„Ulm eine alte, häßliche und schmutzige Stadt …“

Im Oktober 1856 reiste Theodor Fontane von München über Ulm und Stuttgart nach Paris.

In drei Tagen von München über Ulm, Stuttgart und Heidelberg nach Paris. Seit einigen Jahren war das möglich. Deutschland verfügte nun für die wichtigsten Verbindungen über ein nahezu lückenloses Eisenbahnnetz. Schwarzeiserne Lokomotiven dampften durch Landschaften, Städte und Dörfer mit nie gekannter, für manche beängstigender Geschwindigkeit. Neue logistische  Möglichkeiten taten sich auf. Waren- und Personentransport gewann an Tempo und Bedeutung. Die Industrialisierung schritt flott voran im deutschen Staatenbund. 

Die neuen Reisemöglichkeiten kamen dem Journalisten und preußischen Diplomaten Theodor Fontane (1819 – 1898) sehr entgegen. Die Strecke Augsburg – München war bereits 1840 eröffnet worden. Zwischen Ulm und Neu-Ulm wurde die Donau ab 1854 mit einem modernen Brückenbau überquert. Von Ulm nach Augsburg und weiter nach München konnte man nun durchfahren. Eine Verbindung von Ulm nach Stuttgart bestand seit 1850. In der Münsterstadt wechselten die Reisenden von der bayerischen auf die württembergische Eisenbahn.

Vorstellungen des Wirtschaftsreformers Friedrich List. Das von ihm 1833 entworfene Eisenbahnnetz für Deutschland war 1856 zu großen Teilen bereits realisiert.

Ab dem 30. August 1856 verbrachte Theodor Fontane einen längeren Urlaub, heute würde man sagen eine Auszeit, bei Frau und Kindern in Berlin. Seit 1855 war er als Herausgeber der Deutsch-Englischen Korrespondenz in London tätig und berichtete für das Literatur-Blatt des deutschen Kunstblatts über das Londoner Theatergeschehen. Allerdings wurde die Korrespondenz bereits nach einem Jahr wieder eingestellt. Fontane blieb als Presse-Agent der Preußischen Gesandtschaft (Botschaft) an der Themse. Mit seiner beruflichen Situation war er nicht rundum zufrieden; gerne hätte er mehr Zeit für schriftstellerische Tätigkeit gehabt, doch davon konnte die wachsende Familie nicht leben.

1856 war Theodor Fontane also noch längst nicht der Verfasser später berühmter Romane wie Effie Briest oder Der Stechlin. Auch seine legendären, aus mehreren Bänden bestehenden Wanderungen durch die Mark Brandenburg, jene einzigartigen regional- und kulturgeschichtlichen Abhandlungen, waren noch nicht erschienen. Allerdings kam ihm die Idee zum am Ende fünfbändigen Mammutwerk während einer Reise durch Schottland, die er von London aus unternommen hatte. Der erste Band Die Grafschaft Ruppin wurde 1862 fertig. Apropos Wanderungen: Nur einen kleineren Teil der geschilderten Strecken legte der Chronist zu Fuß zurück, meist bevorzugte er Pferde und Kutschen. Öffentlich debütiert hatte der Dichter Fontane 1841, als sein Gedicht Mönch und Ritter in einem Leipziger Wochenblatt mit dem Titel Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. Neue Folge gedruckt wurde. Sein erster Roman, der den Titel Vor dem Sturm trägt und noch nicht ganz das Niveau der folgenden Werke erreichte, erschien erst 1878.

Seine Auszeit ging zu Ende und es wurde Zeit, sich auf den Rückweg nach London zu machen. Abreise in Berlin am Abend des 4. Oktober. Gegen Mitternacht erreichte er Leipzig, wo er bereits von Ludwig Eduard Metzel (1815 – 1895) erwartet wurde. Metzel war als preußischer Beamter Leiter der Centralstelle für Preßangelegenheiten und in dieser Funktion Fontanes Vorgesetzter. Ein einfühlsamer, kollegialer Mensch, der viel Verständnis für Fontanes künstlerisch-kreative Ader hatte, berichten Zeitgenossen. Die beiden reisten die nächsten Tage gemeinsam.

Theodor Fontane um 1860.

Fünf Uhr am nächsten Morgen ging es weiter. Zunächst bis Bamberg. Es blieb Zeit für einen kleinen Stadtrundgang und, wie an vielen Tagen, einen Brief Fontanes an die Gattin Emilie, die hochschwanger in Berlin geblieben war. Am Vormittag des 6. Oktober kamen die Reisenden bis Nürnberg. Wieder der kurze Rundgang durch die Innenstadt, von dessen Eindrücken in einem Brief an die Ehefrau zu lesen ist. Nürnberg, das vielberühmte, ist interessant aber durchaus nicht schön. Es ist eine Koofmannstadt und zwar eine blos spießbürgerliche. Es ging schnell mit Einschätzungen und Urteilen bei Fontane.

Am Abend desselben Tages kamen sie in München an und logierten im Bayerischen Hof, den es seit 1840 gab, deutlich kleiner als das heutige Luxushaus. Die Residenzstadt München zählte zu dieser Zeit etwa 140.000 Einwohner, Untertanen des Königs Maximilian II. Joseph von Bayern, dem Vater des späteren Wagner-Verehrers und manischen Schlösse-Erbauers Ludwig II.

Man ließ sich kutschieren in München. Metzel hatte sich bei einer Hühneraugen-Behandlung in den Fuß geschnitten, so dass Märsche mit selbigem kontraindiziert waren. Man fuhr zur Theresienwiese und der Bavaria, zur Einkehr ins Hofbräuhaus und abends ins Theater. Am nächsten Vormittag, inzwischen der 8. Oktober, besuchte Fontane den damals sehr populären Dichter Emanuel Geibel. Der Poet stammte aus Lübeck und wird knapp 50 Jahre später von Thomas Mann in seinen Buddenbrooks in Gestalt des Jean-Jacques Hoffstede liebevoll auf die Schippe genommen. An diesem Abend gab man im Nationaltheater Shakespeares Sturm.

Die Mahlzeiten und ihre Speisefolgen waren für Fontane wichtige Themen, im Werk wie im privaten Alltag. Ich habe eine hohe Vorstellung von der Heiligkeit der Mahlzeiten, gleich nach dem schlafenden kommt der essende Mensch. Zu den in der Regel mehrgängigen Mahlzeiten, vorzugsweise in angenehmer Gesellschaft, schätzte er das gepflegte Gespräch, den kultivierten Meinungsaustausch. Die Protagonisten seiner Romane werden es ihm nachtun, und nicht selten schreitet mit Hilfe dieser Unterhaltungen bei Tisch, die Handlung zügig voran.

In München und Umgebung kam er auf seine Kosten. Wie am Donnerstag, dem 9. Oktober 1856, bei einem Ausflug an den Starnberger See. In Seeshaupt wurden Brenken serviert, steht im Tagebuch. Es gibt keine Hinweise auf einen Speisefisch diesen Namens, vermutlich waren die Renken gemeint, ein bis heute sehr beliebter schmackhafter Fisch in oberbayerischen Seen. Vor dem abendlichen Theaterbesuch, diesmal stand eine Posse von Nestroy auf dem Programm, Einkehr im Gasthaus Sternecker-Bräu. 

Im Mittelpunkt des 10. Oktober, die Besichtigung der Pinakotheken. Und auch an diesem Tag kamen Speis‘ und Trank nicht zu kurz. Vormittags im Café Tambosi, bei einer Rast im Hofbräuhaus und schließlich im Gasthaus Ober-Pollinger. Es war Fontanes erster Aufenthalt in München. Noch dreimal wird er im weiteren Leben in die bayerische Hauptstadt reisen. Die diesmal auf München folgende Station besuchte er hingegen zum ersten und letzten Mal. Wieder um fünf Uhr in der Frühe ging der Zug nach Ulm. 

Das Ulmer Münster wie Theodor Fontane es gesehen hat.

Nun war es Samstag. Kaum in der württembergischen Donaustadt angekommen, hatte er schon ein Urteil parat. Im Reisetagebuch liest sich das so: Ulm eine häßliche und schmutzige Stadt, aber sehr belebt und überreich an Buchhandlungen und Kuchenläden. Die Menschen (wie überhaupt die Schwaben, im Gegensatz zu den schönen Pfälzern) auffallend häßlich. Das waren schon sehr meinungsstarke Formulierungen des Weitgereisten. Doch konnte er der alten Reichsstadt durchaus gefälligere Eindrücke abgewinnen. Grandios der Dom, wurde gegönnert.

