„Es gilt, noch viel zu wagen…“

Theodor Kramer und Wenzel


In der aktuellen Auflage von Rothmanns „Kleiner Geschichte der deutschen Literatur“ ist er nicht zu finden. Dort wird ein zeitgenössischer Heiterling namens Otto Waalkes gewürdigt; den Namen Theodor Kramer sucht man jedoch vergebens im Register. Im großen und neuesten „Kindler“ werden wir fündig. Das Literaturlexikon kennt den Schöpfer „dieser eigenwilligen Lyrik, die sich allen Etikettierungen widersetzt.“

Theodor Kramer schrieb ausschließlich Lyrik. Es wird geschätzt, dass er im Laufe seines Lebens über 10.000 Gedichte geschrieben hat. Jene, die Schubladen brauchen, verliehen das Etikett „soziale Lyrik“; er selbst sah sich als Mittler zwischen denen, die im Strom problemlos mitschwimmen können und „denen, die ohne Stimme sind.“

Theodor Kramer wurde am Neujahrstag des Jahres 1897 im niederösterreichischen Niederhollabrunn geboren. Er arbeitete zunächst als Buchhändler und Vertreter; ab Anfang der 1930er Jahre war er ein sehr erfolgreicher, im ganzen deutschen Sprachraum bekannter Schriftsteller. Er stammte aus einer jüdischen Familie; politisch stand er auf der Seite der sozialdemokratischen Bewegungen.

Wien/ÖNB/200.820

In einem Antiquariat des Ceausescu- und Securitate-Bukarest der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, erwarb Herta Müller für einen rumänischen Leu das Buch „Die Gaunerzinke“ von Theodor Kramer. Ein Leu entsprach damals dem Gegenwert einer, in sozialistischen Staaten äußerst preiswerten, Straßenbahnfahrt. Den Autor kannte die junge Frau und angehende Schriftstellerin bis dahin noch nicht. Herta Müller war als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien bereits in den Focus des berüchtigten Geheimdienstes des totalitären Regimes geraten und fand sich und ihre Welt in den Gedichten über Verfolgung, Tod, Gefängnis und Flucht sofort wieder. „Kein anderer Autor fand für das Schwerste so leicht einen Klang, keiner war so mündlich im Ton und so einprägsam wie die schönsten rumänischen Volkslieder.“

Etwa 25 Jahre später gab Herta Müller, die inzwischen längst in Berlin lebte, einen Sammelband des Dichters Kramer heraus und verfasste dazu das Nachwort. Das Buch trägt den Titel „Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan.“ Mit diesen Versen beginnt das erste Gedicht des Buches:

„Mein Bruder Aron Lumpenspitz, / was hast du dich erhängt / und mich allein gelassen / in Stuben und auf Gassen, / wo nachts das Grauen hängt?!“

Kramer versuchte hier die Stimmung zur Zeit des Nationalsozialismus und der Judenvernichtung wiederzugeben. Nach dem Einmarsch von Hitlers Truppen in Österreich und dem – nicht nur erzwungenen – Anschluss des Landes an Deutschland, hatte der Schriftsteller die Gefährdung für sich und seine Frau lange unterschätzt. Erst im Februar 1939 floh zunächst Inge Kramer-Halberstam mit der Unterstützung Thomas Manns, Franz Werfels und Arnold Zweigs nach London. Auf Intervention des englischen PEN konnte im Juli auch Theodor Kramer sein Heimatland verlassen und nach England ausreisen. In dem Gedicht „Verbannt aus Österreich“ versuchte er sein Gefühlsleben im Exil in Worte zu fassen:

„Schon dreimal fiel und schmolz der Schnee; / wie lang noch, daß ich nicht vergeh, / verbannt aus Österreich.“

Im Dezember 1946 kehrte er nach Hause zurück. Im Wiener Globus-Verlag erschienen bald zwei Bücher. Eine zaghafte Anerkennung durch die Nachkriegsgesellschaft für einen Autor setzte ein, der während der Kriegsjahre in Vergessenheit geraten war. Doch sein Leben war in den folgenden Jahren von Krankheit geprägt. Theodor Kramer starb am 3. April 1958. Seine poetische Kraft, sein wacher Sinn für soziale Realitäten, sein sanfter aber eindringlicher Ton bleibt in seinen Gedichten erhalten. Wie zum Beispiel in „Wann sich im Herd die Asche wellt“ (das „wann“ ist hier eine wienerische Variante von „wenn“):

„Wann sich im Herd die Asche wellt / Und durch das kalte Gitter fällt / Und sich im Winkel find’t kein Scheit / Ist es die allerbeste Zeit / Um von der Glut zu schreiben.

