Kurz-Vorstellung: „Hofkind“ von Silke Knäpper

19. November 2016

Bernd Michael Köhler hat das Buch gelesen. Hier sind seine Eindrücke.

Nach ihrem Debut “Im November blüht kein Raps “ (2012) liegt nun – wiederum bei Klöpfer & Meyer – ein neuer Roman der in Neu-Ulm lebenden Autorin Silke Knäpper vor.

In Rückblicken erzählt das „Hofkind“ Carla Gehrke, eine junge Frau in Freiburg, die Geschichte ihrer Herkunft und ihrer Befreiung aus einem inneres Wachstum und Eigensinn verhindernden Familiensystem.

Die einzelnen Charaktere mit ihren psychischen Abgründen, die Beziehungen der Familienmitglieder zueinander, die gegenseitigen Abhängigkeiten, das destruktive Verhalten der Protagonisten, die dramatischen Höhepunkte, all das schildert die Autorin in ihrer Ich-Erzählerin Carla psychologisch plausibel, in einer klaren, rhythmisch stringenten Sprache, formal gebändigt in 32 meist kurzen Kapiteln.

Unterstützt wird sie in dem Roman von den positiven Figuren der Freundin Jule und eines jungen Mannes namens Frieder. Beide haben ihre jeweiligen Familienschädigungen weitgehend überwunden. Carla erlebt an ihnen und mit ihnen, dass Individuation tatsächlich möglich ist.

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Foto: B. M. Köhler

Die von der Motivik her schon vielfach variierte Geschichte der Emanzipation einer jungen Frau von lebensfeindlichen Familienverstrickungen hat bei Silke Knäpper einen sehr eigenen Ton. Mit ihren überraschenden Wendungen und vielschichtigen Persönlichkeiten ist sie ausgesprochen spannend zu lesen. Leserinnen und Leser (ja, auch die immer seltener werdende Erscheinung „Roman-Leser“!) können Carla und ihren Weg zu einem eigenen Leben mit viel Anteilnahme und Sympathie begleiten.

Der in con=libri bei der Vorstellung ihres Debuts geäußerte Wunsch, dass die Autorin den Mut habe, beim nächsten Versuch noch etwas eigensinniger zu werden, ist bei diesem Roman in attraktiver und origineller Weise in Erfüllung gegangen. Mit einem starken, in eine gute Zukunft weisenden Schlusssatz lässt die Schriftstellerin ihre hoffentlich große Leserschaft satt und zufrieden zurück.

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Silke Knäpper: Hofkind. Roman. – Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2016. Euro 19,00

Vor ziemlich genau vier Jahren erschien Silke Knäppers erster Roman und wurde auf con=libri vorgestellt.

Bernd Michael Köhler lebt in Neu-Ulm und arbeitete viele Jahre als Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Ulm. Natürlich ist er ein passionierter Leser. Darüber hinaus fotografiert er und schreibt gelegentlich.

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Literaturwoche Donau 2016

10. Mai 2016

Persönliche Impressionen links und rechts des Stroms

LW DonauAlles ging nicht. Dazu war das Programm der „Literaturwoche Donau 2016“ zu prall, zu vielfältig, zu dicht. Es hieß auswählen, mit anderen Terminen und Interessen abstimmen – auch gelegentlich schweren Herzens verzichten. Was blieb, war mehr als genug. Begegnungen mit Autoren und Autorinnen, Künstlerinnen und Künstlern, Verlegern, und nicht zuletzt Musikern die lange in Erinnerung bleiben. Anregungen, Anstöße, Aufforderungen. Nachdenkliches, Bewegendes, Heiteres.

In love with Shakespeare. Seit 400 Jahren ist er bereits tot. Kopflos liegen seine sterblichen Überreste in kalter Gruft, wie wir aktuell erfahren mussten. Er ist einmal mehr im Gespräch, im Feuilleton breit vertreten und gut im Geschäft. Shakespeare: seine Zeit, Werk und Wirkung – auf 100 Seiten hat Stefana Sabin alles Wissenswerte über den Barden vom Avon zusammengefasst. (Sabin, Stefana: Shakespeare auf 100 Seiten. – Reclam, 2014)

Kenntnisreich und charmant – oft mit einem Lachen – erzählte die in Bukarest geborene Literaturwissenschaftlerin und Publizistin in der Buchhandlung Jastram vom englischen Dramatiker und Reimer. Von denen, die ihn verehrten, und jenen, die ihn weniger schätzten, wie Voltaire, Shaw, Wittgenstein oder Tolstoi. Sie berichtete von der Shakespeare-Bewunderung der Goethe-Zeit und von der langen Geschichte und Vielzahl der Übersetzungen. Wie der bekannten von Schlegel/Tieck im 19. Jahrhundert, oder der neuesten Komplett-Übertragung aller Dramen durch Frank Günther. Von den vielen, die anlässlich von Theater-Inszenierungen entstehen und nicht dokumentiert sind. Stefana Sabin selbst schätzt besonders Erich Frieds Versionen.

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Mit dem Publikum diskutierte sie über die Unklarheiten in der Biographie des Dichters. Und betonte, dass die dramatischen Dichtungen Shakespeares keine Hochkultur, sondern Massenunterhaltung waren, für alle gesellschaftlichen Schichten, im Original oft zotig, mit vielen satirischen Anspielungen auf die Obrigkeit.

“Der Text soll sprechen.” Am eindrucksvollsten spricht er durch sie selbst. Nora Gomringer muss man erleben. Bücher sind schön, CDs nicht schlecht, aber eigentlich geht nur in echt. Der Saal der Museumsgesellschaft war überfüllt als dieses Ereignis im Rahmen der diesjährigen Literaturwoche anstand. Und am Ende waren alle glücklich und zufrieden, bereichert und beifallsfreudig. Die Künstlerin nicht weniger, wie sie nach ihrem Auftritt wissen ließ.

Sie las u. a. aus ihren Büchern „Monster Poems“, „Morbus“ und „Ich bin doch nicht hier, um Sie zu amüsieren“. (Alle bei Volland & Quist erschienen, dem großen Verlag für die kleinen Formen.) Amüsiert hat sie ihr Publikum natürlich gerade zum Trotz. Doch nie ohne Hintersinn. Bei ernsten Themen gelingt es ihr den Zuhörern ein Lächeln zu entlocken. Im scheinbar heiteren Inhalt, lauert immer das Doppelbödige.

“Ich bin Dichter!” Darauf zu bestehen, dass dies eine durchaus zulässige Existenzform ist, diese Freiheit nimmt sich Nora Gomringer. Allen pietistisch geprägten, erwerbsfleißigen Ulmern, die zweifeln dass Kunst Arbeit sein kann, ruhig einmal deutlich gesagt. Und sie ist Dichterin. Poetin mit Leib, Seele und Stimme.

„Ich bin der Verlag“. Hinter den Backstein-Festungsmauern der Neu-Ulmer Venet-Haus Galerie erzählte Sebastian Guggolz die erstaunliche Geschichte seiner Verlags- und Verlegertätigkeit. Der Gewinn aus einer Quizshow im letzten Sommer hat ihm ermöglicht mit dem eigenen Unternehmen weiter zu machen. Er verlegt Autoren und Autorinnen, die nicht mehr leben und deren Werke ungerechtfertigt der Kurzatmigkeit des Buchgeschäfts zum Opfer gefallen sind. Neuauflagen bedeutender literarischer Werke, die längst aus dem Blickfeld möglicher Leser und den Lagern der Verlage und Großhändler verschwunden sind. Schwerpunkt sind dabei die kleineren Sprachen Nord- und Osteuropas.

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Vergessene Nobelpreisträger sind dabei, wie der finnische Literatur-Nobelpreisträger Frans Emil Sillanpää (1888 – 1964, Nobelpreis 1939) mit seinen Romanen „Frommes Elend“ und „Hiltu und Ragnar“. Bei seinem Besuch in Neu-Ulm hat Guggolz bereits die nächsten beiden skandinavischen Literaturnobelpreisträger angekündigt: Johannes Vilhelm Jensen (1944) aus Dänemark und Harry Edmund Martinsson (1974) aus Schweden. Wir sind gespannt, welche Werke Guggolz auswählt.

Aus der Region. Ein Dienstagabend im April. Die Literaturwoche Donau mit einem Verleger- und Autorenfest zu Gast im Neu-Ulmer Kultur-Café d’Art mit seiner umtriebigen, gastfreundlichen Wirtin Heidi Völzke. Moderatorin des Abends ist Wibke Richter, für kraftvolle musikalische Momente steht das Gitarren- und Gesangsduo Roadstring Army. Rappelvoller Saal. Beste Stimmung. Im Mittelpunkt drei regionale, unabhängige Verlage. Schnell wird klar, dass die mehr zu bieten haben als provinziellen Kleingeist. Hier sind Abenteurer am Werk, die ihre Ein- und Glücksfälle am liebsten zwischen Buchdeckeln und in hochwertigen Druckwerken verwirklicht sehen.

Bei Thomas Zehenders „danube books“ ist der Name Programm. Es geht die Donau entlang Richtung Osten. Eine überfällige Grenzüberschreitung, blicken die etablierten Kulturmacher doch meist leicht halsstarrig westwärts. „Skizzen aus Slawonien/Sketches of Slavonia“ mit Photographien von Damir Rajle und ergänzenden Texten in Deutsch, Englisch und Serbo-Kroatisch, setzt mit eindrucksvollen Aufnahmen aus besonderem Blickwinkel diese fruchtbare, im Osten des heutigen Kroatien gelegene Region, ins Bild.

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Übrigens: Wer sich für die Geschichte der donauschwäbischen Auswanderer interessiert, darf sich auf den Titel „Die zweite Heimat. Eine Familienchronik aus Südungarn“ freuen, der erstmal am 23. Juni im Donauschwäbischen Zentralmuseum präsentiert wird.

Der Verleger der  „edition dreiklein“ ist Martin Gehring. Zusammen mit der Illustratorin Marion Hartlieb hat er das Kinderbuch „Kiki – Alles fliegt“ gestaltet, das im Juni zeitgleich in einer deutschen und einer französischen Ausgabe erscheinen wird. Hartlieb hat zudem ihr Interesse an der österreichischen Kaiserin Elisabeth, die unter dem Namen „Sissi“ populär wurde, in eine liebevolle Adaption für Kinder umgesetzt. In „Die Sisi aus Possenhofen“ malt sie sich phantasievoll und in leichten Farben das Leben der kleinen Elisabeth aus.

Martin Gehring hat als Autor mehrere Bücher veröffentlicht, darunter den satirischen Hühner-Western „El Pollo – Entscheidung in der Sierra Chica“ (erschienen im Verlag Manuela Kinzel). Er liest eine Kurzgeschichte, in der es um den Rapp-Bier-Konvoi auf württembergischen Autobahnen und einen Nutztiertransport geht. Eine humorvoll überzeichnete Erzählung mit der er das Publikum zum Schmunzeln und Lachen zwingt.

