Seelenreich: Walser in Wasserburg

Eine Januar-Fahrt an den Bodensee.

Der zweite Teil

Eines meiner Lieblingsbücher von Martin-Walser ist “Seelenarbeit”. Die wenig trostreiche Geschichte des Chauffeur Xaver Zürn, der Tag und Nacht an seinen Chef denken muss, sich schlaflos im Bett wälzt, Verdauungsprobleme bekommt und genau weiß, dass der Chef keine Sekunde an ihn denkt. Zürn hofft durch Anpassung bis zur Unterwerfung und durch Leistungswillen bis zur Selbstaufgabe, das Wohlwollen seines Arbeitgebers zu gewinnen. Doch das Ergebnis sind Leiden. Leiden an Körper und Seele. Xaver Zürn wird zum Seelenkrüppel.

Walsers neuestes Werk heißt “Das dreizehnte Kapitel”. Der alternde, süddeutsch-katholisch geprägte Schriftsteller Basil Schlupp erlebt darin noch einmal Liebes-Seeligkeit in der Fernbeziehung zu einer preußisch-evangelischen Theologin, die er in Briefen anschwärmt. Neben der Liebesgeschichte, die ausschließlich im Briefwechsel stattfindet, erfahren wir von der Seelen- und Wahlverwandtschaft der beiden Hauptfiguren, die sich in einem vielschichtigen und hintergründigen Meinungsaustausch über Religions- und Lebensfragen niederschlägt. “Verstehen Sie wenigstens so viel, dass Religion etwas anderes ist als das, was in unserer Welt dafür gehalten sein will?” Zum Seelenheil der beiden lässt es der Dichter allerdings nicht kommen.

Dem “Kultur-Spiegel” erzählte Martin Walser, dass der Titel des Romans eine Wasserburger Vorgeschichte hat: “Mein Großvater hatte einen Gasthof, und da gab es die Zimmer 11,12,14. Seitdem hat die Zahl 13 mich fasziniert. Ich habe jahrelang Romanprojekten den Titel “Das dreizehnte Kapitel” gegeben. Aber erst jetzt passte er.”

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Von klein auf war er ein leidenschaftlicher Leser. Zur frühen Leküre gehören viele Bände Karl May, der “Lederstrumpf” und was ihm sonst so in die Hand fällt. Er liest aus den selben Gründen “die uns veranlassen zu atmen oder zu essen.” Dabei ist der Junge keineswegs ein Stubenhocker. Er ist lebhaft, sportbegeistert, macht mit, ist eingebunden in die Klassengemeinschaft. Kein Bücherwurm der sich absondert. Am Klavier improvisiert er Schlager der Zeit. Schule ist für ihn Zwang. Er spürt Erwartungsdruck. Seine Deutsch-Aufsätze allerdings sind originell und eigenwillig, halten sich nicht an Musterlösungen. Der Schüler Walser hat Glück. Die Deutschlehrer erkennen das Besondere, fördern den Begabten.

1939, mit zwölf Jahren, stößt er in der Bibliothek eines Allgäuer Großonkels auf Gedichte von Friedrich Schillers. “…in den Ferien bei einem Verwandten… entdeckte der … Knabe einen Bücherschrank mit bespannten Glastüren. Darin lauter alte dunkle Bücher, die einander glichen wie die Rauchfleischbinden im Kamin. Er griff nach den hellsten Rücken in den dunklen Reihen und hatte einen Schiller-Band in der Hand… Der Knabe nahm Schiller mit in sein Zimmer und las. Vom Parterre herauf hörte er, daß gerade ein Krieg erklärt worden sei. Ihn störte es nicht. Er hatte auf seinen Knien Gedichte, deren Verse mit Hebungen anhoben.” Die Schiller-Töne erreichen einen Suchenden, einen zukünftigen Schriftsteller und bleiben nicht ohne Folgen: “Das wurde alles nachgelebt und nachgedichtet und führte zu lauter Schwulst und Schein.”

„Siehe! da verstummen Menschenlieder / Wo der Seele Lust unnennbar ist…“ * Ab 1942 und seitdem: Hölderlin. Unter dem Dach des elterlichen Anwesens die Entdeckung literarischer Hinterlassenschaften seines Vaters. Dabei sind Gedichte in denen er einen neuen Ton für sich entdeckt. “Ich wußte allerdings nicht, daß die Gedichte von Hölderlin waren, die ich im Alter von fünfzehn Jahren in einer Kiste auf dem Dachboden entdeckte. Ein Stoß Kriegervereins-Zeitschriften und ein Stoß Cotta’sche Handbibliothek fielen mir in die Hände… und ein Bändchen, ein Bündel zerfledderter Blätter hatte keinen Umschlag mehr, es begann mitten in einem Gedicht.”

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Die Abschiede von Wasserburg begannen bereits kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Sein Vater, der das Gasthaus von seinem Vater übernommen hatte, und der weder rechter Wirt noch echter Kaufmann sein kann, vielmehr ein Kopf-Reisender, Vieldenker und Leser, ist häufig krank und stirbt 1938 mit gerade einmal 47 Jahren. Da geht Martin Walser bereits auf die Oberschule in Lindau. Eine erste kleine Distanz zur Wasserburger Welt und Familie ist damit entstanden.

Im März 1944 kommt sein Freund Gerhard bei einem Zugunglück nahe Bregenz ums Leben. Walser, mit ihm im Zug, überlebt. Am 19. Oktober 1944 fällt der zwei Jahre ältere Bruder Josef in Ungarn. Der 17-jährige Martin hatte sich bereits freiwillig zu den Gebirgsjägern in Garmisch gemeldet. In den Bergen hofft er dem eigentlichen Kriegsgeschehen fern zu sein. Kindheit und Jugendjahre am See gehen zu Ende. Als er 1945 zurückkehrt, ist die Gaststätte verpachtet; die Mutter betreibt nur noch den Kohlenhandel. Zu dieser Zeit lernt Walser seine spätere Frau Katharina Neuner-Jehle (“Käthe”) kennen. Nach dem Krieg beginnt er mit dem Studium zunächst in Regensburg. Der Landkreis Lindau unterstützt den Begabten mit einem kleinen Stipendium.

Doch ein Leben ohne See ist auf Dauer nicht zu ertragen. Und so zieht er nach dem Studium in Regensburg und Tübingen, Jahren in Stuttgart und München, mit Ehefrau Käthe bald für immer nach Überlingen-Nußdorf. Im eigenen Haus direkt am See wachsen die vier Töchter auf, entsteht Buch um Buch. Von hier schwärmt der Schriftsteller und Zeitgenosse Walser seitdem immer wieder aus in das literarische Leben der Republik; kleine Abstecher in politische Nebenschauplätze inbegriffen. Wasserburger ist er dabei immer geblieben: “Noch nie hatte ich einen Menschen so über seine Herkunft reden hören. Im Grunde waren es Lobgesänge, denn ich erinnere mich, daß ich wünschte, die Wasserburger könnten zuhören. Keine üblichen Lobgesänge, keine Spur von Euphorie, aber eine Genauigkeit, die etwas mit Gerechtigkeit zu tun hatte.” (Katharina Adler) Seit 1984 ist Martin Walser Ehrenbürger von Wasserburg.

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Neben Kirche und Schloss, findet man auf der Halbinsel das historische Malhaus, einst Gerichts- und Amtshaus der Fugger. Darin ist ein Heimatmuseum untergebracht. Man kann Werke von heimischen Künstlern sehen, die Geschichte der Hexenverfolgung studieren oder sich über Flora und Fauna des Seegebiets informieren. Eine Dauerausstellung ist der Kinder- und Jugendzeit Martin Walsers in Wasserburg gewidmet. Eine andere dem Schöpfer des “Lieben Augustin”, dem Schriftsteller Horst Wolfram Geissler. Aber das ist dann schon wieder eine ganz andere Wasserburg-Geschichte. Das Museum übrigens ist nur von April bis Oktober geöffnet.

“Man muß nicht fröhlich sein. Am Bodensee, meine ich. Heitere Landschaft und so… Dieser See bewirkt, glaube ich, nicht dies oder das. Wenn er etwas einprägt, dann den Wechsel. Die Nichteigenschaft. Ich bin vieles nicht. Das lerne ich hier.”

Ich bin fast allein am winterlichen See. Dieser Januar-See lässt seinen Besucher nur schwer wieder los. Der Niesel hat aufgehört. Es klart auf. Mit der Dämmerung beginnt ein faszinierendes Licht- und Lichterspiel. Aus blauweißem Himmel wird blauschwarzer Sternenhintergrund. Schwankendes Leuchten im Windspiel, fernes Blinken an anderen Ufern. Sanftes Plätschern von Wellen, die im vorrückenden Dunkel nur noch vermutet werden können. Vom Tag kennen wir den See. In der beginnenden Nacht drohen Untiefen.

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Kirche, Schloß und Museumsgebäude leuchten jetzt scheinwerferbestrahlt. Sie stehen so selbstverständlich und wie seit immer. Feuchte Kälte zieht auf. Die letzte bequeme Zugverbindung ab Wasserburg ist zu erreichen. Die Bahnfahrt an einem Januarabend findet bei Dunkelheit statt. Walser-Lektüre. Walser-Notizen. Wasserburg-Notizen. Zur Wegzehrung eine trockene Seele. Hart gebacken, mit fester Kruste, Kümmel und Salz. Wunschlos durch eine oberschwäbische Nacht.

* Aus der „Hymne an die Unsterblichkeit“ von Friedrich Hölderlin
 
Verwendete Literatur
Walser, Martin: Seelenarbeit. Roman. – Frankfurt, 1979
Walser, Martin: Ein springender Brunnen. Roman. – Frankfurt, 1998
Walser, Martin: Das dreizehnte Kapitel. Roman. – Reinbek bei Hamburg, 2012
Ficus, André; Walser, Martin: Heimatlob. Ein Bodensee-Buch. – Friedrichshafen, 1978
Walser, Martin: Liebes-Erklärungen. – Frankfurt, 1983
Magenau, Jörg: Martin Walser. Ein Biographie. – Reinbek bei Hamburg, 2005
Hagel, Manfred (Hrsg.): Annäherungen an Lindau. Berühmte Autoren in der Inselstadt und Umgebung. – Lindau, 1996
Hoben, Josef (Hrsg.): He, Patron! Martin Walser zum Siebzigsten. – Uhldingen, 1997
Mit 17 hat man noch Träume. Der Schriftsteller Martin Walser, 85, über Militärsprache, Kritiker und Aberglaube. In: Kultur-Spiegel, Heft 1, 2013, S. 55

Seelenreich: Walser in Wasserburg

Eine Januar-Fahrt an den Bodensee.

