Buch Wien 2019

Was war und was nicht.

Zuverlässig. Pünktlich. Preisgünstig und fast rund um die Uhr bringen Busse, U-Bahn und Straßenbahnen (Wiener Straßenbahn: 306 Millionen Fahrgäste / 2016, Gleislänge 432 km) der Wiener Linien Tag für Tag tausende Menschen von hier nach dort in dieser faszinierenden Stadt. Von Theater zu Theater. Von Kaffeehaus zu Kaffeehaus. Ins Belvedere, nach Schönbrunn, spät des Abends vom Beisl sicher nach Hause. Oder an die Messehalle D. Zur Buch Wien.

Buch Wien? So nennt sich seit nunmehr 11 Jahren eine Messe, die mit ihrem Namen regionale Begrenzung andeutet und sich gleichzeitig zunehmend zur österreichischen Buchmesse mit Alleinstellungsmerkmal entwickelt. Vielleicht gelingt es dem Format den bundesdeutschen Vorbildern Leipzig und Frankfurt in den kommenden Jahren in Sachen Größe, Zuspruch und Debattentauglichkeit ein Stück näher zu rücken.

Was fehlte (1). Auf der abendlichen Eröffnungsveranstaltung wurden die angekündigten Michael Köhlmeier und Tobias Moretti vermisst. Sie fehlten krankheitsbedingt. G’rad schad’ war’s. Die entstandenen Lücken boten der sehr animierten und redseligen Vea Kaiser umso mehr Raum und Zeit sich den Gästen als unterhaltsame Plaudertasche und Vollbluterzählerin zu präsentieren. Gerüchte, die Kaiser gäbe nächstens in Salzburg die neue Buhlschaft an der Seite Morettis, erwiesen sich als aus der Luft gegriffen. Es wird die wunderbare Caroline Peters, längst eine der beliebtesten Darstellerinnen am Burgtheater.

Verlage (1). Große und kleine. Erfolgreiche und aufstrebende. Seltsame und weitgereiste aus dem Morgenland. Für so wenige ist Platz in einem kleinen Literaturblog. Es bleibt bei exemplarischen Erwähnungen. Als da wären die Macher von Text/Rahmen. Dominik Uhl und Michael Marlovics haben beide sehr sinnerfüllende Hauptberufe, dennoch sind sie alles andere als Amateure (Roman von Kinga Litkey, erschienen bei Text/Rahmen) im Verlagsmetier. 

Engagement, Herzblut und ein Stück Selbstausbeutung sorgen für das spannende, beachtlich umfangreiche Programm. Autoren und Autorinnen bekommen bei ihnen die meist erste Möglichkeit mit einem Roman, einer Erzählung die literarische Bühne zu betreten. Ich mag, wie du denkst (Erzählung von Thorsten Pütz bei Text/Rahmen), Ja, und ich mag was sie machen und wie sie es machen. Es gibt natürlich auch Krimis. Und einen erstaunlichen, originellen Bildband von Alex Dietrich mit dem Titel Da letzte Schmäh. Eine visuelle Konfrontation mit den Nicht-Orten Wiens und gleichzeitig heimliche Liebeserklärung an diese Stadt.

Preiswürdig (1). Norbert Gstrein bekam für seinen neuesten Roman Als ich jung war, den österreichischen Buchpreis. (Auch er fehlte auf der Messe krankheitsbedingt.) Der Debütpreis ging – und zu dieser Wahl kann man nur herzhaft applaudieren – an Angela Lehner für Vater unser. Mit dem Titel stand sie bereits auf der Longlist für den deutschen Buchpreis. Die in Berlin lebende Autorin stellte das Buch mit sichtlichem Vergnügen und unverkennbar osttiroler Akzent vor und erzählte anekdotenreich vom mühsamen Werden desselben. Dazu gehörten unter anderem umfangreiche Recherchen im Otto-Wagner-Spital, einer psychiatrischen und sozialmedizinischen Klinik, die durch Thomas Bernhard als Baumgartner Höhe (s. Wittgensteins Neffe) literarisch verwertet wurde. Hier wird die Protagonistin von Lehners Roman eingeliefert, deren Geschichte wir alsdann erfahren. Humorvoll, manchmal tragisch, immer gekonnt erzählt.

Aufgeschnappt (1). Romane sind eine Zeitverschwendung der Leser. Davor verschont uns die bulgarische Dichterin und Bibliothekarin Yordanka Beleva. Sie selbst belässt es bei kurzen Formen, Lyrik und kleinen Erzählungen. Würden alle so schreiben und publizieren, kämen Buchmessen mit deutlich weniger Platz aus. Mir würde allerdings sehr viel fehlen.

Verlage (2). Kaum hatte man die Messehalle betreten, stand man schon vor einem gigantischen Stapel Handke-Bücher. Er hat viel geschrieben, von ihm wurde und wird viel verlegt, über ihn wird reichlich diskutiert, er ist der Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 2019, vor Ort war er nicht. Olga Tokarczuk ist die Literatur-Nobelpreisträgerin des Jahres 2018. (Die Ehrung widerfuhr ihr erst in diesem Jahr, gleichzeitig mit Handke, da die Nobelkommission vorübergehend außer Diensten gewesen war.) Ihre Bücher führten am Schweizer Gemeinschaftsstand ein Nischendasein. Die deutschen Übersetzungen werden inzwischen komplett vom Kampa verlegt. Bis Ende November soll ihr Werk nahezu vollständig in Neuauflagen vorliegen. Angeboten wurde bereits Die Jakobsbücher, jenes umfangreiche, vielschichtige Werk für das sie von den Stockholmern ausgezeichnet wurde. (Kampa hat übrigens den derzeit wieder sehr angesagten Simenon im Portfolio.)

Was fehlte (2). Fehlen wird, und das wohl für immer, eine deutsche Übersetzung von Olga Tokarczuk allererstem Roman „Podróż ludzi księgi“ (auf deutsch etwa: Reise der Buchmenschen). Wie bei Kampa zu erfahren war, hat sich die Autorin inzwischen von dem Werk distanziert und lässt eine Übersetzung und das Erscheinen in deutscher Sprache nicht zu. Schade, natürlich wäre nicht nur ich jetzt erst recht gespannt auf diesen Erstling. Es gab ein wenig Hinundher, ob denn bereits einmal eine deutsche Ausgabe dieser Buchmenschen erschienen sei. Alle Recherchen ergaben, dass dem wohl nicht so ist. Auf con=libri gibt es einen Beitrag über Tokarczuks Ur und andere Zeiten

Aufgeschnappt (2). Kinder wollen nichts Postmodernes – sie wollen einfach eine Geschichte. Da kann man Iva Procházková nur zustimmen. Die Tschechin lebt in Wien und ist eine renommierte Kinderbuchautorin. (Die tschechische Kinderliteratur ist ja bekanntlich sehr vielfältig und hochwertig, nicht umsonst werden die Bücher häufig übersetzt.) Letztes Jahr erschien ein erster Kriminalroman von ihr: Der Mann am Grund: Der erste Fall von Kommissar Holina.

Verlage (3). Danube books aus Ulm kümmert sich schwerpunktmäßig um den Donauraum und Südosteuropa. Verleger Thomas Zehender ist ausgezeichnet vernetzt. Dank langjährig gepflegter Beziehungen zu kulturellen Institutionen und Persönlichkeiten aus den entsprechenden Ländern ist ein Programm entstanden das aus Titeln zu aktuellen politischen Themen, anspruchsvoller Lyrik und erzählender Literatur besteht. Der Verlag möchte nationale Grenzen überwinden und die kulturelle Vielfalt der Donauregion fördern.

Mich hat der bescheidene Auftritt der 81-jährigen Kristiane Kondrat beeindruckt. Danube books hat ihren Roman Abstufung dreier Nuancen von Grau neu aufgelegt. Sie entstammt einer deutschen Familie in Rumänien und wurde als Aloisia Bohn in Reschitz (Banat) geboren. Sie studierte Germanistik und Rumänistik und schrieb zunächst für die Schublade, da eine Veröffentlichung ihrer Arbeiten unter den herrschenden Regimen nicht möglich war. Das Schreiben war für sie Flucht vor der Indoktrination, der Gehirnwäsche durch die offizielle Propaganda. Seit 1973 lebt die Autorin in Deutschland. Vor der Ausreise aus Rumänien wurde sie genötigt zu erklären, dass sie weder mündlich noch schriftlich etwas sagen oder veröffentlichen würde, das der Sozialistischen Republik Rumänien Schaden könnte. Deshalb veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Kristiane Kondrat.

In ihrem Roman erzählt sie von einer jungen Frau auf der Flucht, die sich verfolgt und in die Enge getrieben fühlt. Überall stößt sie auf Menschen, die sie scheinbar bedrohen und ihr Angst machen. Doch allmählich kann sie dieser Angst Grenzen setzen und sich letztlich sogar davon befreien. Diese Geschichte einer Traumatisierung und ihrer Überwindung erzählt die Autorin vor dem Hintergrund eigener Lebenserfahrung. Kondrat gelingen kraftvolle Bilder, ihre genauen Beobachtungen gibt sie in poetischer Form wider. Es ist die Sprache einer reifen Schriftstellerin, der man wünscht, dass sie noch etwas breiter wahrgenommen wird.

