Buch Wien 2019

Was war und was nicht.

Zuverlässig. Pünktlich. Preisgünstig und fast rund um die Uhr bringen Busse, U-Bahn und Straßenbahnen (Wiener Straßenbahn: 306 Millionen Fahrgäste / 2016, Gleislänge 432 km) der Wiener Linien Tag für Tag tausende Menschen von hier nach dort in dieser faszinierenden Stadt. Von Theater zu Theater. Von Kaffeehaus zu Kaffeehaus. Ins Belvedere, nach Schönbrunn, spät des Abends vom Beisl sicher nach Hause. Oder an die Messehalle D. Zur Buch Wien.

Buch Wien? So nennt sich seit nunmehr 11 Jahren eine Messe, die mit ihrem Namen regionale Begrenzung andeutet und sich gleichzeitig zunehmend zur österreichischen Buchmesse mit Alleinstellungsmerkmal entwickelt. Vielleicht gelingt es dem Format den bundesdeutschen Vorbildern Leipzig und Frankfurt in den kommenden Jahren in Sachen Größe, Zuspruch und Debattentauglichkeit ein Stück näher zu rücken.

Was fehlte (1). Auf der abendlichen Eröffnungsveranstaltung wurden die angekündigten Michael Köhlmeier und Tobias Moretti vermisst. Sie fehlten krankheitsbedingt. G’rad schad’ war’s. Die entstandenen Lücken boten der sehr animierten und redseligen Vea Kaiser umso mehr Raum und Zeit sich den Gästen als unterhaltsame Plaudertasche und Vollbluterzählerin zu präsentieren. Gerüchte, die Kaiser gäbe nächstens in Salzburg die neue Buhlschaft an der Seite Morettis, erwiesen sich als aus der Luft gegriffen. Es wird die wunderbare Caroline Peters, längst eine der beliebtesten Darstellerinnen am Burgtheater.

Verlage (1). Große und kleine. Erfolgreiche und aufstrebende. Seltsame und weitgereiste aus dem Morgenland. Für so wenige ist Platz in einem kleinen Literaturblog. Es bleibt bei exemplarischen Erwähnungen. Als da wären die Macher von Text/Rahmen. Dominik Uhl und Michael Marlovics haben beide sehr sinnerfüllende Hauptberufe, dennoch sind sie alles andere als Amateure (Roman von Kinga Litkey, erschienen bei Text/Rahmen) im Verlagsmetier. 

Engagement, Herzblut und ein Stück Selbstausbeutung sorgen für das spannende, beachtlich umfangreiche Programm. Autoren und Autorinnen bekommen bei ihnen die meist erste Möglichkeit mit einem Roman, einer Erzählung die literarische Bühne zu betreten. Ich mag, wie du denkst (Erzählung von Thorsten Pütz bei Text/Rahmen), Ja, und ich mag was sie machen und wie sie es machen. Es gibt natürlich auch Krimis. Und einen erstaunlichen, originellen Bildband von Alex Dietrich mit dem Titel Da letzte Schmäh. Eine visuelle Konfrontation mit den Nicht-Orten Wiens und gleichzeitig heimliche Liebeserklärung an diese Stadt.

Preiswürdig (1). Norbert Gstrein bekam für seinen neuesten Roman Als ich jung war, den österreichischen Buchpreis. (Auch er fehlte auf der Messe krankheitsbedingt.) Der Debütpreis ging – und zu dieser Wahl kann man nur herzhaft applaudieren – an Angela Lehner für Vater unser. Mit dem Titel stand sie bereits auf der Longlist für den deutschen Buchpreis. Die in Berlin lebende Autorin stellte das Buch mit sichtlichem Vergnügen und unverkennbar osttiroler Akzent vor und erzählte anekdotenreich vom mühsamen Werden desselben. Dazu gehörten unter anderem umfangreiche Recherchen im Otto-Wagner-Spital, einer psychiatrischen und sozialmedizinischen Klinik, die durch Thomas Bernhard als Baumgartner Höhe (s. Wittgensteins Neffe) literarisch verwertet wurde. Hier wird die Protagonistin von Lehners Roman eingeliefert, deren Geschichte wir alsdann erfahren. Humorvoll, manchmal tragisch, immer gekonnt erzählt.

Aufgeschnappt (1). Romane sind eine Zeitverschwendung der Leser. Davor verschont uns die bulgarische Dichterin und Bibliothekarin Yordanka Beleva. Sie selbst belässt es bei kurzen Formen, Lyrik und kleinen Erzählungen. Würden alle so schreiben und publizieren, kämen Buchmessen mit deutlich weniger Platz aus. Mir würde allerdings sehr viel fehlen.

Verlage (2). Kaum hatte man die Messehalle betreten, stand man schon vor einem gigantischen Stapel Handke-Bücher. Er hat viel geschrieben, von ihm wurde und wird viel verlegt, über ihn wird reichlich diskutiert, er ist der Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 2019, vor Ort war er nicht. Olga Tokarczuk ist die Literatur-Nobelpreisträgerin des Jahres 2018. (Die Ehrung widerfuhr ihr erst in diesem Jahr, gleichzeitig mit Handke, da die Nobelkommission vorübergehend außer Diensten gewesen war.) Ihre Bücher führten am Schweizer Gemeinschaftsstand ein Nischendasein. Die deutschen Übersetzungen werden inzwischen komplett vom Kampa verlegt. Bis Ende November soll ihr Werk nahezu vollständig in Neuauflagen vorliegen. Angeboten wurde bereits Die Jakobsbücher, jenes umfangreiche, vielschichtige Werk für das sie von den Stockholmern ausgezeichnet wurde. (Kampa hat übrigens den derzeit wieder sehr angesagten Simenon im Portfolio.)

Was fehlte (2). Fehlen wird, und das wohl für immer, eine deutsche Übersetzung von Olga Tokarczuk allererstem Roman „Podróż ludzi księgi“ (auf deutsch etwa: Reise der Buchmenschen). Wie bei Kampa zu erfahren war, hat sich die Autorin inzwischen von dem Werk distanziert und lässt eine Übersetzung und das Erscheinen in deutscher Sprache nicht zu. Schade, natürlich wäre nicht nur ich jetzt erst recht gespannt auf diesen Erstling. Es gab ein wenig Hinundher, ob denn bereits einmal eine deutsche Ausgabe dieser Buchmenschen erschienen sei. Alle Recherchen ergaben, dass dem wohl nicht so ist. Auf con=libri gibt es einen Beitrag über Tokarczuks Ur und andere Zeiten

Aufgeschnappt (2). Kinder wollen nichts Postmodernes – sie wollen einfach eine Geschichte. Da kann man Iva Procházková nur zustimmen. Die Tschechin lebt in Wien und ist eine renommierte Kinderbuchautorin. (Die tschechische Kinderliteratur ist ja bekanntlich sehr vielfältig und hochwertig, nicht umsonst werden die Bücher häufig übersetzt.) Letztes Jahr erschien ein erster Kriminalroman von ihr: Der Mann am Grund: Der erste Fall von Kommissar Holina.

Verlage (3). Danube books aus Ulm kümmert sich schwerpunktmäßig um den Donauraum und Südosteuropa. Verleger Thomas Zehender ist ausgezeichnet vernetzt. Dank langjährig gepflegter Beziehungen zu kulturellen Institutionen und Persönlichkeiten aus den entsprechenden Ländern ist ein Programm entstanden das aus Titeln zu aktuellen politischen Themen, anspruchsvoller Lyrik und erzählender Literatur besteht. Der Verlag möchte nationale Grenzen überwinden und die kulturelle Vielfalt der Donauregion fördern.

Mich hat der bescheidene Auftritt der 81-jährigen Kristiane Kondrat beeindruckt. Danube books hat ihren Roman Abstufung dreier Nuancen von Grau neu aufgelegt. Sie entstammt einer deutschen Familie in Rumänien und wurde als Aloisia Bohn in Reschitz (Banat) geboren. Sie studierte Germanistik und Rumänistik und schrieb zunächst für die Schublade, da eine Veröffentlichung ihrer Arbeiten unter den herrschenden Regimen nicht möglich war. Das Schreiben war für sie Flucht vor der Indoktrination, der Gehirnwäsche durch die offizielle Propaganda. Seit 1973 lebt die Autorin in Deutschland. Vor der Ausreise aus Rumänien wurde sie genötigt zu erklären, dass sie weder mündlich noch schriftlich etwas sagen oder veröffentlichen würde, das der Sozialistischen Republik Rumänien Schaden könnte. Deshalb veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Kristiane Kondrat.

In ihrem Roman erzählt sie von einer jungen Frau auf der Flucht, die sich verfolgt und in die Enge getrieben fühlt. Überall stößt sie auf Menschen, die sie scheinbar bedrohen und ihr Angst machen. Doch allmählich kann sie dieser Angst Grenzen setzen und sich letztlich sogar davon befreien. Diese Geschichte einer Traumatisierung und ihrer Überwindung erzählt die Autorin vor dem Hintergrund eigener Lebenserfahrung. Kondrat gelingen kraftvolle Bilder, ihre genauen Beobachtungen gibt sie in poetischer Form wider. Es ist die Sprache einer reifen Schriftstellerin, der man wünscht, dass sie noch etwas breiter wahrgenommen wird.

