Vorfreude 2018

Schluss. Aus. Einmal muss er ein Ende haben. Dieser Sommer aller Sommer. Schluss mit Dürre und Bauernelend. Mit Fischsterben und Freikörperkultur. Kopfsprüngen und Sonnenmilchdüften. Der Jahrhundertsommer des Jahres 2018 ist Vergangenheit. Hugo und Sprizz im Freien perdu. Erste Eisdielen lassen die Jalousien herunter. 

Noch bevor Wehmut aufkeimt macht sich Vorfreude breit. Vorfreude auf feucht-kalten Nebel. Auf frühe Dunkelheit und schlüpfrige Blätterteppiche. Nieselregen. Radfahrende Kohorten verschwinden endlich von den mehrspurigen Stadtdurchfahrten. Freie Fahrt für Stickoxid speiende Kolossalvehikel. Stoßstange an Stoßstange im gewohnten Dauerstau. Halogenstrahler ersetzen himmlische Sternenbotschaften und illuminieren erste Schneeflocken.

Da marschiert es ein in die Supermärkte: Das Heer der Schokomänner mit Zipfelmützen und roten Mänteln. Korinten und Krokant. Spekulatius und Haselnuss. Christbaumständer und Lichterketten als Stapelware. Endlich blinkt und schimmert es wieder bunt und penetrant allüberall an Hütten und Palästen, an Bäumen und Zäunen, an Buden und Palisaden.

Zugegeben, bis zum ersten Weihnachtsmarkt ist es noch ein paar Tage hin. Irgendwo müssen schließlich zwischen sich wandelnden Jahreszeiten die zahlreichen Weinfeste untergebracht werden. Je schlechter der Wein, je weiter weg vom Rebenhang, desto fester die Feier. Freiwillige Feuerwehr, Schützengilde oder Gewerbeverein tischen auf, schenken ein. 

Riesling und Burgunder machen jedes Mannsbild lull und lall. Mädels kippen Secco. Die blonde Weinkönigin hat einen in der Krone. Unterm Tisch kotzt Müllers Toni. Drugs, Sex und Heimatklänge. Wir sind alle Amigos und latschen a la playa. Einige kommen direkt aus dem Bett im längst gemähten Kornfeld. Hossa!

Endlich wieder jeden Tag Fußball in Ultra-HD. Schämpjenslig, Bunsliga, Pokal. Elfmeterschießen, Play off und öffer. Vorbei die harten Wochen für Abhängige. Synchron-Speerwurf und Tauziehen haben als Ersatzdroge ausgedient. Und wenn die ballspielende Werbemeute doch einmal Pause macht, betören uns singende und tanzende, ewig junge Maiden und Charmeure mit österreichischem, griechischem oder russischem Migrationshintergrund.

Also alles eitel Vorfreude? Ungetrübt und unverstellt? 

Wäre da nicht dieser zähe Wermutstropfen im ständig vollen Spaßglas. Erleben wir jetzt, 2018, 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie, eine republikanische Dämmerung? Im Zwielicht nahender Nacht geifernder Mob in mancher Straße, mancher Stadt. Gewaltbereit. Rassistisch. Über Juden Witze machend. Über Menschenrechte lachend. In lauten Tönen saufend ihrer Dummheit frönend. Denn am Deutschen hinterm Tresen muss nun mal die Welt genesen. (*) In der Masse: dumpfe Volkskörper die ihren rechten Arm nur schwer an der Hosennaht halten können. 

Erleben wir das? Oder träumen wir nur schwer?

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(*) Das Originalzitat stammt aus dem Lied „Sage Nein!“ und lautet: 

Wenn sie jetzt ganz unverhohlen / Wieder Nazi-Lieder johlen, / Über Juden Witze machen, / Über Menschenrechte lachen, / Wenn sie dann in lauten Tönen / Saufend ihrer Dummheit frönen, / Denn am Deutschen hinterm Tresen / Muss nun mal die Welt genesen, / Dann steh auf und misch dich ein: / Sage nein! 

Es ist bekanntlich ein Text von Konstantin Wecker, der mir die Verkürzung und leichte grammatikalische Aneignung nachsehen möge. Seine Aussage hat nie seine Gültigkeit verloren und ist aktueller denn je.

Das Buch verschwindet!

Es unken die Unken, es pfeifen die Spatzen vom Flachdach und selbst die Verbandsfunktionäre glauben zu wissen: Das Buch verschwindet. Zumindest das gedruckte. Zuerst werden Gebrauchsanweisungen und Lehrbücher obsolet, bis schließlich auch die erzählende, sogenannte Schöne Literatur, der digitalen Übermacht erliegt.

Jene, die glauben es wissen zu müssen, versichern, dass nur die Digitalisierung helfen kann wenigstens die Inhalte zu sichern. Auf Speichermedien, in Clouds. Für alle Ewigkeit. Sicher und fest wie die strahlende Hinterlassenschaft des Atomstroms im Salzbergwerk. Verfügbar über alle Hard- und Softwaregenerationen hinweg. In sicherer Obhut von Microsoft, Google und Companie.

Die Märkte wissen wie immer Bescheid, die Wahrsagerin hat es längst gewusst, im Kaffeesatz steht es, selbst in Familien deren Mitglieder seit Jahrhunderten Buchhandel betreiben macht sich die Gewissheit breit: Das Buch verschwindet! Schließlich sagen uns aktuelle Statistiken, dass immer mehr Menschen immer weniger lesen. Dass der Absatz von Druckwerken von Jahr zu Jahr rückläufig ist.

Noch ist es nicht so weit. Derzeit zeugen sogar einige Trends scheinbar vom Gegenteil. Noch nie gab es so viele Lesefestivals, große und kleine Buchmessen, Tauschbörsen, offene Bibliotheken, Bibliotheksneubauten, junge Verlage, Autoren und Autorinnen. Doch dies sei ein letztes Aufflammen, Strohfeuer und ohnehin nur von Minderheiten wahrgenommen und frequentiert.

Es sei, so wieder die Statistiker, in dieser Hinsicht wie mit der Vermögensverteilung, immer weniger Menschen besitzen immer mehr. In unserem Fall vom Wirtschaftsgut Buch. Gut, wer kann sich bei der seit Jahren zu beobachtenden Preisentwicklung auf dem Wohnungsmarkt noch ein Heim leisten in dem Raum für meterlange Bücherregale ist? (Eine fundierte Untersuchung über die Wechselwirkungen von Wohnungs- und Buchmarkt ist überfällig.) So wird der Buchbesitz in Zukunft vielleicht zur Sache von Snobs und Begüterten. Zum Sammelgut, zur Wertanlage. Was weniger wird, wird wertvoll. Was wertvoll ist weckt Begierde.

Pädagogen, Bibliothekare, Traditionalisten der Branche und viele engagierte Leser stemmen sich dem Trend entgegen. Setzen auf Lesekompetenz, auf gut ausgestattete Bibliotheken und Archive. Betonen die Bedeutung des Vorlesens im frühen Kindesalter. Eltern, Großeltern, Paten und Freunde sind als Lesevorbilder gefragt. Von Kulturpolitikern, Schulen und Vorschulen wird Unterstützung finanzieller und struktureller Art gefordert.

Das sind Übergangsstadien, wird prognostiziert, die das endgültige Verschwinden allenfalls hinauszögern. Die Endzeit hat längst begonnen.

