„Für das Wort und die Freiheit” – Notizen zur Leipziger Buchmesse 2017. (I)

***

***

“Nicht zu lesen lohnt sich nicht” (Katharina Herrmann / Kulturgeschwaetz.Wordpress.Com)

“Lesen hilft – und viel lesen hilft viel!” (Julia Schmitz / fraeuleinjulia.de)

“Ich lese, weil ich nicht weiß, wie es ist, nicht zu lesen.” (Marion Rave / schiefgelesen.net)

Hurra! Ich habe einen Sitzplatz ergattert. Mir gegenüber feuerrote Kontaktlinsen und die staubige Perücke einer Manga-Figur. Schweißgeruch. Auf dem Schoß “Warum ich lese” aus dem Homunculus Verlag. (Daraus stammen die Zitate oben.) Ja warum eigentlich? Das fragt man sich schon einmal im völlig überfüllten Straßenbahnwagen der Linie 16 auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse 2017.

Eine Dame hinter mir outet sich als Professorin für Buchwissenschaften in M. Ihre Gesprächpartnerin, erfahre ich postwendend, ist Lektorin für Schulbücher in Wien. Die Beiden kommen immer besser ins Gespräch und ich verliere endgültig den Faden meiner Lektüreversuche. Die “Sinnstiftung des Lesens” spiele kaum noch eine Rolle, höre ich und muss komisch aussehen, weil ich heftig nicke. Spaßfaktor, Erfolgsaussichten in Leben und Beruf, vorgegebene Curricula, der Wille mitreden zu können, bestimmen die Wahl. Wenn überhaupt noch das Buch die Wahl ist.

Leipziger Messe – Buchmesse 2017. Foto: Tom Schulze

“Wir sind da!” Die helle Stimme der Straßenbahnfahrerin reißt mich aus meinen zustimmenden Gedanken. “Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag auf der Leipziger Buchmesse.” Solche Straßenfahrerinnen gibt es nur in Leipzig. Überhaupt gibt es nur in Leipzig so viele Straßenbahnfahrerinnen. Vielleicht noch in Berlin. Apropos Straßenbahnfahrerin, wer es noch nicht gelesen hat, sollte das bald nachholen. Paula Fürstenbergs “Familie der geflügelten Tiger”, bereits im letzten Jahr bei Kiepenheuer und Witsch erschienen. Handelt von einer angehenden Straßenbahnfahrerin und ihrer kuriosen, leicht tragischen Famliengeschichte vor und nach ‘89.

Diese Buchmesse 2017 war eine politische Buchmesse. Besser: Auf dieser Buchmesse spielten politische Inhalte, Themen, Schlagworte und aktuelle Auseinandersetzungen eine zentrale Rolle. “Für das Wort und die Freiheit” hieß es auf Bannern, Fahnen und Podien.

“Wie reden wir eigentlich miteinander?” wurde im Cafè Europa gefragt. Nach Antworten suchten Mely Kiyak, sie ist ist politische Kolumnistin, Fatih Çevikkollu, Theater- und Filmschauspieler, Komiker und Kabarettist, Kijan Espahangizi, Historiker und Leiter des Zentrums Geschichte des Wissens an der ETH Zürich, und Moderatorin Esra Küçük, Kuratorin von Europa21, Mitglied im Direktorium des Maxim Gorki Theater. Intellektuelle, Wissenschaftler, professionelle Schreiber aus Deutschland und der Schweiz, der deutschen Sprache besonders mächtig. Sie machten zunächst deutlich, dass Fake News und Filterblasen so neu gar nicht sind. Das hieß früher nur anders.

Kritik an der alltäglichen Debattenkultur, in Medien und Kanälen, im Privaten. Auf komplexe Probleme und Fragen seien kaum noch differenzierte Antworten möglich. Pro oder Contra Flüchtlinge, nichts dazwischen. Kijan Espahangizi entzauberte das scheinbare Ideal der Volksabstimmungen, die im kantonal strukturierten Nachbarland ja besonders gerne durchgeführt werden. Es gäbe dabei eben nur ja oder nein. Ja oder nein auf vereinfachte Fragestellungen die für vielschichtige Sachverhalte stehen. Und die vermeintlichen Stimmenmehrheiten sind in Wahrheit allenfalls Bruchteile, denn viele dürfen nicht wählen, manche wollen nicht, und dann stimmen 51 Prozent dafür, was letztlich bedeutet, dass eine erhebliche Mehrheit unentschieden oder dagegen ist.

Warum wissen wir eigentlich so wenig über andere Länder? Mehr als Nachrichtenmedien vermitteln können? Einer der Gründe ist, weil so wenig Sachliteratur aus diesen Ländern, von Autoren die in diesen Ländern leben, übersetzt wird. Was wissen wir denn schon über die innergesellschaftlichen Diskurse und Diskussionen, Stimmungen und Strömungen in der Türkei, in Syrien, in Zentralafrika? Bürger und Zeitgenossen dürfen nicht nur das Recht auf Informationen fordern, sie müssen es auch wahrnehmen. Resultiert daraus nicht sogar die Pflicht, sich qualifiziert zu informieren? Und zu lernen, wie man das macht?

Hoffnung und Zukunft für Europa, für die Literatur, für das Lesen und Schreiben? Die Jungen. Junge Menschen die Lesen, die Schreiben, und in Leipzig tapfer und erstaunlich selbstsicher aus ersten Werken vortragen. Oder sich zum intensiven, exzessiven Lesen bekennen. Leser als Lebensform. Wie die drei Bloggerinnen auf der “Leseinsel der Jungen Verlage”. Drei von vierzig Autoren und Autorinnen, stellvertretend für all jene, die in dem bereits erwähnten Sammelsurium “Warum ich lese” enthalten sind, mit ihren ganz persönlichen Leselebensgeschichten. Sarah Reul, Sophie Weigand und Katharina Herrmann.

Sarah Reul, die das Blog pinkfisch.net schreibt hat sich auf 15 triftige Gründe beschränkt. Die haben es in sich, bilden sie doch so etwas wie eine kurzgefasste Lesebiographie. Beginnend mit ihrem ersten Pixi-Buch – “Ralf und die Semmel” – , über den Klassiker “Romeo und Julia”, das abgehobene “Per Anhalter durch die Galaxis”, bis zur unvermeidlichen Harry-Potter-Reihe, über die Bibel und den von Viellesern oft erwähnten Murakami-Roman “Kafka am Strand”, bis zum 15. Grund, der sicher nicht der wirklich letzte sein wird: “Bitte nicht lesen oder Der aufregendste Sommer im Leben von Nelson Jaqua” von Monte Merrick.

Beeindruckt hat mich das literarische Debut von Nadja Schlüter, die auf Lesebühnen unterwegs ist und auch schon journalistisch gearbeit hat. Ihre Erzählungen sind bei Voland & Quist erschienen. Jede Geschichte in »Einer hätte gereicht« handelt von Geschwister-Konstellationen. Pointierte, stimmige Arbeiten, die es verdienen ein breites Publikum zu erreichen. “Da ist eine kauzige Frau, die ihren Bruder bisher gar nicht kannte und jetzt zu sehr mag. Und da ein junger Mann, der es nicht aushält, seinen Bruder besser zu kennen als sich selbst. Zwei völlig Fremde im Zug geben sich spontan als Geschwisterpaar aus und sind sich plötzlich ganz bekannt… Nadja Schlüter lotet in zehn Erzählungen aus, was es heißt, sich auf diese ganz eigene Art nah zu sein.” (Verlagsblog)

Ulrich Schacht (r.) im Gespräch mit Rainer Moritz

Etwas älter ist Ulrich Schacht, und hat dementsprechend schon einiges erlebt. Gefängnis in der ehemaligen DDR, Freikauf durch die damalige Bundesrepublik, eine veritable Karriere als Journalist. Lyrik hat er veröffentlicht. Und nun einen großen Roman, der natürlich autobiographische Bezüge aufweist, die er allerdings im Gespräch mit Rainer Moritz sofort relativiert. Wie das eben so sei mit Literatur und Realität, mit Erdachtem und Erlebten, die Grenzen verschwimmen. “Notre Dame” ist zu allererst eine große Liebesgeschichte. Gleich danach ein Buch über die Freiheit des Einzelnen und das Fehlen von Freiheit, ein überzeugendes Plädoyer für ein offenes Europa so ganz nebenbei. Mittreißend und fesselnd erzählt. Eine der vielen Titel in diesem Frühjahr die am besten sofort gelesen werden wollen.

Schließlich noch eine Bemerkung aus aktuellem Anlass. Entgegen des Eindrucks den einige Mäkler und Nörgler in diesen Tagen gerne verbreiten möchten, standen sich Menschen, die der Ernst der Weltlage bewegt und unbeschwerte, phantasievoll kostümierte Teilnehmer der Manga-Comic-Cosplayer-Szene respektvoll und freundschaftlich gegenüber; ja die verschiedenen Stimmungslagen und Interessengruppen vermischten und vermengten sich. Im März in Leipzig geht es offen zu, tolerant, neugierig, der Blick geht in alle Himmelsrichtungen, es entsteht ein wohltuendes Nebeneinander von Jung und Alt, Bunt und Schwarzgrau, Original und Kopie, Drama und Komödie.

