Leipzig und die Tschechen

Zweiter Teil des Rückblicks auf Buchmesse und Festival Leipzig liest 2019

Martin Beckers Warten auf Kafka kann man auch lesen wenn Tschechien nicht gerade Gastland der Leipziger Buchmesse ist. Andererseits hat es der Autor natürlich genau zu diesem Anlass geschrieben, mit kühlem Kalkül angesichts des angekurbelten Interesses an Literatur und Kultur der östlichen Nachbarn. Das Buch las ich zu großen Teilen während der Zugfahrt nach Leipzig ich hatte die etwas längere Strecke über Mannheim, Frankfurt und Fulda gewählt die lästiges Umsteigen erspart, stattdessen Zeit und Muse für einstimmende Lektüre lässt.

Martin Becker ist ein 37-jähriger Journalist, Literaturkritiker, Romancier, Hundefreund und Starkraucher, der seit einem Studienaufenthalt vor etlichen Jahren regelrecht vernarrt in Tschechien ist, seine Metropole Prag, deren Ka-und-Ka-Vergangenheit, die literarischen und filmischen Traditionen, den böhmisch-mährischen Humor und nicht zuletzt die seltsame Ernährung der Einwohner, die, so wird immer wieder kolportiert, bevorzugt aus Fleisch und Bier besteht.

Martin Becker und die Moderatorin des Nachwuchsradios Mephisto 97.6 stoßen vor ihrem Gespräch auf dem orangenen Sofa mit tschechischer Braukunst an.

Warten auf Kafka ist eine lockere Reise durch die tschechische Literatur des vorigen Jahrhunderts und der Gegenwart ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit. Dafür verpackt mit einer leicht kafkaesken, sehr unterhaltsamen Rahmenhandlung, mehreren detailliert geschilderten Kneipenbesuchen und befeuchtet mit dem einen oder anderen großen Glas Gerstensaft. In den Kneipen trifft sich Becker, teils real, teils in Gedanken und Gedenken mit schriftstellerischen Größen des Heute und des Gestern. Kafka selbst taucht als verkitschter Kult auf, zu dem er vor Ort aus pekuniär-touristischen Gründen gemacht wird.

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… ich bin ein erschrockener menschlicher Aufschrei, den eine Schneeflocke zusammenbrechen läßt …

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Warten auf Kafka. Im Wirtshaus. Und auf die seligen Geister Jaroslav Hasek und Bohumil Hrabal, den zu besten Zeiten sogar präsidialen Vaclav Havel, die derzeit angesagten Jaroslav Rudiš und Jaromir99, die Märchentante Božena Němcová und den Spezialfall Milan Kundera (zu ihm später). Die greise Lenka Reinerová, letzte deutschsprachige Schriftstellerin Prags, lernte Becker 2008 kurz vor ihrem Tod am Krankenbett kennen. Sein Buch enthält ausführliche Passagen der Verehrung für diese außergewöhnliche Persönlichkeit. Reinerová ist in ihren Werken nicht nur eine aufrichtige Chronistin dieses schrecklichen 20. Jahrhunderts, sondern versammelt zudem in ihren farbigen Ahnengalerien alle maßgeblichen künstlerischen Figuren ihrer Heimat aus dieser Epoche.

Martin Becker hat seinem Buch den Untertitel Eine literarische Seelenkunde Tschechiens gegeben. Ihm ist eine unterhaltsame, leicht lesbare und dennoch bis hin zum Literaturverzeichnis äußerst informative Einführung gelungen, wie man sie in dieser Form nicht noch einmal findet und manch anderer Sprache und Dichterlandschaft wünschen würde. 

Das Buchmesse-Gastland des Jahres 2018 war Rumänien. Bevor das bereits wieder völlig in Vergessenheit gerät, wurde 2019 in Leipzig noch einmal daran erinnert und versucht das Interesse an diesem Land und seiner Literatur wach zu halten. Eine Expertenrunde lotete aus, welche Chancen aus dem Rumänischen übersetzte Bücher auf dem Markt wohl haben mögen. Die Zahl der Gesprächsteilnehmer auf dem Podium übertraf dabei die Zahl der besetzten Stühle vor ihnen. Mäßiges Interesse und bescheidene Aussichten für die Vermittlung rumänischer Autoren und Autorinnen in den deutschen Sprachraum. Was nicht ganz überraschend ist, da bekanntlich im Ursprungsland selbst das Interesse an Gedrucktem und die Zahl der Leser sehr gering sind. 

In Tschechien ist das anders. Es ist eines der ganz großen Leseländer mit einem wachen Interesse an Traditionellem ebenso wie an der Vielzahl der Neuerscheinungen. In Deutschland bekommt man davon wenig mit. Es gab eine Zeit, da war das anders. Ein beliebiges Beispiel: Neben dem Franzosen Ionesco gehörte Sławomir Mrożek einst zu den Stars des absurden Theaters. Seine Stücke wurden Land auf, Land ab gespielt. Dann nicht mehr. Immerhin hat vor vor einigen Wochen das Zittauer Gerhard-Hauptmann-Theater seine Farce Auf hoher See wieder einmal aufgeführt. 

Mrożek war eine meiner wenigen intensiveren Begegnungen mit der tschechischen Literatur. Ich habe ihn gelesen, Hörspielfassungen gehört, Bühnenaufführungen habe ich bis heute leider nicht sehen können. In viel zu jungen Jahren hatte man mir Jaroslav Hašeks Abenteuer des braven Soldaten Schweijk zum Lesen gegeben. Dieser sehr spezielle Humor kam für mich viel zu früh ich habe ihn nicht verstanden. Und das ganze militärische Ambiente war mir damals ebenso suspekt, wie es heute bei vergleichbaren Schilderungen ist.

Brandneu ist Jáchym Topols Roman Ein empfindsamer Mensch. Eine wilde Auseinandersetzung mit europäischer Aktualität. Seine tschechische Künstlerfamilie gastiert beim Shakespeare Festival in Großbritannien und wird von Brexit-Anhängern aus dem Land gejagt: Leave means leave!. Im Campingwagen reisen sie quer durch Europa, gegen den Strom der Flüchtlinge, Richtung Osten. Sie geraten ins russisch-ukrainische Kriegsgebiet, treffen Gerard Depardieu, klauen ihm seinen BMW und machen sich auf den Heimweg nach Böhmen. Radikal ungebändigt ist Topols Erzählweise.

Stilistisch strenger und von ganz anderem Charakter ist Radka Denemarkovás Ein Beitrag zur Geschichte der Freude. Drei ältere Frauen betreiben in Prag ein Archiv, in dem Gewalt an Frauen dokumentiert wird. Sie dokumentieren nicht nur, sie handeln auch. Ein Ermittler untersucht den scheinbaren Selbstmord eines reichen, einflussreichen Mannes und stößt dabei auf die drei Frauen und ihr Tun. Radka Denemarková, die wie ich mir sagen ließ vielleicht wichtigste tschechische Autorin der Gegenwart, verwebt in ihrem sprachmächtigen Roman Elemente des Kriminalromans, Fakten und Fiktion zu einem erschütternden Panorama der Gewalt gegen Frauen.

Eine echte Überraschung ist Gerta. Das deutsche Mädchen von Kateřina Tučková, nicht nur wegen 548 Seiten ein wahres Schwergewicht unter den frisch übersetzten Neuerscheinungen. Gerta wächst in der zweisprachigen Familie Schnirch im mährischen Brünn auf. Die Mutter ist Tschechin, der Vater Deutscher und Anhänger Hitlers. Mit der Errichtung des deutschen Protektorats 1938 zerfällt die Familie wie die Gesellschaft in einen tschechischen und einen deutschen Teil. Die Mutter stirbt und Gerta wird vom eigenen Vater schwanger. Wie tausende Deutsche wird die junge Frau nach dem Krieg zum Staatsfeind erklärt, ausgebürgert und vertrieben. Gerta und ihre Tochter überleben mit anderen deutschen Frauen bei der Zwangsarbeit auf dem Land. Als sie Jahre später in die Heimatstadt zurückkehren werden sie als Deutsche stigmatisiert. Die Sichtweise des Romans auf den ehemals deutsch sprechenden Bevölkerungsteil ist neu und war lange Zeit so nicht vorstellbar. 

