Auftritt Oskar Matzerath

1958. Gasthof Adler in Großholzleute. Günter Grass liest erstmals öffentlich aus der „Blechtrommel“.

Die 20. Tagung der Gruppe 47 fand, wenn man es wohlwollend ausdrückend will, in reizender Voralpenlandschaft statt. Nüchterner formuliert: Weit ab von den kulturellen Zentren, einige meinten, „wo Hase und Igel sich gute Nacht sagen.“ Nicht zum ersten Mal hatte man sich für ein ländliches Quartier entschieden. Einige Kilometer hinter Isny liegt das Dörfchen Großholzleute, inzwischen längst in den württembergischen Kurort eingemeindet.

Vom 31. Oktober bis 2. November 1958 versammelten sich die von Hans Werner Richter eingeladenen Schriftsteller und Schriftstellerinnen im historischen Gasthof Adler. Knapp an die viel befahrene Straße nach Kempten gebaut, verfügte das Wirtshaus, neben niedrig uriger Gaststube, über einen geräumigen, nach hinten gelegenen Saal. Das Ambiente war gediegen Altdeutsch: Bretterdielen, schon etwas wackelige Holztische, holzverkleidete Wände an denen zahlreiche Geweihe hingen, die niedrigen Fenster sorgten für Dauerdämmer. Die Abgeschiedenheit erzeugte den erwünschten Klausurcharakter.

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Der Gasthof Adler nahe Isny in den 1950er Jahren.

Zu den uns heute noch bekannteren Teilnehmern zählten Wolfgang Hildesheimer, Hans Magnus Enzensberger (ja, den gab es damals auch schon!) und Ilse Aichinger. Zum ersten Mal dabei war ein erst vor kurzem aus Polen übersiedelter, den meisten noch unbekannter Literaturkritiker namens Marcel Reich-Ranicki. Medienvertreter kamen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus den Nachbarländern Schweiz und Österreich, aus den Niederlanden und Polen, selbst die BBC war vertreten. Das Interesse der Medien wurde nun von Jahr zu Jahr größer. In den folgenden Jahren entwickelte sich ein regelrechtes Berichterstattungs-Spektakel. Die Person des Dichters, der Dichterin wurde für viele Jahre zur beliebten Medienfigur und damit zum Protagonisten auf der Bühne der Eitelkeiten und Marktmechanismen. Seit jedoch breite Fernsehpenetranz das Volk beglückt, ist das öffentliche Interesse an der schreibenden Elite wieder stark gesunken.

Das Prozedere auf den Tagungen der Gruppe 47 war bereits zum Ritual geworden. Der Autor liest, das Forum kritisiert, der Dichter hat zu schweigen. Selten gab es Abweichungen oder wurden Sonderwünsche erfüllt, wie die eines polnischen Teilnehmers, dem es erlaubt wurde im Adlersaal bei Kerzenschein zu lesen. Doch die 20. Zusammenkunft der Schreiber-Zünftlinge wurde noch aus einem anderen Grund etwas ganz Besonderes. Auf dieser Veranstaltung im abseits gelegenen, historischen Landgasthof begann eines der bedeutendsten Kapitel deutschsprachiger Literaturgeschichte der – damals sogenannten – Nachkriegszeit.

„Zugegeben: Ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann… Ich beginne (mit der Erzählung) weit vor mir; denn niemand sollte sein Leben beschreiben, der nicht die Geduld aufbringt, vor dem Datieren der eigenen Existenz wenigstens der Hälfte seiner Großeltern zu gedenken.“

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Es war ja kein gänzlich Unbekannter, der da auf altem, etwas klapprigen Stuhle sitzend diese ersten Sätze aus seinem noch unveröffentlichten Roman den versammelten Schriftsteller-Kollegen, (wenigen) Schriftstellerinnen, Kritikern und Medienvertretern vorlas. Günter Grass hatte bereits 1955 in Berlin erstmals vor der Gruppe 47 gelesen. 1956 war sein Gedichtband „Die Vorzüge der Windhühner“ erschienen, ein Jahr später wurde in Frankfurt am Main das Stück „Hochwasser“ uraufgeführt. 1957, beim Treffen in Starnberg, trug er Lyrik vor und war mit einigen seiner Grafiken angereist, die den Teilnehmern zum Kauf angeboten wurden. Er brauchte Geld. Doch nicht jeder kannte den „jungen Mann mit mächtigem Schnurrbart“, wie ihn Marcel Reich-Ranicki nannte. Grass wirkte auf viele etwas grobschlächtig, hinterwäldlerisch. Ein Bildhauer sei das, der auch dichtet, wussten Einige.

Marcel Reich-Ranicki hatte ihn bereits im Mai 1958 in Warschau kurz kennengelernt. Der ihm damals noch unbekannte Steinmetz, Grafiker und Schriftsteller erzählte dem sehr an deutscher Literatur interessierten „Fremdenführer“ von seinen Romanplänen. „Das wunderte mich nicht“, schrieb Reich-Ranicki in seinen Erinnerungen, „denn ich habe in meinem ganzen Leben nur wenige deutsche Schriftsteller kennengelernt, die nicht gerade an einem Roman arbeiteten.“ Als ihm Grass anvertraute, dass die Hauptfigur ein Zwerg mit Buckel und Insasse einer „Irrenanstalt“ sein würde, urteilte er: „Eines schien mir sicher: aus dem Roman wird nichts werden.“

Grass lebte seit 1956 zusammen mit seiner damaligen Frau Anna Schwarz in Paris. Die Wohnverhältnisse waren schlecht, Geld knapp. Doch wie bei Grass üblich: es wurde gelebt, geliebt, gezeugt, getanzt und gekocht. Und fleißig geschrieben. Es war dies die Zeit in der Grass mit den ersten Aufzeichnungen zur „Blechtrommel“ begann. Frühe Ideen sahen als mögliche Titel für das Werk „Oskar der Trommler“ oder schlicht „Der Trommler“ vor. Erst in der vierten Fassung des Romans – die ersten drei endeten später als Heizmaterial – bekam dieser seinen endgültigen Titel.

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Günter Grass, 2010 auf der Leipziger Buchmesse.

„Einige Kritiker hielten ihn für eine Naturbegabung, was wohl eher abwertend als anerkennend gemeint war…“ (Hans Werner Richter). Im Westallgäuer Adler las Grass zwei Kapitel aus der „Blechtrommel“. Das erste, das mit dem bekannten, oben zitierten Satz beginnt und das vierunddreißigste. In diesem wechselt der Autor den Erzähler. Nicht mehr Oskar Matzerath führt das Wort – geschwollene Finger machen inzwischen sowohl das Trommeln, wie auch das Halten eines Füllfederhalters unmöglich – sondern einer seiner Pfleger.

„Ich, Bruno Münsterberg, aus Altena im Sauerland, unverheiratet und kinderlos, bin Pfleger in der Privatabteilung der hiesigen Heil- und Pflegeanstalt. Herr Matzerath … ist mein Patient… Herr Matzerath ist mein harmlosester Patient… Nie gerät er so außer sich, daß ich andere Pfleger rufen müßte. Er schreibt und trommelt etwas zu viel. Um seine überanstrengten Finger schonen zu können, bat er mich heute, für ihn zu schreiben…“

Die barock anmutende Formulierungskunst, die erzählerische Wucht, überraschte dieses erste Auditorium. Von Schriftstellern, die vor der Gruppe 47 lasen, wurde eigentlich stilistisch Neuartiges erwartet. Man wollte die Literatur der Weimarer Republik und des Exils endgültig hinter sich lassen. Dass die deftigen Passagen der Geschichte nach Erscheinen des Buches für den einen oder anderen Skandal in der Adenauer-Republik sorgen würden, ahnte noch keiner der Zuhörer. Das Echo war insgesamt positiv. „…mir haben die beiden Kapitel gefallen, sie haben mich nahezu begeistert“, drückte Marcel Reich-Ranicki aus, was wohl die meisten empfanden. Sein Urteil über das fertige Buch, das er für die Münchener Wochenzeitung „Die Kultur“ besprach, fiel dann etwas doppeldeutiger aus: „Grass schreibt eine unkonventionelle, kräftige ja sogar wilde Prosa… Er kann beobachten und schildern, seine Dialoge sind vorzüglich, sein Humor ist grimmig und originell und er hat viel zu sagen.“ Reich-Ranicki entwickelte sich nach und nach zum obersten Grass-Kritiker und –Skeptiker.

indexNach der fulminanten Lesung des dunkelhaarigen, schnurrbärtigen Kaschuben, war das Interesse an Hans Magnus Enzensberger und Klaus Roehler, die unglücklicherweise nach diesem Naturereignis lesen mussten, deutlich flauer. Der Tag klang aus, wie die meisten Abende der Gruppen-Treffen – bei intensiven Diskussionen und reichlich Wein, Bier und Rauch.

Günter Grass bekam spontan den „Preis der Gruppe 47″, dessen Vergabe eigentlich drei Jahre zuvor eingestellt worden war. Verlage sagten dafür kurzfristig 5000 Deutsche Mark zu (Böttiger). Laut Toni Richter soll Grass sogar DM 6.500 Preisgeld bekommen haben. Eine für damalige Verhältnisse beträchtliche Summe (Ein Luxus-Auto wie der Opel Kapitän war damals für etwa 8000 DM zu haben). Grass feierte die Preisverleihung am Tresen des Gasthauses mit Allgäuer Obstler und band sich für das Erinnerungsfoto eine Krawatte um. „Im Knopfloch seines Jackets steckte eine Blume“, wusste der Biograph Michael Jürgs. Ins Gästebuch des Adler trug sich der Prämierte mit einer gezeichneten Kochmütze und einem lapidaren „Günter Grass, Paris“, ein.

Nach der Abreise aus Großholzleute machten viele Teilnehmer noch in Ulm Station. Inge Aicher-Scholl gab für die Gruppe ein Fest in der auf dem Kuhberg gelegenen Hochschule für Gestaltung. Die in der Bauhaus-Nachfolge stehende Kreativschmiede war zu ihren besten Zeiten, neben ihrem spektakulären Blick auf das gotische Ulmer Münster in der Stadtmitte, für legendäre, ausdauernde Partys berühmt und bei vielen Bürgern der Stadt auch berüchtigt. Ein kleiner Kreis fand schließlich noch für den einen oder anderen Absacker zu Erika Wackernagel, der Frau des legendären Intendanten Peter Wackernagel, der im Sommer 58 überraschend verstorben war.

Günter Grass führte der Weg vom Adler direkt nach München, wo er beim Radio des Bayerischen Rundfunks aus dem Blechtrommel-Manuskript las. Das Honorar betrug DM 800. Ab sofort war Grass ein bekannter Autor, eine prominente Persönlichkeit in Nachkriegs-Deutschland und nahezu aller Geldsorgen ledig, wenn es auch noch etwas dauern sollte bis das zuerkannte Preisgeld eintraf. „Ich selbst habe eine solche Euphorie in der Gruppe 47 nicht wieder erlebt“, blickte Hans Werner Richter zurück.

Fast ein Jahr dauerte es noch bis endlich das gedruckte Buch erscheinen konnte. Paul Celan, mit dem Grass in Paris freundschaftlichen Umgang pflegte, durfte vorab die Korrekturfahnen sehen. Grass hatte nach der Tagung im Allgäu mit Eduard Reiferscheidt vom Luchterhand-Verlag Konditionen für sich ausgehandelt, die deutlich über dem damals Üblichen lagen. Das hat sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten für alle Beteiligten gelohnt.

Günter Grass hielt der Gruppe 47 die Treue. Er versäumte keine der folgenden Tagungen.

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(Warum ich gerade jetzt über diese 20. Tagung der Gruppe 47 geschrieben habe, hat mit dem Schauplatz des Geschehens zu tun. Denn aus Vergangenheit und Gegenwart des Gasthauses Adler ist längst eine eigene lange Geschichte geworden. Eine Geschichte mit offener, derzeit eher unklarer Zukunft. Darüber hoffe ich in Kürze hier etwas mehr und Genaueres berichten zu können.)