Der erste Teil

Was steckt eigentlich in einer guten oberschwäbischen Seele? Weizen- und Dinkelmehl, Hefe, Weizensauerteig, Wasser und Quellsalz. Auf die knusprige Oberfläche kommen dann noch Salz und würziger Kümmel. Die besten Exemplare dieser regionalen Spezialität gibt es beim jahrhundertealten “Fidelisbäck” in Wangen im Allgäu.

Der Zug ist pünktlich. Ankunft um 9.44 Uhr in Wasserburg am Bodensee. Kurzer Halt des Regionalexpress auf eingleisiger Strecke die Friedrichshafen mit Lindau verbindet. Aus einem bescheidenen Bauern- und Fischerdorf ist längst ein beliebter touristischer Anziehungspunkt geworden. Rundum Obstbau und etwas Wein. Von der malerischen, zu Saison-Zeiten aber völlig überlaufenen, Halbinsel hat man wahlweise Pfänder- oder Säntisblick. Man kann aber auch den Blick einfach nur über eine endlos scheinende Wasserfläche gleiten lassen: “Schwäbisches Meer”. Der Schriftsteller Martin Walser wurde am 24. März 1927 in Wasserburg geboren.

Es ist kein Januar-Wetter. Weder Schnee noch Frost. Nieselregen. Wolkenfetzen. Reisen macht hungrig und durstig. Am Weg vom Bahnhof zum See, im oberen Teil der Halbinselstraße, stoße ich zu meiner Überraschung und großer Freude auf eine Filiale des erwähnten “Fidelisbäck”. Rasche Einkehr zu Milch-Kaffee und Originalseele in bebutterter Version. Satte Zufriedenheit. Mit Zuversicht bereit zur Walser-Wasserburg-Exkursion.

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Im  Haus direkt gegenüber des Bahnhofs war die “Restauration” der Walsers – 1901 eröffnet. Von Martins Großvater selbst geplant und über zwanzig Jahre umgetrieben. Zwei Jahre nachdem Wasserburg einen Bahnhof bekommen hatte, versprach man sich von den hier Durch- und Anreisenden ein gutes Auskommen. Es gab die Gaststätte und es gab “Fremdenzimmer”. Die ehemalige Terrasse ist noch gut zu erkennen; sie ist inzwischen überbaut, aber die Holzstützen, die das Vorbaudach tragen, dürften wohl noch die Originale sein.

1924 übergab Josef Walser den Betrieb an seinen Sohn Martin, den Vater Martin Walsers, der eigentlich lieber Lehrer werden wollte und zum Gast- und Betriebswirt wenig Talente hatte. Als der Gasthof nicht mehr genug einbringt, kommt noch ein Holz- und Kohlehandel dazu. Die tatkräftige Ehefrau Augusta hält den Betrieb einigermaßen aufrecht. Die Angst vor dem wirtschaftlichen Scheitern ist ständiger Begleiter der Familie und der Kindheit Martin Walsers. Er muss mit anpacken und lernt früh, dass menschliches Handeln auch seine wirtschaftlichen Seiten hat. Eine Erkenntnis, die den späteren Schriftsteller prägen wird. Die Einnahmenseite muss stimmen – seine Verleger konnten ein Lied singen.

In der Gaststätte kehrten allerhand geschichtenvolle Menschen ein. Es wurde viel geredet. Der kleine Martin, der früh schon beim Servieren hilft, hat offene Ohren und eine lebhafte Phantasie. In der Region Lindau, Wasserburg ist der Name Walser auch heute noch sehr verbreitet. Man spricht einen allemannischen Dialekt, der sich aus bayerischen, vorarlberger und schweizer Quellen speist. Es sind dies die Laute, Worte und Satzmelodien die das Kind zu hören bekam, mit denen es sprechen lernte und die bis heute Walsers Schreiben und Sprechen prägen.

Mancher Winkel im Ort hat ländlichen Charakter bewahrt. Kleine Obsthöfe, Brennereien, Fisch-Räuchereien, kleine, niedrige Häuser, die sich allen Modernisierungswellen entziehen konnten und noch etwas von der Atmosphäre ahnen lassen, in der Martin Walser als Kind unterwegs war.

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Wer echte See-Erlebnisse liebt, sollte im Januar an den Bodensee fahren. Ist zudem noch schlechtes Wetter, begegnet man nur wenigen Menschen und kann sich ganz eigenen Stimmungen und Sinnen hingeben. Der See wirkt. Für Martin Walser war ein Leben ohne See immer undenkbar. “Ich liebe den See, weil es sich bei ihm um nichts Bestimmtes handelt. Wie schön wäre es, wann man sich allem anpassen könnte. Auf nichts Eigenem bestehen. Nichts Bestimmtes sein. Das wäre Harmonie. Gesundheit. Ichlosigkeit. Todlosigkeit.”

Im feuchten Kies am Ufer stehend, mit Blick auf die Hügel des Appenzeller Landes und die schneebedeckten Alpengipfel dahinter, stelle ich mir vor, wie 80 oder 75 Jahre vor mir dieser Martin hier stand, der einmal einer der bekanntesten Schriftsteller deutscher Sprache werden sollte. Zum Säntisblick beißt er abwechselnd von einer zähen Seele vom Vortag und dem süßsauren heimischen Apfel ab. Dann wirft er mit Kieselsteinen nach Enten, die im Treibholz dösen.

Besonders gerne ist der Junge mit Mädchen zusammen. Sucht Nähe und heimliche Berührungen, erforscht die Unterschiede der Geschlechter. “Aber ihm war hinter der Käserei in Glatthars Schopf mit Irmgard eine Enge gelungen wie noch nie… Sie mußten sich, weil dieser Kasten wirklich klein war, eng aneinander pressen. Johann hatte das Gefühl, beide, Irmgard und er, hätten, solange sie so aneinandergedrängt standen, er hinter ihr, sie vor ihm, nicht mehr geatmet.” Man darf Walser unterstellen, daß auf eigenen Erlebnissen beruht, was er hier seiner Hauptfigur Johann im stark autobiographischen Roman “Ein springender Brunnen” zuschreibt.

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Dieser Johann erlebt dann mit dem Mädchen Anita vom Wanderzirkus “La Paloma” so etwas wie die allererste ganz große Liebe. Verbunden mit all der Sehnsucht und den Freuden, die das auslöst. “Johann konnte weder lesen noch schlafen. Er schlich vor in den Abort, öffnete das zum Glück große Fenster und beugte sich hinaus und sah hinab auf die drei Wohnwagen, in denen noch Licht brannte.” Und den Schmerz: “Ja, sagte Anita, wir fahren heute noch. Bei dem Wetter ist es am besten, man ist im Wagen und fährt… Darauf mußte er sich einstellen. Gewappnet sein. Gewappnet gegen den Anblick des Obstgartens…ohne Manege und Zirkuswagen.”

Was da zwischen dem neugierigen Jungen und den Mädchen geschah, war nach gängigen Regeln in die kirchliche Kategorie der Sünde einzuordnen. “Er dachte an die Haare in Anitas Achselhöhlen. Mußte man Haare in Achselhöhlen beichten?” Das kindliche Seelenheil ist ständig von kleinen und größeren Sünden bedroht. Doch von der Sünde erlöst die katholische Ohrenbeichte – das ist peinlich und zugleich praktisch; es erleichtert das junge Gewissen. Beichte und sonntäglicher Besuch der heiligen Messe in der Kirche St. Georg waren unumstößliche Rituale für alle Wasserburger Kinder aus katholischen Elternhäusern.

Der zweite Teil mit Wasserburger Walser-Impressionen folgt in acht bis zehn Tagen. Hier auf con = libri.

Übrigens: Wer mehr über die Seelen des “Fidelisbäck” zu Wangen wissen möchte, kann hier nachsehen:
Fidelisbäck
Oder fährt am besten gleich in das sehenswerte Allgäustädtchen, um dort in der holzgetäfelten Gaststube der traditionsreichen Bäckerei einzukehren. Zu einer heißen Seele oder einer Portion Leberkäs’ mit Laugenhörnchen und einem kühl-trüben Zwickelbier.

Herbst-Lese 2012: Silke Knäpper und Fee Katrin Kanzler

Über zwei Dreiecks-Geschichten von “Ulmer” Autorinnen

Die literarische Szene der kleinen Großstadt Ulm an der Donau und der umliegenden Region ist überschaubar, dennoch durchaus lebendig und vielfältig. Es gibt den lyrischen Rapper, den fleißig schreibenden Buchhändler und eine aktive Autorengruppe. Die “Flugfische” treten mit einem frischen Cross Over aus Sprachkunst, Musik und Tanz vor ein ambitioniertes Publikum; “Wörterflug” verbindet Literatur mit moderner Musik. Der monatliche Poetry Slam füllt regelmäßig einen großen Saal. Und aus dem Dämmer seiner Kammer, in der nur das Äpfelchen glüht, liefert der eine oder andere Blogger mal Hinter- und mal Vordergründiges.

Natürlich ist diese Aufzählung in jeder Hinsicht unvollständig.

In Ulm begannen übrigens – bei jeweils sehr unterschiedlichen Ausgangslagen – die Schriftstellerkarrieren von inzwischen weitbekannten Persönlichkeiten wie Andreas Eschbach, Amelie Fried oder Ulrich Ritzel. Rar waren bisher längere Erzählwerke von Autoren oder Autorinnen die ihren aktuellen Lebensmittelpunkt in der Münsterstadt, bzw. dem sprichwörtlichen “um Ulm herum” haben. Das hat sich in den letzten Monaten geändert.

Gleich zwei jüngere Schriftstellerinnen, die in Sichtweite des vielbestiegenen Kirchturms leben und schreiben, konnten ihr Roman-Debut veröffentlichen: Silke Knäpper und Fee Katrin Kanzler. Erfreulicherweise wurden sie dabei von den Häusern Klöpfer und Meyer, bzw. Frankfurter Verlagsanstalt unterstützt. Zwei Verlagen also, die für besondere Qualitätsmaßstäbe bekannt sind. Beide Frauen haben Sprachen studiert und gehen einem Brotberuf als Lehrkräfte an Gymnasien nach. Für ihre bisherigen, meist kleineren schriftstellerichen Arbeiten, wurden sie schon verschiedentlich ausgezeichnet. Silke Knäpper ist zudem Mitglied der bereits erwähnten “Flugfische”; Fee Kathrin Kanzler betreibt die mystisch märchenhafte Web-Site “fairy-club”.

