Reise ins Innere. Karl May und Hermann Hesse

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler

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Lieber Leser, weißt du, was das Wort Greenhorn bedeutet? – – eine höchst ärgerliche und despektierliche Bezeichnung für denjenigen, auf welchen sie angewendet wird.
(Karl May: Winnetou I)

Das Landhaus Erlenhof lag nicht weit vom Wald und Gebirge in der hohen Ebene.
Vor dem Hause war ein großer Kiesplatz, in den die Landstraße mündete.
(Hermann Hesse: Heumond)

Dies waren die ersten Zeilen, die ich von Karl May (1842-1912) und Hermann Hesse (1877-1962) gelesen habe. Karl May lernte ich im Alter von 12 Jahren in der Gestalt von Old Shatterhand in seiner Reiseerzählung Winnetou I kennen. Und ich war 17, als mir ein Fischer-Taschenbuch mit grünem Einband in die Hände fiel. Es trug den verlockenden Titel Schön ist die Jugend, enthielt die Erzählungen Heumond, Schön ist die Jugend und Der Zyklon und war von Hermann Hesse.

Der Abenteuerschriftsteller Karl May bescherte mir unzählige selige Lesestunden, in denen ich in eine komplett andere Wirklichkeit abtauchen konnte und wie der Autor selbst in einen Wunscherfüllungsrausch verfiel, der die Rückkehr in die Realität meiner Kinder- und Jugendjahre nicht immer leicht machte. Am Ende dieses Lesemarathons hatte ich alle damals erschienenen Werke Karl Mays einschließlich des Spätwerks regelrecht verschlungen- es dürften so um die 70 Bände gewesen sein.

In der Gemeindebücherei meines Heimatdorfes standen die Gesammelten Werke im Regal- es handelte sich um die berühmten grünen Bände des Karl-May-Verlages. Ich gehörte zu den eifrigsten Nutzern der kleinen Bibliothek. Zu Geburtstagen und an Weihnachten bekam ich einzelne Titel der Sonderausgabe des Wiener Tosa-Verlages geschenkt, die damals u.a. vom Kaufhof vertrieben wurden. Es waren Höhepunkte meines frühen Leselebens, wenn ich in der nahegelegenen Stadt vor den Kaufhof-Regalen stand und mir einen Karl May aussuchen durfte. In seltenen Fällen hatte ich mir vom kargen Taschengeld einen Band abgespart, den ich dann in Verbindung mit einem heftigen Ausstoß von Glückshormonen höchstselbst käuflich erworben habe.

Hermann Hesse schließlich wurde einige Jahre später zu meinem lebensbegleitenden Lieblingsdichter. Die Entdeckung des Hesse-Kosmos glich einer Entdeckungsfahrt ins Innere der Seele. Vieles von dem, was ich dort nach und nach vorfand, betraf mich direkt, schien wie für mich geschrieben. Eine Lesewirkung, die unter jugendlichen Hesse-Lesern weit verbreitet war. Ob sie es auch heute noch ist? Ob es denn im 21. Jahrhundert überhaupt noch eine nennenswerte Anzahl von Hesse-Lesern in der jüngeren Generation gibt?

Kurze Zeit nach der Initialzündung durch die Verheißung Schön ist die Jugend schenkten mir meine Eltern die 12-bändige Werkausgabe der Gesammelten Werke. Es war das kostbarste, folgenschwerste Geschenk, das ich je von meinen Eltern erhalten habe. Ich bin ihnen für immer dankbar dafür, zumal es ihnen schwergefallen sein dürfte, das nötige Geld für über 6000 Seiten Buch aufzubringen. In der Folge habe ich in vergleichsweise kurzer Zeit die 12 blauen Bände vom Auftakt in Band 1 (Einem Freunde mit dem Gedichtbuch) bis zum Schlussakkord in Band 12 (Ende einer Bücherbesprechung) gelesen- in jugendlichem Eifer und entflammt von der Brisanz und Kraft der Texte. Oft gerieten die Lektürestunden zu ausgesprochenen Lesefeiern, die ich zelebrierte wie ein geistiges Ritual.

Im Band 12 der geliebten blauen Bände (Schriften zur Literatur II) ist als letzte von Hesses Buchbesprechungen die Erzählung Abschied von den Eltern von Peter Weiss (1961) abgedruckt. Hier schließt sich für mich der Kreis um meine Geschichte der Hermann-Hesse-Werkausgabe, musste doch auch ich Abschied nehmen von meinen beiden Eltern, den Portalfiguren meines Lebens (Peter Weiss).

Nun, ich kenne ihn [Karl May] jetzt, und empfehle seine Bücher den Onkeln von Herzen, die der Jugend Bücher schenken wollen. Sie sind phantastisch, unentwegt und hanebüchen, von einer gesunden, prächtigen Struktur, etwas völlig Frisches und Naives, trotz aller flotten Technik. Wie muss er auf die Jungen wirken! Hätte er doch den Krieg noch erlebt und wäre Pazifist gewesen! Kein Sechzehnjähriger wäre mehr eingerückt. (Hermann Hesse 1919 nach der Lektüre von Schatz im Silbersee und Von Bagdad nach Stambul in der Neuen Zürcher Zeitung vom 13.07.1919.)

Der Volksschriftsteller Karl May und der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse lebten und arbeiteten ohne Zweifel in vollkommen verschiedenen Welten. Trotzdem gibt es, wenn man die oberen Schichten abträgt, bedeutende Gemeinsamkeiten, die Hartmut Wörner in seiner Studie Seelenbrüder akribisch herausgearbeitet hat. Danach diente die polare Struktur des Menschseins und der Welt, in wir leben, beiden als Grunderkenntnis, von der aus sie ihre Geschichten entwickelten. Hesses großes Thema der Individuation mit dem Ziel der Integration der Gegensätze entspricht bei May die Entwicklung des Einzelnen hin zur Überwindung des negativen Pols, des Bösen.

Beiden gemeinsam ist eine im weitesten Sinne ethisch-spirituelle Grundierung all ihren Denkens und Tuns. Während Mays Helden aus einer rigid christlich-mystischen Gesinnung heraus agieren, durchzieht Hesses Werk vor dem Hintergrund seiner pietistischen Herkunft eine überkonfessionelle, an das indische und vor allem chinesische Denken angelehnte Spiritualität. Es wundert nicht, dass sich daraus bei beiden eine pazifistische Grundhaltung manifestierte- bei Hesse sehr früh am Beginn des Ersten Weltkrieges, bei May spätestens in seinem Alterswerk ab ca. 1899.

Der Sofien-Saal zu Wien um 1900

In einzigartiger Weise hat Hermann Hesse sein Schreiben als Selbsttherapie betrieben. Seelisches und körperliches Leiden am Leben veredelte er zu Literatur. Karl May wiederum hat die Wunscherfüllungsfunktion von Literatur als Autor geradezu perfektioniert- in seinem Werk und in seiner vorgetäuschten Identität als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi in der realen Welt, die er erst nach seiner Orientreise 1899/1900 aufgab. Beiden gemeinsam ist eine komplizierte psychische Struktur, die Kompensationen geradezu lebensnotwendig machte. Die Reise ins Innere hat dabei zu sehr unterschiedlichen literarischen Resultaten geführt, in der Selbsterforschung und der Verwandlung von Gelebtem und nicht Gelebtem in packende Geschichten sind sich die Schriftsteller aus Radebeul und Montagnola auf einer tiefen Ebene nahe.

Getroffen haben sich die zwei Schriftsteller in den Jahren, in denen eine Begegnung hätte stattfinden können, wohl nie. Hartmut Wörner hat in seiner Studie Kirchheim unter Teck als den Ort genannt, wo sich die Wege beider um die Jahrhundertwende hätten kreuzen können. Darüber hinaus kann nun mitgeteilt werden, dass Karl May und Hermann Hesse sich im März 1912 nachweislich zur gleichen Zeit in derselben Stadt aufgehalten haben: in Wien. May hielt bei seinem letzten öffentlichen Auftritt am 22. März vor einem ca. 2000-köpfigen Publikum (darunter u.a. Bertha von Suttner, Georg Trakl, Karl Kraus und Heinrich Mann) im Sofiensaal seine berühmte Rede Empor ins Reich der Edelmenschen! Von Mittwoch, 20. März bis Sonntag, 24. März logierte er mit seiner Frau Klara im Wiener Hotel Krantz. Zurück in Radebeul starb Karl May wenige Tage später am 30.03.1912.

