AusLese 2017. Der zweite Teil

Literatur ist Wissen, wie beschränkt auch immer – wie alles Wissen. Doch sie ist nach wie vor einer der wichtigsten Wege, die Welt zu verstehen. Gute Schriftsteller verstehen viel von Komplexität, von der Komplexität der Gesellschaft, des privaten Lebens, der familiären Abhängigkeiten und Gefühle, von der Macht des Eros, von den unterschiedlichen Ebenen des Empfindens und Kämpfens. (Susan Sontag)

Mit Marc-Uwe Kling ins QualityLand.

Klings Känguru-Chroniken haben landesweit Leser und Hörer begeistert. Insbesondere die Hörbuch-Versionen verkaufen sich wie warme Schrippen. Offensichtlich treffen die beiden Hauptfiguren, der Erzähler und sein Haustier mit Migrationshintergrund (Australien ist eigentlich ein sicheres Herkunftsland!), einen empfindsamen Nerv des Lesepublikums. So verrückt, so anarchisch, ja so frei, wäre man gern und ist gleichzeitig erleichtert, dass man es nicht ist.

Mit seinem neuen Buch stößt der vielseitige Autor, Kabarettist und Sänger in epische Dimensionen vor. Ein satirischer Zukunftsentwurf, bei der uns gelegentlich das Lächeln in den Mundwinkeln gefriert, denn Kling siedelt seine Visionen nicht in einem fernen Jahrhundert an, sondern lässt ahnen, dass diese schöne neue Welt bereit ist zur neuen Wirklichkeit zu werden. Hauptperson des Romans ist der Maschinenverschrotter (sic!) Peter Arbeitsloser (sic! sic!) der sich wundert, kaum noch zwischen Mensch und Maschine unterscheiden zu können. Algorithmen steuern beide. Die sich einstellende Beklemmung wird gemildert durch den locker humorvollen Erzählstil.

Ich hab die Geschichte nur angelesen. Science Fiction liegt mir schon länger nicht mehr, schon gar nicht wenn sie so zeitnah daherkommt. Marc-Uwe Kling ist auf mich nicht angewiesen. Sein QualityLand begeistert bereits eine ständig zunehmende Leserschar. Und Marc-Uwe Kling ist zweifellos ein Schriftsteller mit Zukunftspotential.

Kling, Marc-Uwe: QualityLand. Roman. – Ullstein, 2017

(Es gibt eine graue und eine schwarze Edition, die sich so weit ich das verstanden habe, inhaltlich nicht unterscheiden. Und es gibt bereits die ungekürzte Hörbuch-Einlesung des Autors.)

Liebwies von Irene Diwiak.

Dies ist der beachtliche Erstling einer jungen österreichischen Debütantin. Mit ihrer prallen Fabulierlust erinnert ihr erster Roman ein klein wenig an Vea Kaiser, wenngleich Diwiaks Erzählweise noch etwas die allerletzte Dichte fehlt.

Wir schreiben das Jahr 1924. Ganz Österreich leidet unter den wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkriegs. Der kriegsversehrte Lehrer Köck schlägt in einem abgelegenen Provinznest auf, dort erleben die Einheimischen Automobile noch als Sensation und hat die Schulpflicht der Feldarbeit zu weichen. Er lernt zwei junge Frauen kennen. Die eine kann gut singen, die andere sieht gut aus. Zweiter verfällt der Musikexperte Christoph Wagenrad. Obwohl nahezu unbegabt, bringt er sie ans Konservatorium und will sie zum Star aufbauen. Unterstützen soll ihn dabei die Oper eines Komponisten, der gar nicht komponiert.

Es geht um Gier nach Ruhm und falschen Glanz in diesem in historischer Zeit angesiedelten Roman. Der ist recht eigentlich kniezer Seitenhieb und hübsche kleine Parabel auf den Kulturbetrieb früherer und heutiger Tage. Nominiert für den Österreichischen Buchpreis.

Diwiak, Irene: Liebwies. Roman. – Deuticke, 2017

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Justizpalast von Petra Morsbach.

Vielleicht ist das Schicksal eine Summe falscher Motive.

Die Geschichte der begabten Thirza Zorniger. Sowohl künstlerisch wie juristisch familiär vorbelastet, entscheidet sie sich für die Juristerei und bringt es bis zur Richterin am und im legendären Münchener Justizpalast. Ein Roman über die Zwiespältigkeit von Gerechtigkeit, der interessante Einblicke in Denkweise und Befindlichkeiten von Menschen die in unserem Rechtssystem tätig sind gewährt. Das ermöglichen die jahrelangen Recherchen der Autorin, sie verleihen der Hauptfigur und ihrer Berufs- und Lebensbahn eine hohe Authentizität. Alles andere als ein Freund von Justizromanen, habe ich das Buch verschlungen.

So ganz nebenbei habe ich auch noch Einiges gelernt. Zum Beispiel welch hohes Gut unsere verfassungsrechtliche Gewaltenteilung darstellt, wie wichtig es ist diese zu verteidigen. Ich habe erfahren wie schwerwiegend verfassungswidrig die Ära des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß verlief, mit welcher Selbstbereicherung der Familie Strauß dies verbunden war und dass so vieles darüber nicht aufgeklärt werden konnte, bzw. durfte. Die zahlreichen kurzen Fallschilderungen in diesem umfangreichen Roman können als Anekdoten, die etwas ausführlicheren als eingestreute Kurzgeschichten gelesen werden. Sie ergeben ein farbiges Bild menschlicher Abgründe und Vergeblichkeiten.

Morsbach, Petra: Justizpalast. Roman. Albrecht Knaus Verlag, 2017

Elif Batuman ist Die Idiotin.

Wie schon im ersten Teil der diesjährigen AusLese, gibt es im zweiten wieder ein Buchmensch-Buch.

Das erste Studienjahr einer jungen Amerikanerin türkischer Abstammung. Allein an der großen Universität. Es ist 1995. Was man wohl mit dieser neuartigen E-Mail anfangen kann? fragt sich die Protagonistin, die der Autorin ähnelt. Dann die zweite Liebe. Die erste ist die zur Literatur. Mühsames Gewöhnen an eine akademische Betrachtung der Welt. Die ersten Auslandserfahrungen. Es ist ein Mädchenbuch, immerhin kommen gegen Schluss sogar Pferde vor. Ungarische. Männer dürfen und sollten es dennoch unbedingt lesen.

Dieser staunende Rückblick in Romanform der inzwischen vierzigjährigen Batuman ist ironisch distanziert, ehrlich und leichtfüßig. Die junge weibliche Hauptfigur kommt auf sympathische Weise wissensdurstig, unbeholfen und bookish rüber. Muss man angesichts des verschmitzten Titels noch erwähnen, dass sie ganz besonders für russische Literatur schwärmt? Kenner wissen das bereits, denn sie haben ihren vor einigen Jahren erschienenen Essayband Die Besessenen gelesen, in dem es schwerpunktmäßig um russische Autoren geht.

Ich liebe diese Idiotin. Habe ihre beiden auf Deutsch erhältlichen Bücher mit Staunen und großem Genuss gelesen.

Batuman, Elif: Die Idiotin. Roman. – S. Fischer, 2017

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Das Buch der Spiegel von Herrn E. O. Chirovici, der uns über seine vollständigen Vornamen glaubt im Unklaren lassen zu können.

Es geht um das falsche Spiel mit einem überraschend aufgefundenen Manuskript, das der Literaturagent Peter Katz bekommt. Darin schreibt ein gewisser Richard Flynn über die Ermordung eines Princton-Professors. Ein bis dato unaufgeklärter mysteriöser Fall. An entscheidender Stelle endet das Manuskript. Katz versucht den Rest des Textes ausfindig zu machen. Dass dies nicht ohne Verwicklungen und allerhand Charaden vonstatten geht, darf man von einer spannenden Geschichte erwarten.

Mir gefiel an dem Buch, dass seine Handlung mit dem Literaturbetrieb zu tun hat. Zudem liebe ich – vorzugsweise angloamerikanische – Campusromane. Mit beiden Vorlieben kam ich voll auf meine Kosten. Kategorie: Niveauvolle Unterhaltunsliteratur.