Bei ganz deutlichen Unterschieden im Stil, weisen die zwei vorgelegten Romane allerhand Gemeinsamkeiten auf. Es sind Dreiecksgeschichten in deren Mittelpunkt Musikschaffende stehen. In beiden Büchern spielt auch die Musik selbst eine wichtige Rolle. Neben der Haupthandlung geht es jeweils um eine tragische Geschwister-Liebe und daraus resultierende Schuldgefühle, Verlustängste und Sinnkrisen.

Knäpper, Silke: Im November blüht kein Raps. – Klöpfer & Meyer, 2012

Paul streicht und zupft den Bass. Der “Held” in Silke Knäppers Roman tut dies hauptberuflich im Orchester des Ulmer Theaters (Stutznitzen Sie ruhig, Herr Indendant! – Aber die Freiheit nehme ich mir.) Paul ist verheiratet, hat eine Zweitfrau namens Hanne und eine zweite Wohnung in die er sich zu atemholenden Sein ohne Frauen zurückzieht.

Während er im Ensemble meist problemlos den richtigen Ton findet, ist sein Privatleben schon längst aus dem Takt geraten. Auch traumatische Kindheitserfahrungen wirken erschwerend nach. Die Härte des Vaters. Dessen musikalische Früh-Erziehung, die das Kind als Schleiferei erlebte. Ein Emanzipationsversuch durch Instrumentenwechsel brachte kaum seelische Entlastung. Neben Paul spielt in “Im November blüht kein Raps “ die Stadt Ulm eine zweite Hauptrolle. Liebhaber verfahrener Beziehungsgeschichten werden das Buch ohnehin gerne zur Hand nehmen, Ulm-Liebhaber und -Kenner auf jeden Fall Freude daran haben. Denn es gibt viel zu entdecken.

41WIN-5+DAL._AA160_Die Buchhandlung Wiltschek und Bauer etwa, deren reale Vorbilder und ihre Inhaber sehr populär bei den Buchliebhabern der Stadt sind. Eine der allerersten italienischen Gaststätten in der alten Reichsstadt, ist seit Jahrzehnten als Pizzeria “Bella Napoli” bekannt und geschätzt. Die ehemalige Lebkuchenfabrik auf der anderen Donauseite im bayerischen Neu-Ulm, in der Paul seinen Zweitwohnsitz unterhält, steht derzeit kurz vor dem Abriss und wird bald einer Wohnanlage der gehobenen Preisklasse mit exklusiven Blicken auf Donau und Bilderbuchkulisse Ulms weichen. Schließlich das Reihenhaus am Kuhberg, das Kult-Cafè Omar in der Oststadt, das Kongress-Zentrum und immer wieder das städtische Theater, einschließlich mancher Blicke hinter dessen Kulissen.

Silke Knäpper schreibt knapp, schnörkellos und präzise. Die Geschichte wird nie langweilig, der Leser folgt dem Geschehen von Anfang an mit Spannung. Die Autorin hat ihre eigene Tonart gefunden. Eigene, originelle Motive sind es hingegen nicht immer auf die sie zurückgreift. Meist werden bewährte, in der neueren deutschen Literatur vielfach verwendete Vorlagen genutzt. Der Zweite Weltkriegt taucht auf; die daraus entstandenen Vertreibungsprobleme werden behandelt, Wurzeln der Familie im Osten ge- und besucht. (Wer wissen will, wie eine junge Autorin über Vertreibung und deren ambivalenten Aspekte schreiben kann, der greift besser zum Roman “Katzenberge” von Sabrina Janesch.) Schließlich fließen auch noch der Jugoslawienkrieg und eine demente Mutter in den Erzählfluss ein. Doch all diese Themen, die schon an anderer Stelle reichlich und oft stimmiger behandelt wurden, werden nur angerissen. Denn das Buch von Silke Knäpper ist nach gut 180 Seiten in 28 Kapiteln und einem Epilog zu Ende. Auch Paul? Lesen Sie selbst!

Die in Ulm erscheinende Südwest-Presse urteilte: “…auf den Lokalbezug ist diese Prosa keinesfalls zu reduzieren, der Roman hat erstaunliche literarische Qualität, findet gewiss überregionale Beachtung.” Das ist der Autorin genau so zu wünschen, wie der Mut, beim nächsten Versuch noch etwas eigensinniger zu werden.

***

Kanzler, Fee Katrin: Die Schüchternheit der Pflaume. – Frankfurter Verlagsanstalt, 2012

Du kennst die mehlige Schicht, die eine frische Pflaume hat. Was sie matt macht und blassblau statt dunkel, diese dünne Schicht, dieses Anstandspuder überm tiefen Violett, die Schüchternheit der Pflaume. Wenn du die Pflaume anfasst, reibt sich diese Schicht ab, und die Pflaumenhaut beginnt zu glänzen.”

Der Bassmann, der sie bei ihren Auftritten instrumental begleitet, nennt sie “Missy”, ihr Vermieter Borg spricht sie mit “Prinzessin” an. Für uns Leser bleibt sie namenlos. Sie ist nicht nur Schlafwandlerin; sie folgt auch gerne Göttern. Die Liedermacherin lebt in einer etwas eigenartigen Form von Wohngemeinschaft. Im leicht märchenhaften Haus, das die Bewohner “Goldlaube” nennen. Sie fühlt sich gleichermaßen zum Künstler-Freund Fender hingezogen, wie zum bürgerlich-maskulinen Blau. Und im Hintergrund ist immer die niemals endende intime Verbundenheit mit dem toten Zwillingsbruder. Die junge Frau schwankt und schwenkt zwischen den beiden Männern eben so hin und her, wie zwischen verschiedenen musikalischen Ausdruckformen und erotischen Stimmungen.

51pwAcSDitL._AA160_Fee Kathrin Kanzler schreibt in einer hochpoetischen Sprache. Sie hat lange gefeilt an den Sätzen, den Formulierungen, den Bildern, dem Rhythmus, erzählt sie in Interviews. Lyrische Ausdrucksformen überwiegen bei ihr, ohne dass auf Beschreibungsgenauigkeit verzichtet wird. Es ist sehr viel Wille zur Form, zur Melodie, viel Ambition, erkennbar. Da dies die Lesbarkeit nicht ausdrücklich erleichtert und nicht jeder Leser bereit ist sich auf diesen hohen Ton einzulassen, hat sie zwischendurch für Abwechslung, für gelegentliche Tempowechsel gesorgt. Wenn etwa ein terroristischer Sprengstoff-Anschlag städtisches Leben durcheinanderwirbelt und wichtige Verkehrsadern von einer Sekunde auf die andere zerstört. Ein Abschnitt im Buch, der recht unerwartet kommt und vielleicht etwas mutwillig plaziert wirkt.

Bei aller Sprachmacht, poetischer Virtuosität und dem durchaus vorhandenen epischen Talent, ist das Buch ein paar Seiten zu lang geraten. (“He, Blogger! Was willste eigentlich? Das eine Buch ist dir zu lang, das andere zu kurz. Wie kann man’s dir denn recht machen?”) Dem Leser droht- auf der wort- und bildgewaltigen Strecke irgendwann die Luft auszugehen und er schleppt sich möglicherweise etwas mühsam bis zum Ende auf Seite 318. Allerdings bekommt er auf dem Weg dorthin sehr schöne Kapitel-Überschriften geboten: “Mandelseife.” “Blaue Zunge.” “Salamanderfinger.” “Apfelkerngeschmack.”

Fee Kathrin Kanzler und ihr erster Roman sind schon eine zartwuchtige Entdeckung. Eine neue, ganz eigene, sehr sinnliche Stimme klingt hier an. So sah es auch Björn Hajer in DIE WELT: “Mit seiner feinstofflichen Gestaltwerdung ist dieser Erstling eine beachtliche, vielstimmige Partitur, in der auf reizvolle Weise große neben kleinen Gedanken stehen.” Jetzt darf man gespannt sein, ob diesem ersten erzählerischen Höhepunkt, weitere folgen werden.

Urbi et Libri

StadtLesen kommt nach Neu-Ulm

„In der Stadt lebt man zu seiner Unterhaltung, auf dem Lande zur Unterhaltung der anderen.“
(Oscar Wilde)

Ich bin ja gern in Metropolen unterwegs. Einen Tag oder mehrere in München oder Leipzig, Wien, Berlin oder Zürich, notfalls sogar Stuttgart, bringen immer Gewinn, Anregung, Aufregung, Kunst-, Musik- und Literatur-Erlebnisse. Man kann lange davon zehren. Aber im Grunde meines Herzens bin ich ein Kleinstädter, komme aus einer, habe lange in diesen überschaubaren Biotopen gelebt. Und es zieht mich immer wieder hin.

Neulich hatte ich wieder einen meiner Westallgäu-Tage. Das ist so eine kleine Kurz-Kur; der Erholungsbedarf nimmt schließlich von Lebensjahr zu Lebensjahr zu. Der Himmel war blau, die Luft frisch, es wurde flächendeckend geheut (= Gras gemäht); Gras und Kräuter setzten die herrlichsten Aromen und Aerosole frei. Wie fast jedesmal landete ich auch diesmal in einer jener malerisch heimeligen Kleinstädte der Region. Ich saß, ich laß, ich aß (kleine Demo warum wir das “ß” noch brauchen!) und zwischendurch ging ich ein wenig. Er-ging mich zwischen duftenden Wiesen, an Waldränder entlang, bergauf und bergab. Zwischendurch wurde der Blick frei auf die Alpenkette; an Nordhängen und in Mulden der Hochtäler lag noch reichlich Schnee. Der Weg führte schließlich wieder zurück ins Städtchen. StadtLesen auf der Parkbank, im Cafè oder Biergarten. Unter Linden, blühenden Kastanien, wuchtigen Buchen. Mein ganz persönliches StadtLesen.

StadtLesen gibt es seit einigen Jahren auch im großen Stil. Als Kampagne. Dieses StadtLesen ist eine Aktions- und Veranstaltungsreihe die das Thema Lesen in eine breite Öffentlichkeit tragen möchte – ohne Verpflichtung, ohne Hemmschwellen. Konzipiert und realisiert wird das Ganze von der Innovationswerkstatt Sebastian Mettler in Salzburg. Unterstützt und finanziert von Partnern und Sponsoren aus Wirtschaft, Kultur und Medien. Die wohl unvermeidliche Schirmherrschaft haben die UNESCO- Kommissionen Österreichs und Deutschlands übernommen. In ausgewählten StadtLesestädten wird auf einem von der jeweiligen Stadt zur Verfügung gestellten Platz zu freiem Lesegenuss unter freiem Himmel eingeladen. Höhepunkte sind Lesungen bekannter Autorinnen und Autoren, die aus populären Werken lesen. Nach den ersten Jahren in Österreich, gibt es StadtLesen inzwischen auch in Deutschland, der Schweiz und Italien.