Wann still es wird im fremden Land / Und der Kumpan, wozu er stand / Verriet und gut dabei gedeiht / Ist es die allerbeste Zeit / Um von der Glut zu schreiben.“

Auf dem Buchmarkt ist derzeit leider nur eine einzige Gedichtsammlung Kramers zu bekommen. Sie trägt den Titel „Laß still bei dir mich liegen“ und enthält ausschließlich Liebesgedichte. Der Dichter hat viel über dieses facettenreiche Thema geschrieben; inhaltlich reicht dabei das Spektrum von zarter Anbetung bis zu drastischer Erotik. Wie ein Lebensmotto, das durchaus auch auf dem Grabstein einer Janis Joplin oder Ingeborg Bachmann stehen könnte, liest sich die letzte Strophe seines „Nachtlieds“:

„Allen, die’s zu üppig treiben, / allen, die sich früh zerreiben, / allen die dies glücklich macht, / wünsch ich eine gute Nacht.“

***

Kurz, prägnant und doch vieldeutig: „Wenzel“ nennt sich der aus dem Wittenberger Ortsteil Kropstädt stammende Künstler Hans-Eckardt Wenzel. Ein Liedermacher, Sänger, Komponist, Dichter und Clown. Dass er nicht ganz den populären Bekanntheitsgrad wie ein Konstantin Wecker oder Hannes Wader erlangte, hat zum einen damit zu tun, dass er aus dem Osten Deutschlands stammt, dort auch hauptsächlich sein Publikum findet, sich zum anderen den heute gängigen Medienkonventionen weitestgehend entzieht.

Wenzel hat sich längere Zeit intensiv mit dem Werk Theodor Kramers beschäftigt und in den letzten Jahren zahlreiche Texte vertont und interpretiert. Das Ergebnis ist eine harmonische Zusammenführung von Text und Musik, als hätten Kramers Verse seit Jahrzehnten darauf gewartet, so in Noten gesetzt und vorgetragen zu werden. Für die expressive, teils sozialromantische, teils sozialkritische Lyrik des Österreichers hat Wenzel passende, schlichte Melodien gefunden, die allerdings raffiniert arrangiert und von Musikern gespielt wurden, die ihre Instrumente (oft mehrere) beherrschen.

Aus dieser Arbeit sind zwei CDs hervorgegegangen: “Lied am Rand” und “Vier Uhr früh”. Wenzel ist ein Volkssänger und -dichter im ganz urspringlichen Sinn, ein Komödiant und Musikant, wie er auch von Kramer erdacht und bedichtet sein könnte:

“Darf nicht ruhn, muß Straßen weiter; / Denn bald bin ich nicht mehr da, / und es spielt die Stadt kein zweiter / so die Ziehharmonika.”

Zur Leipziger Buchmesse im März erscheint nach etlichen Jahren endlich auch wieder ein Gedichtband von Hans-Eckardt Wenzel. “Seit ich am Meer bin”, kommt im Berliner Verlag Matrosenblau heraus. Die Premiere wird mit einer musikalischen Lesung am 16.3. in der Leipziger Schaubühne Lindenfels gefeiert. 2010 erschien Wenzels 30. CD “Kamille und Mohn”. Mit dem Lied “Krise” steht er derzeit auf Platz 1 der Liederbestenliste.

Das Zitat im Titel dieses Blog-Beitrags stammt aus Theodor Kramers Gedicht “Oh, käms auf mich nicht an.” Es wurde von Wenzel ebenfalls vertont und gesungen und gehört zu den schönsten Liedern der CD “Vier Uhr früh”. Drum sei zum guten Schluß, die letzte Strophe hier zitiert:

“Wann unser immer einer / Sich fallen läßt und fällt, / so wird um ihn gleich kleiner / und ärmer diese Welt / Es gilt, noch viel zu wagen, / wieviel mir auch verrann / oh, könnt ich doch noch sagen: / Es kommt auf mich nicht an.”

***

Kramer, Theodor: Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan. Gedichte. – Hrsg. und mit einem Nachwort von Herta Müller. – Wien, 1999. (Vergriffen, nur noch antiquarisch zu bekommen.)

Kramer, Theodor: Laß still bei dir mich liegen. Liebesgedichte. – Erweiterte Neuausgabe. – Wien, 2005

Weitere Informationen zu Theodor Kramer findet man bei der Theodor-Kramer-Gesellschaft, Wien.

Und hier geht es zu Wenzel.

(Bei der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien, bedanke ich mich für die Genehmigung das Foto Theodor Kramers verwenden zu dürfen.)

Ännchen von Tharau

Vor einiger Zeit veranstaltete die Zeitschrift „chrismon“ eine Leser-Umfrage. Sie wollte die Top Ten der Volkslieder ermitteln. Hitlisten waren und sind angesagt; das Ergebnis dieser sah so aus:

Platz 3: Kein schöner Land in dieser Zeit

Platz 2: Die Gedanken sind frei

Platz 1: Der Mond ist aufgegangen

Die Top Ten und sieben weitere Lieder wurden von dem Leipziger Ensemble „Calmus“ auf einer CD eingespielt, oder besser eingesungen, die den Titel „Lied:gut! Die schönsten deutschen Volkslieder“ trägt, in der edition chrismon erschienen ist und nur wärmsten empfohlen werden kann, da es sich bei dieser a-cappella-Gruppe um gut ausgebildete Sänger aus dem Kreis des Thomaner-Chors handelt. Sie sind in vielen musikalischen Genres zu Hause, von Bach über Jazz bis Pop. Ihre Volkslieder-CD enthält übrigens am Ende ein Angebot zum Mitsingen.