Der Verfasser übrigens bekam von seinen Eltern den klangvollen Doppelvornamen Eugen-Ovidiu, was herauszubekommen kein großes Problem ist. Er stammt aus einer rumänisch-ungarisch-deutschen Familie die einst in Transsilvanien zuhause war, residiert nunmehr in Brüssel und schreibt Englisch.

Chirovici, E. O.: Das Buch der Spiegel. Roman. – Goldmann, 2017

Schünemann und Volic: Kornblumenblau / Pfingstrosenrot / Maiglöckchenweiß.

Pfingstrosenrot? Auf dem Amselfeld wurden im Laufe der Jahrhunderte so viele Schlachten geschlagen und so viel Blut vergossen, dass hier die Pfingstrosen besonders üppig blühen. Im Alltag der heutigen Staaten des ehemaligen Jugoslawien sind die ethnischen und religiösen Konflikte noch lange nicht befriedet, die jungen Staatsgebilde alles andere als stabil. Hier spielen die Kriminalromane des Autorenduos Schünemann und Volic rund um die Belgrader wissenschaftliche Kriminologin (nicht Polizistin!) Milena Lukin. Als Taschenbuch-Neuerscheinung habe ich Pfingstrosenrot in Hartliebs Buchhandlung erstanden, bei meinem letzten Wien-Besuch vor einigen Wochen und während eines Bummels durch die Währinger Straße. (*)

In diesem mittleren von inzwischen drei Lukin-Bänden geht es um die falschen Versprechen  mit denen Menschen im Rahmen eines Rückkehrprogramms in ihre alte – für immer verloren geglaubte – Heimat, das Kosovo gelockt werden. Dort warten Enttäuschung und in einem besonderen Fall der Tod. Korrupte Machenschaften, undurchschaubare Seilschaften und rücksichtslose Bereicherung bilden den Sumpf einer vor allem für die junge Generation trostlosen Gegenwart. Mehr als in den meisten Fernsehberichten und Zeitungsartikeln erfährt man in diesen Krimis über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in den Balkanstaaten, hier mit Schwerpunkt Serbien. Dabei kommen Spannung und Unterhaltung keinen Moment zu kurz. Jelena Volic ist eine intime Kennerin der Verhältnisse, sie stammt aus Belgrad, hat deutsche Literatur studiert und ist Expertin für die deutsch-serbischen Beziehungen.

Kornblumenblau, den ersten Band der Reihe, habe ich bereits vor einiger Zeit gelesen und war danach sehr gespannt auf die weiteren Bücher. Mit Milena Lukin, der von einem Deutschen geschiedenen Mutter eines Sohnes, ist den beiden Autoren eine äußerst glaubwürde Hauptfigur gelungen. Maiglöckchenweiß ist dieser Tage als Hardcover bei Diogenes erschienen, ich warte wieder die TB-Ausgabe ab.

Schünemann, Christian; Volic, Jelena: Pfingstrosenrot. – TB-Ausgabe. Diogenes, 2017

Dito: Kornblumenblau. – TB-Ausgabe. Diogenes, 2015

Dito: Maiglöckchenweiß. – Geb. Ausg. Diogenes, 2017

(*) Die Währinger Straße in Wien liegt etwas außerhalb der touristischen Zentren und ist eine interessante Bummelmeile mit zahlreichen kleinen bis mittelgroßen Geschäften und teils sehr traditionellen Sortimenten, darunter eben Hartliebs heimelige Buchhandlung, betrieben seit gut zehn Jahren von Petra Hartlieb und ihrem Mann. Hartlieb ist ja inzwischen selbst eine bekannte Autorin, letztes Jahr erschien ihr Ein Winter in Wien. Für das Frühjahr ist die Fortsetzung angekündigt. Sie trägt den folgerichtigen Titel Wenn es Frühling wird in Wien. Freunde dieser Geschichte, die im Jugendstil-Wien spielt, dürfen sich vorfreuen.
Nur wenige Schritte abseits der Währinger Straße findet man die Strudlhofstiege, bekannt aus Heimito von Doderers gleichnamigen Wienepos. Eine der Seitenstraße ist die Berggasse, in der einst Sigmund Freud wohnte und wirkte, und in der man heute das Freud-Museum besuchen kann. In Robert Seethalers Roman Der Trafikant ist Freud Zigarren- und Zeitungskäufer in dem kleinen Laden des Otto Trsnjek auf der Währinger. Petra Hartlieb macht in ihrer Erzählung den jungen Otto zu einem ihrer buchhändlerischen Vorgänger, der den Dichter Arthur Schnitzler beliefert, der mit Familie um die Ecke wohnt. Viel Literatur rund um diese Wiener Straße.

Von Siebenbürgen bis heute

Die Erzählerin Iris Wolff und ihre Welt

Es war quasi eine Fußnote, die mich auf das neueste Buch von Iris Wolff aufmerksam machte. Ich kannte die Schriftstellerin bisher nicht. So tun, als ob es regnet war die persönliche Empfehlung Denis Schecks in der Bestenliste des SWR vom Juni diesen Jahres. Iris Wolff lässt ihre Leser erfahren, was passiert, wenn nichts passiert – und findet starke Bilder für ihren die historische Erfahrung eines ganzen Jahrhunderts umspannenden Roman. Dass nichts passiert stimmt so allerdings nicht. Dazu gleich mehr.

Wenn ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin für eine Neuerscheinung gerühmt wird, schaue ich gerne nach was bereits vorliegt. Deshalb las ich zunächst Wolffs ersten Roman Halber Stein. Zu oft hat man Debütanten erlebt, die das Niveau von gelungenen Erstlingen nicht halten konnten. Bei Iris Wolff ist das anders. Sie ist der erfreuliche Fall, dass die literarische Qualität ebenso hoch, wie gut lesbar bleibt, während der Zuspruch der Leser und Kritiker von Werk zu Werk steigt.

Zur Beerdigung der Großmutter reist eine Frau von Mitte zwanzig mit ihrem Vater in den kleinen Ort Michelsberg nahe Hermannstadt (Sibiu) in Rumänien. Es ist das ehemalige Siedlungsgebiet der Siebenbürger Sachsen. Nach russischer Besatzung, damit verbundener Verschleppung in die Zwangsarbeit, und der für alle Menschen im Lande fürchterlichen Ceaușescu-Zeit, sind in den letzten Jahrzehnten die meisten von ihnen nach Deutschland ausgewandert. Wenige blieben – meist ältere Menschen. Iris Wolffs Geschichte setzt viele Jahre nach Herta Müllers Atemschaukel ein. Die historischen Erfahrungen haben jedoch tiefe Spuren in Region und Menschen hinterlassen.

Bild: Wiebke Haag

Friedesine, von allen nur Sine genannt, hat hier Kinderjahre verbracht und die Reise ist mit Erinnerungen und Wiederbegegnungen verbunden. Begegnungen mit Julian dem fast vergessenen Freund früherer Tage, ehemaligen Bekannten, Nachbarn der Verstorbenen. Der Wiederentdeckung von Orten, Wegen, Räumen. Zur Beerdigung und der anschließenden Gedenkfeier, verbunden mit üppigem Mahl und hochprozentigen Getränken, kommen zudem Verwandte zusammen, die sich nur selten begegnen und deren Verhältnis nicht ohne Spannungen ist.

Der halbe Stein ist ein Naturdenkmal an einem Fluss bei Michelsberg im Landstrich vor den Karpaten. Fruchtbar ist diese Gegend, mit warmen Sommern und strengen Wintern, mit einer reichen, sehr eigenen kulturellen Vergangenheit, geprägt von den deutschsprachigen Siedlern ebenso, wie von der rumänischen Bevölkerung und ungarischen Einflüssen. Iris Wolff gelingen großartige, vielfarbige Landschaftsbilder und einprägsame Personenportraits während sie ihre Hauptfigur auf die Suche nach der verlorenen Kindheit, der unwiederbringlichen Heimat und einen Weg in die für sie zu diesem Zeitpunkt offene Zukunft schildert.

