„Toggle“

Der erste Roman von Florian Felix Weyh ist erschienen

Der erste Roman Florian Felix Weyhs handelt von dem nur wenig fiktiven, titelgebenden Internet-Konzern, dem ebenfalls nah an der Wirklichkeit erfundenen sozialen Netzwerk “Myface” und einem aus Neapel stammenden kleinwüchsigen Denker, Schriftsteller, Diplomaten und Wüstling namens Ferdinando Galiani. Dieser Galiani war zudem noch Geistlicher und begleitete das Amt eines Abbé von San Lorenzo im Bistum Centola. Einige Jahre hielt er sich als Gesandter des Königreichs Sizilien im absolutistischen Paris des Ludwig des XV. auf. Der Roman, der bis auf die historischen Einschübe über Leben, Wirken und Sterben des Galiani, in der Gegenwart oder allernächsten Zukunft spielt, ist zu unser aller Verblüffung im Verlag Galiani zu Berlin erschienen.

Ferdinando Galiani, 1728 - 1787

Mit spannender und temporeicher Handlung gelingt dem Autor ein realitätsnaher Blick auf interne Strukturen, Funktionsweise und unternehmerische Ziele zweier marktführender, exemplarischer Unternehmen, die es so nur geben kann, weil es das Internet gibt, und dessen Allgegenwart und jederzeitige Verfügbarkeit so selbstverständlich geworden sind wie vor nicht allzu langer Zeit der Zigarettenautomat an der nächsten Hausecke und die gelbe Telefonzelle gegenüber.

Beim Versuch der Daten-Kraken über die wirtschaftliche Macht hinaus auch soziale und politische Dominanz anzustreben, werden die über 250 Jahre alten Ideen des Abbé Galiani wiederentdeckt, deren Umsetzung einen tiefgreifenden Wandel der heute vorherrschenden gesellschaftlichen Realitäten zur Folge hätte. Zentraler Gedanke Galianis ist dabei eine quasi individuelle Stimmgewichtung bei Abstimmungen. Dabei führen Intelligenz und konforme Verhaltensmuster zu einer höheren Gewichtung, moralisches und gesellschaftliches Fehlverhalten, sowie Minderbegabung zu einer geringeren. Die Einführung eines solchen Modells würde zu einem Verzicht auf eine der fundamentalen Errungenschaften unseres heutigen Demokratie-Verständnisses führen: “one man, one vote.”

Im Mittelpunkt des umfangreichen Buches steht der vom Radiologen zum Leiter der Personalabteilung von “Toggle-Deutschland” mutierte Nikolaus Holzwanger. Durch einen tragischen, aber wohl nicht ganz zufälligen Todesfall, rückt er zum bundesdeutschen Chef des hyperglobalen Suchmaschinen-Imperiums auf. Das geschieht während er damit beschäftigt ist eine Konferenz mit Mitgliedern eines Intelliglenzer-Netzwerks, dem pikanterweise auch seine Frau angehört, im bayerischen Oberland zu organisieren und durchzuführen. Die IQ-Monster sollen eine Folgenabschätzung für den Fall vornehmen, dass es gelingt das Galliani-Modell tatsächlich anzuwenden. Doch die Kongress-Teilnehmer können sich auf keinerlei gemeinsame Aussage verständigen; sie verfolgen vielmehr jeweils höchst eigenwillige individuelle Interessen. Das hat ebenso fatale Auswirkungen, wie der Versuch eines russischen Oligarchen die beiden Netz-Markführer “Toggle” und “Myface” unter seine Kapitalmehrheit und Generaldirektion zu zwingen.

Florian Felix Weyh als Moderator auf dem Erlanger Poetenfest. Foto: Don Manfredo

Florian Felix Weyh wurde im westlich von Köln gelegenen Düren geboren und lebt seit vielen Jahren als freier Publizist und Schriftsteller in Berlin. Prägende Kinder- und Jugendjahre verbrachte er in Ulm an der Donau, in einem ausgesprochen buch- und bibliotheksaffinen Umfeld, das in seinem Buch die eine oder andere Spur hinterlassen hat. Er ist regelmäßiger Mitarbeiter beim Deutschlandradio und schrieb Theatertexte und Hörspiele. Außerdem stammen von ihm eine Reihe scharfsinnig feinsprachlicher Essays, auch solche umfangreicher Art, wie der zuletzt als Buch veröffentlichte “Die letzte Wahl”. “Toggle” ist sein erster Versuch mit Fiktion in epischer Breite. Man kann ihn wohl als nahezu gelungen bezeichnen.

Es lohnt noch ein kleiner Exkurs. Bemerkenswert ist nämlich, dass wir auch bei der Lektüre von “Toggle” immer wieder einmal mit dem politischen Essayisten F. F. Weyh konfrontiert werden. In einem Gespräch mit dem “Börsenblatt des deutschen Buchhandels” sagte er vor Kurzem auf die Frage, was er überbewertet findet: “Den vermeintlichen Beitrag politischer Parteien an Frieden, Freiheit und Wohlstand. Wir würden staunen, wie gut es ohne sie ginge.” Eine Aussage die uns nicht mehr an Zufall glauben lässt, dass im Roman das “originelle” Demokratie-Modell von Galiani eine so wichtige Rolle spielt. Es ist aber auch ein Hinweis darauf, dass dieses Buch nur für politisch gereifte Leser geeignet ist. Zu groß wäre für naivere Geister die Gefahr Kritik an unserer heutigen Demokratieform mit Demokratie-Ablehnung zu verwechseln.

Wir dürfen uns darüber freuen, dass Weyh auch in diesem erzählenden Format und auf dem Gebiet der belletristischen Spannungs-Literatur, einige merk-würdige, zum skeptischen Verweilen und intensiven Nachdenken anregende Sätze und Gedanken gelingen: “Müll ist Materie am falschen Ort” sinniert etwa einer seiner Protagonisten”. Und ein “Nobelpreisträger” konfrontiert uns mit der nicht ganz banalen Erkenntnis: “Man sieht Daten nicht an, wie alt sie sind. Büchern schon.”

Fazit: Weyh, Toggle – why?

Weil es bisher wenig unterhaltende Literatur in deutscher Sprache zu diesen Themenfeldern gibt und der vorliegende Roman darüber hinaus ein interessanter Diskussionsanstoß sein kann. Er böte reichlich Gesprächsstoff für belesen gesellige Runden. Es ist über weite Strecken ein echtes Lesevergnügen auf nicht alltäglichem Niveau mit kleineren Schwächen. Im zweiten Teil wird das Geschehen etwas kurzatmig und hippelig vorangetrieben und das Ende der Geschichte imponiert dann mit leicht reißerischen Passagen. Da Weyh bisher ein sehr kontrastreiches Programm vorgelegt hat, darf man auf die zukünftige Entwicklung dieses Autors auf jeden Fall gespannt sein.

Weyh, Florian Felix: Toggle. Roman. – Berlin : Galiani, 2011. Euro 19,99

Mai 1960

Die Gruppe 47 in Ulm

Der zweite Teil

1959 war der Roman “Die Blechtrommel” erschienen und hatte für einige Aufregung und manch frische Brise im schwarzbraunen Mief der schon viel zu lang anhaltenden Nachkriegszeit Dreizonen-Deutschlands gesorgt. Aus heutiger Sicht eines der wichtigsten und bedeutensten deutschsprachigen Werke des 20. Jahrhunderts. Der Autor Günter Grass hatte bis dahin nur etwas Lyrik veröffentlicht, einige Jahre in Paris gelebt und hauptsächlich als Bildhauer gearbeitet. Seine umfangreiche, voller Fabulierlust erzählte Geschichte löste nach dem Erscheinen allerhand Turbulenzen in einer Gesellschaft aus, die langsam zu einem bescheidenen Wohstand kam und es sich unter der Dauerkanzlerschaft des rheinischen Gemütsmenschen Adenauer behaglich gemacht hatte.

Aufgrund einiger saftig bildhafter Passagen wurden Buch und Autor die Verbreitung von Geschmacklosigkeiten, von Pornographie und Blasphemie vorgeworfen. Damit hatten sich Schriftsteller in den 1950er Jahren immer wieder einmal auseinanderzusetzen. Arno Schmidt, der mit seiner “Seelandschaft mit Pocahontas” auch davon betroffen war, wechselte deshalb sogar den Wohnsitz, verließ mehr oder weniger freiwillig das erzkatholische Kastel an der Saar. Als selbsternannte Moralinstanzen traten vor allem katholische Oberhirten und spezielle konservative Kreise auf. Im Mai 1960 nahm Günter Grass an der Hörspiel-Tagung der Gruppe 47 in Ulm teil.

Inge Aicher-Scholl nutzte ihre Kontakte und lud den Schriftsteller zu einer Lesung in das im Zentrum der Stadt gelegene, traditionsreiche Schwörhaus ein. Günter Grass las am Samstag-Abend, den 28. Mai. Das zahlreich erschienene Ulmer Publikum nahm den umstrittenen Jungautor freundlich auf. Die lokale Presse schrieb über den Auftritt des markanten Danzigers in Ulm: “Er trug seinen literarischen Schatz in einer winzigen Reisetasche von der Art, wie sie deutsche Landärzte um die Jahrhundertwende benützt hatten, zum Lesepult, verbeugte sich verbindlich lächelnd und sah ein wenig aus wie Guareschi und Georges Brassens.”

Günter Grass las einige Gedichte und aus der “Blechtrommel” die Kapitel “Das Kartenhaus” und “Brausepulver”, ein Kapitel von besonderem literarisch-erotischen Reiz. “Da saß ein Epiker von Format, ein unbefangener Kraftprotz, der ein verwöhntes Publikum in Bann schlagen konnte, mit seinen Geschichten, mit seiner Sprache”, schrieb die Schwäbische Donauzeitung. Man möchte ergänzen: Und mit seiner Vortragsweise, seiner Performance, wie man heute vielleicht sagen würde. Wer in den letzten Jahren Gelegenheit hatte eine Grass-Lesung zu erleben, konnte feststellen, dass die Schilderung von 1960 auch heute noch fast unverändert zutrifft.

Über zwei weitere Teilnehmer des Ulmer Treffens der Gruppe 47 kann Interessantes berichtet werden.

Das Ulmer Schwörhaus, in dem heute das Stadtarchiv untergebracht ist.

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Friedrich Knilli promovierte 1959 mit einer experimentalpsychologischen Untersuchung des Hörspiels und verfasste ein Buch mit dem Titel “Das Hörspiel. Mittel und Möglichkeiten eines totalen Schallspiels”, das bald als Standardwerk galt. Er gehörte später zu den Mitbegründern des “Literarischen Colloquiums Berlin” und war Professor für Literatur- und Medienwissenschaften an der Technischen Universität Berlin, ein ausgezeichneter Kenner von Leben und Werk Lion Feuchtwangers, der sich schwerpunktmäßig unter anderem mit der Darstellung der Juden in den Medien beschäftigte. Knilli vertrat in Fragen der Hörspiel-Theorie eine Gegenposition zur Hamburger Linie Heinz Schwitzkes, für den das “Wortspiel” im Vordergrund stand und befürchtete seinerseits eine “Verwortung des Hörspiels.” Er setzte stärker auf Inszenierung und dramaturgische Effekte.

