Erich Kästner und Dresden

Wenn es zutreffen sollte, daß ich nicht nur weiß, was schlimm und häßlich, sondern auch, was schön ist, so verdanke ich diese Gabe dem Glück in Dresden aufgewachsen zu sein.

Das historische Zentrum der Stadt Dresden mit seinen kultur- und baugeschichtlichen Sensationen ist Anziehungspunkt und Reiseziel für Touristen aus der ganzen Welt. Sie besuchen zu Tausenden die Schlösser und Museen, drängen sich in Frauen- und Kreuzkirche, promenieren auf den Brühlschen Terrassen, spazieren am Elbufer entlang, kehren ein in die zahlreichen Cafés und Restaurants, genießen sächsischen Blechkuchen oder deftige Fleischspeisen mit Klößen und Rotkohl. Abends locken Theater und Kabaretts, Jazzkeller, Konzerte der Staatskapelle oder musikalische Spitzendarbietungen in heller Kirchenakustik. Dresden gehört im Ausland zu den bekanntesten und beliebtesten Städten Deutschlands.

Mit einer der gelben Straßenbahnen verlasse ich die Innenstadt. Die langen Gelenkwagen schunkeln und quietschen über die Carolabrücke. Darunter fließt träge die Elbe. Sie führt Niedrigwasser. In den warmen und trockenen Sommern der letzten Jahre muss immer häufiger der Verkehr der Ausflugsdampfer reduziert oder eingestellt werden. 

Ich bin unterwegs in die Dresdner Neustadt auf der linken Elbseite. Wohn- und Lebensraum der einfachen Bürger, Arbeitnehmer, Handwerker, kleinen Selbständigen, Studenten-WGs. Lange Straßen. Gründerzeithäuser. Schmale Läden. Die global gewohnten Sättigungsangebote: Döner, Pizza, Asia Food, Burger. Mal frisch und einladend, mal schmuddelig fragwürdig. Als Erich Kästner hier aufwuchs gab es das noch nicht. Stattdessen zahlreiche Bäckereien und Fleischereien, Uhrmacher, Papier- und Gemüseläden, Schuhgeschäfte, Schneidereien und kleine Kneipen. In Hinterhöfen werkelten Schreiner und Spengler, Wagner und Kürschner.

Am 23. Februar 1899 wurde Erich Kästner hier geboren. In der Königsbrücker Straße 66, vierte Etage. Dresden ist zu dieser Zeit königlich sächsische Haupt- und Residenzstadt, die viertgrößte Stadt des Deutschen Reichs mit etwa einer halben Million Einwohner. Berühmt für seine Zigarettenfabrik, die Schokoladenherstellung und die Brauereien. Hier wurden der Kaffeefilter, der Teebeutel und der Bierdeckel erfunden.

Erichs Eltern sind in der arrangierten Ehe unglücklich. Die erste Wohnung in der Königsbrücker Straße liegt ganz in der Nähe des damals berühmten Schokoladenproduzenten Jordan & Timaens. In der Mansardenwohnung ist der Alltag mühselig, die Kästners kommen gerade so über die Runden. Im Lauf der Jahre ändert sich das nur wenig. Die Familie zieht mehrmals um, jeweils nur einige Häuser weiter, in die Nummer 48, in die 38. Dabei Etage für Etage tiefer. In seinen Erinnerungen Als ich ein kleiner Junge war kommentiert der Schriftsteller Kästner Jahrzehnte später, ironisch-optimistisch, wie es seiner Lebenshaltung entsprach: Wir zogen immer tiefer, weil es mit uns bergauf ging. Wir näherten uns den Häusern mit den Vorgärten ohne sie zu erreichen.

Das Kind Erich sitzt in den wechselnden Wohnungen still an Mutters Seite und lernt früh lesen. Lesen wird zur Haupt- und Lieblingsbeschäftigung des Heranwachsenden. Ich las und las und las. Kein Buchstabe war vor mir sicher. Ich las Bücher und Hefte, Plakate, Firmenschilder, Namensschilder, Prospekte, Gebrauchsanweisungen und Grabinschriften, Tierschutzkalender, Speisekarten, Mamas Kochbuch, Ansichtskartengrüße … , die ‚Bunten Bilder aus dem Sachsenlande‘ und die klitschnassen Zeitungsfetzen, worin ich drei Stauden Kopfsalat nach Hause trug. Zwischen Mutter und Sohn entwickelt sich ein enges und inniges Verhältnis, das über alle Jahre, geschichtlichen Umbrüche und Entfernungen hinweg, bestehen bleiben wird.

Die langen Spaziergänge am Elbufer. Die Mutter empfindet die weite Uferlandschaft als Befreiung aus ihrer persönlichen Eheenge. Erich liebt die Elbbrücken. Im Gasthaus Linckesches Bad kehren die beiden nach ihren Wanderungen gerne ein. Gelegentliche Besuche von Aufführungen des Alberttheaters und anderer Bühnen der Stadt mit der Mutter, gehören zu den prägenden Eindrücken der Kinder- und Jugendjahre. Bald wurden die Dresdner Theater mein zweites Zuhause. Und oft mußte mein Vater allein zu Abend essen, weil Mama und ich, meist auf Stehplätzen, der Muse Thalia huldigten.

Junge Lehrer wohnen bei Kästners zur Untermiete und leisten notwendige finanzielle Beiträge zum Lebensunterhalt. Von den aufgeschlossenen Pädagogen erfährt das Kind früh vom Wert des Lernens und der Bildung. Erich wird ein ausgezeichneter Schüler in der IV. Dresdner Bürgerschule. Später wird er selbst ein Lehrerseminar besuchen, das einen frühzeitigen Berufsabschluss und regelmäßiges Einkommen ermöglichen soll. Doch seinen Vorstellungen und Ansprüchen wird das nicht gerecht. Er bricht diese Laufbahn ab. Nach dem abgeleisteten Wehrdienst holt er fehlende Gymnasialjahre nach und macht Abitur.

Die Pionierkaserne, in der Kästner eine Infanterieausbildung absolvierte, befindet sich am weiteren Verlauf der Königsbrücker Straße. Am Eingang hat er oft Wache zu stehen. Von dort ist es nicht weit bis zum St.-Pauli-Friedhof, wo die Eltern ihre letzte Ruhe finden werden. 1919 geht Erich Kästner zum Studium nach Leipzig, nach Rostock und Berlin. Ab 1922 ist er wieder in Leipzig, wo er 1925 promoviert. Ab 1927 arbeitet Kästner in Berlin als Theaterkritiker und Journalist, schreibt Texte, Gedichte, Couplets für die fiebrige Kabarettszene der Hauptstadt. Während der Nazizeit hat er offziell Schreibverbot, lebt unauffällig, schreibt unter Pseudonym Drehbücher, wie den populären Münchhausen-Film mit Hans Albers in der Titelrolle. Nach dem Krieg lässt er sich in München nieder.

1967 kommt er ein letztes Mal in seine Geburtsstadt Dresden, zu einer Lesung in der Gemäldegalerie des Zwinger. Am 29. Juli 1974 stirbt der inzwischen vor allem durch seine Kinderbücher beliebte Schriftsteller in der bayerischen Landeshauptstadt. Und ich selber bin, was sonst ich auch wurde, eines immer geblieben: ein Kind der Königsbrücker Straße.

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Das Erich-Kästner-Museum in Dresden wurde nach umfassender Sanierung und konzeptioneller Neuausrichtung im vergangenen Jahr neu eröffnet. Im nächsten Beitrag auf con=libri stelle ich die Einrichtung vor.

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Kästner, Erich: Als ich ein kleiner Junge war. – 11. Aufl., München, 2009

Stresow, Matthias: Auf den Spuren Erich Kästners in Dresden. – Dresden, 2014

Hölderlin in Hauptwil

Jetzt aber, drin im Gebirg

Die Schweizer Gemeinde Hauptwil liegt im Kanton Thurgau zwischen Bodensee und Säntis-Massiv, westlich von Sankt Gallen. Den Mittelpunkt bildet ein kleiner Weiher, an dessen Ufer sich eine Badeanstalt befindet, die an heißen Sommertagen von den wenigen Kindern und Jugendlichen im Ort genutzt wird. Es ist eine ruhige, eher unscheinbare Siedlung. Für heutige Reisende gibt es eigentlich wenig Grund hier länger zu verweilen. Doch für Literaturfreunde lohnt sich ein Besuch, vielleicht als kleiner Abstecher während eines Urlaubs oder Wandertags im Appenzell oder dem nahen Toggenburg.

Im Januar 1801 erreichte der Dichter und Gelehrte Friedrich Hölderlin von Stuttgart kommend, nach langer Reise durch das tief verschneite Oberschwaben, über den westlichen Bodensee und schließlich von Konstanz her, die Ortschaft Hauptwil. Den größten Teil des Weges hatte er zu Fuß zurückgelegt. Er trat eine Stelle als Hofmeister bei der Familie Gonzenbach an; seine Aufgabe bestand darin, die dreizehn- und vierzehnjährigen Töchter Augusta Dorothea und Barbara Julia zu unterrichten.

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In Hauptwil wurde er freundlich aufgenommen, wohnte in einem Zimmer zum Garten. Er fand sich rasch zurecht und war nicht unglücklich, wie er der Mutter im Brief mitteilte: Ich kann in der Tat nicht anders sagen, nach der Überzeugung, die ich mir seit 10 Tagen geben konnte, als dass die zahlreiche Familie, in der ich lebe, aus solchen Menschen besteht, unter denen man mit zufriedener Seele leben muß, so viel unschuldiger Frohsinn ist unter den jüngeren, und so ein gesunder Verstand, und edle Gutheit unter den Älteren.

Das Gehalt betrug 300 Gulden im Jahr, bei freier Kost und Logis. Die Familie Gonzenbach beherrschte den kleinen Ort. Das obere Schloss bewohnte eine ältere Linie; das untere Schloss, das sogenannte Kaufhaus, heute als Wohnhaus genutzt, die Familie des Kaufherrn Anton Gonzenbach. Bei diesem Aufenthalt in der Schweiz lernte Hölderlin die Landschaft des Alpenraums kennen und war von ihr so fasziniert, dass sich das später in hymnischer Dichtung niederschlug. Allerdings dauerte der Thurgauer Aufenthalt nicht lange. Bereits Mitte April trennte man sich wieder. In bestem Einvernehmen und voller Respekt – wie das Haus Gonzenbach versicherte.

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Über den raschen Abschied aus Hauptwil gibt es verschiedene Spekulationen und Interpretationen. Es wurden amouröse Verwicklungen unterstellt oder politische Differenzen mit dem Dienstherrn vermutet. Doch am wahrscheinlichsten ist, dass sich Anzeichen geistiger Erkrankung bei Hölderlin bemerkbar machten.