Foto: Wiebke Haag

Den zweiten Teil zur Leipziger Buchmesse 2017 gibt es in einigen Tagen und hier die Daten der ausführlicher erwähnten Bücher:

Fürstenberg, Paula: Familie der geflügelten Tiger. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2016. Euro 18,99

Warum ich lese. 40 Liebeserklärungen an die Literatur. – Homunculus Verlag, 2017. Euro 12,90

Schlüter, Nadja: Einer hätte gereicht. – Voland & Quist, 2017. Euro 18

Schacht, Ulrich: Notre Dame. Roman. – Aufbau Verlag, 2017. Euro 22

„Schluss mit Hesse!“

Letzte Höhepunkte der Literaturwoche Donau 2016

LW DonauVermutlich fulminant wird sie zu Ende gehen. Die „Literaturwoche Donau 2016“. Am Samstag, den 7. Mai ab 18 Uhr. In der Neu-Ulmer Venet-Haus Galerie. Das finale Literaturfest steht unter dem Motto „Schluss mit Hesse“. Der Tübinger Verleger Hubert Klöpfer (Klöpfer & Meyer) wird zu Gast sein. Er versteht es, besonders kurzweilig über seine langjährigen Erfahrungen im Literaturbetrieb zu erzählen. In seinem Verlag ist der Roman „Sex mit Hermann Hesse“ von Felicitas Andresen erschienen, aus dem die Autorin an diesem Abend lesen wird. Es ist eine originelle, humorvolle Auseinandersetzung, mit dem vielfach idealisierten Nobelpreisträger.

Hesse 6

Ab 21 Uhr folgt dann der Auftritt des Singer-Songwriter Duos Knulp, das sich nach der Hauptfigur in der gleichnamigen Erzählung Hermann Hesses benannt hat.“

Knulp

Sein Bericht „Die Nürnberger Reise” war Ausgangspunkt für Jan Haag und Bernd Michael Köhler zu fragen, was Hesse über den dort geschilderten Aufenthalt (der keine zwei ganzen Tage dauerte) hinaus mit Ulm zu tun hatte. Bei den Recherchen wurde bald klar, dass dies mehr war, als den gängigen Biographien zu entnehmen ist. Erste Zwischenergebnisse der Nachforschungen wurden auf diesem Blog veröffentlicht:

Hermann Hesse und Ulm

Erster Teil „Die Schwarze Henne“

Zweiter Teil „Die Nürnberger Reise“

Dritter Teil „Die Geige“

Eine erweiterte Fassung mit ausführlichen Literatur- und Quellenverzeichnissen ist in Vorbereitung.

LW DonauAchtung! Achtung!

Noch ist die Literaturwoche Donau 2016 nicht zu Ende. Heute (4. Mai in der Museumsgesellschaft) und morgen (5. Mai in der Venet-Haus Galerie, Neu-Ulm): „Teatro Caprile“ aus Wien. Literarisches Kabarett und Kleintheater mit zupackenden Texten von Karl Valentin, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Florian L. Arnold u. a. „Die Beseitigung der modernen Ratlosigkeit!“ heißt das Programm. Vergnüglich Skurriles zum Staunen und Lachen. Das sollte man wirklich nicht versäumen.

Hier gibt es mehr dazu.

 

Literaturwoche Ulm. Die Dritte.

Mit Tex Rubinowitz, Arno Schmidt, mehreren unabhängigen Verlegern, einem literarischen Glücksspiel und noch viel mehr.

Eindrücke von meinen ganz persönlichen Höhepunkten.

Die Literaturwoche Ulm ist gelungener Gegenentwurf zu kommerziellen “Literatur-Festivals”, die ausschließlich auf prominente Namen und aktuelle Bestseller-Titel setzen. Der Nische, dem Besonderen wird hier Bühne und Forum geboten. Dabei schließen sich Anspruch und Zuspruch keineswegs aus. Es kommen Menschen zusammen, die an ernsthaftem, deshalb nicht weniger unterhaltsamen Austausch über Literatur, Autoren, Verlage und den Buchhandel interessiert sind. Zudem ist es den Verantwortlichen gelungen ein Angebot mit einem sehr breiten Spektrum verschiedenster Ausdrucksformen auf die Beine zu stellen. Ein reizvolles Konzept mit Zukunft.

logo-web

“Mein Vater war ein echter Kotzbrocken.” Der sommerzeitlich helle Abend des 9. Juni. Ein Dienstag. Beim Blick durch die Giebelfenster des Saals ist der ergraute Sandstein des gotischen Kirchenschiffs fast unheimlich nah. Das Ulmer Münster in seiner ganzen Größe und Dominanz. Erster Gastgeber der 3. Literaturwoche Ulm war die traditionsreiche Museumsgesellschaft. Präsentiert wurde der Zeichner, Autor und – wie sich alsbald herausstellte – begnadete Alleinunterhalter Tex Rubinowitz.

Im Publikum viele Mitglieder und Menschen aus dem Umfeld der Museumsgesellschaft, die vielleicht in erster Linie gekommen waren um den Wahl-Wiener als Mann des spitzen Stiftes hautnah zu erleben. Das Zeichnen ist durchaus sein Haupt-Handwerk, wie er selbst betonte. “Witzzeichnungen”, sein bevorzugtes Genre. Mentoren waren Robert Gernhardt und F. K. Waechter. Es ist diese Frankfurter Schule, zu deren Organen u. a. die Satirezeitschriften Pardon und Titanic gehörten, die seinen Stil geprägt hat. Die oft tierischen Figuren sind Karikaturen, brüchig, skizzenhaft, perfekt unperfekt zu Papier gebracht. Häufig ergänzt durch komikartige Sprechblasen mit knappen satirischen Aussagen.

22465208Das führt zum schreibenden Tex Rubinowitz. Mit einem kurzen, pointierten Text, der auf eigenen “Jugenderlebnissen” basiert, gewann er im Sommer 2014 den ersten Preis beim Salzburger Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Der Verlag, bzw. dessen Lektor (so strikt der nunmehr zum Schriftsteller geadelte die Legende), habe ihn überredet, die gelungene Kurzgeschichte mit weiteren Anekdoten zum Roman auszubauen. Nicht unbedingt die allerbeste Idee. “Irma”, das Erzählwerk, das daraus entstand, wird wahrscheinlich nicht in die Literaturgeschichte eingehen. Rubinowitz weiß das selbst und las deshalb nur widerstrebend und spärlich daraus vor. Etwas mehr dafür aus seinen Listenbüchern. Sammelsurien, literarische Grenzgebiete, die Titel tragen wie “Die sieben Plurale von Rhabarber.” Der wiederholten Bitte des Moderators Florian L. Arnold, aus seinen Reiseerlebnissen (“Rumgurken. Reisen ohne Plan, aber mit Ziel”) zu lesen, kam er demonstrativ nicht nach.

Den größten Teil des Abends bestritt er lieber, auf einem Stuhl stehend, mit kabaretistischen Bruchstücken. Ein stets auf Pointen zusteuerndes, gestikulierend unterstreichendes Erzählen, von biographischen Erlebnissen geprägt, mit der etwas holprigen Vortragsweise geschickt koketierend. Das Publikum ist gespalten. Manche hatten anderes erwartet, viele waren jedoch sehr angetan, fühlten sich gut unterhalten. Ein origineller, sperriger, gerade dadurch im Gedächtnis bleibender, gelungener Auftakt zur Literaturwoche Ulm 2015.

“Und nun auf, zum Postauto”.  11. Juni. Ein stimmungsvoller Sommerabend in der Buchhandlung Jastram am historischen Judenhof. Vor den mit Büchern prall gefüllten Holzregalen waren die allerletzten improvisierten Sitzgelegenheit besetzt, die Stehplätze ebenfalls vergeben. Nein, Zettel’s Traum, dieses sperrige Groß- und Spätwerk Arno Schmidts, muss man nicht gelesen haben um Gefallen an der Lektüre seiner Briefe zu finden. Literarisch sind das zwei völlig unterschiedliche Disziplinen. Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach lasen aus dem hochwertig gestalteten Band, der über 150 Briefe des Dichters an Freunde und Verleger, Mutter und Schwester, versammelt. Die beiden haben das Buch herausgegeben, und es ist ein besonderes Erlebnis, wenn man die Gelegenheit hat sie daraus lesen zu hören.

DSCN1381

Fischer und Rauschenbach arbeiten seit vielen Jahren für die von Jan Philip Reemtsma unterstützte Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld. Mit ihrer tiefen Kenntnis des Werks, der Persönlichkeit des Autors und seinem Umfeld, verstehen sie es hervorragend den Zuhörern die sprachliche Kraft, den oft wütenden Witz und die ironische Schärfe Schmidts nahe zu bringen. Es sind spannende Zeitdokumente, die viel über Schriftstellerei und Verlegerei im Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vermitteln. Und nicht zuletzt wurde in dieser Lesung, die in eine anregende Gesprächsrunde mit den vortragenden Experten mündete, die Bedeutung und der Reiz einer traditionsreichen Literaturgattung deutlich, die vom Aussterben bedroht ist. So wie Arno Schmidt, müsste man Briefe schreiben können, wenn man noch Briefe schriebe.

