Von Siebenbürgen bis heute

14. September 2017

Die Erzählerin Iris Wolff und ihre Welt

Es war quasi eine Fußnote, die mich auf das neueste Buch von Iris Wolff aufmerksam machte. Ich kannte die Schriftstellerin bisher nicht. So tun, als ob es regnet war die persönliche Empfehlung Denis Schecks in der Bestenliste des SWR vom Juni diesen Jahres. Iris Wolff lässt ihre Leser erfahren, was passiert, wenn nichts passiert – und findet starke Bilder für ihren die historische Erfahrung eines ganzen Jahrhunderts umspannenden Roman. Dass nichts passiert stimmt so allerdings nicht. Dazu gleich mehr.

Wenn ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin für eine Neuerscheinung gerühmt wird, schaue ich gerne nach was bereits vorliegt. Deshalb las ich zunächst Wolffs ersten Roman Halber Stein. Zu oft hat man Debütanten erlebt, die das Niveau von gelungenen Erstlingen nicht halten konnten. Bei Iris Wolff ist das anders. Sie ist der erfreuliche Fall, dass die literarische Qualität ebenso hoch, wie gut lesbar bleibt, während der Zuspruch der Leser und Kritiker von Werk zu Werk steigt.

Zur Beerdigung der Großmutter reist eine Frau von Mitte zwanzig mit ihrem Vater in den kleinen Ort Michelsberg nahe Hermannstadt (Sibiu) in Rumänien. Es ist das ehemalige Siedlungsgebiet der Siebenbürger Sachsen. Nach russischer Besatzung, damit verbundener Verschleppung in die Zwangsarbeit, und der für alle Menschen im Lande fürchterlichen Ceaușescu-Zeit, sind in den letzten Jahrzehnten die meisten von ihnen nach Deutschland ausgewandert. Wenige blieben – meist ältere Menschen. Iris Wolffs Geschichte setzt viele Jahre nach Herta Müllers Atemschaukel ein. Die historischen Erfahrungen haben jedoch tiefe Spuren in Region und Menschen hinterlassen.

Bild: Wiebke Haag

Friedesine, von allen nur Sine genannt, hat hier Kinderjahre verbracht und die Reise ist mit Erinnerungen und Wiederbegegnungen verbunden. Begegnungen mit Julian dem fast vergessenen Freund früherer Tage, ehemaligen Bekannten, Nachbarn der Verstorbenen. Der Wiederentdeckung von Orten, Wegen, Räumen. Zur Beerdigung und der anschließenden Gedenkfeier, verbunden mit üppigem Mahl und hochprozentigen Getränken, kommen zudem Verwandte zusammen, die sich nur selten begegnen und deren Verhältnis nicht ohne Spannungen ist.

Der halbe Stein ist ein Naturdenkmal an einem Fluss bei Michelsberg im Landstrich vor den Karpaten. Fruchtbar ist diese Gegend, mit warmen Sommern und strengen Wintern, mit einer reichen, sehr eigenen kulturellen Vergangenheit, geprägt von den deutschsprachigen Siedlern ebenso, wie von der rumänischen Bevölkerung und ungarischen Einflüssen. Iris Wolff gelingen großartige, vielfarbige Landschaftsbilder und einprägsame Personenportraits während sie ihre Hauptfigur auf die Suche nach der verlorenen Kindheit, der unwiederbringlichen Heimat und einen Weg in die für sie zu diesem Zeitpunkt offene Zukunft schildert.

Ruhiger Erzählstrom in poetischer Sprache, eine Handlung, die immer wieder kleine Überraschungen bereithält, Sätze, die jeden, der Sinn für Prosa abseits des reiserisch Zeitgeistigen hat, fesseln werden. Es ist ein wunderbares Spätsommerbuch, das man ungern aus der Hand legt um sich zwischen den Leseperioden notgedrungen profanen Alltagsdingen zuwenden zu müssen. Ein Buch der Farben und Gerüche. Ein Buch das duftet. Nach dem Aroma von feuchter Erde und reifen Limonen. Von Moden befreites, zeitloses Schreiben einer Dichterin, die im gerade wieder ausbrechenden Literaturpreisrummel, leicht zu übersehen ist.

Kann man in Zeiten von heute hier, morgen dort, der abverlangten globalen Beweglichkeit, über Sehnsucht nach Heimat und damit verbundene Gefühle schreiben? Iris Wolff kann. Genau statt pauschal. Berührend statt rührselig. Ihre Begegnung mit Vergangenem ist mit keinerlei Besitzansprüchen verbunden.

(c) Stine Wiemann

Die Kindheit eines Autors, einer Autorin war bereits Stoff und Anlass für viele große Romane der Weltliteratur. Auch Iris Wolf schöpft kraftvoll aus diesem tiefen Brunnen. 1977 in Hermannstadt geboren, verbrachte sie frühe Kinderjahre im elterlichen Pfarrhaushalt in Semlak nahe Arad. Eine Region die lange zu Ungarn gehörte und heute am westlichen Rand Rumäniens liegt. 1985 kam die Familie nach Deutschland. Die Umsiedlung erlebte Iris Wolff als Kulturschock, die Kindheit in Rumänien schien mir unbeschwerter, sagt sie im Rückblick. In Marbach studierte sie Germanistik, Religionswissenschaft und Malerei, war später am Deutschen Literaturarchiv als Museumspädagogik tätig. Iris Wolff lebt inzwischen in Freiburg. Sie schreibt, malt, fotografiert und arbeitet seit einigen Jahren als Kulturkoordinatorin.

Ihre Figuren entwickeln sich während des Schreibprozesses, erläuterte sie in einem Interview. In einem Jahr sollte ihr erster Roman Halber Stein fertig werden – es dauerte schließlich sechs Jahre bis das Buch 2012 herauskam. Es ist über die Jahre gereift, hat mehr und mehr Geschichten, Gedanken, Farben und Gerüche aufgenommen. Die Erinnerung an die Kinderjahre hat sie nie losgelassen. Und die Erinnerung an das Lebensgefühl und die Kultur der Deutschen, Rumänen und Ungarn im südöstlichen Europa. Hier konnte man die Liebe immer in drei Sprachen erklären.

Sie recherchierte vor Ort, fotografierte, interviewte Eltern und Großeltern. Orte und Menschen sind – auch wenn sie authentischen Orten und lebenden Menschen ähneln – als Fiktion, im Sinne einer eigenen, erdichteten Welt, zu betrachten. Ein in der Literaturgeschichte nicht seltenes Bekenntnis wenn auf eine strikte Trennung von Dichtung, Erinnerung und Wirklichkeit verzichtet wird. Das Ende der Erzählung ist offen, doch eine Zukunft absehbar.

Als ich schließlich mit der Lektüre von So tun, als ob es regnet, den in diesem Jahr erschienen Roman in vier Erzählungen, begann, habe ich mich nicht gewundert ein Zitat von Hermann Lenz vorangestellt zu finden: Du musst dich umschauen, sieh um dich; was du bemerkst, das gehört dir. Mag sein, sie zählt den unscheinbaren Außenseiter der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zu ihren Vorbildern. Eine legitime Schülerin ist sie allemal.

Bild: Wiebke Haag

Die erste, sanft erotisch durchwirkte Episode, handelt vom Schicksal eines Soldaten im Ersten Weltkrieg. Ein Brief von zuhause gefährdet das Durchhaltevermögen des jungen Jacob. In der zweiten Geschichte beschäftigt den Leser zunächst einmal die Frage ob die Hauptperson Henriette die Tochter Jacobs ist. In der dritten verpasst der draufgängerische Vicco den frühen Tod nur knapp und kommt gerade noch rechtzeitig um die erste Mondbegehung eines Menschen im Fernsehen mitzubekommen. In jeder neuen Erzählung ist irgend jemand mit einem Protagonisten der vorherigen verwandt.

So geht es in großen Sprüngen durch etwa hundert Jahre. Im letzten Teil sind wir in der Gegenwart angekommen und eine Enkelin der Henriette ist nach La Gomera ausgewandert. Hier verlässt Iris Wolf schließlich den Erzähl- und Kulturraum des alten Siebenbürgen, den Mittelpunkt, die Hauptbühne ihrer bisher drei Romane. Auch im neuesten Werk entwickeln die malerische Sprache und die sparsame, sehr gezielt eingesetzte Handlung, einen starken Sog. Eine Anziehung ähnlich Licht, Luft und Landschaft in denen diese Geschichten daheim sind. Iris Wolff schafft schreibend ihren Leserinnen und Lesern ein erlesbares Zuhause.