Mein liebstes Volkslied kam nur auf Rang sieben. Es heißt Ännchen von Tharau und die erste Strophe hat diesen Text:

Ännchen von Tharau ist’s, die mir gefällt, / sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld. / Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz / auf mich gerichtet in Lieb und in Schmerz. / Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, / du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!

Nach heutigen Maßstäben würde man diese Verse wohl kitschig nennen. Allerdings stammen sie von Simon Dach, einem ostpreußischen Dichter, der von 1605 bis 1659 lebte; in einer Zeitspanne, die geprägt war von der großen europäischen Tragödie des Dreißigjährigen Krieges. Elend und Verzweiflung dieses Zeitalters klingen in der zweiten Strophe des „Ännchen“ an:

Käm alles Wetter gleich auf uns zu schlahn, / wir sind gesinnt beieinander zu stahn. / Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein / soll unsrer Liebe Verknotigung sein. / Ännchen von Tharau …

Zusammenhalt und Schicksals-Genossenschaft in seiner häufigsten und schönsten Form, der Liebe zwischen Mann und Frau, als Hoffnungsfunken in einer Zeit, einer Gegenwart, die den Menschen wenig Hoffnung und Zukunft zu bieten hatte. Diese Liebe muss dabei nicht einmal unbedingt realisiert werden; es reicht der Glaube an sie, um das Leben, zumindest in Gedanken, zu einem sinnvollen, lebenswerten zu machen. Und so heißt es folgerichtig in der dritten Strophe:

Würdest du gleich einmal von mir getrennt, / lebtest, da wo man die Sonne kaum kennt; / ich will Dir folgen durch Wälder, durch Meer, / durch Eisen, durch Kerker, durch feindliches Heer. / Ännchen von Tharau …

Neben der Interpretation durch das Calmus Ensemble, hat mich besonders jene von Annette Dasch beeindruckt. Zuerst war ich irritiert. Es ist kein Lied, von dem man erwartet, dass es von einer Frau gesungen wird; noch dazu von einer der derzeit besten deutschen Opern-Soprane. Doch Dasch gelingt es in hervorragender Weise, die Intentionen des Dichters, sowie Sehnsucht, Melancholie und Verzweiflung, die mit dieser Liebe verbunden sind, zum Ausdruck zu bringen. Ihre Version in der bekannten Vertonung von Friedrich Silcher aus dem 19. Jahrhundert, findet man auf der im letzten Jahr bei Sony erschienen CD „Wenn ich ein Vöglein wär – Deutsche Volkslieder“.

Herbst-Lese (1)

Martin von Arndt: Der Tod ist ein Postmann mit Hut

Bei diesem Buch hatte ich auf den ersten Seiten zunächst einen kleinen Naja-Effekt. Naja, ob das was ist? Einige Seiten hat es schon gedauert bis sich Leselust einstellte, Geschichte und Autor mich für sich gewonnen hatten. Die Geduld wurde belohnt.

vArndt_PostmannJulio C. Rampf ist Musiker. Seinen Lebensunterhalt verdient er in einem Studio, das Hintergrundmusik für asiatische Restaurants produziert. Pop-Klassikern wird dabei ein unaufdringliches, breit einsetzbares  Sound-Kleid verpasst. Der Liebe zuliebe war Julio vor Jahren nach Innsbruck gezogen. Jetzt ist die Ehe gescheitert, die Liebe ausgezogen und unser Held mäandert orientierungslos durch die bergumzäunte Landeshauptstadt. Aus dieser und den anderen österreichischen Landeshauptstädten bekommt er nach und nach und jeweils jeden ersten Mittwoch im Monat einen eingeschriebenen Brief ohne Absender, aber mit verblüffendem Inhalt. Diese irritierenden Einschreiben bringt der immer gleiche, titelgebende Postmann mit Hut, dem seine Zubringerdienste vom Empfänger regelmäßig mit einem Schnaps entgolten werden.

Aus der rätselhaften Geschichte entwickelt sich ein Fast-Kriminalfall, der zunehmend an Dichte und Dramatik gewinnt und überraschend endet. Eine wichtige Rolle spielt dabei der ehemalige Polizist Holetschek, mitsamt Hund, den Rampf zunächst zu Rate zieht, der ihm aber immer mehr zum väterlichen Freund und jazzenden Session-Partner wird. Die beiden wechseln problemlos zwischen Tiefsinn und Spürsinn und begegnen während der gemeinsamen Aufklärungsarbeit allerhand randständigen Figuren der Innsbrucker Halb- und Zwischenwelt.vArndt

Von Arndt erzählt in einer bildreichen Sprache, dem Schauplatz entsprechend mit deutlichem tiroler Akzent. Neben dieser Sprachkulisse trägt die Stadt Innsbruck, die wahre Perle Tirols, sehr zur Illustration des Geschehens bei. Das Buch ist darüber hinaus durchsetzt mit musikalischen Bezügen und Anspielungen; eine ganze Reihe klassischer Jazz- und Pop-Titel werden erwähnt. Praktischerweise findet man deshalb am Ende des Buches eine „Playlist.“