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 Verwendete Literatur

Grass, Günter: Die Blechtrommel. – Neuwied : Luchterhand, 1959

Jürgs, Michael: Bürger Grass. Biografie eines deutschen Dichters. – München : C. Bertelsmann, 2002

M.-Brockman, H.: Dichter und Richter. Die Gruppe 47 und ihre Gäste. – München : Rheinsberg Verlag, 1962

Reich-Ranicki, Marcel: Mein Leben. – Stuttgart : Deutsche Verlagsanstalt, 1999

Richter, Hans Werner: Im Etablissement der Schmetterlinge. 21 Portraits aus der Gruppe 47. – München : Carl Hanser Verlag, 1986

Richter, Toni: Die Gruppe 47. In Bildern und Texten. – Köln : Kiepenheuer und Witsch, 1997

 

Leipziger Buchmesse 2014

Der zweite Teil: Menschen und Bücher

„Wie wohl ist dem, der dann und wann / Sich etwas Schönes dichten kann.“ (Wilhelm Busch)

Gleich zweimal ist mir diesmal in Leipzig der Name Shakespeare begegnet.

Zunächst in Denis Schecks Einmann-Talkshow. Dieser fulminanten Live-Version der „beliebten Familiensendung Druckfrisch“. Zwanzig, dreißig Bücher im Schnelldurchlauf. Überraschenderweise werden der neue Schätzing und der aktuelle Donna-Tartt-Wälzer empfohlen. Die Titel der Verrisse habe ich schon wieder vergessen. Dem großen William widmete sich der Schnelldenker und –sprecher aus Anlass von dessen 450. Geburtstag am 26. April etwas ausführlicher. Er lobte die Neuübertragungen in ein zeitgemäßes Deutsch von Frank Günther. Sie tragen dazu bei, dass ein Theaterautor, der ursprünglich nur zur kurzweiligen Unterhaltung seiner Zeitgenossen schrieb, jahrein, jahraus auf so vielen Bühnen gespielt wird. Im Staatstheater gehört er ebenso zum festen Repertoire wie in den Theatergruppen von Waldorfschulen. Zur vertiefenden Beschäftigung empfahl Meister Scheck die brandneue große Biographie von Hans-Dieter Gelfert „William Shakespeare in seiner Zeit“ und „Shakespeares ruhelose Welt“ von Neil MacGregor.

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Der Zeitgenosse Shakespeare heißt Nicholas und schreibt Prosa.

Der andere Shakespeare heißt Nicholas und ist Weltreisender, Journalist, Schriftsteller, Autor einer Bruce-Chatwin-Biographie, Mitglied der „Royal Society of Literature“ und Brite durch und durch. Unter dem schlichten Titel „Priscilla“ hat er einen Roman geschrieben, der sich sehr frei am Leben einer Tante Shakespeares orientiert. Ausgangspunkt war dabei ein Gerücht das besagte, dass diese Verwandte, die jahrelang in Frankreich lebte, der Widerstandsbewegung gegen Hitler-Deutschland angehörte. Eine Legende, die den Recherchen des Autors nicht standhielt. Priscilla, die in Wirklichkeit anders hieß, entpuppte sich als genusssüchtige, virulente Lebefrau, die mit Politik nichts am stets modischen Hut hatte. Dennoch bot ihr Lebenslauf genügend Stoff für eine deftige Erzählung vor historischem Hintergrund.

Nicholas Shakespeare ist ein Musterbeispiel für die professionelle Art englischer und amerikanischer Verlage einen Autor und seine Werke zu vermarkten – vorzugsweise multimedial. Die Macher spielen dabei geschickt den Trumpf, dass sie Bücher in einer weltweit gelesenen Sprache bewerben können. Schriftsteller werden dabei zum Produkt, zur Marke stilisiert. Und in der Tat erscheinen uns Stephen King, Donna Tartt, Dan Brown, John Grisham, Elizabeth George & Co. längst als gekonnt platzierte „Registered Trademarks ®.

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Jonathan Lethem. Ein amerikanischer Autor mit familiären Wurzeln in der „Geistigen Lebensform“ Lübeck.

Auswüchse bleiben dabei nicht aus. Etwa wenn uns das neue Buch des US-Amerikaners Jonathan Lethem als „die Buddenbrooks der amerikanischen Linken“ angedreht werden soll. Lethem hatte Großeltern, die einst in Lübeck ganz in der Nähe der Familie Mann lebten, bevor sie emigrierten. Es ist sicher nicht uninteressant wenn er in „Der Garten der Dissidenten“ die Geschichte einer Familie erzählt, die aus gesellschaftspolitischen Außenseitern und chronischen Protestlern besteht. Ein spannender Blickwinkel auf die innere Verfasstheit der Vereinigten Staaten, der uns nicht häufig geboten wird. Der Bogen spannt sich vom Kommunismus der 1950-Jahre bis zur Occupy-Bewegung der Gegenwart. Und doch haben solche Bücher und ihre Autoren etwas Verwechselbares. Werk und Auftritt des Produzenten wirken zu glattgeschliffen, allzu passend gemacht für die globale Verkäuflichkeit. Und natürlich ist Lethem, wie viele seiner Kollegen, im Nebenjob Dozent für „Creative Writing“ an irgendeinem schicken Ost- oder Westküsten-College – so etwas wie ein Standardbestandteil vieler Autoren-Laufbahnen.

Strategien, Realitäten, Eindrücke mit denen man konfrontiert wird, weil Buchmessen eben zu allererst Marktplätze sind. Literatur wird nicht nur von geneigten und vernarrten Lesern erlebt, sondern von ihren Anbietern gezielt auf kommerziellen Erfolg getrimmt und so regelrecht dekonstruiert. Verbunden damit ist eine Art Pflicht zum Bewunderungszwang des Autors oder der – soweit einigermaßen vorzeigbar – Autorin als Held (oder Literatur-Model) medialer Großereignisse. Natürlich hänge ich, wie auch viele andere Leser, nur zu gerne meinen Träumen nach. In denen ist die literarische Künstlerspezies in Dachstuben und Elfenbeintürmen ansässig, musengeküsst emsig am Werke, mit allen Freiheiten dichterischen Denkens und Schreibens gesegnet. Zum Glück bietet gerade Leipzig und sein Drumherum in Form des Lese-Festivals „Leipzig liest“ noch die eine oder andere Nische und Abseite. Da sie weniger pekuniär orientiert sind, und nicht von Marktschreiern unüberhörbar gemacht werden, wollen sie gesucht und entdeckt werden.

Gar nicht so schwer zu finden ist das „Ariowitsch-Haus“. Im Mai 2009 wurde dieses „Zentrum für jüdische Kultur in Leipzig“ eingeweiht. Es liegt in der Nähe der Arena und ist mit mehreren Straßenbahnlinien bequem zu erreichen. Alljährlich finden dort zahlreiche Veranstaltungen im Begleitprogramm der Buchmesse statt. In diesem Jahr waren u. a. David Safier, Jutta Ditfurth, Benjamin Stein und Thomas Meyer im dem imposanten, gründlich restaurierten und zweckmäßig umgestalteten Gebäude, das aus den 1920er-Jahren stammt, zu Gast.

media_30941290--INTEGERThomas Meyer ist ein jüngerer Schweizer Schriftsteller, dessen Roman „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ vor gut einem Jahr als Originalausgabe und jetzt als Taschenbuch bei Diogenes erschienen ist. Hinter dem originellen Titel verbirgt sich ein Roman, der die Geschichte eines jungen Mannes aus einer orthodoxen jüdischen Familie in Zürich erzählt. Mordechai Wolkenbruch, von der omnipräsenten Mutter „Mottele“ genannte, verlässt die vom Milieu vorgesehene tradierte Linie und verliebt sich in eine nichtjüdische Kommilitonin, eben eine „Schickse“. Turbulenzen, Dramatik und Komik kommen in diesem Buch nicht zu kurz. Die Lektüre wird allerdings durch eine Sprachschwelle ebenso erschwert wie bereichert. Der Autor hat immer wieder Passagen in Jiddisch verfasst. Ich kann versichern: Man liest sich ein. Zudem erleichtert ein Jiddisch-Glossar die Orientierung und abgerundet wird das Ganze mit einem Matzenknödel-Rezept – ein Hinweis darauf, dass das Essen in der Familie Wolkenbruch eine große Rolle spielt:

„Er habe Matzenkrümel im bort, sagte Dana. Ob er noch a knajdl wolle, fragte meine Mutter.“

Jahr für Jahr statte ich dem „Nordischen Forum“ einen Besuch ab und kann regelmäßig Entdeckungen machen, die es den deutschen Feuilletons und Literaturseiten nicht wert sind, erwähnt zu werden. Zu den prominentesten Gästen zählte 2014 der schwedische Krimisamfliesband-Produzent Hakan Nesser, dessen Geschichten ich allerdings nicht allzu viel abgewinnen kann. Ich habe mir stattdessen den Titel „Sibelius und seine Zeit“ notiert. Sibelius ist einer meiner Lieblingskomponisten, sein Violinkonzert steht für mich auf einer Stufe mit dem Beethovens. Tomi Mäkelä „entwirft ein detailreiches Panorama zu Sibelius kompositorischem Gesamtwerk an der Schwelle zur Moderne sowie den Umständen, in denen es entstand.“ (Verlag Laaber)

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Die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardóttir stellte auf der Leipziger Buchmesse ihren neuen Roman vor.

Und ich hatte Gelegenheit eine der prominentesten Autorinnen Islands sehen und hören zu können. Allerdings ist Steinunn Sigurdardóttir eine ausgesprochen polyglotte Persönlichkeit. Nach Jahren in Großbritannien und Frankreich lebt sie seit einiger Zeit in Berlin. Jetzt im Frühling freut sie sich besonders über die blühenden Kastanien, gibt es doch in ihrer kahlen nordischen Heimat keinerlei Bäume. „Jojo“ heißt ihr neuestes Werk, das jetzt bei Rowohlt erschienen ist. Es ist bereits ihr achtes Buch, das auf Deutsch übersetzt wurde. Es geht um einen Radiologen in Berlin, der einen Obdachlosen medizinisch versorgt und damit rettet. Eine Freundschaft bahnt sich sogar an, doch beide Männer sind so unterschiedlich und haben Geheimnisse in ihrer Vergangenheit, die einen Schatten auf ihr Leben und ihre Beziehung werfen. Der Abschnitt, den die Autorin vor dichtgedrängtem Publikum im kleinen, intimen Rahmen des „Nordischen Forum“ las, macht Lust auf mehr.

Leipziger Buchmesse 2014

Der erste Teil: Themen und Momente

„Der Dichter frisch voran.“ (Joseph von Eichendorff)

Nach dem milden Winter hatte es der März leicht. Weder Strom noch Bäche mussten vom Eise befreit werden. Der Bücherhimmel über Leipzig strahlte in den ersten beiden Messetagen klar und blau, nach Kälte und Schnee im Vorjahr, diesmal der willkommene Kontrast erster milder Frühlingstage. So war die Stimmung des Publikums gehoben und erwartungsfroh. Am besten bei all jenen, die einen der zahlreich vergebenen Preise überreicht bekamen. Allen voran Sasa Stanisic mit seinem allseits hochgelobten Roman „Vor dem Fest“, als Gewinner des angesehenen und viel beklatschten „Preises der Leipziger Buchmesse“ in der Kategorie Belletristik. Am Abend vor der Messe konnte ich mich bei einer längeren Vorstellung aller fünf nominierten Autoren und ihrer Bücher davon überzeugen, dass dieser Roman und Martin Mosebachs „Blutbuchenfest“ preiswürdige literarische Qualität besitzen.

media_21223761--INTEGERDer diesjährige „Preis der Literaturhäuser“ ging an die Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky, „als eine Autorin, die sich in besonderem Maße um das Gelingen von Literaturveranstaltungen verdient gemacht hat und selbst den Akt des Signierens zu einem künstlerischen Moment macht.“ Leipzig zeichnet sich ja dadurch aus, dass uns Lesern die Schriftsteller und anderen Künstler besonders nahe kommen und ungezwungen begegnen. Und so wunderte ich mich, als Judith Schalansky, im engen Gedränge der Gänge an mir vorbei kam, nur darüber, dass ich sie sofort erkannte, weil sie genau so aussah wie auf den Fotos in ihren Büchern. Ein durchaus ungewöhnliches Phänomen – man vergleiche nur einmal die Abbilder der unzähligen Crime-Ladys mit den realen Frauen.

