Weißblaue Tage im Chiemgau

4. September 2015

Notizen aus der Sommerfrische 2015

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Ein vorläufiges Ende der Hitzewelle steht bevor. Abfahrt, Hinfahrt, Ankunft. Man könnte über Sonnenauf- oder -untergänge hinter steilen Gipfeln, über Hoch-Almen auf denen prächtiges Jungvieh weidet, tiefe Wälder und unergründliche Moore, über stille Bergseen, urige Gasthöfe oder den weißblauen Himmel schreiben. Vom Feiertag könnte man schreiben, der hier noch heilig ist, von Zitherklängen aus offenen Fenstern niedriger Stuben und abendlichen Alphornklängen in der Ferne, von vollkommener Stille in der Morgendämmerung. Oder einfach nur: Es ist schön hier. Wunderschön. Erholsam, entschleunigt, gemütlich. Eine Gegend ideal für die Einkehr der inneren und der gastronomischen Art.

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Wem gehört eigentlich das “Küsse haben keine Kalorien” von Susan Mallery, das auf der Holzbank neben dem Grillplatz liegt? (Ich habe den Titel nach dem Urlaub gegoogelt: “New York Times Bestseller!” und “In ihren mehr als 35 Liebesromanen gelingt es Susan Mallery immer wieder aufs Neue, Humor mit großen Gefühlen zu kombinieren”. Da schau her!) Über reichlich heißer Glut, auf eisernem Hängegrill, braten lange, fettglänzende Würste, marinierte Steaks, deren Form dem Kartenbild Neuseelands gleicht, Fisch und Gemüse in Alufolie. Offensichtlich gibt es Zeitgenossen die Appetit auf etwas mehr Kalorien haben.

Meine Urlaubslektüre beginnt mit einem Buch das schon länger darauf wartete gelesen zu werden, da es dazu größerer zusammenhängender Leseflächen bedarf, Geduld also, Sammlung und reichlich Zeit. Alfred Döblins “November 1918. Eine deutsche Revolution”. Der erste von drei Teilen trägt den Titel “Bürger und Soldaten 1918”. Ein figuren- und detailreiches Panorama jener spannenden Wochen in Deutschland kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Döblin verwendet eine collageartige Erzählstruktur, die mit längeren dokumentarischen Passagen durchsetzt ist. Im Mittelpunkt stehen die Schicksale des Altphilologen Friedrich Becker und des jungen Leutnants Maus. Nur zwei von vielen weiteren Figuren mit denen der Leser Zeit- und Weltgeschehen von vor fast hundert Jahren erlebt. Wer dieses Buch gelesen hat, und vielleicht bereits “Berlin Alexanderplatz”, wird mit mir der Überzeugung sein, dass Döblin neben Thomas Mann der größte deutschsprachige epische Erzähler des 20. Jahrhunderts ist.

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Zu den unbestreitbaren Vorteilen eines Urlaubs im Chiemgau gehört die Österreich-Nähe. Ärgerlich, dass die ausgezeichneten ORF-Radioprogramme in Bayern nicht im Digital-Radio empfangen werden können. Das bestätigt mich in meiner Meinung, dass der digitale Empfang Programm- und Angebots-Vielfalt einschränkt. Bequem wwweltweit verfügbar hingegegen das ganz witzige: www.schuettelreime.at. Beispiel gefällig, das zu diesem Sommer passt?: “Die Donau führt jetzt Niederwasser, / doch nächstes Jahr wird’s wieder nasser!”

Vor vielen Jahren habe ich die Rabbi-Krimis von Harry Kemelman gerne gelesen, obwohl sie schon damals etwas angestaubt waren. Jetzt gibt es wieder Kriminelles in jüdischen Kreisen. Diesmal aus Zürich. Das fand ich interessant und war gespannt auf “Kains Opfer” von Alfred Bodenheimer. Das Buch enttäuscht nicht. Es liest sich flott und leicht weg, ohne auf sorgfältige Sprache zu verzichten. In harter Konkurrenz zu Kommissarin Bänziger von der Zürcher Stadtpolizei, löst Rabbi Klein den Mord an einem Mitglied seiner Gemeinde und gerät dabei in allerhand peinliche Kalamitäten. Die eher indirekte Schilderung des eigentlichen Kriminalfalls durch die Dialoge der Protagonisten gefällt mir.

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Der Thumsee liegt an der Straße von Inzell nach Bad Reichenhall, wenige Kilometer vor dem traditionellen Kur- und Salzort. Mit einem Spaziergang von reichlich einer Stunde ist dieses bergfrisch dunkelgrün schillernde, teilweise umwaldete Gewässer bequem zu umrunden. Doch ist eine Unterbrechung beim Seewirt unbedingt zu empfehlen. Nach umfangreicher Renovierung wurde das im Lauf der Jahre etwas heruntergekommene Haus im November 2013 neu eröffnet. Im Sommer rasten die Gäste auf der großzügigen Terrasse direkt am See bei Kaffee und Kuchen, Mirabellenschnaps, kühl-süffigem Weizenbier.

Sigmund Freud hat sich 1901 “für das Plätzchen begeistert: Die Alpenrosen bis zur Straße herab, die herrlichen Wälder herum mit Erdbeeren, Blumen und (hoffentlich auch) Pilzen, daß ich nachgefragt habe, ob man in dem einzigen Wirtshaus dort auch wohnen kann.” Man konnte, und die Familie Freud verbrachte in diesem Sommer mehrere Wochen am See. Während der Vater die Zeit mit wissenschaftlichen Arbeiten, mit Wanderungen und Angeln verbrachte, verliebte sich Mathilde, die älteste Tochter in den Wirtssohn Eugen Pachmayr. Bis 1910 pflegten die beiden eine intensive Brieffreundschaft. Zu mehr ist es nicht gekommen. Ich merke mir zur baldigen Lektüre vor: Peter Gay, “Freud. Eine Biographie für unsere Zeit”. Bei Fischer erschienen, fast 1000 Seiten. Bin gespannt ob die Episode, die ich einer Tafel des örtlichen Vereins für Heimatkunde entnommen habe, darin erwähnt wird.

Derweil greife ich erneut Leichteres vom Urlaubs-Bücherstapel: Tilman Spreckelsen “Nordseegrab. Ein Theodor-Storm-Krimi.” Spreckelsen ist immerhin studierter Germanist und Redakteur der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”. Leider stelle ich sehr bald fest, dass ich in einer recht albernen Geschichte gelandet bin. Albern, banal, mit einer schlecht konstruierten und unglaubwürdigen Kriminalhandlung, mit pseudodokumentarischen historischen Abschnitten und seltsamen Versuchen wie Storm zu schreiben. Der arme Theodor! Da hilft nur Erholung bei zünftiger Mahlzeit und frischem Bierchen auf einer nicht zu hoch gelegenen Alm. Kleine Genusseinschränkungen durch die lästige Wespenplage müssen in Kauf genommen werden. Jedenfalls ist R. sehr begeistert vom eierreichen Kaiserschmarrn.

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Zackige Felsenberge, Festungen, Festspiele, Dom und Kirchen, schmucke Plätze, Kaffehäuser, die flott fliesende Salzach, Mozart und die gleichnamige Kugel. Kurzum Salzburg. Diese Stadt ist eine einzige Dauerinszenierung. Wir Touristen schlendern, hasten oder irren als Statisten durchs monumentale Bühnenbild. Wirklich bunt ist diese Statisterie. Junge und Alte, Männlein und Weiblein, Kinder und Haustiere aus aller Herren Länder haben die Signale erhört, fuhren, flogen und liefen herbei.

