Massimo Capaul ermittelt

Die Engadin-Krimis Gian Maria Calonders

Die kriminelle Kartierung Europas ist bereits weit vorangeschritten. Ganz besonders dicht in Skandinavien und England, Italien und Frankreich folgen mit geringem Abstand, Österreich ist etwas stärker abgedeckt als die Schweiz. Deutschland liebt es ohnehin regional. Dünner wird es, wenn wir nach Osten blicken; wer kennt schon Kriminalromane, die in Polen oder Tschechien spielen? Vielleicht besteht hier einfach ein Übersetzungsdefizit, möglich wäre zudem, dass Verleger und Leser gleichermaßen an einer Blickhemmung leiden, wenn es um Kulturimporte von unseren östlichen Nachbarn geht, jenem Stück Europa, das immerhin bis zum Ural reicht.

Umso erfreulicher die Entdeckung, dass ein weißer Fleck im Herzen des Kontinents sich blutrot zu färben beginnt. Gian Maria Calonder verfasst Spannungsliteratur, die das höchstgelegene besiedelte Gebiet der Alpen zur Kulisse hat. Lange mussten wir warten, nun sind sie da: Krimis, die im Engadin spielen. Zwischen Scoul und St. Moritz, bei Zuoz und in Samedan, dem Standort der fiktiven Polizeidirektion.

Wo die Berge hoch sind, die Gipfel in den Himmel reichen, sind die Täler tief, findet sich manch jäher Abgrund – nicht nur topographisch, sondern ebenso metaphorisch, und davon erzählt Calonder in seinen Kriminalromanen. Von den Tiefpunkten der Moral, der Brüchigkeit gutbürgerlicher Fassaden, von unguten politisch-wirtschaftlichen Abhängigkeiten.

Massimo Capaul, der mehr aus Verlegenheit und mangels Alternativen zum Polizisten wurde, tritt seine erste Stelle im schönen Engadin an. Die ungewohnte Höhe verschafft ihm Kopfschmerzen. Sein ungewohnter Spürsinn für nur schwer erkennbare kriminelle Aktivitäten, seine Bereitschaft dort, wo andere schnell wegschauen, genauer nachzusehen, bereitet seinen Vorgesetzten und Kollegen Kopfzerbrechen. Der neue Kollege macht sich schnell unbeliebt, indem er Dinge vermutet und aufdeckt, die andere nicht sehen und vor allem nicht sehen wollen.

Folgerichtig heißt der erste Band der Krimireihe rund um einen Polizisten, dessen Stärke darin liegt, dass er unterschätzt wird, Engadiner Abgründe. Massimo Capaul kommt an seinen neuen Arbeitsplatz, bezieht ein provisorisches Quartier, und ist schneller als er wahrhaben will, in Intrigen und Machenschaften der etablierten Dorfgemeinschaften verwickelt. Nur schwer ist die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, schwer ist es, gegen gängige Gewohnheiten der Vertuschung zur Wahrheit vorzudringen. Doch Mord ist Mord. Und Stück für Stück setzt sich Capaul mit seinem Drang zur Genauigkeit und zur Wahrheit durch. Beliebter wird er dadurch nicht.

Die Suche nach einer dauerhaften Bleibe ist ein Problem für alle Zugezogenen. Mietangebote sind rar und teuer. Die immer wieder neuen, nur bedingt erfolgreichen, Anläufe des Außenseiters ziehen sich als eine Art Running Gag durch die bisher erschienenen drei Romane. Auf die Abgründe folgte Endstation Engadin. Hier steht die Rhätische Bahn mit ihren spektakulären Strecken im Mittelpunkt des natürlich nur scheinbar verworrenen Geschehens. Capaul sorgt alsbald für Durchblick. War der Unfall eines Tunnelarbeiters möglicherweise Mord? Und welche Rolle spielt das ebenso esoterische wie erotische Fräulein Nietzsche, das sein Sommerquartier in der Nähe der Bahnstrecke aufgeschlagen hat?

Im dritten Band – Engadiner Hochjagd – sorgt ein Wärmeeinbruch im November für nervöse Unruhe unter Mensch und Natur im Schweizer Hochland. Unter den Trümmern eines Bergsturzes wird die Leiche eines Dorfbewohners vermutet. Dann geschieht ein angeblicher Jagdunfall. Auch in diesem Buch steht die Aufklärung einer kriminellen Straftat nicht allein im Mittelpunkt. War es im zweiten Band die weltberühmte Bahnstrecke, ist es nun die grandiose Natur rund um die kleinen Siedlungen entlang des jungen Inn. Stimmungsvoll und detailgenau geschildert von Gian Maria Calonder. Wenn man die Handlungsverläufe und -orte auf Google Maps und Google Earth nachverfolgt, erkennt man, mit welcher Genauigkeit der Autor hier seine Schilderungen platziert.

Gian Maria Calonder ist das Pseudonym des Schriftstellers Tim Krohn, der sich mit seinen Büchern in der Schweiz schon länger einer gewissen Popularität erfreut. Seine Capaul-Reihe konnte dort Spitzenplätze in den Bestsellerlisten erreichen, in Deutschland ist sie bisher noch wenig bekannt. Die Krimis erscheinen im Zürcher Kampa-Verlag, der neuerdings mit einer umfangreichen Serie um den frankokanadischen Ermittler Gamache und dessen Erfinderin Louise Penny für gute Verkaufszahlen auch auf dem deutschen Buchmarkt sorgt. Das breit aufgestellte Verlagshaus gibt übrigens die Werke der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk heraus und tat dies bereits lange bevor diese durch die Auszeichnung einem breiteren Publikum bekannt wurde. (Und derzeit erscheint Band für Band einer Gesamtausgabe der Werke Georges Simenons.)

Calonder, Gian Maria: Engadiner Abgründe. Ein Mord für Massimo Capaul. Zürich: Kampa, 2018

Calonder, Gian Maria: Endstation Engadin. Ein Mord für Massimo Capaul. – Zürich: Kampa, 2019

Calonder, Gian Maria: Engadiner Hochjagd. Ein Mord für Massimo Capaul. – Zürich: Kampa, 2020

„Ulm eine alte, häßliche und schmutzige Stadt …“

Im Oktober 1856 reiste Theodor Fontane von München über Ulm und Stuttgart nach Paris.

In drei Tagen von München über Ulm, Stuttgart und Heidelberg nach Paris. Seit einigen Jahren war das möglich. Deutschland verfügte nun für die wichtigsten Verbindungen über ein nahezu lückenloses Eisenbahnnetz. Schwarzeiserne Lokomotiven dampften durch Landschaften, Städte und Dörfer mit nie gekannter, für manche beängstigender Geschwindigkeit. Neue logistische  Möglichkeiten taten sich auf. Waren- und Personentransport gewann an Tempo und Bedeutung. Die Industrialisierung schritt flott voran im deutschen Staatenbund. 

Die neuen Reisemöglichkeiten kamen dem Journalisten und preußischen Diplomaten Theodor Fontane (1819 – 1898) sehr entgegen. Die Strecke Augsburg – München war bereits 1840 eröffnet worden. Zwischen Ulm und Neu-Ulm wurde die Donau ab 1854 mit einem modernen Brückenbau überquert. Von Ulm nach Augsburg und weiter nach München konnte man nun durchfahren. Eine Verbindung von Ulm nach Stuttgart bestand seit 1850. In der Münsterstadt wechselten die Reisenden von der bayerischen auf die württembergische Eisenbahn.

Vorstellungen des Wirtschaftsreformers Friedrich List. Das von ihm 1833 entworfene Eisenbahnnetz für Deutschland war 1856 zu großen Teilen bereits realisiert.

Ab dem 30. August 1856 verbrachte Theodor Fontane einen längeren Urlaub, heute würde man sagen eine Auszeit, bei Frau und Kindern in Berlin. Seit 1855 war er als Herausgeber der Deutsch-Englischen Korrespondenz in London tätig und berichtete für das Literatur-Blatt des deutschen Kunstblatts über das Londoner Theatergeschehen. Allerdings wurde die Korrespondenz bereits nach einem Jahr wieder eingestellt. Fontane blieb als Presse-Agent der Preußischen Gesandtschaft (Botschaft) an der Themse. Mit seiner beruflichen Situation war er nicht rundum zufrieden; gerne hätte er mehr Zeit für schriftstellerische Tätigkeit gehabt, doch davon konnte die wachsende Familie nicht leben.

1856 war Theodor Fontane also noch längst nicht der Verfasser später berühmter Romane wie Effie Briest oder Der Stechlin. Auch seine legendären, aus mehreren Bänden bestehenden Wanderungen durch die Mark Brandenburg, jene einzigartigen regional- und kulturgeschichtlichen Abhandlungen, waren noch nicht erschienen. Allerdings kam ihm die Idee zum am Ende fünfbändigen Mammutwerk während einer Reise durch Schottland, die er von London aus unternommen hatte. Der erste Band Die Grafschaft Ruppin wurde 1862 fertig. Apropos Wanderungen: Nur einen kleineren Teil der geschilderten Strecken legte der Chronist zu Fuß zurück, meist bevorzugte er Pferde und Kutschen. Öffentlich debütiert hatte der Dichter Fontane 1841, als sein Gedicht Mönch und Ritter in einem Leipziger Wochenblatt mit dem Titel Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. Neue Folge gedruckt wurde. Sein erster Roman, der den Titel Vor dem Sturm trägt und noch nicht ganz das Niveau der folgenden Werke erreichte, erschien erst 1878.

Seine Auszeit ging zu Ende und es wurde Zeit, sich auf den Rückweg nach London zu machen. Abreise in Berlin am Abend des 4. Oktober. Gegen Mitternacht erreichte er Leipzig, wo er bereits von Ludwig Eduard Metzel (1815 – 1895) erwartet wurde. Metzel war als preußischer Beamter Leiter der Centralstelle für Preßangelegenheiten und in dieser Funktion Fontanes Vorgesetzter. Ein einfühlsamer, kollegialer Mensch, der viel Verständnis für Fontanes künstlerisch-kreative Ader hatte, berichten Zeitgenossen. Die beiden reisten die nächsten Tage gemeinsam.

Theodor Fontane um 1860.

Fünf Uhr am nächsten Morgen ging es weiter. Zunächst bis Bamberg. Es blieb Zeit für einen kleinen Stadtrundgang und, wie an vielen Tagen, einen Brief Fontanes an die Gattin Emilie, die hochschwanger in Berlin geblieben war. Am Vormittag des 6. Oktober kamen die Reisenden bis Nürnberg. Wieder der kurze Rundgang durch die Innenstadt, von dessen Eindrücken in einem Brief an die Ehefrau zu lesen ist. Nürnberg, das vielberühmte, ist interessant aber durchaus nicht schön. Es ist eine Koofmannstadt und zwar eine blos spießbürgerliche. Es ging schnell mit Einschätzungen und Urteilen bei Fontane.