Montag, 15. Juni, der Tag an dem Harry Rowohlt starb. Als den besten Buchladen Irlands, bezeichnete er einst “Kenny’s Bookshop” in der Westküstenstadt Galway. Leider hat der schon vor einigen Jahren seinen letzten Joyce, Beckett und O’Connor verkauft. Die Vermutung liegt nahe, dass die in Irland fehlende Buchpreisbindung zum Ende beigetragen hat. Auf die Bedeutung dieses kulturpolitischen Instruments wiesen Jörg Sundermeier und Stefan Weidle hin. Sundermeier hat den Berliner Verbrecher-Verlag mitbegründet. Weidle leitet den nach ihm benannten Verlag in Bonn. Wenn das Buch zur reinen Ware wird, wenn Titel auf der Basis von Profit-Centern kalkuliert werden, wenn sich globale Wachstumsmanien wie TTIP und Co. durchsetzen sollten, hat für viele unabhängige Verlage und Buchhandlungen das letzte Stündchen geschlagen.

An diesem Abend im Gewächshaus des Botanischen Gartens der Universität Ulm ging es vorrangig um die Arbeit und aktuelle Situation der unabhängigen Verlage. Die Interessen dieser meist kleineren, selbstständigen, nicht zu größeren Unternehmen gehörigen Häuser, vertritt die Kurt-Wolff-Stiftung. Stefan Weidle gehörte bis letztes Jahr dem Vorstand an, Jörg Sundermeier ist aktuell in diesem Gremium vertreten. Alljährlich auf der Leipziger Buchmesse vergibt die Stiftung den Kurt-Wolff-Preis und einen Förderpreis an zwei unabhängige Verlage. In diesem Jahr wurden der Berliner Berenberg Verlag und die Connewitzer Verlagsbuchhandlung, nach einem Leipziger Stadtteil benannt, ausgezeichnet.

tMto3

Jörg Sundermeier (links) und Stefan Weidle

Dem Publikum wurde unterm regennassen Glasdach des Gewächshauses, neben Kübelpalme und Pflanztisch, eine informative Gesprächs- und Diskussionsrunde mit zwei auskunftsfreudigen Verleger-Persönlichkeiten geboten. Angereichert mit allerhand Geschichten und Geschichtchen rund um das Verlegerhandwerk und die Schriftstellerei. Zur Freude der an diesem Thema Interessierten, die den Weg auf den Eselsberg gefunden hatten, nahmen sich die beiden schließlich noch die Zeit aus Werken “ihrer” Autoren zu lesen.

Weidle, der besonders die Literatur der 1910er- und 1920er-Jahre liebt und verlegt, las eine Passage aus “Donner überm Meer” von Heinrich Hauser (1901 – 1955), einem Autor von großer sprachlicher Kraft, der heute fast vergessen ist und bei Weidle bereits vor einigen Jahren neu aufgelegt wurde. Bei dieser Gelegenheit empfahl Florian L. Arnold, der durch den Abend führte, wärmstens den im Verlag 1998 neu aufgelegten Roman “Berlin ohne Juden” von Artur Landsberger. Eine prophetische, 1922 erstmals erschienene Utopie, die auf beklemmende Weise die historische Entwicklung belletristisch vorwegnahm. Der 1876 in Berlin geborene Landsberger nahm sich angesichts der realen Entwicklung in Deutschland 1933 das Leben.

Jörg Sundermeier las u. a. aus “Bodentiefe Fenster” von Anke Stelling. Ein Roman über zeitgeistige Familienkonstellationen und Lebensformen rund um die derzeit angesagtesten Berliner Quartiere, in dem zwischen den Zeilen herrlich beißender Spott durchklingt. Stelling, die am deutschen Literaturinstitut in Leipzig studierte, wurde 1971 in Ulm geboren. Sundermeier warb außerdem für eines seiner Lieblings- und gleichzeitig Großprojekte: Die auf sieben Bände angelegte Roman-Enzyklopädie des Niederländers J.J. Voskuil über das Büroleben des wissenschaftlichen Angestellten Maarten Koning. Dessen Erzählweise ist so betont realitätsnah, dass ein durchgehend ironischer Unterton entsteht. Im Original liegt das Werk – in den Niederlanden ein Bestseller – längst abgeschlossen vor. Der Autor verstarb 2008. Auf Deutsch gibt es den ersten Band “Das Büro” bei C. H. Beck und Band 2 “Schmutzige Hände” ist im Verbrecher Verlag erschienen, der nach und nach die weiteren Bände herausbringen wird.

DSCN1392

In Ulm haben wir das Glück noch durch mehrere Buchhandlungen streunen zu können. (Gerade in diesen Wochen werden es allerdings zwei weniger.) Eine der besten, gut sortiertesten und wahrscheinlich schönsten, ist die Kulturbuchhandlung Jastram. Inhaber Samy Wiltschek und Mitarbeiter Rasmus Schöll haben zusammen mit dem federführenden Florian L. Arnold, die Literaturwoche Ulm organisiert (s. a. Link im Anhang). Die Büchertische zu den jeweiligen Veranstaltungen hat ebenfalls das Jastram-Team zusammengestellt.

“Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt,” erkannte schon unser Friedrich “Fritz” Schiller. Ganz in seinem Sinne ging es an einem regnerischen 18. Juni beim LiteralottoSpezial im lauschigen Manufaktur-Café Animo am Karlsplatz zu. Heiteres Raten rund um bekannte Dichternamen sorgte für lebhafte Stimmung bei spritzigen und stillen Drinks. Eingebetet war das Ratespiel in eine Art Talk-Runde. Teilnehmer, neben den Moderatoren Florian L. Arnold und Rasmus Schöll, die Augsburger Bloggerin (Schätze und Sätze – s. Anhang) Birgit Böllinger, der Verleger Markus Hablizel und der bestens aufgelegte Kunstpädagoge, Schriftsteller und Selbstverleger Josef Feistle, dessen markantes Erzähltalent in dieser animierten Athmosphäre besonders gut ankam.

index

Man konnte glauben, der Bullerofen, der dem originellen ehemaligen Ladenraum im Winter die nötige Wärme spendet, wäre eingeheizt, so wohl temperiert war das Lokal an diesem Abend. Doch die Hitze verbreiteten einige Scheinwerfer, die das Podium und die Teilnehmer an der Gesprächsrunde ins rechte Licht setzten. Zahlreiche Bücher wurden im Laufe des Abends besprochen, angesprochen, vorgestellt. Josef Feistle trug aus seinen Reiseschilderungen vor, Markus Hablizel humoristisch Kleinformatiges des schriftstellerischen Workaholic Dietmar Dath. Und Birgit Böllinger, die auf ihrem Blog viel über amerikanische Literatur bringt, las aus Steven Blooms “Das positivste Wort der englischen Sprache”, was, wie wir seit James Joyce wissen, das zustimmende “Yes” ist.

Aus diesen und all den anderen Büchern, die in kurzweiligen zwei Stunden vorkamen, hatte eine dreiköpfige Jury das beste, interessanteste, auffälligste, am besten präsentierte, zu wählen. “Das Buch des Abends” sozusagen. Einigermaßen unerwartet wurde es der autobiographische Roman “Ein springender Brunnen” von Martin Walser. Josef Feistle hatte so begeistert über Autor und Werk gesprochen, so überzeugend erläutert, dass es durchaus möglich ist die heutige Schülergeneration für diese Lektüre zu begeistern, dass die Wahl des Siegers rasch und einmütig ausfiel.

DSCN1398

„Mein Kapital ist der Idealismus“, lautet das eigenwillige Finanzierungsmodell mit dem Barbara Miklaw ihren Mirabilis-Verlag nebenberuflich betreibt. Charmanterweise ist dieser weder in Berlin oder Frankfurt am Main, ja nicht einmal in München, sondern im kleinen Klipphausen-Miltitz nahe Dresden beheimatet. 26. Juni. Abklingendes Azorenhoch. Die diesjährige Literaturwoche Ulm begann neben einer Kirche. Sie endete in einer Kirche. In der im Krieg schwer beschädigten und später zum vielseitigen „Haus der Begegnung“ (HdB) umgestalteten ehemaligen Dreifaltigkeitskirche. Bei Mirabilis ist eine Novelle von Florian L. Arnold erschienen, der erneut rhetorisch gekonnt und gut informiert durch den Abend führte. Sie trägt den Titel „Ein ungeheuerlicher Satz“ und ist ganz bestimmt die passende Lektüre für die Zeit nach den spannenden Abenden mit vielen schönen, interessanten Büchern, mutigen Verlegern und engagierten Buchhändlern.