Der „Postmann“ ist der zweite Roman des 1968 geborenen Martin von Arndt. Sein erster, der 2007 erschien, heißt „ego shooter“. Eine Geschichte aus der Welt der Computer-Freaks, die sehr positiv aufgenommen wurde. Außerdem hat der Autor Lyrik, Theaterstücke und Sachbücher geschrieben. Er wurde unter anderem mit dem „Großen Literaturstipendium“ des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Von Arndt lebt als Musiker und Schriftsteller in Stuttgart. Aus seinem neuen Buch liest er am 17. Oktober in Rottweil, am 25. Oktober in Ludwigsburg und am 1. November in Tübingen.

Arndt, Martin von: Der Tod ist ein Postmann mit Hut. Roman. – Klöpfer & Meyer, 2009. Euro 17,90.

Buchenwald

„Ich würde es genau so wieder machen.“ (Sophie Scholl)

Wenn irgendwo in der Welt US-Präsident Obama angekündigt wird, können sich einheimische Bevölkerung und Touristen auf massive Einschränkungen ihrer persönlichen Bewegungsfreiheiten gefasst machen. Offensichtlich eines der Opfer, das man der Präsenz herausgehobener, selbst demokratisch gewählter, Persönlichkeiten bringen muss. So geschehen, Freitag, den 5. Juni, in Weimar. Diesen Tag hatte ich zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt als der amerikanische Präsident, für einen Besuch in Buchenwald eingeplant. Das erste Mal war ich im letzten Herbst dort. Nach Abschluss des offiziellen Bibliothekartags-Programms, wollte ich die nahe liegende Gelegenheit nutzen, meine Eindrücke zu vertiefen. Es wurde nichts daraus. Weil dem Nachkommen der Befreier Deutschlands von Nazi-Herrschaft, Überlebenden des Lagers und einer bundesdeutschen Bundeskanzlerin, der Vortritt zu lassen war. Obwohl so ein Präsident während seiner zügigen Weltvisiten viel zu sehen bekommt – gestern Kairo, heute Dresden und Buchenwald, morgen Paris und Normandie – und man sich fragt, ob er hinterher wirklich noch weiß, wo er eigentlich war – kann man seinen Besuch auf dem Schicksalshügel nordwestlich von Weimar nur begrüßen. Auch ist die Konstellation wirklich bemerkenswert: Ein farbiger Präsident der USA, eine weibliche Bundeskanzlerin, jüdische KZ-Überlebende, Seite an Seite in Buchenwald. Ich glaube, noch vor zehn Jahren hätte man eine solche Vorstellung wohl für Utopie gehalten. Schöne neue Welt; ausnahmsweise einmal gemeint wie geschrieben.

Meine persönlichen Eindrücke blieben also fürs Erste unvertieft und ich greife deshalb auf die Niederschriften nach meinem ersten Besuch zurück. Mitte September 2008 war es, dass ich im Rahmen einer Thomas-Mann-Tagung in Weimar, auch und endlich Buchenwald besuchte, nachdem ich mich bei vorherigen Weimar- und Thüringenbesuchen gedrückt und herausgeredet hatte.

*

Aus der Stadt hinaus führt die Straße sanft bergauf. Hinter der Stadtgrenze geht es noch einige Kilometer durch Buchen-, Eichen- und Mischwald. Die Landschaft der ganzen Umgebung ist so mythenhaft deutsch, dass noch bevor man das Lager erreicht, deutlich wird, welche Perversion Hitler und Konsorten eigentlich begangen haben. Es würde nicht überraschen wenn der Hof Buchel aus Thomas Manns Faustus – dem deutschen Buch des 20. Jahrhunderts – hinter der nächsten Straßenbiegung auftaucht. Das deutsche Buch, die deutsche Stadt, das deutsche KZ.

Die Straße besteht teilweise aus Kopfsteinpflaster, wie auf alten DDR-Straßen, teilweise aus Platten, wie sie beim NS-Autobahn-Bau verwendet wurden. Noch vor dem eigentlichen Konzentrationslager liegt links an freiem weitem Südhang, mit Blick zum Thüringer Wald, das monumentale, etwas martialische Denkmal.

Wenige hundert Meter weiter dann die Parkplätze, die Bushaltestelle, Orientierungstafeln, der Wegweiser zum Eingang. Zwischen Parkplatz und Eingang: Jugendbegegnungsstätte, Informationsstelle mit Buchhandlung, Museumscafè, einige leerstehende Blocks. Von hier aus rechts ganz hinten am Waldrand, lag der „Bahnhof“. Es gab eine eigene Bahnlinie von der Stadt hier hoch, der ehemalige Bahndamm ist bei der Anfahrt an manchen Stellen noch zu sehen, die Schienen sind entfernt. Alles ist sehr weitläufig und großzügig.