Einen besonders interessanten und wichtigen Preis vergab einmal mehr die Kurt-Wolff-Stiftung, die damit die Erinnerung an den großen Verleger Kurt Wolff (1887 bis 1963) wach hält. Diese Auszeichnung für kleine unabhängige, besonders engagierte Verlage, erhielten der Berliner Verbrecher Verlag (Hauptpreis, mit Euro 26.000 dotiert) und der in Hamburg beheimatete Mairisch Verlag (Förderpreis, Euro 5.000). Von persönlicher Dankbarkeit geprägt war die Laudatio des in mehreren Schreib-Sparten fleißigen Dietmar Dath, waren doch dessen erste Publikationen in eben jenem Verbrecher Verlag erschienen

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Der indische Historiker und Publizist Pankaj Mishra.

Im festlichen Rahmen der offiziellen Eröffnungsfeier der Buchmesse, die alljährlich viel Prominenz aus Politik und Gesellschaft im Gewandhaus versammelt, wird traditionell der „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ überreicht. Er würdigt „Persönlichkeiten, die sich in Buchform um das gegenseitige Verständnis in Europa, vor allem mit den Ländern Mittel- und Osteuropas, verdient gemacht haben.“ Da überraschte es im ersten Augenblick, dass in diesem Jahr der indische Publizist und Historiker Pankaj Mishra ausgezeichnet wurde. Näher kommt man den Hintergründen wenn man erfährt, dass sein aktuelles Werk „Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“, sich aus einer nicht-westlichen Perspektive mit der kolonialen Überwältigung Asiens durch den Westen beschäftigt. In Diskussionen und Interviews hat mir der ruhige reflektive Ton dieses belesenen, bescheiden auftretenden Intellektuellen („Ich bin vor allem ein großer Leser.“) sehr gut gefallen.

Politische Themen und die damit verbundenen Gespräche und Debatten, drängten sich auf der Leipziger Buchmesse 2014 und dem begleitenden Lesefestival „Leipzig liest“ immer wieder in den Vordergrund. Das Interesse war rege und alle Veranstaltungen dieser Ausrichtung fanden großen Zulauf und aufmerksame Zuhörer. Nicht immer glücklich damit wurden vielleicht Autoren, die mit ihren frisch publizierten belletristischen Erzählformen in diesen Strudel aktueller zeitgeschichtlicher Fragen gerieten. Wie etwa die ebenfalls für den Buchpreis nominierte Katja Petrowskaja, die gerne über ihren Roman „Vielleicht Esther“, mit dem sie im Vorjahr den Bachmann-Preis gewonnen hatte, gesprochen hätte. Doch ihre Gesprächspartner nahmen zu oft die Gelegenheit wahr, die gebürtige Ukrainerin, die seit vielen Jahren in Berlin lebt und deutsch schreibt, zur aktuellen Situation in ihrem Geburtsland zu befragen. Wobei einem Moderator sogar die Peinlichkeit gelang, Petrowskaja auf ihre „Sowjetvergangenheit“ anzusprechen.

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Seine Signaturen waren in Leipzig gefragt: Martin Suter gehört zu den populärsten und auflagenstärksten Autoren der schweizerischen Literatur-Szene.

Ähnlich erging es den aus dem Gastland Schweiz angereisten Schriftstellern und Schriftstellerinnen. Bietet doch dieser kleine zentraleuropäische Viersprachenstaat nicht erst seit einer jüngsten Volksabstimmung immer wieder Anlass zu kontroversen Diskussionen. Und so mussten die Autoren mehr Auskunft über die Rolle der Alpenrepublik in Europa erteilen, als über ihre schriftstellerischen Erzeugnisse. Messebesucher konnten es sich derweil auf den vielen roten Bänken bequem machen, die von den Gästen über Messe und Stadt verteilt worden waren. Schweizbesucher kennen diese willkommenen Ruhe- und Sitzgelegenheiten von den hervorragend ausgeschilderten Wanderwegen, die das ganze Land durchziehen. Auch in Leipzig wurden sie dankbar angenommen, als ideale Plätze für eine kurze Erholung der strapazierten Füße oder ein erstes Prüfen der eingesammelten Prospekte, Kataloge und Leseproben.

Neokolonialistische Kraftmeierei des Ober-Russen Putin. Säbelrasseln einer ukrainischen Regierung, die kein Wählermandat besitzt. Eine deutsche Ministerin, die einer neuen Vorwärtsverteidigung das Wort redet (Stichwort: „Stärkung der Nato an den Ostgrenzen“). Der Blick zurück ins 20. Jahrhundert sollte eigentlich gegen jede Sehnsucht nach militärischen Auseinandersetzungen in Europa immunisieren. Vor einhundert Jahren begann der Erste Weltkrieg, Auftakt zu einem Jahrhundert der Vernichtung, Verwüstung und nicht mehr rückgängig zu machenden Entkultivierung Mitteleuropas. Auch an diesem Thema und den Büchern dazu kam man in Leipzig nicht vorbei.

5143CeB2mNL._Zwei Titel sind es, die ich mir aus dem unüberschaubar breiten Angebot herauspicken würde: Herfried Münklers „Der große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918“, weil hier weit über das Militärische und Politische hinaus geblickt wird und weil ich den Autor als besonders gut lesbar schätzen gelernt habe (zuletzt: „Die Deutschen und ihre Mythen“). Sowie Hermann Vinkes „Der Erste Weltkrieg: Vom Attentat in Sarajewo bis zum Friedensschluss von Versailles.“ Für die zahlreichen Fotos, Karten und Grafiken zeichnet Ludvik Galzer-Naudé verantwortlich. Vinke gelingt es wieder ein komplexes und schwieriges Thema in äußerst ansprechender Weise für ein jüngeres Publikum aufzubereiten. Ich wünsche gerade diesem Buch eine große Leserschaft in allen Altersklassen.

Zurück zur Poesie. Und damit zur „Leseinsel Junger Verlage“. Für mich immer einer der wichtigsten und spannendsten Anlaufstellen im Messe-Tohuwabohu. Verlage wie Volland & Quist (Kurt Wolff-Förderpreis 2010), Mairisch (s. oben) und Satyr zählen hier zu den betreibenden Kräften. Bei Mairisch erschien der Debutroman von Lisa Kreißler. Auf dem Podium der Lesebühne las sie eine längere Passage aus „Blitzbirke“. Eine Liebesgeschichte mit phantastischen Elementen und altgermanischen Einsprengseln, in der die Autorin stilistisch kleinere Experimente wagt, während ansonsten durchweg – bei aller Qualität – auch von Nachwuchsautoren sehr konventionell erzählt wird.

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Nora Gomringer und das „Wortart Ensemble“.

Nora Gomringers Lyrik hingegen ist eine ganz eigene Welt, die sich nicht in gängige formale Kategorien einordnen lässt. Diese Dichterin missachtet virtuos die Grenzen von Wort und Melodie, Rap und Slam, Deklamation und Proklamation. A-capella-Interpretationen ihrer Texte durch das Dresdner Ensemble „Wortart“ zählten für mich zu den eindrucksvollsten Momenten des heurigen Leipziger Büchermärz. Die CD auf der man das hören kann trägt den schönen Titel „Wie sag ich Wunder“. Den vollen Genuss bieten allerdings nur die Live-Auftritte. Hier gibt es Hörproben und die Tour-Termine!

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In Kürze gibt es auf con = libri den zweiten Teil meiner Eindrücke von der diesjährigen Leipziger Buchmesse.

Leipziger Begegnungen 2012

Von Menschen und Büchern rund um die Stadt, ihre Buchmesse und “Leipzig liest” – Der zweite Teil

Werbeblock. Zugegeben, Werbung kann bis zum Brechreiz nerven. (“For you. Vor Ort.”) Sie kann niveau- und geschmacklos sein. Penetrant. An falscher Stelle und zur falschen Zeit. Sie kann echte Gerbersauer Miefigkeit verbreiten. Aber sie kann auch ganz anders. Werbung kann von weltläufiger Urbanität sein, intelligent (“Quadratisch. Praktisch. Gut.”), charmant, witzig, ästhetisch. Gute Werbung hat, was gute Literatur und gute Kunst auch haben: Geist, Geschmack, Ironiefähigkeit.

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Die im Volksmund als Löffelfamilie bekannte Leuchtreklame des VEB Feinkost Leipzig wurde 1973 am Firmensitz in der Karl-Liebknecht-Straße errichtet und 1993 zum Kulturdenkmal erklärt.

Im ersten Teil der “Leipziger Begegnungen 2012” hatte ich schon die Kampagne für die appetitlichen Wendl’schen Backwaren und ihre ideenreiche Wortspielerei angesprochen. Jetzt komme ich zu zwei positiv auffälligen Beispielen aus der Buchproduktion.

Das “Diogenes Magazin” Nr. 9, Frühjahr 2012. Mit Beiträgen über Bibliotherapie, Donna Leons intime Sicht auf Venedig, den Vieldenker und -schreiber Paulo Coelho und einer ausführlichen Würdigung des im letzten Jahr verstorbenen Verlegers Daniel Keel. Besonders spannend und anregend sind Gespräche und Interviews mit Autoren wie John Irving oder Lukas Hartmann. Es gibt natürlich ein Gewinnspiel und Anregungen zum literarischen Kochen. Selbstverständlich ist das in erster Linie Verkaufsförderung für Autoren und Bücher des Hauses Diogenes. Die man sich allerdings in der Form gerne gefallen lässt. Das Druckwerk fühlt und sieht sich an als hielte man eine wertvoll gemachte Literatur-Zeitschrift in Händen. Zahlreiche farbige und schwarzweiße Abbildungen, hervorragende typographische Gestaltung und über hundert Seiten auf erstklassigem Papier in bester Druckqualität machen dieses Magazin zu einem begehrten Sammelobjekt. Schön, dass das nächste bereits im Mai erscheinen wird.

Das Hesse-Jahr 2012, rund um den 50. Todestag des Dichters im August, begehen die Verlage Suhrkamp und Insel mit einem Jubiläumsprogamm. In einem aufwendigen Farbprospekt werden Bewährtes und Neuproduktionen präsentiert. Dazu gehören klassische Hesse-Titel wie “Der Steppenwolf”, “Siddhartha” oder “Das Glasperlenspiel”, die in neuer hochwertiger und dennoch preisgünstiger Flexcover-Ausstattung herauskommen ebenso wie zwei neue zehnbändige Kompilationen. Die eine enthält das erzählerische Werk (6137 Seiten für Euro 128), eine weitere die neu editierte Versammlung essayistischer Schriften (7127 Seiten für Euro 148). Interessant sind auch Themenbände, die von Hesse ausgewählte und zusammengestellte Werke von ihm geschätzter Autoren und Kulturkreise enthalten: “Morgenländische Erzählungen”, “Geschichten aus Japan” und anderes.

Spuren. Werbung für die Region Kurische Nehrung im allgemeinen und den heute litauischen Ort Nidden macht Frido Mann, der Enkel des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann. Dafür hat er im Auftrag des Mare-Verlages ein wunderschönes, vielschichtiges Buch geschrieben. Thomas Mann und seine Famlie kommen darin am Rande vor, denn in den frühen 1930er Jahren verbrachten sie drei Sommer-Urlaube in diesem am Meer gelegenen, ehemaligen “Worpswede des Ostens”, wie es genannt wurde, weil sich dort einst zahlreiche Maler niedergelassen hatten. Die Einheimischen nannten das Ferienhaus der Manns “Onkel Toms Hütte”. Darin ist inzwischen eine internationale Begegnungsstätte untergebracht, die ein reges Kulturprogramm auf die Beine stellt, das sich u. a. mit Werk und Leben des großen Literaten beschäftigt.