EN_009783981492590Peter Handke mit Handkamera ist auf der Mirabilis-Veröffentlichung „Der Geruch der Filme. Peter Handke und das Kino“ von Lothar Struck zu sehen. Das Foto hat Dieter Sander gemacht, Toningenieur, Kameramann, Fotograf, der u. a. für den WDR gearbeitet hat, viel in der Welt unterwegs war und in Paris Fritz Picard kennenlernte, der aus dem Südbadischen stammte und in Paris seit Anfang der 1950er Jahre das Antiquariat Calligrammes betrieb. Ein beliebter Treffpunkt von Literaten und anderen Intellektuellen in der französischen Hauptstadt. In seinem Buch „Fritz Picard. Ein Leben zwischen Hesse und Lenin“ zeichnet Dieter Sander den Lebensweg dieses außergewöhnlichen Menschen nach. Es basiert auf Gesprächen, die der Autor mit Picard führte und aufzeichnete.

Die Lesung daraus stand im Mittelpunkt des letzten Abends der Literaturwoche Ulm 2015. Geschildert wird Kultur- und insbesondere Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts quasi durch die Hintertür. Die vielen Begegnungen und Freundschaften Picards mit bedeutenden Künstlern und Literaten ergeben ein farbiges, anekdotenreiches Panorama. Else Lasker-Schüer und Annette Kolb, Erich Mühsam und Walter Mehring sind ebenso vertreten wie Max Liebermann, Erich Kästner und – eher am Rande – eben Hermann Hesse und Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Die musikalischen Akzente am Blüthner-Flügel setzte Johanna Sander.

Soviel aus ganz persönlicher Perspektive über eine Literaturwoche die 17 Tage dauerte. Ich habe die eine oder andere Veranstaltung mehr besucht, und das bunte, vielfältige Programm war noch einmal umfangreicher. Ganz unter den Tisch fallen lassen musste ich leider die tollen Ausstellungen. Meine Berichterstattung sprengt bereits die Dimensionen, die ein Blog verträgt. Im Anhang sind nun einige Links zu finden, die zu weiteren Infos rund um diese großartige 3. Literaturwoche Ulm führen. Außerdem bibliographische Angaben zu Büchern die hier erwähnt wurden. Und damit beginnt die Vorfreude auf die 4. Literaturwoche 2016.

* * * * *

Die Links

Literaturwoche Ulm (2015)

http://www.arno-schmidt-stiftung.de/

http://www.kurt-wolff-stiftung.de/

http://saetzeundschaetze.com/

(Die im Text vorkommenden Verlage sind natürlich alle im Netz präsent (mit Ausnahme von Josef Feistle) und unschwer zu finden.)

Die Bücher

Rubinowitz, Tex: Irma. – Rowohlt, 2015. Euro 18,95

Rubinowitz, Tex: Die sieben Plurale von Rhabarber. – rororo, 2013. Euro 8,99

Schmidt, Arno: „Und nun auf, zum Postauto!“ Briefe von Arno Schmidt. Herausgegeben von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach. – Suhrkamp, 2013. Euro 29

Hauser, Heinrich: Donner überm Meer. Roman. – Weidle 2001. Euro 19

Landsberger, Artur: Berlin ohne Juden. Roman. – Weidle, 1998. Euro 19

Stelling, Anke: Bodentiefe Fenster. Roman. – Verbrecher Verlag, 2015. Euro 19

Voskuil, J. J.: Das Büro: Direktor Beerta. – C. H. Beck, 2012. Euro 25

Voskuil, J. J.: Das Büro: Schmutzige Hände. – Verbrecher Verlag, 2014. Euro 29

Voskuil, J. J.: Das Büro. Weitere fünf Bände erscheinen nach und nach im Verbrecher Verlag.

Dath, Dietmar: Eisenmäuse. – Hablizel, 2010. Kleinbroschur Euro 4,90

Dath, Dietmar: Venus siegt. Roman. – Hablizel, 2015. Euro 23,90

Bloom, Steven: Das positivste Wort der englischen Sprache. Roman. – Wallstein Verlag, 2015. Euro 17,90

Feistle, Josef: U. a. Über das Meer. Mit dem Schiff nach Amerika; Russland: Ein Reisebericht; Inselgeschichten: Über England, Schottland und Irland; Über die Berge: Zu Fuß nach Venedig (Selbstverlegte Veröffentlichungen, die in den üblichen Verzeichnissen nicht nachgewiesen sind. Jastram kann weiterhelfen oder eine Anfrage beim Autor (Hauptstraße 16, 89264 Weißenhorn))

Walser, Martin: Ein springender Brunnen. Roman. – Suhrkamp Verlag, 2000. Taschenbuch-Ausgabe Euro 12

Arnold, Florian L.: Ein ungeheuerlicher Satz. Novelle. – Mirabilis-Verlag, 2015. Broschiert Euro 14,90

Sander, Dieter: Fritz Picard. Ein Leben zwischen Hesse und Lenin. – Mirabilis-Verlag, 2014. Euro 16,80

1875, 1955, 2015!

Notizen zu einem Thomas-Mann-Jahr

Er ist bereits seit 60 Jahren tot und geboren wurde er vor 140 Jahren. Am 6. Juni 1875 in der damaligen Stadtrepublik Lübeck. Runde Zahlen. Anlass genug für die Thomas-Mann-Gemeinde ein Jubiläums- und Jubeljahr auszurufen. Dabei ist Thomas Mann eine literarische Größe der regelmäßig und Jahr für Jahr sehr viel mehr Aufmerksamkeit zuteil wird als den meisten anderen toten Dichtern. Eine Aufmerksamkeit die sicher nicht unbedingt in direktem Zusammenhang mit der Häufigkeit der Lektüre seiner Originalwerke steht. Dafür wird über dieses Werk, und noch viel lieber rund um die Person des Autors mitsamt seiner originellen Familie, fleißig herausgegeben, veranstaltet, ausgestellt und aufgeführt.

In Herbstvorschauen der Verlage, die dieser Tage die Druckereien verlassen oder als PDF-Dokumente auf einschlägigen Websites erscheinen, wird Vorfreude auf zwei Bücher geweckt, die in der zweiten Jahreshälfte in die gut sortierten Buchläden kommen. Tilmann Lahme kennen Kundige bereits als Verfasser einer profunden, sehr lesenswerten Golo-Mann-Biographie. Er hat nach dem Studium für die FAZ gearbeitet und lehrt heute an der Universität Lüneburg. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit der Familie Mann. Im Herbst legt er nun als Ergebnis dieser Forschungen seine Monographie “Die Manns. Geschichte einer Familie” vor, die – wie könnte es anders sein – bei S. Fischer erscheinen wird.

Zentralbild Thomas Mann bürgerlich-humanistischer Schriftsteller von Weltgeltung. geb.: 6.6.1875 in Lübeck gest.: 12.8.1955 Kilchberg (Schweiz) 1929 erhielt er den Nobelpreis. 41175-29, Scherl Bilderdienst,

Thomas Mann 1929 im Hotel Adlon. (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-28795)

Lahme hat dafür die gesamte interfamiliäre Korrespondenz, darunter viele bisher nicht bekannte oder nicht beachtete Dokumente, ausgewertet und die verschiedenen Konstellationen und Abhängigkeiten des Familien-Verbundes untersucht. Der Verlag schreibt in seiner Ankündigung: “Legenden und Deutungen erscheinen in neuem Licht. Aus den verschiedenen Perspektiven entsteht ein vielschichtiges, ungeheuer lebendiges Bild einer Familie, in der um gegenseitige Anerkennung gekämpft wurde und sich auf einmalige Weise Literatur, Politik und Leben durchdrangen.” Diese Buch dürfte verschärftes Bestseller-Potential haben und die einschlägigen Filmemacher sehe ich schon in den Startlöchern für den Wettlauf um die Rechte für bewegte Bilder.

“Er ist ein Meister, er bleibt”, beginnt Thomas Manns großer Essay über Theodor Storm. “Bürger auf Abwegen” heißt das Buch, das sich mit beiden norddeutschen Künstlern beschäftigt und in dem die literarische Würdigung und durchaus kritische Einordnung des Husumers Storm durch den Lübecker Bürger und Schriftsteller eine zentrale Rolle spielt. Es ist der von Christian Demandt herausgegebene Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung, die vom 11. September bis 8. November diesen Jahres zunächst im Lübecker Buddenbrookhaus und anschließend bis weit ins nächste Jahr hinein im Theodor-Storm-Haus Husum zu sehen sein wird. “Er war ein Freier – trotz aller Weichheit und Sensibililät seiner Natur ein Mann trotziger Stirn…”, urteilte der Nobelpreisträger im Essay über den Vorfahren im Geiste.

220px-Storm_bueste

Theodor-Storm-Büste in Husum (Foto: Thorsten Schramme)

Obwohl sie keine Zeitgenossen waren – Mann hat Storm (1817 – 1888) ja bereits als eine Art “Klassiker” – wahrgenommen, gibt es so etwas wie eine Verwandtschaft zwischen diesen beiden zutiefst bürgerlich gegrägten Persönlichkeiten, deren Lebenswege und Werke von der antibürgerlichen Ambivalenz ihres Künstlertums und der schmerzlich-kreativen Auseinandersetzung mit ihren Milieus und Determinationen zeugen. Zu entdecken sind Parallelen “in ihren Auffassungen von Kunst und bürgerlicher Tätigkeit, ihrer Liebe zu Poesie und Musik, in ihren erotischen Verwirrungen, in ihrer Neugier auf das Einbrechen des Phantastischen in die vernünftig geordnete Welt…”, heißt es im Ankündigungstext des Verlages zu “Bürger auf Abwegen”.