Es ging sogar genauer. Im inzwischen allgemein als Ulmer Münster bekannten Bauwerk beeindruckten Fontane das Chorgestühl von Jörg Syrlin und in einer der Seitenkapellen das Gemälde von Martin Schaffner aus dem Jahr 1516. Es zeigt den Ulmer Patrizier Eitel Besserer, nach dem diese Kapelle benannt ist und befindet sich heute im Ulmer Stadtmuseum. Als Fontane das Münster besuchte, hatte es noch nicht seine heutige Höhe von 161 Metern erreicht, der Hauptturm wurde erst 1910 vollendet. Zeit nahmen sich die Reisenden für ein ausgedehntes Frühstück im Café Döbele. Nicht fehlen durfte dabei der frische Käsberger, ein Weißwein aus Mundelsheim.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs. August Döbele war um 1850 aus Waldsee nach Ulm gekommen und führte zunächst die Berufsbezeichnung Kellner, aus dem bereits 1853, als er sich um das Ulmer Bürgerrecht bewarb, ein Cafetiér geworden war. Dieser August Döbele begegnet uns dann im Jahr 1869 erneut, als er eine Klageschrift gegen eine Albertine von Schad einreichte. Inzwischen firmierte er als Weinhändler. Die Schads gehörten zu den angesehenen Patrizierfamilien (Stadtadel) Ulms, sie stammte aus Oberschwaben und besaß südlich der Stadt Wälder und Ländereien. 

Erwin Carlé, 1876 in Karlsruhe geboren, war ein Schriftsteller, der unter dem Künstlernamen Erwin Rosen Erzählungen und Erinnerungen veröffentlichte, darunter den autobiographischen Band Allen Gewalten zum trotz, worin er in einer kurzen Passage von seiner Zeit in Ulm erzählt. Die Mutter Rosens war eine gebürtige Döbele. Über deren Vater schrieb der Enkel: Dicht am Münsterplatz lag das Haus, das einmal meinem Großvater gehört hatte; dem Großvater Döbele. Der war ein großer Herr gewesen und hatte im Württembergischen Weinberge gehabt und Jagden.

Ob es dieser Großvater war, bei dem Metzel und Fontane einkehrten? Oder dessen Vater? Ob das schwäbische Frühstück im Café Döbele mit dem Schritt halten konnte, was die Herren in England kennen und genießen gelernt hatten? Nach abgehaltener Morgenandacht versammelt sich alles beim Frühstück: Kaffee und Tee, Hammelbraten und Eier, Speckschnitte und geröstetes Weißbrot machen die Runde am Tisch, und unter Essen und Trinken, Sprechen und Lachen vergeht eine volle Frühstücksstunde

Es ging weiter nach Stuttgart. Die Fahrt durchs Neckartal fand Fontane reizend. Eine Gegend, die in der Gegenwart stark von Industrie- und Handelsansiedlungen geprägt, deren Höhepunkt bei Ober- und Untertürkheim mit den ausgedehnten Daimler-Werken erreicht wird. Doch gerade dort sind nach wie vor im Osten der Stuttgarter Vororte die typisch württembergischen Steillagen zu sehen, deren herbstliches Farbenspiel einen wunderbaren Kontrast zu den Fabriken, Werken und Warenlagern auf der anderen Seite des Zuges bildet. Am Abend im Hotel St. Petersburg kamen sie auf den Tisch der Herren – die süffigen Württemberger, der Türkheimer und der Neuperger – gute Neckarweine. Dazu Rothfisch aus der Donau und Felchen vom Bodensee.

Einen Tag später, inzwischen Sonntag der 12. Oktober, ritten Fontane und Metzel auf Eseln vom Neckartal zum Heidelberger Schloss hinauf und kamen sich dabei vor wie Don Quixote und Sancho Pansa. Für welche Figur er wen hielt, verrät uns Fontane nicht. Besichtigung der viel besuchten Ruine. Entzückt von dem Zauberblick des in der Mitte (der Länge nach) durchgebrochenen Thurms. Nun stand hier ein Schriftsteller, der später als wichtigster deutscher Vertreter des realistischen Romans in die Literaturgeschichte eingehen sollte, vor einem der bedeutendsten Symbole der Romantik. Es folgte die übliche Einkehr. Doch wie es so vorkommt an hoch frequentierten Sehenswürdigkeiten: Schlechte Restauration an Ort und Stelle. Zurück in der Ebene ging es weiter nach Mannheim. Zeit für den Abschied von Direkt. (Direktor, J. H.) Metzel. 

Fontane verbrachte die Nacht im Europäischen Hof, bevor es morgens mit dem Schiff (einer Fähre?) über den Rhein ging und schließlich weiter nach Paris. Von Ludwigshafen aus dauerte die Fahrt knapp 16 Stunden. Für Reisende im Jahr 1856 eine staunenswert kurze Zeit. Heute legt der TGV die Strecke in gut drei Stunden zurück. Fontane genoss die Stadt. Spazierte durch die Tuilerien, über die Champs Éllysées, besuchte den Louvre. Die Tage in der französischen Metropole vergingen viel zu schnell. Bald hieß es wieder zurück an die wenig geliebte Arbeit. Am 22. und 23. Oktober nach Calais und mit dem Schiff nach Dover. Schöne Ueberfahrt, niemand seekrank. Um 8 in London.

1858 wird Fontane seine Stellung in London kündigen und nach Berlin zurückkehren.

Nürnberger, Helmuth; Storch, Dietmar: Fontane-Lexikon. Namen – Stoffe – Zeitgeschichte. – München, 2007

Hädecke, Wolfgang: Theodor Fontane. Biographie. – München, 1998

Fontane, Theodor: Tage- und Reisetagebücher. Bd. 1: 1852, 1855 – 1858 / hrsg. von Charlotte Jolles. – Berlin, 1995 (Große Brandenburger Ausgabe, Abt. 11)

Rosen, Erwin: Allen Gewalten zum Trotz. Lebenskämpfe, Niederlagen, Arbeitssiege eines deutschen Schreibersmannes. – Stuttgart, 1922

Hölscher, Horst: Fontane und München. – Karwe bei Neuruppin, 2016

Berg-Ehlers, Luise; Erler, Gotthard (Hrsg.): Ich bin nicht für halbe Portionen. Essen und Trinken bei Fontane. 2. Aufl. – Berlin, 2019

Literarischer Rastplatz: Die Hesse-Bank in Neu-Ulm

Wie Blüten gehn Gedanken auf, / Hundert an jedem Tag – / Laß blühen! laß dem Ding den Lauf! / Frag nicht nach dem Ertrag. (*)

Im Neu-Ulmer Glacis steht jetzt eine Hesse-Bank. 

Das Glacis ist ursprünglich eine Wehranlage, geplant und gedacht, die Stadt vor feindlichen Eindringlingen zu bewahren. Der Erdwall des Neu-Ulmer Glacis wird von einer dicken hohen Mauer getragen, die einst Teil einer Bundesfestung war. Erbaut wurde das Ensemble Mitte des 19. Jahrhunderts, und als es im 20. Jahrhundert ernst wurde mit den kriegerischen Auseinandersetzungen, stand sie wehr- und nutzlos im Weg, der modernen Vernichtungsmaschinerie hatte sie nichts entgegenzusetzen. Große Teile des Mauerwerks blieben erhalten und stehen bis heute.

Das Vorfeld der Anlage besteht aus einer mäßig breiten, jedoch kilometerlangen Grünanlage, sowie vielfältigem, teils sehr altem Baumbestand. Im Lauf der Jahrzehnte entwickelte sich das Gebiet zu einem Stadtpark am südlichen Rand der Neu-Ulmer Kernstadt. 1980 wurde der westliche Teil im Zuge einer bayerischen Landesgartenschau zum attraktiven Naherholungsgebiet aufgewertet. Auf gepflegten Wegen kann man bei entspannten Spaziergängen die Gedanken schweifen lassen, die Kinder vergnügen sich auf großen Spielplätzen oder mit Wasserspielen. In sommerlichen, hoffentlich bald wieder pandemiefreien Monaten, bietet die Freilichtbühne buntes Programm und ein großer Biergarten lädt ein.

Alle paar Meter gibt es Bänke zum Verweilen. Eine davon ist die Hesse-Bank. Sie steht unter den ausladenden Ästen eines Baumgreises an seichtbrackigem Gewässer etwa in der Mitte des Parks. Die Rückenlehne der Hesse-Bank besteht aus einer Plexiglas geschützten Tafel, die zur Sitzfläche hin Zitate und Gedichte von Hermann Hesse präsentiert.

Nicht alle Passanten interessieren sich dafür. Andere bleiben stehen, lesen, sinnieren, nehmen dann für kurz oder etwas länger Platz, genießen das Grün rundum und lassen sich die Zeilen des Dichters durch den Kopf gehen. Manchmal wird vielleicht etwas hängenbleiben vom Gelesenen, mitgenommen werden auf den Weg, sich im Kopf festsetzen wie ein Ohrwurm: 

Daß du bei mir magst weilen, / Wo doch mein Leben dunkel ist / Und draußen Sterne eilen / Und alles voll Gefunkel ist … Die erste Strophe des Gedichts Für Ninon, Hesses dritter Ehefrau und wichtigem Lebensmenschen in der zweiten Lebenshälfte.

Regen ist ein anderes Gedicht überschrieben, das Lebenseinsicht transportiert und mit Naturbetrachtung beginnt: Lauer Regen, Sommerregen / Rauscht von Büschen, rauscht von Bäumen. / O wie gut und voller Segen, / Einmal wieder satt zu träumen!