Exkurs. Vor undoder nach den Messebesuchen ins Kaffeehaus. Das Café Weimar ist in der Währinger Straße, vom Schottentor kommend, am Sigmund-Freud-Park vorbei, kurz vor der Volksoper in einem Eckhaus. Hier wurde die Urkunde der UNESCO überreicht, die die Wiener Kaffeehauskultur zum immateriellen Weltkulturerbe erklärte. Unverzichtbar – zumindest für mich – bei einem Wienbesuch die Einkehr im beliebten Sperl, und sei es nur wegen der gerösteten Knödel mit leckerem Salätchen. Und natürlich nicht zu vergessen das einmalige Phil. Zum zweiten Frühstück inmitten von Büchern. Hier ist immer wieder eine Entdeckung zu machen, die man anderswo nicht findet. Und dann ist da ja noch das unverwechselbare Publikum. Lehrende und Lernende, Lesende und Schreibende und allerhand anderes kreatives Volk.

Preiswürdig (2). Der Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur wird von der Stadt Wien und dem Hauptverband des Österreichischen Buchhandels vergeben. Bereits zum zweiten Mal wurde Alex Beer damit ausgezeichnet. Die studierte Archäologin schreibt akribisch recherchierte historische Romane in Form von Krimis. Im Frühjahr erschien der dritte Band rund um den Ermittler August Emmerich. Wie die Vorgänger Der zweite Reiter und Die rote Frau hat Der dunkle Bote das notleidende Wien der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zur Kulisse. Breite Bevölkerungsschichten sind von Armut, Arbeitslosigkeit und fehlenden Perspektiven betroffen. Das ist oft düster, sehr authentisch und ausgesprochen spannend.

Alex Beer auf der Buch Wien 2019

Aufgeschnappt (3). Wir erinnern uns immer so, wie wir es gerade noch ertragen können. Sagte Nora Bossong, die mit ihrem aktuellen Roman Schutzzone auf der Buch Wien 2019 vertreten war. In Schutzzone stehen private Schicksale für eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Vereinten Nationen in Krisen- und Kriegsregionen.

Was nicht fehlte. Was wäre eine Buchmesse ohne all den unverzichtbaren Tand und Trödel den man handelstechnisch unter dem Begriff Nonbook zusammenfasst. Also all jene Produkte für die man nicht notwendigerweise lesen können muss. Sternenstanzer und Stiftespitzer, Pesto und Kürbiskerne, Malbücher, Puzzles und Mottoshirts, Schmink- und Bastelsets, Paprikapulver und Malkreide. Und vieles mehr!

Was fehlte (3). Petra Hartlieb. Tausendsassa und Allgegenwärtigkeit der Branchenszene. Sie hatte sich eine Auszeit genommen und eine Kur gegönnt.

***

Lehner, Angela: Vater unser. Roman. – Hanser, 2019

Tokarczuk, Olga: Die Jakobsbücher oder eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet. – Kampa, 2019

Tokarczuk, Olga: Ur und andere Zeiten. Roman. – Neuaufl. Kampa, 2019. s. con=libri

Procházková, Iva: Der Mann am Grund. Der erste Fall von Kommissar Holina. – Braumüller, 2018

Kondrat, Kristiane: Abstufung dreier Nuancen von Grau. Roman mit einem Vorwort von Christina Rossi. – Neuaufl. danube books, 2019

Beer, Alex: Der dunkle Bote. Ein Fall für August Emmerich. Kriminalroman. – Limes, 2019

Bossong, Nora: Schutzzone. Roman. – Suhrkamp, 2019

Links zu den Verlagen:

Text/Rahmen

Kampa

danube books

 

Von Radebeul nach Stambul

Fragen an den Karl-May-Forscher Dr. Ulrich Scheinhammer-Schmid

Karl May ist einer der besten deutschen Erzähler, und er wäre vielleicht der beste schlechthin, wäre er eben kein armer, verwirrter Proletarier gewesen … Karl May ist aus dem Geschlecht von Wilhelm Hauff; nur mit mehr Handlung, er schreibt keine blumigen Träume, sondern Wildträume, gleichsam reißende Märchen. (Ernst Bloch) *

Die aktuelle deutsche Theaterstatistik verzeichnet nicht – wie vielleicht zu vermuten wäre – das Werk eines klassischen oder modernen Dramatikers auf dem ersten Platz der Zuschauer-Charts. Den Spitzenplatz belegt eine Freilichtaufführung nach Karl May: Winnetou und das Geheimnis der Felsenburg auf der Freilichtbühne der Karl-May-Spiele Bad Segeberg war in der Spielzeit 2017/18 der Zuschauermagnet auf deutschen Bühnen! Schon auf Platz 3 ein weiteres Stück des populären Volksschriftstellers: Winnetou II bei den Karl-May-Festspielen Elspe im Sauerland. Erst auf Platz 4 folgt das erwartbare Ur-Drama der Deutschen, Goethes Faust

Gedruckt erzielen die Werke Karl Mays Jahr für Jahr stabile Verkaufszahlen. Allen voran die drei Winnetou-Bände und die Orient-Reihe rund um den Helden Kara Ben Nemsi. Der erste Winnetou-Band von 1893 – inzwischen in einer mehrmals revidierten Fassung – erreichte eine deutschsprachige Auflage von 3.916.000 Exemplaren. Eine 1987 im Verlag von Franz Greno, Nördlingen, begonnene Historisch-kritische Ausgabe wird inzwischen von der Karl-May-Gesellschaft herausgegeben. Die Edition Karl Mays Werke will einem breiten Publikum verlässliche und in ihrer Entstehung durchschaubare Texte aller Schriften Karl Mays zugänglich machen. Karl May und seine literarischen Werke sind zudem längst Gegenstand wissenschaftlicher Forschung verschiedener Disziplinen. Zahlreiche Bachelor- und Masterarbeiten sowie Dissertationen sind so entstanden.

Von begeisterter Leserschaft bis zu vertiefender wissenschaftlicher Arbeit reicht die Beschäftigung des Neu-Ulmers Ulrich Scheinhammer-Schmid mit Karl May und seinem ebenso vielschichtigen wie umfangreichen Werk. Für con=libri beantwortete Dr. Ulrich Scheinhammer-Schmid Fragen zu seinem lebenslangen Interessen- und Forschungsschwerpunkt. 

Herr Dr. Scheinhammer-Schmid, haben Sie, wie viele weitere Ihrer Generation und zumindest noch der nachfolgenden, die Werke Karl Mays als Heranwachsender auch regelrecht verschlungen?

So war es tatsächlich, wobei ich immer schon, über die Abenteuer hinaus, stark an biographischen und literaturgeschichtlichen Aspekten interessiert war (greifbar z.B. an dem Band „Ich“ der Gesammelten Werke). Von einem Schulfreund meines Vaters bekam ich alte Ausgaben aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg; dazu die berühmte Bildmappe mit den Titelbildern des mit May befreundeten Malers Sascha Schneider. Leider ging das alles im Lauf der Zeit verloren, weil ich das Interesse an Karl May verloren hatte.

Mit einer längeren Unterbrechung haben Sie – neben Schule und Familie- mehrere Jahre an Ihrer Dissertation über Karl May gearbeitet. War das der Beginn Ihrer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem berühmten Reise- und Abenteuer-Schriftsteller? Wie kam es dazu?

Das war etwas skurril: mein Doktorvater Klaus Kanzog, von Haus aus Editionsphilologe (vor allem zu Kleist), wollte ein Thema aus diesem Gebiet. Da stieß ich auf Karl May und die Probleme seiner Handschriften der Werke nach 1900, über die Hans Wollschläger in „Konkret“ einen Aufsatz veröffentlicht hatte. Klaus Kanzog war gleich mit dem Vorschlag einverstanden, weil er mit seiner ersten, inzwischen verstorbenen Frau immer in die Karl-May-Filme der sechziger Jahre gegangen war und seine Frau dann immer über die Filme geschimpft hatte: „Karl May ist viel besser als die Filme!“ So war er von meinem Vorschlag angetan.

Seit 1987 erscheint die Historisch-kritische Ausgabe der Werke Karl Mays – ein Mammutunternehmen, an dem Sie als einer der Herausgeber maßgeblich beteiligt sind. Zuletzt haben Sie die im Zentrum des Leserinteresses stehenden Bände Winnetou I, II und III herausgegeben. Wie kann man sich als Laie die Arbeit eines solchen Herausgebers vorstellen?

Ich muss gestehen, dass die Hauptarbeit der Bandbearbeiter (in diesem Fall Joachim Biermann) gemacht hat; als Herausgeber muss man die Texte nach Fertigstellung überprüfen und redigieren, wobei ich hier mit großem Vergnügen auch meine editionsphilologischen Kenntnisse einbringen konnte.

Seit den 1970er Jahren sind immerhin ca. 25 Doktorarbeiten über den Volksschriftsteller Karl May an deutschen Universitäten und Hochschulen veröffentlicht worden, zuletzt 2014 eine Arbeit über das didaktische Potential von Karl Mays Erzählungen für die Jugend. Wie wird das Faszinosum „Karl May“ heute betrachtet – wird er noch von einer signifikanten Anzahl von Heranwachsenden gelesen oder ist das Interesse vor allem auf den akademischen und populärwissenschaftlichen Blickwinkel begrenzt? 