Im der ersten Septemberhälfte werden sich gleich zwei öffentliche Tagungen mit Gemeinsamkeiten und Trennendem der beiden großen Dichter-Persönlichkeiten beschäftigen. Von 4. bis 6. September lädt die Theodor-Storm-Gesellschaft nach Husum ein. Das traditionelle Herbst-Kolloquium der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft findet die Woche drauf vom 10. bis 13. September statt. Und da gibt es dann gleich noch etwas zu feiern: Diese Vereinigung gibt es nun seit 50 Jahren. (S. Links im Anhang)

index

Auch in der Stadt in der Thomas-Mann fast 40 Jahre lebte wird “Thomas Mann zu Ehren” und aus Anlass des doppelten Gedenkjahres einiges auf die Beine gestellt. Doch die offiziellen Stellen sind es weniger, die sich dabei hervortun. Diese Aufgabe stemmen – und das nicht zum ersten Mal – die rührigen Menschen des Thomas-Mann-Forums München, allen voran der vielseitige Dirk Heißerer, deren Engagement ein umfangreiches Jubiläums-Programm mit einer großen Zahl unterschiedlichster Veranstaltungen ermöglicht. Alle Informationen dazu gibt es über die Homepage des Forums (s. Anhang) oder in der Arcisstraße 12, 80333 München.

In Russland geht ein so genanntes “Deutsches Kulturjahr” zu Ende, von dem man in deutschsprachigen Medien erschreckend wenig vernommen hat. Man hätte ja recherchieren müssen. Lieber werden die beliebten und beliebigen Fertigtexte der westlichen Unterhaltungskonzerne von den abgemagerten Redaktionen verwendet, was zunehmend zur inhaltlichen Gleichschaltung der Feuilletons, der Kultur- und Medienseiten unserer Zeitungen führt. Dem “Focus” verdanke ich aber immerhin, dass ich erfahre, dass zum Abschluss des “Deutschen Kulturjahres” im Moskauer Puschkin Literaturmuseum eine Fotoausstellung über das Leben des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann zu sehen sein wird. Bis 30. September hat man Zeit, die russische Hauptstadt zu besuchen und dabei zu erkunden, was die Kuratoren für sehens- und mitteilenswert halten.

DSCN1373

Während wir bei der Beschäftigung mit Thomas Mann gleich auf mehrere ausgezeichnete Biographien (von Peter de Mendelssohn bis Hermann Kurzke) zurückgreifen können, gibt es zu Storm meines Wissens derzeit nur ein adäquates wissenschaftlich fundiertes und aktuelles Werk: “Du graue Stadt am Meer. Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert” von Jochen Missfeldt. Daneben entdeckt man Kurioses, wie den Storm-Krimi “Das Nordseegrab” des Tilman Spreckelsen. “DICHTER, ANWALT, ERMITTLER – Theodor Storm und sein geheimnisvoller Gehilfe Söt in Husum: ein Nordseeküstenkrimi voller Spannung und historischer Atmosphäre”, verspricht der Verlag. Gelesen habe ich das im April erschienene Buch des bisher hauptsächlich als Journalist hervor getretenen Autors noch nicht. Sollte ich? Es wird im übrigen der erste Band einer von Spreckelsen geplanten Reihe rund um den Ermittler Storm sein.

Von Manfred Flügge liegt seit einigen Wochen “Das Jahrhundert der Manns” vor. Flügge kommt das Verdienst zu, vor knapp zehn Jahren eine dringend benötigte Biographie über den Thomas-Bruder Heinrich veröffentlicht zu haben. Weniger gelungen war sein Versuch über “Die vier Leben der Martha Feuchtwanger”, dessen über 400 Seiten vor allem mit Klatsch, Tratsch und intimen Indiskretionen zu imponieren versuchen. Nun also die “Manns”. Da er nicht der erste ist, der sich gleich die ganze Familie vornimmt (s. oben, sowie z. B. Reich-Ranickis, “Thomas Mann und die Seinen” oder die „andere Geschichte der Familie Mann“ mit dem Titel „Im Netz der Zauberer“ von Marianne Krüll) darf man gespannt sein, was er uns Neues und Interessantes zu bieten hat. “Das politische Denken und Handeln sowie die wichtigsten literarischen Werke der Manns stellt er in engem Zusammenhang mit Zeit- und Lebensgeschichte dar,” kündigt der Klappentext die Intension des Verfassers an. Das wäre ja schon mal was.

HörJüngere Zeitgenossen mögen staunen. Obwohl unser im Jahr 2015 einmal mehr gefeierter Autor bereits im 19. Jahrhundert zur Welt kam und für jüngere Erdenbürger schon seit Urzeiten tot ist, kann man ihn durchaus in Bild und Ton sehen und hören. Es gibt einiges Filmmaterial von ihm und seinem Umfeld und vor allem gibt es Tonaufnahmen. Jetzt neu erschienen im Hörverlag sind 17 Stunden Original Thomas Mann auf 17 CDs. Er liest/las darauf u. a. aus dem “Felix Krull”, dem “Zauberberg”, “Joseph und seine Brüder”. Zu hören sind außerdem die Reden “Deutsche Hörer”, die er mit der BBC aufnahm und die für die Landsleute im Nazi-Deutschland gedacht waren. Und Thomas Mann erzählt von der Musik, die er gerne hörte und von der es dann auch Hörbeispiele gibt. Diese Vorträge zeugen auch von der darstellerischen Begabung des Schriftstellers, deutlich wird das vor allem wenn er mal heiter-ironisch, mal getragen bis tragisch aus den eigenen Romanen und Erzählungen liest.

*****

Lahme, Tilmann: Die Manns. Geschichte einer Familie. – S. Fischer, 2015 (ersch. 8. Okt. 2015). Euro 24,99

Demandt, Christian (Hrsg): Bürger auf Abwegen. Thomas Mann und Theodor Storm. – Wallstein, 2015 (ersch. 1. Sept. 2015). Euro 24,90

Missfeldt, Jochen: Du graue Stadt am Meer. Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert. – Reclam, 2014 (TB-Ausg., Original: Hanser, 2013). Euro 14,95

Spreckelsen, Tilman: Das Nordseegrab. Ein Theodor-Storm-Krimi. – Fischer TB, 2015. Euro 9,99

Flügge, Manfred: Das Jahrhundert der Manns. – Aufbau Verlag, 2015. – Euro 22,95

Mann, Thomas: Die große Originalton-Edition. 17 Audio-CDs und 1 Audiobook. – der Hörverlag, 2015. UVP Euro 49,99

Theodor-Storm-Gesellschaft

Deutsche Thomas-Mann-Gesellschaft

Thomas-Mann-Forum München e. V.

 

Leipziger Buchmesse 2015

Worte und Welten – Themen und Bücher (der erste Teil)

Das Fest des Poeten. Und ein Fest für die Poesie. Erstmals ging einer der großen deutschen Buchpreise an einen Lyriker. An Jan Wagner und seine „Regentonnenvariationen“. Kurz darauf war die ausgelieferte Auflage in allen 4.782 Buchhandlungen der Republik komplett vergriffen. Landauf, landab blieb die Scheibe matt und die Küche kalt, in Ost und West, von jung und alt, wurden jetzt Gedichte gelesen. Das Gedicht vom Giersch („kehrt stets zurück wie eine alte schuld“), das Gedicht vom Pferd („ist es ein fuchs, ein schimmel oder rappe / hengst oder stute“), das Gedicht von den Koalas war ganz schnell der große Hit, während „giovanni gnocchi am violoncello“ mit Sicherheit in zukünftigen Anthologien vertreten sein wird, und meine Enkel werden in Schulaufsätzen dereinst „eule“, „elch“ oder „grottenolm“ zu interpretieren haben.

DSCN1244

Der Dichter Jan Wagner signiert seine preisgekrönten „Regentonnenvariationen“.

Im Ernst: Schön wär’s, dem Dichter zu gönnen, wenn wenigstens in einem Teil der gekauften Bücher wirklich gelesen würde. Jan Wagners Gedichte sind es wert gelesen und ausgezeichnet zu werden. Es sind kleine, fein ziselierte Geschichten, melodisch schwingend, gut lesbar bis unterhaltsam. Am besten kommen sie vom Autor oder einer geschulten Stimme rezitiert zur Geltung. Wir warten auf das Hörbuch, das es noch nicht gibt. Die Gedichte des diesjährigen Trägers des „Preises der Leipziger Buchmesse“ von einem fähigen Schauspieler kongenial eingelesen. Darauf warten wir jetzt. Und auf die Auslieferung der nächsten Auflage. Möge ab sofort auch anderen Lyrikern und Lyrikerinnen mehrere Auflagen beschieden sein.