Sie tragen Ganzkörperverhüllung oder oben und unten fast nichts, bunte Saris oder Allerfeinstes de Paris, Strohhut oder Turban, Jogginghose oder die FünfeuroKIKshorts zu braunen Selbstgestrickten in Outdoorsandaletten. Das Epizentrum des süßen Kugelhagels, benannt nach dem Komponisten, der hier geboren wurde und dessen Geburtshaus das meist fotografierte Motiv abgibt, liegt übrigens einige Kilometer entfernt in Bad Reichenhall. Dort kommt die Konditorei Reber mit produzieren und dem Abfüllen in Geschenk- und Mitbringsel-Gebinde kaum nach.

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Die älteste Buchhandlung Österreichs befindet sich in Salzburg und heißt Höllrigl. Was immer dem Einen oder der Anderen zu diesem Namen durch den Kopf gehen mag, für mich gehört der Laden zu den eher paradiesischen Regionen. Der Eingang dazu ist in der Sigmund-Haffner-Gasse 10. Es geht durch den ganzen historischen Komplex des Ritzerbogenhauses bis man am Hinterausgang/eingang auf den Universitätsplatz kommt. Während ich kreuz und quer stöbere, kauft R. Metzger-Krimis nach. Ihren ersten hat sie in diesem Urlaub gelesen und war gleich begeistert. Eine humorvolle, mit reichlich Schmäh durchsetzte, dabei sprachlich durchaus niveauvolle Reihe. Die Haupfiguren sind der Restaurator und Eigenbrödler Willibald Adrian Metzger und seine aus Kroatien stammende Freundin Danjela, die als Hausmeisterin tätig ist. Der österreichische Autor Thomas Raab hat Charaktere erfunden, die in unserem Nachbarland bereits Kult sind.

Höhe- und Mittelpunkt der Region ist der voralpine Chiemsee. An dessen Ostufer liegt Chieming mit seinen langen, frei zugänglichen See-Partien, den Kieselstränden, den Liegewiesen, der langen Promenade, den kleinen Einkehren. Von dort bringt uns das Dampfschiff zur Fraueninsel. Rund um den größten bayerischen See und auf der kleineren von zwei bewohnten Inseln (die andere ist Herrenchiemsee mit dem bekannten Ludwig-Schloss), haben sich seit jeher Maler und Kunsthandwerker angesiedelt. Auf den Spaziergängen am See und auf der Insel kann man deshalb allerhand, mal mehr, mal weniger anspruchsvolle Ergebnisse dieses Schaffens bewundern und erwerben.

Als wir beim letzten Besuch an einem Spätnachmittag über die ausgetretene Schwelle der Klosterkirche auf der Fraueninsel gingen, empfing uns die Litanei der Nonnen zur Vesper. Diesmal geraten wir in die Probe eines Bläser-Ensembles für alte Musik. Willkommener Anlass etwas länger zu verweilen. Nun schon hochgestimmt, setzt die unvergleichliche Abenddämmerung auf und am See dem Tag die romantische Gefühlskrone auf. Danach und nach der Spreckelsen-Enttäuschung ist mir nach literarisch höherwertig Bewährtem. Theodor Fontanes “Frau Jenny Treibel” ist wahrscheinlich sein humorvollster Roman. Mit feiner Ironie und viel Zuneigung schildert er die üblichen Spaziergänge mit langen Gesprächen, steifen Dîner-Rituale, die Irrungen und Wirrungen seines preußischen Personals.

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Schon ist Abschied. Ein letzter Spaziergang durch die Filzen, wie man hier Moore nennt, dann ist die Rückreise anzutreten. Wie nach jeder längeren Reise, sind auf der Heimfahrt mehr Bücher im Gepäck als auf der Hinfahrt. Unumkehrbar ist jede Heimkehr aus anderen Gegenden. Sogleich geht es wieder um kollidierte Lastkraftwagen auf Autobahnen, gesperrte Straßenabschnitte, Selbstmörder auf Bahnschienen, tote Flüchtlinge in Kühlwagen, brüllenden Nazi-Mob vor Asylanten-Heimen, die neoliberalen Systeme des Westen auf dem Weg zu Oligarchien, in denen Kapital und Konzerne immer mehr über Richtung von Politik und Wohlergehen des Einzelnen bestimmen. Nichts Neues unter der Augustsonne.

Also Gegenwart. Im SPIEGEL über Franz-Josef Strauß erfahren, was wir längst ahnten. Politiker-Sprechblasen ertragen. Viel Gerede, wenig Einsicht und noch weniger gute Absicht. Petitionen. Aggressionen. Obduktionen. Wann werden wohl endlich die Brandstifter gefasst? Wann verurteilt? Warum ist dieser Herr Biedermann eigentlich unsterblich? Schon seit Monaten ärgere ich mich über zögerliche Verfolgung von Straftatbeständen wie Volksverhetzung und die Verwendung von Nazi-Symbolen. In zwei Wochen Sommerurlaub hat sich daran nichts geändert. Und nun? Einfach Weiterlesen? Einfach Weiterschreiben? Bald ist Alltag nach der Auszeit. Nach heißen Sommern kommt früh der Herbst.


„Schöne Atmosphäre … nette Leute“ *

20. Juni 2014

 Was wird aus dem Gasthof Adler?

“Es hat geschmeckt: literarisch-kulinarisch”, schrieb ein unbekannter Gast jenes “Literarischen Diner”, das im Frühjahr 2002 zum 75. Geburtstag von Martin Walser stattfand. In Großholzleute, einem Vorort von Isny. Im historischen Gasthof Adler. Das waren noch Zeiten! Seit über einem Jahr steht das traditionsreiche Land-Gasthaus inzwischen leer.

Dorf früher, das waren Kirche, Friedhof, Gasthof, drumherum Feld, Wald und Wiesen. Dorf heute: Drumherum das eine oder andere Neubaugebiet, kleinere bis mittelgroße Handwerks-, Industrie- oder Dienstleistungs-Ansiedlungen. Netto, Penny oder Preisfux. Getränkemarkt. Der Friedhof wurde vergrößert. Die Kirche steht noch. Am Gasthaus hängt ein Schild: „Geschlossen“. So auch am Adler in Großholzleute. Und der Kasten in dem einst die Speisekarte den Einkehrenden Appetit machte ist leer. Staubig, spinnverwebt.

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Vor gut zehn Jahren gab es noch etwa 48.000 dörfliche Gasthäuser in Deutschland. Inzwischen sind es weniger als 35.000. In Baden-Württemberg ist im gleichen Zeitraum die Zahl der Gastronomiebetriebe gestiegen; doch der Zuwachs fand fast ausschließlich in den Städten statt. Es ist schwierig geworden im ländlichen Raum Speiß’ und Trank in einem Ambiente anzubieten, das den Bedürfnissen einer mobilen, anspruchsvielfältigen Gesellschaft gerecht wird und wirtschaftlich erfolgreich betrieben werden kann.

Acht Jahre bewirtschafteten die letzten Besitzer den Adler. Zwei Jahre haben sie vergeblich nach Nachfolgern gesucht, im Frühjahr 2013 gaben sie auf, sahen für sich und ihren Betrieb keine Zukunft mehr und wanderten nach Südafrika aus. Seitdem stehen Gaststätte und Saal leer. Die Liegenschaft mit ihrer langen Geschichte geht einer ungewissen Zukunft entgegen.