Hesse war wegen Lesungen in Brünn (22.3.) und Wien (23.3.) in die Kaiserstadt an der Donau gereist. Unterbrochen von dem Abstecher nach Brünn weilte Hermann Hesse vom 19. März (Dienstag) bis 25. März (Montag) in Wien. Vor seiner Abreise hatte der Dichter am Sonntag in der Hofoper noch eine Nachmittagsvorstellung von Mozarts Zauberflöte besucht. Gut möglich, dass Hesse bei einem seiner Stadtrundgänge eines der vielen großformatigen Plakate oder einen Aushang gesehen hat, auf denen für Mays Vortrag geworben wurde. Am Vortragsabend selbst stand auch Hesse am Vortragspult, allerdings im nur wenige Bahnstunden entfernten Brünn. Jedenfalls waren sich die beiden Schriftsteller räumlich wohl nie so nahe wie in diesen Wiener Tagen im Frühjahr 1912. Geistig waren sie es bei den von Wörner nachgewiesenen Gemeinsamkeiten auf jeden Fall – unabhängig von Ort und Zeit.

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Karl May: Die Gesammelten Werke des Karl-May-Verlags (94 „grüne Bände“) sind weiterhin lieferbar. Seit 1987 erscheint zusätzlich die Historisch-kritische Ausgabe (seit 2008 im Karl-May-Verlag). Preisgünstige Ausgaben werden von diversen Verlagen vertrieben. 

Hermann Hesse: Die Sämtlichen Werke (20 Bände + Registerband) sind ebenso wie etliche Einzelausgaben und Sammlungen bei Suhrkamp/Insel erschienen.

Wörner, Hartmut: Seelenbrüder. Eine Studie zu Karl May und Hermann Hesse. Hansa Verlag 2015 (nicht mehr lieferbar).

Sommer mit leichter Lektüre

Auf geht’s. Mit leichtem Gepäck an den Strand. Mit leichten Genüssen an den Gartengrill. Leicht und locker durch einen wunderbaren Sommer. Entsprechend fällt unsere Lektüre aus. Leicht und bekömmlich. Dabei nicht ohne Anspruch und Qualität. Doch stets unterhaltsam, humorvoll, spannend.

Meine Vorschläge in diesem Jahr sind fast ausschließlich Taschenbuch-Ausgaben. Leicht und biegsam, bequem zu transportieren. Die Mehrzahl der von mir ausgewählten Autoren oder Autorinnen stammt aus Österreich. Sagt das etwas aus über Fähigkeiten und Bereitschaft bundesdeutscher Schriftsteller mit Niveau kurzweilig zu schreiben?

Der Wiener Peter Henisch ist ein alter Hase. 1943 geboren liegen von ihm eine ganze Reihe lesenswerter Titel vor, die zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen erhielten. In Deutschland ist er nicht ganz so bekannt wie im Heimatland. Die schwangere Madonna heißt sein umfangreicher Roman um einen schwung- und wechselvollen Giro d’Italia (vulgo:  road movie) der beiden Hauptpersonen nebst einiger markanter Nebendarsteller.

Er, Josef, in der Krise seiner Lebensmitte und heftig auf dem absteigenden Ast, nutzt die Gelegenheit ein Auto auszuleihen mit dem er sich auf und davon machen will, möglichst weit weg von allen Problemen und dem bisherigen Leben. Dummerweise schläft auf dem Rücksitz des Wagens, zunächst unbemerkt, die junge Maria, die ganz andere Sorgen hat. Die Flucht schweißt die so unterschiedlichen Menschen zusammen, sorgt aber gleichzeitig für reichlich Reibungsfläche. Es geht den ganzen Stiefel rauf und runter, mit etwas Kunstgeschichte und Italienischunterricht garniert, Liebeswirren inklusive. Ein Buch das zu jedem Reiseziel gut begleitet.

Auch René Freund hat schon eine beachtliche Titelliste vorgelegt. 1967 geboren, lebt er als Autor und Übersetzer in Grünau im Almtal. (Ich musste nachschauen: Das liegt im Salzkammergut und im Gemeinderat dominiert erstaunlicherweise die SPÖ.) Er war einst Dramaturg in Wien und schreibt nunmehr Stück auf Stück, Buch auf Buch. Von ihm schlage ich gleich zwei richtig süffige Schmöker fürs Urlaubsgepäck vor.

Niemand weiß, wie spät es ist. Und Nora weiß nicht wie ihr geschieht. Seit sie denken kann lebt sie in Paris. Nun ist der Vater gestorben und verdonnert die Alleinerbin die Urne mit seiner Asche in die österreichische Heimat zu bringen und dort zu beerdigen. Damit alles dem letzten Willen entsprechend abläuft hat sie ein junger Notariatsgehilfe zu begleiten. Der erweist sich als spröder, asketischer Pedant. Da die Reise nicht ohne überraschende Komplikationen verläuft, ist Nora alsbald irritiert und genervt und der Leser sehr amüsiert. Zahlreiche Wendungen und Windungen der Erzählung führen zum überraschenden Ende.

Bitte hinterlassen Sie keine Nachricht. Ich rufe nicht zurück. So die Ansage auf dem Anrufbeantworter von Fred Firneis. Und so beginnt die turbulente Geschichte Liebe unter Fischen von René Freund. Einst erfolgreicher Lyriker mit mega Auflagen. Nun Dichter mit Schreibblockade der zunehmend verbittert und in den sozialen Abgrund blickt. Doch nach wie vor ist er die große kommerzielle Hoffnung seiner energischen Verlegerin. Sie setzt alles daran ihn aus dem Abseits zu locken und zu neuen dichterischen Höchstleistungen zu animieren. Der Aufenthalt in einer abgelegenen Berghütte ohne Strom und Handyempfang soll Firneis von Hemmnis und Paranoia befreien. Da taucht eine junge tschechische Fischforscherin in der Gegend auf… Wer zappelt da an wessen Angel? Einfalls- und fintenreich ist dieser Roman. Voller Ironie und mit einem Schuss Kritik an den Erfolgskriterien unser Zeit.

Der nächste Autor ist zur Abwechslung ein Bayer, der jedoch, wie es sich für deutsche Schriftsteller gehört, in Berlin lebt. Natürlich spielt auch in Berni Mayers Rosalie die Liebe eine wichtige Rolle, zumal wir die zentralen Protagonisten in ihrer spätpubertären Phase kennenlernen. Im niederbayerischen Praam an der Schwarzen Laaber erlebt Konstantin nicht nur erste Turbulenzen der Hormone, sondern stößt auf der Suche nach ungestörter Zweisamkeit mit der Angebeteten auf ein verdrängtes Geheimnis des Ortes, das sich schließlich als Verbrechen während der Nazizeit erweist und dessen skandalöse Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.

Was sich, so berichtet, etwas schwerwiegend und geschichtsträchtig anhört, ist spannend und mitreißend geschrieben. Mayer erzählt aufschlussreich von späten Emanzipationstendenzen in deutscher Provinz, von überfälligen Auseinandersetzungen mit alten und neuen Autoritäten. Zudem handelt es sich um einen weiteren sehr gelungenen Coming-of-Age-Roman, eine Gattung, die spätestens seit Herrndorfs Tschick eine breite Anhängerschaft hat. Der Autor, Jahrgang 1974, arbeitet sich mit diesem Buch, so darf man vermuten, auch ein wenig an der eigenen Jugend ab.

Nach so viel männlicher Verfasserschaft wird es weiblich. Ende Juni hatte ich Gelegenheit einige anregende Stunden auf dem weitläufigen Gelände des Wiener MuseumsQuartiers verbringen zu dürfen. Dort herrscht vor und nach dem Besuch in einem der an Kunstwerken so überreichen Museen eine ausgesprochen entspannte Stimmung, die man mit guten Gesprächen, einer Melange, einem Mohnkuchen mit Schlag genussvoll anreichern kann. Die glitzernden Wienerinnen des Gustav Klimt sind dabei allgegenwärtig. Sei es als großformatig werbendes Poster an Außenwänden, sei es als handliche Postkarte oder als schwergewichtiger Kunstband.

Klimt als Romanfigur ist mir in Caroline Bernards Die Muse von Wien begegnet. Darin sorgt der charismatische Künstler gleich zu Beginn für die erotische Verwirrung der jungen Alma Schindler, die er zum Modell auserkoren hat. Auch Alma selbst ist dem originellen Mann sehr gewogen. Damit beginnt ihre Laufbahn als Begleiterin großer kreativer Menschen. Aus bester Gesellschaft stammend, musikalisch hochbegabt, gibt sie eine mögliche Laufbahn als Komponistin auf als sie sich in Gustav Mahler verliebt und dessen Gattin wird. Als weitere Ehemänner folgen der Architekt Gropius und der Dichter Franz Werfel.

