Sommerpause

In der zweiten Septemberhälfte geht es auf =conlibri= weiter:

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mit Goethe in Ilmenau

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der Gruppe 47 in Ulm

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dichtenden Isländern

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und einem lesereichen Herbst

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Leipziger Buchmesse 2011 – eine erste Nachlese

„Wir lieben Leipzig!“

Mit diesem Ausruf beendete dtv-Chef Wolfgang Balk die diesjährige Lesenacht seines Verlags im akademixer-Keller und sprach damit sicher nicht nur den Anwesenden aus dem Herzen, sondern den meisten Besuchern von Buchmesse und “Leipzig liest”.

Am Sonntag ging die diesjährige Leipziger Buchmesse zu Ende; nach erneutem Besucherzuwachs nähert sich dieser Frühjahrshöhepunkt wohl endgültig seiner Kapazitätsgrenze. Der Wunsch nach einem Fachbesuchertag wurde deshalb von zahlreichen Buchhändlern und Bibliothekaren, Verlags- und Medienleuten immer wieder geäußert.

Voll. Voller. Leipziger Buchmesse. Gedränge also, und Geschiebe in allen Hallen und Gängen, an Ständen und vor Foren und Bühnen. Kein Durchkommen und dennoch allerorten buntes, oft fröhliches Treiben. Aber auch ernsthafte Diskussionen und hintergründige Gespräche. Medienrummel zudem. Bei =CONLIBRI= nun einige Eindrücke von – überwiegend – literarischen Aspekten des viertägigen Ereignisses. Eine klitzekleine Auswahl nur, zudem ganz den persönlichen Lieben und Vorlieben des bloggenden Besuchers folgend.

Setz. Clemens Johann Setz bekam den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik für seinen Erzählband “Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes.” Das war durchaus überraschend und unterstreicht einmal mehr die mögliche Eigendynamik solcher Preisträger-Findungsprozesse. Nun mag der gewollt originell und verstörend wirkende Titel des Buches ebenso etwas abschrecken wie die dargestellten Gewalt- und Pornowelten; mangelndes Schreib-Talent kann man dem 28-jährigen Autor jedoch nicht unterstellen. In bester östereichischer Jungautoren-Tradition – erinnert sei etwa an Handke oder Bernhard – gab er sich in den Tagen vor der Auszeichnung betont raubeinig, pointenreich provozierend, und verzichtete auch nicht darauf kräftige Seitenhiebe an Kolleginnen und Kollegen des schreibenden Gewerbes zu verteilen. Das änderte sich, als dann der Preisträger von Termin zu Termin gereicht wurde. Er lobte sogar ausdrücklich Wolfgang Herrndorf und dessen Roman “Tschick”, den er mit großem Vergnügen gelesen habe und dessen Verfasser den Preis ebenso verdient hätte. Wolfgang Herrndorf hatte wie Arno Geiger (“Der alte König in seinem Exil”) zu den Favoriten gezählt; er konnte wegen seiner tragischen Erkrankung nicht nach Leipzig kommen.

Bank. Zu meinen ganz persönlichen Favoritinnen gehört schon seit einiger Zeit die Schriftstellerin Zsuzsa Bank, deren Debüt-Roman “Der Schwimmer” vor einigen Jahren großen Eindruck auf mich gemacht hat. Insbesondere die sprachlichen Fähigkeiten der Autorin, die aus einer ungarischen Familie stammt, aber von Anfang an in Deutsch schrieb, sind bemerkenswert. Man muss sich in den letzten Jahren immer wieder wundern, wie viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller die deutsche Literatur bereichern, die in eine andere Sprache hineingeboren wurden. Auch im neuen Roman “Die hellen Tage” findet Bank wieder zu ihrem weichen, melodiösen Sprach-Rhythmus. Erzählt wird die Geschichte dreier Familien und die zahlreichen Zerreißproben ausgesetzte Dreiecksbeziehung von Seri, Karl und Aja. Das Buch spielt u. a. in einem phantasievoll farbigen Zirkus-Milieu. „“Die hellen Tage“ sind für mich das schönste Buch des Frühjahrs 2011″, sagte Christine Westermann im WDR.

Florescu. Auch die Muttersprache von Catalin Dorian Florescu war nicht Deutsch sondern Rumänisch. Heute lebt er als deutschsprachiger Autor in der Schweiz. Bereits seine letzten beiden Romane “Zaira” und “Der blinde Masseur” fanden große Beachtung und zahlreiche Leser. In Leipzig stellte er sein Buch “Jacob beschließt zu lieben” vor. Es ist die abenteuerliche Lebensgeschichte des Jacob Obertin aus dem schwäbischen Dorf Triebswetter im rumänischen Banat, samt seiner Vorfahren. Florescu erzählt farbig und flott. Anekdotenreich und sinnlich schildert er Sitten und Gebräuche, Glauben und Aberglauben des europäischen Südosten. Manchmal hat man beim Lesen das Gefühl Schnaps und Knoblauch zu riechen. Der Autor berichtete, dass er sich immer wieder einige Zeit in Rumänien aufhält um neue Eindrücke, Stoffe und Geschichten zu sammeln. Für ihn ist Europa im übrigen eine einzige große Migrationsgeschichte.