Am Abend desselben Tages kamen sie in München an und logierten im Bayerischen Hof, den es seit 1840 gab, deutlich kleiner als das heutige Luxushaus. Die Residenzstadt München zählte zu dieser Zeit etwa 140.000 Einwohner, Untertanen des Königs Maximilian II. Joseph von Bayern, dem Vater des späteren Wagner-Verehrers und manischen Schlösse-Erbauers Ludwig II.

Man ließ sich kutschieren in München. Metzel hatte sich bei einer Hühneraugen-Behandlung in den Fuß geschnitten, so dass Märsche mit selbigem kontraindiziert waren. Man fuhr zur Theresienwiese und der Bavaria, zur Einkehr ins Hofbräuhaus und abends ins Theater. Am nächsten Vormittag, inzwischen der 8. Oktober, besuchte Fontane den damals sehr populären Dichter Emanuel Geibel. Der Poet stammte aus Lübeck und wird knapp 50 Jahre später von Thomas Mann in seinen Buddenbrooks in Gestalt des Jean-Jacques Hoffstede liebevoll auf die Schippe genommen. An diesem Abend gab man im Nationaltheater Shakespeares Sturm.

Die Mahlzeiten und ihre Speisefolgen waren für Fontane wichtige Themen, im Werk wie im privaten Alltag. Ich habe eine hohe Vorstellung von der Heiligkeit der Mahlzeiten, gleich nach dem schlafenden kommt der essende Mensch. Zu den in der Regel mehrgängigen Mahlzeiten, vorzugsweise in angenehmer Gesellschaft, schätzte er das gepflegte Gespräch, den kultivierten Meinungsaustausch. Die Protagonisten seiner Romane werden es ihm nachtun, und nicht selten schreitet mit Hilfe dieser Unterhaltungen bei Tisch, die Handlung zügig voran.

In München und Umgebung kam er auf seine Kosten. Wie am Donnerstag, dem 9. Oktober 1856, bei einem Ausflug an den Starnberger See. In Seeshaupt wurden Brenken serviert, steht im Tagebuch. Es gibt keine Hinweise auf einen Speisefisch diesen Namens, vermutlich waren die Renken gemeint, ein bis heute sehr beliebter schmackhafter Fisch in oberbayerischen Seen. Vor dem abendlichen Theaterbesuch, diesmal stand eine Posse von Nestroy auf dem Programm, Einkehr im Gasthaus Sternecker-Bräu. 

Im Mittelpunkt des 10. Oktober, die Besichtigung der Pinakotheken. Und auch an diesem Tag kamen Speis‘ und Trank nicht zu kurz. Vormittags im Café Tambosi, bei einer Rast im Hofbräuhaus und schließlich im Gasthaus Ober-Pollinger. Es war Fontanes erster Aufenthalt in München. Noch dreimal wird er im weiteren Leben in die bayerische Hauptstadt reisen. Die diesmal auf München folgende Station besuchte er hingegen zum ersten und letzten Mal. Wieder um fünf Uhr in der Frühe ging der Zug nach Ulm. 

Das Ulmer Münster wie Theodor Fontane es gesehen hat.

Nun war es Samstag. Kaum in der württembergischen Donaustadt angekommen, hatte er schon ein Urteil parat. Im Reisetagebuch liest sich das so: Ulm eine häßliche und schmutzige Stadt, aber sehr belebt und überreich an Buchhandlungen und Kuchenläden. Die Menschen (wie überhaupt die Schwaben, im Gegensatz zu den schönen Pfälzern) auffallend häßlich. Das waren schon sehr meinungsstarke Formulierungen des Weitgereisten. Doch konnte er der alten Reichsstadt durchaus gefälligere Eindrücke abgewinnen. Grandios der Dom, wurde gegönnert.

Es ging sogar genauer. Im inzwischen allgemein als Ulmer Münster bekannten Bauwerk beeindruckten Fontane das Chorgestühl von Jörg Syrlin und in einer der Seitenkapellen das Gemälde von Martin Schaffner aus dem Jahr 1516. Es zeigt den Ulmer Patrizier Eitel Besserer, nach dem diese Kapelle benannt ist und befindet sich heute im Ulmer Stadtmuseum. Als Fontane das Münster besuchte, hatte es noch nicht seine heutige Höhe von 161 Metern erreicht, der Hauptturm wurde erst 1910 vollendet. Zeit nahmen sich die Reisenden für ein ausgedehntes Frühstück im Café Döbele. Nicht fehlen durfte dabei der frische Käsberger, ein Weißwein aus Mundelsheim.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs. August Döbele war um 1850 aus Waldsee nach Ulm gekommen und führte zunächst die Berufsbezeichnung Kellner, aus dem bereits 1853, als er sich um das Ulmer Bürgerrecht bewarb, ein Cafetiér geworden war. Dieser August Döbele begegnet uns dann im Jahr 1869 erneut, als er eine Klageschrift gegen eine Albertine von Schad einreichte. Inzwischen firmierte er als Weinhändler. Die Schads gehörten zu den angesehenen Patrizierfamilien (Stadtadel) Ulms, sie stammte aus Oberschwaben und besaß südlich der Stadt Wälder und Ländereien. 

Erwin Carlé, 1876 in Karlsruhe geboren, war ein Schriftsteller, der unter dem Künstlernamen Erwin Rosen Erzählungen und Erinnerungen veröffentlichte, darunter den autobiographischen Band Allen Gewalten zum trotz, worin er in einer kurzen Passage von seiner Zeit in Ulm erzählt. Die Mutter Rosens war eine gebürtige Döbele. Über deren Vater schrieb der Enkel: Dicht am Münsterplatz lag das Haus, das einmal meinem Großvater gehört hatte; dem Großvater Döbele. Der war ein großer Herr gewesen und hatte im Württembergischen Weinberge gehabt und Jagden.

Ob es dieser Großvater war, bei dem Metzel und Fontane einkehrten? Oder dessen Vater? Ob das schwäbische Frühstück im Café Döbele mit dem Schritt halten konnte, was die Herren in England kennen und genießen gelernt hatten? Nach abgehaltener Morgenandacht versammelt sich alles beim Frühstück: Kaffee und Tee, Hammelbraten und Eier, Speckschnitte und geröstetes Weißbrot machen die Runde am Tisch, und unter Essen und Trinken, Sprechen und Lachen vergeht eine volle Frühstücksstunde

Es ging weiter nach Stuttgart. Die Fahrt durchs Neckartal fand Fontane reizend. Eine Gegend, die in der Gegenwart stark von Industrie- und Handelsansiedlungen geprägt, deren Höhepunkt bei Ober- und Untertürkheim mit den ausgedehnten Daimler-Werken erreicht wird. Doch gerade dort sind nach wie vor im Osten der Stuttgarter Vororte die typisch württembergischen Steillagen zu sehen, deren herbstliches Farbenspiel einen wunderbaren Kontrast zu den Fabriken, Werken und Warenlagern auf der anderen Seite des Zuges bildet. Am Abend im Hotel St. Petersburg kamen sie auf den Tisch der Herren – die süffigen Württemberger, der Türkheimer und der Neuperger – gute Neckarweine. Dazu Rothfisch aus der Donau und Felchen vom Bodensee.

Einen Tag später, inzwischen Sonntag der 12. Oktober, ritten Fontane und Metzel auf Eseln vom Neckartal zum Heidelberger Schloss hinauf und kamen sich dabei vor wie Don Quixote und Sancho Pansa. Für welche Figur er wen hielt, verrät uns Fontane nicht. Besichtigung der viel besuchten Ruine. Entzückt von dem Zauberblick des in der Mitte (der Länge nach) durchgebrochenen Thurms. Nun stand hier ein Schriftsteller, der später als wichtigster deutscher Vertreter des realistischen Romans in die Literaturgeschichte eingehen sollte, vor einem der bedeutendsten Symbole der Romantik. Es folgte die übliche Einkehr. Doch wie es so vorkommt an hoch frequentierten Sehenswürdigkeiten: Schlechte Restauration an Ort und Stelle. Zurück in der Ebene ging es weiter nach Mannheim. Zeit für den Abschied von Direkt. (Direktor, J. H.) Metzel. 

Fontane verbrachte die Nacht im Europäischen Hof, bevor es morgens mit dem Schiff (einer Fähre?) über den Rhein ging und schließlich weiter nach Paris. Von Ludwigshafen aus dauerte die Fahrt knapp 16 Stunden. Für Reisende im Jahr 1856 eine staunenswert kurze Zeit. Heute legt der TGV die Strecke in gut drei Stunden zurück. Fontane genoss die Stadt. Spazierte durch die Tuilerien, über die Champs Éllysées, besuchte den Louvre. Die Tage in der französischen Metropole vergingen viel zu schnell. Bald hieß es wieder zurück an die wenig geliebte Arbeit. Am 22. und 23. Oktober nach Calais und mit dem Schiff nach Dover. Schöne Ueberfahrt, niemand seekrank. Um 8 in London.

1858 wird Fontane seine Stellung in London kündigen und nach Berlin zurückkehren.

Nürnberger, Helmuth; Storch, Dietmar: Fontane-Lexikon. Namen – Stoffe – Zeitgeschichte. – München, 2007

Hädecke, Wolfgang: Theodor Fontane. Biographie. – München, 1998

Fontane, Theodor: Tage- und Reisetagebücher. Bd. 1: 1852, 1855 – 1858 / hrsg. von Charlotte Jolles. – Berlin, 1995 (Große Brandenburger Ausgabe, Abt. 11)

Rosen, Erwin: Allen Gewalten zum Trotz. Lebenskämpfe, Niederlagen, Arbeitssiege eines deutschen Schreibersmannes. – Stuttgart, 1922

Hölscher, Horst: Fontane und München. – Karwe bei Neuruppin, 2016

Berg-Ehlers, Luise; Erler, Gotthard (Hrsg.): Ich bin nicht für halbe Portionen. Essen und Trinken bei Fontane. 2. Aufl. – Berlin, 2019

„Lassen Sie uns bei den Kindern anfangen …“

Die Kinderbuchbrücke von Jella Lepman liegt in einer Neuausgabe vor. Das Buch erzählt, wie die Internationale Jugendbibliothek in München entstand.

Von Hitlers Tausendjährigem Reich blieb nach dem verheerenden Krieg, den seine Vernichtungs- und Großmachtphantasien ausgelöst hatten, ein Europa der Zerstörungen, Verwüstungen und Verunsicherungen zurück. Die Not war groß. Nicht nur in Deutschland lagen Millionen Wohnungen in Trümmern, irrten Vertriebene durch Städte und Landschaften. Heere von Kriegsgefangenen in Ost und West, fast jede Familie hatte Gefallene, Verschollene, Versehrte zu beklagen. Allerorten ruinierte Infrastruktur, fehlende Verkehrswege, Engpässe bei der Versorgung mit dem Nötigsten.