Es war ein Ritter Syrg zu Syrgenstein der das Gebäude um 1400 errichten ließ. Drumherum wurde ein Wassergraben angelegt; so sicherte man sich damals vor unerwünschten Besuchern. Es war zunächst Amtshaus, im oberen Stockwerk war die “Gerichtslaube”. Mehrfach wurde es im 16. und 18. Jahrhundert erweitert und umgebaut, der Wassergraben trockengelegt. Fast 150 Jahre diente es dem “Logistikkonzern” Thurn und Taxis als Postwirtshaus, als Station für Postkutschen und Eilboten. Der Adler entwickelte sich zum Mittelpunkt des kleinen Dorfes. Bis heute liegt er strategisch günstig an der Verbindung von Lindau nach Kempten.

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Was hat das alte Haus nicht alles gesehen? 1525 trafen sich aufständische Bauern, berieten ihr Vorgehen gegen Adel und Klerus, die sich im Schwäbischen Bund organisiert hatten und vom berüchtigten Bauernjörg angeführt wurden. Die österreichische Kaiserin Maria Theresia machte in den 1760er-Jahren mehr oder weniger freiwillig hier Station. Ihre Tochter Marie Antoinette war im Mai 1770 zu Gast. 1899 wurde ein kleiner Wirtsgarten angelegt, den es bis heute vor dem Haus gibt. Ungestört gedeiht im warmen Juni 2014 allerhand Pflanzliches. 1987 logierte die englische Prinzessin Anne, als sie ein Wintersportereignis in der Region besuchte, für einige Tage im Adler.

1958 fand hier das legendäre Treffen der Gruppe 47 statt, bei dem Günter Grass erstmals aus der Blechtrommel las. Siehe dazu: “Auftritt Oskar Matzerath” – im Mai auf con=libri erschienen. “Und wer mich lieber hat als ich, / der schreibe sich hier hinter mich”, trug Walter Höllerer damals ins Gästebuch ein. “das ist nicht schwer”, ergänzte Martin Walser. Und jemand der seinen Namen nicht nannte schrieb etwas weiter unten die demonstrative Aussage: “Der Mensch ist gut!” In Klammern wird als Urheber dieser Aussage der italienische Tenor Benjamin Gigli genannt. Wie auch immer – Wolfgang Hildesheimer und Ilse Aichinger stimmten jedenfalls per Unterschrift zu. Die Teilnehmer Carl Zuckmayer und Max Frisch haben im Mai 1958 lediglich ihre Namenszüge hinterlassen.

Doch in den dörflichen Schänken landauf, landab, wird nicht auf Nobelpreisträger, nicht auf die Geschichte des Oskar Matzerath gewartet. Hier wurde bei Bier und Deftigem schon immer und wird immer noch erzählt. Familiäres, Gerüchte, Klatsch und Tratsch, wahre und halbwahre Geschichten, mehr oder weniger Erfundenes, Witze und Anekdoten. In Dorf-Beizen brodelt literarischer Urschlamm, der Dichter und Dichterinnen, seit die Höhlen- und Lagerfeuer von gezimmerten oder gemauerten Einkehrmöglichkeiten abgelöst wurden, reichlich Rohstoff für ihr literarisch-künstlerisches Gestalten bietet.

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Die Schließung des Adler fand angesichts seiner literarischen Vergangenheit sogar in der überregionalen Presse Beachtung. “Der kaschubische Gnom Oskar Matzerath … ist ein Kind des Allgäus. Als literarische Figur machte Günter Grass die Weltöffentlichkeit mit der Romanfigur in dem Örtchen Großholzleute bekannt”, schrieb die FAZ unter der Überschrift “Der Adler fliegt nicht mehr”. Der Tübinger Regierungspräsident – Großholzleute liegt im äußersten südöstlichen Zipfel dieses Regierungsbezirks, hart an der Grenze zu Bayern – sprach von einem “Juwel”, dass erhalten bleiben muss. Seine Behörde verschickte viele tausend Postkarten für einen Ideenwettbewerb. Als häufigster Wunsch kam der nach einem ganz normalen ländlichen Gasthof in dem man gut und preiswert essen und trinken und sich zum Stammtisch treffen kann.

Ein Makler wurde von den bisherigen Besitzern beauftragt nach Käufern zu suchen. Im Hintergrund, und bisher noch ohne greifbares Ergebnis, bemühen sich Landkreis Ravensburg und Stadt Isny einen Investor zu finden. Eine solvente Brauerei wäre sicher willkommen. Denn es gibt viel zu tun. Das Gebäude ist denkmalgeschützt, Renovierung und Umbau für neue Nutzungen dürften einige Mittel erfordern. Der mit viel bürgerschaftlicher Initiative erhaltene, renovierte und heute vielfältig genutzte Bahnhof Leutkirch könnte vielleicht als Modell dienen. Und natürlich wünschen wir Idealisten, wir Kulturfreunde, uns eine Zukunft für den Adler, in der Dichter und Denker, Literatur, Philosophie und Geschichte einen prominenten Platz bekommen.

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* Bruchstücke eines Eintrags, der ebenfalls während des literarischen Diner für Martin Walser in das Gästebuch des Adler geschrieben wurde. Ich habe ihn nicht nur ungefragt verwendet, sondern auch noch  für meine Zwecke entstellt. Er stammt von U. Schneider und lautet im Original: “Schöne Atmosphäre, gute Texte, nette Leute, eine Wiederholung wäre schön.” Ein (sog. frommer) Wunsch, dem ich mich gerne anschließe.


Sudeleien. Anfang März 2014

7. März 2014

Frühblüher, Biller und der doppelte Leo

Einer der ersten Märztage. Frühlingsahnen in Wald, Wiese und Vorgärten. Es geht dem Abend zu. Der süddeutsche Himmel wechselt gemächlich seinen Farbton. Aus strahlendem Hell- wird tiefes Dunkelblau, wenig später Nachtschwarz. Auf der CrossOver-Welle Bayern 2 singt Carmen Consoli von „Fiori d’arancio“ (Orangenblüte). Nach einem sonnenreichen Frischlufttag im Westallgäu zurück in der kleinen Großstadt, staune ich einmal mehr über das eindrucksvolle Blätterwachstum auf dem deutschsprachigen Zeitschriftenmarkt. Während vor allem die täglich erscheinenden, gedruckten Zentralorgane unserer Presselandschaft, längst im Spätherbst ihrer Gutenberg-Existenz angekommen, dem Siechtum durch Flucht in digitale Parallelwelten zu entkommen versuchen, sprießt es heftig und bunt am guten alten Kiosk.

Geradezu inflationär sind Titel-Kreationen mit einem etwas schwammigen Begriff, der wohl irgendwelche halbgaren Sehnsüchte weckt: „Land“. Den Kombinations-Phantasien der Verlags-Kreativen sind keine Grenzen gesetzt. So entdecken wir die metaphysische „Landidee“, den ins mystische verweisenden „Landzauber“, oder bodenständigere Varianten wie „Land der Berge“ und „Land und Forst“. Zwölfmal jährlich grüßt uns „Servus in Stadt & Land“, deren aktuelle Ausgabe – ganz am Puls des Frühlings – verspricht: „Alles erwacht.“ Für den naturnahen Junkie erscheint regelmäßig die „Landapotheke“. Wer bei „Landlust“ an die flotten Mädels vom aktuellen „Bäuerinnen-Kalender“ denkt, liegt völlig falsch. Ob es Schmusekater gibt, die ihrer Heidi ein Jahresabo von „Geliebte Katze“ zum Jahrestag schenken, bleibt offen. Der Titel „Sauen“ hingegen ist deutlich genug, es sei denn schwäbisches Kundenpotential denkt dabei an forciertes Joggen.