Topol und Denemarková, Mitglieder einer mittleren Generation tschechischer Autoren und Autorinnen, gehörten zu den tschechischen Gästen bei deren Veranstaltungen es in Leipzig richtig eng wurde. So etwas wie Starrummel entstand ebenfalls um Jaroslav Rudiš, einer von zahlreichen Künstlern die durch ihre Mehrfachbegabung auffallen und die gerne Genre übergreifend arbeiten. Da wird musiziert, wird gezeichnet und natürlich immer wieder auf unverwechselbare tschechische Art erzählt. Diese teils schrägen Geschichten, entstanden aus den Hefekulturen reicher Phantasie, diese Ansammlungen liebenswerter Außenseiter, lächelnder Verlierer, großer Liebender. Humor und Satire, Melancholie und schwarze Galle. Erzählungen die in der Kneipe bei Knödel und Pilsner ihren Anfang nehmen und immer reicher und farbenfroher werden, je mehr ihr Wahrheitsgehalt abnimmt.

Zu den am meisten besprochenen Büchern dieses Frühjahrs zählt Jaroslav Rudiš Roman Winterbergs letzte Reise. Der greise, mit einem Bein im Grab stehende Winterberg bricht mit seinem genervten Pfleger Jan Kraus auf zu einer Schienenreise durch die eigene Vergangenheit. Zu geschichtsträchtigen Orten der ehemaligen Donaumonarchie über die der alte Mann ebenso seitenlang zu räsonieren versteht, wie über das zurückliegende lange Leben. Ein Roadmovie der besonderen Art, mit stilistischen Eigenheiten, etwa zahlreichen rhetorischen Wiederholungen, das mit einer Streckenlänge von 540 Seiten ein wenig zu viel des Guten will.

Zusammen mit dem Künstler Jaromir99 bildet Rudiš den Kern der Kafka Band. Bei ihren aktuellen Auftritten improvisiert das Ensemble musikalisch-szenisch über Kafkas Roman Amerika.

Die Kafka Band mit Front-Mann Jaroslav Rudiš

Leider sind die projizierten Animationen nicht so gelungen wie in vorangegangenen Programmen. Mit ihrer Farbigkeit und schlichten Geometrie stören sie eher den Gesamteindruck als zur gelungenen Abrundung beizutragen. Enttäuschung macht sich deshalb breit, weil wir ja Jaromir99 als zeichnerischen Schöpfer des wunderbaren Alois Nebel kennen.

Milan Kundera wollte ich erwähnen. Quasi der moderne tschechische Klassiker. Mit seinem viel gelesenen, viel diskutierten und interpretierten Werk Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins habe ich mich etwas geplagt. Mir ist das zu viel Obsession und Abhängigkeit, auch wenn es Kundera meisterlich versteht vom Kern der Geschichte immer wieder in existenzielle Exkurse aufzubrechen. Er ist zweifellos einer der herausragenden tschechischen Autoren, obwohl ihn die Landsleute bereits 1975, da war er 46, (dieser Tage wurde sein 90. Geburtstag gefeiert) ins Exil vertrieben. Seitdem lebt er in Frankreich. Und sein wichtigster Roman weist deutlich mehr französische Einflüsse denn böhmisch-mährische auf. 

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… daß diese ganze Pracht mit einem Samentropfen begann und im Knacken eines Feuers enden wird …

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(Die beiden Zitate sind aus Bohumil Hrabal: Leben ohne Smoking. – Frankfurt am Main, 1995)

Leipzig wie es liest und lebt

Erster Teil des Rückblicks auf Buchmesse und Festival Leipzig liest 2019

Eine sehr spezielle Form von Prosa enthält die Sächsische Waffenverbotszonenverordnung. In ihr wird seit letztem November festgehalten, dass das Leipziger Gebiet östlich des Zentrums Waffenverbotszone ist. Personen dürfen keine Waffen nach der Definition des Waffengesetzes mit sich führen. Wer es dennoch tut, begeht eine Ordnungswidrigkeit und muss mit einer Geldbuße rechnen. Es gibt nicht wenige Gestalten vor Ort, die der Meinung sind, dass sächsische Verordnungen für sie keine Gültigkeit haben oder die von diesen schlicht nie gehört haben. Die Leipziger Eisenbahnstraße gilt als eine der gefährlichsten Straßen Deutschlands. Einschlägige Statistiken verzeichnen für Straße und Quartier knapp 73.000 Delikte pro 100.000 Einwohner. Das ist auf den ersten Blick kein Spitzenwert, erfasst allerdings nur die aktenkundigen Fälle und der Anteil an Gewaltdelikten ist deutlich höher als andernorts.

Zwischen all den Gemüseläden, Kebap-Buden, Asia-Imbissen, Spätverkäufen, Shisha-Höhlen, den Barbieren für die bärtigen Bewohner mit meist gut definierter Muskulatur, zwischen seit dreißig Jahren abrissreifen Häusern, dem gerade noch bewohnbaren Bestand und sanierten Altbauten, zwischen all dem Sprachengewirr und den Abgaswolken der Geländewagen, sind auch junge Paare mit kleinen Kindern, sind Studenten, Auszubildende und sehr alte Menschen unterwegs, weil sie sich das Wohnen hier leisten können und die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen vor der Haustür möglich ist. 

In diesem bunten und quicklebendigen Gemisch gibt es für das abendliche Ausgehen so manchen Geheimtipp, Lokalitäten wie man sie sonst nur von der KarLi (Karl-Liebknecht-Straße) und aus Plagwitz kennt. Wie jene lauschige Kneipe mit integriertem kleinen Buchhandel und einer sehr improvisierten Kleinkunstbühne, auf der Reinhard Kaiser-Mühlecker seinen neuen Roman vorstellte. Die Kulturapotheke, kurz KuApo, findet man in der Eisenbahnstraße 99. Es gibt dort wenig Platz, eine kurze Speisenkarte und wohlfeile Getränke für jeden Geschmack.

Der 37-jährige österreichische Autor kam bereits 2008 auf Empfehlung von Arnold Stadler zu S. Fischer, wo er ein festes verlegerisches Zuhause gefunden hat. Enteignung ist schon sein achter Roman. Er spielt einmal mehr in abgelegener ländlicher Provinz. Für das kriselnde Lokalblatt schreibt ein Journalist, der nach langer Abwesenheit an den Ort seiner Kindheit zurückkehrte. Von der Wucht der eingetretenen Veränderungen während seiner Abwesenheit und dem sich andeutenden weiteren gravierenden Einschnitten in gepflegte Traditionen ist er überrascht. Die Geschichte handelt vordergründig von menschlichen Beziehungen und Affären, viel grundsätzlicher jedoch vom Wandel der althergebrachten Strukturen und Lebensformen. Die damit verbundenen existenziellen Konflikte stellt Kaiser-Mühlecker in seinem Buch exemplarisch dar. 

Er schreibt in einer Sprache, die etwas aus der Zeit gefallen scheint, in ruhigem Ton, detailgenau, mit langem Atem. Man kann an Stifter denken, an Hermann Lenz. Wer sich auf diesen Rhythmus einlässt, erlebt einen der ausdrucksstärksten Schriftsteller dieser so kurzatmigen Zeit. Bei Abschluss seines ersten Vertrags mit dem Verlag wollte er es zur Bedingung machen, dass er nie aus seinen gedruckten Büchern öffentlich lesen müsse. Die Vertragspartner ließen sich darauf zum Glück seiner Leser und Bewunderer nicht ein. Offensichtlich unterschrieb Reinhard Kaiser-Mühlecker dennoch.