Unterstützt wurde Friedrich Knilli in seiner Position während der Ulmer Tage von einem Germanisten aus Nürnberg, der zur Tagung als Hans Schwerte angemeldet war, und der sich in Gesprächen gerne über die Nazi-Vergangenheit des NDR-Hörspiel-Chefs Schwitzke ausließ. Schwerte hatte in Erlangen studiert und promoviert und wurde 1965 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der RWTH Aachen, von 1970 bis 1973 war er ihr Rektor und wurde dem linksliberalen Flügel der Professorenschaft zugerechnet. Er erhielt das Bundesverdienstkreuz und den belgischen Orden “Officier de L’Ordre de la Couronne.”

In den 1990er Jahren verdichteten sich Gerüchte, dass Schwerte nicht der war als der er sich ausgab. Recherchen des niederländischen Fernsehens und der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule enthüllten schließlich Schwertes ursprünglichen Namen: Hans Werner Schneider, geboren 1909 in Königsberg. Seit 1933 war dieser Schneider in NS-Organisationen aktiv gewesen, ab 1937 gehörte er der SS an, in der er verschiedene Führungspositionen begleitete und u. a. auch in den besetzten Niederlanden arbeitete.

Kurz nach Kriegsende hatte Schneider sich mit Hilfe seiner “Witwe” für tot erklären lassen und den Namen Hans Schwerte angenommen, der einem vermutlich im Krieg gefallenen Soldaten gehört hatte. So konnte er eine scheinbar makellose akademische Karriere absolvieren. Schwerte/Schneider, der sich unter dem Druck der Ermittlungen schließlich selbst angezeigt hatte, wurde in der Folge der Professoren-Titel aberkannt. Er verlor alle Pensions-Ansprüche und das Bundesverdienstkreuz. 1960, bei seinen Auftritten auf dem Ulmer Kuhberg, war er ein allseits geschätzter Wissenschaftler, Hörspiel-Fachmann und Gesprächspartner gewesen.

Es gibt einen wunderbaren Bildband über die Treffen der Gruppe 47 (Köln, 1997). Die Fotos hat Toni Richter gemacht, die Frau Hans Werner Richters. Einerseits geben die Schwarzweiß-Aufnahmen einen lebendigen Eindruck von Ort und Athmosphäre jeder einzelnen Veranstaltung; gleichzeitig wirken sie jedoch unglaublich nostalgisch – im wahrsten Sinne wie aus einem anderen Zeitalter. Das außerordentliche Treffen, die Hörspieltagung im Mai 1960 in Ulm, ist in dem Buch mit fünf Bildern vertreten. Auf einem davon sieht man eine kleine Gruppe auf der großen nach Süden ausgerichteten Terasse des HfG-Komplexes in intensive Gespräch vertieft: Dieter Wellershoff, Franz Schonauer, Walter Hasenclever, Hans Werner und Toni Richter. Es ist ein besonders schöner Platz. Von hier blickt man auch heute noch über das tiefer liegende Donautal in Richtung der an Föhntagen in der Ferne sichtbaren Alpenkette.

1960 waren die Nachwirkungen der Nazi-Jahre in Deutschland noch nicht gänzlich überwunden, wie wir oben gesehen haben. Aber auch in Europa war der braune Spuk noch nicht zu Ende. In Spanien beherrschte seit 1939 der faschistische Diktator Francisco Franco das Land und das blieb so bis zu seinem Tod im Jahre 1975. Bevor man Ulm wieder verließ, verfassten und verabschiedeten  die Schriftsteller und Schriftstellerinnen eine gemeinsame Petition, in der sie sich für Journalisten und Publizisten in Spanien einsetzten, die unter diesen spätfaschistischen Verhältnissen zu leiden hatten. Das nächste reguläre Treffen der Gruppe 47 fand im November 1960 im Rathaus von Aschaffenburg statt. Es wurden 150 Personen eingeladen, darunter 16 neue Autoren und Autorinnen; 25 lasen aus ihren unveröffentlichten Werken. Günter Eich, der in Ulm zu jenen gehört hatte die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen, musste unter dem materiellen Druck der ihn zu allerhand Brot-Arbeit zwang und nach zahlreichen Reisen und Lesungen wegen “totaler Erschöpfung” absagen.

Auf der Blog-Seite „da capo“ finden Sie ein Zitat Hans Werner Richters zum Selbstverständnis der Gruppe 47.

In diesem Blog werde ich gelegentlich auch über andere Treffen der Gruppe 47 im süddeutschen Raum berichten.

Mai 1960

Die Gruppe 47 in Ulm

Der erste Teil

Die Ulmer Hochschule für Gestaltung wird für immer als eine ganz besondere Bildungseinrichtung in Erinnerung bleiben. Der Gebäudekomplex, den sie bei ihrer Gründung 1955 bezog, war von dem Schweizer Architekten und Mitbegründer der Hochschule, Max Bill im Bauhausstil als industrielles Serienprodukt (Plattenbau) geplant und errichtet worden. Unscheinbar und harmonisch fügen sich auch heute noch die einzelnen Trakte in den sanften Hang des Hochsträß. Etwas außerhalb der Stadt auf dem Kuhberg gelegen, war die HfG von Anfang gleichermaßen Fortschrittsmotor wie skandalumwehter Sammelpunkt kreativ liberaler Geister. 1968 wurde sie auf Druck der baden-württembergischen CDU-Regierung und mit zustimmender Genugtuung weiter Kreise der Ulmer Stadtgesellschaft abgewickelt.

Das letzte Wochenende im Mai 1960 war für die ehemalige freie Reichsstadt Ulm an der Donau von großer Bedeutung – sie bekam ihre zweite Hochschule. Im großen Ratssaal fand die feierliche Eröffnung einer Ingenierschule durch den damaligen Kultusminister Storz statt. Eine Bildungsstätte die sich mit realen, greif- und begreifbaren Gegenständen beschäftigte, fand in der Stadt sofort wesentlich mehr Anklang als das eher abstrakte und theoretische Wirken der Hochschule für Gestaltung. Dass dort durchaus bahnbrechende, Jahrzehnte nachwirkende Ideen, Entwürfe und Produkte entstanden, wurde den meisten Skeptikern erst klar, als diese Aera schon wieder vorbei war. Die Ingenieurschmiede aber wurde 1971 zur Fachhochschule und inzwischen im Rahmen der Bologna-Prozesse zur Hochschule veredelt.

Während im historischen Rathaus der Donaustadt von den Honoratioren des Landes und der Stadt auf den Bildungs-Meilenstein angestoßen wurde, fand am selben Wochenende eine andere, ebenfalls äußerst prominent besetzte Zusammenkunft statt. Im Bill-Bau der HfG traf sich die Gruppe 47 ab Donnerstag den 26. Mai und bis Sonntag den 29. Mai zu einer Hörspieltagung. 80 Schriftsteller, Autoren, Journalisten und Kulturschaffende waren dazu angereist.

Die Gruppe 47, das von Hans Werner Richter begründete Schriftstellertreffen, wurde in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik etwa zweimal jährlich einberufen. Die letzte reguläre Tagung fand 1967 statt. “Eigentlich ist die Gruppe gar keine Gruppe. Sie nennt sich nur so.” (H. W. Richter) Diese Gruppe, die keine Gruppe war, nie aus einem festen Teilnehmerkreis bestand, hat die literarische Landschaft des Nachkriegsdeutschland wesentlich mit geprägt und ihre weitere Entwicklung nachhaltig beeinflußt. Was im Mai 1960 in Ulm stattfand war ein Treffen außerhalb des üblichen Rhythmus und eine Tagung, die sich ein enges und spezielles Themenspektrum gewählt hatte: Sie war ganz und ausschließlich dem Hörspiel gewidmet. Aus diesem Sonderstatus erklärt sich zum Teil die schlechte Quellenlage. Es existieren nur wenige verwertbare Zeugnisse und Dokumente zu diesem Ereignis.

1960 hatte die Medienform des Hörspiels ihren Bedeutungshöhepunkt und den Gipfel des Publikumszuspruchs schon leicht überschritten. Die Konkurrenz des noch jungen Fernsehens und des zunehmend beliebten Fernsehspiels wurde stärker. In den Jahren zuvor waren einige wichtige Werke im Genre Hörspiel entstanden, die auch jederzeit höheren literarischen Ansprüchen genügten. Prägend wurde bei der Aufnahmepraxis die „Hamburger Hörspieldramaturgie“ unter Heinz Schwitzke der auch den Begriff des “Wortkunstwerks” prägte. Südwestfunk und Süddeutscher Rundfunkt waren Rundfunksender die Hörspiel, Hörbild und Hör-Essays in ihren Programmen besonders pflegten. Damit trugen sie nicht zuletzt wesentlich zur Verbesserung der Einkommenssituation des einen oder anderen Schriftstellers bei. 1960 gab es in allen deutschen Rundfunkanstalten etwa 300 Termine für Hörspielsendungen. An der Veranstaltung in Ulm nahmen u. a. teil: Alfred Andersch, Wolfgang Hildesheimer und Günter Wellershoff, Ruth Rehmann, Walter Hasenclever und Franz Schonauer, der Regisseur Peter Schulze-Rohr, der Großkritiker Marcel Reich-Ranicki, der Medienwissenschaftler Friedrich Knilli, sowie Günter Eich und Ilse Aichinger.

Günter Eich studierte Sinologie und arbeitete ab 1932 als freier Schriftsteller. Seine Schwerpunkte waren die Lyrik und eben das Hörspiel, wie zum Beispiel das 1951 erstgesendete “Träume” oder “Das Mädchen von Viterbo” (1953). “Wie alle großen Schriftsteller hat Eich sich eine Grundform geschaffen, an deren Vervollkommnung er arbeitet”, schrieb Walter Jens über Eich und sein Verhältnis zum Hörspiel. Man zählte ihn zu den Wegbereitern des “literarischen Hörspiels”. Doch dieser Begriff wurde immer wieder in Frage gestellt. So auch bei der Tagung auf dem Ulmer Kuhberg. Die örtliche Zeitung resümierte sogar: “Das literarische Hörspiel gibt es noch nicht.” Man war generell auf der Suche nach neuen literarischen Ausdrucksformen, hielt die traditionellen Gattungen für überholt. Eine Entwicklung, die aus heutiger Sicht, eher im Sande verlief.