So tun, als ob es regnet ist die deutsche Übersetzung eines rumänischen Sprichworts. Se face ca ploua, heißt es im Original, was gesprochen sicher melodischer klingt als in deutscher Sprache. Die vier lose verbundenen Erzählungen des Romans könnte man als kleine Novellen bezeichnen. Jede berichtet von einer überraschenden Neuigkeit und hält unerwartete Wendungen bereit. In Iris Wolffs Büchern spielt die Natur eine zentrale Rolle, besonders gefallen mir ihre Spätsommer-Schilderungen: Mit dem September veränderte sich etwas. Die Kastanien wussten es immer als erstes. In den Schatten verschanzte sich kühlere Luft, die Blätter fingen an zu welken. … Die Birnen leuchteten in der Dämmerung wie kleine Lampions. … Melonen lagen wie verstreute Bälle herum.

Besser als Denis Scheck kann ich es nicht formulieren: Viel vom poetischen Charme dieses Romans erklärt sich aus dem traumsicheren Sprachgefühl und guten Auge der Autorin für sprechende Momente und Details. Ich bin kein Kritiker, ich bin nur Leser. Ein beglückter Leser, der sich über eine beeindruckende Neuentdeckung freut und Iris Wolffs Werke in seinen ganz persönlichen Kanon deutschsprachiger Literatur aufnimmt.

Wolff, Iris: Halber Stein. Roman. – Otto Müller, 2012

Wolff, Iris: Leuchtende Schatten. Roman. – Otto Müller, 2015

Wolff, Iris: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. – Otto Müller, 2017

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Mai mit Lau

30. Mai 2017

Ein Frühlings-Spaziergang in Blaubeuren

Sind sie nicht alle gleich, diese Kleinstädte abseits der Metropolen und Magistralen? Gleich eintönig, langweilig, früh am Abend müde? Keineswegs. Fast jede hat ihre Besonderheiten. Eine eminente Persönlichkeit, die hier zur Welt kam oder starb, im Idealfall am Ort wirkte; eine Eigenart der Natur, wie steilen Fels, dichten Wald, tiefes Moor; pitoreskes Bauwerk, wie Burgruine oder barockes Schlösschen; ist Schauplatz eines Romans, einer bekannten Geschichte, eines Films; wurde vielleicht bedichtet oder besungen.

So auch dieses Städtchen mit seinen gerade einmal 12.000 Bürgern. 20 Kilometer westlich von Ulm gelegen ist es stolz auf seine Urzeitkinder, die einst Urzeitlöwen schnitzten, die die Ururururenkel nun im Urkundemuseum bestaunen können und die von Künstlern der Gegenwart überlebensgroß nachgebildet werden. Stolz auf seine wagemutigen Taucher, von denen einige im endlosen Labyrinth der Unterwasserhöhlen verschwanden, wo sie auf den Kuss einer Nixe warten müssen, der sie wieder ins Leben und an die Oberfläche zurückholt. Und es hat noch mehr, unser Städtchen.

Von Osten her führt ein niedriger, schmaler Einlass durch die geschlossene Front historischer Häuser in die überschaubare Innenstadt. Der erste Fluss auf den man hier trifft heißt Ach. Er kommt von Allmendingen, Schelklingen und Weiler. Bewegt und eilig rauscht das klare Wasser Richtung Mündung. Kleine Brücken und Stege verbinden die Erdgeschosse der Gebäude mit den Wegen auf der anderen Seite – ein Kleinvenedig. Bis zur Blau und ihrem Ursprung sind es noch wenige hundert Meter.

Der Weg folgt zunächst der alten Verbindungsstraße zu den viele Meter höher gelegenen Vororten auf der Schwäbischen Alb, zu deren Füßen der Hauptort liegt. Er geht vorbei an Gasthöfen, denen man ihre lange Geschichte ansieht, zu deren Eingang ausgetretene Steinstufen führen, neben dem die Tageskarte mit schwäbischen Gerichten hängt. Maultaschen, Zwiebelroschtbraten, Kässpätzle, Wurschtsalat. Es gibt reichlich Cafès im Städtchen, biedere Stübchen und zeitgeistige Interpretationen. Es fehlen nicht die mediteran-asiatischen Imbisse, wohlriechenden Bäckereien und üppigen Metzgereien. Ein wirklich hervorragender Eismacher muss unbedingt erwähnt werden und die wunderbare Tatsache dass sich hartnäckig eine Buchhandlung nebst Schreibwarensortiment hält. Auf dem Weg zur Hauptattraktion des Ortes konkurrieren Automobilisten, Radler und Wanderer um schmalen Straßenraum.

Den Blautopf kann man auf schattigem Waldpfad umrunden oder einfach nur zu den Hammerschlägen einer emsigen alten Schmiede, die mit Wasserkraft betrieben wird, vom Ufer aus bestaunen. Seine unergründliche Tiefe erkennt man nach mehrmaligen Hinsehen. Denn das klare Wasser des seichten Ufers wird erst in der Mitte zum Trichter, der weit hinunter und in das weitverzweigte karstige Höhlensystem des Mittelgebirges führt. Dort ist das Blau eher ein helles Türkis, das in den Abendstunden, wenn früh schon die Schatten der nahen Hügel auf das Wasser fallen, in dunklere Töne wechselt.

Eine der populärsten schwäbischen Dichtungen spielt in und an diesem tiefgründigen Wasser. Die Legende von der schönen Lau ist Teil von Eduard Mörikes Erzählung “Das Stuttgarter Hutzelmännlein”.

“… ihr Angesicht sah weißlich aus, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren, blau.” Die Lau ist keine Nixe, keine reife, frauliche Variante der kleinen Meerjungfrau: “Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zärter als ein Blatt vom Mohn.”

Sie ist die Tochter einer Menschenfrau und eines Wassernix aus dem Schwarzen Meer. Von ihrem Gemahl, dem Donaunix, wird sie in den Blautopf verbannt, weil sie nur tote Kinder gebar und nicht lachen konnte. Sie durfte zurückkehren und ein lebendiges Kind gebären nachdem sie fünfmal gelacht hatte. Wie ihr das in Blaubeuren gelang schildert Mörike meisterlich, ist jedoch für heutige Besucher nur noch schwer nachzuvollziehen. Allzu humorfrei werden Blautopf-Tourismus und damit verbundener Kitsch und Kommerz in unseren Tagen vollzogen.

Eine steinerne Lau steht etwas verloren neben dem Quelltopf. Ihre schon stark abgeschliffenen Konturen drohen von Grün überwuchert zu werden und lassen ihre früheren Reize nur noch erahnen. Gedanken an erotische Weiblichkeit, wie sie manchem Besucher früherer Zeiten nach dem Lesen der Mörikezeilen in den Sinn gekommen sein mögen, löst diese armselige Gestalt nicht mehr aus.

Hermann Hesse war ein ebenso großer Verehrer der schönen Verbannten, wie seines Dichter-Kollegen Mörike. Er war oft zu Besuch in Blaubeuren, denn hier lehrte über viele Jahre der Jugendfreund Wilhelm Häcker am evangelischen Seminar. Auf der Stube Hellas im Seminar zu Maulbronn war es, wo im September 1891 die vierzehnjährigen Bürschchen sich kennenlernten. Zeitlebens blieben sie verbunden. Als Hesse nach 1933 nicht mehr nach Deutschland kam, mündeten die persönlichen Begegnungen in einen regen Briefwechsel.

“Häcker, ein aufgeweckter Pfarrersohn ist begabt, lustig, schleckig, schneidet alle Grimassen und bringt viele sehr geistreiche Witze mit höchst stoischem Ernst an den Mann. Er zeichnet oft komische Bilder aus der Geschichte und weiß Homer zum Bänkelsänger zu machen. Er ist gutherzig, nicht sehr fleißig, würdevoll und pathetisch.” So schrieb Hermann Hesse in einem Brief an seine Eltern im Februar 1892.

Mit Besuchen in Blaubeuren stillte Hermann Hesse seine gelegentliche Sehnsucht nach der schwäbischen Kindheit. In der “Nürnberger Reise” schildert er einen Besuch im Jahr 1925. „Alles roch nach Heimat, nach Schwäbisch, nach Roggenbrot und Märchen … Überall war die Lau verborgen, überall duftete es nach Jugend und Kindheit, Träumen und Lebkuchen und nicht minder nach Hölderlin und Mörike.“ Das hat er genossen. Für einige Stunden, einige Tage. Länger hielt es ihn dann doch nicht.

Aus einer 1536 gegründeten Klosterschule wurde 1817 ein evangelisch-theologisches Seminar, die Vorstufe zum Tübinger Stift in der Ausbildung Geistlicher für die württembergische Landeskirche. Mancher ehemalige Schüler brachte es später zu einiger Bekanntheit. Eduard Mörike, Wilhelm Hartlauf, Wilhelm Waiblinger und Wilhelm Hauff waren dabei. Hauff gehörte zu den sogenannten Genie-Promotionen der Jahrgänge 1820 bis 1825, in denen sich die hochbegabten Absolventen häuften.