Und Hesses Aphorismen können durchaus Anlass zu intensiver Selbsterforschung sein: Nichts auf der Welt ist dem Menschen mehr zuwider, als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt!

Hermann Hesse war oft in Ulm zu Besuch. Vielleicht hat ihn auch einmal ein Spaziergang nach Neu-Ulm geführt. Er hatte auf jeden Fall Verbindungen in die Stadt. Sein „japanischer Vetter“, der Japanologe Wilhelm Gundert (1880 – 1971), verbrachte die letzten 15 Lebensjahre in der Neu-Ulmer Schießhausallee. Zwischen Hermann und Wilhelm gab es einen regen Briefwechsel. Das Ehepaar Gundert war zu Besuch bei Hesses im Tessiner Montagnola und Ninon war nach dem Tod ihres Mannes zu Gast in Neu-Ulm. Brieflichen Kontakt hatte Hermann Hesse auch zu der zweiten Tochter Eduard Mörikes. Fanny war mit dem Uhrmacher Georg Hildebrand verheiratet; das Paar wohnte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Neu-Ulmer Blumenstraße.

Es ist eine großartige Idee, eine Parkbank einer Dichterin, einem Dichter zu widmen. In Neu-Ulm muss es ja nicht bei dieser einen bleiben. Ein Weg der Poesie durch das Glacis ist eine schöne Vorstellung.

(*) Die zitierten Verse sind aus dem Gedicht Voll Blüten

o o o

Hesse, Hermann: Ausgewählte Werke. Sechster Band. – Frankfurt am Main, 1994

Haag, Jan; Köhler, Bernd Michael: Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt. – Ulm, 2018

Über die Freuden literaturhistorischen Forschens

Am Beispiel von Hermann Hesses Beziehung zur schwäbischen Donaustadt Ulm

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler (*)

Die einzigartigen, i.d.R. männlichen Figuren, die Hermann Hesse (1877 – 1962) in seinen Prosawerken erschuf, vermitteln dem Leser, der Leserin in exemplarischen Entwicklungsgeschichten Wesentliches über die menschliche Existenz und das menschliche Miteinander: der unglückliche Schüler Hans Giebenrath in Unterm Rad, der von Ängsten und Schuldgefühlen geplagte Elfjährige in Kinderseele, der vagabundierende Außenseiter Knulp, der Maler Klingsor in seinem letzten Sommer, der junge Emil Sinclair auf der Suche nach sich selbst im Dialog mit Demian, der den Sinn des Lebens suchende Siddhartha, der Steppenwolf Harry Haller, das polare Menschenpaar Narziß und Goldmund, die geheimnisvollen Morgenlandfahrer, schließlich der Magister Ludi Josef Knecht im Glasperlenspiel. Über diese und weitere vom Dichter modellhaft kreierte Figuren und deren Agieren und Interagieren in der Welt erfährt man nicht nur viel über die Kunst des Geschichtenerzählens. Man bekommt darüber hinaus Einblick in die ewigen Kreisläufe von Gelingen und Scheitern, von Voranschreiten und Zurückweichen, sowie die zahllosen Abstufungen zwischen diesen Gegensätzen.

Illustrierte Liebhaberausgabe der Büchergilde Gutenberg. – Foto: Bernd Michael Köhler

Am Beispiel Hermann Hesses möchte ich zeigen, wie reizvoll es sein kann, sich intensiv mit bisher weniger oder gar unbeachteten Aspekten aus Leben und Werk einer bekannten Schriftstellerpersönlichkeit zu befassen. Es zeigt, wie sich die Einschätzung des Literaten aus Montagnola, der in der akademischen Welt längst nicht die Aufmerksamkeit findet wie z.B. ein Thomas Mann, dadurch verändern und weiterentwickeln kann. Nämlich dann, wenn Fragestellungen untersucht werden, die unter Zuhilfenahme der bekannten Primär- und Sekundärliteratur bisher nicht zu beantworten waren. Aus der rein rezipierenden Haltung entwickelt sich ein neugieriger, fragender Blick, dem schließlich die forschende Tätigkeit folgt. 

Vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit Hermann Hesse rückte bereits vor einiger Zeit Hesses Lesung im Ulm des Jahres 1925 in den Fokus (eine zweite Ulmer Lesung folgte 1929). Sie spielt in der autobiographischen Erzählung Die Nürnberger Reise (1927 erschienen) eine nicht unbedeutende Rolle. Bereits während meiner aktiven Zeit als Bibliothekar in der Ulmer Universitätsbibliothek hatte ich einiges Material zu dieser Lesung und den beteiligten Personen zusammengetragen. In intensiven Gesprächen und Diskussionen mit meinem Berufskollegen und Co-Autor Jan Haag, Betreiber des Literaturblogs con=libri, zeichnete sich schließlich ein Projekt ab, das in die Publikation eines Buches über Hermann Hesse und seine besondere Beziehung zu Ulm mündete.

Unser primäres Interesse galt zunächst der Identifizierung des in der Nürnberger Reise ohne Namensnennung erwähnten wichtigsten Ulmer Freundes von Hermann Hesse. So lernten wir Eugen Zeller (1871 – 1953) kennen, von dem bald ersichtlich wurde, dass es sich bei ihm um eine bedeutende Ulmer Persönlichkeit gehandelt hatte. Das kleine private Projekt weitete sich schließlich zu einer umfassenden Forschungsarbeit aus, bei der wir nicht zuletzt von unserem bibliothekarischen Know-how profitieren konnten. 

Die systematische Recherche nach einschlägigen Quellen zum Thema Hermann Hesse und Ulm brachte erstaunliche Ergebnisse hervor, die in der Gesamtbewertung schließlich Hesses besondere Bindung an das alte Ulm und seine Ulmer Freunde belegten.

Im langwierigen Prozess der Ermittlung und Beschaffung auch bisher in der Hesse-Forschung nicht bekannter Quellen hoben wir Aspekte einer weit zurückliegenden Zeit Schritt für Schritt in die Gegenwart. Eugen Zeller, anfangs nur ein Name mit knappsten biographischen Angaben, nahm mit jedem neu aufgefundenen Dokument immer mehr Gestalt an, weitere Freunde und Bekannte aus Hesses Ulmer Beziehungsgeflecht konnten identifiziert und ihr persönliches Verhältnis zum Dichter beschrieben werden. Sein Ulmer Gastgeber Eugen Link (1883 – 1973), die schwäbische Dichterin Maria Müller-Gögler, die Journalistin und Autorin Johanne von Gemmingen, Prof. Wilhelm Häcker in Blaubeuren nahe Ulm und einige andere mehr. 

Immer wieder gab es spannende Momente, wenn etwa beim Lesen eines neu entdeckten Zeitzeugenberichtes der Dichter und seine Freunde im Ulm der Vorkriegszeit vor dem inneren Auge Gestalt annahmen, wie bei Eugen Zellers Willkommensartikel in der Donauwacht anlässlich der Lesung am 3. November 1925 mit einem ausführlichen Rückblick auf den ersten gemeinsam in Ulm verbrachten Tag im April 1904.

2018 im Verlag Klemm+Oelschläger erschienen. – Foto: Bernd Michael Köhler

Nach Beendigung dieser literaturhistorischen Arbeit, nach Fertigstellung eines Werkes oder Werkteiles, nach intensiver Beschäftigung mit Vergangenem aus der Welt der Literatur, meldet sich gerne ein Bedürfnis nach dem Hier und Jetzt. Im Falle Hermann Hesses nach dessen Erscheinungsformen in der Gegenwart.

Im Februar 2020 kam die Verfilmung von Narziß und Goldmund durch den Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky in die Kinos. Der erste Lockdown der Corona-Pandemie bescherte dem Freundespaar Narziß und Goldmund nur eine kurze Laufzeit auf der Leinwand. Immerhin ist der zweistündige Film inzwischen als DVD und Blue-ray-Disc zu bekommen. 

Im Oktober 2020 ist der Band 6 der auf 10 Bände angelegten und von Volker Michels herausgegebenen großen Werkausgabe Die Briefe unter dem Titel „Große Zeiten hinterlassen große Schutthaufen“ erschienen. Über 500 Briefdokumente aus den Jahren 1940 – 1946, davon die meisten bisher unveröffentlicht, laden ein, den Dichter und sein Denken und Handeln vor allem während der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges und der Diktatur des NS-Regimes noch einmal neu kennenzulernen. Beginnend mit der Durchsicht und Überprüfung der Register des neuen Bandes. Was ist zu finden über Ulm, Neu-Ulm, Eugen Zeller, Eugen Link und Co.?

„Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden“, wie Hermann Hesse es in seinem wohl bekanntesten Gedicht zum Ausdruck bringt und wie es auch für die Freude am Suchen und Forschen gelten kann.        

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In der Folge für alle Interessierten eine Auflistung der verwendeten Schrifttumsarten und Recherchegattungen, sowie weiterer Hinweise.

