Sudeleien über das Briefeschreiben

15. Januar 2016

“Briefe gehören unter die wichtigsten Denkmäler, die der einzelne Mensch hinterlassen kann.” (Johann Wolfgang Goethe)

Mehrmals im Jahr kamen Briefe aus der damaligen DDR. Von meinem Großvater. Zu Weihnachten und zum Geburtstag waren Geschenke dabei. Einmal war es der Fontane-Roman “Schach von Wuthenow”. Gedruckt im Offizin Andersen Nexö auf stark holzhaltigem Papier, das mit der Zeit brüchig wurde, erschienen bei Aufbau, Ostberlin und Weimar. Bedankt habe ich mich, wenn überhaupt, mit nichtssagender Postkarte, für die ich mir ein, zwei müde Floskeln abringen musste. Fontane und seine Werke blieben viele Jahre unbeachtet. Ich verschlang Karl May und suchte mit Perry Rhodan eine bessere Welt im All. Als ich anfing gerne und ausführlich Briefe zu schreiben, lebten meine Großeltern schon nicht mehr. Und bis zur eigenen Fontane-Lektüre vergingen weitere Jahre.

Theodor Fontane ist einer der großen Epistolographen (so nennt die Wissenschaft eifrige Briefschreiber) der deutschen Literatur – stilistisch und quantitativ. “Der Ehebriefwechsel” mit seiner Emilie umfasst in einer wissenschaftlich kommentierten Ausgabe drei Bände mit 2.400 Seiten. 570 Briefe wurden aufgenommen und ausgewertet. Besonders schön und bewegend ist der Schriftverkehr mit seiner Tochter Martha. Die ausgebildete Lehrerin blieb lange unverheiratet, ein Makel für Frauen im 19. Jahrhundert. Deshalb hoffte der Vater, das “ein angenehmer deutscher Jüngling, ein Amtsrichter, ein Doktor, ein Oberlehrer, selbst ein Pastor“ um sie freien möge und tröstete: “Meine liebe Marthe, Warte, warte, warte, Du kriegst noch einen Mann.” Erst nach dem Tod des Vaters, 1899, heiratete sie, inzwischen 48-jährig, einen Witwer.

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Von Goethe sind mehr als 15.000 Briefe bekannt, die sich an über 200 verschiedenen Aufbewahrungsorten befinden. Besonders gefühlvoll und persönlich sind jene, die er von seinen zahlreichen Reisen an seine Geliebte und spätere Ehefrau Christiane Vulpius verschickte: “Behalte mich ja lieb! Denn ich bin manchmal in Gedanken eifersüchtig und stelle mir vor: daß Dir ein andrer besser gefallen könnte, weil ich viele Männer hübscher und angenehmer finde als mich selbst. Das mußt Du aber nicht sehen, sondern Du mußt mich für den besten halten, weil ich Dich ganz entsetzlich lieb habe und mir außer Dir nichts gefällt.”

Von Thomas Mann kennt man 35.000 und von Hermann Hesse etwa 18.000 Schreiben. Es werden sehr viel mehr gewesen sein, nicht alle blieben erhalten, sie gingen im Krieg verloren oder wurden aus verschiedensten Gründen von den Empfängern vernichtet. Ernst Jünger hat es im 20. Jahrhundert während 80 Jahren auf rund 60.000 Briefe gebracht. Und so etwas dürfte inzwischen nicht mehr allzu oft vorkommen, schon gar nicht in Papierform: Peter Härtling erhielt zum Kinderbuch “Das war der Hirbel”, das 1973 erschien, an die 17.000 Zuschriften von Lesern.

Goethe und seine Sekretäre schrieben mit einer angespitzten Gänsefeder, die in Tinte getaucht wurde. Im 18. Jahrhundert noch ein aus Holzkohle gewonnener “Blister.” Das für gewöhnlich sehr unsaubere Schriftbild wurde mit Löschsand getrocknet. Im Museumsladen der “Weimarer Klassik” gibt es für Besucher eine nachtschwarze “Tinte Goethe” zu kaufen, die allerdings mit den Zubereitungen und Mischungen, die der Dichter verwenden musste, nur gemein hat, dass man damit schreiben kann. Wer heutzutage von Hand schreibt, benutzt vielleicht noch bei besonderen Gelegenheiten den Füll-Federhalter, der am ehesten dem tierischen Werkzeug früherer Zeiten ähnelt.

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Ich war überrascht, dass Briefe im 19. Jahrhundert gar nicht so lange unterwegs waren, wie erwartet. 1830 brauchte ein Brief von Weimar nach Berlin günstigstenfalls zwei Tage, von Deutschland nach Schottland etwa zwei Wochen. Regelmäßige Postrouten gab es jedoch nur zwischen den großen Städten; regional und lokal war man auf Boten angewiesen. Wenige Jahrzehnte später erschlossen ein immer dichter werdendes Schienennetz und die für Zeitgenossen erschreckend schnellen Dampfzüge ganz neue Dimensionen der Post- und Stückgut-Beförderung.

Der Briefversand kam den Absender dereinst teuer. Um 1820 kostete z. B. ein Brief von Weimar nach Kassel zweieinhalb Groschen, nach Hamburg fünf Groschen. Zum Vergleich: Ein Brathuhn bekam man für dreieinhalb Groschen; heute bezahlt man dafür etwa vier bis fünf Euro, während der Standardbrief sich zu Beginn dieses Jahres auf 70 Cent verteuerte. Doch zu glauben, der Austausch von Geschäftlichem oder Intimitäten wie längst üblich per E-Mail, SMS, Twitter, Facebook und anderer gerade angesagte Messenger, sei gratis, ignoriert, dass die benötigte Hard- und Software, sowie eine leistungsfähige Internet-Anbindung, sehr wohl mit erheblichen Kosten verbunden sind.

Briefe konnten schon immer ganz einfach “die gemeinsten Klatschereyen” sein, wie Goethe am 24. Dezember 1806 an seinen Verleger Cotta schrieb oder viel mehr. “Kunterbunte Nachrichten” kamen von Joachim Ringelnatz aus Berlin. Der Dichter und Kabarettist schrieb sie an Leonharda Pieper, die er 1920 heiratete und der er den Spitznamen “Muschelkalk” gab. Eine Auswahl dieser äußerst originellen, witzigen, zärtlichen Briefe sind jüngst in einer schmalen, liebevoll gestalteten Broschüre der bibliophilen Friedenauer Presse erschienen. Eine der schönsten, gleichzeitig kürzesten Brief-Editionen, die mir untergekommen sind. “Und nun gehe ich allein ins Bettchen und träume von Dir, meinem geliebten Muschelkalk. Ach, manchmal wär’s doch schöner, fern von anderen Menschen zu zweit zu leben, aber nur manchmal. Gute Nacht! Gute schöne Nacht!”