Exkurs. Vor undoder nach den Messebesuchen ins Kaffeehaus. Das Café Weimar ist in der Währinger Straße, vom Schottentor kommend, am Sigmund-Freud-Park vorbei, kurz vor der Volksoper in einem Eckhaus. Hier wurde die Urkunde der UNESCO überreicht, die die Wiener Kaffeehauskultur zum immateriellen Weltkulturerbe erklärte. Unverzichtbar – zumindest für mich – bei einem Wienbesuch die Einkehr im beliebten Sperl, und sei es nur wegen der gerösteten Knödel mit leckerem Salätchen. Und natürlich nicht zu vergessen das einmalige Phil. Zum zweiten Frühstück inmitten von Büchern. Hier ist immer wieder eine Entdeckung zu machen, die man anderswo nicht findet. Und dann ist da ja noch das unverwechselbare Publikum. Lehrende und Lernende, Lesende und Schreibende und allerhand anderes kreatives Volk.

Preiswürdig (2). Der Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur wird von der Stadt Wien und dem Hauptverband des Österreichischen Buchhandels vergeben. Bereits zum zweiten Mal wurde Alex Beer damit ausgezeichnet. Die studierte Archäologin schreibt akribisch recherchierte historische Romane in Form von Krimis. Im Frühjahr erschien der dritte Band rund um den Ermittler August Emmerich. Wie die Vorgänger Der zweite Reiter und Die rote Frau hat Der dunkle Bote das notleidende Wien der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zur Kulisse. Breite Bevölkerungsschichten sind von Armut, Arbeitslosigkeit und fehlenden Perspektiven betroffen. Das ist oft düster, sehr authentisch und ausgesprochen spannend.

Alex Beer auf der Buch Wien 2019

Aufgeschnappt (3). Wir erinnern uns immer so, wie wir es gerade noch ertragen können. Sagte Nora Bossong, die mit ihrem aktuellen Roman Schutzzone auf der Buch Wien 2019 vertreten war. In Schutzzone stehen private Schicksale für eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Vereinten Nationen in Krisen- und Kriegsregionen.

Was nicht fehlte. Was wäre eine Buchmesse ohne all den unverzichtbaren Tand und Trödel den man handelstechnisch unter dem Begriff Nonbook zusammenfasst. Also all jene Produkte für die man nicht notwendigerweise lesen können muss. Sternenstanzer und Stiftespitzer, Pesto und Kürbiskerne, Malbücher, Puzzles und Mottoshirts, Schmink- und Bastelsets, Paprikapulver und Malkreide. Und vieles mehr!

Was fehlte (3). Petra Hartlieb. Tausendsassa und Allgegenwärtigkeit der Branchenszene. Sie hatte sich eine Auszeit genommen und eine Kur gegönnt.

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Lehner, Angela: Vater unser. Roman. – Hanser, 2019

Tokarczuk, Olga: Die Jakobsbücher oder eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet. – Kampa, 2019

Tokarczuk, Olga: Ur und andere Zeiten. Roman. – Neuaufl. Kampa, 2019. s. con=libri

Procházková, Iva: Der Mann am Grund. Der erste Fall von Kommissar Holina. – Braumüller, 2018

Kondrat, Kristiane: Abstufung dreier Nuancen von Grau. Roman mit einem Vorwort von Christina Rossi. – Neuaufl. danube books, 2019

Beer, Alex: Der dunkle Bote. Ein Fall für August Emmerich. Kriminalroman. – Limes, 2019

Bossong, Nora: Schutzzone. Roman. – Suhrkamp, 2019

Links zu den Verlagen:

Text/Rahmen

Kampa

danube books

 

Von Radebeul nach Stambul

Fragen an den Karl-May-Forscher Dr. Ulrich Scheinhammer-Schmid

Karl May ist einer der besten deutschen Erzähler, und er wäre vielleicht der beste schlechthin, wäre er eben kein armer, verwirrter Proletarier gewesen … Karl May ist aus dem Geschlecht von Wilhelm Hauff; nur mit mehr Handlung, er schreibt keine blumigen Träume, sondern Wildträume, gleichsam reißende Märchen. (Ernst Bloch) *

Die aktuelle deutsche Theaterstatistik verzeichnet nicht – wie vielleicht zu vermuten wäre – das Werk eines klassischen oder modernen Dramatikers auf dem ersten Platz der Zuschauer-Charts. Den Spitzenplatz belegt eine Freilichtaufführung nach Karl May: Winnetou und das Geheimnis der Felsenburg auf der Freilichtbühne der Karl-May-Spiele Bad Segeberg war in der Spielzeit 2017/18 der Zuschauermagnet auf deutschen Bühnen! Schon auf Platz 3 ein weiteres Stück des populären Volksschriftstellers: Winnetou II bei den Karl-May-Festspielen Elspe im Sauerland. Erst auf Platz 4 folgt das erwartbare Ur-Drama der Deutschen, Goethes Faust

Gedruckt erzielen die Werke Karl Mays Jahr für Jahr stabile Verkaufszahlen. Allen voran die drei Winnetou-Bände und die Orient-Reihe rund um den Helden Kara Ben Nemsi. Der erste Winnetou-Band von 1893 – inzwischen in einer mehrmals revidierten Fassung – erreichte eine deutschsprachige Auflage von 3.916.000 Exemplaren. Eine 1987 im Verlag von Franz Greno, Nördlingen, begonnene Historisch-kritische Ausgabe wird inzwischen von der Karl-May-Gesellschaft herausgegeben. Die Edition Karl Mays Werke will einem breiten Publikum verlässliche und in ihrer Entstehung durchschaubare Texte aller Schriften Karl Mays zugänglich machen. Karl May und seine literarischen Werke sind zudem längst Gegenstand wissenschaftlicher Forschung verschiedener Disziplinen. Zahlreiche Bachelor- und Masterarbeiten sowie Dissertationen sind so entstanden.

Von begeisterter Leserschaft bis zu vertiefender wissenschaftlicher Arbeit reicht die Beschäftigung des Neu-Ulmers Ulrich Scheinhammer-Schmid mit Karl May und seinem ebenso vielschichtigen wie umfangreichen Werk. Für con=libri beantwortete Dr. Ulrich Scheinhammer-Schmid Fragen zu seinem lebenslangen Interessen- und Forschungsschwerpunkt. 

Herr Dr. Scheinhammer-Schmid, haben Sie, wie viele weitere Ihrer Generation und zumindest noch der nachfolgenden, die Werke Karl Mays als Heranwachsender auch regelrecht verschlungen?

So war es tatsächlich, wobei ich immer schon, über die Abenteuer hinaus, stark an biographischen und literaturgeschichtlichen Aspekten interessiert war (greifbar z.B. an dem Band „Ich“ der Gesammelten Werke). Von einem Schulfreund meines Vaters bekam ich alte Ausgaben aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg; dazu die berühmte Bildmappe mit den Titelbildern des mit May befreundeten Malers Sascha Schneider. Leider ging das alles im Lauf der Zeit verloren, weil ich das Interesse an Karl May verloren hatte.

Mit einer längeren Unterbrechung haben Sie – neben Schule und Familie- mehrere Jahre an Ihrer Dissertation über Karl May gearbeitet. War das der Beginn Ihrer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem berühmten Reise- und Abenteuer-Schriftsteller? Wie kam es dazu?

Das war etwas skurril: mein Doktorvater Klaus Kanzog, von Haus aus Editionsphilologe (vor allem zu Kleist), wollte ein Thema aus diesem Gebiet. Da stieß ich auf Karl May und die Probleme seiner Handschriften der Werke nach 1900, über die Hans Wollschläger in „Konkret“ einen Aufsatz veröffentlicht hatte. Klaus Kanzog war gleich mit dem Vorschlag einverstanden, weil er mit seiner ersten, inzwischen verstorbenen Frau immer in die Karl-May-Filme der sechziger Jahre gegangen war und seine Frau dann immer über die Filme geschimpft hatte: „Karl May ist viel besser als die Filme!“ So war er von meinem Vorschlag angetan.

Seit 1987 erscheint die Historisch-kritische Ausgabe der Werke Karl Mays – ein Mammutunternehmen, an dem Sie als einer der Herausgeber maßgeblich beteiligt sind. Zuletzt haben Sie die im Zentrum des Leserinteresses stehenden Bände Winnetou I, II und III herausgegeben. Wie kann man sich als Laie die Arbeit eines solchen Herausgebers vorstellen?

Ich muss gestehen, dass die Hauptarbeit der Bandbearbeiter (in diesem Fall Joachim Biermann) gemacht hat; als Herausgeber muss man die Texte nach Fertigstellung überprüfen und redigieren, wobei ich hier mit großem Vergnügen auch meine editionsphilologischen Kenntnisse einbringen konnte.

Seit den 1970er Jahren sind immerhin ca. 25 Doktorarbeiten über den Volksschriftsteller Karl May an deutschen Universitäten und Hochschulen veröffentlicht worden, zuletzt 2014 eine Arbeit über das didaktische Potential von Karl Mays Erzählungen für die Jugend. Wie wird das Faszinosum „Karl May“ heute betrachtet – wird er noch von einer signifikanten Anzahl von Heranwachsenden gelesen oder ist das Interesse vor allem auf den akademischen und populärwissenschaftlichen Blickwinkel begrenzt? 