In Sachen ländliche Schauplätze kommt uns natürlich Dörte Hansen in den Sinn. Auch sie beschäftigt sich in ihrem aktuellen Roman Mittagsstunde mit Themen rund um die strukturellen Veränderungen im ländlichen Raum. Bilden bei Kaiser-Mühlecker Hügel und Berge Oberösterreichs die Kulisse, ist es bei Hansen die weite platte Fläche Nordfrieslands. Gerade einmal 43 Meter über Meereshöhe erreicht die höchste Erhebung der Umgebung.

Der erste Sommer ohne Störche war ein Zeichen, und als im Herbst die Stichlinge mit weißen Bäuchen in der Mergelkuhle trieben, war auch das ein Zeichen … Die alten Ulmen starben einen Sommer später, am Westerende, wo sie seit hundert Jahren Ast in Ast gestanden hatten.

Auch Dörte Hansen macht einen Heimkehrer zu einem ihrer Hauptprotagonisten. Die Schilderungen der Veränderungen in Mittagsstunde sind langfristiger und weitreichender als bei Kaiser-Mühlecker, sie reichen von der Flurbereinigung in den 1970er-Jahren, über den Einfluss des Klimawandels, bis zur Landflucht von Bewohnern auf der Suche nach auskömmlicher Arbeit. Was das mit den Menschen macht schildert Hansen einfühlsam, gelegentlich deutlich bis drastisch. Bei aller Zuspitzung gibt es immer wieder kleine humorvolle und skurrile Passagen.

Die Autorin, der 2015 mit ihrem Debüt Altes Land ein Lieblingsbuch der Buchhändler und Leser gelang, wurde von Denis Scheck in seiner Sendung Druckfrisch und bei seinen effektvollen, die Massen anziehenden Leipziger Messeshows mehrfach geadelt: Ein Buch voller Wehmut, schmucklos schön, das überraschend und klug in die Zukunft weist. Ein literarisches Ereignis!

Leipzig 2019. Das waren Messefahnen im Frühlingswind. Sonnentage. Hitze unter dem Glasdach. Zartes Grün an Büschen und Bäumen, das die Bilder des Vorjahres, Bilder von Schnee und Eis, liegengebliebenen Zügen, gesperrten Straßen, verblassen ließ. Und so strömten sie aus allen Himmelsrichtungen in ihr Leipzig. Das Leipzig der Bücher, Autoren, Buchhändler, ihr Leipzig der Leser, zum Treffen unter Gleichgesinnten. Fast 286.000 Menschen sollen es am Sonntagabend, als die letzte Lederjacke an der Garderobe abgeholt war, gewesen sein. 

Nahezu 286.000 Besucher. Leser, buchaffine Menschen, die sich zuhause schleunigst ins stille Kämmerlein verziehen, um ihre Neuerwerbungen, die eingesammelten Geheimtipps, die Bestseller der Saison zu verschlingen? Man wird sich eingestehen müssen, dass diese Charakterisierung aus den verschiedensten Gründen nur auf einen kleinen Teil der Messebesucher zutrifft. Das ist nicht neu. Doch zunehmend wildern Smartphones, digitale Medienvielfalt, flexible omnipräsente Anbieter wie Netflix, Amazon mit ihrer ganzen bildgewaltigen Streamingwelt in den Hoffnungen der Buchbranche auf reichlich Leser- und Käufernachwuchs.

Zu allem Überfluss ist es dann auch noch mit der Zukunft der Lesefertigkeit und der Lesekompetenz so eine Sache. Lesenlernen und Leseförderung Leipzig bietet Jahr für Jahr reichlich Podien und Begegnungen die sich mit diesen komplexen und wichtigen Themen beschäftigen. Alle einschlägigen Organisationen und zahlreiche Experten sind vor Ort, stehen für Diskussionen und Gespräche bereit, geben Wissen und Erfahrungen weiter. 

Foto: Tom Schulze

In Halle zwei befinden sich das Forum Kind-Jugend-Bildung und das Fachzentrum Bildung. Dort sind Leseinseln und Lesebuden zu finden, der Leipziger Lesekompass präsentiert gute Bücher für die Jungen und die Jüngsten. Es gibt ein Familiencafé, eine Chillout-Aerea und einen Still- und Wickelraum für Messeteilnehmer die vom Lesen noch nicht einmal träumen können. Und das alles schon seit Jahren. So werden Ideen, Anregungen, Anstöße, Anleitungen ins ganze Land, in Kindergärten, Schulen, Lehrerstudiengänge getragen.

Die nüchterne Bilanz lautet: 20 Prozent der Schüler und Schülerinnen der vierten deutschen Grundschulklassen können nicht flüssig lesen, haben Probleme den Inhalt gelesener Texte wiederzugeben. Sie drohen den Anschluss zu verlieren, an den Schulstoff und schließlich an eigene Lebenschancen. Trotz aller Bemühungen und Förderungen ist keine Besserung in Sicht, letztlich fehlt es in den Schulen an Ressourcen und in den Elternhäusern an Einsicht und Verständnis. 

Bildungsferne Einstellung wird oft von Generation zu Generation weitergegeben. Viele Familien haben ganz andere materielle, existenzielle Sorgen. Lesenlernen, das mit Vorlesen durch Eltern oder Großeltern beginnen kann, wird nicht überall als Wert gesehen. Förderung muss also die Familien der betroffenen Kinder mitnehmen. Sonst gehen immer mehr junge Menschen auf ihrem Weg in die Mitte der Gesellschaft verloren. Die Kompromissfähigkeit, die Fähigkeit Konflikte verbal auszutragen, sich die für eine demokratische Partizipation notwendigen Informationen anzueignen, sinken.

Die Lese- und Literaturnation Tschechien präsentierte sich als Gastland der diesjährigen Leipziger Buchmesse 2019. Notizen dazu stehen im Mittelpunkt des zweiten Teils meines Rückblicks. Den gibt es nächste Woche auf con=libri.

Allegro con fuoco

Über Katharina Mevissens Roman Ich kann dich hören

Osman spielt Cello. Osman spielt Fußball. Osman hält sich von seinem Vater fern. Dabei verbindet gerade Musik und Musizieren die beiden. Allerdings ist dies auch genau das was der Sohn dem Vater vorwirft.

Bereits mit vier Jahren lernt das Kind eines türkischstämmigen Cellisten und einer Mutter, die längst aus seinem Leben verschwunden ist, das Cellospiel. Mit Mitte zwanzig gehört er zu den aussichtsreich Fortgeschrittenen an der Musikhochschule. Nur er selbst zweifelt immer mehr an seinen Fähigkeiten und Perspektiven. Geradezu kämpferisch setzt er sich mit dem dritten Satz von César Francks Sonate für Violine (hier in einer Fassung für Cello) und Klavier in A-Dur Recitativo Fantasia. Moderato auseinander. Er hält das Scheitern an dieser schwierigen Passage für den schicksalhaften Hinweis auf mangelnde Eignung für eine Laufbahn als Musiker.

Foto: Cello study von Michael Maggs

Mit Tante Elide versteht sich Osman gut, sie ist Mutterersatz, wird ihn jedoch bald Richtung Türkei verlassen. Und er fühlt sich zur WG-Mitbewohnerin Luise hingezogen. Dann lernt er eines Tages auf kuriose Weise ein anderes Mädchen kennen. Zunächst nur ihre Stimme. Die Stimme einer jungen Frau auf einem gefundenen Tonband, die sich mit ihrer Schwester unterhält. Einer Schwester die, wenn überhaupt, mit Geräuschen und merkwürdigen Tönen antwortet. Jo ist gehörlos. Eine Konstellation die Osman anzieht. Er verliebt sich in Ellas Stimme. 

Nicht ganz problemlos gelingt es ihm eine Verabredung zu arrangieren. Während sie redet, sehe ich sie kaum, ich höre sie, diese vertraute Stimme. Ich will sie sofort berühren, umarmen und festhalten, aber sie gehört zu einer komplett fremden Person … Die geträumte Annäherung Osmans an die oft Gehörte scheitert, sich zu hören ist keine ausreichende Basis für eine echte Beziehung. Nicht nur die äußeren Welten der beiden sind zu verschieden. Von der intimen Kommunikation die Ella und Jo verbindet bleibt er ausgeschlossen. 