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Von ganz anderem Charakter sind Bettelbriefe, mit denen die Kinder der Manns von ihren Unternehmungen und Ausflügen die wohlhabenden Erzeuger zur finanziellen Förderung ihrer Eskapaden und des aufwändigen Lebensstils anhielten. Allen voran Michael Mann, 1919 geborenes jüngstes von sechs Kindern, der zwar in Briefen an die Mutter behauptete, er lebe eigentlich “garnicht unsparsam”. Nur entstünden halt “so vieeele, viele schoiiissliche Uunkooosten.” Ein anderes Mal sind es 100 Schweizer Franken, die dringend und extra benötigt werden, weil “ … da bin ich halt wieder etwas in Schulden geraten.” Mal gerät er wegen seines kranken Hundes, dann wieder wegen eines überteuerten Autokaufs in finanzielle Kalamitäten. Der Bittbrief an die oft zerknirschte, meist nachgiebige Mutter, verschaffte Luft.

Noch einmal zurück zu Johann Wolfgang Goethe. Er ist 25 Jahre alt, als 1774 sein “Werther” erscheint. Nicht nur für mich sind “Die Leiden des jungen Werthers” eines der eindrucksvollsten Werke der Klassik überhaupt und gleichzeitig einer der absoluten Höhepunkte der Gattung Briefroman. Bereits 1771 hatte Sophie von La Roche für ihre “Geschichte des Fräuleins von Sternheim” diese Form gewählt, nebenbei einer der wenigen von einer Frau verfassten Romane jener Zeit, der unter dem Namen der Dichterin erschien. Einen sehr unterhaltsamen Versuch das Genre auf Kommunikationsformen unserer Zeit anzuwenden, unternahm vor 10 Jahren Daniel Glattauer. Seine originelle Liebesgeschichte “Gut gegen Nordwind” besteht ausschließlich aus E-Mail-Dialogen und erzielte als Überraschungserfolg des Buchmarktes hohe Auflagen.

“Hier hast Du wieder einen kleinen Vorrat Briefpapier, nütz es fleißig für mich, Deine Liebe und der Himmel mache, daß in einigen Monaten nur Gutes und Erfreuliches darauf zu lesen stehe! … Adieu, mein süßes Herz!” (So ermunterte Eduard Mörike im März 1830 seine Verlobte Luise Rau.)

Der Brief kann ein langes, ausführliches Gespräch sein oder dieses ersetzen. Nicht selten dient er der Selbstvergewisserung des Schreibenden. Er kommt als schlichte Mitteilung daher, berichtet von Erfolgen und Niederlagen, Ankunft und Abschied, Geburt und Tod. Briefe können eine zarte Annäherung einleiten und barsch die Trennung verkünden. Jeden handgeschriebenen Brief begleitet die besondere Aura des Eigenhändigen. Das Papier, von der Geliebten berührt, die Erotik der Übermittlung sinnlicher Gedanken, die Handschrift des fernen Freundes oder Verwandten, ein Hauch von Duft, über weite Strecken mitgereist, gerade noch wahrnehmbar.

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Für Forscher verschiedener Disziplinen sind Briefe und Tagebücher wertvolle historische Quellen. Durch sie erfahren sie vom Alltag der Menschen früherer Zeiten, über die Lebensweisen, Sorgen, Probleme, familiären und beruflichen Verhältnisse. Um die Quellen künftiger Generationen und Zeitalter wird es weniger gut bestellt sein. Sie werden große Lücken aufweisen. Denn mit deren Sicherung oder digitalen Langzeitarchivierung ist es nicht weit her. Es gibt einige Projekte von Bibliothekaren, die sich um Lösungen bemühen, konkrete konsistente, breit einsetzbare Konventionen sind bisher nicht entstanden. So darf man besorgt fragen, wie wohl der Nachlass unserer jungen Schriftsteller und Schriftstellerinnen aussehen mag, den sie in Jahrzehnten dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach oder ähnlichen Einrichtungen hinterlassen können?

“Im Allgemeinen verfiel die Briefkultur im 20. Jahrhundert merklich, verstärkt seit der Massenverbreitung der Telekommunikation. Eine Tendenz zu kürzerem Ausdruck und Versachlichung, wie auch in der E-Mail spürbar, lassen ein ausführliches Erzählen und Beschreiben in Briefform zurücktreten.” (Der Brockhaus Literatur)

Von einer Tendenz zur Versachlichung kann meiner Ansicht nach keineswegs die Rede sein. Die kurze, vor allem aber völlig unverbindliche Form dieses “Austausches” in Netzwerken und Foren hat in den letzten Jahren u. a. eine penetrante Flut von Polemik, Hetze und Auswurf erzeugt. Dafür mussten wir Begriffe wie “shitstorm” in unser Vokabular aufnehmen. Dass es möglich ist, dergleichen unter dem Deckmantel der Anonymität abzusondern, ohne mit eigenem Namen und Ruf dafür gerade stehen zu müssen, ist eine besonders traurige Entwicklung.

Wenn ich heute Briefe schreibe, dann selten handschriftlich. Ich stelle fest, dass es schon nicht mehr ganz leicht und locker gelingt. Das Schriftbild ist nicht immer das schönste, Verschreiber schleichen sich ein, die, verwendet man die Tastatur des Computers, ja so leicht zu korrigieren sind. Längeres händisches Schreiben mit Stift auf Papier beginnen wir zu verlernen. Auf der PC- oder Laptop-Tastatur tippe ich meine Briefe in Form von E-Mails, manchmal als Word-Dokumente, die kann man ansprechend formatieren und ausdrucken. Gerne nehme ich dafür ein gutes Papier und Umschläge von besserer Qualität. Manchmal schreibe ich Freunden und Bekannten mit einiger Begeisterung von meinen Fontane-Lektüren, wohl wissend, dass dieser Enthusiasmus nicht oft geteilt wird.


Sudeleien. Oktober 2015

9. Oktober 2015

Über die Buchhandlung vor Ort

* * *

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Zur Frankfurter Buchmesse werde ich in diesem Jahr nicht fahren. Ich bleibe daheim und verzichte auf das Wandern von Stand zu Stand bis die Füße schmerzen, spare mir das Kauderwelsch der Sales und Key Account Manager in Schwarz, trage weder Prospekte noch Leseproben umher in die man später nie wieder reinschaut, schleime nicht mit Leuten rum denen ich sonst aus dem Weg gehe, werde beim Essen, Trinken und Übernachten nicht gnadenlos abgeneppt.

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Und ich vermeide das Allerschlimmste: Dass ich tagelang überhaupt nicht zum Lesen komme, zu keiner Zeile aus einem der vielen neuen und alten spannenden, interessanten, diskussionswürdigen Bücher. Nach der Messe würde es ja auch nicht gleich besser, denn noch geraume Zeit leidet man an Symptomen des Frankfurt Fairlag, wie Konzentrationsmängeln, Kaffeesucht, Heiserkeit und Verzweiflung. Ich bleibe daheim und lese. Und wenn ich das Haus verlasse, dann führt mich der Weg direkt in eine der bunten Buchhandlungen meiner näheren und weiteren Umgebung.

Am 17. September wurden erstmals „Deutsche Buchhandlungspreise“ vergeben. In der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt verlieh die Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters Auszeichnungen und Geldprämien an 108 Buchhändlerinnen und Buchhändler. Natürlich geht so etwas nicht ohne wohlfeile Lobreden. Während der Lyriker und Leipziger Buchpreisträger Jan Wagner mit sehr persönlichen Abschweifungen über seine Kinder- und Jugenderfahrungen im heimischen Buchladen und seine literarische Sozialisation gut unterhielt, gelangen Verleger und Autor Jo Lendle leider nur Allgemeinplätze und Klischees Marke “Ihr habt alle gewonnen!”.