Seit 1953 war Günter Eich mit Ilse Aichinger verheiratet. Ilse Aichinger als Tochter einer jüdischen Ärztin und eines Lehrers in Wien geboren, wurde katholisch getauft. Die Familie war der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt; Ilses Großmutter und die jüngeren Geschwister der Mutter wurden 1942 deportiert und ermordet. Die Zwillingsschwester floh im Juli 1939 mit einem der letzten Jugendtransporte nach England. Ilse Aichingerr selbst und ihre Mutter blieben unter schwierigen Umständen in Wien. Ilse absolvierte zwar erfolgreich das Gymnasium, bekam aber als Halbjüdin keinen Studienplatz. Erst nach Kriegsende konnte sie ein Medizinstudium beginnen, das sie jedoch nach fünf Semestern abbrach, um ihren ersten Roman zu schreiben.

Die österreichische Schriftstellerin stieß früh zur Gruppe 47, zu deren Gründungsmitgliedern ihr späterer Mann Günter Eich gehörte. 1948 war ihr Roman “Die größere Hoffnung” erschienen. Aichingers wichtigsten Hörspiele waren “Knöpfe” (1953), das auch dramatisiert wurde und “Weiße Chrysanthemen”, mehr ein Hörtext als ein szenisches Hörspiel. Ilse Aichinger warnte vor einer radikalisierten Sprachkritik, wie sie u. a. auch von der Abteilung Information der Ulmer HfG betrieben wurde, die der Naturwissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller Max Bense aufgebaut hatte. In ihrem Essay “Meine Sprache und ich” schrieb Aichinger dazu: “Meine Sprache und ich, wir reden nicht miteinander, wir haben uns nichts zu sagen.” Anfang der 50er Jahre hatte sie zeitweilig bei Inge Aicher-Scholl an der Ulmer Volkshochschule gearbeitet. Inge Aichers Mann, der bekannte Graphiker und Designer Otl Aicher war maßgeblich am Aufbau der Hochschule für Gestaltung beteiligt. Diese Verbindungen waren es wohl, die die Teilnehmer der Hörspieltagung im Mai 1960 ausgerechnet nach Ulm führten.

In Ulm wurden Arbeiten von Teilnehmer der Tagung, aber auch von Autoren die nicht nach Ulm gekommen waren, präsentiert – durch Vortrag oder das Abspielen von Tonbändern; einige Aufnahmen wurden vom Rundfunk-Übertragungswagen eingespielt. Dabei war Neues und Altes, Rohfassungen ebenso, wie fertige Inszenierungen. Da es die Quellenlage unmöglich macht eine komplette Teilnehmerliste der Tagung zu erstellen, ist aus heutiger Sicht nicht mehr eindeutig zu klären, welche Werke vor Ort von ihren Autoren vorgestellt und welche von fremder Stimme gelesen oder von Band eingespielt wurden.

Hier eine kleine Auswahl der am letzten Maiwochende 1960 vorgestellten Werke: Das schon erwähnte Dreipersonen-Stück “Weiße Chrysanthemen” Ilse Aichingers und “Albino” von Alfred Andersch, der lange für Hessischen und Süddeutschen Rundfunk gearbeitet hatte, seit 1958 aber im Tessin lebte, weil er mit der gesellschaftlichen Entwicklung im Adenauer-Deutschland nicht einverstanden war. Von Günter Eich eine alte und eine neue Fassung von “Der Tiger Jussuf”; von Alfred Döblins “Berlin Alexanderplatz” eine Hörspielfassung. Der “Schützengraben-Dialog” des israelischen Aktivisten und Schriftstellers Ben-Gavriel, der 1891 als Eugen Hoeflich in Wien zur Welt gekommen war, wurde ebenso heftig diskutiert wie Wolfgang Hildesheimers böse Komödie “Herrn Walsers Raben”.

Vom Polen Zbigniew Herbert, der hauptsächlich als Lyriker bekannt wurde, gab es “Das Zimmer” und von Eugène Ionesco, dem Großmeister des absurden Theaters, den “Automobil-Salon”. Von Paul Kruntorad, der aus dem Tschechischen stammte und in Österreich als Publizist wirkte, “Das Hobby”; von der viele Jahre später auch als Grünen-Politikerin auftretenden Ruth Rehmann Partien aus “Ein ruhiges Haus” und von Dieter Wellershoff Passagen aus “Der Minotaurus”. Wellershoff erfuhr vor drei Jahren mit seinem erfolgreichen Roman “Der Himmel ist kein Ort” noch einmal späte Anerkennung.

Die Sitzungen dauerten bis weit in die Nacht, dabei wurde kräftig geraucht und reichlich gezecht. Zur nicht immer nur ernsthaften Runde gehörte damals bereits ein 33-jähriger Bildhauer, der neuerdings auch als Schriftsteller vernehmbar von sich reden machte und bis heute bei vielen gesellschaftlichen, politischen und literarischen Anlässen mit seinen meinungsstarken Wortmeldungen nicht wegzudenken ist: Günter Grass.

Dazu mehr im zweiten Teil und in Kürze an dieser Stelle.

Johannes Schweikles “Fallwind”

Ein Roman über die Ereignisse rund um den skandalösen 31. Mai 1811 in Ulm

Was wird nicht Alles gefeiert? Große Töchter und Söhne, Männer und Frauen einer Stadt oder des Erdkreises. Die Jungfernfahrt eines Kreuzfahrtschiffes. Der Erstflug einer neuen Großraum-Maschine. Jubiläen allerorten, runde und eckige. In der kleinen bayerischen, etwas unscheinbaren Gemeinde Neu-Ulm, wurde vor Kurzem krachend deftig und bierschäumend, das 200-jährige Bestehen begangen. Nebenan hingegen – oder besser gegenüber – auf württembergischer Seite, in der auf fünf Hügeln gelegenen Donau- und Universitätsstadt Ulm, feiert man ein ganzes Jahr lang nichts weniger als einen Absturz.

Es war am 31. Mai 1811. Nach langen Vorarbeiten, gründlicher Planung, zahlreichen Testflügen auf einem dieser Ulmer Hügel, wurde es für den Schneidermeister Albrecht Ludwig Berblinger ernst. Man drängte ihn, nachdem der König von Württemberg schon wieder abgereist, sein Bruder, Herzog Heinrich, jedoch noch in der Stadt war und weil er es selbst so in Aussicht gestellt hatte, „seinen ersten öffentlichen Versuch mit seiner Flugmaschine, wenn die Witterung günstig ist“, zu unternehmen. Doch über der kalten Donau gab es keine warmen Aufwinde, wie bei den Probeflüge am Michelsberg, sondern nur tückischen Fallwind. Als er beim Absprung von der Adlerbastei zögerte, wurde nachgeholfen und er fiel fast senkrecht in die Donau. Fischer zogen ihn in einen Kahn, die Bürger lohnten mit Spott, das Leben des bis dahin erfolgreichen Handwerkers lief aus der Bahn.

Längst ist aus den Ereignissen Geschichte geworden und aus dem Schicksal des armen Berblinger ergiebiger und spannender Erzählstoff. Schon vor hundert Jahren gab dieser dem Landwirt und Schriftsteller Max Eyth Gelegenheit ein Tausend-Seiten-Werk zu verfassen, Bert Brecht hat darüber gedichtet, vor drei Jahrzehnten der inzwischen berühmte Edgar Reitz den Stoff zum Film verdichtet, ein Musical für junge Darsteller und Sänger wird immer wieder gerne aufgeführt. Und die jüngste künstlerisch gestaltete Interpretation der Ereignisse vor zweihundert Jahren ist ein kurzweilig lesenswertes Buch das dieses Frühjahr bei Klöpfer und Meyer erschienen ist. Geschrieben hat es Johannes Schweikle, ein erfahrener Journalist der ansonsten Essays und Berichte aus fernen Ländern für ZEIT, GEO und Merian abliefert.

Schweikle macht den Leser gründlich mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund vertraut und schildert eindrucksvoll die Alltagswelt einer Stadt im frühen 19. Jahrhundert mit ihren Regeln und Standesunterschieden, den Tagesabläufen der Menschen, aber auch all dem Dreck, Unrat, der mangelnden Hygiene und den vielen Stunden Dunkelheit in den schmalen Straßen und engen Gassen. Er schreibt flott, kurzweilig, streckenweise im Stil von Reportagen, der die weit zurückliegenden Ereignisse für einige Lese-Momente wie gegenwärtig erscheinen lässt.

Über Albrechts Vorhaben erfahren wir aus verschiedenen Perspektiven. Der Autor läßt zunächst die etwas genervte Ehefrau Anna Berblinger zu Wort kommen. Sie weiß zwar von den gelungenen Flugversuchen ist aber nicht einverstanden mit dem Treiben ihres Gatten: “Weil ich einen Mann will. Und keinen komischen Vogel.” Außerdem ist sie eifersüchtig, unterstellt dem Herrn und Schneidermeister, dass er Anproben bei Damen der Gesellschaft zu mehr nutzt als dem erlaubten Maßnehmen.

Der Schneider selbst war sich seiner Sache zunächst ja sehr sicher. Am Michelsberg war alles gut gegangen: “Nach ein paar Schritten habe ich den Wind gespürt … Mein erster Flug ging über zwei Apfelbäume. Schwebend überwindet die Luftfahrt alle Hindernisse.” Vom gescheiterten Versuch lässt Johannes Schweikle den Bürger Martin Baldinger in seinem Tagebuch berichten: “Eine stumme Fassungslosigkeit legte sich über alles Volk. Niemand wusste diesen Fall zu deuten. Die Hoffnung auf das Neue war dahin.” Schließlich kommt noch der Augenzeuge Jacques Schwenk zu Wort. Er gehört zu den Schadenfreudigen, von denen es nach dem Scheitern viele gab: “Der Schneider hat sich mit Haut  und Haar blamiert. Warum ist er nicht bei seiner Elle geblieben.”

Wenn uns Geschichte und Scheitern des Albrecht Ludwig Berblinger etwas lehren, dann nicht zuletzt die Tatsache, dass, wären Frauen und Männer ihm nachfolgender Generationen bei ihren “Ellen” geblieben, zumindest der schwäbische Teil der Menschheit heute noch in den Höhlen des nahe Ulm gelegenen Lonetals leben würde. Ohne Utopien, ohne Visionäre, die in Kauf nehmen zu Außenseitern gestempelt zu werden, ist nunmal kein Fortschritt denkbar. Johannes Schweikle plädiert deshalb in seinem Buch für einen Verkannten. Auch stellvertretend für viele andere Tüftler, Originale, Schrate, die es nicht in Romane oder Geschichtsbücher geschafft haben. Die nicht zur  Legende werden durften.