Jedes Jahr wird eine begrenzte Anzahl LeseStädte ausgewählt. 2011 waren das u. a. Ludwigshafen, München und Landshut, Innsbruck, Graz und Eisenstadt. Diesmal sind aus Deutschland z. B. Fürth und Berlin, Zwickau und Chemitz, Saarbrücken und Ingelheim dabei.

Und zum ersten Mal macht heuer der Tross auch in unserer Region halt. Vom 5. bis 8. Juli heißt dann die LeseStadt Neu-Ulm. Ab neun Uhr morgens, bis zum Einbruch der Dunkelheit, kann man auf dem Rathausplatz in über 3000 Büchern schmökern. Am 6. Juli findet ein Integrationslesetag statt, an dem Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund dazu eingeladen sind, in ihrer Muttersprache selbst verfasste Texte zu präsentieren. Und gleich am ersten Abend um 20 Uhr liest der bekannte Krimi-Autor und ehemalige Ulmer Gerichts-Reporter Ulrich Ritzel aus “Schlangenkopf”, seinem neuesten Buch rund um den ehemaligen Polizeibeamten Hans Berndorf.

Rathaus-Platz Neu-Ulm mit Brunnen und Skulptur „Drei Männer im Boot“ des in Neu-Ulm geborenen Bildhauers Edwin Scharff (1887 – 1955).

Welche Bedeutung dem Ereignis auf lokaler Ebene zukommt, lässt uns das Grußwort von Gerold Noerenberg, seines Zeichens Lese-Biest und Oberbürgermeister von Neu-Ulm, erahnen:
„Bücher bergen Wissen, Geschichten und Schicksale. Sie lehren von der Natur, von der Wissenschaft oder vom Leben und erzählen spannende, phantastische oder traurige Geschichten. Lesen heißt: Aussteigen aus dem Alltag, aufsaugen von Wissen oder abwandern in andere Welten. In einen besonderen Erlebnisraum des Lesens können Sie im „Lesewohnzimmer“ der Aktion StadtLesen auf dem Neu-Ulmer Rathausplatz eintreten. Genießen Sie und bleiben Sie ein Weilchen. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.“

Lesefestivals in vielen großen und kleinen Städten: Leipzig, Köln, Hamburg, in Literaturhäusern, auf Burg Ranis, sogar in Schaffhausen. Leseförderung flächendeckend in Kindergärten, Schulen, Vereinen, Bibliotheken, demnächst vermutlich auch in Altenheimen. Der “Welttag des Buches” im April. “Treffpunkt Bibliothek” im Oktober. Jetzt also auch noch “Stadtlesen”. Glaubt wirklich jemand, dass sich mit all diesem Aktionismus, all dem Gutgemeinten, die Zahl der Lesefähigen und Lesewilligen signikant erhöhen, die Zahl der Leseverweigerer deutlich verringern lässt? Ich melde vorsichtshalber Skepsis an. Letztlich ist es immer ein individueller Schritt. Lesen erfordert Antrieb, Lust, Fähigkeiten und setzt ein Verlangen nach dem voraus was Lesen geben kann: Genussvolle Unterhaltung, Wissen, Bildung, Kritikfähigkeit, Lust am Vertiefen und Studieren, vielleicht sogar den Anstoß zu eigenem Schreiben.

Der Klick zu StadtLesen.

Sudeleien: März 2012

Unterwegs in Gerbersau

(Um es gleich zu sagen: Diese Sudeleien sind für einen Blog-Beitrag etwas zu lang geraten. Wer also meint, das sei ihm zu viel, er habe eh‘ keine Zeit oder dem Text fehle sowieso jegliche praktische Relevanz, und was der Leseverweigerungs-Begründungen mehr sind, der möge am besten gar nicht erst mit der Lektüre beginnen.)

Beim Ziellosvormichhinschlendern durch einen nieseligen Tag und durch Gässchen und Durchlässe, über Brücken und Stege unserer heimelig winkligen Dreiflüssestadt, musste ich an die Frage des Users “Minhthang” denken, die ich neulich in der Wissens-Community “COSMiQ” gelesen hatte: “Kann mir jemand sagen, wo Gerbersau in Deutschland liegt?” Mir persönlich geht es, ganz gleich wo ich gerade bin, häufig so, dass ich das Gefühl habe, zwar nicht als Teilnehmer dabei, aber irgendwie dennoch mittendrin zu stecken – in Gerbersau.

Am 9. August 2012 jährt sich der Todestag des Dichters und Literatur-Nobelpreisträgers Hermann Hesse (1877 – 1962) zum 50. Mal. Aus diesem Anlass plant nicht nur die Hesse-Geburtsstadt Calw zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen. Damit an dieser Stelle nicht schon Leser abhanden kommen, findet man den Link dorthin erst am Ende des Artikels. In den nächsten Wochen werde ich außerdem noch einmal auf diesen für Literaturfreunde bedeutenden Anlass zurückkommen.

Gerbersauer Idylle

Hesses Verhältnis zu seiner Heimatstadt war in Kindheit und Jugend voller Spannungen, der meist gemütlich genügsame Gerbersauer Geist für den phantasievoll reichbegabten Knaben nicht leicht zu ertragen, die Schulzeit über weite Strecken die reine Qual. Im “kleinen Schwarzwaldnest” war “nie ein Mensch ausgegangen, der einen Blick und eine Wirkung über das Engste hinaus gehabt hätte.” Zwar verklärte sich manches im Lauf der Jahre und Hesse selbst hat die Erinnerung an das Städtchen in seinen Werken immer wieder romantisch verpackt, dennoch war er sich darüber im Klaren, dass dort für ihn kein dauerhaft erträgliches Leben möglich gewesen wäre: “… obwohl Calw für mich nicht halb so schön wäre, wenn ich öfter als alle drei, vier Jahre hinkäme”, hat er 1915 an seine Schwester Adele geschrieben.

Auch das städtische Gemeinwesen wurde und wird nicht nur von vorbehaltlosen Bewundereren des in aller Welt geschätzten Dichters bewohnt. Desinteresse und skeptische Ablehnung waren über Generationen hinweg fester Bestandteile der Einschätzung. In dem Artikel “Hermann Hesses Gerbersau”, der 1930 in der Vossischen Zeitung, Berlin erschien, kam Hans Popp zu dem Fazit: “Die Calwer selbst lieben ihn nicht, sie begreifen ihn nicht; ohne Verständnis für seine große Liebe, die er zu ihnen im Herzen trägt, ohne Verständnis für seine große Seele stehen sie ihm gegenüber, unverstanden steht Hesse unter ihnen, er, der als erster verdienen würde, ihr größter Freund zu sein.” Da sich daran bis heute nicht so grundlegend etwas geändert hat, sind wohl die Bemühungen zum diesjährigen Jubiläumsjahr weniger der literarischen oder persönlichen Bedeutung Hesses, als vielmehr einem kommerziell touristischen Hintergrund geschuldet. Das muss das eine oder andere Ereignis und Angebot der kommenden Wochen und Monate aber keineswegs uninteressanter machen.

Der Trommler und Sprach-Wirbler Udo Lindenberg sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf die Frage, ob er Hesse gelesen habe: “Das hat mich gepackt. Wie kann einer über mich schreiben, der mich nicht kennt? Hab’ ich gedacht. Die kleine Stadt, die bürgerliche Enge, der Stress in der Schule, die Suche nach Coolness, der Ausbruch.” Zur Erinnerung: Lindenberg stammt aus einem Gerbersau namens Gronau.

Vor einigen Jahren hat er, inspiriert von Leben und Werk Hermann Hesses, die Udo-Lindenberg-Stiftung gegründet. Diese “fördert junge Texter und Musiker durch Wettbewerbe, um neue Wege gegen das Mitmarschieren in der Masse zu suchen, provokant zu schreiben und sich nicht anzupassen an Mainstream und Casting-Wettbewerbe. Sie will nationale und internationale kulturpolitische Aktivitäten unterstützen, sowie durch die Förderung humanitärer und sozialer Projekte weltweit den Schwächeren zur Seite stehen.”

Gerbersau-on-Wye

“In manchen Augenblicken war Altes und Neues, war Schmerz und Lust, Furcht und Freude ganz wunderlich durcheinander gemischt. Bald war ich im Himmel, bald in der Hölle, meistens in beiden zugleich.” 

Es gab Zeiten, da wollte ich ganz gerne wie Harry Haller sein. Allein mit mir, der Musik Mozarts, dem nie leer werdenden Glas Rotwein, zu nichts und niemandem verpflichtet, als Verrückter da und dort freien Eintritt genießend; hin und wieder würde mich genau so das eine oder andere Gerbersauer Mädel unheimlich cool finden und nicht nur zum Tanze bitten; ich würde Traktate schreiben und sie anschließend in den Wind werfen; meine Kammer wäre kahl und damit mein Leben ohne belastenden Unrat; so lebte ich für und für, Tag um Tag, Jahr um Jahr, für meine Gleichzeitigen längst zur Legende geworden. – Im realen Leben hingegen war ich lediglich bemüht kein Serenus Zeitblom zu werden.

Bis zum hier angesprochenen Jubiläum, dem Todestag Hermann Hesses im August, ist es noch einige Zeit hin. Ein anderer bemerkenswerter Jahrestag liegt hingegen bereits unmittelbar vor uns. Am 24. März wird Martin Walser 85 Jahre alt. Ist es wirklich schon wieder fünf Jahre her, dass er direkt vor mir über einen Leipziger Zebrastreifen ging? Begleitet von Kameramann und Pressefrau. Am Abend hat er gelesen. Vor vielen Menschen, die ihm kräftig applaudierten und ihn hochleben ließen. Damals konnte man nicht ahnen – und entsprechende Prognosen wären gewagt gewesen – dass Walser kurz vor seinem 85. Geburtstag wieder zur Frühjahrs-Buchmesse kommen würde.

Gerbersau am See

Martin Walser lebt seit Jahrzehnten in Gerbersau am Bodensee. Einmal – vor einigen Jahren – wollten die Menschen in diesem Landstrich dem Dichter und Zeitgenossen ein Denkmal spendieren. Ein fleißiger, vielerorts vertretener Künstler, bekannt für seine ebenso plastischen wie leicht hinterfotzigen Arbeiten, führte von den Honoratioren abgenickte Entwürfe gekonnt und an zentraler Stelle aus. Der Mensch und Schriftsteller Walser war nicht angetan, hingegen gewillt, den Bildhauer und seine Intentionen gründlich misszuverstehen. Das war eigentlich nicht schön und direkt so kleingeistig, wie es den ganzen Gerbersauern im Ländle des Schriftstellers gern unterstellt wird.