Seine Kernaussage “Was Buchhändler können, können nur Buchhändler” ist besonders albern, drückt sie doch die Selbstverständlichkeit aus, dass Menschen die einen Beruf in einer mehrjährigen Ausbildung erlernt haben, diesen anschließend einigermaßen beherrschen. So dürfte es in den meisten Fällen zutreffen, dass ein Klempner nur kann was ein Klempner, ein Augenoptikerin nur was eine Augenoptikerin und ein Ökotrophologe nur was ein Ökotrophologe können kann. Oder vielmehr können sollte, denn Minderbegabte gibt es in allen Sparten, weshalb nicht jeder Buchhändler, jede Buchhändlerin als ausgewiesener Multiplikator literarischer Hochkultur durchgeht.

Leicht zu erkennen sind die starken Kontraste in der Gilde. Thalia und Hugendubel haben Filialnetz und Flächen verkleinert, die Niederlassungen von Weltbild sind bald völlig verschwunden, mit ihnen und ihren Mitarbeitern wurde ein übles Spiel inszeniert. Gleichzeitig verzeichnet Amazon weiteres Wachstum und der i-man wird in Zukunft angeblich nur noch digital lesen. Steht das endgültige Ende des klassischen Buchhandels in Ladenform etwa unmittelbar bevor? Wurde gar der Untergang von Abend- und Morgenland eingeläutet, wie Verbands-Orakel verkünden?

Keineswegs. Lernen wir einfach aus der Natur. Was zu alt, zu groß, zu träge geworden ist, stirbt ab oder aus. Die gern zitierten Dinosaurier wurden so Prähistorie und irgendwann wird ebenso unvermeidlich der Mensch samt seiner ganzen -heit vom Planeten verschwinden. Und keiner wird danach da sein, um dieses Ereignis in die Geschichtsbücher nachtragen zu können. Die Megalithen der Realwirtschaft haben mit diesen Naturphänomen allerhand Gemeinsamkeiten. Solche evolutionären Prozesse sind quasi Vorraussetzung für immer wieder neue kecke Pflänzchen die zum Lichte drängen. Allerorten und zu allen Zeiten entsteht zartes junges Leben, nutzen mutig frische Gene und Schöpfungsideen entstandene Nischen und Zukunftschancen.

So ergeht es auch der Spezies Buchhandel. Über viertausendsiebenhundert selbständige inhabergeführte Buchhandlungen gibt es nach wie vor in Deutschland, und in Berlin, Köln, München und Hamburg, ja sogar in entlegenen, nur scheinbar verschlafenen Provinznestern, ist in den letzten Jahren die eine oder andere Neugründung hinzugekommen. Darüber hinaus gelingt es immer wieder quicklebendigen Alteingesessenen sich neu zu erfinden, mit belebenden Frischzellenkuren den Veränderungs- und Anpassungszwängen gewachsen zu sein. Das zu beobachten ist erfreuend und gibt reichlich Anlass zu ermutigender Zukunftshoffnung.

Ich finde, jeder Ort über, sagen wir einmal 5.000 Einwohner, jeder Stadtteil, jedes Viertel, jeder Kiez sollte mindestens eine Buchhandlung haben. Zur Grundversorgung für ein Leben als Ganzes gehört eben nicht nur der mühsam gepeppelte Tante-Emma-Laden oder die sehnlich erwünschte ärztliche Dorfpraxis, die alte Hebamme und der verhockte Dorfkrug. Dazu zählt für mich, und den einen oder die andere, eine gut sortierte Buchhandlung. Wohlgemerkt: Eine gut sortierte. Also mit einem Angebot das über Bestseller-Listen und Leichtgängiges hinaus einen gewissen Kanon pflegt, den literarischen Nachwuchs fördert und die klassische Dichtung nicht vergisst. Es geht um die Vermittlung von kulturellem Allgemeingut, verbindenden Bildungsuntergrenzen, wohltuendes Vomselbenredenkönnen.

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Kurzum, quicklebendige Buchhandlungen abseits der großen Tiefgaragen und Parkhäuser, der angesagten Modelabel-Quartiere, der Hautpsachegesehenwerden-Meilen und der ChickenFrittenBurger-Ballungen. Klar, eine Buchhandlung die das aufgeschlossene, geschichten- und wissensgierige bunte Gemeinwesen drumherum mit Literatur versorgt, Leseförderung betreibt, Veranstaltungen iniziiert, Bildung fördert und zum beliebten Treffpunkt avanciert, fällt nicht vom Himmel. Um ein solches Angebot vor Ort und bürgernah auf die Beine zu stellen, braucht es mehr als willige Buchhändler, die zu allen Formen der Selbstausbeute bereit sind. Nötig sind Förderung und Fantasie, die über ermäßigten Mehrwertsteuersatz, Buchpreisbindung und Buchhandlungspreis hinausgehen.

Warum nicht in praktizierter Public Private Partnership als Untermieter im Rathaus oder zu günstigen Konditionen in anderen kommunalen Einrichtungen. Natürlich kann bei reichlich vorhandenen Quadratmetern auch selbst untervermietet werden. Das Beispiel Cafè im Buchladen gibt es ja schon vielfach, doch ist damit schon die Grenze der Vorstellungskraft erreicht? Es muss ja nicht gleich ein Spielcasino sein. Für Schwimmbäder, Büchereien, Kunstgalerien werden Fördervereine gegründet, warum nicht für eine Buchhandlung? Oder gleich eine Genossenschaft – Leser und Buchkäufer als Eigentümer.

Nicht selten ist auch das Modell Sortimentserweiterung, schließlich gibt es im gutsortierten Supermarkt Bücher, warum sollen neben den Kochbüchern denn keine Suppenwürfel angeboten werden? Schreibwaren, Spielzeug sind als Ergänzung nicht neu, nur sollten diese Läden konsequenter bei den Einkäufen von Schulen, Kindergärten und Behörden berücksichtigt werden. Nein Geiz ist gar nicht geil, eine gesunde lokale und regionale Wirtschaftsstruktur ist es, die allen gut tut. Die Erwerbungsmittel der öffentlichen Bibliotheken gehören drastisch aufgestockt, ohnehin in einig D längst überfällig, verbunden mit der Auflage “buy local!”, zu deutsch könnte man auffordern: “Kauf’ beim Nachbarn!”.

Nein ich fahre nicht nach Frankfurt am Main. Ich bleibe an der Donau. Nächste Woche bin ich, wenn nicht unter gewohnter Adresse, dann vor den Regalen oder auf dem Sofa meiner Buchhandlung um die Ecke. Beim Anschmökern und Wiedereinmalnichtentscheidenkönnen. Und so geht es irgendwann zurück in den heimischen Lesesessel mit viel zu vielen Neuerwerbungen, doch befreit von der Angst, der Lesestoff könnte demnächst ausgehen oder Geliebtes nicht zur rechten oder linken Hand bequem greifbar sein. Mit Lese-, Muse- und Abendstunden vor mir, voller Möglichkeiten.

Durs Grünbein hat es treffend formuliert: “Ich kaufe ja Bücher nicht, weil ich sie alle benötige, sondern weil ich mir ausmale, wie herrlich es sein wird, sie demnächst – sagen wir: eines Tages, zu lesen.”