Vom Ulmer Dichter Marco Kerler erschien 2015 der Lyrik-Band „Schreibgekritzel“ bei Kinzel. Seine nächste Veröffentlichung plant er derzeit mit der „edition dreiklein“. Mit der Formation „MarcoBeatz“ macht er RockPoetry, SpokenWord und Improvisation in der Region. Beim Verlegerfest stellte Marco Kerler Beispiele aus seinem Projekt „VolksLyrik“ vor. Spontane Poesie im Dialog mit dem Publikum. Einer von vielen Höhepunkte des Abends dann seine Sprechgesang-Performance zusammen mit den Gitarren von Roadstring-Army. Stimmung in Siedepunkt-Nähe.

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Florian L. Arnold und Rasmus Schöll sind die Hauptdrahtzieher der „Literaturwoche“. Und seit einiger Zeit auch Jungverleger. In dieser Funktion stehen sie Wibke Richter Rede und Antwort. Sehr zum Vergnügen von Jung und Nichtmehrganzjung im Saal, gerät dies zu einer äußerst pointiert-gewitzten Talkshow. Ihr Verlag heißt „Topalian und Milani“, dass dieses kühne Unternehmen bereit ist sich jeder verlegerischen Vernunft zu widersetzen, zeigt ein Werk, dass mit Multitalent Tommi Brehm realisiert wurde.

Der „Appendix Dick“ ist ein künstlerisch gestaltetes Verzeichnis aller Personen die in den Werken des amerikanischen Autors Philip K. Dick vorkommen. Fast 600 Seiten, limitierte Auflage 100 Stück, alle fein gebunden und signiert, die ersten 50 zudem handkoloriert. „Haptik. Optik. Schönheit“ sind die entscheidenden Kriterien für Bücher aus dem Hause Topalian und Milani. Ich freue mich ganz besonders auf den angekündigten Band mit zwei weniger bekannten Novellen von Stefan Zweig.

Viel Beifall zum Schluss für alle Beteiligten. Und wir Zuhörer und Zuschauer wurden nicht nur glänzend unterhalten. Wir haben auch gelernt. Regional hat nichts mit Begrenzung zu tun. Und, dass es unabhängigen Verlagen gelingen kann mit Mut und Offenheit den üblichen, nur scheinbar zwangsläufigen, Markt-Mechanismen erfolgreich zu trotzen.

Von der Lebenskunst. Der oberschwäbische Schriftsteller Werner Dürrson starb 2008. Sein einziges großes Prosawerk, der Roman „Lohmann oder die Kunst, sich das Leben zu nehmen. Eine romaneske Biographie“ (bei Klöpfer & Meyer erschienen und jederzeit lieferbar) droht in Vergessenheit zu geraten. Der in Ulm und Umgebung bestens bekannte und geschätzte Walter Frei brachte mit seiner Lesung diesen literarischen Schatz wieder in Erinnerung.

Er las Abschnitte, die zeigten, welch frischen Humor dieses autobiographisch gefärbte Werk, neben allen ernsthaften Passagen, zu bieten hat. Schließlich ist bereits der Titel unbedingt doppelt zu deuten. Nicht nur im naheliegenden suizidalen Sinne. Sondern vor allem als Aufforderung, nach Freuden und Chancen, nach den Möglichkeiten eines gelingenden Lebens, energisch zu greifen.

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Raum und Wort. Wie sehr Örtlichkeit und Ambiente die Atmosphäre literarischer Darbietungen mitgestalten und beeinflussen, wurde bei der diesjährigen Literaturwoche eindrucksvoll deutlich. Mit der Venet-Haus Galerie haben die Veranstalter eine weitere besonders stimmungsvolle Lokalität gefunden und bespielt. Den Abend mit Kai Weyand und seinem morbid-heiteren Roman “Applaus für Bronikowski“ in eine Steinmetz-Werkstatt zu verlegen hatte schon was. Eine Buchhandlung als Veranstaltungsort gehört natürlich unbedingt dazu. Die Kulturbuchhandlung Jastram als Mitveranstalter besetzt diese Position in idealer Weise.

Dass sich beim regionalen Verlegerfest im Café D’Art alle Anwesenden sehr wohl fühlten, wurde bereits festgehalten. Ein offenes, einladendes Lokal mit viel Stammkneipen-Potential. Fester Bestandteil der Literaturwochen ist die „Obere Stube“ der Ulmer Museumsgesellschaft. Mit ihren Ausblicken auf Rathaus und Münster, mit großzügigem Platzangebot und einem treuen Publikum, das stets zahlreich erscheint, darf sie auch in den zukünftigen Programmen auf keinen Fall fehlen.

 

 


„Schluss mit Hesse!“

4. Mai 2016

Letzte Höhepunkte der Literaturwoche Donau 2016

LW DonauVermutlich fulminant wird sie zu Ende gehen. Die „Literaturwoche Donau 2016“. Am Samstag, den 7. Mai ab 18 Uhr. In der Neu-Ulmer Venet-Haus Galerie. Das finale Literaturfest steht unter dem Motto „Schluss mit Hesse“. Der Tübinger Verleger Hubert Klöpfer (Klöpfer & Meyer) wird zu Gast sein. Er versteht es, besonders kurzweilig über seine langjährigen Erfahrungen im Literaturbetrieb zu erzählen. In seinem Verlag ist der Roman „Sex mit Hermann Hesse“ von Felicitas Andresen erschienen, aus dem die Autorin an diesem Abend lesen wird. Es ist eine originelle, humorvolle Auseinandersetzung, mit dem vielfach idealisierten Nobelpreisträger.

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Ab 21 Uhr folgt dann der Auftritt des Singer-Songwriter Duos Knulp, das sich nach der Hauptfigur in der gleichnamigen Erzählung Hermann Hesses benannt hat.“

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Sein Bericht „Die Nürnberger Reise” war Ausgangspunkt für Jan Haag und Bernd Michael Köhler zu fragen, was Hesse über den dort geschilderten Aufenthalt (der keine zwei ganzen Tage dauerte) hinaus mit Ulm zu tun hatte. Bei den Recherchen wurde bald klar, dass dies mehr war, als den gängigen Biographien zu entnehmen ist. Erste Zwischenergebnisse der Nachforschungen wurden auf diesem Blog veröffentlicht:

Hermann Hesse und Ulm

Erster Teil „Die Schwarze Henne“

Zweiter Teil „Die Nürnberger Reise“

Dritter Teil „Die Geige“

Eine erweiterte Fassung mit ausführlichen Literatur- und Quellenverzeichnissen ist in Vorbereitung.

LW DonauAchtung! Achtung!

Noch ist die Literaturwoche Donau 2016 nicht zu Ende. Heute (4. Mai in der Museumsgesellschaft) und morgen (5. Mai in der Venet-Haus Galerie, Neu-Ulm): „Teatro Caprile“ aus Wien. Literarisches Kabarett und Kleintheater mit zupackenden Texten von Karl Valentin, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Florian L. Arnold u. a. „Die Beseitigung der modernen Ratlosigkeit!“ heißt das Programm. Vergnüglich Skurriles zum Staunen und Lachen. Das sollte man wirklich nicht versäumen.

Hier gibt es mehr dazu.

 


Hermann Hesse und Ulm. Dritter Teil

12. Februar 2016

 “Die Geige”

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(Bernd Michael Köhler danke ich für seine Unterstützung bei der Material-Recherche und der Verifizierung von Quellen.)

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Im November 1929 war Hermann Hesse einmal mehr in Schwaben unterwegs.

Auf dem Programm stand diesmal Tübingen, die Stadt seiner Lehrzeit in mehrfachem Sinne. “ … ich bin seit 23 Jahren nicht mehr dort gewesen”, stellte er fest. Danach Stuttgart, Ludwigsburg und Marbach. Und schließlich führte der Weg – wie so oft – nach Blaubeuren.

Ein Jahr später erschien die Buchausgabe der Erzählung “Narziß und Goldmund”. Die “Geschichte einer Freundschaft” wurde von Oktober 1929 bis April 1930 in der “Neuen Rundschau” erstmals veröffentlicht, einer Zeitschrift mit langer Tradition, die bis heute von S. Fischer verlegt wird.

Am 18. April 1931 brach Hesse zu einer Deutschlandreise mit seinem Sohn Bruno auf. In Ulm waren sie bei Eugen Zeller und seiner Familie in der Bessererstraße zu Gast. Es war der vermutlich letzte Besuch in der Stadt an der Donau. Immer kräftiger wehte jetzt in Deutschland der Wind von scharf rechts. Hesse hat das früh ernstgenommen und trat am 10. November, wenige Tage vor der Hochzeit mit Ninon, aus der Preußischen Akademie der Künste aus.

Zum allerletzten Mal in Deutschland war er im Sommer 1936. Mit dem Flugzeug ging es von Zürich nach Hannover. Er konsultierte erneut den Augenarzt seines Vertrauens. Dr. Graf M. von Wiser praktizierte inzwischen in Bad Eilsen. Vom 25. August bis 4. September hielt sich Hesse in Niedersachsen auf. Bei dieser Gelegenheit kam es zu einer ersten Begegnung mit Peter Suhrkamp.

Ulm 1923, Aquarell v. J. Marschall

Wer war dieser Eugen Zeller, den Hesse in Ulm immer wieder besuchte und mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft und Briefpartnerschaft verband?

Eugen Christian Zeller wurde am 6. Juli 1871 in Stuttgart geboren. Nach dem Studium der Philologie und Geschichte in Tübingen legte er 1894 die höhere Lehrerprüfung ab. Er unterrichtete als Professor für Neuphilologie zunächst in Stuttgart und Göppingen, ab 1900 an der Realschule – später Realgymnasium – in Ulm.

Für die nationalliberale Partei war er Mitglied im Bürgerausschuss, dem heutigen Gemeinderat, und gehörte zum “Gindele-Kreis”, einem losen Zusammenschluss Ulmer Demokraten, die sich regelmäßig mittwochs im beliebten Café Gindele trafen, nahe der Dreifaltigkeitskirche, dem heutigen “Haus der Begegnung”. Früh ging Eugen Zeller zu der nach 1930 stark aufkommenden nationalsozialistischen Bewegung auf Distanz.