  • Lokal- und Regionalliteratur 
  • Primär- und Sekundärliteratur zu Hesse (selbstständige und unselbstständige Literatur)
  • Archivalien
  • Bibliothekskataloge
  • Einsichtnahme von zum Thema passenden Systemstellen in Bibliotheken
  • Metakataloge  
  • Bibliotheksportale (KatalogPlus)
  • Landesbibliographien
  • Nationalbibliographien (i.d.R. die Kataloge der Nationalbibliotheken)
  • Fachbibliographien
  • Fachdatenbanken
  • Findbücher
  • Volltextdatenbanken urheberrechtsfreier Medienformen
    Beispiel: In den Digitalen Sammlungen der SLUB Dresden konnten erstmals Nachweise von bisher unbekannten Zeitungsartikeln rund um das Erscheinen von Hesses Erzählung Narziß und Goldmund im Jahre 1930 gefunden werden sowie weitere neue Quellen. Auch die Artikelkopie einer Rezension von Narziß und Goldmund ohne Quellenangabe konnte über die Dresdner Datenbank verifiziert sowie der in der Fachliteratur vermerkte Erscheinungsmonat Juli auf Anfang April korrigiert werden. 
  • Volltextdatenbanken Periodika
    Beispiel: Erstmaliger Nachweis von Lesungen in Prag 1905 und Wien 1912 über ANNO (AustriaN Newspapers Online)

3 Zeitungsartikel zu Hesses vermuteter Lesung am 12.11.1905 in Prag erstmals nachgewiesen. Hier: Prager Tagblatt vom 12.11.1905, S. 33.

  • Zentrale Nachweisportale (Zeitschriftendatenbank, Elektronische Zeitschriftenbibliothek, Datenbank-Infosystem)
  • Internetquellen
  • Suchmaschinen
    Beispiel: über Google erstmaliger Nachweis des Berichtes einer Zeitzeugin über eine Lesung Hermann Hesses während des zweiwöchigen Sommerkurses der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit im Schweizerischen Lugano am 21. August 1922. Der Dichter trug die zwei letzten Kapitel aus der zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichten indischen Dichtung Siddhartha vor sowie den Prosatext Bäume aus dem bebilderten Skizzenbuch Wanderung.                
  • Auswertung bisher unbekannter Quellen
  • Literaturverzeichnisse von Büchern, Aufsätzen u.a. 
  • Fußnoten 
  • Verwendung von Suchtechniken (Boolesche Operatoren u.a.)
  • Verwendung von Expertensuche, Advanced Search u.ä. 
  • Faktencheck
  • Beobachtung von Rezensionen (Perlentaucher u.ä.)
  • Themenzentrierte Aufmerksamkeit für Massenmedien
  • Literaturermittlung in vor-digitaler Zeit

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Haag, Jan; Köhler, Bernd Michael: Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt. Klemm + Oelschläger 2018

Limberg, Michael (Hrsg.): Autorenabende mit Hermann Hesse. Eine Dokumentation. Books on Demand 2016

Limberg, Michael: Hermann-Hesse-Literatur Jg. 1/2.1994/95 ff. Online-Ausgabe: Jahresverzeichnis der Hermann-Hesse-Literatur Jg. 1.1994 ff. http://hesse.projects.gss.ucsb.edu/publications/limberg.html

 

(*) Bernd Michael Köhler ist Bibliothekar, Buch- und Literaturliebhaber. Aufgewachsen am Fuße des Westerwaldes ist er seit einigen Jahrzehnten in der Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm beheimatet. Lebensbegleitend beschäftigt er sich mit Hermann Hesse, schreibt und fotografiert gerne.

Zum 7. Mal: Literaturwoche in Ulm und Neu-Ulm

Vom 25. April bis zum 5. Mai dauert die Literaturwoche Donau 2019. 

Der Verein Literatursalon Donau e. V. und seine Partner Museumsgesellschaft Ulm, vh ulm, Buchhandlung Aegis und Stadtbibliothek Ulm, sowie zahlreiche Unterstützer, laden ein zu 16 Veranstaltungen mit Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit gedruckten und fein gestalteten Büchern, die fast alle in kleineren, unabhängigen Verlagen erschienen sind. Den Initiatoren und Programmverantwortlichen Florian L. Arnold und Rasmus Schöll ist es einmal mehr gelungen ein farbiges, abwechslungsreiches und anregendes Programm auf die Beine zu stellen. Es gibt Literatur in allen Spielarten: Romane, Erzählungen, Lyrisches und Essays. Unterhaltsames, Überraschendes und Gewagtes, das den Geist frisch hält, mit Formaten spielt und die Grenzen der Sprachkunst auslotet.

Ein gedrucktes Programm gibt es u. a. in der Buchhandlung Aegis und der Stadtbibliothek Ulm.

Im Netz sind umfassende Infos hier zu finden:

Literaturwoche Donau 2019

Literaturwoche Donau 2018

Der kleine Rückblick. Knapp und persönlich.

Es kann gut tun, wenn man intellektuell gefordert, ja überfordert wird. Es wird viel zu oft viel zu wenig verlangt. Der deutsch-schweizer Philosoph und Schriftsteller Jonas Lüscher wies darauf hin. Und sein Roman Kraft, den er in der Ulmer Stadtbibliothek vorstellte, ist genau so ein Werk, dessen voller Genuss sich entfaltet wenn man ihn mit einem kleinen Rucksack an Voraussetzungen angeht. Die Geschichte vom Tübinger Rhetorikprofessor (sic!), der nach Kalifornien reist um dort in mehrfacher Hinsicht zunächst heftig ins Schlingern zu geraten um schließlich zu kentern.

Was für ein wunderbarer Ort diese Stadtbibliothek. Als Büchersammlung, als Treffpunkt, als Veranstaltungsort, als markanter Mittelpunkt inmitten historischer Umgebung, eine Glaspyramide, transparent und einladend. Drinnen Bücher, Bücher, Bücher, Leseplätze und W-LAN, draußen Passanten, Cafés, Restaurants, reges Stadtleben.

Die Literaturwoche Donau 2018 ist punktgenau im Hochfrühling gelandet. Es wärmt, grünt und blütenstaubt. Im Bus sitzt schräg gegenüber einer der keinen Bart hat. Dafür hält er in der einen Hand eine Doppel-LP aus Vinyl und in der anderen einen Viererpack Drumsticks.

Angesichts der explodierenden Natur kommen mir die Pflaumen- und Kirschbäume in den Büchern von Iris Wolff in den Sinn. Nicht nur sie lobte das besondere Ambiente und die einmalige Atmosphäre des Ulmer Veranstaltungsreigens. Sie habe sich sehr wohl gefühlt, ließ sie wissen, im nostalgisch trendigen Casino, das bis auf den letzten Vintage-Sessel besetzt war. Ihr gefiel, dass sie ihren Verleger Arno Kleibel vom Salzburger Otto Müller Verlag an ihrer Seite hatte.

Nicht zuletzt weil er ihr erlaubt hatte ihren aktuellen Roman in vier Erzählungen nach einer rumänischen Redensart So tun, als ob es regnet betiteln zu dürfen. Man muss wissen, dass Verleger und Lektoren (angeblich verkaufshemmende) Kommata in Buchtiteln überhaupt nicht schätzen. Ein Abend, der wie so manch anderer, vom gut vorbereiteten Florian L. Arnold moderiert wurde, der als Mitorganisator genügend Ausdauer für diese lange Woche hatte und für jede unvorhersehbare Gesprächswendung ein rhetorisches Werkzeug.

Als der ohne Bart aussteigt kann ich das Plattencover erkennen: Bryan Adams. Dabei hatte ich auf Jazz getippt. Es sind diese ganz eigenen, charaktervollen Lokalitäten die ein Gutteil des Reizes der Literaturwoche ausmachen: Die Räume der Ulmer Museumsgesellschaft, das ehemalige Sparkassen-Casino, das Museum Villa Rot in Burgrieden (Abstecher nach abseits der Donau), das Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm, die Putte ebendort.

Die Putte ist eine ehemalige Schreibwarenhandlung. Hier habe ich als bayerischer Volksschüler Hefte, Stifte und Bucheinbände erstanden. Jetzt haben sich Künstler in die freigeräumten und weiß gestrichenen Räume eingemietet, zeigen ihre Werke und laden zu kleinen, intimen Runden. Wie jene mit den schreibenden Vonhiers Sybille Schleicher, Florian L. Arnold und Silke Knäpper. Sie stellten jeweils eines ihrer Lieblingsbücher den anderen beiden, sowie den versammelten Neugierigen vor. Sie ließen wissen, wie schwer die Auswahl gefallen war. Arnold hatte Sebalds Austerlitz dabei, Schleicher Transit von Anna Seghers, aktuell weil gerade eine Petzold-Verfilmung des Stoffes angelaufen ist. Beide Bücher kannte ich bereits.