Jo schließlich möchte gar nicht hören, eine dafür notwendige Operation verweigert sie. Dazu Ella: Und dann Jos Gesicht vor zwei Wochen, als wir aus der Klinik in Eppendorf kamen, nachdem sie die Behandlung abgebrochen hatte: wie ihre Augen geleuchtet haben, ihr ganzes Gesicht.

Katharina Mevissen hat einen Roman über Musik und einen begabten jungen Musiker geschrieben, einen Roman über die Suche nach eigenen Wegen und Ausdrucksformen. Über Herkunft und Identität. Und einen Roman darüber was Menschen verbindet, nicht selten jedoch auf fast tragische Weise trennt: Die verschiedenen Formen von Sprache. 

Neben der Musik spielen in ihrem Buch menschliche Verständigungsmöglichkeit und -unmöglichkeit eine zentrale Rolle, exemplarisch zugespitzt in der Figur des gehörlosen Mädchens. Eine Konstellation die so in der erzählenden Literatur möglicherweise einmalig ist. Sie ist eingebettet in eine originelle, fesselnde Geschichte mit wohltuend ambivalenten Protagonisten. Mevissen gelingt ein sprachliches Klangbild das manchmal wohltönt und gelegentlich schräg bis kakophonisch wirkt

Copyright by Denise Sterr

Erfreulich, dass junge deutschsprachige Literatur entsteht deren Schauplätze und Themen abseits der üblichen Berliner Gentrifizierungs-Brennpunkte liegen. Ich kann dich hören spielt in Hamburg und Essen. Neben der erwähnten Sonate von César Franck und einigen anderen Musikstücken, kommen dem Cello-Konzert von Dvorak (eines meiner absoluten Lieblingsstücke!) und Tracy Chapmans At this Point in My Life im Buch eine wichtige Rolle zu. Sehr gut konnte ich mich mit Osmans Abneigung gegen diese optimistische Kuschelmusik identifizieren, also jenen penetranten Klangteppich, der uns beinahe allerorten durch den Alltag begleitet.

Katharina Mevissen betritt frisch und forsch die Literaturszene. Nach dem Studium der Kulturwissenschaft und transnationalen Literaturwissenschaft in Bremen absolvierte sie eine Drehbuch-Ausbildung in Berlin. Sie war Böll-Stipendiatin und erhielt für das Manuskript des vorliegenden Romans das Bremer Autorenstipendium. Mit seinem ausgezeichneten Gespür für das Besondere hat sich der Wagenbach-Verlag Autorin und Buch angenommen. Sorgfältig gesetzt, und gedruckt bei Pustet findet es hoffentlich engagierte Menschen in Buchhandlungen, Lesekreisen und Bibliotheken, die es möglichst vielen Kunden und Lesern empfehlen. Die Autorin ist Mitinitiatorin des Projekts handverlesen das Literatur im Wortsinne in die Hand nehmen möchte, durch übersetzen, vermitteln und verbreiten von Literatur in deutscher Gebärdensprache.

Natürlich wusste ich nicht, dass es für Gehörlose in Deutschland keine Möglichkeit gibt auf Universitätsniveau zu studieren. Im Roman von Katharina Mevissen erfährt man es, wie manches andere, was man über Gehörlosigkeit und die Betroffenen nicht weiß.

Mevissen, Katharina: Ich kann dich hören. Roman. – Verlag Klaus Wagenbach, 2019

Das Projekt handverlesen

AusLese 2018. Der zweite Teil

Deutsches Haus. Wir sind in den 1960er Jahren der jungen deutschen Republik. Männer tragen Nylonhemden und Frauen brauchen um berufstätig sein zu dürfen die Zustimmung von Vater oder Ehemann. Eva Bruhns ist Dolmetscherin für Polnisch. Als in Frankfurt Auschwitz-Prozesse stattfinden ist ihre Mitarbeit vor Gericht gefragt. Deutsches Haus heißt die Gaststätte der Eltern, die von den Plänen ihrer Tochter ebenso wenig begeistert sind wie ihr Verlobter. In einem schmerzlichen Prozess geht Eva ihren Weg. Annette Hess hat ein fesselndes Zeitporträt geschrieben in dessen Mittelpunkt eine junge Frau steht, die erstmals mit der Nazivergangenheit ihrer Elterngeneration konfrontiert wird und vor konfliktreichen Weichenstellungen steht. Die routinierte Drehbuchautorin (Weissensee, Kuhdamm 56 und 59) hat einen ebenso mitreißenden wie informativen Roman geschrieben, der auf seine Verfilmung wartet. Mein Fazit: Unterhaltsam, aufklärend, ein tolles Frauenbuch das nicht zuletzt männliche Leser faszinieren wird. Starke Empfehlung.

Hess, Annette: Deutsches Haus. Roman. – Ullstein, 2018. Euro 20.

Fräulein Nette. Wieder ein umfangreiches Stück erzählte Literaturgeschichte. Ein rechter Besen ist sie, diese angehende westfälische Dichterin und Adelige Annette von Droste-Hülshoff. Eine intelligente, eigenwillige Frau, die lieber Mineralien ausbuddelt als den gesellschaftlichen Gepflogenheiten Rechnung zu tragen. Der Göttinger Poet Heinrich Straube, zu Gast auf dem Hof der Eltern, ist von ihr hin und weg und auch sie ist nicht ganz abgeneigt. Doch wahre Liebe und ausgeprägter Eigensinn haben es nicht leicht in diesen Kreisen und Zeiten des 19. Jahrhunderts. Karen Duve erzählt realistisch und mit trockenem Humor von der Liebes- und Lebenskatastrophe der Annette von Droste-Hülshoff. Mein Eindruck: 560 Seiten nicht ohne Längen, dennoch für Freunde der Literaturgeschichte undoder des historischen Romans ein Fastmuss.

Duve, Karen: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Roman. – Galiani, 2018. Euro 25.

Ein irischer Dorfpolizist. Ein Krimi? Mehr als das. Eindringliches Porträt der irischen Provinz und seiner Bewohner. Eine ganz besondere Kriminal- und Seelengeschichte in die der behäbige, dickleibige Sergeant PJ Collins da gerät. In Duneen, das wirklich  am Arsch der Welt liegt, hofft nicht nur er auf etwas Sinn, Erfüllung und Liebe im eintönigen Dasein. Dass auf einer Baustelle ein Skelett gefunden wird, bringt jedoch nicht nur die erwünschte Abwechslung in den Alltag der Einheimischen. Der Fund reißt vielmehr alte Wunden auf und stürzt Collins und die anderen Protagonisten in einen Strudel der Wirrnisse und Lebenswenden. Literarisches Debüt des britischen Talkmasters Graham Norton. Glänzend geschrieben, wandelt das Buch auf schmalem Grat zwischen menschlichen Dramen, Spannung und Provinzposse. Fazit: Bitte mehr von Sergeant Collins und den anderen!

Norton, Graham: Ein irischer Dorfpolizist. Roman. – Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2018 (Dt. Originalausgabe 2017 bei Rowohlt.) Euro  12.

Eifersucht. Zweiter Fall der Münchener Rechtsanwältin Rachel Eisenberg von Meister Andreas Föhr, der mit seinen skurrilen Bergkrimis schon länger einen guten Ruf bei Lesern die das Besondere schätzen genießt. Seine neue Protagonistin ist ganz in der Weltstadt mit Herz und krimineller Energie verwurzelt. Eike Sandner soll ihren Lebensgefährten in die Luft gesprengt haben. Sie beteuert ihre Unschuld. Das ist schwer zu glauben. Die Indizien wiegen schwer. Doch nach und nach kommt Rachel Eisenberg einem weit verzweigten Komplott auf die Spur. Solide deutsche Spannungskost, die die gewünschte Dosis Atemlosigkeit erzeugt. Fazit: Einmal eingetaucht in die Geschichte, sollte man nichts anderes mehr vorhaben.