Ich kann diese Frage nicht schlüssig beantworten; Bibliothekarinnen versichern mir, Karl May werde noch ausgeliehen und damit wohl auch gelesen (in der Ulmer Stadtbibliothek steht jedenfalls eine größere Anzahl Bände dauerhaft im Regal). Für die Wissenschaft ist May in vielfacher Hinsicht ein spannender Fall: literatursoziologisch, erzähltechnisch und auch von seiner Technik der Quellennutzung her! Er hat ja die Länder, über die er schreibt, vor allem den Orient und Nordamerika, erst im Alter gesehen!

Ulrich Scheinhammer-Schmid bei einer Lesung in Bamberg im April 2013. Foto: Tanja Trübenbach

Auch in diesem Sommer wurden auf vielen Freilichtbühnen in Deutschland zur Freude des zahlreich erschienenen Publikums dramatisierte Karl-May-Stücke zum Besten gegeben. Jetzt war zu lesen, dass einige Amerikanisten die bisherige Aufführungspraxis kritisieren, weil diese ein klischeehaftes und damit falsches Bild der Indianer vermitteln würde. Es wurde sogar dafür plädiert, die Begriffe „Indianer“ und „Rothaut“ nicht mehr zu verwenden. Was halten Sie von dieser Kritik? 

Das Phänomen der sich ausbreitenden Freilichtaufführungen „nach Karl May“ (die Handlung hat oft nur rudimentär mit den Vorlagen zu tun) finde ich faszinierend. Da geht es aber natürlich nicht um völkerkundliche Realität, sondern, um mit Ernst Bloch zu reden, um „reißende Märchen“, um Theatereffekte wie Explosionen, Reiterkunststückchen oder rasende Kutschen. Ich schau mir das auch gerne an!

Möchten Sie uns verraten, mit welchem aktuellen Karl-May-Projekt Sie sich momentan befassen? Gibt es ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt und das bisher noch nicht oder nicht ausreichend behandelt wurde?

Im Moment steht ein längeres Projekt, die textkritische Herausgabe der drei Bände „Satan und Ischariot“ an, sowie im Frühjahr 2020 beim Freiburger Karl-May-Symposium in der Bildungsstätte Waldhof ein Vortrag mit dem Titel „„du wirst unserem Volke das Fliegen lehren“. Indianische Wissenschaft in Karl Mays Schwanengesang“ (=‘Winnetou IV‘ bzw. ‚Winnetous Erben‘). 

Herzlichen Dank an Ulrich Scheinhammer-Schmid für diese Auskünfte.

(Die Fragen stellte Bernd Michael Köhler.)

Ulrich Schmid, geboren 1947, aufgewachsen in Augsburg, studierte in München Deutsch und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien; jahrzehntelang unterrichtete er am Nikolaus-Kopernikus-Gymnasium Weißenhorn. Nach seinem Onkel, dem Kunstmaler Otto Scheinhammer (1897-1982) führt er den Namen Scheinhammer-Schmid. Mit seiner Frau hat er zwei erwachsene Kinder; das Paar lebt in Neu-Ulm.

Scheinhammer-Schmid promovierte 1987 an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Prof. Dr. Klaus Kanzog über Karl Mays Werk in den Jahren 1895-1905. Er ist Mitherausgeber der Historisch-kritischen Ausgabe der Werke Karl Mays (1842-1912) und schrieb zahlreiche wissenschaftliche Beiträge zu Karl May. 

Darüber hinaus beschäftigt er sich mit einem breiten Spektrum weiterer literaturwissenschaftlicher und historischer Themen mit dem Schwerpunkt Lokal- und Regionalgeschichte. So hat er über den aus Weißenhorn gebürtigen Prämonstratenser-Chorherren Sebastian Sailer ebenso publiziert wie über das Ulmer Wengenkloster, hat Ulmer Schul- und Klosterdramen erforscht und sich intensiv mit dem Augsburger Dichter Bertolt Brecht beschäftigt. 

* Ernst Bloch: Traumbasar. In: Karl-May-Jahrbuch 1930, S. 59-64. (Erstveröffentlichung am 31.3.1929 im ‚Literaturblatt‘ der ‚Frankfurter Zeitung‘)

Urkraft des Erzählens

Die neue Nobelpreisträgerin und ihr Roman Ur und andere Zeiten.

Manche Literaten bekommen ihre Preise posthum. Olga Tokarczuk bekam den ihren für ein Jahr das bereits vergangen ist. Nachholend hereingeholt in diesen Herbst 2019, weil im Herbst 2018 das Nobelkomitee sich selbst so peinlich war, dass es lieber zurücktrat als vor die Öffentlichkeit. 

Der Nobelpreis eines vergangenen Jahres. Wie passend für ein Werk, das die Vergangenheit im Titel trägt. (Im polnischen Original noch treffender, wie mir der Übersetzer von Google verrät: Prawiek i inne czasy. Prawiek wird als Vorgeschichte übersetzt.) Soweit man das über die nicht unerhebliche Sprachbarriere hinweg beurteilen kann, wurde Ur und andere Zeiten glänzend übersetzt von Esther Kinsky, der man die meisten Arbeiten Tokarczuks anvertraut hat.

Und welch’ ein Glück, dass ich genau dieses Buch bereits vor einiger Zeit, auf der Suche nach interessanten Entdeckungen bei den östlichen Nachbarn, in die Hand bekam und jetzt aus erfreulichem Anlass lesen konnte. Dabei will es gar nicht so gut in mein literarisches Beuteschema passen, mit seinen phantastischen und mystischen Elementen, die im stringenten Hauptstrang der Handlung allerdings so selbstverständlich platziert sind dass sie dem skeptischen Leser keine Widerhaken setzen. 

Die polnische Erstausgabe datiert von 1996, die Verfasserin war da 34 Jahre alt. Und wenn ihr im Dezember die Urkunde überreicht wird, gehört sie immer noch zu den jüngeren Empfängern. Der Preisträger des laufenden Jahres – ein gewisser Peter Handke – ist mit seinen 76 Lenzen im gewöhnlichen Maß.

Olga Tokarczuks Ur ist ebenso vage Zeit-, wie exakte Ortbezeichnung: Ur ist ein Ort mitten im Weltall. Im Norden verläuft die Grenze von Ur an der Straße von Taszow nach Kielce entlang … Die südliche Grenze bildet das Städtchen Jeszkotle … Die ersten Ur-Bewohner lernt man zu Kriegsbeginn 1914 kennen. Den Müller der in die Uniform gezwungen und eingezogen wird. Seine Frau, die während der jahrelangen Abwesenheit des Gatten den Mühlenbetrieb führt. Ihr Mann, der die ungeborene Tochter und sein vertrautes Leben zurücklassen muss, wird lange nach Kriegsende erst heimkehren. Tochter Misias erste Erinnerung verband sich mit dem Anblick eines abgerissenen Mannes auf dem Weg zur Mühle. Ihr Vater war unsicher auf den Beinen, und später weinte er oft nächtelang an Mamas Brust. Deshalb behandelte Misia ihn wie ihresgleiches. 

Da ist der Freiherr Popielski, der angesichts der grausamen Zeiten und den damit verbundenen Veränderungen, seinen Glauben in Zweifel zieht. Und da ist – wir sind in Polen – die Muttergottes von Jeszkotle. Sie war der reine Wille, denen zu helfen, die krank und gebrechlich waren. Sie war die Kraft, die durch ein Wunder Gottes dem Bild zugekommen war. Dem Freiherrn konnte sie nicht helfen, denn ihn hatte der Glaube an die Wunder Gottes verlassen. 

Da sind Verwandte und Nachbarn, allerhand Ur-Einwohner mit denen wir exemplarisch den Ur-Kosmos kennenlernen. Wie überall auf der Welt werden in Ur die Kinder rasch groß, bekommen selbst Kinder. Es wird geliebt, betrogen und gestorben. Es gibt Streber, Außenseiter und Originale. Verbindungen in himmlische Sphären sind häufig, manchmal nehmen sie skurrile, manchmal verzweifelte Formen an, hin und wieder sind sie unterbrochen. Die Gepflogenheiten ändern sich nur langsam, die Jahrzehnte ziehen dennoch unaufhaltsam vorbei. 

Die Kapitel über die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg, die Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, die Auswirkungen und Folgen des kriegerischen Wahnsinns, sind ausgesprochen ergreifend geschildert. Selten habe ich eine so bewegende und treffende Darstellung dieses Elends, dieser Leidensjahre gelesen. In der deutschen Literatur gibt es wenig das in ähnlicher Weise dem Schicksal Polens und seiner Menschen gerecht würde.

(Bild: Fryta 73 from Strzegom (Wikimedia Commons account: Fryta73), Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Handke bekam die Auszeichnung trotz seiner vielfach verurteilten Haltung zum Jugoslawienkrieg. Die Berechtigung wird bei ihm in Zweifel gezogen, ein Entrüstungssturm tobt durch analoge und digitale Medien. Tokarczuks Lebensform und politische Haltung findet hingegen viel Zustimmung, um so mehr, als sie sich konträr zu den restaurativen Tendenzen in Polen verhält. In der Süddeutschen Zeitung schrieb Thomas Urban … dass das Regierungslager in Warschau nicht erfreut sein kann. Schon allein mit ihren Rasta-Strähnen und bunten Perlen im Haar ist sie den Konservativen in Polen verdächtig. … Vor allem aber engagierte sich Olga Tokarczuk bei den polnischen Grünen und gehörte der Redaktion der Zeitschrift Krytyka Polityczna an, für die linke und linksliberale Vordenker schreiben. Sie warnt vor einem schleichenden Prozess der Ent-Demokratisierung in Polen.