Ruhiger Erzählstrom in poetischer Sprache, eine Handlung, die immer wieder kleine Überraschungen bereithält, Sätze, die jeden, der Sinn für Prosa abseits des reiserisch Zeitgeistigen hat, fesseln werden. Es ist ein wunderbares Spätsommerbuch, das man ungern aus der Hand legt um sich zwischen den Leseperioden notgedrungen profanen Alltagsdingen zuwenden zu müssen. Ein Buch der Farben und Gerüche. Ein Buch das duftet. Nach dem Aroma von feuchter Erde und reifen Limonen. Von Moden befreites, zeitloses Schreiben einer Dichterin, die im gerade wieder ausbrechenden Literaturpreisrummel, leicht zu übersehen ist.

Kann man in Zeiten von heute hier, morgen dort, der abverlangten globalen Beweglichkeit, über Sehnsucht nach Heimat und damit verbundene Gefühle schreiben? Iris Wolff kann. Genau statt pauschal. Berührend statt rührselig. Ihre Begegnung mit Vergangenem ist mit keinerlei Besitzansprüchen verbunden.

(c) Stine Wiemann

Die Kindheit eines Autors, einer Autorin war bereits Stoff und Anlass für viele große Romane der Weltliteratur. Auch Iris Wolf schöpft kraftvoll aus diesem tiefen Brunnen. 1977 in Hermannstadt geboren, verbrachte sie frühe Kinderjahre im elterlichen Pfarrhaushalt in Semlak nahe Arad. Eine Region die lange zu Ungarn gehörte und heute am westlichen Rand Rumäniens liegt. 1985 kam die Familie nach Deutschland. Die Umsiedlung erlebte Iris Wolff als Kulturschock, die Kindheit in Rumänien schien mir unbeschwerter, sagt sie im Rückblick. In Marbach studierte sie Germanistik, Religionswissenschaft und Malerei, war später am Deutschen Literaturarchiv als Museumspädagogik tätig. Iris Wolff lebt inzwischen in Freiburg. Sie schreibt, malt, fotografiert und arbeitet seit einigen Jahren als Kulturkoordinatorin.

Ihre Figuren entwickeln sich während des Schreibprozesses, erläuterte sie in einem Interview. In einem Jahr sollte ihr erster Roman Halber Stein fertig werden – es dauerte schließlich sechs Jahre bis das Buch 2012 herauskam. Es ist über die Jahre gereift, hat mehr und mehr Geschichten, Gedanken, Farben und Gerüche aufgenommen. Die Erinnerung an die Kinderjahre hat sie nie losgelassen. Und die Erinnerung an das Lebensgefühl und die Kultur der Deutschen, Rumänen und Ungarn im südöstlichen Europa. Hier konnte man die Liebe immer in drei Sprachen erklären.

Sie recherchierte vor Ort, fotografierte, interviewte Eltern und Großeltern. Orte und Menschen sind – auch wenn sie authentischen Orten und lebenden Menschen ähneln – als Fiktion, im Sinne einer eigenen, erdichteten Welt, zu betrachten. Ein in der Literaturgeschichte nicht seltenes Bekenntnis wenn auf eine strikte Trennung von Dichtung, Erinnerung und Wirklichkeit verzichtet wird. Das Ende der Erzählung ist offen, doch eine Zukunft absehbar.

Als ich schließlich mit der Lektüre von So tun, als ob es regnet, den in diesem Jahr erschienen Roman in vier Erzählungen, begann, habe ich mich nicht gewundert ein Zitat von Hermann Lenz vorangestellt zu finden: Du musst dich umschauen, sieh um dich; was du bemerkst, das gehört dir. Mag sein, sie zählt den unscheinbaren Außenseiter der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zu ihren Vorbildern. Eine legitime Schülerin ist sie allemal.

Bild: Wiebke Haag

Die erste, sanft erotisch durchwirkte Episode, handelt vom Schicksal eines Soldaten im Ersten Weltkrieg. Ein Brief von zuhause gefährdet das Durchhaltevermögen des jungen Jacob. In der zweiten Geschichte beschäftigt den Leser zunächst einmal die Frage ob die Hauptperson Henriette die Tochter Jacobs ist. In der dritten verpasst der draufgängerische Vicco den frühen Tod nur knapp und kommt gerade noch rechtzeitig um die erste Mondbegehung eines Menschen im Fernsehen mitzubekommen. In jeder neuen Erzählung ist irgend jemand mit einem Protagonisten der vorherigen verwandt.

So geht es in großen Sprüngen durch etwa hundert Jahre. Im letzten Teil sind wir in der Gegenwart angekommen und eine Enkelin der Henriette ist nach La Gomera ausgewandert. Hier verlässt Iris Wolf schließlich den Erzähl- und Kulturraum des alten Siebenbürgen, den Mittelpunkt, die Hauptbühne ihrer bisher drei Romane. Auch im neuesten Werk entwickeln die malerische Sprache und die sparsame, sehr gezielt eingesetzte Handlung, einen starken Sog. Eine Anziehung ähnlich Licht, Luft und Landschaft in denen diese Geschichten daheim sind. Iris Wolff schafft schreibend ihren Leserinnen und Lesern ein erlesbares Zuhause.

So tun, als ob es regnet ist die deutsche Übersetzung eines rumänischen Sprichworts. Se face ca ploua, heißt es im Original, was gesprochen sicher melodischer klingt als in deutscher Sprache. Die vier lose verbundenen Erzählungen des Romans könnte man als kleine Novellen bezeichnen. Jede berichtet von einer überraschenden Neuigkeit und hält unerwartete Wendungen bereit. In Iris Wolffs Büchern spielt die Natur eine zentrale Rolle, besonders gefallen mir ihre Spätsommer-Schilderungen: Mit dem September veränderte sich etwas. Die Kastanien wussten es immer als erstes. In den Schatten verschanzte sich kühlere Luft, die Blätter fingen an zu welken. … Die Birnen leuchteten in der Dämmerung wie kleine Lampions. … Melonen lagen wie verstreute Bälle herum.

Besser als Denis Scheck kann ich es nicht formulieren: Viel vom poetischen Charme dieses Romans erklärt sich aus dem traumsicheren Sprachgefühl und guten Auge der Autorin für sprechende Momente und Details. Ich bin kein Kritiker, ich bin nur Leser. Ein beglückter Leser, der sich über eine beeindruckende Neuentdeckung freut und Iris Wolffs Werke in seinen ganz persönlichen Kanon deutschsprachiger Literatur aufnimmt.

Wolff, Iris: Halber Stein. Roman. – Otto Müller, 2012

Wolff, Iris: Leuchtende Schatten. Roman. – Otto Müller, 2015

Wolff, Iris: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. – Otto Müller, 2017

“Zum Lesen gibt es keine Alternative” – Notizen zur Leipziger Buchmesse 2017 (II)

Buchmesse 2016. Buchmesse 2017. In den letzten 12 Monaten hat sich die Welt verändert. Deshalb werden in diesem Jahr die Besucherströme kanalisiert und auf allen Zugangswegen Sicherheitskontrollen durchgeführt. Kräftige Männer in Plastewesten mit fluoriszierenden Streifen erkundigen sich freundlich ob Hieb-, Stich- oder Schusswaffen in Handtaschen und Rucksäcken mitgeführt werden, werfen dabei einen meist kurzen Blick in zu öffnende Gepäckstücke. Es geht höflich und verständnisvoll zu. Jedoch, an den “Dolch im Gewande” denkt niemand.

Am taz-Stand sorgte einer der überzeugtesten und überzeugendsten Europäer für enormen Andrang. Mit Schlagfertigkeit und knitzem Humor erreicht der 92-jährige Alfred Grosser mühelos ein junges Publikum. Überall in Europa sind es vor allem junge Menschen, die am Gemeinschaftsgedanken, an freien Grenzen und freiem Denken festhalten wollen. Grosser bestätigt diese Haltung, verkörpert sie selbst ausgesprochen glaubwürdig und bekommt dafür viel Zustimmung und Beifall.