Föhr, Andreas: Eifersucht. Ein neuer Fall für Rachel Eisenberg. Knaur, 2018. Euro 14,99.

Mexikoring. Achtung starker Tobak. Dass in Hamburg und anderswo immer wieder Autos brennen ist kriminelle Tat und gesellschaftliches Symptom zugleich. Hier Aufklärung zu leisten, Täter zu identifizieren, das allgegenwärtige Zwielicht zu durchleuchten, ist die richtige Herausforderung für die Staatsanwältin mit amerikanischem Vater Chastity Riley und die Crew von Hamburger Polizisten um sie herum. Keine dieser handelnden Personen entspricht bürgerlichen Normen und Idealvorstellungen und ist weit davon entfernt dies anzustreben. Sie arbeiten hart, pflegen und begießen ihre irritierten Egos vorzugsweise in den Kneipen und Kaschemmen St. Paulis. Chas geht voran, folgt der Spur des verbrannten Nouri in die Welt arabischer Clans und Familien, deren Mitglieder in der Mehrzahl aus Intensivtätern bestehen. Der Weg zu ansatzweisen Erfolgen ist mit persönlichen Opfern, mit Verletzungen an Seele und Körper gepflastert. Zwischenmenschliche Beziehungen sind kompliziert und selten von Dauer. Liebe eine fragwürdige Vokabel. 

Simone Buchholz hat für ihre hochaktuellen Gesellschaftsromane mit Krimihandlung eine ganz eigene Sprache gefunden. Zupackend, originell, zielgenau. Ein junger Mann, eine junge Frau, beide am Rande der Gesellschaft aufgewachsen, haben sich in Hamburg wiedergefunden und fühlen sich einander nahe und verbunden: ... sie stand auf und zog sich aus, so war sie eben, so war sie schon immer gewesen, es interessierte sie einen Scheiß, was andere dachten, und als sie ihre Klamotten zu Boden fallen ließ, vibrierte in der ganzen Stadt der Stahlbeton. Sie sah aus wie eine Kriegerin. Man muss die Bücher der Simone Buchholz und ihren Ton nicht mögen, doch wer ihnen einmal verfällt … Meine Reaktion: Begeisterung. Mein Urteil: Literatur pur.

Buchholz, Simone: Mexikoring. Kriminalroman. – Suhrkamp, 2018. Euro 14,95.

AusLese 2018. Der erste Teil

Höchste Zeit wieder einmal hinzuschreiben was das zurückliegende Jahr an neuen Büchern und guten Geschichten auf die Auslagetische der Buchhandlungen gelegt hatte. Dafür heißt es Anlauf zu nehmen, warten bis Worte und Sätze zu sprudeln beginnen.

Wo hatte ich denn eigentlich den neuen Haas hingelegt? Und das Buch von dieser Melandri? An Maxi verliehen? Das kann nicht sein. Hier liegt es doch. Auf den CDs.

Ja. Erst einmal etwas Musik auflegen zur Einstimmung bevor es an die Tastatur geht. Vielleicht was Weihnachtliches? Last Christmas? (Siehe dazu später unten: Thomas Bauer zum Thema Verlust der Vielfalt!) Felix Meyer könnte passen. Mal eben kurz reinhören …

Wie soll’n wir kleinen Menschen nur / mit kleinen Schritten, kleinen Schuh’n / sehen dass das nicht das Paradies / sondern nur Weihnachten ist.

Weihnachtszeit auf den Straßen / wo es schneit oder zieht, / oder regnet, so dass man die Tränen nicht sieht. / Wir kleinen Menschen haben Spaß, / sehen uns die Schönheit gut an, / doch nur von Weitem hinter Glas, / weil man nicht alles haben kann.

Weihnachtszeit in den Straßen / ist der Winter so kalt. / In weit aufgeriss’nen Augen / spiegeln sich Dreck und Gewalt …

Foto: Wiebke Haag

Die AusLese 2018. Wie immer bedenkenlos subjektiv und unvollständig.

Was dann nachher so schön fliegt. Junger Dichter. Mitte der 1980er Jahre. Die Zeit als Zivi im Altersheim ist für Volker keine leichte. Er ist dort Außenseiter, möchte Dichter werden, Lyriker. Erträumt Begegnungen mit Persönlichkeiten der Literaturszene. Als ihm auf einem Kurztrip nach Paris sein bis dahin bestes Gedicht gelingt, bewirbt er sich um Teilnahme an einem Treffen für Nachwuchsschriftsteller in Berlin. Dichterwettstreit, Alltag im Altersheim, die Atmosphäre im Berlin der Vorwendezeit, reale Begegnung mit Heiner Müller und Co., erste große Liebe. Kein leichtes Alter, wenn man so um die 20 ist.

Hilmar Klute hat eine Ringelnatz-Biografie und zahlreiche Streiflichter für die Süddeutsche Zeitung verfasst. Nun ist sein erster Roman erschienen. Temporeich und dicht geschrieben. Gelungener Einblick in die Gedankenwelt eines jungen Mannes mit all seinen Ambivalenzen und ein Stück Kulturgeschichte der alten BRD. Wirkung des Buches auf mich: Fesselnd, in einem Rutsch durchgelesen.

Klute, Hilmar: Was dann nachher so schön fliegt. Roman. – Galiani, 2018. Euro 22.

Ans Meer. Die heitere Lektüre für zwischendurch und ideales kleines Geschenk für nahezu jeden Lesertyp. Die krebskranke Carla möchte noch einmal ans Meer. Sie steigt in den Linienbus von Anton. Der ist gerade nicht so gut drauf, aber zu einer mutigen Wende in Leben und Fahrtrichtung bereit. Seine Durchsage an die Fahrgäste deshalb: Wir fahren jetzt ans Meer. Warmherzige, federleichte Geschichte über das Schwere im Leben. Von dem österreichischen Autor René Freund hatte ich bereits seinen Roman Liebe unter Fischen als Sommerlektüre vorgestellt. Er schreibt unterhaltsam ohne in Kitsch und Klischees abzugleiten. Aus meiner Sicht: In jeder Lebenslage zu empfehlen. Mir persönlich sind seine Bücher zu kurz. Die Geschichte mit Carla hat lediglich 140 Seiten. (Naja, vielleicht ist sie gerade deshalb so gut.)

Freund, René: Ans Meer. Roman. – Deuticke, 2018. Euro 16.

Freund, René: Liebe unter Fischen. Roman. – Goldmann TB, 2015. Euro 8,99

Junger Mann. Bücher zu lesen ist zwar vorteilhaft für Hirn und Gemüt, verbraucht allerdings nur rund 100 Kalorien pro Lesestunde. Nicht klären konnte ich, ob das für Arno Schmidt und James Joyces gleichermaßen gilt wie für Dora Heldt oder Dan Brown. Der 13-jährige Held in Wolf Haas neuem Roman jedenfalls muss körperlich deutlich mehr tun um seinen adipösen Neigungen entgegenzuwirken. Er ist schwer verliebt und möchte entsprechend fesch daher kommen. Leider ist die Angebetete fast zehn Jahre älter und verheiratet. Mit dem Tscho. Und der hat ganz besondere Pläne mit dem jungen Mann. Coming-of-Age-Geschichte, Roadmovie, ein sehr spezielles Dreiecksverhältnis, Kalorienzählerei, überraschende Wendungen. Ein wunderbarer Roman, voller (auf den zweiten Blick!) ausgesprochen liebevoller Protagonisten. Kein Brenner-Haas, aber einmal mehr ein Buch in ganz eigener Haas-Sprache, die zu den Figuren passt wie dafür ausgedacht. Mein Eindruck: Hin und weg.

Haas, Wolf: Junger Mann. Roman. – Hoffmann und Campe, 2018. Euro 22.