Foto: Wiebke Haag

Es wird anders kommen.

… als die Literatur beginnt, sich vom Atem des Menschen zu lösen und auf ein Trägermedium auszuwandern, beginnt sie sich gewissermaßen reisefertig zu machen. (Jürgen Wertheimer in Weltsprache Literatur)

Nach ersten Versuchen auf Steintafeln und Papyrusrollen erwies sich spätestens seit Gutenberg das gedruckte Buch als idealer Träger für alles was sich Menschen nicht nur mitteilen, sondern darüber hinaus für folgende Generationen bewahren wollten. Das Erzählen wird nicht aufhören solange es Bewohner auf diesem Planeten gibt. Wenn eines fernen oder auch näheren Tages dieses menschliche Erzählen längst an seinem Ende angekommen sein wird, wird es die niedergeschriebenen und in Satz und Druck wiedergegebenen Erzählungen immer noch geben.

Der große Widerspenstige unter den deutschen Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts, Arno Schmidt, hat dies zutiefst bedauert. Er setzte auf ein rasches Vergessenwerden nach seinem Tod, das schien ihm Erlösung. In seiner Erzählung TINA oder über die Unsterblichkeit schildert er in einer fiktiven Konstellation wie schrecklich es sein kann, wenn dies nicht eintritt.

Dichter und Dichterinnen landen nach ihrem Ableben in einem quälenden Hades. Sie möchten die unwirtliche Stätte so rasch wie möglich verlassen. Allerdings dürfen sie nicht, solange sie nicht komplett vergessen sind. Endgültig tot ist nur der, an den sich niemand mehr erinnert. Die Aussichten sind nicht allzu rosig. Solange noch 1 Exemplar eines ihrer Bücher vorhanden ist, besteht schon gar keine Aussicht. Während also heute immer mehr Zeitgenossen gegen das Vergessenwerden anschreiben (Wer schreibt der bleibt!), sind unseren Unterweltbewohnern ihre gedruckten Werke zum Verhängnis geworden.

Mit den Hinterbliebenen und den Büchern, die sich als unausrottbar erweisen, bleibt die Erinnerung. Es wird jedoch unumkehrbar eine Zeit kommen, da selbst diese entschwindet. Mit den Letzten der Menschheit. Auf dem entmenschlichten Planeten zurück bleiben Echsen und Ameisen, strahlenmutierte Riesenspinnen und zweiköpfige Ratten. Und unzählige verstreute Bücher. Seit Myriaden von Jahren ungelesen, unbeachtet, sich selbst und der Macht der Natur überlassen.

Martin Luther war sich bekanntlich sicher, stünde nächstentags der Weltuntergang bevor, würde er heute noch ein neues Apfelbäumchen pflanzen. Eine Mischung aus Verzweiflung, Hoffnung und Lebenskraft. In den letzten Jahrzehnten entdecken politisch junge Staaten ihr kulturelles Erbe und setzen auf Pflege und Bewahrung. Das Bild in diesem Artikel zeigt den 2015 fertig gestellten Neubau der lettischen Nationalbibliothek in Riga. Das von Gunnar Birkerts entworfene Gebäude beherbergt etwa fünf Millionen Medieneinheiten (ca. 2,5 pro Einwohner), überwiegend in gedruckter Form. Ein kühnes, mutiges Vorhaben, das Tradition bewahrt und Zukunft signalisiert.

Bier und Buch

Die Wirtschaft blüht, die Konjunktur glüht.

In allen Branchen?

Keineswegs. Einige weniger bedeutende Geschäftszweige können nicht Schritt halten. So sind die Buchverkäufe und die Zahl der Leser in unserer Republik der Drucker und Dichter in den letzten zwölf Monaten zum wiederholten Mal deutlich gesunken. Immer mehr Buchhandlungen schließen.

Gleichzeitig geht der Bierkonsum im Land der Trinker und Denker Jahr für Jahr zurück. Die Zahl der selbständigen Brauereien zwischen Schlei und Isar, Rhein und Oder sinkt bereits seit Jahrzehnten. Bestehen da etwa Wechselwirkungen in Sachen steigender Unlust an Buch und Bier? Lauern negative Synergien? Mögliche Zusammenhänge wurden bisher unzureichend bis gar nicht untersucht.

Die Fakten sprechen für sich: Seit 2011 fällt das Volumen des Bierabsatzes in Deutschland pro Kopf und Jahr kontinuierlich. Für 2021 wird ein Allzeittief von 91,7 Litern erwartet. Bei derzeit 82,67 Millionen Einwohnern (31.12.2017) sind das voraussichtlich bescheidene 7 Milliarden, 500 Millionen, 580 Tausend Liter und einige Kölschgläschen. Ein ähnliches Bild des Jammers bietet der Buchabsatz. Nur noch gut 40 Millionen Menschen kauften 2017 überhaupt ein Buch – also nicht einmal jeder zweite Mitbürger. Lediglich drei Millionen waren bereit mehr als 20 Bücher nach Hause zu tragen. Für die nächsten Jahre ist mit weiteren signifikanten Rückgängen zu rechnen.

Die Frage nach Korrelationen drängt sich auf. Sind es die Biertrinker die weniger Bücher kaufen oder ist es eine buchaffine Bevölkerungsgruppe deren Bierdurst nachlässt? Würde ein erhöhter Bierverbrauch gleichzeitig den Buchabsatz steigern? Oder muss mehr gelesen werden damit der Zapfhahn öfter läuft? Wieviele Menschen kaufen eigentlich Bücher und Bier? Und wie hoch ist die Zahl der Zeitgenossen die auf beides glauben verzichten zu können? Schnittmengenanalysen liegen bis dato nicht vor.

Die Mönche des Mittelalters kamen kaum zum Lesen. Wenn sie nicht gerade beteten oder Choräle sangen, schrieben sie mit eigener Hand fromme Texte in dicke Bücher, die kunstvoll ausgestattet und gebunden in den Klöstern zu ansehnlichen Bibliotheken heranwuchsen. Heute gern besuchte und bestaunte kulturhistorische Kleinodien. Zur Stärkung tranken die Brüder Bier, nicht zu knapp und nicht zu schwach. Bevorzugt zur Fastenzeit, in der allerhand Sättigendes und Wohlschmeckendes rituell untersagt war, griff man gern zum Krug in dem erhöhte Stammwürze schäumte. Der eine oder andere Klosterbräu hat die Unbilden sich wandelnder Zeiten überstanden.

Zu jeder Zeit gab es Poeten die maßlos Bier tranken und trotzdem gut schrieben. Jean Paul und Oskar Maria Graf sind hinlänglich populäre Bespiele.

Der aus dem putzigen Wunsiedel stammende Jean Paul hieß eigentlich Johann Paul Friedrich Richter und schwor auf den Gerstensaft seiner fränkischen Heimat. Englisches Bier, das zu seiner Zeit in Deutschland ganz gerne ausgeschenkt wurde, war ihm ein Greuel: Trink ich’s noch ein Jahr, so bin ich todt. Weilte er freiwillig oder gezwungen fern der Heimat ließ er sich von dort mit Nachschub versorgen. Dabei war er in ständiger Sorge wegen möglicher Versorgungsengpässe. Sollte das Bier schon unterwegs sein – was Gott gebe – so bitt ich Sie herzlich, sogleich neues nachzusenden; weil der Transport vom Faß in mich viel schneller geht als von Bayreuth nach mir!