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Katze vor Frühlingsboten

Unter den wohlgestalteten Werbeträgern besonders reichhaltig vertreten ist die mundgerechte Kategorie „Essen und Trinken“. Wer nach dem Durchblättern von „Sauen“ wissen möchte, was aus eben diesen werden kann, erfährt es zum Beispiel in „Kochen und Genießen“, „La Tavola“ oder in der schlicht deutlichen „beef!“, die mit ihren sechs Ausgaben pro Jahr Leser und Gaumen erfreuen möchte. Das fleischlose Glück versprechen „Vegetarisch Fit“ und „Kraut & Rüben“. Wenn dennoch etwas schief geht, hilft der „Naturarzt“. Auf falsche Fährte führt „Filethäkeln“. Der Titel hat absolut gar nichts mit besonders feiner Fleischzubereitung zu tun, sondern gehört aufs weite Feld der Handarbeits-Journale, deren reiche Vielfalt die große Zahl jener Zeitschriften ergänzt, die traditionsreich seit gefühlten Jahrhunderten mit anmutigen Frauennamen von Brigitte bis Verena treue Käuferinnenschichten finden.

Für die nächsten Monate ist weiterer Zuwachs in den Auslagen gut sortierter Bahnhofsbuchhandlungen und den Sortimenten breit aufgestellter Lesezirkel zu erwarten. Wie man hört stehen diese Titel unmittelbar vor der Markteinführung: „LandFlucht“, „Mark und Bein“ „Dinkel und Bohne“, „Vegan im Alter“, „Mein Fleisch & ich“. Fordern Sie heute noch Probeexemplare bei den herausgebenden Verlagen an!

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Frühlingsboten vor Hintergrund

Dem aller Unhandlichkeit zum Trotz auflagen-erfolgreichen Wochenblatt „Die Zeit“ konnte ich neulich entnehmen, dass dem notorischen Konfliktsucher und Möchtegern-Großschriftsteller Maxim Biller der deutschsprachige Schreiber-Nachwuchs zu lau ist. Weil bildungsbürgerlich mittelschichtig verweichlicht, weil mit verwechselbarem Geruch der Nachwuchsdichter-Ställe in Leipzig und Hildesheim, weil themenschwach und faden Einheitsbrei erzeugend. Dem zeternden Gelegenheits-Romancier fehlt das Migrantische, das frisch Reingeschmeckte, das radikal-würzige Junggemüse von Balkan, Balaton und Baikal.

Nur so aus dem Bauch heraus und ohne Anspruch auf Vollständigkeit habe ich daraufhin ein paar Namen aneinander gereiht:

Terézia Mora, Sasa Stanisic, Olga Grjasnowa, Ilija Trojanow, Olga Martynova, Lena Gorelik, Vladimir Vertlib, Julya Rabinowich, Catalin Dorian Florescu, Selim Özdogan, Hilal Sezgin. (Links spare ich mir. Alle hier aufgeführten sind leicht im Netz und auf den entsprechenden Buchhandels-Plattformen zu finden. Dort erfährt man Näheres über ihre Herkunft, sprachliche Sozialisation und bis heute publizierten Werke.) Dem von eigenen Zweifeln freien, nur gelegentlich von lästiger Justiz behinderten Erfolgsschriftsteller Biller schlage ich vor, mit einem Buchhändler seines Vertrauens, wahlweise einem beschlagenen Komparatisten, über diese und andere Namen ins Gespräch zu kommen. Ein Zugewinn an Erkenntnis ist ihm sicher. (1)

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Hier wirkt der LandMann. („Er setzt seine Felder und Wiesen in Stand.“)

Was, außer Bauern im Außeneinsatz, im Märzen sicher kommt, ganz gleich ob die Landschaften bereits blühen oder noch von Schnee und Eis bedeckt sein werden wie im letzten Jahr, das ist die Leipziger Buchmesse. Und damit die schönsten Frühlingsboten aus der Dichter poetischen Gärten im Wettstreit um den Preis der Leipziger Buchmesse. In der Kategorie Belletristik stehen diese Titel – und nach ersten Eindrücken meine ich: durchaus zu recht – auf der Short-List:

Sasa Stanisic, Vor dem Fest (Luchterhand): Geschichten, Mythen und Legenden aus dem Heimatarchiv eines Dorfes. Kraft- und phantasievolle Erzählung.

Per Leo, Flut und Boden (Klett-Cotta): Der Historiker Leo verarbeitet die eigene Familiengeschichte zum Roman. Licht und Schatten deutscher Vergangenheit werden dabei differenziert betrachtet.

Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther (Suhrkamp): „Was es bedeutet, die Spuren einer verzweigten Familie zu sichern, wenn nichts sicher ist, außer dem Verschwinden, davon wird hier erzählt…“ (Verlagstext). Ein weiterer erzählender Ost-Import auf dem deutschen Buchmarkt. Bachmann-Preis 2013.

Fabian Hischmann, Am Ende schmeißen wir mit Gold (Berlin Verlag): Noch ein Debütant. Eine junge Stimme die sich an das bewährte Genre des weit ausholenden Familienromans wagt. Im Stil noch etwas unreif.

Martin Mosebach, Das Blutbuchenfest (Hanser): Es mag viele Gründe geben Mosebach nicht zu mögen, aber literarisch hat er mit diesem Buch einen Glanzpunkt gesetzt. Sein Frankfurter Gesellschaftsroman vor dem Hintergrund des Balkankrieges, ist das Werk eines reifen, erfahrenen Autors.

Bei der Online-Wahl des Publikumspreises habe ich mich für „Flut und Boden“ von Per Leo (2) entschieden. Natürlich aus Interesse am Thema und nach den Eindrücken einer Leseprobe, hauptsächlich jedoch aus einem etwas kuriosen Grund, der mit dem Namen des Autors zu tun hat. Vor einiger Zeit habe ich die familienbiographischen Aufzeichnungen „Haltet Euer Herz bereit“ des Berliner Journalisten Maxim Leo (3) gelesen. Die ostdeutschen Lebensläufe von drei Generationen Leos werden in diesem Buch sehr eindrucksvoll beschrieben. Und ich habe mich gefragt, haben diese beiden schreibenden Leos etwas miteinander zu tun? Gibt es da Verwandtschaft oder ähnlich Verbindendes? Ich bin noch nicht dahintergekommen und nehme entsprechende Hinweise gerne entgegen.

Mehr über Menschen und Bücher rund um die Leipziger Messe- und Literatur-Tage gibt es in der zweiten Märzhälfte hier auf con=libri.

(1)  Wille, A. T.: Die Osterweiterung der deutschen Literatur. – Würzburg : Kaiserbuden & Altfrau, 2014 oder 15 (in print)

(2)  Leo, Per: Flut und Boden. – Klett-Cotta, 2014

(3)  Leo, Maxim: Haltet Euer Herz bereit. – Heyne, 2011 (Originalausg. bei Blessing, 2009)


Sudeleien. Advent 2013

29. November 2013

Kaufet! Frohlocket!

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“Sein oder nicht sein” (William Shakespeare)

“Sein und Zeit” (Martin Heidegger)

“Haben oder Sein” (Erich Fromm)

“Haben und Sein” (Münchens Shopping Guide)

“willhaben.at” (Österreichische Online-Plattform)

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Das Geheimnis ist gelüftet. Jetzt wissen wir, was sich in den großen Tanklastzügen befindet, die in den letzten Wochen, aus dem Süden kommend, unsere Autobahnen verstopfen. Es ist der Rohstoff für die Glühweinschwemmen auf deutschen Weihnachtsmärkten. Hier, an der Glühweintheke, verläuft die alljährliche vorweihnachtliche Kampftrinker-Front. Hier sind alle gleich. Hier stinkt der Banker genauso nach Fusel und Zimt wie der Hartzvierer. Weihnachtszeit ist einig Katerland. Alles glüht im Glanze des Lichtervorhangs “Flockenzauber” und des Schwibbogens “Sternenglanz”. Die Benebelung durch heiße Würz-Weine meist zweifelhafter Provinienz geht einher mit einem Phänomen kollektiver Unzurechnungsfähigkeit, das in vier Wochen von einem Höhepunkt zum nächsten kulminiert: Dem Kaufrausch.