Sudeleien. Ende September 2014

26. September 2014

Von Wortschätzchen und allerhand bedrohten Arten

„Ich sauge den Sommer in mich ein wie die Wildbienen den Honig,“ sagte sie. Ich sammle mir einen großen Sommerklumpen zusammen, und von dem werde ich leben, wenn es nicht mehr Sommer ist.“ (Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter)

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Oder: Wir lesen einfach durch bis der Frühling zurückkommt.

Schwer erträglich, und nicht selten schmerzhaft fürs Sprachempfindungs-Organ: das sogenannte Denglish der unermüdlich schiefe Metaphern und verquere Phrasen auswerfenden Sprachknechte unserer schillernden Konsumwelt: „Der alpenfrische Schüttel-Shake“, „Live Cooking“, „Don’t call it Schnitzel“, „Content ist King“. – Willkommener sind da jene Fremdlinge aus anderen Sprachräumen, denen es gelingt im Deutschen heimisch zu werden weil sie unsere Ausdruckmöglichkeiten erweitern und zu größerer Genauigkeit von Formulierungen beitragen. Hin und wieder stößt man recht unvermutet auf solch ein kleines Sprach-Schätzchen, das man dann gerne behalten möchte. Der amerikanischen Schriftstellerin Donna Tartt verdanke ich indirekt die Entdeckung eines solchen, für mich zu diesem Zeitpunkt neuen Lehnwortes aus dem Englischen.

Donna Tartt versteht es, sich und ihr Werk zu inszenieren. Auf Fotos sieht man sie stets in Schwarz und als hochstilisierte Kunstfigur. Ihre Romane, die zu großen Teilen handschriftlich in der New York Public Library entstehen, erscheinen in großen zeitlichen Abständen und sind sehr umfangreich. Die „Geheime Geschichte“ erschien zu Beginn der 1990er Jahre. Anfangs skeptisch, war ich nach und nach immer begeisterter. Ein großes Epos, figurenreich, erzählerisch weit ausholend, sprachlich von außergewöhnlicher Könnerschaft, mit fesselnden Spannungselementen ohne Kriminalroman zu sein. Das zweite Buch – „Der kleine Freund“ – besticht zunächst ebenfalls dank epischer Kraft, entpuppt sich mit steigender Seitenzahl leider als eine etwas schwerfälligere Lektüre. Der neueste Roman heißt „Der Distelfink“, erschien im Frühjahr auf Deutsch und es war klar, dass ich ihn irgendwann lesen würde. (Habe ich, Stand heute, noch nicht.)

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Zunächst forschte ich nach professioneller Einschätzung und fand eine Rezension von Jane Shilling im britischen „New Statesman“, der normalerweise nicht zu den Wochen-Blättern gehört, die ich regelmäßig verschlinge; das verhindert schon die begrenzte englische Sprachkompetenz. So kann es halt passieren, wenn man sich dem großen Suchmaschinen-Bruder anvertraut, ohne wirklich zu wissen, wo man im Weltweitnetz hin möchte. Jedenfalls bespricht Frau Shilling vorrangig den „Distelfink“, den sie in höchsten Tönen lobt und kommt in diesem Zusammenhang auch noch einmal auf den Vorgänger „The Little Friend“. Den fand sie nicht so doll: „This … was a protracted essay in Gothic suspense, set in the American South with a bookish 12-year-old heroine…“

Bookish! Das gefiel mir. Dieses Wort wollte ich in meinen Thesaurus aufnehmen. Es schien mir passend; wobei ich nicht wirklich beurteilen kann, inwieweit für Frau Tartt, bzw. ihre junge Heldin, auf jeden Fall aber für mich. So bin ich zweifellos: Ein klein wenig bookish! Das meint etwas anderes als bibliophil. Die Bedeutung der deutschen Begriffe Bücherfreund und Büchernarr ist vielleicht darin enthalten. Doch ist es als Adjektiv oder Adverb sehr viel flexibler und treffender verwendbar. Probleme ergeben sich allenfalls mit den Steigerungsformen. Vorausgesetzt bookish ist überhaupt steigerbar, wäre es so wahrscheinlich korrekt (Einwände von Anglisten nehme ich jederzeit gerne entgegen): Bookish, more bookish, most bookish. Und jetzt – mit dem Ausklingen des Sommers – kommt die Zeit des Jahres, die nicht nur mich most bookish macht.

Mit abnehmender Tages-Helligkeit und steigender Nebel, geht die Zahl der Neuerscheinungen ihrem jährlichen Höhepunkt entgegen, schicken die Verlage ihre Auflagenbringer auf lange Lesereisen, nahen die groß inszenierten Verleihungen des Deutschen Buchpreises und des Nobelpreises für Literatur.

indexDie Bücher der sechs auf der Shortlist für den Buchpreis nominierten Autorinnen und Autoren habe ich angelesen. Obwohl sicher einiger Proporz im Spiel ist steht keines zu Unrecht auf der Liste. Am besten gefallen – und in dem Buch habe ich mich auch festgelesen – hat mir „Kruso“ von Lutz Seiler. Einer der sogenannten Wenderomane. Im Mittelpunkt steht eine hermetische Gemeinschaft von Personen auf der Insel Hiddensee, die das DDR-Festland verlassen haben, weil sie mehr oder weniger ausgegorene Fluchtpläne hegen. Zunächst einmal sind sie an der Ostseeküste gestrandet und arbeiten am Rande der Legalität in der Insel-Gastronomie. In hochpoetischer Sprache und mit Mitteln leichter Mystifizierung setzt Seiler all jenen ein literarisches Denkmal, denen die Flucht übers Meer nicht gelang oder die dabei umkamen.

Ginge es nach Martin Olczak würde es wohl keinen Literatur-Nobelpreis mehr geben – aus Mangel an Juroren. In seinem Krimi „Die Akademie-Morde“ lässt der schwedische Autor nach und nach die meisten Mitglieder des Nobelpreis-Komitees meucheln. Eine Geschichte die aus dem längst unüberschaubaren Angebot nordeuropäischer Kriminalliteratur etwas hervorsticht. Trotz zahlreicher Toter wird auf die sonst übliche reiserisch überzogene Brutalitäts-, und Sex-Darstellung verzichtet. Neben dem originellen Sujet bekommt der Leser ein interessantes multiethnisches Personal geboten.

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Immer bookish: Denis Scheck

Menschen die bookish sind können nicht ohne Bücher sein. Genauer: Wer bookish ist kann nicht ohne Literatur in gedruckter Form sein. Rezept-Sammlungen und Yoga-Anleitungen werden die Leidenschaft wohl weit weniger befriedigen als umfangreiche Romane, klassische Anthologien oder schön gestaltete und hochwertig produzierte Lyrik-Bände. Menschen die sich als bookish bezeichnen würden („outen“ wäre hier sehr passend), sind ihrer Leidenschaft bedingslos verfallen und durch nichts davon abzubringen. Sie gehen nie ohne Buch aus dem Haus. Bücher sind ständige Begleiter bei Tag und in der leselampenerleuchteten Nacht. Jede Lebenslage ist willkommenes Alibi für den Griff zum Buch. Sie lesen im Sitzen, Stehen und Liegen, zu jeder Uhrzeit, an jedem Platz. Sie kommen an keiner Buchhandlung vorbei, keinem Antiquariat, keiner Ramschkiste auf einschlägigen Flohmärkten. Diese Besonderlinge lesen in (gedruckten) Tageszeitungen zuerst die selten gewordenen Literaturseiten und gleich danach das Feuilleton. (Es soll Ausnahmen geben, die mit dem Sportteil anfangen und trotzdem bookish sind!)