Alfred Grosser (rechts)

“Le Mensch” ist der Titel seines neuesten Buches, das er auf der Messe vorstellte, “Die Ethik der Identitäten” der Untertitel. “Facettenreich und mit vielen persönlichen Rückblicken schreibt Grosser über die Entstehung und Moral sozialer Identität. Dabei wehrt er sich gegen ein altes Grundübel, das aktueller ist denn je – den Finger, der auf andere zeigt, das ‘schlimme DIE’: DIE Muslime, DIE Frauen, DIE Juden, DIE Deutschen, DIE Flüchtlinge. Ein großes Buch, das uns auffordert, auch in schwierigen Zeiten niemals unsere Menschlichkeit zu verlieren.” Heißt es in der Ankündigung des Verlags.

Litauen war das diesjährige Gastland in Leipzig. Ein kleiner Staat am Rande Mitteleuropas, mit einer Ostseeküste, die einst die Familie Mann zu schätzen wusste und in den großartigen Dünen einige Sommerurlaube verbrachte. Ein gewichtiges Pfund für die Tourismuswerbung des baltischen Landes. Darüber hinaus gab man sich alle Mühe den Messebesuchern das literarische Litauen näher zu bringen. Etwa mit einem gedruckten “Crashkurs”, der auf 130 Seiten in “100 Jahre litauischer Literatur” einführt. Die Anzahl der Bücher in deutscher Übersetzung ist nach wie vor überschaubar. Die Titel erscheinen meist in kleineren ambitionierten Verlagen. Wie zum Beispiel dem von Sebastian Guggolz.

Seit wenigen Jahren erst gibt es den Verlag, der sich auf Wiederauflagen und Neuübersetzungen – u. a. von Nobelpreisträgern – aus Nord- und Nordosteuropa spezialisiert hat. Aus Litauen ist der dort allgemein bekannte und sehr verehrte Antanas Skema (1910 – 1961) vertreten. Wie Albert Camus kam der Dichter, der Exiljahre in Deutschland und den USA verbrachte, viel zu jung bei einem Autounfall ums Leben. Der Roman “Das weiße Leintuch” ist sein zentrales, bis heute im Original viel gelesenes Werk. Entlang eigener biographischer Erlebnisse erzählt es vom Schicksal eines Schriftsteller im Exil. Das alter ego des Verfassers schöpft seine Zuversicht sehr stark aus den Erinnerungen an die Heimat. Die baltische Landschaft, literarische Traditionen, Folklore. Die frische Übersetzung ist kommentiert und – wie alle Bücher bei Guggolz – hochwertig ausgestattet.

Sebastian Guggolz (ohne), Klaus Schöffling (mit Bart)

Sebastian Guggolz war mit seinem Verlag einer der Gewinner des diesjährigen “Kurt-Wolff-Preises” für unabhängige Verlage. Während er den Förderpreis entgegennehmen durfte, ging der Hauptpreis an den schon seit vielen Jahren etablierten Verlag Schöffling & Co. und seinen Verleger Klaus Schöffling. “Liebe zum Buch, Mut und Leidenschaft”, seien erforderlich um im heutigen Wettbewerb mit schönen Büchern und außergewöhnlicher Literatur bestehen zu können. So der Laudator Burkhard Spinnen. Gerade die jährlichen Ereignisse auf und rund um die Leipziger Buchmesse zeigen, dass dafür nach wie vor ein gar nicht so kleines Publikum ansprechbar ist.

Besonderes, Schönes, Spannendes und gelegentlich Überraschendes kommt Jahr für Jahr aus der Schweiz. Unsere Nachbarn sprechen, schreiben und lesen ja in nicht weniger als vier Sprachen. Schon bei der Konzentration auf den stärksten Sprachraum, den deutschsprachigen, ist das Angebot so üppig, dass die Auswahl schwer fällt. Martin Suters neuen Roman “Elefant” habe ich allerdings noch nicht gelesen. Ihm wurde einmal mehr große Aufmerksam zuteil, versteht er es doch immer wieder, solide Unterhaltungsliteratur auf gutem Niveau in die Buchläden zu bringen.

Franz Hohler, dessen Erzählungen in der Schweiz schon zum klassischen Schulstoff gehören, war in diesem Jahr mit seinem Gedichtband “Alt?” vor Ort. (“Wird die Sparlampe / die du im WC einschraubst / Brenndauer 10.000 Stunden / länger halten als du?”) Ich habe mir einige von ihm vorgetragene Auszüge angehört, ziehe allerdings seine Prosatexte weiterhin vor. Zuletzt habe ich von ihm den Roman “Gleis 4” gelesen. Noch vergleichsweise jung ist Jonas Lüscher. Ihn konnte ich als Vorleser aus seinem Roman “Kraft” am Schweizer Gemeinschaftsstand erleben. Auf con=libri wurde das Buch bereits besprochen.

Lukas Bärfuss

“Leipzig ist ein Fest für Leser und Schreibende,” findet Lukas Bärfuss, dessen Auftritt mich besonders beeindruckt hat. Er gehört zu denen, die trotz aller professionellen Verbindlichkeiten gerne nach Leipzig kommen. Er spricht über seinen “Hagard”. Anspielungsreich und vieldeutig ist schon der Name des Protagonisten der obsessiven Geschichte. Bärfuss hat eine Schwäche für “Lexiköner” und den Begriff in einem Jagdlexikon gefunden; auch in Shakespears “Kaufmann von Venedig” taucht er auf. Es sind die roten Pumps einer Frau, die er nie richtig zu Gesicht bekommen wird, die Hagards Obsession und seinen daraus resultierenden Niedergang einleiten. Bärfuss: “Kleider machen Leute stimmt gar nicht, Schuhe machen Leute.” Der schmale Roman des Schweizers gehört zu den fesselndsten und originellsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs.

“In dieser kenntnisreichen Biografie dürfen wir alle Astrid Lindgren noch einmal erleben”, schrieb “Dagens Nyheter” als die Originalausgabe von Jens Andersens umfangreicher Lebens- und Werkbeschreibung erschien. Jetzt liegt sie als Taschenbuchausgabe vor. Sie ist deshalb aktuell, weil darin ausführlich die Haltung Lindgrens als Zeitgenossin und politischer Mensch gewürdigt wird. Im Mittelpunkt ihre Vorstellung von einer gewaltfreien Erziehung unter Achtung der Kinderrechte und ihr Wunsch nach einem friedlichen Miteinander in der Welt. Sehr eindrucksvoll sind in diesem Zusammenhang ihre Tagebücher, die sie während des zweiten Weltkriegs verfasst hat. Diese liegen seit Ende letzten Jahres ebenfalls in einer preiswerten broschierten Ausgabe vor

“Und dann muss man ja auch noch Zeit haben einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.” Diese Lebenshaltung schien ihr keinesweg nur für Kinder empfehlenswert. Ihrem Rat zu folgen bietet schließlich die Zugfahrt Richtung Heimat Gelegenheit. Zeit um dazusitzen, aus dem Zugfenster auf das vorbeiziehende Deutschland zu schauen, Begegnungen mit all den Wahlverwandten in Leipzig, auf der Buchmesse und dem Lesefestival “Leipzig liest” Revue passieren zu lassen, natürlich um zu lesen, und ein wenig auch zu träumen. Von einem Europa das nicht an Oder und Memel, Nordsee und Alpen, Rhein und Karpaten enden darf. Es war der an diesen Tagen in Leipzig der am häufigsten geäußerte Wunsch an die Zukunft: Ein friedliches, tolerantes, demokratisches Europa ohne Grenzen, das in jeder Hinsicht offen bleibt.