An das Eisentor, durch das man die eigentliche Lager-Anlage mit den Wohnbaracken, dem Appellplatz, der Häftlingskantine und dem Krematorium erreicht, wurde von innen, wie für die Ewigkeit geschmiedet: „Jedem das Seine.“ Eine tödliche Verdrehung jeder Vorstellung von Liberalität. Wenn man das Tor passiert hat, steht man auf einer großen baumfreien Fläche, die einen sanften Nordhang bildet. Man sieht über halb Thüringen. Was für ein unfassbar schöner Flecken Erde! Als ich dort stehe, weht ein kräftiger kalter Ostwind, kühlt die Backen, rötet die Haut. Die Buchen rauschen. Hier gingen Menschen in Rauch auf. Den Rauch aus dem hohen Schornstein des Verbrennungsgebäudes konnte man von der Stadt der Klassik aus sehen.

Jedem das Seine

Auf dem Ettersberg vor den Toren Weimars kamen vermutlich 51.000 Menschen ums Leben. Weitere wurden von hier in andere Lager gebracht, starben dort. Sie wurden erschossen, gehenkt, vergiftet, zu Tode gespritzt, zu medizinischen Versuchen missbraucht, schließlich verbrannt und verscharrt. Es waren Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Regimegegner, Zeugen Jehovas, später auch Kriegsgefangene. Als am 11. April 1945 die ersten Panzer der US-Armee in Buchenwald eintrafen, befanden sich noch mehr als 21.000 Menschen im Lager. Die eigentliche Befreiung des Lagers war ein Ergebnis aus Lageraufständen, dem Eintreffen der roten Armee und der baldigen Unterstützung der Amerikaner, die vom Nebenlager Ohrdruf nach Weimar gelangten. Die Bilder der nackten, dürren Gestalten mit Totenkopfgesichtern gingen um die Welt. Weimarer Bürger wurden von den Alliierten gezwungen diesen Anblick, und damit das vor ihrer Haustüre Geschehene, am Ort zu bezeugen. Zeugen, die, ebenso wie die alliierten Soldaten, jeder Art von Holocaust-Leugnern, seit Jahrzehnten für glaubhafte Aussagen zur Verfügung gestanden hätten.

Kaum hatte man sich 1945 vielstimmig und vielsprachig versichert, dass Solches nie wieder passieren dürfe, wurde Buchenwald schon von der Siegermacht Russland und später auch von der ihr verbündeten DDR als Gefangenen-Lager genutzt. Dort saßen Schuldige und Unschuldige ein. Den Wenigsten wurde ein ordentlicher Prozess gemacht. In diesem „Buchenwald 2“ starben mindestens 7100 Menschen. Sie wurden in Massengräbern beerdigt. Die Angehörigen erhielten keine offizielle Benachrichtigung. Und dies geschah nicht irgendwann im ach so finsteren Mittelalter, sondern lange nach dem Zeitalter der Aufklärung, lange nach Kant und Schopenhauer, nach Schiller und Goethe, nach Kaiserreich und Weimarer Republik, nach Tucholsky und Ossietzky – mitten im 20. Jahrhundert.

Auf dem Rückweg zum Auto kommt mir eine fröhliche Busfuhre, die fast nur aus Männern besteht, entgegen. Vielleicht ein Kegelausflug, möglicherweise Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr, irgendwo aus der Pfalz. Es wird gefeixt, schallend gelacht, auf Schultern geklopft – männlich selbstbewusst, seiner Sache sicher und daher unerträglich.

Dann fahre ich in langsamen Tempo fort und weiter, durch die Thüringer Landschaft, auf Nebenstraßen, durch kleine stille Dörfer, vorbei an graubraunen Kirchen, kleinen Friedhöfen, abgeernteten Feldern, schlafenden Katzen. Im Auto-Radio Mozarts Klavierkonzert in d-moll, das mit dem wunderbar tiefen Adagio. Musik, deren traurige Schönheit zu Tränen rührt und gleichzeitig die einzige Rettung aus tiefem Tal, die jetzt möglich scheint, und die irgendein Himmel, den es nach Buchenwald und Auschwitz eigentlich gar nicht mehr geben kann, geschickt haben muss.

Zwischenbericht

Leipziger Buchmesse 2009

Mehr oder weniger. Die Messeverantwortlichen glauben Jahr für Jahr die Qualität ihrer Veranstaltung über die Steigerungsraten von schierer Masse definieren zu müssen. Das ist wohl branchen- und wirtschaftsüblich. So kommt man dann in diesem Jahr auf erstaunliche und für die Messegesellschaft als Erfolgsnachweis sicher erfreuliche 2.300 Aussteller, 1.900 Veranstaltungen, 1.500 teilnehmende Autoren, die an 300 Spielstätten auftreten (Messegelände und Stadt). Schon zur Halbzeit waren 59.000 Besucher zu verzeichnen, was einer Steigerungsrate von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Irgendwann in den nächsten Jahren wird sich dieser Trend möglicherweise einmal umkehren. Wird dann Panik und Krisenstimmung ausbrechen? Oder wird man sich dessen erinnern, was man noch zu bieten hat: Neben Breite auch viel Qualität, neben oft mürrischen Ausstellern, viel fröhliches Jungvolk. Und nirgends sonst treffen sich so viele Leser. Finden sich so viele Menschen ein, die gleiches Interesse eint: Ihre Verbundenheit zur Literatur und ihren Protagonisten.