Offene Fragen bleiben. Kann man mit eBooks bookish sein? Wie nennt man es wenn man verrückt nach Zeitungen ist? Paperish? Mit den riesenformatigen Tageszeitungen und den damit einhergehenden druckfarbenschwarz gefärbten Händen geht es ernsthaft zu Ende. Das gestand in einer umfangreichen Analyse die selbst betroffene, traditionsreiche Frankfurter Allgemeine Zeitung.

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In Anlehnung an eine bekannte Werbe-Unterstellung drängt sich abschließend die Frage auf: Sind wir nicht alle ein bisschen bookish? Keineswegs. Nur noch schmale 5 Prozent der erwachsenen deutschen Bevölkerung lesen regelmäßig Bücher – musste ich neulich lesen. Wenn man in Bus, Zug oder Straßenbahn unterwegs ist, wird deutlich warum. Die meisten Zeitgenossen haben gar keine Hände mehr frei für das greifbare Kulturgut. An der menschlichen Hand evolutioniert sich zunehmend das Smartphone zum dominanten Glied. Mitbürger die bookish sind, geblieben sind, bilden längst eine Minderheit, beängstigend in ihrem Bestand bedroht. Sie unter besonderen Schutz zu stellen, wie seltene Pflanzen oder Tiere, dürfte der schleichenden Dezimierung wohl kaum Einhalt gebieten.

Doch noch fallen sie gelegentlich auf. Wirken auf Jene, die für kurze Zeit verstört vom Display aufblicken schrullig, seltsam analog. Sei’s drum und jetzt erst recht: Be foolish. Stay bookish!

Die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2014.


Sudeleien. Anfang März 2014

7. März 2014

Frühblüher, Biller und der doppelte Leo

Einer der ersten Märztage. Frühlingsahnen in Wald, Wiese und Vorgärten. Es geht dem Abend zu. Der süddeutsche Himmel wechselt gemächlich seinen Farbton. Aus strahlendem Hell- wird tiefes Dunkelblau, wenig später Nachtschwarz. Auf der CrossOver-Welle Bayern 2 singt Carmen Consoli von „Fiori d’arancio“ (Orangenblüte). Nach einem sonnenreichen Frischlufttag im Westallgäu zurück in der kleinen Großstadt, staune ich einmal mehr über das eindrucksvolle Blätterwachstum auf dem deutschsprachigen Zeitschriftenmarkt. Während vor allem die täglich erscheinenden, gedruckten Zentralorgane unserer Presselandschaft, längst im Spätherbst ihrer Gutenberg-Existenz angekommen, dem Siechtum durch Flucht in digitale Parallelwelten zu entkommen versuchen, sprießt es heftig und bunt am guten alten Kiosk.

Geradezu inflationär sind Titel-Kreationen mit einem etwas schwammigen Begriff, der wohl irgendwelche halbgaren Sehnsüchte weckt: „Land“. Den Kombinations-Phantasien der Verlags-Kreativen sind keine Grenzen gesetzt. So entdecken wir die metaphysische „Landidee“, den ins mystische verweisenden „Landzauber“, oder bodenständigere Varianten wie „Land der Berge“ und „Land und Forst“. Zwölfmal jährlich grüßt uns „Servus in Stadt & Land“, deren aktuelle Ausgabe – ganz am Puls des Frühlings – verspricht: „Alles erwacht.“ Für den naturnahen Junkie erscheint regelmäßig die „Landapotheke“. Wer bei „Landlust“ an die flotten Mädels vom aktuellen „Bäuerinnen-Kalender“ denkt, liegt völlig falsch. Ob es Schmusekater gibt, die ihrer Heidi ein Jahresabo von „Geliebte Katze“ zum Jahrestag schenken, bleibt offen. Der Titel „Sauen“ hingegen ist deutlich genug, es sei denn schwäbisches Kundenpotential denkt dabei an forciertes Joggen.

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Katze vor Frühlingsboten

Unter den wohlgestalteten Werbeträgern besonders reichhaltig vertreten ist die mundgerechte Kategorie „Essen und Trinken“. Wer nach dem Durchblättern von „Sauen“ wissen möchte, was aus eben diesen werden kann, erfährt es zum Beispiel in „Kochen und Genießen“, „La Tavola“ oder in der schlicht deutlichen „beef!“, die mit ihren sechs Ausgaben pro Jahr Leser und Gaumen erfreuen möchte. Das fleischlose Glück versprechen „Vegetarisch Fit“ und „Kraut & Rüben“. Wenn dennoch etwas schief geht, hilft der „Naturarzt“. Auf falsche Fährte führt „Filethäkeln“. Der Titel hat absolut gar nichts mit besonders feiner Fleischzubereitung zu tun, sondern gehört aufs weite Feld der Handarbeits-Journale, deren reiche Vielfalt die große Zahl jener Zeitschriften ergänzt, die traditionsreich seit gefühlten Jahrhunderten mit anmutigen Frauennamen von Brigitte bis Verena treue Käuferinnenschichten finden.

Für die nächsten Monate ist weiterer Zuwachs in den Auslagen gut sortierter Bahnhofsbuchhandlungen und den Sortimenten breit aufgestellter Lesezirkel zu erwarten. Wie man hört stehen diese Titel unmittelbar vor der Markteinführung: „LandFlucht“, „Mark und Bein“ „Dinkel und Bohne“, „Vegan im Alter“, „Mein Fleisch & ich“. Fordern Sie heute noch Probeexemplare bei den herausgebenden Verlagen an!

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Frühlingsboten vor Hintergrund

Dem aller Unhandlichkeit zum Trotz auflagen-erfolgreichen Wochenblatt „Die Zeit“ konnte ich neulich entnehmen, dass dem notorischen Konfliktsucher und Möchtegern-Großschriftsteller Maxim Biller der deutschsprachige Schreiber-Nachwuchs zu lau ist. Weil bildungsbürgerlich mittelschichtig verweichlicht, weil mit verwechselbarem Geruch der Nachwuchsdichter-Ställe in Leipzig und Hildesheim, weil themenschwach und faden Einheitsbrei erzeugend. Dem zeternden Gelegenheits-Romancier fehlt das Migrantische, das frisch Reingeschmeckte, das radikal-würzige Junggemüse von Balkan, Balaton und Baikal.

