Sudeleien. Oktober 2012

Im Herbst-Licht

„Die heißen Tage, so lang sie waren, loderten weg wie brennende Fahnen.“
(H. Hesse: Klingsors letzter Sommer)

Beim Sovormichhindösen in einen Sonntag-Nachmittag hinein, dachte ich mit Wehmut an die wieder einmal viel zu schnell dahin gegangenen Sommerwochen und das zunehmend schwindende Tageslicht des längst angebrochenen letzten Jahresviertels. Nach dem grell hellen Sommerlicht und vor dem glitzernden Blenden eisiger Wintertage, verwöhnt für kurze Zeit der abends golden schimmernde Schein des Herbstes. Besonders stimmungsvoll zu erleben in der hügeligen Landschaft zwischen Donau und Bodensee, mit ihrer Kulisse aus Barockklöstern, kleinen Städten, stillen Weihern, sich bunt färbenden Wäldern und von erstem Reif überzogenen Wiesen. Der Maler André Ficus konnte diese Wetter- und Jahreszeiten-Stimmungen besonders eindrucksvoll darstellen. Zu sehen zum Beispiel in einem schönen Band mit Aquarellen von Landschafts- und Wetterimpressionen des Bodensee-Ufers. Martin Walser hat kleine Texte dazu geschrieben. Das Buch trägt den treffenden Titel „Heimatlob“.

Manchmal verlege ich das Vormichhindösen ins Schummer-Dämmer unseres altstädtischen Szene-Cafés „Heller Barde“. War es in meinen jugendbewegten Jahren üblich, dass man sich hier mit Zeitung oder Roman, Gedichtband oder linkem Pamphlet, zu ausgiebiger Lektüre niederließ, verhindert heutigentags luxuriöses, aber ausgesprochen luxarmes Licht-Design, diesen wohl etwas überholten Zeitvertreib. Und mit Wehmut gedenkt man der Zeiten, als es noch nicht unüblich war, Gelesenes heftig aber freundschaftlich zu diskutieren und in langen Gesprächen unter verschiedensten realen und visionären Gesichtspunkten zu erörtern. Denken war dabei nicht nur denkbar, sondern durchaus auch erwünscht und weitverbreitet üblich – Smartphones, Pads und Pods allerdings noch Phantasie-Produkte ambitionierter Science-Fiction-Autoren.

Und wär’ ich Wirt, so hieße mein gastliches Haus Denk-Bar und „Tritt ein, genieß und lies!“ stünd’ über dem Portal.

“Lux ist die Einheit der abgeleiteten Größe Beleuchtungsstärke und der ihr entsprechenden Emittergröße, der spezifischen Lichtausstrahlung. Ihr Einheitenzeichen ist: lx. Der Name leitet sich von der lateinischen Bezeichnung lux für Licht ab. Die Beleuchtungsstärke in lx erhält man aus dem Quotienten der Lichtstärke einer punktförmigen Lichtquelle in cd und dem Quadrat der Entfernung in m: 1 lx = 1 lm / m².” (Nach Wikipedia)

“Alles kommt auf die Beleuchtung an“, wusste schon der alte Fontane. An vielen Orten, in vielen Räumen unseres alltäglichen Aufenthalts hat Lux pro Mensch in den letzten Jahren offensichtlich stark abgenommen (oder sagt man treffender: nachgelassen?). In den Kaschemmen, in den überfüllten Vehikeln des Massentransports, in Gäßchen und Durchlässen unserer Städte, in Wartesälen und Wandelhallen: So viele fahle Funseln. Nicht jeder Leser ist eine Leuchte, doch jeder Leser braucht eine. Eine Lampe oder andere Lichtquelle, die erhellt, bescheint, mühelose Lektüre ermöglicht. Und seien es auch nur jene e-u-verordneten energiesparenden Leuchtstoffe, die ihre volle Lux-Entfaltung erst nach Lichtjahren gewähren.

„Vor der Kaserne / Vor dem großen Tor / Stand eine Laterne / Und steht sie noch davor / So woll’n wir uns da wiederseh’n, / Bei der Laterne woll’n wir steh’n / Wie einst, Lili Marleen.“ – Lili Marleen. Ein weit verbreitetes, wehmütiges Soldaten-Liedchen. Der Schriftsteller Hans Leip schrieb den Text, als er während des Ersten Weltkriegs in Berlin dem Vaterland zu dienen hatte. Erst 1937 komponierte Norbert Schultze die bis heute viel gesungene Melodie dazu. Bekannt und zu einem der ersten deutschen Millionen-Hits wurde das Lied dann in einer Version, die Lale Anderson sang; sie stammte aus Bremerhaven und war in den 1920er und 1930er Jahren ein bekannter und beliebter Star der Berliner Chanson- und Kabarett-Szene.

Unter grell-weißen Spot-Lights präsentierte einige Jahrzehnte später ein jugendlicher Musikfreund und Schnellsprecher namens Ilja Richter die Hits seiner Zeit und Generation. Heute spielt er, leicht ergraut, Theater in Berlin und setzt sich für den Erhalt eben jener Berliner Gaslaternen ein, unter denen vor langer Zeit einmal die traurige Lili Marleen vergeblich ausharrend Stunde um Stunde zubrachte.

44.000 dieser Trottoir-Beleuchtungen gibt es noch in der deutschen Hauptstadt; das ist mehr als die Hälfte aller weltweit existierenden Gaslaternen. Die finanzielle Dauerkrise des Stadtstaates führte dazu, dass der Unterhalt der Berliner Straßenbeleuchtung privatisiert wurde. Und nun gibt es seitens der Investoren massive Forderungen, das traditionsreiche gold-gelbe Licht der Gasbeleuchtung komplett durch Elektrolicht zu ersetzen. Dagegen wendet sich eine sehr aktive Bürgerbewegung zu der neben Ilja Richter auch andere Prominente gehören. Eine aktuelle Petition an den Regierenden Bürgermeister wurde von über 20.000 Personen unterschrieben. Am 29. Oktober findet in der Komödie am Kurfürstendamm ein “Protestabend” statt, an dem u. a. Katharina Thalbach, Thomas Quasthoff, Klaus Hoffmann und Anita Kupsch teilnehmen wollen.

Während in Berlin vermutlich demnächst die traditionsreichen Gaslaternen gelöscht und abgebaut werden – derweil die Neonröhren am neuen Großflughafen immer noch nicht eingeschraubt sind – hat man knapp 200 Kilometer weiter südlich auf alten zernarbten Holztischen weiße Wachskerzen angezündet. Um die Tische und auch dazwischen dichtes Menschengedränge. Im Leipziger Café Puschkin liest heute abend die lokale Schriftsteller-Legende Clemens Meyer. Vor ihm, im Schein einer grün umschirmten Lampe aus dem Ikea-Sortiment, liegt eine sichtlich viel genutzte Ausgabe seiner Stories “Die Nacht, die Lichter”. Draußen, in der regen Südstadt-Straße, fallen erschöpft die nassen Blätter der Allee-Bäume zu Boden. Und drinnen in den überfüllten, überhitzten Räumen der Kneipe mit dem beziehungsreichen Namen, beginnt des Dichters Lesung:

“Ich stehe am Fenster und blicke durch die Jalousie rüber zum Bahndamm. Die Laternen leuchten gelb, es muss schon Abend sein. Da steht ein Mann im Licht der Laternen. Er dreht sich weg…”

Ficus, André; Walser, Martin: Heimatlob. – Gebunden bei Gessler, Taschenbuch-Ausgabe bei Insel; antiquarisch bereits ab 1 Cent (!) zu bekommen.

Grawe, Christian (Hrsg.): “Alles kommt auf die Beleuchtung an”. Fontane zum Vergnügen. – Reclams Universal-Bibliothek, 9317

Hesse, Hermann: Klingsors letzter Sommer. – Suhrkamp, verschiedene Ausgaben und Auflagen.

Leip, Hans: Die kleine Hafenorgel. Gedichte und Zeichnungen. – Christian Wegner Verlag, 1937 (nur antiquarisch).