Oskar Maria Graf versuchte sein Heimweh im New Yorker Exil mit reichlich Biergenuss zu lindern. Er behauptete, dass er die amerikanischen Dünnbier-Marken lieber durch die Gurgel rinnen ließe als das einst gewohnte bayerische Vollbier. Als er zum 800-jährigen Jubiläum Münchens 1958 eingeladen war und zum ersten Mal nach dem Krieg wieder deutschen Boden betrat, wurde er gefragt, wie es so ein Urbayer in den USA aushalten könne. Er antwortete, dass New Yorker Bier sei … ausgezeichnet und nicht so blähend und dickflüssig wie das bayrische Exportbier. Die Behauptung war eine Spitze gegen die bayerische Bier-Hauptstadt in der die braune Bewegung ihren Ausgang nahm und den Dichter ins Exil zwang. Er wurde nie heimisch in New York, sprach kaum Englisch, organisierte einen Stammtisch für geflohene deutsche Schriftsteller und brauchte reichlich Bier zum Trost. Man wird allmählich so skeptisch, daß man überhaupt alles anzweifelt und sich ganz und gar zurückzieht — oder sich sinnlos besäuft.

Foto: Bernd Michael Köhler

Für beharrliche Viel- und Dauerleser ist Biertrinken während der Lektüre ab gewisser – individuell sicher unterschiedlicher – Grenzwerte kontraindiziert. Es vernebelt die Sinne, umnachtet den einen oder anderen Hirnlappen, senkt die Konzentrationsfähigkeit, macht müde. Die situative Lesekompetenz verringert sich rapide, kontrastierend steigt die Akzeptanz von Zeitungen mit vielen Bildern und großen Überschriften. Oder das Zappen durch mittlerweile 400 bis 500 Banalkanäle in den TV-Netzen bildet die bedenkliche Übergangsphase zum hopfengeförderten Tiefschlaf.

Trösten wir uns. Die Auswirkungen sinkender Umsätze der Buch- und Bierbranchen auf unsere Volkswirtschaft und ihr Bruttosozialprodukt sind marginal. Sie werden spielend und mehrfach kompensiert durch den immer höhere Sphären erklimmenden Automobilabsatz deutscher Premium-Hersteller und den damit einhergehenden Gewinnen der sie produzierenden Konzerne. (Finanzminister, Bänker, Vorstände und Kleinanleger haben chronisch glänzende Augen.) Nicht nur die Dividenden und Prämien wachsen, auch die vierrädrigen Vehikel werden immer voluminöser.

Kommen wir so etwa einer Ursache für den steten Bier- und Buchabschwung auf die Spur? Schließlich lässt sich aktives Autolenken nur schwer mit Lektüre und Maßkrugstemmen verbinden und wird gerne verkehrsrechtlich sanktioniert. Zwar führt ein moderner SUV den Fahrer jederzeit locker durch unwegsames Gelände, im Kofferraum sind jedoch nur noch selten prall gefüllte Büchertaschen undoder Biergebinde zu finden.

Was erwartet uns demnächst jenseits von Bibliotheksstaub, Bierdunst, ZeeOzweiwolken und Stickoxydnebel?

Wann macht der Buchhändler unseres Vertrauens die Tür seines Ladens zum letzten Mal hinter sich zu? Wie lange werden die Abfüllanlagen in den verbliebenen Brauereien noch laufen? Sind die Abwärtstrends bei Bier und Buch zu stoppen?

Wir müssen es wohl mit Einstein halten und erkennen dass Prognosen schwierig sind, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.

Das war hilfreich:

bier.bayern-online.de

statista.de

Bayerischer Hinkelstein. In: DER SPIEGEL vom 27. Juni 1977

Hampson, Tim: Das Bierbuch. Brauereien Marken Biertouren. Über 1700 Biere aus aller Welt.– Dorling Kindersley, 2015

Sudeleien über das Briefeschreiben

“Briefe gehören unter die wichtigsten Denkmäler, die der einzelne Mensch hinterlassen kann.” (Johann Wolfgang Goethe)

Mehrmals im Jahr kamen Briefe aus der damaligen DDR. Von meinem Großvater. Zu Weihnachten und zum Geburtstag waren Geschenke dabei. Einmal war es der Fontane-Roman “Schach von Wuthenow”. Gedruckt im Offizin Andersen Nexö auf stark holzhaltigem Papier, das mit der Zeit brüchig wurde, erschienen bei Aufbau, Ostberlin und Weimar. Bedankt habe ich mich, wenn überhaupt, mit nichtssagender Postkarte, für die ich mir ein, zwei müde Floskeln abringen musste. Fontane und seine Werke blieben viele Jahre unbeachtet. Ich verschlang Karl May und suchte mit Perry Rhodan eine bessere Welt im All. Als ich anfing gerne und ausführlich Briefe zu schreiben, lebten meine Großeltern schon nicht mehr. Und bis zur eigenen Fontane-Lektüre vergingen weitere Jahre.

Theodor Fontane ist einer der großen Epistolographen (so nennt die Wissenschaft eifrige Briefschreiber) der deutschen Literatur – stilistisch und quantitativ. “Der Ehebriefwechsel” mit seiner Emilie umfasst in einer wissenschaftlich kommentierten Ausgabe drei Bände mit 2.400 Seiten. 570 Briefe wurden aufgenommen und ausgewertet. Besonders schön und bewegend ist der Schriftverkehr mit seiner Tochter Martha. Die ausgebildete Lehrerin blieb lange unverheiratet, ein Makel für Frauen im 19. Jahrhundert. Deshalb hoffte der Vater, das “ein angenehmer deutscher Jüngling, ein Amtsrichter, ein Doktor, ein Oberlehrer, selbst ein Pastor“ um sie freien möge und tröstete: “Meine liebe Marthe, Warte, warte, warte, Du kriegst noch einen Mann.” Erst nach dem Tod des Vaters, 1899, heiratete sie, inzwischen 48-jährig, einen Witwer.

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Von Goethe sind mehr als 15.000 Briefe bekannt, die sich an über 200 verschiedenen Aufbewahrungsorten befinden. Besonders gefühlvoll und persönlich sind jene, die er von seinen zahlreichen Reisen an seine Geliebte und spätere Ehefrau Christiane Vulpius verschickte: “Behalte mich ja lieb! Denn ich bin manchmal in Gedanken eifersüchtig und stelle mir vor: daß Dir ein andrer besser gefallen könnte, weil ich viele Männer hübscher und angenehmer finde als mich selbst. Das mußt Du aber nicht sehen, sondern Du mußt mich für den besten halten, weil ich Dich ganz entsetzlich lieb habe und mir außer Dir nichts gefällt.”

Von Thomas Mann kennt man 35.000 und von Hermann Hesse etwa 18.000 Schreiben. Es werden sehr viel mehr gewesen sein, nicht alle blieben erhalten, sie gingen im Krieg verloren oder wurden aus verschiedensten Gründen von den Empfängern vernichtet. Ernst Jünger hat es im 20. Jahrhundert während 80 Jahren auf rund 60.000 Briefe gebracht. Und so etwas dürfte inzwischen nicht mehr allzu oft vorkommen, schon gar nicht in Papierform: Peter Härtling erhielt zum Kinderbuch “Das war der Hirbel”, das 1973 erschien, an die 17.000 Zuschriften von Lesern.