Nur so aus dem Bauch heraus und ohne Anspruch auf Vollständigkeit habe ich daraufhin ein paar Namen aneinander gereiht:

Terézia Mora, Sasa Stanisic, Olga Grjasnowa, Ilija Trojanow, Olga Martynova, Lena Gorelik, Vladimir Vertlib, Julya Rabinowich, Catalin Dorian Florescu, Selim Özdogan, Hilal Sezgin. (Links spare ich mir. Alle hier aufgeführten sind leicht im Netz und auf den entsprechenden Buchhandels-Plattformen zu finden. Dort erfährt man Näheres über ihre Herkunft, sprachliche Sozialisation und bis heute publizierten Werke.) Dem von eigenen Zweifeln freien, nur gelegentlich von lästiger Justiz behinderten Erfolgsschriftsteller Biller schlage ich vor, mit einem Buchhändler seines Vertrauens, wahlweise einem beschlagenen Komparatisten, über diese und andere Namen ins Gespräch zu kommen. Ein Zugewinn an Erkenntnis ist ihm sicher. (1)

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Hier wirkt der LandMann. („Er setzt seine Felder und Wiesen in Stand.“)

Was, außer Bauern im Außeneinsatz, im Märzen sicher kommt, ganz gleich ob die Landschaften bereits blühen oder noch von Schnee und Eis bedeckt sein werden wie im letzten Jahr, das ist die Leipziger Buchmesse. Und damit die schönsten Frühlingsboten aus der Dichter poetischen Gärten im Wettstreit um den Preis der Leipziger Buchmesse. In der Kategorie Belletristik stehen diese Titel – und nach ersten Eindrücken meine ich: durchaus zu recht – auf der Short-List:

Sasa Stanisic, Vor dem Fest (Luchterhand): Geschichten, Mythen und Legenden aus dem Heimatarchiv eines Dorfes. Kraft- und phantasievolle Erzählung.

Per Leo, Flut und Boden (Klett-Cotta): Der Historiker Leo verarbeitet die eigene Familiengeschichte zum Roman. Licht und Schatten deutscher Vergangenheit werden dabei differenziert betrachtet.

Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther (Suhrkamp): „Was es bedeutet, die Spuren einer verzweigten Familie zu sichern, wenn nichts sicher ist, außer dem Verschwinden, davon wird hier erzählt…“ (Verlagstext). Ein weiterer erzählender Ost-Import auf dem deutschen Buchmarkt. Bachmann-Preis 2013.

Fabian Hischmann, Am Ende schmeißen wir mit Gold (Berlin Verlag): Noch ein Debütant. Eine junge Stimme die sich an das bewährte Genre des weit ausholenden Familienromans wagt. Im Stil noch etwas unreif.

Martin Mosebach, Das Blutbuchenfest (Hanser): Es mag viele Gründe geben Mosebach nicht zu mögen, aber literarisch hat er mit diesem Buch einen Glanzpunkt gesetzt. Sein Frankfurter Gesellschaftsroman vor dem Hintergrund des Balkankrieges, ist das Werk eines reifen, erfahrenen Autors.

Bei der Online-Wahl des Publikumspreises habe ich mich für „Flut und Boden“ von Per Leo (2) entschieden. Natürlich aus Interesse am Thema und nach den Eindrücken einer Leseprobe, hauptsächlich jedoch aus einem etwas kuriosen Grund, der mit dem Namen des Autors zu tun hat. Vor einiger Zeit habe ich die familienbiographischen Aufzeichnungen „Haltet Euer Herz bereit“ des Berliner Journalisten Maxim Leo (3) gelesen. Die ostdeutschen Lebensläufe von drei Generationen Leos werden in diesem Buch sehr eindrucksvoll beschrieben. Und ich habe mich gefragt, haben diese beiden schreibenden Leos etwas miteinander zu tun? Gibt es da Verwandtschaft oder ähnlich Verbindendes? Ich bin noch nicht dahintergekommen und nehme entsprechende Hinweise gerne entgegen.

Mehr über Menschen und Bücher rund um die Leipziger Messe- und Literatur-Tage gibt es in der zweiten Märzhälfte hier auf con=libri.

(1)  Wille, A. T.: Die Osterweiterung der deutschen Literatur. – Würzburg : Kaiserbuden & Altfrau, 2014 oder 15 (in print)

(2)  Leo, Per: Flut und Boden. – Klett-Cotta, 2014

(3)  Leo, Maxim: Haltet Euer Herz bereit. – Heyne, 2011 (Originalausg. bei Blessing, 2009)


Sudeleien. Advent 2013

29. November 2013

Kaufet! Frohlocket!

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“Sein oder nicht sein” (William Shakespeare)

“Sein und Zeit” (Martin Heidegger)

“Haben oder Sein” (Erich Fromm)

“Haben und Sein” (Münchens Shopping Guide)

“willhaben.at” (Österreichische Online-Plattform)

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Das Geheimnis ist gelüftet. Jetzt wissen wir, was sich in den großen Tanklastzügen befindet, die in den letzten Wochen, aus dem Süden kommend, unsere Autobahnen verstopfen. Es ist der Rohstoff für die Glühweinschwemmen auf deutschen Weihnachtsmärkten. Hier, an der Glühweintheke, verläuft die alljährliche vorweihnachtliche Kampftrinker-Front. Hier sind alle gleich. Hier stinkt der Banker genauso nach Fusel und Zimt wie der Hartzvierer. Weihnachtszeit ist einig Katerland. Alles glüht im Glanze des Lichtervorhangs “Flockenzauber” und des Schwibbogens “Sternenglanz”. Die Benebelung durch heiße Würz-Weine meist zweifelhafter Provinienz geht einher mit einem Phänomen kollektiver Unzurechnungsfähigkeit, das in vier Wochen von einem Höhepunkt zum nächsten kulminiert: Dem Kaufrausch.

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Vorweihnachtliche Tränke für sinnspendende Heißgetränke und Ort erwartungsfroher (Advent!) zwischenmenschlicher Zusammenkunft.

Es ist eine Zeit angekommen in der der Run auf das höherwertige Konsumgut hysterische Züge annimmt. Das kompakte Surround-System im schnuckeligen 150-PS- Kleinwagen für den Erstgeborenen, das tasmanische Schnappaustern-Collier für die Zweitfrau, der Dritt-Full-HD-Screen für die Schwieger-Oma. Wer jetzt immer noch keine “PS 4” oder wenigstens das “Premium Bundle der XBox one” kauft, wird umgehend für blöd erklärt. Apple um Apple fällt nicht weit und landet unterm Tannengrün. Gutscheine für Body-Shop und Beauty-Ranch, für Wellness-Ressort und Deep-Sea-Diving werden häufiger gedruckt als Euronoten. Jetzt preißen die Wirtschaftsweisen die Tage, reiben Bilanzbuchhalter die Hände – die Zeit stärkster Binnennachfrage ist angebrochen.

Mein Konsumtempel ist und bleibt die Buchhandlung. Und Jahr für Jahr muss ich dankbarer und demütiger sein, dass es sie im neokolonialen Großreich Amazonien immer noch gibt. Und dass dort sogar nachwievor die Ergebnisse feinster Dicht- und Erzählkunst in gedruckter und schön gebundener Form zu finden sind.

Gut, ganz leicht zu finden sind sie nicht. Nach der Ladentür unterschreitet man zunächst einmal das Schnee-Imitat aus weißen Wattewolken, drückt sich vorbei an Adventsgestecken, Duftschälchen, Rauschgoldengeln und Seidenschals. Lässt die CDs, DVDs und Blue-Rays links oder rechts liegen, umkurvt den lebensgroßen Papp-Ochsenknecht und kommt alsbald zu den ersten Büchern: “BeBeanie unlimited. Häkelmützen für jede Gelegenheit”, “myboshi drinnenundraußen”, “Sushi für Anfänger”. Fast wäre ich dann in der Kinderbuch-Abteilung gelandet. Dort stapelt sich “Der kleine Vampir mit der großen Häkelnadel” der Erfolgsautorin  Rosa Wolle – erst im Frühjahr bei Geltz und Belberg erschienen und schon in der 99. Auflage.