Caroline Bernard ist das Pseudonym einer Autorin, deren Spezialität historische Romane im Künstlermilieu sind. In Die Muse von Wien gelingt ihr nicht nur ein faires Portrait der oft falsch eingeschätzten, von Männern umschwärmten Alma Schindler-Mahler-Werfel, sondern darüber hinaus eine gut lesbare Schilderung der Zeit der Wiener Boheme um die Wende zum 20. Jahrhundert, dem Entstehen des Künstlerbundes Secession, sowie einer schillernden, von vielen herausragenden Künstlern geprägten Metropole. Fast 500 Seiten Unterhaltung – mit allgemeinbildendem Mehrwert.

Kein Sommer ohne gute Kriminalromane. Wir bleiben gleich in Wien. Auch in der Zeit kommen wir nur wenig voran. Die Romane von Alex Beer spielen in Wien ab 1919. Die goldene Zeit ist vorbei, der Erste Weltkrieg liegt wenige Jahre zurück, das große Habsburger-Reich ist zerfallen, Krone und Adel haben abgedankt. Doch die junge, politisch instabile Republik hat es schwer. Hunger und Elend, Arbeitslosigkeit, Armut und Zukunftsängste prägen den Alltag.

Klar dass es da für Inspektor August Emmerich nicht eben leicht ist seine schwierigen Aufgaben zu erfüllen und inmitten von Chaos und allgegenwärtigen Verbrechen, Recht und Ordnung wenigstens ansatzweise Geltung zu verschaffen. Der unorthodoxe Methoden bevorzugende Emmerich ist kriegsversehrt. Doch nicht nur sein Knie macht ihm Probleme, natürlich gab es auch schon im frühen 20. Jahrhundert ungerechte Vorgesetzte und missliebige Kollegen. Dem Inspektor geht ein überkorrekter Watson zur Hand. Auf die Loyalität des wohlerzogenen, mit Wiener Etikette vertrauten Ferdinand Winter kann er sich verlassen, der Assistent geht für ihn durch dick und dünn.

Mir war zuerst der zweite Band der Reihe in die Hände gefallen. Die Handlung in Die Rote Frau ist exakt auf 18. bis 29. März 1920 datiert. Die eigentliche Kriminalgeschichte wird chronologisch erzählt. Parallel erfährt man einiges über die persönlichen Schicksale der genau geschilderten Charaktere. Von großer Dichte und gut recherchierter Authentizität sind die Milieuschilderungen. Natürlich ist ein Mord aufzuklären, dass es am Ende sogar drei werden, ist jedoch nur scheinbar so. Die Geschichte fesselt von Anfang an, mit den Hauptfiguren, die in immer neue Kalamitäten geraten, fiebert der Leser mit. Schließlich kommt es zum aktionsreichen, spannenden Finale, bei dem die Autorin manchmal etwas dick aufträgt, was dem Lesevergnügen allerdings keinen Abbruch tut.

Das erste Buch um Emmerich und Winter trägt den Titel Der zweite Reiter. Es spielt Ende 1919. Auf die Lektüre, die noch vor mir liegt, bin ich gespannt nachdem ich die Rote Frau gelesen habe. Im Verlagstext heißt es: Als Polizeiagent August Emmerich über die Leiche eines ehemaligen Soldaten stolpert, glaubt er zunächst an einen Selbstmord. Doch schon bald stößt er auf eine schreckliche Wahrheit, die ihn vom Jäger zum Gejagten macht.

Alex Beer, die Erfinderin dieser neuen Folge historischer Kriminalromane aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, ein Genre das schon länger sehr in Mode ist und in Volker Kutscher ein hehres Vorbild hat, stammt aus Bregenz und lebt in Wien. Das Presse-Echo auf ihre Romane ist sehr positiv und sie wurden bereits mit dem renommierten Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur ausgezeichnet.

Eine junge deutsche Autorin hat ebenfalls bereits zwei Krimis vorgelegt deren zeitgeschichtliche Kulisse die 1920er-Jahre sind. Joan Weng stammt aus Stuttgart und lebt mit ihrer Familie in Tübingen. Ihre Romane spielen in Berlin. Im Mittelpunkt steht der aus einfachen Verhältnissen stammende Kriminalkommissar Paul Genzer, der kurioserweise von Schauspielstar Carl von Bäumer unterstützt wird. Der erste trägt den Titel Feine Leute und ist im Milieu der Scheinwelt der zu dieser Zeit boomenden deutschen Filmindustrie angesiedelt. Davon dass Bernice ihren reichen Gatten ins Jenseits befördert haben soll, ist Paul Genzer nicht überzeugt. Kurz darauf ist auch die Verdächtige tot und weitere Bluttaten folgen.

Aus den Kehrseiten der Goldenen Zwanziger in der Reichshauptstadt hat die Autorin phantasievolle und locker erzählte Bücher gemacht. Als neuester Band der Reihe um Paul Genzer liegt Noble Gesellschaft vor. Ich zitiere aus den Verlagsangaben: … ein Dienstmädchen (ist) verschwunden. Ein alter Bekannter erzählt Carl von Bäumer, Starschauspieler der UFA, bei einem Galadinner davon – und schon am nächsten Tag ist er tot. Handelt es sich wirklich um Selbstmord? Carl glaubt nicht daran und forscht nach den Hintergründen. Gemeinsam mit Kommissar Paul Genzer taucht er tief ein in Berlins Gesellschaft der Zwanziger Jahre. Und plötzlich befinden sie sich in einem Verwirrspiel aus Rache, Diamantenschmuggel und jahrzehnte altem Hass.

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Diese Ausgaben der erwähnten Bücher lagen mir vor:

Henisch, Peter: Die schwangere Madonna. Roman. – DTV, 4. Aufl. 2014

Freund, René: Niemand weiß, wie spät es ist. Roman. – Goldmann Verlag, 2018

Freund, René: Liebe unter Fischen. Roman. – Goldmann Verlag, 2015

Mayer, Berni: Rosalie. Roman. – DuMont Buchverlag, 2018

Bernard, Caroline: Die Muse von Wien. Roman. – Aufbau Taschenbuch, 2018

Beer, Alex: Die Rote Frau. Ein Fall für August Emmerich. Roman. – Limes, 2018 (hier: gebundene Originalausgabe z. Preis v. Euro 20)

Beer, Alex: Der zweite Reiter. Ein Fall für August Emmerich. Kriminalroman. – Blanvalet, 2017

Weng, Joan: Feine Leute. Kriminalroman. – Aufbau Taschenbuch, 2016

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Zu den Bildern in diesem Beitrag: Die Motive fand ich während einer Fahrt auf Goethes Spuren von Weimar nach Ilmenau. Eindrücke von der kleinen Reise habe ich im con=libri-Artikel vom 24. Juni geschildert. Die Gegend ist kulturgeschichtlich wie landschaftlich jederzeit einen Besuch wert.

Von Weimar nach Ilmenau

Eine Erkundung. 200 Jahre nach Goethe.

Für mich wird es ein kleiner Ausflug von den deutschen Klassikern, seligen Geistern wie Goethe, Schiller, Herder und Wieland, zur Kleinstadt am Nordhang des Thüringer Waldes. Von einer Keimzelle deutscher Republik, der Musik- und Bauhausstadt zum Ort einiger prägender Kinderjahre. 

Reichlich 50 Kilometer durch junigrünes Thüringen. Über Land eine Fahrt von einer guten Stunde. Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine mühsame, staubige Tagesreise. Früh halb Sieben aus Weimar. Goethes Route ging über Bad Berka, Tannroda, Kranichfeld, Dienstedt, Groß-Hettstett, Stadtilm. Schmale harte Wege, bei Regen schlammig. Gepäck, Kutsche, Pferde, Dienerschaft. 

Bei meiner Fahrt bin ich in einen ungewöhnlichen frühen Sommer geraten. Dreißig Grad am frühen Nachmittag. Die Spargel- und Erdbeerzeit ist auf dem Höhepunkt. Verkaufsstände am Wegesrand. Eine Gemüse-, Blumen- und Beerengegend. Zu DDR-Zeiten konnten nicht einmal die Parteifunktionäre das Reifen von Früchten gänzlich verhindern. Wer einen kleinen privaten Garten besaß war fein raus und gut versorgt. Konnte genießen, was staatlich gelenkte Erzeugergenossenschaften und Konsum- und HO-Läden verplant hatten.