Goethe und seine Sekretäre schrieben mit einer angespitzten Gänsefeder, die in Tinte getaucht wurde. Im 18. Jahrhundert noch ein aus Holzkohle gewonnener “Blister.” Das für gewöhnlich sehr unsaubere Schriftbild wurde mit Löschsand getrocknet. Im Museumsladen der “Weimarer Klassik” gibt es für Besucher eine nachtschwarze “Tinte Goethe” zu kaufen, die allerdings mit den Zubereitungen und Mischungen, die der Dichter verwenden musste, nur gemein hat, dass man damit schreiben kann. Wer heutzutage von Hand schreibt, benutzt vielleicht noch bei besonderen Gelegenheiten den Füll-Federhalter, der am ehesten dem tierischen Werkzeug früherer Zeiten ähnelt.

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Ich war überrascht, dass Briefe im 19. Jahrhundert gar nicht so lange unterwegs waren, wie erwartet. 1830 brauchte ein Brief von Weimar nach Berlin günstigstenfalls zwei Tage, von Deutschland nach Schottland etwa zwei Wochen. Regelmäßige Postrouten gab es jedoch nur zwischen den großen Städten; regional und lokal war man auf Boten angewiesen. Wenige Jahrzehnte später erschlossen ein immer dichter werdendes Schienennetz und die für Zeitgenossen erschreckend schnellen Dampfzüge ganz neue Dimensionen der Post- und Stückgut-Beförderung.

Der Briefversand kam den Absender dereinst teuer. Um 1820 kostete z. B. ein Brief von Weimar nach Kassel zweieinhalb Groschen, nach Hamburg fünf Groschen. Zum Vergleich: Ein Brathuhn bekam man für dreieinhalb Groschen; heute bezahlt man dafür etwa vier bis fünf Euro, während der Standardbrief sich zu Beginn dieses Jahres auf 70 Cent verteuerte. Doch zu glauben, der Austausch von Geschäftlichem oder Intimitäten wie längst üblich per E-Mail, SMS, Twitter, Facebook und anderer gerade angesagte Messenger, sei gratis, ignoriert, dass die benötigte Hard- und Software, sowie eine leistungsfähige Internet-Anbindung, sehr wohl mit erheblichen Kosten verbunden sind.

Briefe konnten schon immer ganz einfach “die gemeinsten Klatschereyen” sein, wie Goethe am 24. Dezember 1806 an seinen Verleger Cotta schrieb oder viel mehr. “Kunterbunte Nachrichten” kamen von Joachim Ringelnatz aus Berlin. Der Dichter und Kabarettist schrieb sie an Leonharda Pieper, die er 1920 heiratete und der er den Spitznamen “Muschelkalk” gab. Eine Auswahl dieser äußerst originellen, witzigen, zärtlichen Briefe sind jüngst in einer schmalen, liebevoll gestalteten Broschüre der bibliophilen Friedenauer Presse erschienen. Eine der schönsten, gleichzeitig kürzesten Brief-Editionen, die mir untergekommen sind. “Und nun gehe ich allein ins Bettchen und träume von Dir, meinem geliebten Muschelkalk. Ach, manchmal wär’s doch schöner, fern von anderen Menschen zu zweit zu leben, aber nur manchmal. Gute Nacht! Gute schöne Nacht!”

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Von ganz anderem Charakter sind Bettelbriefe, mit denen die Kinder der Manns von ihren Unternehmungen und Ausflügen die wohlhabenden Erzeuger zur finanziellen Förderung ihrer Eskapaden und des aufwändigen Lebensstils anhielten. Allen voran Michael Mann, 1919 geborenes jüngstes von sechs Kindern, der zwar in Briefen an die Mutter behauptete, er lebe eigentlich “garnicht unsparsam”. Nur entstünden halt “so vieeele, viele schoiiissliche Uunkooosten.” Ein anderes Mal sind es 100 Schweizer Franken, die dringend und extra benötigt werden, weil “ … da bin ich halt wieder etwas in Schulden geraten.” Mal gerät er wegen seines kranken Hundes, dann wieder wegen eines überteuerten Autokaufs in finanzielle Kalamitäten. Der Bittbrief an die oft zerknirschte, meist nachgiebige Mutter, verschaffte Luft.

Noch einmal zurück zu Johann Wolfgang Goethe. Er ist 25 Jahre alt, als 1774 sein “Werther” erscheint. Nicht nur für mich sind “Die Leiden des jungen Werthers” eines der eindrucksvollsten Werke der Klassik überhaupt und gleichzeitig einer der absoluten Höhepunkte der Gattung Briefroman. Bereits 1771 hatte Sophie von La Roche für ihre “Geschichte des Fräuleins von Sternheim” diese Form gewählt, nebenbei einer der wenigen von einer Frau verfassten Romane jener Zeit, der unter dem Namen der Dichterin erschien. Einen sehr unterhaltsamen Versuch das Genre auf Kommunikationsformen unserer Zeit anzuwenden, unternahm vor 10 Jahren Daniel Glattauer. Seine originelle Liebesgeschichte “Gut gegen Nordwind” besteht ausschließlich aus E-Mail-Dialogen und erzielte als Überraschungserfolg des Buchmarktes hohe Auflagen.

“Hier hast Du wieder einen kleinen Vorrat Briefpapier, nütz es fleißig für mich, Deine Liebe und der Himmel mache, daß in einigen Monaten nur Gutes und Erfreuliches darauf zu lesen stehe! … Adieu, mein süßes Herz!” (So ermunterte Eduard Mörike im März 1830 seine Verlobte Luise Rau.)

Der Brief kann ein langes, ausführliches Gespräch sein oder dieses ersetzen. Nicht selten dient er der Selbstvergewisserung des Schreibenden. Er kommt als schlichte Mitteilung daher, berichtet von Erfolgen und Niederlagen, Ankunft und Abschied, Geburt und Tod. Briefe können eine zarte Annäherung einleiten und barsch die Trennung verkünden. Jeden handgeschriebenen Brief begleitet die besondere Aura des Eigenhändigen. Das Papier, von der Geliebten berührt, die Erotik der Übermittlung sinnlicher Gedanken, die Handschrift des fernen Freundes oder Verwandten, ein Hauch von Duft, über weite Strecken mitgereist, gerade noch wahrnehmbar.

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Für Forscher verschiedener Disziplinen sind Briefe und Tagebücher wertvolle historische Quellen. Durch sie erfahren sie vom Alltag der Menschen früherer Zeiten, über die Lebensweisen, Sorgen, Probleme, familiären und beruflichen Verhältnisse. Um die Quellen künftiger Generationen und Zeitalter wird es weniger gut bestellt sein. Sie werden große Lücken aufweisen. Denn mit deren Sicherung oder digitalen Langzeitarchivierung ist es nicht weit her. Es gibt einige Projekte von Bibliothekaren, die sich um Lösungen bemühen, konkrete konsistente, breit einsetzbare Konventionen sind bisher nicht entstanden. So darf man besorgt fragen, wie wohl der Nachlass unserer jungen Schriftsteller und Schriftstellerinnen aussehen mag, den sie in Jahrzehnten dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach oder ähnlichen Einrichtungen hinterlassen können?