Foto: Wiebke Haag

Grosser, Alfred: Le Mensch. Die Ethik der Identitäten. – Dietz, 2017. Euro 24,90

Katkus, Laurynas: 100 Jahre litauischer Literatur. Ein Crashkurs. – Lithuanian Culture Institute, 2017

Hier erfährt man mehr dazu und kann die Broschüre anfordern:

www.lithuanianculture.lt

Skema, Antanas: Das weiße Leintuch. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. – Guggolz, 2017. Euro 21

Hohler, Franz: Alt?. Gedichte. – Luchterhand, 2017. – Euro 16

Lüscher, Jonas: Kraft. Roman – s. dazu:

Kraft auf con=libri

Bärfuss, Lukas: Hagard. Roman. – Wallstein, 2017. Euro 19,90

Andersen, Jens: Astrid Lindgren. Ihr Leben. – Pantheon, 2017. Euro 16,99 (Dt. Originalausgabe bei DVA, 2015)

Lindgren, Astrid: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939 – 1945. – Ullstein Taschenbuch, 2016. Euro 14 (Dt. Originalausgabe Ullstein, 2015)

„Für das Wort und die Freiheit” – Notizen zur Leipziger Buchmesse 2017. (I)

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“Nicht zu lesen lohnt sich nicht” (Katharina Herrmann / Kulturgeschwaetz.Wordpress.Com)

“Lesen hilft – und viel lesen hilft viel!” (Julia Schmitz / fraeuleinjulia.de)

“Ich lese, weil ich nicht weiß, wie es ist, nicht zu lesen.” (Marion Rave / schiefgelesen.net)

Hurra! Ich habe einen Sitzplatz ergattert. Mir gegenüber feuerrote Kontaktlinsen und die staubige Perücke einer Manga-Figur. Schweißgeruch. Auf dem Schoß “Warum ich lese” aus dem Homunculus Verlag. (Daraus stammen die Zitate oben.) Ja warum eigentlich? Das fragt man sich schon einmal im völlig überfüllten Straßenbahnwagen der Linie 16 auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse 2017.

Eine Dame hinter mir outet sich als Professorin für Buchwissenschaften in M. Ihre Gesprächpartnerin, erfahre ich postwendend, ist Lektorin für Schulbücher in Wien. Die Beiden kommen immer besser ins Gespräch und ich verliere endgültig den Faden meiner Lektüreversuche. Die “Sinnstiftung des Lesens” spiele kaum noch eine Rolle, höre ich und muss komisch aussehen, weil ich heftig nicke. Spaßfaktor, Erfolgsaussichten in Leben und Beruf, vorgegebene Curricula, der Wille mitreden zu können, bestimmen die Wahl. Wenn überhaupt noch das Buch die Wahl ist.

Leipziger Messe – Buchmesse 2017. Foto: Tom Schulze

“Wir sind da!” Die helle Stimme der Straßenbahnfahrerin reißt mich aus meinen zustimmenden Gedanken. “Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag auf der Leipziger Buchmesse.” Solche Straßenfahrerinnen gibt es nur in Leipzig. Überhaupt gibt es nur in Leipzig so viele Straßenbahnfahrerinnen. Vielleicht noch in Berlin. Apropos Straßenbahnfahrerin, wer es noch nicht gelesen hat, sollte das bald nachholen. Paula Fürstenbergs “Familie der geflügelten Tiger”, bereits im letzten Jahr bei Kiepenheuer und Witsch erschienen. Handelt von einer angehenden Straßenbahnfahrerin und ihrer kuriosen, leicht tragischen Famliengeschichte vor und nach ‘89.

Diese Buchmesse 2017 war eine politische Buchmesse. Besser: Auf dieser Buchmesse spielten politische Inhalte, Themen, Schlagworte und aktuelle Auseinandersetzungen eine zentrale Rolle. “Für das Wort und die Freiheit” hieß es auf Bannern, Fahnen und Podien.

“Wie reden wir eigentlich miteinander?” wurde im Cafè Europa gefragt. Nach Antworten suchten Mely Kiyak, sie ist ist politische Kolumnistin, Fatih Çevikkollu, Theater- und Filmschauspieler, Komiker und Kabarettist, Kijan Espahangizi, Historiker und Leiter des Zentrums Geschichte des Wissens an der ETH Zürich, und Moderatorin Esra Küçük, Kuratorin von Europa21, Mitglied im Direktorium des Maxim Gorki Theater. Intellektuelle, Wissenschaftler, professionelle Schreiber aus Deutschland und der Schweiz, der deutschen Sprache besonders mächtig. Sie machten zunächst deutlich, dass Fake News und Filterblasen so neu gar nicht sind. Das hieß früher nur anders.

Kritik an der alltäglichen Debattenkultur, in Medien und Kanälen, im Privaten. Auf komplexe Probleme und Fragen seien kaum noch differenzierte Antworten möglich. Pro oder Contra Flüchtlinge, nichts dazwischen. Kijan Espahangizi entzauberte das scheinbare Ideal der Volksabstimmungen, die im kantonal strukturierten Nachbarland ja besonders gerne durchgeführt werden. Es gäbe dabei eben nur ja oder nein. Ja oder nein auf vereinfachte Fragestellungen die für vielschichtige Sachverhalte stehen. Und die vermeintlichen Stimmenmehrheiten sind in Wahrheit allenfalls Bruchteile, denn viele dürfen nicht wählen, manche wollen nicht, und dann stimmen 51 Prozent dafür, was letztlich bedeutet, dass eine erhebliche Mehrheit unentschieden oder dagegen ist.

Warum wissen wir eigentlich so wenig über andere Länder? Mehr als Nachrichtenmedien vermitteln können? Einer der Gründe ist, weil so wenig Sachliteratur aus diesen Ländern, von Autoren die in diesen Ländern leben, übersetzt wird. Was wissen wir denn schon über die innergesellschaftlichen Diskurse und Diskussionen, Stimmungen und Strömungen in der Türkei, in Syrien, in Zentralafrika? Bürger und Zeitgenossen dürfen nicht nur das Recht auf Informationen fordern, sie müssen es auch wahrnehmen. Resultiert daraus nicht sogar die Pflicht, sich qualifiziert zu informieren? Und zu lernen, wie man das macht?

Hoffnung und Zukunft für Europa, für die Literatur, für das Lesen und Schreiben? Die Jungen. Junge Menschen die Lesen, die Schreiben, und in Leipzig tapfer und erstaunlich selbstsicher aus ersten Werken vortragen. Oder sich zum intensiven, exzessiven Lesen bekennen. Leser als Lebensform. Wie die drei Bloggerinnen auf der “Leseinsel der Jungen Verlage”. Drei von vierzig Autoren und Autorinnen, stellvertretend für all jene, die in dem bereits erwähnten Sammelsurium “Warum ich lese” enthalten sind, mit ihren ganz persönlichen Leselebensgeschichten. Sarah Reul, Sophie Weigand und Katharina Herrmann.

Sarah Reul, die das Blog pinkfisch.net schreibt hat sich auf 15 triftige Gründe beschränkt. Die haben es in sich, bilden sie doch so etwas wie eine kurzgefasste Lesebiographie. Beginnend mit ihrem ersten Pixi-Buch – “Ralf und die Semmel” – , über den Klassiker “Romeo und Julia”, das abgehobene “Per Anhalter durch die Galaxis”, bis zur unvermeidlichen Harry-Potter-Reihe, über die Bibel und den von Viellesern oft erwähnten Murakami-Roman “Kafka am Strand”, bis zum 15. Grund, der sicher nicht der wirklich letzte sein wird: “Bitte nicht lesen oder Der aufregendste Sommer im Leben von Nelson Jaqua” von Monte Merrick.