Dabei hätten Walser Kunstsinn und etwas Toleranz ganz gut gestanden, schließlich war er selbst schon öfters Opfer gravierender Missverständnisse. Wie damals in der Paulskirche von Gerbersau am Main. Oder erst kürzlich mit seinen Glaubensthemen-Büchern „Mein Jenseits“ und „Muttersohn“, als man ihn prompt in die religiöse Erweckungs-Schublade stecken wollte. – (Zu beiden Titeln sind auf = conlibri = seinerzeit Rezensionen erschienen; diese sind jetzt noch einmal auf der Seite „da capo“ zu finden.) – Nein, zum tief Gläubigen, zum kritiklos Glaubenden, zum Hoffenden auf das Jenseits ist er nicht geworden. Er macht uns nur klar, dass uns ohne Glauben Vieles fehlen würde. Wozu die zahlreichen, gedankenlos selbstverständlichen, meist vom ursprünglich religiösen Ursprung gelösten, künstlerischen, alltags-kulturellen und musikalischen Glaubenszeugnisse gehören. Und nicht zu vergessen – Walser betont das unermüdlich -, schließlich sei auch die Liebe reine Glaubenssache.

Leipzig-Gerbersau

Ab Donnerstag ist wieder Buchmesse in Leipzig. Martin Walser wird dort sein. Er wird u. a. seinen Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ vorstellen, in dem er die Verarmung beklagt, die wir durch das Fehlen eines Bedürfnisses nach Rechtfertigung erfahren. Seine Zeugen dafür sind Kafka und Augustinus, Luther, Calvin und Max Weber, Nietzsche und Karl Barth. Außerdem kommt unter dem Titel „Meine Lebensreisen“ noch eine schmale, überteuerte Resteverwertung auf den Markt. Ein bisschen viel hat er ja schon drauflosgeschrieben in den letzten fünf Jahren und seine Verlage ein klein wenig zuviel drauflosveröffentlicht.

Auch ich werde wieder an der Weißen Elster, in den Messehallen und bei einigen der vielen Veranstaltungen an kontrastreichen Örtlichkeiten der spannenden Stadt unterwegs sein. Und irgendwann danach für = conlibri = ein paar Zeilen darüber schreiben. Über meine Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen und Büchern in Leipzig, rund um die Buchmesse und das große Lesefest “Leipzig liest”.

Zum Hesse-Jahr findet man hier Infos die weiterhelfen: Gerbersau/Calw/Hesse/Juliäum

Das Verhältnis Hesses zu Calw wird in diesem ergiebigen Buch gründlich aufgearbeitet:

Schnierle-Lutz, Herbert: Hermann Hesse und seine Heimatstadt Calw. Chronologie eines wechselvollen Verhältnisses. – Calw : Stadtarchiv, 2011. Euro 15

Endlich gibt es auch wieder eine aktuelle Biographie:

Schwilk, Heimo: Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers. – München : Piper, 2012. Euro 22,99

Das Neueste von Martin Walser:

Walser, Martin: Über Rechtfertigung, eine Versuchung: Zeugen und Zeugnisse. – Reinbek : Rowohlt, 2012. Euro 14,95

Walser, Martin: Meine Lebensreisen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Thomas Schmid. – Hamburg : Corso, 2012. Euro 24,90

Mai 1960

Die Gruppe 47 in Ulm

Der zweite Teil

1959 war der Roman “Die Blechtrommel” erschienen und hatte für einige Aufregung und manch frische Brise im schwarzbraunen Mief der schon viel zu lang anhaltenden Nachkriegszeit Dreizonen-Deutschlands gesorgt. Aus heutiger Sicht eines der wichtigsten und bedeutensten deutschsprachigen Werke des 20. Jahrhunderts. Der Autor Günter Grass hatte bis dahin nur etwas Lyrik veröffentlicht, einige Jahre in Paris gelebt und hauptsächlich als Bildhauer gearbeitet. Seine umfangreiche, voller Fabulierlust erzählte Geschichte löste nach dem Erscheinen allerhand Turbulenzen in einer Gesellschaft aus, die langsam zu einem bescheidenen Wohstand kam und es sich unter der Dauerkanzlerschaft des rheinischen Gemütsmenschen Adenauer behaglich gemacht hatte.

Aufgrund einiger saftig bildhafter Passagen wurden Buch und Autor die Verbreitung von Geschmacklosigkeiten, von Pornographie und Blasphemie vorgeworfen. Damit hatten sich Schriftsteller in den 1950er Jahren immer wieder einmal auseinanderzusetzen. Arno Schmidt, der mit seiner “Seelandschaft mit Pocahontas” auch davon betroffen war, wechselte deshalb sogar den Wohnsitz, verließ mehr oder weniger freiwillig das erzkatholische Kastel an der Saar. Als selbsternannte Moralinstanzen traten vor allem katholische Oberhirten und spezielle konservative Kreise auf. Im Mai 1960 nahm Günter Grass an der Hörspiel-Tagung der Gruppe 47 in Ulm teil.

Inge Aicher-Scholl nutzte ihre Kontakte und lud den Schriftsteller zu einer Lesung in das im Zentrum der Stadt gelegene, traditionsreiche Schwörhaus ein. Günter Grass las am Samstag-Abend, den 28. Mai. Das zahlreich erschienene Ulmer Publikum nahm den umstrittenen Jungautor freundlich auf. Die lokale Presse schrieb über den Auftritt des markanten Danzigers in Ulm: “Er trug seinen literarischen Schatz in einer winzigen Reisetasche von der Art, wie sie deutsche Landärzte um die Jahrhundertwende benützt hatten, zum Lesepult, verbeugte sich verbindlich lächelnd und sah ein wenig aus wie Guareschi und Georges Brassens.”

Günter Grass las einige Gedichte und aus der “Blechtrommel” die Kapitel “Das Kartenhaus” und “Brausepulver”, ein Kapitel von besonderem literarisch-erotischen Reiz. “Da saß ein Epiker von Format, ein unbefangener Kraftprotz, der ein verwöhntes Publikum in Bann schlagen konnte, mit seinen Geschichten, mit seiner Sprache”, schrieb die Schwäbische Donauzeitung. Man möchte ergänzen: Und mit seiner Vortragsweise, seiner Performance, wie man heute vielleicht sagen würde. Wer in den letzten Jahren Gelegenheit hatte eine Grass-Lesung zu erleben, konnte feststellen, dass die Schilderung von 1960 auch heute noch fast unverändert zutrifft.

Über zwei weitere Teilnehmer des Ulmer Treffens der Gruppe 47 kann Interessantes berichtet werden.

Das Ulmer Schwörhaus, in dem heute das Stadtarchiv untergebracht ist.

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Friedrich Knilli promovierte 1959 mit einer experimentalpsychologischen Untersuchung des Hörspiels und verfasste ein Buch mit dem Titel “Das Hörspiel. Mittel und Möglichkeiten eines totalen Schallspiels”, das bald als Standardwerk galt. Er gehörte später zu den Mitbegründern des “Literarischen Colloquiums Berlin” und war Professor für Literatur- und Medienwissenschaften an der Technischen Universität Berlin, ein ausgezeichneter Kenner von Leben und Werk Lion Feuchtwangers, der sich schwerpunktmäßig unter anderem mit der Darstellung der Juden in den Medien beschäftigte. Knilli vertrat in Fragen der Hörspiel-Theorie eine Gegenposition zur Hamburger Linie Heinz Schwitzkes, für den das “Wortspiel” im Vordergrund stand und befürchtete seinerseits eine “Verwortung des Hörspiels.” Er setzte stärker auf Inszenierung und dramaturgische Effekte.

Unterstützt wurde Friedrich Knilli in seiner Position während der Ulmer Tage von einem Germanisten aus Nürnberg, der zur Tagung als Hans Schwerte angemeldet war, und der sich in Gesprächen gerne über die Nazi-Vergangenheit des NDR-Hörspiel-Chefs Schwitzke ausließ. Schwerte hatte in Erlangen studiert und promoviert und wurde 1965 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der RWTH Aachen, von 1970 bis 1973 war er ihr Rektor und wurde dem linksliberalen Flügel der Professorenschaft zugerechnet. Er erhielt das Bundesverdienstkreuz und den belgischen Orden “Officier de L’Ordre de la Couronne.”

In den 1990er Jahren verdichteten sich Gerüchte, dass Schwerte nicht der war als der er sich ausgab. Recherchen des niederländischen Fernsehens und der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule enthüllten schließlich Schwertes ursprünglichen Namen: Hans Werner Schneider, geboren 1909 in Königsberg. Seit 1933 war dieser Schneider in NS-Organisationen aktiv gewesen, ab 1937 gehörte er der SS an, in der er verschiedene Führungspositionen begleitete und u. a. auch in den besetzten Niederlanden arbeitete.

Kurz nach Kriegsende hatte Schneider sich mit Hilfe seiner “Witwe” für tot erklären lassen und den Namen Hans Schwerte angenommen, der einem vermutlich im Krieg gefallenen Soldaten gehört hatte. So konnte er eine scheinbar makellose akademische Karriere absolvieren. Schwerte/Schneider, der sich unter dem Druck der Ermittlungen schließlich selbst angezeigt hatte, wurde in der Folge der Professoren-Titel aberkannt. Er verlor alle Pensions-Ansprüche und das Bundesverdienstkreuz. 1960, bei seinen Auftritten auf dem Ulmer Kuhberg, war er ein allseits geschätzter Wissenschaftler, Hörspiel-Fachmann und Gesprächspartner gewesen.

Es gibt einen wunderbaren Bildband über die Treffen der Gruppe 47 (Köln, 1997). Die Fotos hat Toni Richter gemacht, die Frau Hans Werner Richters. Einerseits geben die Schwarzweiß-Aufnahmen einen lebendigen Eindruck von Ort und Athmosphäre jeder einzelnen Veranstaltung; gleichzeitig wirken sie jedoch unglaublich nostalgisch – im wahrsten Sinne wie aus einem anderen Zeitalter. Das außerordentliche Treffen, die Hörspieltagung im Mai 1960 in Ulm, ist in dem Buch mit fünf Bildern vertreten. Auf einem davon sieht man eine kleine Gruppe auf der großen nach Süden ausgerichteten Terasse des HfG-Komplexes in intensive Gespräch vertieft: Dieter Wellershoff, Franz Schonauer, Walter Hasenclever, Hans Werner und Toni Richter. Es ist ein besonders schöner Platz. Von hier blickt man auch heute noch über das tiefer liegende Donautal in Richtung der an Föhntagen in der Ferne sichtbaren Alpenkette.