Alle, außer mir. Ein Titel mit Komma, der etwas mehr Leseerfahrung und Durchhaltebereitschaft erfordert, als die bisher vorgestellten. Für mich eines der Bücher des Jahres. Als die Lehrerin Ilaria mit dem jungen Afrikaner Attilio Profeti konfrontiert wird, der behauptet ihr Bruder zu sein, entfaltet sich eine über drei Generationen erzählte Familiengeschichte und ein tiefgreifender Ausflug in die italienische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen neben den familiären Verwicklungen und Geheimnissen des Profeti-Clans die verdrängten Kapitel der unseligen Kolonialgeschichte des bis heute innerlich zerrissenen Italien. Fast 600 Seiten, die es Leser und Leserin nicht immer leicht machen, die dafür jeden der sich darauf einlässt in ihren Bann schlagen.

Große Literatur der in Rom geborenen Autorin Francesca Melandri und wie Kritiker fast übereinstimmend konstatieren bereits ihr drittes Meisterwerk. Ihren zweiten Roman Über Meershöhe hatte ich ebenfalls in meinen Sommerlektüren kurz vorgestellt. Er eignet sich, ebenso wie das jetzt wieder neu aufgelegte erste Buch Eva schläft, bestens für ein erstes Kennenlernen der Schriftstellerin Francesca Melandri. Wer danach zu Alle, außer mir greift, wird mit einem außergewöhnlichen Leseerlebnis belohnt. Mein Eindruck: Nachhaltig. Überrascht, was die italienische Literatur der Gegenwart zu bieten hat.

Melandri, Francesca: Alle, außer mir. Roman. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. – Wagenbach (wo sonst?), 2018. Euro 26.

Melandri, Francesca: Über Meereshöhe. Roman. Derzeit vergriffen, erscheint 2019 bei Wagenbach neu.

Melandri, Francesca:  Eva schläft. Roman. Neuauflage 2018 bei Wagenbach. Euro 15,90.

Keyserlings Geheimnis. Nach Konzert ohne Dichter ein weiterer Künstlerroman des fleißigen Klaus Modick. Bücher von Klaus Modick kann man eigentlich immer bedenkenlos kaufen, und natürlich lesen. Ich kenne keinen richtigen Missgriff von ihm. Der gute Eduard Keyserling (1855 – 1918) ist schon längst aus der ersten Reihe der Literaturgeschichte verschwunden. Einige seiner kurzen Romane und Erzählungen sind noch greifbar (Wellen, Fürstinnen). Dass er eine schillernde Figur war, ein bewegtes Leben führte und in einer Zeit lebte, in der nicht jeder Fehltritt und jedes Missgeschick der Boulevardpresse anheim fiel, bietet Modick soliden Stoff für seinen Roman. Und die Fantasie anregende Gelegenheit um auf der Basis gesicherter Fakten sein Netz aus hinzu erdachten Möglichkeiten zu knüpfen. Für mich: Literaturgeschichte in unterhaltsamer Form aufbereitet – immer willkommen.

Modick, Klaus: Keyserlings Geheimnis. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2018. Euro 20.

Über Verluste. Im September durfte ich ein neues Fremdwort lernen. Ambiguität bezeichnet alle Phänomene der Mehrdeutigkeit, der Unentscheidbarkeit und Vagheit, mit denen Menschen fortwährend konfrontiert werden. So definiert Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaft und Arabistik, Sprachwissenschaftler und Germanist, einen Schlüsselbegriff seines Büchleins Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Klingt vielleicht im ersten Moment etwas akademisch und hochtrabend, ist aber in der Tat gut lesbar und verständlich. Und eine überfällige und notwendige Lektüre.

Bauer führt uns die schleichende Reduzierung von Vielfalt und das Verschwinden des Unangepassten, Unzeitgemäßen vor Augen. An die Stelle von Artenvielfalt, konkurrierender Denkschulen, origineller Sichtweisen und Lebensentwürfen sind Schubladendenken und simpler Fundamentalismus getreten. Häufig verschleiert durch den inflationär verwendeten Begriff Authentizität. Konformismus und Gleichschaltung erzeugen, so die Überzeugung Bauers, letztlich Rassismus und Fanatismus. Bedrohliche Gleichmacherei macht er aus bis in die Kreativbezirke von Kunst, Musik, Mode.

Ganz konkrete Verluste hat Judith Schalansky in einem hinreißenden Erzählband verzeichnet. In meinem Beitrag über die Buch Wien 18 habe ich das Werk bereits vorgestellt. Es kann vielleicht als erzählerische Konkretisierung zu Thomas Bauers allgemeiner Abhandlung herangezogen werden. Lesefreude und haptischen Buchgenuss bietet es allemal.

Bauer, Thomas: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. – Reclam, 2018. Euro 6.

Schalansky, Judith: Verzeichnis einiger Verluste. – Suhrkamp, 2018. Euro 24.

Das Ende des Jahres ist nah. Und ich bin spät dran mit meinem literarischen Rückblick. Deshalb gibt es einen zweiten Teil schon in einigen Tagen. Dann mit Krimis.

Das Lied Weihnachtszeit in den Straßen von Felix Meyer (auf dem gleichnamigen Album von 2016) ist übrigens die deutsche Version eines französisches Chansons, das im Original einst keine geringere als Edith Piaf sang: Le noel de la Rue.

Mich Thomas Bauers Bedenken anschließend, wünsche ich mir und uns Vielfalt. Dass zum Beispiel wieder mehr populäre Musik in nichtenglischer Sprache gesungen, abgespielt und gesendet würde. Mehr Französisch, Spanisch, Italienisch, Schwedisch, Polnisch, Serbisch, Deutsch und und und. Ein frommer Wunsch – ich weiß.

„Aber das Leben ist anderswo“

Über Silke Knäppers neuen Roman Das Lieben der Anderen

Er dachte an die Nacht mit Claire, an den Streit, an den Schrei. Wieder und wieder sah er Claire vor sich auf dem Pflaster liegen, ihren leblosen Körper, ihren starren Blick. 

Claire ist tot. Vom Balkon des Kölner Gründerzeithauses gestürzt. Helen vor die Füße gefallen. Selbstmord? Zweifel bleiben. Kurz gerät Claires Mann Simon, der Psychodoc, in Verdacht, dann legt die Kriminalpolizei den Fall als Suizid zu den Akten. 

Das Leben von Helen ändert sich drastisch. Die alleinstehende Graue Maus hat den Schlüsselbund der Toten an sich genommen und beginnt sich die unerwarteten Chancen und Möglichkeiten auszumalen. Dieser simple Hausschlüssel soll für sie der Schlüssel zu Simon werden, dem sie sich nun auf zunächst verdeckte, schon bald jedoch offensive und nachdrückliche Weise nähert.

Die besitzergreifende Helen ist gewillt aus ihrer farblosen Existenz auszubrechen und mit dem attraktiven und erfolgreichen Facharzt ein neues, besseres Leben zu beginnen. Eine Zukunft die für sie Anerkennung, Wertschätzung und Liebe bereithalten soll. Denn dass das Leben immer dort ist, wo sie nicht ist dieses Gefühl zieht sich durch ihr ganzes bisheriges Leben. 

Seit der Kindheit ist sie Erniedrigungen ausgesetzt. Der Vater hat sie einst im Winter auf brüchigem Eis hilflos zurückgelassen. Der chronisch Untreue bevorzugt den Bruder. Ehefrau und Tochter verlässt er eines Tages. Selbst als Vater und Sohn beim gemeinsamen Bergsteigen ums Leben kommen deutet Helen dies als Beweis ihrer Minderwertigkeit. 

Sie wird Simons Patientin und konfrontiert ihn mit ihren Zweifeln an Claires Selbstmord. Geschickt erhöht sie den Druck, spielt Simons Geliebte Anna gegen ihn aus, gefährdet seine berufliche Reputation und seine bürgerliche Existenz. Aus Annäherung wird Aufdringlichkeit, aus Nachstellungen Verfolgung, aus Sehnsucht nach Anerkennung und Zuneigung schließlich Hassliebe und subtile Wut. Die Zurückweisungen setzen neue destruktive Kräfte frei. Der Wille zur Verletzung richtet sich gegen das Objekt der Begierde und immer stärker gegen sie selbst.