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Da ist Musik drin. Auch die Musikstadt Leipzig ist auf der Messe präsent. Und die Messebesucher wiederum sieht man natürlich auch in der Thomaskirche, im Gewandhaus, in der Oper und den vielen kleinen und größeren Musiktempeln der Off-Szene in Connewitz, Plagwitz und Sonstwitz.
Aufgefallen ist mir ein ganz kleiner Stand in der großen Glashalle. Er präsentiert: „Bach, Mendelssohn, Schumann. Wege zur Musik in Leipzig“. Hier haben sich die Leipziger Musikmuseen und -gedänkstätten zusammengetan. Dazu gibt es eine sehr schön gestaltete, mit vielen Klangbeispielen ausgestattete, Web-Site:
www.klangquartier.de

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Personenbeförderung. Etwas weit draußen ist das neue Messegelände in Leipzig ja schon. Dort hat es allerdings sehr großzügig, viel und schön Raum gefunden. Und man sollte es nicht versäumen aus der Innenstadt mit den Leipziger Straßenbahnen dorthin zu gelangen. Sie fahren in dichtem Takt und die Reise mit den Modellen der verschiedensten Bahnen-Generationen ist immer ein Ereignis. Manchmal geht es dabei etwas eng und hautnah zu und man hat so Gelegenheit die ersten Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen zu knüpfen. Wem das nicht behagt, der wartet einfach auf den nächsten Zug und findet in diesem wahrscheinlich wieder ein großzügigeres Platzangebot.

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Wo ist Kehlmann? Am Donnerstag-Nachmittag, als die Preise der Leipziger Buchmesse vergeben werden sollen, ist für alle nominierten Autoren ein Platz mit ihrem Namen reserviert. Den Namen Daniel Kehlmann sucht man vergebens. Ist damit von vornherein klar, dass der Jungstar bei der Preisvergabe leer ausgeht? Das würde dann aber schon stark nach Schiebung riechen. Und wo ist er dann, wenn er nicht hier ist?
Am nächsten Tag erfahre ich, dass er an diesem Tag in Köln ist. In Köln bei der Konkurrenz. Beim Liteaturfestival „Litcologne“, welches neuerdings offensichtlich unbedingt parallel zu Leipzig stattfinden muss. Mit Grönemeyer fragt man: „was soll das?!“, blättert kurz virtuell im Programm und findet unseren vermissten Kehlmann – nicht in kasachischer Steppe – sondern am deutschen Rheine wieder: Um 19 Uhr und dreißig liest er im Theater am Tanzbrunnen, Rheinparkweg 11, wer dabei sein will zahlt oberstolze 12 bis 17,50 Euronen. Am Freitag-Abend taucht er dann in Leipzig auf und liest im Schauspielhaus. Den Preis hat er nicht bekommen. Weil es so vorgesehen war? Oder jetzt erst recht zu recht nicht?
Ich halte es mit Clemens Meyer, der alles Wichtige zu diesem Thema im FAZ-Blog auf den Punkt bringt:
„Preise wurden auch noch vergeben. Alles Prima. Lesen Sie Zeitung. Kommen Sie ins „Bricks“. Fahren Sie nicht nach Köln. Einsturzgefahr.“

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Nachwuchs. Die Messe ist bunt, fröhlich und jung, auch wenn einmal einen ganzen Tag lang der Regen über das riesige Dach der Glashalle rinnt. Am nächsten Tag scheint wieder die Sonne und verwandelt die Lokalität in eine Mega-Sauna. Autoren und Zuhörer schwitzen, die Getränkestände machen gute Umsätze und jede Menge pittoresquer Gestalten wimmeln, hüpfen oder schreiten zu zweit, zu dritt und in größeren Gruppen durch die Hallen und zwischen den mit ernsten Mienen echte Literatur goutierenden „Erwachsenen“ hindurch.

Es sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene die sich in die Lieblingsfiguren ihrer Comic-, Hentei- oder Manga-Lektüren verwandelt haben.

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Zeh um Zeh. Wer zu Juli Zeh möchte, kommt an Bärbel Schäfer nicht vorbei. Die Plätze in der Autorenarena der Leipziger Volkszeitung – wo Zeh um 14 Uhr im Gespräch mit einem Redakteur des Blattes zu erleben sein wird – sind knapp; wer gut sehen und hören, hautnah miterleben möchte, muss rechtzeitig kommen. Wer rechtzeitig kommt, kommt gerade recht um der Ex-Moderatorin und Michel-Friedman-Gattin Schäfer bei der Vorstellung ihres aktuellen Werks zu begegnen. Zusammen mit Monika Schuck hat sie „Glücksgeheimniss: Paare erzählen vom Gelingen ihrer Liebe“ geschrieben – gar nicht so uninteressant das Thema und die Schicksale, schließlich sind wir fast alle irgendwie Paar: Ehepaar, Promi-Paar, Geschwister-Paar, Lesbenpaar, Nonne und Gott usw. Meine Hoffnung: Nach Schäfer gehen alle und ich bekomme einen guten Platz für die Diskussion um „Corpus Delicti“. Bärbel hat fertig und geht – aber sonst fast niemand. Alle saßen und standen bei Schäfer wegen Zeh. Und jetzt kommen jede Menge neue Neugierige dazu.
Ich habe dann doch noch ein gutes Plätzchen ergattert. Musste dafür den Corpus etwas einsetzen.