Meyer, Clemens: Die Nacht, die Lichter. – S. Fischer, 2008 (als Fischer-TB, 2011)

Sudeleien: Ende Juni 2012

Sehnsuchtsorte und Lieblingsworte,

Wellenspiel und Glücksgefühl

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Beim Sovormichhinblättern im neu erworbenen Synonymen-Lexikon 1) (mein guter alter Textor: “Sag es treffender” war schon länger irgendwann irgendwie und irgendwo abhanden gekommen) kamen mir Lieblingsworte in den Sinn: Anmut und Habseligkeiten, Seitental und Hochland. Vor allem die ersten beiden, so liest man von Fachleuten, haben erstaunlicherweise in anderen Sprachen keine genauen Entsprechungen.

Und auch ein dickes Nachschlagewerk, das immerhin zu 28.000 Stichwörtern über 300.000 sinnverwandte Begriffe auflistet, tut sich schwer. Statt Anmut rät es zu Bezauberung, Liebreiz, Zauber und einigen anderen mehr oder weniger unpassenden Vokabeln. Noch weiter weg von des Wortes eigenem Sinn ist es bei den Habseligkeiten (für die ich auch keine Definition schreiben müssen möchte!): Besitz, Habe und Vorrat können jedenfalls als gleichwertiger Ersatz für etwas das viel mehr ausdrückt als schnödes materielles Eigentum, nicht ernst genommen werden.

Hochland finde ich zwischen Hochherzigkeit und Hochmut. Das ist bemerkenswert, und die Alternativ-Vorschläge sind diesmal durchaus brauchbar: Hochebene, Hochfläche, Plateau. Hochland mag ich nicht nur als wohlklingendes, leicht verheißungsvolles Wort. Sondern ganz besonders in Form jener damit definierten, realen Landschaftsformation. Sie eignet sich ideal für kleine und größere Fluchten, bei denen man den Mühen der Ebene entkommen, für einige Zeit über den Dingen stehen und eine neue Sicht auf Innen- und Außenwelt bekommen kann.

Seitental im Schweizer Hochland, Kanton Sankt Gallen

Seitental, dessen angemessener, alphabetisch vorgegebener Platz zwischen Seitensprung und Seitenteil gewesen wäre, unterschlägt die Enzyklopädie der Vokabeln. Pustekuchen (Lieblingswort!). Fehlanzeige. Seitentäler sind zwar in wirklicher Gegend oft schwer zu finden, das darf jedoch kein Grund sein sie aus unserem Wortschatz zu verbannen. Obwohl sie natürlich ideale Orte zum vorübergehenden oder länger währenden Sichverbergen sind. Je abgelegener, je abseitiger gelegen (das Seitental vom Seitental vom Seitental), umso größer meist der Abstand zu dem was wir als reales Leben ausgeben.

Wie der deutsche Bundestag und die ARD-Krimiserie “Tatort”, so geht auch der Blog = conlibri = einmal mehr in eine Sommerpause. Der Autor der hier stattfindenden Beiträge möchte diese Zeit mit reichlich Müßiggang (Lieblingswort!) verbringen. Aber nicht nur. Es gibt viel zu lesen, zu forschen, zu hinterfragen. Neue Orte sind zu erkunden, neuen Spuren ist zu folgen. Reichlich Material wird gesammelt, frische Kräfte werden getankt. Letzteres gewähren hoffentlich zwei Urlaubswochen, die keineswegs in Hochland oder Seitental verbracht werden. Nein, das Ziel der Sommerfrische (Lieblingswort!) liegt in diesem Jahr im Haupttal eines großen, stellenweise mitreisenden Flusses, der seinen Lauf vom Schweizer Gebirg‘ bis zur Donau gefunden hat. Mitte September geht es dann an dieser Stelle weiter. Mit neuen Ideen für Sudeleien und mal ernsthaftere, mal leichfüßigere Aufsätze über Bücher, Dichter und Denker.

Manchen zieht es in der Ferienzeit in oder auf die Berge, in Metropolen oder auf Inseln. Viele zieht “Das zitternde Glänzen der spielenden Wellen … ” 2) unwiderstehlich an. Immer noch gehen bei dieser Gelegenheit – und trotz Twitter und Co. – ungezählte Ansichtskarten Richtung Heimat. Worte und Sätze auf dem sehr begrenzten Platz des stabilen Kartons sind dabei meist von sparsamer bis spärlichster Aussage- und Sprachkraft. Der Eine oder die Andere mag da durchaus mehr wollen. Wem also Reisen, Freizeit, Urlaub gerne einmal willkommener Schreibanlass sind, der wird jetzt in anregender und kundigster Form unterstützt.

Hölderlin-Spuren in Hauptwil, Schweiz, Kanton Thurgau

“Schreiben auf Reisen” heißt ein neues Buch des schriftstellerischen und literturwissenschaftlichen Tausendsassas (Lieblingswort!) Hanns-Josef Ortheil, das pünktlich zur Hauptreisezeit bei Duden erschienen ist. Er verbindet dabei praktische Hinweise mit einem stimmungsvollen Streifzug durch bekannte und weniger bekannte Beispiele von Reisebeschreibungen. Aber Vorsicht: Die Lektüre, besser das Studium, dieses hübschen Bändchens, dessen Äußeres den bekannten Moleskine-Notizbüchern nachempfunden wurde, kann zu nicht unerheblichem Leistungsdruck führen. Ortheil hat jedem der 19 Kapitel einige, den Willigen fordernde, Schreibaufgaben angefügt.

Spuren eines Klassikers in Leipzig-Gohlis

“Wanderungen, kleine Fluchten und große Fahrten – Aufzeichnungen von unterwegs” heißt es im Untertitel von “Schreiben auf Reisen”. Dafür sollte man auf jeden Fall mit geeignetem Werkzeug ausgerüstet sein. Der klassische Federkiel (Lieblingswort!) ist dafür weniger geeignet. Zweckmäßig sind hingegen gespitzte Bleistifte und funktionstüchtige Kugelschreiber. Und eine handliche, beim Unterwegssein nicht störende, Kladde. Zum Beispiel das quietschgelbe Universal-Notizbuch von Reclam, das jetzt in neuer attraktiver Aufmachung und Komfort-Ausstattung zu bekommen ist. Wohlfeil (Lieblingswort!) zu erwerben, begleitet es leichtgewichtig und kleinformatig zum Kaffeehaustisch, zur Ruhebank am Waldesrand und zum Strandkorb am Sandstrand.

Keine Spur von Goethe!

Wer schreibt, liest. Meist mehr und oft, um nicht zu sagen unentwegt (fast Lieblingswort). Der Platz im Reisegepäck zwischen Bade- und Wanderhose wird also für abwechslungsreiche Lektüre benötigt. Ich packe meinen Koffer und es kommt hinein:

Das wunderschöne, fast übersehene, “Karl Philipp Moritz-ABC” (Eichborn, 2006), das Lothar Müller zusammengestellt hat und von Akademie bis Zerstörung, kommentierte Texte und Textauszüge des großen Psychologen und Schriftstellers, zudem informative Einführung und ausführliche Zeittafel, bietet.

Der Gedichtband “Ich muß mein Herz üben” von Angela Krauß, auf den mich Sigrid Damm aufmerksam machte, der als Band 1315 der Insel-Bücherei erschienen ist, zahlreiche Zeichnungen von Hanns Schimansky enthält und mit diesen Versen endet: “Und dann in keiner Landschaft niedergehn, / die diesem Leben gleicht. / Und stehn!”

“Die Zugvögel”, Erzählungen (Aufbau, 1981, nur noch antiquarisch) von Martin Andersen Nexö, weil skandinavische Autoren für mich immer noch eine Herzensangelegenheit (Lieblingswort!) sind, der Däne Nexö (1869 – 1954) lange am Bodensee und in Dresden lebte und seine realistische Erzählweise neben spannender Handlung viel Sozialgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschreibt.

“Der Turm” von Uwe Tellkamp, weil es langsam zur Tradition wird, in jedem Urlaub einen neuen Versuch zu wagen, in diesem Mammutwerk über Dresden und das in der pseudosozialistischen DDR an den Rand gedrängte Bildungsbürgertum, entscheidend voranzukommen.