Von Nürtingen nach Blaubeuren, die Schwäbische Alb überquerend, wanderte einst der Dichter Friedrich Hölderlin, dessen Schwester hier mit dem Professor der – damals noch – Klosterschule, Christian Breunlin, verheiratet war. Auch Christian Friedrich Daniel Schubart, Journalist, Dichter, Organist und Komponist, geboren 1739 in Obersontheim, wird zu Fuß von Ulm her gekommen sein.

Im Januar 1777 wurde er in Blaubeuren verhaftet, nachdem man ihn aus der freien Reichstadt, wo er in Sicherheit gewesen wäre, fortgelockt hatte. In Schrift und Wort hatte er sich zu offen, satirisch und kritisch über die Obrigkeit des absolutistischen Herzogtums Württemberg ausgelassen. Da man ihn im unabhängigen Ulm nicht dingfest machen konnte, musste ihn eine kleine List nach Blaubeuren locken. Vielleicht war dort die schöne Lau das letzte weibliche Wesen das ihm begegnete, bevor er 10 Jahre in Festungshaft auf dem Hohen Asperg verbringen und auf solch angenehme Gesellschaft verzichten musste. Mit einem klitzekleinen Museum, einer Gedenkstädte namens “Schubartstube”, im ehemaligen Amtshaus des Klosters, leistet die demokratische Gemeinde seit 1990 Abbitte.

Hügel, Fels, Wald auf drei Seiten. Hinter dem Blautopf führen Wanderwege auf die Alb. Etwa zwei steile Kilometer sind es bis zum ersten Dorf auf der Hochfläche. Nach Osten öffnet sich das Tal. Hier kann man dem jungen Fluss folgen. Es geht Richtung Gerhausen, Herrlingen, schließlich Ulm, wo die Blau, dreiarmig geteilt, in die Donau mündet. Wer nicht so weit gehen möchte, findet inmitten blühender Auwiesen, nicht weit vom Ort, gastliche Einkehr in einem Naturfreundehaus.

Wenn man gegen Abend das Städtchen wieder verlässt – auch im Sommer verschwindet die Sonne zeitig hinter den Bergen – die Dämmerung und schließlich ruhige Nacht nicht mehr weit sind, mag uns Eduard Mörikes “Um Mitternacht” durch den Kopf gehen:

“Gelassen stieg die Nacht ans Land / Lehnt träumend an der Berge Wand … Doch immer halten die Quellen das Wort / Es singen die Wasser im Schlafe noch fort / Vom Tage / Vom heute gewesenen Tage”


Shan ermittelt – Die Tibet-Krimis von Eliot Pattison

25. Januar 2017

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler

Am 10. März 2008, 49 Jahre nach dem blutig niedergeschlagenen Aufstand der Tibeter gegen die chinesische Besatzung, begannen im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele in Peking landesweite Demonstrationen für Religionsfreiheit, die Unabhängigkeit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits fünf Romane in der Tibet-Reihe des amerikanischen Schriftstellers Eliot Pattison erschienen, drei weitere sollten bis heute noch folgen.

„[ ]nichts hat mein persönliches Interesse [ ] fester verankert als der Tag, an dem ich vor vielen Jahren in einem tibetischen Tempel saß und den Mönchen zusah, die hingebungsvoll ihre religiösen Riten ausübten, als plötzlich zwanzig chinesische Polizisten mit Schlagstöcken durch die Reihen rannten.“ Dieses Erlebnis Eliot Pattisons umreißt die in seinen Kriminalromanen verhandelte zentrale Thematik, um die herum er seine Figuren und Motive gruppiert. Den Rahmen für das Erzählte bildet eine Kriminalhandlung, die mit ihrer meisterhaften Dramaturgie Spannung pur garantiert.

Eliot Pattison (geb. 1951), der nach seinem Studium zunächst als Jurist tätig war, arbeitet seit Ende der 1990er Jahre als Schriftsteller und Journalist. Viele Auslandsreisen führten ihn schon in jungen Jahren u.a. nach China und vor allem Tibet, das eine große Anziehungskraft auf ihn ausübte. Während seines Studiums hatte er sich auch mit Tibetologie und Buddhismus befasst, so dass seine fiktiven Geschichten auf einer profunden Kenntnis der Realitäten im Schneeland Tibet beruhen.

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Foto: BM Köhler

Einer der beiden Hauptakteure seiner Romane ist der in Ungnade gefallene ehemalige Chefermittler des Ministerrates in Peking, Shan Tao Chun. Fünf Jahre musste er in einem der schlimmsten chinesischen  Arbeitslager einsitzen, weil er in seiner letzten Ermittlung hohen Parteikadern zu nahe gekommen war. In der Lagerhaft lernt er den alten Mönch Lokesh kennen, der zu seinem Lehrmeister und zum zweiten Hauptakteur der Romane wird. Nach der Freilassung macht sich das ungewöhnliche Freundespaar die Erhaltung der einzigartigen Kultur und Spiritualität Tibets zu eigen. Sie retten alte Artefakte- Schreine, Statuen, Tempel etc.- vor der Zerstörungswut des chinesischen Staates und renovieren sie bei Bedarf.

Shan dringt mit jedem neuen Abenteuer immer tiefer in Theorie und Praxis des tibetischen Buddhismus ein, ohne dabei seine rationale, analytische Kompetenzen zu verlieren. Der Boden seiner Empfänglichkeit für spirituell-philosophische Botschaften wurde schon früh durch seinen Vater bereitet, der ihn in die Werke der großen chinesischen Philosophen eingeführt hatte.

Die Konstruktion des Figurenpaares Shan (Han-Chinese, Schüler) und Lokesh (tibetischer Mönch, Lehrer) schafft dem Autor viele Gelegenheiten, die Grundzüge des tibetischen Buddhismus und dessen Alltagskultur darzulegen. Lokesh, der vor der chinesischen Besetzung als junger Beamter in der Regierung des Dalai Lama gearbeitet hatte, lehrt Shan, wenn es der Handlungsablauf erlaubt bzw. erfordert, etwa die Symbolsprache und Ikonographie des komplexen tibetischen Götterkosmos. Auch bei der Lösung der jeweiligen Kriminalfälle ergänzen sich Shan und Lokesh mit ihren jeweiligen spezifischen Fähigkeiten und Kompetenzen in bester Weise.

Die Tibet-Bücher Pattisons führen die Leserin, den Leser, in ein Land mit einem unermesslichen Reichtum an kulturellen Traditionen, Ritualen und Artefakten und in eine Lebensrealität, die immer mehr in ihrem innersten Kern gefährdet ist. Auf der einen Seite schildert Pattison in einer bilderreichen, magische Anziehung erzeugenden Sprache das innere Leuchten der tibetischen Kultur mit ihren unzähligen spirituellen Attributen und den mit Leib und Seele in der jahrhundertealten buddhistischen Religion verwurzelten tibetischen Menschentypus.

Auf der anderen Seite thematisiert der Tibet-Kenner die brutale Unterdrückung der tibetischen Tradition und Identität durch das „chinesische Mutterland“, die rücksichtslose Sinisierung des tibetischen Kernlandes vor allem nach dem Bau der Bahnlinie nach Lhasa, die verheerende Umweltzerstörung beim Abbau von Lithium, Seltenen Erden, Silber u.a. sowie die staatliche Kontrolle bis in die privatesten und auch in die klösterlichen Lebensbereiche hinein. All dies eindringlich und- ganz angelsächsisch unbefangen- in einer unterhaltsamen literarischen Form einem westlichen Publikum nahebringen zu können, ist der große Verdienst Eliot Pattisons.

„Die kleine Kapelle [ ] war ein winziges Juwel von einem Bauwerk inmitten duftender Wacholderbäume [ ]. Shan trat ein und sah einen schlichten Altar aus geschnitztem Holz mit den üblichen flackernden Opferlampen. Ein altes thangka der Tara hing über dem Altar, aber es wurde gar kein weiteres Seidenbildnis benötigt, denn die Wände waren bemalt. Jeder Zentimeter war mit den kunstvollen Abbildern von Gottheiten, Dämonen und Glück verheißenden Symbolen bedeckt. Shan hätte so gern jedes einzelne davon studiert, und wäre Lokesh jetzt bei ihm gewesen, würden sie Stunden hier verbracht haben.“

Es sind Passagen wie diese aus „Tibetisches Feuer“, die den Leser, die Leserin ganz tief hineinziehen in die geheimnisvolle, magische Bilderwelt des tibetischen Buddhismus, in dem Gottheiten und Rituale aus der vorbuddhistischen Bön-Religion weiterleben.