Ich kann diese Frage nicht schlüssig beantworten; Bibliothekarinnen versichern mir, Karl May werde noch ausgeliehen und damit wohl auch gelesen (in der Ulmer Stadtbibliothek steht jedenfalls eine größere Anzahl Bände dauerhaft im Regal). Für die Wissenschaft ist May in vielfacher Hinsicht ein spannender Fall: literatursoziologisch, erzähltechnisch und auch von seiner Technik der Quellennutzung her! Er hat ja die Länder, über die er schreibt, vor allem den Orient und Nordamerika, erst im Alter gesehen!

Ulrich Scheinhammer-Schmid bei einer Lesung in Bamberg im April 2013. Foto: Tanja Trübenbach

Auch in diesem Sommer wurden auf vielen Freilichtbühnen in Deutschland zur Freude des zahlreich erschienenen Publikums dramatisierte Karl-May-Stücke zum Besten gegeben. Jetzt war zu lesen, dass einige Amerikanisten die bisherige Aufführungspraxis kritisieren, weil diese ein klischeehaftes und damit falsches Bild der Indianer vermitteln würde. Es wurde sogar dafür plädiert, die Begriffe „Indianer“ und „Rothaut“ nicht mehr zu verwenden. Was halten Sie von dieser Kritik? 

Das Phänomen der sich ausbreitenden Freilichtaufführungen „nach Karl May“ (die Handlung hat oft nur rudimentär mit den Vorlagen zu tun) finde ich faszinierend. Da geht es aber natürlich nicht um völkerkundliche Realität, sondern, um mit Ernst Bloch zu reden, um „reißende Märchen“, um Theatereffekte wie Explosionen, Reiterkunststückchen oder rasende Kutschen. Ich schau mir das auch gerne an!

Möchten Sie uns verraten, mit welchem aktuellen Karl-May-Projekt Sie sich momentan befassen? Gibt es ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt und das bisher noch nicht oder nicht ausreichend behandelt wurde?

Im Moment steht ein längeres Projekt, die textkritische Herausgabe der drei Bände „Satan und Ischariot“ an, sowie im Frühjahr 2020 beim Freiburger Karl-May-Symposium in der Bildungsstätte Waldhof ein Vortrag mit dem Titel „„du wirst unserem Volke das Fliegen lehren“. Indianische Wissenschaft in Karl Mays Schwanengesang“ (=‘Winnetou IV‘ bzw. ‚Winnetous Erben‘). 

Herzlichen Dank an Ulrich Scheinhammer-Schmid für diese Auskünfte.

(Die Fragen stellte Bernd Michael Köhler.)

Ulrich Schmid, geboren 1947, aufgewachsen in Augsburg, studierte in München Deutsch und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien; jahrzehntelang unterrichtete er am Nikolaus-Kopernikus-Gymnasium Weißenhorn. Nach seinem Onkel, dem Kunstmaler Otto Scheinhammer (1897-1982) führt er den Namen Scheinhammer-Schmid. Mit seiner Frau hat er zwei erwachsene Kinder; das Paar lebt in Neu-Ulm.

Scheinhammer-Schmid promovierte 1987 an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Prof. Dr. Klaus Kanzog über Karl Mays Werk in den Jahren 1895-1905. Er ist Mitherausgeber der Historisch-kritischen Ausgabe der Werke Karl Mays (1842-1912) und schrieb zahlreiche wissenschaftliche Beiträge zu Karl May. 

Darüber hinaus beschäftigt er sich mit einem breiten Spektrum weiterer literaturwissenschaftlicher und historischer Themen mit dem Schwerpunkt Lokal- und Regionalgeschichte. So hat er über den aus Weißenhorn gebürtigen Prämonstratenser-Chorherren Sebastian Sailer ebenso publiziert wie über das Ulmer Wengenkloster, hat Ulmer Schul- und Klosterdramen erforscht und sich intensiv mit dem Augsburger Dichter Bertolt Brecht beschäftigt. 

* Ernst Bloch: Traumbasar. In: Karl-May-Jahrbuch 1930, S. 59-64. (Erstveröffentlichung am 31.3.1929 im ‚Literaturblatt‘ der ‚Frankfurter Zeitung‘)

Urkraft des Erzählens

Die neue Nobelpreisträgerin und ihr Roman Ur und andere Zeiten.

Manche Literaten bekommen ihre Preise posthum. Olga Tokarczuk bekam den ihren für ein Jahr das bereits vergangen ist. Nachholend hereingeholt in diesen Herbst 2019, weil im Herbst 2018 das Nobelkomitee sich selbst so peinlich war, dass es lieber zurücktrat als vor die Öffentlichkeit. 

Der Nobelpreis eines vergangenen Jahres. Wie passend für ein Werk, das die Vergangenheit im Titel trägt. (Im polnischen Original noch treffender, wie mir der Übersetzer von Google verrät: Prawiek i inne czasy. Prawiek wird als Vorgeschichte übersetzt.) Soweit man das über die nicht unerhebliche Sprachbarriere hinweg beurteilen kann, wurde Ur und andere Zeiten glänzend übersetzt von Esther Kinsky, der man die meisten Arbeiten Tokarczuks anvertraut hat.

Und welch’ ein Glück, dass ich genau dieses Buch bereits vor einiger Zeit, auf der Suche nach interessanten Entdeckungen bei den östlichen Nachbarn, in die Hand bekam und jetzt aus erfreulichem Anlass lesen konnte. Dabei will es gar nicht so gut in mein literarisches Beuteschema passen, mit seinen phantastischen und mystischen Elementen, die im stringenten Hauptstrang der Handlung allerdings so selbstverständlich platziert sind dass sie dem skeptischen Leser keine Widerhaken setzen. 

Die polnische Erstausgabe datiert von 1996, die Verfasserin war da 34 Jahre alt. Und wenn ihr im Dezember die Urkunde überreicht wird, gehört sie immer noch zu den jüngeren Empfängern. Der Preisträger des laufenden Jahres – ein gewisser Peter Handke – ist mit seinen 76 Lenzen im gewöhnlichen Maß.

Olga Tokarczuks Ur ist ebenso vage Zeit-, wie exakte Ortbezeichnung: Ur ist ein Ort mitten im Weltall. Im Norden verläuft die Grenze von Ur an der Straße von Taszow nach Kielce entlang … Die südliche Grenze bildet das Städtchen Jeszkotle … Die ersten Ur-Bewohner lernt man zu Kriegsbeginn 1914 kennen. Den Müller der in die Uniform gezwungen und eingezogen wird. Seine Frau, die während der jahrelangen Abwesenheit des Gatten den Mühlenbetrieb führt. Ihr Mann, der die ungeborene Tochter und sein vertrautes Leben zurücklassen muss, wird lange nach Kriegsende erst heimkehren. Tochter Misias erste Erinnerung verband sich mit dem Anblick eines abgerissenen Mannes auf dem Weg zur Mühle. Ihr Vater war unsicher auf den Beinen, und später weinte er oft nächtelang an Mamas Brust. Deshalb behandelte Misia ihn wie ihresgleiches. 

Da ist der Freiherr Popielski, der angesichts der grausamen Zeiten und den damit verbundenen Veränderungen, seinen Glauben in Zweifel zieht. Und da ist – wir sind in Polen – die Muttergottes von Jeszkotle. Sie war der reine Wille, denen zu helfen, die krank und gebrechlich waren. Sie war die Kraft, die durch ein Wunder Gottes dem Bild zugekommen war. Dem Freiherrn konnte sie nicht helfen, denn ihn hatte der Glaube an die Wunder Gottes verlassen. 

Da sind Verwandte und Nachbarn, allerhand Ur-Einwohner mit denen wir exemplarisch den Ur-Kosmos kennenlernen. Wie überall auf der Welt werden in Ur die Kinder rasch groß, bekommen selbst Kinder. Es wird geliebt, betrogen und gestorben. Es gibt Streber, Außenseiter und Originale. Verbindungen in himmlische Sphären sind häufig, manchmal nehmen sie skurrile, manchmal verzweifelte Formen an, hin und wieder sind sie unterbrochen. Die Gepflogenheiten ändern sich nur langsam, die Jahrzehnte ziehen dennoch unaufhaltsam vorbei. 

Die Kapitel über die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg, die Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, die Auswirkungen und Folgen des kriegerischen Wahnsinns, sind ausgesprochen ergreifend geschildert. Selten habe ich eine so bewegende und treffende Darstellung dieses Elends, dieser Leidensjahre gelesen. In der deutschen Literatur gibt es wenig das in ähnlicher Weise dem Schicksal Polens und seiner Menschen gerecht würde.

(Bild: Fryta 73 from Strzegom (Wikimedia Commons account: Fryta73), Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Handke bekam die Auszeichnung trotz seiner vielfach verurteilten Haltung zum Jugoslawienkrieg. Die Berechtigung wird bei ihm in Zweifel gezogen, ein Entrüstungssturm tobt durch analoge und digitale Medien. Tokarczuks Lebensform und politische Haltung findet hingegen viel Zustimmung, um so mehr, als sie sich konträr zu den restaurativen Tendenzen in Polen verhält. In der Süddeutschen Zeitung schrieb Thomas Urban … dass das Regierungslager in Warschau nicht erfreut sein kann. Schon allein mit ihren Rasta-Strähnen und bunten Perlen im Haar ist sie den Konservativen in Polen verdächtig. … Vor allem aber engagierte sich Olga Tokarczuk bei den polnischen Grünen und gehörte der Redaktion der Zeitschrift Krytyka Polityczna an, für die linke und linksliberale Vordenker schreiben. Sie warnt vor einem schleichenden Prozess der Ent-Demokratisierung in Polen.