1934 ließ er sich auf eigenen Wunsch in den Ruhestand versetzen, den neuen Machthabern wollte er nicht dienen. Als später kriegsbedingt starker Lehrermangel bestand, nahm er seine Tätigkeit wieder auf. Zeller war ein großer Literatur- und Kunstfreund, ein kenntnisreicher Leser und Sammler. Er hatte eine umfangreiche Kunstsammlung zusammengetragen und besaß viele seltene und wertvolle Stücke aus dem ehemaligen Besitz Eduard Mörikes. Im Dezember 1944, beim größten Luftangriff auf Ulm, wurden sie zusammen mit den meisten Bildern und zahlreichen Briefen von Hermann Hesse, unwiderbringlich zerstört.

Obdachlos geworden zog Zeller vorübergehend nach Schorndorf. Mit Hesse blieb er brieflich in Kontakt. Im Dezember 1946 schrieb er eine umfangreiche Rezension des “Glasperlenspiels”, die im selben Monat zuerst in der Zeitschrift “Der Standpunkt” (Bd. 1, H. 12, 1946) erschien, sowie in gekürzter Form am 17. Mai 1947 in der “New York Staats-Zeitung und Herold. Amerikas führende deutschsprachige Zeitschrift”. Und die Leser der “Schwäbischen Donauzeitung” fanden sie in der Ausgabe vom 29. April 1947.

glaspersp“Wie Goethes Wanderjahre ist das Glasperlenspiel ein Entwicklungsroman. Das Glasperlenspiel wird künftig in einer Reihe stehen: Parzival, Simplizissimus, Wilhelm Meister, Grüner Heinrich, Maler Nolten, einer stolzen Reihe und Hesse ist der Sechste. Noch vieles wäre zu sagen: wie nahe Hesse Goethe und Tschuang-Tse, der große chinesische Weise in der Gemeinsamkeit ihres polaren Weltbildes zusammenrücken; wie dramatisch die Auseinandersetzung; Geist und Welt sich steigert – alles das als Beitrag zum Wiederaufbau des geistigen, des geheimen Deutschlands.”

Damit drückte Zeller eine Zuversicht aus, die nicht nur vielen Ulmern in den Jahren nach dem Krieg und angesichts seiner Folgen neue Kraft gab. Zu ihnen gehörte Kurt Fried, Schriftleiter der “Schwäbischen Donauzeitung”, der von den amerikanischen Alliierten eine Zeitungs-Lizenz erhalten hatte und im kulturellen Leben der Münsterstadt noch eine wichtige und einflussreiche Rolle spielen sollte – nicht zuletzt als Sammler moderner Kunst. Die „Sammlung Fried“ ist heute Teil des Ulmer Museums.

1947 war Eugen Zeller der Deutschlehrer eines jungen Kriegsheimkehrers mit dem Namen Siegfried Unseld, der nach seiner Zeit als junger Soldat nun sein Abitur nachholen musste. “Notabitur” hieß die verkürzte Form eines höheren Schulabschlusses in den Jahren nach dem Zusammenbruch Deutschlands. Einen prägender Eindruck hinterlässt der Pädagoge Zeller beim späteren Lehrling im Ulmer Aegis-Verlag, wie dieser immer wieder betonen wird. Aus Unseld wird der langjährige Leiter des Suhrkamp-Verlags und damit der Verleger Hermann Hesses.

Eugen Zeller (1871 – 1953) Quelle: geni.com

„Eugen Zeller war ein großer Erzieher, er gab uns was: Passion für Literatur, Passion für seine großen drei literarischen Vorbilder: Goethe, Mörike und Hermann Hesse, die er uns dadurch nahebrachte und liebenswert machte, daß er über sie keine Aufsätze schreiben ließ und keine Zensuren vergab.“

Nach dem Tod seiner Frau Klara am 11. August 1953 bekam Zeller Besuch von dem Japanologen Wilhelm Gundert, einem Cousin Hermann Hesses. Bereits am 17. des selben Monats stirbt auch der Lehrer, Mörike-Verehrer und Hesse-Freund in Ulm-Söflingen. Sein Leben, sein Wirken, seine Beziehung zu Hesse, hätten eine eigene ausführliche Darstellung verdient.

Eugen Zeller plante offensichtlich seine Erinnerungen zu schreiben oder hatte bereits mit deren Aufzeichnung begonnen. Hesse gegenüber muss er entsprechende Andeutungen gemacht haben, denn dieser schrieb ihm im März 1949: “Und mögen Ihre Erinnerungen vollends Gestalt annehmen.” Wir konnten über öffentlich zugängliche Kanäle kein Material ausfindig machen oder nachweisen. Möglicherweise befindet es sich in Privatbesitz. Für entsprechende Hinweise sind wir jederzeit empfänglich.

Die Grabstätte der Zellers auf dem Söfllinger Friedhof existiert noch. Die Inschriften auf dem Grabstein sind stark verwittert und nur schwer zu entziffern: “Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt der bleibt in Gott und Gott in ihm.” Es folgen die Namen und Lebensdaten von Eugen Zeller und seiner Frau, der Tochter und des Schwiegersohns: “Eugen Zeller, Professor, 1871 – 1953 / Klara Zeller, geb. Bühler, 1876 – 1953 / Joseph Kneer, Maler, 1900 – 1990 / Gudrun Kneer, geb. Zeller, 1902 – 1992″.

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Hermann Hesse und Eugen Zeller teilten die Leidenschaft für ihren Landsmann, den unfreiwilligen Landpfarrer und Dichter aus Berufung, Eduard Mörike. Wie wir gesehen haben sammelte Zeller Bücher und Gegenstände aus dem Besitz des Idols. Hesse war an diesen “Devotionalien” interessiert und wandte sich mit einer Nachfrage an den Freund. Der antwortete: “Ihrem Wunsche ein Mörike-Original zu besitzen, bin ich gerne zur Verfügung.” Er bekam von Zeller einen Vers samt Zeichnung aus dem Poesie-Album der Mörike-Tochter Marie. Und von Fanny, der zweiten Tochter des Dichters, einen Kerzenleuchter, einen Mörser, eine Bleistiftzeichnung Mörikes vom Kloster Lorch und ein Albumblatt.

Fanny war seit 1882 mit dem Uhrmachermeister Georg Hildebrand verheiratet. Das Paar wohnte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Neu-Ulmer Blumenstraße. In einem Brief aus Gaienhofen vom 9. Dezember 1907 bedankte sich Hermann Hesse für einen Teil der überlassenen Gegenstände: “Ihr Brieflein mit den beiden schönen Gaben hat mir eine große Freude gemacht. Es gibt keinen Dichter, der mir im Herzen so nahe steht wie Ihr Vater, und alles, was von ihm stammt, ist mir teuer. Darum bin ich auch über die Zeichnung und das Albumblatt sehr froh … Sollten Sie, was von Ulm aus ja wohl möglich ist, einmal an den Bodensee kommen, so wäre es mir eine große Freude, Sie hier zu Gast zu haben.”

Von der US-Militärregierung für Württemberg wurde 1945 Josef Kneer als Übergangsleiter für das Ulmer Museum eingesetzt. Er sorgte während sieben Jahre für den Wiederaufbau des Museumsgebäudes und die Rückführung des ausgelagerten Sammlungsbestände. Der Künstler und Kunstpädagoge heiratete Gudrun Zeller und wurde der Schwiegersohn Eugen Zellers.

In einem seiner Rundbriefe blickte Hermann Hesse 1954 zurück: “Hier fällt Freund Zeller mir ein, der im vergangenen Jahr dreiundachtzig Jahre alt, gestorben ist … er hat die Zerstörung von Ulm und all seinem Eigentum, darunter viele kostbare Mörike-Reliquien, tapfer und klaglos überlebt, auch noch zwei Umsiedlungen … ein Mann ohne Tadel, eine der markanten Schwabengestalten … “

Eine besondere Rolle spielte, wie in den ersten beiden Beiträgen angedeutet, für Hesse von Anfang an das Ulmer Münster. Er hat den mächtigen Kirchenbau bei fast jedem seiner Aufenthalte in der Stadt besucht. Eugen Zeller wird das eine oder andere Mal dabei gewesen sein.

In einem Reisebrief aus dem Jahr 1925 sah sich der Dichter veranlasst eine frühere Fehleinschätzung zu korrigieren: “Ferner habe ich schon vor einigen Jahren im Gespräch mit Freunden einmal behauptet, im Vergleich mit dem Straßburger Münster sei das Ulmer Münster unbedeutend und enttäuschend, und eine Stunde nachher … da merkte ich, daß ich vom Ulmer Münster, das ich nur in früher Jugend ein einzigesmal gesehen habe, überhaupt keine klare Vorstellung mehr hatte.”

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Im Tagebuch vom Sonntag, den 23. Juni 1901 heißt es: “Mit Karl Bummel zum Münster, dessen Eindruck enorm.” Ein Spaziergang mit Halbbruder Karl Isenberg am selben Tag, führte an der Donau entlang bis ins bayerische Thalfingen.

Eduard Mörike, Hesses und Zellers Lieblingsdichter, am Tübinger Stift zum Geistlichen ausgebildet, war übrigens kein wirklicher Freund des Ulmer Münsters. Seine regelrechte Abneigung hat er in einem Brief an Luise Rau vom 17. Juli 1831 formuliert: “Dieser Koloß, der so tyrannisch alles um sich her verkleinert.” Dabei hatte der Turm zu Mörikes Zeit seine spätere Höhe von 161 Metern noch gar nicht erreicht.

Für Hesse waren es eher Details, die er an dem “Koloß” liebte, wie den Chor mit dem vielsitzigen Holzgestühl von Jörg Syrlin dem Älteren. Heutige Besucher dürfen darauf nur in seltenen Ausnahmefällen Platz nehmen. Die Klappsitze verursachen beim Zurückschnappen ein lautes Geräusch, das im riesigen Kirchenschiff lange nachhallt.

Welche weiteren städtebaulichen Eigenheiten Ulms Hesse bewunderte, erfahren wir in der “Nürnberger Reise”: “ … die Stadtmauer und den Metzgerturm … und das Rathaus, … uralte, schief eingesunkene Fischerhäuser im dunklen Wasser stehend, kleine Zwergenhäuser auf dem Stadtwall, stolze Bürgerhäuser in den Gassen, hier ein origineller Giebel, da ein edles Portal.” Es ist das Ulm, wie es sich vor den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs den Besuchern zeigte. Die nach 1945 wieder aufgebaute Stadt mit ihren breiten Verkehrsschneisen und den kleinen und größeren Bausünden, hat Hermann Hesse nicht kennengelernt.

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Das Aegis-Haus in der Ulmer Platzgasse. Im Erdgeschoß befindet sich bis heute die Aegis-Buchhandlung.

“Und im Raume schwebten Töne, aus Licht gesponnen, / silbern über blauen Schatten der Gassen. / Eine fremde Geige sang zum Geleit / dem wandelnden Träumer.”