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Vorweihnachtliche Tränke für sinnspendende Heißgetränke und Ort erwartungsfroher (Advent!) zwischenmenschlicher Zusammenkunft.

Es ist eine Zeit angekommen in der der Run auf das höherwertige Konsumgut hysterische Züge annimmt. Das kompakte Surround-System im schnuckeligen 150-PS- Kleinwagen für den Erstgeborenen, das tasmanische Schnappaustern-Collier für die Zweitfrau, der Dritt-Full-HD-Screen für die Schwieger-Oma. Wer jetzt immer noch keine “PS 4” oder wenigstens das “Premium Bundle der XBox one” kauft, wird umgehend für blöd erklärt. Apple um Apple fällt nicht weit und landet unterm Tannengrün. Gutscheine für Body-Shop und Beauty-Ranch, für Wellness-Ressort und Deep-Sea-Diving werden häufiger gedruckt als Euronoten. Jetzt preißen die Wirtschaftsweisen die Tage, reiben Bilanzbuchhalter die Hände – die Zeit stärkster Binnennachfrage ist angebrochen.

Mein Konsumtempel ist und bleibt die Buchhandlung. Und Jahr für Jahr muss ich dankbarer und demütiger sein, dass es sie im neokolonialen Großreich Amazonien immer noch gibt. Und dass dort sogar nachwievor die Ergebnisse feinster Dicht- und Erzählkunst in gedruckter und schön gebundener Form zu finden sind.

Gut, ganz leicht zu finden sind sie nicht. Nach der Ladentür unterschreitet man zunächst einmal das Schnee-Imitat aus weißen Wattewolken, drückt sich vorbei an Adventsgestecken, Duftschälchen, Rauschgoldengeln und Seidenschals. Lässt die CDs, DVDs und Blue-Rays links oder rechts liegen, umkurvt den lebensgroßen Papp-Ochsenknecht und kommt alsbald zu den ersten Büchern: “BeBeanie unlimited. Häkelmützen für jede Gelegenheit”, “myboshi drinnenundraußen”, “Sushi für Anfänger”. Fast wäre ich dann in der Kinderbuch-Abteilung gelandet. Dort stapelt sich “Der kleine Vampir mit der großen Häkelnadel” der Erfolgsautorin  Rosa Wolle – erst im Frühjahr bei Geltz und Belberg erschienen und schon in der 99. Auflage.

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Angebote einer süddeutschen Buchhandlung des postliterarischen Zeitalters.

Bis zu Zeh und Kehlmann, Lewitscharoff und Gomringer, Haas und Glavinic, Stamm und Werner, Kaiser und Zeiner, ist es jetzt nicht mehr weit. Durch die Kalenderausstellung, schräg hinter den Krimi- und Fantasy-Wänden sind sie zu finden. Und an der Rückwand der Handlung entdecke ich den gehobenen literarischen Anspruch in Form einer kleinen Abteilung mit “Klassikern”. Goethe und Hölderlin, Dante und Tolstoi, Schiller …, – halt nein! Schiller fehlt. Ausgerechnet der schwäbische Klassiker in einer schwäbischen Buchhandlung. Dafür finden einige Fastnochzeitgenossen wie Kästner, die Manns, Nabokov oder Henry Miller in der Klassik-Kategorie Asyl.

Das Buch lebt ja bekanntlich. Von mir und einigen anderen Unbeirrbaren. Also das gedruckte. Und das muss auch so bleiben. Denn eines wird immer deutlicher: Das E-Book gefährdet die deutsche Wirtschaft. Im allgemeinen, und ganz besonders die heimische Geschenkband-Industrie. Wenn die Regierung nichts unternimmt sind tausende von Arbeitsplätzen in Gefahr. Wie der Sprecher des Verbandes der Deutschen Geschenk- und Schmuckbänder-Industrie (VDGSI), Ben Schnur, mitteilt, ist die klassische Schleife aus Polyband oder Bast auf dem Rückzug. Schnur fordert die Bundesregierung und Kanzlerin Merkel deshalb auf, endlich Nägel mit Köpfen für Bänder und Schleifen zu machen, will heißen Steuererleichterungen und Subventionen aus dem europäischen Strukturfonds für betroffene Regionen und Betriebe auf den Weg zu bringen.

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Der Begründer des weihnachtlichen Urmythos in kindlicher und kindgerechter Formatierung.

Zurück im heimischen Lesesessel atme ich tief ein und aus, während ich den Knopf meines leicht veralteten Wiedergabegerätes drücke. Die Zeit ist gekommen für mein Sein, das Zeit haben für Lesen und Hören. Ganz leise erklingen die ersten Töne, die Bugge Wesseltoft auf seinem sanft temperierten Klavier anschlägt. Später werde ich vielleicht noch ein Trompetenkonzert von Tomasi oder Haydn auswählen. Oder ich lasse mich mit einem “Brandenburgischen Konzert” in erholsamen Halbschlummer entführen. Das Fenster bleibt zu. Es ist kalt, es schneit und draußen riecht es penetrant nach Anis und Zimt, defekten Kaminöfen und automobilem Gediesel, nach Kardamon und dem angebrannten Christstollen in Nachbars nagelneuen 3D-Heißluft-Plus-Backofen, dessen Hersteller “optimale Backergebnisse dank innovativer Wärmeverteilung” verspricht.


Seelenreich: Walser in Wasserburg

20. Januar 2013

Eine Januar-Fahrt an den Bodensee.

Der zweite Teil

Eines meiner Lieblingsbücher von Martin-Walser ist “Seelenarbeit”. Die wenig trostreiche Geschichte des Chauffeur Xaver Zürn, der Tag und Nacht an seinen Chef denken muss, sich schlaflos im Bett wälzt, Verdauungsprobleme bekommt und genau weiß, dass der Chef keine Sekunde an ihn denkt. Zürn hofft durch Anpassung bis zur Unterwerfung und durch Leistungswillen bis zur Selbstaufgabe, das Wohlwollen seines Arbeitgebers zu gewinnen. Doch das Ergebnis sind Leiden. Leiden an Körper und Seele. Xaver Zürn wird zum Seelenkrüppel.

Walsers neuestes Werk heißt “Das dreizehnte Kapitel”. Der alternde, süddeutsch-katholisch geprägte Schriftsteller Basil Schlupp erlebt darin noch einmal Liebes-Seeligkeit in der Fernbeziehung zu einer preußisch-evangelischen Theologin, die er in Briefen anschwärmt. Neben der Liebesgeschichte, die ausschließlich im Briefwechsel stattfindet, erfahren wir von der Seelen- und Wahlverwandtschaft der beiden Hauptfiguren, die sich in einem vielschichtigen und hintergründigen Meinungsaustausch über Religions- und Lebensfragen niederschlägt. “Verstehen Sie wenigstens so viel, dass Religion etwas anderes ist als das, was in unserer Welt dafür gehalten sein will?” Zum Seelenheil der beiden lässt es der Dichter allerdings nicht kommen.

Dem “Kultur-Spiegel” erzählte Martin Walser, dass der Titel des Romans eine Wasserburger Vorgeschichte hat: “Mein Großvater hatte einen Gasthof, und da gab es die Zimmer 11,12,14. Seitdem hat die Zahl 13 mich fasziniert. Ich habe jahrelang Romanprojekten den Titel “Das dreizehnte Kapitel” gegeben. Aber erst jetzt passte er.”