Und eine umfassende Biographie werde ich auf jeden Fall noch mitnehmen; aber ich schwanke, ob ich nahtlos mit Damm und ihrem „Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung“ weitermache, mich für den “Novalis” von Wolfgang Hädecke entscheiden soll oder ob es doch der in diesem Jahr so angesagte “Hermann Hesse” wird – “Der Wanderer und sein Schatten”, nennt Gunnar Decker seine viel gelobte und empfohlene Biographie über den Dichter, der ansonsten im Jubiläums-Wahn nun endgültig unters Rad zu kommen droht.

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1) Bulitta, Erich: Das grosse Lexikon der Synonyme. 2. Aufl. – S. Fischer, 2007

2) “Das zitternde Glänzen der spielenden Wellen versilbert das Ufer, beperlet den Strand.” (Lieblingslied!) Georg Friedrich Händel: HWV203. Text: Heinrich Brockes

Sudeleien: Ende April 2012

Handke, Hesse, Walser, Schulze und ich –  und der “Welttag des Buches”

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„Kultur für alle.“ – (Hilmar Hoffmann, Kulturbürgermeister von Nürnberg a. D.)

„Der Wunsch nach einem Gedicht ist eher selten anzutreffen, hierzulande, heutzutage, andernorts. Und zwar sowohl was die Zahl der Lesenden als auch die der Schreibenden betrifft.“ – (Kathrin Schmidt, Schriftstellerin)

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Beim Sovormichhinsortieren alter Zeitungsausgaben für den Altpapier-Container, musste ich daran denken was ich diese Woche gelesen hatte: “Heute ist der Welttag des Buches”, schrieb Ute G. in einem Beitrag zur Volksaufklärung am Dienstag, den 24. April, in einer auflagestarken schwäbischen Tageszeitung. Sie lag damit nur ganz knapp daneben. Der “Welttag des Buches” fand, gemeinsam mit dem “Tag des Bieres”, auch in diesem Jahr wieder am 23. April statt. Das war ein Montag und meine Stadtbibliothek, wie immer an einem Montag, geschlossen.

Doch auf dem Marktplatz unseres Städtchen, im Schatten sakraler Sandstein-Gotik, hatten die „Bibliophilen Alphabeten e. V.“ einen Aktionsstand aufgebaut. Hier wurde der Stoff gratis abgegeben. Jede Menge Lesestoff geschenkt. Eine von vielen “Lesefreunde”-Aktionen zur Inszenierung des “Welttag des Buches”. Aber nicht jeder Buchhändler findet es so toll „mitten in der Debatte um das Urheberrecht und die Umsonst-Kultur 1 Mio Bücher kostenlos zu verteilen“. Es stellen sich Fragen. Wird das geistige Eigentum der Autoren an den verschenkten Werken denn angemessen und pekuniär gewürdigt? Wurde das Einverständnis der Urheber eingeholt? Oder machen die Rechte-Verwerter, in diesem Fall die Verlage, einfach was sie wollen? Was ist noch PR und was schon Piraterie? Wie sollen sich Herr und Frau Mustermann da noch zurechtfinden? Und wo kann ich eigentlich die App herunterladen?

Es gab Bücher für alle. Aber nicht alle Bücher. Die Titelauswahl war beschränkt im Sinne von begrenzt. Es standen 25 Titel zur Auswahl. Dabei die “Schweigeminute” von Siegfried Lenz, Kaminers “Deutsches Dschungelbuch”, die “Vermessung der Welt” von Daniel Kehlmann und die unvermeidliche, aber bissige Stephenie Meyer. Meiner Grundstimmung entsprechend griff ich rasch und möglichst unauffällig zu Peter Handkes “Wunschloses Unglück” – so eine Gratis-Entgegennahme ist mir im Grunde immer leicht peinlich – und betrachtete anschließend das Geschehen noch eine Weile aus dem Rückraum. Dabei fiel mir auf, dass ich eines der wenigen männlichen Wesen war, die das Angebot angenommen und zugegriffen hatten. Die überwiegende Mehrheit derer, die sich um den bunten, mit Luftballons dekorierten Bücherstand drängten, gehörten dem weiblichen Geschlecht an.

Derzeit fordern fortschrittliche Politiker und Politikerinnen immer wieder eine Frauenquote für die Führungsetagen großer Unternehmen. Demzumtrotz fordere ich hier und jetzt eine Männerquote! Mindestens X-Prozent der Lesenden müssen in Zukunft Y-Chromosomen und das SRY-Gen haben. Und wenn wir gerade dabei sind: Ich fordere mit gleicher Vehemenz eine Männerquote beim Personal in Kindergärten, Grundschulen und Altenheimen.

Aber zurück zum Eigentlichen, zum Buch. Mich ließ die Überlegung nicht los, welche Bücher ich an ein breites Publikum verschenken würde, wenn ich freie Wahl hätte. Welche Autoren, welche Titel? So einfach ist das nicht bei einer so undefinierbaren Zielgruppe. Vor allem wenn damit gleichzeitig Werbung für die eigenen Lieblingsbücher verbunden sein soll. (So eine Kampagne nimmt ja immer einen leicht missionarischen Charakter an.) Zwei Pizza-Ecken (prosciutto e con funghi), einen halben Liter San Pellegrino und drei Espressi dopio später – auf windgeschützter Kaffeehaus-Terrasse wärmte bereits eine milde Frühlingssonne – war mir die etwas willkürliche Beschränkung auf eine Auswahl von drei in Frage kommenden Titeln gelungen.

“Unterm Rad” gehört zu den schmäleren Werken Hermann Hesses und wird selten erwähnt wenn es um die wichtigsten Titel des Nobelpreisträgers geht. Es ist eine Schul- und Pubertätsgeschichte rund um kleinstädtische Enge, verständnislose Erwachsenenwelt und die Einsamkeit eines begabten Heranwachsenden, die auf biographischen Erfahrungen des Dichters beruht. Seit Jahrzehnten finden sich Jugendliche und junge Erwachsene darin wieder. Nach dem Wiederlesen im Hesse-Jubiläumsjahr (50. Todestag am 12. August) fragt man sich allerdings sehr ernsthaft, was den Honoratioren in Calw/Gerbersau eigentlich einfällt; ihr jubelndes Feiern des früh Ausgezogenen kann eigentlich nur ein typisch pietistisch provinzielles Missverständnis sein.

“Ein fliehendes Pferd” wird zu jenen von Martin Walsers zahlreichen Erzählungen gehören, die man auch noch in einigen Jahren, vielleicht auch Jahrzehnten, gut und gerne lesen kann. Der Leser erfährt endlich wie deutsche Lehrer ihre reichlichen Ferientage verbringen und warum Scheitern für Beziehungen der Normalfall ist. Ein Mittelstands-Drama und -Panorama von zeitloser Gültigkeit. Die hier verwendete, knappe Novellen-Form gelingt Walser besser als einige seiner überreich mäandernden Romane. Das tragische Scheitern der beiden Paare im besten Krisenalter kontrastiert herrlich mit der Schönheit der Bodensee-Kulisse. Auch wenn man die hervorragende Verfilmung gesehen hat, bleibt dieses Büchlein eine unbedingt lohnende Lektüre.