Frido Mann ist ein echter Tausendsassa, rührig und tätig an allen Ecken und Enden. Er hat Musik, Katholische Theologie und Psychologie studiert, jahrelang als Therapeut gearbeitet und nebenbei auch schon immer geschrieben. Heute lebt er als Schriftsteller und Macher in München. In seinem neuesten Buch “Mein Nidden” (Mare, 2012. Euro 18). geht es vorrangig um Kultur, Geschichte und Gegenwart von Ort und Landstrich. Der Autor zeichnet die wechselvolle Geschichte der Kurischen Nehrung im 20. Jahrhundert nach – zwischen Deutschem Reich, Sowjetherrschaft und der Unabhängigkeit Litauens. Mann entwirft gleichzeitig ein einprägsames Bild der überwältigenden Natur und ihrer Mischung aus nördlichem und südlichem Charme. Darüber ein Himmel, der sich fast endlos mit seinen Blautönen über das Haff und die Wanderdünen-Landschaft wölbt.

Orte (1). Das Lesefestival “Leipzig liest” findet auf der Buchmesse und über die ganze Stadt verteilt statt. Den Tag hindurch und bis hinter Mitternacht, an Orten, die so vielfältig und abwechslungsreich, so skurril oder gewöhnlich sind, wie die Autoren und ihre Stoffe, die dort den begeisterungsfähigen – mal größeren, mal kleineren – Menschenscharen präsentiert werden. Da wird in der Deutschen Nationalbibliothek der 100. Geburtstag der Insel-Bücherei gefeiert. Im Gewölbe der Moritzbastei setzen tief unter Tage zwischen dicken Mauern, hoffnungsvolle Nachwuchs-Schriftsteller zu ersten lyrischen oder epischen Höhenflügen an. Da lässt man die hitzige Dora Heldt gleich in einer Sauna auftreten. (Temperatur und/oder Aufguss unbekannt!)

Orte (2). Die Verlagsbuchhandlung – eine Geschäftsform deren Art akut vom Aussterben bedroht ist. Quicklebendig und ein klein wenig wie von gestern wirkend – was ihren Reiz noch erhöht – ist die nach einem Leipziger Stadtteil benannte Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Ihr Ladengeschäft ist vielleicht eines der schönsten das in Leipzig Bücher feil bietet. Im Obergeschoß dieser Handlung finden “Leipzig liest” – Veranstaltungen in einem kleinen, intimen Rahmen statt. Der Verlagszweig hat 2009 den vielgelesenen und verfilmten, in den 1950er Jahre spielenden Leipzig-Roman “Für’n Groschen Brause” (Euro 18,90) von Dieter Zimmer neu aufgelegt. Pünktlich zur Messe erschien das Büchlein “101 Asservate. Alter Worte Wert” (Euro 18) von Thomas Böhme. Der Verfasser las in der Buchhandlung einige seiner 101 Miniaturen, die sich um Begriffe drehen, die nicht mehr geläufig oder bereits aus unserem Sprachgebrauch verschwunden sind: Lakritzstangen und Angebinde, Fisimatenten und Fidibus, Möndchenschieber und Garaus, Kerbholz und Unterpfand.

Orte (3). Nicht weit vom Laden der Connewitzer liegt die Adler-Apotheke. Dort arbeitete ab 1. April 1841 der 21-jährige Apotheker-Gehilfe Theodor Fontane (die Apotheke hieß damals “Zum Weißen Adler“). Er war Mitglied im politisch-literarischen “Herwegh-Klub” und veröffentlichte erste Gedichte in dem Unterhaltungsblatt “Die Eisenbahn”. Bereits 1942 veränderte sich Fontane nach Dresden. Erst Jahrzehnte später entstanden jene Romane, die ihm seinen Platz in der  Literaturgeschichte sicherten und in deren Mittelpunkt berühmte Frauenfiguren wie “Effie Briest”, Lene Nimptsch (“Irrungen, Wirrungen”), “Grete Minde” oder “Frau Jenny Treibel” stehen.

Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Burkhard Spinnen (“Belgische Riesen”, “Der schwarze Grat”) hat ein Buch über “Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen” geschrieben, wie “Sein Glück verdienen” im Untertitel heißt. Die Fotos in dem Band stammen von Lorenz Kienzle. Er hat Orte aufgesucht, die in den Romanen Fontanes beschrieben werden, und diese in ihrem gegenwärtigen Zustand mit einer Plattenkamera festgehalten. Im Rahmen von “Leipzig liest” und im Gespräch mit dem Literaturkritiker Elmar Krekeler stellten Spinnen und Kienzle das Buch am ehemaligen Arbeitsplatz Fontanes vor (Knesebeck, Euro 29,95). Für Burhard Spinnen sind die psychologischen Konstellationen, die Problematik des Absterbens von Hergebrachtem, das Brechen von Konventionen, wie sie Fontane schildert, von zeitloser Gültigkeit.

Burkhard Spinnen (links) im Gespräch mit Elmar Krekeler in der Adler Apotheke. – Foto: Monika Stoye

Interessanterweise entspann sich in den anschließenden Gesprächen eine intensive Diskussion über heutige Schul- und Bildungsformen, die ja wesentlich zur Prägung von Menschen beitragen. Spinnen, der sich selbst als “in der Schule als Junge nicht angekommen” bezeichnete, und der viel zu Lesungen in Schulen unterwegs ist, sprach sich entschieden gegen jede Art politisch festgelegter Formatierung von Kindern und Jugendlichen im Rahmen ihrer Schullaufbahn aus. In seine kritischen Äußerungen schloss er auch die Medien, insbesondere das Fernsehen, ein. Es gehe nicht an, dass sich Casting Shows zum Standard für die Beurteilung junger Menschen entwickeln.

Favoriten (1). Leipzig 2012 – einmal mehr sind es viel zu viele Bücher! “Und so viele dumme Bücher.” (Peter Sodann.) Der Dummheit zu Leibe rücken wollte und will die Aufklärung. Denn nie war sie nötiger als heute: die scharfe Schule der Vernunft. Wärmstens zu empfehlen ist deshalb die Lektüre von Manfred Geiers: “Aufklärung. Das europäische Projekt” (Rowohlt, 2012. Euro 24,95). Ein Buch, das auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war und das in verständlicher, ja unterhaltsamer Form, einen Bogen spannt von den Begründern der Philosophie der Aufklärung wie Locke, Kant und Rousseau bis zu ihren Nachfolgern im 20. Jahrhundert: Hannah Arendt, Karl Popper, Jürgen Habermas und Jacques Derrida. Geier verliert dabei die Lebenspraxis nie aus dem Auge und stellt realistische Bezüge zu Alltag und Gegenwart her. So lesen wir auch als Laien mit Genuss in einer fesselnden Geschichte des aufklärenden Denkens und vernehmen das Plädoyer für Toleranz und Vernunft als hochaktuelle Verpflichtung.

Christian Schüle auf dem orangen Sofa des Universitäts-Radios

Favoriten (2). Schüle, Christian: „Das Ende unserer Tage. Roman“  (Klett-Cotta, 2012. Euro 22,95). Originell, spannend, temporeich. Was wie Science Fiction wirkt, ist großteils längst Gegenwart. Wir schreiben schließlich das Jahr 2012 und der Bundespräsident heißt Christian Wulf. Als Wulf ging und Gauck kam, war die erste Auflage schon im Druck; Verlag und Autor beschlossen die “fiktiven Fakten” nicht mehr zu ändern. So schreibt dieser Roman, der wie eine Zukunftsvision daherkommt, gleichzeitig jüngste bundesdeutsche Geschichte. Im nicht mehr ganz so reichen Hamburg werden Kirchen zu Event-Tempeln umgebaut. Die traditionsreiche Kammfabrik im Süden Hamburgs wird, wie viele andere Firmen der Hansestadt, von chinesischen Investoren übernommen. Der hauptberufliche Journalist Christian Schüle erzählt exemplarisch anhand der Geschichte zweier Männer: Charlie Spengler, Ex-Fabrikdirektor, jetzt Rebell an der Front der Werktätigen und Jungunternehmer Jan Philipp Hertz. Dazu kommen allerhand interessante Nebenschauplätze und -figuren, sowie eine gehörige Portion Zeitgeist und Lokal-Kollorit.

Favoriten (3). “Am Schwarzen Berg” (Suhrkamp, 2012. Euro 19,95). Anna Katharina Hahn hat einen Stuttgart-Roman geschrieben, der gleichzeitig ein Mörike-, Literatur-, und Bibliotheksroman ist. Sie zeichnet ein krasses, hoffnungsloses Bild heutiger Großstadt- und Mittelstands-Verhältnisse. Dazu mehr in einer eigenen Besprechung, die in etwa zwei Wochen auf = conlibri = erscheinen wird.

Leipziger Begegnungen 2012

Von Menschen und Büchern rund um die Stadt, ihre Buchmesse und “Leipzig liest” – Der erste Teil

Auftakt. Der Marsch der Massen zur Messe. Wie schnell der Rummel-Trummel jeden Morgen hochfährt! Um zehn werden die Schleusen geöffnet und drängend fluten Hunderte die bereits unruhig auf Einlass warteten die lichte hohe Glashalle und die Flure zwischen den Ausstellungsständen. Und schon sitzen auf blauen und roten Sofas morgenfrische oder notdürftig ausgeschlafene Autoren und Autorinnen neben pseudo-wachen Moderatoren, die planmäßig ihre ersten Frage-Stanzen absondern. “Kann man sagen, dass der Stoff Ihres neuen Romans zu Ihnen gefunden hat?”

Zum Messegelände findet man am frühen Morgen am leichtesten mit der im dichten Takt fahrenden Straßenbahnlinie 16. Die Buchmesse ist nun schon seit Jahren am nördlichen Stadtrand zu Hause, deshalb dauert die Fahrt reichlich 20 Minuten. Man verbringt diese Zeit in engstem Kontakt mit erwartungsvollen Menschen, die alle irgendwas mit Büchern oder zumindest buchnahen Dienstleistungen oder Produkten machen, und mit Schülern und Schülerinnen von Leipziger Bildungseinrichtungen mitsamt ihren Lehrerinnen und Lehrern, denen man den Messebesuch in den Tagesplan geschrieben hat und die diese Abwechslung vom Frontal-Unterricht als willkommenen Freiraum nutzen.

Es ist gut wenn man dann schon gefrühstückt hat. Vor der Begegnung mit den literarischen Protagonisten empfiehlt sich der Besuch beim „Brotagonisten“, wie sich die in ganz Leipzig vertretene Bäckerei-Kette Wendl betitelt. Man kann dort an einer “Vollversemmelung” teilnehmen, eine “Wendl-Schleife” genießen, die südlich des Mains auch als “Brezel” bekannt ist, oder man bringt den netten Damen hinter der Theke schonend bei, dass man gerne einen “Knax” hätte. Dazu eine Tasse Heißen vom aromatischen Bohno W. und für unterwegs kommt vielleicht noch der beliebte, nahrhafte “RoggStar” in die Tüte.

In Leipzig wird ab Null Grad Plus im Freien gefrühstückt. Dafür steht allzeit Sitzgarnitur an Sitzgarnitur vor Kneipe, Cafè, Bäckerei und Restaurant. Das gilt ganz besonders für die zwei wichtigsten Straßenzüge der Messestadt: die szenische Karl-Liebknecht-Straße (kurz: Karli) in der Südvorstadt und das enge Barfußgäßchen, stetig überfülltes Zentrum der Fress- und Vergnügungsmeile Drallewatsch im unmittelbaren Stadtkern.

“Ein Rettungsschirm für die Bildung!” – Transparent an einer Leipziger Hochschule.

Bildung. Eine Buchmesse ist lehrreich. Von dem sächsischen Kabarett-Urgestein Gunther Böhnke, der einst zusammen mit Bernd-Lutz Lange das legendäre Duo “academixer” war, erfahren wir “50 einfache Dinge die Sie über Sachsen wissen sollten”. (Westend. Euro 14,99) „Nicht nur, aber vor allem als Appetitmacher auf Sachsen für Nichtsachsen bestens geeignet, amüsant, anekdotisch, regionalstolz, dabei zugleich selbstironisch.“ (Sächsische Zeitung).