Die Zweiburgenstadt Kranichfeld. Niederburg und Oberschloss. Das mittlere Ilmtal. Hier darf sich eine Ansiedlung von wenigen Tausend Menschen in Ballungsgebieten allenfalls Dorf oder Vorort bereits Stadt nennen. Der Weg zum Oberschloss ist streckenweise eng und steil. Sträßchen mit erneuertem Katzenkopfpflaster. Erste Vorgänger der Anlage entstanden bereits im 12. Jahrhundert. Seine heutige Form bekam es um 1530. Eine Ausstellung zu Geschichte von Schloss und Stadt sind hier untergebracht. Weiter Blick über Wiesen, Felder und bewaldete Hügel. Die Höhen des Thüringer Waldes vor Augen.

Rudolf Baumbach wurde 1840 in Kranichfeld geboren. Er wäre längst vergessen, hätte er nicht Texte geschrieben aus denen so häufig und gern gesungene Lieder wie Hoch auf dem Gelben Wagen wurden. Deshalb gibt es im Ort das Baumbachhaus. Mit der Dauerausstellung zum Leben von Rudolf Baumbach und wechselnden Ausstellungen mit regionalem Bezug. Jetzt im Juni findet wieder das Rosenfest statt. Zum 140. Mal, es hat alle Staatsformen und politischen Systeme scheinbar unbeschadet überstanden.

Immer wieder Alleen. Alte Linden und schlanke Pappeln. Sie sind den Straßenerneuerungen nach der Wende nicht zum Opfer gefallen. Schnelles Fahren verbietet sich, ist wohl auch nicht erwünscht. Meist geht es kurvig voran und immer wieder durch kleine Ortschaften. Verschlafen wirken sie, verlassen, müde in der Junisonne des Jahres 2018. Es gibt Bäume, die müssen schon hier gestanden haben als der Weimarer Minister und Dichter mit seiner Entourage durchreiste. Auf dem Weg zu staatstragenden Geschäften oder naturkundlichen Exkursionen. Oder einfach zu einigen Stunden Waldeinsamkeit. 

Nach 12 Uhr in Stadtilm. Nach über fünf Stunden Holpern und Rütteln ist Stadtilm Rast- und Zwischenstation für Johann Wolfgang von Goethe und sein Gefolge. Einkehr im Gasthaus Zum Hirschen. Es liegt am größten Marktplatz Thüringens, einem weiten länglichen Rechteck dessen Fläche über 10.000 Quadratmeter misst. Der 202 Meter lange steinerne Eisenbahnviadukt am Ortsausgang ist unbedingt sehenswert. Heute verkehren auf ihm nur die Regionalbahnen von Saalfeld nach Erfurt. Der Fernverkehr rauscht mit 250 Stundenkilometern über noch längere hohe Betonbrücken und durch nicht enden wollende Tunnel von München über Nürnberg in die Hauptstadt des Freistaats.

Von den ersten Lokomotiven und der ersten regelmäßig befahrenen Strecke mit Personenverkehr zwischen Manchester und Liverpool 1830 eröffnet hat Goethe noch erfahren. Hat er eine der rollenden Dampfmaschinen in Deutschland gesehen? Vielseitig interessiert, hat er technische Neuerungen stets begrüßt, wenngleich er, wie die meisten Älterwerdenden, die ständige Beschleunigung von Entwicklungen und Ereignissen beklagte. Vielen Ostdeutschen ging es nach 1990 ähnlich. Was auf jahrelange Agonie und Gleichgültigkeit nach dem Beitritt in die Marktwirtschaft folgte, überforderte. Man fühlte sich überfahren, abgestellt, ratlos zurückgelassen. Darunter litt nicht zuletzt da und dort die Begeisterung für demokratische Freiheiten.

Vor dem Viadukt das Rathaus der Gemeinde Stadtilm. Ein ehemaliges Kloster. Stadtbibliothek, Polizeiposten und Touristen-Info sind mit untergekommen in dem vielräumigen langgestreckten Komplex, der leicht vernachlässigt wirkt. Stadtilm ist ein ehemaliges Straßendorf. Mehre Kilometer erstreckt sich die Hauptstraße zwischen den niedrigen, geduckt wirkenden Häusern mit ihren tiefen Erdgeschoßwohnungen, deren Fenster sich oft kaum einen Meter über dem Gehweg befinden.

Am 26. August 1813 wieder einmal unterwegs von Weimar nach Ilmenau schrieb Goethe in Stadtilm (wohl während der Mittagsrast) sein Gedicht Unterwegs. Es gehört bis heute zu seinen populärsten: Ich ging im Walde / So vor mich hin, / Und nichts zu suchen, / Das war mein Sinn. Er findet ein Blümchen am Wegesrand, möchte es spontan pflücken, überlegt es sich schließlich anders. Ein allegorisches Liebesgedicht, das er seiner Christiane zum 25. Jahrestag widmet und sogleich nach Weimar sendet.

Um drei Uhr am Nachmittag Aufbruch in Stadtilm. Über Gräfenau zum Ziel der Reise. Und schließlich Nach Sechs in Ilmenau. Die Herberge heißt Zum Goldenen Löwen. Vor wenigen Jahren wurde unmittelbar neben diesem, in der ehemaligen Form nicht mehr existenten Gebäude, ein Hotel unter dem geschichtsträchtigen Namen eröffnet. Es ist bereits wieder geschlossen. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der thüringischen Provinz sind auch im Jahr 28 der Einheit schwierig.

1776 war Goethe zum ersten Mal in Ilmenau. Verschiedene Verwaltungsaufgaben im Auftrag des Herzogs in den folgenden Jahren führten zu häufigen Besuchen. Darunter der Versuch den brachliegenden Bergbau wiederzubeleben. Was zunächst aussichtsreich erscheint und dem Städtchen bescheidenen Aufschwung verspricht, scheitert letztlich. 1796 muss der Stollen nach massivem Wassereinbruch für immer stillgelegt werden. 17 Jahre lang meidet Goethe danach Ilmenau.

Zu Beginn des Jahres 1779 war ihm die Direktion der Kriegskommission übertragen worden. Sie hatte die Aufgabe Rekruten für den Kleinstaat zu verpflichten. Soldaten die dann vom Landesherrn gegen gutes Geld an andere Heere „verliehen“ wurden. Goethe ist nicht immer begeistert von den Aufgaben die ihm sein Dienstherr überträgt. Bevorstehende Ekelverhältnisse durch die Kriegskommission, schreibt er ins Tagebuch.

Das andere Ilmenau. Schöne Stunden in der Umgebung. Im Wald. Beim Wandern und Erforschen der artenreichen Natur. Die Geologie. Goethe der Zeichner. Dampfende Täler bei Ilmenau. Seine letzte Reise nach Ilmenau findet im August 1831 um den 82. Geburtstag statt, zwei Enkelsöhne begleiten ihn, sieben Monate vor seinem Tod. Am 22. Juli hatte er endlich sein dichterisches Lebenswerk beendet. Das umfangreiche Manuskript des Faust gebündelt, verschnürt und fürs Erste in die Schublade gelegt. Das Hauptgeschäft zustande gebracht. Letztes Mundum. – Alles rein Geschriebene eingeheftet …, steht im Tagebuch. Er ist erleichtert: Mein ferneres Leben kann ich nunmehr als ein reines Geschenk ansehen …

Ende August noch einmal eine kleine Rundreise von Ilmenau aus nach Martinroda, Langewiesen und Stützerbach. Neu angelegte Chauseen bewundert er. Sieht eine Lindenallee wieder bei deren Pflanzung er vor 50 Jahren dabei war. Lebensbilanz. An Zelter schreibt er: … Nach so vielen Jahren war denn doch zu übersehen: das Dauernde, das Verschwundene. – Das Gelungene trat vor und erheiterte, das Mißlungene aber war vergessen und verschmerzt.

Der heiße Spätnachmittag im Juni. Das Auto habe ich auf dem Parkplatz an der Festhalle abgestellt. Einmal quer durch die Stadt führt mein Weg. Naumannstraße, Lindenstraße, Mühlgraben, Oehrenstöcker Straße. Im Tageskaffee der Bäckerei die alten Männer vor dem Kaffee, der längst kalt ist. Ihr Schweigen nur selten unterbrochen von dem nasalen südthüringischen Nuu, das alles bedeutet und nichts. 