In Deutschland würde man später von der Stunde Null schreiben. Gute Gründe, auf eine bessere Zukunft, die Linderung der Not zu hoffen, gab es wenige. Dass Schulen und Universitäten, Archive und Bibliotheken geplündert, zerstört, häufig unbenutzbar geworden waren, schien auf den ersten Blick zu den geringeren Übeln zu gehören. Doch über alle existenziellen Sorgen hinaus gab es dieses nie völlig erloschene Verlangen nach mehr als sättigenden Mahlzeiten, sicheren Unterkünften, bescheidenem Auskommen. Ein vages Sehnen nach geistiger Nahrung, nach Bildung, ja vielleicht sogar ein klein wenig ablenkender Unterhaltung. Nie hat irgend ein Krieg diesen Rest Humanität abtöten können.

Zu den ersten die das erkannten und mit Empathie und Einfallsreichtum Initiativen starteten, die dazu beitrugen zumindest in einem bescheidenen Umfang, mit einfachen Mitteln, für Wiederaufbau und Neuausrichtung zu sorgen, gehörte Jella Lepman. Sie kam 1891 als Jella Lehmann in Stuttgart zur Welt, wuchs in einem liberalen jüdischen Elternhaus auf, besuchte zunächst in der württembergischen Hauptstadt die Schule, später ein Internat in der Schweiz. 1913 heiratete sie den Fabrikanten Gustav Lepman, der bereits 1922 an seinen Verletzungen aus dem Ersten Weltkrieg verstarb. Jella Lepman begann für das Stuttgarter Neue Tagblatt zu schreiben und wurde die erste weibliche Redakteurin der Zeitung. 1932 wegen ihrer jüdischen Abstammung entlassen, emigrierte sie mit ihren beiden Kindern nach England.

An der Cambridge University Library bearbeitete sie den Nachlass Arthur Schnitzlers, arbeitete in London für die BBC und später für die American Broadcasting Station in Europe (ABSIE). 1945 beauftragte die US-Militärregierung der deutschen Besatzungszone die inzwischen anerkannte Kinder- und Jugendbuchexpertin mit dem Entwurf von Konzepten zur „Reeducation“ von Frauen, Kindern und Jugendlichen im Nachkriegsdeutschland.

Auf einer Rundreise durch Süddeutschland ermittelte Lepman den Status Quo und bilanzierte, dass es an ganz elementaren Dingen im Bereich Bildung und Ausbildung, Aufklärung und demokratischer Grundschulung fehlte. Eine Wanderausstellung mit Kinder- und Jugendbüchern aus vielen Ländern sollte als bescheidener Anfang eine konstituierende Veränderung einleiten. In einem ersten Schritt konnten für das Vorhaben 4.000 Bücher aus 14 Ländern als Spenden eingeworben werden. 

(Mit freundlicher Genehmigung der Internationalen Jugendbibliothek (IJB), München)

Sie bildeten den Grundstock für die spätere Internationale Jugendbibliothek (IJB) in München, die am 14. September 1949 eröffnet wurde. Als Trägerin fungierte zunächst die 1948 von Jella Lepman initiierte Vereinigung der Freunde der Internationalen Jugendbibliothek e. V. Zahlreiche Menschen, prominente und weniger bekannte Zeitgenossen, hatten Lepman auf ihrem Weg unterstützt. Neben Persönlichkeiten der amerikanischen und englischen Besatzungsmächte, zählten von deutscher Seite, neben Erich Kästner und Golo Mann, der spätere Bundespräsident Theodor Heuss und seine Gattin Elly Heuss-Knapp dazu. Kästner, der zu den treibenden Kräften und frühen Unterstützern des Vorhabens gehörte, übergab das Haus mit einer launigen Eröffnungsrede an die eigentlichen Besitzer der großen Bibliothek: Die Kinder und Jugendlichen vor Ort, in München, Bayern und der ganzen Welt.

Die spannende Entstehungsgeschichte der IJB, sowie ihre persönliche Rolle auf dem Weg zu dieser heute international einmaligen Institution, schilderte Jella Lepman in einem Buch, das unter dem Titel Die Kinderbuchbrücke erstmals 1964 veröffentlicht wurde. Darin erzählt sie, wie alles mit der erwähnten Wanderausstellung begann. Erste Station war das Haus der Kunst in München, es folgten weitere unter anderem in Frankfurt am Main und West-Berlin. Pläne, die Exponate auch im sowjetischen Sektor, also der späteren DDR, zu zeigen, zerschlugen sich nach entsprechenden Signalen aus Moskau. Dabei wurde von Anfang an die globale Ausrichtung des Vorhabens betont. Das blieb so, als aus der Wanderausstellung schließlich eine stationäre Einrichtung wurde: die Internationale Jugendbibliothek (IJB) in München. Dass Lepmans Rückblick nicht ganz ohne kleine Selbstgefälligkeiten auskommt, sieht man ihr gerne nach. Das Geleistete bleibt außergewöhnlich. 

Die Erstausgabe der Kinderbuchbrücke wurde bei S. Fischer verlegt, eine englische Ausgabe folgte 1969. Nachdem das Buch lange vergriffen war, erschien im letzten Jahr eine komplett neu gestaltete Ausgabe beim Münchener Verlag Kunstmann. Herausgegeben von der IJB und bearbeitet von Anna Becchi, die Lepmans Schilderungen um einen Lebensabriss der engagierten Frau erweiterte. Umfangreiche kommentierende Anmerkungen im Anhang erleichtern die zeitgeschichtliche Zuordnung. So ganz nebenbei ist dieser Band auch eine Art Kultur- und Sozialgeschichte der bundesdeutschen Nachkriegsjahre aus einem ganz besonderen Blickwinkel. Die vielen schwarzweißen Fotografien verraten den genauen Betrachtern interessante zusätzliche Details und gewähren immer wieder einmal überraschende Einblicke in Lepmans Umfeld, in dem bekannte und weniger bekannte Männer und Frauen der Nachkriegs-Jahrzehnte zu entdecken sind. Die Neuausgabe ist hochwertig ausgestattet, ihre fröhlich-farbige Umschlaggestaltung wurde von der bekannten Kinderbuchautorin und -illustratorin Rotraut Susanne Berner besorgt; das macht aus dem informativen Band ein optisch sehr attraktives Druckwerk.

Der Bestand der Internationalen Jugendbibliothek war bis 2020 auf über 650 000 Medieneinheiten angewachsen, 250 Sprachen sind vertreten. Es ist die weltweit umfangreichste Sammlung auf diesem Gebiet. Dem Haus überließ Michael Ende einen Teil seines Nachlasses, ihm ist innerhalb der IJB ein kleines Museum gewidmet. Von James Krüss, Hans Baumann und Mirjam Pressler, um nur einige stellvertretend zu nennen, kamen ebenfalls Teilsammlungen und Nachlässe nach München. So hat sich die Einrichtung inzwischen zu einer viel gefragten und frequentierten Forschungseinrichtung entwickelt. Seit 2013 wird alle zwei Jahre der James-Krüss-Preis für internationale Kinder- und Jugendliteratur vergeben.

Jella Lepman schrieb selbst mehrere Kinderbücher, gab Sammlungen von Kindergeschichten heraus, darunter eine mehrbändige Ausgabe von Gutenachtgeschichten, die sie über die Jahre zusammengetragen hatte. Ihre eigenen Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Erich Kästner regte sie zu dessen kindgerechtem Friedensaufruf Konferenz der Tiere an. Bis 1957 blieb Lepman die erste Direktorin der IJB. Bei ihrem Abschied wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Im Ruhestand zog sie nach Zürich, weil sie in der Stadt ein Umfeld aus Bekannten und Freunden vorfand. Dort starb Jella Lepman im Oktober 1970 im Alter von 79 Jahren.

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Lepman, Jella: Die Kinderbuchbrücke. – Hrsg. von der Internationalen Jugendbibliothek unter Mitarb. von Anna Becchi. – München : Kunstmann, 2020

Erich Kästner und Dresden

Wenn es zutreffen sollte, daß ich nicht nur weiß, was schlimm und häßlich, sondern auch, was schön ist, so verdanke ich diese Gabe dem Glück in Dresden aufgewachsen zu sein.

Das historische Zentrum der Stadt Dresden mit seinen kultur- und baugeschichtlichen Sensationen ist Anziehungspunkt und Reiseziel für Touristen aus der ganzen Welt. Sie besuchen zu Tausenden die Schlösser und Museen, drängen sich in Frauen- und Kreuzkirche, promenieren auf den Brühlschen Terrassen, spazieren am Elbufer entlang, kehren ein in die zahlreichen Cafés und Restaurants, genießen sächsischen Blechkuchen oder deftige Fleischspeisen mit Klößen und Rotkohl. Abends locken Theater und Kabaretts, Jazzkeller, Konzerte der Staatskapelle oder musikalische Spitzendarbietungen in heller Kirchenakustik. Dresden gehört im Ausland zu den bekanntesten und beliebtesten Städten Deutschlands.

Mit einer der gelben Straßenbahnen verlasse ich die Innenstadt. Die langen Gelenkwagen schunkeln und quietschen über die Carolabrücke. Darunter fließt träge die Elbe. Sie führt Niedrigwasser. In den warmen und trockenen Sommern der letzten Jahre muss immer häufiger der Verkehr der Ausflugsdampfer reduziert oder eingestellt werden. 

Ich bin unterwegs in die Dresdner Neustadt auf der linken Elbseite. Wohn- und Lebensraum der einfachen Bürger, Arbeitnehmer, Handwerker, kleinen Selbständigen, Studenten-WGs. Lange Straßen. Gründerzeithäuser. Schmale Läden. Die global gewohnten Sättigungsangebote: Döner, Pizza, Asia Food, Burger. Mal frisch und einladend, mal schmuddelig fragwürdig. Als Erich Kästner hier aufwuchs gab es das noch nicht. Stattdessen zahlreiche Bäckereien und Fleischereien, Uhrmacher, Papier- und Gemüseläden, Schuhgeschäfte, Schneidereien und kleine Kneipen. In Hinterhöfen werkelten Schreiner und Spengler, Wagner und Kürschner.

Am 23. Februar 1899 wurde Erich Kästner hier geboren. In der Königsbrücker Straße 66, vierte Etage. Dresden ist zu dieser Zeit königlich sächsische Haupt- und Residenzstadt, die viertgrößte Stadt des Deutschen Reichs mit etwa einer halben Million Einwohner. Berühmt für seine Zigarettenfabrik, die Schokoladenherstellung und die Brauereien. Hier wurden der Kaffeefilter, der Teebeutel und der Bierdeckel erfunden.