“Im Allgemeinen verfiel die Briefkultur im 20. Jahrhundert merklich, verstärkt seit der Massenverbreitung der Telekommunikation. Eine Tendenz zu kürzerem Ausdruck und Versachlichung, wie auch in der E-Mail spürbar, lassen ein ausführliches Erzählen und Beschreiben in Briefform zurücktreten.” (Der Brockhaus Literatur)

Von einer Tendenz zur Versachlichung kann meiner Ansicht nach keineswegs die Rede sein. Die kurze, vor allem aber völlig unverbindliche Form dieses “Austausches” in Netzwerken und Foren hat in den letzten Jahren u. a. eine penetrante Flut von Polemik, Hetze und Auswurf erzeugt. Dafür mussten wir Begriffe wie “shitstorm” in unser Vokabular aufnehmen. Dass es möglich ist, dergleichen unter dem Deckmantel der Anonymität abzusondern, ohne mit eigenem Namen und Ruf dafür gerade stehen zu müssen, ist eine besonders traurige Entwicklung.

Wenn ich heute Briefe schreibe, dann selten handschriftlich. Ich stelle fest, dass es schon nicht mehr ganz leicht und locker gelingt. Das Schriftbild ist nicht immer das schönste, Verschreiber schleichen sich ein, die, verwendet man die Tastatur des Computers, ja so leicht zu korrigieren sind. Längeres händisches Schreiben mit Stift auf Papier beginnen wir zu verlernen. Auf der PC- oder Laptop-Tastatur tippe ich meine Briefe in Form von E-Mails, manchmal als Word-Dokumente, die kann man ansprechend formatieren und ausdrucken. Gerne nehme ich dafür ein gutes Papier und Umschläge von besserer Qualität. Manchmal schreibe ich Freunden und Bekannten mit einiger Begeisterung von meinen Fontane-Lektüren, wohl wissend, dass dieser Enthusiasmus nicht oft geteilt wird.

Sudeleien. Oktober 2015

Über die Buchhandlung vor Ort

* * *

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Zur Frankfurter Buchmesse werde ich in diesem Jahr nicht fahren. Ich bleibe daheim und verzichte auf das Wandern von Stand zu Stand bis die Füße schmerzen, spare mir das Kauderwelsch der Sales und Key Account Manager in Schwarz, trage weder Prospekte noch Leseproben umher in die man später nie wieder reinschaut, schleime nicht mit Leuten rum denen ich sonst aus dem Weg gehe, werde beim Essen, Trinken und Übernachten nicht gnadenlos abgeneppt.

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Und ich vermeide das Allerschlimmste: Dass ich tagelang überhaupt nicht zum Lesen komme, zu keiner Zeile aus einem der vielen neuen und alten spannenden, interessanten, diskussionswürdigen Bücher. Nach der Messe würde es ja auch nicht gleich besser, denn noch geraume Zeit leidet man an Symptomen des Frankfurt Fairlag, wie Konzentrationsmängeln, Kaffeesucht, Heiserkeit und Verzweiflung. Ich bleibe daheim und lese. Und wenn ich das Haus verlasse, dann führt mich der Weg direkt in eine der bunten Buchhandlungen meiner näheren und weiteren Umgebung.

Am 17. September wurden erstmals „Deutsche Buchhandlungspreise“ vergeben. In der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt verlieh die Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters Auszeichnungen und Geldprämien an 108 Buchhändlerinnen und Buchhändler. Natürlich geht so etwas nicht ohne wohlfeile Lobreden. Während der Lyriker und Leipziger Buchpreisträger Jan Wagner mit sehr persönlichen Abschweifungen über seine Kinder- und Jugenderfahrungen im heimischen Buchladen und seine literarische Sozialisation gut unterhielt, gelangen Verleger und Autor Jo Lendle leider nur Allgemeinplätze und Klischees Marke “Ihr habt alle gewonnen!”.

Seine Kernaussage “Was Buchhändler können, können nur Buchhändler” ist besonders albern, drückt sie doch die Selbstverständlichkeit aus, dass Menschen die einen Beruf in einer mehrjährigen Ausbildung erlernt haben, diesen anschließend einigermaßen beherrschen. So dürfte es in den meisten Fällen zutreffen, dass ein Klempner nur kann was ein Klempner, ein Augenoptikerin nur was eine Augenoptikerin und ein Ökotrophologe nur was ein Ökotrophologe können kann. Oder vielmehr können sollte, denn Minderbegabte gibt es in allen Sparten, weshalb nicht jeder Buchhändler, jede Buchhändlerin als ausgewiesener Multiplikator literarischer Hochkultur durchgeht.

Leicht zu erkennen sind die starken Kontraste in der Gilde. Thalia und Hugendubel haben Filialnetz und Flächen verkleinert, die Niederlassungen von Weltbild sind bald völlig verschwunden, mit ihnen und ihren Mitarbeitern wurde ein übles Spiel inszeniert. Gleichzeitig verzeichnet Amazon weiteres Wachstum und der i-man wird in Zukunft angeblich nur noch digital lesen. Steht das endgültige Ende des klassischen Buchhandels in Ladenform etwa unmittelbar bevor? Wurde gar der Untergang von Abend- und Morgenland eingeläutet, wie Verbands-Orakel verkünden?

Keineswegs. Lernen wir einfach aus der Natur. Was zu alt, zu groß, zu träge geworden ist, stirbt ab oder aus. Die gern zitierten Dinosaurier wurden so Prähistorie und irgendwann wird ebenso unvermeidlich der Mensch samt seiner ganzen -heit vom Planeten verschwinden. Und keiner wird danach da sein, um dieses Ereignis in die Geschichtsbücher nachtragen zu können. Die Megalithen der Realwirtschaft haben mit diesen Naturphänomen allerhand Gemeinsamkeiten. Solche evolutionären Prozesse sind quasi Vorraussetzung für immer wieder neue kecke Pflänzchen die zum Lichte drängen. Allerorten und zu allen Zeiten entsteht zartes junges Leben, nutzen mutig frische Gene und Schöpfungsideen entstandene Nischen und Zukunftschancen.

So ergeht es auch der Spezies Buchhandel. Über viertausendsiebenhundert selbständige inhabergeführte Buchhandlungen gibt es nach wie vor in Deutschland, und in Berlin, Köln, München und Hamburg, ja sogar in entlegenen, nur scheinbar verschlafenen Provinznestern, ist in den letzten Jahren die eine oder andere Neugründung hinzugekommen. Darüber hinaus gelingt es immer wieder quicklebendigen Alteingesessenen sich neu zu erfinden, mit belebenden Frischzellenkuren den Veränderungs- und Anpassungszwängen gewachsen zu sein. Das zu beobachten ist erfreuend und gibt reichlich Anlass zu ermutigender Zukunftshoffnung.

Ich finde, jeder Ort über, sagen wir einmal 5.000 Einwohner, jeder Stadtteil, jedes Viertel, jeder Kiez sollte mindestens eine Buchhandlung haben. Zur Grundversorgung für ein Leben als Ganzes gehört eben nicht nur der mühsam gepeppelte Tante-Emma-Laden oder die sehnlich erwünschte ärztliche Dorfpraxis, die alte Hebamme und der verhockte Dorfkrug. Dazu zählt für mich, und den einen oder die andere, eine gut sortierte Buchhandlung. Wohlgemerkt: Eine gut sortierte. Also mit einem Angebot das über Bestseller-Listen und Leichtgängiges hinaus einen gewissen Kanon pflegt, den literarischen Nachwuchs fördert und die klassische Dichtung nicht vergisst. Es geht um die Vermittlung von kulturellem Allgemeingut, verbindenden Bildungsuntergrenzen, wohltuendes Vomselbenredenkönnen.