Das Hinterhaus in dem die Großeltern lebten wurde vor einigen Jahren abgerissen. Im Erdgeschoß schwitzten Glasbläser vor ihren Gasfeuern. Der Onkel in der Neubausiedlung. Die Lieblingstante. Die Schischanzen und die Schlittenbahn. In der Erinnerung weiße, kalte Winter, aus den Schornsteinen Rauch von verfeuerter Braunkohle. Es stinkt und beißt im Rachen. Längst sanfte Kindheitserinnerung. Wie der Duft der Bratwürste auf glühenden Holzkohlen.

Schon ist es nach sechs. Die Läden geschlossen. Die Straßen nahezu menschenleer. Von Ilmenau nach Weimar in einer Stunde. Hin und wieder durch eine Allee. 200 Jahre nach Goethe.

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Oberhauser, Fred; Kahrs, Axel: Literarischer Führer Deutschland. – Frankfurt : Insel Verlag, 2008

Damm, Sigrid: Goethes letzte Reise. – Frankfurt : Insel Verlag, 2007

Schrader, Walter: Goethe und Ilmenau. – Kassel : Verlag Jenior und Preßler, 1994

Neuendorf, Siegfried: Die Goethestadt Ilmenau. – Ilmenau : Carl Heiner Druck (Hrsg.: Deutscher Kulturbund), 1959

Georgische Momente

Über Begegnungen mit Nino Haratischwili und Zurab Karumidze.

Georgischer Wein ist hierzulande schwer zu bekommen. Haben wir nicht im Angebot, teilt der lokale Handel auf Nachfrage mit. Natürlich wird man schließlich im Internet fündig. Ein Saperavi, Kindzmarauli und ein Tsinandali werden angeboten. Der Weißwein „Goruli Mtsvane“ vom georgischen Spitzenweingut Château Mukhrani wird aus der autochthonen georgischen Rebsorte Goruli erzeugt, die Trauben werden ausschließlich per Hand gelesen. Das erfahre ich auf der Seite des Bremer Weinkolleg. Hanseaten hatten schon immer ein Händchen für Weinimporte.

Wein fließt reichlich in die Kehlen der Protagonisten von Nino Haratischwilis großem georgischen Generationenroman Das achte Leben (für Brilka). Fast genauso häufig erfahren wir darin vom Genuss feiner Trinkschokolade deren Zubereitung und Verzehr zelebriert wird. Rezepturen der Vorfahren werden in den Familien vererbt und gehütet wie Goldschmuck.

Die Schokolade war zäh und dickflüssig, schwarz wie die Nacht vor einem schweren Gewitter, und wurde in kleinen Portionen, heiß, aber nicht zu heiß, in kleinen Tassen und – im Idealfall – mit Silberlöffeln verzehrt. Für dieses Jahrhundert-Buch und ihre Theaterstücke wurde die Schriftstellerin in Augsburg mit dem Bertolt-Brecht-Preis ausgezeichnet.

Der Frühsommer hatte sich in den April verirrt. Ein warmer weicher Nachmittag und Abend am Tag der Preisverleihung im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses. Hier die vergangene Pracht der einst reichen Fuggerstadt, draußen junges Leben und Treiben, Sonne und aufkeimende Frühlingssäfte riefen auf die Plätze und in die Gassen. Cafès und Biertische waren dicht besetzt, luftige Kleider, kurze Hosen, bare Füße allerorten. Gesprächsfetzen, Lachen und Rufen in der Luft. Brecht-Erbe Wecker im Sinn. Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und die Luft nach Erde schmeckt, ist´s egal, ob man gescheit ist, wichtig ist, daß man bereit ist und sein Fleisch nicht mehr versteckt … Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und der Himmel ein Opal, weiß ich, dass das meine Zeit ist …

Nino Haratischwili ist jetzt Mitte dreißig. Natürlich die jüngste Preisträgerin. Drei Romane und zahlreiche Theaterstücke sind von ihr bereits erschienen und aufgeführt worden. Aus Neigung zu dieser Sprache hat sie in der Schule früh Deutsch gelernt und bereits sehr jung begonnen in deutscher Sprache zu schreiben. Brechts Kaukasischer Kreidekreis war eines der ersten Theaterstücke die sie in Tiflis sah, sie beeindruckt und geprägt hat. 1998 gründete sie eine deutsch-georgische Theatergruppe, schrieb, inszenierte und spielte vier erste Stücke auf Deutsch. In Tiflis studierte sie Filmregie, in Hamburg Theaterregie, hier lebt sie inzwischen mit ihrer Familie. Schon 2008 erhielt ihr Drama Liv Stein einen Autorenpreis auf dem Heidelberger Stückemarkt.

Foto: Birgit Böllinger

In seiner Begrüßung der Preisträgerin wies Kultur-Bürgermeister Kiefer auf Brechts durch eine alte Legende angeregte Kalendergeschichte vom Augsburger Kreidekreis hin, eine Vorarbeit zum späteren Theaterstück Der Kaukasische Kreidekreis. In der Begründung für die Preisverleihung heißt es: Nino Haratischwilis Romane und Theaterstücke lassen sich mit den großen Exildramen Bertolt Brechts in Verbindung bringen. Und FAZ-Ressortchef Andreas Platthaus fand für seine Laudatio die Formel: Wenn Bertolt Brecht das epische Theater erfunden hat, dann Nino Haratischwili die theatralische Epik.

Im Herbst ist Georgien Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. Es besteht kein Zweifel, dass bei dieser Gelegenheit georgischer Wein an einschlägigen Messeständen zum Ausschank kommen wird. Viel wichtiger jedoch ist mir, dass zu diesem Zeitpunkt der neue Roman einer großen europäischen, aus Georgien stammenden Schriftstellerin erscheint. Wenn ich in Augsburg richtig hingehört habe, wird er den Titel Die Katze und der General tragen.

Der sommerliche Frühling in Ulm steht jenem in Augsburg in nichts nach. Hier wie dort atmet die Stadt auf und findet sich allerorten leichtlebiges Treiben und Sehnen. Zudem ist Literaturwoche an der Donau. Im Künstlerhaus bestand Gelegenheit zur Begegnung mit dem georgischen Autor Zurab Karumidze und seinem Übersetzer und Verleger Stefan Weidle. Die beiden hatten den Roman Dagny oder ein Fest der Liebe mitgebracht.

Kurz kam die Frage auf, ob Weidle wohl der georgischen Sprache mächtig sei. Dem ist nicht so. Karumidze hat das Buch in englischer Sprache verfasst. Neben der Muttersprache und Russisch seine dritte Sprache, wie er es formulierte. Karumidze lebt in Tiflis, doch sein Roman ist kein ausgesprochen georgisches Buch, Thema und Personal sind europäisch, die Abläufe universell.

Zarub Karumidze und Stefan Weidle (rechts)

Die Norwegerin Dagny Juel war ein Modell Edvard Munchs, etwa für seine bekannte Madonna. Strindberg verliebte sich in sie und reagierte bösartig als er auf Ablehnung stieß. Sie heiratete den polnischen Schriftsteller Stanislaw Przybyszewski und war mit ihm in Berliner Künstlerkreisen unterwegs. Przybyszewski verkaufte die Muse an seinen Bewunderer Wladyslaw Emeryk. So kam sie nach Tiflis.

Dagny Juel hat selbst Gedichte und kurze Dramen (in norwegischer Sprache) geschrieben, die Karumidze in seinem Buch immer wieder in englischer Version zitiert. Verleger Weidle möchte diese Werke demnächst als eigenen Band herausgeben. Am 4. Juni 1901 wurde Dagny von einem nicht erhörten Liebhaber in Tiflis erschossen und dort an ihrem 34. Geburtstag beerdigt. Als Aristokratin von Geburt und Charakter war Dagny Juel wie ein frischer Wind für die Männer, die atemlos nach ihrer Position in Kunst und Leben suchten.

Die in Ulm gelesenen Ausschnitte stellten ein herausforderndes Buch vor, eine tiefgründige Geschichte, frivol, erotisch, ebenso offen in der Sprache wie verschlüsselt in seinen Anspielungen. Die Hauptfigur ein Spielball männlicher Launen, Lüste, voll pornophonischem Lebensekel. Ein postmoderner Roman sei das, wurde als Kategorie bemüht. Der Begriff metamodern wurde erprobt. Doch wozu Klischees? Jedes literarische Werk steht letztlich für sich.