Olga Tokarczuk ist im ländlichen Niederschlesien, in der Kleinstadt Sulechow, aufgewachsen, sie hat in Warschau Psychologie studiert und mit verhaltensauffälligen Jugendlichen gearbeitet. Die Mutter war Polonistin, ihr Vater Bibliothekar, früh hatte sie die Möglichkeit Klassiker der polnischen und der Weltliteratur zu lesen. Wie viele Polen und Polinnen ging sie ins Ausland um Geld zu verdienen – nach London. 1989 wurden erste Gedichte von ihr veröffentlicht. Sie organisierte Literaturfestivals in der polnischen Provinz und gründete einen Kleinverlag. Sie hat sich mit dem kulturellen Erbe in den ehemals deutschen Gebieten beschäftigt. Heute lebt sie in Breslau und auf einem Dorf. 1993 erschien ihr erster Roman. Reise der Buchmenschen wurde in Polen als bestes Prosadebüt der Jahre 1992/93 ausgezeichnet. Für den Roman Flights (deutsch: Unrast) erhielt sie 2018 den hochdotierten Man Booker Prize.

Ja, mich hat, wie es positive Kritiken schildern, der Erzählstrom mitgerissen. Diese subtile Schlichtheit und Klarheit der Sprache lässt nur schwer wieder los. Da liest sich Tragik federleicht und sanfter Humor nimmt der Jahrhundertschwere ihr Gewicht. Und die am Rande Urs stets gegenwärtigen Erzengel werden zu selbstverständlichen, vertrauten Protagonisten. Das ist zeitlose Epik von dauerhaftem Rang, die wir in Deutschland ohne die Nobelpreis-Verleihung vermutlich übersehen hätten.

Die deutschsprachigen Ausgaben von Olga Tokarczuks Werken erscheinen im Kampa Verlag, Zürich. Die Ausgabe von Ur und andere Zeiten die mir vorliegt, ist seinerzeit im Berlin Verlag erschienen, eine Neuausgabe wird von Kampa mit Hochdruck vorbereitet. Geplant ist nicht weniger, als in Kürze deutsche Übersetzungen des vielfältigen und bereits recht umfangreichen Gesamtwerks in einem Verlag zu beheimaten.

Am 1. Oktober erschien das aktuelle Buch der Schriftstellerin: Die Jakobsbücher. Ein historischer Stoff, ein Opus Magnum von gut 1100 Seiten, das bereits große Resonanz und Anerkennung findet. Das ist eines der Bücher, die man in hundert Jahren noch lesen wird, sagt der Verleger Daniel Kampa. Auf mich sehe ich eine große und spannende Leseherausforderung zukommen. Vielleicht wird auf con=libri beizeiten davon zu berichten sein.

2014 hat der SPIEGEL polnische Literaten besucht und porträtiert. Wir erfahren, wie es bei Olga Tokarczuks aussah: Ein Altar steht in Tokarczuks Schreibzimmer. Darauf lässt ein koreanischer Buddha Schultern und Mundwinkel hängen, die Hindugöttin Durga steht aufrecht, sie steht für das Wissen und das Handeln.

 

Otto

Dana von Suffrins Roman erzählt das Leben eines Siebenbürger Juden.

Die kleine Fotoausstellung in einer ostdeutschen Kirche zeigt jüdisches Leben in Deutschland vor 1933 und dokumentiert die Erniedrigung, Vertreibung und Vernichtung jüdischer Mitbürger nach diesem Jahr. Die schlichten Schwarzweißbilder – mehrmals unterbrochen von Gedichten Rose Ausländers – wirken stark, nahbarer und bleibender als breitformatige Hollywood-Didaktik. Ich erwische mich bei gewagten und zweifelhaften Gedanken. Wie das denn wäre, wenn sie noch da wären, all die Geflüchteten, Gequälten und Getöteten, die vielen Namen und die Namenlosen, mitsamt ihren Kindern und Enkeln? Wie sähe unsere Republik mit ihnen aus? Mit all den Wissenschaftlern, Künstlern, den Mitmenschen von nebenan.

Von den wenigen, die davonkamen, überlebt hatten, kehrten einige aus dem Exil in das Land zurück, das einst selbstverständliche Heimat vieler Generationen war. Sie waren Deutsche und wurden es wieder. Zurück im Land der Täter und deren Nachkommen. Mit ihrer Romanfigur Otto stellt uns Dana von Suffrin ein solches Schicksal vor. Exemplarisch, fiktiv, bestimmt nicht ganz ohne Einflüsse aus dem eigenen biographischen Umfeld. Otto hat viel erlebt, sein Leben war reich an Wechselfällen. Jetzt ist er ein alter kranker Mann. Ein Geizkragen der Sperrmüll stahl und Steuern hinterzog, ein echtes Ekelpaket, das seine beiden Töchter (aus dritter Ehe, wenn ich richtig aufgepasst habe) sekkiert, beschimpft und beleidigt.

Ottos Name ist ein Verweis auf das 1918 untergegangene Habsburgerreich, das einst Völkerschaften, Kultur- und Sprachräume bis weit in den europäischen Osten umfasste. Seine Familie hatte ihre Wurzeln in den östlichsten Zipfeln der vielsprachigen Monarchie. Joseph Roth hat in seinen großen Romanen diesen jüdischen Lebenswelten Denkmale gesetzt.

Otto selbst wurde in Kronstadt, heute Brasov, geboren, einer Region Rumäniens in denen sich Siebenbürger Sachsen angesiedelt hatten. Er diente in der rumänischen Volksarmee und absolvierte von 1957 bis 1961 ein Maschinenbaustudium. 1962 verlässt die Familie Rumänien. Man musste sich von der kommunistischen Diktatur freikaufen um nach Israel ausreisen zu dürfen. Als Otto Jahre später in München von einem Arzt gefragt wird, ob er ein Siebenbürger Sachse sei, antwortet Otto empört, er sei ein Siebenbürger Jude.

Das Leben der Juden war überall schwer. Und es würde immer so weitergehen. Dies die Erfahrung und Einschätzung Ottos, die er gerne weitergibt. Manche werden geboren, manche werden krank, manche haben Erfolg, manche nicht, manche heiraten, und manchmal bringen einen die Christen um, so lief das Leben. Nach Jahren in Palästina lässt er sich in München nieder, wird gut bestallter Hochschullehrer und schließlich Pensionist. Mehrere Beziehungen, Kinder, Wohnungen, das letzte Zuhause ist ein kleines Reihenhaus in Trudering. Die jüngsten Kinder sind zwei junge Frauen um die dreißig, Timna und Babi. Sie sind für den Greis in dessen letzten Lebensjahren verantwortlich. 

Ottos finale Lebensphase und rückblickend sein wechselvoller Lebenslauf bilden den Inhalt dieses Romans. Er wird aus der Sicht Timnas erzählt. Die in Philosophie promovierte Wissenschaftlerin hat gelegentlich Probleme den Dienst am und für den Vater in zeitlichen Einklang zu bringen mit ihrer akademischen Arbeit am Sonderforschungsbereich für  spätscholastische Mystik. Sie ist mit dem etwas schemenhaften Tann befreundet, den sie im Krankenhaus kennenlernte. Tann fährt nie Auto, weiß sehr viel und liest Texte, die vor ihm noch niemand gelesen hat. Er entziffert kryptische Handschriften für eine Edition des Briefwechsels russischer Kosmisten. Die Beziehung von Timna und Tann wurde quasi durch Otto gestiftet, gleichzeitig leidet sie darunter und bleibt dauerhaft in der Schwebe.

Bei Dana von Suffrin sind Humor und Ironie gezielt eingesetzte Mittel die allgegenwärtige Tragik des Geschehens erträglich zu machen: … wenn Otto im Koma lag und man nichts weiter als das Beatmungsgeräusch hörte, das wie ein ganzer Meditationskurs in einer Turnhalle klang. Der Leser schwankt zwischen Mitgefühl und verschämtem Schmunzeln. Es gehört durchaus zu den Stärken des Romans solche ambivalenten Empfindungen auszulösen.

Otto hat mehrere dramatische Zusammenbrüche, verbringt immer wieder wochenlange Phasen im Krankenhaus und erholt sich jedesmal leidlich, jedenfalls so weit, dass er in sein Haus zurückkehren kann, wo er umso stärker auf die Obhut der beiden Töchter angewiesen ist. Otto, Ingenieur, gebürtig in Rumänien, Herr über ein Reihenhaus und zwei unglückliche Töchter, war schon eine Heimsuchung, bevor er ins Krankenhaus kam. Als er entlassen wurde, geschah, was niemand für möglich gehalten hatte: Es wurde noch viel schlimmer. Die weiblichen Pflegekräfte aus Osteuropa tragen nur unwesentlich zur Entspannung der Situation bei.

Im Laufe der Erzählung blitzen immer wieder köstliche Beispiele für jüdischen Witz auf. Otto: Wie im Kommunism teilen wir alles, … nur dass es im Kommunism keine Kuchen gab für Juden. Timnas früh verstorbene Mutter: Ein Heim ist ein Ort mit lauter alten Nazis ohne Zähne. Der Autofahrer Otto: … diese Ampeln sind Scheißantisemitism, die auf Rot schalten, wenn ein Jude in einem billigen Auto kommt! Oder ganz ordinär: Was macht die Knackwurst erst genießbar? … Das n! Und es gibt Metaphern, die mir einen Kloß im Hals verursachten: Dann kamen die Jahre nach 1941, in denen Gott nahm und die Juden wie Gänseblümchen von der Erdoberfläche pflückte.