Die Unabhängigen. Neu war in diesem Jahr das Forum „Die Unabhängigen“, ein Gemeinschaftsprojekt von Leipziger Buchmesse und Kurt-Wolff-Stiftung. Dazu Buchmesse-Chef Oliver Zille: „Mit dem Forum wollen wir einen Ort etablieren, der bei Leserpublikum, Medien und dem Buchhandel für unabhängige Verlage und deren Autoren wirbt.“ Immerhin 37 Verlage haben sich hier zusammengefunden und 44 Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Ein ausgesprochen anregender Freiraum, der in den ständig überfüllten Hallen nicht nur raren Sitzplatz bot, sondern darüber hinaus allerlei Geistreiches, Aufmunterndes, Hoffnungsvolles aus Worten und zu berichtenden Taten.

DSCN1233

Der Schweizer Journalist Manfred Papst bedankt sich für die Auszeichnung mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

Abgesang. Gehört bei der Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik an Manfred Papst den langjährigen Mitarbeiter von Neuer Zürcher Zeitung und deren Sonntags-Ableger, in eben jenem Forum der Unabhängigen. Beklagt wurde dabei in wohlgesetzten Worten das Ende einer langen Tradition, die im 20. Jahrhundert von Kerr und Karl Kraus über Tucholsky und Kästner bis zu den jüngst verstorbenen Marcel Reich-Ranicki und Fritz J. Raddatz währte. Papst sei ein allerletzter Nachzügler dieser Hochblüte. Der Geehrte bedankte sich selbstironisch und die Bedeutung seiner Profession bescheiden relativierend. Man müsse sich hüten diktatorisch oder besserwisserisch zu sein. Die Aufgabe sei eine vermittelnde, eine dienende. Dabei müsse man vor allem an jüngere Menschen denken, die noch unerfahren sind. Und „man muss bereit sein, sich Feinde zu machen.“ Dabei ist „der Hochstapler Felix Krull unser Schutzheiliger.“

DSCN1251

Blauer Engel. Für eine gelbe Institution. Die Wand aus hunderten Bänden der Reclams Universalbibliothek ist immer wieder gern gesehener Blickfang auf Buchmessen. Der im selben Farbton gehaltene Gesamtkatalog des Unternehmens sehr begehrt. Doch neuerdings ist nicht mehr nur gelb angesagt. Reclam erhielt vor kurzem den „Blauen Engel“ für die Produktion seiner Universalbibliothek. Jene broschierten, gleichzeitig strapazierfähigen und langlebigen Kleinformate, die in fast jede Tasche passen, werden schon seit über 10 Jahren aus Recycling-Materialien hergestellt. Zur Buchmesse erschienen die ersten Bände mit Umweltzeichen. Der „Blaue Engel“ ist das Umweltzeichen der Bundesregierung; die Vergabe erfolgt nach einer strengen Zertifizierung. Bücher- und Umweltfreunde können also guten Gewissens zugreifen und sich ein Bändchen mehr gönnen.

LBM2015_0114

Foto: Leipziger Messe GmbH / Rainer Justen

Taktlos. „Durch Wald und Wiese, Heide und Hain, / jagte mich Sturm und starke Not: / nicht kenn’ ich den Weg, den ich kam. / Wohin ich irrte, weiß ich noch minder: / Kunde gewänn’ ich des gern.“ Wem wohl wäre dieses Dilemma fremd, das hier einer beschreibt, der dort in Leipzig geboren wurde, wo heute ein Einkaufstempel glänzt, dessen noble Shops sicherlich nur wenige Bewohner der hochgelobten Musik- und Literaturstadt frequentieren können? Vielleicht wäre Richard Wagner mit Reimen, wie den hier zitierten aus der „Walküre“, heute ja auf der Buchmesse vertreten. Oder auch nicht. Welcher Verleger würde schon solch bemühten Schwulst herausbringen? Tatsächlich vertreten war er mit seiner Musik – dem Vorspiel aus den Meistersingern – auf jener Eröffnungsveranstaltung im Gewandhaus zu Leipzig, auf der die deutsch-israelische Freundschaft und 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen den beiden problematischen Staaten eine zentrale Rolle spielten. Die israelischen Gäste ließen die heroischen Klänge ohne sichtbare Regung an sich vorbeischallen.

Auftritt Oskar Matzerath

1958. Gasthof Adler in Großholzleute. Günter Grass liest erstmals öffentlich aus der „Blechtrommel“.

Die 20. Tagung der Gruppe 47 fand, wenn man es wohlwollend ausdrückend will, in reizender Voralpenlandschaft statt. Nüchterner formuliert: Weit ab von den kulturellen Zentren, einige meinten, „wo Hase und Igel sich gute Nacht sagen.“ Nicht zum ersten Mal hatte man sich für ein ländliches Quartier entschieden. Einige Kilometer hinter Isny liegt das Dörfchen Großholzleute, inzwischen längst in den württembergischen Kurort eingemeindet.

Vom 31. Oktober bis 2. November 1958 versammelten sich die von Hans Werner Richter eingeladenen Schriftsteller und Schriftstellerinnen im historischen Gasthof Adler. Knapp an die viel befahrene Straße nach Kempten gebaut, verfügte das Wirtshaus, neben niedrig uriger Gaststube, über einen geräumigen, nach hinten gelegenen Saal. Das Ambiente war gediegen Altdeutsch: Bretterdielen, schon etwas wackelige Holztische, holzverkleidete Wände an denen zahlreiche Geweihe hingen, die niedrigen Fenster sorgten für Dauerdämmer. Die Abgeschiedenheit erzeugte den erwünschten Klausurcharakter.

Adler 1954

Der Gasthof Adler nahe Isny in den 1950er Jahren.

Zu den uns heute noch bekannteren Teilnehmern zählten Wolfgang Hildesheimer, Hans Magnus Enzensberger (ja, den gab es damals auch schon!) und Ilse Aichinger. Zum ersten Mal dabei war ein erst vor kurzem aus Polen übersiedelter, den meisten noch unbekannter Literaturkritiker namens Marcel Reich-Ranicki. Medienvertreter kamen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus den Nachbarländern Schweiz und Österreich, aus den Niederlanden und Polen, selbst die BBC war vertreten. Das Interesse der Medien wurde nun von Jahr zu Jahr größer. In den folgenden Jahren entwickelte sich ein regelrechtes Berichterstattungs-Spektakel. Die Person des Dichters, der Dichterin wurde für viele Jahre zur beliebten Medienfigur und damit zum Protagonisten auf der Bühne der Eitelkeiten und Marktmechanismen. Seit jedoch breite Fernsehpenetranz das Volk beglückt, ist das öffentliche Interesse an der schreibenden Elite wieder stark gesunken.

Das Prozedere auf den Tagungen der Gruppe 47 war bereits zum Ritual geworden. Der Autor liest, das Forum kritisiert, der Dichter hat zu schweigen. Selten gab es Abweichungen oder wurden Sonderwünsche erfüllt, wie die eines polnischen Teilnehmers, dem es erlaubt wurde im Adlersaal bei Kerzenschein zu lesen. Doch die 20. Zusammenkunft der Schreiber-Zünftlinge wurde noch aus einem anderen Grund etwas ganz Besonderes. Auf dieser Veranstaltung im abseits gelegenen, historischen Landgasthof begann eines der bedeutendsten Kapitel deutschsprachiger Literaturgeschichte der – damals sogenannten – Nachkriegszeit.

„Zugegeben: Ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann… Ich beginne (mit der Erzählung) weit vor mir; denn niemand sollte sein Leben beschreiben, der nicht die Geduld aufbringt, vor dem Datieren der eigenen Existenz wenigstens der Hälfte seiner Großeltern zu gedenken.“

51FqjCg07cL._SY445_

Es war ja kein gänzlich Unbekannter, der da auf altem, etwas klapprigen Stuhle sitzend diese ersten Sätze aus seinem noch unveröffentlichten Roman den versammelten Schriftsteller-Kollegen, (wenigen) Schriftstellerinnen, Kritikern und Medienvertretern vorlas. Günter Grass hatte bereits 1955 in Berlin erstmals vor der Gruppe 47 gelesen. 1956 war sein Gedichtband „Die Vorzüge der Windhühner“ erschienen, ein Jahr später wurde in Frankfurt am Main das Stück „Hochwasser“ uraufgeführt. 1957, beim Treffen in Starnberg, trug er Lyrik vor und war mit einigen seiner Grafiken angereist, die den Teilnehmern zum Kauf angeboten wurden. Er brauchte Geld. Doch nicht jeder kannte den „jungen Mann mit mächtigem Schnurrbart“, wie ihn Marcel Reich-Ranicki nannte. Grass wirkte auf viele etwas grobschlächtig, hinterwäldlerisch. Ein Bildhauer sei das, der auch dichtet, wussten Einige.