“Adam und Evelyn” von Ingo Schulze ist für mich eines der wichtigsten und besten Bücher, die sich mit den deutsch-deutschen Fragen und Problemen rund um die geschichtliche Wende 1989/90 in erzählender Form beschäftigen. Die Figuren des Romans sind Menschen des realexistierenden Alltags, mit all den Sorgen und Nöten, die das Leben in der ehemaligen DDR so mit sich brachte. In einer forcierten, meist dialogisch angelegten Erzählweise geht es um Grundsatzfragen wie Gehen oder Bleiben? und die ewige Suche nach dem richtigen Lebensentwurf. Es geht darüber hinaus um Variationen von Liebe und um die uralten Mythen der Geschlechter. Gleichzeitig kommen gesellschaftspolitische Themen zur Sprache, die durch die Wende neu zur Diskussion gestellt wurden und heute eigentlich aktueller sind denn je. Der aus Thüringen stammende Damenschneider Adam, über Ungarn und Österreich nicht ganz freiwillig im idyllischen Bayern gelandet, sieht die schöne neue Welt in die er geraten ist so:

„Von allem zu viel…, zu viele Worte, zu viele Kleider, zu viele Hosen, zu viel Schokolade, zu viele Autos, statt froh zu sein, dass es endlich alles gibt… zu viel, zu viel, eine Inflation, die alles begräbt, die eigentlichen Dinge, die richtigen Dinge.“

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Hesse, Hermann: Unterm Rad. Roman. – Suhrkamp, versch. Jahre. Euro 6

Walser, Martin: Ein fliehendes Pferd. Novelle. – Suhrkamp, versch. Jahre. Euro 6,50

Schulze, Ingo: Adam und Evely. Roman. – dtv, 2010. Euro 9,90

Alle drei Bücher sind auch noch in anderen Ausgaben lieferbar.

Sudeleien: März 2012

Unterwegs in Gerbersau

(Um es gleich zu sagen: Diese Sudeleien sind für einen Blog-Beitrag etwas zu lang geraten. Wer also meint, das sei ihm zu viel, er habe eh‘ keine Zeit oder dem Text fehle sowieso jegliche praktische Relevanz, und was der Leseverweigerungs-Begründungen mehr sind, der möge am besten gar nicht erst mit der Lektüre beginnen.)

Beim Ziellosvormichhinschlendern durch einen nieseligen Tag und durch Gässchen und Durchlässe, über Brücken und Stege unserer heimelig winkligen Dreiflüssestadt, musste ich an die Frage des Users “Minhthang” denken, die ich neulich in der Wissens-Community “COSMiQ” gelesen hatte: “Kann mir jemand sagen, wo Gerbersau in Deutschland liegt?” Mir persönlich geht es, ganz gleich wo ich gerade bin, häufig so, dass ich das Gefühl habe, zwar nicht als Teilnehmer dabei, aber irgendwie dennoch mittendrin zu stecken – in Gerbersau.

Am 9. August 2012 jährt sich der Todestag des Dichters und Literatur-Nobelpreisträgers Hermann Hesse (1877 – 1962) zum 50. Mal. Aus diesem Anlass plant nicht nur die Hesse-Geburtsstadt Calw zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen. Damit an dieser Stelle nicht schon Leser abhanden kommen, findet man den Link dorthin erst am Ende des Artikels. In den nächsten Wochen werde ich außerdem noch einmal auf diesen für Literaturfreunde bedeutenden Anlass zurückkommen.

Gerbersauer Idylle

Hesses Verhältnis zu seiner Heimatstadt war in Kindheit und Jugend voller Spannungen, der meist gemütlich genügsame Gerbersauer Geist für den phantasievoll reichbegabten Knaben nicht leicht zu ertragen, die Schulzeit über weite Strecken die reine Qual. Im “kleinen Schwarzwaldnest” war “nie ein Mensch ausgegangen, der einen Blick und eine Wirkung über das Engste hinaus gehabt hätte.” Zwar verklärte sich manches im Lauf der Jahre und Hesse selbst hat die Erinnerung an das Städtchen in seinen Werken immer wieder romantisch verpackt, dennoch war er sich darüber im Klaren, dass dort für ihn kein dauerhaft erträgliches Leben möglich gewesen wäre: “… obwohl Calw für mich nicht halb so schön wäre, wenn ich öfter als alle drei, vier Jahre hinkäme”, hat er 1915 an seine Schwester Adele geschrieben.

Auch das städtische Gemeinwesen wurde und wird nicht nur von vorbehaltlosen Bewundereren des in aller Welt geschätzten Dichters bewohnt. Desinteresse und skeptische Ablehnung waren über Generationen hinweg fester Bestandteile der Einschätzung. In dem Artikel “Hermann Hesses Gerbersau”, der 1930 in der Vossischen Zeitung, Berlin erschien, kam Hans Popp zu dem Fazit: “Die Calwer selbst lieben ihn nicht, sie begreifen ihn nicht; ohne Verständnis für seine große Liebe, die er zu ihnen im Herzen trägt, ohne Verständnis für seine große Seele stehen sie ihm gegenüber, unverstanden steht Hesse unter ihnen, er, der als erster verdienen würde, ihr größter Freund zu sein.” Da sich daran bis heute nicht so grundlegend etwas geändert hat, sind wohl die Bemühungen zum diesjährigen Jubiläumsjahr weniger der literarischen oder persönlichen Bedeutung Hesses, als vielmehr einem kommerziell touristischen Hintergrund geschuldet. Das muss das eine oder andere Ereignis und Angebot der kommenden Wochen und Monate aber keineswegs uninteressanter machen.

Der Trommler und Sprach-Wirbler Udo Lindenberg sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf die Frage, ob er Hesse gelesen habe: “Das hat mich gepackt. Wie kann einer über mich schreiben, der mich nicht kennt? Hab’ ich gedacht. Die kleine Stadt, die bürgerliche Enge, der Stress in der Schule, die Suche nach Coolness, der Ausbruch.” Zur Erinnerung: Lindenberg stammt aus einem Gerbersau namens Gronau.

Vor einigen Jahren hat er, inspiriert von Leben und Werk Hermann Hesses, die Udo-Lindenberg-Stiftung gegründet. Diese “fördert junge Texter und Musiker durch Wettbewerbe, um neue Wege gegen das Mitmarschieren in der Masse zu suchen, provokant zu schreiben und sich nicht anzupassen an Mainstream und Casting-Wettbewerbe. Sie will nationale und internationale kulturpolitische Aktivitäten unterstützen, sowie durch die Förderung humanitärer und sozialer Projekte weltweit den Schwächeren zur Seite stehen.”

Gerbersau-on-Wye

“In manchen Augenblicken war Altes und Neues, war Schmerz und Lust, Furcht und Freude ganz wunderlich durcheinander gemischt. Bald war ich im Himmel, bald in der Hölle, meistens in beiden zugleich.” 

Es gab Zeiten, da wollte ich ganz gerne wie Harry Haller sein. Allein mit mir, der Musik Mozarts, dem nie leer werdenden Glas Rotwein, zu nichts und niemandem verpflichtet, als Verrückter da und dort freien Eintritt genießend; hin und wieder würde mich genau so das eine oder andere Gerbersauer Mädel unheimlich cool finden und nicht nur zum Tanze bitten; ich würde Traktate schreiben und sie anschließend in den Wind werfen; meine Kammer wäre kahl und damit mein Leben ohne belastenden Unrat; so lebte ich für und für, Tag um Tag, Jahr um Jahr, für meine Gleichzeitigen längst zur Legende geworden. – Im realen Leben hingegen war ich lediglich bemüht kein Serenus Zeitblom zu werden.

Bis zum hier angesprochenen Jubiläum, dem Todestag Hermann Hesses im August, ist es noch einige Zeit hin. Ein anderer bemerkenswerter Jahrestag liegt hingegen bereits unmittelbar vor uns. Am 24. März wird Martin Walser 85 Jahre alt. Ist es wirklich schon wieder fünf Jahre her, dass er direkt vor mir über einen Leipziger Zebrastreifen ging? Begleitet von Kameramann und Pressefrau. Am Abend hat er gelesen. Vor vielen Menschen, die ihm kräftig applaudierten und ihn hochleben ließen. Damals konnte man nicht ahnen – und entsprechende Prognosen wären gewagt gewesen – dass Walser kurz vor seinem 85. Geburtstag wieder zur Frühjahrs-Buchmesse kommen würde.

Gerbersau am See

Martin Walser lebt seit Jahrzehnten in Gerbersau am Bodensee. Einmal – vor einigen Jahren – wollten die Menschen in diesem Landstrich dem Dichter und Zeitgenossen ein Denkmal spendieren. Ein fleißiger, vielerorts vertretener Künstler, bekannt für seine ebenso plastischen wie leicht hinterfotzigen Arbeiten, führte von den Honoratioren abgenickte Entwürfe gekonnt und an zentraler Stelle aus. Der Mensch und Schriftsteller Walser war nicht angetan, hingegen gewillt, den Bildhauer und seine Intentionen gründlich misszuverstehen. Das war eigentlich nicht schön und direkt so kleingeistig, wie es den ganzen Gerbersauern im Ländle des Schriftstellers gern unterstellt wird.