Bei einem Spaziergang durch das gegenwärtige Hauptwil kann man feststellen, dass die Gemeinde pfleglich mit der Erinnerung an den Hölderlin-Aufenthalt umgeht. Am ehemaligen Wohnhaus der Familie Gonzenbach ist eine Erinnerungstafel angebracht. Es gibt einen Hölderlin-Weg. Und im Oberen Schloss, dessen Seitenflügel heute ein Altersheim beherbergt, wurde ein Erdgeschoss-Raum zu einem kleinen Hölderlin-Museum umgestaltet. Es ist eine schlichte, sachlich und gleichzeitig liebevoll gestaltete Einrichtung. An den Wänden erzählen einheitliche Tafeln von dem Ereignis und ein wenig über das Drumherum. Die Tür steht meist offen. Der Raum ist den ganzen Tag über frei zugänglich.

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Von Hauptwil gelangt man in einer halben Stunde Autofahrt nach Sankt Gallen und damit in das quirlige, umtriebige City-Leben einer großen Kleinstadt. In der Mitte der Stadt liegt der Klosterkomplex. In der Stiftbibliothek werden 900 wertvolle Handschriften verwahrt. Im Kloster lebte bis im Jahre 912 der Mönch Notker, auch genannt der Stammler, einer der ersten großen Dichter und Gelehrten des deutschen Sprachraums.

Die letzte Lesung

Blau karierte Tischdecke, Rotwein und Pizza Frutti di Mare. Der Kellner im perfekt sitzenden Anzug mit nobler Fliege. Den italienischen Akzent wird er sich antrainiert haben, denn er wurde vor zwei Generationen in Deutschland geboren. Er sorgt sich dieser Tage um ältere Verwandtschaft, die noch in der Gegend von Bergamo lebt. Meine vorerst letzte Pizza außer Haus in diesem so geliebten Ambiente.

Der Erika-Mann-Platz im Zentrum. Alte Linden in der Mitte, drumherum fidele Mischung aus historischem Bestand und sachlicher Funktionalität. Ort quirliger Urbanität. Cafès, Kneipen, Restaurants. An der südöstlichen Ecke die kleine Kultbuchhandlung. Wird mein letzter Besuch im Laden auf unabsehbar der letzte bleiben? Wenige hundert Meter weiter, hinter dem Rathaus, die Stadtbibliothek. Seit zwei Wochen sichtbares Symbol einer hermetischen Gesellschaft. Dreivier Romane liegen zuhause, sie waren weniger fesselnd als erwartet. Die Leihfrist verlängert bis Sankt Nimmerlein.

Die letzte Bierbestellung bei Charlotte, genannt Charly, seit vielen Jahren Stammkraft in meiner Altstadt-Stammkneipe. Wenn ich gewusst hätte, dass diese Halbe an diesem Ort die letzte sein würde für lange Zeit, wäre es an diesem Abend bestimmt nicht die letzte geblieben.

Ich verbringe viel Zeit mit Kindern und Frau, was natürlich schön ist, und trauere manchmal den Veranstaltungen nach, die jetzt gerade wären. Der Schriftsteller Ingo Schulze im Hessischen Rundfunk.

Ingo Schulze (l.), Foto: Wiebke Haag

Ingo Schulze war der bislang letzte Schriftsteller, den ich auf einer echten Lesung, leibhaftig und vor Ort mit reichlich Zuhörerschaft erleben durfte. Damals, es war der 12. März, eine durchaus riskante Angelegenheit, obwohl mir die Eintrittskarte von einem Latexhandschuh überreicht wurde und reichlich Desinfektionsmittel strategisch günstig positioniert zur allgemeinen Verfügung standen. Doch dann der überfüllte Saal, die stickige Luft – der Besuch der Veranstaltung wurde zur Herausforderung des Schicksals. Das alles nicht einmal das reinste Vergnügen. Bei stümperhafter Moderation mit hohem Fremdschämfaktor und einem gleichmütig reagierenden Schriftsteller, der viel zu lange Passagen aus dem neuen Roman las und damit den potentiellen zukünftigen Lesern einiges an möglicher Spannung nahm.

Mitte März 2020. Kommt mir vor als wäre es schon ewig her. Die Buchmessestadt Leipzig ohne Buchmesse. Leipzig in trister Stimmung, bei bedecktem Himmel, gelegentlichem Regen und auffrischendem Nordostwind. Die Lesung von Schulze war eines der wenigen Ereignisse die vom geplanten und längst sorgfältig vorbereiteten, die Buchmesse normalerweise begleitenden Mega-Event Leipzig liest übrig blieb. Nicht wenige Buchmenschen waren trotz Messeausfall und viraler Widrigkeiten nach Sachsen gekommen. (Es war kurz vor den Verboten und wohlmeinenden Verhaltensnormen – eine Zeitenwende vor heute.) Aus Solidarität mit den kleinen Verlagen, den unabhängigen Buchhändlern, den verblüfften Autoren und Autorinnen, die langsam erkannten, dass es ab sofort an die Fundamente ihrer materiellen Existenz gehen würde. Aus Sympathie zum Hotel in dem man seit Jahren entgegen der üblichen Messetrends stets wohlfeile und freundliche Aufnahme fand.

So viele Gutscheine können wir gar nicht verkaufen, sagen die Inhaber der kleinen Buchläden, so tolle Webshops nicht ins Netz stampfen, so viele Fahrradkuriere niemals aussenden, so viel auf Kosten der eigenen Gesundheit schuften, dass die jetzt eingetretenen Verluste kompensiert werden könnten. Camus Pest und Manns Tod in Venedig sind die Seuchenbestseller, die sie in günstigen Taschenbuchausgaben den Kunden vor die Quarantäne-Schleuse legen dürfen.

Seltsam im Freien zu Wandeln. Mit Misstrauen bedacht ein Jeglicher der entgegenkommt, schon vorab verdächtig der Bereitschaft die nunmehr geltenden Abstands- und Anstandsregeln zu verletzen. Die Folge ist verdrucktes, huschiges Aneinandervorbei. Wenige Schritte weiter springt ein Plakat ins Auge das Dank aus- und Solidarität verspricht, und im Ohr noch den Fernsehsprecher, der von Wellen der Hilfsbereitschaft weiß und dessen Sender versichert für EUCH, also für dich und mich, da zu sein.

Das letzte Buch gelesen. In der Krise plötzlich nicht mehr lesen können. … Ich spiele Scrabble mit einer App, ich schaue Netflix, ca. dreizehn Minuten. Dann falle ich in einen tiefen Schlaf. Es läuft ganz gut, dachte ich, aber heute ist so ein Tag, an dem der Rücken schmerzt, und alles reizt, jede Kleinigkeit, und ich nicht mehr mag, und ich das auch so gerne einfach so sagen möchte: Ich mag nicht mehr. (Die Schriftstellerin Lena Gorelik über den Alltag in der Isolation, mit Kinderbetreuung, Autorinnentätigkeit und vernachlässigten individuellen Bedürfnissen.)

Seltsam kommt es nun jenen vor die Enkel haben und denen nicht mehr nahe sein dürfen. Vorlesestunden mit kuscheligem Aneinander sind Vergangenheit. Datenfernkommunkation in Ton und Bild stellt keine wirklich genügende Ersatznähe her. Da muss in höchster Not und angesichts akutem Büchermangel der beliebte Logistikdienstleister DHL bemüht werden. Und so gehen Der Räuber Hotzenplotz, die einfallsreichen Geschichten und Bilder von Janosch, Der Maulwurf Grabowski zusammen mit vielen anderen spannenden Erzählungen und bunten Bilderwelten als Fünf-Kilo-Paket auf die Reise zu den Lieben, die geographisch nah, gleichzeitig unerreichbar sind. Seltsam auch das längst erwachsene Kind in einem anderen Land zu wissen, in dem die Menschen zwar die gleiche Sprache sprechen und das ungleich näher liegt als irgend ein sagenumwobenes Timbuktu, das jedoch, gleich dem eigenen Staat, Grenzen definiert, die Begegnungen mit Hüben oder Drüben ausschließen. 

Große Reiche vergehen, ein gutes Buch bleibt. Ich glaube an gut beschriebenes Papier mehr als an Maschinengewehre, lässt Lion Feuchtwanger sein alter ego Jacques Tüverlin im Roman Erfolg feststellen. Corona ist lautlos und hinterhältig, mikroskopisch klein und mit Literatur allein nicht zu besiegen, allenfalls besser zu ertragen. Es gilt die Zeit mit guten Büchern zu überbrücken, bis der Gegner mit den Waffen moderner medizinisch-biologischer Forschung in seine Schranken gewiesen werden kann. Dann wäre neu zu hoffen: Dass die emsige Buchhandlung im Städtchen wieder öffnet, der kleine unabhängige Lieblingsverlag noch existiert, eine nächste Buchmesse angekündigt wird. Und die Generationen wieder auf einem Lesesofa vereint sind.

Von Blitzen aus heiterem Himmel, wahren Freunden und grünen Brüsten

Kurzgeschichten des rumänischen Autors Florin Iaru.

So geht short story. In 53 Erzählungen demonstriert der rumänische Schriftsteller auf meist nur wenigen Druckseiten was echte Kurzprosa kann. Die grünen Brüste (Im Original: Sînii verzi, erschienen 2017) ist sein dritter Band mit Arbeiten dieser Form, der erste in deutscher Übersetzung. Erschienen ist das Buch im Ulmer Verlag danube books. Den farbigen Schutzumschlag mit seinen anspielungsreichen Motiven hat der Ulmer Künstler und Autor Florian L. Arnold entworfen.

Immer wieder geht es in Iarus Geschichten um das Verhältnis der Geschlechter, um Spannungen, Missverständnisse zwischen Mann und Frau, um nicht selten unrealistische, gegenseitige Erwartungen. Dankbaren und umfangreichen Erzählstoff bietet das Feld des Alltäglichen, des allzu Menschlichen. Seine Darstellungen sind humorvoll, hinterhältig, zugespitzt. Er spielt geschickt mit dramatischen Steigerungen, flunkert gerne spitzbübisch und entzaubert doppelbödig die eine oder andere sicher geglaubte Gewissheit. Das ist oft skurril und witzig, manchmal prall und drastisch, gerne auch frivol, verträumt oder tragisch. Immer jedoch pointiert, mit originellen Sichtweisen, scharfen Beobachtungen und überraschenden Wendungen.

Wie in der Story Der Blitz aus heiterem Himmel. In der wir teilhaben am Abnützungskrieg eines kleinbürgerlichen Ehepaars mit zwei Kindern. Die Kinder laufen eher am Rande mit, erwünscht sind sie wohl längst nicht mehr. Die Partner schwanken zwischen kurzen Phasen des Einvernehmens und Eskalationen, die unversehens in Hass und Ablehnung umschlagen. Die Schlusssätze deuten eine Konsequenz an die eigentlich vorhersehbar war und dennoch unerwartet kommt. Mit keinem Wort zuviel ist das vortrefflich auf den Punkt geschrieben.

Dank einer einfühlsamen und sicheren Übersetzung ist davon auszugehen, dass Ton und Intention des Verfassers in der deutschen Übertragung stimmig wiederzufinden sind. Manuela Klenke wurde 1984 in Cluj-Napoca geboren, lebt jetzt in Osnabrück und arbeitet als Übersetzerin aus dem Rumänischen. Ihre erste literarische Übersetzung war der viel beachtete Roman Null Komma Irgendwas (Interior zero) von Lavinia Branişte, der im mikrotext Verlag erschienen ist. Bei Manuela Klenke waltet nicht unter wirtschaftlichem Druck gepfuschte Oberflächlichkeit, wie wir es aus vielen Übersetzungen englischsprachiger Massenware kennen. Sie leistet mit Sorgfalt, wortforschender Geduld, Satz für Satz, Absatz für Absatz, akribische Arbeit.