Das verlegerische Gesellenstück, das der Zeller-Schüler, gelernte Verlagskaufmann und spätere Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld abzuliefern hatte, als er im Ulmer Aegis-Verlag sein “Handwerk” erlernte, war ein Bändchen mit dem Titel „Maria Müller-Gögler. Gedichte“. Die Manuskripte hatte er von Eugen Zeller bekommen, der die Verfasserin während gemeinsamer Jahre als Lehrer und Lehrerin in Ulm kennengelernt hatte. Dieses “erste Buch” Siegfried Unselds erschien 1947. Sein ehemaliger Deutschlehrer hatte das Vorwort verfasst.

“Das sinnliche Glühen, das Berückende der besten ihrer Gedichte ist oft so stark, daß sie ans Übersinnliche rühren … Ihre Dichtung ist Bild und Gesang … Hohes Können, sinnlicher Klang, Bildschönheit, blühendes Leben, weil ergreifend naturnah, und farbiger Schmelz zeichnen die Gedichte aus.”

Das Gedicht „Die Geige“, der oberschwäbischen Dichterin und promovierten Gymnasial-Lehrerin, die von 1938 bis 1944 in Ulm lebte und lehrte, wählte Hermann Hesse als eines seiner zehn schönsten für eine Anthologie mit dem Titel „Geliebte Verse“.

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Die insgesamt drei Blog-Beiträge “Hermann Hesse und Ulm” sind die gekürzte und leicht veränderte Fassung einer umfassenderen Arbeit zu diesem Thema. Hesses “Nürnberger Reise” war für Jan Haag und Bernd Michael Köhler Anlass, sich anhand einschlägiger Literatur und anderer Quellen etwas ausführlicher mit diesem Thema zu befassen. Nach Fertigstellung wird das Ergebnis auf einer eigenen con=libri-Seite veröffentlicht. Diese Fassung wird ein Verzeichnis der verwendeten Quellen enthalten.


Hermann Hesse und Ulm. Zweiter Teil

5. Februar 2016

“Die Nürnberger Reise”

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(Bernd Michael Köhler danke ich für seine Unterstützung bei der Material-Recherche und der Verifizierung von Quellen.)

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“Der mitgenommene fremde Geselle begann nun auch warm zu werden und zu erzählen. Er wußte von einem Schlosser in Ulm, der konnte zwanzig Glas Bier trinken, von dem guten Ulmer Bier, und wenn er damit fertig war, wischte er sich das Maul und sagte: so jetzt noch ein gutes Fläschle Wein!”

Im Oktober 1905 (im Impressum vordatiert auf 1906) erschien Hermann Hesses Erzählung “Unterm Rad”, in der er die Jahre seiner Kindheit und Jugend, insbesondere die Zumutungen durch Schule und familiäres Umfeld, aufarbeitete und zu Literatur veredelte. Daraus stammt diese kleine Anekdote mit Ulm-Bezug.

Ulm wird erwähnt in einem Artikel, der am 10. Oktober 1915 in der “Neuen Zürcher Zeitung” unter dem Titel “Wieder in Deutschland” erschien. In poetischer Sprache schildert er die Reise vom Schweizer Wohnort nach Schwaben. Die Fahrt durch die Hügellandschaft südlich der Donau fand während des Ersten Weltkriegs statt. Hesse war für die Kriegsgefangenen-Fürsorge unterwegs.

“Der Bodensee strahlte blau und klar, in den Bäumen des Thurgaus leuchteten die Millionen reifer Äpfel, und in Friedrichshafen sahen wir über dem weiten Wasser den Tag rosig verglühen. Ah, da war die Heimat wieder. Es war Sonntag, eine Menge Menschen unterwegs, die Züge und Restaurationen voll. Im Grunde nichts anders als sonst, als einst in der sagenhaften Zeit des Friedens; nur die Soldaten … fallen zuerst auf. … Landmädchen, die zum Besuch des Liebsten oder Bruders nach Ulm oder sonst wohin gefahren sind …”

Der Ulmer Hauptbahhof mit Hauptpost im Jahr 1904

1919 kam der Roman “Demian” in die Buchhandlungen. Hesse firmierte zunächst nicht als Autor. “Einmal … war es mir nahezu ein Jahr lang gelungen, meine Gedanken und Phantasien unter fremdem Namen auszusprechen, unbelästigt von Ruhm und Anfeindung, unbeirrt von Abstempelung – aber dann war es aus.”

Was war geschehen?

Auf “Demian. Die Geschichte einer Jugend” stand als Verfasser der Name “Emil Sinclair”. Ein Pseudonym das Hesse hin und wieder verwendete und damit auf den Hölderlin-Freund Isaac von Sinclair anspielte. Als diesem Sinclair der Fontane-Preis verliehen werden sollte, flog der Schwindel auf und mit der Ruhe für den richtigen Autor war es wieder vorbei.

Neunzehnhundertfünfundzwanzig. Ein Jahr nach dem Tod des Autors erscheint Franz Kafkas Romanfragment “Der Prozess.” Im Februar kommen bei einem Grubenunglück in Dortmund 136 Bergleute ums Leben. Der Nobelpreis für Literatur geht an George Bernard Shaw. Zum ersten Mal wird ein Fußballspiel live in einem deutschen Radiosender übertragen. Im Herbst bricht Hermann Hesse zu einer weiteren ausgedehnten Lesereise auf. Über diese sogenannte “Nürnberger Reise” wird er einen launischen Bericht schreiben und als Buch veröffentlichen.

Die Reise hatte eine kleine Vorgeschichte: “Dort (in Baden bei Zürich) nämlich lernte ich eines Tages im Sprechzimmer des Arztes einen Ulmer kennen, und er lud mich ein, in Ulm bei ihm zu wohnen, und nun stand er also an der Bahn, und mit ihm ein alter Bekannter von mir, der mir vor mehr als zwanzig Jahren einst zum erstenmal diese Stadt gezeigt hat. Ich kam in ein freundliches Haus, mit Kindern, mit liebenswerten Menschen, es war keine Fremde da, ich war noch in Schwaben.”

Ulm um 1920

Das Ulm des Jahres 1925 war eine pietistisch geprägte Stadt. Das kannte Hesse von Calw. Allerdings wehte in der ehemaligen freien Reichsstadt, deren Lage an der Europa durchströmenden Donau schon immer eine gewisse Weltanbindung mit sich brachte, ein etwas liberalerer Geist. Dafür spricht die Stadtverfassung, der “große Schwörbrief” von 1397, auf den die Ulmer Oberbürgermeister alljährlich am dritten Montag im Juli zu schwören haben. Dabei versprechen sie, allen Bürgern der Stadt in gleicher Weise gerecht zu werden.

Hermann Hesse fühlte sich Zeit seines Lebens als Schwabe, unabhängig davon, wo er später zu Hause war. Es gibt, neben zahlreichen weiteren Belegen, einen Fragment gebliebenen „Schwäbischen Lebenslauf“, der das zum Ausdruck bringt und den er ursprünglich für das “Glasperlenspiel” vorgesehen hatte. Dort wird er jedoch nur kurz erwähnt. Seine Herkunftsregion hat Hesse immer wieder gern besucht, dabei Erinnungen an die Kinder- und Jugendjahre aufgefrischt. Ein Erinnern, das zu den Quellen seines dichterischen Schaffens gehörte. Auf Dauer dort leben wollte er nicht.

Ende September 1925 der Aufbruch von Zürich aus. “ … fahre ich dieser Tage zu Haecker, dann nach Ulm, Augsburg usw.”, schrieb Hesse am 27. Oktober an Franz Schall. “Haecker”, das war Wilhelm Häcker, der Schulfreund aus gemeinsamer Zeit am Evangelischen Seminar in Maulbronn. 1925 wirkte Häcker längst als Professor an einer ähnlichen Einrichtung in Blaubeuren, dem Städtchen von Mörikes “schönen Lau”, etwa 20 Kilometer westlich von Ulm gelegen. Hier hielt sich Hesse am 1. und 2. November auf. Für ihn war Blaubeuren, wo im tiefen grün-blauen Blautopf der linksseitige Donauzufluss Blau entspringt, immer mit der Episode aus dem “Stuttgarter Hutzelmännle” des von ihm verehrten schwäbischen Pfarrers und Dichters verbunden.

Christian Wolf, www.c-w-design.de

Das Ulmer Museum heute. Foto: Christian Wolf, http://www.c-w-design.de

Am 3. und 4. des Monats war er in Ulm. Julius Baum, der Leiter des städtischen Museums, hatte ihn zur Lesung eingeladen. Die Einladung kam Hesse gelegen, wollte er doch auch der “Münstersache willen” hin. Er hatte wohl den Wunsch, ein Teil aus diesem Kirchenbauwerks zu besitzen. Was daraus wurde, wissen wir nicht.

Hesse las aus der zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichten Erzählung “Pictors Verwandlung”, aus “Knulp” und trug Gedichte vor. Nach Ulm folgten die Reise-Stationen Augsburg, München und schließlich das titelgebende Nürnberg. In München traf er Thomas Mann und erlebte einen Theater-Abend mit Karl Valentin.

Thomas Mann lebte mit seiner Familie in einer Villa im Münchner Stadtteil Bogenhausen. Sein “Zauberberg” war ein Jahr zuvor erschienen. Der Humorist, Dichter, Schauspieler und Regisseur Karl Valentin betrieb ein eigenes Filmstudio, in dem bis 1929 etwa 40 Kurzfilme entstanden. Auf Kleinbühnen führte er zusammen mit seiner Partnerin Liesl Karlstadt kabarettistisch absurde Sketche auf.

Vom 24. November bis zum 18. Dezember schrieb Hermann Hesse die selbstkritischen, ironisch gefärbten Erinnerungen an seine Reise auf. Eine von dem aus Pforzheim stammenden Hans Meid gestaltete erste Druckausgabe erschien 1927 bei S. Fischer. Im selben Jahr brachte der Verlag den “Steppenwolf” heraus und Hesse vollendete das 50. Lebensjahr.

Der Kunsthistoriker Julius Baum, der Hesse nach Ulm eingeladen hatte, brachte die Bestände des Museums erstmals in eine wissenschaftlich fundierte, museale Präsentations- und Archivierungsform. Bei seinem Konzept legte er Wert darauf, die Auseinandersetzung mit Vergangenem und gegenwärtig aktuellem Kunstgeschehen zu verbinden. Ein Konzept, das bis heute das Ulmer Museum prägt. 1933 wurde Baum wegen seiner jüdischen Abstammung des Amtes enthoben, 1939 emigrierte er in die Schweiz. 1937 kam es zu umfangreichen Beschlagnahmen von Beständen und nationalsozialistischen “Säuberungen” im Museum.