Weidle verwies auf die breite und tiefe literarische Vorbildung des Verfassers und dessen zahlreiche Reminiszenzen an die Weltliteratur, die sich nur mit entsprechender Leseerfahrung erschließen. In diesem Zusammenhang forderte er dazu auf nicht nur aktuelle Bücher zu lesen, sondern immer wieder zu den Klassikern, den alten und den modernen zu greifen. Ein berechtigtes Ansinnen. Sein persönlicher Hausgott, ließ er noch wissen, ist Heimito von Doderer.

Zwischendurch sangen Autor und Verleger Norwegian Wood im Männerduett. Warum wurde nicht so recht klar, kam aber gut an. Der volle Bass Karumidzes ist so beeindruckend, dass der Wunsch geäußert wurde, er möge mit seiner Stimme noch etwas auf Georgisch vortragen. Er wählte eine Passage aus dem über 850 Jahre alten georgischen Nationalepos Vepkhis t’q’aosani (zu deutsch: Der Recke im Tigerfell) des Dichters Rustaveli. Ein wohltönender Vortrag.

Georgien ist die ursprüngliche Heimat des Weines und des kultivierten Weinbaus, behaupten Fachleute. Archäologen haben im Land Weinrebsamen entdeckt, die 5.000 Jahre alt sind. Sie können in Tbilissi im Museum des Weininstitutes bewundert werden.

Nino Haratischwilis Achtes Leben (für Brilka) habe ich kurz nach Erscheinen gelesen. Verschlungen, genossen und bewundert. Ob ich über kurz oder länger zu Dagny oder ein Fest der Liebe greifen werde, ist nicht absehbar. Allerdings kann kaum etwas anderes einen selbst so überraschen wie Wendungen und Launen der Leselust. Und irgendwann wird vielleicht ein Glas das beim Lesen vor mir steht mit georgischem Wein gefüllt sein.

Die Kerners

Felix Huby und Hartwin Gromes erzählen eine wenig bekannte Familiengeschichte.

Die frisch erworbene Flasche Kerner-Wein kommt erst einmal in des Kellers kühlen Grund, damit der Inhalt die empfohlene Trinktemperatur von 8 bis 10 Grad Celsius annehmen kann. Dann die Lektüre vor der Lektüre. Es ist mehr ein Schmökern, im fetten gelben Band 3857 von Reclams Universal-Bibliothek, der Ausgewählte Werke des schwäbischen Dichters Justinus Kerner (1786 – 1862) enthält: Prosa, Biographisches, viele Gedichte. Glaubt einem Gram ihr zu entfliehen / Wenn ihr entflieht dem alten Raum? / Der Glaube ist ein irrer Traum: / Der Gram wird allwärts mit euch ziehen.

Zur Bibliotherapie taugen solche Reime weniger, immerhin erfährt man in Bausingers Schwäbischer Literaturgeschichte von des Dichters Spaß an der Klecksographie. Dort liest man von seinem Hang zum Okkultismus und vom Arzt Kerner der vom Meßmerschen Magnetismus überzeugt war. Als ein Freund des Weines, nach dem viele Jahrzehnte nach seinem Tod in Weinsberg die Sorte Kerner benannt wurde, brachte er es zeitweise auf einen Verzehr von zwei bis drei Litern am Tag, was seine Frau Friederike schließlich zu begrenzender Kontrolle veranlasste. So ist es nicht verwunderlich dass seiner Feder mancher Vers entsprang, der immer wieder gerne in feucht-fröhlicher Runde gesungen wird: Wohlauf, noch getrunken den funkelnden Wein …

Justinus Kerner ist die bekannteste Persönlichkeit der weitverzweigten Kerner-Sippe, zu seiner Zeit war er ebenso eine Berühmtheit wie die schreibenden Kollegen Ludwig Uhland und Gustav Schwab. In Hubys und Gromes Buch steht er nicht allein im Mittelpunkt. Zentrale Figuren sind neben ihm seine beiden Brüder Georg und Karl. Um sie herum wird von weiteren Familienmitgliedern erzählt. Den Eltern Christoph Ludwig Kerner (1744 – 1799) und seiner Gattin Friederike Luise geborene Stockmayer (1750 – 1817), dem Paar wurden im Lauf der Jahre 12 Kinder geboren, sechs Töchter erreichten das Erwachsenenalter nicht. Und den zahlreichen Nachkommen, deren Schicksal nur angedeutet werden kann um den verträglichen Rahmen des Erzählwerks nicht zu sprengen.

Justinus Kerner ist heute gerade noch eingefleischten Literaturfreunden ein Begriff. Seine nahezu vergessenen Brüder Georg und Karl waren hingegen wichtige, einflussreiche Figuren der schwäbischen und europäischen Geschichte. Georg war ein sanfter Revolutionär. Zunächst Feuer und Flamme für die Ideen der französischen Revolution, wandte er sich später von Frankreichs Politik ab, als er erleben musste, wie ein neoabsolutistischer Napoleon seine Rolle als Führer der Grand Nation interpretierte und schließlich Europa mit Schrecken und Tod überzog. Georg lebte als Diplomat, Arzt, Journalist und gescheiterter Geschäftsmann in Paris, Florenz und Hamburg. In der Hansestadt wirkte er hoch angesehen unter anderem als Armenarzt. 1812 starb er dort 42-jährig an einer Infektion, die er sich bei seiner ärztlichen Tätigkeit zugezogen hatte. Geboren wurde er im gleichen Jahr wie Friedrich Hölderlin: 1770.

Den kranken und alten Hölderlin in seinem Turmzimmer mit Neckarblick erlebte der Bruder Justinus als angehender Arzt, zu dem er an der württembergischen Kaderschmiede Karlsschule ausgebildet wurde. Die Anstalt war direkt dem Herzog unterstellt und hatte den Auftrag begabte Landeskinder zu frommen und untertänigen Dienern der württembergischen Dynastie heranzuzüchten. Dass es einigen dieser jungen Männern gelang der Unterdrückung zu entkommen und ihre Talente anderweitig und andernorts zu entfalten wissen wir nicht nur von Friedrich Schiller.

Ein treuer Diener von Herzog und Staat war lebenslang Karl Kerner (1775 – 1840), nach der Erhebung in den Adelsstand Karl von Kerner. Als Offizier führte er ein württembergisches Heer im Gefolge Napoleons in den Russland-Feldzug. Seine Mannschaften wurden vom russischen Winter und von des Gegners raffinierter Kriegsführung aufgerieben. Nur wenige kehrten in die Heimat zurück. Karl war anschließend nicht bereit die Seiten zu wechseln und erneut und diesmal gegen die Franzosen ins Feld zu ziehen. Er wurde Minister, Direktor der landeseigenen Eisen- und Hüttenwerke und schließlich Gutsbesitzer im hohenlohischen Niederhofen.

Die Familie Kerner, die Geschichte des 19. Jahrhunderts, das württembergische Herzogtum und Ausschnitte der schwäbischen Literaturgeschichte boten den Autoren überreichen Stoff für einen dichten, fesselnden Roman rund um die Brüder Georg, Karl und Justinus. Felix Huby, den wir seit Jahrzehnten als versierten Krimi- und Drehbuchschreiber kennen, gelingen einmal mehr realistisch wirkende Dialoge, die uns die menschlichen Facetten der Protagonisten näher bringen.

Der promovierte Theaterwissenschaftler, Dramaturg und langjährige Professor für Kulturwissenschaften Hartwin Gromes hat schon öfters mit Huby zusammengearbeitet. Er dürfte wohl in erster Linie für das Recherchieren der historischen Fakten und Zusammenhänge zuständig gewesen sein. Wo sachliches Wissen eingeflochten und wo das fiktive Erzählen zur raffiniert konstruierten Melange beiträgt, ist für einigermaßen erfahrene Leser unschwer zu erkennen. Entstanden ist ein biographisch fundierter Roman der sich süffig wie ein guter Kerner liest, bestens unterhält und ganz nebenbei eine leicht verdauliche Portion schwäbische Heimatkunde im europäischen Kontext vermittelt.

Längst hatte die Flasche Kerner vom Besigheimer Felsengarten ideale Trinktemperatur erreicht, konnte aufgeschraubt und der hellgelbe Wein eingeschenkt werden. … zarter Duft von Birne und grünem Apfel, leichte Muskataromen, fruchtbetonte, feingliedrige, würzige Fruchtsäure, saftige Süße im Abgang. Wird empfohlen zu Kalbs- und Nierenbraten, Geflügel, würzigem Käse. Passt jederzeit auch zu einem guten Buch.