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Im achten und vorerst letzten Band der Tibet-Reihe- „Tibetisches Feuer“-, der 2016 in deutscher Übersetzung erschienenen ist, befasst sich Pattison in literarischer Form mit dem Drama der Selbstverbrennungen als äußerstem Protest der Tibeter gegen die chinesische Unterdrückung. Mindestens 145 solcher Selbstverbrennungen sind seit 2009 zu beklagen. Damit hat auch dieser Roman wieder eine explizit politische Dimension.

Die Geschichte beginnt damit, dass Shan gezwungen wird, Mitglied einer Kommission zu werden, die im Sinne der politischen Doktrin „beweisen“ soll, dass es sich bei den Selbstverbrennungen um Straftaten und nicht um verzweifelte Akte des Protestes handelt. Die bei einem Teil der Suizide an den Orten der Selbstverbrennungen gefundenen kurzen, Haiku-ähnlichen Gedichte lassen bei den Ermittlungsbehörden den Verdacht aufkommen, dass eine von einer Frau angeführte Widerstandsgruppe hinter diesen Aktionen steckt. Die Öffentliche Sicherheit, das noch mehr gefürchtete Büro für religiöse Angelegenheiten sowie weitere Ermittlungsbehörden werden in höchste Alarmbereitschaft versetzt und verfolgen wie Bluthunde die Spur der purbas, wie im Buch die Angehörigen der geheimen tibetischen Widerstandsbewegung genannt werden.

Wie Shan nach und nach die zunächst vollkommen im Dunklen liegenden Szenarien hinter dem äußeren Schein aufdeckt, zeigt das große dramaturgische Geschick des Autors. Dabei sind die Dialoge des Tibet-Freundes mit seinen chinesischen Widersachern ein intellektueller Genuss erster Güte. Die behutsame, Vertrauen schaffende Annäherung Shans an die Bewohner eines tibetisches Dorfes in der Nähe der chinesischen Station, in der die Kommission tagt, wärmt das Herz und entfacht- wie die Tibet-Reihe in ihrer Gesamtheit- Solidarität und Mitgefühl für dieses geschundene Volk.

Ein Höhepunkt des Buches ist die Schilderung des geheimen Refugiums Taktsang (Tigerhaus), das in einem abgelegenen Gebirgstal liegt. Der mit kostbaren buddhistischen Insignien versehene Höhlentempel mit einer erstklassig ausgestatteten Bibliothek von heiligen Überlieferungen wird zu einem Sehnsuchtsort, der „eine tröstende Umarmung für seit Langem leidende Besucher“ verkörpert, wie Pattison in seinem Nachwort schreibt. Auch den purbas, anderen Dissidenten und „illegalen“ Nonnen und Mönchen dient das Tigerhaus als Unterschlupf.

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Foto: BM Köhler

An Pattisons Einstellung zu dem folgenreichen Konflikt zwischen seelenlosen wirtschaftlichen und aggressiv-totalitären Interessen einerseits und der tibetischen Identität mit einer hoch entwickelten Spiritualität und Kultur andererseits lässt der Autor keinen Zweifel. Aber nicht nur in seinen Kriminalromanen bezieht Pattison eindeutig Stellung: so hat er bei den Unruhen vor den Olympischen Spielen 2008 den Westen zum Boykott der Spiele aufgerufen, es sei denn, die chinesische Regierung ermögliche einen internationalen Diskurs über Tibet und die Rechte der Tibeter. Die negativen Aspekte einer alle Lebensbereiche durchdringenden religiösen und damit zumindest teilweise auch restriktiven Kultur darzustellen, sieht Eliot Pattison dagegen nicht als seine Aufgabe an.

Man kann die Romane als jeweils in sich abgeschlossene Krimis lesen. Die faszinierende innere Entwicklung Shans vom Bediensteten des kommunistischen Staatssystems zum Praktizierenden und Kenner der buddhistischen Alltagsfrömmigkeit unter Beibehalt seiner rationalen Denkweisen kann man jedoch in ihrer subtilen, berührenden Art und Weise nur vollständig  nachvollziehen, wenn die Romane in der Chronologie ihres Erscheinens gelesen werden.

Ärgerlich ist, dass der Verlag aus Marketing-Gründen in jedem der bisher acht Romantitel den Wortstamm „Tibet“ platziert hat. Die amerikanischen Originaltitel nähern sich dagegen viel einfühlsamer dem jeweiligen zentralen Motiv und dem dazu vom Autor entwickelten atmosphärischen Grundton  (z.B. The Skull Mantra, dt. Der fremde Tibeter oder Soul oft the Fire , dt. Tibetisches Feuer). Dies ist aber nur eine formale Unebenheit – die von Pattison erzählten Geschichten aus Tibet sind sehr zu empfehlen, und das keineswegs nur Krimi-Fans.

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Die ersten sieben Bände der Reihe sind als Aufbau Taschenbuch erhältlich. Übersetzt wurden sie aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild und kosten zwischen Euro 9,95 und Euro 12,00:

Der fremde Tibeter (2002)
Das Auge von Tibet (2003)
Das tibetische Orakel (2005)
Der verlorene Sohn von Tibet (2006)
Der Berg der toten Tibeter (2008)
Der tibetische Verräter (2011)
Der tibetische Agent (2015)

Tibetisches Feuer. Roman, aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild.- Rütten & Loening, 2016. Euro 19,99

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(Bernd Michael Köhler lebt in Neu-Ulm und arbeitete viele Jahre als Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Ulm. Natürlich ist er ein passionierter Leser. Darüber hinaus fotografiert er und schreibt gelegentlich.)

 


Seelesen

2. Oktober 2016

Mit Ursula Krechels “Shanghai fern von wo”

Spätsommer? Frühherbst? Es gibt Tage an denen solche Fragen und mögliche Antworten darauf müßig sind, an denen wenig nötig ist zum Gefühl des Gelingens.

Fast wunschlos, und nahezu erwartungsfrei.

Was noch? Ein großer roter Apfel aus neuer Ernte vom Wochenmarkt, eine schlanke knusprige oberschwäbische Seele mit Salz und Kümmel vom Bäcker, das wohlfeile Taschenbuch und ein geeigneter Lese- und Rastplatz.

Der ideale schattige Ort fand sich an einem der letzten Septembertage nur wenige Schritte vom silberspiegelnden Wasser des Bodensees. Ein kleiner Park, leicht erhöht, mit roten Bänken, direkt am Lindauer Hafenbecken, mit Blick auf vertäute Segelboote, die ein- und ausfahrenden Kursschiffe der Weißen Flotte und die sanft ansteigenden Berge des Schweizer Appenzell.

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Der Apfel. Die Seele. Und das Buch? Welche Lektüre ist einem Zustand angemessen, der noch nicht Glück, jedoch weit jenseits von Unglück und Gleichgültigkeit? Die eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Es ist doch oft so, dass Bücher zu uns finden nach denen wir gar nicht suchten. In diesem Fall war es weder eine bewusste Wahl noch reiner Zufall.

Ich hatte angefangen mich mit den aktuellen Neuerscheinungen zu beschäftigen, interessante Titel für meine AusLese 2016 zu sichten. Brigitte Geigers “Bühlerhöhe” machte den Anfang. Ein spannender Unterhaltunsroman vor dem Hintergrund der Adenauer-Zeit in Nachkriegsdeutschland. In der Agenten- und Liebesgeschichte geht es u. a. um das Verhältnis Westdeutschlands zum jungen Staat Israel. Und in diesem Zusammenhang natürlich in Rückblicken um den Holocaust, sowie die verschiedenen Exilorte und -regionen deutscher Juden auf der Flucht vor dem Hitler-Regime.

Geiger nennt im Anhang ihres Buches, neben anderen Quellen für ihre Recherchen, zwei Titel von Ursula Krechel: “Landgericht”, für das sie 2012 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde und “Shanghai fern von wo”. Genau diesen Roman hatte ich mir nach der Preisverleihung gekauft, um mich erstmals mit einem Prosawerk der Autorin zu beschäftigen. Es stand seitdem nur angelesen im Regal und wartete auf seine Stunde.

Shanghai als Exil-Ort war mir bis dahin kein Begriff. Ich hatte bisher nicht davon gehört oder gelesen, dass die chinesische Stadt ab 1938 eine allerletzte Hoffnung für viele Verzweifelte nach oft langer dramatischer Flucht wurde. Sie fanden dort zwar visumfreie Aufnahme, waren jedoch unter schwierigsten Umständen, fast ohne Unterstützung, ganz auf sich allein gestellt.

