Ex-Moderatorin und Michel-Friedman-Gattin Schäfer bei der Vorstellung ihres aktuellen Werks zu begegnen. Zusammen mit Monika Schuck hat sie „Glücksgeheimniss: Paare erzählen vom Gelingen ihrer Liebe“ geschrieben – gar nicht so uninteressant das Thema und die Schicksale, schließlich sind wir fast alle irgendwie Paar: Ehepaar, Promi-Paar, Geschwister-Paar, Lesbenpaar, Nonne und Gott usw. Meine Hoffnung: Nach Schäfer gehen alle und ich bekomme einen guten Platz für die Diskussion um „Corpus Delicti“. Bärbel hat fertig und geht – aber sonst fast niemand. Alle saßen und standen bei Schäfer wegen Zeh. Und jetzt kommen jede Menge neue Neugierige dazu.
Ich habe dann doch noch ein gutes Plätzchen ergattert. Musste dafür den Corpus etwas einsetzen.

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E-Book-Hype. Den soll es ja geben. Er findet vor allem in den Medien statt. In Leipzig, rund um das Messegelände, wird das Thema eher sachlich gehandelt. Die neuen Geräte werden vorgestellt. Sind sie brauchbar? Bieten sie Mehrwert? Wer wird sie kaufen für um die 300 Euro? Die Lizenzen für die Inhalte müssen ja noch zusätzlich erworben werden. Man ist sich sicher, dass es in Zukunft neben Hardcover, Paperback, Buchclub, Sonderausgabe, Hörbuch, Hörspiel und Film, noch eine weitere Vermarktungskette geben wird. Eben das E-Book. Wie sich das auf das Angebot gedruckter Bücher auswirkt, ist noch nicht richtig abzusehen. Das konventionelle Buch wird aber mit Sicherheit in nächster Zeit nicht vom Markt verschwinden. Die Download-Versionen unterliegen zudem ebenfalls der Preisbindung. Das ist schon einmal fair.
Ein großes Fragezeichen dagegen hinter der aktuellen Hardware. Ist sie wirklich marktfähig? Oder macht das Handy das Rennen? Oder die schicken kleinen Netbooks? Alles in Bewegung. Alles in fluss. Wie immer halt.