Olga Tokarczuk ist im ländlichen Niederschlesien, in der Kleinstadt Sulechow, aufgewachsen, sie hat in Warschau Psychologie studiert und mit verhaltensauffälligen Jugendlichen gearbeitet. Die Mutter war Polonistin, ihr Vater Bibliothekar, früh hatte sie die Möglichkeit Klassiker der polnischen und der Weltliteratur zu lesen. Wie viele Polen und Polinnen ging sie ins Ausland um Geld zu verdienen – nach London. 1989 wurden erste Gedichte von ihr veröffentlicht. Sie organisierte Literaturfestivals in der polnischen Provinz und gründete einen Kleinverlag. Sie hat sich mit dem kulturellen Erbe in den ehemals deutschen Gebieten beschäftigt. Heute lebt sie in Breslau und auf einem Dorf. 1993 erschien ihr erster Roman. Reise der Buchmenschen wurde in Polen als bestes Prosadebüt der Jahre 1992/93 ausgezeichnet. Für den Roman Flights (deutsch: Unrast) erhielt sie 2018 den hochdotierten Man Booker Prize.

Ja, mich hat, wie es positive Kritiken schildern, der Erzählstrom mitgerissen. Diese subtile Schlichtheit und Klarheit der Sprache lässt nur schwer wieder los. Da liest sich Tragik federleicht und sanfter Humor nimmt der Jahrhundertschwere ihr Gewicht. Und die am Rande Urs stets gegenwärtigen Erzengel werden zu selbstverständlichen, vertrauten Protagonisten. Das ist zeitlose Epik von dauerhaftem Rang, die wir in Deutschland ohne die Nobelpreis-Verleihung vermutlich übersehen hätten.

Die deutschsprachigen Ausgaben von Olga Tokarczuks Werken erscheinen im Kampa Verlag, Zürich. Die Ausgabe von Ur und andere Zeiten die mir vorliegt, ist seinerzeit im Berlin Verlag erschienen, eine Neuausgabe wird von Kampa mit Hochdruck vorbereitet. Geplant ist nicht weniger, als in Kürze deutsche Übersetzungen des vielfältigen und bereits recht umfangreichen Gesamtwerks in einem Verlag zu beheimaten.

Am 1. Oktober erschien das aktuelle Buch der Schriftstellerin: Die Jakobsbücher. Ein historischer Stoff, ein Opus Magnum von gut 1100 Seiten, das bereits große Resonanz und Anerkennung findet. Das ist eines der Bücher, die man in hundert Jahren noch lesen wird, sagt der Verleger Daniel Kampa. Auf mich sehe ich eine große und spannende Leseherausforderung zukommen. Vielleicht wird auf con=libri beizeiten davon zu berichten sein.

2014 hat der SPIEGEL polnische Literaten besucht und porträtiert. Wir erfahren, wie es bei Olga Tokarczuks aussah: Ein Altar steht in Tokarczuks Schreibzimmer. Darauf lässt ein koreanischer Buddha Schultern und Mundwinkel hängen, die Hindugöttin Durga steht aufrecht, sie steht für das Wissen und das Handeln.

 

Schillers Garten und Wallensteins Lager

Vielleicht betritt man den Schillergarten von der Elbseite her. Man hat auf dem breiten Uferweg promeniert, versonnen auf den Fluss geschaut, an den fernen Ursprung des Flusses in den Höhen des tschechischen Riesengebirges gedacht, an den kräftigen Zufluss der legendären Moldau und den grenzfreien Eintritt auf bundesdeutsches Gebiet. Nachdem er die Hänge bei Schloss Pillnitz passiert hat, erreicht er das breite Ufer von Blasewitz, an dem wir stehen, mit Blick auf den gegenüberliegenden Stadtteil Loschwitz mit seinem Prominentenviertel Weißer Hirsch. Der ganze Dresdner Barock liegt noch vor ihm, dann Magdeburg, das Lauenburgische, das hyperaktive Hamburg, bevor nach über 1000 Kilometern ein breiter Strom die Nordsee erreicht.

Über einige wenige Stufen geht es in den Gastgarten. Er hat sich längst angekündigt, mit dem unwiderstehlichen Aroma von Bratwürsten die auf Holzkohle grillen. Obwohl dieser so populäre Fettgenuss längst zum profanen Massenerzeugnis degenerierte und mit der Idee einer Thüringer Bratwurst (zumal in Sachsen!) fast nichts mehr gemein hat, findet er reichlich hungrige Abnehmer. Genauso wie all die anderen kulinarischen Üppigkeiten, die unter den sommergrünen Kastanien und Ahornen bei leichtem warmen Wind besonders gut munden. Dazu der Wein aus dem Saale-Unstrut-Gebiet oder das kühle süffige Bier das pausenlos aus dem Zapfhahn in sich rasch beschlagende Gläser fließt.

Hier ist gut sein. Und beim Blick auf das wuchtige, Elbe überspannende Brückenwerk kann man einer kleinen Geschichte rund um Friedrich Schiller begegnen, die den bekannten Biographen zu unbedeutend war um sie in ihren Standardwerken zu erzählen.

Das Blaue Wunder gab es damals noch nicht. Jene gewaltige Brückenkonstruktion über die Elbe, die heute die Dresdner Stadtteile Blasewitz und Loschwitz verbindet und mit ihren kühnen Konstruktionsteilen aus Schmiedeeisen beeindruckt, wurde erst im Juli 1893 eingeweiht. Mit der neuen Verbindung war ein durchgängiger Straßenbahnverkehr zwischen Schiller- und Körnerplatz möglich geworden.

Bis dahin musste mit der Fähre übergesetzt werden. Wie zwischen 1785 und 1787 als Friedrich Schiller bei seinem Freund Christian Gottfried Körner Unterschlupf und Ruhepol gefunden hatte. Der aus Schwaben stammende Dichter war zu Beginn dieses Aufenthalts 36 Jahre alt und feilte seit einiger Zeit am Freiheits- und Unabhängigkeitsdrama Don Karlos, Infant von Spanien. (Mit der berühmten Forderung des Marquis von Posa an den spanischen König Philipp II.: Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!) Er kam nicht gut voran, hatte Schulden und wusste nicht so recht, wo er hingehörte. Die Heimat hatte er vor Jahren verlassen müssen, da er beim württembergischen Landesherrn mit seinen freiheitlichen Dichtungen und politisch progressiven Äußerungen in Ungnade gefallen war. Über Mannheim, Rudolstadt und Leipzig war er schließlich hier, am Rande Dresdens, gelandet.

Das Übersetzen mit einer Fähre vom einen Elbufer an das andere war nicht ganz ungefährlich, bei Hochwasser, Sturm oder Eisgang mitunter längere Zeit gar unmöglich. Am schönsten war es im Sommer den Fluss zu überqueren. Wenn der Fährmann am linken Ufer anlegte und man das schwankende Gefährt verließ stand man direkt vor der Fleischer’schen Schenke, damals eine bekannte Einkehr, heute der urige, mit zahlreichen Bäumen beschattete Schillergarten, damals wie heute ein beliebtes Ausflugs- und Einkehrziel.

Hier begegneten sich der Dichter Friedrich Schiller, den seine Freunde Fritz nannten, und Johanne Justine Segedin, die alle Gustl riefen. Schiller, der von seiner Arbeit am Drama zu gern in die Freiluft-Idylle am anderen Ufer floh und die junge Frau die in der Wirtschaft ihrer Eltern bediente. Der Fritz war ja eine attraktive Erscheinung. Groß gewachsen, blondlockig, redegewandt, den schwäbischen Dialekt hatte er nie richtig ablegen können. Das verlieh ihm, damals als ostdeutsche Großstädte noch nicht von größeren Schwabenkohorten bevölkert waren, eine charmante Exotik.

Justine war 22 Jahre alt als sie Schiller begegnete, der angeblich am liebsten Milch bestellt und getrunken hat. Vielleicht gehört dies angesichts der bekannten Trinkgewohnheiten des Dichters, der eindeutig den großzügigen Schoppen Wein bevorzugte, ebenso ins Bereich der Legenden, wie das was im Lauf kommender Jahre und Jahrzehnte über die Beziehung zwischen der hübschen Jungfer und dem attraktiven Gast an Gerüchten und Legenden in Umlauf kam.

Begegnung Schillers mit Gustel. Idealisierte Darstellung auf einer historischen Postkarte.

Schiller war auf die Maid aufmerksam geworden weil sie eine sehr schöne Stimme besaß. Sich selbst am Spinett begleitend, trug sie gerne einmal das eine oder andere Lied vor. Man mag sich durchaus hin und wieder außerhalb der Wirtschaft begegnet sein. Dabei kam es vielleicht zu kurzen Gesprächen, möglicherweise kleinen Flirts. Mehr ließen, jedenfalls nicht ohne dass dies fatale Konsequenzen gehabt hätte, die Sitten der Zeit nicht zu. Und die Justine Segedin war nicht nur sittsam, sondern bereits mit dem Advokaten und späteren Senator Christian Friedrich Renner  verlobt. Noch während Schillers Dresdner Jahre heiratete das Paar. Es gab immer wieder Stimmen, die behaupteten, die Neigungen zwischen Schiller und Justine Segedin seien doch ernsthafterer Natur gewesen. Von einem Briefwechsel war die Rede, doch wurden nie Dokumente gefunden oder nachgewiesen, die diese Vermutungen belegten. 