Neu war für mich Meine Freunde des Franzosen Emmanuel Bove. Silke Knäpper hatte es mitgebracht. In den 1920er-Jahren mäandert Bâton durch Paris. Er ist Kriegsinvalide. Die Rente reicht zum Nötigsten. Anders als Knut Hamsuns alter ego einige Jahrzehnte früher leidet er keinen Hunger. Ihn quält die Einsamkeit. Von einer Suche nach Anschluss, Freundschaft, Liebe handelt dieses Buch. In klarer präziser Sprache, ein Stil frisch wie von neulich, ebenso gut wie unverkennbar übersetzt von Peter Handke. Wahrhaftig, ich habe kein Glück. Kein Mensch interessiert sich für mich… Ich war traurig und wütend. Die Vorstellung, mein ganzes Leben würde in Einsamkeit und Armut ablaufen, verstärkte meine Hoffnungslosigkeit.

An zehn Tagen Literaturwoche gab es eigentlich nur Höhepunkte. Doch wenn es nur Höhepunkte gibt, entstehen keine Gipfel, sondern lediglich eine ausgedehnte Hochfläche. Braucht eine Veranstaltung wie die Literaturwoche deshalb mehr Auf und Ab, Gut und Besser, Mehr und Weniger? Am Ende ist es so, dass das dichte Angebot es jeder und jedem ermöglicht persönliche Favoriten zu finden. Was kann es Schöneres geben als Vielfalt mit Qualität und Niveau? Dass nicht alle Ulmer, Neu-Ulmer das bemerkt haben … Geschenkt.

Wie man seine Stadt mit anderen Augen sieht, wenn man eine Veranstaltung der Literaturwoche Donau verlässt! Warum waren denn alle die jetzt dort draußen sind nicht ebenfalls dabei, sondern haben sich mit Zimteis, Cappuccino, Weizenbier und Donauufer zufrieden gegeben?

Begeistert vom Flair des Donauufers und der Altstadt waren, soweit sie Zeit dafür fanden, die Aussteller der erstmals veranstalteten kleinen Buchmesse, die unter dem Label Konturen stattfand und zu der fast 20 Verlage gekommen waren. Viele davon arbeiten nach einem Motto das dem großen Verleger der Weimarer Republik, Kurt Wolff, zugeschrieben wird, nachdem man zwar von der Verlegerei nicht leben, gleichwohl gut damit leben könne. Das angebotene Spektrum dieser unabhängigen Buchmacher reichte von der Beatlyrik über wiederentdeckte Romane, literarische Texte auf CDs gepresst, die wie Singlescheiben längst vergangener Populärmusik-Zeiten aussehen, bis zu Buchrollen und Kinderbüchern.

Am Samstag war die Verkaufsausstellung etwas außerhalb zu Gast, in der Villa Rot im idyllisch gelegenen Burgrieden. Am Sonntag dann in den Räumen der Museumsgesellschaft in Ulms stark frequentierter Mitte. Weit Gereiste waren dabei, wie Jürgen Schütz und sein Wiener Septime Verlag, spannende Spezialisten wie Moloko Print oder Ralf Zühlkes Stadtlichter Presse, Verlage aus der Region wie Thomas Zehenders danube books, Etablierte wie der Peter Hammer Verlag. Einfache Tische, reichlich Büchervorräte, gedruckte Verlagsprogramme und -vorschauen, interessiertes Publikum und auskunftsfreudige Verleger garantierten den Erfolg dieses Formats, das auf jeden Fall wiederholt werden soll.

Lesen ist Entspannung, Bereicherung, Vergnügen und gelegentlich Mühsal. Wer Erholung von mitunter vielleicht etwas zu voraussetzungssatter Lektüre sucht, der greife zu den Büchern von Martin Ebbertz. Humor mit Geist, Witz mit Geschmack bieten Werke wie Feuer in der Eiswürfelfabrik, 66 Kürzestgeschichten über kleine Katastrophen und alltägliche Beobachtungen von Dingen wie sie überall und jederzeit passieren können oder eben auch nicht, weil sie der Phantasie des Schriftstellers entspringen. Erschienen im Axel Dielmann-Verlag.

In einer Eiswürfelfabrik brach ein furchtbares Feuer aus. Die Feuerwehr kam mit vielen Wagen. Die Feuerwehrmänner schoben die Leitern vor und rollten die Schläuche aus. Mit starken Wasserstrahlen spritzten sie in die Fabrik… Die Arbeiter trugen Eiswürfel aus der brennenden Fabrik, soviel sie konnten. Sie schwitzten viel und bekamen schwarze Gesichter. Am Abend war der Brand gelöscht… Zur Belohnung durften die Arbeiter sich jede Menge Eiswürfel mit nach Hause nehmen. Daraus kochten sie sich dann Tee oder Kaffee.

Ebbertz hat neben zahlreichen Büchern für sogenannte Erwachsene auch für Kinder geschrieben. Als Beispiel sei hier nur noch Der kleine Herr Jaromir genannt, der, so schrieb DIE ZEIT, aus einem anderen Land stammt, einem wo Kinder und Dichter gemeinsame Sachen machen.

Die Literaturwoche Donau bot zehn Tage Gelegenheit sich gemein zu machen. Mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern, mit Verlegern und Verlegerinnen, mit Literatur in seiner schillernden Vielfalt. Vor allem aber mit all den tollen Menschen, die teilen, was man selbst liebt.

Georgische Momente

Über Begegnungen mit Nino Haratischwili und Zurab Karumidze.

Georgischer Wein ist hierzulande schwer zu bekommen. Haben wir nicht im Angebot, teilt der lokale Handel auf Nachfrage mit. Natürlich wird man schließlich im Internet fündig. Ein Saperavi, Kindzmarauli und ein Tsinandali werden angeboten. Der Weißwein „Goruli Mtsvane“ vom georgischen Spitzenweingut Château Mukhrani wird aus der autochthonen georgischen Rebsorte Goruli erzeugt, die Trauben werden ausschließlich per Hand gelesen. Das erfahre ich auf der Seite des Bremer Weinkolleg. Hanseaten hatten schon immer ein Händchen für Weinimporte.

Wein fließt reichlich in die Kehlen der Protagonisten von Nino Haratischwilis großem georgischen Generationenroman Das achte Leben (für Brilka). Fast genauso häufig erfahren wir darin vom Genuss feiner Trinkschokolade deren Zubereitung und Verzehr zelebriert wird. Rezepturen der Vorfahren werden in den Familien vererbt und gehütet wie Goldschmuck.

Die Schokolade war zäh und dickflüssig, schwarz wie die Nacht vor einem schweren Gewitter, und wurde in kleinen Portionen, heiß, aber nicht zu heiß, in kleinen Tassen und – im Idealfall – mit Silberlöffeln verzehrt. Für dieses Jahrhundert-Buch und ihre Theaterstücke wurde die Schriftstellerin in Augsburg mit dem Bertolt-Brecht-Preis ausgezeichnet.

Der Frühsommer hatte sich in den April verirrt. Ein warmer weicher Nachmittag und Abend am Tag der Preisverleihung im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses. Hier die vergangene Pracht der einst reichen Fuggerstadt, draußen junges Leben und Treiben, Sonne und aufkeimende Frühlingssäfte riefen auf die Plätze und in die Gassen. Cafès und Biertische waren dicht besetzt, luftige Kleider, kurze Hosen, bare Füße allerorten. Gesprächsfetzen, Lachen und Rufen in der Luft. Brecht-Erbe Wecker im Sinn. Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und die Luft nach Erde schmeckt, ist´s egal, ob man gescheit ist, wichtig ist, daß man bereit ist und sein Fleisch nicht mehr versteckt … Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und der Himmel ein Opal, weiß ich, dass das meine Zeit ist …

Nino Haratischwili ist jetzt Mitte dreißig. Natürlich die jüngste Preisträgerin. Drei Romane und zahlreiche Theaterstücke sind von ihr bereits erschienen und aufgeführt worden. Aus Neigung zu dieser Sprache hat sie in der Schule früh Deutsch gelernt und bereits sehr jung begonnen in deutscher Sprache zu schreiben. Brechts Kaukasischer Kreidekreis war eines der ersten Theaterstücke die sie in Tiflis sah, sie beeindruckt und geprägt hat. 1998 gründete sie eine deutsch-georgische Theatergruppe, schrieb, inszenierte und spielte vier erste Stücke auf Deutsch. In Tiflis studierte sie Filmregie, in Hamburg Theaterregie, hier lebt sie inzwischen mit ihrer Familie. Schon 2008 erhielt ihr Drama Liv Stein einen Autorenpreis auf dem Heidelberger Stückemarkt.

Foto: Birgit Böllinger

In seiner Begrüßung der Preisträgerin wies Kultur-Bürgermeister Kiefer auf Brechts durch eine alte Legende angeregte Kalendergeschichte vom Augsburger Kreidekreis hin, eine Vorarbeit zum späteren Theaterstück Der Kaukasische Kreidekreis. In der Begründung für die Preisverleihung heißt es: Nino Haratischwilis Romane und Theaterstücke lassen sich mit den großen Exildramen Bertolt Brechts in Verbindung bringen. Und FAZ-Ressortchef Andreas Platthaus fand für seine Laudatio die Formel: Wenn Bertolt Brecht das epische Theater erfunden hat, dann Nino Haratischwili die theatralische Epik.