Marcel Reich-Ranicki hatte ihn bereits im Mai 1958 in Warschau kurz kennengelernt. Der ihm damals noch unbekannte Steinmetz, Grafiker und Schriftsteller erzählte dem sehr an deutscher Literatur interessierten „Fremdenführer“ von seinen Romanplänen. „Das wunderte mich nicht“, schrieb Reich-Ranicki in seinen Erinnerungen, „denn ich habe in meinem ganzen Leben nur wenige deutsche Schriftsteller kennengelernt, die nicht gerade an einem Roman arbeiteten.“ Als ihm Grass anvertraute, dass die Hauptfigur ein Zwerg mit Buckel und Insasse einer „Irrenanstalt“ sein würde, urteilte er: „Eines schien mir sicher: aus dem Roman wird nichts werden.“

Grass lebte seit 1956 zusammen mit seiner damaligen Frau Anna Schwarz in Paris. Die Wohnverhältnisse waren schlecht, Geld knapp. Doch wie bei Grass üblich: es wurde gelebt, geliebt, gezeugt, getanzt und gekocht. Und fleißig geschrieben. Es war dies die Zeit in der Grass mit den ersten Aufzeichnungen zur „Blechtrommel“ begann. Frühe Ideen sahen als mögliche Titel für das Werk „Oskar der Trommler“ oder schlicht „Der Trommler“ vor. Erst in der vierten Fassung des Romans – die ersten drei endeten später als Heizmaterial – bekam dieser seinen endgültigen Titel.

YAKUMO DIGITAL CAMERA

Günter Grass, 2010 auf der Leipziger Buchmesse.

„Einige Kritiker hielten ihn für eine Naturbegabung, was wohl eher abwertend als anerkennend gemeint war…“ (Hans Werner Richter). Im Westallgäuer Adler las Grass zwei Kapitel aus der „Blechtrommel“. Das erste, das mit dem bekannten, oben zitierten Satz beginnt und das vierunddreißigste. In diesem wechselt der Autor den Erzähler. Nicht mehr Oskar Matzerath führt das Wort – geschwollene Finger machen inzwischen sowohl das Trommeln, wie auch das Halten eines Füllfederhalters unmöglich – sondern einer seiner Pfleger.

„Ich, Bruno Münsterberg, aus Altena im Sauerland, unverheiratet und kinderlos, bin Pfleger in der Privatabteilung der hiesigen Heil- und Pflegeanstalt. Herr Matzerath … ist mein Patient… Herr Matzerath ist mein harmlosester Patient… Nie gerät er so außer sich, daß ich andere Pfleger rufen müßte. Er schreibt und trommelt etwas zu viel. Um seine überanstrengten Finger schonen zu können, bat er mich heute, für ihn zu schreiben…“

Die barock anmutende Formulierungskunst, die erzählerische Wucht, überraschte dieses erste Auditorium. Von Schriftstellern, die vor der Gruppe 47 lasen, wurde eigentlich stilistisch Neuartiges erwartet. Man wollte die Literatur der Weimarer Republik und des Exils endgültig hinter sich lassen. Dass die deftigen Passagen der Geschichte nach Erscheinen des Buches für den einen oder anderen Skandal in der Adenauer-Republik sorgen würden, ahnte noch keiner der Zuhörer. Das Echo war insgesamt positiv. „…mir haben die beiden Kapitel gefallen, sie haben mich nahezu begeistert“, drückte Marcel Reich-Ranicki aus, was wohl die meisten empfanden. Sein Urteil über das fertige Buch, das er für die Münchener Wochenzeitung „Die Kultur“ besprach, fiel dann etwas doppeldeutiger aus: „Grass schreibt eine unkonventionelle, kräftige ja sogar wilde Prosa… Er kann beobachten und schildern, seine Dialoge sind vorzüglich, sein Humor ist grimmig und originell und er hat viel zu sagen.“ Reich-Ranicki entwickelte sich nach und nach zum obersten Grass-Kritiker und –Skeptiker.

indexNach der fulminanten Lesung des dunkelhaarigen, schnurrbärtigen Kaschuben, war das Interesse an Hans Magnus Enzensberger und Klaus Roehler, die unglücklicherweise nach diesem Naturereignis lesen mussten, deutlich flauer. Der Tag klang aus, wie die meisten Abende der Gruppen-Treffen – bei intensiven Diskussionen und reichlich Wein, Bier und Rauch.

Günter Grass bekam spontan den „Preis der Gruppe 47″, dessen Vergabe eigentlich drei Jahre zuvor eingestellt worden war. Verlage sagten dafür kurzfristig 5000 Deutsche Mark zu (Böttiger). Laut Toni Richter soll Grass sogar DM 6.500 Preisgeld bekommen haben. Eine für damalige Verhältnisse beträchtliche Summe (Ein Luxus-Auto wie der Opel Kapitän war damals für etwa 8000 DM zu haben). Grass feierte die Preisverleihung am Tresen des Gasthauses mit Allgäuer Obstler und band sich für das Erinnerungsfoto eine Krawatte um. „Im Knopfloch seines Jackets steckte eine Blume“, wusste der Biograph Michael Jürgs. Ins Gästebuch des Adler trug sich der Prämierte mit einer gezeichneten Kochmütze und einem lapidaren „Günter Grass, Paris“, ein.

Nach der Abreise aus Großholzleute machten viele Teilnehmer noch in Ulm Station. Inge Aicher-Scholl gab für die Gruppe ein Fest in der auf dem Kuhberg gelegenen Hochschule für Gestaltung. Die in der Bauhaus-Nachfolge stehende Kreativschmiede war zu ihren besten Zeiten, neben ihrem spektakulären Blick auf das gotische Ulmer Münster in der Stadtmitte, für legendäre, ausdauernde Partys berühmt und bei vielen Bürgern der Stadt auch berüchtigt. Ein kleiner Kreis fand schließlich noch für den einen oder anderen Absacker zu Erika Wackernagel, der Frau des legendären Intendanten Peter Wackernagel, der im Sommer 58 überraschend verstorben war.

Günter Grass führte der Weg vom Adler direkt nach München, wo er beim Radio des Bayerischen Rundfunks aus dem Blechtrommel-Manuskript las. Das Honorar betrug DM 800. Ab sofort war Grass ein bekannter Autor, eine prominente Persönlichkeit in Nachkriegs-Deutschland und nahezu aller Geldsorgen ledig, wenn es auch noch etwas dauern sollte bis das zuerkannte Preisgeld eintraf. „Ich selbst habe eine solche Euphorie in der Gruppe 47 nicht wieder erlebt“, blickte Hans Werner Richter zurück.

Fast ein Jahr dauerte es noch bis endlich das gedruckte Buch erscheinen konnte. Paul Celan, mit dem Grass in Paris freundschaftlichen Umgang pflegte, durfte vorab die Korrekturfahnen sehen. Grass hatte nach der Tagung im Allgäu mit Eduard Reiferscheidt vom Luchterhand-Verlag Konditionen für sich ausgehandelt, die deutlich über dem damals Üblichen lagen. Das hat sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten für alle Beteiligten gelohnt.

Günter Grass hielt der Gruppe 47 die Treue. Er versäumte keine der folgenden Tagungen.

***

(Warum ich gerade jetzt über diese 20. Tagung der Gruppe 47 geschrieben habe, hat mit dem Schauplatz des Geschehens zu tun. Denn aus Vergangenheit und Gegenwart des Gasthauses Adler ist längst eine eigene lange Geschichte geworden. Eine Geschichte mit offener, derzeit eher unklarer Zukunft. Darüber hoffe ich in Kürze hier etwas mehr und Genaueres berichten zu können.)

***

 Verwendete Literatur

Grass, Günter: Die Blechtrommel. – Neuwied : Luchterhand, 1959

Jürgs, Michael: Bürger Grass. Biografie eines deutschen Dichters. – München : C. Bertelsmann, 2002

M.-Brockman, H.: Dichter und Richter. Die Gruppe 47 und ihre Gäste. – München : Rheinsberg Verlag, 1962

Reich-Ranicki, Marcel: Mein Leben. – Stuttgart : Deutsche Verlagsanstalt, 1999

Richter, Hans Werner: Im Etablissement der Schmetterlinge. 21 Portraits aus der Gruppe 47. – München : Carl Hanser Verlag, 1986

Richter, Toni: Die Gruppe 47. In Bildern und Texten. – Köln : Kiepenheuer und Witsch, 1997

 

Leipziger Buchmesse 2014

Der zweite Teil: Menschen und Bücher

„Wie wohl ist dem, der dann und wann / Sich etwas Schönes dichten kann.“ (Wilhelm Busch)

Gleich zweimal ist mir diesmal in Leipzig der Name Shakespeare begegnet.