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Von klein auf war er ein leidenschaftlicher Leser. Zur frühen Leküre gehören viele Bände Karl May, der “Lederstrumpf” und was ihm sonst so in die Hand fällt. Er liest aus den selben Gründen “die uns veranlassen zu atmen oder zu essen.” Dabei ist der Junge keineswegs ein Stubenhocker. Er ist lebhaft, sportbegeistert, macht mit, ist eingebunden in die Klassengemeinschaft. Kein Bücherwurm der sich absondert. Am Klavier improvisiert er Schlager der Zeit. Schule ist für ihn Zwang. Er spürt Erwartungsdruck. Seine Deutsch-Aufsätze allerdings sind originell und eigenwillig, halten sich nicht an Musterlösungen. Der Schüler Walser hat Glück. Die Deutschlehrer erkennen das Besondere, fördern den Begabten.

1939, mit zwölf Jahren, stößt er in der Bibliothek eines Allgäuer Großonkels auf Gedichte von Friedrich Schillers. “…in den Ferien bei einem Verwandten… entdeckte der … Knabe einen Bücherschrank mit bespannten Glastüren. Darin lauter alte dunkle Bücher, die einander glichen wie die Rauchfleischbinden im Kamin. Er griff nach den hellsten Rücken in den dunklen Reihen und hatte einen Schiller-Band in der Hand… Der Knabe nahm Schiller mit in sein Zimmer und las. Vom Parterre herauf hörte er, daß gerade ein Krieg erklärt worden sei. Ihn störte es nicht. Er hatte auf seinen Knien Gedichte, deren Verse mit Hebungen anhoben.” Die Schiller-Töne erreichen einen Suchenden, einen zukünftigen Schriftsteller und bleiben nicht ohne Folgen: “Das wurde alles nachgelebt und nachgedichtet und führte zu lauter Schwulst und Schein.”

„Siehe! da verstummen Menschenlieder / Wo der Seele Lust unnennbar ist…“ * Ab 1942 und seitdem: Hölderlin. Unter dem Dach des elterlichen Anwesens die Entdeckung literarischer Hinterlassenschaften seines Vaters. Dabei sind Gedichte in denen er einen neuen Ton für sich entdeckt. “Ich wußte allerdings nicht, daß die Gedichte von Hölderlin waren, die ich im Alter von fünfzehn Jahren in einer Kiste auf dem Dachboden entdeckte. Ein Stoß Kriegervereins-Zeitschriften und ein Stoß Cotta’sche Handbibliothek fielen mir in die Hände… und ein Bändchen, ein Bündel zerfledderter Blätter hatte keinen Umschlag mehr, es begann mitten in einem Gedicht.”

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Die Abschiede von Wasserburg begannen bereits kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Sein Vater, der das Gasthaus von seinem Vater übernommen hatte, und der weder rechter Wirt noch echter Kaufmann sein kann, vielmehr ein Kopf-Reisender, Vieldenker und Leser, ist häufig krank und stirbt 1938 mit gerade einmal 47 Jahren. Da geht Martin Walser bereits auf die Oberschule in Lindau. Eine erste kleine Distanz zur Wasserburger Welt und Familie ist damit entstanden.

Im März 1944 kommt sein Freund Gerhard bei einem Zugunglück nahe Bregenz ums Leben. Walser, mit ihm im Zug, überlebt. Am 19. Oktober 1944 fällt der zwei Jahre ältere Bruder Josef in Ungarn. Der 17-jährige Martin hatte sich bereits freiwillig zu den Gebirgsjägern in Garmisch gemeldet. In den Bergen hofft er dem eigentlichen Kriegsgeschehen fern zu sein. Kindheit und Jugendjahre am See gehen zu Ende. Als er 1945 zurückkehrt, ist die Gaststätte verpachtet; die Mutter betreibt nur noch den Kohlenhandel. Zu dieser Zeit lernt Walser seine spätere Frau Katharina Neuner-Jehle (“Käthe”) kennen. Nach dem Krieg beginnt er mit dem Studium zunächst in Regensburg. Der Landkreis Lindau unterstützt den Begabten mit einem kleinen Stipendium.

Doch ein Leben ohne See ist auf Dauer nicht zu ertragen. Und so zieht er nach dem Studium in Regensburg und Tübingen, Jahren in Stuttgart und München, mit Ehefrau Käthe bald für immer nach Überlingen-Nußdorf. Im eigenen Haus direkt am See wachsen die vier Töchter auf, entsteht Buch um Buch. Von hier schwärmt der Schriftsteller und Zeitgenosse Walser seitdem immer wieder aus in das literarische Leben der Republik; kleine Abstecher in politische Nebenschauplätze inbegriffen. Wasserburger ist er dabei immer geblieben: “Noch nie hatte ich einen Menschen so über seine Herkunft reden hören. Im Grunde waren es Lobgesänge, denn ich erinnere mich, daß ich wünschte, die Wasserburger könnten zuhören. Keine üblichen Lobgesänge, keine Spur von Euphorie, aber eine Genauigkeit, die etwas mit Gerechtigkeit zu tun hatte.” (Katharina Adler) Seit 1984 ist Martin Walser Ehrenbürger von Wasserburg.

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Neben Kirche und Schloss, findet man auf der Halbinsel das historische Malhaus, einst Gerichts- und Amtshaus der Fugger. Darin ist ein Heimatmuseum untergebracht. Man kann Werke von heimischen Künstlern sehen, die Geschichte der Hexenverfolgung studieren oder sich über Flora und Fauna des Seegebiets informieren. Eine Dauerausstellung ist der Kinder- und Jugendzeit Martin Walsers in Wasserburg gewidmet. Eine andere dem Schöpfer des “Lieben Augustin”, dem Schriftsteller Horst Wolfram Geissler. Aber das ist dann schon wieder eine ganz andere Wasserburg-Geschichte. Das Museum übrigens ist nur von April bis Oktober geöffnet.

“Man muß nicht fröhlich sein. Am Bodensee, meine ich. Heitere Landschaft und so… Dieser See bewirkt, glaube ich, nicht dies oder das. Wenn er etwas einprägt, dann den Wechsel. Die Nichteigenschaft. Ich bin vieles nicht. Das lerne ich hier.”

Ich bin fast allein am winterlichen See. Dieser Januar-See lässt seinen Besucher nur schwer wieder los. Der Niesel hat aufgehört. Es klart auf. Mit der Dämmerung beginnt ein faszinierendes Licht- und Lichterspiel. Aus blauweißem Himmel wird blauschwarzer Sternenhintergrund. Schwankendes Leuchten im Windspiel, fernes Blinken an anderen Ufern. Sanftes Plätschern von Wellen, die im vorrückenden Dunkel nur noch vermutet werden können. Vom Tag kennen wir den See. In der beginnenden Nacht drohen Untiefen.

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Kirche, Schloß und Museumsgebäude leuchten jetzt scheinwerferbestrahlt. Sie stehen so selbstverständlich und wie seit immer. Feuchte Kälte zieht auf. Die letzte bequeme Zugverbindung ab Wasserburg ist zu erreichen. Die Bahnfahrt an einem Januarabend findet bei Dunkelheit statt. Walser-Lektüre. Walser-Notizen. Wasserburg-Notizen. Zur Wegzehrung eine trockene Seele. Hart gebacken, mit fester Kruste, Kümmel und Salz. Wunschlos durch eine oberschwäbische Nacht.