Im Herbst ist Georgien Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. Es besteht kein Zweifel, dass bei dieser Gelegenheit georgischer Wein an einschlägigen Messeständen zum Ausschank kommen wird. Viel wichtiger jedoch ist mir, dass zu diesem Zeitpunkt der neue Roman einer großen europäischen, aus Georgien stammenden Schriftstellerin erscheint. Wenn ich in Augsburg richtig hingehört habe, wird er den Titel Die Katze und der General tragen.

Der sommerliche Frühling in Ulm steht jenem in Augsburg in nichts nach. Hier wie dort atmet die Stadt auf und findet sich allerorten leichtlebiges Treiben und Sehnen. Zudem ist Literaturwoche an der Donau. Im Künstlerhaus bestand Gelegenheit zur Begegnung mit dem georgischen Autor Zurab Karumidze und seinem Übersetzer und Verleger Stefan Weidle. Die beiden hatten den Roman Dagny oder ein Fest der Liebe mitgebracht.

Kurz kam die Frage auf, ob Weidle wohl der georgischen Sprache mächtig sei. Dem ist nicht so. Karumidze hat das Buch in englischer Sprache verfasst. Neben der Muttersprache und Russisch seine dritte Sprache, wie er es formulierte. Karumidze lebt in Tiflis, doch sein Roman ist kein ausgesprochen georgisches Buch, Thema und Personal sind europäisch, die Abläufe universell.

Zarub Karumidze und Stefan Weidle (rechts)

Die Norwegerin Dagny Juel war ein Modell Edvard Munchs, etwa für seine bekannte Madonna. Strindberg verliebte sich in sie und reagierte bösartig als er auf Ablehnung stieß. Sie heiratete den polnischen Schriftsteller Stanislaw Przybyszewski und war mit ihm in Berliner Künstlerkreisen unterwegs. Przybyszewski verkaufte die Muse an seinen Bewunderer Wladyslaw Emeryk. So kam sie nach Tiflis.

Dagny Juel hat selbst Gedichte und kurze Dramen (in norwegischer Sprache) geschrieben, die Karumidze in seinem Buch immer wieder in englischer Version zitiert. Verleger Weidle möchte diese Werke demnächst als eigenen Band herausgeben. Am 4. Juni 1901 wurde Dagny von einem nicht erhörten Liebhaber in Tiflis erschossen und dort an ihrem 34. Geburtstag beerdigt. Als Aristokratin von Geburt und Charakter war Dagny Juel wie ein frischer Wind für die Männer, die atemlos nach ihrer Position in Kunst und Leben suchten.

Die in Ulm gelesenen Ausschnitte stellten ein herausforderndes Buch vor, eine tiefgründige Geschichte, frivol, erotisch, ebenso offen in der Sprache wie verschlüsselt in seinen Anspielungen. Die Hauptfigur ein Spielball männlicher Launen, Lüste, voll pornophonischem Lebensekel. Ein postmoderner Roman sei das, wurde als Kategorie bemüht. Der Begriff metamodern wurde erprobt. Doch wozu Klischees? Jedes literarische Werk steht letztlich für sich.

Weidle verwies auf die breite und tiefe literarische Vorbildung des Verfassers und dessen zahlreiche Reminiszenzen an die Weltliteratur, die sich nur mit entsprechender Leseerfahrung erschließen. In diesem Zusammenhang forderte er dazu auf nicht nur aktuelle Bücher zu lesen, sondern immer wieder zu den Klassikern, den alten und den modernen zu greifen. Ein berechtigtes Ansinnen. Sein persönlicher Hausgott, ließ er noch wissen, ist Heimito von Doderer.

Zwischendurch sangen Autor und Verleger Norwegian Wood im Männerduett. Warum wurde nicht so recht klar, kam aber gut an. Der volle Bass Karumidzes ist so beeindruckend, dass der Wunsch geäußert wurde, er möge mit seiner Stimme noch etwas auf Georgisch vortragen. Er wählte eine Passage aus dem über 850 Jahre alten georgischen Nationalepos Vepkhis t’q’aosani (zu deutsch: Der Recke im Tigerfell) des Dichters Rustaveli. Ein wohltönender Vortrag.

Georgien ist die ursprüngliche Heimat des Weines und des kultivierten Weinbaus, behaupten Fachleute. Archäologen haben im Land Weinrebsamen entdeckt, die 5.000 Jahre alt sind. Sie können in Tbilissi im Museum des Weininstitutes bewundert werden.

Nino Haratischwilis Achtes Leben (für Brilka) habe ich kurz nach Erscheinen gelesen. Verschlungen, genossen und bewundert. Ob ich über kurz oder länger zu Dagny oder ein Fest der Liebe greifen werde, ist nicht absehbar. Allerdings kann kaum etwas anderes einen selbst so überraschen wie Wendungen und Launen der Leselust. Und irgendwann wird vielleicht ein Glas das beim Lesen vor mir steht mit georgischem Wein gefüllt sein.

An der Donau ist Literaturwoche!

Zehn Tage Leidenschaft für Literatur, besondere Bücher aus unabhängigen Verlagen, ergänzt um feine musikalische Anreicherungen. Vom 20. bis zum 29. April dauert die diesjährige Literaturwoche Donau. Der Verein Literatursalon Donau e. V. und zahlreiche Partner und Unterstützer laden ein.

Freunde schöner Poesie und Poetik, großer Erzählungen und überraschender Texte sollten vorschlafen und sich die Abende und Wochenenden freihalten für das ambitionierte und breit gefächerte Programm. 

Am Freitag 20. April findet bei freiem Eintritt die Eröffnungsveranstaltung im Haus der Museumsgesellschaft Ulm in der Neuen Straße statt. Mit Hernan Ronsino ist gleich eine der wichtigsten Stimmen der argentinischen Literatur zu Gast. Er hat den Übersetzer Luis Ruby und seinen deutschen Verleger Ricco Bilger mitgebracht. Für die musikalischen Akzente des Abends sorgt das Silber Quartett.

Zwei markante Veranstaltungsorte im Rahmen der Literaturwoche Donau 2018: Ulmer Münster und das Haus der Museumsgesellschaft

Was bieten die folgenden Tage?

Um nur einige Höhepunkte zu nennen: Jonas Lüscher stellt seinen Roman über das Streben und Scheitern des Rhetorikprofessors Kraft vor. Iris Wolff liest aus dem vielbesprochenen und hochgelobten, aus vier zusammenhängenden Erzählungen bestehenden Roman So tun als ob es regnet (bei dem Titel handelt es sich um eine rumänische Redensart). Bei Anna Baars Als ob sie träumend gingen begegnen wir einer kroatisch-österreichischen Autorin, die ebenso sprachmächtig wie anrührend von Liebe in Zeiten des Krieges erzählt. Der Schweizer Thomas Meyer besticht mit feinem Humor und Hintersinn. Sein aktuelles Buch Trennt euch! ist konsequenterweise eine überraschende Liebeserklärung an die Beziehung zwischen zwei Menschen.

Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein behauptet Thomas Kapielski. Um das zu überprüfen wird am Schlusssontag zu einer Frühschoppenlesung ins Ulmer Künstlerhaus geladen. Es empfiehlt sich jedoch Zurückhaltung beim Genuss geistiger Getränke, denn am Abend kann man zusammen mit Sudabeh Mohafez den Münsterturm besteigen. In schwindelnder Höhe wird sie ihren Stadtschreibertext vorstellen, der für diese Literaturwoche entstanden ist.

Künstlerhaus und Münsterturm sind nur zwei der wunderbaren Lokalitäten die Florian Arnold und Rasmus Schöll, die beiden Hauptmacher der Veranstaltungsreihe, dem Publikum erschließen konnten. Gespannt sein darf man nicht zuletzt auf die Botschaft internationale Stadt im Herzen Ulms auf dem Hans-und-Sophie-Scholl-Platz. Im bayerischen Nachbarn Neu-Ulm geht es zum Wiley-Kiosk, ins frisch renovierte Edwin-Scharff-Museum und das beliebte Café d’Art.

Im Rahmen der diesjährigen Literaturwoche Donau findet schließlich und zum guten Schluss noch die Erste Ulmer Buchmesse der unabhängigen Verlage statt. Am Sonntag, 29. April im renommierten Museum Villa Rot in Burgrieden (der Ort liegt etwa 20 Kilometer südlich der Donau-Doppelstadt) und bereits einen Tag zuvor, dem Samstag, in den Räumen der Museumsgesellschaft Ulm. 19 Verlage aus ganz Deutschland – aus Ulm sind danubebooks und Topalian & Milani vertreten – präsentieren ein breites Spektrum schöner Bücher, exquisiter Gestaltung und hochwertiger Literatur. Der Eintritt ist frei.

In den Städten Ulm und Neu-Ulm hängen bereits flächendeckend die von Joachim Brandenburg großartig gestalteten Einladungs-Plakate aus. Hinsehen lohnt sich. Das vollständige Programm (das natürlich viel mehr bietet als die hier aufgeführten Appetithappen) mit genauen Angaben zu Orten, Zeiten und Preisen findet man überall dort wo Kultur stattfindet, ganz sicher aber in den beiden Stadtbibliotheken und der Buchhandlung Aegis.