1960 waren die Nachwirkungen der Nazi-Jahre in Deutschland noch nicht gänzlich überwunden, wie wir oben gesehen haben. Aber auch in Europa war der braune Spuk noch nicht zu Ende. In Spanien beherrschte seit 1939 der faschistische Diktator Francisco Franco das Land und das blieb so bis zu seinem Tod im Jahre 1975. Bevor man Ulm wieder verließ, verfassten und verabschiedeten  die Schriftsteller und Schriftstellerinnen eine gemeinsame Petition, in der sie sich für Journalisten und Publizisten in Spanien einsetzten, die unter diesen spätfaschistischen Verhältnissen zu leiden hatten. Das nächste reguläre Treffen der Gruppe 47 fand im November 1960 im Rathaus von Aschaffenburg statt. Es wurden 150 Personen eingeladen, darunter 16 neue Autoren und Autorinnen; 25 lasen aus ihren unveröffentlichten Werken. Günter Eich, der in Ulm zu jenen gehört hatte die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen, musste unter dem materiellen Druck der ihn zu allerhand Brot-Arbeit zwang und nach zahlreichen Reisen und Lesungen wegen “totaler Erschöpfung” absagen.

Auf der Blog-Seite „da capo“ finden Sie ein Zitat Hans Werner Richters zum Selbstverständnis der Gruppe 47.

In diesem Blog werde ich gelegentlich auch über andere Treffen der Gruppe 47 im süddeutschen Raum berichten.

Mai 1960

Die Gruppe 47 in Ulm

Der erste Teil

Die Ulmer Hochschule für Gestaltung wird für immer als eine ganz besondere Bildungseinrichtung in Erinnerung bleiben. Der Gebäudekomplex, den sie bei ihrer Gründung 1955 bezog, war von dem Schweizer Architekten und Mitbegründer der Hochschule, Max Bill im Bauhausstil als industrielles Serienprodukt (Plattenbau) geplant und errichtet worden. Unscheinbar und harmonisch fügen sich auch heute noch die einzelnen Trakte in den sanften Hang des Hochsträß. Etwas außerhalb der Stadt auf dem Kuhberg gelegen, war die HfG von Anfang gleichermaßen Fortschrittsmotor wie skandalumwehter Sammelpunkt kreativ liberaler Geister. 1968 wurde sie auf Druck der baden-württembergischen CDU-Regierung und mit zustimmender Genugtuung weiter Kreise der Ulmer Stadtgesellschaft abgewickelt.

Das letzte Wochenende im Mai 1960 war für die ehemalige freie Reichsstadt Ulm an der Donau von großer Bedeutung – sie bekam ihre zweite Hochschule. Im großen Ratssaal fand die feierliche Eröffnung einer Ingenierschule durch den damaligen Kultusminister Storz statt. Eine Bildungsstätte die sich mit realen, greif- und begreifbaren Gegenständen beschäftigte, fand in der Stadt sofort wesentlich mehr Anklang als das eher abstrakte und theoretische Wirken der Hochschule für Gestaltung. Dass dort durchaus bahnbrechende, Jahrzehnte nachwirkende Ideen, Entwürfe und Produkte entstanden, wurde den meisten Skeptikern erst klar, als diese Aera schon wieder vorbei war. Die Ingenieurschmiede aber wurde 1971 zur Fachhochschule und inzwischen im Rahmen der Bologna-Prozesse zur Hochschule veredelt.

Während im historischen Rathaus der Donaustadt von den Honoratioren des Landes und der Stadt auf den Bildungs-Meilenstein angestoßen wurde, fand am selben Wochenende eine andere, ebenfalls äußerst prominent besetzte Zusammenkunft statt. Im Bill-Bau der HfG traf sich die Gruppe 47 ab Donnerstag den 26. Mai und bis Sonntag den 29. Mai zu einer Hörspieltagung. 80 Schriftsteller, Autoren, Journalisten und Kulturschaffende waren dazu angereist.

Die Gruppe 47, das von Hans Werner Richter begründete Schriftstellertreffen, wurde in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik etwa zweimal jährlich einberufen. Die letzte reguläre Tagung fand 1967 statt. “Eigentlich ist die Gruppe gar keine Gruppe. Sie nennt sich nur so.” (H. W. Richter) Diese Gruppe, die keine Gruppe war, nie aus einem festen Teilnehmerkreis bestand, hat die literarische Landschaft des Nachkriegsdeutschland wesentlich mit geprägt und ihre weitere Entwicklung nachhaltig beeinflußt. Was im Mai 1960 in Ulm stattfand war ein Treffen außerhalb des üblichen Rhythmus und eine Tagung, die sich ein enges und spezielles Themenspektrum gewählt hatte: Sie war ganz und ausschließlich dem Hörspiel gewidmet. Aus diesem Sonderstatus erklärt sich zum Teil die schlechte Quellenlage. Es existieren nur wenige verwertbare Zeugnisse und Dokumente zu diesem Ereignis.

1960 hatte die Medienform des Hörspiels ihren Bedeutungshöhepunkt und den Gipfel des Publikumszuspruchs schon leicht überschritten. Die Konkurrenz des noch jungen Fernsehens und des zunehmend beliebten Fernsehspiels wurde stärker. In den Jahren zuvor waren einige wichtige Werke im Genre Hörspiel entstanden, die auch jederzeit höheren literarischen Ansprüchen genügten. Prägend wurde bei der Aufnahmepraxis die „Hamburger Hörspieldramaturgie“ unter Heinz Schwitzke der auch den Begriff des “Wortkunstwerks” prägte. Südwestfunk und Süddeutscher Rundfunkt waren Rundfunksender die Hörspiel, Hörbild und Hör-Essays in ihren Programmen besonders pflegten. Damit trugen sie nicht zuletzt wesentlich zur Verbesserung der Einkommenssituation des einen oder anderen Schriftstellers bei. 1960 gab es in allen deutschen Rundfunkanstalten etwa 300 Termine für Hörspielsendungen. An der Veranstaltung in Ulm nahmen u. a. teil: Alfred Andersch, Wolfgang Hildesheimer und Günter Wellershoff, Ruth Rehmann, Walter Hasenclever und Franz Schonauer, der Regisseur Peter Schulze-Rohr, der Großkritiker Marcel Reich-Ranicki, der Medienwissenschaftler Friedrich Knilli, sowie Günter Eich und Ilse Aichinger.

Günter Eich studierte Sinologie und arbeitete ab 1932 als freier Schriftsteller. Seine Schwerpunkte waren die Lyrik und eben das Hörspiel, wie zum Beispiel das 1951 erstgesendete “Träume” oder “Das Mädchen von Viterbo” (1953). “Wie alle großen Schriftsteller hat Eich sich eine Grundform geschaffen, an deren Vervollkommnung er arbeitet”, schrieb Walter Jens über Eich und sein Verhältnis zum Hörspiel. Man zählte ihn zu den Wegbereitern des “literarischen Hörspiels”. Doch dieser Begriff wurde immer wieder in Frage gestellt. So auch bei der Tagung auf dem Ulmer Kuhberg. Die örtliche Zeitung resümierte sogar: “Das literarische Hörspiel gibt es noch nicht.” Man war generell auf der Suche nach neuen literarischen Ausdrucksformen, hielt die traditionellen Gattungen für überholt. Eine Entwicklung, die aus heutiger Sicht, eher im Sande verlief.

Seit 1953 war Günter Eich mit Ilse Aichinger verheiratet. Ilse Aichinger als Tochter einer jüdischen Ärztin und eines Lehrers in Wien geboren, wurde katholisch getauft. Die Familie war der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt; Ilses Großmutter und die jüngeren Geschwister der Mutter wurden 1942 deportiert und ermordet. Die Zwillingsschwester floh im Juli 1939 mit einem der letzten Jugendtransporte nach England. Ilse Aichingerr selbst und ihre Mutter blieben unter schwierigen Umständen in Wien. Ilse absolvierte zwar erfolgreich das Gymnasium, bekam aber als Halbjüdin keinen Studienplatz. Erst nach Kriegsende konnte sie ein Medizinstudium beginnen, das sie jedoch nach fünf Semestern abbrach, um ihren ersten Roman zu schreiben.

Die österreichische Schriftstellerin stieß früh zur Gruppe 47, zu deren Gründungsmitgliedern ihr späterer Mann Günter Eich gehörte. 1948 war ihr Roman “Die größere Hoffnung” erschienen. Aichingers wichtigsten Hörspiele waren “Knöpfe” (1953), das auch dramatisiert wurde und “Weiße Chrysanthemen”, mehr ein Hörtext als ein szenisches Hörspiel. Ilse Aichinger warnte vor einer radikalisierten Sprachkritik, wie sie u. a. auch von der Abteilung Information der Ulmer HfG betrieben wurde, die der Naturwissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller Max Bense aufgebaut hatte. In ihrem Essay “Meine Sprache und ich” schrieb Aichinger dazu: “Meine Sprache und ich, wir reden nicht miteinander, wir haben uns nichts zu sagen.” Anfang der 50er Jahre hatte sie zeitweilig bei Inge Aicher-Scholl an der Ulmer Volkshochschule gearbeitet. Inge Aichers Mann, der bekannte Graphiker und Designer Otl Aicher war maßgeblich am Aufbau der Hochschule für Gestaltung beteiligt. Diese Verbindungen waren es wohl, die die Teilnehmer der Hörspieltagung im Mai 1960 ausgerechnet nach Ulm führten.

In Ulm wurden Arbeiten von Teilnehmer der Tagung, aber auch von Autoren die nicht nach Ulm gekommen waren, präsentiert – durch Vortrag oder das Abspielen von Tonbändern; einige Aufnahmen wurden vom Rundfunk-Übertragungswagen eingespielt. Dabei war Neues und Altes, Rohfassungen ebenso, wie fertige Inszenierungen. Da es die Quellenlage unmöglich macht eine komplette Teilnehmerliste der Tagung zu erstellen, ist aus heutiger Sicht nicht mehr eindeutig zu klären, welche Werke vor Ort von ihren Autoren vorgestellt und welche von fremder Stimme gelesen oder von Band eingespielt wurden.

Hier eine kleine Auswahl der am letzten Maiwochende 1960 vorgestellten Werke: Das schon erwähnte Dreipersonen-Stück “Weiße Chrysanthemen” Ilse Aichingers und “Albino” von Alfred Andersch, der lange für Hessischen und Süddeutschen Rundfunk gearbeitet hatte, seit 1958 aber im Tessin lebte, weil er mit der gesellschaftlichen Entwicklung im Adenauer-Deutschland nicht einverstanden war. Von Günter Eich eine alte und eine neue Fassung von “Der Tiger Jussuf”; von Alfred Döblins “Berlin Alexanderplatz” eine Hörspielfassung. Der “Schützengraben-Dialog” des israelischen Aktivisten und Schriftstellers Ben-Gavriel, der 1891 als Eugen Hoeflich in Wien zur Welt gekommen war, wurde ebenso heftig diskutiert wie Wolfgang Hildesheimers böse Komödie “Herrn Walsers Raben”.