Natürlich hatte auch ich mir bis zu diesem Zeitpunkt nie tiefergehende Gedanken über die Papiertüte gemacht. Jetzt wurde mir auf die Sprünge geholfen. Unter anderem auf dem Mephisto-Sofa (Mephisto 97,6 = Universitätsradio Leipzig) ging Alexander Neubacher in aller Breite dem selbstgewählten Thema und den damit aus seiner Sicht verbundenen Vorurteilen auf den Grund. Entgegen allgemeiner Vermutung und Hoffnung hat jenes beliebte alternative Verpackungsmittel nach seinen Recherchen eine extrem negative Ökobilanz. Das und noch viel mehr, will er uns in seinem Buch der “Ökofimmel: Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten” weissmachen. (DVA, Euro 19,99). Diese Pseudoerkenntnisse verbreitende, ressourcenverschwendende Wichtigtuerei – als SPIEGEL-Buch erschienen – kann leider nicht in der Ökotonne entsorgt werden, sie gehört auf den Sondermüll.

Und auch das hätte ich nie erfahren, wenn ich mich nicht einmal mehr drei Tage durch Leipzigs Frühjahrbuchmesse geschoben, gelesen und gestaunt hätte: Im Mai 2011 schloss im indischen Mumbai die weltweit letzte Fabrik für mechanische Schreibmaschinen.

Karl May. Der sächsische Gauner und Vollblut-Fabulierer wurde am 25. Februar 1842 in Ernstthal geboren und starb am 30. März 1912 in Radebeul. So ist derzeit also willkommene Gelegenheit sowohl 100. Todestag, als auch 170. Geburtstag des Reise-, Heimat- und Abenteuer-Schriftstellers ausgiebig zu begehen. Einige unentwegte Freunde seiner Werke, von denen es noch sehr viele gibt, haben sich in der Karl-May-Gesellschaft organisiert, die auf der Messe mit einem kleinen Stand vertreten war und mehrere interessante Veranstaltungen einbrachte.

So las der populäre Schauspieler Peter Sodann Mays humorvolle Kurzgeschichte “Die Senfindianer” und anschließend einige Passagen aus dessen Autobiographie “Mein Leben und Streben” (Zenodot, Euro 24,90). Sodann schätzt besonders die humane Grundstimmung bei Karl May, wobei er aber auf die mitschwingenden christlich-missionarischen Töne eher verzichten könnte. Ihm gefallen neben den Abenteuerromen vor allem die Geschichten aus dem Erzgebirge.

Bereits vor etlichen Jahren hatte der Leipziger Schriftsteller Erich Loest (“Völkerschlachtdenkmal”, “Nikolaikirche”) eine Roman-Biographie des immer noch verkaufsstarken Schriftstellers veröffentlicht, die jetzt wieder neu aufgelegt wurde. Aus “Swallow, mein wackerer Mustang” (Mitteldeutscher Verlag, Euro 10) wurde an den Messetagen täglich im Kulturradio MDR Figaro daraus gelesen. Ganz aktuell ist eine neue, wissenschaftlich fundierte May-Biographie von Helmut Schmiedt bei C. H. Beck erschienen: “Karl May: oder die Macht der Phantasie.” (Euro 22,95)

Sodann. Peter Sodann als Tatort-Kommissar inzwischen pensioniert und als Bundespräsidenten-Kandidat der Linken nur mit einem Kurzauftritt, hält mit seinen politischen Vorstellungen ungern hinter dem Berg und nutzte den einen oder anderen Messeauftritt um seine Meinung vor stets zahlreichem Publik zu äußern. Man muss diese im Einzelnen nicht immer teilen, es ist jedoch sehr erfrischend, eine bekannte Persönlichkeit zu erleben, die sich so bescheiden unprominent gibt und auf jede falsche Stromlinienform verzichtet.

Sodann erzählt, dass er wie Karl May aus Ardistan stammt, was als Hinweis auf beider Herkunft aus sprichwörtlich einfachen Verhältnissen verstanden werden soll und schreibt den regierenden Politikern Goethes leicht verständliches “edel sei der Mensch, hilfreich und gut” ins Poesiealbum. Er verfügt über ein reiches Reservoir klassischer Dichtkunst aus der er jederzeit passend zitieren kann. Den vergnügten Menschen vor ihm, die immer wieder heftig applaudieren gibt er dann noch Brecht mit auf den weiteren Messe- und Lebens-Weg: „Reicher Mann und armer Mann // standen da und sahn sich an. // Und der Arme sagte bleich: // »wär ich nicht arm, wärst du nicht reich«.“

Verfolgung. Bleiben wir noch etwas bei den politischen Momenten der Leipziger Buchmesse, die es trotz allen Unterhaltungs-Überangebotes Jahr für Jahr auch gibt und die mitunter in berechtigte Empörung und originelle Protestformen münden. Natürlich ist die Buchmesse nicht vorrangig als politisches Forum gedacht. Dennoch gibt es Ereignisse und Zustände auf unserem Planeten vor denen man nicht als Mitmensch und schon gar nicht als Künstler die Augen verschließen kann. Deshalb hat der Verband deutscher Schriftsteller eine Aktion gegen Neo-Nazis gestartet. Deshalb setzt sich die Gesellschaft für bedroht Völker für verfolgte Künstler in China ein und tat dies auf der Leipziger Buchmesse mit einer eindruckvollen Aktion und einer Unterschriftensammlung.

Am Ende dieses ersten Teils der „Leipziger Begegnungen 2012“ ein Zitat des verfolgten, vor den Nazis nach Schweden geflohenen Schriftstellers Kurt Tucholsky, über den in diesem Jahr ebenfalls eine neue Biographie von Rolf Hosfeld (Siedler, Euro 21,99) erschienen ist, und dessen Verzweiflung über seine Zeit und Zeitgenossen ihm 1935 nur noch den Ausweg in den Freitod ließ. So radikal deutlich und politisch er sich artikulierten konnte, so zart und liebevoll konnte er gleichzeitig seinen Gefühlen Ausdruck geben. Die Zeilen stammen aus Tucholskys Roman “Schloß Gripsholm” (Diogenes, Euro 7,90):

“…und dann spielten wir das Bücherspiel: Jeder las dem andern abwechselnd einen Satz aus seinem Buch vor, und die Sätze fügten sich schön ineinander.”

Den zweiten Teil der „Leipziger Begegnungen 2012“ gibt es in etwa einer Woche an dieser Stelle. Dann verrate ich auch jene drei Bücher, die ich persönlich in diesem Jahr am interessantesten fand.

Mai 1960

Die Gruppe 47 in Ulm

Der zweite Teil

1959 war der Roman “Die Blechtrommel” erschienen und hatte für einige Aufregung und manch frische Brise im schwarzbraunen Mief der schon viel zu lang anhaltenden Nachkriegszeit Dreizonen-Deutschlands gesorgt. Aus heutiger Sicht eines der wichtigsten und bedeutensten deutschsprachigen Werke des 20. Jahrhunderts. Der Autor Günter Grass hatte bis dahin nur etwas Lyrik veröffentlicht, einige Jahre in Paris gelebt und hauptsächlich als Bildhauer gearbeitet. Seine umfangreiche, voller Fabulierlust erzählte Geschichte löste nach dem Erscheinen allerhand Turbulenzen in einer Gesellschaft aus, die langsam zu einem bescheidenen Wohstand kam und es sich unter der Dauerkanzlerschaft des rheinischen Gemütsmenschen Adenauer behaglich gemacht hatte.

Aufgrund einiger saftig bildhafter Passagen wurden Buch und Autor die Verbreitung von Geschmacklosigkeiten, von Pornographie und Blasphemie vorgeworfen. Damit hatten sich Schriftsteller in den 1950er Jahren immer wieder einmal auseinanderzusetzen. Arno Schmidt, der mit seiner “Seelandschaft mit Pocahontas” auch davon betroffen war, wechselte deshalb sogar den Wohnsitz, verließ mehr oder weniger freiwillig das erzkatholische Kastel an der Saar. Als selbsternannte Moralinstanzen traten vor allem katholische Oberhirten und spezielle konservative Kreise auf. Im Mai 1960 nahm Günter Grass an der Hörspiel-Tagung der Gruppe 47 in Ulm teil.

Inge Aicher-Scholl nutzte ihre Kontakte und lud den Schriftsteller zu einer Lesung in das im Zentrum der Stadt gelegene, traditionsreiche Schwörhaus ein. Günter Grass las am Samstag-Abend, den 28. Mai. Das zahlreich erschienene Ulmer Publikum nahm den umstrittenen Jungautor freundlich auf. Die lokale Presse schrieb über den Auftritt des markanten Danzigers in Ulm: “Er trug seinen literarischen Schatz in einer winzigen Reisetasche von der Art, wie sie deutsche Landärzte um die Jahrhundertwende benützt hatten, zum Lesepult, verbeugte sich verbindlich lächelnd und sah ein wenig aus wie Guareschi und Georges Brassens.”

Günter Grass las einige Gedichte und aus der “Blechtrommel” die Kapitel “Das Kartenhaus” und “Brausepulver”, ein Kapitel von besonderem literarisch-erotischen Reiz. “Da saß ein Epiker von Format, ein unbefangener Kraftprotz, der ein verwöhntes Publikum in Bann schlagen konnte, mit seinen Geschichten, mit seiner Sprache”, schrieb die Schwäbische Donauzeitung. Man möchte ergänzen: Und mit seiner Vortragsweise, seiner Performance, wie man heute vielleicht sagen würde. Wer in den letzten Jahren Gelegenheit hatte eine Grass-Lesung zu erleben, konnte feststellen, dass die Schilderung von 1960 auch heute noch fast unverändert zutrifft.

Über zwei weitere Teilnehmer des Ulmer Treffens der Gruppe 47 kann Interessantes berichtet werden.

Das Ulmer Schwörhaus, in dem heute das Stadtarchiv untergebracht ist.

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Friedrich Knilli promovierte 1959 mit einer experimentalpsychologischen Untersuchung des Hörspiels und verfasste ein Buch mit dem Titel “Das Hörspiel. Mittel und Möglichkeiten eines totalen Schallspiels”, das bald als Standardwerk galt. Er gehörte später zu den Mitbegründern des “Literarischen Colloquiums Berlin” und war Professor für Literatur- und Medienwissenschaften an der Technischen Universität Berlin, ein ausgezeichneter Kenner von Leben und Werk Lion Feuchtwangers, der sich schwerpunktmäßig unter anderem mit der Darstellung der Juden in den Medien beschäftigte. Knilli vertrat in Fragen der Hörspiel-Theorie eine Gegenposition zur Hamburger Linie Heinz Schwitzkes, für den das “Wortspiel” im Vordergrund stand und befürchtete seinerseits eine “Verwortung des Hörspiels.” Er setzte stärker auf Inszenierung und dramaturgische Effekte.

Unterstützt wurde Friedrich Knilli in seiner Position während der Ulmer Tage von einem Germanisten aus Nürnberg, der zur Tagung als Hans Schwerte angemeldet war, und der sich in Gesprächen gerne über die Nazi-Vergangenheit des NDR-Hörspiel-Chefs Schwitzke ausließ. Schwerte hatte in Erlangen studiert und promoviert und wurde 1965 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der RWTH Aachen, von 1970 bis 1973 war er ihr Rektor und wurde dem linksliberalen Flügel der Professorenschaft zugerechnet. Er erhielt das Bundesverdienstkreuz und den belgischen Orden “Officier de L’Ordre de la Couronne.”

In den 1990er Jahren verdichteten sich Gerüchte, dass Schwerte nicht der war als der er sich ausgab. Recherchen des niederländischen Fernsehens und der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule enthüllten schließlich Schwertes ursprünglichen Namen: Hans Werner Schneider, geboren 1909 in Königsberg. Seit 1933 war dieser Schneider in NS-Organisationen aktiv gewesen, ab 1937 gehörte er der SS an, in der er verschiedene Führungspositionen begleitete und u. a. auch in den besetzten Niederlanden arbeitete.