Erichs Eltern sind in der arrangierten Ehe unglücklich. Die erste Wohnung in der Königsbrücker Straße liegt ganz in der Nähe des damals berühmten Schokoladenproduzenten Jordan & Timaens. In der Mansardenwohnung ist der Alltag mühselig, die Kästners kommen gerade so über die Runden. Im Lauf der Jahre ändert sich das nur wenig. Die Familie zieht mehrmals um, jeweils nur einige Häuser weiter, in die Nummer 48, in die 38. Dabei Etage für Etage tiefer. In seinen Erinnerungen Als ich ein kleiner Junge war kommentiert der Schriftsteller Kästner Jahrzehnte später, ironisch-optimistisch, wie es seiner Lebenshaltung entsprach: Wir zogen immer tiefer, weil es mit uns bergauf ging. Wir näherten uns den Häusern mit den Vorgärten ohne sie zu erreichen.

Das Kind Erich sitzt in den wechselnden Wohnungen still an Mutters Seite und lernt früh lesen. Lesen wird zur Haupt- und Lieblingsbeschäftigung des Heranwachsenden. Ich las und las und las. Kein Buchstabe war vor mir sicher. Ich las Bücher und Hefte, Plakate, Firmenschilder, Namensschilder, Prospekte, Gebrauchsanweisungen und Grabinschriften, Tierschutzkalender, Speisekarten, Mamas Kochbuch, Ansichtskartengrüße … , die ‚Bunten Bilder aus dem Sachsenlande‘ und die klitschnassen Zeitungsfetzen, worin ich drei Stauden Kopfsalat nach Hause trug. Zwischen Mutter und Sohn entwickelt sich ein enges und inniges Verhältnis, das über alle Jahre, geschichtlichen Umbrüche und Entfernungen hinweg, bestehen bleiben wird.

Die langen Spaziergänge am Elbufer. Die Mutter empfindet die weite Uferlandschaft als Befreiung aus ihrer persönlichen Eheenge. Erich liebt die Elbbrücken. Im Gasthaus Linckesches Bad kehren die beiden nach ihren Wanderungen gerne ein. Gelegentliche Besuche von Aufführungen des Alberttheaters und anderer Bühnen der Stadt mit der Mutter, gehören zu den prägenden Eindrücken der Kinder- und Jugendjahre. Bald wurden die Dresdner Theater mein zweites Zuhause. Und oft mußte mein Vater allein zu Abend essen, weil Mama und ich, meist auf Stehplätzen, der Muse Thalia huldigten.

Junge Lehrer wohnen bei Kästners zur Untermiete und leisten notwendige finanzielle Beiträge zum Lebensunterhalt. Von den aufgeschlossenen Pädagogen erfährt das Kind früh vom Wert des Lernens und der Bildung. Erich wird ein ausgezeichneter Schüler in der IV. Dresdner Bürgerschule. Später wird er selbst ein Lehrerseminar besuchen, das einen frühzeitigen Berufsabschluss und regelmäßiges Einkommen ermöglichen soll. Doch seinen Vorstellungen und Ansprüchen wird das nicht gerecht. Er bricht diese Laufbahn ab. Nach dem abgeleisteten Wehrdienst holt er fehlende Gymnasialjahre nach und macht Abitur.

Die Pionierkaserne, in der Kästner eine Infanterieausbildung absolvierte, befindet sich am weiteren Verlauf der Königsbrücker Straße. Am Eingang hat er oft Wache zu stehen. Von dort ist es nicht weit bis zum St.-Pauli-Friedhof, wo die Eltern ihre letzte Ruhe finden werden. 1919 geht Erich Kästner zum Studium nach Leipzig, nach Rostock und Berlin. Ab 1922 ist er wieder in Leipzig, wo er 1925 promoviert. Ab 1927 arbeitet Kästner in Berlin als Theaterkritiker und Journalist, schreibt Texte, Gedichte, Couplets für die fiebrige Kabarettszene der Hauptstadt. Während der Nazizeit hat er offziell Schreibverbot, lebt unauffällig, schreibt unter Pseudonym Drehbücher, wie den populären Münchhausen-Film mit Hans Albers in der Titelrolle. Nach dem Krieg lässt er sich in München nieder.

1967 kommt er ein letztes Mal in seine Geburtsstadt Dresden, zu einer Lesung in der Gemäldegalerie des Zwinger. Am 29. Juli 1974 stirbt der inzwischen vor allem durch seine Kinderbücher beliebte Schriftsteller in der bayerischen Landeshauptstadt. Und ich selber bin, was sonst ich auch wurde, eines immer geblieben: ein Kind der Königsbrücker Straße.

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Das Erich-Kästner-Museum in Dresden wurde nach umfassender Sanierung und konzeptioneller Neuausrichtung im vergangenen Jahr neu eröffnet, derzeit ist es im Rahmen der pandemiebedingten Einschränkungen geschlossen. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich die Einrichtung auf con=libri vorstellen.

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Kästner, Erich: Als ich ein kleiner Junge war. – 11. Aufl., München, 2009

Stresow, Matthias: Auf den Spuren Erich Kästners in Dresden. – Dresden, 2014

Hölderlin in Hauptwil

Jetzt aber, drin im Gebirg

Die Schweizer Gemeinde Hauptwil liegt im Kanton Thurgau zwischen Bodensee und Säntis-Massiv, westlich von Sankt Gallen. Den Mittelpunkt bildet ein kleiner Weiher, an dessen Ufer sich eine Badeanstalt befindet, die an heißen Sommertagen von den wenigen Kindern und Jugendlichen im Ort genutzt wird. Es ist eine ruhige, eher unscheinbare Siedlung. Für heutige Reisende gibt es eigentlich wenig Grund hier länger zu verweilen. Doch für Literaturfreunde lohnt sich ein Besuch, vielleicht als kleiner Abstecher während eines Urlaubs oder Wandertags im Appenzell oder dem nahen Toggenburg.

Im Januar 1801 erreichte der Dichter und Gelehrte Friedrich Hölderlin von Stuttgart kommend, nach langer Reise durch das tief verschneite Oberschwaben, über den westlichen Bodensee und schließlich von Konstanz her, die Ortschaft Hauptwil. Den größten Teil des Weges hatte er zu Fuß zurückgelegt. Er trat eine Stelle als Hofmeister bei der Familie Gonzenbach an; seine Aufgabe bestand darin, die dreizehn- und vierzehnjährigen Töchter Augusta Dorothea und Barbara Julia zu unterrichten.

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In Hauptwil wurde er freundlich aufgenommen, wohnte in einem Zimmer zum Garten. Er fand sich rasch zurecht und war nicht unglücklich, wie er der Mutter im Brief mitteilte: Ich kann in der Tat nicht anders sagen, nach der Überzeugung, die ich mir seit 10 Tagen geben konnte, als dass die zahlreiche Familie, in der ich lebe, aus solchen Menschen besteht, unter denen man mit zufriedener Seele leben muß, so viel unschuldiger Frohsinn ist unter den jüngeren, und so ein gesunder Verstand, und edle Gutheit unter den Älteren.

Das Gehalt betrug 300 Gulden im Jahr, bei freier Kost und Logis. Die Familie Gonzenbach beherrschte den kleinen Ort. Das obere Schloss bewohnte eine ältere Linie; das untere Schloss, das sogenannte Kaufhaus, heute als Wohnhaus genutzt, die Familie des Kaufherrn Anton Gonzenbach. Bei diesem Aufenthalt in der Schweiz lernte Hölderlin die Landschaft des Alpenraums kennen und war von ihr so fasziniert, dass sich das später in hymnischer Dichtung niederschlug. Allerdings dauerte der Thurgauer Aufenthalt nicht lange. Bereits Mitte April trennte man sich wieder. In bestem Einvernehmen und voller Respekt – wie das Haus Gonzenbach versicherte.

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Über den raschen Abschied aus Hauptwil gibt es verschiedene Spekulationen und Interpretationen. Es wurden amouröse Verwicklungen unterstellt oder politische Differenzen mit dem Dienstherrn vermutet. Doch am wahrscheinlichsten ist, dass sich Anzeichen geistiger Erkrankung bei Hölderlin bemerkbar machten.

Bei einem Spaziergang durch das gegenwärtige Hauptwil kann man feststellen, dass die Gemeinde pfleglich mit der Erinnerung an den Hölderlin-Aufenthalt umgeht. Am ehemaligen Wohnhaus der Familie Gonzenbach ist eine Erinnerungstafel angebracht. Es gibt einen Hölderlin-Weg. Und im Oberen Schloss, dessen Seitenflügel heute ein Altersheim beherbergt, wurde ein Erdgeschoss-Raum zu einem kleinen Hölderlin-Museum umgestaltet. Es ist eine schlichte, sachlich und gleichzeitig liebevoll gestaltete Einrichtung. An den Wänden erzählen einheitliche Tafeln von dem Ereignis und ein wenig über das Drumherum. Die Tür steht meist offen. Der Raum ist den ganzen Tag über frei zugänglich.

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Von Hauptwil gelangt man in einer halben Stunde Autofahrt nach Sankt Gallen und damit in das quirlige, umtriebige City-Leben einer großen Kleinstadt. In der Mitte der Stadt liegt der Klosterkomplex. In der Stiftbibliothek werden 900 wertvolle Handschriften verwahrt. Im Kloster lebte bis im Jahre 912 der Mönch Notker, auch genannt der Stammler, einer der ersten großen Dichter und Gelehrten des deutschen Sprachraums.

Die letzte Lesung

Blau karierte Tischdecke, Rotwein und Pizza Frutti di Mare. Der Kellner im perfekt sitzenden Anzug mit nobler Fliege. Den italienischen Akzent wird er sich antrainiert haben, denn er wurde vor zwei Generationen in Deutschland geboren. Er sorgt sich dieser Tage um ältere Verwandtschaft, die noch in der Gegend von Bergamo lebt. Meine vorerst letzte Pizza außer Haus in diesem so geliebten Ambiente.

Der Erika-Mann-Platz im Zentrum. Alte Linden in der Mitte, drumherum fidele Mischung aus historischem Bestand und sachlicher Funktionalität. Ort quirliger Urbanität. Cafès, Kneipen, Restaurants. An der südöstlichen Ecke die kleine Kultbuchhandlung. Wird mein letzter Besuch im Laden auf unabsehbar der letzte bleiben? Wenige hundert Meter weiter, hinter dem Rathaus, die Stadtbibliothek. Seit zwei Wochen sichtbares Symbol einer hermetischen Gesellschaft. Dreivier Romane liegen zuhause, sie waren weniger fesselnd als erwartet. Die Leihfrist verlängert bis Sankt Nimmerlein.

Die letzte Bierbestellung bei Charlotte, genannt Charly, seit vielen Jahren Stammkraft in meiner Altstadt-Stammkneipe. Wenn ich gewusst hätte, dass diese Halbe an diesem Ort die letzte sein würde für lange Zeit, wäre es an diesem Abend bestimmt nicht die letzte geblieben.