Der Jurist Tausig mit seiner krisentauglichen Gattin, der Uhrmacher Kronheim, der ererbtes Werkzeug immer mit sich trägt, der Kunsthistoriker Brieger, der letzte Briefe an seinen ehemaligen Freund Walter Benjamin schickt, der Buchhändler und spätere Chronist Ludwig Lazarus. Die Vorgeschichten und Exilschicksale dieser und weiterer Protagonisten verdichtet Ursula Krechel zu einem exemplarischen Reigen höchster literarischer Qualität.

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Die Vielstimmigkeit des Romanpersonals hat mich an Alfred Döblins Trilogie “November 1918” erinnert – sicher nicht die schlechteste Patenschaft für eine Autorin der Gegenwart. (Und schade, dass von Döblin heute kaum mehr gegenwärtig ist als sein Großstadt-Panorama “Berlin Alexanderplatz.”) Döblin erzählt von der Zeit kurz nach dem dem Ende des Ersten Weltkriegs. In “Shanghai fern von wo” steht der Zweite unmittelbar bevor.

Juden, die aus verschiensten Gründen, in Deutschland blieben, werden Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungswillens. Die Zukunft der Exilanten im fernen Südchina ist ungewiss. Für’s erste zählt nur der tägliche Überlebenskampf. Solange der Selbstbehauptungswille dafür ausreicht.

Der Apfel. Die Seele. Das Buch. Und die Musik? An diesem Tag kam sie zu mir, ohne dass ich nach ihr gesucht hatte.

Hanna Włodarczyk spielt klassische Gitarre, Fabiana Raban Doppelbass, Flöte, Kastagnetten und allerlei Schlagwerk. Als Duo nennen sie sich HuRaban und sind mit ihren eigenen Kompositionen, Weltmusik und ausgefeilten Variationen bekannter Popsongs fast ständig unterwegs. Häufig als klassische Straßenmusiker, wie an diesem Nachmittag auf der Uferpromenade von Lindau. Darüber hinaus sind sie regelmäßig Gäste bekannter Ereignisse, wie dem Folk-Roots-Weltmusik-Festival in Rudolstadt.

Es waren die Gypsy-Klänge der beiden Polinnen die mich angelockt hatten. Die folgenden Stücke und ihre ganz speziellen Arrangements ließen mich schließlich über eine Stunde nicht mehr los und unter heller See-Sonne zum faszinierten Zuhörer werden. Mit der Dame neben mir war ich rasch einig, dass es sich hier um Straßenmusik selten gehörter Qualität handelt und dass uns offensichtlich zwei Profi-Musikerinnen ein unverhofftes Vergnügen bereiten.

Während HuRaban bei einem variantenreich ausimprovisierten “hava nagila” angekommen waren, erfuhr ich dass die Musikfreundin 70plus einen Konzertflügel im heimischen Wohnzimmer hat, auf dem sie im Vergleich zu früher (“ja, früher … ”) nur noch selten spielt. Wenige Passanten hörten den intensiven Takten von Bass und Gitarre längere Zeit zu. Kaffee, Eis und Torte lockten. Die Pianistin eilte bald zum nahen Bahnhof um die Abfahrt ihres Zuges nicht zu versäumen. Inzwischen erklang das ruhige, meditativ angehauchte “Palermo”. Ein wehmütiges Stück, mit dem das nahe Ende des Freiluft-Konzerts eingeleitet wurde.

In der rechten Hand hielt ich immer noch das Shanghai-Buch, irgendwann beim Verlassen der Lesebank hatte ich es wohl zugeschlagen. Wo war eigentlich das Lesezeichen geblieben? Ich verstaute das Buch in der ledernen Umhängetasche und ging meines Weges.

Apfel und Seele. Buch und Musik. Was blieb noch?

Der Abschied. Denn Abschied ist immer.

🔆 🔆 🔆

Geiger, Brigitte: Bühlerhöhe. Roman. – List, 2016

Krechel, Ursula: Shanghai fern von wo. Roman. – Jung und Jung, 2008 (als btb Taschenbuch erhältlich)

HuRaban music band


Auf einen kleinen Braunen ins Kafka

9. September 2016

Sommertage in Wien

ein faulsein / ist nicht lesen kein buch / ist nicht lesen keine zeitung / ist überhaupt nicht kein lesen (Ernst Jandl, 1925 – 2000)

Wasser gab es in der Gegend immer reichlich. Die Wasserläufe aus den Quellen in Oberreinprechtsdorf wurden schon vor Jahrhunderten erschlossen und in den kaiserlichen Hof geleitet. Daran erinnert der Brunnen mit seinen sieben Wasserspendern auf dem Siebenbrunnenplatz. Logisch, dass die Eisdiele schräg gegenüber “Sette Fontane” heißt.

Der heutige 5. Bezirk, das einstige Besitztum Margareten, kam 1850 zu Wien. Im 20. Jahrhundert entstand ein Wohnquartier der Arbeiterschaft, der kleinen Angestellten, der niederen Beamten. Fast 55.000 Menschen sind inzwischen hier zuhause. Es dominieren die Gemeindebauten, kleine Ladengeschäfte für fast Alles, Handwerker, Imbisse und Kneipen. Düfte und Gerüche des Orients, aus Asien und vom Balkan kämpfen gegen die Diesel- und Benzindämpfe des stets dichten Verkehrs in engen Straßen.

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Fast ein Drittel der Margaretner sind nicht in Österreich geboren, haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Vielleicht wirkt der Siebenbrunnenplatz auf den ersten Blick nicht eben einladend. Doch an milden Abenden ist er ideal zum lässigen Draußensein und wird zum quirligen urbanen Treffpunkt. Neben breitem Wiener Stadtteil-Dialekt hört man Unterhaltungen, Diskussionen, kleine Streitereien auf Serbisch, Türkisch, Ungarisch, Arabisch.

August 2016. Gleich um die Ecke dieses beliebten Unterzentrums eines ganz normalen großstädtischen Wohnviertels haben wir uns zum wiederholten Male während eines Wien-Aufenthalts einquartiert. Bis vor Kurzem wussten wir allerdings nicht, wo wir da gelandet sind:

“In diesem nicht besonders ansehnlichen Quartier im fünften Wiener Gemeindebezirk, in dieser Abgrundgegend also, weitgehend bevölkert von Unterschichts- und Randexistenzen, unter Menschen, von denen die wenigsten jemals ein Buch auch nur in der Hand gehalten dürften … ”.

So sieht und beschreibt der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller und selbsternannte Wien-Kenner Marcel Beyer den Kern Margaretens. (Nachzulesen in der FAZ vom 1. Juli.)

Uns gefällt die Gegend. Bei ausgiebigen Streifzügen gedenken wir seliger Geister, die vor uns durch diese Straßen, über diese Plätze wandelten, wie der nuschelnde Mime und Barde Hans Moser, der berühmte Sozialdemokrat und langjährige Bürgermeister Bruno Kreisky. Und natürlich der von hier als internationaler Popstar durchstartende Falco. Im Garten von dessen Stamm-Beisl, dem “Alten Fassl”, verbringen wir in geselliger Runde einen angeregten Sommerabend.

Sogar Menschen mit Buch sieht man gelegentlich zwischen Wienfluss und Südbahntrasse, selbst Alphabetismus macht sich breit zwischen Wieden und Meidling, schließlich gibt es im Viertel weiterführende Schulen und höhere Lehranstalten. Eine aktuelle Bachmann-Preisträgerin mit Rotkäppchen-Anmutung wohnt in einem typischen Gemeindebau und kehrt, wie auch wir, ab und an in einer der unkomplizierten Gaststätten auf dem Siebenbrunnenplatz ein. Zum sommerlich frischen Weißwein-Spritzer, zum Bier, auf einen Eisbecher, zu Falafel oder Pizza, Schnitzel oder Backhendl.

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Ich muss noch verraten, was den zukünftigen Georg-Büchner-Preisträger letztlich herführte und seinen Mut loben. Kam er doch auf dem Weg zu Gespräch und Recherche vorbei am “Vereinslokal der Wiener Hells Angels.” Das hat er gewagt, um “eine der größten Dichterinnen, die das zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat”, zu treffen und darüber zu berichten. Friederike Mayröcker, die “seit ihrer Geburt am 20. Dezember 1924, vier Uhr nachmittags”, in dieser “Abgrundgegend”, diesem Margareten, lebt und schreibt. Viele Jahre davon eng befreundet mit Ernst Jandl.

“es war ein glück, daß ich 1954 mit der dichterin friederike mayröcker zusammentraf, die schon damals einen guten namen besaß, und ich schrieb an ihrer seite viele gedichte. wir sind bis heute eng verbunden, aber wir leben nicht zusammen, denn ich verstand es nicht, etwas an glück dauerhaft zu machen.” (Ernst Jandl: biographische notiz)

Hin und wieder lässt Frau Mayröcker die Arbeit an ihrem hermetischen Werk ruhen und verlässt die mit Manuskripten verstopfte Klause und begibt sich zu ihrer Lieblingsbuchhändlerin. Die Buchhandlung von Anna Jeller liegt ein paar Schritte außerhalb von Margareten, in Wieden, dem 4. Bezirk. Bei einer gemeinsamen Zigarette vor dem Laden plaudern die beiden lebenskundigen Damen sicher nicht nur über Bücher, nicht nur über Lesen und Schreiben. Für die Dichterin allerdings ist Schreiben zentraler Lebenssinn, der sie bis ins hohe Alter erhält.