* Aus der „Hymne an die Unsterblichkeit“ von Friedrich Hölderlin
 
Verwendete Literatur
Walser, Martin: Seelenarbeit. Roman. – Frankfurt, 1979
Walser, Martin: Ein springender Brunnen. Roman. – Frankfurt, 1998
Walser, Martin: Das dreizehnte Kapitel. Roman. – Reinbek bei Hamburg, 2012
Ficus, André; Walser, Martin: Heimatlob. Ein Bodensee-Buch. – Friedrichshafen, 1978
Walser, Martin: Liebes-Erklärungen. – Frankfurt, 1983
Magenau, Jörg: Martin Walser. Ein Biographie. – Reinbek bei Hamburg, 2005
Hagel, Manfred (Hrsg.): Annäherungen an Lindau. Berühmte Autoren in der Inselstadt und Umgebung. – Lindau, 1996
Hoben, Josef (Hrsg.): He, Patron! Martin Walser zum Siebzigsten. – Uhldingen, 1997
Mit 17 hat man noch Träume. Der Schriftsteller Martin Walser, 85, über Militärsprache, Kritiker und Aberglaube. In: Kultur-Spiegel, Heft 1, 2013, S. 55

Seelenreich: Walser in Wasserburg

9. Januar 2013

Eine Januar-Fahrt an den Bodensee.

Der erste Teil

Was steckt eigentlich in einer guten oberschwäbischen Seele? Weizen- und Dinkelmehl, Hefe, Weizensauerteig, Wasser und Quellsalz. Auf die knusprige Oberfläche kommen dann noch Salz und würziger Kümmel. Die besten Exemplare dieser regionalen Spezialität gibt es beim jahrhundertealten “Fidelisbäck” in Wangen im Allgäu.

Der Zug ist pünktlich. Ankunft um 9.44 Uhr in Wasserburg am Bodensee. Kurzer Halt des Regionalexpress auf eingleisiger Strecke die Friedrichshafen mit Lindau verbindet. Aus einem bescheidenen Bauern- und Fischerdorf ist längst ein beliebter touristischer Anziehungspunkt geworden. Rundum Obstbau und etwas Wein. Von der malerischen, zu Saison-Zeiten aber völlig überlaufenen, Halbinsel hat man wahlweise Pfänder- oder Säntisblick. Man kann aber auch den Blick einfach nur über eine endlos scheinende Wasserfläche gleiten lassen: “Schwäbisches Meer”. Der Schriftsteller Martin Walser wurde am 24. März 1927 in Wasserburg geboren.

Es ist kein Januar-Wetter. Weder Schnee noch Frost. Nieselregen. Wolkenfetzen. Reisen macht hungrig und durstig. Am Weg vom Bahnhof zum See, im oberen Teil der Halbinselstraße, stoße ich zu meiner Überraschung und großer Freude auf eine Filiale des erwähnten “Fidelisbäck”. Rasche Einkehr zu Milch-Kaffee und Originalseele in bebutterter Version. Satte Zufriedenheit. Mit Zuversicht bereit zur Walser-Wasserburg-Exkursion.

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Im  Haus direkt gegenüber des Bahnhofs war die “Restauration” der Walsers – 1901 eröffnet. Von Martins Großvater selbst geplant und über zwanzig Jahre umgetrieben. Zwei Jahre nachdem Wasserburg einen Bahnhof bekommen hatte, versprach man sich von den hier Durch- und Anreisenden ein gutes Auskommen. Es gab die Gaststätte und es gab “Fremdenzimmer”. Die ehemalige Terrasse ist noch gut zu erkennen; sie ist inzwischen überbaut, aber die Holzstützen, die das Vorbaudach tragen, dürften wohl noch die Originale sein.

1924 übergab Josef Walser den Betrieb an seinen Sohn Martin, den Vater Martin Walsers, der eigentlich lieber Lehrer werden wollte und zum Gast- und Betriebswirt wenig Talente hatte. Als der Gasthof nicht mehr genug einbringt, kommt noch ein Holz- und Kohlehandel dazu. Die tatkräftige Ehefrau Augusta hält den Betrieb einigermaßen aufrecht. Die Angst vor dem wirtschaftlichen Scheitern ist ständiger Begleiter der Familie und der Kindheit Martin Walsers. Er muss mit anpacken und lernt früh, dass menschliches Handeln auch seine wirtschaftlichen Seiten hat. Eine Erkenntnis, die den späteren Schriftsteller prägen wird. Die Einnahmenseite muss stimmen – seine Verleger konnten ein Lied singen.

In der Gaststätte kehrten allerhand geschichtenvolle Menschen ein. Es wurde viel geredet. Der kleine Martin, der früh schon beim Servieren hilft, hat offene Ohren und eine lebhafte Phantasie. In der Region Lindau, Wasserburg ist der Name Walser auch heute noch sehr verbreitet. Man spricht einen allemannischen Dialekt, der sich aus bayerischen, vorarlberger und schweizer Quellen speist. Es sind dies die Laute, Worte und Satzmelodien die das Kind zu hören bekam, mit denen es sprechen lernte und die bis heute Walsers Schreiben und Sprechen prägen.

Mancher Winkel im Ort hat ländlichen Charakter bewahrt. Kleine Obsthöfe, Brennereien, Fisch-Räuchereien, kleine, niedrige Häuser, die sich allen Modernisierungswellen entziehen konnten und noch etwas von der Atmosphäre ahnen lassen, in der Martin Walser als Kind unterwegs war.

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Wer echte See-Erlebnisse liebt, sollte im Januar an den Bodensee fahren. Ist zudem noch schlechtes Wetter, begegnet man nur wenigen Menschen und kann sich ganz eigenen Stimmungen und Sinnen hingeben. Der See wirkt. Für Martin Walser war ein Leben ohne See immer undenkbar. “Ich liebe den See, weil es sich bei ihm um nichts Bestimmtes handelt. Wie schön wäre es, wann man sich allem anpassen könnte. Auf nichts Eigenem bestehen. Nichts Bestimmtes sein. Das wäre Harmonie. Gesundheit. Ichlosigkeit. Todlosigkeit.”

Im feuchten Kies am Ufer stehend, mit Blick auf die Hügel des Appenzeller Landes und die schneebedeckten Alpengipfel dahinter, stelle ich mir vor, wie 80 oder 75 Jahre vor mir dieser Martin hier stand, der einmal einer der bekanntesten Schriftsteller deutscher Sprache werden sollte. Zum Säntisblick beißt er abwechselnd von einer zähen Seele vom Vortag und dem süßsauren heimischen Apfel ab. Dann wirft er mit Kieselsteinen nach Enten, die im Treibholz dösen.

Besonders gerne ist der Junge mit Mädchen zusammen. Sucht Nähe und heimliche Berührungen, erforscht die Unterschiede der Geschlechter. “Aber ihm war hinter der Käserei in Glatthars Schopf mit Irmgard eine Enge gelungen wie noch nie… Sie mußten sich, weil dieser Kasten wirklich klein war, eng aneinander pressen. Johann hatte das Gefühl, beide, Irmgard und er, hätten, solange sie so aneinandergedrängt standen, er hinter ihr, sie vor ihm, nicht mehr geatmet.” Man darf Walser unterstellen, daß auf eigenen Erlebnissen beruht, was er hier seiner Hauptfigur Johann im stark autobiographischen Roman “Ein springender Brunnen” zuschreibt.

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Dieser Johann erlebt dann mit dem Mädchen Anita vom Wanderzirkus “La Paloma” so etwas wie die allererste ganz große Liebe. Verbunden mit all der Sehnsucht und den Freuden, die das auslöst. “Johann konnte weder lesen noch schlafen. Er schlich vor in den Abort, öffnete das zum Glück große Fenster und beugte sich hinaus und sah hinab auf die drei Wohnwagen, in denen noch Licht brannte.” Und den Schmerz: “Ja, sagte Anita, wir fahren heute noch. Bei dem Wetter ist es am besten, man ist im Wagen und fährt… Darauf mußte er sich einstellen. Gewappnet sein. Gewappnet gegen den Anblick des Obstgartens…ohne Manege und Zirkuswagen.”