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Angebote einer süddeutschen Buchhandlung des postliterarischen Zeitalters.

Bis zu Zeh und Kehlmann, Lewitscharoff und Gomringer, Haas und Glavinic, Stamm und Werner, Kaiser und Zeiner, ist es jetzt nicht mehr weit. Durch die Kalenderausstellung, schräg hinter den Krimi- und Fantasy-Wänden sind sie zu finden. Und an der Rückwand der Handlung entdecke ich den gehobenen literarischen Anspruch in Form einer kleinen Abteilung mit “Klassikern”. Goethe und Hölderlin, Dante und Tolstoi, Schiller …, – halt nein! Schiller fehlt. Ausgerechnet der schwäbische Klassiker in einer schwäbischen Buchhandlung. Dafür finden einige Fastnochzeitgenossen wie Kästner, die Manns, Nabokov oder Henry Miller in der Klassik-Kategorie Asyl.

Das Buch lebt ja bekanntlich. Von mir und einigen anderen Unbeirrbaren. Also das gedruckte. Und das muss auch so bleiben. Denn eines wird immer deutlicher: Das E-Book gefährdet die deutsche Wirtschaft. Im allgemeinen, und ganz besonders die heimische Geschenkband-Industrie. Wenn die Regierung nichts unternimmt sind tausende von Arbeitsplätzen in Gefahr. Wie der Sprecher des Verbandes der Deutschen Geschenk- und Schmuckbänder-Industrie (VDGSI), Ben Schnur, mitteilt, ist die klassische Schleife aus Polyband oder Bast auf dem Rückzug. Schnur fordert die Bundesregierung und Kanzlerin Merkel deshalb auf, endlich Nägel mit Köpfen für Bänder und Schleifen zu machen, will heißen Steuererleichterungen und Subventionen aus dem europäischen Strukturfonds für betroffene Regionen und Betriebe auf den Weg zu bringen.

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Der Begründer des weihnachtlichen Urmythos in kindlicher und kindgerechter Formatierung.

Zurück im heimischen Lesesessel atme ich tief ein und aus, während ich den Knopf meines leicht veralteten Wiedergabegerätes drücke. Die Zeit ist gekommen für mein Sein, das Zeit haben für Lesen und Hören. Ganz leise erklingen die ersten Töne, die Bugge Wesseltoft auf seinem sanft temperierten Klavier anschlägt. Später werde ich vielleicht noch ein Trompetenkonzert von Tomasi oder Haydn auswählen. Oder ich lasse mich mit einem “Brandenburgischen Konzert” in erholsamen Halbschlummer entführen. Das Fenster bleibt zu. Es ist kalt, es schneit und draußen riecht es penetrant nach Anis und Zimt, defekten Kaminöfen und automobilem Gediesel, nach Kardamon und dem angebrannten Christstollen in Nachbars nagelneuen 3D-Heißluft-Plus-Backofen, dessen Hersteller “optimale Backergebnisse dank innovativer Wärmeverteilung” verspricht.


Sudeleien. Juli 2013

9. Juli 2013

con = libri macht Sommerpause!

Bis Mitte September bleibt damit mehr Zeit zum Lesen, für neue Ideen, Nachdenklichkeit und Müßiggang, zu kleinen Ausflügen in literarische Gegenden, zum Schlendern durch Juli- und Augustabende, für zweidrei Wochen Sommerfrische. Doch es gibt auch sommerliche Wünsche die unerfüllt bleiben, Reiseziele die fürs Erste nicht erreicht werden. Nur zwei seien hier erwähnt. Zwei Orte, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Der eine im Norden, der andere südlich vom Wohnsitz. Einer fast auf Höhe des Meeresspiegels, ein anderer auf über eintausendachthundert Alpen-Metern.

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Nach Humlebaek werde ich es auch dieses Jahr wieder nicht schaffen. Der letzte Besuch im „Lousiana Museum of Modern Art“ auf der dänischen Insel Seeland ist leider schon wieder viel zu lange her. Unweit von Kopenhagen, auf leichter Anhöhe über dem Öresund gelegen, hat man von hier einen der schönsten Ostseeblicke. „Louisiana“ besteht aus einem Komplex mehrer Gebäudeteile, die mit hoher architektonischer Ästhetik in die Landschaft eingegliedert wurden. Das Museum bietet außer Malerei und bildender Kunst viele weitere spannende Erlebnisse und Ereignisse. So jedes zweite Jahr das internationale Festival “Louisiana Literature”. 2013 findet es vom 22. bis 25. August statt. Zu Gast sein werden Peter Handke, Zadie Smith, Sofi Oksanen, Colum McCann und andere renommierte Autorinnen und Autoren aus mehreren Ländern.

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Reizen würde mich auch der Besuch eines Bündner Hochtals. Ins Val Fex zweigt man vom Oberengandin ab. 101 Einwohner zählt die verstreute Gemeinde, eine der höchstgelegenden ganzjährig bewohnten Europas. Literaten haben sich besonders gerne hier aufgehalten. Thomas Mann und Hermann Hesse waren hier, Erich Kästner und Marcel Proust. Fast am Ende des stillen Tals, vor dem Fexergletscher, liegt das Hotel Fex. Die kleine Bibliothek des Hauses wurde mit Büchern des feinen Zürcher Verlagshauses Kein & Aber bestückt. Eine durchaus aparte Kooperation. Apart sind für Bewohner der Euroländer allerdings auch die Preise der eher einfach ausgestatteten Zimmer und der Speisen im Restaurant. Unter anderem deshalb werde ich vermutlich in nächster Zeit dort nicht zu Gast sein.

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Wohlfeil hingegen ist der grüne Tee im plüschigen Philosophen-Cafè “Habakuks Gartenlaube”, das irgendwo im Zentrum des sandigen Berlin zu finden ist. (Oder auch nicht.) Aus der Hauptstadt Preußens und seiner Provinzen meldet sich con = libri im Nachsommer zur Vor-Wahlzeit zurück. Dann mit Beobachtungen und Einschätzungen ernster und weniger ernster Art rund um unsere Zweite Republik.


Sudeleien. Oktober 2012

10. Oktober 2012

Im Herbst-Licht

„Die heißen Tage, so lang sie waren, loderten weg wie brennende Fahnen.“
(H. Hesse: Klingsors letzter Sommer)

Beim Sovormichhindösen in einen Sonntag-Nachmittag hinein, dachte ich mit Wehmut an die wieder einmal viel zu schnell dahin gegangenen Sommerwochen und das zunehmend schwindende Tageslicht des längst angebrochenen letzten Jahresviertels. Nach dem grell hellen Sommerlicht und vor dem glitzernden Blenden eisiger Wintertage, verwöhnt für kurze Zeit der abends golden schimmernde Schein des Herbstes. Besonders stimmungsvoll zu erleben in der hügeligen Landschaft zwischen Donau und Bodensee, mit ihrer Kulisse aus Barockklöstern, kleinen Städten, stillen Weihern, sich bunt färbenden Wäldern und von erstem Reif überzogenen Wiesen. Der Maler André Ficus konnte diese Wetter- und Jahreszeiten-Stimmungen besonders eindrucksvoll darstellen. Zu sehen zum Beispiel in einem schönen Band mit Aquarellen von Landschafts- und Wetterimpressionen des Bodensee-Ufers. Martin Walser hat kleine Texte dazu geschrieben. Das Buch trägt den treffenden Titel „Heimatlob“.