Dieser Tage habe ich im Radio ein Gespräch mit dem neuen Dresdner Rabbiner Akiva Weingarten gehört. Ein erstaunlich junger Mann, der in New York orthodox und mit Jiddisch als Muttersprache aufwuchs. Inzwischen ist aus ihm ein liberaler Vertreter seiner Religion geworden. Seit Jahren lebt er in Deutschland und spricht perfekt Deutsch, allerdings mit kleinem Akzent und ganz typischen Eigenarten in Satzbau und Wortwahl. So, stelle ich mir vor, hätte sich Dana von Suffrins Otto angehört.

Auf der Basis breiter Kenntnisse und Voraussetzungen ist ein glänzender Roman entstanden, urteilte Felix Stephan, der das Buch in der Süddeutschen Zeitung vom 24. September ausführlich vorstellte und dabei sehr informativ und differenziert auf dessen kulturgeschichtliche Hintergründe einging. Es ist der Roman einer Wissenschaftlerin, das zu wissen ist nicht unerheblich. Dana von Suffrin wurde 1985 in München geboren, studierte Politikwissenschaften, Geschichte und Komparatistik in München, Neapel und Jerusalem. Ihre Dissertation trägt den Titel Pflanzen für Palästina. Darin geht es um die Geschichte des Botanikers Otto Warburg, der um 1900 nach Palästina reiste um dort Wälder zu pflanzen – ein zionistischer Botaniker und Vorbote des jüdischen Staates. 

Es ist ein fruchtbarer Nährboden – um im Jargon zu bleiben – auf dem der Roman Otto entstand. Erzählt wird eine sehr traurige Geschichte, die oft zum Lächeln reizt. Warum ausgerechnet dieses Buch in braunhemden-braunes Leinen gebunden werden musste, ist entweder eine schwer zu entschlüsselnde Hintersinnigkeit der Buchgestalterin oder einfach geschichtsvergessene Gedankenlosigkeit.

Suffrin, Dana von: Otto. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2019

 

Der lange Weg eines großen Romans

Die Berliner Schriftstellerin Gabriele Tergit und ihre Effingers

Ich war überrascht: Im Brockhaus Literatur taucht der Name der Schriftstellerin Gabriele Tergit nicht auf. Das gleiche Ergebnis im aktuellsten Kindler. Drei Stigmata sind dafür wohl verantwortlich: Weiblich, jüdisch, Exil.

Mit Käsebier erobert den Kurfürstendamm gelang Gabriele Tergit eine ebenso bissige wie unterhaltsame Satire über den Starrummel und die schrille Unterhaltungsindustrie der ersten Berliner Republik heutige Geschichtsbücher nennen sie die Weimarer. Die Verfasserin wurde zu einer bekannten und erfolgreichen Romanautorin. Das Buch erschien 1931 und nichts deutete darauf hin dass bis zur Veröffentlichung des nächsten Romans 20 Jahre vergehen sollten und sich dann in ihrer ehemaligen Heimatstadt kaum jemand an die einst so populäre Frau erinnern würde oder erinnern wollte.

Nur knapp entkam Gabriele Tergit im März 1933 einem SA-Überfall. Fluchtartig verließ sie die Hauptstadt eines deutschen Reichs, das sich binnen weniger Jahre radikal verändert hatte. Sie hatte inzwischen mit der Arbeit an einem umfangreichen Generationenroman begonnen. Im Exil nahm das Werk Gestalt an. In Hotelzimmern in Prag, Jerusalem und Tel Aviv, während der Zeit in Palästina und schließlich in London, das zum neuen Lebensmittelpunkt wurde. Ihre letzte Berliner Adresse war Siegmunds Hof 22. Eine Gedenktafel an dem Gebäude, das heute an dieser Stelle steht, würdigt die einstige Bewohnerin.

Als Elise Hirschmann wurde sie 1894 geboren. Sie durfte (musste) eine sogenannte Frauenschule besuchen, die von der Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer geleitet wurde. In diesem Umfeld kam sie früh mit weiteren Persönlichkeiten der Frauenbewegung, wie Lily Dröscher und Alice Salomon, in Kontakt. Ihr Studium der Geschichte und Soziologie (u. a. bei Max Weber) in Heidelberg und München schloss sie mit der Promotion ab. Nach der Hochzeit mit dem Architekten Heinrich Julius Reifenberg hieß sie mit bürgerlichem Namen Elise Reifenberg. In ihren 1983 erstmals erschienen Erinnerungen Etwas Seltenes überhaupt wird der Gatte zum lebensbegleitenden Heinz, sie konnte das besitzanzeigende Fürwort in Verbindung mit Mann nicht leiden.

Journalistische und erzählerische Arbeiten verfasste sie, neben einigen anderen Pseudonymen, hauptsächlich als Gabriele Tergit. In der Vossischen Zeitung und im Berliner Tageblatt erschienen ab 1920 ihre Gerichtsreportagen. Gabriele Tergit legte Wert auf die menschlichen Seiten der geschilderten Rechtsfälle, ihr Schreibstil war durchsetzt mit Witz und Ironie. Aus dem Londoner Exil kehrte sie, bis auf kurze Besuche, nicht mehr nach Deutschland zurück. Zum englischsprachigen Literaturmarkt fand sie, die nur in deutscher Sprache schreiben konnte und wollte, keinen Zugang. An eine Veröffentlichung ihres epischen Panoramas Effingers war erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu denken. 

Die deutsche Literatur- und Verlagsszene reagierte in der Nachkriegszeit auf Exilautoren und -autorinnen jedoch mit Skepsis bis Abneigung. Nach einigen Ablehnungen und Umwegen erschien schließlich im Jahre 1951 eine erste Ausgabe des Romans im Hamburger Verlag Hammerich & Lesser. Sie umfasste 735 Seiten und kostete für damalige Verhältnisse stolze DM 21,50. Marktdurchdringung und Wahrnehmung bei Kritik und Publikum hielten sich in Grenzen. 1964 gab der Lichtenberg Verlag in München eine auf 555 Seiten gekürzte Ausgabe heraus, die für DM 9,80 zu haben war.

Erst 1978 konnte bei Krüger in Frankfurt eine vollständige Neuausgabe erscheinen, die immerhin noch im selben Jahr eine zweite Auflage erlebte und in Lizenzausgaben 1979 bei der Büchergilde Gutenberg und 1981 beim Deutschen Bücherbund erschien. Der Fischer Taschenbuch-Verlag besorgte schließlich 1982 eine ungekürzte Taschenbuch-Ausgabe, die DM 16,80 kostete. Danach dauerte es über drei Jahrzehnte bis die Werke Gabriele Effingers eine neue verlegerische Heimat fanden und wieder verbreitet im Buchhandel angeboten wurden. 

Effingers ist eine Chronik über vier Generationen mit einer Vielzahl unterschiedlicher Charaktere, die Tergit meist aus ihrem persönlichen Umfeld synthetisierte. Die Handlung umfasst den Zeitraum von 1878 bis 1948. Ein Panorama des jüdischen Bürgertums im Berlin der Vorkriegszeit, nannte es Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung. Im Mittelpunkt stehen zwei Familien. Die Goldschmidts, Inhaber einer kleinen Privatbank in Berlin, gehören zum gehobenen Bürgertum rund um Friedrichstraße und Kurfürstendamm. 

Die Effingers sind seit Jahrzehnten als Uhrmacher im fiktiven süddeutschen Provinzstädtchen Kragsheim verwurzelt. Die Söhne Karl und Paul des Ehepaars Minna und Mathias Effinger zieht es in die ferne Reichshauptstadt um dort als selbständige Unternehmer einen Produktionsbetrieb aufzubauen. Aus der bescheidenen Schraubenfabrik wird eine erfolgreiche Maschinenfabrik, und schließlich gehören die Brüder zu den Pionieren des Automobilbaus. Beide heiraten Töchter der geborenen Selma Goldschmidt, die aus den damals üblichen pragmatischen Gründen mit dem Bankier Emmanuel Oppner verheiratet wurde.

Zwei Briefe bilden den Rahmen der weit ausholenden Handlung. Am Anfang steht ein Schreiben des 17-jährigen Paul Effinger, der zunächst in einer rheinländischen Eisengießerei erste berufliche Erfahrungen sammelt, an seine Eltern. Wir fangen um 5 Uhr früh an und hören um 6 Uhr am Nachmittag auf, das sind elf Stunden Arbeit. Vielfach wird aber auch erst um 7 Uhr aufgehört. Für die Arbeiter ist das schrecklich. … Ich denke über diese Dinge viel nach. Abends versuche ich, mich technisch fortzubilden. Auch höre ich zweimal in der Woche Handelslehre. Französisch treibe ich auch.