Etwa zehn Jahre später. Friedrich Schiller ist längst in Weimar etabliert. An der Seite Goethens wird fleißig am Klassikerstatus gearbeitet. Ehestand und Kinder sind eher Last als Segen, immerhin, die materielle Situation hat sich entspannt. Der Lehrstuhl in Jena, den ihm der einflussreiche Kollege verschafft hat, bringt zwar kein Geld, jedoch akademisches Ansehen. Verschiedene Projekte, die Einnahmen generieren sollen, gedeien leidlich. Ehrungen, die mit finanziellen Vorteilen verbunden sind, häufen sich. Und der Wallenstein ist fertig. Eine dramatische Trilogie, deren erster Teil Wallensteins Lager betitelt ist. Schiller, der Schelm, hat seiner alten Dresdner Bekanntschaft einen kleinen, fast unscheinbaren Auftritt im Werk gewidmet.

Wir sind im fünften Auftritt, als eine Marketenderin zwei neu eintreffenden Jägern mit dem Begrüßungstrunk entgegentritt. – Marketenderin: Glück zur Ankunft, ihr Herrn! / Erster Jäger: Was? der Blitz! Das ist ja die Gustel aus Blasewitz. / Marketenderin: I freilich! Und Er ist wohl gar, Mußjö / Der lange Peter aus Itzehoe? / Der seines Vaters goldene Füchse / Mit unserm Regiment hat durchgebracht / Zu Glückstadt in einer lustigen Nacht. / Erster Jäger: Und die Feder vertauscht mit der Kugelbüchse. / Marketenderin: Ei! da sind wir alte Bekannte! / Erster Jäger: Und treffen uns hier im böhmischen Lande. – usw.

Die Marketenderin wird in der Folge in Wallensteins Lager noch mehrmals marginal in Erscheinung treten. Frau Senatorin Renner im fernen Dresden soll, so wird berichtet, not amused gewesen sein. 

Vor mir liegt die gedruckte Version eines Volksstücks mit dem Titel Die Gustel von Blasewitz von einer gewissen Anda von Smelding über die ich literaturhistorisch und biographisch aus gängigen Quellen nichts in Erfahrung bringen konnte. Es ist 1935 erschienen, in einer Zeit als man in Deutschland sehr an arischen Nationalhelden interessiert war. Schiller wurde dafür ja bekanntlich vereinnahmt. In dem schwankhaften Theaterstück, das ich nur überflogen habe, ist die Gustel schon sehr angetan vom feschen Fritz, es bleibt aber alles in der Schwebe und einem ehrenhaften Rahmen. Am Ende tritt Friedrich Schiller sogar als eine Art Ehestifter in Erscheinung. Dem künftigen Bräutigam der Johanne Justine Segedin gibt er auf den Weg: Junger Freund – ich habe das Meinige getan – tun Sie das Ihre! Und gnad Ihne Gott, wenn Sie’s wo fehle lasse! Ich komm mit Siebemeilestiefel nach Dresde gelaufe!

Die Autorin lässt Schiller in einem abgemilderten Schwäbisch, die Gustl mit sächsischem Akzent sprechen. Anda von Smelding (eine Spekulation, die aufgrund des seltenen Familiennamens erlaubt sein mag) stand möglicherweise in verwandtschaftlicher Beziehung zu Horst Bogislaw von Smelding, einem populären Schauspieler im Dritten Reich, der unter anderem an geistesgeschichtlichen Schulungen für KZ-Personal teilnahm. In der Third Reich Collection der Washingtoner Library of Congress befindet sich ein Exemplar von Smeldings Volksstück das aus dem Besitz Adolf Hitlers stammt. Es enthält eine Widmung der Autorin für den „Führer“.

Johanne Justine Renner bekam zwei Söhne die früh starben, ihren Gatten überlebte sie um viele Jahre. Sie starb am 24. Juli 1856, 93-jährig, in Blasewitz. Nahe dem Dresdner Schillerplatz gibt es heute die Justinenstraße. Die Büste im Schillergarten, eine Skulptur am Blasewitzer Rathaus, sowie ein Kirchenfenster in der Blasewitzer Kirche erinnern an eine Persönlichkeit, die ebenso unversehens wie ungewollt in die Literaturgeschichte geriet.

Satt und leicht ermüdet verlassen wir den Schillergarten durch das Haupttor und kommen an der Gustel-Büste vorbei. Auf der unter der Figur angebrachten Tafel wird die erwähnte Passage aus dem Wallenstein zitiert und wir erfahren, dass diese Steinbildhauerei erst 2015 aufgestellt wurde und an das schwere Hochwasser von 2013 erinnern soll. Von hier sind es nur wenige Schritte zum verkehrsreichen Schillerplatz. Die Straßenbahn bringt uns zurück ins Zentrum der schönen Stadt an der Elbe.

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Schiller, Friedrich: Werke und Briefe in zwölf Bänden. Band 4. – Frankfurt am Main, 2000

Schiller und die Gustl von Blasewitz. Legenden und Wirklichkeit um Johanne Justine Renner. Auf www.dresden-blasewitz.de, abgerufen am 26. 9. 2019.

Safranski, Rüdiger: Schiller. – München, 2004

Damm, Sigrid: Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung. – Frankfurt am Main und Leipzig, 2004

Smelding, Anda von: Die Gustel von Blasewitz. Volksstück in einem Vorspiel und vier Akten. – Berlin, 1935 (Neue deutsche Volksspiele, Zweites Stück)

Darstellungen und Quellen zur Geschichte von Auschwitz. – Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.). München, 2000

 

Leipzig und die Tschechen

Zweiter Teil des Rückblicks auf Buchmesse und Festival Leipzig liest 2019

Martin Beckers Warten auf Kafka kann man auch lesen wenn Tschechien nicht gerade Gastland der Leipziger Buchmesse ist. Andererseits hat es der Autor natürlich genau zu diesem Anlass geschrieben, mit kühlem Kalkül angesichts des angekurbelten Interesses an Literatur und Kultur der östlichen Nachbarn. Das Buch las ich zu großen Teilen während der Zugfahrt nach Leipzig ich hatte die etwas längere Strecke über Mannheim, Frankfurt und Fulda gewählt die lästiges Umsteigen erspart, stattdessen Zeit und Muse für einstimmende Lektüre lässt.

Martin Becker ist ein 37-jähriger Journalist, Literaturkritiker, Romancier, Hundefreund und Starkraucher, der seit einem Studienaufenthalt vor etlichen Jahren regelrecht vernarrt in Tschechien ist, seine Metropole Prag, deren Ka-und-Ka-Vergangenheit, die literarischen und filmischen Traditionen, den böhmisch-mährischen Humor und nicht zuletzt die seltsame Ernährung der Einwohner, die, so wird immer wieder kolportiert, bevorzugt aus Fleisch und Bier besteht.

Martin Becker und die Moderatorin des Nachwuchsradios Mephisto 97.6 stoßen vor ihrem Gespräch auf dem orangenen Sofa mit tschechischer Braukunst an.

Warten auf Kafka ist eine lockere Reise durch die tschechische Literatur des vorigen Jahrhunderts und der Gegenwart ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit. Dafür verpackt mit einer leicht kafkaesken, sehr unterhaltsamen Rahmenhandlung, mehreren detailliert geschilderten Kneipenbesuchen und befeuchtet mit dem einen oder anderen großen Glas Gerstensaft. In den Kneipen trifft sich Becker, teils real, teils in Gedanken und Gedenken mit schriftstellerischen Größen des Heute und des Gestern. Kafka selbst taucht als verkitschter Kult auf, zu dem er vor Ort aus pekuniär-touristischen Gründen gemacht wird.

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… ich bin ein erschrockener menschlicher Aufschrei, den eine Schneeflocke zusammenbrechen läßt …

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Warten auf Kafka. Im Wirtshaus. Und auf die seligen Geister Jaroslav Hasek und Bohumil Hrabal, den zu besten Zeiten sogar präsidialen Vaclav Havel, die derzeit angesagten Jaroslav Rudiš und Jaromir99, die Märchentante Božena Němcová und den Spezialfall Milan Kundera (zu ihm später). Die greise Lenka Reinerová, letzte deutschsprachige Schriftstellerin Prags, lernte Becker 2008 kurz vor ihrem Tod am Krankenbett kennen. Sein Buch enthält ausführliche Passagen der Verehrung für diese außergewöhnliche Persönlichkeit. Reinerová ist in ihren Werken nicht nur eine aufrichtige Chronistin dieses schrecklichen 20. Jahrhunderts, sondern versammelt zudem in ihren farbigen Ahnengalerien alle maßgeblichen künstlerischen Figuren ihrer Heimat aus dieser Epoche.

Martin Becker hat seinem Buch den Untertitel Eine literarische Seelenkunde Tschechiens gegeben. Ihm ist eine unterhaltsame, leicht lesbare und dennoch bis hin zum Literaturverzeichnis äußerst informative Einführung gelungen, wie man sie in dieser Form nicht noch einmal findet und manch anderer Sprache und Dichterlandschaft wünschen würde. 