“ … ach die Wörter in ihrer Windigkeit, ich meine ich ahnte das ganze ohne dasz ich wuszte wohin es mich führen sollte, also ich wuszte nicht genau was ich eigentlich schreiben wollte, ABER ÜBERHAUPT SCHREIBEN!, nicht wahr, das war die Hauptsache.” (Mayröcker, Liebling)

Zu meinen liebsten Bücher-Orten in Wien gehört das “Phil”. Buchhandlung, Denkplatz, Kaffeehaus und Heldenplatz von Menschen, die mit ihren Apple-Laptops auf Kaffehaus-Literat Version 21. Jahrhundert machen. In den Regalen und Auslagen gibt es für mich immer wieder Bücher und SchriftstellerInnen zu entdecken, die auf den bundesdeutschen Büchertischen selten zu finden sind. Während Eva Menasses Romane in Deutschland durchaus gelesen werden, sind ihre Kolumnen und Essays eher unbekannt. Ich entdecke eine Sammlung davon in einem frisch erschienenen btb-Taschenbuch mit dem Titel “Lieber aufgeregt als abgeklärt”.

Die Wahl-Berlinerin berichtet von einer für sie überraschenden Einsicht: “Die Deutschen nämlich lieben uns. Das ist für den frisch eingewanderten Österreicher die erschütterndste Erkenntnis… Diese Begeisterungsstürme, sobald man den Mund öffnet. Sie überschütten uns mit Komplimenten zu unserem weichen, gemütlichen Akzent … “

Halten wir “Piefkes” uns hingegen in Austria auf, wird diese Liebe leider keineswegs gleichermaßen herzlich erwidert. In Wien geht’s. Denn “Wien ist nicht Österreich” hört man hier eben so oft, wie bestimmt. Womit sich die Hauptstädter recht geschickt von manch politischem Trend der Provinz distanzieren.

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Im “Phil” blättere ich in dem bunt-witzigen Buch zur Ausstellung “Literarische Cartoons”, die bis Ende August im Museums-Quartier zu sehen war. Mit Karikaturen von Till Mette, Greser & Lenz und vielen mehr. Für Literaturfreunde und -hasser gleichermaßen geeignet, vielleicht schon einen ersten Eintrag auf dem Weihnachts-Wunschzettel wert. Einen weiteren interessanten Titel habe ich entdeckt. Dazu gleich mehr.

“in Wien ist ein schloß und vor dem schloß steh jetzt ich.” (wieder Ernst Jandl)

Beim Bummel zwischen den bunten Beeten und akuraten Hecken der Gartenanlage des Belvedere (leicht ansteigendes Gelände, Schloss oben, Schloss unten) kann man für einige Zeit stickiger Hitze und Verkehrslärm entkommen. Schattige Bänke laden zum Verweilen und Nachsinnen über Pracht und Prunk der ehemaligen Habsburger k. und k. Monarchie. Ihre Hinterlassenschaften sind unverzichtbare Anziehungspunkte für uns Zeitgenossen und Touristen, die aus aller Welt und zu jeder Jahreszeit in die österreichische Hauptstadt strömen. Die Geschichte dieses ehemals so mächtigen Großreichs und faszinierend vielstimmigen Kultraums, wirkt bis in unsere Gegenwart. Ihr Erbe sind nicht zuletzt die unvergleichlichen Kunstwerke aus Malerei, Musik und Literatur.

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Der rumäniendeutsche Schriftsteller Richard Wagner hat ein ebenso lehrreiches wie unterhaltsames Buch über die Donaumonarchie mit dem Titel “Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt” geschrieben. In kleinen literarischen Essays und Anekdoten umreißt er Bedeutung und Wirkung des österreichisch-ungarischen Kaiserkönigtums. Beginnend mit der “Schönen Blauen Donau”, über die “Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs” bis “Neunzehnhundertneunundachtzig” reicht das Spektrum, in dem auch Kafka und Musil, das Rezept der Doboschtorte, Stalin und Tito Platz gefunden haben.

“Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.” (Diese Erkenntnis wird Franz Kafka zugeschrieben – ich habe es nicht verifiziert.)

So ganz klar komme ich mit der Aussage nicht. Was mich nicht davon abhalten kann den Nachmittagskaffee einmal im leicht morbiden “Kafka” einzunehmen, wo dieses und andere Zitate, sowie allerhand Künstlerportraits an den Wänden hängen. Den kleinen Braunen gibt es mit etwas warmer Milch im separaten Mini-Kännchen und einem Glas frischen Wasser auf dem kleinen Tablett, das hier nicht aus Silber, sondern hygienischen Chromnickelstahl besteht. Das “Kafka” heißt “Kafka” nach Franz Kafka, auf der übersichtlichen Karte findet man Vegetarisches.

Das “Jelinek” ist hingegen nicht nach der Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek benannt. Das Lokal mit seinem vor langer Zeit entstandenen und seitdem stilvoll gealterten Ambiente, seinen knarrenden Türen und dem schiefen Kachelofen, hat eine der größten Zeitungsauslagen aller mir bekannten Wiener Kaffeehäuser. Österreichische Blätter wie “Standard”, “Salzburger Nachrichten” oder “Tiroler Tageszeitung” und internationale Organe von “Süddeutscher Zeitung”, über “Le Monde” bis “The Times”.

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Leider hat das Interesse an diesen Druckerzeugnissen sichtlich nachgelassen. In den Stunden unserer Besuche blieben sie unberührt. Keiner der Gäste verbarg sich hinter einem der Großformate, bevorzugt wurden Tablet, Laptop und Smartphone. Eine mich irritierende und, wie zu befürchten, unumkehrbare Tendenz.

Ein Buch, wie jenes mit den kurzen Arbeiten von Eva Menasse, das ich von diesem Wien-Aufenthalt mit nach Hause nehme, würde es ohne Tageszeitungen gar nicht geben. Die hier versammelten kleinen Perlen knapper, prägnanter Form höherer Schreibkunst erschienen zuerst und erscheinen vorerst weiterhin in gedruckten Zeitungen.

Dass sich diese, bis vor wenigen Jahren viel genutzte, ebenso geliebte wie viel gescholtene Medienform, dass sich Neuigkeiten und Hintergründe mit abfärbender Druckerschwärze aufs holzige Papier gebracht, eindeutig auf dem Rückzug befinden, beschäftigt mich sehr. Der nächste Beitrag auf con=libri wird deshalb, und aus Anlass einer aktuellen Neuerscheinung, diesem Thema gewidmet sein.

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Jandl, Ernst: Aus dem wirklichen Leben. Gedichte & Prosa. Mit 66 Grafiken von Hans Ticha. – Büchergilde Gutenberg, 2000

Mayröcker, Friederike: Und ich schüttelte einen Liebling. – Suhrkamp, 2005

Menasse, Eva: Lieber Aufgeregt als abgeklärt. Essays. – btb, 2016

Ettenauer, Clemens (Hrsg.): Literarische Cartoons. – Holzbaum Verlag, 2016

Wagner, Richard: Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt. – Hoffmann und Campe, 2014


Sommer mit Russen

20. Juli 2016

Die Natur ist weit über ihr Ziel hinausgeschritten, als sie dem Menschen das Bedürfnis nach Poesie und Liebe gab, wenn wirklich ihr einziges Gesetz die Zweckmäßigkeit ist. (Leo N. Tolstoi)

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Sommerliche Lesezeit hat den wunderbaren Vorteil, dass man bis spät in den Abend von naturgegebener Helligkeit verwöhnt wird und nicht auf den Schein schaler Lampen angewiesen ist. Einer von zahlreichen guten Gründen, die langen Sommerabende und vielleicht einige Wochen wohlverdienten Urlaubs mit intensiven Leseerlebnissen zu verbringen. Als spezielles Abenteuer eignet sich die russische Literatur mit ihren vielen hervorragenden, bekannten und weniger bekannten, Dichterinnen und Dichtern.

Wie wäre es also einmal mit einem Wechsel der normativen Blickrichtung? Im Osten findet sich reichlich Stoff für einen mitteleuropäischen Sommer. Zum Lesen bei Sonne mit kühlem Drink auf der Liege an Waldrand oder Strand; bei Regen in Zimmer und Sessel, mit schwarzem Tee und Konfitüre. (Der in russischen Büchern meist reichlich konsumierte Wodka eignet sich weniger, da er die Konzentrationsfähigkeit innert Kurzem rapide senkt.)