Bei der titelgebenden Erzählung handelt es sich um Stoff aus der gegenwärtig sehr beliebten Kategorie Coming-of-Age. Sie zeigt deutlich und exemplarisch Iarus prägnante Ausdruckskraft. Lakonisch und präzise gelingt ihm die erzählerische Verdichtung ohne jede Oberflächlichkeit. Es geht um den fast unerträglichen Leidensdruck eines 15-jährigen Mädchens, das, nicht untypisch für die Altersgruppe, mit ihrer körperlichen Erscheinung unzufrieden ist. Sie fühlt sich von der Natur vernachlässigt, sieht sich als hässliches Entlein dem ein Mauerblümchen-Schicksal droht. Vor allem ist es Adelas unterentwickelte Oberweite, wie sie vergleichend feststellt, die sie in Verzweiflung und Depression stürzt. Zu allem Übel muss sie schmerzlich erfahren, dass Dillkompressen das Brustwachstum keineswegs fördern, sondern die jungen Knospen lediglich nachhaltig grün färben. Die Geschichte nimmt schließlich ein sehr versöhnliches Ende. (Natürlich hat mir persönlich besonders gefallen, dass Adela Lesetherapie zur Linderung ihres quälenden Seelenzustandes einsetzt.)

Foto: Mihai Barbu

Florin Iaru, mit bürgerlichem Namen Florin Râpă, wurde 1954 in Bukarest geboren und gehört seit vielen Jahren zu den etablierten Autoren Rumäniens. Er arbeitete unter anderem für das rumänische Fernsehen und ist als Redakteur und Herausgeber von Zeitschriften tätig. Sein literarisches Debüt im Jahre 1981 trägt den Titel Cântece de trecut strada (Lieder zum Überqueren der Straße). Neben Bänden mit Erzählungen und Gedichten hat er Lyrik und Prosa in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Gedichte von Florin Iaru wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Was fehlt? Vielleicht ein Vor- oder Nachwort das uns deutschen Lesern hilft den Autor innerhalb der rumänischen Literatur einzuordnen. Ergänzend zum Hinweis des Verlags, dass Iarus Geschichten gesellschaftskritische Themen aufgreifen, hätte man sich Angaben zur Entstehungszeit gewünscht. Das vorliegende Buch mit den 53 Kurzgeschichten enthält zusätzlich einen Teil mit dem Titel Erinnerungen. Drei Texte von denen es interessant zu wissen wäre, was es damit auf sich hat und wie autobiographisch sie einzuschätzen sind.

Die Kurzgeschichten von Florin Iaru in der Sammlung Die grünen Brüste sind durchweg fesselnde, lohnende Lektüre, die sich übrigens hervorragend für etwas eignet, das (zumindest unter Erwachsenen) etwas aus der Mode gekommen ist: Zum Vorlesen, gegenseitig, wechselseitig – in lauschiger Atmosphäre ein unterhaltsames Vergnügen.

Common Ground. Literatur aus Südosteuropa heißt einer der Themenschwerpunkte der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Eine gute Idee, ein anderer Blickwinkel und notwendige Alternative zum meist westlich, an der angloamerikanischen Dominanz orientierten Mainstream. Das Verlagsprogramm von danube books spiegelt die kulturelle Vielfalt der Donauländer, Veröffentlichungen aus dem Südosten Europas stehen im Zentrum des Angebots. In Leipzig sind Titel dieses ambitionierten Programms an den Ständen der Slowakischen Literaturagentur SLOLIA und des Rumänischen Kulturinstituts zu finden.

Florin Iaru wird nicht nach Leipzig kommen. Wer ihn zusammen mit seiner Übersetzerin Manuela Klenke erleben möchte, hat im Mai zweimal dazu Gelegenheit: Am 6. Mai in Osnabrück in der Buchhandlung zur Heide und am 8. Mai in Erfurt im Kulturhaus Dacheröden. Das Radioprogramm Ö 1 des Österreichischen Rundfunks (ORF) bringt in seiner Reihe Radiogeschichten einen Beitrag über Die grünen Brüste und den Autor Florin Iaru. Am 23. April 2020, 11:05 Uhr, Titel: Vom Absurden im Normalen.

Iaru, Florin: Die grünen Brüste. Erzählungen. Aus dem Rumänischen übersetzt von Manuela Klenke. – danube books, 2020

 

Drei Kilometer

Über den Debütroman von Nadine Schneider

Aber davon, wie das Ende ist, ahnt man nichts. Man ahnt nicht, dass kein Frühling mehr kommt, und nichts von einem letzten Sommer.

Der Fluss Temesch (Rumänisch: Timiș) entspringt im rumänischen Mittelgebirge Semenic, erreicht nahe Grănicerii die serbische Grenze und mündet nach 359 Kilometern bei Pančevo in die Donau. 1989 ist Serbien ein Landesteil der von Staatschef Tito mit harter Hand zusammengehaltenen sozialistischen Republik Jugoslawien. In Rumänien beherrscht der Ceaușescu-Clan das Land. Die Macht seiner Geheimdienste reicht bis in die hinterste Provinz, die Wirtschaft ist ruiniert und die Bevölkerung leidet unter Mangel, Bespitzelungen, vielfältigen Formen von Unterdrückung und die jüngere Generation unter einer deprimierenden Perspektivlosigkeit.

Nadine Schneiders Erzählung beginnt im Spätsommer 1989. Drei junge Erwachsene – Hans, Anna und Misch – gehören zu einer seit Jahrhunderten in Rumänien beheimateten deutschsprachigen Minderheit (sogenannte Banater Schwaben). Sie leben in einem Dorf an der Temesch, drei Kilometer von der jugoslawischen Grenze entfernt. Die Sommer sind heiß und staubig. Riesige Maisfelder prägen im August und September die Landschaft. 

Die hochgewachsenen Pflanzen bieten für einen begrenzten Zeitraum willkommenen Schutz für eine Flucht ins benachbarte Ausland. Für viele Banater heißt das Sehnsuchtsziel Bundesrepublik Deutschland, wo oft schon Verwandte oder Bekannte leben. Doch die Flucht ist nicht ohne Risiko. Wer auf serbischer Seite gefasst wird, landet zunächst einmal in einem jugoslawischen Gefängnis.

Foto: Wiebke Haag

Die Protagonisten in Nadine Schneiders Roman sind hin- und hergerissen. Frei nach dem Liedermacher Wolf Biermann möchten sie am liebsten weg – und blieben am liebsten hier. Sie hängen an dem gewohnten Zuhause in dem sie aufgewachsen sind, lieben ihre Familien, haben Freunde und sind verwurzelt in Landschaft und Traditionen. Wenig aussichtsreich ist jedoch ihre Zukunft vor Ort, quälend sind Gegenwart und Alltag mit politischer Gleichschaltung, mangelndem Vertrauen in die Mitmenschen, dem verweigerten Studium, der stupiden Arbeit in der Fabrik. 

… ich wollte nicht weg. Ich wollte mir nichts anderes vorstellen außer heißen Augusttagen und Wintern, in denen die Kälte fest gegen die Fenster drückte. Nichts außer dem Frühling, wenn die alten Frauen ihre Bänke vor den Häusern bezogen …

Das Thema Flucht ist für Hans, Anna und Misch allgegenwärtig. Offen darüber gesprochen wird nicht. Immer wieder verschwindet mal jemand aus dem Umfeld. Gräber auf dem Friedhof werden nicht mehr besucht und gepflegt. Häuser bleiben leer, Gärten verwildern. Nicht allen wird der Neuanfang gelingen, die Verheißungen des freien Westen sind groß, Desillusionierungen vorprogrammiert. So oder so: Am Ende ist der Verlustkatalog (György Dragoman) nur schwer erträglich.

Die drei Freunde sind sehr unterschiedlich in Charakter und Temperament. Aus der reinen Freundschaft wird ein brisantes Dreiecksverhältnis. Es entstehen Unsicherheiten und Zweifel an der gegenseitigen Verlässlichkeit, ein Seiltanz zwischen Treue und Verrat. Und unterschwellig gären die Fluchtpläne. Aufgeben oder standhalten? Gehen oder bleiben? Gute Gründe gibt es für beide Alternativen, schlechte ebenso. 

Es ist der Spätsommer dieses besonderen Jahres 1989. Dass in Kürze in Berlin eine Mauer fallen und eine Grenze sich öffnen wird, eine neue Zeit unmittelbar bevorsteht, die fundamentale Veränderungen der politischen Verhältnisse in Deutschland, Rumänien und Europa bringen würde, und dass die Uhr für die Ceaușescus und Konsorten bereits tickt, konnte sich in diesem Sommer, nicht nur in Südosteuropa, niemand vorstellen.

In der Jugend spielt sich das Leben im Feld der Möglichkeiten ab, hat Iris Wolff formuliert. Genau das und die damit verbundenen Ambivalenzen beschreibt Nadine Schneider am Beispiel ihrer Hauptfiguren präzise und intensiv. Ihre klare Sprache findet dabei immer wieder zu wunderschönen Bildern und poetischen Passagen. Ihre Schilderungen der Natur und der Jahreszeiten, des Selbstverständlichen und des Besonderen verdichtet sie zu hoher Intensität.

Seufzend verschränkte mein Vater die Arme und sah zum Himmel. Er war klar und so übersät von Sternen, dass das Schwarz beinahe verschwand unter den weißen Punkten ausgeschütteten Lichts.

Nadine Schneider wurde 1990 in Nürnberg geboren, studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Regensburg, Cremona und Berlin, wo sie heute lebt. Sie war mehrfach Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens, Finalistin beim 22. Irseer Pegasus und wurde beim Literaturpreis Prenzlauer Berg ausgezeichnet. Drei Kilometer ist, nach einigen Veröffentlichungen in Anthologien, ihr erster Roman, für den sie den Literaturpreis der Stadt Fulda 2020 und den Bloggerpreis für Literatur Das Debüt 2019 erhielt.

Foto: Laurin Gutwin

Selbst Tochter Banater Schwaben konnte sie Stoff und Fakten für ihre Geschichte dennoch nur begrenzt aus familiären Erinnerungen gewinnen. Sie recherchierte vor Ort und fand in Bibliotheken Material, das ihr die exakte Schilderung von Tages- und Jahresabläufen, sowie regionaler, volksgruppentypischer Gebräuche und Eigenheiten ermöglichte.

Die Tatsache, dass wir als Leser von Anfang an wissen wie die Weltgeschichte nach dem Sommer ‘89 weiterging, lässt uns mit zunehmender Spannung auf Misch, Anna, Hans und ihr Schicksal blicken. Zudem bleibt lange offen wer von den Dreien sich letztlich zur Flucht entschließt oder nicht. Das Buch ist in drei Teilen angelegt, die grob den Jahreszeiten Sommer, Herbst und Winter folgen.