Das Buchmesse-Gastland des Jahres 2018 war Rumänien. Bevor das bereits wieder völlig in Vergessenheit gerät, wurde 2019 in Leipzig noch einmal daran erinnert und versucht das Interesse an diesem Land und seiner Literatur wach zu halten. Eine Expertenrunde lotete aus, welche Chancen aus dem Rumänischen übersetzte Bücher auf dem Markt wohl haben mögen. Die Zahl der Gesprächsteilnehmer auf dem Podium übertraf dabei die Zahl der besetzten Stühle vor ihnen. Mäßiges Interesse und bescheidene Aussichten für die Vermittlung rumänischer Autoren und Autorinnen in den deutschen Sprachraum. Was nicht ganz überraschend ist, da bekanntlich im Ursprungsland selbst das Interesse an Gedrucktem und die Zahl der Leser sehr gering sind. 

In Tschechien ist das anders. Es ist eines der ganz großen Leseländer mit einem wachen Interesse an Traditionellem ebenso wie an der Vielzahl der Neuerscheinungen. In Deutschland bekommt man davon wenig mit. Es gab eine Zeit, da war das anders. Ein beliebiges Beispiel: Neben dem Franzosen Ionesco gehörte Sławomir Mrożek einst zu den Stars des absurden Theaters. Seine Stücke wurden Land auf, Land ab gespielt. Dann nicht mehr. Immerhin hat vor vor einigen Wochen das Zittauer Gerhard-Hauptmann-Theater seine Farce Auf hoher See wieder einmal aufgeführt. 

Mrożek war eine meiner wenigen intensiveren Begegnungen mit der tschechischen Literatur. Ich habe ihn gelesen, Hörspielfassungen gehört, Bühnenaufführungen habe ich bis heute leider nicht sehen können. In viel zu jungen Jahren hatte man mir Jaroslav Hašeks Abenteuer des braven Soldaten Schweijk zum Lesen gegeben. Dieser sehr spezielle Humor kam für mich viel zu früh ich habe ihn nicht verstanden. Und das ganze militärische Ambiente war mir damals ebenso suspekt, wie es heute bei vergleichbaren Schilderungen ist.

Brandneu ist Jáchym Topols Roman Ein empfindsamer Mensch. Eine wilde Auseinandersetzung mit europäischer Aktualität. Seine tschechische Künstlerfamilie gastiert beim Shakespeare Festival in Großbritannien und wird von Brexit-Anhängern aus dem Land gejagt: Leave means leave!. Im Campingwagen reisen sie quer durch Europa, gegen den Strom der Flüchtlinge, Richtung Osten. Sie geraten ins russisch-ukrainische Kriegsgebiet, treffen Gerard Depardieu, klauen ihm seinen BMW und machen sich auf den Heimweg nach Böhmen. Radikal ungebändigt ist Topols Erzählweise.

Stilistisch strenger und von ganz anderem Charakter ist Radka Denemarkovás Ein Beitrag zur Geschichte der Freude. Drei ältere Frauen betreiben in Prag ein Archiv, in dem Gewalt an Frauen dokumentiert wird. Sie dokumentieren nicht nur, sie handeln auch. Ein Ermittler untersucht den scheinbaren Selbstmord eines reichen, einflussreichen Mannes und stößt dabei auf die drei Frauen und ihr Tun. Radka Denemarková, die wie ich mir sagen ließ vielleicht wichtigste tschechische Autorin der Gegenwart, verwebt in ihrem sprachmächtigen Roman Elemente des Kriminalromans, Fakten und Fiktion zu einem erschütternden Panorama der Gewalt gegen Frauen.

Eine echte Überraschung ist Gerta. Das deutsche Mädchen von Kateřina Tučková, nicht nur wegen 548 Seiten ein wahres Schwergewicht unter den frisch übersetzten Neuerscheinungen. Gerta wächst in der zweisprachigen Familie Schnirch im mährischen Brünn auf. Die Mutter ist Tschechin, der Vater Deutscher und Anhänger Hitlers. Mit der Errichtung des deutschen Protektorats 1938 zerfällt die Familie wie die Gesellschaft in einen tschechischen und einen deutschen Teil. Die Mutter stirbt und Gerta wird vom eigenen Vater schwanger. Wie tausende Deutsche wird die junge Frau nach dem Krieg zum Staatsfeind erklärt, ausgebürgert und vertrieben. Gerta und ihre Tochter überleben mit anderen deutschen Frauen bei der Zwangsarbeit auf dem Land. Als sie Jahre später in die Heimatstadt zurückkehren werden sie als Deutsche stigmatisiert. Die Sichtweise des Romans auf den ehemals deutsch sprechenden Bevölkerungsteil ist neu und war lange Zeit so nicht vorstellbar. 

Topol und Denemarková, Mitglieder einer mittleren Generation tschechischer Autoren und Autorinnen, gehörten zu den tschechischen Gästen bei deren Veranstaltungen es in Leipzig richtig eng wurde. So etwas wie Starrummel entstand ebenfalls um Jaroslav Rudiš, einer von zahlreichen Künstlern die durch ihre Mehrfachbegabung auffallen und die gerne Genre übergreifend arbeiten. Da wird musiziert, wird gezeichnet und natürlich immer wieder auf unverwechselbare tschechische Art erzählt. Diese teils schrägen Geschichten, entstanden aus den Hefekulturen reicher Phantasie, diese Ansammlungen liebenswerter Außenseiter, lächelnder Verlierer, großer Liebender. Humor und Satire, Melancholie und schwarze Galle. Erzählungen die in der Kneipe bei Knödel und Pilsner ihren Anfang nehmen und immer reicher und farbenfroher werden, je mehr ihr Wahrheitsgehalt abnimmt.

Zu den am meisten besprochenen Büchern dieses Frühjahrs zählt Jaroslav Rudiš Roman Winterbergs letzte Reise. Der greise, mit einem Bein im Grab stehende Winterberg bricht mit seinem genervten Pfleger Jan Kraus auf zu einer Schienenreise durch die eigene Vergangenheit. Zu geschichtsträchtigen Orten der ehemaligen Donaumonarchie über die der alte Mann ebenso seitenlang zu räsonieren versteht, wie über das zurückliegende lange Leben. Ein Roadmovie der besonderen Art, mit stilistischen Eigenheiten, etwa zahlreichen rhetorischen Wiederholungen, das mit einer Streckenlänge von 540 Seiten ein wenig zu viel des Guten will.

Zusammen mit dem Künstler Jaromir99 bildet Rudiš den Kern der Kafka Band. Bei ihren aktuellen Auftritten improvisiert das Ensemble musikalisch-szenisch über Kafkas Roman Amerika.

Die Kafka Band mit Front-Mann Jaroslav Rudiš

Leider sind die projizierten Animationen nicht so gelungen wie in vorangegangenen Programmen. Mit ihrer Farbigkeit und schlichten Geometrie stören sie eher den Gesamteindruck als zur gelungenen Abrundung beizutragen. Enttäuschung macht sich deshalb breit, weil wir ja Jaromir99 als zeichnerischen Schöpfer des wunderbaren Alois Nebel kennen.

Milan Kundera wollte ich erwähnen. Quasi der moderne tschechische Klassiker. Mit seinem viel gelesenen, viel diskutierten und interpretierten Werk Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins habe ich mich etwas geplagt. Mir ist das zu viel Obsession und Abhängigkeit, auch wenn es Kundera meisterlich versteht vom Kern der Geschichte immer wieder in existenzielle Exkurse aufzubrechen. Er ist zweifellos einer der herausragenden tschechischen Autoren, obwohl ihn die Landsleute bereits 1975, da war er 46, (dieser Tage wurde sein 90. Geburtstag gefeiert) ins Exil vertrieben. Seitdem lebt er in Frankreich. Und sein wichtigster Roman weist deutlich mehr französische Einflüsse denn böhmisch-mährische auf. 

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… daß diese ganze Pracht mit einem Samentropfen begann und im Knacken eines Feuers enden wird …

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(Die beiden Zitate sind aus Bohumil Hrabal: Leben ohne Smoking. – Frankfurt am Main, 1995)

Leipzig wie es liest und lebt

Erster Teil des Rückblicks auf Buchmesse und Festival Leipzig liest 2019

Eine sehr spezielle Form von Prosa enthält die Sächsische Waffenverbotszonenverordnung. In ihr wird seit letztem November festgehalten, dass das Leipziger Gebiet östlich des Zentrums Waffenverbotszone ist. Personen dürfen keine Waffen nach der Definition des Waffengesetzes mit sich führen. Wer es dennoch tut, begeht eine Ordnungswidrigkeit und muss mit einer Geldbuße rechnen. Es gibt nicht wenige Gestalten vor Ort, die der Meinung sind, dass sächsische Verordnungen für sie keine Gültigkeit haben oder die von diesen schlicht nie gehört haben. Die Leipziger Eisenbahnstraße gilt als eine der gefährlichsten Straßen Deutschlands. Einschlägige Statistiken verzeichnen für Straße und Quartier knapp 73.000 Delikte pro 100.000 Einwohner. Das ist auf den ersten Blick kein Spitzenwert, erfasst allerdings nur die aktenkundigen Fälle und der Anteil an Gewaltdelikten ist deutlich höher als andernorts.