Simon ist Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Köln. Ein Leben in gediegenem Wohlstand mit Ehefrau und Geliebter. Er stammt aus Wien, ist dort aufgewachsen, hat dort studiert. Besondere Umstände führen zum Umzug ins Rheinland, wo sich Milieu und Lebensweisen deutlich von der geruhsam-morbiden Donaumonopole. unterscheiden. Die Lebensmitte hat der immer noch ansehnliche Mann überschritten. Da schmückt eine junge Geliebte und hebt das Ego.

Anna war jung und überschwänglich, und wenn sie lachte, veränderte sich die Landschaft ihrer unzähligen Sommersprossen. Anna war im sofort vorgekommen wie die fröhlichere Variante der mit den Jahren immer ernster gewordenen Claire.

Nach ihren beiden autobiographisch angehauchten Romanen Im November blüht kein Raps und Hofkind, schlägt die Neu-Ulmer Autorin und Gymnasiallehrerin Silke Knäpper nun andere Töne an. Das drastische Geschehen wird mit gekonnt treffender Sprache, präzisen Beschreibungen und zügig fließendem Rhythmus voran getrieben. Dabei vermeidet sie, dass aus Das Lieben der Anderen ein simpler Psycho-Thriller wird. Ihr ist vielmehr eine dichte vielschichtige Studie menschlicher Grenzfälle und Konfrontationen gelungen. Spannung ist dennoch garantiert. 

Mit jeder Seite zunehmend. Konsequent treibt Knäpper ihre von innen und außen scharf konturierten Personen einer möglichen Katastrophe entgegen. Ob es tatsächlich dazu kommt erfährt der von Anfang an gefesselte Leser auf 235 mitreißenden Seiten. Keine einzige zuviel  

Knäpper, Silke: Das Lieben der Anderen. Roman. Klöpfer & Meyer, 2018

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Am Freitag den 5. Oktober stellt Silke Knäpper ihren neuen Roman erstmals öffentlich vor. Um 19:30 Uhr im Ulmer Künstlerhaus (Grüner Hof 5, 89073 Ulm).  

Sommer mit leichter Lektüre

Auf geht’s. Mit leichtem Gepäck an den Strand. Mit leichten Genüssen an den Gartengrill. Leicht und locker durch einen wunderbaren Sommer. Entsprechend fällt unsere Lektüre aus. Leicht und bekömmlich. Dabei nicht ohne Anspruch und Qualität. Doch stets unterhaltsam, humorvoll, spannend.

Meine Vorschläge in diesem Jahr sind fast ausschließlich Taschenbuch-Ausgaben. Leicht und biegsam, bequem zu transportieren. Die Mehrzahl der von mir ausgewählten Autoren oder Autorinnen stammt aus Österreich. Sagt das etwas aus über Fähigkeiten und Bereitschaft bundesdeutscher Schriftsteller mit Niveau kurzweilig zu schreiben?

Der Wiener Peter Henisch ist ein alter Hase. 1943 geboren liegen von ihm eine ganze Reihe lesenswerter Titel vor, die zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen erhielten. In Deutschland ist er nicht ganz so bekannt wie im Heimatland. Die schwangere Madonna heißt sein umfangreicher Roman um einen schwung- und wechselvollen Giro d’Italia (vulgo:  road movie) der beiden Hauptpersonen nebst einiger markanter Nebendarsteller.

Er, Josef, in der Krise seiner Lebensmitte und heftig auf dem absteigenden Ast, nutzt die Gelegenheit ein Auto auszuleihen mit dem er sich auf und davon machen will, möglichst weit weg von allen Problemen und dem bisherigen Leben. Dummerweise schläft auf dem Rücksitz des Wagens, zunächst unbemerkt, die junge Maria, die ganz andere Sorgen hat. Die Flucht schweißt die so unterschiedlichen Menschen zusammen, sorgt aber gleichzeitig für reichlich Reibungsfläche. Es geht den ganzen Stiefel rauf und runter, mit etwas Kunstgeschichte und Italienischunterricht garniert, Liebeswirren inklusive. Ein Buch das zu jedem Reiseziel gut begleitet.

Auch René Freund hat schon eine beachtliche Titelliste vorgelegt. 1967 geboren, lebt er als Autor und Übersetzer in Grünau im Almtal. (Ich musste nachschauen: Das liegt im Salzkammergut und im Gemeinderat dominiert erstaunlicherweise die SPÖ.) Er war einst Dramaturg in Wien und schreibt nunmehr Stück auf Stück, Buch auf Buch. Von ihm schlage ich gleich zwei richtig süffige Schmöker fürs Urlaubsgepäck vor.

Niemand weiß, wie spät es ist. Und Nora weiß nicht wie ihr geschieht. Seit sie denken kann lebt sie in Paris. Nun ist der Vater gestorben und verdonnert die Alleinerbin die Urne mit seiner Asche in die österreichische Heimat zu bringen und dort zu beerdigen. Damit alles dem letzten Willen entsprechend abläuft hat sie ein junger Notariatsgehilfe zu begleiten. Der erweist sich als spröder, asketischer Pedant. Da die Reise nicht ohne überraschende Komplikationen verläuft, ist Nora alsbald irritiert und genervt und der Leser sehr amüsiert. Zahlreiche Wendungen und Windungen der Erzählung führen zum überraschenden Ende.

Bitte hinterlassen Sie keine Nachricht. Ich rufe nicht zurück. So die Ansage auf dem Anrufbeantworter von Fred Firneis. Und so beginnt die turbulente Geschichte Liebe unter Fischen von René Freund. Einst erfolgreicher Lyriker mit mega Auflagen. Nun Dichter mit Schreibblockade der zunehmend verbittert und in den sozialen Abgrund blickt. Doch nach wie vor ist er die große kommerzielle Hoffnung seiner energischen Verlegerin. Sie setzt alles daran ihn aus dem Abseits zu locken und zu neuen dichterischen Höchstleistungen zu animieren. Der Aufenthalt in einer abgelegenen Berghütte ohne Strom und Handyempfang soll Firneis von Hemmnis und Paranoia befreien. Da taucht eine junge tschechische Fischforscherin in der Gegend auf… Wer zappelt da an wessen Angel? Einfalls- und fintenreich ist dieser Roman. Voller Ironie und mit einem Schuss Kritik an den Erfolgskriterien unser Zeit.

Der nächste Autor ist zur Abwechslung ein Bayer, der jedoch, wie es sich für deutsche Schriftsteller gehört, in Berlin lebt. Natürlich spielt auch in Berni Mayers Rosalie die Liebe eine wichtige Rolle, zumal wir die zentralen Protagonisten in ihrer spätpubertären Phase kennenlernen. Im niederbayerischen Praam an der Schwarzen Laaber erlebt Konstantin nicht nur erste Turbulenzen der Hormone, sondern stößt auf der Suche nach ungestörter Zweisamkeit mit der Angebeteten auf ein verdrängtes Geheimnis des Ortes, das sich schließlich als Verbrechen während der Nazizeit erweist und dessen skandalöse Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.

Was sich, so berichtet, etwas schwerwiegend und geschichtsträchtig anhört, ist spannend und mitreißend geschrieben. Mayer erzählt aufschlussreich von späten Emanzipationstendenzen in deutscher Provinz, von überfälligen Auseinandersetzungen mit alten und neuen Autoritäten. Zudem handelt es sich um einen weiteren sehr gelungenen Coming-of-Age-Roman, eine Gattung, die spätestens seit Herrndorfs Tschick eine breite Anhängerschaft hat. Der Autor, Jahrgang 1974, arbeitet sich mit diesem Buch, so darf man vermuten, auch ein wenig an der eigenen Jugend ab.