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Huby, Felix; Gromes, Hartwin: Die Kerners. Eine Familiengeschichte. Roman. – Klöpfer & Meyer, 2018

Kerner, Justinus: Ausgewählte Werke. – Philipp Reclam jun., 1981 (Universal-Bibliothek; 3857)

Bausinger, Hermann: Eine Schwäbische Literaturgeschichte. – Klöpfer & Meyer, 2016

Nicht nur Walser

Bei Gmeiner ist ein umfangreicher Text- und Bildband zur Literatur in Oberschwaben seit 1945 erschienen.

Die vordere Umschlagseite zeigt auf einer Schwarzweiß-Fotografie Maria Menz im Gespräch mit Martin Walser. Die beiden verdeutlichen in beispielhafter Weise das weite Spektrum der oberschwäbischen Literaturszene im 20. Jahrhundert. Hier einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren, vielgelesen, vielgefragt, von dem ein umfangreiches Werk unterschiedlicher Gattungen vorliegt, das verfilmt wurde, übersetzt, das Kontroversen auslöste und seinen Verfasser zum omnipräsenten Zeitgenossen werden ließ. Im März dieses Jahres wurde er 90 Jahre alt, tourt und schreibt derweil unverdrossen.

Dort die katholische Frau, aus einem dörflichen Umfeld, die ihre Begabung vorwiegend in Form mystisch durchwebter religiöser Lyrik und Dialektdichtung umsetzte, der man die Ausübung ihrer Neigung und Begabung nicht durchgehen lassen wollte, die sich dennoch berufen fühlte und vielfältige Widerstände in Kauf nahm. In jungen Jahren entkam sie für kurze Zeit der heimatlichen Enge. Als Krankenschwester konnte sie sich im großstädtischen Leipzig nicht behaupten, verbrachte schließlich als Außenseiterin ein langes Leben in ländlicher Abgeschiedenheit. Durch Walsers Zuspruch und Unterstützung erfuhr sie bescheidene und späte Anerkennung und ruht seit 1996, bereits fast wieder vergessen, auf dem Friedhof von Oberessendorf bei Biberach.

Literatur in Oberschwaben seit 1945 ist ein über 300 Seiten starker Sammelband mit Aufsätzen ausgewiesener Kenner der Region und ihres literarischen Lebens. So sind unter anderem Peter Blickle, Oswald Burger, Ulrike Längle und Peter Renz mit Beiträgen vertreten. Jeder Aufsatz ist in sich abgeschlossen und kann separat gelesen werden. Kleinere Redundanzen ließen sich so nicht ganz vermeiden. Der Gmeiner Verlag hat das Werk in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft Oberschwaben editiert, zur Finanzierung des ambitionierten Vorhabens leisteten die Oberschwäbischen Energiewerke einen erheblichen Beitrag.

Manfred Bosch leitet den Band mit seinem Überblick ein. Nicht zufällig trägt der Aufsatz den Titel Oberschwaben als literarische Landschaft nach 1945. Eng verbunden sind die Schriftstellerinnen und Schriftsteller zwischen Donau und Bodensee mit ihrer natürlichen und zivilisatorischen Umwelt, den Hügeln und Tälern, Seen und Flüssen, den kleinen und etwas größeren Städten. Nicht selten findet sich diese Verbundenheit im Werk wieder. Sei es das Leben am großen See bei Walser oder das bäuerlich Existenzielle bei Maria Beig, bis hin zur literarischen Umformung architektonischer und religiöser Besonderheiten bei Arnold Stadler.

Natürlich sind die bekanntesten Namen prominent vertreten. Ernst Jünger, Maria Beig oder Arnold Stadler. Und natürlich Martin Walser, der sich als Patron bis heute immer wieder für die Literatur seiner Gegend und die Persönlichkeiten, die sie schaffen, einsetzt. Denn die Schreibenden Oberschwabens stehen nicht in gleicher Weise im Blickpunkt wie jene der bundesdeutschen Metropolen. So darf man bei der Lektüre des Buches auch an jene denken, die hier nicht vorkommen. Die es trotz einschlägiger Begabung und vorhandenen dichterischen Fleißes nicht geschafft haben verlegt und damit öffentlich überhaupt erst wahrgenommen zu werden. Ganz sicher gehören dazu zahlreiche Frauen des 20. Jahrhunderts. Die Probleme und Hindernisse die Maria Menz, Maria Beig und Maria Müller-Gögler in ihren Laufbahnen und Lebenswegen zu bewältigen hatten, lassen dies zumindest erahnen. Ich weiß, da ist eine Geschichte, und ich weiß, ich werde sie nicht erfahren, beschreibt Cees Nooteboom in seinem Roman Paradies verloren dieses Dilemma.

Ulrike Längle erweitert die Region um das angrenzende Vorarlberg. Das ist geschickt, so sind interessante und bekannte Namen, wie Michael Köhlmeier und Monika Helfer in das Buch geraten. Mit Grenzziehungen ist es ja so eine Sache. Ein geographischer Raum Oberschwaben ist nicht eindeutig definiert und kulturell gibt es traditionell zahlreiche verwandschaftliche Beziehungen, Verflechtungen, Parallelen mit der angrenzenden Nachbarschaft in Österreich, der Schweiz, den bayerischen und badischen Ländereien.

Auf dem vorderen Umschlag sehen wir ein zweites Bild, das uns die malerische Pracht im Inneren des Rathauses der Stadt Wangen erahnen lässt. Und wir sehen die Teilnehmer am sogenannten Literarischen Forum Oberschwaben, die sich hier zu einer ihrer jährlichen Zusammenkünfte getroffen haben. Zu den Förderern, Inspiratoren oberschwäbischen Kunstschaffens im weitesten Sinne gehörte der feinsinnige Kommunikator Walter Münch, einst Landrat des Kreises Wangen, als es diesen noch gab. Er und weitere engagierte Mitstreiter waren es, die die Tradition des Forums ins Leben riefen. Es handelt sich dabei um offene Treffen von Autoren und Autorinnen, die aus dem Gebiet stammen oder sich ihm zugehörig fühlen, zu zwanglosem Kennenlernen und Erfahrungsaustausch. Das Buch berichtet darüber ebenso wie über das Wirken einer literarischen Gruppe, die als Ravensburger Kreis bis 2005 existierte.

Literatur in Oberschwaben seit 1945 gewinnt zusätzlichen Wert und Reiz durch die zahlreichen Abbildungen, darunter viele Personenporträts. Ein großer Teil der Fotografien stammt von dem in diesem Jahr verstorbenen Rupert Leser. Über viele Jahrzehnte ein in vielen Medien und Ausstellungen vertretener Bildchronist der oberschwäbischen Landschaft und ihrer Menschen.

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Weber, Edwin Ernst (Hrsg.): Literatur in Oberschwaben seit 1945. – Gmeiner-Verlag, 2017

(Der größte Teil der Beiträge in diesem Buch basiert auf Vorträgen während einer Tagung der Gesellschaft Oberschwaben, die 2011 im Volkshochschulheim Inzigkofen stattfand.)

Von Siebenbürgen bis heute

Die Erzählerin Iris Wolff und ihre Welt

Es war quasi eine Fußnote, die mich auf das neueste Buch von Iris Wolff aufmerksam machte. Ich kannte die Schriftstellerin bisher nicht. So tun, als ob es regnet war die persönliche Empfehlung Denis Schecks in der Bestenliste des SWR vom Juni diesen Jahres. Iris Wolff lässt ihre Leser erfahren, was passiert, wenn nichts passiert – und findet starke Bilder für ihren die historische Erfahrung eines ganzen Jahrhunderts umspannenden Roman. Dass nichts passiert stimmt so allerdings nicht. Dazu gleich mehr.

Wenn ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin für eine Neuerscheinung gerühmt wird, schaue ich gerne nach was bereits vorliegt. Deshalb las ich zunächst Wolffs ersten Roman Halber Stein. Zu oft hat man Debütanten erlebt, die das Niveau von gelungenen Erstlingen nicht halten konnten. Bei Iris Wolff ist das anders. Sie ist der erfreuliche Fall, dass die literarische Qualität ebenso hoch, wie gut lesbar bleibt, während der Zuspruch der Leser und Kritiker von Werk zu Werk steigt.