Zwischen all den Gemüseläden, Kebap-Buden, Asia-Imbissen, Spätverkäufen, Shisha-Höhlen, den Barbieren für die bärtigen Bewohner mit meist gut definierter Muskulatur, zwischen seit dreißig Jahren abrissreifen Häusern, dem gerade noch bewohnbaren Bestand und sanierten Altbauten, zwischen all dem Sprachengewirr und den Abgaswolken der Geländewagen, sind auch junge Paare mit kleinen Kindern, sind Studenten, Auszubildende und sehr alte Menschen unterwegs, weil sie sich das Wohnen hier leisten können und die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen vor der Haustür möglich ist. 

In diesem bunten und quicklebendigen Gemisch gibt es für das abendliche Ausgehen so manchen Geheimtipp, Lokalitäten wie man sie sonst nur von der KarLi (Karl-Liebknecht-Straße) und aus Plagwitz kennt. Wie jene lauschige Kneipe mit integriertem kleinen Buchhandel und einer sehr improvisierten Kleinkunstbühne, auf der Reinhard Kaiser-Mühlecker seinen neuen Roman vorstellte. Die Kulturapotheke, kurz KuApo, findet man in der Eisenbahnstraße 99. Es gibt dort wenig Platz, eine kurze Speisenkarte und wohlfeile Getränke für jeden Geschmack.

Der 37-jährige österreichische Autor kam bereits 2008 auf Empfehlung von Arnold Stadler zu S. Fischer, wo er ein festes verlegerisches Zuhause gefunden hat. Enteignung ist schon sein achter Roman. Er spielt einmal mehr in abgelegener ländlicher Provinz. Für das kriselnde Lokalblatt schreibt ein Journalist, der nach langer Abwesenheit an den Ort seiner Kindheit zurückkehrte. Von der Wucht der eingetretenen Veränderungen während seiner Abwesenheit und dem sich andeutenden weiteren gravierenden Einschnitten in gepflegte Traditionen ist er überrascht. Die Geschichte handelt vordergründig von menschlichen Beziehungen und Affären, viel grundsätzlicher jedoch vom Wandel der althergebrachten Strukturen und Lebensformen. Die damit verbundenen existenziellen Konflikte stellt Kaiser-Mühlecker in seinem Buch exemplarisch dar. 

Er schreibt in einer Sprache, die etwas aus der Zeit gefallen scheint, in ruhigem Ton, detailgenau, mit langem Atem. Man kann an Stifter denken, an Hermann Lenz. Wer sich auf diesen Rhythmus einlässt, erlebt einen der ausdrucksstärksten Schriftsteller dieser so kurzatmigen Zeit. Bei Abschluss seines ersten Vertrags mit dem Verlag wollte er es zur Bedingung machen, dass er nie aus seinen gedruckten Büchern öffentlich lesen müsse. Die Vertragspartner ließen sich darauf zum Glück seiner Leser und Bewunderer nicht ein. Offensichtlich unterschrieb Reinhard Kaiser-Mühlecker dennoch.

In Sachen ländliche Schauplätze kommt uns natürlich Dörte Hansen in den Sinn. Auch sie beschäftigt sich in ihrem aktuellen Roman Mittagsstunde mit Themen rund um die strukturellen Veränderungen im ländlichen Raum. Bilden bei Kaiser-Mühlecker Hügel und Berge Oberösterreichs die Kulisse, ist es bei Hansen die weite platte Fläche Nordfrieslands. Gerade einmal 43 Meter über Meereshöhe erreicht die höchste Erhebung der Umgebung.

Der erste Sommer ohne Störche war ein Zeichen, und als im Herbst die Stichlinge mit weißen Bäuchen in der Mergelkuhle trieben, war auch das ein Zeichen … Die alten Ulmen starben einen Sommer später, am Westerende, wo sie seit hundert Jahren Ast in Ast gestanden hatten.

Auch Dörte Hansen macht einen Heimkehrer zu einem ihrer Hauptprotagonisten. Die Schilderungen der Veränderungen in Mittagsstunde sind langfristiger und weitreichender als bei Kaiser-Mühlecker, sie reichen von der Flurbereinigung in den 1970er-Jahren, über den Einfluss des Klimawandels, bis zur Landflucht von Bewohnern auf der Suche nach auskömmlicher Arbeit. Was das mit den Menschen macht schildert Hansen einfühlsam, gelegentlich deutlich bis drastisch. Bei aller Zuspitzung gibt es immer wieder kleine humorvolle und skurrile Passagen.

Die Autorin, der 2015 mit ihrem Debüt Altes Land ein Lieblingsbuch der Buchhändler und Leser gelang, wurde von Denis Scheck in seiner Sendung Druckfrisch und bei seinen effektvollen, die Massen anziehenden Leipziger Messeshows mehrfach geadelt: Ein Buch voller Wehmut, schmucklos schön, das überraschend und klug in die Zukunft weist. Ein literarisches Ereignis!

Leipzig 2019. Das waren Messefahnen im Frühlingswind. Sonnentage. Hitze unter dem Glasdach. Zartes Grün an Büschen und Bäumen, das die Bilder des Vorjahres, Bilder von Schnee und Eis, liegengebliebenen Zügen, gesperrten Straßen, verblassen ließ. Und so strömten sie aus allen Himmelsrichtungen in ihr Leipzig. Das Leipzig der Bücher, Autoren, Buchhändler, ihr Leipzig der Leser, zum Treffen unter Gleichgesinnten. Fast 286.000 Menschen sollen es am Sonntagabend, als die letzte Lederjacke an der Garderobe abgeholt war, gewesen sein. 

Nahezu 286.000 Besucher. Leser, buchaffine Menschen, die sich zuhause schleunigst ins stille Kämmerlein verziehen, um ihre Neuerwerbungen, die eingesammelten Geheimtipps, die Bestseller der Saison zu verschlingen? Man wird sich eingestehen müssen, dass diese Charakterisierung aus den verschiedensten Gründen nur auf einen kleinen Teil der Messebesucher zutrifft. Das ist nicht neu. Doch zunehmend wildern Smartphones, digitale Medienvielfalt, flexible omnipräsente Anbieter wie Netflix, Amazon mit ihrer ganzen bildgewaltigen Streamingwelt in den Hoffnungen der Buchbranche auf reichlich Leser- und Käufernachwuchs.

Zu allem Überfluss ist es dann auch noch mit der Zukunft der Lesefertigkeit und der Lesekompetenz so eine Sache. Lesenlernen und Leseförderung Leipzig bietet Jahr für Jahr reichlich Podien und Begegnungen die sich mit diesen komplexen und wichtigen Themen beschäftigen. Alle einschlägigen Organisationen und zahlreiche Experten sind vor Ort, stehen für Diskussionen und Gespräche bereit, geben Wissen und Erfahrungen weiter. 

Foto: Tom Schulze

In Halle zwei befinden sich das Forum Kind-Jugend-Bildung und das Fachzentrum Bildung. Dort sind Leseinseln und Lesebuden zu finden, der Leipziger Lesekompass präsentiert gute Bücher für die Jungen und die Jüngsten. Es gibt ein Familiencafé, eine Chillout-Aerea und einen Still- und Wickelraum für Messeteilnehmer die vom Lesen noch nicht einmal träumen können. Und das alles schon seit Jahren. So werden Ideen, Anregungen, Anstöße, Anleitungen ins ganze Land, in Kindergärten, Schulen, Lehrerstudiengänge getragen.

Die nüchterne Bilanz lautet: 20 Prozent der Schüler und Schülerinnen der vierten deutschen Grundschulklassen können nicht flüssig lesen, haben Probleme den Inhalt gelesener Texte wiederzugeben. Sie drohen den Anschluss zu verlieren, an den Schulstoff und schließlich an eigene Lebenschancen. Trotz aller Bemühungen und Förderungen ist keine Besserung in Sicht, letztlich fehlt es in den Schulen an Ressourcen und in den Elternhäusern an Einsicht und Verständnis. 

Bildungsferne Einstellung wird oft von Generation zu Generation weitergegeben. Viele Familien haben ganz andere materielle, existenzielle Sorgen. Lesenlernen, das mit Vorlesen durch Eltern oder Großeltern beginnen kann, wird nicht überall als Wert gesehen. Förderung muss also die Familien der betroffenen Kinder mitnehmen. Sonst gehen immer mehr junge Menschen auf ihrem Weg in die Mitte der Gesellschaft verloren. Die Kompromissfähigkeit, die Fähigkeit Konflikte verbal auszutragen, sich die für eine demokratische Partizipation notwendigen Informationen anzueignen, sinken.

Die Lese- und Literaturnation Tschechien präsentierte sich als Gastland der diesjährigen Leipziger Buchmesse 2019. Notizen dazu stehen im Mittelpunkt des zweiten Teils meines Rückblicks. Den gibt es nächste Woche auf con=libri.

Reise ins Innere. Karl May und Hermann Hesse

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler

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Lieber Leser, weißt du, was das Wort Greenhorn bedeutet? – – eine höchst ärgerliche und despektierliche Bezeichnung für denjenigen, auf welchen sie angewendet wird.
(Karl May: Winnetou I)

Das Landhaus Erlenhof lag nicht weit vom Wald und Gebirge in der hohen Ebene.
Vor dem Hause war ein großer Kiesplatz, in den die Landstraße mündete.
(Hermann Hesse: Heumond)

Dies waren die ersten Zeilen, die ich von Karl May (1842-1912) und Hermann Hesse (1877-1962) gelesen habe. Karl May lernte ich im Alter von 12 Jahren in der Gestalt von Old Shatterhand in seiner Reiseerzählung Winnetou I kennen. Und ich war 17, als mir ein Fischer-Taschenbuch mit grünem Einband in die Hände fiel. Es trug den verlockenden Titel Schön ist die Jugend, enthielt die Erzählungen Heumond, Schön ist die Jugend und Der Zyklon und war von Hermann Hesse.