“Diese Geschichte balanciert zwischen der Realität des Historikers und der Wahrheit des Erzählers”, schreibt Schweikle in seinen Nachbemerkungen. Man kann das Buch deshalb – und je weiter entfernt von Ulm darin gelesen wird, um so leichter – auch als belletristische Lektüre mit einigem Anspruch verstehen. Man muss daraus nicht unbedingt lernen, darf sich vielmehr einfach nur gut unterhalten lassen. Der Schneider von Ulm, der Albrecht Ludwig Berblinger, hat von all den Feierlichkeiten und viel zu späten Anerkennungen ohnehin nichts mehr. Zu seiner Zeit erging es ihm nicht gut. Von den Zeitgenossen fallengelassen, starb er verarmt und am Rande der Gesellschaft an einem kalten Januar-Tag des Jahres 1829 in seiner Heimatstadt.

Johannes Schweikle ist nicht nur dieses Buch gelungen, er fand auch den richtigen Verlag dafür. Denn was bei Klöper und Meyer erscheint ist stets ausgesprochen ansehnlich. Papier und Bindung, Gestaltung und Ausstattung sind die sprichwörtliche Augenweide.

Dieser Tage erschien vom Autor ein ausführlicher Artikel in „KONTEXT:WOCHENZEITUNG“ zu Fall und Person Berblinger. Man kann diesen gut als Begleitmaterial zum Buch verwenden, als hinführendes Vorwort verstehen oder nach der Lektüre als resümierendes Nachwort lesen. Zu finden ist er online:
KONTEXT:WOCHENZEITUNG
sowie gedruckt in der kontext-Beilage der „taz.die tageszeitung“ vom 28./29. Mai 2011.

Schweikle, Johannes: Fallwind. Vom Absturz des Albrecht Ludwig Berblinger. Roman. – Klöpfer & Meyer, 2011. Euro 18,90

Exklusiv: Das war 2011!

So. Rum! MMXI

Literatur*Orte*Spuren mit einem ersten Jahresrückblick

Ende letzten Jahres wurden der Internet-Plattform „RikySeeks“  Informationen aus führenden Rundfunk- und Fernseh-Anstalten Deutschlands zugespielt, die erkennen ließen, dass die neuesten Jahres-Rückblicke, Ausstrahlung geplant für den Frühherbst 2011, bereits als Roh-Manuskripte existieren. „RikySeeks“ konnte an Kopien gelangen, die demnächst auf der Website www.rikyseeks.net als Faksimile der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Literatur*Orte*Spuren veröffentlicht schon heute erste Auszüge.

Januar. Die Neujahrsbotschaft des us-amerikanischen Präsidenten Barack Obama, in der dieser seinen Rücktritt zum Ende des Monats ankündigte, ging in Deutschland fast unter. Tagelang standen Meldungen über die Insolvenz der Fussballvereine TSV 1860 München und SSV Ulm 1846 im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Beide Traditions-Clubs wurden mangels Masse rückwirkend zum 1.1.2011 aufgelöst. Die Mannschaften wurden aus den jeweiligen Staffeln genommen, ihre Ergebnisse annuliert. In München erlitt der bekannte Kabarettist und 60er-Fan Ottfried Fischer einen Schwächeanfall. Der ebenfalls nicht ganz unbekannte Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner kommentierte die Vorkommnisse: „Jetzt isch a Rua.“ Nicht klar wurde, auf welches Ereignis er sich damit bezog.

Februar. Seit Mitte November hielt das nahezu stabile Winterwetter an, und auch der Februar 2011 verlief kalt und schneereich. Kaputte Straßen und die vielen Einsätze der Winterdienste strapazierten die klammen Kassen der Kommunen zusätzlich. Allerorten wurde über mögliche Sparmaßnahmen nachgedacht. Und natürlich standen die Bibliotheken wieder einmal ganz oben auf den meisten Listen. Doch es gab auf diesem darbenden Kultursektor auch positive Nachrichten. In Freilassung wurde auf private Initiative und mit Unterstützung der Stadt eine Bibliothek der Gedichte gegründet. Sie wird in einem ehemaligen Bahnwärter-Häuschen am Inn eingerichtet. Freilassing ist die deutsche Nachbarstadt der österreichischen Festspielstadt Salzburg, in der am 3. Februar 1887 Georg Trakl geboren wurde. Es ist geplant die Einrichtung nach dem großen, aber im kurzen Leben sehr unglücklichen, Dichter zu benennen. „Ein Brunnen singt“, lautet das Motto, unter dem das ambitionierte Unternehmen steht und das Trakls Gedicht „Musik im Mirabell“ entstammt.

März. Zur Buchmesse in Leipzig erschien die gesetzte Neuausgabe von Arno Schmidts „Zettel’s Traum“ als E-Book. Im Rahmen einer speziell für dieses Projekt geschlossenen Partnerschaft von Suhrkamp, der Arno-Schmidt-Gesellschaft (Bargfeld) und Apple, ist die elektronische Version des gedruckt 1536 starken Buches nur auf dem neuen I-PO zu bekommen. Das Modell wird dem Werk und den Intensionen des Autors durch sein ungewöhnliches Format (35,8 x 27,4 Cent-I-Meter) in hervorragender Weise gerecht. Der I-PO ist selbstverständlich mit einem hochauflösenden Tatsch-Screen ausgestattet.

April. Bei Bodengrabungen im Lonetal nahe Ulm, entdeckten Forscher der Universität Tübingen Spuren einer bisher unbekannten Frühkultur. Diese allerersten Siedler im damals noch breiteren Flusstal der schwäbischen Alb, verfügten offensichtlich bereits über erstaunliche Kulturtechniken. So wurden Tontafeln mit eingeritzten Zeichen gefunden, die darauf hindeuten, dass der Lonetal-Mensch ein Rechensystem verwendete, das auf den Zeichen 0 und I aufgebaut war. Für genauere Analysen wurden Kryptographen der Universität Ulm herangezogen. Die Tübinger Archäologen haben erste Erkenntnisse über diese „ostschwäbische Digital-Kultur“, wie sie vorläufig genannt wird, inzwischen publiziert. (AJA, 114, pp 557-561, doi: 10.3764/aja.114.3.557)

Mai. Einzelne Medienberichte über den 100. Geburtstag Max Frischs stießen auf wenig Interesse. Im Mittelpunkt stand einmal mehr der Fussball. Nach zahlreichen zweiten Plätzen in verschiedenen Wettbewerben, wurde Bayer Leverkusen erstmals deutscher Fussball-Meister, vor Dortmund und Mainz. Der VfB Stuttgart stieg als Tabellenletzter aus der Fußball-Bundesliga ab. Manager Fredi Bobic erklärte seinen Rücktritt. In einer gemeinsamen Erklärung von Vorstand und Trainer, der auch in der zweiten Liga Bruno Labbadia sein wird, hieß es: „Der Verein strebt den sofortigen Wiederaufstieg an.“ Bayern München wurde Drittletzter. In zwei spannenden Relegationsspielen konnte sich der Rekordmeister gegen den fränkischen Rivalen von Greuther Fürth durchsetzen und den Klassenerhalt sichern. Nur fünf Tage später gewann der FC Bayern das Champions-League-Finale in London gegen die überraschend ins Endspiel gelangte Mannschaft des FC Kopenhagen.

Juni. Das auswärtige Amt in Berlin riet jungen Frauen für diesen Sommer dringend von Aufenthalten in Italien ab. Nach der Einführung einer Audienzpflicht für deutsche Frauen bei Ministerpräsident Berlusconi wurde empfohlen, in der bevorstehenden Urlaubszeit andere Reiseziele zu wählen. Über mögliche Altersober- oder -untergrenzen in diesem Zusammenhang machte Günther Jauch, der Sprecher des neuen Außenministers und Vizekanzlers vonundzu Guttenberg, keine Angaben.

Juli. Die erfolgreiche Tatort-Reihe der ARD wurde überraschend abgesetzt. Nach über vierzig Jahren war im Sommer Dreh-Schluss. Aus diesem Anlass fand eine große finale Party in Ludwigshafen statt. Alle noch aktiven Kommissare und Kommissarinnen, Ermittler und Rechtsmediziner, sowie viele Ehemalige, feierten gemeinsam am Rhein-Ufer. Die Kölner hatten einen Curry-Wurst-Stand aufgestellt, die Münchener Kommissare steuerten einige Fässer bestes bayerisches Exportbier bei und Axel Milberg, alias Borowski, brachte aus Kiel frischgeräucherte Sprotten. Bis zum nächsten Morgen wurde gefeiert, gezecht und in Erinnerungen geschwelgt. (Zwei Tage später, am 17. Juli, wurde in Frankfurt das Finale der Frauen-WM im Fussball ausgetragen … zwischen Nigeria und Australien! Endstand: 1 : 2) Die allerletzte Tatort-Folge wurde dann Mitte Oktober gesendet. Sie trägt den Titel „Taxi aus Leipzig.“

August. Auf geht’s! Das Müchener Oktoberfest fand dieses Jahr erstmals bereits im August statt. Schweißgebadet sprach OB Uhde nach ungewöhnlichen 11 Schlägen das traditionelle “ozapft is!”. Anschließend wurde das neue Team des FC Bayern München präsentiert. Mannschaftsführer Bastian Schweinsteiger versprach unter dem tosenden Beifall der stammwürzig erhitzten Menge, in dieser Saison die Meisterschale wieder nach München zu holen. Dem schloss sich der neue Trainer Thomas Tuchel an und ergänzte, dass natürlich auch der Champions-League Titel erneut gewonnen werden soll. Die Begeisterung im überfüllten Zelt war grenzenlos. Spontan und gemeinsam stimmte man den traditionellen Spider-Murphy-Song „Schickeria“ an und stemmte die Maßkrüge gen Zelthimmel.

September. Früher Wintereinbruch in Deutschland. In Castrop-Rauxel und Buxtehude brach die Fernwärmeversorgung, in Leipzig und Zwickau der Straßen- und in München, Berlin und Hamburg der S-Bahn-Verkehr zusammen. Erste Testfahrten auf der Neubau-Strecke der Bahn zwischen Wendlingen und Ulm, die für die zweite Monatshälfte mit einer Draisine geplant waren, wurden aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Oktober. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde wie jedes Jahr, so auch 2011, einmal mehr der endgültige Durchbruch des E-Book gefeiert. Zugelassen waren in diesem Jahr nur Aussteller, die mindestens einen Titel in einer elektronischen Reader-Version anbieten konnten. Den diesjährigen Deutschen Buchpreis erhielt Oliver Bendel für seinen neuen Handy-Roman „Handygirl – Part III“. In diesem Teil spielt unsere Freundin Liza in einem Theaterstück mit. „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind. Kathi sitzt auf der Ersatzbank und Handygirl hat eine neue Aufgabe als Superheldin.