Infos im Netz gibt es hier:

http://literatursalon.net/literaturwoche-donau-2018/

 

Kurz-Vorstellung: „Hofkind“ von Silke Knäpper

Bernd Michael Köhler hat das Buch gelesen. Hier sind seine Eindrücke.

Nach ihrem Debut “Im November blüht kein Raps “ (2012) liegt nun – wiederum bei Klöpfer & Meyer – ein neuer Roman der in Neu-Ulm lebenden Autorin Silke Knäpper vor.

In Rückblicken erzählt das „Hofkind“ Carla Gehrke, eine junge Frau in Freiburg, die Geschichte ihrer Herkunft und ihrer Befreiung aus einem inneres Wachstum und Eigensinn verhindernden Familiensystem.

Die einzelnen Charaktere mit ihren psychischen Abgründen, die Beziehungen der Familienmitglieder zueinander, die gegenseitigen Abhängigkeiten, das destruktive Verhalten der Protagonisten, die dramatischen Höhepunkte, all das schildert die Autorin in ihrer Ich-Erzählerin Carla psychologisch plausibel, in einer klaren, rhythmisch stringenten Sprache, formal gebändigt in 32 meist kurzen Kapiteln.

Unterstützt wird sie in dem Roman von den positiven Figuren der Freundin Jule und eines jungen Mannes namens Frieder. Beide haben ihre jeweiligen Familienschädigungen weitgehend überwunden. Carla erlebt an ihnen und mit ihnen, dass Individuation tatsächlich möglich ist.

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Foto: B. M. Köhler

Die von der Motivik her schon vielfach variierte Geschichte der Emanzipation einer jungen Frau von lebensfeindlichen Familienverstrickungen hat bei Silke Knäpper einen sehr eigenen Ton. Mit ihren überraschenden Wendungen und vielschichtigen Persönlichkeiten ist sie ausgesprochen spannend zu lesen. Leserinnen und Leser (ja, auch die immer seltener werdende Erscheinung „Roman-Leser“!) können Carla und ihren Weg zu einem eigenen Leben mit viel Anteilnahme und Sympathie begleiten.

Der in con=libri bei der Vorstellung ihres Debuts geäußerte Wunsch, dass die Autorin den Mut habe, beim nächsten Versuch noch etwas eigensinniger zu werden, ist bei diesem Roman in attraktiver und origineller Weise in Erfüllung gegangen. Mit einem starken, in eine gute Zukunft weisenden Schlusssatz lässt die Schriftstellerin ihre hoffentlich große Leserschaft satt und zufrieden zurück.

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Silke Knäpper: Hofkind. Roman. – Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2016. Euro 19,00

Vor ziemlich genau vier Jahren erschien Silke Knäppers erster Roman und wurde auf con=libri vorgestellt.

Bernd Michael Köhler lebt in Neu-Ulm und arbeitete viele Jahre als Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Ulm. Natürlich ist er ein passionierter Leser. Darüber hinaus fotografiert er und schreibt gelegentlich.

Literaturwoche Donau 2016

Persönliche Impressionen links und rechts des Stroms

LW DonauAlles ging nicht. Dazu war das Programm der „Literaturwoche Donau 2016“ zu prall, zu vielfältig, zu dicht. Es hieß auswählen, mit anderen Terminen und Interessen abstimmen – auch gelegentlich schweren Herzens verzichten. Was blieb, war mehr als genug. Begegnungen mit Autoren und Autorinnen, Künstlerinnen und Künstlern, Verlegern, und nicht zuletzt Musikern die lange in Erinnerung bleiben. Anregungen, Anstöße, Aufforderungen. Nachdenkliches, Bewegendes, Heiteres.

In love with Shakespeare. Seit 400 Jahren ist er bereits tot. Kopflos liegen seine sterblichen Überreste in kalter Gruft, wie wir aktuell erfahren mussten. Er ist einmal mehr im Gespräch, im Feuilleton breit vertreten und gut im Geschäft. Shakespeare: seine Zeit, Werk und Wirkung – auf 100 Seiten hat Stefana Sabin alles Wissenswerte über den Barden vom Avon zusammengefasst. (Sabin, Stefana: Shakespeare auf 100 Seiten. – Reclam, 2014)

Kenntnisreich und charmant – oft mit einem Lachen – erzählte die in Bukarest geborene Literaturwissenschaftlerin und Publizistin in der Buchhandlung Jastram vom englischen Dramatiker und Reimer. Von denen, die ihn verehrten, und jenen, die ihn weniger schätzten, wie Voltaire, Shaw, Wittgenstein oder Tolstoi. Sie berichtete von der Shakespeare-Bewunderung der Goethe-Zeit und von der langen Geschichte und Vielzahl der Übersetzungen. Wie der bekannten von Schlegel/Tieck im 19. Jahrhundert, oder der neuesten Komplett-Übertragung aller Dramen durch Frank Günther. Von den vielen, die anlässlich von Theater-Inszenierungen entstehen und nicht dokumentiert sind. Stefana Sabin selbst schätzt besonders Erich Frieds Versionen.

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Mit dem Publikum diskutierte sie über die Unklarheiten in der Biographie des Dichters. Und betonte, dass die dramatischen Dichtungen Shakespeares keine Hochkultur, sondern Massenunterhaltung waren, für alle gesellschaftlichen Schichten, im Original oft zotig, mit vielen satirischen Anspielungen auf die Obrigkeit.

“Der Text soll sprechen.” Am eindrucksvollsten spricht er durch sie selbst. Nora Gomringer muss man erleben. Bücher sind schön, CDs nicht schlecht, aber eigentlich geht nur in echt. Der Saal der Museumsgesellschaft war überfüllt als dieses Ereignis im Rahmen der diesjährigen Literaturwoche anstand. Und am Ende waren alle glücklich und zufrieden, bereichert und beifallsfreudig. Die Künstlerin nicht weniger, wie sie nach ihrem Auftritt wissen ließ.

Sie las u. a. aus ihren Büchern „Monster Poems“, „Morbus“ und „Ich bin doch nicht hier, um Sie zu amüsieren“. (Alle bei Volland & Quist erschienen, dem großen Verlag für die kleinen Formen.) Amüsiert hat sie ihr Publikum natürlich gerade zum Trotz. Doch nie ohne Hintersinn. Bei ernsten Themen gelingt es ihr den Zuhörern ein Lächeln zu entlocken. Im scheinbar heiteren Inhalt, lauert immer das Doppelbödige.

“Ich bin Dichter!” Darauf zu bestehen, dass dies eine durchaus zulässige Existenzform ist, diese Freiheit nimmt sich Nora Gomringer. Allen pietistisch geprägten, erwerbsfleißigen Ulmern, die zweifeln dass Kunst Arbeit sein kann, ruhig einmal deutlich gesagt. Und sie ist Dichterin. Poetin mit Leib, Seele und Stimme.

„Ich bin der Verlag“. Hinter den Backstein-Festungsmauern der Neu-Ulmer Venet-Haus Galerie erzählte Sebastian Guggolz die erstaunliche Geschichte seiner Verlags- und Verlegertätigkeit. Der Gewinn aus einer Quizshow im letzten Sommer hat ihm ermöglicht mit dem eigenen Unternehmen weiter zu machen. Er verlegt Autoren und Autorinnen, die nicht mehr leben und deren Werke ungerechtfertigt der Kurzatmigkeit des Buchgeschäfts zum Opfer gefallen sind. Neuauflagen bedeutender literarischer Werke, die längst aus dem Blickfeld möglicher Leser und den Lagern der Verlage und Großhändler verschwunden sind. Schwerpunkt sind dabei die kleineren Sprachen Nord- und Osteuropas.

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Vergessene Nobelpreisträger sind dabei, wie der finnische Literatur-Nobelpreisträger Frans Emil Sillanpää (1888 – 1964, Nobelpreis 1939) mit seinen Romanen „Frommes Elend“ und „Hiltu und Ragnar“. Bei seinem Besuch in Neu-Ulm hat Guggolz bereits die nächsten beiden skandinavischen Literaturnobelpreisträger angekündigt: Johannes Vilhelm Jensen (1944) aus Dänemark und Harry Edmund Martinsson (1974) aus Schweden. Wir sind gespannt, welche Werke Guggolz auswählt.

Aus der Region. Ein Dienstagabend im April. Die Literaturwoche Donau mit einem Verleger- und Autorenfest zu Gast im Neu-Ulmer Kultur-Café d’Art mit seiner umtriebigen, gastfreundlichen Wirtin Heidi Völzke. Moderatorin des Abends ist Wibke Richter, für kraftvolle musikalische Momente steht das Gitarren- und Gesangsduo Roadstring Army. Rappelvoller Saal. Beste Stimmung. Im Mittelpunkt drei regionale, unabhängige Verlage. Schnell wird klar, dass die mehr zu bieten haben als provinziellen Kleingeist. Hier sind Abenteurer am Werk, die ihre Ein- und Glücksfälle am liebsten zwischen Buchdeckeln und in hochwertigen Druckwerken verwirklicht sehen.