Wilhelm Kunze (1902 – 1939) war ein Nürnberger Dichter, der, lebenslang krank, nur 37 Jahre alt wurde. Wie so viele junge, zur Schriftstellerei neigende Menschen, hatte er Manuskripte an Hesse gesandt. In Nürnberg haben sich die beiden getroffen. Kunze berichtet davon in einem Brief: “Dann erzählte er von Ulm und seinem Rathaus, wo er einige Tage zuvor gelesen hatte. Er habe unterwegs oft plötzlich alte Bekannte getroffen, über die er sich gefreut habe.”

Das Deutschland der Weimarer Republik zwischen 1925 und dem Beginn der Nazi-Herrschaft, dieses fieberhafte Hoch von Kunst und Literatur, Film und Theater, das die Metropolen, allen voran Berlin, erfasst hatte – Hesse gehörte nicht zu seinen Protagonisten.

„Die Nürnberger Reise“ – Erstdruck von 1927

Und mit den zeitgenössischen Kolleginnen und Kollegen hat er sich eher weniger beschäftigt. Zu den Ausnahmen zählte Thomas Mann, mit dem ihn über Jahrzehnte eine Freundschaft verband, die deshalb gut funktionierte, weil beide bedacht waren immer eine gewisse Distanz zu halten.

In der “Nürnberger Reise” bekennt Hesse: “Ich liebe die deutschen Dichter der letzten großen Epoche, bis 1850, ich liebe Goethe, Hölderlin, Kleist, die Romantiker mit meinem ganzen Herzen, ihre Werke sind mir unvergänglich, immer und immer wieder lese ich Jean Paul, lese Brentano, Hoffmann, Stifter, Eichendorff, ebenso wie ich immer und immer wieder Händel, Mozart und die ganze deutsche Musik bis Schubert höre.” Bei den Dichtern können wir die Schwaben Eduard Mörike und Christian Wagner in Gedanken hinzufügen.

Anfang des Jahres 1926 führte Hesse eine Reise nach Stuttgart, Calw und Blaubeuren. Wohl acht bis zehn Tage hat er bei Häcker verbracht. Was hat er gemacht im stillen Städtchen? Dem Werben der schönen Lau gelauscht? Ist er gewandert? Hat er Ulm auf dieser Reise nur zum Umsteigen berührt?

Wir müssen noch Franz Schall erwähnen. Schall und Hesse hatten sich 1890 auf dem Lateinseminar in Göppingen kennengelernt. Beide waren Jahrgang 1877. Der spätere Oberstudienrat für alte Sprachen wurde während des Dritten Reichs wegen systemkritischer Äußerungen für ein Jahr inhaftiert. Er starb 1943. Im “Glasperlenspiel” hat ihn der Freund in der Figur “Clangor” verewigt. Und Schall übersetzte zusammen mit Joseph Feinhals das Motto des Glasperlenspiels für Hesse ins Lateinische. „… non entia enim licet quodammodo levibusque hominibus facilius …“ („… denn mögen auch in gewisser Hinsicht und für leichtfertige Menschen … „), sind dessen erste Worte.

Vom 9. März bis 10. April 1928 reiste Hermann Hesse u. a. nach Weimar und Berlin. In Ulm legte er wieder einen Zwischenstopp ein. Ninon Dolbin begleitete ihn. Sicher wollte er ihr Ulm zeigen und von den Erinnerungen erzählen, die für ihn mit der Stadt verbunden waren.

Ninon Ausländer (1895 – 1966) ist eine 14-jährige Schülerin am Humanistischen Gymnasium in Czernowitz als sie den ersten Brief an Hermann Hesse schreibt. Sie schrieb an den Verfasser des “Peter Camenzind”, ein Buch, das die Heranwachsende sehr beeindruckt hatte. Nach dem Abitur studierte sie Kunstgeschichte und Archäologie, heiratete 1918 den bekannten Karikaturisten Benedikt Fred Dolbin, der ab 1926 in Berlin für verschiedene Zeitungen arbeitete, ursprünglich aus Wien stammte und 1935 nach New York emigrierte. Das Paar trennte sich bereits 1920 wieder. Ninon hatte über die Jahre den Briefwechsel mit Hesse, der ihr auf den ersten Brief ausführlich geantwortet hatte, fortgesetzt.

Original Arbeitsplatz Hesses im „Museum Hermann Hesse“, Montagnola

Im Sommer 1922 wurde sie von ihm nach Montagnola eingeladen, das erste persönliche Zusammentreffen. Es begann eine zaghafte Annäherung der beiden bereits Ehegeschädigten. Sie lebten zunächst in “Fern-Nähe”, erprobten die Partnerschaft. Erst am 14. November 1931 wurde geheiratet. Hesse war inzwischen 54, seine dritte Ehefrau 36 Jahre alt.

Ninon blieb eine eigenständige Persönlichkeit, beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit der griechischen Antike, schrieb vielbeachtete Abhandlungen, wurde zu Kongressen eingeladen, hielt Vorträge. Sicher fand bei dem Besuch der beiden im Frühjahr 1928 in Ulm eine Begegnung mit Eugen Zeller statt. Hesse wird die Gelegenheit genutzt haben, dem Freund die Gefährtin vorzustellen. Die Kunsthistorikerin hat sich vermutlich für die Gemäldesammlung des Ulmers interessiert.

Im Jahr 1929 wurde eine Reise zu Lesungen in München und Ulm mit einer Konsultation des Augenarztes Graf von Wiser in der bayerischen Hauptstadt verbunden. Augenbeschwerden sind ein Dauerthema in Hesses Leben. Vom Militärdienst war er erstmals 1900 zurückgestellt worden. “ … beidseitiger Bügelmuskelkrampf, linkes Auge hochgeschwächt, bei hochgradiger Kurzsichtigkeit”, lautete die Diagnose. 1901 misslang eine Operation der ständig entzündeten Tränenkanäle. Hesse litt ein Leben lang an schmerzenden Augen. Nach seinem Tod fand man an die hundert Brillen in seinem Schreibtisch.

In Kürze folgt der dritte Teil von „Hermann Hesse und Ulm“, hier auf con=libri. Er trägt den Titel „Die Geige“.

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Die insgesamt drei Blog-Beiträge “Hermann Hesse und Ulm” sind die gekürzte und leicht veränderte Fassung einer umfassenderen Arbeit zu diesem Thema. Hesses “Nürnberger Reise” war für Jan Haag und Bernd Michael Köhler Anlass, sich anhand einschlägiger Literatur und anderer Quellen etwas ausführlicher mit diesem Thema zu befassen. Nach Fertigstellung wird das Ergebnis auf einer eigenen con=libri-Seite veröffentlicht. Diese Fassung wird ein Verzeichnis der verwendeten Quellen enthalten.


Hermann Hesse und Ulm. Erster Teil

29. Januar 2016

Die “Schwarze Henne“

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(Bernd Michael Köhler danke ich für seine Unterstützung bei der Material-Recherche und der Verifizierung von Quellen.)

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Es ist ein beliebter kleiner Spaziergang für Ulmer und Ulm-Besucher. Hinter dem Rathaus hinunter zum schlagseitigen Metzgerturm und auf der Stadtmauer flussabwärts. Die Herdbrücke queren und hinter dem Rosengarten und an der Adler-Bastei vorbei, wo einst Albrecht Berblinger, der “Schneider von Ulm” seinen gescheiterten Flugversuch unternahm, bis zum Gänsturm. Auf der anderen Seite des Turmdurchgangs befinden sich die Baurengasse und die “Schwarze Henne”. Damals wie heute eine beliebte ur-schwäbische Gaststätte in einem gut erhaltenen historischen Haus. Es war wohl ganz zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Hermann Hesse in der niedrigen Gaststube am massiven Holztisch mit Eugen Zeller bis zwei oder drei in der Nacht zechte. Sie mussten dann Schluss machen, weil der Wein alle war. So wird es zumindest Zeller in einem Zeitungsartikel gut 20 Jahre später darstellen.

Hesse-Orte. Orte an denen der Dichter große Teile seiner Lebenszeit verbrachte, Orte die ihn prägten, in seiner persönlichen Entwicklung eine entscheidende Rolle spielten: Calw, Maulbronn, Tübingen, Basel, Gaienhofen am Bodensee, Bern und Montagnola – vielleicht muss Zürich, wo er in einigen Jahren überwinterte, dazugezählt werden.

Hesse-Kurorte. Plätze an denen er, wenn nicht Heilung, so wenigstens Linderung körperlicher und seelischer Leiden zu finden hoffte: Baden bei Zürich, das Kurhaus Sonnmatt (heute noch in Betrieb), das Engadin im weitesten Sinne, Badenweiler im Südbadischen. Im Sanatorium Prefegier in Marin am Neuenburger See, tauchte er im Herbst 1946 für vier Monate unter, zu einer Zeit als ihm in Stockholm der Nobelpreis für Literatur überreicht werden sollte. Der Schweizer Botschafter sprach für ihn.

Und es gibt eine lange Reihe von Orten, meist Städte, in denen der Dichter sich immer wieder aufhielt. Oft nur wenige Tage und häufig im Zusammenhang mit Lesereisen. Manche dieser Städte liebte er besonders, besichtigte ihre Sehenswürdigkeiten und die vor dem Zweiten Weltkrieg noch unzerstörten historischen Innenstädte, besuchte Bekannte, Freunde, Verleger, Briefpartner. Zu diesen Städten gehörte Ulm an der Donau.

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Aufbrüche, und die damit verbundenen Abschiede, fielen Hesse nie leicht. “ … so bin ich doch ein bequemer, reise- und menschenscheuer Mann, den der Gedanke an eine Reise auf kleinen entlegenen Landbahnstrecken wenig Liebenswertes hat.” Denn “ … für einen Schriftsteller, einen stillen, wenig reisenden Dorfbewohner und Studierzimmermenschen, ist der Gedanke, daß er am zwölften des übernächsten Monats unweigerlich in dieser oder jener Stadt vorzulesen habe, unter Umständen grauenhaft.” So charakterisierte er sich im Büchlein “Die Nürnberger Reise”, von dem noch die Rede sein wird.

Im Mai 1919 wurde Montagnola im schweizerischen Tessin, auf der warmen Alpensüdseite, für Hermann Hesse zur dauerhaften Heimat. Dass sein Verhältnis zum Reisen stets ambivalent war, erfahren wir am Ende der “Nürnberger Reise”: “ … jetzt ging es wieder zurück in den Käfig, in die Kälte, in die Verbannung. Nun ja, das Blatt wehrt sich im Wind und muß doch hin, wo er es haben will. Wohin werde ich jetzt fahren? Um wieviele Tage wird es mir glücken, die Heimkehr zu verzögern? Vermutlich werde ich noch lange reisen, vielleicht den ganzen Winter, vielleicht das ganze Leben.”