Der Roman “Das grüne Zelt” von Ludmilla Ulitzkaja wäre dabei nicht der schlechteste Einstieg. Er bietet nicht nur fast 600 Seiten fesselnde Unterhaltung, sondern darüber hinaus weiterführende Exkursionen zu Meilensteinen der Literaturgeschichte und ihren Protagonisten. Das große Gesellschaftspanorama spielt vor dem Hintergrund der sehr bewegten mittleren Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.

das_gruene_zelt-9783423143387Im Zentrum stehen Ilja, Micha, Sanja und ihre Patchwork-Familien. Die drei verbindet seit früher Kindheit eine Freundschaft, die in späteren Jahren durch die wechselnden gesellschaftlichen Verhältnisse und deren fortwährenden Repressionen starken Belastungen ausgesetzt wird. Eine der wichtigsten verbindenden Elemente ist die Liebe zur (russischen) Literatur. Die Saat dafür hatte der junge engagierte Lehrer Viktor Schengeli und sein Lesezirkel gelegt.

“Während sich die Schüler setzten und die Hefte auspackten, begann er die Stunde mit einem Gedicht.” Lyriker und Lyrikerinnen genießen in Russland bis heute einen hohen Stellenwert. Ihre Werke sind im Alltag gegenwärtig, werden oft vertont und gesungen. Puschkin, Pasternak, Brodsky, Achmatowa und viele andere, sind bekannt wie Filmstars, ihre Verse buchstäblich jedem Kind vertraut. Dabei sind die so verehrten Gedichte für Nichtrussen sicherlich nicht unbedingt leicht zugänglich. Ebensowenig wie die berühmten Vers-Epen eines Puschkin. Wir bevorzugen deshalb den Roman “Die Hauptmannstochter”, sein letztes abgeschlossenes Prosawerk. Es gilt als einer der absoluten Höhepunkte russischer Epik.

Zur Zeit der großen Bauernaufstände, in den Jahren 1773 – 1775 sind die Lebenswege des Aufständischen Pugatschow und des adligen Offiziers Grinjow auf schicksalhafte Weise verbunden. Dreimal werden sich beide, die eigentlich Kontrahenten sind, begegnen und in schwierigen Situationen beistehen. “Atmosphärisch dicht und mit großem Raffinement verbindet Puschkin die Handlungsstränge in einer perfekt durchdachten Komposition”, heißt es im Klappentext. Das Buch erschien erstmals 1836, ein Jahr vor dem Tod seines Verfassers durch eine Schussverletzung als Folge eines Duells. Fast 200 Jahre alt, liest sich dieser Text erstaunlich frisch und leicht, was wohl der Übersetzung von Arthur Luther zu verdanken ist.

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Zum mit anderen Augen Wiederlesen eignet sich besonders Boris Pasternaks umfang- und personenreicher “Doktor Schiwago”. Wer sich darauf einlässt wird einen grandiosen, vielschichtigen Roman jenseits jenes Hollywood-Schmelzes entdecken, den Millionen Kinogänger weltweit durch Julie Christie und Omar Sharif verabreicht bekamen.

Zur Erinnerung: Schiwagos Idealismus, seine Freiheitsideale und seine Beziehung zu Lara scheitern an der Wirklichkeit des totalitären Staates. Die Handlung spielt zwischen 1903 und 1929, und auch in dieses Buch flossen viele literarische Querverweise ein. Dazu zählen Gedichte Pasternaks im Anhang, die er Schiwago zuschreibt. Pasternak begann seine schriftstellerische Laufbahn, wie viele russische Schriftsteller als Lyriker. 1958 erhielt er für den systemkritischen “Schiwago” den Nobelpreis für Literatur.

Michail Schischkin lebt mal in Moskau, mal in Berlin, meist in Zürich. Er schreibt in russischer Sprache, seine Werke erscheinen jedoch fast gleichzeitig auf Deutsch. Im Roman “Briefsteller” wird frische junge Liebe mit der Wirklichkeit des Krieges konterkariert. Nach einer zu kurzen Zeit der Zweisamkeit muss Er ins Feld ziehen.

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Was bleibt ist ein rührender Briefwechsel, in dem nicht nur immer wieder aufs neue große Gefühle beschworen werden, sondern sich die beiden Liebenden nach und nach ihr ganzes Leben erzählen, wozu bisher die Gelegenheit fehlte. Bereits nach wenigen Seiten, kommt man als Leser nicht mehr los von dieser tragischen, aus origineller Perspektive betrachteten Geschichte eines Paares das wohl nie mehr zusammenkommen wird.

Abkühlung bei akuter Hitzewelle bietet “Der Schneesturm” von Vladimir Sorokin. Der ehemalige Erdöl- und Gas-Ingenieure hat sich in verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen versucht, bevor er als Schriftsteller das ihm gemäße Metier gefunden hatte. Er gehört einer starken Fraktion russischer Autoren an, die in ihren Arbeiten mit der Tradition des phantastischen Erzählens spielen.

51E7ZF9XMTL._SX327_BO1,204,203,200_“Der Schneesturm” ist ein leicht absurdes Märchen, rund um den Arzt Garin, der im tiefsten Winter zu einem weiter entfernt wohnenden Patienten um dringende Hilfe gerufen wird. Auf der gefährlichen Reise, zurückgelegt u. a. mit den Mini-Pferden eines angeheuerten Kutschers, gerät er in manch missliche Lage, an den Rand der Erschöpfung, und nach reichlich krassen Abenteuern, endlich ans Ziel, wo ihn weitere Überraschungen erwarten.

In der scheinbar zeit- und raumlosen Erzählung hat sich eine gewichtige Portion Zeitkritik am aktuellen Russland versteckt, die zu verstehen, eigentlich Kenntnis der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Land voraussetzt. Vladimir Sorokin kann man allerdings bedenkenlos genießen ohne jede Doppeldeutigkeit erkennen zu müssen. Er gehört sicher zu den besten, sprachgewaltigsten der zeitgenössischen Literatur in russischer Sprache.

Die Hauptfiguren in Ludmilla Ulitzkajas “Das grüne Zelt” pflegen Kontakte zu illegalen Literaturzirkeln und Dissidentengruppierungen. Deren “gemeinsamer Nenner war vermutlich ihr Abscheu gegen den Stalinismus, und natürlich das Lesen. Gieriges, besessenes Lesen.”

“Eine aktuelle Studie zeigt: Wer Romane liest, hat mehr Erfolg und sitzt weniger Vorurteilen auf. Liebesgeschichten, Krimis und Thriller sind besonders gut, Science-Fiction eher weniger.” (SZ online, 19. Juli 2016). Russische Literatur bietet darüber hinaus die Gelegenheit den persönlichen Horizont zu erweitern, indem man sich mit einem Kulturkreis beschäftigt, der in unseren gängigen Medien, im Unterricht der Schulen, den Auslagen der Bibliotheken und Buchhandlungen gemeinhin etwas zu kurz kommt. Aus ideologischen Gründen?

Durch diesen, bisher so wechselfälligen Sommer 2016, kann man berechtigerweise mit gemischten Gefühlen gehen. Seinen Lesefreuden und -lastern darf man sich dennoch ungehemmt und ohne Zurückhaltung hingeben. Die größte Schwierigkeit bei der Lektüre russischer Werke besteht in der Namensvielfalt der Figuren. Familienname, Vatername, Vorname samt mehrer Koseformen. Da ist man für jedes Personenregister zum Buch dankbar, wie man es z. B. im “Schiwago” findet. Man würde sich diese kleine Verständnishilfe öfters wünschen.

Die aktuellen Handelsbeschränkungen mit dem Reich des Ach-so-Bösen betreffen in erster Linie Maschinen und andere Industriegüter. Die reiche Fülle seiner und unserer Literatur aus Vergangenheit und Gegenwart steht auf keiner Embargo-Liste. Die Kraft des Geschichtenerzählens und grenzenlose Phantasie überwinden ohnehin alle kleinlichen Hemmnisse und Schranken.

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Ulitzkaja, Ljudmila: Das grüne Zelt. – dtv, 2014. Euro 12,90

Puschkin, Alexander: Die Hauptmannstochter. – Insel Verlag, 2014. Euro 8

Pasternak, Boris: Doktor Schiwago. – Axel Springer, 2011. Euro 7,95 (Leider nur noch in dieser “Nobelpreis Bibliothek” zu bekommen. Eine vernünftige Taschenbuch-Ausgabe fehlt derzeit.)