Im 146. der meist kurzen Kapitel endet die Geschichte mit dem Brief des alten Mannes aus dem Jahr 1942. Paul ist jetzt 81 Jahre alt, er wurde interniert und ihm steht der Weg in ein Vernichtungslager bevor. Meine lieben Kinder und Enkel und Nichte Marianne, ich schreibe Euch in furchtbarer Stunde, ich weiß nicht, ob dieser Brief Euch je erreichen wird. Wir müssen den bitteren Kelch bis auf den Grund leeren. Es ist keine Hilfe noch Rettung. Der Brief wird erst nach dem Krieg Adressaten finden. In einem kurzen Epilog über das Leben in der zerstörten Hauptstadt des Jahres 1948 trauert Gabriele Tergit in bitterem Ton der verlorenen Heimat nach.

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Haben alle diese Männer und Frauen (Albert Einstein, der Reeder Albert Ballin, der Naturforscher Ehrlich, Emil Rathenau, Gründer der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft) ihre Taten als Juden vollbracht oder als Deutsche? Haben ihre Schriftsteller und Dichter eine jüdische Geistesgeschichte geschrieben oder eine deutsche, ihre Schauspieler eine deutsche Sprache gepflegt oder eine fremde? (*)

Außer dass sie von ihrer Herkunft Juden sind unterscheidet die beiden Familien des Romans nichts von anderen gut situierten Bürgern ihrer Zeit. Die Männer waren für das Vaterland im Krieg und sehen sich als Rückgrat der deutschen Gesellschaft. Sie sind Bankkaufleute, Erfinder, Unternehmer, der eine oder die andere schlägt aus der Art und entwickelt künstlerische oder schöngeistige Ambitionen, hin und wieder wird ein Mitglied den in ihn gestellten Erwartungen nicht gerecht. Es gibt Erfolge und Scheitern, Glück und Enttäuschung. Das Schicksal wendet sich zur Katastrophe mit dem aufziehenden Naziterror. Der schon längst schlummernde latente Antisemitismus wird zum aggressiven Judenhass. Aus den Stützen der Gesellschaft werden abgestempelte Nichtarier, ausgegrenzte und gedemütigte Juden, der Erniedrigung und Vernichtung ausgeliefert. Wer rechtzeitig wachsam und skeptisch war, wanderte aus. An das Gute im Menschen zu glauben ist für Paul Effinger der tiefste Irrtum meines Lebens.

Mit flottem Strich, in dramaturgisch geschickt inszenierten Szenen, schildert Gabriele Tergit Lebensart und Lebenswelten, die mit dem Lauf der Zeit wechselnden Moden und gesellschaftlichen Normen. Sie entwirft realitätsnahe Protagonisten, schöpft aus persönlicher Kenntnis und Erkenntnis. Effingers will die Details einer verschwundenen Welt aufleuchten lassen, was in den Schilderungen der Moden und Interieurs, der Architektur und Essgewohnheiten präzise und poetisch zugleich gelingt. (Nicole Henneberg im Nachwort der von ihr besorgten Neuausgabe.) In Effingers wird Zeitgeschichte an exemplarischen Schicksalen anschaulich. Die Handlung schreitet oft in Form fesselnder Dialoge voran, eine Darstellungsform, die Gabriele Tergit meisterlich beherrscht.

Effingers ist ein Buch in dem Wirtschaft und Wirtschaften, Unternehmertum und Arbeitswelt eine zentrale Rolle spielen. Aber auch die Konflikte zwischen der Macht des Kapitals und der ausgebeuteten Arbeitnehmerschaft sind ein wichtiges Thema, schließlich wurde die politische Entwicklung davon maßgeblich mitgeprägt. Es ist ein Berlinroman, mit Abstechern nach London, München und Heidelberg, nach Hamburg und Russland, und in die Kleinstadt Kragsheim. Thomas Manns Buddenbrooks hat Gebriele Tergit sicher gründlich gelesen, gleichzeitig erinnert die collageartige Erzähltechnik an Alfred Döblin.

Seit einigen Jahre hat sich der Frankfurter Schöffling-Verlag des Werks der Gabriele Tergit angenommen, ein Haus dem in der Vergangenheit immer wieder die eine oder andere verlegerische Überraschung gelang. Käsebier erobert den Kurfürstendamm wurde 2016 neu aufgelegt. Die Erinnerungen Gabriele Tergits Etwas Seltenes überhaupt folgten 2018. Und heuer erschien nun endlich ihr Hauptwerk in einer schön ausgestatteten Neuausgabe. Von 1933 bis 1950 hatte sie daran gearbeitet. An der Chronik einer untergegangen Welt, die Tergit über alles geliebt hatte. Ihr Schmerz darüber ist dem Roman eingeschrieben, ebenso wie der entscheidende Bruch ihres Lebens, die Vertreibung aus Berlin, seinen Hintergrund und Hallraum bildet. (Nicole Henneberg

Und wie vieles, was die rührigen Schöfflinge in die Hand nehmen und nahmen, scheint auch aus diesem so lange vernachlässigten Roman einer der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Erfolgsgeschichte zu werden. Einschließlich Nachwort 898 Seiten stark, ist bereits die fünfte Auflage auf dem Markt. Ein breites, durchweg positives Medienecho begleitet das Buch seit Monaten. Es hat sich zum heimlichen Bestseller entwickelt, die Buchhandlungen des Landes halten gut absetzbare Vorräte. Übersetzungen in andere Sprachen gibt es bisher leider nicht. Das wird sich hoffentlich bald ändern, denn Inhalt und Thema des Werks dürften in einigen Ländern auf Interesse stoßen.

In England war und blieb Gabriele Tergit eine deutschsprachige Autorin, die mit der britischen Lebensart nie so richtig warm wurde. Wenn man sie zur Engländerin erklären wollte, war ihre Antwort: No I’m a Berliner. Ich bin Berlinisch in der Wolle gefärbt. Man kann doch nicht solche Bücher schreiben wie ich und all dies dann wie eine Jacke ausziehen. Von 1957 bis 1981 diente die Berlinerin in der englischen Hauptstadt dem Exil-Pen als „Sekretär“. Hochbetagt starb sie dort im Jahre 1982. 

(*) Aus einem Brief des Schriftstellers und Pazifisten Armin T. Wegener an Adolf Hitler vom April 1933 (zitiert nach Henneberg

Verwendete Ausgaben:

Tergit, Gabriele: Effingers. Roman. Büchergilde Gutenberg, 1979

Tergit, Gabriele: Effingers. Roman. Schöffling & Co., 2019

Tergit, Gabriele: Käsebier erobert den Kurfürstendamm. Roman. Schöffling & Co., 2016

Tergit, Gabriele: Etwas Seltenes überhaupt. Erinnerungen. Schöffling & Co., 2018

(Alle Schöfflling-Editionen herausgegeben und mit Nachworten von Nicole Henneberg)

Leipzig und die Tschechen

Zweiter Teil des Rückblicks auf Buchmesse und Festival Leipzig liest 2019

Martin Beckers Warten auf Kafka kann man auch lesen wenn Tschechien nicht gerade Gastland der Leipziger Buchmesse ist. Andererseits hat es der Autor natürlich genau zu diesem Anlass geschrieben, mit kühlem Kalkül angesichts des angekurbelten Interesses an Literatur und Kultur der östlichen Nachbarn. Das Buch las ich zu großen Teilen während der Zugfahrt nach Leipzig ich hatte die etwas längere Strecke über Mannheim, Frankfurt und Fulda gewählt die lästiges Umsteigen erspart, stattdessen Zeit und Muse für einstimmende Lektüre lässt.

Martin Becker ist ein 37-jähriger Journalist, Literaturkritiker, Romancier, Hundefreund und Starkraucher, der seit einem Studienaufenthalt vor etlichen Jahren regelrecht vernarrt in Tschechien ist, seine Metropole Prag, deren Ka-und-Ka-Vergangenheit, die literarischen und filmischen Traditionen, den böhmisch-mährischen Humor und nicht zuletzt die seltsame Ernährung der Einwohner, die, so wird immer wieder kolportiert, bevorzugt aus Fleisch und Bier besteht.

Martin Becker und die Moderatorin des Nachwuchsradios Mephisto 97.6 stoßen vor ihrem Gespräch auf dem orangenen Sofa mit tschechischer Braukunst an.

Warten auf Kafka ist eine lockere Reise durch die tschechische Literatur des vorigen Jahrhunderts und der Gegenwart ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit. Dafür verpackt mit einer leicht kafkaesken, sehr unterhaltsamen Rahmenhandlung, mehreren detailliert geschilderten Kneipenbesuchen und befeuchtet mit dem einen oder anderen großen Glas Gerstensaft. In den Kneipen trifft sich Becker, teils real, teils in Gedanken und Gedenken mit schriftstellerischen Größen des Heute und des Gestern. Kafka selbst taucht als verkitschter Kult auf, zu dem er vor Ort aus pekuniär-touristischen Gründen gemacht wird.

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… ich bin ein erschrockener menschlicher Aufschrei, den eine Schneeflocke zusammenbrechen läßt …

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Warten auf Kafka. Im Wirtshaus. Und auf die seligen Geister Jaroslav Hasek und Bohumil Hrabal, den zu besten Zeiten sogar präsidialen Vaclav Havel, die derzeit angesagten Jaroslav Rudiš und Jaromir99, die Märchentante Božena Němcová und den Spezialfall Milan Kundera (zu ihm später). Die greise Lenka Reinerová, letzte deutschsprachige Schriftstellerin Prags, lernte Becker 2008 kurz vor ihrem Tod am Krankenbett kennen. Sein Buch enthält ausführliche Passagen der Verehrung für diese außergewöhnliche Persönlichkeit. Reinerová ist in ihren Werken nicht nur eine aufrichtige Chronistin dieses schrecklichen 20. Jahrhunderts, sondern versammelt zudem in ihren farbigen Ahnengalerien alle maßgeblichen künstlerischen Figuren ihrer Heimat aus dieser Epoche.