Dabei hätten Walser Kunstsinn und etwas Toleranz ganz gut gestanden, schließlich war er selbst schon öfters Opfer gravierender Missverständnisse. Wie damals in der Paulskirche von Gerbersau am Main. Oder erst kürzlich mit seinen Glaubensthemen-Büchern „Mein Jenseits“ und „Muttersohn“, als man ihn prompt in die religiöse Erweckungs-Schublade stecken wollte. – (Zu beiden Titeln sind auf = conlibri = seinerzeit Rezensionen erschienen; diese sind jetzt noch einmal auf der Seite „da capo“ zu finden.) – Nein, zum tief Gläubigen, zum kritiklos Glaubenden, zum Hoffenden auf das Jenseits ist er nicht geworden. Er macht uns nur klar, dass uns ohne Glauben Vieles fehlen würde. Wozu die zahlreichen, gedankenlos selbstverständlichen, meist vom ursprünglich religiösen Ursprung gelösten, künstlerischen, alltags-kulturellen und musikalischen Glaubenszeugnisse gehören. Und nicht zu vergessen – Walser betont das unermüdlich -, schließlich sei auch die Liebe reine Glaubenssache.

Leipzig-Gerbersau

Ab Donnerstag ist wieder Buchmesse in Leipzig. Martin Walser wird dort sein. Er wird u. a. seinen Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ vorstellen, in dem er die Verarmung beklagt, die wir durch das Fehlen eines Bedürfnisses nach Rechtfertigung erfahren. Seine Zeugen dafür sind Kafka und Augustinus, Luther, Calvin und Max Weber, Nietzsche und Karl Barth. Außerdem kommt unter dem Titel „Meine Lebensreisen“ noch eine schmale, überteuerte Resteverwertung auf den Markt. Ein bisschen viel hat er ja schon drauflosgeschrieben in den letzten fünf Jahren und seine Verlage ein klein wenig zuviel drauflosveröffentlicht.

Auch ich werde wieder an der Weißen Elster, in den Messehallen und bei einigen der vielen Veranstaltungen an kontrastreichen Örtlichkeiten der spannenden Stadt unterwegs sein. Und irgendwann danach für = conlibri = ein paar Zeilen darüber schreiben. Über meine Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen und Büchern in Leipzig, rund um die Buchmesse und das große Lesefest “Leipzig liest”.

Zum Hesse-Jahr findet man hier Infos die weiterhelfen: Gerbersau/Calw/Hesse/Juliäum

Das Verhältnis Hesses zu Calw wird in diesem ergiebigen Buch gründlich aufgearbeitet:

Schnierle-Lutz, Herbert: Hermann Hesse und seine Heimatstadt Calw. Chronologie eines wechselvollen Verhältnisses. – Calw : Stadtarchiv, 2011. Euro 15

Endlich gibt es auch wieder eine aktuelle Biographie:

Schwilk, Heimo: Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers. – München : Piper, 2012. Euro 22,99

Das Neueste von Martin Walser:

Walser, Martin: Über Rechtfertigung, eine Versuchung: Zeugen und Zeugnisse. – Reinbek : Rowohlt, 2012. Euro 14,95

Walser, Martin: Meine Lebensreisen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Thomas Schmid. – Hamburg : Corso, 2012. Euro 24,90

Sudeleien: Weihnachten 2011

Von Außenseitern

Beim Sovormichhinschlendern durch die vorweihnachtliche Kulisse meines Städtchens staune ich über die rasche Vergänglichkeit eines Kalenderjahres. Und wenn im Dezemberdunkel dicke feuchte Flocken herniederschweben, muss ich an die Geschichte vom kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern denken. Es ist eine der traurigsten, die ich kenne. Vor Jahren konnte ich einmal das Geburtshaus des phantasiereichen Dichters dieser Erzählung in der Stadt Odense auf Fünen besuchen. Als der Däne Hans Christian Andersen dort 1805 zur Welt kam, hatte er für seine weitere Zukunft die denkbar schlechtesten Voraussetzungen. Als Kind eines armseligen Schusters und einer trunksüchtigen Mutter schaffte er es mit Umwegen auf Lateinschule und Universität.

Er starb 1875 als international anerkannter Schriftsteller in Kopenhagen. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er auf Reisen, blieb ledig. Homoerotisch veranlagt, intellektuell anspruchsvoll und in viele Richtungen interessiert, führte er ein Leben als Betrachter, nicht als Teilnehmer.

Was hatte Dieter K. eigentlich verbrochen? Gut, er war ein verwöhntes Einzelkind; er trug Hosen mit Bügelfalten; und er war einen Tick begabter als wir anderen. Das reichte uns Volksschülern schon, um ihn immer wieder zu hänseln, zu schubsen, ihm ein Bein zu stellen oder ihn auch einmal für eine Stunde in den dunklen Kellerraum zu sperren. Solche Formen von Drangsal waren und sind unter Kindern und Jugendlichen üblich. Der Wiener Maler, Poet und Sänger Arik Brauer drückte es in seinem Lied “Rostiger die Feuerwehr kommt” so aus: “Wir hab’n in der Schul’ ein g’habt, den hab’n wir terrorisiert! / Der hat rote Haar’ g’habt und Brill’n mit dicke dicke Augenlasn’ln / und ich war der Allerärgste von allen. / Und heut’ tut mir das ja so leid.”

Die Außenseiter. In der Literatur dieser Welt sind sie daheim. All diese Gestalten von der meist traurigen, manchmal auch heiteren Gestalt. Die Don Quichottes, Schwejks und Oskar Matzeraths. Sie bieten allemal ergiebigen, deftigen Erzählstoff. Außenseiter gibt es in Literatur und Leben in vielen Varianten und Erscheinungsformen. Als Einzelgänger oder Sonderling, Individualisten, Egozentriker und Exoten. Es gibt den Lebenszaungast und den Eigenbrötler, den Schrat und den Kauz. Das Original, das Unikum und den Charakterkopf.

Günter Eich, Dichter und zu seiner Zeit ein innovativer Hörfunk-Autor, erhielt 1959 den Georg-Büchner-Preis. In seiner Dankesrede sprach er über jene, die “der Ritterschaft von der traurigen Gestalt angehören … Indem sie rebellieren und leiden verwirklichen sie unsere Möglichkeiten … alle die sich nicht einordnen lassen, die Einzelgänger und Außenseiter, die Ketzer in Politik und Religion, die Unzufriedenen, die Unweisen, die Kämpfer auf verlorenen Posten, die Narren, die Untüchtigen, die glücklosen Träumer, die Schwärmer, die Störenfriede, alle, die das Elend der Welt nicht vergessen können, wenn sie glücklich sind.”

Eine einzigartige, weit ausholende Studie zu diesem Thema hat in den 1970er Jahren der Literaturwissenschaftler Hans Mayer verfasst. Für ihn sind Außenseiter Menschen, denen traditionelle Rechte und Selbstverständlichkeiten einer Gesellschaft vorenthalten werden. Und er wendet sich gegen die im 20. Jahrhunderts sehr verbreitete Philosophie, dass die Interessen des Kollektivs über die Individualrechte zu stellen sind. Historisch und literaturgeschichtlich fundiert, auf sprachlich hohem Niveau, macht Mayer dies am Beispiel von Frauen, Homosexuellen und Juden deutlich. Er kann dabei nachweisen, dass nicht selten gerade die für unverrückbar geltenden kulturellen und politischen Konventionen Ursache für Mißverständnisse, Mißverhältnisse, Ungleichbehandlung, ja letztlich für die Rechtfertigung der Vernichtung von Menschen sind.