Manchmal verlege ich das Vormichhindösen ins Schummer-Dämmer unseres altstädtischen Szene-Cafés „Heller Barde“. War es in meinen jugendbewegten Jahren üblich, dass man sich hier mit Zeitung oder Roman, Gedichtband oder linkem Pamphlet, zu ausgiebiger Lektüre niederließ, verhindert heutigentags luxuriöses, aber ausgesprochen luxarmes Licht-Design, diesen wohl etwas überholten Zeitvertreib. Und mit Wehmut gedenkt man der Zeiten, als es noch nicht unüblich war, Gelesenes heftig aber freundschaftlich zu diskutieren und in langen Gesprächen unter verschiedensten realen und visionären Gesichtspunkten zu erörtern. Denken war dabei nicht nur denkbar, sondern durchaus auch erwünscht und weitverbreitet üblich – Smartphones, Pads und Pods allerdings noch Phantasie-Produkte ambitionierter Science-Fiction-Autoren.

Und wär’ ich Wirt, so hieße mein gastliches Haus Denk-Bar und „Tritt ein, genieß und lies!“ stünd’ über dem Portal.

“Lux ist die Einheit der abgeleiteten Größe Beleuchtungsstärke und der ihr entsprechenden Emittergröße, der spezifischen Lichtausstrahlung. Ihr Einheitenzeichen ist: lx. Der Name leitet sich von der lateinischen Bezeichnung lux für Licht ab. Die Beleuchtungsstärke in lx erhält man aus dem Quotienten der Lichtstärke einer punktförmigen Lichtquelle in cd und dem Quadrat der Entfernung in m: 1 lx = 1 lm / m².” (Nach Wikipedia)

“Alles kommt auf die Beleuchtung an“, wusste schon der alte Fontane. An vielen Orten, in vielen Räumen unseres alltäglichen Aufenthalts hat Lux pro Mensch in den letzten Jahren offensichtlich stark abgenommen (oder sagt man treffender: nachgelassen?). In den Kaschemmen, in den überfüllten Vehikeln des Massentransports, in Gäßchen und Durchlässen unserer Städte, in Wartesälen und Wandelhallen: So viele fahle Funseln. Nicht jeder Leser ist eine Leuchte, doch jeder Leser braucht eine. Eine Lampe oder andere Lichtquelle, die erhellt, bescheint, mühelose Lektüre ermöglicht. Und seien es auch nur jene e-u-verordneten energiesparenden Leuchtstoffe, die ihre volle Lux-Entfaltung erst nach Lichtjahren gewähren.

„Vor der Kaserne / Vor dem großen Tor / Stand eine Laterne / Und steht sie noch davor / So woll’n wir uns da wiederseh’n, / Bei der Laterne woll’n wir steh’n / Wie einst, Lili Marleen.“ – Lili Marleen. Ein weit verbreitetes, wehmütiges Soldaten-Liedchen. Der Schriftsteller Hans Leip schrieb den Text, als er während des Ersten Weltkriegs in Berlin dem Vaterland zu dienen hatte. Erst 1937 komponierte Norbert Schultze die bis heute viel gesungene Melodie dazu. Bekannt und zu einem der ersten deutschen Millionen-Hits wurde das Lied dann in einer Version, die Lale Anderson sang; sie stammte aus Bremerhaven und war in den 1920er und 1930er Jahren ein bekannter und beliebter Star der Berliner Chanson- und Kabarett-Szene.

Unter grell-weißen Spot-Lights präsentierte einige Jahrzehnte später ein jugendlicher Musikfreund und Schnellsprecher namens Ilja Richter die Hits seiner Zeit und Generation. Heute spielt er, leicht ergraut, Theater in Berlin und setzt sich für den Erhalt eben jener Berliner Gaslaternen ein, unter denen vor langer Zeit einmal die traurige Lili Marleen vergeblich ausharrend Stunde um Stunde zubrachte.

44.000 dieser Trottoir-Beleuchtungen gibt es noch in der deutschen Hauptstadt; das ist mehr als die Hälfte aller weltweit existierenden Gaslaternen. Die finanzielle Dauerkrise des Stadtstaates führte dazu, dass der Unterhalt der Berliner Straßenbeleuchtung privatisiert wurde. Und nun gibt es seitens der Investoren massive Forderungen, das traditionsreiche gold-gelbe Licht der Gasbeleuchtung komplett durch Elektrolicht zu ersetzen. Dagegen wendet sich eine sehr aktive Bürgerbewegung zu der neben Ilja Richter auch andere Prominente gehören. Eine aktuelle Petition an den Regierenden Bürgermeister wurde von über 20.000 Personen unterschrieben. Am 29. Oktober findet in der Komödie am Kurfürstendamm ein “Protestabend” statt, an dem u. a. Katharina Thalbach, Thomas Quasthoff, Klaus Hoffmann und Anita Kupsch teilnehmen wollen.

Während in Berlin vermutlich demnächst die traditionsreichen Gaslaternen gelöscht und abgebaut werden – derweil die Neonröhren am neuen Großflughafen immer noch nicht eingeschraubt sind – hat man knapp 200 Kilometer weiter südlich auf alten zernarbten Holztischen weiße Wachskerzen angezündet. Um die Tische und auch dazwischen dichtes Menschengedränge. Im Leipziger Café Puschkin liest heute abend die lokale Schriftsteller-Legende Clemens Meyer. Vor ihm, im Schein einer grün umschirmten Lampe aus dem Ikea-Sortiment, liegt eine sichtlich viel genutzte Ausgabe seiner Stories “Die Nacht, die Lichter”. Draußen, in der regen Südstadt-Straße, fallen erschöpft die nassen Blätter der Allee-Bäume zu Boden. Und drinnen in den überfüllten, überhitzten Räumen der Kneipe mit dem beziehungsreichen Namen, beginnt des Dichters Lesung:

“Ich stehe am Fenster und blicke durch die Jalousie rüber zum Bahndamm. Die Laternen leuchten gelb, es muss schon Abend sein. Da steht ein Mann im Licht der Laternen. Er dreht sich weg…”

Ficus, André; Walser, Martin: Heimatlob. – Gebunden bei Gessler, Taschenbuch-Ausgabe bei Insel; antiquarisch bereits ab 1 Cent (!) zu bekommen.

Grawe, Christian (Hrsg.): “Alles kommt auf die Beleuchtung an”. Fontane zum Vergnügen. – Reclams Universal-Bibliothek, 9317

Hesse, Hermann: Klingsors letzter Sommer. – Suhrkamp, verschiedene Ausgaben und Auflagen.

Leip, Hans: Die kleine Hafenorgel. Gedichte und Zeichnungen. – Christian Wegner Verlag, 1937 (nur antiquarisch).

Meyer, Clemens: Die Nacht, die Lichter. – S. Fischer, 2008 (als Fischer-TB, 2011)


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