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Kurzum, quicklebendige Buchhandlungen abseits der großen Tiefgaragen und Parkhäuser, der angesagten Modelabel-Quartiere, der Hautpsachegesehenwerden-Meilen und der ChickenFrittenBurger-Ballungen. Klar, eine Buchhandlung die das aufgeschlossene, geschichten- und wissensgierige bunte Gemeinwesen drumherum mit Literatur versorgt, Leseförderung betreibt, Veranstaltungen iniziiert, Bildung fördert und zum beliebten Treffpunkt avanciert, fällt nicht vom Himmel. Um ein solches Angebot vor Ort und bürgernah auf die Beine zu stellen, braucht es mehr als willige Buchhändler, die zu allen Formen der Selbstausbeute bereit sind. Nötig sind Förderung und Fantasie, die über ermäßigten Mehrwertsteuersatz, Buchpreisbindung und Buchhandlungspreis hinausgehen.

Warum nicht in praktizierter Public Private Partnership als Untermieter im Rathaus oder zu günstigen Konditionen in anderen kommunalen Einrichtungen. Natürlich kann bei reichlich vorhandenen Quadratmetern auch selbst untervermietet werden. Das Beispiel Cafè im Buchladen gibt es ja schon vielfach, doch ist damit schon die Grenze der Vorstellungskraft erreicht? Es muss ja nicht gleich ein Spielcasino sein. Für Schwimmbäder, Büchereien, Kunstgalerien werden Fördervereine gegründet, warum nicht für eine Buchhandlung? Oder gleich eine Genossenschaft – Leser und Buchkäufer als Eigentümer.

Nicht selten ist auch das Modell Sortimentserweiterung, schließlich gibt es im gutsortierten Supermarkt Bücher, warum sollen neben den Kochbüchern denn keine Suppenwürfel angeboten werden? Schreibwaren, Spielzeug sind als Ergänzung nicht neu, nur sollten diese Läden konsequenter bei den Einkäufen von Schulen, Kindergärten und Behörden berücksichtigt werden. Nein Geiz ist gar nicht geil, eine gesunde lokale und regionale Wirtschaftsstruktur ist es, die allen gut tut. Die Erwerbungsmittel der öffentlichen Bibliotheken gehören drastisch aufgestockt, ohnehin in einig D längst überfällig, verbunden mit der Auflage “buy local!”, zu deutsch könnte man auffordern: “Kauf’ beim Nachbarn!”.

Nein ich fahre nicht nach Frankfurt am Main. Ich bleibe an der Donau. Nächste Woche bin ich, wenn nicht unter gewohnter Adresse, dann vor den Regalen oder auf dem Sofa meiner Buchhandlung um die Ecke. Beim Anschmökern und Wiedereinmalnichtentscheidenkönnen. Und so geht es irgendwann zurück in den heimischen Lesesessel mit viel zu vielen Neuerwerbungen, doch befreit von der Angst, der Lesestoff könnte demnächst ausgehen oder Geliebtes nicht zur rechten oder linken Hand bequem greifbar sein. Mit Lese-, Muse- und Abendstunden vor mir, voller Möglichkeiten.

Durs Grünbein hat es treffend formuliert: “Ich kaufe ja Bücher nicht, weil ich sie alle benötige, sondern weil ich mir ausmale, wie herrlich es sein wird, sie demnächst – sagen wir: eines Tages, zu lesen.”

Sudeleien. Ende September 2014

Von Wortschätzchen und allerhand bedrohten Arten

„Ich sauge den Sommer in mich ein wie die Wildbienen den Honig,“ sagte sie. Ich sammle mir einen großen Sommerklumpen zusammen, und von dem werde ich leben, wenn es nicht mehr Sommer ist.“ (Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter)

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Oder: Wir lesen einfach durch bis der Frühling zurückkommt.

Schwer erträglich, und nicht selten schmerzhaft fürs Sprachempfindungs-Organ: das sogenannte Denglish der unermüdlich schiefe Metaphern und verquere Phrasen auswerfenden Sprachknechte unserer schillernden Konsumwelt: „Der alpenfrische Schüttel-Shake“, „Live Cooking“, „Don’t call it Schnitzel“, „Content ist King“. – Willkommener sind da jene Fremdlinge aus anderen Sprachräumen, denen es gelingt im Deutschen heimisch zu werden weil sie unsere Ausdruckmöglichkeiten erweitern und zu größerer Genauigkeit von Formulierungen beitragen. Hin und wieder stößt man recht unvermutet auf solch ein kleines Sprach-Schätzchen, das man dann gerne behalten möchte. Der amerikanischen Schriftstellerin Donna Tartt verdanke ich indirekt die Entdeckung eines solchen, für mich zu diesem Zeitpunkt neuen Lehnwortes aus dem Englischen.

Donna Tartt versteht es, sich und ihr Werk zu inszenieren. Auf Fotos sieht man sie stets in Schwarz und als hochstilisierte Kunstfigur. Ihre Romane, die zu großen Teilen handschriftlich in der New York Public Library entstehen, erscheinen in großen zeitlichen Abständen und sind sehr umfangreich. Die „Geheime Geschichte“ erschien zu Beginn der 1990er Jahre. Anfangs skeptisch, war ich nach und nach immer begeisterter. Ein großes Epos, figurenreich, erzählerisch weit ausholend, sprachlich von außergewöhnlicher Könnerschaft, mit fesselnden Spannungselementen ohne Kriminalroman zu sein. Das zweite Buch – „Der kleine Freund“ – besticht zunächst ebenfalls dank epischer Kraft, entpuppt sich mit steigender Seitenzahl leider als eine etwas schwerfälligere Lektüre. Der neueste Roman heißt „Der Distelfink“, erschien im Frühjahr auf Deutsch und es war klar, dass ich ihn irgendwann lesen würde. (Habe ich, Stand heute, noch nicht.)

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Zunächst forschte ich nach professioneller Einschätzung und fand eine Rezension von Jane Shilling im britischen „New Statesman“, der normalerweise nicht zu den Wochen-Blättern gehört, die ich regelmäßig verschlinge; das verhindert schon die begrenzte englische Sprachkompetenz. So kann es halt passieren, wenn man sich dem großen Suchmaschinen-Bruder anvertraut, ohne wirklich zu wissen, wo man im Weltweitnetz hin möchte. Jedenfalls bespricht Frau Shilling vorrangig den „Distelfink“, den sie in höchsten Tönen lobt und kommt in diesem Zusammenhang auch noch einmal auf den Vorgänger „The Little Friend“. Den fand sie nicht so doll: „This … was a protracted essay in Gothic suspense, set in the American South with a bookish 12-year-old heroine…“

Bookish! Das gefiel mir. Dieses Wort wollte ich in meinen Thesaurus aufnehmen. Es schien mir passend; wobei ich nicht wirklich beurteilen kann, inwieweit für Frau Tartt, bzw. ihre junge Heldin, auf jeden Fall aber für mich. So bin ich zweifellos: Ein klein wenig bookish! Das meint etwas anderes als bibliophil. Die Bedeutung der deutschen Begriffe Bücherfreund und Büchernarr ist vielleicht darin enthalten. Doch ist es als Adjektiv oder Adverb sehr viel flexibler und treffender verwendbar. Probleme ergeben sich allenfalls mit den Steigerungsformen. Vorausgesetzt bookish ist überhaupt steigerbar, wäre es so wahrscheinlich korrekt (Einwände von Anglisten nehme ich jederzeit gerne entgegen): Bookish, more bookish, most bookish. Und jetzt – mit dem Ausklingen des Sommers – kommt die Zeit des Jahres, die nicht nur mich most bookish macht.