Eine besondere Form des Außenseiters ist der Künstler – oder sollte man besser sagen: will der Künstler sein? Da er sich meist bewußt und willentlich in dieser Rolle sieht, grenzt er sich damit doch deutlich von den bürgerlichen, sich ihrer Sache sicheren Mehrheiten und deren Gepflogenheiten ab. Daraus resultierende Konflikte und ans Krankhafte grenzende Symptome sind eines der Hauptmotive im Werk von Thomas Mann: “Aber in dem Maße, wie seine Gesundheit geschwächt ward, verschärfte sich seine Künstlerschaft …” Das führt unweigerlich dazu, dass man an der Peripherie des wirklichen Lebens bleibt, nirgends richtig dazugehört, nirgendwo ganz zu Hause ist und an den “Wonnen der Gewöhnlichkeit” nicht teilhaben kann. Joseph von Westphalen, ein Autor unserer Tage, schreibt: “Als Gast werde ich nicht auftauchen. Literatur lebt für mich immer noch von Ungeselligkeit und nicht von Bombenstimmung.”

Umfassend und aus verschiedensten Perspektiven wird das komplexe Thema in der Doppelnummer 748/749 (Herbst 2011) der Zeitschrift “Merkur” behandelt. Die “Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken” hat dazu folgendes Motto auf die Titelseite gesetzt: “Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind.” Jeder Beitrag dieses Bandes ist lesenswert. Mich besonders beeindruckt hat Gustav Seibt, der uns in einem historischen Rückblick seine ganz persönlichen Außenseiter vorstellt und originellerweise in der Fast-Gegenwart bei dem Heide-Unikum und der solitären Schriftsteller-Existenz Arno Schmidt ankommt, sowie Michael Rutschky mit seinen Thesen über die “Erfindung des Ich”, der dazu Selbstdarsteller wie den Dreitagebartträger, Piraten oder James Dean in den Zeugenstand ruft.

Wie klein muss oder darf eigentlich eine Minderheit sein, um noch als solche zu gelten? Vor dem zweiten Weltkrieg gab es Städte und Dörfer im multikulturellen Osten und Südosten Europas in denen die Juden die größte Bevölkerungsgruppe bildeten. Dennoch wurden ihnen nicht nur fundamentale Bürgerrechte – wie z. B. die freie Berufausübung – vorenthalten, sie waren auch in Konfliktfällen die ersten Sündenböcke und Opfer von Verfolgung, Progromen und Vernichtung. Eine solche vergangene Welt und das Unrecht, das in ihr begangen wurde, steht am Anfang des Lebensweges von Itsik Malpesch, der Hauptfigur in einem weitgespannten Roman-Epos des amerikanischen Schriftstellers Peter Manseau mit dem Titel „Bibliothek der unerfüllten Träume.“ Die Hauptfigur Malpesch ist Literaturfreund und Dichter, und am Ende seines Lebens, als es ihn längst nach New York verschlagen hat, der Letzte der im Jiddisch-Dialekt seiner Herkunftsregion schreiben und lesen kann.

Der Weg vom nur skeptisch betrachteten Außenseiter zum Opfer war – das zeigt die Geschichte – schon immer ein kurzer. Literaten waren leider noch nie unbeteiligt, wenn es um die Manifestation von Vorurteilen ging, wie schon Lion Feuchtwanger deutlich machte: “Auffallend ist, dass die Weltliteratur, so widerwärtig die Mehrzahl ihrer jüdischen Männer ist, beinahe ausschließlich sympathische jüdische Frauen zeigt.” Ausgrenzungen basieren auf verstärkten, nachdrücklich behaupteten Kontrasten und der ständigen Selbstvergewisserung des sogenannten “Normalen”.

Vor etwa 2000 Jahren lebte in einer Gegend, die wir heute Naher Osten nennen – in Wirklichkeit ist es ein buntgescheckter Kultur- und Sprachraum, der seit jeher unter willkürlich gezogen Grenzen leidet –  ein aufrechter Mann, der ein unstetes Wanderleben führte. Dabei setzte er sich ohne falsche Scham und ohne Rücksicht auf geltende Normen für Menschen am Rande der Gesellschaft ein: Für Arme, Huren, Kranke und Behinderte, ja sogar für die damals besonders unbeliebten, korrupten Zöllner. Er war aber auch ein großer Erzähler und Redner. Dabei brachte er einige auch heute noch bedenkenswerte Aussagen unter seine Zeitgenossen, wie das längst volksmündliche “richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!” oder das später vom Philosophen Emmanuel Kant zum kategorischen Imperativ veredelte: “Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!” Manche Sätze waren durchaus gesellschaftspolitisch brisanter Sprengstoff: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.” –  “Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.”

Das irritierte und wurde folglich nicht lange geduldet. Bald drängten die alteingesessenen Konformisten dieses Landstriches die römische Besatzungsmacht zu Konsequenzen. Jesus von Nazareth war gerade einmal Anfang 30 als er am Kreuz starb. Eine starke Minderheit unseres Planeten feiert am 24. Dezember eines jeden Jahres seinen Geburtstag. Besonders heftig und innig ist dies in Deutschland der Fall, wo die Feierlichkeiten eine Mischung aus germanischer Mythen-Beschwörung und erstarrten, von Amtskirchen diktierten Riten und Liturgien mit christlich-religiösen Alibi sind. Baum und Kreuz symbolisieren dabei ebenso widersprüchlich wie hartnäckig, die stete Vergeblichkeit vorgeblicher Sinnsuche.

Sudeleien: Anfang Oktober 2011

Island, Frankfurt, Barcelona

Beim Sovormichhinknabbern an (auf?) meinen Cantucci, die mindestens so bissfest waren wie die hochgeprießene DeCecco-Pasta (1) in ungekochtem Zustand, musste ich natürlich ständig an die in wenigen Tagen zu Frankfurt am Main beginnende Buchmesse denken. Und daran, dass auch die größten Erzähler aus dem kleinen Island nichts daran ändern werden, dass Literarisches auf diesem Markt des Allesmöglichen immer mehr in den Hintergrund gerät. Wir kennen es bereits aus den immer noch Buchhandlung genannten Gemischtwaren-Läden, wo emsige Menschen, die ursprünglich den angesehenen Beruf eines Buchhändlers, einer Buchhändlerin erlernt hatten, nun mit Non-Book-Waste überladene Aktionstische fleißig über Präsentations-Flächen schieben.

Also tauchte ich das hartnäckige Mandel-Gebäck in meinen Espresso lungho und freute mich darüber, innert kurzer Zeit zwei herausragenden Würdigungen der allerjüngsten deutschen Literaturgeschichte begegnet zu sein.

Wir machen uns ja gerne etwas klein. Die Kritikergemeinde im Land der längst verblichenen Dichter und Denker lässt gemeinhin nichts unversucht um deutschsprachigen Autorinnen und Autoren überdurchschnittliche Fähigkeiten abzusprechen und ihnen, meist durchaus subtil formuliert, zu unterstellen, sie kämen über eine provinziell kleingeistige Sichtweise nicht hinaus und zeichneten sich dabei in herausragender Weise durch ihre Sprach- und Phantasie-Armut aus.

Im Konstrast dazu begeistert sich Maxim Biller mit einem umfangreichen Essay (2) und in gewohnt fulminanter Form an der Vorstellung, dass er in einer literarischen “Ichzeit” zuhause ist, staunt über die von ihm entdeckte Vielfalt und vertritt – ganz im Gegensatz zu einer Mehrheit der Zunft – die These, dass unser Land über ein reiches Reservoir begabter und fähigster Erzähler und Erzählerinnen verfügt. Er belegt dies mit betont subjektiven Lese-Anregungen, von denen einige bereits wohlbekannt, andere eher weniger und deshalb umso verlockendere Überraschungen sind. Gleichzeitig liegt uns mit Billers Aufsatz “Über die Epoche, in der wir schreiben” – wie es im Untertitel heißt – ein erster Höhepunkt dieses feuilletonisten Herbstes vor. (Sei es aus Trotz oder zur Demonstration publizistischer Vielfalt, DIE ZEIT hält dagegen, und betitelt ihre Literatur-Beilage vom Donnerstag mit „Abschied vom Ich“.)

Richard Kämmerlings Werk über die “Deutschsprachige Literatur seit ‘89” (3) setzt, wie der Untertitel andeutet, mit der Wende ein und markiert damit den Fall der Mauer als Beginn eines neuen Kapitels der deutschen Literaturgeschichte.