Ich verbringe viel Zeit mit Kindern und Frau, was natürlich schön ist, und trauere manchmal den Veranstaltungen nach, die jetzt gerade wären. Der Schriftsteller Ingo Schulze im Hessischen Rundfunk.

Ingo Schulze (l.), Foto: Wiebke Haag

Ingo Schulze war der bislang letzte Schriftsteller, den ich auf einer echten Lesung, leibhaftig und vor Ort mit reichlich Zuhörerschaft erleben durfte. Damals, es war der 12. März, eine durchaus riskante Angelegenheit, obwohl mir die Eintrittskarte von einem Latexhandschuh überreicht wurde und reichlich Desinfektionsmittel strategisch günstig positioniert zur allgemeinen Verfügung standen. Doch dann der überfüllte Saal, die stickige Luft – der Besuch der Veranstaltung wurde zur Herausforderung des Schicksals. Das alles nicht einmal das reinste Vergnügen. Bei stümperhafter Moderation mit hohem Fremdschämfaktor und einem gleichmütig reagierenden Schriftsteller, der viel zu lange Passagen aus dem neuen Roman las und damit den potentiellen zukünftigen Lesern einiges an möglicher Spannung nahm.

Mitte März 2020. Kommt mir vor als wäre es schon ewig her. Die Buchmessestadt Leipzig ohne Buchmesse. Leipzig in trister Stimmung, bei bedecktem Himmel, gelegentlichem Regen und auffrischendem Nordostwind. Die Lesung von Schulze war eines der wenigen Ereignisse die vom geplanten und längst sorgfältig vorbereiteten, die Buchmesse normalerweise begleitenden Mega-Event Leipzig liest übrig blieb. Nicht wenige Buchmenschen waren trotz Messeausfall und viraler Widrigkeiten nach Sachsen gekommen. (Es war kurz vor den Verboten und wohlmeinenden Verhaltensnormen – eine Zeitenwende vor heute.) Aus Solidarität mit den kleinen Verlagen, den unabhängigen Buchhändlern, den verblüfften Autoren und Autorinnen, die langsam erkannten, dass es ab sofort an die Fundamente ihrer materiellen Existenz gehen würde. Aus Sympathie zum Hotel in dem man seit Jahren entgegen der üblichen Messetrends stets wohlfeile und freundliche Aufnahme fand.

So viele Gutscheine können wir gar nicht verkaufen, sagen die Inhaber der kleinen Buchläden, so tolle Webshops nicht ins Netz stampfen, so viele Fahrradkuriere niemals aussenden, so viel auf Kosten der eigenen Gesundheit schuften, dass die jetzt eingetretenen Verluste kompensiert werden könnten. Camus Pest und Manns Tod in Venedig sind die Seuchenbestseller, die sie in günstigen Taschenbuchausgaben den Kunden vor die Quarantäne-Schleuse legen dürfen.

Seltsam im Freien zu Wandeln. Mit Misstrauen bedacht ein Jeglicher der entgegenkommt, schon vorab verdächtig der Bereitschaft die nunmehr geltenden Abstands- und Anstandsregeln zu verletzen. Die Folge ist verdrucktes, huschiges Aneinandervorbei. Wenige Schritte weiter springt ein Plakat ins Auge das Dank aus- und Solidarität verspricht, und im Ohr noch den Fernsehsprecher, der von Wellen der Hilfsbereitschaft weiß und dessen Sender versichert für EUCH, also für dich und mich, da zu sein.

Das letzte Buch gelesen. In der Krise plötzlich nicht mehr lesen können. … Ich spiele Scrabble mit einer App, ich schaue Netflix, ca. dreizehn Minuten. Dann falle ich in einen tiefen Schlaf. Es läuft ganz gut, dachte ich, aber heute ist so ein Tag, an dem der Rücken schmerzt, und alles reizt, jede Kleinigkeit, und ich nicht mehr mag, und ich das auch so gerne einfach so sagen möchte: Ich mag nicht mehr. (Die Schriftstellerin Lena Gorelik über den Alltag in der Isolation, mit Kinderbetreuung, Autorinnentätigkeit und vernachlässigten individuellen Bedürfnissen.)

Seltsam kommt es nun jenen vor die Enkel haben und denen nicht mehr nahe sein dürfen. Vorlesestunden mit kuscheligem Aneinander sind Vergangenheit. Datenfernkommunkation in Ton und Bild stellt keine wirklich genügende Ersatznähe her. Da muss in höchster Not und angesichts akutem Büchermangel der beliebte Logistikdienstleister DHL bemüht werden. Und so gehen Der Räuber Hotzenplotz, die einfallsreichen Geschichten und Bilder von Janosch, Der Maulwurf Grabowski zusammen mit vielen anderen spannenden Erzählungen und bunten Bilderwelten als Fünf-Kilo-Paket auf die Reise zu den Lieben, die geographisch nah, gleichzeitig unerreichbar sind. Seltsam auch das längst erwachsene Kind in einem anderen Land zu wissen, in dem die Menschen zwar die gleiche Sprache sprechen und das ungleich näher liegt als irgend ein sagenumwobenes Timbuktu, das jedoch, gleich dem eigenen Staat, Grenzen definiert, die Begegnungen mit Hüben oder Drüben ausschließen. 

Große Reiche vergehen, ein gutes Buch bleibt. Ich glaube an gut beschriebenes Papier mehr als an Maschinengewehre, lässt Lion Feuchtwanger sein alter ego Jacques Tüverlin im Roman Erfolg feststellen. Corona ist lautlos und hinterhältig, mikroskopisch klein und mit Literatur allein nicht zu besiegen, allenfalls besser zu ertragen. Es gilt die Zeit mit guten Büchern zu überbrücken, bis der Gegner mit den Waffen moderner medizinisch-biologischer Forschung in seine Schranken gewiesen werden kann. Dann wäre neu zu hoffen: Dass die emsige Buchhandlung im Städtchen wieder öffnet, der kleine unabhängige Lieblingsverlag noch existiert, eine nächste Buchmesse angekündigt wird. Und die Generationen wieder auf einem Lesesofa vereint sind.

Von Blitzen aus heiterem Himmel, wahren Freunden und grünen Brüsten

Kurzgeschichten des rumänischen Autors Florin Iaru.

So geht short story. In 53 Erzählungen demonstriert der rumänische Schriftsteller auf meist nur wenigen Druckseiten was echte Kurzprosa kann. Die grünen Brüste (Im Original: Sînii verzi, erschienen 2017) ist sein dritter Band mit Arbeiten dieser Form, der erste in deutscher Übersetzung. Erschienen ist das Buch im Ulmer Verlag danube books. Den farbigen Schutzumschlag mit seinen anspielungsreichen Motiven hat der Ulmer Künstler und Autor Florian L. Arnold entworfen.

Immer wieder geht es in Iarus Geschichten um das Verhältnis der Geschlechter, um Spannungen, Missverständnisse zwischen Mann und Frau, um nicht selten unrealistische, gegenseitige Erwartungen. Dankbaren und umfangreichen Erzählstoff bietet das Feld des Alltäglichen, des allzu Menschlichen. Seine Darstellungen sind humorvoll, hinterhältig, zugespitzt. Er spielt geschickt mit dramatischen Steigerungen, flunkert gerne spitzbübisch und entzaubert doppelbödig die eine oder andere sicher geglaubte Gewissheit. Das ist oft skurril und witzig, manchmal prall und drastisch, gerne auch frivol, verträumt oder tragisch. Immer jedoch pointiert, mit originellen Sichtweisen, scharfen Beobachtungen und überraschenden Wendungen.

Wie in der Story Der Blitz aus heiterem Himmel. In der wir teilhaben am Abnützungskrieg eines kleinbürgerlichen Ehepaars mit zwei Kindern. Die Kinder laufen eher am Rande mit, erwünscht sind sie wohl längst nicht mehr. Die Partner schwanken zwischen kurzen Phasen des Einvernehmens und Eskalationen, die unversehens in Hass und Ablehnung umschlagen. Die Schlusssätze deuten eine Konsequenz an die eigentlich vorhersehbar war und dennoch unerwartet kommt. Mit keinem Wort zuviel ist das vortrefflich auf den Punkt geschrieben.

Dank einer einfühlsamen und sicheren Übersetzung ist davon auszugehen, dass Ton und Intention des Verfassers in der deutschen Übertragung stimmig wiederzufinden sind. Manuela Klenke wurde 1984 in Cluj-Napoca geboren, lebt jetzt in Osnabrück und arbeitet als Übersetzerin aus dem Rumänischen. Ihre erste literarische Übersetzung war der viel beachtete Roman Null Komma Irgendwas (Interior zero) von Lavinia Branişte, der im mikrotext Verlag erschienen ist. Bei Manuela Klenke waltet nicht unter wirtschaftlichem Druck gepfuschte Oberflächlichkeit, wie wir es aus vielen Übersetzungen englischsprachiger Massenware kennen. Sie leistet mit Sorgfalt, wortforschender Geduld, Satz für Satz, Absatz für Absatz, akribische Arbeit.

Bei der titelgebenden Erzählung handelt es sich um Stoff aus der gegenwärtig sehr beliebten Kategorie Coming-of-Age. Sie zeigt deutlich und exemplarisch Iarus prägnante Ausdruckskraft. Lakonisch und präzise gelingt ihm die erzählerische Verdichtung ohne jede Oberflächlichkeit. Es geht um den fast unerträglichen Leidensdruck eines 15-jährigen Mädchens, das, nicht untypisch für die Altersgruppe, mit ihrer körperlichen Erscheinung unzufrieden ist. Sie fühlt sich von der Natur vernachlässigt, sieht sich als hässliches Entlein dem ein Mauerblümchen-Schicksal droht. Vor allem ist es Adelas unterentwickelte Oberweite, wie sie vergleichend feststellt, die sie in Verzweiflung und Depression stürzt. Zu allem Übel muss sie schmerzlich erfahren, dass Dillkompressen das Brustwachstum keineswegs fördern, sondern die jungen Knospen lediglich nachhaltig grün färben. Die Geschichte nimmt schließlich ein sehr versöhnliches Ende. (Natürlich hat mir persönlich besonders gefallen, dass Adela Lesetherapie zur Linderung ihres quälenden Seelenzustandes einsetzt.)

Foto: Mihai Barbu

Florin Iaru, mit bürgerlichem Namen Florin Râpă, wurde 1954 in Bukarest geboren und gehört seit vielen Jahren zu den etablierten Autoren Rumäniens. Er arbeitete unter anderem für das rumänische Fernsehen und ist als Redakteur und Herausgeber von Zeitschriften tätig. Sein literarisches Debüt im Jahre 1981 trägt den Titel Cântece de trecut strada (Lieder zum Überqueren der Straße). Neben Bänden mit Erzählungen und Gedichten hat er Lyrik und Prosa in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Gedichte von Florin Iaru wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Was fehlt? Vielleicht ein Vor- oder Nachwort das uns deutschen Lesern hilft den Autor innerhalb der rumänischen Literatur einzuordnen. Ergänzend zum Hinweis des Verlags, dass Iarus Geschichten gesellschaftskritische Themen aufgreifen, hätte man sich Angaben zur Entstehungszeit gewünscht. Das vorliegende Buch mit den 53 Kurzgeschichten enthält zusätzlich einen Teil mit dem Titel Erinnerungen. Drei Texte von denen es interessant zu wissen wäre, was es damit auf sich hat und wie autobiographisch sie einzuschätzen sind.