Kurz nach Kriegsende hatte Schneider sich mit Hilfe seiner “Witwe” für tot erklären lassen und den Namen Hans Schwerte angenommen, der einem vermutlich im Krieg gefallenen Soldaten gehört hatte. So konnte er eine scheinbar makellose akademische Karriere absolvieren. Schwerte/Schneider, der sich unter dem Druck der Ermittlungen schließlich selbst angezeigt hatte, wurde in der Folge der Professoren-Titel aberkannt. Er verlor alle Pensions-Ansprüche und das Bundesverdienstkreuz. 1960, bei seinen Auftritten auf dem Ulmer Kuhberg, war er ein allseits geschätzter Wissenschaftler, Hörspiel-Fachmann und Gesprächspartner gewesen.

Es gibt einen wunderbaren Bildband über die Treffen der Gruppe 47 (Köln, 1997). Die Fotos hat Toni Richter gemacht, die Frau Hans Werner Richters. Einerseits geben die Schwarzweiß-Aufnahmen einen lebendigen Eindruck von Ort und Athmosphäre jeder einzelnen Veranstaltung; gleichzeitig wirken sie jedoch unglaublich nostalgisch – im wahrsten Sinne wie aus einem anderen Zeitalter. Das außerordentliche Treffen, die Hörspieltagung im Mai 1960 in Ulm, ist in dem Buch mit fünf Bildern vertreten. Auf einem davon sieht man eine kleine Gruppe auf der großen nach Süden ausgerichteten Terasse des HfG-Komplexes in intensive Gespräch vertieft: Dieter Wellershoff, Franz Schonauer, Walter Hasenclever, Hans Werner und Toni Richter. Es ist ein besonders schöner Platz. Von hier blickt man auch heute noch über das tiefer liegende Donautal in Richtung der an Föhntagen in der Ferne sichtbaren Alpenkette.

1960 waren die Nachwirkungen der Nazi-Jahre in Deutschland noch nicht gänzlich überwunden, wie wir oben gesehen haben. Aber auch in Europa war der braune Spuk noch nicht zu Ende. In Spanien beherrschte seit 1939 der faschistische Diktator Francisco Franco das Land und das blieb so bis zu seinem Tod im Jahre 1975. Bevor man Ulm wieder verließ, verfassten und verabschiedeten  die Schriftsteller und Schriftstellerinnen eine gemeinsame Petition, in der sie sich für Journalisten und Publizisten in Spanien einsetzten, die unter diesen spätfaschistischen Verhältnissen zu leiden hatten. Das nächste reguläre Treffen der Gruppe 47 fand im November 1960 im Rathaus von Aschaffenburg statt. Es wurden 150 Personen eingeladen, darunter 16 neue Autoren und Autorinnen; 25 lasen aus ihren unveröffentlichten Werken. Günter Eich, der in Ulm zu jenen gehört hatte die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen, musste unter dem materiellen Druck der ihn zu allerhand Brot-Arbeit zwang und nach zahlreichen Reisen und Lesungen wegen “totaler Erschöpfung” absagen.

Auf der Blog-Seite „da capo“ finden Sie ein Zitat Hans Werner Richters zum Selbstverständnis der Gruppe 47.

In diesem Blog werde ich gelegentlich auch über andere Treffen der Gruppe 47 im süddeutschen Raum berichten.

Mai 1960

Die Gruppe 47 in Ulm

Der erste Teil

Die Ulmer Hochschule für Gestaltung wird für immer als eine ganz besondere Bildungseinrichtung in Erinnerung bleiben. Der Gebäudekomplex, den sie bei ihrer Gründung 1955 bezog, war von dem Schweizer Architekten und Mitbegründer der Hochschule, Max Bill im Bauhausstil als industrielles Serienprodukt (Plattenbau) geplant und errichtet worden. Unscheinbar und harmonisch fügen sich auch heute noch die einzelnen Trakte in den sanften Hang des Hochsträß. Etwas außerhalb der Stadt auf dem Kuhberg gelegen, war die HfG von Anfang gleichermaßen Fortschrittsmotor wie skandalumwehter Sammelpunkt kreativ liberaler Geister. 1968 wurde sie auf Druck der baden-württembergischen CDU-Regierung und mit zustimmender Genugtuung weiter Kreise der Ulmer Stadtgesellschaft abgewickelt.

Das letzte Wochenende im Mai 1960 war für die ehemalige freie Reichsstadt Ulm an der Donau von großer Bedeutung – sie bekam ihre zweite Hochschule. Im großen Ratssaal fand die feierliche Eröffnung einer Ingenierschule durch den damaligen Kultusminister Storz statt. Eine Bildungsstätte die sich mit realen, greif- und begreifbaren Gegenständen beschäftigte, fand in der Stadt sofort wesentlich mehr Anklang als das eher abstrakte und theoretische Wirken der Hochschule für Gestaltung. Dass dort durchaus bahnbrechende, Jahrzehnte nachwirkende Ideen, Entwürfe und Produkte entstanden, wurde den meisten Skeptikern erst klar, als diese Aera schon wieder vorbei war. Die Ingenieurschmiede aber wurde 1971 zur Fachhochschule und inzwischen im Rahmen der Bologna-Prozesse zur Hochschule veredelt.

Während im historischen Rathaus der Donaustadt von den Honoratioren des Landes und der Stadt auf den Bildungs-Meilenstein angestoßen wurde, fand am selben Wochenende eine andere, ebenfalls äußerst prominent besetzte Zusammenkunft statt. Im Bill-Bau der HfG traf sich die Gruppe 47 ab Donnerstag den 26. Mai und bis Sonntag den 29. Mai zu einer Hörspieltagung. 80 Schriftsteller, Autoren, Journalisten und Kulturschaffende waren dazu angereist.

Die Gruppe 47, das von Hans Werner Richter begründete Schriftstellertreffen, wurde in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik etwa zweimal jährlich einberufen. Die letzte reguläre Tagung fand 1967 statt. “Eigentlich ist die Gruppe gar keine Gruppe. Sie nennt sich nur so.” (H. W. Richter) Diese Gruppe, die keine Gruppe war, nie aus einem festen Teilnehmerkreis bestand, hat die literarische Landschaft des Nachkriegsdeutschland wesentlich mit geprägt und ihre weitere Entwicklung nachhaltig beeinflußt. Was im Mai 1960 in Ulm stattfand war ein Treffen außerhalb des üblichen Rhythmus und eine Tagung, die sich ein enges und spezielles Themenspektrum gewählt hatte: Sie war ganz und ausschließlich dem Hörspiel gewidmet. Aus diesem Sonderstatus erklärt sich zum Teil die schlechte Quellenlage. Es existieren nur wenige verwertbare Zeugnisse und Dokumente zu diesem Ereignis.

1960 hatte die Medienform des Hörspiels ihren Bedeutungshöhepunkt und den Gipfel des Publikumszuspruchs schon leicht überschritten. Die Konkurrenz des noch jungen Fernsehens und des zunehmend beliebten Fernsehspiels wurde stärker. In den Jahren zuvor waren einige wichtige Werke im Genre Hörspiel entstanden, die auch jederzeit höheren literarischen Ansprüchen genügten. Prägend wurde bei der Aufnahmepraxis die „Hamburger Hörspieldramaturgie“ unter Heinz Schwitzke der auch den Begriff des “Wortkunstwerks” prägte. Südwestfunk und Süddeutscher Rundfunkt waren Rundfunksender die Hörspiel, Hörbild und Hör-Essays in ihren Programmen besonders pflegten. Damit trugen sie nicht zuletzt wesentlich zur Verbesserung der Einkommenssituation des einen oder anderen Schriftstellers bei. 1960 gab es in allen deutschen Rundfunkanstalten etwa 300 Termine für Hörspielsendungen. An der Veranstaltung in Ulm nahmen u. a. teil: Alfred Andersch, Wolfgang Hildesheimer und Günter Wellershoff, Ruth Rehmann, Walter Hasenclever und Franz Schonauer, der Regisseur Peter Schulze-Rohr, der Großkritiker Marcel Reich-Ranicki, der Medienwissenschaftler Friedrich Knilli, sowie Günter Eich und Ilse Aichinger.

Günter Eich studierte Sinologie und arbeitete ab 1932 als freier Schriftsteller. Seine Schwerpunkte waren die Lyrik und eben das Hörspiel, wie zum Beispiel das 1951 erstgesendete “Träume” oder “Das Mädchen von Viterbo” (1953). “Wie alle großen Schriftsteller hat Eich sich eine Grundform geschaffen, an deren Vervollkommnung er arbeitet”, schrieb Walter Jens über Eich und sein Verhältnis zum Hörspiel. Man zählte ihn zu den Wegbereitern des “literarischen Hörspiels”. Doch dieser Begriff wurde immer wieder in Frage gestellt. So auch bei der Tagung auf dem Ulmer Kuhberg. Die örtliche Zeitung resümierte sogar: “Das literarische Hörspiel gibt es noch nicht.” Man war generell auf der Suche nach neuen literarischen Ausdrucksformen, hielt die traditionellen Gattungen für überholt. Eine Entwicklung, die aus heutiger Sicht, eher im Sande verlief.

Seit 1953 war Günter Eich mit Ilse Aichinger verheiratet. Ilse Aichinger als Tochter einer jüdischen Ärztin und eines Lehrers in Wien geboren, wurde katholisch getauft. Die Familie war der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt; Ilses Großmutter und die jüngeren Geschwister der Mutter wurden 1942 deportiert und ermordet. Die Zwillingsschwester floh im Juli 1939 mit einem der letzten Jugendtransporte nach England. Ilse Aichingerr selbst und ihre Mutter blieben unter schwierigen Umständen in Wien. Ilse absolvierte zwar erfolgreich das Gymnasium, bekam aber als Halbjüdin keinen Studienplatz. Erst nach Kriegsende konnte sie ein Medizinstudium beginnen, das sie jedoch nach fünf Semestern abbrach, um ihren ersten Roman zu schreiben.

Die österreichische Schriftstellerin stieß früh zur Gruppe 47, zu deren Gründungsmitgliedern ihr späterer Mann Günter Eich gehörte. 1948 war ihr Roman “Die größere Hoffnung” erschienen. Aichingers wichtigsten Hörspiele waren “Knöpfe” (1953), das auch dramatisiert wurde und “Weiße Chrysanthemen”, mehr ein Hörtext als ein szenisches Hörspiel. Ilse Aichinger warnte vor einer radikalisierten Sprachkritik, wie sie u. a. auch von der Abteilung Information der Ulmer HfG betrieben wurde, die der Naturwissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller Max Bense aufgebaut hatte. In ihrem Essay “Meine Sprache und ich” schrieb Aichinger dazu: “Meine Sprache und ich, wir reden nicht miteinander, wir haben uns nichts zu sagen.” Anfang der 50er Jahre hatte sie zeitweilig bei Inge Aicher-Scholl an der Ulmer Volkshochschule gearbeitet. Inge Aichers Mann, der bekannte Graphiker und Designer Otl Aicher war maßgeblich am Aufbau der Hochschule für Gestaltung beteiligt. Diese Verbindungen waren es wohl, die die Teilnehmer der Hörspieltagung im Mai 1960 ausgerechnet nach Ulm führten.

In Ulm wurden Arbeiten von Teilnehmer der Tagung, aber auch von Autoren die nicht nach Ulm gekommen waren, präsentiert – durch Vortrag oder das Abspielen von Tonbändern; einige Aufnahmen wurden vom Rundfunk-Übertragungswagen eingespielt. Dabei war Neues und Altes, Rohfassungen ebenso, wie fertige Inszenierungen. Da es die Quellenlage unmöglich macht eine komplette Teilnehmerliste der Tagung zu erstellen, ist aus heutiger Sicht nicht mehr eindeutig zu klären, welche Werke vor Ort von ihren Autoren vorgestellt und welche von fremder Stimme gelesen oder von Band eingespielt wurden.