Martin Becker hat seinem Buch den Untertitel Eine literarische Seelenkunde Tschechiens gegeben. Ihm ist eine unterhaltsame, leicht lesbare und dennoch bis hin zum Literaturverzeichnis äußerst informative Einführung gelungen, wie man sie in dieser Form nicht noch einmal findet und manch anderer Sprache und Dichterlandschaft wünschen würde. 

Das Buchmesse-Gastland des Jahres 2018 war Rumänien. Bevor das bereits wieder völlig in Vergessenheit gerät, wurde 2019 in Leipzig noch einmal daran erinnert und versucht das Interesse an diesem Land und seiner Literatur wach zu halten. Eine Expertenrunde lotete aus, welche Chancen aus dem Rumänischen übersetzte Bücher auf dem Markt wohl haben mögen. Die Zahl der Gesprächsteilnehmer auf dem Podium übertraf dabei die Zahl der besetzten Stühle vor ihnen. Mäßiges Interesse und bescheidene Aussichten für die Vermittlung rumänischer Autoren und Autorinnen in den deutschen Sprachraum. Was nicht ganz überraschend ist, da bekanntlich im Ursprungsland selbst das Interesse an Gedrucktem und die Zahl der Leser sehr gering sind. 

In Tschechien ist das anders. Es ist eines der ganz großen Leseländer mit einem wachen Interesse an Traditionellem ebenso wie an der Vielzahl der Neuerscheinungen. In Deutschland bekommt man davon wenig mit. Es gab eine Zeit, da war das anders. Ein beliebiges Beispiel: Neben dem Franzosen Ionesco gehörte Sławomir Mrożek einst zu den Stars des absurden Theaters. Seine Stücke wurden Land auf, Land ab gespielt. Dann nicht mehr. Immerhin hat vor vor einigen Wochen das Zittauer Gerhard-Hauptmann-Theater seine Farce Auf hoher See wieder einmal aufgeführt. 

Mrożek war eine meiner wenigen intensiveren Begegnungen mit der tschechischen Literatur. Ich habe ihn gelesen, Hörspielfassungen gehört, Bühnenaufführungen habe ich bis heute leider nicht sehen können. In viel zu jungen Jahren hatte man mir Jaroslav Hašeks Abenteuer des braven Soldaten Schweijk zum Lesen gegeben. Dieser sehr spezielle Humor kam für mich viel zu früh ich habe ihn nicht verstanden. Und das ganze militärische Ambiente war mir damals ebenso suspekt, wie es heute bei vergleichbaren Schilderungen ist.

Brandneu ist Jáchym Topols Roman Ein empfindsamer Mensch. Eine wilde Auseinandersetzung mit europäischer Aktualität. Seine tschechische Künstlerfamilie gastiert beim Shakespeare Festival in Großbritannien und wird von Brexit-Anhängern aus dem Land gejagt: Leave means leave!. Im Campingwagen reisen sie quer durch Europa, gegen den Strom der Flüchtlinge, Richtung Osten. Sie geraten ins russisch-ukrainische Kriegsgebiet, treffen Gerard Depardieu, klauen ihm seinen BMW und machen sich auf den Heimweg nach Böhmen. Radikal ungebändigt ist Topols Erzählweise.

Stilistisch strenger und von ganz anderem Charakter ist Radka Denemarkovás Ein Beitrag zur Geschichte der Freude. Drei ältere Frauen betreiben in Prag ein Archiv, in dem Gewalt an Frauen dokumentiert wird. Sie dokumentieren nicht nur, sie handeln auch. Ein Ermittler untersucht den scheinbaren Selbstmord eines reichen, einflussreichen Mannes und stößt dabei auf die drei Frauen und ihr Tun. Radka Denemarková, die wie ich mir sagen ließ vielleicht wichtigste tschechische Autorin der Gegenwart, verwebt in ihrem sprachmächtigen Roman Elemente des Kriminalromans, Fakten und Fiktion zu einem erschütternden Panorama der Gewalt gegen Frauen.

Eine echte Überraschung ist Gerta. Das deutsche Mädchen von Kateřina Tučková, nicht nur wegen 548 Seiten ein wahres Schwergewicht unter den frisch übersetzten Neuerscheinungen. Gerta wächst in der zweisprachigen Familie Schnirch im mährischen Brünn auf. Die Mutter ist Tschechin, der Vater Deutscher und Anhänger Hitlers. Mit der Errichtung des deutschen Protektorats 1938 zerfällt die Familie wie die Gesellschaft in einen tschechischen und einen deutschen Teil. Die Mutter stirbt und Gerta wird vom eigenen Vater schwanger. Wie tausende Deutsche wird die junge Frau nach dem Krieg zum Staatsfeind erklärt, ausgebürgert und vertrieben. Gerta und ihre Tochter überleben mit anderen deutschen Frauen bei der Zwangsarbeit auf dem Land. Als sie Jahre später in die Heimatstadt zurückkehren werden sie als Deutsche stigmatisiert. Die Sichtweise des Romans auf den ehemals deutsch sprechenden Bevölkerungsteil ist neu und war lange Zeit so nicht vorstellbar. 

Topol und Denemarková, Mitglieder einer mittleren Generation tschechischer Autoren und Autorinnen, gehörten zu den tschechischen Gästen bei deren Veranstaltungen es in Leipzig richtig eng wurde. So etwas wie Starrummel entstand ebenfalls um Jaroslav Rudiš, einer von zahlreichen Künstlern die durch ihre Mehrfachbegabung auffallen und die gerne Genre übergreifend arbeiten. Da wird musiziert, wird gezeichnet und natürlich immer wieder auf unverwechselbare tschechische Art erzählt. Diese teils schrägen Geschichten, entstanden aus den Hefekulturen reicher Phantasie, diese Ansammlungen liebenswerter Außenseiter, lächelnder Verlierer, großer Liebender. Humor und Satire, Melancholie und schwarze Galle. Erzählungen die in der Kneipe bei Knödel und Pilsner ihren Anfang nehmen und immer reicher und farbenfroher werden, je mehr ihr Wahrheitsgehalt abnimmt.

Zu den am meisten besprochenen Büchern dieses Frühjahrs zählt Jaroslav Rudiš Roman Winterbergs letzte Reise. Der greise, mit einem Bein im Grab stehende Winterberg bricht mit seinem genervten Pfleger Jan Kraus auf zu einer Schienenreise durch die eigene Vergangenheit. Zu geschichtsträchtigen Orten der ehemaligen Donaumonarchie über die der alte Mann ebenso seitenlang zu räsonieren versteht, wie über das zurückliegende lange Leben. Ein Roadmovie der besonderen Art, mit stilistischen Eigenheiten, etwa zahlreichen rhetorischen Wiederholungen, das mit einer Streckenlänge von 540 Seiten ein wenig zu viel des Guten will.

Zusammen mit dem Künstler Jaromir99 bildet Rudiš den Kern der Kafka Band. Bei ihren aktuellen Auftritten improvisiert das Ensemble musikalisch-szenisch über Kafkas Roman Amerika.

Die Kafka Band mit Front-Mann Jaroslav Rudiš

Leider sind die projizierten Animationen nicht so gelungen wie in vorangegangenen Programmen. Mit ihrer Farbigkeit und schlichten Geometrie stören sie eher den Gesamteindruck als zur gelungenen Abrundung beizutragen. Enttäuschung macht sich deshalb breit, weil wir ja Jaromir99 als zeichnerischen Schöpfer des wunderbaren Alois Nebel kennen.

Milan Kundera wollte ich erwähnen. Quasi der moderne tschechische Klassiker. Mit seinem viel gelesenen, viel diskutierten und interpretierten Werk Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins habe ich mich etwas geplagt. Mir ist das zu viel Obsession und Abhängigkeit, auch wenn es Kundera meisterlich versteht vom Kern der Geschichte immer wieder in existenzielle Exkurse aufzubrechen. Er ist zweifellos einer der herausragenden tschechischen Autoren, obwohl ihn die Landsleute bereits 1975, da war er 46, (dieser Tage wurde sein 90. Geburtstag gefeiert) ins Exil vertrieben. Seitdem lebt er in Frankreich. Und sein wichtigster Roman weist deutlich mehr französische Einflüsse denn böhmisch-mährische auf. 

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… daß diese ganze Pracht mit einem Samentropfen begann und im Knacken eines Feuers enden wird …

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(Die beiden Zitate sind aus Bohumil Hrabal: Leben ohne Smoking. – Frankfurt am Main, 1995)

Leipzig wie es liest und lebt

Erster Teil des Rückblicks auf Buchmesse und Festival Leipzig liest 2019

Eine sehr spezielle Form von Prosa enthält die Sächsische Waffenverbotszonenverordnung. In ihr wird seit letztem November festgehalten, dass das Leipziger Gebiet östlich des Zentrums Waffenverbotszone ist. Personen dürfen keine Waffen nach der Definition des Waffengesetzes mit sich führen. Wer es dennoch tut, begeht eine Ordnungswidrigkeit und muss mit einer Geldbuße rechnen. Es gibt nicht wenige Gestalten vor Ort, die der Meinung sind, dass sächsische Verordnungen für sie keine Gültigkeit haben oder die von diesen schlicht nie gehört haben. Die Leipziger Eisenbahnstraße gilt als eine der gefährlichsten Straßen Deutschlands. Einschlägige Statistiken verzeichnen für Straße und Quartier knapp 73.000 Delikte pro 100.000 Einwohner. Das ist auf den ersten Blick kein Spitzenwert, erfasst allerdings nur die aktenkundigen Fälle und der Anteil an Gewaltdelikten ist deutlich höher als andernorts.