Die Kurzgeschichten von Florin Iaru in der Sammlung Die grünen Brüste sind durchweg fesselnde, lohnende Lektüre, die sich übrigens hervorragend für etwas eignet, das (zumindest unter Erwachsenen) etwas aus der Mode gekommen ist: Zum Vorlesen, gegenseitig, wechselseitig – in lauschiger Atmosphäre ein unterhaltsames Vergnügen.

Common Ground. Literatur aus Südosteuropa heißt einer der Themenschwerpunkte der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Eine gute Idee, ein anderer Blickwinkel und notwendige Alternative zum meist westlich, an der angloamerikanischen Dominanz orientierten Mainstream. Das Verlagsprogramm von danube books spiegelt die kulturelle Vielfalt der Donauländer, Veröffentlichungen aus dem Südosten Europas stehen im Zentrum des Angebots. In Leipzig sind Titel dieses ambitionierten Programms an den Ständen der Slowakischen Literaturagentur SLOLIA und des Rumänischen Kulturinstituts zu finden.

Florin Iaru wird nicht nach Leipzig kommen. Wer ihn zusammen mit seiner Übersetzerin Manuela Klenke erleben möchte, hat im Mai zweimal dazu Gelegenheit: Am 6. Mai in Osnabrück in der Buchhandlung zur Heide und am 8. Mai in Erfurt im Kulturhaus Dacheröden. Das Radioprogramm Ö 1 des Österreichischen Rundfunks (ORF) bringt in seiner Reihe Radiogeschichten einen Beitrag über Die grünen Brüste und den Autor Florin Iaru. Am 23. April 2020, 11:05 Uhr, Titel: Vom Absurden im Normalen.

Iaru, Florin: Die grünen Brüste. Erzählungen. Aus dem Rumänischen übersetzt von Manuela Klenke. – danube books, 2020

 

Drei Kilometer

Über den Debütroman von Nadine Schneider

Aber davon, wie das Ende ist, ahnt man nichts. Man ahnt nicht, dass kein Frühling mehr kommt, und nichts von einem letzten Sommer.

Der Fluss Temesch (Rumänisch: Timiș) entspringt im rumänischen Mittelgebirge Semenic, erreicht nahe Grănicerii die serbische Grenze und mündet nach 359 Kilometern bei Pančevo in die Donau. 1989 ist Serbien ein Landesteil der von Staatschef Tito mit harter Hand zusammengehaltenen sozialistischen Republik Jugoslawien. In Rumänien beherrscht der Ceaușescu-Clan das Land. Die Macht seiner Geheimdienste reicht bis in die hinterste Provinz, die Wirtschaft ist ruiniert und die Bevölkerung leidet unter Mangel, Bespitzelungen, vielfältigen Formen von Unterdrückung und die jüngere Generation unter einer deprimierenden Perspektivlosigkeit.

Nadine Schneiders Erzählung beginnt im Spätsommer 1989. Drei junge Erwachsene – Hans, Anna und Misch – gehören zu einer seit Jahrhunderten in Rumänien beheimateten deutschsprachigen Minderheit (sogenannte Banater Schwaben). Sie leben in einem Dorf an der Temesch, drei Kilometer von der jugoslawischen Grenze entfernt. Die Sommer sind heiß und staubig. Riesige Maisfelder prägen im August und September die Landschaft. 

Die hochgewachsenen Pflanzen bieten für einen begrenzten Zeitraum willkommenen Schutz für eine Flucht ins benachbarte Ausland. Für viele Banater heißt das Sehnsuchtsziel Bundesrepublik Deutschland, wo oft schon Verwandte oder Bekannte leben. Doch die Flucht ist nicht ohne Risiko. Wer auf serbischer Seite gefasst wird, landet zunächst einmal in einem jugoslawischen Gefängnis.

Foto: Wiebke Haag

Die Protagonisten in Nadine Schneiders Roman sind hin- und hergerissen. Frei nach dem Liedermacher Wolf Biermann möchten sie am liebsten weg – und blieben am liebsten hier. Sie hängen an dem gewohnten Zuhause in dem sie aufgewachsen sind, lieben ihre Familien, haben Freunde und sind verwurzelt in Landschaft und Traditionen. Wenig aussichtsreich ist jedoch ihre Zukunft vor Ort, quälend sind Gegenwart und Alltag mit politischer Gleichschaltung, mangelndem Vertrauen in die Mitmenschen, dem verweigerten Studium, der stupiden Arbeit in der Fabrik. 

… ich wollte nicht weg. Ich wollte mir nichts anderes vorstellen außer heißen Augusttagen und Wintern, in denen die Kälte fest gegen die Fenster drückte. Nichts außer dem Frühling, wenn die alten Frauen ihre Bänke vor den Häusern bezogen …

Das Thema Flucht ist für Hans, Anna und Misch allgegenwärtig. Offen darüber gesprochen wird nicht. Immer wieder verschwindet mal jemand aus dem Umfeld. Gräber auf dem Friedhof werden nicht mehr besucht und gepflegt. Häuser bleiben leer, Gärten verwildern. Nicht allen wird der Neuanfang gelingen, die Verheißungen des freien Westen sind groß, Desillusionierungen vorprogrammiert. So oder so: Am Ende ist der Verlustkatalog (György Dragoman) nur schwer erträglich.

Die drei Freunde sind sehr unterschiedlich in Charakter und Temperament. Aus der reinen Freundschaft wird ein brisantes Dreiecksverhältnis. Es entstehen Unsicherheiten und Zweifel an der gegenseitigen Verlässlichkeit, ein Seiltanz zwischen Treue und Verrat. Und unterschwellig gären die Fluchtpläne. Aufgeben oder standhalten? Gehen oder bleiben? Gute Gründe gibt es für beide Alternativen, schlechte ebenso. 

Es ist der Spätsommer dieses besonderen Jahres 1989. Dass in Kürze in Berlin eine Mauer fallen und eine Grenze sich öffnen wird, eine neue Zeit unmittelbar bevorsteht, die fundamentale Veränderungen der politischen Verhältnisse in Deutschland, Rumänien und Europa bringen würde, und dass die Uhr für die Ceaușescus und Konsorten bereits tickt, konnte sich in diesem Sommer, nicht nur in Südosteuropa, niemand vorstellen.

In der Jugend spielt sich das Leben im Feld der Möglichkeiten ab, hat Iris Wolff formuliert. Genau das und die damit verbundenen Ambivalenzen beschreibt Nadine Schneider am Beispiel ihrer Hauptfiguren präzise und intensiv. Ihre klare Sprache findet dabei immer wieder zu wunderschönen Bildern und poetischen Passagen. Ihre Schilderungen der Natur und der Jahreszeiten, des Selbstverständlichen und des Besonderen verdichtet sie zu hoher Intensität.

Seufzend verschränkte mein Vater die Arme und sah zum Himmel. Er war klar und so übersät von Sternen, dass das Schwarz beinahe verschwand unter den weißen Punkten ausgeschütteten Lichts.

Nadine Schneider wurde 1990 in Nürnberg geboren, studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Regensburg, Cremona und Berlin, wo sie heute lebt. Sie war mehrfach Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens, Finalistin beim 22. Irseer Pegasus und wurde beim Literaturpreis Prenzlauer Berg ausgezeichnet. Drei Kilometer ist, nach einigen Veröffentlichungen in Anthologien, ihr erster Roman, für den sie den Literaturpreis der Stadt Fulda 2020 und den Bloggerpreis für Literatur Das Debüt 2019 erhielt.

Foto: Laurin Gutwin

Selbst Tochter Banater Schwaben konnte sie Stoff und Fakten für ihre Geschichte dennoch nur begrenzt aus familiären Erinnerungen gewinnen. Sie recherchierte vor Ort und fand in Bibliotheken Material, das ihr die exakte Schilderung von Tages- und Jahresabläufen, sowie regionaler, volksgruppentypischer Gebräuche und Eigenheiten ermöglichte.

Die Tatsache, dass wir als Leser von Anfang an wissen wie die Weltgeschichte nach dem Sommer ‘89 weiterging, lässt uns mit zunehmender Spannung auf Misch, Anna, Hans und ihr Schicksal blicken. Zudem bleibt lange offen wer von den Dreien sich letztlich zur Flucht entschließt oder nicht. Das Buch ist in drei Teilen angelegt, die grob den Jahreszeiten Sommer, Herbst und Winter folgen.

Mit den Stürmen des Herbst und dem winterlichen Frost kommt der Mangel.

Der Herbst verarmte uns. Wir litten nicht Hunger, doch immer schien zu wenig auf dem Teller zu sein, und das Gefühl, nie satt zu werden, war zur Gewohnheit geworden.

Im Spätherbst des Jahres 1998 beginnt es nicht nur in der Natur zu stürmen. Lange aufgestaute Wut und zunehmende Verzweiflung lässt die Menschen auf die Straße gehen. In den Städten kommt es zu Demonstrationen und Streiks. Das Regime schlägt blutig zurück. Doch das Ende der Ceaușescu-Zeit rückt näher, das Land steht vor gewaltigen Umbrüchen. In diesen Passagen des Romans werden Nadine Schneiders Beschreibungen drastisch und eindringlich. Sie spart nichts aus was die Kehrseite der kleinen Hoffnungsfunken an Schrecken und Gefahren mit sich bringt. Das liest sich packend, großartig, bewegend.

Schneider, Nadine: Drei Kilometer. – Jung und Jung, 2019

 

Buch Wien 2019

Was war und was nicht.

Zuverlässig. Pünktlich. Preisgünstig und fast rund um die Uhr bringen Busse, U-Bahn und Straßenbahnen (Wiener Straßenbahn: 306 Millionen Fahrgäste / 2016, Gleislänge 432 km) der Wiener Linien Tag für Tag tausende Menschen von hier nach dort in dieser faszinierenden Stadt. Von Theater zu Theater. Von Kaffeehaus zu Kaffeehaus. Ins Belvedere, nach Schönbrunn, spät des Abends vom Beisl sicher nach Hause. Oder an die Messehalle D. Zur Buch Wien.

Buch Wien? So nennt sich seit nunmehr 11 Jahren eine Messe, die mit ihrem Namen regionale Begrenzung andeutet und sich gleichzeitig zunehmend zur österreichischen Buchmesse mit Alleinstellungsmerkmal entwickelt. Vielleicht gelingt es dem Format, den bundesdeutschen Vorbildern Leipzig und Frankfurt in den kommenden Jahren in Sachen Größe, Zuspruch und Debattentauglichkeit ein Stück näher zu rücken.