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E-Book-Hype. Den soll es ja geben. Er findet vor allem in den Medien statt. In Leipzig, rund um das Messegelände, wird das Thema eher sachlich gehandelt. Die neuen Geräte werden vorgestellt. Sind sie brauchbar? Bieten sie Mehrwert? Wer wird sie kaufen für um die 300 Euro? Die Lizenzen für die Inhalte müssen ja noch zusätzlich erworben werden. Man ist sich sicher, dass es in Zukunft neben Hardcover, Paperback, Buchclub, Sonderausgabe, Hörbuch, Hörspiel und Film, noch eine weitere Vermarktungskette geben wird. Eben das E-Book. Wie sich das auf das Angebot gedruckter Bücher auswirkt, ist noch nicht richtig abzusehen. Das konventionelle Buch wird aber mit Sicherheit in nächster Zeit nicht vom Markt verschwinden. Die Download-Versionen unterliegen zudem ebenfalls der Preisbindung. Das ist schon einmal fair.
Ein großes Fragezeichen dagegen hinter der aktuellen Hardware. Ist sie wirklich marktfähig? Oder macht das Handy das Rennen? Oder die schicken kleinen Netbooks? Alles in Bewegung. Alles in fluss. Wie immer halt.

Tschyltys

Ganz weit weg von hier…

Es ist einige „denkerische Willenskraft“ erforderlich, um da, wo man vor einem einschneidenden Ereignis aufgehört hatte, weiterzumachen. Wenn einem Etwas zu nahe geht, muss man einige Schritte zurücktreten. In Gedanken dürfen es auch schon einmal einige tausend Kilometer sein. Und schon sind wir in Südsibirien.
Dass Musik auch sehr hilfreich sein kann Kraft zu finden, wurde schon erwähnt. Selbst durchaus heilende Kräfte werden ihr ja zugeschrieben. In manchen Regionen dieser Erde ist diese Verbindung tradierte Gewissheit. Beim südsibirischen Turk-Volk der Schoren, sind Musik und Schamanentum eng miteinander verknüpft. Gleichzeitig hat die Musik, und hier besonders der Gesang, eine erzählerische Komponente; Mythen, Sagen und Erzählungen werden auf diese Weise erhalten und weitergegeben.

So durfte und konnte ich heute eine Veranstaltung besuchen, die in wohltuender Weise zwei Dinge miteinander verband: Das Lesen aus einem der aktuellen Gegenwart gewidmeten Roman eines jungen Zeitgenossen und den aus den Tiefen einer vergewisserten Vergangenheit aufsteigenden Gesang einer schorischen Künstlerin. Roman und Sängerin habe ich hier schon einmal kurz vorgestellt. Es waren damals meine Eindrücke nach dem Lesen des Erzählwerks. Meinen danach aufgezeichneten Blog-Beitrag findet man hier:

Link

Heute erlebte ich beide Protagonisten aus nächster Nähe und inmitten eines quirrlig brummenden Messegeschehens. Und es war diese Nähe zu einer Musik aus ganz anderer Welt und Zeit, die half Abstand zu gewinnen, durchzuatmen und mich wieder an dem zu freuen, was Menschen, die mit mir auf diesem Planeten leben, an kreativen Schöpfungen zuwege bringen. Tschyltys, russisch: Olga Tannagaschewa, war für Michael Ebmeyer das musikalische Vorbild für die Figur der Ak Torgu in seinem Roman „Der Neuling“. Sie singt von Wölfen, Schamanen und Flüssen in Tönen, die uns nicht vertraut sind. Wir hören Obertöne und Kehlkopfgesang und eine einfache virtuose Begleitung auf einem mandolinenartigen Instrument, das lediglich mit zwei Saiten ausgestattet ist. Erst allmählich zieht der völlig andere Rhythmus in seinen magischen Bann und entfernt uns aus der Realität; entführt uns in eine Welt des ganz anderen Erzählens, Singens und Heilens. Und wir ahnen, dass hier noch ein viel tieferes Verständnis von Wunden und Verwundungen gepflegt wird, als es unsere pharmakologisch gleichgeschaltete, sogenannte Zivilisation zulässt.