November. Im Print-Bereich machten in diesem Herbst gleich zwei Publikationen außerordentlich Furore und erfreuten die zuletzt nicht verwöhnte Buch-Branche mit stattlichen Extra-Umsätzen. Gefeiert und in ganz Deutschland bestens verkauft, wurde das neue Buch von Uwe Tellkamp. „Im Sturm“ erzählt, wie einmal zu DDR-Zeiten der ganze Stadtteil Weißer Hirsch durch einen Schneesturm vom Rest Dresdens abgeschnitten war. Den Bewohnern des Nobel-Viertels wurde daraufhin ähnlich langweilig, wie den Lesern von Tellkamps Werken. Für Schlagzeilen sorgte auch Hape Kerkeling mit seinem neuesten Verkaufserfolg “Ich bin wieder da!”. Innerhalb weniger Tage war die Erstauflage von 1 Million Exemplaren verkauft. BILD hatte Auszüge vorab veröffentlicht und seine verkaufte Auflage damit ebenfalls beträchtlich steigern können. Til Schweiger hat die Filmrechte erworben. Für die Titelrolle ist Nora Tschirner vorgesehen.

Dezember. Erstmals fanden zu Beginn des Monats die „Freilassinger-Lyrik-Tage“ in der „Georg-Trakl-Bibliothek“ statt. Aus ihren Werken lasen, neben einigen vielversprechenden jungen Talenten, die bekannten Dichter Michael Lenz, Jan Wagner und Morten Söndergaard.

Geschenk-Renner unter deutschen Weihnachtsbäumen im zu Ende gehenden Jahr 2011: Der E-Book-Reader von ALDI. Auf dem Modell „Weimar“ sind Goethe und Schiller vorinstalliert.

Maria Müller-Gögler

Eine oberschwäbische Schriftstellerin

Drei Frauen mit dem für die Region nicht untypischen Vornamen Maria sind im 20. Jahrhundert in der literarischen Landschaft Oberschwaben auf sehr unterschiedliche Weise hervorgetreten. Die stille, religiös-mysthisch dichtende Maria Menz fand mit ihren – meist in Mundart verfassten – Gedichten, naturgemäß nur ein begrenztes Publikum; ihr gedrucktes Werk ist inzwischen schwer zu bekommen. Im Heimatort Oberessendorf erinnert nur noch der Grabstein an sie. Maria Beig schreibt spröde eindrucksvolle Prosa. Mit „Rabenkrächzen“ und ihrem im letzten Jahr erschienen „Lebenslauf“ erreichte sie auch ein breiteres Publikum und fand Beachtung bei den Kritikern namhafter Medien. Bei Klöpfer und Meyer ist zum 90. Geburtstag der Autorin ein fünfbändiges Gesamtwerk in attraktiver Ausstattung erschienen. Die dritte Maria – und von der soll an dieser Stelle etwas ausführlicher die Rede sein – hieß Müller-Gögler und war die vielseitigste dieser drei Schriftstellerinnen.

Das verlegerische Gesellenstück, das der spätere Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld abzuliefern hatte, als er im Ulmer Aegis-Verlag unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sein Handwerk erlernte, war ein Bändchen mit dem Titel „Maria Müller-Gögler. Gedichte“. Es erschien 1947 und das darin enthaltene Gedicht „Die Geige“ wählte Hermann Hesse als eines der für ihn zehn schönsten für die Anthologie „Geliebte Verse“ aus.

Dennoch blieb der 1900 im damaligen Oberamts-Städtchen Leutkirch geborenen und ab dem fünften Lebensjahr in Weingarten aufgewachsenen Schriftstellerin eine breitere Anerkennung zunächst verwehrt. Den führenden Verlagen der Republik war die provinzielle Herkunft der Autorin, den Verlegern des evangelisch-württembergischen Kernlandes ihre katholische Konfession, suspekt. So blieb es der Journalistin Jella Lepman in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts vorbehalten, die ersten beiden Romane von Maria Müller-Gögler im liberalen Stuttgarter Tagblatt erscheinen zu lassen. Nur schwer fanden sich danach kleinere Verlage die bereit waren „Die Magd Juditha“ und „Beatrix von Schwaben“ auch als Buch herauszugeben. Nach dem großen Krieg und dem Ende der Naziherrschaft erhielt das Verlangen der Leser nach der Literatur aus der Welt, von der man zwölf Jahre abgeschnitten war, Vorrang und die Dichterin aus dem Oberland wurde nur am Rande und von Wenigen wahrgenommen. Für Maria Müller-Gögler aber war Schreiben von Kindheit an zur Existenzform geworden.

Lange erschien ihr Werk sehr verstreut und sporadisch. In den siebziger Jahren hatte sich schließlich Martin Walser für die  Kollegin  eingesetzt. Auch ihr langjähriger Wohnort Weingarten entsann sich seiner Mitbürgerin. 1978 erhielt sie den Kunstpreis der Städte Ravensburg und Weingarten, zwei Jahre später das Bundesverdienstkreuz. Eine bescheidene späte Entdeckung und Anerkennung setzte damit ein. Das Literaturarchiv Oberschwaben ermöglichte eine neunbändige Werkausgabe im Thorbecke-Verlag; inzwischen sind jedoch alle Bücher nur noch antiquarisch oder in guten Bibliotheken zu bekommen.

Viele Anregungen für ihre Werke schöpfte Müller-Gögler aus der oberschwäbischen, ins Allgäu und den Bodensee übergehenden Landschaft, ihrer Natur, ihren Menschen, der Geschichte der Region. Sie entwickelte dabei bald einen eigenständigen, realistischen Erzählstil, dessen Vorbilder sie in romanischen und östlichen Literaturen fand. Der russische Atheist Paustowski zählte ebenso wie Bulgakow zu ihren Lieblingsautoren. Eine tiefe Zuneigung zu Frankreich, seiner Literatur und Musik, hat in ihren Büchern viele Spuren hinterlassen. Mit ihrem katholischen Glauben, dem sie ein Leben lang unbeirrt treu blieb, tritt sie niemals engstirnig oder dogmatisch auf; musste sie sich doch selbst von manchen Fesseln, in die sie durch religiös-konservative Erziehung und damit eng verbunden, die ihr zugedachte Rolle als Frau, gezwängt worden war, mühsam befreien. So ist das Religiöse ein Stück selbstverständlicher Lebenskultur, unabdingbar verbunden mit dem Alltag, den Festen, den Jahresläufen, den Ritualen der Menschen jener Gegend aus der die Dichterin kam und über die und für die sie schrieb.

Maria Müller-Göglers Roman „Täubchen, ihr Täubchen…“ durfte auf Anordnung des damaligen Oberbürgermeisters von der Stadtbücherei Ravensburg lange Zeit nicht ausgeliehen werden. Er handelt von den erotischen Irrungen und Wirrungen eines Junglehrers und setzt sich auch kritisch-ironisch mit dem ländlichen Schulwesen im Württemberg der Fünfziger-Jahre des 20. Jahrhunderts auseinander. Das Buch erschien erstmals 1963 und erzeugt auch heute noch beim Leser eine nachhaltige Betroffenheit. Es ist im Zusammenhang mit den jüngst enthüllten Missbrauchsfällen von neuer, beklemmender Aktualität.

In dem historischen Roman „Beatrix von Schwaben“ überträgt die Autorin die politischen Ereignisse im Deutschland der beginnenden Nazi-Zeit auf die Zeit der staufischen Ritter. Ebenso wie im Roman „Die Truchsessin“, der während der Bauernkriege spielt, fesselt den Leser die Spannung der Handlung, halten sich Erfindung und Präsentation historischer Fakten gekonnt die Waage. Beide Bücher schildern Frauenfiguren, die durch eine für ihre Zeit ungewöhnliche Eigenständigkeit in Denken und Handeln hervortreten und man darf getrost unterstellen, dass diese Protagonistinnen Persönlichkeitselemente der Autorin enthalten. Sie stehen den kriegerischen Welteroberungsplänen und Unterdrückungsfeldzügen ihrer männlichen Umwelt ablehnend gegenüber. Die Truchsessin, keine geringere als die Gattin des sogenannten Bauernjörg, drückt es im Roman so aus: „Ich habe mich immer schon gewundert, wie sich die Männer ein Leben lang mit Kriegen und Händeln herumschlagen mögen … Wir Frauen sind die Zuschauer bei den gefährlichen Spielen der Männer. Vielleicht wäre es gut darüber zu lächeln. Aber sie sorgen dafür, dass wir häufiger darüber weinen müssen.“

Die Bücher Maria Müller-Göglers sind auch deshalb und immer noch  interessant, weil die Lektüre farbigen und kenntnisreichen zeitgeschichtlichen Hintergrund und intensive, sehr gelungene Frauendarstellungen bietet. Martin Walser schrieb: „Ich habe beim Lesen dieser Autorin des öfteren verwundert den Kopf geschüttelt, weil das, was in unseren Jahren fast das einzige Entwicklungsthema geworden ist, eben die Menschwerdung der Frau, im Lebenswerk von Maria Müller-Gögler seit Jahrzehnten in jeder Tonart angeschlagen worden ist: von ätzend sarkastisch bis weltüberwinderisch-ergeben“.

In ihren persönlichen Erinnerungen („Bevor die Stürme kamen“, „Hinter blinden Fenstern“, „Das arme Fräulein“) schildert die Tochter des Finanzbeamten Adolf Gögler die ersten 25 Jahre ihres Lebens und damit des 20. Jahrhunderts. Die junge Schulmeisterin und spätere Gymnasial-Lehrerin schreibt hier fesselnde Lokal- und Regionalgeschichte, lange bevor diese Themen in Volkshochschul-Programme Einzug hielten. Sie nimmt den Leser mit in die kleinbürgerliche Welt vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg, in die abgeschlossene Sphäre eines klösterlichen Erziehungsinstituts und schließlich, als gerade erst neuzehnjährige Lehrerin, auf eine Odyssee durch die Dorfschulen.

Das oberschwäbische Weingarten im Jahr 1917

Sie verlies den im ländlich konservativen Oberschwaben für junge Frauen vorgesehen Weg, brach aus der vorbestimmenten Laufbahn aus und studierte in München und Tübingen Germanistik, Philosophie, Pädagogik und promovierte 1930 in Tübingen mit einer Arbeit über „Die pädagogischen Anschauungen der Marie von Ebner-Eschenbach„, die 1931 bei Vieweg in Buchform erschien. Nach dem Studium heiratete Maria Gögler ihren Berufskollegen Paul Müller; der gemeinsame Sohn Paul wurde 1931, die Tochter Gisela 1932 geboren. Über die Berufsstationen Schwäbisch Gmünd, Laupheim und Crailsheim, kam sie 1938 nach Ulm, wo sie am Kepler-Gymnasium unterrichtete. Nachdem die Stadt im Dezember 1944 durch Bomben fast völlig zerstört worden war, zog die Familie nach Weingarten; dort lebte die Dichterin bis zu ihrem Tod im Jahr 1987.