“Das kurze Glück der Gegenwart” – so der Hauptitel des Buches – macht zugleich deutlich, dass nach 1989 nicht plötzlich völlig anders, neu oder gar besser geschrieben wurde. Auch die Literatur hat seitdem, wie vorher schon, blühende Landschaften und dürre Wüsten. Zu unser aller Glück führte die Einheit nicht zu Einförmigkeit. Ohnehin ist die “Deutsche Literatur” nach dem Zweiten Weltkrieg immer die Literatur von mindestens drei Staaten und zahlreichen kulturell sehr unterschiedlichen Regionen gewesen.

Ganz uptodate gipfelt Kämmerlings Abhandlung in einem Ranking. Er traut sich seine zehn Bücher der letzten zwanzig Jahre aufzulisten. Ohne zuviel zu verraten: Nummer 7 ist Martin Kluger mit “Abwesende Tiere”, von dem ich bis dato noch nichts gehört hatte. Aber das zeichnet gute Lektüre aus; sie ist lehrreich und kurzweilig und originell.

Eben noch aufgepeppt von mediteranem Backwerk und überdosierter Koffein-Zufuhr, machte ich mich auf zu einem Gang durch die Straßen unserer herbstlichen Stadt. Doch inmitten der spätkapitalistischen Menschen- und Waren-Massen fühlte ich mich alsbald wieder mut- und kraftlos. Zum Glück war gerade “Energietag” in der City. Auf dem sonst einem vitaminreichen Angebot vorbehaltenen Marktplatz, zu Füßen unserer gotischen Kathetrale, wurden jetzt Produkte präsentiert die zwar Spannung erzeugen, aber keineswegs zur Kategorie Kriminal-Literatur gehören.

Wenn man – um ein beliebiges Beispiel anzuführen – Besitzer eines Fließgewässers ist, konnte man hier den Erwerb einer hochmodernen Kraftwerksanlage mit höchstem Effizienzfaktor nebst Turbine und Generator in Betracht ziehen. Alternativ gab es Windräder in verschiedenen Größen, sonnenhungrige Solarmodule für die gleichzeitig ein subventionsgefüttertes Finanzierungsangebot zur Verfügung steht, energiesparende Kraftfahrzeuge an Stromzapfsäulen, die noch genauso aussehen, wie jene aus denen das knapp-teure Benzin fließt, und Werbe-Flyer die von wärmeerhaltend verpackten Gebäuden schwärmen.

Als ich mich erkundigte, ob der „Energietag“ auch die Möglichkeit böte als menschliches Individuum frische Energie zu tanken, wurde dies leicht irritiert verneint. Auf erneute Nachfrage, wurde mir versichert, dass ich hier und heute wirklich nicht einmal das kleinste Bündel bekommen könnte.

So kam es, dass ich wieder einmal nicht zur Buchmesse nach Frankfurt fahren werde.

Was mich aber nicht davon abhalten wird meine eigene Gedanken-Cloud über dieses merkantile Buch-Babel zu erzeugen. Informationen, Anregungen und Hinweise für solch unzusammenhängendes Gesudel entnahm und entnehme ich den bekannten, gewohnt fragwürden Quellen. FAZ, FAS, SZ, NZZ, BILD, BAMS, WAMS, ARD, ZDF, 3sat, SWR, BR, MDR, HR und zahlreichen anderen ergiebigen Gerüchteküchen. Sind wir nicht alle nur ein Medien-Echo? Demnächst also mehr über Frankfurt und die Folgen. Hier.

Und jetzt beachten Sie bitte noch den nachfolgenden Nachsatz.

N.S.: Ich könnte jetzt anfügen, dass das neue Buch von Emma Braslavsky (4) in Frankfurt noch nicht präsentiert wird (es erscheint im Februar 2012), wir uns aber wohl vorfreuen dürfen, sie im März in Leipzig hören und sehen zu können, verzichte jedoch darauf und gestehe stattdessen (mich bei allen entschuldigend, die gerade wegen dieses Stichworts hier reingelesen haben und deren Enttäuschung ich nachvollziehen kann), dass mir zu Barcelona, zumindestens in dem an dieser Stelle abgehandelten Zusammenhang, nichts Vernünftiges eingefallen ist; auf den durch das Werk eines bedeutenden amerikanischen Filmemachers und Europafreundes inspirierten Titel für diese ungaren Zeilen konnte und wollte ich aber auch nicht mehr verzichten.

(1) Ortheil, Hanns-Josef: Lesehunger. Ein Bücher-Menu in 12 Gängen. – Luchterhand, 2009, S. 74

(2) Biller, Maxim: Ichzeit. Über die Epoche, in der wir schreiben. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 2. Oktober 2011, Nr. 39, S. 23

(3) Kämmerlings, Richard: Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit ‘89. – J. G. Cotta’sche Buchhandlung, 2011

(4) Braslavsky, Emma: Alles in Ordnung. Roman. – Ullstein, 2012

Sudeleien: Mitte September 2011

Endlich Herbst!

Beim Sovormichhindenken: “Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. / Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, / und auf den Fluren laß die Winde los.” Rainer Maria Rilke hat die Verse im Stile eines Gebets geschrieben. Das war vor 110 Jahren. Das Gedicht heißt “Herbsttag” und wird auch heute noch gerne gelesen oder vorgetragen.

Der Aufbau-Verlag schrieb mir vor zwei Wochen: “Sehr geehrter Herr Haag, der Sommer neigt sich dem Ende entgegen, die Tag werden kürzer. Doch uns Leser kann das nicht schrecken – denn es bedeutet gemütliche Spätsommerabende im Lieblingssessel mit neuen, spannenden Büchern.” “Naaaja”, würde dazu ein ehemaliger Großkritiker aus Frankfurt am Main mit skeptisch faltiger Grimasse nuscheln, “das wollen wir doch erst einmal sehen.”

Ja, inzwischen ist der Sommer wohl wirklich am Ende. Schade eigentlich. So müssen wir nun wieder für lange Monate auf Liebgewonnenes verzichten. Auf üppige Weiblichkeit in knapper Ha-und-em-Badeware. Auf angegraut schwergewichtige Männlichkeit in Zeh-und-ah-Shorts, braunen Socken und Outdoor-Fussbesohlung. Auf allerhand exotische Eissorten wie “Smarties”, “Prosecco” oder “Kockovääh”.

Dafür kehrt das eine oder andere zurück, das wir viel zu lange entbehren mussten. Der Kaffee im Freien mit von Heizstrahlern erhitzten Gesichtern und vereister Rückenpartie. Dauerbenieselung von oben. Spätes Morgendunkel und frühes Abenddämmer. Frischer Gegenwind (s.oben). Bunte Blätter reichlich fallend. Die vielfach um Hals und Kinn geschlungenen Endlos-Häkel-Schals. Und – fast schon zu hören am Zeithorizont – das süßliche Gebimmel konsumfordernder, nicht endenwollender Weihnachtsmärkte.

Am liebsten sind mir Buchhandlungen mit nem Cafè drin. Dort saß ich neulich und las in dem Büchlein, das ich soeben erworben hatte. Andreas Maiers Kolumnenband “Onkel J.” Bevor sie von Suhrkamp hier zu schmalem Werk versammelt wurden, erschienen die kleinen Perlen in der österreichischen Literatur-Zeitung “Volltext”. Die kann man sehr gut ins Caféhaus mitnehmen. Zum Thema Herbst stand in des Wetterauer Dichters geistvoll sprunghaften Kurz-Essays eigentlich nichts drin. Aber neben dem Begriff “Umgehungsstraße” wird ein Getränk namens “Äppelwoi” häufig erwähnt. Und reife Äpfel riechen ja schon ziemlich kräftig nach Herbst.

Der oder die vor mir da saß, wo ich jetzt saß, hatte Schokolade nicht gegessen, sondern auf der nun von mir genutzten Sitzfläche verteilt. Ich merkte es erst als die Vollmilch-Schmiererei via Hosenbein und rechte Hand auf Andreas Maiers Glanzstückchen “Neulich las ich den Taugenichts” auftauchten.