Nach so viel männlicher Verfasserschaft wird es weiblich. Ende Juni hatte ich Gelegenheit einige anregende Stunden auf dem weitläufigen Gelände des Wiener MuseumsQuartiers verbringen zu dürfen. Dort herrscht vor und nach dem Besuch in einem der an Kunstwerken so überreichen Museen eine ausgesprochen entspannte Stimmung, die man mit guten Gesprächen, einer Melange, einem Mohnkuchen mit Schlag genussvoll anreichern kann. Die glitzernden Wienerinnen des Gustav Klimt sind dabei allgegenwärtig. Sei es als großformatig werbendes Poster an Außenwänden, sei es als handliche Postkarte oder als schwergewichtiger Kunstband.

Klimt als Romanfigur ist mir in Caroline Bernards Die Muse von Wien begegnet. Darin sorgt der charismatische Künstler gleich zu Beginn für die erotische Verwirrung der jungen Alma Schindler, die er zum Modell auserkoren hat. Auch Alma selbst ist dem originellen Mann sehr gewogen. Damit beginnt ihre Laufbahn als Begleiterin großer kreativer Menschen. Aus bester Gesellschaft stammend, musikalisch hochbegabt, gibt sie eine mögliche Laufbahn als Komponistin auf als sie sich in Gustav Mahler verliebt und dessen Gattin wird. Als weitere Ehemänner folgen der Architekt Gropius und der Dichter Franz Werfel.

Caroline Bernard ist das Pseudonym einer Autorin, deren Spezialität historische Romane im Künstlermilieu sind. In Die Muse von Wien gelingt ihr nicht nur ein faires Portrait der oft falsch eingeschätzten, von Männern umschwärmten Alma Schindler-Mahler-Werfel, sondern darüber hinaus eine gut lesbare Schilderung der Zeit der Wiener Boheme um die Wende zum 20. Jahrhundert, dem Entstehen des Künstlerbundes Secession, sowie einer schillernden, von vielen herausragenden Künstlern geprägten Metropole. Fast 500 Seiten Unterhaltung – mit allgemeinbildendem Mehrwert.

Kein Sommer ohne gute Kriminalromane. Wir bleiben gleich in Wien. Auch in der Zeit kommen wir nur wenig voran. Die Romane von Alex Beer spielen in Wien ab 1919. Die goldene Zeit ist vorbei, der Erste Weltkrieg liegt wenige Jahre zurück, das große Habsburger-Reich ist zerfallen, Krone und Adel haben abgedankt. Doch die junge, politisch instabile Republik hat es schwer. Hunger und Elend, Arbeitslosigkeit, Armut und Zukunftsängste prägen den Alltag.

Klar dass es da für Inspektor August Emmerich nicht eben leicht ist seine schwierigen Aufgaben zu erfüllen und inmitten von Chaos und allgegenwärtigen Verbrechen, Recht und Ordnung wenigstens ansatzweise Geltung zu verschaffen. Der unorthodoxe Methoden bevorzugende Emmerich ist kriegsversehrt. Doch nicht nur sein Knie macht ihm Probleme, natürlich gab es auch schon im frühen 20. Jahrhundert ungerechte Vorgesetzte und missliebige Kollegen. Dem Inspektor geht ein überkorrekter Watson zur Hand. Auf die Loyalität des wohlerzogenen, mit Wiener Etikette vertrauten Ferdinand Winter kann er sich verlassen, der Assistent geht für ihn durch dick und dünn.

Mir war zuerst der zweite Band der Reihe in die Hände gefallen. Die Handlung in Die Rote Frau ist exakt auf 18. bis 29. März 1920 datiert. Die eigentliche Kriminalgeschichte wird chronologisch erzählt. Parallel erfährt man einiges über die persönlichen Schicksale der genau geschilderten Charaktere. Von großer Dichte und gut recherchierter Authentizität sind die Milieuschilderungen. Natürlich ist ein Mord aufzuklären, dass es am Ende sogar drei werden, ist jedoch nur scheinbar so. Die Geschichte fesselt von Anfang an, mit den Hauptfiguren, die in immer neue Kalamitäten geraten, fiebert der Leser mit. Schließlich kommt es zum aktionsreichen, spannenden Finale, bei dem die Autorin manchmal etwas dick aufträgt, was dem Lesevergnügen allerdings keinen Abbruch tut.

Das erste Buch um Emmerich und Winter trägt den Titel Der zweite Reiter. Es spielt Ende 1919. Auf die Lektüre, die noch vor mir liegt, bin ich gespannt nachdem ich die Rote Frau gelesen habe. Im Verlagstext heißt es: Als Polizeiagent August Emmerich über die Leiche eines ehemaligen Soldaten stolpert, glaubt er zunächst an einen Selbstmord. Doch schon bald stößt er auf eine schreckliche Wahrheit, die ihn vom Jäger zum Gejagten macht.

Alex Beer, die Erfinderin dieser neuen Folge historischer Kriminalromane aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, ein Genre das schon länger sehr in Mode ist und in Volker Kutscher ein hehres Vorbild hat, stammt aus Bregenz und lebt in Wien. Das Presse-Echo auf ihre Romane ist sehr positiv und sie wurden bereits mit dem renommierten Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur ausgezeichnet.

Eine junge deutsche Autorin hat ebenfalls bereits zwei Krimis vorgelegt deren zeitgeschichtliche Kulisse die 1920er-Jahre sind. Joan Weng stammt aus Stuttgart und lebt mit ihrer Familie in Tübingen. Ihre Romane spielen in Berlin. Im Mittelpunkt steht der aus einfachen Verhältnissen stammende Kriminalkommissar Paul Genzer, der kurioserweise von Schauspielstar Carl von Bäumer unterstützt wird. Der erste trägt den Titel Feine Leute und ist im Milieu der Scheinwelt der zu dieser Zeit boomenden deutschen Filmindustrie angesiedelt. Davon dass Bernice ihren reichen Gatten ins Jenseits befördert haben soll, ist Paul Genzer nicht überzeugt. Kurz darauf ist auch die Verdächtige tot und weitere Bluttaten folgen.

Aus den Kehrseiten der Goldenen Zwanziger in der Reichshauptstadt hat die Autorin phantasievolle und locker erzählte Bücher gemacht. Als neuester Band der Reihe um Paul Genzer liegt Noble Gesellschaft vor. Ich zitiere aus den Verlagsangaben: … ein Dienstmädchen (ist) verschwunden. Ein alter Bekannter erzählt Carl von Bäumer, Starschauspieler der UFA, bei einem Galadinner davon – und schon am nächsten Tag ist er tot. Handelt es sich wirklich um Selbstmord? Carl glaubt nicht daran und forscht nach den Hintergründen. Gemeinsam mit Kommissar Paul Genzer taucht er tief ein in Berlins Gesellschaft der Zwanziger Jahre. Und plötzlich befinden sie sich in einem Verwirrspiel aus Rache, Diamantenschmuggel und jahrzehnte altem Hass.

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Diese Ausgaben der erwähnten Bücher lagen mir vor:

Henisch, Peter: Die schwangere Madonna. Roman. – DTV, 4. Aufl. 2014

Freund, René: Niemand weiß, wie spät es ist. Roman. – Goldmann Verlag, 2018

Freund, René: Liebe unter Fischen. Roman. – Goldmann Verlag, 2015

Mayer, Berni: Rosalie. Roman. – DuMont Buchverlag, 2018

Bernard, Caroline: Die Muse von Wien. Roman. – Aufbau Taschenbuch, 2018

Beer, Alex: Die Rote Frau. Ein Fall für August Emmerich. Roman. – Limes, 2018 (hier: gebundene Originalausgabe z. Preis v. Euro 20)

Beer, Alex: Der zweite Reiter. Ein Fall für August Emmerich. Kriminalroman. – Blanvalet, 2017

Weng, Joan: Feine Leute. Kriminalroman. – Aufbau Taschenbuch, 2016

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Zu den Bildern in diesem Beitrag: Die Motive fand ich während einer Fahrt auf Goethes Spuren von Weimar nach Ilmenau. Eindrücke von der kleinen Reise habe ich im con=libri-Artikel vom 24. Juni geschildert. Die Gegend ist kulturgeschichtlich wie landschaftlich jederzeit einen Besuch wert.