Vom Polen Zbigniew Herbert, der hauptsächlich als Lyriker bekannt wurde, gab es “Das Zimmer” und von Eugène Ionesco, dem Großmeister des absurden Theaters, den “Automobil-Salon”. Von Paul Kruntorad, der aus dem Tschechischen stammte und in Österreich als Publizist wirkte, “Das Hobby”; von der viele Jahre später auch als Grünen-Politikerin auftretenden Ruth Rehmann Partien aus “Ein ruhiges Haus” und von Dieter Wellershoff Passagen aus “Der Minotaurus”. Wellershoff erfuhr vor drei Jahren mit seinem erfolgreichen Roman “Der Himmel ist kein Ort” noch einmal späte Anerkennung.

Die Sitzungen dauerten bis weit in die Nacht, dabei wurde kräftig geraucht und reichlich gezecht. Zur nicht immer nur ernsthaften Runde gehörte damals bereits ein 33-jähriger Bildhauer, der neuerdings auch als Schriftsteller vernehmbar von sich reden machte und bis heute bei vielen gesellschaftlichen, politischen und literarischen Anlässen mit seinen meinungsstarken Wortmeldungen nicht wegzudenken ist: Günter Grass.

Dazu mehr im zweiten Teil und in Kürze an dieser Stelle.

Geschichte Oberschwabens

Im 19. und 20. Jahrhundert

Anfang dieses Monats erschien der erste Band einer auf drei Bände angelegten Geschichte Oberschwabens, verfasst von dem Historiker und langjährigen Leiter des Ravensburger Stadtarchivs Peter Eitel. Eitel ist einer der profundesten Kenner südwestdeutscher Regionalgeschichte. 1970 promovierte er mit einer landeshistorischen Arbeit über „Die oberschwäbischen Reichsstädte im Zeitalter der Zunftherrschaft.“ Von ihm sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche fachwissenschaftliche Veröffentlichungen erschienen. Er ist auch Redakteur der seit 1990 erscheinenden Kulturzeitschrift des Landkreises Ravensburg „Im Oberland“.

Der erste Band seiner oberschwäbischen Geschichte, die nun nach und nach bei Thorbecke herauskommt, trägt den Titel „Der Weg ins Königreich Württemberg (1800 – 1870) und beginnt mit einer Bestandsaufnahme, dem Kapitel „Das Gesicht Oberschwabens um 1800.“ Eitel beschränkt sich in seiner Darstellung bewusst auf die letzten 200 Jahre und vermeidet damit, sich in nur unscharf zu fixierenden und darzustellenden Vorzeiten zu verlieren; zudem der Landschaftsbegriff „Oberschwaben“ umso schwerer zu definieren ist, je weiter man ihn in die Vergangenheit zurück verfolgt. Heute versteht man darunter allgemein die Region zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee, eingeschlossen die württembergischen Teile des West-Allgäus. Band 1 endet mit dem Ausbruch des deutsch-französischen Krieges von 1870/71, einem Ereignis, das nicht nur für diesen Kulturraum von einschneidender Bedeutung war und in dessen Folge Deutschland ein ganz neues Gesicht bekam.

Erstmals gelingt in diesem Buch auch eine überfällige Sozial- und Wirtschaftgeschichte, waren die bisherigen Darstellungen doch zu sehr auf die klerikalen und vom Adel dominierten Rahmenbedingungen und Einflüsse beschränkt. Dabei stand – selbstverständlich für diesen Landstrich – die katholische Kirche und Kultur mit all ihren vielfältigen Erscheinungsformen und Machtstrukturen im Vordergrund. Peter Eitel verzichtet natürlich keineswegs darauf diese Aspekte zu beschreiben, betrachtet jetzt aber auch das Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten und widmet ein eigenes Kapitel den oberschwäbischen Juden. Er gibt Themen wie Kunst und Schulwesen den angemessen Raum und stellt immer wieder auch die alltäglichen Lebensbedingungen der Menschen dieser hügeligen Landschaft in den Mittelpunkt.

Der Autor lässt dabei oft schriftliche Original-Quellen sprechen; 260 meist farbige Abbildungen – viele davon bisher unveröffentlicht – ergänzen und bereichern das Buch. So entstand ein vielfältiger und farbiger Eindruck der Geschichtslandschaft des 19. Jahrhunderts. Vorgesehen ist, im zweiten Band die Zeit bis zum Ende des Königreichs Württemberg 1918 und im dritten Band bis zur Gründung des modernen Baden-Württemberg im Jahr 1952 zu behandeln.

Eitel, Peter: Geschichte Oberschwabens im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 1: Der Weg ins Königreich Württemberg (1800 – 1870). – Thorbecke, 2010. Euro 29,90

Maria Müller-Gögler

Eine oberschwäbische Schriftstellerin

Drei Frauen mit dem für die Region nicht untypischen Vornamen Maria sind im 20. Jahrhundert in der literarischen Landschaft Oberschwaben auf sehr unterschiedliche Weise hervorgetreten. Die stille, religiös-mysthisch dichtende Maria Menz fand mit ihren – meist in Mundart verfassten – Gedichten, naturgemäß nur ein begrenztes Publikum; ihr gedrucktes Werk ist inzwischen schwer zu bekommen. Im Heimatort Oberessendorf erinnert nur noch der Grabstein an sie. Maria Beig schreibt spröde eindrucksvolle Prosa. Mit „Rabenkrächzen“ und ihrem im letzten Jahr erschienen „Lebenslauf“ erreichte sie auch ein breiteres Publikum und fand Beachtung bei den Kritikern namhafter Medien. Bei Klöpfer und Meyer ist zum 90. Geburtstag der Autorin ein fünfbändiges Gesamtwerk in attraktiver Ausstattung erschienen. Die dritte Maria – und von der soll an dieser Stelle etwas ausführlicher die Rede sein – hieß Müller-Gögler und war die vielseitigste dieser drei Schriftstellerinnen.

Das verlegerische Gesellenstück, das der spätere Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld abzuliefern hatte, als er im Ulmer Aegis-Verlag unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sein Handwerk erlernte, war ein Bändchen mit dem Titel „Maria Müller-Gögler. Gedichte“. Es erschien 1947 und das darin enthaltene Gedicht „Die Geige“ wählte Hermann Hesse als eines der für ihn zehn schönsten für die Anthologie „Geliebte Verse“ aus.

Dennoch blieb der 1900 im damaligen Oberamts-Städtchen Leutkirch geborenen und ab dem fünften Lebensjahr in Weingarten aufgewachsenen Schriftstellerin eine breitere Anerkennung zunächst verwehrt. Den führenden Verlagen der Republik war die provinzielle Herkunft der Autorin, den Verlegern des evangelisch-württembergischen Kernlandes ihre katholische Konfession, suspekt. So blieb es der Journalistin Jella Lepman in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts vorbehalten, die ersten beiden Romane von Maria Müller-Gögler im liberalen Stuttgarter Tagblatt erscheinen zu lassen. Nur schwer fanden sich danach kleinere Verlage die bereit waren „Die Magd Juditha“ und „Beatrix von Schwaben“ auch als Buch herauszugeben. Nach dem großen Krieg und dem Ende der Naziherrschaft erhielt das Verlangen der Leser nach der Literatur aus der Welt, von der man zwölf Jahre abgeschnitten war, Vorrang und die Dichterin aus dem Oberland wurde nur am Rande und von Wenigen wahrgenommen. Für Maria Müller-Gögler aber war Schreiben von Kindheit an zur Existenzform geworden.

Lange erschien ihr Werk sehr verstreut und sporadisch. In den siebziger Jahren hatte sich schließlich Martin Walser für die  Kollegin  eingesetzt. Auch ihr langjähriger Wohnort Weingarten entsann sich seiner Mitbürgerin. 1978 erhielt sie den Kunstpreis der Städte Ravensburg und Weingarten, zwei Jahre später das Bundesverdienstkreuz. Eine bescheidene späte Entdeckung und Anerkennung setzte damit ein. Das Literaturarchiv Oberschwaben ermöglichte eine neunbändige Werkausgabe im Thorbecke-Verlag; inzwischen sind jedoch alle Bücher nur noch antiquarisch oder in guten Bibliotheken zu bekommen.

Viele Anregungen für ihre Werke schöpfte Müller-Gögler aus der oberschwäbischen, ins Allgäu und den Bodensee übergehenden Landschaft, ihrer Natur, ihren Menschen, der Geschichte der Region. Sie entwickelte dabei bald einen eigenständigen, realistischen Erzählstil, dessen Vorbilder sie in romanischen und östlichen Literaturen fand. Der russische Atheist Paustowski zählte ebenso wie Bulgakow zu ihren Lieblingsautoren. Eine tiefe Zuneigung zu Frankreich, seiner Literatur und Musik, hat in ihren Büchern viele Spuren hinterlassen. Mit ihrem katholischen Glauben, dem sie ein Leben lang unbeirrt treu blieb, tritt sie niemals engstirnig oder dogmatisch auf; musste sie sich doch selbst von manchen Fesseln, in die sie durch religiös-konservative Erziehung und damit eng verbunden, die ihr zugedachte Rolle als Frau, gezwängt worden war, mühsam befreien. So ist das Religiöse ein Stück selbstverständlicher Lebenskultur, unabdingbar verbunden mit dem Alltag, den Festen, den Jahresläufen, den Ritualen der Menschen jener Gegend aus der die Dichterin kam und über die und für die sie schrieb.

Maria Müller-Göglers Roman „Täubchen, ihr Täubchen…“ durfte auf Anordnung des damaligen Oberbürgermeisters von der Stadtbücherei Ravensburg lange Zeit nicht ausgeliehen werden. Er handelt von den erotischen Irrungen und Wirrungen eines Junglehrers und setzt sich auch kritisch-ironisch mit dem ländlichen Schulwesen im Württemberg der Fünfziger-Jahre des 20. Jahrhunderts auseinander. Das Buch erschien erstmals 1963 und erzeugt auch heute noch beim Leser eine nachhaltige Betroffenheit. Es ist im Zusammenhang mit den jüngst enthüllten Missbrauchsfällen von neuer, beklemmender Aktualität.