Die unwillkommenen “Umstände” ließen sich nicht vermeiden. Vor 1933 war Hesse eine vielgefragte Persönlichkeit in Deutschland. Institutionen und Honoratioren luden ein, Leser erwarteten ihn, der Verlag hatte seine absatzfördernden Vorstellungen. Schweren Herzens brach er auf, ging für Tage und Wochen auf gründlich vorab geplante Tourneen durch deutsche Städte. Obwohl die Aufenthalte in den einzelnen Orten meist kurz waren, versuchte er die Pflichten nach Möglichkeit mit persönlichen Interessen und Neigungen zu verbinden. Ihm lag besonders daran Freunde und Bekannte zu treffen, sich mit ihnen auszutauschen – mit vielen pflegte er langjährige Briefwechsel -, und daran Stätten der Kindheit und Jugend wiederzusehen.

Ulm war sehr oft Station auf seinen Reiserouten. Dass er die ehemalige freie Reichsstadt bereits in jungen Jahren, also noch im 19. Jahrhundert zum ersten Mal sah, kann vermutet werden. Eindeutige Nachweise finden sich jedoch nur für Aufenthalte nach der Jahrhundertwende. Der Turm des Ulmer Münsters, mit dessen Bau bereits ab 1392 nach Plänen des Ulrich von Ensingen begonnen worden war, bekam seine endgültige Form und Höhe im Jahr 1890. Mit 161 Metern wurde er zum höchsten Kirchturm der Welt und übertraf den Kölner Dom um reichlich drei Meter. Dass der 1877 geborene Hesse das Münster vor der Fertigstellung des Turms gesehen hat, ist eher unwahrscheinlich.

Auf einen frühen Besuch in der Donaustadt könnte eine Passage in einem Brief vom 27. August 1898 an Helene Voigt hinweisen. “Stuttgart und Tübingen, auch Ulm, haben einiges Interessante … “. Die norddeutsche, zwei Jahre ältere Gutshof-Tochter war wohl eine der ersten Bewunderer des angehenden Dichters und eine der ersten die dies in einem Bewunderungsbrief zum Ausruck brachte: “Ach was sagt man, wenn jemand mit ein paar Worten eine Saite in uns berührt hat, die nun lange, lange nachschwingt”, schrieb sie am 22. November 1897 nach Tübingen. Es entspann sich ein Briefwechsel mit sanft erotischen Anklängen (sie hatte ihm ein Bild von sich geschickt!). Als “fremd-bekannte Freundin” bezeichnet er sie und kokettiert: “Ich bin so wenig an Freundschaft und Freundlichkeit gewöhnt.” Die aparte Jungfer heiratete alsbald den Verleger Diederichs und lebte später als Helene Voigt-Diederichs in Leipzig und Jena.

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„Romantische Lieder“ – erste Ausgabe. Mit handschriftlicher Widmung: „Das war meine allererste Publikation!“

1899 brachte der Jung-Autor beim Kommissionsverlag Edgar Pierson, Dresden und Leipzig, die Lyriksammlung “Romantische Lieder” heraus, die sich schlecht bis gar nicht verkaufte. Seine erste Zusammenstellung kleiner Prosastücke nannte er “Eine Stunde hinter Mitternacht”. Sie konnte mit Unterstützung der ihm so gewogenen, doch unerreichbaren Dame ein Jahr später bei Eugen Diederichs erscheinen. Von der Auflage von 600 Exemplaren verkauften sich in einem Jahr 53 Stück.

Mit ernsthaften literarischen Versuchen begann Hermann Hesse während seiner Buchhändler-Lehre bei Heckenhauer in Tübingen. Ab Oktober 1895 bis September 1898 lernte er beim damaligen Inhaber Carl August Sonnewald, arbeitete anschließend in der Buchhandlung und wechselte dann in die Antiquariats-Abteilung. In dem Gebäude der Buchhandlung, gegenüber der Stiftskirche, sind heute ein Antiquariat gleichen Namens und das “Hesse-Kabinett” zu finden, das sich den literarisch-biographischen Wurzeln des Dichters widmet. Aus der Lehrzeit sind noch Regale und Buchbestände im Original erhalten. Den in Tübingen erlernten Beruf übte der angehende Schriftsteller von 1899 bis 1903 in einem Basler Antiquariat aus.

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Hesse besaß weder Auto, noch Führerschein. Er bewegte sich mit der Eisenbahn fort. Ulm war deshalb für ihn ein immer wiederkehrender Umsteige-Bahnhof. Dort endeten Linien, die vom Bodensee, aus Stuttgart oder aus Bayern kamen. Wer weiter wollte, musste den Zug wechseln. 1900 erschien “Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher”, vom Autor einem verstorbenen Freund zugeschriebene Skizzen, Betrachtungen und Tagebuch-Aufzeichnungen, die von Hesse selbst stammten.

Im Frühsommer 1901 blieb er auf dem Weg nach München für drei Tage in Ulm. Er traf am 22. Juni ein und besuchte u. a. seinen Halbbruder Karl Isenberg, der zu dieser Zeit als Hilfslehrer in Ulm, später als Gymnasialprofessor in Ellwangen und Ludwigsburg tätig war. Karl, 1869 im heutigen Pakistan geboren (er starb 1937 in Ludwigsburg), war der Sohn von Charles Isenberg und der mit diesem in erster Ehe verheirateten Marie, geb. Gundert (1842–1902). Marie heiratet später den Indien-Missionar Johannes Hesse (1847–1916) – die beiden waren die Eltern des Dichters.

Am 20. Januar 1901 hatte das Ehepaar Elisabeth und Karl Isenberg einen Sohn bekommen, der nach dem Vater benannt wurde. Im Juni hat Hermann Hesse seinen Neffen zum ersten Mal gesehen. Dieser starb als Sanitätsoffizier 1945 an der Ostfront. Im Tagebuch gibt es die Eintragung “Reise nach Ulm”. Dort heißt es: “Fahrt nach Ulm. Calw ab 11.35 Uhr. Ich traf Karl, Lis und Kind wohl. Ulm eine behagliche, bürgerlich stattliche Stadt, vom Münster beherrscht.”

Viele Jahre später sollte dieser Karl Isenberg junior zur literarischen Vorlage für den Carlo Ferromonte (Ferromonte = Eisenberg = Isenberg) im “Glasperlenspiel” werden. “Knecht nennt Ferromonte im ersten dieser Briefe einen Spezialisten und Kenner in der Musik der reichen Ornamentik, der Verzierung, Triller etc. … “ Nicht ganz so durchgängig, aber ähnlich wie Thomas Mann, hat Hesse Personen aus dem privaten Umfeld zu Figuren seiner Romane und Erzählungen gemacht.

1902, Hesse lebte und arbeitete in Basel, wurde ihm eine Stelle als Assistent im Leipziger Buchgewerbemuseum angeboten. Er lehnte ab. Leipzig war ihm zu nördlich, dort wächst kein Wein. Unbekannte Großstädte kamen für ihn nicht in Frage. Am liebsten würde er “sein Leben in entlegenen italienischen Nestern verbringen, große Wanderungen machen und mich dem ganzen Schwindel unseres modernen Lebens gründlich und behaglich fern fühlen.” Die Empfindungen seines Peter Camenzind sind durchaus die eigenen. Das Buch entstand in diesem Jahr, nach dem Tod der Mutter, mitten in einem Tal der Depressionen, Unschlüssigkeiten, Zukunftsängste.

Zu Ulm hat Hesse im Laufe der Jahre eine etwas intensivere Bindung entwickelt. Er liebte das alte Stadtbild, das imposante Münster mit seiner himmelstrebenden Gotik und inneren Details wie dem prächtigen Chorgestühl des Söflinger Kunstschreiners Jörg Syrlin. 1952, zum 75. Geburtstag, wird ihm das Land Baden-Württemberg eine spätgotische Ulmer Madonna überbringen. 20 Jahre später machen sie die Söhne dem Deutschen Literaturarchiv der Deutschen Schillergesellschaft in Marbach zum Geschenk.

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Ulm um 1910

Eine entscheidende Rolle spielten natürlich die zahlreichen persönlichen Beziehungen in die Stadt. Darunter die fast lebenslange zu Eugen Zeller. Sie begann irgendwann um 1900 und endete erst mit dem Tod des Ulmers. Das nahe Blaubeuren, wo der Maulbronner Schulgenosse Wilhelm Häcker am evangelischen Seminar lehrte, darf man da geistig-geographisch getrost eingemeinden. Sehr oft war er auch in Blaubeuren, wenn er Ulm besuchte und umgekehrt. Vielleicht gehörten beide zu den Städten, durch die er im Traum ging. Das waren für Hesse jene, die ihm nahe, Besuch und Aufenthalt jederzeit wert waren.

Im Februar 1903 gab Hermann Hesse den Beruf eines Buchhändlers und Antiquars auf. Von nun an wollte er ausschließlich Schriftsteller sein. 1904 fand wieder ein Ulm-Besuch statt. Ein für Hesse bedeutendes Jahr, ein Jahr der Weichenstellungen. Nach den ersten, wenig beachteten Veröffentlichungen, war mit “Peter Camenzind” der Durchbruch gelungen. Zu literarischer Anerkennung durch die etablierte Kritik und größerer Leser-Resonanz, kam der überraschende pekuniäre Erfolg. Nachdem der Verleger Samuel Fischer die Veröffentlichung des Manuskriptes zugesagt hatte, legte sich Hesse in einem Brief an den Vater fest: “Ein berühmter Verleger hat mein letztes Manuskript, einen kleinen Roman, gekauft … Falls bis etwa in Jahresfrist der Erfolg ausbleibt, werde ich im Buchhandel eine ordentliche Stelle suchen.”

Ein Schicksal, das ihm erspart blieb. Das Buch erschien am 15. Februar 1904 und schlug sofort ein. Im April hielt sich der Autor für drei Wochen in München auf und lernte seinen Verleger persönlich kennen. Samuel Fischer machte das neue Mitglied in der illustren Verlags-Familie u. a. mit Thomas Mann bekannt.

Hermann Hesse im Jahr 1905. Zeichnung von Ernst Würtenberger.

Auch die Romanfigur Peter Camenzind zieht es gelegentlich nach Ulm: “In Frankfurt beschloß ich, mir noch ein paar Reisetage zu gönnen. In Aschaffenburg, Nürnberg, München und Ulm genoß ich mit neuer Lust die Werke der alten Kunst … “ Und Hesse selbst? Im Brief an Alexander von Bernus, für dessen Zeitschrift “Die Freistatt” Hesse geschrieben hatte, erfahren wir: “Ich nahm neulich noch 1 ½ Tage in Ulm Aufenthalt, das ich sehr liebe.”