Beeindruckt hat mich das literarische Debut von Nadja Schlüter, die auf Lesebühnen unterwegs ist und auch schon journalistisch gearbeit hat. Ihre Erzählungen sind bei Voland & Quist erschienen. Jede Geschichte in »Einer hätte gereicht« handelt von Geschwister-Konstellationen. Pointierte, stimmige Arbeiten, die es verdienen ein breites Publikum zu erreichen. “Da ist eine kauzige Frau, die ihren Bruder bisher gar nicht kannte und jetzt zu sehr mag. Und da ein junger Mann, der es nicht aushält, seinen Bruder besser zu kennen als sich selbst. Zwei völlig Fremde im Zug geben sich spontan als Geschwisterpaar aus und sind sich plötzlich ganz bekannt… Nadja Schlüter lotet in zehn Erzählungen aus, was es heißt, sich auf diese ganz eigene Art nah zu sein.” (Verlagsblog)

Ulrich Schacht (r.) im Gespräch mit Rainer Moritz

Etwas älter ist Ulrich Schacht, und hat dementsprechend schon einiges erlebt. Gefängnis in der ehemaligen DDR, Freikauf durch die damalige Bundesrepublik, eine veritable Karriere als Journalist. Lyrik hat er veröffentlicht. Und nun einen großen Roman, der natürlich autobiographische Bezüge aufweist, die er allerdings im Gespräch mit Rainer Moritz sofort relativiert. Wie das eben so sei mit Literatur und Realität, mit Erdachtem und Erlebten, die Grenzen verschwimmen. “Notre Dame” ist zu allererst eine große Liebesgeschichte. Gleich danach ein Buch über die Freiheit des Einzelnen und das Fehlen von Freiheit, ein überzeugendes Plädoyer für ein offenes Europa so ganz nebenbei. Mittreißend und fesselnd erzählt. Eine der vielen Titel in diesem Frühjahr die am besten sofort gelesen werden wollen.

Schließlich noch eine Bemerkung aus aktuellem Anlass. Entgegen des Eindrucks den einige Mäkler und Nörgler in diesen Tagen gerne verbreiten möchten, standen sich Menschen, die der Ernst der Weltlage bewegt und unbeschwerte, phantasievoll kostümierte Teilnehmer der Manga-Comic-Cosplayer-Szene respektvoll und freundschaftlich gegenüber; ja die verschiedenen Stimmungslagen und Interessengruppen vermischten und vermengten sich. Im März in Leipzig geht es offen zu, tolerant, neugierig, der Blick geht in alle Himmelsrichtungen, es entsteht ein wohltuendes Nebeneinander von Jung und Alt, Bunt und Schwarzgrau, Original und Kopie, Drama und Komödie.

Foto: Wiebke Haag

Den zweiten Teil zur Leipziger Buchmesse 2017 gibt es in einigen Tagen und hier die Daten der ausführlicher erwähnten Bücher:

Fürstenberg, Paula: Familie der geflügelten Tiger. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2016. Euro 18,99

Warum ich lese. 40 Liebeserklärungen an die Literatur. – Homunculus Verlag, 2017. Euro 12,90

Schlüter, Nadja: Einer hätte gereicht. – Voland & Quist, 2017. Euro 18

Schacht, Ulrich: Notre Dame. Roman. – Aufbau Verlag, 2017. Euro 22

„Kraft“ von Jonas Lüscher

Ein kurzer Blick auf den Klappentext und ich wusste, dass ich an diesem Buch nicht vorbeikomme: „Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen …“ Ein Buch über einen fiktiven Nachfolger des legendären Walter Jens. Ein Buch also, wie für mich gemacht? Nicht ganz, denn schon nach wenigen Seiten war ich genau da, wo ich mit meiner aktuellen Lektüre nicht hinwollte. In den Vereinigten Staaten von Amerika. Die penetrante PR für zwei dickleibige Wälzer von dort hatten mich in den letzten Wochen eher abgeschreckt. Der Trend ist nun einmal nicht mein Freund. Mir war noch gut in Erinnerung, dass vor einem Jahr der neue Franzen längst nicht hielt, was die Werbetrommeln verkündet hatten.

Kraft hat eine beachtliche akademische Karriere absolviert, die ihn bis auf den renommierten Lehrstuhl in Tübingen und zu Kongressen und Vorträgen in der ganzen Welt brachte. Dennoch sieht er sich als gescheitert – sein Maßstab für Erfolg und Glück ist in erster Linie ein materieller. Geld bedeutet ihm Freiheit. Seine Freiheit hat er mit mehreren gescheiterten Ehen, den Kindern und den entstandenen finanziellen Verpflichtungen restlos eingebüßt. Die so entstandene, von ihm als nahezu ausweglos empfundene Situation macht er für seine nachlassende geistige Schaffenskraft und Kreativität verantwortlich. Er wartet auf einen Befreiungsschlag.

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Die Chance darauf tut sich auf in Form eines Wettbewerbs den ein us-amerikanischer IT-Unternehmer und Multi-Milliardär ausgeschrieben hat. Eine Million Dollar winken dem Gewinner eines Essay-Wettbewerbs. Dieser Aufsatz ist im direkten Wettstreit mit anderen Teilnehmern öffentlich zu präsentieren. Thema ist die Gottesfrage, auch als Theodizee-Problem bekannt. Warum lässt Gott das Schlechte auf der Welt zu? Kann Gott existieren, wenn der von ihm geschaffene Mensch so viel Böses anrichtet? Und wenn Gott existiert, warum verhindert er dann Kriege und Elend nicht? Die konkurrierenden Denker haben zudem nachzuweisen, warum die Welt gut ist wie sie ist.

Krafts Noch-Ehefrau strebt ebenfalls nach einer Zukunft ohne den Gatten. Sie bestärkt ihn in seinem Plan an der Ausschreibung teilzunehmen und bereits für die Vorbereitung nach Kalifornien zu reisen. „Geh, gewinne, bring uns das Geld nach Hause, damit wir alle wieder unsere Freiheit haben, hört Kraft Heike sagen, und dabei muss er an ihren Hallux denken.“

Bei der Familie des alten Freundes Ivan (Isztvan), einem Exil-Ungarn, findet er eine Bleibe und in einer der großzügigen Forschungsbibliotheken den adäquaten Arbeitsplatz. Doch die Arbeit will nicht recht gelingen. Immer mehr drängen sich Erinnerungen an den bisherigen Lebensweg und Reflektionen über vergebene Möglichkeiten in den Vordergrund. Kraft war stets glühender Anhänger einer libertären Wirtschaftsordnung. Ronald Reagan, Maggie Thatcher und Graf Lambsdorff hat er bewundert, vorübergehend an das geistig-moralische Wende-Versprechen Helmut Kohls geglaubt und den Kräften der Märkte vertraut. Die Begegnung mit dem real existierenden Unternehmertum, mit forschen Dienern des Kapitalwachstums, narzisstischen Waffenträgern und softwareentwickelnden Dauerpubertären, bringt sein Weltbild ins Wanken.

Diese ideologische Ausrichtung des Protagonisten gehört zu den Besonderheiten des Buches und unterscheidet es deutlich von den linksalternativen Lebensentwürfen hinter bodentiefen Fensterscheiben der Hauptstadt, die so häufig im Mittelpunkt der Werke gegenwärtiger Jungautoren stehen.

Zudem schreibt Jonas Lüscher hochklassisch. Bevorzugt lange, geduldig ausformulierte Sätze, bei realistischer Erzählweise und einer durchgängigen ironischen Distanz. Das Buch hat Witz. Etwa wenn Kraft bei seinem Ruderausflug auf unbekanntem Gewässer gegen guten Rat grandios Schiffbruch erleidet und diese Szenen stark an einen Segelausflug auf dem stürmischen Bodensee in Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ erinnern.

Und wenn die hippe Lifestyle-Kultur solventer Nerds rund um das Silicon Valley auf die Schippe genommen wird. Da stehen sie in langer Reihe geduldig vor einem In-Lokal Schlange, um, endlich eingelassen, mit einem nach normalen Maßstäben eher bescheidenen Mahl abgespeist zu werden. „Die Mühsal der Speisenauswahl kann man sich hier sparen, es gibt nur ein Gericht. Kraft schaut etwas ratlos auf das mit goldbraunem Paniermehl überbackene Nudelgratin … Exakt achtzehn Minuten nachdem sie das Lokal betreten haben, stehen sie wieder auf der Valencia Street.“

In diesen achtzehn Minuten erläutert der einladende Mäzen Erkner seine Zukunftsvisionen. Visionen von einem Projekt, verbunden mit einem Menschen- und Weltbild, das Krafts ideologische Festung endgültig erschüttert. Er hat in seinem Leben einen entscheidenden Wendepunkt erreicht. Das Ende des immer spannender werdenden Ablaufs ist überraschend.