Zunächst in Denis Schecks Einmann-Talkshow. Dieser fulminanten Live-Version der „beliebten Familiensendung Druckfrisch“. Zwanzig, dreißig Bücher im Schnelldurchlauf. Überraschenderweise werden der neue Schätzing und der aktuelle Donna-Tartt-Wälzer empfohlen. Die Titel der Verrisse habe ich schon wieder vergessen. Dem großen William widmete sich der Schnelldenker und –sprecher aus Anlass von dessen 450. Geburtstag am 26. April etwas ausführlicher. Er lobte die Neuübertragungen in ein zeitgemäßes Deutsch von Frank Günther. Sie tragen dazu bei, dass ein Theaterautor, der ursprünglich nur zur kurzweiligen Unterhaltung seiner Zeitgenossen schrieb, jahrein, jahraus auf so vielen Bühnen gespielt wird. Im Staatstheater gehört er ebenso zum festen Repertoire wie in den Theatergruppen von Waldorfschulen. Zur vertiefenden Beschäftigung empfahl Meister Scheck die brandneue große Biographie von Hans-Dieter Gelfert „William Shakespeare in seiner Zeit“ und „Shakespeares ruhelose Welt“ von Neil MacGregor.

DSCN0802

Der Zeitgenosse Shakespeare heißt Nicholas und schreibt Prosa.

Der andere Shakespeare heißt Nicholas und ist Weltreisender, Journalist, Schriftsteller, Autor einer Bruce-Chatwin-Biographie, Mitglied der „Royal Society of Literature“ und Brite durch und durch. Unter dem schlichten Titel „Priscilla“ hat er einen Roman geschrieben, der sich sehr frei am Leben einer Tante Shakespeares orientiert. Ausgangspunkt war dabei ein Gerücht das besagte, dass diese Verwandte, die jahrelang in Frankreich lebte, der Widerstandsbewegung gegen Hitler-Deutschland angehörte. Eine Legende, die den Recherchen des Autors nicht standhielt. Priscilla, die in Wirklichkeit anders hieß, entpuppte sich als genusssüchtige, virulente Lebefrau, die mit Politik nichts am stets modischen Hut hatte. Dennoch bot ihr Lebenslauf genügend Stoff für eine deftige Erzählung vor historischem Hintergrund.

Nicholas Shakespeare ist ein Musterbeispiel für die professionelle Art englischer und amerikanischer Verlage einen Autor und seine Werke zu vermarkten – vorzugsweise multimedial. Die Macher spielen dabei geschickt den Trumpf, dass sie Bücher in einer weltweit gelesenen Sprache bewerben können. Schriftsteller werden dabei zum Produkt, zur Marke stilisiert. Und in der Tat erscheinen uns Stephen King, Donna Tartt, Dan Brown, John Grisham, Elizabeth George & Co. längst als gekonnt platzierte „Registered Trademarks ®.

DSCN0850

Jonathan Lethem. Ein amerikanischer Autor mit familiären Wurzeln in der „Geistigen Lebensform“ Lübeck.

Auswüchse bleiben dabei nicht aus. Etwa wenn uns das neue Buch des US-Amerikaners Jonathan Lethem als „die Buddenbrooks der amerikanischen Linken“ angedreht werden soll. Lethem hatte Großeltern, die einst in Lübeck ganz in der Nähe der Familie Mann lebten, bevor sie emigrierten. Es ist sicher nicht uninteressant wenn er in „Der Garten der Dissidenten“ die Geschichte einer Familie erzählt, die aus gesellschaftspolitischen Außenseitern und chronischen Protestlern besteht. Ein spannender Blickwinkel auf die innere Verfasstheit der Vereinigten Staaten, der uns nicht häufig geboten wird. Der Bogen spannt sich vom Kommunismus der 1950-Jahre bis zur Occupy-Bewegung der Gegenwart. Und doch haben solche Bücher und ihre Autoren etwas Verwechselbares. Werk und Auftritt des Produzenten wirken zu glattgeschliffen, allzu passend gemacht für die globale Verkäuflichkeit. Und natürlich ist Lethem, wie viele seiner Kollegen, im Nebenjob Dozent für „Creative Writing“ an irgendeinem schicken Ost- oder Westküsten-College – so etwas wie ein Standardbestandteil vieler Autoren-Laufbahnen.

Strategien, Realitäten, Eindrücke mit denen man konfrontiert wird, weil Buchmessen eben zu allererst Marktplätze sind. Literatur wird nicht nur von geneigten und vernarrten Lesern erlebt, sondern von ihren Anbietern gezielt auf kommerziellen Erfolg getrimmt und so regelrecht dekonstruiert. Verbunden damit ist eine Art Pflicht zum Bewunderungszwang des Autors oder der – soweit einigermaßen vorzeigbar – Autorin als Held (oder Literatur-Model) medialer Großereignisse. Natürlich hänge ich, wie auch viele andere Leser, nur zu gerne meinen Träumen nach. In denen ist die literarische Künstlerspezies in Dachstuben und Elfenbeintürmen ansässig, musengeküsst emsig am Werke, mit allen Freiheiten dichterischen Denkens und Schreibens gesegnet. Zum Glück bietet gerade Leipzig und sein Drumherum in Form des Lese-Festivals „Leipzig liest“ noch die eine oder andere Nische und Abseite. Da sie weniger pekuniär orientiert sind, und nicht von Marktschreiern unüberhörbar gemacht werden, wollen sie gesucht und entdeckt werden.

Gar nicht so schwer zu finden ist das „Ariowitsch-Haus“. Im Mai 2009 wurde dieses „Zentrum für jüdische Kultur in Leipzig“ eingeweiht. Es liegt in der Nähe der Arena und ist mit mehreren Straßenbahnlinien bequem zu erreichen. Alljährlich finden dort zahlreiche Veranstaltungen im Begleitprogramm der Buchmesse statt. In diesem Jahr waren u. a. David Safier, Jutta Ditfurth, Benjamin Stein und Thomas Meyer im dem imposanten, gründlich restaurierten und zweckmäßig umgestalteten Gebäude, das aus den 1920er-Jahren stammt, zu Gast.

media_30941290--INTEGERThomas Meyer ist ein jüngerer Schweizer Schriftsteller, dessen Roman „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ vor gut einem Jahr als Originalausgabe und jetzt als Taschenbuch bei Diogenes erschienen ist. Hinter dem originellen Titel verbirgt sich ein Roman, der die Geschichte eines jungen Mannes aus einer orthodoxen jüdischen Familie in Zürich erzählt. Mordechai Wolkenbruch, von der omnipräsenten Mutter „Mottele“ genannte, verlässt die vom Milieu vorgesehene tradierte Linie und verliebt sich in eine nichtjüdische Kommilitonin, eben eine „Schickse“. Turbulenzen, Dramatik und Komik kommen in diesem Buch nicht zu kurz. Die Lektüre wird allerdings durch eine Sprachschwelle ebenso erschwert wie bereichert. Der Autor hat immer wieder Passagen in Jiddisch verfasst. Ich kann versichern: Man liest sich ein. Zudem erleichtert ein Jiddisch-Glossar die Orientierung und abgerundet wird das Ganze mit einem Matzenknödel-Rezept – ein Hinweis darauf, dass das Essen in der Familie Wolkenbruch eine große Rolle spielt:

„Er habe Matzenkrümel im bort, sagte Dana. Ob er noch a knajdl wolle, fragte meine Mutter.“

Jahr für Jahr statte ich dem „Nordischen Forum“ einen Besuch ab und kann regelmäßig Entdeckungen machen, die es den deutschen Feuilletons und Literaturseiten nicht wert sind, erwähnt zu werden. Zu den prominentesten Gästen zählte 2014 der schwedische Krimisamfliesband-Produzent Hakan Nesser, dessen Geschichten ich allerdings nicht allzu viel abgewinnen kann. Ich habe mir stattdessen den Titel „Sibelius und seine Zeit“ notiert. Sibelius ist einer meiner Lieblingskomponisten, sein Violinkonzert steht für mich auf einer Stufe mit dem Beethovens. Tomi Mäkelä „entwirft ein detailreiches Panorama zu Sibelius kompositorischem Gesamtwerk an der Schwelle zur Moderne sowie den Umständen, in denen es entstand.“ (Verlag Laaber)

DSCN0858

Die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardóttir stellte auf der Leipziger Buchmesse ihren neuen Roman vor.

Und ich hatte Gelegenheit eine der prominentesten Autorinnen Islands sehen und hören zu können. Allerdings ist Steinunn Sigurdardóttir eine ausgesprochen polyglotte Persönlichkeit. Nach Jahren in Großbritannien und Frankreich lebt sie seit einiger Zeit in Berlin. Jetzt im Frühling freut sie sich besonders über die blühenden Kastanien, gibt es doch in ihrer kahlen nordischen Heimat keinerlei Bäume. „Jojo“ heißt ihr neuestes Werk, das jetzt bei Rowohlt erschienen ist. Es ist bereits ihr achtes Buch, das auf Deutsch übersetzt wurde. Es geht um einen Radiologen in Berlin, der einen Obdachlosen medizinisch versorgt und damit rettet. Eine Freundschaft bahnt sich sogar an, doch beide Männer sind so unterschiedlich und haben Geheimnisse in ihrer Vergangenheit, die einen Schatten auf ihr Leben und ihre Beziehung werfen. Der Abschnitt, den die Autorin vor dichtgedrängtem Publikum im kleinen, intimen Rahmen des „Nordischen Forum“ las, macht Lust auf mehr.