Mit den Stürmen des Herbst und dem winterlichen Frost kommt der Mangel.

Der Herbst verarmte uns. Wir litten nicht Hunger, doch immer schien zu wenig auf dem Teller zu sein, und das Gefühl, nie satt zu werden, war zur Gewohnheit geworden.

Im Spätherbst des Jahres 1998 beginnt es nicht nur in der Natur zu stürmen. Lange aufgestaute Wut und zunehmende Verzweiflung lässt die Menschen auf die Straße gehen. In den Städten kommt es zu Demonstrationen und Streiks. Das Regime schlägt blutig zurück. Doch das Ende der Ceaușescu-Zeit rückt näher, das Land steht vor gewaltigen Umbrüchen. In diesen Passagen des Romans werden Nadine Schneiders Beschreibungen drastisch und eindringlich. Sie spart nichts aus was die Kehrseite der kleinen Hoffnungsfunken an Schrecken und Gefahren mit sich bringt. Das liest sich packend, großartig, bewegend.

Schneider, Nadine: Drei Kilometer. – Jung und Jung, 2019

 

Buch Wien 2019

Was war und was nicht.

Zuverlässig. Pünktlich. Preisgünstig und fast rund um die Uhr bringen Busse, U-Bahn und Straßenbahnen (Wiener Straßenbahn: 306 Millionen Fahrgäste / 2016, Gleislänge 432 km) der Wiener Linien Tag für Tag tausende Menschen von hier nach dort in dieser faszinierenden Stadt. Von Theater zu Theater. Von Kaffeehaus zu Kaffeehaus. Ins Belvedere, nach Schönbrunn, spät des Abends vom Beisl sicher nach Hause. Oder an die Messehalle D. Zur Buch Wien.

Buch Wien? So nennt sich seit nunmehr 11 Jahren eine Messe, die mit ihrem Namen regionale Begrenzung andeutet und sich gleichzeitig zunehmend zur österreichischen Buchmesse mit Alleinstellungsmerkmal entwickelt. Vielleicht gelingt es dem Format, den bundesdeutschen Vorbildern Leipzig und Frankfurt in den kommenden Jahren in Sachen Größe, Zuspruch und Debattentauglichkeit ein Stück näher zu rücken.

Was fehlte (1). Auf der abendlichen Eröffnungsveranstaltung wurden die angekündigten Michael Köhlmeier und Tobias Moretti vermisst. Sie fehlten krankheitsbedingt. G’rad schad’ war’s. Die entstandenen Lücken boten der sehr animierten und redseligen Vea Kaiser umso mehr Raum und Zeit sich den Gästen als unterhaltsame Plaudertasche und Vollbluterzählerin zu präsentieren. Gerüchte, die Kaiser gäbe nächstens in Salzburg die neue Buhlschaft an der Seite Morettis, erwiesen sich als aus der Luft gegriffen. Es wird die wunderbare Caroline Peters, längst eine der beliebtesten Darstellerinnen am Burgtheater.

Verlage (1). Große und kleine. Erfolgreiche und aufstrebende. Seltsame und weitgereiste aus dem Morgenland. Für so wenige ist Platz in einem kleinen Literaturblog. Es bleibt bei exemplarischen Erwähnungen. Als da wären die Macher von Text/Rahmen. Dominik Uhl und Michael Marlovics haben beide sehr sinnerfüllende Hauptberufe, dennoch sind sie alles andere als Amateure (Roman von Kinga Litkey, erschienen bei Text/Rahmen) im Verlagsmetier. 

Engagement, Herzblut und ein Stück Selbstausbeutung sorgen für das spannende, beachtlich umfangreiche Programm. Autoren und Autorinnen bekommen bei ihnen die meist erste Möglichkeit, mit einem Roman, einer Erzählung die literarische Bühne zu betreten. Ich mag, wie du denkst (Erzählung von Thorsten Pütz bei Text/Rahmen), Ja, und ich mag was sie machen und wie sie es machen. Es gibt natürlich auch Krimis. Und einen erstaunlichen, originellen Bildband von Alex Dietrich mit dem Titel Da letzte Schmäh. Eine visuelle Konfrontation mit den Nicht-Orten Wiens und gleichzeitig heimliche Liebeserklärung an diese Stadt.

Preiswürdig (1). Norbert Gstrein bekam für seinen neuesten Roman Als ich jung war, den österreichischen Buchpreis. (Auch er fehlte auf der Messe krankheitsbedingt.) Der Debütpreis ging – und zu dieser Wahl kann man nur herzhaft applaudieren – an Angela Lehner für Vater unser. Mit dem Titel stand sie bereits auf der Longlist für den deutschen Buchpreis. Die in Berlin lebende Autorin stellte das Buch mit sichtlichem Vergnügen und unverkennbar osttiroler Akzent vor und erzählte anekdotenreich vom mühsamen Werden desselben. Dazu gehörten unter anderem umfangreiche Recherchen im Otto-Wagner-Spital, einer psychiatrischen und sozialmedizinischen Klinik, die durch Thomas Bernhard als Baumgartner Höhe (s. Wittgensteins Neffe) literarisch verwertet wurde. Hier wird die Protagonistin von Lehners Roman eingeliefert, deren Geschichte wir alsdann erfahren. Humorvoll, manchmal tragisch, immer gekonnt erzählt.

Aufgeschnappt (1). Romane sind eine Zeitverschwendung der Leser. Davor verschont uns die bulgarische Dichterin und Bibliothekarin Yordanka Beleva. Sie selbst belässt es bei kurzen Formen, Lyrik und kleinen Erzählungen. Würden alle so schreiben und publizieren, kämen Buchmessen mit deutlich weniger Platz aus. Mir würde allerdings sehr viel fehlen.

Verlage (2). Kaum hatte man die Messehalle betreten, stand man schon vor einem gigantischen Stapel Handke-Bücher. Er hat viel geschrieben, von ihm wurde und wird viel verlegt, über ihn wird reichlich diskutiert, er ist der Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 2019, vor Ort war er nicht. Olga Tokarczuk ist die Literatur-Nobelpreisträgerin des Jahres 2018. (Die Ehrung widerfuhr ihr erst in diesem Jahr, gleichzeitig mit Handke, da die Nobelkommission vorübergehend außer Diensten gewesen war.) Ihre Bücher führten am Schweizer Gemeinschaftsstand ein Nischendasein. Die deutschen Übersetzungen werden inzwischen komplett von Kampa verlegt. Bis Ende November soll ihr Werk nahezu vollständig in Neuauflagen vorliegen. Angeboten wurde bereits Die Jakobsbücher, jenes umfangreiche, vielschichtige Werk, für das sie von den Stockholmern ausgezeichnet wurde. (Kampa hat übrigens den derzeit wieder sehr angesagten Simenon im Portfolio.)

Was fehlte (2). Fehlen wird, und das wohl für immer, eine deutsche Übersetzung von Olga Tokarczuk allererstem Roman Podróż ludzi księgi (auf deutsch etwa: Reise der Buchmenschen). Wie bei Kampa zu erfahren war, hat sich die Autorin inzwischen von dem Werk distanziert und lässt eine Übersetzung und das Erscheinen in deutscher Sprache nicht zu. Schade, natürlich wäre nicht nur ich jetzt erst recht gespannt auf diesen Erstling. Es gab ein wenig Hinundher, ob denn bereits einmal eine deutsche Ausgabe dieser Buchmenschen erschienen sei. Alle Recherchen ergaben, dass dem wohl nicht so ist. Auf con=libri gibt es einen Beitrag über Tokarczuks Ur und andere Zeiten

Aufgeschnappt (2). Kinder wollen nichts Postmodernes – sie wollen einfach eine Geschichte. Da kann man Iva Procházková nur zustimmen. Die Tschechin lebt in Wien und ist eine renommierte Kinderbuchautorin. (Die tschechische Kinderliteratur ist ja bekanntlich sehr vielfältig und hochwertig, nicht umsonst werden die Bücher häufig übersetzt.) Letztes Jahr erschien ein erster Kriminalroman von ihr: Der Mann am Grund: Der erste Fall von Kommissar Holina.

Verlage (3). Danube books aus Ulm kümmert sich schwerpunktmäßig um den Donauraum und Südosteuropa. Verleger Thomas Zehender ist ausgezeichnet vernetzt. Dank langjährig gepflegter Beziehungen zu kulturellen Institutionen und Persönlichkeiten aus den entsprechenden Ländern ist ein Programm entstanden, das aus Titeln zu aktuellen politischen Themen, anspruchsvoller Lyrik und erzählender Literatur besteht. Der Verlag möchte nationale Grenzen überwinden und die kulturelle Vielfalt der Donauregion fördern.

Mich hat der bescheidene Auftritt der 81-jährigen Kristiane Kondrat beeindruckt. Danube books hat ihren Roman Abstufung dreier Nuancen von Grau neu aufgelegt. Sie entstammt einer deutschen Familie in Rumänien und wurde als Aloisia Bohn in Reschitz (Banat) geboren. Sie studierte Germanistik und Rumänistik und schrieb zunächst für die Schublade, da eine Veröffentlichung ihrer Arbeiten unter den herrschenden Regimen nicht möglich war. Das Schreiben war für sie Flucht vor der Indoktrination, der Gehirnwäsche durch die offizielle Propaganda. Seit 1973 lebt die Autorin in Deutschland. Vor der Ausreise aus Rumänien wurde sie genötigt zu erklären, dass sie weder mündlich noch schriftlich etwas sagen oder veröffentlichen würde, das der Sozialistischen Republik Rumänien Schaden könnte. Deshalb veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Kristiane Kondrat.

In ihrem Roman erzählt sie von einer jungen Frau auf der Flucht, die sich verfolgt und in die Enge getrieben fühlt. Überall stößt sie auf Menschen, die sie scheinbar bedrohen und ihr Angst machen. Doch allmählich kann sie dieser Angst Grenzen setzen und sich letztlich sogar davon befreien. Diese Geschichte einer Traumatisierung und ihrer Überwindung erzählt die Autorin vor dem Hintergrund eigener Lebenserfahrung. Kondrat gelingen kraftvolle Bilder, ihre genauen Beobachtungen gibt sie in poetischer Form wieder. Es ist die Sprache einer reifen Schriftstellerin, der man wünscht, dass sie noch etwas breiter wahrgenommen wird.

Exkurs. Vor undoder nach den Messebesuchen ins Kaffeehaus. Das Café Weimar ist in der Währinger Straße, vom Schottentor kommend, am Sigmund-Freud-Park vorbei, kurz vor der Volksoper in einem Eckhaus. Hier wurde die Urkunde der UNESCO überreicht, die die Wiener Kaffeehauskultur zum immateriellen Weltkulturerbe erklärte. Unverzichtbar – zumindest für mich – bei einem Wienbesuch die Einkehr im beliebten Sperl, und sei es nur wegen der gerösteten Knödel mit leckerem Salätchen. Und natürlich nicht zu vergessen das einmalige Phil. Zum zweiten Frühstück inmitten von Büchern. Hier ist immer wieder eine Entdeckung zu machen, die man anderswo nicht findet. Und dann ist da ja noch das unverwechselbare Publikum. Lehrende und Lernende, Lesende und Schreibende und allerhand anderes kreatives Volk.