Jonas Lüscher, ein Schweizer der in München lebt, hat 2013 mit der Novelle „Frühling der Barbaren“ debütiert. Er hatte zunächst eine akademische Laufbahn als Philosoph eingeschlagen und bereits drei Jahre in seine Dissertation investiert. „Aus der Dissertation ist leider nichts geworden, dafür ist nun der vorliegende Roman entstanden, in den einiges eingeflossen ist, über das ich im Rahmen meiner wissenschaftlichen Tätigkeit nachgedacht habe.“ So steht es in der „Danksagung“ am Ende des Buches, das nicht durchgängig leicht zu lesen ist. Doch Ausdauer und Mitdenken des Lesers werden mit einem Erlebnis belohnt, das Anspruch und Vergnügen auf fast ideale Weise kombiniert.

media_44388249Die „Süddeutsche Zeitung“ war begeistert von „Kraft“ und widmete dem Buch und seinem Autor in der Ausgabe vom 4. Februar eine ausführliche, farbig illustrierte Rezension. Das Fazit von Christopher Schmidt: „Die kühle Intellektualität dieses Autors ist ein schöner Fremdkörper in einer Zeit, in der Reflexionsprosa nicht allzu hoch im Kurs steht, … wohltuend ist der Laserblick eines Jonas Lüscher, der unsere Gegenwart mit einem eisigen Sengstrahl analysiert.“

Lüscher, Jonas: Kraft. Roman. – C. H. Beck, 2017. Euro 19,95

Shan ermittelt – Die Tibet-Krimis von Eliot Pattison

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler

Am 10. März 2008, 49 Jahre nach dem blutig niedergeschlagenen Aufstand der Tibeter gegen die chinesische Besatzung, begannen im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele in Peking landesweite Demonstrationen für Religionsfreiheit, die Unabhängigkeit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits fünf Romane in der Tibet-Reihe des amerikanischen Schriftstellers Eliot Pattison erschienen, drei weitere sollten bis heute noch folgen.

„[ ]nichts hat mein persönliches Interesse [ ] fester verankert als der Tag, an dem ich vor vielen Jahren in einem tibetischen Tempel saß und den Mönchen zusah, die hingebungsvoll ihre religiösen Riten ausübten, als plötzlich zwanzig chinesische Polizisten mit Schlagstöcken durch die Reihen rannten.“ Dieses Erlebnis Eliot Pattisons umreißt die in seinen Kriminalromanen verhandelte zentrale Thematik, um die herum er seine Figuren und Motive gruppiert. Den Rahmen für das Erzählte bildet eine Kriminalhandlung, die mit ihrer meisterhaften Dramaturgie Spannung pur garantiert.

Eliot Pattison (geb. 1951), der nach seinem Studium zunächst als Jurist tätig war, arbeitet seit Ende der 1990er Jahre als Schriftsteller und Journalist. Viele Auslandsreisen führten ihn schon in jungen Jahren u.a. nach China und vor allem Tibet, das eine große Anziehungskraft auf ihn ausübte. Während seines Studiums hatte er sich auch mit Tibetologie und Buddhismus befasst, so dass seine fiktiven Geschichten auf einer profunden Kenntnis der Realitäten im Schneeland Tibet beruhen.

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Foto: BM Köhler

Einer der beiden Hauptakteure seiner Romane ist der in Ungnade gefallene ehemalige Chefermittler des Ministerrates in Peking, Shan Tao Chun. Fünf Jahre musste er in einem der schlimmsten chinesischen  Arbeitslager einsitzen, weil er in seiner letzten Ermittlung hohen Parteikadern zu nahe gekommen war. In der Lagerhaft lernt er den alten Mönch Lokesh kennen, der zu seinem Lehrmeister und zum zweiten Hauptakteur der Romane wird. Nach der Freilassung macht sich das ungewöhnliche Freundespaar die Erhaltung der einzigartigen Kultur und Spiritualität Tibets zu eigen. Sie retten alte Artefakte- Schreine, Statuen, Tempel etc.- vor der Zerstörungswut des chinesischen Staates und renovieren sie bei Bedarf.

Shan dringt mit jedem neuen Abenteuer immer tiefer in Theorie und Praxis des tibetischen Buddhismus ein, ohne dabei seine rationale, analytische Kompetenzen zu verlieren. Der Boden seiner Empfänglichkeit für spirituell-philosophische Botschaften wurde schon früh durch seinen Vater bereitet, der ihn in die Werke der großen chinesischen Philosophen eingeführt hatte.

Die Konstruktion des Figurenpaares Shan (Han-Chinese, Schüler) und Lokesh (tibetischer Mönch, Lehrer) schafft dem Autor viele Gelegenheiten, die Grundzüge des tibetischen Buddhismus und dessen Alltagskultur darzulegen. Lokesh, der vor der chinesischen Besetzung als junger Beamter in der Regierung des Dalai Lama gearbeitet hatte, lehrt Shan, wenn es der Handlungsablauf erlaubt bzw. erfordert, etwa die Symbolsprache und Ikonographie des komplexen tibetischen Götterkosmos. Auch bei der Lösung der jeweiligen Kriminalfälle ergänzen sich Shan und Lokesh mit ihren jeweiligen spezifischen Fähigkeiten und Kompetenzen in bester Weise.

Die Tibet-Bücher Pattisons führen die Leserin, den Leser, in ein Land mit einem unermesslichen Reichtum an kulturellen Traditionen, Ritualen und Artefakten und in eine Lebensrealität, die immer mehr in ihrem innersten Kern gefährdet ist. Auf der einen Seite schildert Pattison in einer bilderreichen, magische Anziehung erzeugenden Sprache das innere Leuchten der tibetischen Kultur mit ihren unzähligen spirituellen Attributen und den mit Leib und Seele in der jahrhundertealten buddhistischen Religion verwurzelten tibetischen Menschentypus.

Auf der anderen Seite thematisiert der Tibet-Kenner die brutale Unterdrückung der tibetischen Tradition und Identität durch das „chinesische Mutterland“, die rücksichtslose Sinisierung des tibetischen Kernlandes vor allem nach dem Bau der Bahnlinie nach Lhasa, die verheerende Umweltzerstörung beim Abbau von Lithium, Seltenen Erden, Silber u.a. sowie die staatliche Kontrolle bis in die privatesten und auch in die klösterlichen Lebensbereiche hinein. All dies eindringlich und- ganz angelsächsisch unbefangen- in einer unterhaltsamen literarischen Form einem westlichen Publikum nahebringen zu können, ist der große Verdienst Eliot Pattisons.

„Die kleine Kapelle [ ] war ein winziges Juwel von einem Bauwerk inmitten duftender Wacholderbäume [ ]. Shan trat ein und sah einen schlichten Altar aus geschnitztem Holz mit den üblichen flackernden Opferlampen. Ein altes thangka der Tara hing über dem Altar, aber es wurde gar kein weiteres Seidenbildnis benötigt, denn die Wände waren bemalt. Jeder Zentimeter war mit den kunstvollen Abbildern von Gottheiten, Dämonen und Glück verheißenden Symbolen bedeckt. Shan hätte so gern jedes einzelne davon studiert, und wäre Lokesh jetzt bei ihm gewesen, würden sie Stunden hier verbracht haben.“

Es sind Passagen wie diese aus „Tibetisches Feuer“, die den Leser, die Leserin ganz tief hineinziehen in die geheimnisvolle, magische Bilderwelt des tibetischen Buddhismus, in dem Gottheiten und Rituale aus der vorbuddhistischen Bön-Religion weiterleben.

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Im achten und vorerst letzten Band der Tibet-Reihe- „Tibetisches Feuer“-, der 2016 in deutscher Übersetzung erschienenen ist, befasst sich Pattison in literarischer Form mit dem Drama der Selbstverbrennungen als äußerstem Protest der Tibeter gegen die chinesische Unterdrückung. Mindestens 145 solcher Selbstverbrennungen sind seit 2009 zu beklagen. Damit hat auch dieser Roman wieder eine explizit politische Dimension.