Der Abenteuerschriftsteller Karl May bescherte mir unzählige selige Lesestunden, in denen ich in eine komplett andere Wirklichkeit abtauchen konnte und wie der Autor selbst in einen Wunscherfüllungsrausch verfiel, der die Rückkehr in die Realität meiner Kinder- und Jugendjahre nicht immer leicht machte. Am Ende dieses Lesemarathons hatte ich alle damals erschienenen Werke Karl Mays einschließlich des Spätwerks regelrecht verschlungen- es dürften so um die 70 Bände gewesen sein.

In der Gemeindebücherei meines Heimatdorfes standen die Gesammelten Werke im Regal- es handelte sich um die berühmten grünen Bände des Karl-May-Verlages. Ich gehörte zu den eifrigsten Nutzern der kleinen Bibliothek. Zu Geburtstagen und an Weihnachten bekam ich einzelne Titel der Sonderausgabe des Wiener Tosa-Verlages geschenkt, die damals u.a. vom Kaufhof vertrieben wurden. Es waren Höhepunkte meines frühen Leselebens, wenn ich in der nahegelegenen Stadt vor den Kaufhof-Regalen stand und mir einen Karl May aussuchen durfte. In seltenen Fällen hatte ich mir vom kargen Taschengeld einen Band abgespart, den ich dann in Verbindung mit einem heftigen Ausstoß von Glückshormonen höchstselbst käuflich erworben habe.

Hermann Hesse schließlich wurde einige Jahre später zu meinem lebensbegleitenden Lieblingsdichter. Die Entdeckung des Hesse-Kosmos glich einer Entdeckungsfahrt ins Innere der Seele. Vieles von dem, was ich dort nach und nach vorfand, betraf mich direkt, schien wie für mich geschrieben. Eine Lesewirkung, die unter jugendlichen Hesse-Lesern weit verbreitet war. Ob sie es auch heute noch ist? Ob es denn im 21. Jahrhundert überhaupt noch eine nennenswerte Anzahl von Hesse-Lesern in der jüngeren Generation gibt?

Kurze Zeit nach der Initialzündung durch die Verheißung Schön ist die Jugend schenkten mir meine Eltern die 12-bändige Werkausgabe der Gesammelten Werke. Es war das kostbarste, folgenschwerste Geschenk, das ich je von meinen Eltern erhalten habe. Ich bin ihnen für immer dankbar dafür, zumal es ihnen schwergefallen sein dürfte, das nötige Geld für über 6000 Seiten Buch aufzubringen. In der Folge habe ich in vergleichsweise kurzer Zeit die 12 blauen Bände vom Auftakt in Band 1 (Einem Freunde mit dem Gedichtbuch) bis zum Schlussakkord in Band 12 (Ende einer Bücherbesprechung) gelesen- in jugendlichem Eifer und entflammt von der Brisanz und Kraft der Texte. Oft gerieten die Lektürestunden zu ausgesprochenen Lesefeiern, die ich zelebrierte wie ein geistiges Ritual.

Im Band 12 der geliebten blauen Bände (Schriften zur Literatur II) ist als letzte von Hesses Buchbesprechungen die Erzählung Abschied von den Eltern von Peter Weiss (1961) abgedruckt. Hier schließt sich für mich der Kreis um meine Geschichte der Hermann-Hesse-Werkausgabe, musste doch auch ich Abschied nehmen von meinen beiden Eltern, den Portalfiguren meines Lebens (Peter Weiss).

Nun, ich kenne ihn [Karl May] jetzt, und empfehle seine Bücher den Onkeln von Herzen, die der Jugend Bücher schenken wollen. Sie sind phantastisch, unentwegt und hanebüchen, von einer gesunden, prächtigen Struktur, etwas völlig Frisches und Naives, trotz aller flotten Technik. Wie muss er auf die Jungen wirken! Hätte er doch den Krieg noch erlebt und wäre Pazifist gewesen! Kein Sechzehnjähriger wäre mehr eingerückt. (Hermann Hesse 1919 nach der Lektüre von Schatz im Silbersee und Von Bagdad nach Stambul in der Neuen Zürcher Zeitung vom 13.07.1919.)

Der Volksschriftsteller Karl May und der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse lebten und arbeiteten ohne Zweifel in vollkommen verschiedenen Welten. Trotzdem gibt es, wenn man die oberen Schichten abträgt, bedeutende Gemeinsamkeiten, die Hartmut Wörner in seiner Studie Seelenbrüder akribisch herausgearbeitet hat. Danach diente die polare Struktur des Menschseins und der Welt, in wir leben, beiden als Grunderkenntnis, von der aus sie ihre Geschichten entwickelten. Hesses großes Thema der Individuation mit dem Ziel der Integration der Gegensätze entspricht bei May die Entwicklung des Einzelnen hin zur Überwindung des negativen Pols, des Bösen.

Beiden gemeinsam ist eine im weitesten Sinne ethisch-spirituelle Grundierung all ihren Denkens und Tuns. Während Mays Helden aus einer rigid christlich-mystischen Gesinnung heraus agieren, durchzieht Hesses Werk vor dem Hintergrund seiner pietistischen Herkunft eine überkonfessionelle, an das indische und vor allem chinesische Denken angelehnte Spiritualität. Es wundert nicht, dass sich daraus bei beiden eine pazifistische Grundhaltung manifestierte- bei Hesse sehr früh am Beginn des Ersten Weltkrieges, bei May spätestens in seinem Alterswerk ab ca. 1899.

Der Sofien-Saal zu Wien um 1900

In einzigartiger Weise hat Hermann Hesse sein Schreiben als Selbsttherapie betrieben. Seelisches und körperliches Leiden am Leben veredelte er zu Literatur. Karl May wiederum hat die Wunscherfüllungsfunktion von Literatur als Autor geradezu perfektioniert- in seinem Werk und in seiner vorgetäuschten Identität als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi in der realen Welt, die er erst nach seiner Orientreise 1899/1900 aufgab. Beiden gemeinsam ist eine komplizierte psychische Struktur, die Kompensationen geradezu lebensnotwendig machte. Die Reise ins Innere hat dabei zu sehr unterschiedlichen literarischen Resultaten geführt, in der Selbsterforschung und der Verwandlung von Gelebtem und nicht Gelebtem in packende Geschichten sind sich die Schriftsteller aus Radebeul und Montagnola auf einer tiefen Ebene nahe.

Getroffen haben sich die zwei Schriftsteller in den Jahren, in denen eine Begegnung hätte stattfinden können, wohl nie. Hartmut Wörner hat in seiner Studie Kirchheim unter Teck als den Ort genannt, wo sich die Wege beider um die Jahrhundertwende hätten kreuzen können. Darüber hinaus kann nun mitgeteilt werden, dass Karl May und Hermann Hesse sich im März 1912 nachweislich zur gleichen Zeit in derselben Stadt aufgehalten haben: in Wien. May hielt bei seinem letzten öffentlichen Auftritt am 22. März vor einem ca. 2000-köpfigen Publikum (darunter u.a. Bertha von Suttner, Georg Trakl, Karl Kraus und Heinrich Mann) im Sofiensaal seine berühmte Rede Empor ins Reich der Edelmenschen! Von Mittwoch, 20. März bis Sonntag, 24. März logierte er mit seiner Frau Klara im Wiener Hotel Krantz. Zurück in Radebeul starb Karl May wenige Tage später am 30.03.1912.

Hesse war wegen Lesungen in Brünn (22.3.) und Wien (23.3.) in die Kaiserstadt an der Donau gereist. Unterbrochen von dem Abstecher nach Brünn weilte Hermann Hesse vom 19. März (Dienstag) bis 25. März (Montag) in Wien. Vor seiner Abreise hatte der Dichter am Sonntag in der Hofoper noch eine Nachmittagsvorstellung von Mozarts Zauberflöte besucht. Gut möglich, dass Hesse bei einem seiner Stadtrundgänge eines der vielen großformatigen Plakate oder einen Aushang gesehen hat, auf denen für Mays Vortrag geworben wurde. Am Vortragsabend selbst stand auch Hesse am Vortragspult, allerdings im nur wenige Bahnstunden entfernten Brünn. Jedenfalls waren sich die beiden Schriftsteller räumlich wohl nie so nahe wie in diesen Wiener Tagen im Frühjahr 1912. Geistig waren sie es bei den von Wörner nachgewiesenen Gemeinsamkeiten auf jeden Fall – unabhängig von Ort und Zeit.

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Karl May: Die Gesammelten Werke des Karl-May-Verlags (94 „grüne Bände“) sind weiterhin lieferbar. Seit 1987 erscheint zusätzlich die Historisch-kritische Ausgabe (seit 2008 im Karl-May-Verlag). Preisgünstige Ausgaben werden von diversen Verlagen vertrieben. 

Hermann Hesse: Die Sämtlichen Werke (20 Bände + Registerband) sind ebenso wie etliche Einzelausgaben und Sammlungen bei Suhrkamp/Insel erschienen.

Wörner, Hartmut: Seelenbrüder. Eine Studie zu Karl May und Hermann Hesse. Hansa Verlag 2015 (nicht mehr lieferbar).