Auf dieses Themenfeld – nennen wir es einfach einmal Gesundheit – werde ich demnächst zurückkommen; dann wird von den erstaunlichen Erkenntnissen und ihren literarischen Konsequenzen einer Juli Zeh die Rede sein. Frau Zeh werde ich dabei voraussichtlich auch in Bildern präsentieren können. Bei Tschyltys habe ich darauf verzichtet, obwohl sie in ihren bunten Gewändern und ihrer ausdrucksstarken Mimik ein hervorragendes Motiv darstellt. Ich hätte meinen Eindrücken und der Kunst dieser Sängerin mit meinen Schnappschüssen nicht gerecht werden können. Wer die bildliche Darstellung dennoch haben möchte, wird im Netz sicher leicht fündig.

Musik und Literatur aus Kopf und Bauch

Ein Roman von Michael Ebmeyer mit Musik von Ak Torgu

Es herrscht Fön im Land des jungen Erzählens. Nicht zu verwechseln mit dem voralpenländischen Föhn, jenem trockenen warmen Fallwind der in München, Raisting und Neu-Ulm an manchen Tagen Mensch und Gemüt erregt. Dieser Fön kommt direkt aus der Hauptstadt und er bläst uns ganz wacker sein Ständchen. Fön ist hier eine Combo, die textlastig komponiert, nach eigenen Aussagen auch den Menschen im fernen Sankt Petersburg gefällt und fast nur aus Schriftstellern besteht: Florian Werner, promovierter Dichter, dessen erster Erzählband versprach: „Wir sprechen uns noch“; Tilman Rammstedt, Bachmann-Preisträger, fulminant fabulierender „Kaiser von China“; Michael Ebmeyer, der mit „Henry Silber geht zu Ende“ begann und mit „Der Neuling“ zum kraftvollen Sturm auf die Leserschaft ansetzt. Von Letzterem sei hier die Rede.

Ebmeyer, Michael: Der Neuling, Kein und Aber, 2009, Euro 19,90.

Die Schoren sind ein kleines indigenes Volk, dass im südlichen Sibirien zu Hause ist, hauptsächlich im Gebiet Kemerowo und dessen schorische Sprache der Familie der Turksprachen angehört. Es mögen etwa 14.000 Menschen sein, die sich zu diesem Stamm zählen und eine traditionsreiche, mythensatte Kultur mit Schamanentum und sehr eigenwilliger Musik in die Gegenwart gerettet haben.
In die Stadt Kemerowo, Oblast Kemerowo, die wir uns in etwa von der Größe Stuttgarts denken dürfen, verschlägt es den biederen schwäbischen Versandhandels-Angestellten Matthias Bleuel. An den traumatischen Nachwirkungen einer heftig gescheiterten Ehe laborierend, wird er von seinem Chef beauftragt der sibirischen Versandagentur seines Unternehmens einen Besuch abzustatten. Vor Ort betreut ihn der Dolmetscher Artjom, mit dem ihn bald eine ambivalente Freundschaft verbindet.

Eines Tages erlebt unser Held den Auftritt der schorischen Sängerin Ak Torgu, einer angehenden Schamanin, die ihn gehörig verzaubert und ihn um Sinn und fast auch Verstand bringt, während er sich mehr und mehr Sinnliches von ihr wünscht. Er verliebt sich also in die junge Frau und tut fortan Alles um ihr nahe zu sein und ihr näher zu kommen.
Dabei durchläuft der mit nicht nur sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten kämpfende Deutsche einen Schnellkurs in sibirisch-russischer Lebensweise und schorischer Kultur, hier vor allem der Musik. Als Leser erfahren wir sehr viel über deren Eigenarten und auf welche Weise die Sängerin den verschiedensten Organen ihres Körpers die fesselnden Laute, sowie Trommel und Laute die exotischen Töne entlockt.
Ebmeyer ist eine anrührende transkulturelle Liebesgeschichte vor einer für uns Mitteleuropäer fremd und faszinierend wirkenden Kulisse gelungen. Ein kräftiger Fallwind, der als frische Bö in hoffentlich vielen Buchläden zahlreiche Leser erreicht. Wir freuen uns über einen neuen Erzähler, der seine Leser nicht einfach nur mitnimmt in seine Welt, sondern sie regelrecht dorthin entführt. Auf diesem Kontinent angekommen, wartet – wie es in jedem guten Buch sein sollte – großes Abenteuer, das manchmal aber auch verdächtig wie Alltag aussieht.

Der Autor ist auf Lesetour. Begleitet wird er von der schorischen Sängerin Tschyltys, alias Olga Tannagaschewa. Die beiden sind u. a. während der Buchmesse am 12. und 13. März in Leipzig zu erleben. Wenn man die Hörprobe auf der Verlagsseite im Web gehört hat, ein Auftritt den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Hier geht es zu Michael Ebmeyer und Tschyltys

So weit und ziemlich gut. Aber warum nun dieser Text hier zwischen all dem über Wille, Werk und Mich?
Weil es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sich Lisaweta Quote, Ak Torgu und eine deutsche Kriminal-Schriftstellerin irgendwo zwischen Novosibirsk, Ob und Kemerowo begegnen werden. Dann meldet Matthias Bleuel an Daniel Kehlmann: „Ich habe sie gesehen!“