Die Geschichte beginnt damit, dass Shan gezwungen wird, Mitglied einer Kommission zu werden, die im Sinne der politischen Doktrin „beweisen“ soll, dass es sich bei den Selbstverbrennungen um Straftaten und nicht um verzweifelte Akte des Protestes handelt. Die bei einem Teil der Suizide an den Orten der Selbstverbrennungen gefundenen kurzen, Haiku-ähnlichen Gedichte lassen bei den Ermittlungsbehörden den Verdacht aufkommen, dass eine von einer Frau angeführte Widerstandsgruppe hinter diesen Aktionen steckt. Die Öffentliche Sicherheit, das noch mehr gefürchtete Büro für religiöse Angelegenheiten sowie weitere Ermittlungsbehörden werden in höchste Alarmbereitschaft versetzt und verfolgen wie Bluthunde die Spur der purbas, wie im Buch die Angehörigen der geheimen tibetischen Widerstandsbewegung genannt werden.

Wie Shan nach und nach die zunächst vollkommen im Dunklen liegenden Szenarien hinter dem äußeren Schein aufdeckt, zeigt das große dramaturgische Geschick des Autors. Dabei sind die Dialoge des Tibet-Freundes mit seinen chinesischen Widersachern ein intellektueller Genuss erster Güte. Die behutsame, Vertrauen schaffende Annäherung Shans an die Bewohner eines tibetisches Dorfes in der Nähe der chinesischen Station, in der die Kommission tagt, wärmt das Herz und entfacht- wie die Tibet-Reihe in ihrer Gesamtheit- Solidarität und Mitgefühl für dieses geschundene Volk.

Ein Höhepunkt des Buches ist die Schilderung des geheimen Refugiums Taktsang (Tigerhaus), das in einem abgelegenen Gebirgstal liegt. Der mit kostbaren buddhistischen Insignien versehene Höhlentempel mit einer erstklassig ausgestatteten Bibliothek von heiligen Überlieferungen wird zu einem Sehnsuchtsort, der „eine tröstende Umarmung für seit Langem leidende Besucher“ verkörpert, wie Pattison in seinem Nachwort schreibt. Auch den purbas, anderen Dissidenten und „illegalen“ Nonnen und Mönchen dient das Tigerhaus als Unterschlupf.

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Foto: BM Köhler

An Pattisons Einstellung zu dem folgenreichen Konflikt zwischen seelenlosen wirtschaftlichen und aggressiv-totalitären Interessen einerseits und der tibetischen Identität mit einer hoch entwickelten Spiritualität und Kultur andererseits lässt der Autor keinen Zweifel. Aber nicht nur in seinen Kriminalromanen bezieht Pattison eindeutig Stellung: so hat er bei den Unruhen vor den Olympischen Spielen 2008 den Westen zum Boykott der Spiele aufgerufen, es sei denn, die chinesische Regierung ermögliche einen internationalen Diskurs über Tibet und die Rechte der Tibeter. Die negativen Aspekte einer alle Lebensbereiche durchdringenden religiösen und damit zumindest teilweise auch restriktiven Kultur darzustellen, sieht Eliot Pattison dagegen nicht als seine Aufgabe an.

Man kann die Romane als jeweils in sich abgeschlossene Krimis lesen. Die faszinierende innere Entwicklung Shans vom Bediensteten des kommunistischen Staatssystems zum Praktizierenden und Kenner der buddhistischen Alltagsfrömmigkeit unter Beibehalt seiner rationalen Denkweisen kann man jedoch in ihrer subtilen, berührenden Art und Weise nur vollständig  nachvollziehen, wenn die Romane in der Chronologie ihres Erscheinens gelesen werden.

Ärgerlich ist, dass der Verlag aus Marketing-Gründen in jedem der bisher acht Romantitel den Wortstamm „Tibet“ platziert hat. Die amerikanischen Originaltitel nähern sich dagegen viel einfühlsamer dem jeweiligen zentralen Motiv und dem dazu vom Autor entwickelten atmosphärischen Grundton  (z.B. The Skull Mantra, dt. Der fremde Tibeter oder Soul oft the Fire , dt. Tibetisches Feuer). Dies ist aber nur eine formale Unebenheit – die von Pattison erzählten Geschichten aus Tibet sind sehr zu empfehlen, und das keineswegs nur Krimi-Fans.

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Die ersten sieben Bände der Reihe sind als Aufbau Taschenbuch erhältlich. Übersetzt wurden sie aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild und kosten zwischen Euro 9,95 und Euro 12,00:

Der fremde Tibeter (2002)
Das Auge von Tibet (2003)
Das tibetische Orakel (2005)
Der verlorene Sohn von Tibet (2006)
Der Berg der toten Tibeter (2008)
Der tibetische Verräter (2011)
Der tibetische Agent (2015)

Tibetisches Feuer. Roman, aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild.- Rütten & Loening, 2016. Euro 19,99

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(Bernd Michael Köhler lebt in Neu-Ulm und arbeitete viele Jahre als Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Ulm. Natürlich ist er ein passionierter Leser. Darüber hinaus fotografiert er und schreibt gelegentlich.)

 

Kurz-Vorstellung: „Hofkind“ von Silke Knäpper

Bernd Michael Köhler hat das Buch gelesen. Hier sind seine Eindrücke.

Nach ihrem Debut “Im November blüht kein Raps “ (2012) liegt nun – wiederum bei Klöpfer & Meyer – ein neuer Roman der in Neu-Ulm lebenden Autorin Silke Knäpper vor.

In Rückblicken erzählt das „Hofkind“ Carla Gehrke, eine junge Frau in Freiburg, die Geschichte ihrer Herkunft und ihrer Befreiung aus einem inneres Wachstum und Eigensinn verhindernden Familiensystem.

Die einzelnen Charaktere mit ihren psychischen Abgründen, die Beziehungen der Familienmitglieder zueinander, die gegenseitigen Abhängigkeiten, das destruktive Verhalten der Protagonisten, die dramatischen Höhepunkte, all das schildert die Autorin in ihrer Ich-Erzählerin Carla psychologisch plausibel, in einer klaren, rhythmisch stringenten Sprache, formal gebändigt in 32 meist kurzen Kapiteln.

Unterstützt wird sie in dem Roman von den positiven Figuren der Freundin Jule und eines jungen Mannes namens Frieder. Beide haben ihre jeweiligen Familienschädigungen weitgehend überwunden. Carla erlebt an ihnen und mit ihnen, dass Individuation tatsächlich möglich ist.

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Foto: B. M. Köhler

Die von der Motivik her schon vielfach variierte Geschichte der Emanzipation einer jungen Frau von lebensfeindlichen Familienverstrickungen hat bei Silke Knäpper einen sehr eigenen Ton. Mit ihren überraschenden Wendungen und vielschichtigen Persönlichkeiten ist sie ausgesprochen spannend zu lesen. Leserinnen und Leser (ja, auch die immer seltener werdende Erscheinung „Roman-Leser“!) können Carla und ihren Weg zu einem eigenen Leben mit viel Anteilnahme und Sympathie begleiten.

Der in con=libri bei der Vorstellung ihres Debuts geäußerte Wunsch, dass die Autorin den Mut habe, beim nächsten Versuch noch etwas eigensinniger zu werden, ist bei diesem Roman in attraktiver und origineller Weise in Erfüllung gegangen. Mit einem starken, in eine gute Zukunft weisenden Schlusssatz lässt die Schriftstellerin ihre hoffentlich große Leserschaft satt und zufrieden zurück.

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Silke Knäpper: Hofkind. Roman. – Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2016. Euro 19,00

Vor ziemlich genau vier Jahren erschien Silke Knäppers erster Roman und wurde auf con=libri vorgestellt.

Bernd Michael Köhler lebt in Neu-Ulm und arbeitete viele Jahre als Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Ulm. Natürlich ist er ein passionierter Leser. Darüber hinaus fotografiert er und schreibt gelegentlich.