Schischkin, Michail: Briefsteller. – btb, 2014. Euro 10,99

Sorokin, Vladimir: Der Schneesturm. – Kiepenheuer & Witsch, 2014. Euro 8,99


Rom oder Roman

1. Juli 2016

Lutz Seiler, sein beschwerlicher Weg zum preisgekrönten Roman “Kruso”, und das nicht nur hilfreiche Stipendium in der römischen “Villa Massimo”.

Zwei autobiographische Erzählungen sind darüber entstanden, die dieser Tage bei Topalian & Milani als exquisites, durchgehend illustriertes Druckwerk herauskamen. “Von Rom nach Hiddensee”, sowie “Die römische Saison”, die Titelgeschichte.

Lutz Seiler ist ein Schriftsteller mit besonderem Werdegang. 1963 im thüringischen Gera geboren, begannen literarisches Lesen und Schreiben für ihn erst während der Dienstzeit in der Nationalen Volksarmee der DDR. Hilfreich dabei, dass dieses andere Deutschland über ein dichtes Netz öffentlich zugänglicher Bibliotheken verfügte, mit umfangreichen Beständen an klassischer und – ideologisch gefiltert – gegenwärtiger Literatur. Nach Lehre und Tätigkeiten als Baufacharbeiter folgte ein Germanistikstudium in Halle an der Saale und Berlin.

Die ersten Veröffentlichungen waren Gedichtbände. Erzählungen und Essays folgten. Erste Auszeichnungen: Bremer Literaturpreis, Ingeborg-Bachmann-Preis, Fontane-Preis. 2014 erschien der Roman “Kruso” dessen Grundidee durch eine Zeit, die Seiler auf der Insel Hiddensee verbrachte, angeregt wurde. Dafür erhielt er den Deutschen Buchpreis. Lutz Seiler leitet das literarische Programm im Peter-Huchel-Haus, Wilhelmshorst. Mit seiner Familie lebt er in dem Ort nahe Berlin und in Stockholm.

In “Von Rom nach Hiddensee” erzählt er mit dem Humor der zeitlichen Distanz von seinem Aufenthalt in Italien als Stipendiat. Eine durchaus ehrend und fördernd gemeinte Auszeichnung. 2011, ein knappes Jahr mit der Familie in der römischen Hauptstadt. Einquartiert inmitten anderer Kunstschaffender in der traditionsreichen “Villa Massimo”. In über 100 Jahren waren hier zunächst nur Maler und Bildhauer zu Gast, später kamen Komponisten und Literaten dazu. Ulla Hahn, Oskar Pastior, Herta Müller, Hanns-Josef Ortheil, Andreas Maier und Sibylle Lewitscharoff waren, neben vielen anderen, Vertreter der schreibenden Zunft.

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Der Grundgedanke ist, dem Künstler, der Künstlerin, Zeit, Ruhe, Muße und Anregungen für neue oder in Arbeit befindliche Werke zu schenken. Dass gute Absicht und schiere Realität nicht immer in Einklang zu bringen sind, schildert Lutz Seiler: “Der Roman verweigerte sich, und zwar grundsätzlich. Gleichzeitig die Termine der Villa, fürsorgliche Angebote, dazu die Ideen der Künstlerbetreuerin, Besichtigung von Caravaggio, Konzert im Villino, Exkursion nach Olevano, Kino im Haupthaus und so weiter – alles ganz wunderbar, nur nicht für den, der nicht schreibt. Der, der nicht schreibt, möchte keine Termine, keine Exkursionen und vor allem: keine Künstler sehen.”

Und dass so ein Italien-Aufenthalt nicht für jede nordische Seele ideal ist, Hitze, Lärm und Temperament, nicht jedem Menschen gleichermaßen zuträglich, wissen wir spätestens seit Thomas Mann und Sigrid Damm. Was alles schief gehen kann und wie das ganze Unternehmen schließlich, nicht zuletzt dank Sohn und Frau, doch noch halbwegs gelingt, beschreibt Lutz Seiler ebenso unterhaltsam wie treffend. Er gewährt dabei einen intimen Einblick in die Geheimnisse seiner Schaffensprozesse, lässt uns ein wenig teilhaben an Schwere und Freude einer Schriftsteller-Existenz.

Bei aller Ironie und immer wieder aufblitzenden Witz, klingt der altbekannte Grundkonflikt zwischen künstlerischer Existenz und bürgerlichen Erfordernissen an. Beide Erzählungen, scheinbar mit leichter Hand geschrieben, zeugen von der sprachlichen Kunstfertigkeit des Autors und machen Lust auf mehr. Wer es noch nicht getan hat, wird sich spätestens jetzt an die Lektüre des Großromans “Kruso” machen.

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In der „Oberen Stube“ der Ulmer Museumsgesellschaft stellten Lutz Seiler (rechts) und Ko-Verleger Florian L. Arnold das neue Buch vor.

In Seilers zweiter Geschichte geht es sportlich zu. Dabei ist es gleichermaßen passend wie zufällig, dass das Buch ausgerechnet zur Zeit des Turniers um die Fussball-Europameisterschaft in die Buchhandlungen kommt. “Die römische Saison” handelt von den Freuden am beliebten Ballspiel ganz allgemein, und im Besonderen von den Hürden und bürokratischen Hindernissen beim Bemühen den zwölfjährige Sohn in einem römischen Verein das mannschaftliche Fußballspiel zu ermöglichen. Eine der vielen Facetten dieser großartigen Urstadt Rom und des gegenwärtigen italienischen Staatsgebildes.

“In den kommenden Tagen und Wochen dieses betörend schönen römischen Frühlings dreht sich bei uns alles um die sagenhafte Liste der zehn Dokumente, die wir in mühevoller Kleinarbeit und mit Hilfe der Schule, der Villa Massimo, der Schwedischen Botschaft und unter der unermüdlichen Beratung anderer, so freundlicher wie wortgewandter Spielereltern … zusammentragen. Immer wieder türmen sich neue überraschende und auch ganz unglaubliche Hindernisse auf.”

Alles wird gut. Das junge Talent Mitglied einer „scuola calcio“ mit dem nachvollziehbaren Namen „Futbolclub“ und wir Leser erfahren was italienischer Fußball mit „Panettone“ zu tun hat, jenem schmackhaften Doping-Mittel und Leistungsanreiz (sportlich-kulinarische Banausen sprechen von Sandkuchen), das mit Puderzucker bestäubt auf dem Cafétisch des Vereinsheims steht und „glitzert wie Silber in der Morgensonne.“

Die vieldeutigen, motivisch dichten Tuschezeichnungen im Buch stammen von Max P. Häring. Sie beziehen sich nicht direkt auf den erzählten Inhalt, sind jedoch mit ihrem feinen Strich durchaus von literarischen Themen inspiriert. Dass sie für meinen Geschmack vielleicht etwas zu düster ausfallen, mindert in keiner Weise die ausdrucksstarke künstlerische Qualität. Für die Front des Umschlags wurde ein Motiv aus einem Gemälde des Künstlers verwendet.

Sehr breit ist das Spektrum das sich passionierten Lesern undoder wählerischen Bibliophilen bietet: Vom Tausendseiten-Taschenbuchschmöcker, bis zur ausgewählt fein gestalteten Kostbarkeit. Während man im ersten völlig versinkt, sich ganz Inhalt und Spannung hingibt, bieten Werke der zweiten Art ein Mehr an Genuss, das weit über das eigentliche Lesen hinausgeht, weil man Erlesenes in Händen hält.

Es ist das Ziel des jungen Unternehmens Topalian & Milani im wörtlichen Sinne Un-Gewöhnliches zu bieten. Nischen und Zwischenräume zu entdecken und zugänglich zu machen. Nicht umsonst nennt man sich den “Verlag für schöne Bücher.” Mit Lutz Seilers “Die römische Saison” wird man diesem Anspruch hervorragend gerecht. Ein griffiges 120-Gramm-Papier, Druck und Bindung im Hause Pustet, sorgfältige Vorarbeiten bei Satz und Gestaltung, sowie bei der Schriftenwahl durch Florian L. Arnold.

Ich freue mich bereits auf eines der nächsten Vorhaben, das ich in den Vorankündigungen entdeckt habe. Ein Band mit zwei Novellen von Stefan Zweig: “Buchmendel” und “Die unsichtbare Sammlung”. Wie’s der Zufall will, läuft ja dieser Tage der großartige Film „Vor der Morgenröte“ in unseren Kinos, in dem ein überraschend aufspielender Joseph Hader den Dichter Zweig verkörpert.

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Seiler, Lutz: Die römische Saison. Zwei Erzählungen. – Elchingen : Topalian & Milani, 2016. Euro 17,90

Seiler, Lutz: Kruso. Roman. – Berlin : Suhrkamp, 2015. Euro 10,99 (Taschenbuch-Ausgabe)

Hier geht’s zu Topalian & Milani


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