Preiswürdig (2). Der Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur wird von der Stadt Wien und dem Hauptverband des Österreichischen Buchhandels vergeben. Bereits zum zweiten Mal wurde Alex Beer damit ausgezeichnet. Die studierte Archäologin schreibt akribisch recherchierte historische Romane in Form von Krimis. Im Frühjahr erschien der dritte Band rund um den Ermittler August Emmerich. Wie die Vorgänger Der zweite Reiter und Die rote Frau hat Der dunkle Bote das notleidende Wien der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zur Kulisse. Breite Bevölkerungsschichten sind von Armut, Arbeitslosigkeit und fehlenden Perspektiven betroffen. Das ist oft düster, sehr authentisch und ausgesprochen spannend.

Alex Beer auf der Buch Wien 2019

Aufgeschnappt (3). Wir erinnern uns immer so, wie wir es gerade noch ertragen können. Sagte Nora Bossong, die mit ihrem aktuellen Roman Schutzzone auf der Buch Wien 2019 vertreten war. In Schutzzone stehen private Schicksale für eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Vereinten Nationen in Krisen- und Kriegsregionen.

Was nicht fehlte. Was wäre eine Buchmesse ohne all den unverzichtbaren Tand und Trödel den man handelstechnisch unter dem Begriff Nonbook zusammenfasst. Also all jene Produkte, für die man nicht notwendigerweise lesen können muss. Sternenstanzer und Stiftespitzer, Pesto und Kürbiskerne, Malbücher, Puzzles und Mottoshirts, Schmink- und Bastelsets, Paprikapulver und Malkreide. Und vieles mehr!

Was fehlte (3). Petra Hartlieb. Tausendsassa und Allgegenwärtigkeit der Branchenszene. Sie hatte sich eine Auszeit genommen und eine Kur gegönnt.

***

Lehner, Angela: Vater unser. Roman. – Hanser, 2019

Tokarczuk, Olga: Die Jakobsbücher oder eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet. – Kampa, 2019

Tokarczuk, Olga: Ur und andere Zeiten. Roman. – Neuaufl. Kampa, 2019. s. con=libri

Procházková, Iva: Der Mann am Grund. Der erste Fall von Kommissar Holina. – Braumüller, 2018

Kondrat, Kristiane: Abstufung dreier Nuancen von Grau. Roman mit einem Vorwort von Christina Rossi. – Neuaufl. danube books, 2019

Beer, Alex: Der dunkle Bote. Ein Fall für August Emmerich. Kriminalroman. – Limes, 2019

Bossong, Nora: Schutzzone. Roman. – Suhrkamp, 2019

Links zu den Verlagen:

Text/Rahmen

Kampa

danube books

 

Von Radebeul nach Stambul

Fragen an den Karl-May-Forscher Dr. Ulrich Scheinhammer-Schmid

Karl May ist einer der besten deutschen Erzähler, und er wäre vielleicht der beste schlechthin, wäre er eben kein armer, verwirrter Proletarier gewesen … Karl May ist aus dem Geschlecht von Wilhelm Hauff; nur mit mehr Handlung, er schreibt keine blumigen Träume, sondern Wildträume, gleichsam reißende Märchen. (Ernst Bloch) *

Die aktuelle deutsche Theaterstatistik verzeichnet nicht – wie vielleicht zu vermuten wäre – das Werk eines klassischen oder modernen Dramatikers auf dem ersten Platz der Zuschauer-Charts. Den Spitzenplatz belegt eine Freilichtaufführung nach Karl May: Winnetou und das Geheimnis der Felsenburg auf der Freilichtbühne der Karl-May-Spiele Bad Segeberg war in der Spielzeit 2017/18 der Zuschauermagnet auf deutschen Bühnen! Schon auf Platz 3 ein weiteres Stück des populären Volksschriftstellers: Winnetou II bei den Karl-May-Festspielen Elspe im Sauerland. Erst auf Platz 4 folgt das erwartbare Ur-Drama der Deutschen, Goethes Faust

Gedruckt erzielen die Werke Karl Mays Jahr für Jahr stabile Verkaufszahlen. Allen voran die drei Winnetou-Bände und die Orient-Reihe rund um den Helden Kara Ben Nemsi. Der erste Winnetou-Band von 1893 – inzwischen in einer mehrmals revidierten Fassung – erreichte eine deutschsprachige Auflage von 3.916.000 Exemplaren. Eine 1987 im Verlag von Franz Greno, Nördlingen, begonnene Historisch-kritische Ausgabe wird inzwischen von der Karl-May-Gesellschaft herausgegeben. Die Edition Karl Mays Werke will einem breiten Publikum verlässliche und in ihrer Entstehung durchschaubare Texte aller Schriften Karl Mays zugänglich machen. Karl May und seine literarischen Werke sind zudem längst Gegenstand wissenschaftlicher Forschung verschiedener Disziplinen. Zahlreiche Bachelor- und Masterarbeiten sowie Dissertationen sind so entstanden.

Von begeisterter Leserschaft bis zu vertiefender wissenschaftlicher Arbeit reicht die Beschäftigung des Neu-Ulmers Ulrich Scheinhammer-Schmid mit Karl May und seinem ebenso vielschichtigen wie umfangreichen Werk. Für con=libri beantwortete Dr. Ulrich Scheinhammer-Schmid Fragen zu seinem lebenslangen Interessen- und Forschungsschwerpunkt. 

Herr Dr. Scheinhammer-Schmid, haben Sie, wie viele weitere Ihrer Generation und zumindest noch der nachfolgenden, die Werke Karl Mays als Heranwachsender auch regelrecht verschlungen?

So war es tatsächlich, wobei ich immer schon, über die Abenteuer hinaus, stark an biographischen und literaturgeschichtlichen Aspekten interessiert war (greifbar z.B. an dem Band „Ich“ der Gesammelten Werke). Von einem Schulfreund meines Vaters bekam ich alte Ausgaben aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg; dazu die berühmte Bildmappe mit den Titelbildern des mit May befreundeten Malers Sascha Schneider. Leider ging das alles im Lauf der Zeit verloren, weil ich das Interesse an Karl May verloren hatte.

Mit einer längeren Unterbrechung haben Sie – neben Schule und Familie- mehrere Jahre an Ihrer Dissertation über Karl May gearbeitet. War das der Beginn Ihrer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem berühmten Reise- und Abenteuer-Schriftsteller? Wie kam es dazu?

Das war etwas skurril: mein Doktorvater Klaus Kanzog, von Haus aus Editionsphilologe (vor allem zu Kleist), wollte ein Thema aus diesem Gebiet. Da stieß ich auf Karl May und die Probleme seiner Handschriften der Werke nach 1900, über die Hans Wollschläger in „Konkret“ einen Aufsatz veröffentlicht hatte. Klaus Kanzog war gleich mit dem Vorschlag einverstanden, weil er mit seiner ersten, inzwischen verstorbenen Frau immer in die Karl-May-Filme der sechziger Jahre gegangen war und seine Frau dann immer über die Filme geschimpft hatte: „Karl May ist viel besser als die Filme!“ So war er von meinem Vorschlag angetan.

Seit 1987 erscheint die Historisch-kritische Ausgabe der Werke Karl Mays – ein Mammutunternehmen, an dem Sie als einer der Herausgeber maßgeblich beteiligt sind. Zuletzt haben Sie die im Zentrum des Leserinteresses stehenden Bände Winnetou I, II und III herausgegeben. Wie kann man sich als Laie die Arbeit eines solchen Herausgebers vorstellen?

Ich muss gestehen, dass die Hauptarbeit der Bandbearbeiter (in diesem Fall Joachim Biermann) gemacht hat; als Herausgeber muss man die Texte nach Fertigstellung überprüfen und redigieren, wobei ich hier mit großem Vergnügen auch meine editionsphilologischen Kenntnisse einbringen konnte.

Seit den 1970er Jahren sind immerhin ca. 25 Doktorarbeiten über den Volksschriftsteller Karl May an deutschen Universitäten und Hochschulen veröffentlicht worden, zuletzt 2014 eine Arbeit über das didaktische Potential von Karl Mays Erzählungen für die Jugend. Wie wird das Faszinosum „Karl May“ heute betrachtet – wird er noch von einer signifikanten Anzahl von Heranwachsenden gelesen oder ist das Interesse vor allem auf den akademischen und populärwissenschaftlichen Blickwinkel begrenzt? 

Ich kann diese Frage nicht schlüssig beantworten; Bibliothekarinnen versichern mir, Karl May werde noch ausgeliehen und damit wohl auch gelesen (in der Ulmer Stadtbibliothek steht jedenfalls eine größere Anzahl Bände dauerhaft im Regal). Für die Wissenschaft ist May in vielfacher Hinsicht ein spannender Fall: literatursoziologisch, erzähltechnisch und auch von seiner Technik der Quellennutzung her! Er hat ja die Länder, über die er schreibt, vor allem den Orient und Nordamerika, erst im Alter gesehen!

Ulrich Scheinhammer-Schmid bei einer Lesung in Bamberg im April 2013. Foto: Tanja Trübenbach

Auch in diesem Sommer wurden auf vielen Freilichtbühnen in Deutschland zur Freude des zahlreich erschienenen Publikums dramatisierte Karl-May-Stücke zum Besten gegeben. Jetzt war zu lesen, dass einige Amerikanisten die bisherige Aufführungspraxis kritisieren, weil diese ein klischeehaftes und damit falsches Bild der Indianer vermitteln würde. Es wurde sogar dafür plädiert, die Begriffe „Indianer“ und „Rothaut“ nicht mehr zu verwenden. Was halten Sie von dieser Kritik? 

Das Phänomen der sich ausbreitenden Freilichtaufführungen „nach Karl May“ (die Handlung hat oft nur rudimentär mit den Vorlagen zu tun) finde ich faszinierend. Da geht es aber natürlich nicht um völkerkundliche Realität, sondern, um mit Ernst Bloch zu reden, um „reißende Märchen“, um Theatereffekte wie Explosionen, Reiterkunststückchen oder rasende Kutschen. Ich schau mir das auch gerne an!

Möchten Sie uns verraten, mit welchem aktuellen Karl-May-Projekt Sie sich momentan befassen? Gibt es ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt und das bisher noch nicht oder nicht ausreichend behandelt wurde?

Im Moment steht ein längeres Projekt, die textkritische Herausgabe der drei Bände „Satan und Ischariot“ an, sowie im Frühjahr 2020 beim Freiburger Karl-May-Symposium in der Bildungsstätte Waldhof ein Vortrag mit dem Titel „„du wirst unserem Volke das Fliegen lehren“. Indianische Wissenschaft in Karl Mays Schwanengesang“ (=‘Winnetou IV‘ bzw. ‚Winnetous Erben‘). 

Herzlichen Dank an Ulrich Scheinhammer-Schmid für diese Auskünfte.

(Die Fragen stellte Bernd Michael Köhler.)