Mit abnehmender Tages-Helligkeit und steigender Nebel, geht die Zahl der Neuerscheinungen ihrem jährlichen Höhepunkt entgegen, schicken die Verlage ihre Auflagenbringer auf lange Lesereisen, nahen die groß inszenierten Verleihungen des Deutschen Buchpreises und des Nobelpreises für Literatur.

indexDie Bücher der sechs auf der Shortlist für den Buchpreis nominierten Autorinnen und Autoren habe ich angelesen. Obwohl sicher einiger Proporz im Spiel ist steht keines zu Unrecht auf der Liste. Am besten gefallen – und in dem Buch habe ich mich auch festgelesen – hat mir „Kruso“ von Lutz Seiler. Einer der sogenannten Wenderomane. Im Mittelpunkt steht eine hermetische Gemeinschaft von Personen auf der Insel Hiddensee, die das DDR-Festland verlassen haben, weil sie mehr oder weniger ausgegorene Fluchtpläne hegen. Zunächst einmal sind sie an der Ostseeküste gestrandet und arbeiten am Rande der Legalität in der Insel-Gastronomie. In hochpoetischer Sprache und mit Mitteln leichter Mystifizierung setzt Seiler all jenen ein literarisches Denkmal, denen die Flucht übers Meer nicht gelang oder die dabei umkamen.

Ginge es nach Martin Olczak würde es wohl keinen Literatur-Nobelpreis mehr geben – aus Mangel an Juroren. In seinem Krimi „Die Akademie-Morde“ lässt der schwedische Autor nach und nach die meisten Mitglieder des Nobelpreis-Komitees meucheln. Eine Geschichte die aus dem längst unüberschaubaren Angebot nordeuropäischer Kriminalliteratur etwas hervorsticht. Trotz zahlreicher Toter wird auf die sonst übliche reiserisch überzogene Brutalitäts-, und Sex-Darstellung verzichtet. Neben dem originellen Sujet bekommt der Leser ein interessantes multiethnisches Personal geboten.

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Immer bookish: Denis Scheck

Menschen die bookish sind können nicht ohne Bücher sein. Genauer: Wer bookish ist kann nicht ohne Literatur in gedruckter Form sein. Rezept-Sammlungen und Yoga-Anleitungen werden die Leidenschaft wohl weit weniger befriedigen als umfangreiche Romane, klassische Anthologien oder schön gestaltete und hochwertig produzierte Lyrik-Bände. Menschen die sich als bookish bezeichnen würden („outen“ wäre hier sehr passend), sind ihrer Leidenschaft bedingslos verfallen und durch nichts davon abzubringen. Sie gehen nie ohne Buch aus dem Haus. Bücher sind ständige Begleiter bei Tag und in der leselampenerleuchteten Nacht. Jede Lebenslage ist willkommenes Alibi für den Griff zum Buch. Sie lesen im Sitzen, Stehen und Liegen, zu jeder Uhrzeit, an jedem Platz. Sie kommen an keiner Buchhandlung vorbei, keinem Antiquariat, keiner Ramschkiste auf einschlägigen Flohmärkten. Diese Besonderlinge lesen in (gedruckten) Tageszeitungen zuerst die selten gewordenen Literaturseiten und gleich danach das Feuilleton. (Es soll Ausnahmen geben, die mit dem Sportteil anfangen und trotzdem bookish sind!)

Offene Fragen bleiben. Kann man mit eBooks bookish sein? Wie nennt man es wenn man verrückt nach Zeitungen ist? Paperish? Mit den riesenformatigen Tageszeitungen und den damit einhergehenden druckfarbenschwarz gefärbten Händen geht es ernsthaft zu Ende. Das gestand in einer umfangreichen Analyse die selbst betroffene, traditionsreiche Frankfurter Allgemeine Zeitung.

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In Anlehnung an eine bekannte Werbe-Unterstellung drängt sich abschließend die Frage auf: Sind wir nicht alle ein bisschen bookish? Keineswegs. Nur noch schmale 5 Prozent der erwachsenen deutschen Bevölkerung lesen regelmäßig Bücher – musste ich neulich lesen. Wenn man in Bus, Zug oder Straßenbahn unterwegs ist, wird deutlich warum. Die meisten Zeitgenossen haben gar keine Hände mehr frei für das greifbare Kulturgut. An der menschlichen Hand evolutioniert sich zunehmend das Smartphone zum dominanten Glied. Mitbürger die bookish sind, geblieben sind, bilden längst eine Minderheit, beängstigend in ihrem Bestand bedroht. Sie unter besonderen Schutz zu stellen, wie seltene Pflanzen oder Tiere, dürfte der schleichenden Dezimierung wohl kaum Einhalt gebieten.

Doch noch fallen sie gelegentlich auf. Wirken auf Jene, die für kurze Zeit verstört vom Display aufblicken schrullig, seltsam analog. Sei’s drum und jetzt erst recht: Be foolish. Stay bookish!

Die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2014.

Sudeleien. Anfang März 2014

Frühblüher, Biller und der doppelte Leo

Einer der ersten Märztage. Frühlingsahnen in Wald, Wiese und Vorgärten. Es geht dem Abend zu. Der süddeutsche Himmel wechselt gemächlich seinen Farbton. Aus strahlendem Hell- wird tiefes Dunkelblau, wenig später Nachtschwarz. Auf der CrossOver-Welle Bayern 2 singt Carmen Consoli von „Fiori d’arancio“ (Orangenblüte). Nach einem sonnenreichen Frischlufttag im Westallgäu zurück in der kleinen Großstadt, staune ich einmal mehr über das eindrucksvolle Blätterwachstum auf dem deutschsprachigen Zeitschriftenmarkt. Während vor allem die täglich erscheinenden, gedruckten Zentralorgane unserer Presselandschaft, längst im Spätherbst ihrer Gutenberg-Existenz angekommen, dem Siechtum durch Flucht in digitale Parallelwelten zu entkommen versuchen, sprießt es heftig und bunt am guten alten Kiosk.

Geradezu inflationär sind Titel-Kreationen mit einem etwas schwammigen Begriff, der wohl irgendwelche halbgaren Sehnsüchte weckt: „Land“. Den Kombinations-Phantasien der Verlags-Kreativen sind keine Grenzen gesetzt. So entdecken wir die metaphysische „Landidee“, den ins mystische verweisenden „Landzauber“, oder bodenständigere Varianten wie „Land der Berge“ und „Land und Forst“. Zwölfmal jährlich grüßt uns „Servus in Stadt & Land“, deren aktuelle Ausgabe – ganz am Puls des Frühlings – verspricht: „Alles erwacht.“ Für den naturnahen Junkie erscheint regelmäßig die „Landapotheke“. Wer bei „Landlust“ an die flotten Mädels vom aktuellen „Bäuerinnen-Kalender“ denkt, liegt völlig falsch. Ob es Schmusekater gibt, die ihrer Heidi ein Jahresabo von „Geliebte Katze“ zum Jahrestag schenken, bleibt offen. Der Titel „Sauen“ hingegen ist deutlich genug, es sei denn schwäbisches Kundenpotential denkt dabei an forciertes Joggen.