Maria Müller-Gögler war eine sehr musikalische Frau, spielte gut und gerne Geige und Klavier, zählte zu den regelmäßigen Besucherinnen in Bayreuth und Salzburg. Mit dem Thema Musik hat sie sich auch literarisch beschäftigt, u. a. in Biographien über den aus Ravensburg stammenden Sänger Karl Erb und über den Orgelbaumeister Joseph Gabler, dessen Groß-Instrumente noch heute oberschwäbische Kirchenräume mit himmlischen Klängen füllen.

In ihren zahlreichen Gedichten fand die Dichterin harmonische Melodien, die lange nachklingen und mit denen sie nicht nur ihre Liebe zur oberschwäbischen Landschaft und Kultur immer wieder neu interpretierte. Sie schreibe „Lyrik, die sich wie eine glänzende Kuppel über ihr Schaffen wölbt,“ schwärmte Siegfried Unseld zum fünfzigsten Geburtstag der Autorin. Ihr ganzes langes Leben und ihr umfangreiches Werk hatte sie schon mit einem ihrer frühen Gedichte unter ein passendes Leitwort gestellt:

„Bewahre mich vor leerem Wort, / vor Glanz, der nicht von innen glüht, / vor Blüte, die papieren blüht, / vor Wachstum, dem das Herzblatt dorrt.“

Sophie Scholl: + 22. Februar 1943

„Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern. Seine und seiner Helfer Schuld hat jedes Mass unendlich überschritten.“

„Sophie Scholl, war eine deutsche Widerstandskämpferin gegen die Diktatur des Nationalsozialismus.“ So steht es in der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Eine Formulierung die alles andere als zutreffend, eigentlich barer Unsinn ist. Man könnte meinen, Widerstand zu leisten, sei ihre Hauptbeschäftigung gewesen. Diese Vorstellung ist falsch.

Sophie Scholl war eine junge Frau wie viele andere, eine ganz normale Studentin, ein junger Mensch aus bildungs-bürgerlichem Elternhaus, von der Mutter christlich, vom Vater liberal geprägt, auf der Suche nach dem eigenen Weg. Eine junge Frau mit Geschwistern, Freunden, viel Freude am Leben, intelligent, neugierig, nachdenklich, kritisch. Sie erkannte das Unrecht und tat dagegen, was in ihrer bescheidenen Macht stand. Sie gehörte, wie ihr Bruder Hans, zu einer Gruppierung, die sich „Weiße Rose“ nannte und hauptsächlich aus Münchener Studenten und Studentinnen bestand. Den Weg des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur und ihre verheerenden Folgen ging Sophie Scholl – nach jungendlichen Umwegen – konsequent, wenig zweifelnd, sich möglicher Folgen bewusst.

Von Barbara Beuys ist vor Kurzem eine neue Biographie Sophie Scholls erschienen. Eine ausführliche Darstellung dieses kurzen Lebens, die weit ausholt und zunächst einige Kapitel der Herkunft, dem Elternhaus, den Großeltern, widmet. Auch die geschichtliche Entwicklung vom Ersten Weltkrieg zur Hitler-Diktatur wird kenntnisreich und detailiert ausgebreitet. In manchen Passagen ist die Autorin vielleicht schon zu weitschweifig, in den familiären Berichten fast etwas geschwätzig.

Die Historikerin Beuys hat bereits eine ganze Reihe Biographien verfasst, u. a. über Paula Modersohn-Becker und Hildegard von Bingen. Dem Werk über Sophie Scholl liegen neben den bekannten, vielfach verwendeten Quellen, erstmals Dokumente zugrunde, die Sophies ältere Schwester Inge gesammelt hat und die heute im Münchener Institut für Zeitgeschichte aufbewahrt werden. Beuys schildert einerseits sehr präzise, macht aber auf der anderen Seite nicht immer deutlich, welche Quellen wozu genau herangezogen wurden.

Der Band enthält zahlreiche Fotografien, zum Teil bekannte Motive, teilweise auch neue oder weniger bekannte Bilder. Trotz einiger Schwächen, lohnt sich die Lektüre dieser Biographie.

„Es gilt den Kampf jedes einzelnen von uns um unsere Zukunft, unsere Freiheit und Ehre in einem seiner sittlichen Verantwortung bewußten Staatswesen.“

Dieser Satz steht in dem Flugblatt der Gruppe „Weiße Rose“, das von Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 in der Münchener Universität verteilt wurde. Dabei hat sie ein Hausdiener (Pedell) beobachtet und an die Gestapo verraten. Die Geschwister und weitere Gruppenmitglieder wurden umgehend festgenommen, inhaftiert und verhört.

Münchener Denkmal für die ermordeten Mitglieder der „Weißen Rose“.

Am 22. Februar 1943 wurde Lina Sofie Scholl, ebenso wie ihr Bruder Hans und der gemeinsame Freund Christoph Probst, von einem sogenannten Volksgerichtshof in München, wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde noch am selben Tag mit dem Beil vollstreckt. Die Studentin Sophie Scholl – wie sie sich selbst nannte und schrieb – wurde 22 Jahre alt.

Im Gebäude der Ulmer Volkshochschule (Einstein-Haus), die nach dem Zweiten Weltkrieg von Inge Scholl gegründet wurde, findet man im Erdgeschoss eine kleine Dauerausstellung über die „Weiße Rose“ und ihre Mitglieder. Im Rahmen einer Gedenkfeier zum zehnjährigen Bestehen dieser Ausstellung, liest am 23. Februar, 20 Uhr, Barbara Beuys aus ihrem neuen Buch.

Beuys, Barbara: Sophie Scholl. Biographie. – Hanser, 2010. Euro 24,90

Nach wie vor zu empfehlen ist auch diese knappere, besonders, aber nicht nur, für junge Leser geeignete Darstellung:

Vinke, Hermann: Das kurze Leben der Sophie Scholl. – Ravensburger, versch. Ausg. u. Aufl. Euro 6,95

Frankfurt, Ulm und Donaustrand

„Ich war zwischen den Dingen etwas, das da nicht hingehört.“

Nachdem wir wussten, weil es ein Herr mit skandinavischem Akzent verkündet hatte, dass Herta Müller den Nobelpreis bekommen würde, waren die Ulmer Buchhandlungen am LIMIT. Ein Streifzug durch die Läden in den Tagen nach dem Tag X, offenbarte manches SYMBOL. Allerhand Engel, Elfen und bissige Vampire. Von Verblendung bis Verdammnis – alles im Angebot. Aber nichts Lesbares der ausgezeichneten Rumäniendeutschen. „Atemschaukel“, vor kurzem in knapper Auflage erschienen, musste erst wieder in Auftrag gegeben werden. „120 Tausend in einigen Tagen“, verkündete der Verlag zuversichtlich. Es dauerte dann doch etwas länger, bis die Promi- und Sensationslust der Käufer das Werk sogar im Verkaufs-Ranking bei Amazon nach oben spülen konnte.

Mueller_23391_MR.inddHarte Zeiten für Herta. Von leichtem Infekt genesen, konnte sie Spotlights und Beifallsstürmen auf der Frankfurter Bühne nicht mehr entkommen. Selten hat eine Autorin, ein Autor, nach solcher Auszeichnung, so sehr unser Mitleid verdient. Mit schmalen Schultern und hängendem Kopf stand da eine kleine Frau vor vielen Menschen, die gar nicht mehr aufhören wollten mit Klatschen. Es war auch die Bitte um Absolution, weil man sehr wohl wusste, wie wenig ernst und wichtig man gerade diese Autorin vor dem 8. Oktober genommen hatte. Derweil übte sich ein Frankfurter Meta-Kritiker in ungewohntem Schweigen, das er wahrscheinlich für beredt hält.

Herta Müller und ihr Werk waren schon früher mit zahlreichen Preisen bedacht worden. So zum Beispiel mit dem ebenfalls sehr hoch dotierten „International IMPAC Dublin Literary Award“, den sie für die englische Übersetzung von „Herztier“ bekam. Zwei Besonderheiten hat diese Auszeichnung. Von dem außergewöhnlich üppigen Preisgeld (Euro 100.000) geht ein Viertel an den Übersetzer. Und am Preis beteiligen sich neben dem Hauptsponsor IMPAC auch die Kommune Dublin und deren Bibliotheken. Jetzt suchen wir die deutsche Stadt (SDDS) und das zugehörige Erfolgsunternehmen, die dem irischen Beispiel folgen!

Messe-Berichterstattung aus Frankfurt und im Frühjahr aus Leipzig ist ja inzwischen eine ganz eigene Literaturgattung geworden. Wenn es da für Spitzenleistung einen Preis gäbe, hätte diesen sicher Andrea Diener verdient. Ihr Blog ist ganz nah dran an den Stimmungen und der Autorin gelingt es wundervoll, diese ihren Lesern zu vermitteln. Unbedingt vorbeischauen!:

Zu Andrea Diener

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Claudio Magris, der diesjährige Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, ist ein italienischer Germanist. Warum kommt einem diese Berufbezeichnung nur so absurd vor? Kleiner Riese quasi ähnlich absonderlich und selten. (**) Und er – die Ulmer wird es wundern – er hat die Donau als verbundenen und verbindenden Kulturraum entdeckt. Lange vor Langer. Auf einer Flussfahrt mit Buch. Genau betrachtet ist er der originäre Erfinder aller Donaufeste. Zu schön um wahr zu sein, wenn er beim nächsten in Ulm zu Gast wäre.

Und dann schon wieder dieser E-Book-Hype. Zum Gähnen. Toll so ein Kindle! Teuer in Dollar. Was wir lesen dürfen bestimmt Amazon. Nur amerikanische Bücher und Zeitungen drauf. Das Ding ist in aller Munde und vor aller Augen, aber nicht wirklich dabei. Sony-Reader dito. Fortsetzungen folgen. The same procedure next spring in Leipzig. Aufregen nützt nichts. Angst haben vor der Entwicklung auch nicht. Am Ende entscheiden wir selbst, ob Bücher als Haupt-Trägermedium für schöne Literatur verschwinden werden.

Die meisten Chinesen sind nun auch zurück in China. Der eine oder andere Dissident, Kulturschaffende oder Wok-Betreiber hat es vorgezogen hier zu bleiben. Die anderen kommen aber eines Tages wieder. Sie werden es sein, die das ultimative E-Book mitbringen. Den Toyota-Suzuki-Volkswagen der Reader. Den haben dann aldi Lidls für wenig Penny im Angebot. Mehr Plus für Netto. Dann gibt es für den ganzen Druckramsch nur noch Joker. Aber bis dahin haben wir schließlich auch das letzte Feuchtgebiet trockengelegt, hat die Stadt Berlin einen ausgeglichenen Haushalt und Guido Westerwelle die absolute Mehrheit. Also, was kann uns da heute schon passieren?