Hier eine kleine Auswahl der am letzten Maiwochende 1960 vorgestellten Werke: Das schon erwähnte Dreipersonen-Stück “Weiße Chrysanthemen” Ilse Aichingers und “Albino” von Alfred Andersch, der lange für Hessischen und Süddeutschen Rundfunk gearbeitet hatte, seit 1958 aber im Tessin lebte, weil er mit der gesellschaftlichen Entwicklung im Adenauer-Deutschland nicht einverstanden war. Von Günter Eich eine alte und eine neue Fassung von “Der Tiger Jussuf”; von Alfred Döblins “Berlin Alexanderplatz” eine Hörspielfassung. Der “Schützengraben-Dialog” des israelischen Aktivisten und Schriftstellers Ben-Gavriel, der 1891 als Eugen Hoeflich in Wien zur Welt gekommen war, wurde ebenso heftig diskutiert wie Wolfgang Hildesheimers böse Komödie “Herrn Walsers Raben”.

Vom Polen Zbigniew Herbert, der hauptsächlich als Lyriker bekannt wurde, gab es “Das Zimmer” und von Eugène Ionesco, dem Großmeister des absurden Theaters, den “Automobil-Salon”. Von Paul Kruntorad, der aus dem Tschechischen stammte und in Österreich als Publizist wirkte, “Das Hobby”; von der viele Jahre später auch als Grünen-Politikerin auftretenden Ruth Rehmann Partien aus “Ein ruhiges Haus” und von Dieter Wellershoff Passagen aus “Der Minotaurus”. Wellershoff erfuhr vor drei Jahren mit seinem erfolgreichen Roman “Der Himmel ist kein Ort” noch einmal späte Anerkennung.

Die Sitzungen dauerten bis weit in die Nacht, dabei wurde kräftig geraucht und reichlich gezecht. Zur nicht immer nur ernsthaften Runde gehörte damals bereits ein 33-jähriger Bildhauer, der neuerdings auch als Schriftsteller vernehmbar von sich reden machte und bis heute bei vielen gesellschaftlichen, politischen und literarischen Anlässen mit seinen meinungsstarken Wortmeldungen nicht wegzudenken ist: Günter Grass.

Dazu mehr im zweiten Teil und in Kürze an dieser Stelle.

Spät-Lese (2)

(Reife Bücher. Erstmals, neu oder wieder gelesen.)

„Das Treffen in Telgte“ von Günter Grass


Warum jetzt?

“Unsere erste Begegnung war gewiß seltsam. Ich hatte ihn nicht eingeladen, und eigentlich wollte ich ihn auch nicht dabeihaben. Günter Grass das bedeutete mir nichts, und der Name besagte mir nichts. Niemand meiner Tagungsteilnehmer kannte ihn.” Das sollte sich für Hans Werner Richter, von dem dieses rückblickende Zitat stammt und andere Teilnehmer an den Tagungen der Gruppe 47, bald ändern.

Vor einiger Zeit war ich, von Anderem abschweifend und deshalb wie nebenbei, in eine oberflächliche Beschäftigung mit der Gruppe 47 geraten. Allerdings auch nicht zum erstenmal. Erstmals jedoch wurden mir lokale und regionale Bezüge zu dem Landstrich, der seit drei Jahrzehnten zur Heimat gewordener Hauptsitz ist, so richtig klar. Ich erfuhr u. a., wie nah mein derzeitiger Schreibtisch einem ehemaligen Schauplatz dieser denkwürdiger Dichtertreffen steht.

Vorausgegangen war die antiquarische Entdeckung und Erwerbung eines großformatigen Buches mit dem Titel “Die Gruppe 47 in Bildern und Texten”. Ein Bildband mit Fotografien von Toni Richter und einer Chronologie aller Treffen dieses unsteten Dichterhaufens, dessen Zusammensetzung und Versammlungsorte ständig wechselten. In den nächsten Wochen möchte ich Lektüre und Nachforschungen über die Gruppe intensivieren.

Im Herbst soll dann an dieser Stelle das eine oder andere berichtet werden. Zunächst aber einmal führte es zum Wiederlesen eines Buches von Günter Grass, das sich auf ganz besondere Weise mit der “Gruppe 47” beschäftigt und ohne diese nicht entstanden wäre.

Das Leben des Autors

Das Leben dieses Autors findet seit Jahrzehnten mitten unter uns und in der Mitte unserer Republik statt. Der Bildhauer, Zeichner, Schriftsteller, vor allem aber Mitbürger und Zeitgenosse Günter Grass war und ist in diesem Land unübersehbar und unüberhörbar. Längst ein Stück deutsche Kulturgeschichte, bereichert er auch heute noch unsere Literatur und die öffentliche Diskussionskultur.

1927 in Danzig geboren, begann seine künstlerische Laufbahn im Anschluss an einen kurzen jugendlichen Nazi-Irrweg, den obligatorischen Kriegsdienst und das Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach einer Steinmetzlehre und dem Studium der Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf enstanden Mitte der 1950er Jahre erste literarische Werke. Grass schrieb hauptsächlich Gedichte und Theaterstücke, bevor 1958 mit der kolossalen “Blechtrommel” skandalträchtige Erschütterung einer träge-prüden Gesellschaft der Adenauer-Ära und epischer Durchbruch gleichermaßen erfolgreich gelang. Danach entstand ein vielfältiges und umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk.

1999 wurde Günter Grass mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Im letzten Jahr erschien von ihm die Sprach- und Brüder-Grimm-Huldigung “Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung”. Es soll sein letztes literarisches Werk bleiben, ließ der inzwischen 83-jährige Schriftsteller sein Publikum bei zahlreichen Lesungen und öffentlichen Auftritten wissen.

(Bild: Florian K. unter GNU Lizenz)

Die Geschichte des Werks

“Das Treffen in Telgte war ein Geschenk”. Ein Geschenk zum 70. Geburtstag von Hans Werner Richter, dem Initiator, Organisator und Übervater jener losen Schriftsteller-Treffen, die unter der Bezeichnung “Gruppe 47” in die Literaturgeschichtsschreibung der bundesdeutschen Nachkriegs-Jahrzehnte eingehen sollten. Eigentlich war ja dieses Kapitel im September 1967 in Saulgaus “Kleber Post” bereits mehr oder weniger offiziell beendet worden. Von Jenem, der es 20 Jahre vorher aufgeschlagen hatte. Mit einem tränennahen “es ist vorbei”, hatte Hans Werner Richter höchstpersönlich den Schlusstrich gezogen.

Doch noch einmal traf man sich an selber Stelle. 1968. Anlass war der 70. Geburtstag Richters, zu dem Günter Grass das passende Geschenk mitbrachte: “Mein lieber Hans Werner, anfangs war es nur eine kleine Sonntagsidee, Dir zum siebzigsten Geburtstag ein Gruppentreffen im Jahr 1647 zu skizzieren, doch dann wuchs sich die Idee zur Erzählung … aus, an der ich nun ein gutes halbes Jahr lang sitze und immer noch nicht bin ich am Ende.”

1968 war ein bewegtes Jahr. Nicht nur in der deutschen Geschichte. Auch im Leben von Günter Grass. Eine neue “größte” Liebe war in sein Leben getreten. Fortan vielfach bedichtet: “Sie ist ein Inselkind, / nur übers Wasser oder bei klarer Sicht / als Wunschbild zu erreichen. / Die vom Festland, sagt sie, / verstehen das nicht.” Seit dem Geburtstagstreffen in Saulgau begleitete sie immer wieder die öffentlichen Auftritte des Dichters und Frauen-Verstehers. In seinem 1977 erschienen Großroman “Butt” hat er Ute ein Denkmal gesetzt. Das “Treffen in Telgte” kam dann erst noch einmal zwei Jahre später, 1979, auf den Buchmarkt und verdankte seinen nicht geringen kommerziellen Erfolg hauptsächlich der Nachfolge des auflagenstarken, auf viel öffentliche Aufmerksamkeit gestoßenen, Vorgängers.

Mein Exemplar habe ich 1980 erworben, es ist eine sehr schöne Ausgabe der Büchergilde Gutenberg, der Grass seit Jahrzehnten verbunden ist und die eine Gesamtausgabe der Werke des Danzigers pflegt und anbietet. Obwohl mehrfach gelesen, steht das Buch auch heute noch frisch und wie neu wirkend im Regal, zu verdanken der traditionell besonders sorgfältigen Herstellung der Büchergilde-Editionen.

Der Inhalt

“Das Treffen in Telgte” ist ein sogenannter Schlüsselroman. Ein literarisches Werk, in dem wirkliche Personen und Ereignisse unter erdichteten Namen und nicht immer leicht enträtselbarer Verschleierung dargestellt werden. Das Verständnis setzt beim Leser eigentlich die Kenntnis der verschlüsselten Verhältnisse voraus.

1647. Der dreißigjährige Krieg geht seinem Ende entgegen, im Jahr darauf wird es zum Westfälischen Frieden kommen. In Telgte versammeln sich die ruhmreichsten deutschsprachigen Dichter des Zeitalters. Die Gegend wird immer noch von schwedischen Truppen bedrängt. Anreise und Treffen sind in diesen Zeiten nicht einfach; nicht nur Dichter sind allerhand kriegsbedingten Nöten und Gefahren ausgesetzt. Eingeladen hat Simon Dach, der berühmte preußische Lyriker.

Die Literaturgeschichte wird dieser Periode später das Etikett “Barock” ankleben. Es treffen sich Poeten aus Nürnberg und Schlesien, aus Regensburg und Holstein, auch heute noch bekannte Autoren sind dabei wie Paul Gerhard, Angelus Silesius oder Andreas Gryphius. Nicht direkt zur Sprache kommt, dass 300 Jahre später ein ähnliches Dichtertreffen stattfand, ebenfalls nach einem großen Krieg, dem diesmal weitere folgten. Günter Grass erzählt uns also unterhaltsam und parodistisch von 1647, meint allerdings immer auch 1947 und die folgenden Jahre. Ein Schlüsselroman eben.

Höhepunkte und Schwierigkeiten

Man kann das Buch auch ganz unbefangen als gute historische Erzählung lesen; dann liest es sich süffig wie ein Kelch Wein nach dem Westfälischen Frieden. Grass hat die Geschichte im Jahr 1647 angesiedelt, ein Jahr vor dem eigentlichen Kriegsende. Das titelgebende Städtchen Telgte liegt auch heute noch in der Nähe von Münster und gehört zum Kreis Warendorf. Grass der schon in der Blechtrommel einen Stil gefunden hatte, der an Grimmelshausen und Jean Paul erinnert, verwendete auch für das “Treffen in Telgte” einen ganz eigenen Ton und Rhythmus. Er kreierte eine barockisierende Sprache, die dazu dient, den Leser näher an die Zeit in der die Erzählung spielt heranzuführen.

Für Manchen mag gerade diese für Grass eigentlich typische Sprachbildhauerei heutzutage eine etwas höhere Schwelle darstellen und von der Lektüre möglicherweise abschrecken. Es erfordert etwas Mühe sich auf diese Melodie und auch auf die erzählerische Konstruktion und Konstellation einzulassen. Doch es lohnt und mit etwas Vorkenntnis lässt sich der Lesegenuss noch steigern. Man erkennt dann auch die akribische Vorgehensweise von Günter Grass, der dem Schreiben dieser Erzählung ein gründliches Quellenstudium vorausgehen ließ. Ein Verfahren, dass er häufig beim Verfassen seiner Prosawerke anwendete, die dadurch, neben der eigentlichen Handlung, jeweils eine historisch fundierte Ebene zugeschrieben bekamen.

Wie die Zusammenkünfte der Gruppe 47 ging auch das Treffen in Telgte zu Ende. Einerseits wurde bedauert, andererseits war eine Fortsetzung nicht mehr denkbar. Hans Werner Richter, Simon Dach und auch Günter Grass gingen ihrer Wege: “Doch hat uns in jenem Jahrhundert nie wieder jemand in Telgte oder an anderem Ort versammelt. Ich weiß wie sehr uns weitere Treffen gefehlt haben. Ich weiß, wer ich damals gewesen bin. Ich weiß noch mehr.”

Grass, Günter: Das Treffen in Telgte (Erstausgabe: Luchterhand, 1979), Neuausgabe. – dtv, 2011. Euro 10.

Aktuell: Deutscher Bibliothekartag 2011

Zukunft für die Bibliotheken?

oder: Wie Günter Grass Bibliothekare ermuntert.