Zwischen all den Gemüseläden, Kebap-Buden, Asia-Imbissen, Spätverkäufen, Shisha-Höhlen, den Barbieren für die bärtigen Bewohner mit meist gut definierter Muskulatur, zwischen seit dreißig Jahren abrissreifen Häusern, dem gerade noch bewohnbaren Bestand und sanierten Altbauten, zwischen all dem Sprachengewirr und den Abgaswolken der Geländewagen, sind auch junge Paare mit kleinen Kindern, sind Studenten, Auszubildende und sehr alte Menschen unterwegs, weil sie sich das Wohnen hier leisten können und die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen vor der Haustür möglich ist. 

In diesem bunten und quicklebendigen Gemisch gibt es für das abendliche Ausgehen so manchen Geheimtipp, Lokalitäten wie man sie sonst nur von der KarLi (Karl-Liebknecht-Straße) und aus Plagwitz kennt. Wie jene lauschige Kneipe mit integriertem kleinen Buchhandel und einer sehr improvisierten Kleinkunstbühne, auf der Reinhard Kaiser-Mühlecker seinen neuen Roman vorstellte. Die Kulturapotheke, kurz KuApo, findet man in der Eisenbahnstraße 99. Es gibt dort wenig Platz, eine kurze Speisenkarte und wohlfeile Getränke für jeden Geschmack.

Der 37-jährige österreichische Autor kam bereits 2008 auf Empfehlung von Arnold Stadler zu S. Fischer, wo er ein festes verlegerisches Zuhause gefunden hat. Enteignung ist schon sein achter Roman. Er spielt einmal mehr in abgelegener ländlicher Provinz. Für das kriselnde Lokalblatt schreibt ein Journalist, der nach langer Abwesenheit an den Ort seiner Kindheit zurückkehrte. Von der Wucht der eingetretenen Veränderungen während seiner Abwesenheit und dem sich andeutenden weiteren gravierenden Einschnitten in gepflegte Traditionen ist er überrascht. Die Geschichte handelt vordergründig von menschlichen Beziehungen und Affären, viel grundsätzlicher jedoch vom Wandel der althergebrachten Strukturen und Lebensformen. Die damit verbundenen existenziellen Konflikte stellt Kaiser-Mühlecker in seinem Buch exemplarisch dar. 

Er schreibt in einer Sprache, die etwas aus der Zeit gefallen scheint, in ruhigem Ton, detailgenau, mit langem Atem. Man kann an Stifter denken, an Hermann Lenz. Wer sich auf diesen Rhythmus einlässt, erlebt einen der ausdrucksstärksten Schriftsteller dieser so kurzatmigen Zeit. Bei Abschluss seines ersten Vertrags mit dem Verlag wollte er es zur Bedingung machen, dass er nie aus seinen gedruckten Büchern öffentlich lesen müsse. Die Vertragspartner ließen sich darauf zum Glück seiner Leser und Bewunderer nicht ein. Offensichtlich unterschrieb Reinhard Kaiser-Mühlecker dennoch.

In Sachen ländliche Schauplätze kommt uns natürlich Dörte Hansen in den Sinn. Auch sie beschäftigt sich in ihrem aktuellen Roman Mittagsstunde mit Themen rund um die strukturellen Veränderungen im ländlichen Raum. Bilden bei Kaiser-Mühlecker Hügel und Berge Oberösterreichs die Kulisse, ist es bei Hansen die weite platte Fläche Nordfrieslands. Gerade einmal 43 Meter über Meereshöhe erreicht die höchste Erhebung der Umgebung.

Der erste Sommer ohne Störche war ein Zeichen, und als im Herbst die Stichlinge mit weißen Bäuchen in der Mergelkuhle trieben, war auch das ein Zeichen … Die alten Ulmen starben einen Sommer später, am Westerende, wo sie seit hundert Jahren Ast in Ast gestanden hatten.

Auch Dörte Hansen macht einen Heimkehrer zu einem ihrer Hauptprotagonisten. Die Schilderungen der Veränderungen in Mittagsstunde sind langfristiger und weitreichender als bei Kaiser-Mühlecker, sie reichen von der Flurbereinigung in den 1970er-Jahren, über den Einfluss des Klimawandels, bis zur Landflucht von Bewohnern auf der Suche nach auskömmlicher Arbeit. Was das mit den Menschen macht schildert Hansen einfühlsam, gelegentlich deutlich bis drastisch. Bei aller Zuspitzung gibt es immer wieder kleine humorvolle und skurrile Passagen.

Die Autorin, der 2015 mit ihrem Debüt Altes Land ein Lieblingsbuch der Buchhändler und Leser gelang, wurde von Denis Scheck in seiner Sendung Druckfrisch und bei seinen effektvollen, die Massen anziehenden Leipziger Messeshows mehrfach geadelt: Ein Buch voller Wehmut, schmucklos schön, das überraschend und klug in die Zukunft weist. Ein literarisches Ereignis!

Leipzig 2019. Das waren Messefahnen im Frühlingswind. Sonnentage. Hitze unter dem Glasdach. Zartes Grün an Büschen und Bäumen, das die Bilder des Vorjahres, Bilder von Schnee und Eis, liegengebliebenen Zügen, gesperrten Straßen, verblassen ließ. Und so strömten sie aus allen Himmelsrichtungen in ihr Leipzig. Das Leipzig der Bücher, Autoren, Buchhändler, ihr Leipzig der Leser, zum Treffen unter Gleichgesinnten. Fast 286.000 Menschen sollen es am Sonntagabend, als die letzte Lederjacke an der Garderobe abgeholt war, gewesen sein. 

Nahezu 286.000 Besucher. Leser, buchaffine Menschen, die sich zuhause schleunigst ins stille Kämmerlein verziehen, um ihre Neuerwerbungen, die eingesammelten Geheimtipps, die Bestseller der Saison zu verschlingen? Man wird sich eingestehen müssen, dass diese Charakterisierung aus den verschiedensten Gründen nur auf einen kleinen Teil der Messebesucher zutrifft. Das ist nicht neu. Doch zunehmend wildern Smartphones, digitale Medienvielfalt, flexible omnipräsente Anbieter wie Netflix, Amazon mit ihrer ganzen bildgewaltigen Streamingwelt in den Hoffnungen der Buchbranche auf reichlich Leser- und Käufernachwuchs.

Zu allem Überfluss ist es dann auch noch mit der Zukunft der Lesefertigkeit und der Lesekompetenz so eine Sache. Lesenlernen und Leseförderung Leipzig bietet Jahr für Jahr reichlich Podien und Begegnungen die sich mit diesen komplexen und wichtigen Themen beschäftigen. Alle einschlägigen Organisationen und zahlreiche Experten sind vor Ort, stehen für Diskussionen und Gespräche bereit, geben Wissen und Erfahrungen weiter. 

Foto: Tom Schulze

In Halle zwei befinden sich das Forum Kind-Jugend-Bildung und das Fachzentrum Bildung. Dort sind Leseinseln und Lesebuden zu finden, der Leipziger Lesekompass präsentiert gute Bücher für die Jungen und die Jüngsten. Es gibt ein Familiencafé, eine Chillout-Aerea und einen Still- und Wickelraum für Messeteilnehmer die vom Lesen noch nicht einmal träumen können. Und das alles schon seit Jahren. So werden Ideen, Anregungen, Anstöße, Anleitungen ins ganze Land, in Kindergärten, Schulen, Lehrerstudiengänge getragen.

Die nüchterne Bilanz lautet: 20 Prozent der Schüler und Schülerinnen der vierten deutschen Grundschulklassen können nicht flüssig lesen, haben Probleme den Inhalt gelesener Texte wiederzugeben. Sie drohen den Anschluss zu verlieren, an den Schulstoff und schließlich an eigene Lebenschancen. Trotz aller Bemühungen und Förderungen ist keine Besserung in Sicht, letztlich fehlt es in den Schulen an Ressourcen und in den Elternhäusern an Einsicht und Verständnis. 

Bildungsferne Einstellung wird oft von Generation zu Generation weitergegeben. Viele Familien haben ganz andere materielle, existenzielle Sorgen. Lesenlernen, das mit Vorlesen durch Eltern oder Großeltern beginnen kann, wird nicht überall als Wert gesehen. Förderung muss also die Familien der betroffenen Kinder mitnehmen. Sonst gehen immer mehr junge Menschen auf ihrem Weg in die Mitte der Gesellschaft verloren. Die Kompromissfähigkeit, die Fähigkeit Konflikte verbal auszutragen, sich die für eine demokratische Partizipation notwendigen Informationen anzueignen, sinken.

Die Lese- und Literaturnation Tschechien präsentierte sich als Gastland der diesjährigen Leipziger Buchmesse 2019. Notizen dazu stehen im Mittelpunkt des zweiten Teils meines Rückblicks. Den gibt es nächste Woche auf con=libri.