Seinen schwäbischen Landsmann und älteren Dichterkollegen Christian Wagner hat er dabei knapp verpasst, er las Ende April in Ulm, während eines mehrwöchigen Aufenthalts in der Stadt. Die Lesungen fanden im Gasthof “Vom goldenen Hecht” und im “König von Württemberg” statt. Wagner schwärmte regelrecht: “Im Hause des Herrn Straßenbaumeisters Strobel (Ensingerstraße 19) fand ich über die ganze Zeit meines Aufenthaltes, zwei bis drei Wochen lang, die gastlichste Aufnahme. Täglich erhielt ich Einladungen von den ersten Autoritäten der Stadt: Oberbürgermeister Wagner, Rektor Neuffer, Generalarzt Burk, Professor Zeller … zu Gastmahlen und Ausflügen. Schöne Tage in Ulm!”

Bei dem von Wagner hier erwähnten Professor Zeller, handelte es sich um den Tischgenossen und späteren Lebens-Freund aus der “Schwarzen Henne”. Von ihm soll im dritten Teil von “Hermann Hesse und Ulm” etwas ausführlicher die Rede sein. Diese Freundschaft wird, außer bei einigen, meist kurzen, persönlichen Treffen, hauptsächlich in Form eines intensiven Briefwechsels gepflegt. “Im Jahre 1904 habe ich Sie zum ersten Mal gesehen … “, schrieb Zeller in einem Brief zu Hesses 70. Geburtstag, Juli 1947. Ob das zutrifft, ist nicht ganz sicher. Vielleicht kannten sie sich längst. Jedenfalls bat 1904 der Autor den Ulmer Lehrer und Literaturfreund um eine Rezension des frisch erschienenen “Peter Camenzind.”

Im selben Jahr heiratete Hesse Maria Bernoulli, die erste selbständige Fotografen-Meisterin der Schweiz. Das Paar zog nach Gaienhofen am westlichen Bodensee. 1905, 1909 und 1911 kamen die Söhne Bruno, Heiner und Martin zur Welt.

In Kürze folgt der zweite Teil von „Hermann Hesse und Ulm“, hier auf con=libri. Er trägt den Titel „Die Nürnberger Reise“.

 


Literaturwoche Ulm. Die Dritte.

26. Juni 2015

Mit Tex Rubinowitz, Arno Schmidt, mehreren unabhängigen Verlegern, einem literarischen Glücksspiel und noch viel mehr.

Eindrücke von meinen ganz persönlichen Höhepunkten.

Die Literaturwoche Ulm ist gelungener Gegenentwurf zu kommerziellen “Literatur-Festivals”, die ausschließlich auf prominente Namen und aktuelle Bestseller-Titel setzen. Der Nische, dem Besonderen wird hier Bühne und Forum geboten. Dabei schließen sich Anspruch und Zuspruch keineswegs aus. Es kommen Menschen zusammen, die an ernsthaftem, deshalb nicht weniger unterhaltsamen Austausch über Literatur, Autoren, Verlage und den Buchhandel interessiert sind. Zudem ist es den Verantwortlichen gelungen ein Angebot mit einem sehr breiten Spektrum verschiedenster Ausdrucksformen auf die Beine zu stellen. Ein reizvolles Konzept mit Zukunft.

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“Mein Vater war ein echter Kotzbrocken.” Der sommerzeitlich helle Abend des 9. Juni. Ein Dienstag. Beim Blick durch die Giebelfenster des Saals ist der ergraute Sandstein des gotischen Kirchenschiffs fast unheimlich nah. Das Ulmer Münster in seiner ganzen Größe und Dominanz. Erster Gastgeber der 3. Literaturwoche Ulm war die traditionsreiche Museumsgesellschaft. Präsentiert wurde der Zeichner, Autor und – wie sich alsbald herausstellte – begnadete Alleinunterhalter Tex Rubinowitz.

Im Publikum viele Mitglieder und Menschen aus dem Umfeld der Museumsgesellschaft, die vielleicht in erster Linie gekommen waren um den Wahl-Wiener als Mann des spitzen Stiftes hautnah zu erleben. Das Zeichnen ist durchaus sein Haupt-Handwerk, wie er selbst betonte. “Witzzeichnungen”, sein bevorzugtes Genre. Mentoren waren Robert Gernhardt und F. K. Waechter. Es ist diese Frankfurter Schule, zu deren Organen u. a. die Satirezeitschriften Pardon und Titanic gehörten, die seinen Stil geprägt hat. Die oft tierischen Figuren sind Karikaturen, brüchig, skizzenhaft, perfekt unperfekt zu Papier gebracht. Häufig ergänzt durch komikartige Sprechblasen mit knappen satirischen Aussagen.

22465208Das führt zum schreibenden Tex Rubinowitz. Mit einem kurzen, pointierten Text, der auf eigenen “Jugenderlebnissen” basiert, gewann er im Sommer 2014 den ersten Preis beim Salzburger Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Der Verlag, bzw. dessen Lektor (so strikt der nunmehr zum Schriftsteller geadelte die Legende), habe ihn überredet, die gelungene Kurzgeschichte mit weiteren Anekdoten zum Roman auszubauen. Nicht unbedingt die allerbeste Idee. “Irma”, das Erzählwerk, das daraus entstand, wird wahrscheinlich nicht in die Literaturgeschichte eingehen. Rubinowitz weiß das selbst und las deshalb nur widerstrebend und spärlich daraus vor. Etwas mehr dafür aus seinen Listenbüchern. Sammelsurien, literarische Grenzgebiete, die Titel tragen wie “Die sieben Plurale von Rhabarber.” Der wiederholten Bitte des Moderators Florian L. Arnold, aus seinen Reiseerlebnissen (“Rumgurken. Reisen ohne Plan, aber mit Ziel”) zu lesen, kam er demonstrativ nicht nach.

Den größten Teil des Abends bestritt er lieber, auf einem Stuhl stehend, mit kabaretistischen Bruchstücken. Ein stets auf Pointen zusteuerndes, gestikulierend unterstreichendes Erzählen, von biographischen Erlebnissen geprägt, mit der etwas holprigen Vortragsweise geschickt koketierend. Das Publikum ist gespalten. Manche hatten anderes erwartet, viele waren jedoch sehr angetan, fühlten sich gut unterhalten. Ein origineller, sperriger, gerade dadurch im Gedächtnis bleibender, gelungener Auftakt zur Literaturwoche Ulm 2015.

“Und nun auf, zum Postauto”.  11. Juni. Ein stimmungsvoller Sommerabend in der Buchhandlung Jastram am historischen Judenhof. Vor den mit Büchern prall gefüllten Holzregalen waren die allerletzten improvisierten Sitzgelegenheit besetzt, die Stehplätze ebenfalls vergeben. Nein, Zettel’s Traum, dieses sperrige Groß- und Spätwerk Arno Schmidts, muss man nicht gelesen haben um Gefallen an der Lektüre seiner Briefe zu finden. Literarisch sind das zwei völlig unterschiedliche Disziplinen. Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach lasen aus dem hochwertig gestalteten Band, der über 150 Briefe des Dichters an Freunde und Verleger, Mutter und Schwester, versammelt. Die beiden haben das Buch herausgegeben, und es ist ein besonderes Erlebnis, wenn man die Gelegenheit hat sie daraus lesen zu hören.

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Fischer und Rauschenbach arbeiten seit vielen Jahren für die von Jan Philip Reemtsma unterstützte Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld. Mit ihrer tiefen Kenntnis des Werks, der Persönlichkeit des Autors und seinem Umfeld, verstehen sie es hervorragend den Zuhörern die sprachliche Kraft, den oft wütenden Witz und die ironische Schärfe Schmidts nahe zu bringen. Es sind spannende Zeitdokumente, die viel über Schriftstellerei und Verlegerei im Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vermitteln. Und nicht zuletzt wurde in dieser Lesung, die in eine anregende Gesprächsrunde mit den vortragenden Experten mündete, die Bedeutung und der Reiz einer traditionsreichen Literaturgattung deutlich, die vom Aussterben bedroht ist. So wie Arno Schmidt, müsste man Briefe schreiben können, wenn man noch Briefe schriebe.

Montag, 15. Juni, der Tag an dem Harry Rowohlt starb. Als den besten Buchladen Irlands, bezeichnete er einst “Kenny’s Bookshop” in der Westküstenstadt Galway. Leider hat der schon vor einigen Jahren seinen letzten Joyce, Beckett und O’Connor verkauft. Die Vermutung liegt nahe, dass die in Irland fehlende Buchpreisbindung zum Ende beigetragen hat. Auf die Bedeutung dieses kulturpolitischen Instruments wiesen Jörg Sundermeier und Stefan Weidle hin. Sundermeier hat den Berliner Verbrecher-Verlag mitbegründet. Weidle leitet den nach ihm benannten Verlag in Bonn. Wenn das Buch zur reinen Ware wird, wenn Titel auf der Basis von Profit-Centern kalkuliert werden, wenn sich globale Wachstumsmanien wie TTIP und Co. durchsetzen sollten, hat für viele unabhängige Verlage und Buchhandlungen das letzte Stündchen geschlagen.

An diesem Abend im Gewächshaus des Botanischen Gartens der Universität Ulm ging es vorrangig um die Arbeit und aktuelle Situation der unabhängigen Verlage. Die Interessen dieser meist kleineren, selbstständigen, nicht zu größeren Unternehmen gehörigen Häuser, vertritt die Kurt-Wolff-Stiftung. Stefan Weidle gehörte bis letztes Jahr dem Vorstand an, Jörg Sundermeier ist aktuell in diesem Gremium vertreten. Alljährlich auf der Leipziger Buchmesse vergibt die Stiftung den Kurt-Wolff-Preis und einen Förderpreis an zwei unabhängige Verlage. In diesem Jahr wurden der Berliner Berenberg Verlag und die Connewitzer Verlagsbuchhandlung, nach einem Leipziger Stadtteil benannt, ausgezeichnet.

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Jörg Sundermeier (links) und Stefan Weidle

Dem Publikum wurde unterm regennassen Glasdach des Gewächshauses, neben Kübelpalme und Pflanztisch, eine informative Gesprächs- und Diskussionsrunde mit zwei auskunftsfreudigen Verleger-Persönlichkeiten geboten. Angereichert mit allerhand Geschichten und Geschichtchen rund um das Verlegerhandwerk und die Schriftstellerei. Zur Freude der an diesem Thema Interessierten, die den Weg auf den Eselsberg gefunden hatten, nahmen sich die beiden schließlich noch die Zeit aus Werken “ihrer” Autoren zu lesen.