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Einmal im Jahr treffen sich Bibliothekarinnen, Bibliothekare und verwandte Berufsgruppen aus ganz Deutschland zu Fort- und Weiterbildung, zu Diskussion und Erfahrungsaustausch, auf ihrem “Bibliothekartag”. Das hat eine lange Tradition. Und so wird vom 7. bis 10. Juni, zum inzwischen 100. Mal, diese Großveranstaltung mit diesmal etwa 3000 Teilnehmern stattfinden. Tagungsort ist das geschichtsträchtige, an musischer und ethnischer Vielfalt reiche Berlin. Der Kongress hat sich das etwas unscharfe Motto “Bibliotheken für die Zukunft – Zukunft für die Bibliotheken” verordnet.

Erstaunlicherweise hat man als Treffpunkt eine Örtlichkeit gewählt, die keinerlei Nähe zu Bibliotheken oder bibliotheksnahen Einrichtungen bietet. Im “Estrel Convention Center” findet man, ganz im Sinne einer zeitgemäßen Tagungs-Ökonomie, alles unter einem Dach: Bett und Verpflegung, Tagungsräume und Firmenaustellung, selbst den finalen nächtlichen Absacker kann man an der Bar des Hauses einnehmen. Wenn Teilnehmer oder Teilnehmerin nicht will, wird wenig Außenwelt die Kontemplation stören. Man kann nur hoffen, dass soviel klausurartige Sammlung, solch weltabgewandter Einschluss, nicht zum Selbstverständnis der Berufsgruppe und ihrer Arbeitsgebiete gehört; sie brächte es sonst fertig, populäre, in breiten Kreisen im Umlauf befindliche Klischees zu bestätigen.

Bibliotheken genießen nach wie vor hohes Ansehen und oft ehrfurchtsvolle Sympathie. Auch bei dem deutschen Nobelpreisträger Günter Grass. Der 83-jährige hat nach eigenen Aussagen sein literarisches Werk im wesentlichen abgeschlossen, nimmt aber wie eh und je regen Anteil an Alltag, Politik und kulturellen Strömungen unserer Republik. Im Vorfeld des diesjährigen Bibliothekartages gab er der Fachzeitschrift “BuB -Forum Bibliothek und Information” – so etwas wie das Zentralorgan der deutschen Bibliotheks-Szene – ein leicht zerstreutes Interview.

Pflichtgemäß kritisiert der Literat die aktuelle Gefährdung der reichhaltigen deutschen Bibliothekslandschaft durch Sparmaßnahmen und mangelnde Unterstützung der verantwortlichen Politiker. Beim Zukunftsaspekt wirft er dann allerdings Überlegungen zum Buch als gedrucktem Medium, sowie der Bibliothek als Anbieter vielfältiger Informations- und Medienformen, munter durcheinander. Außerdem muss man sich fragen, ob sich jemand zum Thema wirklich sachkundig äußern kann, der berichtet: “Natürlich brauche ich für meine Arbeit viele Bücher. Die lasse ich mir aber bei Bedarf aus der Bücherei bringen.”

Bibliothekare und alle die verwandte Berufe ausüben, alle Bibliotheken, Archive, Museen und Dokumentationszentren im Land, brauchen prominente Unterstützung. Der Dank ist einem Schriftsteller sicher, wenn er uns wissen lässt: “Die Bibliothekare erfüllen eine wichtige Aufgabe … “. Mit seiner reflexartigen Abgrenzung des haptischen – und damit im Grass’schen Sinne positiven Erlebnisses – herkömmlicher Bücher und den neuen problematischen, sprich elektronischen Medien, ist für die aktuellen und kommenden Herausforderungen jedoch niemandem gedient.

“Wenn ich zum Beispiel in einer Bibliothek die Bücher an den Wänden sehe, … dann ist das etwas ganz anderes als ein Blick durch den Bildschirm in die virtuelle Welt.” Ein Satz von Günter Grass der verständlich und nachvollziehbar ist, der aber eben lediglich einen Ausschnitt der heutigen Realität erfasst. Den ebenso realen, wie raschen Wandel, die immer mehr zunehmende Komplexität und die bereits erkennbaren zukünftigen Entwicklungen unserer Medienwelt, spricht Grass in dem BuB-Interview leider nicht an.

Mit seiner, das Gespräch abschließenden Formulierung, deutet er einen Weg an, den einzuschlagen eigentlich naheliegen sollte: “Ich wünsche den deutschen Bibliothekaren, dass sie sich lauter zu Wort melden und ihre Sorgen und Nöte geschlossen vortragen … “ Man wird es gerne hören. Ob Wunsch und Forderung von Günter Grass hinter den Plattenbau-Elementen einer Berliner Hotel- und Tagungs-Burg am besten umgesetzt werden können, wird jene Zukunft zeigen, die dort zum Thema gemacht wird.

Das Interview mit Günter Grass: BuB (5) 2011, S. 354 – 356

Leipziger Buchmesse 2011 – eine erste Nachlese

„Wir lieben Leipzig!“

Mit diesem Ausruf beendete dtv-Chef Wolfgang Balk die diesjährige Lesenacht seines Verlags im akademixer-Keller und sprach damit sicher nicht nur den Anwesenden aus dem Herzen, sondern den meisten Besuchern von Buchmesse und “Leipzig liest”.

Am Sonntag ging die diesjährige Leipziger Buchmesse zu Ende; nach erneutem Besucherzuwachs nähert sich dieser Frühjahrshöhepunkt wohl endgültig seiner Kapazitätsgrenze. Der Wunsch nach einem Fachbesuchertag wurde deshalb von zahlreichen Buchhändlern und Bibliothekaren, Verlags- und Medienleuten immer wieder geäußert.

Voll. Voller. Leipziger Buchmesse. Gedränge also, und Geschiebe in allen Hallen und Gängen, an Ständen und vor Foren und Bühnen. Kein Durchkommen und dennoch allerorten buntes, oft fröhliches Treiben. Aber auch ernsthafte Diskussionen und hintergründige Gespräche. Medienrummel zudem. Bei =CONLIBRI= nun einige Eindrücke von – überwiegend – literarischen Aspekten des viertägigen Ereignisses. Eine klitzekleine Auswahl nur, zudem ganz den persönlichen Lieben und Vorlieben des bloggenden Besuchers folgend.

Setz. Clemens Johann Setz bekam den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik für seinen Erzählband “Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes.” Das war durchaus überraschend und unterstreicht einmal mehr die mögliche Eigendynamik solcher Preisträger-Findungsprozesse. Nun mag der gewollt originell und verstörend wirkende Titel des Buches ebenso etwas abschrecken wie die dargestellten Gewalt- und Pornowelten; mangelndes Schreib-Talent kann man dem 28-jährigen Autor jedoch nicht unterstellen. In bester östereichischer Jungautoren-Tradition – erinnert sei etwa an Handke oder Bernhard – gab er sich in den Tagen vor der Auszeichnung betont raubeinig, pointenreich provozierend, und verzichtete auch nicht darauf kräftige Seitenhiebe an Kolleginnen und Kollegen des schreibenden Gewerbes zu verteilen. Das änderte sich, als dann der Preisträger von Termin zu Termin gereicht wurde. Er lobte sogar ausdrücklich Wolfgang Herrndorf und dessen Roman “Tschick”, den er mit großem Vergnügen gelesen habe und dessen Verfasser den Preis ebenso verdient hätte. Wolfgang Herrndorf hatte wie Arno Geiger (“Der alte König in seinem Exil”) zu den Favoriten gezählt; er konnte wegen seiner tragischen Erkrankung nicht nach Leipzig kommen.

Bank. Zu meinen ganz persönlichen Favoritinnen gehört schon seit einiger Zeit die Schriftstellerin Zsuzsa Bank, deren Debüt-Roman “Der Schwimmer” vor einigen Jahren großen Eindruck auf mich gemacht hat. Insbesondere die sprachlichen Fähigkeiten der Autorin, die aus einer ungarischen Familie stammt, aber von Anfang an in Deutsch schrieb, sind bemerkenswert. Man muss sich in den letzten Jahren immer wieder wundern, wie viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller die deutsche Literatur bereichern, die in eine andere Sprache hineingeboren wurden. Auch im neuen Roman “Die hellen Tage” findet Bank wieder zu ihrem weichen, melodiösen Sprach-Rhythmus. Erzählt wird die Geschichte dreier Familien und die zahlreichen Zerreißproben ausgesetzte Dreiecksbeziehung von Seri, Karl und Aja. Das Buch spielt u. a. in einem phantasievoll farbigen Zirkus-Milieu. „“Die hellen Tage“ sind für mich das schönste Buch des Frühjahrs 2011″, sagte Christine Westermann im WDR.

Florescu. Auch die Muttersprache von Catalin Dorian Florescu war nicht Deutsch sondern Rumänisch. Heute lebt er als deutschsprachiger Autor in der Schweiz. Bereits seine letzten beiden Romane “Zaira” und “Der blinde Masseur” fanden große Beachtung und zahlreiche Leser. In Leipzig stellte er sein Buch “Jacob beschließt zu lieben” vor. Es ist die abenteuerliche Lebensgeschichte des Jacob Obertin aus dem schwäbischen Dorf Triebswetter im rumänischen Banat, samt seiner Vorfahren. Florescu erzählt farbig und flott. Anekdotenreich und sinnlich schildert er Sitten und Gebräuche, Glauben und Aberglauben des europäischen Südosten. Manchmal hat man beim Lesen das Gefühl Schnaps und Knoblauch zu riechen. Der Autor berichtete, dass er sich immer wieder einige Zeit in Rumänien aufhält um neue Eindrücke, Stoffe und Geschichten zu sammeln. Für ihn ist Europa im übrigen eine einzige große Migrationsgeschichte.

Catalin Dorian Florescu zu Gast bei 3sat

Sofa. Polstermöbel allerorten. Traditionsreich, zentral positioniert und menschenreich umlagert, das blaue Sofa. Aufgestellt von Bertelsmann, Deutschlandradio Kultur und ZDF, nimmt hier alles Platz was einen Namen hat oder sich einen machen möchte. Nicht alle Gäste sind dabei von wirklich literarischem Rang wie Karen Duve, Margriet de Moor oder Melinda Nadj Abonji. Die meisten sind einfach populäre Figuren oder Darsteller unserer immer stärker ausfasernden Medien-Landschaft. Ein Joachim Krol ist ebenso dabei, wie die unvermeidliche Veronica Ferres, Gutmensch Todenhöfer und Leidfigur Walter Kohl, Radler Täve Schur oder die Übergröße Jörg Thadeusz. Tiefschwarz hingegen ist die Sitzgelegenheit für die Komik- und Manga-Fraktion; rot das Möbel auf dem Stand des Universitätsradios “Mephisto 97.6” – ein bemerkenswerter Messeteilnehmer, über den in einigen Tagen in einer zweiten Nachlese einige Sätze zu lesen sein werden. Ein Sofa befand sich auch im zweiten Stockwerk der innenstädtischen, lauschigen Connewitzer Verlagsbuchhandlung und hier saß dann am Abend nach getaner Messe-Schicht noch einmal der Eine oder die Andere in angenehm intimen Rahmen, las, plauderte, gab bereitwillig Auskunft und signierte vor eher kleinem, aber sehr geneigtem Publikum.

Leipziger Tage sind kurz. Sie sind im Nu vorüber. Und wenn sie zu Ende gehen, hat man immer das Gefühl etwas verpasst zu haben. Doch auch der Kondition buch- und literaturaffiner Geister sind Grenzen gesetzt. Die Füße schwitzen, schwellen und schmerzen. Höchste Zeit also die letzte Station des dann schon fortgeschrittenen Abends anzusteuern. Ein finaler, müder Meinungsaustausch im Sitzen, bei Bier, Wein, spätem Würzfleisch, in „Volkshaus“, „Südbrause“, „Cafè Puschkin“ oder einer der zahlreichen Kneipen und Restaurants auf dem hochfrequentierten Drallewatsch, dann fällt der Vorhang und manche Frage bleibt bekanntlich offen.

Eine zweite Nachlese folgt in wenigen Tagen.