Sopho„Sophokles war 84, als er die Antigone schrieb, da habe ich noch fast zwei Jahre Zeit.“ Sagte Martin Walser. Er war letzten Herbst in China auf Lesereise. Er wird dort viel übersetzt, gelesen und geschätzt. China hat eine lange Tradition im ehrenden Umgang mit weisen alten Männern. Deutschland im missverstehen wollen. Martin Walser hat es in China gefallen. Und so kam es, dass in Frankfurt Chinesen gerne über den Dichter vom großen Wasser sprachen und dass Martin Walser von China schwärmte. Aber das fiel kaum jemandem auf und kam in den Medien fast nicht vor. Dabei hätte gerade dies wirklich interessant, wichtig, erfreulich und verbindend sein können.

*

(**) Kleine Verbeugung vor dem Meister des prädikatfreien Satzbaus. Weil, Bewunderung quasi Hilfsausdruck: Haas, Wolf: Der Brenner und der liebe Gott. – Hoffmann und Campe, 2009. Euro 18,99

Arno Schmidt und die HfG in Ulm (3)

Nachspiel

1956 hatte Max Bill nach langem internen Richtungsstreit die Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm mehr oder weniger freiwillig verlassen. An seine Stelle war ein Leitungsgremium getreten, dem Aicher, Gugelot, Vordemberge-Gildewart und Maldonado angehörten. Im September 1957 amtierte Tomas Maldonado als geschäftsführender Rektor. Für ihn war die Bauhaus-Philosophie inzwischen nicht mehr aktuell, sondern ein historisches Phänomen.

Max Bill und Tomas Maldonado.

(Foto: Hans G. Conrad, Archiv: René Spitz)

Bill MaldonadoKnapp zwei Jahre nach dem ergebnislosen Gespräch in Ulm, wandte sich der argentinische Maler in einem Brief erneut an Arno Schmidt: „…streben deshalb, uns Ihrer qualifizierten Mitwirkung zu versichern…Unser Vorschlag für Sie besteht darin: ein zweistündiges, wöchentliches Seminar…über ein Thema, das sich annähernd bezeichnend ließe als: geschichtliches Seminar über moderne Literatur, mit einer Betonung der sprachanalytischen Seite…Ich wünsche sehr, von Ihnen eine positive Antwort zu erhalten.“

Ein wirklich kompromissbereiter, entgegenkommender Ton; der rote Teppich war ausgerollt. Am 20. Oktober reiste Maldonado nach Darmstadt, um Schmidt endgültig für Ulm zu gewinnen. Arno Schmidts Gedanken kreisten in diesen Wochen, neben der täglichen schriftstellerischen Arbeit, um einen Wunsch, dessen Realisierung möglicherweise näher rückte: „ein kleines Häuschen in der Heide, riesen Zaun drum rum und nie mehr raus oder einen Menschen sehen!“ Das waren nicht die optimalen Voraussetzungen für den Emissär aus Ulm sein Ziel zu erreichen. Schmidt gab sich zögerlich, stellte Bedingungen, behauptete gegenüber seiner Frau: „…sieht annehmbarer aus als zuvor.“ Maldonado legte nach: „Ich bin jeden Tag überzeugter, dass Sie in Ulm sobald wie möglich unterrichten sollten.“ Zusammen mit Bense kam er am 11. Dezember noch einmal nach Darmstadt.

Mit der endgültigen Absage ließ sich Schmidt dann bis zum 26. März 1958 Zeit: „Es tut mir leid, dass ich Ihnen…einen abschlägigen Bescheid geben muss; er ist nicht durch ‚Weltfluchtstimmung’ oder Escapismus irgendwelcher Art bedingt…; es ist ganz simpel Arbeitsüberlastung.“ Es war aber immerhin Ulm-Flucht-Stimmung und „Escapismus“ konnte man ihm tatsächlich nicht unterstellen; hatte  er sich doch stets bemüht jegliche Art von Eskapaden zu meiden.

AS HeideDie beiden Künstler müssen sich nicht schlecht verstanden haben. Eine gewisse gegenseitige Sympathie war wohl vorhanden. In Schmidts „Gelehrtenrepublik“ wird „Chubut“ auftauchen, in der Realität eine patagonische Provinz. Winand Herzog hält dies für eine mögliche Reminiszenz an Maldonado. Der Schriftsteller zeigte sich von der kollektiven Wohn- und Arbeitsweise an der HfG angetan. Parallelen finden sich im Werk wieder. Doch das entspricht nicht dem tatsächlichen Verhalten und der Lebenswirklichkeit Schmidts, der sein Einzelgängertum pflegte, ängstlich Kontakte mied, nur ungern und selten zum Verlassen der gewohnten Umgebung bereit war. Leben und Arbeiten an dieser Hochschule wäre für Arno Schmidt ohne Zweifel ein „nightmare“ geworden. Er wird also nie Lehren oder Dozieren.

Arno und Alice sind dann ein letztes Mal umgezogen, aber nicht nach Ulm. 1958 wurde der Heide-Traum im niedersächsischen Bargfeld nahe Celle Wirklichkeit und die intensivste Schaffensphase des besessenen Zettelkasten-Verwalters und sprachlichen Feinmechanikers begann. Sie fand ihren Höhepunkt mit der Veröffentlichung von „Zettels Traum“ im Jahr 1970. Auf inszenierten Bildern sieht man den bemüht lächelnden Verleger Ernst Krawehl, dem Arno Schmidt ein Paket überreicht, welches offensichtlich das unhandliche, umfangreiche Typoskript enthält.

AS Zettel1977 kommt es zur Bekanntschaft von Jan Philipp Reemtsma mit dem Schriftsteller. Der Hamburger Germanist und Millionenerbe wird zum zuverlässigen Mäzen, der das Ehepaar Schmidt aller materieller Sorgen enthebt. Doch bereits am 3. Juni 1979 stirbt Arno Schmidt in Celle im Krankenhaus. 1981 gründen Alice Schmidt und Reemtsma die Arno-Schmidt-Stiftung, die seitdem das Werk herausgibt, den Nachlass, sowie das ehemalige Wohnhaus mit Archiv in Bargfeld betreut. Alice Schmidt ist am 1. August 1983 verstorben.

Die Hochschule für Gestaltung hatte während der ganzen kurzen Periode ihres Bestehens mit finanziellen Schwierigkeiten, Anfeindungen von außen und internen Richtungsstreitigkeiten zu kämpfen. Sie endete in Auszehrung und Siechtum. Dazu Herbert Wiegandt in seiner Ulmer Stadtgeschichte: „Die Schlussphase der HfG begann 1967…Äußerer Anlass war, dass zunächst vom Bund, dann vom Land, die Mittel in untragbarer Weise gekürzt wurden. So sehr dies bestritten wurde, haben hier doch, besonders vom Landtag, ohne Zweifel auch politische Motive unterschwellig, aber auch ausdrücklich, mitgespielt.“

1967 wurde in Ulm eine medizinisch-naturwissenschaftliche Hochschule gegründet, die sich heute, um einen technischen Zweig erweitert, Universität nennt und ihren Hauptsitz auf dem Oberen Eselsberg hat. Aber auch in den Gebäuden der ehemaligen HfG auf dem Kuhberg waren viele Jahre lang Abteilungen untergebracht. Die letzten werden Ende dieses Jahres ausziehen. Dann steht für die dünnen Betonteile der Bill-Bauten eine General-Sanierung an. In Zukunft sollen dort Design-Firmen und –Studios, sowie das HfG-Archiv angesiedelt werden.

Arno Schmidt und die HfG in Ulm (2)

Ein Gespräch unter Männern

Das Angebot eines Lehrauftrags an der jungen Ulmer Hochschule für Gestaltung hatte Unordnung und Unruhe in den Alltag von Arno Schmidt gebracht. Er reagierte, wie so oft wenn massive Annäherungen von außen seinem Universum nahten, barsch und abwehrend. Bereits am 15. September zitierte ihn Alice Schmidt in ihrem Tagebuch: „Die Ulmer Sache nehme ich noch nicht so ohne weiteres an. Was die mir alles aufhalsen werden.“

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…die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.“

Die Vermutung liegt nicht allzu fern, dass die Entscheidung gegen Ulm nicht erst in jenem kuriosen, von Spekulationen umrankten, Gespräch mit Max Bill am 21. September gefallen sein wird. Sie war es wohl schon, mehr oder weniger eindeutig, einige Zeit vorher. Dass der Schriftsteller durch diese Arbeit weniger Freiraum für sein eigentliches Schaffen fürchtete, ist verständlich, dennoch nicht der Hauptgrund für das Scheitern des Ulmer Vorhabens. Die bei Schmidt immer gegenwärtige soziophobische Veranlagung drängte sich wieder einmal in den Vordergrund.

Am 19.9. befiel ihn um die Mittagszeit ein leichtes hellseherisches Fieber. Abends konnte zwar schon wieder im Garten gegessen und ein Spaziergang durch die umliegenden Felder unternommen werden, doch in der Nacht erfüllten sich die dunklen Ahnungen. Ein Telegramm von Bense traf ein, mit der Einladung nach Stuttgart und Ulm. „Können Sie Mittwoch (21.9.) morgen mit mir nach Ulm fahren. Wann können Sie in Stuttgart eintreffen. Bense.“

Alice Schmidt notierte: „Klagen und Stöhnen, dass er wieder fahren soll und unter die Leute müsse. Arno möchte lieber sterben als nach Ulm fahren.“ Doch schon stand die Fahrt an. Erneutes Zetern und Klagen. „So ungern!“ rief er, notierte Alice. (Arno) „flucht. Trinkt aber noch zwei Schnäpse.“ Eine lange und umständliche Reise aus der Saar-Provinz in die württembergische Metropole begann. Auf dem langen Weg bergab zum Bahnhof Serrig wurde er von seiner Frau begleitet. Morgendliche Nachsommer-Frische.

„Die Saar hatte sich mit einem langen Nebelbaldachin geschmückt.“

Der Zug fuhr um 7 Uhr 20. Um 13 Uhr ging es in Frankfurt am Main weiter. Um 16 Uhr 18 die Ankunft in Stuttgart.

Arno Schmidt reiste an diesem 20. September aus einer französisch besetzten Zone mit Sonderstatus – erst ab 1. 1. 1957 gehörte das Saarland nach einer Volksabstimmung im Oktober 1955 zur Bundesrepublik Deutschland – in das 1952 entstandene Baden-Württemberg. In Stuttgart und Ulm waren, in der Folge des Zweiten Weltkriegs, amerikanische Truppen stationiert. Die sowjetisch besetzte Zone (SBZ) nannte sich seit 1949 Deutsche Demokratische Republik (DDR) und wurde von der Sowjetunion an jenem 20. September 1955 als souveräner Staat anerkannt. Dieses Ereignis, das weltpolitisch weitreichende Folgen hatte, fand bei ihm keinen Niederschlag. Auch im Tagebuch seiner Frau blieb es unerwähnt. Die politische und auch die kulturelle Gegenwart nahm das Ehepaar, wenn überhaupt, nur am Rande war. Deshalb ist anzunehmen, dass Arno Schmidt kaum eine Vorstellung hatte, wie die neu entstandene Hochschule in Ulm einzuordnen und zu bewerten war. Auch den mit der HfG maßgeblich verbundenen Persönlichkeiten – wie Max Bill, Otl Aicher, Inge Scholl – dürfte er, um es positiv auszudrücken, relativ unvoreingenommen begegnet sein.