Ulrich Schmid, geboren 1947, aufgewachsen in Augsburg, studierte in München Deutsch und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien; jahrzehntelang unterrichtete er am Nikolaus-Kopernikus-Gymnasium Weißenhorn. Nach seinem Onkel, dem Kunstmaler Otto Scheinhammer (1897-1982) führt er den Namen Scheinhammer-Schmid. Mit seiner Frau hat er zwei erwachsene Kinder; das Paar lebt in Neu-Ulm.

Scheinhammer-Schmid promovierte 1987 an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Prof. Dr. Klaus Kanzog über Karl Mays Werk in den Jahren 1895-1905. Er ist Mitherausgeber der Historisch-kritischen Ausgabe der Werke Karl Mays (1842-1912) und schrieb zahlreiche wissenschaftliche Beiträge zu Karl May. 

Darüber hinaus beschäftigt er sich mit einem breiten Spektrum weiterer literaturwissenschaftlicher und historischer Themen mit dem Schwerpunkt Lokal- und Regionalgeschichte. So hat er über den aus Weißenhorn gebürtigen Prämonstratenser-Chorherren Sebastian Sailer ebenso publiziert wie über das Ulmer Wengenkloster, hat Ulmer Schul- und Klosterdramen erforscht und sich intensiv mit dem Augsburger Dichter Bertolt Brecht beschäftigt. 

* Ernst Bloch: Traumbasar. In: Karl-May-Jahrbuch 1930, S. 59-64. (Erstveröffentlichung am 31.3.1929 im ‚Literaturblatt‘ der ‚Frankfurter Zeitung‘)

Urkraft des Erzählens

Die neue Nobelpreisträgerin und ihr Roman Ur und andere Zeiten.

Manche Literaten bekommen ihre Preise posthum. Olga Tokarczuk bekam den ihren für ein Jahr das bereits vergangen ist. Nachholend hereingeholt in diesen Herbst 2019, weil im Herbst 2018 das Nobelkomitee sich selbst so peinlich war, dass es lieber zurücktrat als vor die Öffentlichkeit. 

Der Nobelpreis eines vergangenen Jahres. Wie passend für ein Werk, das die Vergangenheit im Titel trägt. (Im polnischen Original noch treffender, wie mir der Übersetzer von Google verrät: Prawiek i inne czasy. Prawiek wird als Vorgeschichte übersetzt.) Soweit man das über die nicht unerhebliche Sprachbarriere hinweg beurteilen kann, wurde Ur und andere Zeiten glänzend übersetzt von Esther Kinsky, der man die meisten Arbeiten Tokarczuks anvertraut hat.

Und welch’ ein Glück, dass ich genau dieses Buch bereits vor einiger Zeit, auf der Suche nach interessanten Entdeckungen bei den östlichen Nachbarn, in die Hand bekam und jetzt aus erfreulichem Anlass lesen konnte. Dabei will es gar nicht so gut in mein literarisches Beuteschema passen, mit seinen phantastischen und mystischen Elementen, die im stringenten Hauptstrang der Handlung allerdings so selbstverständlich platziert sind dass sie dem skeptischen Leser keine Widerhaken setzen. 

Die polnische Erstausgabe datiert von 1996, die Verfasserin war da 34 Jahre alt. Und wenn ihr im Dezember die Urkunde überreicht wird, gehört sie immer noch zu den jüngeren Empfängern. Der Preisträger des laufenden Jahres – ein gewisser Peter Handke – ist mit seinen 76 Lenzen im gewöhnlichen Maß.

Olga Tokarczuks Ur ist ebenso vage Zeit-, wie exakte Ortbezeichnung: Ur ist ein Ort mitten im Weltall. Im Norden verläuft die Grenze von Ur an der Straße von Taszow nach Kielce entlang … Die südliche Grenze bildet das Städtchen Jeszkotle … Die ersten Ur-Bewohner lernt man zu Kriegsbeginn 1914 kennen. Den Müller der in die Uniform gezwungen und eingezogen wird. Seine Frau, die während der jahrelangen Abwesenheit des Gatten den Mühlenbetrieb führt. Ihr Mann, der die ungeborene Tochter und sein vertrautes Leben zurücklassen muss, wird lange nach Kriegsende erst heimkehren. Tochter Misias erste Erinnerung verband sich mit dem Anblick eines abgerissenen Mannes auf dem Weg zur Mühle. Ihr Vater war unsicher auf den Beinen, und später weinte er oft nächtelang an Mamas Brust. Deshalb behandelte Misia ihn wie ihresgleiches. 

Da ist der Freiherr Popielski, der angesichts der grausamen Zeiten und den damit verbundenen Veränderungen, seinen Glauben in Zweifel zieht. Und da ist – wir sind in Polen – die Muttergottes von Jeszkotle. Sie war der reine Wille, denen zu helfen, die krank und gebrechlich waren. Sie war die Kraft, die durch ein Wunder Gottes dem Bild zugekommen war. Dem Freiherrn konnte sie nicht helfen, denn ihn hatte der Glaube an die Wunder Gottes verlassen. 

Da sind Verwandte und Nachbarn, allerhand Ur-Einwohner mit denen wir exemplarisch den Ur-Kosmos kennenlernen. Wie überall auf der Welt werden in Ur die Kinder rasch groß, bekommen selbst Kinder. Es wird geliebt, betrogen und gestorben. Es gibt Streber, Außenseiter und Originale. Verbindungen in himmlische Sphären sind häufig, manchmal nehmen sie skurrile, manchmal verzweifelte Formen an, hin und wieder sind sie unterbrochen. Die Gepflogenheiten ändern sich nur langsam, die Jahrzehnte ziehen dennoch unaufhaltsam vorbei. 

Die Kapitel über die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg, die Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, die Auswirkungen und Folgen des kriegerischen Wahnsinns, sind ausgesprochen ergreifend geschildert. Selten habe ich eine so bewegende und treffende Darstellung dieses Elends, dieser Leidensjahre gelesen. In der deutschen Literatur gibt es wenig das in ähnlicher Weise dem Schicksal Polens und seiner Menschen gerecht würde.

(Bild: Fryta 73 from Strzegom (Wikimedia Commons account: Fryta73), Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Handke bekam die Auszeichnung trotz seiner vielfach verurteilten Haltung zum Jugoslawienkrieg. Die Berechtigung wird bei ihm in Zweifel gezogen, ein Entrüstungssturm tobt durch analoge und digitale Medien. Tokarczuks Lebensform und politische Haltung findet hingegen viel Zustimmung, um so mehr, als sie sich konträr zu den restaurativen Tendenzen in Polen verhält. In der Süddeutschen Zeitung schrieb Thomas Urban … dass das Regierungslager in Warschau nicht erfreut sein kann. Schon allein mit ihren Rasta-Strähnen und bunten Perlen im Haar ist sie den Konservativen in Polen verdächtig. … Vor allem aber engagierte sich Olga Tokarczuk bei den polnischen Grünen und gehörte der Redaktion der Zeitschrift Krytyka Polityczna an, für die linke und linksliberale Vordenker schreiben. Sie warnt vor einem schleichenden Prozess der Ent-Demokratisierung in Polen.

Olga Tokarczuk ist im ländlichen Niederschlesien, in der Kleinstadt Sulechow, aufgewachsen, sie hat in Warschau Psychologie studiert und mit verhaltensauffälligen Jugendlichen gearbeitet. Die Mutter war Polonistin, ihr Vater Bibliothekar, früh hatte sie die Möglichkeit Klassiker der polnischen und der Weltliteratur zu lesen. Wie viele Polen und Polinnen ging sie ins Ausland um Geld zu verdienen – nach London. 1989 wurden erste Gedichte von ihr veröffentlicht. Sie organisierte Literaturfestivals in der polnischen Provinz und gründete einen Kleinverlag. Sie hat sich mit dem kulturellen Erbe in den ehemals deutschen Gebieten beschäftigt. Heute lebt sie in Breslau und auf einem Dorf. 1993 erschien ihr erster Roman. Reise der Buchmenschen wurde in Polen als bestes Prosadebüt der Jahre 1992/93 ausgezeichnet. Für den Roman Flights (deutsch: Unrast) erhielt sie 2018 den hochdotierten Man Booker Prize.

Ja, mich hat, wie es positive Kritiken schildern, der Erzählstrom mitgerissen. Diese subtile Schlichtheit und Klarheit der Sprache lässt nur schwer wieder los. Da liest sich Tragik federleicht und sanfter Humor nimmt der Jahrhundertschwere ihr Gewicht. Und die am Rande Urs stets gegenwärtigen Erzengel werden zu selbstverständlichen, vertrauten Protagonisten. Das ist zeitlose Epik von dauerhaftem Rang, die wir in Deutschland ohne die Nobelpreis-Verleihung vermutlich übersehen hätten.

Die deutschsprachigen Ausgaben von Olga Tokarczuks Werken erscheinen im Kampa Verlag, Zürich. Die Ausgabe von Ur und andere Zeiten die mir vorliegt, ist seinerzeit im Berlin Verlag erschienen, eine Neuausgabe wird von Kampa mit Hochdruck vorbereitet. Geplant ist nicht weniger, als in Kürze deutsche Übersetzungen des vielfältigen und bereits recht umfangreichen Gesamtwerks in einem Verlag zu beheimaten.

Am 1. Oktober erschien das aktuelle Buch der Schriftstellerin: Die Jakobsbücher. Ein historischer Stoff, ein Opus Magnum von gut 1100 Seiten, das bereits große Resonanz und Anerkennung findet. Das ist eines der Bücher, die man in hundert Jahren noch lesen wird, sagt der Verleger Daniel Kampa. Auf mich sehe ich eine große und spannende Leseherausforderung zukommen. Vielleicht wird auf con=libri beizeiten davon zu berichten sein.

2014 hat der SPIEGEL polnische Literaten besucht und porträtiert. Wir erfahren, wie es bei Olga Tokarczuks aussah: Ein Altar steht in Tokarczuks Schreibzimmer. Darauf lässt ein koreanischer Buddha Schultern und Mundwinkel hängen, die Hindugöttin Durga steht aufrecht, sie steht für das Wissen und das Handeln.

 

Schillers Garten und Wallensteins Lager

Vielleicht betritt man den Schillergarten von der Elbseite her. Man hat auf dem breiten Uferweg promeniert, versonnen auf den Fluss geschaut, an den fernen Ursprung des Flusses in den Höhen des tschechischen Riesengebirges gedacht, an den kräftigen Zufluss der legendären Moldau und den grenzfreien Eintritt auf bundesdeutsches Gebiet. Nachdem er die Hänge bei Schloss Pillnitz passiert hat, erreicht er das breite Ufer von Blasewitz, an dem wir stehen, mit Blick auf den gegenüberliegenden Stadtteil Loschwitz mit seinem Prominentenviertel Weißer Hirsch. Der ganze Dresdner Barock liegt noch vor ihm, dann Magdeburg, das Lauenburgische, das hyperaktive Hamburg, bevor nach über 1000 Kilometern ein breiter Strom die Nordsee erreicht.