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Katze vor Frühlingsboten

Unter den wohlgestalteten Werbeträgern besonders reichhaltig vertreten ist die mundgerechte Kategorie „Essen und Trinken“. Wer nach dem Durchblättern von „Sauen“ wissen möchte, was aus eben diesen werden kann, erfährt es zum Beispiel in „Kochen und Genießen“, „La Tavola“ oder in der schlicht deutlichen „beef!“, die mit ihren sechs Ausgaben pro Jahr Leser und Gaumen erfreuen möchte. Das fleischlose Glück versprechen „Vegetarisch Fit“ und „Kraut & Rüben“. Wenn dennoch etwas schief geht, hilft der „Naturarzt“. Auf falsche Fährte führt „Filethäkeln“. Der Titel hat absolut gar nichts mit besonders feiner Fleischzubereitung zu tun, sondern gehört aufs weite Feld der Handarbeits-Journale, deren reiche Vielfalt die große Zahl jener Zeitschriften ergänzt, die traditionsreich seit gefühlten Jahrhunderten mit anmutigen Frauennamen von Brigitte bis Verena treue Käuferinnenschichten finden.

Für die nächsten Monate ist weiterer Zuwachs in den Auslagen gut sortierter Bahnhofsbuchhandlungen und den Sortimenten breit aufgestellter Lesezirkel zu erwarten. Wie man hört stehen diese Titel unmittelbar vor der Markteinführung: „LandFlucht“, „Mark und Bein“ „Dinkel und Bohne“, „Vegan im Alter“, „Mein Fleisch & ich“. Fordern Sie heute noch Probeexemplare bei den herausgebenden Verlagen an!

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Frühlingsboten vor Hintergrund

Dem aller Unhandlichkeit zum Trotz auflagen-erfolgreichen Wochenblatt „Die Zeit“ konnte ich neulich entnehmen, dass dem notorischen Konfliktsucher und Möchtegern-Großschriftsteller Maxim Biller der deutschsprachige Schreiber-Nachwuchs zu lau ist. Weil bildungsbürgerlich mittelschichtig verweichlicht, weil mit verwechselbarem Geruch der Nachwuchsdichter-Ställe in Leipzig und Hildesheim, weil themenschwach und faden Einheitsbrei erzeugend. Dem zeternden Gelegenheits-Romancier fehlt das Migrantische, das frisch Reingeschmeckte, das radikal-würzige Junggemüse von Balkan, Balaton und Baikal.

Nur so aus dem Bauch heraus und ohne Anspruch auf Vollständigkeit habe ich daraufhin ein paar Namen aneinander gereiht:

Terézia Mora, Sasa Stanisic, Olga Grjasnowa, Ilija Trojanow, Olga Martynova, Lena Gorelik, Vladimir Vertlib, Julya Rabinowich, Catalin Dorian Florescu, Selim Özdogan, Hilal Sezgin. (Links spare ich mir. Alle hier aufgeführten sind leicht im Netz und auf den entsprechenden Buchhandels-Plattformen zu finden. Dort erfährt man Näheres über ihre Herkunft, sprachliche Sozialisation und bis heute publizierten Werke.) Dem von eigenen Zweifeln freien, nur gelegentlich von lästiger Justiz behinderten Erfolgsschriftsteller Biller schlage ich vor, mit einem Buchhändler seines Vertrauens, wahlweise einem beschlagenen Komparatisten, über diese und andere Namen ins Gespräch zu kommen. Ein Zugewinn an Erkenntnis ist ihm sicher. (1)

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Hier wirkt der LandMann. („Er setzt seine Felder und Wiesen in Stand.“)

Was, außer Bauern im Außeneinsatz, im Märzen sicher kommt, ganz gleich ob die Landschaften bereits blühen oder noch von Schnee und Eis bedeckt sein werden wie im letzten Jahr, das ist die Leipziger Buchmesse. Und damit die schönsten Frühlingsboten aus der Dichter poetischen Gärten im Wettstreit um den Preis der Leipziger Buchmesse. In der Kategorie Belletristik stehen diese Titel – und nach ersten Eindrücken meine ich: durchaus zu recht – auf der Short-List:

Sasa Stanisic, Vor dem Fest (Luchterhand): Geschichten, Mythen und Legenden aus dem Heimatarchiv eines Dorfes. Kraft- und phantasievolle Erzählung.

Per Leo, Flut und Boden (Klett-Cotta): Der Historiker Leo verarbeitet die eigene Familiengeschichte zum Roman. Licht und Schatten deutscher Vergangenheit werden dabei differenziert betrachtet.

Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther (Suhrkamp): „Was es bedeutet, die Spuren einer verzweigten Familie zu sichern, wenn nichts sicher ist, außer dem Verschwinden, davon wird hier erzählt…“ (Verlagstext). Ein weiterer erzählender Ost-Import auf dem deutschen Buchmarkt. Bachmann-Preis 2013.

Fabian Hischmann, Am Ende schmeißen wir mit Gold (Berlin Verlag): Noch ein Debütant. Eine junge Stimme die sich an das bewährte Genre des weit ausholenden Familienromans wagt. Im Stil noch etwas unreif.

Martin Mosebach, Das Blutbuchenfest (Hanser): Es mag viele Gründe geben Mosebach nicht zu mögen, aber literarisch hat er mit diesem Buch einen Glanzpunkt gesetzt. Sein Frankfurter Gesellschaftsroman vor dem Hintergrund des Balkankrieges, ist das Werk eines reifen, erfahrenen Autors.

Bei der Online-Wahl des Publikumspreises habe ich mich für „Flut und Boden“ von Per Leo (2) entschieden. Natürlich aus Interesse am Thema und nach den Eindrücken einer Leseprobe, hauptsächlich jedoch aus einem etwas kuriosen Grund, der mit dem Namen des Autors zu tun hat. Vor einiger Zeit habe ich die familienbiographischen Aufzeichnungen „Haltet Euer Herz bereit“ des Berliner Journalisten Maxim Leo (3) gelesen. Die ostdeutschen Lebensläufe von drei Generationen Leos werden in diesem Buch sehr eindrucksvoll beschrieben. Und ich habe mich gefragt, haben diese beiden schreibenden Leos etwas miteinander zu tun? Gibt es da Verwandtschaft oder ähnlich Verbindendes? Ich bin noch nicht dahintergekommen und nehme entsprechende Hinweise gerne entgegen.

Mehr über Menschen und Bücher rund um die Leipziger Messe- und Literatur-Tage gibt es in der zweiten Märzhälfte hier auf con=libri.

(1)  Wille, A. T.: Die Osterweiterung der deutschen Literatur. – Würzburg : Kaiserbuden & Altfrau, 2014 oder 15 (in print)

(2)  Leo, Per: Flut und Boden. – Klett-Cotta, 2014

(3)  Leo, Maxim: Haltet Euer Herz bereit. – Heyne, 2011 (Originalausg. bei Blessing, 2009)