In dem historischen Roman „Beatrix von Schwaben“ überträgt die Autorin die politischen Ereignisse im Deutschland der beginnenden Nazi-Zeit auf die Zeit der staufischen Ritter. Ebenso wie im Roman „Die Truchsessin“, der während der Bauernkriege spielt, fesselt den Leser die Spannung der Handlung, halten sich Erfindung und Präsentation historischer Fakten gekonnt die Waage. Beide Bücher schildern Frauenfiguren, die durch eine für ihre Zeit ungewöhnliche Eigenständigkeit in Denken und Handeln hervortreten und man darf getrost unterstellen, dass diese Protagonistinnen Persönlichkeitselemente der Autorin enthalten. Sie stehen den kriegerischen Welteroberungsplänen und Unterdrückungsfeldzügen ihrer männlichen Umwelt ablehnend gegenüber. Die Truchsessin, keine geringere als die Gattin des sogenannten Bauernjörg, drückt es im Roman so aus: „Ich habe mich immer schon gewundert, wie sich die Männer ein Leben lang mit Kriegen und Händeln herumschlagen mögen … Wir Frauen sind die Zuschauer bei den gefährlichen Spielen der Männer. Vielleicht wäre es gut darüber zu lächeln. Aber sie sorgen dafür, dass wir häufiger darüber weinen müssen.“

Die Bücher Maria Müller-Göglers sind auch deshalb und immer noch  interessant, weil die Lektüre farbigen und kenntnisreichen zeitgeschichtlichen Hintergrund und intensive, sehr gelungene Frauendarstellungen bietet. Martin Walser schrieb: „Ich habe beim Lesen dieser Autorin des öfteren verwundert den Kopf geschüttelt, weil das, was in unseren Jahren fast das einzige Entwicklungsthema geworden ist, eben die Menschwerdung der Frau, im Lebenswerk von Maria Müller-Gögler seit Jahrzehnten in jeder Tonart angeschlagen worden ist: von ätzend sarkastisch bis weltüberwinderisch-ergeben“.

In ihren persönlichen Erinnerungen („Bevor die Stürme kamen“, „Hinter blinden Fenstern“, „Das arme Fräulein“) schildert die Tochter des Finanzbeamten Adolf Gögler die ersten 25 Jahre ihres Lebens und damit des 20. Jahrhunderts. Die junge Schulmeisterin und spätere Gymnasial-Lehrerin schreibt hier fesselnde Lokal- und Regionalgeschichte, lange bevor diese Themen in Volkshochschul-Programme Einzug hielten. Sie nimmt den Leser mit in die kleinbürgerliche Welt vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg, in die abgeschlossene Sphäre eines klösterlichen Erziehungsinstituts und schließlich, als gerade erst neuzehnjährige Lehrerin, auf eine Odyssee durch die Dorfschulen.

Das oberschwäbische Weingarten im Jahr 1917

Sie verlies den im ländlich konservativen Oberschwaben für junge Frauen vorgesehen Weg, brach aus der vorbestimmenten Laufbahn aus und studierte in München und Tübingen Germanistik, Philosophie, Pädagogik und promovierte 1930 in Tübingen mit einer Arbeit über „Die pädagogischen Anschauungen der Marie von Ebner-Eschenbach„, die 1931 bei Vieweg in Buchform erschien. Nach dem Studium heiratete Maria Gögler ihren Berufskollegen Paul Müller; der gemeinsame Sohn Paul wurde 1931, die Tochter Gisela 1932 geboren. Über die Berufsstationen Schwäbisch Gmünd, Laupheim und Crailsheim, kam sie 1938 nach Ulm, wo sie am Kepler-Gymnasium unterrichtete. Nachdem die Stadt im Dezember 1944 durch Bomben fast völlig zerstört worden war, zog die Familie nach Weingarten; dort lebte die Dichterin bis zu ihrem Tod im Jahr 1987.

Maria Müller-Gögler war eine sehr musikalische Frau, spielte gut und gerne Geige und Klavier, zählte zu den regelmäßigen Besucherinnen in Bayreuth und Salzburg. Mit dem Thema Musik hat sie sich auch literarisch beschäftigt, u. a. in Biographien über den aus Ravensburg stammenden Sänger Karl Erb und über den Orgelbaumeister Joseph Gabler, dessen Groß-Instrumente noch heute oberschwäbische Kirchenräume mit himmlischen Klängen füllen.

In ihren zahlreichen Gedichten fand die Dichterin harmonische Melodien, die lange nachklingen und mit denen sie nicht nur ihre Liebe zur oberschwäbischen Landschaft und Kultur immer wieder neu interpretierte. Sie schreibe „Lyrik, die sich wie eine glänzende Kuppel über ihr Schaffen wölbt,“ schwärmte Siegfried Unseld zum fünfzigsten Geburtstag der Autorin. Ihr ganzes langes Leben und ihr umfangreiches Werk hatte sie schon mit einem ihrer frühen Gedichte unter ein passendes Leitwort gestellt:

„Bewahre mich vor leerem Wort, / vor Glanz, der nicht von innen glüht, / vor Blüte, die papieren blüht, / vor Wachstum, dem das Herzblatt dorrt.“

„Mein Jenseits“ von Martin Walser

Das Scheitern des Augustin Feinlein

Jetzt versucht Martin Walser ernsthaft „seinem“ Schiller in Sachen Zitierfähigkeit und -häufigkeit Konkurrenz zu machen. „Mein Jenseits“, das neue kleine Werk, ist prall gefüllt mit Sätzen und Passagen, die bestens zum dauerhaft und vielseitig verwendbaren Aphorismus taugen. Hier ist eine Rangliste der besten Sieben:

Platz 7: Jeder muss, um seine Strafe zu ertragen, ein bisschen strenger strafen, als er gestraft worden ist.

Platz 6: Ich bin froh, dass ich etwas nachzuschlagen habe. Hoffentlich brauch ich lange, bis ich es finde.

Platz 5: Das Jenseits muss schön sein. Sonst kannst du es gleich vergessen.

Platz 4: Die Welt entspricht dir nicht, aber du sollst ihr entsprechen.

Platz 3: Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben, die volle Berührung. Das war ein Irrtum. Diese Wand war das Leben.

Platz 2: Von allen Menschen gleich weit weg, dann bist du am richtigen Ort.

Platz 1: In die Irre gehen. Wissend. Nichts gewöhnlicher als das.

Um es gleich zu sagen: Es ist ein schönes Buch und es ist eine schöne Geschichte. Verheißungsvoll bereits der Auftakt. Eine kleine Abhandlung über das Komischwerden und die damit verbundenen menschlichen „Mödelen“ (Eigenheiten, Skurrilitäten) von älteren Menschen im Oberschwäbischen. „Südlich der Donau sagt man zum Beispiel: Der und der wird auch allmählich komisch. Das merken alle, wissen alle, nur der, der allmählich komisch wird, merkt es nicht.“ Augustin Feinlein, Chefarzt eines Psychiatrischen Landeskrankenhauses, ahnt, dass auch ihn dieses Schicksal ereilen könnte, ja, kann nicht ausschließen, dass es ihn schon eingeholt hat. Er weiß was Älterwerden bedeutet, deshalb hat er an seinem 63. mit dem Zählen der Geburtstage aufgehört. Zudem wird ihm immer mehr klar, dass er im beruflichen Alltag zum Störfaktor geworden, dass die Zeit über ihn hinweg gegangen ist.

Deshalb fliegt er seit einigen Jahren gerne einmal zwischendurch für zwei, drei Tage nach Rom um sich in der Basilika San Agostino, in das Caravaggio-Bild „Madonna dei Pelligrini“ zu versenken. Auch in seiner Heimat hält er sich sehr gerne „immer wieder ohne Anlass im Kirchendämmer“ auf und lässt „die Zeit vergehen“. Das sind kleine Fluchten um das „klinische Quältheater“ zu unterbrechen. Dämmrig, wie die Kirchenräume, sind auch die Zimmer des immer gleichen Hotels, in dem er in Rom wohnt. „Man kann nicht lesen in diesem Hotel … Das ist so befriedigend. Du darfst dich mit dir selber beschäftigen.“ Damit hat Feinlein mehr als genug zu tun. Nebenbei resümiert und reflektiert er einige wesentliche Kapitel süddeutscher Kirchen- und Klöstergeschichte und beschäftigt sich mit der Reliquien-Seeligkeit des oberschwäbischen Katholizismus. Zudem zeigt sich, dass die Liebe seines Lebens, die bisher unerfüllt blieb, dies wohl endgültig bleiben wird.

Lebensgeschichte ist Glaubensgeschichte macht Walser deutlich. Und auch nicht zu glauben, kann eine persönliche Glaubensgeschichte sein. Zwischen glauben und nicht glauben ist nicht viel Platz, lediglich für ein paar Zweifel. Martin Walser setzt  auf die künstlerischen Schöpfungsakte der Musik und der Kunst als lebendigste, oft genug überwältigende menschliche Glaubenszeugnisse. Die Lebensgeschichte eines Menschen handelt immer auch von vergebenen Möglichkeiten, falsch gewählten Alternativen. Diesen trauert Feinlein im fortschreitenden Alter nach, dazu der verlorenen Geliebten, den nicht genutzten Chancen anderer beruflicher Weichenstellungen. Jetzt wünscht er sich „bloß keine Kreuzung mehr. Keine So-oder-so mehr.“ Doch im sechsten Kapitel nimmt die Erzählung für unseren in Liebe und Beruf gescheiterten Protagonisten noch einmal eine kleine, fast dramatische Wende. Dass dieses Buch am Ende jedoch sieben Kapitel haben muss, versteht sich fast von selbst.

Wie man hört, haben wir es mit dem Präludium zum nächsten großen Roman des 82-jährigen Schriftstellers, der im nächsten Jahr erscheinen wird, zu tun. Dort wird uns Prof. Dr. Dr. Feinlein erneut begegnen. Wir Leser freuen uns auf weitere Details aus dem Leben dieses neuen Walser-Helden.

Wie schon vor einiger Zeit bei Lenz, wird auch mit „Mein Jenseits“ eine etwas längere Kurzgeschichte in Apotheker-Manier und dank eines renommierten Autoren-Namen, überteuert an Mann und Frau gebracht. Immerhin ist dieses Buch sorgfältig gedruckt und geschmackvoll ausgestattet. Mit schwarzem Vorsatz und weinrotem Einband. Dazu ein Schutzumschlag, der ein Foto des Autors mit Bodensee im Hintergrund und auf dem Titel eine Abbildung von Anselm Kiefers „Sappho“ zeigt. Martin Walser hat auch nicht die Mühe gescheut, das Werk als Hörbuch einzulesen. Am 9. Februar liest er außerdem im Literaturhaus Frankfurt und am 23. Februar – auf Einladung von Osiander – in Tübingen aus seinem neuen Buch.

Walser, Martin: Mein Jenseits. Novelle. – Berlin University Press, 2010. – Euro 19,90