Über einige wenige Stufen geht es in den Gastgarten. Er hat sich längst angekündigt, mit dem unwiderstehlichen Aroma von Bratwürsten die auf Holzkohle grillen. Obwohl dieser so populäre Fettgenuss längst zum profanen Massenerzeugnis degenerierte und mit der Idee einer Thüringer Bratwurst (zumal in Sachsen!) fast nichts mehr gemein hat, findet er reichlich hungrige Abnehmer. Genauso wie all die anderen kulinarischen Üppigkeiten, die unter den sommergrünen Kastanien und Ahornen bei leichtem warmen Wind besonders gut munden. Dazu der Wein aus dem Saale-Unstrut-Gebiet oder das kühle süffige Bier das pausenlos aus dem Zapfhahn in sich rasch beschlagende Gläser fließt.

Hier ist gut sein. Und beim Blick auf das wuchtige, Elbe überspannende Brückenwerk kann man einer kleinen Geschichte rund um Friedrich Schiller begegnen, die den bekannten Biographen zu unbedeutend war um sie in ihren Standardwerken zu erzählen.

Das Blaue Wunder gab es damals noch nicht. Jene gewaltige Brückenkonstruktion über die Elbe, die heute die Dresdner Stadtteile Blasewitz und Loschwitz verbindet und mit ihren kühnen Konstruktionsteilen aus Schmiedeeisen beeindruckt, wurde erst im Juli 1893 eingeweiht. Mit der neuen Verbindung war ein durchgängiger Straßenbahnverkehr zwischen Schiller- und Körnerplatz möglich geworden.

Bis dahin musste mit der Fähre übergesetzt werden. Wie zwischen 1785 und 1787 als Friedrich Schiller bei seinem Freund Christian Gottfried Körner Unterschlupf und Ruhepol gefunden hatte. Der aus Schwaben stammende Dichter war zu Beginn dieses Aufenthalts 36 Jahre alt und feilte seit einiger Zeit am Freiheits- und Unabhängigkeitsdrama Don Karlos, Infant von Spanien. (Mit der berühmten Forderung des Marquis von Posa an den spanischen König Philipp II.: Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!) Er kam nicht gut voran, hatte Schulden und wusste nicht so recht, wo er hingehörte. Die Heimat hatte er vor Jahren verlassen müssen, da er beim württembergischen Landesherrn mit seinen freiheitlichen Dichtungen und politisch progressiven Äußerungen in Ungnade gefallen war. Über Mannheim, Rudolstadt und Leipzig war er schließlich hier, am Rande Dresdens, gelandet.

Das Übersetzen mit einer Fähre vom einen Elbufer an das andere war nicht ganz ungefährlich, bei Hochwasser, Sturm oder Eisgang mitunter längere Zeit gar unmöglich. Am schönsten war es im Sommer den Fluss zu überqueren. Wenn der Fährmann am linken Ufer anlegte und man das schwankende Gefährt verließ stand man direkt vor der Fleischer’schen Schenke, damals eine bekannte Einkehr, heute der urige, mit zahlreichen Bäumen beschattete Schillergarten, damals wie heute ein beliebtes Ausflugs- und Einkehrziel.

Hier begegneten sich der Dichter Friedrich Schiller, den seine Freunde Fritz nannten, und Johanne Justine Segedin, die alle Gustl riefen. Schiller, der von seiner Arbeit am Drama zu gern in die Freiluft-Idylle am anderen Ufer floh und die junge Frau die in der Wirtschaft ihrer Eltern bediente. Der Fritz war ja eine attraktive Erscheinung. Groß gewachsen, blondlockig, redegewandt, den schwäbischen Dialekt hatte er nie richtig ablegen können. Das verlieh ihm, damals als ostdeutsche Großstädte noch nicht von größeren Schwabenkohorten bevölkert waren, eine charmante Exotik.

Justine war 22 Jahre alt als sie Schiller begegnete, der angeblich am liebsten Milch bestellt und getrunken hat. Vielleicht gehört dies angesichts der bekannten Trinkgewohnheiten des Dichters, der eindeutig den großzügigen Schoppen Wein bevorzugte, ebenso ins Bereich der Legenden, wie das was im Lauf kommender Jahre und Jahrzehnte über die Beziehung zwischen der hübschen Jungfer und dem attraktiven Gast an Gerüchten und Legenden in Umlauf kam.

Begegnung Schillers mit Gustel. Idealisierte Darstellung auf einer historischen Postkarte.

Schiller war auf die Maid aufmerksam geworden weil sie eine sehr schöne Stimme besaß. Sich selbst am Spinett begleitend, trug sie gerne einmal das eine oder andere Lied vor. Man mag sich durchaus hin und wieder außerhalb der Wirtschaft begegnet sein. Dabei kam es vielleicht zu kurzen Gesprächen, möglicherweise kleinen Flirts. Mehr ließen, jedenfalls nicht ohne dass dies fatale Konsequenzen gehabt hätte, die Sitten der Zeit nicht zu. Und die Justine Segedin war nicht nur sittsam, sondern bereits mit dem Advokaten und späteren Senator Christian Friedrich Renner  verlobt. Noch während Schillers Dresdner Jahre heiratete das Paar. Es gab immer wieder Stimmen, die behaupteten, die Neigungen zwischen Schiller und Justine Segedin seien doch ernsthafterer Natur gewesen. Von einem Briefwechsel war die Rede, doch wurden nie Dokumente gefunden oder nachgewiesen, die diese Vermutungen belegten. 

Etwa zehn Jahre später. Friedrich Schiller ist längst in Weimar etabliert. An der Seite Goethens wird fleißig am Klassikerstatus gearbeitet. Ehestand und Kinder sind eher Last als Segen, immerhin, die materielle Situation hat sich entspannt. Der Lehrstuhl in Jena, den ihm der einflussreiche Kollege verschafft hat, bringt zwar kein Geld, jedoch akademisches Ansehen. Verschiedene Projekte, die Einnahmen generieren sollen, gedeien leidlich. Ehrungen, die mit finanziellen Vorteilen verbunden sind, häufen sich. Und der Wallenstein ist fertig. Eine dramatische Trilogie, deren erster Teil Wallensteins Lager betitelt ist. Schiller, der Schelm, hat seiner alten Dresdner Bekanntschaft einen kleinen, fast unscheinbaren Auftritt im Werk gewidmet.

Wir sind im fünften Auftritt, als eine Marketenderin zwei neu eintreffenden Jägern mit dem Begrüßungstrunk entgegentritt. – Marketenderin: Glück zur Ankunft, ihr Herrn! / Erster Jäger: Was? der Blitz! Das ist ja die Gustel aus Blasewitz. / Marketenderin: I freilich! Und Er ist wohl gar, Mußjö / Der lange Peter aus Itzehoe? / Der seines Vaters goldene Füchse / Mit unserm Regiment hat durchgebracht / Zu Glückstadt in einer lustigen Nacht. / Erster Jäger: Und die Feder vertauscht mit der Kugelbüchse. / Marketenderin: Ei! da sind wir alte Bekannte! / Erster Jäger: Und treffen uns hier im böhmischen Lande. – usw.

Die Marketenderin wird in der Folge in Wallensteins Lager noch mehrmals marginal in Erscheinung treten. Frau Senatorin Renner im fernen Dresden soll, so wird berichtet, not amused gewesen sein. 

Vor mir liegt die gedruckte Version eines Volksstücks mit dem Titel Die Gustel von Blasewitz von einer gewissen Anda von Smelding über die ich literaturhistorisch und biographisch aus gängigen Quellen nichts in Erfahrung bringen konnte. Es ist 1935 erschienen, in einer Zeit als man in Deutschland sehr an arischen Nationalhelden interessiert war. Schiller wurde dafür ja bekanntlich vereinnahmt. In dem schwankhaften Theaterstück, das ich nur überflogen habe, ist die Gustel schon sehr angetan vom feschen Fritz, es bleibt aber alles in der Schwebe und einem ehrenhaften Rahmen. Am Ende tritt Friedrich Schiller sogar als eine Art Ehestifter in Erscheinung. Dem künftigen Bräutigam der Johanne Justine Segedin gibt er auf den Weg: Junger Freund – ich habe das Meinige getan – tun Sie das Ihre! Und gnad Ihne Gott, wenn Sie’s wo fehle lasse! Ich komm mit Siebemeilestiefel nach Dresde gelaufe!

Die Autorin lässt Schiller in einem abgemilderten Schwäbisch, die Gustl mit sächsischem Akzent sprechen. Anda von Smelding (eine Spekulation, die aufgrund des seltenen Familiennamens erlaubt sein mag) stand möglicherweise in verwandtschaftlicher Beziehung zu Horst Bogislaw von Smelding, einem populären Schauspieler im Dritten Reich, der unter anderem an geistesgeschichtlichen Schulungen für KZ-Personal teilnahm. In der Third Reich Collection der Washingtoner Library of Congress befindet sich ein Exemplar von Smeldings Volksstück das aus dem Besitz Adolf Hitlers stammt. Es enthält eine Widmung der Autorin für den „Führer“.

Johanne Justine Renner bekam zwei Söhne die früh starben, ihren Gatten überlebte sie um viele Jahre. Sie starb am 24. Juli 1856, 93-jährig, in Blasewitz. Nahe dem Dresdner Schillerplatz gibt es heute die Justinenstraße. Die Büste im Schillergarten, eine Skulptur am Blasewitzer Rathaus, sowie ein Kirchenfenster in der Blasewitzer Kirche erinnern an eine Persönlichkeit, die ebenso unversehens wie ungewollt in die Literaturgeschichte geriet.

Satt und leicht ermüdet verlassen wir den Schillergarten durch das Haupttor und kommen an der Gustel-Büste vorbei. Auf der unter der Figur angebrachten Tafel wird die erwähnte Passage aus dem Wallenstein zitiert und wir erfahren, dass diese Steinbildhauerei erst 2015 aufgestellt wurde und an das schwere Hochwasser von 2013 erinnern soll. Von hier sind es nur wenige Schritte zum verkehrsreichen Schillerplatz. Die Straßenbahn bringt uns zurück ins Zentrum der schönen Stadt an der Elbe.

* * *

Schiller, Friedrich: Werke und Briefe in zwölf Bänden. Band 4. – Frankfurt am Main, 2000

Schiller und die Gustl von Blasewitz. Legenden und Wirklichkeit um Johanne Justine Renner. Auf www.dresden-blasewitz.de, abgerufen am 26. 9. 2019.

Safranski, Rüdiger: Schiller. – München, 2004

Damm, Sigrid: Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung. – Frankfurt am Main und Leipzig, 2004

Smelding, Anda von: Die Gustel von Blasewitz. Volksstück in einem Vorspiel und vier Akten. – Berlin, 1935 (Neue deutsche Volksspiele, Zweites Stück)

Darstellungen und Quellen zur Geschichte von Auschwitz. – Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.). München, 2000

 

Leipzig und die Tschechen

Zweiter Teil des Rückblicks auf Buchmesse und Festival Leipzig liest 2019

Martin Beckers Warten auf Kafka kann man auch lesen wenn Tschechien nicht gerade Gastland der Leipziger Buchmesse ist. Andererseits hat es der Autor natürlich genau zu diesem Anlass geschrieben, mit kühlem Kalkül angesichts des angekurbelten Interesses an Literatur und Kultur der östlichen Nachbarn. Das Buch las ich zu großen Teilen während der Zugfahrt nach Leipzig ich hatte die etwas längere Strecke über Mannheim, Frankfurt und Fulda gewählt die lästiges Umsteigen erspart, stattdessen Zeit und Muse für einstimmende Lektüre lässt.