Kann sich noch jemand an vorletztes Jahr erinnern? Möchte man nicht wirklich, wa? Im Spätsommer, Frühherbst war Wahlzeit. Vierundzwanzig Monate später wissen wir, was wir damals angerichtet haben, als wir die Wahl hatten und würden gerne wieder wählen. Aber bestimmt nicht wiederwählen. Jedenfalls boomen jetzt Wirtschafts-Thriller, die seltsamerweise alle im Sachbuch-Regal stehen. Untergangsszenarien und Weltrettungskonzepte sind besonders begehrt: “Geld oder Leben: Eine Reise durch den Wirtschaftswahnsinn”, “Markt ohne Moral: Das Versagen der internationalen Finanzelite”, “Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft”.

Ich lese am liebsten jahreszeitlich antizyklisch. Also im Herbst “Frühlingserwachen” (Streichen Sie das. Ist nicht wirklich ein Frühlings-Buch.). Im Sommer Fontanes großes Winter-Epos “Vor dem Sturm”. Und in winterwarmer Stube, aus der unser melancholischer Blick durch Eisblumen in wolkig weißen Winterzauber fällt, Sachen wie… Naja, kennt man alles. Aber bitte keinen Hemingway! Obwohls da oft heiß ist oder zumindest hergeht. Aber für mich auf keinen Fall Hemingway. Da kann ihn Gourmet Ortheil noch so doll finden. So lauthalse Kerligkeit die mit Gewehren fuchtelt, auf afrikanisches Großwild schießt und auch so schreibt, mag ich einfach nicht. Auch nicht midnight. In Paris.

Apropos melancholisch. Schwermut, Trauer, Melancholie, aber auch so eine unbestimmte heitere Endzeit-Stimmung sind ja Gefühlsregungen, die gerne mit dem Herbst in Zusammenhang gebracht werden. Und Nachdenklichkeit. Viel verspreche ich mir von Heidemarie Bennent-Vahles “Glück kommt vom Denken. Die Kunst, das eigene Leben in die Hand zu nehmen.” Hoffentlich ist es so philosophisch wie Titel und erste Rezensenten andeuten und nicht so ratgebermäßig wie der Untertitel klingt.

Ob ich diesen Herbst überhaupt dazu komme, Titel aus dem Hause Aufbau (s. oben) zu lesen, ist eher fraglich. Die Kartei-Kärtchen mit interessanten, vielversprechenden Neu-Erscheinungen des Sommers und des Herbstes vermehren sich rasant. Und die eine oder andere steht schon neben dem Schreibtisch im Regal. Von zwei Büchern kann ich dabei Finger und Augen kaum noch lassen. Wenig erstaunlich, da sie bei meinen Tübinger Lieblingen von Klöpfer & Meyer erschienen sind. Viel will ich heute nicht verraten – werde demnächst ausführlicher darüber berichten. Nur so viel: Es geht um Hölderlin und es geht um Hegel. Aber wohl aus ganz anderer Perspektive und in anderer Form als in den gewohnt und meist gemiedenen Ernst-Schwarten.

Aber erst einmal gibt es ein paar Bilder und Sätze zu Goethe. In Kürze. Hier.

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Sudeleien

18. Oktober 2010: Der neue Buff oder ein Lob der Preisbindung

„Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder und der Herbst beginnt.“ Die Blätter fallen und die Bücher kommen. Der neue Buff ist erschienen. (Buff, Charlie: Das Drama von Wetzlar. – 2. Teil: Die wahre Geschichte. – Leipzig : Panna Cotta, 2010. Euro 19,90.) „Der beste Buff, den es je gab“, schrieb die „Zeit der Welt“. Den muss ich haben! Sofort. Wenn ich bei Amazon bestelle ist er am nächsten Tag da. Vielleicht werden auch schon „Gebrauchte“ angeboten, dann kann ich elegant den gebundenen Preis unterlaufen.

Amazon? Die korrekte und branchenaffine Alternative ist natürlich der Kauf im kompetenten Sortiments-Buchhandel vor Ort. Zum Beispiel in der kuschelig überquellenden Vorstadt-Buchhandlung bei der beflissenen hageren Dame, die ihr Geschäft seit vielen Jahren mit unermüdlicher Selbstausbeutung betreibt. Könnte jedoch sein, dort sind schon alle Exemplare weg. Dann würde das heute nichts mehr mit der ersehnten Lektüre.

Bleibt die Großbuchhandlung in der City. Mantel und Shawl sind nötig um die Reihenhaus-Siedlung Richtung brodelndes Geschäftsleben zu verlassen. Auto oder Tram? Auto, damit bin ich schneller zurück und kann alsbald mit dem Lesen beginnen. Doch eine innere Stimme ist deutlich zu vernehmen: „ÖPNV ist nachhaltiger und auf der Schiene kannst Du gleich loslesen. Der innere Schweinehund antwortet: „Nimm das Auto, dann stehst Du nicht in Regen, Wind und schlechter Gesellschaft.“

Nun denn: Mit betont benzinsparender Fahrweise ins Parkhaus am Rande der City im ersten Geschoss vorbei an den Plätzen für Frauen die schon allein fahren können und gleich auf Ebene drei einen freien erwischt … jetzt nur noch wenige Schritte bis zur Bücherschwemme „Am Dom“ … da ist Manni mit der Obdachlosen-Zeitung die letzten zwei Ausgaben habe ich nicht gekauft deshalb spricht jetzt mein soziales Gewissen ein ernstes Wort mit mir Manni bekommt was ab vom Wohlstandskuchen (5,00 Euro)  und ich die neue „Pflaster“ … an Straßen-Musik komme ich nie vorbei Münzen werfe ich selten ein außer bei jenen begabten fülligen Herren mittleren Alters den aus Russland zugereisten Instrumentalisten die dir erstaunlicherweise ausgerechnet den amerikanischen Südstaaten-Dixie so intensiv durch die Blutbahn jagen (2 Währungseinheiten) … der mittelgroße Hunger meldet sich lieber jetzt noch Kalorien nachfüllen und nachher in Ruhe gelassen werden die Garnelen-Box „Forest Gump“ im „Shrimps-Paradies“ von „Südsee“ hat auch schon wieder aufgeschlagen (3,99) der zwangsfolgende Durst führt unmittelbar zu einer von der Ernährungsberaterin nicht empfohlenen „Happy-Cola“ (1,50) … aber dann habe ich endgültig das Eingangsgebläse der 1a-Lage für Lese-Bedarf passiert … Enttäuschung folgt denn im Regal unter B steht kein Charlie Buff die runde Blonde an der Info „den Buff finden Sie auf dem Aktionstisch“ achja und das gleich hundertfach und wird ständig aufgefüllt und nachgedruckt schon in der dritten Auflage … jetzt nur noch die Schlange an der Kasse überstehen die Dame vor mir möchte das Dixie-Büchlein für den Enkel als Geschenk verpackt der Herr nach ihr zählt Kleingeld ab dann ich „nein danke, keine Tüte“ und kurz danach mit dem neuen Charlie Buff unterm Arm erst raus aus dem Laden und dann noch ganz schnell rein zum Italiener liegt sowieso auf dem Weg zum Parkhaus ein kleiner espresso doppio (2,90) während ich die Schutzfolie vom Buch löse den Klappentext lese und erste Fingerabdrücke auf dem Hochglanz-Umschlag hinterlasse.

Ich schlage hinten auf, lese den letzten Satz zuerst: „Es ist mehr als Wahrheit, es ist Dichtung.“

Eben. Der neue Charlie Buff und sein wahrer Preis: 5 Euro für Manni, 2 für die Musik, 3,99 gegen Hunger, 1,50 gegen Durst, die Überdosis Koffein kostete 2,90, die Parkgebühr 2, die Benzinkosten schätze ich vorsichtig auf 1 Euro. Dazu ist der feste Ladenpreis für deutschsprachige Bücher aus deutschen Verlagen zu addieren. Im vorliegenden Fall 19,90. Das macht summa Buff: 37 Euro und 29 Cent. Ein Lob der Preisbindung. Da weiß man immer was Buch kostet.