Allein : Teller : wie wärs, wenns nur schwarze gäbe; und mit unregelmäßig gezacktem Rand?“

Die Hochschule für Gestaltung in Ulm wird andere Formen bevorzugen und hervorbringen. Sie befand sich im September 1955 noch in der Orientierungs- und Aufbauphase. Für die neu dazu kommenden Wissenschaftler, Lehrer und Studenten bot diese Situation eigentlich beste Möglichkeiten eigene Ideen, Pläne und Projekte einzubringen. Das war auch ausdrücklich erwünscht. Aus der Kreativität der Einzelnen sollten neue, spannende Ergebnisse des Kollektivs entstehen. Der egozentrische, verheiratete „Eremit“ Schmidt hat die Möglichkeiten und Chancen, die damit – eben auch und ausdrücklich für ihn – verbunden waren, offensichtlich zu keinem Zeitpunkt erkannt.

IMG00355Am Mittwoch, den 21. September fuhr Arno Schmidt mit seinem Gönner Max Bense von Stuttgart nach Ulm. Von der Stadt rund um das bekannte Münster, die 1955 noch von den schweren Kriegszerstörungen gezeichnet war, ist nirgends die Rede. Der Dichter hatte wohl kein Auge und keinen Sinn für touristische Aspekte. Die neu erbauten Hochschul-Gebäude, von Max Bill entworfen und im Stil stark an die Bauhaus-Architektur angelehnt, lagen weit außerhalb der Stadt auf dem Hochsträß, einem Höhenrücken zwischen schwäbischer Alb und Donauebene. Sie entstanden direkt neben dem Fort Oberer Kuhberg, einem Teil der ehemaligen Ulmer Bundesfestung, der im Dritten Reich ein KZ/Arbeitslager beherbergte. Es war ein milder, fast warmer Tag. Wir wissen nicht, ob der für das Land vor den Alpen typische Fönwind blies. Wenn dies der Fall ist, hat man vom Hochsträß aus weite Sicht auf die Kette der über hundert Kilometer entfernten Berggipfel, die bei solcher Witterung unwirklich nah erscheinen.

IMG00404Arno Schmidt hat – so wird es von Bense und Elisabeth Walter bestätigt – zeitweise mit Max Bill unter vier Augen gesprochen und über eine mögliche Anstellung als Dozent verhandelt. Es gibt zu diesem Gespräch keine unmittelbaren Zeugnisse, keine dokumentierten Aussagen der beiden Protagonisten. Wir sind auf Aussagen durch Dritte angewiesen, die ihre mittelbaren Eindrücke später aufzeichneten oder wiedergaben. Festzustehen scheint allerdings, dass das Gespräch „in Ton und Inhalt unerfreulich“ verlief, wie es Winand Herzog formuliert. Es gab keinen Vertragsabschluss. Auch Alfred Andersch und Walter Dirks hatten bereits abgesagt. Alice Schmidt schrieb an Erika Michels: „…es ergab sich, dass die Arbeit meines Mannes darin bestehen sollte, seinen Schülern ‚kristallklare’ Reklametexte und Schlagworte beizubringen.“ Es wurde sogar kolportiert, Bill hätte Schmidt aufgefordert den sogenannten Bill-Hocker sprachlich „zu verkaufen“.

Zur Sprache nur dieses : Meine wäre ‚künstlich’?“

Welche Erwartungen auch immer Schmidt an diese Verhandlungen und die zur Diskussion stehende Aufgabe geknüpft hatte, sie wurden wohl enttäuscht. Alice notierte: „Es sollten aus der Literaturabteilung keinesfalls Journalisten oder gar etwa Schriftsteller hervor gehen, sondern praktische Leute…Außerdem ist Bill ein absoluter Regententyp. Nun sind Bill und mein Mann gleich sehr heftig aneinander geraten. Prof. Bense und Frau Scholl wollten meinen Mann gleich wieder versöhnen und versuchtens mit allen möglichen Versprechungen…Auch wollte Frau Inge Scholl gleich Schülerin meines Mannes sein…Aber mein Mann sagte: diesen Laden macht er so nicht mit.“

Die Reise nach Ulm hatte auch Elisabeth Walter, die Lebensgefährtin und Mitarbeiterin Max Benses an der Universität Stuttgart, mitgemacht. Sie schilderte den Kern des Zerwürfnisses zwischen Bill und Schmidt später so:

„Schmidt: „Das ist ein unverschämter Kumpan! Was der sich einbildet! Er hat zu mir gesagt: ‚Das was Sie schreiben, Herr Schmidt, das habe ich mit 19 auch geschrieben.’ Und da habe ich zu ihm gesagt: ‚Und das…was Sie malen, Herr Bill, die geraden Linien, die Sie ziehen, die habe ich in der Schule schon gemacht, ich bin nämlich Mathematiker.““

IMG00375Wenn diese Sätze so oder so ähnlich tatsächlich gefallen sein sollten, kann man sicher unterstellen, dass die Unterhaltung eine sehr unsachliche Wendung nahm. Vermutlich hat Max Bill mit 19 Jahren ebenso wenig literarische Meisterwerke verfasst, wie Schmidt ein wirklicher Mathematiker war; so weit bekannt, besaß er lediglich eine Neigung zu diesem Gegenstand. Und Elisabeth Walther berichtete weiter: „Die beiden hatten sich eine Stunde lang gegenüber gesessen und sonst nichts mehr gesprochen.“

Der Lehrer soll das Volk bilden ? : schon recht!!! Wer aber bildet den Lehrer?!“

Es ging bald wieder zurück nach Stuttgart und am nächsten Tag weiter nach Darmstadt zu dem Maler und Autor Eberhard Schlotter, der als Vorsitzender der Neuen Darmstädter Sezession Schmidt zeitweise unterstützte. Es sollte eine Wohnung für das Ehepaar Schmidt gefunden werden, das die katholische Provinz endlich verlassen wollte. Von Darmstadt aus bat er seine Frau telegraphisch um einen Anruf: „bitte sofort Darmstadt 7320 R. Gespräch anrufen. Arno.“ Der erfolgte und Alice Schmidt zitierte die Kernaussage ihres Mannes im Tagebuch: „Arno sagt: mit Ulm sei nichts.“ Hatte er es nicht schon immer gewusst?

Die Reise nach Ulm war sehr wahrscheinlich die weiteste die Arno Schmidt nach 1945 unternommen hat. In Kastel brachte am selben Tag der Postbote eine förmliche Einladung für die offizielle Eröffnungsfeier der HfG am 2. Oktober. Die Festansprache wird von Walter Gropius gehalten werden, der das Unternehmen damit zur mehr oder weniger legitimen Bauhaus-Nachfolge adelte.

Bei Schmidts wurde doch noch einmal gegrübelt. Nachdem Alice mit Arno in Darmstadt gesprochen hatte, notierte sie: „Frage: fährt er sofort mit mir nach Ulm und setzt Bill die Pistole auf die Brust: entweder Literaturabteilung ihm völlig allein überlassen oder gar nichts…Andere Frage: hat’s Arno nötig, sich jeden Tag mit den groben Schweizer rumzuboxen und überdies seine eigene Arbeit zum Opfer zu bringen?“

Für Arno Schmidt war die Entscheidung wohl längst eindeutig und ablehnend ausgefallen. Doch hatte er seiner Frau reinen Saarwein eingeschenkt? Wollte er sie vielleicht nicht gänzlich enttäuschen? Auch sie hatte mit Ulm ja Hoffnungen verbunden, unter anderem die auf eine gesicherte materielle Existenz.

Bei Alfred Andersch war die Nachricht vom negativen Verlauf der Verhandlungen in Ulm ebenfalls angekommen. Er schrieb am 23. September an Arno Schmidt: „…gestern berichtete mir Prof. Bense über den Ausgang ihrer Besprechungen mit Herrn Bill. Heute möchte ich Ihnen sagen, dass ich diesen negativen Ausgang erwartet habe…für die Literatur, ja für die Sprache schlechthin, reicht das konstruktivistische Konzept des Herrn Bill einfach nicht aus…Momentan habe ich den Eindruck, dass die Berufung Bills an die Leitung der Schule sich eines Tages noch zu einer Katastrophe auswirken kann.“

„Sie meinen also tatsächlich, dass ein Kunstwerk kollektiv hergestellt werden könnte?“ -: „Abärrjá!“ – „Ein Einzelmensch ist nie vollkommen: wir versuchen seine Lücken zu ergänzen.““

Ganz so schlimm, wie von Andersch prophezeite, kam es nicht. Doch die Ulmer Hochschule machte nicht nur einmal turbulente Zeiten durch und änderte ihre Konzeption und ihr Führungspersonal schon bald, nach heftigen und konfliktreichen Diskussionen. Es gab zwei Fraktionen, die bei den Grundfragen nach Form und Funktion, Kreativität und Wissenschaft, gegensätzlicher Meinung waren. Der reichlich autoritär auftretende Bill wurde durch eine Leitungs-Gruppe ersetzt. Der vielleicht einflussreichste Strippenzieher war Otl Aicher; seine Gefährtin und spätere Gattin, Inge Scholl, hielt sich im Hintergrund und widmete sich verstärkt dem Aufbau der Ulmer Volkshochschule (vh), die eine außergewöhnliche, stark politisch ausgerichtete Institution wurde, die das gesellschaftliche Klima des protestantischen Ulm maßgeblich prägen sollte. Tomas Maldonado, von dem Alice Schmidt geschrieben hatte: „Mit dem Konrektor allerdings, dem Argentinier: Maler Maldonado (der alle Bücher meines Mannes kannte) hat sich mein Mann recht gut verstanden.“, wurde zum Sprecher des neuen Gremiums gewählt. Mit und über Arno Schmidt war deshalb auch noch nicht das allerletzte Wort gesprochen.

Dieser und der noch folgende Arno-Schmidt-Beitrag meines Blogs sind keine wissenschaftlichen Arbeiten. Es wurden allerdings einige maßgebliche Quellen ausgewertet und das gewonnene Material mit größter Sorgfalt verwendet.

Bei den Bildern von Arno Schmidt handelt es sich um Photographien seiner Frau Alice, die mit freundlicher Genehmigung der Arno-Schmidt-Stiftung verwendet werden.

Mein besonderer Dank gilt Winand Herzog und Michael Meinert, die mir vor Beginn der Arbeit an diesen Ausführungen mit wertvollen Hinweisen auf den richtigen Weg halfen.