Bei Thomas Zehenders „danube books“ ist der Name Programm. Es geht die Donau entlang Richtung Osten. Eine überfällige Grenzüberschreitung, blicken die etablierten Kulturmacher doch meist leicht halsstarrig westwärts. „Skizzen aus Slawonien/Sketches of Slavonia“ mit Photographien von Damir Rajle und ergänzenden Texten in Deutsch, Englisch und Serbo-Kroatisch, setzt mit eindrucksvollen Aufnahmen aus besonderem Blickwinkel diese fruchtbare, im Osten des heutigen Kroatien gelegene Region, ins Bild.

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Übrigens: Wer sich für die Geschichte der donauschwäbischen Auswanderer interessiert, darf sich auf den Titel „Die zweite Heimat. Eine Familienchronik aus Südungarn“ freuen, der erstmal am 23. Juni im Donauschwäbischen Zentralmuseum präsentiert wird.

Der Verleger der  „edition dreiklein“ ist Martin Gehring. Zusammen mit der Illustratorin Marion Hartlieb hat er das Kinderbuch „Kiki – Alles fliegt“ gestaltet, das im Juni zeitgleich in einer deutschen und einer französischen Ausgabe erscheinen wird. Hartlieb hat zudem ihr Interesse an der österreichischen Kaiserin Elisabeth, die unter dem Namen „Sissi“ populär wurde, in eine liebevolle Adaption für Kinder umgesetzt. In „Die Sisi aus Possenhofen“ malt sie sich phantasievoll und in leichten Farben das Leben der kleinen Elisabeth aus.

Martin Gehring hat als Autor mehrere Bücher veröffentlicht, darunter den satirischen Hühner-Western „El Pollo – Entscheidung in der Sierra Chica“ (erschienen im Verlag Manuela Kinzel). Er liest eine Kurzgeschichte, in der es um den Rapp-Bier-Konvoi auf württembergischen Autobahnen und einen Nutztiertransport geht. Eine humorvoll überzeichnete Erzählung mit der er das Publikum zum Schmunzeln und Lachen zwingt.

Vom Ulmer Dichter Marco Kerler erschien 2015 der Lyrik-Band „Schreibgekritzel“ bei Kinzel. Seine nächste Veröffentlichung plant er derzeit mit der „edition dreiklein“. Mit der Formation „MarcoBeatz“ macht er RockPoetry, SpokenWord und Improvisation in der Region. Beim Verlegerfest stellte Marco Kerler Beispiele aus seinem Projekt „VolksLyrik“ vor. Spontane Poesie im Dialog mit dem Publikum. Einer von vielen Höhepunkte des Abends dann seine Sprechgesang-Performance zusammen mit den Gitarren von Roadstring-Army. Stimmung in Siedepunkt-Nähe.

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Florian L. Arnold und Rasmus Schöll sind die Hauptdrahtzieher der „Literaturwoche“. Und seit einiger Zeit auch Jungverleger. In dieser Funktion stehen sie Wibke Richter Rede und Antwort. Sehr zum Vergnügen von Jung und Nichtmehrganzjung im Saal, gerät dies zu einer äußerst pointiert-gewitzten Talkshow. Ihr Verlag heißt „Topalian und Milani“, dass dieses kühne Unternehmen bereit ist sich jeder verlegerischen Vernunft zu widersetzen, zeigt ein Werk, dass mit Multitalent Tommi Brehm realisiert wurde.

Der „Appendix Dick“ ist ein künstlerisch gestaltetes Verzeichnis aller Personen die in den Werken des amerikanischen Autors Philip K. Dick vorkommen. Fast 600 Seiten, limitierte Auflage 100 Stück, alle fein gebunden und signiert, die ersten 50 zudem handkoloriert. „Haptik. Optik. Schönheit“ sind die entscheidenden Kriterien für Bücher aus dem Hause Topalian und Milani. Ich freue mich ganz besonders auf den angekündigten Band mit zwei weniger bekannten Novellen von Stefan Zweig.

Viel Beifall zum Schluss für alle Beteiligten. Und wir Zuhörer und Zuschauer wurden nicht nur glänzend unterhalten. Wir haben auch gelernt. Regional hat nichts mit Begrenzung zu tun. Und, dass es unabhängigen Verlagen gelingen kann mit Mut und Offenheit den üblichen, nur scheinbar zwangsläufigen, Markt-Mechanismen erfolgreich zu trotzen.

Von der Lebenskunst. Der oberschwäbische Schriftsteller Werner Dürrson starb 2008. Sein einziges großes Prosawerk, der Roman „Lohmann oder die Kunst, sich das Leben zu nehmen. Eine romaneske Biographie“ (bei Klöpfer & Meyer erschienen und jederzeit lieferbar) droht in Vergessenheit zu geraten. Der in Ulm und Umgebung bestens bekannte und geschätzte Walter Frei brachte mit seiner Lesung diesen literarischen Schatz wieder in Erinnerung.

Er las Abschnitte, die zeigten, welch frischen Humor dieses autobiographisch gefärbte Werk, neben allen ernsthaften Passagen, zu bieten hat. Schließlich ist bereits der Titel unbedingt doppelt zu deuten. Nicht nur im naheliegenden suizidalen Sinne. Sondern vor allem als Aufforderung, nach Freuden und Chancen, nach den Möglichkeiten eines gelingenden Lebens, energisch zu greifen.

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Raum und Wort. Wie sehr Örtlichkeit und Ambiente die Atmosphäre literarischer Darbietungen mitgestalten und beeinflussen, wurde bei der diesjährigen Literaturwoche eindrucksvoll deutlich. Mit der Venet-Haus Galerie haben die Veranstalter eine weitere besonders stimmungsvolle Lokalität gefunden und bespielt. Den Abend mit Kai Weyand und seinem morbid-heiteren Roman “Applaus für Bronikowski“ in eine Steinmetz-Werkstatt zu verlegen hatte schon was. Eine Buchhandlung als Veranstaltungsort gehört natürlich unbedingt dazu. Die Kulturbuchhandlung Jastram als Mitveranstalter besetzt diese Position in idealer Weise.

Dass sich beim regionalen Verlegerfest im Café D’Art alle Anwesenden sehr wohl fühlten, wurde bereits festgehalten. Ein offenes, einladendes Lokal mit viel Stammkneipen-Potential. Fester Bestandteil der Literaturwochen ist die „Obere Stube“ der Ulmer Museumsgesellschaft. Mit ihren Ausblicken auf Rathaus und Münster, mit großzügigem Platzangebot und einem treuen Publikum, das stets zahlreich erscheint, darf sie auch in den zukünftigen Programmen auf keinen Fall fehlen.

 

 

„Schluss mit Hesse!“

Letzte Höhepunkte der Literaturwoche Donau 2016

LW DonauVermutlich fulminant wird sie zu Ende gehen. Die „Literaturwoche Donau 2016“. Am Samstag, den 7. Mai ab 18 Uhr. In der Neu-Ulmer Venet-Haus Galerie. Das finale Literaturfest steht unter dem Motto „Schluss mit Hesse“. Der Tübinger Verleger Hubert Klöpfer (Klöpfer & Meyer) wird zu Gast sein. Er versteht es, besonders kurzweilig über seine langjährigen Erfahrungen im Literaturbetrieb zu erzählen. In seinem Verlag ist der Roman „Sex mit Hermann Hesse“ von Felicitas Andresen erschienen, aus dem die Autorin an diesem Abend lesen wird. Es ist eine originelle, humorvolle Auseinandersetzung, mit dem vielfach idealisierten Nobelpreisträger.

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Ab 21 Uhr folgt dann der Auftritt des Singer-Songwriter Duos Knulp, das sich nach der Hauptfigur in der gleichnamigen Erzählung Hermann Hesses benannt hat.“

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Sein Bericht „Die Nürnberger Reise” war Ausgangspunkt für Jan Haag und Bernd Michael Köhler zu fragen, was Hesse über den dort geschilderten Aufenthalt (der keine zwei ganzen Tage dauerte) hinaus mit Ulm zu tun hatte. Bei den Recherchen wurde bald klar, dass dies mehr war, als den gängigen Biographien zu entnehmen ist. Erste Zwischenergebnisse der Nachforschungen wurden auf diesem Blog veröffentlicht:

Hermann Hesse und Ulm

Erster Teil „Die Schwarze Henne“

Zweiter Teil „Die Nürnberger Reise“

Dritter Teil „Die Geige“

Eine erweiterte Fassung mit ausführlichen Literatur- und Quellenverzeichnissen ist in Vorbereitung.

LW DonauAchtung! Achtung!

Noch ist die Literaturwoche Donau 2016 nicht zu Ende. Heute (4. Mai in der Museumsgesellschaft) und morgen (5. Mai in der Venet-Haus Galerie, Neu-Ulm): „Teatro Caprile“ aus Wien. Literarisches Kabarett und Kleintheater mit zupackenden Texten von Karl Valentin, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Florian L. Arnold u. a. „Die Beseitigung der modernen Ratlosigkeit!“ heißt das Programm. Vergnüglich Skurriles zum Staunen und Lachen. Das sollte man wirklich nicht versäumen.

Hier gibt es mehr dazu.