Zur Beerdigung der Großmutter reist eine Frau von Mitte zwanzig mit ihrem Vater in den kleinen Ort Michelsberg nahe Hermannstadt (Sibiu) in Rumänien. Es ist das ehemalige Siedlungsgebiet der Siebenbürger Sachsen. Nach russischer Besatzung, damit verbundener Verschleppung in die Zwangsarbeit, und der für alle Menschen im Lande fürchterlichen Ceaușescu-Zeit, sind in den letzten Jahrzehnten die meisten von ihnen nach Deutschland ausgewandert. Wenige blieben – meist ältere Menschen. Iris Wolffs Geschichte setzt viele Jahre nach Herta Müllers Atemschaukel ein. Die historischen Erfahrungen haben jedoch tiefe Spuren in Region und Menschen hinterlassen.

Bild: Wiebke Haag

Friedesine, von allen nur Sine genannt, hat hier Kinderjahre verbracht und die Reise ist mit Erinnerungen und Wiederbegegnungen verbunden. Begegnungen mit Julian dem fast vergessenen Freund früherer Tage, ehemaligen Bekannten, Nachbarn der Verstorbenen. Der Wiederentdeckung von Orten, Wegen, Räumen. Zur Beerdigung und der anschließenden Gedenkfeier, verbunden mit üppigem Mahl und hochprozentigen Getränken, kommen zudem Verwandte zusammen, die sich nur selten begegnen und deren Verhältnis nicht ohne Spannungen ist.

Der halbe Stein ist ein Naturdenkmal an einem Fluss bei Michelsberg im Landstrich vor den Karpaten. Fruchtbar ist diese Gegend, mit warmen Sommern und strengen Wintern, mit einer reichen, sehr eigenen kulturellen Vergangenheit, geprägt von den deutschsprachigen Siedlern ebenso, wie von der rumänischen Bevölkerung und ungarischen Einflüssen. Iris Wolff gelingen großartige, vielfarbige Landschaftsbilder und einprägsame Personenportraits während sie ihre Hauptfigur auf die Suche nach der verlorenen Kindheit, der unwiederbringlichen Heimat und einen Weg in die für sie zu diesem Zeitpunkt offene Zukunft schildert.

Ruhiger Erzählstrom in poetischer Sprache, eine Handlung, die immer wieder kleine Überraschungen bereithält, Sätze, die jeden, der Sinn für Prosa abseits des reiserisch Zeitgeistigen hat, fesseln werden. Es ist ein wunderbares Spätsommerbuch, das man ungern aus der Hand legt um sich zwischen den Leseperioden notgedrungen profanen Alltagsdingen zuwenden zu müssen. Ein Buch der Farben und Gerüche. Ein Buch das duftet. Nach dem Aroma von feuchter Erde und reifen Limonen. Von Moden befreites, zeitloses Schreiben einer Dichterin, die im gerade wieder ausbrechenden Literaturpreisrummel, leicht zu übersehen ist.

Kann man in Zeiten von heute hier, morgen dort, der abverlangten globalen Beweglichkeit, über Sehnsucht nach Heimat und damit verbundene Gefühle schreiben? Iris Wolff kann. Genau statt pauschal. Berührend statt rührselig. Ihre Begegnung mit Vergangenem ist mit keinerlei Besitzansprüchen verbunden.

(c) Stine Wiemann

Die Kindheit eines Autors, einer Autorin war bereits Stoff und Anlass für viele große Romane der Weltliteratur. Auch Iris Wolff schöpft kraftvoll aus diesem tiefen Brunnen. 1977 in Hermannstadt geboren, verbrachte sie frühe Kinderjahre im elterlichen Pfarrhaushalt in Semlak nahe Arad. Eine Region die lange zu Ungarn gehörte und heute am westlichen Rand Rumäniens liegt. 1985 kam die Familie nach Deutschland. Die Umsiedlung erlebte Iris Wolff als Kulturschock, die Kindheit in Rumänien schien mir unbeschwerter, sagt sie im Rückblick. In Marburg studierte sie Germanistik, Religionswissenschaft und Malerei, war später am Deutschen Literaturarchiv als Museumspädagogin tätig. Iris Wolff lebt inzwischen in Freiburg. Sie schreibt, malt, fotografiert und arbeitet seit einigen Jahren als Kulturkoordinatorin.

Ihre Figuren entwickeln sich während des Schreibprozesses, erläuterte sie in einem Interview. In einem Jahr sollte ihr erster Roman Halber Stein fertig werden – es dauerte schließlich sechs Jahre bis das Buch 2012 herauskam. Es ist über die Jahre gereift, hat mehr und mehr Geschichten, Gedanken, Farben und Gerüche aufgenommen. Die Erinnerung an die Kinderjahre hat sie nie losgelassen. Und die Erinnerung an das Lebensgefühl und die Kultur der Deutschen, Rumänen und Ungarn im südöstlichen Europa. Hier konnte man die Liebe immer in drei Sprachen erklären.

Sie recherchierte vor Ort, fotografierte, interviewte Eltern und Großeltern. Orte und Menschen sind – auch wenn sie authentischen Orten und lebenden Menschen ähneln – als Fiktion, im Sinne einer eigenen, erdichteten Welt, zu betrachten. Ein in der Literaturgeschichte nicht seltenes Bekenntnis wenn auf eine strikte Trennung von Dichtung, Erinnerung und Wirklichkeit verzichtet wird. Das Ende der Erzählung ist offen, doch eine Zukunft absehbar.

Als ich schließlich mit der Lektüre von So tun, als ob es regnet, den in diesem Jahr erschienen Roman in vier Erzählungen, begann, habe ich mich nicht gewundert ein Zitat von Hermann Lenz vorangestellt zu finden: Du musst dich umschauen, sieh um dich; was du bemerkst, das gehört dir. Mag sein, sie zählt den unscheinbaren Außenseiter der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zu ihren Vorbildern. Eine legitime Schülerin ist sie allemal.

Bild: Wiebke Haag

Die erste, sanft erotisch durchwirkte Episode, handelt vom Schicksal eines Soldaten im Ersten Weltkrieg. Ein Brief von zuhause gefährdet das Durchhaltevermögen des jungen Jacob. In der zweiten Geschichte beschäftigt den Leser zunächst einmal die Frage ob die Hauptperson Henriette die Tochter Jacobs ist. In der dritten verpasst der draufgängerische Vicco den frühen Tod nur knapp und kommt gerade noch rechtzeitig um die erste Mondbegehung eines Menschen im Fernsehen mitzubekommen. In jeder neuen Erzählung ist irgend jemand mit einem Protagonisten der vorherigen verwandt.

So geht es in großen Sprüngen durch etwa hundert Jahre. Im letzten Teil sind wir in der Gegenwart angekommen und eine Enkelin der Henriette ist nach La Gomera ausgewandert. Hier verlässt Iris Wolf schließlich den Erzähl- und Kulturraum des alten Siebenbürgen, den Mittelpunkt, die Hauptbühne ihrer bisher drei Romane. Auch im neuesten Werk entwickeln die malerische Sprache und die sparsame, sehr gezielt eingesetzte Handlung, einen starken Sog. Eine Anziehung ähnlich Licht, Luft und Landschaft in denen diese Geschichten daheim sind. Iris Wolff schafft schreibend ihren Leserinnen und Lesern ein erlesbares Zuhause.

So tun, als ob es regnet ist die deutsche Übersetzung eines rumänischen Sprichworts. Se face ca ploua, heißt es im Original, was gesprochen sicher melodischer klingt als in deutscher Sprache. Die vier lose verbundenen Erzählungen des Romans könnte man als kleine Novellen bezeichnen. Jede berichtet von einer überraschenden Neuigkeit und hält unerwartete Wendungen bereit. In Iris Wolffs Büchern spielt die Natur eine zentrale Rolle, besonders gefallen mir ihre Spätsommer-Schilderungen: Mit dem September veränderte sich etwas. Die Kastanien wussten es immer als erstes. In den Schatten verschanzte sich kühlere Luft, die Blätter fingen an zu welken. … Die Birnen leuchteten in der Dämmerung wie kleine Lampions. … Melonen lagen wie verstreute Bälle herum.

Besser als Denis Scheck kann ich es nicht formulieren: Viel vom poetischen Charme dieses Romans erklärt sich aus dem traumsicheren Sprachgefühl und guten Auge der Autorin für sprechende Momente und Details. Ich bin kein Kritiker, ich bin nur Leser. Ein beglückter Leser, der sich über eine beeindruckende Neuentdeckung freut und Iris Wolffs Werke in seinen ganz persönlichen Kanon deutschsprachiger Literatur aufnimmt.

Wolff, Iris: Halber Stein. Roman. – Otto Müller, 2012

Wolff, Iris: Leuchtende Schatten. Roman. – Otto Müller, 2015

Wolff, Iris: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. – Otto Müller, 2017