Was fehlte (1). Auf der abendlichen Eröffnungsveranstaltung wurden die angekündigten Michael Köhlmeier und Tobias Moretti vermisst. Sie fehlten krankheitsbedingt. G’rad schad’ war’s. Die entstandenen Lücken boten der sehr animierten und redseligen Vea Kaiser umso mehr Raum und Zeit sich den Gästen als unterhaltsame Plaudertasche und Vollbluterzählerin zu präsentieren. Gerüchte, die Kaiser gäbe nächstens in Salzburg die neue Buhlschaft an der Seite Morettis, erwiesen sich als aus der Luft gegriffen. Es wird die wunderbare Caroline Peters, längst eine der beliebtesten Darstellerinnen am Burgtheater.

Verlage (1). Große und kleine. Erfolgreiche und aufstrebende. Seltsame und weitgereiste aus dem Morgenland. Für so wenige ist Platz in einem kleinen Literaturblog. Es bleibt bei exemplarischen Erwähnungen. Als da wären die Macher von Text/Rahmen. Dominik Uhl und Michael Marlovics haben beide sehr sinnerfüllende Hauptberufe, dennoch sind sie alles andere als Amateure (Roman von Kinga Litkey, erschienen bei Text/Rahmen) im Verlagsmetier. 

Engagement, Herzblut und ein Stück Selbstausbeutung sorgen für das spannende, beachtlich umfangreiche Programm. Autoren und Autorinnen bekommen bei ihnen die meist erste Möglichkeit, mit einem Roman, einer Erzählung die literarische Bühne zu betreten. Ich mag, wie du denkst (Erzählung von Thorsten Pütz bei Text/Rahmen), Ja, und ich mag was sie machen und wie sie es machen. Es gibt natürlich auch Krimis. Und einen erstaunlichen, originellen Bildband von Alex Dietrich mit dem Titel Da letzte Schmäh. Eine visuelle Konfrontation mit den Nicht-Orten Wiens und gleichzeitig heimliche Liebeserklärung an diese Stadt.

Preiswürdig (1). Norbert Gstrein bekam für seinen neuesten Roman Als ich jung war, den österreichischen Buchpreis. (Auch er fehlte auf der Messe krankheitsbedingt.) Der Debütpreis ging – und zu dieser Wahl kann man nur herzhaft applaudieren – an Angela Lehner für Vater unser. Mit dem Titel stand sie bereits auf der Longlist für den deutschen Buchpreis. Die in Berlin lebende Autorin stellte das Buch mit sichtlichem Vergnügen und unverkennbar osttiroler Akzent vor und erzählte anekdotenreich vom mühsamen Werden desselben. Dazu gehörten unter anderem umfangreiche Recherchen im Otto-Wagner-Spital, einer psychiatrischen und sozialmedizinischen Klinik, die durch Thomas Bernhard als Baumgartner Höhe (s. Wittgensteins Neffe) literarisch verwertet wurde. Hier wird die Protagonistin von Lehners Roman eingeliefert, deren Geschichte wir alsdann erfahren. Humorvoll, manchmal tragisch, immer gekonnt erzählt.

Aufgeschnappt (1). Romane sind eine Zeitverschwendung der Leser. Davor verschont uns die bulgarische Dichterin und Bibliothekarin Yordanka Beleva. Sie selbst belässt es bei kurzen Formen, Lyrik und kleinen Erzählungen. Würden alle so schreiben und publizieren, kämen Buchmessen mit deutlich weniger Platz aus. Mir würde allerdings sehr viel fehlen.

Verlage (2). Kaum hatte man die Messehalle betreten, stand man schon vor einem gigantischen Stapel Handke-Bücher. Er hat viel geschrieben, von ihm wurde und wird viel verlegt, über ihn wird reichlich diskutiert, er ist der Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 2019, vor Ort war er nicht. Olga Tokarczuk ist die Literatur-Nobelpreisträgerin des Jahres 2018. (Die Ehrung widerfuhr ihr erst in diesem Jahr, gleichzeitig mit Handke, da die Nobelkommission vorübergehend außer Diensten gewesen war.) Ihre Bücher führten am Schweizer Gemeinschaftsstand ein Nischendasein. Die deutschen Übersetzungen werden inzwischen komplett von Kampa verlegt. Bis Ende November soll ihr Werk nahezu vollständig in Neuauflagen vorliegen. Angeboten wurde bereits Die Jakobsbücher, jenes umfangreiche, vielschichtige Werk, für das sie von den Stockholmern ausgezeichnet wurde. (Kampa hat übrigens den derzeit wieder sehr angesagten Simenon im Portfolio.)

Was fehlte (2). Fehlen wird, und das wohl für immer, eine deutsche Übersetzung von Olga Tokarczuk allererstem Roman Podróż ludzi księgi (auf deutsch etwa: Reise der Buchmenschen). Wie bei Kampa zu erfahren war, hat sich die Autorin inzwischen von dem Werk distanziert und lässt eine Übersetzung und das Erscheinen in deutscher Sprache nicht zu. Schade, natürlich wäre nicht nur ich jetzt erst recht gespannt auf diesen Erstling. Es gab ein wenig Hinundher, ob denn bereits einmal eine deutsche Ausgabe dieser Buchmenschen erschienen sei. Alle Recherchen ergaben, dass dem wohl nicht so ist. Auf con=libri gibt es einen Beitrag über Tokarczuks Ur und andere Zeiten

Aufgeschnappt (2). Kinder wollen nichts Postmodernes – sie wollen einfach eine Geschichte. Da kann man Iva Procházková nur zustimmen. Die Tschechin lebt in Wien und ist eine renommierte Kinderbuchautorin. (Die tschechische Kinderliteratur ist ja bekanntlich sehr vielfältig und hochwertig, nicht umsonst werden die Bücher häufig übersetzt.) Letztes Jahr erschien ein erster Kriminalroman von ihr: Der Mann am Grund: Der erste Fall von Kommissar Holina.

Verlage (3). Danube books aus Ulm kümmert sich schwerpunktmäßig um den Donauraum und Südosteuropa. Verleger Thomas Zehender ist ausgezeichnet vernetzt. Dank langjährig gepflegter Beziehungen zu kulturellen Institutionen und Persönlichkeiten aus den entsprechenden Ländern ist ein Programm entstanden, das aus Titeln zu aktuellen politischen Themen, anspruchsvoller Lyrik und erzählender Literatur besteht. Der Verlag möchte nationale Grenzen überwinden und die kulturelle Vielfalt der Donauregion fördern.

Mich hat der bescheidene Auftritt der 81-jährigen Kristiane Kondrat beeindruckt. Danube books hat ihren Roman Abstufung dreier Nuancen von Grau neu aufgelegt. Sie entstammt einer deutschen Familie in Rumänien und wurde als Aloisia Bohn in Reschitz (Banat) geboren. Sie studierte Germanistik und Rumänistik und schrieb zunächst für die Schublade, da eine Veröffentlichung ihrer Arbeiten unter den herrschenden Regimen nicht möglich war. Das Schreiben war für sie Flucht vor der Indoktrination, der Gehirnwäsche durch die offizielle Propaganda. Seit 1973 lebt die Autorin in Deutschland. Vor der Ausreise aus Rumänien wurde sie genötigt zu erklären, dass sie weder mündlich noch schriftlich etwas sagen oder veröffentlichen würde, das der Sozialistischen Republik Rumänien Schaden könnte. Deshalb veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Kristiane Kondrat.

In ihrem Roman erzählt sie von einer jungen Frau auf der Flucht, die sich verfolgt und in die Enge getrieben fühlt. Überall stößt sie auf Menschen, die sie scheinbar bedrohen und ihr Angst machen. Doch allmählich kann sie dieser Angst Grenzen setzen und sich letztlich sogar davon befreien. Diese Geschichte einer Traumatisierung und ihrer Überwindung erzählt die Autorin vor dem Hintergrund eigener Lebenserfahrung. Kondrat gelingen kraftvolle Bilder, ihre genauen Beobachtungen gibt sie in poetischer Form wieder. Es ist die Sprache einer reifen Schriftstellerin, der man wünscht, dass sie noch etwas breiter wahrgenommen wird.

Exkurs. Vor undoder nach den Messebesuchen ins Kaffeehaus. Das Café Weimar ist in der Währinger Straße, vom Schottentor kommend, am Sigmund-Freud-Park vorbei, kurz vor der Volksoper in einem Eckhaus. Hier wurde die Urkunde der UNESCO überreicht, die die Wiener Kaffeehauskultur zum immateriellen Weltkulturerbe erklärte. Unverzichtbar – zumindest für mich – bei einem Wienbesuch die Einkehr im beliebten Sperl, und sei es nur wegen der gerösteten Knödel mit leckerem Salätchen. Und natürlich nicht zu vergessen das einmalige Phil. Zum zweiten Frühstück inmitten von Büchern. Hier ist immer wieder eine Entdeckung zu machen, die man anderswo nicht findet. Und dann ist da ja noch das unverwechselbare Publikum. Lehrende und Lernende, Lesende und Schreibende und allerhand anderes kreatives Volk.

Preiswürdig (2). Der Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur wird von der Stadt Wien und dem Hauptverband des Österreichischen Buchhandels vergeben. Bereits zum zweiten Mal wurde Alex Beer damit ausgezeichnet. Die studierte Archäologin schreibt akribisch recherchierte historische Romane in Form von Krimis. Im Frühjahr erschien der dritte Band rund um den Ermittler August Emmerich. Wie die Vorgänger Der zweite Reiter und Die rote Frau hat Der dunkle Bote das notleidende Wien der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zur Kulisse. Breite Bevölkerungsschichten sind von Armut, Arbeitslosigkeit und fehlenden Perspektiven betroffen. Das ist oft düster, sehr authentisch und ausgesprochen spannend.

Alex Beer auf der Buch Wien 2019

Aufgeschnappt (3). Wir erinnern uns immer so, wie wir es gerade noch ertragen können. Sagte Nora Bossong, die mit ihrem aktuellen Roman Schutzzone auf der Buch Wien 2019 vertreten war. In Schutzzone stehen private Schicksale für eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Vereinten Nationen in Krisen- und Kriegsregionen.

Was nicht fehlte. Was wäre eine Buchmesse ohne all den unverzichtbaren Tand und Trödel den man handelstechnisch unter dem Begriff Nonbook zusammenfasst. Also all jene Produkte, für die man nicht notwendigerweise lesen können muss. Sternenstanzer und Stiftespitzer, Pesto und Kürbiskerne, Malbücher, Puzzles und Mottoshirts, Schmink- und Bastelsets, Paprikapulver und Malkreide. Und vieles mehr!