Weidle, der besonders die Literatur der 1910er- und 1920er-Jahre liebt und verlegt, las eine Passage aus “Donner überm Meer” von Heinrich Hauser (1901 – 1955), einem Autor von großer sprachlicher Kraft, der heute fast vergessen ist und bei Weidle bereits vor einigen Jahren neu aufgelegt wurde. Bei dieser Gelegenheit empfahl Florian L. Arnold, der durch den Abend führte, wärmstens den im Verlag 1998 neu aufgelegten Roman “Berlin ohne Juden” von Artur Landsberger. Eine prophetische, 1922 erstmals erschienene Utopie, die auf beklemmende Weise die historische Entwicklung belletristisch vorwegnahm. Der 1876 in Berlin geborene Landsberger nahm sich angesichts der realen Entwicklung in Deutschland 1933 das Leben.

Jörg Sundermeier las u. a. aus “Bodentiefe Fenster” von Anke Stelling. Ein Roman über zeitgeistige Familienkonstellationen und Lebensformen rund um die derzeit angesagtesten Berliner Quartiere, in dem zwischen den Zeilen herrlich beißender Spott durchklingt. Stelling, die am deutschen Literaturinstitut in Leipzig studierte, wurde 1971 in Ulm geboren. Sundermeier warb außerdem für eines seiner Lieblings- und gleichzeitig Großprojekte: Die auf sieben Bände angelegte Roman-Enzyklopädie des Niederländers J.J. Voskuil über das Büroleben des wissenschaftlichen Angestellten Maarten Koning. Dessen Erzählweise ist so betont realitätsnah, dass ein durchgehend ironischer Unterton entsteht. Im Original liegt das Werk – in den Niederlanden ein Bestseller – längst abgeschlossen vor. Der Autor verstarb 2008. Auf Deutsch gibt es den ersten Band “Das Büro” bei C. H. Beck und Band 2 “Schmutzige Hände” ist im Verbrecher Verlag erschienen, der nach und nach die weiteren Bände herausbringen wird.

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In Ulm haben wir das Glück noch durch mehrere Buchhandlungen streunen zu können. (Gerade in diesen Wochen werden es allerdings zwei weniger.) Eine der besten, gut sortiertesten und wahrscheinlich schönsten, ist die Kulturbuchhandlung Jastram. Inhaber Samy Wiltschek und Mitarbeiter Rasmus Schöll haben zusammen mit dem federführenden Florian L. Arnold, die Literaturwoche Ulm organisiert (s. a. Link im Anhang). Die Büchertische zu den jeweiligen Veranstaltungen hat ebenfalls das Jastram-Team zusammengestellt.

“Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt,” erkannte schon unser Friedrich “Fritz” Schiller. Ganz in seinem Sinne ging es an einem regnerischen 18. Juni beim LiteralottoSpezial im lauschigen Manufaktur-Café Animo am Karlsplatz zu. Heiteres Raten rund um bekannte Dichternamen sorgte für lebhafte Stimmung bei spritzigen und stillen Drinks. Eingebetet war das Ratespiel in eine Art Talk-Runde. Teilnehmer, neben den Moderatoren Florian L. Arnold und Rasmus Schöll, die Augsburger Bloggerin (Schätze und Sätze – s. Anhang) Birgit Böllinger, der Verleger Markus Hablizel und der bestens aufgelegte Kunstpädagoge, Schriftsteller und Selbstverleger Josef Feistle, dessen markantes Erzähltalent in dieser animierten Athmosphäre besonders gut ankam.

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Man konnte glauben, der Bullerofen, der dem originellen ehemaligen Ladenraum im Winter die nötige Wärme spendet, wäre eingeheizt, so wohl temperiert war das Lokal an diesem Abend. Doch die Hitze verbreiteten einige Scheinwerfer, die das Podium und die Teilnehmer an der Gesprächsrunde ins rechte Licht setzten. Zahlreiche Bücher wurden im Laufe des Abends besprochen, angesprochen, vorgestellt. Josef Feistle trug aus seinen Reiseschilderungen vor, Markus Hablizel humoristisch Kleinformatiges des schriftstellerischen Workaholic Dietmar Dath. Und Birgit Böllinger, die auf ihrem Blog viel über amerikanische Literatur bringt, las aus Steven Blooms “Das positivste Wort der englischen Sprache”, was, wie wir seit James Joyce wissen, das zustimmende “Yes” ist.

Aus diesen und all den anderen Büchern, die in kurzweiligen zwei Stunden vorkamen, hatte eine dreiköpfige Jury das beste, interessanteste, auffälligste, am besten präsentierte, zu wählen. “Das Buch des Abends” sozusagen. Einigermaßen unerwartet wurde es der autobiographische Roman “Ein springender Brunnen” von Martin Walser. Josef Feistle hatte so begeistert über Autor und Werk gesprochen, so überzeugend erläutert, dass es durchaus möglich ist die heutige Schülergeneration für diese Lektüre zu begeistern, dass die Wahl des Siegers rasch und einmütig ausfiel.

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„Mein Kapital ist der Idealismus“, lautet das eigenwillige Finanzierungsmodell mit dem Barbara Miklaw ihren Mirabilis-Verlag nebenberuflich betreibt. Charmanterweise ist dieser weder in Berlin oder Frankfurt am Main, ja nicht einmal in München, sondern im kleinen Klipphausen-Miltitz nahe Dresden beheimatet. 26. Juni. Abklingendes Azorenhoch. Die diesjährige Literaturwoche Ulm begann neben einer Kirche. Sie endete in einer Kirche. In der im Krieg schwer beschädigten und später zum vielseitigen „Haus der Begegnung“ (HdB) umgestalteten ehemaligen Dreifaltigkeitskirche. Bei Mirabilis ist eine Novelle von Florian L. Arnold erschienen, der erneut rhetorisch gekonnt und gut informiert durch den Abend führte. Sie trägt den Titel „Ein ungeheuerlicher Satz“ und ist ganz bestimmt die passende Lektüre für die Zeit nach den spannenden Abenden mit vielen schönen, interessanten Büchern, mutigen Verlegern und engagierten Buchhändlern.

EN_009783981492590Peter Handke mit Handkamera ist auf der Mirabilis-Veröffentlichung „Der Geruch der Filme. Peter Handke und das Kino“ von Lothar Struck zu sehen. Das Foto hat Dieter Sander gemacht, Toningenieur, Kameramann, Fotograf, der u. a. für den WDR gearbeitet hat, viel in der Welt unterwegs war und in Paris Fritz Picard kennenlernte, der aus dem Südbadischen stammte und in Paris seit Anfang der 1950er Jahre das Antiquariat Calligrammes betrieb. Ein beliebter Treffpunkt von Literaten und anderen Intellektuellen in der französischen Hauptstadt. In seinem Buch „Fritz Picard. Ein Leben zwischen Hesse und Lenin“ zeichnet Dieter Sander den Lebensweg dieses außergewöhnlichen Menschen nach. Es basiert auf Gesprächen, die der Autor mit Picard führte und aufzeichnete.

Die Lesung daraus stand im Mittelpunkt des letzten Abends der Literaturwoche Ulm 2015. Geschildert wird Kultur- und insbesondere Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts quasi durch die Hintertür. Die vielen Begegnungen und Freundschaften Picards mit bedeutenden Künstlern und Literaten ergeben ein farbiges, anekdotenreiches Panorama. Else Lasker-Schüer und Annette Kolb, Erich Mühsam und Walter Mehring sind ebenso vertreten wie Max Liebermann, Erich Kästner und – eher am Rande – eben Hermann Hesse und Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Die musikalischen Akzente am Blüthner-Flügel setzte Johanna Sander.

Soviel aus ganz persönlicher Perspektive über eine Literaturwoche die 17 Tage dauerte. Ich habe die eine oder andere Veranstaltung mehr besucht, und das bunte, vielfältige Programm war noch einmal umfangreicher. Ganz unter den Tisch fallen lassen musste ich leider die tollen Ausstellungen. Meine Berichterstattung sprengt bereits die Dimensionen, die ein Blog verträgt. Im Anhang sind nun einige Links zu finden, die zu weiteren Infos rund um diese großartige 3. Literaturwoche Ulm führen. Außerdem bibliographische Angaben zu Büchern die hier erwähnt wurden. Und damit beginnt die Vorfreude auf die 4. Literaturwoche 2016.

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Die Links

Literaturwoche Ulm (2015)

http://www.arno-schmidt-stiftung.de/

http://www.kurt-wolff-stiftung.de/

http://saetzeundschaetze.com/

(Die im Text vorkommenden Verlage sind natürlich alle im Netz präsent (mit Ausnahme von Josef Feistle) und unschwer zu finden.)

Die Bücher

Rubinowitz, Tex: Irma. – Rowohlt, 2015. Euro 18,95

Rubinowitz, Tex: Die sieben Plurale von Rhabarber. – rororo, 2013. Euro 8,99

Schmidt, Arno: „Und nun auf, zum Postauto!“ Briefe von Arno Schmidt. Herausgegeben von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach. – Suhrkamp, 2013. Euro 29

Hauser, Heinrich: Donner überm Meer. Roman. – Weidle 2001. Euro 19

Landsberger, Artur: Berlin ohne Juden. Roman. – Weidle, 1998. Euro 19

Stelling, Anke: Bodentiefe Fenster. Roman. – Verbrecher Verlag, 2015. Euro 19

Voskuil, J. J.: Das Büro: Direktor Beerta. – C. H. Beck, 2012. Euro 25

Voskuil, J. J.: Das Büro: Schmutzige Hände. – Verbrecher Verlag, 2014. Euro 29

Voskuil, J. J.: Das Büro. Weitere fünf Bände erscheinen nach und nach im Verbrecher Verlag.

Dath, Dietmar: Eisenmäuse. – Hablizel, 2010. Kleinbroschur Euro 4,90

Dath, Dietmar: Venus siegt. Roman. – Hablizel, 2015. Euro 23,90

Bloom, Steven: Das positivste Wort der englischen Sprache. Roman. – Wallstein Verlag, 2015. Euro 17,90

Feistle, Josef: U. a. Über das Meer. Mit dem Schiff nach Amerika; Russland: Ein Reisebericht; Inselgeschichten: Über England, Schottland und Irland; Über die Berge: Zu Fuß nach Venedig (Selbstverlegte Veröffentlichungen, die in den üblichen Verzeichnissen nicht nachgewiesen sind. Jastram kann weiterhelfen oder eine Anfrage beim Autor (Hauptstraße 16, 89264 Weißenhorn))

Walser, Martin: Ein springender Brunnen. Roman. – Suhrkamp Verlag, 2000. Taschenbuch-Ausgabe Euro 12

Arnold, Florian L.: Ein ungeheuerlicher Satz. Novelle. – Mirabilis-Verlag, 2015. Broschiert Euro 14,90

Sander, Dieter: Fritz Picard. Ein Leben zwischen Hesse und Lenin. – Mirabilis-Verlag, 2014. Euro 16,80


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