Martin Becker ist ein 37-jähriger Journalist, Literaturkritiker, Romancier, Hundefreund und Starkraucher, der seit einem Studienaufenthalt vor etlichen Jahren regelrecht vernarrt in Tschechien ist, seine Metropole Prag, deren Ka-und-Ka-Vergangenheit, die literarischen und filmischen Traditionen, den böhmisch-mährischen Humor und nicht zuletzt die seltsame Ernährung der Einwohner, die, so wird immer wieder kolportiert, bevorzugt aus Fleisch und Bier besteht.

Martin Becker und die Moderatorin des Nachwuchsradios Mephisto 97.6 stoßen vor ihrem Gespräch auf dem orangenen Sofa mit tschechischer Braukunst an.

Warten auf Kafka ist eine lockere Reise durch die tschechische Literatur des vorigen Jahrhunderts und der Gegenwart ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit. Dafür verpackt mit einer leicht kafkaesken, sehr unterhaltsamen Rahmenhandlung, mehreren detailliert geschilderten Kneipenbesuchen und befeuchtet mit dem einen oder anderen großen Glas Gerstensaft. In den Kneipen trifft sich Becker, teils real, teils in Gedanken und Gedenken mit schriftstellerischen Größen des Heute und des Gestern. Kafka selbst taucht als verkitschter Kult auf, zu dem er vor Ort aus pekuniär-touristischen Gründen gemacht wird.

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… ich bin ein erschrockener menschlicher Aufschrei, den eine Schneeflocke zusammenbrechen läßt …

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Warten auf Kafka. Im Wirtshaus. Und auf die seligen Geister Jaroslav Hasek und Bohumil Hrabal, den zu besten Zeiten sogar präsidialen Vaclav Havel, die derzeit angesagten Jaroslav Rudiš und Jaromir99, die Märchentante Božena Němcová und den Spezialfall Milan Kundera (zu ihm später). Die greise Lenka Reinerová, letzte deutschsprachige Schriftstellerin Prags, lernte Becker 2008 kurz vor ihrem Tod am Krankenbett kennen. Sein Buch enthält ausführliche Passagen der Verehrung für diese außergewöhnliche Persönlichkeit. Reinerová ist in ihren Werken nicht nur eine aufrichtige Chronistin dieses schrecklichen 20. Jahrhunderts, sondern versammelt zudem in ihren farbigen Ahnengalerien alle maßgeblichen künstlerischen Figuren ihrer Heimat aus dieser Epoche.

Martin Becker hat seinem Buch den Untertitel Eine literarische Seelenkunde Tschechiens gegeben. Ihm ist eine unterhaltsame, leicht lesbare und dennoch bis hin zum Literaturverzeichnis äußerst informative Einführung gelungen, wie man sie in dieser Form nicht noch einmal findet und manch anderer Sprache und Dichterlandschaft wünschen würde. 

Das Buchmesse-Gastland des Jahres 2018 war Rumänien. Bevor das bereits wieder völlig in Vergessenheit gerät, wurde 2019 in Leipzig noch einmal daran erinnert und versucht das Interesse an diesem Land und seiner Literatur wach zu halten. Eine Expertenrunde lotete aus, welche Chancen aus dem Rumänischen übersetzte Bücher auf dem Markt wohl haben mögen. Die Zahl der Gesprächsteilnehmer auf dem Podium übertraf dabei die Zahl der besetzten Stühle vor ihnen. Mäßiges Interesse und bescheidene Aussichten für die Vermittlung rumänischer Autoren und Autorinnen in den deutschen Sprachraum. Was nicht ganz überraschend ist, da bekanntlich im Ursprungsland selbst das Interesse an Gedrucktem und die Zahl der Leser sehr gering sind. 

In Tschechien ist das anders. Es ist eines der ganz großen Leseländer mit einem wachen Interesse an Traditionellem ebenso wie an der Vielzahl der Neuerscheinungen. In Deutschland bekommt man davon wenig mit. Es gab eine Zeit, da war das anders. Ein beliebiges Beispiel: Neben dem Franzosen Ionesco gehörte Sławomir Mrożek einst zu den Stars des absurden Theaters. Seine Stücke wurden Land auf, Land ab gespielt. Dann nicht mehr. Immerhin hat vor vor einigen Wochen das Zittauer Gerhard-Hauptmann-Theater seine Farce Auf hoher See wieder einmal aufgeführt. 

Mrożek war eine meiner wenigen intensiveren Begegnungen mit der tschechischen Literatur. Ich habe ihn gelesen, Hörspielfassungen gehört, Bühnenaufführungen habe ich bis heute leider nicht sehen können. In viel zu jungen Jahren hatte man mir Jaroslav Hašeks Abenteuer des braven Soldaten Schweijk zum Lesen gegeben. Dieser sehr spezielle Humor kam für mich viel zu früh ich habe ihn nicht verstanden. Und das ganze militärische Ambiente war mir damals ebenso suspekt, wie es heute bei vergleichbaren Schilderungen ist.

Brandneu ist Jáchym Topols Roman Ein empfindsamer Mensch. Eine wilde Auseinandersetzung mit europäischer Aktualität. Seine tschechische Künstlerfamilie gastiert beim Shakespeare Festival in Großbritannien und wird von Brexit-Anhängern aus dem Land gejagt: Leave means leave!. Im Campingwagen reisen sie quer durch Europa, gegen den Strom der Flüchtlinge, Richtung Osten. Sie geraten ins russisch-ukrainische Kriegsgebiet, treffen Gerard Depardieu, klauen ihm seinen BMW und machen sich auf den Heimweg nach Böhmen. Radikal ungebändigt ist Topols Erzählweise.

Stilistisch strenger und von ganz anderem Charakter ist Radka Denemarkovás Ein Beitrag zur Geschichte der Freude. Drei ältere Frauen betreiben in Prag ein Archiv, in dem Gewalt an Frauen dokumentiert wird. Sie dokumentieren nicht nur, sie handeln auch. Ein Ermittler untersucht den scheinbaren Selbstmord eines reichen, einflussreichen Mannes und stößt dabei auf die drei Frauen und ihr Tun. Radka Denemarková, die wie ich mir sagen ließ vielleicht wichtigste tschechische Autorin der Gegenwart, verwebt in ihrem sprachmächtigen Roman Elemente des Kriminalromans, Fakten und Fiktion zu einem erschütternden Panorama der Gewalt gegen Frauen.

Eine echte Überraschung ist Gerta. Das deutsche Mädchen von Kateřina Tučková, nicht nur wegen 548 Seiten ein wahres Schwergewicht unter den frisch übersetzten Neuerscheinungen. Gerta wächst in der zweisprachigen Familie Schnirch im mährischen Brünn auf. Die Mutter ist Tschechin, der Vater Deutscher und Anhänger Hitlers. Mit der Errichtung des deutschen Protektorats 1938 zerfällt die Familie wie die Gesellschaft in einen tschechischen und einen deutschen Teil. Die Mutter stirbt und Gerta wird vom eigenen Vater schwanger. Wie tausende Deutsche wird die junge Frau nach dem Krieg zum Staatsfeind erklärt, ausgebürgert und vertrieben. Gerta und ihre Tochter überleben mit anderen deutschen Frauen bei der Zwangsarbeit auf dem Land. Als sie Jahre später in die Heimatstadt zurückkehren werden sie als Deutsche stigmatisiert. Die Sichtweise des Romans auf den ehemals deutsch sprechenden Bevölkerungsteil ist neu und war lange Zeit so nicht vorstellbar. 

Topol und Denemarková, Mitglieder einer mittleren Generation tschechischer Autoren und Autorinnen, gehörten zu den tschechischen Gästen bei deren Veranstaltungen es in Leipzig richtig eng wurde. So etwas wie Starrummel entstand ebenfalls um Jaroslav Rudiš, einer von zahlreichen Künstlern die durch ihre Mehrfachbegabung auffallen und die gerne Genre übergreifend arbeiten. Da wird musiziert, wird gezeichnet und natürlich immer wieder auf unverwechselbare tschechische Art erzählt. Diese teils schrägen Geschichten, entstanden aus den Hefekulturen reicher Phantasie, diese Ansammlungen liebenswerter Außenseiter, lächelnder Verlierer, großer Liebender. Humor und Satire, Melancholie und schwarze Galle. Erzählungen die in der Kneipe bei Knödel und Pilsner ihren Anfang nehmen und immer reicher und farbenfroher werden, je mehr ihr Wahrheitsgehalt abnimmt.

Zu den am meisten besprochenen Büchern dieses Frühjahrs zählt Jaroslav Rudiš Roman Winterbergs letzte Reise. Der greise, mit einem Bein im Grab stehende Winterberg bricht mit seinem genervten Pfleger Jan Kraus auf zu einer Schienenreise durch die eigene Vergangenheit. Zu geschichtsträchtigen Orten der ehemaligen Donaumonarchie über die der alte Mann ebenso seitenlang zu räsonieren versteht, wie über das zurückliegende lange Leben. Ein Roadmovie der besonderen Art, mit stilistischen Eigenheiten, etwa zahlreichen rhetorischen Wiederholungen, das mit einer Streckenlänge von 540 Seiten ein wenig zu viel des Guten will.

Zusammen mit dem Künstler Jaromir99 bildet Rudiš den Kern der Kafka Band. Bei ihren aktuellen Auftritten improvisiert das Ensemble musikalisch-szenisch über Kafkas Roman Amerika.

Die Kafka Band mit Front-Mann Jaroslav Rudiš

Leider sind die projizierten Animationen nicht so gelungen wie in vorangegangenen Programmen. Mit ihrer Farbigkeit und schlichten Geometrie stören sie eher den Gesamteindruck als zur gelungenen Abrundung beizutragen. Enttäuschung macht sich deshalb breit, weil wir ja Jaromir99 als zeichnerischen Schöpfer des wunderbaren Alois Nebel kennen.

Milan Kundera wollte ich erwähnen. Quasi der moderne tschechische Klassiker. Mit seinem viel gelesenen, viel diskutierten und interpretierten Werk Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins habe ich mich etwas geplagt. Mir ist das zu viel Obsession und Abhängigkeit, auch wenn es Kundera meisterlich versteht vom Kern der Geschichte immer wieder in existenzielle Exkurse aufzubrechen. Er ist zweifellos einer der herausragenden tschechischen Autoren, obwohl ihn die Landsleute bereits 1975, da war er 46, (dieser Tage wurde sein 90. Geburtstag gefeiert) ins Exil vertrieben. Seitdem lebt er in Frankreich. Und sein wichtigster Roman weist deutlich mehr französische Einflüsse denn böhmisch-mährische auf. 

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… daß diese ganze Pracht mit einem Samentropfen begann und im Knacken eines Feuers enden wird …

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(Die beiden Zitate sind aus Bohumil Hrabal: Leben ohne Smoking. – Frankfurt am Main, 1995)