Was fehlte (3). Petra Hartlieb. Tausendsassa und Allgegenwärtigkeit der Branchenszene. Sie hatte sich eine Auszeit genommen und eine Kur gegönnt.

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Lehner, Angela: Vater unser. Roman. – Hanser, 2019

Tokarczuk, Olga: Die Jakobsbücher oder eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet. – Kampa, 2019

Tokarczuk, Olga: Ur und andere Zeiten. Roman. – Neuaufl. Kampa, 2019. s. con=libri

Procházková, Iva: Der Mann am Grund. Der erste Fall von Kommissar Holina. – Braumüller, 2018

Kondrat, Kristiane: Abstufung dreier Nuancen von Grau. Roman mit einem Vorwort von Christina Rossi. – Neuaufl. danube books, 2019

Beer, Alex: Der dunkle Bote. Ein Fall für August Emmerich. Kriminalroman. – Limes, 2019

Bossong, Nora: Schutzzone. Roman. – Suhrkamp, 2019

Links zu den Verlagen:

Text/Rahmen

Kampa

danube books

 

Von Radebeul nach Stambul

Fragen an den Karl-May-Forscher Dr. Ulrich Scheinhammer-Schmid

Karl May ist einer der besten deutschen Erzähler, und er wäre vielleicht der beste schlechthin, wäre er eben kein armer, verwirrter Proletarier gewesen … Karl May ist aus dem Geschlecht von Wilhelm Hauff; nur mit mehr Handlung, er schreibt keine blumigen Träume, sondern Wildträume, gleichsam reißende Märchen. (Ernst Bloch) *

Die aktuelle deutsche Theaterstatistik verzeichnet nicht – wie vielleicht zu vermuten wäre – das Werk eines klassischen oder modernen Dramatikers auf dem ersten Platz der Zuschauer-Charts. Den Spitzenplatz belegt eine Freilichtaufführung nach Karl May: Winnetou und das Geheimnis der Felsenburg auf der Freilichtbühne der Karl-May-Spiele Bad Segeberg war in der Spielzeit 2017/18 der Zuschauermagnet auf deutschen Bühnen! Schon auf Platz 3 ein weiteres Stück des populären Volksschriftstellers: Winnetou II bei den Karl-May-Festspielen Elspe im Sauerland. Erst auf Platz 4 folgt das erwartbare Ur-Drama der Deutschen, Goethes Faust

Gedruckt erzielen die Werke Karl Mays Jahr für Jahr stabile Verkaufszahlen. Allen voran die drei Winnetou-Bände und die Orient-Reihe rund um den Helden Kara Ben Nemsi. Der erste Winnetou-Band von 1893 – inzwischen in einer mehrmals revidierten Fassung – erreichte eine deutschsprachige Auflage von 3.916.000 Exemplaren. Eine 1987 im Verlag von Franz Greno, Nördlingen, begonnene Historisch-kritische Ausgabe wird inzwischen von der Karl-May-Gesellschaft herausgegeben. Die Edition Karl Mays Werke will einem breiten Publikum verlässliche und in ihrer Entstehung durchschaubare Texte aller Schriften Karl Mays zugänglich machen. Karl May und seine literarischen Werke sind zudem längst Gegenstand wissenschaftlicher Forschung verschiedener Disziplinen. Zahlreiche Bachelor- und Masterarbeiten sowie Dissertationen sind so entstanden.

Von begeisterter Leserschaft bis zu vertiefender wissenschaftlicher Arbeit reicht die Beschäftigung des Neu-Ulmers Ulrich Scheinhammer-Schmid mit Karl May und seinem ebenso vielschichtigen wie umfangreichen Werk. Für con=libri beantwortete Dr. Ulrich Scheinhammer-Schmid Fragen zu seinem lebenslangen Interessen- und Forschungsschwerpunkt. 

Herr Dr. Scheinhammer-Schmid, haben Sie, wie viele weitere Ihrer Generation und zumindest noch der nachfolgenden, die Werke Karl Mays als Heranwachsender auch regelrecht verschlungen?

So war es tatsächlich, wobei ich immer schon, über die Abenteuer hinaus, stark an biographischen und literaturgeschichtlichen Aspekten interessiert war (greifbar z.B. an dem Band „Ich“ der Gesammelten Werke). Von einem Schulfreund meines Vaters bekam ich alte Ausgaben aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg; dazu die berühmte Bildmappe mit den Titelbildern des mit May befreundeten Malers Sascha Schneider. Leider ging das alles im Lauf der Zeit verloren, weil ich das Interesse an Karl May verloren hatte.

Mit einer längeren Unterbrechung haben Sie – neben Schule und Familie- mehrere Jahre an Ihrer Dissertation über Karl May gearbeitet. War das der Beginn Ihrer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem berühmten Reise- und Abenteuer-Schriftsteller? Wie kam es dazu?

Das war etwas skurril: mein Doktorvater Klaus Kanzog, von Haus aus Editionsphilologe (vor allem zu Kleist), wollte ein Thema aus diesem Gebiet. Da stieß ich auf Karl May und die Probleme seiner Handschriften der Werke nach 1900, über die Hans Wollschläger in „Konkret“ einen Aufsatz veröffentlicht hatte. Klaus Kanzog war gleich mit dem Vorschlag einverstanden, weil er mit seiner ersten, inzwischen verstorbenen Frau immer in die Karl-May-Filme der sechziger Jahre gegangen war und seine Frau dann immer über die Filme geschimpft hatte: „Karl May ist viel besser als die Filme!“ So war er von meinem Vorschlag angetan.

Seit 1987 erscheint die Historisch-kritische Ausgabe der Werke Karl Mays – ein Mammutunternehmen, an dem Sie als einer der Herausgeber maßgeblich beteiligt sind. Zuletzt haben Sie die im Zentrum des Leserinteresses stehenden Bände Winnetou I, II und III herausgegeben. Wie kann man sich als Laie die Arbeit eines solchen Herausgebers vorstellen?

Ich muss gestehen, dass die Hauptarbeit der Bandbearbeiter (in diesem Fall Joachim Biermann) gemacht hat; als Herausgeber muss man die Texte nach Fertigstellung überprüfen und redigieren, wobei ich hier mit großem Vergnügen auch meine editionsphilologischen Kenntnisse einbringen konnte.

Seit den 1970er Jahren sind immerhin ca. 25 Doktorarbeiten über den Volksschriftsteller Karl May an deutschen Universitäten und Hochschulen veröffentlicht worden, zuletzt 2014 eine Arbeit über das didaktische Potential von Karl Mays Erzählungen für die Jugend. Wie wird das Faszinosum „Karl May“ heute betrachtet – wird er noch von einer signifikanten Anzahl von Heranwachsenden gelesen oder ist das Interesse vor allem auf den akademischen und populärwissenschaftlichen Blickwinkel begrenzt? 

Ich kann diese Frage nicht schlüssig beantworten; Bibliothekarinnen versichern mir, Karl May werde noch ausgeliehen und damit wohl auch gelesen (in der Ulmer Stadtbibliothek steht jedenfalls eine größere Anzahl Bände dauerhaft im Regal). Für die Wissenschaft ist May in vielfacher Hinsicht ein spannender Fall: literatursoziologisch, erzähltechnisch und auch von seiner Technik der Quellennutzung her! Er hat ja die Länder, über die er schreibt, vor allem den Orient und Nordamerika, erst im Alter gesehen!

Ulrich Scheinhammer-Schmid bei einer Lesung in Bamberg im April 2013. Foto: Tanja Trübenbach

Auch in diesem Sommer wurden auf vielen Freilichtbühnen in Deutschland zur Freude des zahlreich erschienenen Publikums dramatisierte Karl-May-Stücke zum Besten gegeben. Jetzt war zu lesen, dass einige Amerikanisten die bisherige Aufführungspraxis kritisieren, weil diese ein klischeehaftes und damit falsches Bild der Indianer vermitteln würde. Es wurde sogar dafür plädiert, die Begriffe „Indianer“ und „Rothaut“ nicht mehr zu verwenden. Was halten Sie von dieser Kritik? 

Das Phänomen der sich ausbreitenden Freilichtaufführungen „nach Karl May“ (die Handlung hat oft nur rudimentär mit den Vorlagen zu tun) finde ich faszinierend. Da geht es aber natürlich nicht um völkerkundliche Realität, sondern, um mit Ernst Bloch zu reden, um „reißende Märchen“, um Theatereffekte wie Explosionen, Reiterkunststückchen oder rasende Kutschen. Ich schau mir das auch gerne an!

Möchten Sie uns verraten, mit welchem aktuellen Karl-May-Projekt Sie sich momentan befassen? Gibt es ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt und das bisher noch nicht oder nicht ausreichend behandelt wurde?

Im Moment steht ein längeres Projekt, die textkritische Herausgabe der drei Bände „Satan und Ischariot“ an, sowie im Frühjahr 2020 beim Freiburger Karl-May-Symposium in der Bildungsstätte Waldhof ein Vortrag mit dem Titel „„du wirst unserem Volke das Fliegen lehren“. Indianische Wissenschaft in Karl Mays Schwanengesang“ (=‘Winnetou IV‘ bzw. ‚Winnetous Erben‘). 

Herzlichen Dank an Ulrich Scheinhammer-Schmid für diese Auskünfte.

(Die Fragen stellte Bernd Michael Köhler.)

Ulrich Schmid, geboren 1947, aufgewachsen in Augsburg, studierte in München Deutsch und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien; jahrzehntelang unterrichtete er am Nikolaus-Kopernikus-Gymnasium Weißenhorn. Nach seinem Onkel, dem Kunstmaler Otto Scheinhammer (1897-1982) führt er den Namen Scheinhammer-Schmid. Mit seiner Frau hat er zwei erwachsene Kinder; das Paar lebt in Neu-Ulm.

Scheinhammer-Schmid promovierte 1987 an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Prof. Dr. Klaus Kanzog über Karl Mays Werk in den Jahren 1895-1905. Er ist Mitherausgeber der Historisch-kritischen Ausgabe der Werke Karl Mays (1842-1912) und schrieb zahlreiche wissenschaftliche Beiträge zu Karl May. 

Darüber hinaus beschäftigt er sich mit einem breiten Spektrum weiterer literaturwissenschaftlicher und historischer Themen mit dem Schwerpunkt Lokal- und Regionalgeschichte. So hat er über den aus Weißenhorn gebürtigen Prämonstratenser-Chorherren Sebastian Sailer ebenso publiziert wie über das Ulmer Wengenkloster, hat Ulmer Schul- und Klosterdramen erforscht und sich intensiv mit dem Augsburger Dichter Bertolt Brecht beschäftigt. 

* Ernst Bloch: Traumbasar. In: Karl-May-Jahrbuch 1930, S. 59-64. (Erstveröffentlichung am 31.3.1929 im ‚Literaturblatt‘ der ‚Frankfurter Zeitung‘)