Was da zwischen dem neugierigen Jungen und den Mädchen geschah, war nach gängigen Regeln in die kirchliche Kategorie der Sünde einzuordnen. “Er dachte an die Haare in Anitas Achselhöhlen. Mußte man Haare in Achselhöhlen beichten?” Das kindliche Seelenheil ist ständig von kleinen und größeren Sünden bedroht. Doch von der Sünde erlöst die katholische Ohrenbeichte – das ist peinlich und zugleich praktisch; es erleichtert das junge Gewissen. Beichte und sonntäglicher Besuch der heiligen Messe in der Kirche St. Georg waren unumstößliche Rituale für alle Wasserburger Kinder aus katholischen Elternhäusern.

Der zweite Teil mit Wasserburger Walser-Impressionen folgt in acht bis zehn Tagen. Hier auf con = libri.

Übrigens: Wer mehr über die Seelen des “Fidelisbäck” zu Wangen wissen möchte, kann hier nachsehen:
Fidelisbäck
Oder fährt am besten gleich in das sehenswerte Allgäustädtchen, um dort in der holzgetäfelten Gaststube der traditionsreichen Bäckerei einzukehren. Zu einer heißen Seele oder einer Portion Leberkäs’ mit Laugenhörnchen und einem kühl-trüben Zwickelbier.


Kleine Zwischenmahlzeit

13. Dezember 2009

Fleischklößchen à la Karlsson

In grauer Vor-Bachelor-Zeit, gliederte sich das Studium zum Diplom-Bibliothekar an der Fachhochschule Hamburg in einen bibliothekspraktischen Teil und einen zweiten, in dem die Möglichkeit und die Pflicht bestand, Wissenschaftsdiszplinen näher kennenzulernen. Innerhalb der Literaturwissenschaft wurde die Kinder- und Jugendliteratur durch die junge, damals noch recht unbekannte Professorin Birgit Dankert vertreten.

Sie dozierte. Wir diskutierten. Zum Beispiel über Astrid Lindgren und dass sie den Nobelpreis verdient hätte, den für Literatur – und wenn nicht diesen, dann auf jeden Fall den Friedensnobelpreis. Die Kneipe nach dem spätnachmittäglichen Seminar hieß Dietze-Köpi. Eigentlich ganz anders, doch alle nannten sie so. Der Wirt war wohl ein gewisser Dietz oder Dietze und was aus dem Hahn floss war reinstes sauberes Königspilsner. Im Sommer saß man im kleinen Garten. Wurde es draußen kalt oder nass, war es drinnen warm und eng. Irgendwo in dem Dreieck das Grindelallee und Grindelhof bilden, nur wenige Schritte vom Haupt-Campus der Hamburger Universität. Auf dem Tresen stand der Teller mit Frikadellen unter einer transparenten Kunststoff-Abdeckung, daneben Senf. Man bediente sich nach Gusto und gab den Verzehr beim abschließenden Zahlen an. Sie waren köstlich: Fest und dunkelbraun, flach, rund und gut gewürzt. Noch flüssiger, süffiger wurde das goldgelb schaumige Pils, wenn man dazu diese Buletten genoss.

Welch ein Erwachen nach dem Umzug in den deutschen Süden. Egal ob Fleischküchle, Frikadellen oder Fleischpflanzerl: Fett, Wurst- und Knochenreste, Sehnen, Wasser, Brot und andere Streckmittel. Keine Frage, man kann in Süddeutschland, in Bayern und Baden-Württemberg sehr gut essen und trinken. Es gibt reichlich Spezialitäten von hervorragender Qualität. Buletten gehören nicht dazu. Nebenbei: Auch die Pils-Biere waren anders, um es zurückhaltend zu formulieren. Schmackhaftes Weizenbier in großer Vielfalt konnte sie jedoch einigermaßen ersetzen.

Meine Kinder wurden mit Astrid Lindgren groß. Besonders gern mochten wir alle den unmöglichen, selbstsüchtigen, besserwissenden Karlsson vom Dach. Dieser „schöne und grundgescheite und gerade richtig dicke Mann in seinen besten Jahren“, der mittels seines Rücken-Rotors einschwebt um sich über Zimtschnecken und Fleischklößchen herzumachen:  „Da fiel sein Blick auf die Fleischklößchen. Wips drehte er an dem Knopf, den er auf dem Bauch hatte. Der Motor fing an zu brummen und Karlsson kam im Gleitflug vom Bett her und schnurstracks auf den Teller zu. Im Vorbeifliegen schnappte er sich einen Fleischkloß, stieg schnell zur Decke empor, kreiste um die Deckenlampe und kaute zufrieden.“

Mit dem jüngst erschienen Astrid-Lindgren-Kochbuch fanden wir bei den Buletten schließlich zur Qualität und zum guten, lange vermissten Geschmack zurück. Sie waren nicht flach sondern rund. Überall und rundum rund, wie Karlssons Bauch und etwa so groß wie Mirabellen. Es ist egal ob man sie auf den Tisch, das Fensterbrett oder in den Kühlschrank stellt. Ihre Haltbarkeit ist sehr begrenzt. Sie gehen so:

Zutaten: 1 trockenes altes Brötchen, 450 g Rinderhack, 1 kleine Zwiebel, 1 TL Salz, 1 TL Piment (kann, wer den leichten Lebkuchengeschmack nicht mag, weglassen), 4 Eigelb, Pfeffer, Semmelbrösel nach Bedarf. – „Das Brötchen in lauwarmem Wasser einweichen. Das Hackfleisch mit dem ausgedrückten Brötchen, der fein gehackten Zwiebel, Salz, Piment, Eigelb und Pfeffer zu einem glatten Teig verarbeiten. Falls der Teig zu feucht ist, Semmelbrösel zugeben, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist. Mirabellengroße Klöße formen und in einer Pfanne mit Fett nach und nach rundherum braun brate. Mit Kartoffelpüree und Preiselbeeren servieren. Die Fleischklößchen schmecken auch kalt!“

Letzteres kann ich ausdrücklich bestätigen und noch anfügen, dass man ihnen auch die Form dünner Frikadellen geben kann; den Genuss beeinträchtigt das nicht. Das Astrid Lindgren Kochbuch ist in qualitätvoller Ausstattung erschienen. Mehr als 80 Rezepte, geeignet für Picknicke, Kinderfeste oder große Familienmenüs, laden zum kulinarischen Lindgren-Erlebnis ein. Aktuell zum Beispiel der echte Lindgren-Weihnachtsschinken. Die Rezepte sind von Ilon Wikland farbig illustriert, wie man das von vielen Astrid-Lindgren-Ausgaben kennt und mit einem Vorwort über die schwedische Küche ergänzt. Es eignet sich für Schweden- und Lindgren-Freunde aller Alterstufen.

Birgit Dankert ist seit 2008 emeritiert, von 1994 bis 2000 war sie Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände, sie ist Initiatorin der Astrid-Lindgren-Datenbank, Autorin zahlreicher wissenschaftlicher und populärer Aufsätze und Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften und Radiosendungen. Zuletzt erschien von ihr: Wer ist diese Frau? Annäherung an Leben und Werk Astrid Lindgrens. – Hannover. Lesesaal, Heft 29, 2009.

Lindgren, Astrid: Karlsson vom Dach. – Oetinger, versch. Ausgaben und Auflagen.

Schrag, Mamke; Wagener, Andreas: Das Astrid Lindgren Kochbuch. – Oetinger, 2009. Euro 16,90


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