Catalin Dorian Florescu zu Gast bei 3sat

Sofa. Polstermöbel allerorten. Traditionsreich, zentral positioniert und menschenreich umlagert, das blaue Sofa. Aufgestellt von Bertelsmann, Deutschlandradio Kultur und ZDF, nimmt hier alles Platz was einen Namen hat oder sich einen machen möchte. Nicht alle Gäste sind dabei von wirklich literarischem Rang wie Karen Duve, Margriet de Moor oder Melinda Nadj Abonji. Die meisten sind einfach populäre Figuren oder Darsteller unserer immer stärker ausfasernden Medien-Landschaft. Ein Joachim Krol ist ebenso dabei, wie die unvermeidliche Veronica Ferres, Gutmensch Todenhöfer und Leidfigur Walter Kohl, Radler Täve Schur oder die Übergröße Jörg Thadeusz. Tiefschwarz hingegen ist die Sitzgelegenheit für die Komik- und Manga-Fraktion; rot das Möbel auf dem Stand des Universitätsradios “Mephisto 97.6” – ein bemerkenswerter Messeteilnehmer, über den in einigen Tagen in einer zweiten Nachlese einige Sätze zu lesen sein werden. Ein Sofa befand sich auch im zweiten Stockwerk der innenstädtischen, lauschigen Connewitzer Verlagsbuchhandlung und hier saß dann am Abend nach getaner Messe-Schicht noch einmal der Eine oder die Andere in angenehm intimen Rahmen, las, plauderte, gab bereitwillig Auskunft und signierte vor eher kleinem, aber sehr geneigtem Publikum.

Leipziger Tage sind kurz. Sie sind im Nu vorüber. Und wenn sie zu Ende gehen, hat man immer das Gefühl etwas verpasst zu haben. Doch auch der Kondition buch- und literaturaffiner Geister sind Grenzen gesetzt. Die Füße schwitzen, schwellen und schmerzen. Höchste Zeit also die letzte Station des dann schon fortgeschrittenen Abends anzusteuern. Ein finaler, müder Meinungsaustausch im Sitzen, bei Bier, Wein, spätem Würzfleisch, in „Volkshaus“, „Südbrause“, „Cafè Puschkin“ oder einer der zahlreichen Kneipen und Restaurants auf dem hochfrequentierten Drallewatsch, dann fällt der Vorhang und manche Frage bleibt bekanntlich offen.

Eine zweite Nachlese folgt in wenigen Tagen.

Die lange Liebe zur Zeitung

Oder warum ich irgendwann Thomas Bernhard lesen werde

Obwohl der bunte und laute eBook-Rummel immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, bleibe ich gelassen. Für den Rest meiner Lebensspanne sind genügend gedruckte Bücher vorhanden und werden noch reichlich neu erscheinen. Doch denke ich an die Zukunft der gedruckten Zeitung, wird mir schon etwas mulmiger. Dabei bin ich gerade von diesem Medium so völlig abhängig. Von klein auf und für immer. Geruch und Geknister. Überformat und Überschrift. Gefaltet oder ausgebreitet. Öliges Schwarz das schmiert. Tag für Tag. Einfach. Kompliziert. Ohne Zeitung geht es nicht. Nie. Nirgends. Morgens zum allerersten Kaffee das selbstverliebte Lokalblatt, aus der besten aller Städte, Präsentierteller eitler Provinz-Prominenz. Ein Platz für Helden. Mittags Sport in SZ, FAZ, FR, TAZ oder Schduddgarder. Abends Feuilleton in SZ, FAZ, FR, TAZ oder NZZ. Wöchentlich FAS, TAS, derFREITAG oder – wenn gar nichts sonst greifbar – auch mal WAMS. DIE ZEIT? Die Zeit der ZEIT ist vorbei. Boulevard und Trivialbrei machen sich zunehmend breit im einst liberal-intellektuellen Muss für alle die mitreden wollten.

Ich werde nie Thomas Bernhard lesen! Nie. Nirgends. Das war bisher so sicher wie Blüms Rente. Thomas Bernhard würde ich nicht lesen. Dieses absatzlose Jammertal, diesen triefenden Ich- und Weltschmerz, das endlose Leiden an Österreich und Österreich und wieder Österreich, wollte ich mir ersparen. Auch das fortwährende Draufhauen auf echte und vermeintliche Nazis und Katholiken; verständlich zwar, aber sich stark abnützend. „In jedem Wiener steckt ein Massenmörder, aber man darf sich die Laune nicht verderben lassen.“

Und es gibt weitere Leserzumutungen, wie seine zahlreichen punktarmen, kommareichen Passagen. Die langen Sätze voll Wort- und Begriffswiederholungen. “Die Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie” – der durchaus witzige Text über die Verleihung dieses Preis an ihn, Thomas Bernhard, geht über zwölfeinhalb Seiten und n-mal lesen wir “Die Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie”. Der Autor begründet: “ich bemühe mich naturgemäß immer um den ganzen korrekten Titel” und schert sich wenig um liebe Müh‘ und Not seiner Leser.

Natürlich, und jetzt gerate ich fast und wie nebenbei ins Lobende, verleiht das der flüssigen Sprachmelodie einen gewissen Rhythmus. Natürlich schimmert hinter dem fortwährenden Haudrauf literarischer Glanz; doch zu leicht werden spitze Ironie und galgenhumorige Komik dabei übersehen. Auf gar keinen Fall aber kann ich ihm seine Absatzlosigkeit nachsehen, denn die macht es nahezu unmöglich, wie gewohnt die Lektüre an beliebiger Stelle zu unterbrechen; und ich lasse mir als Leser auch von meinen verehrtesten Dichtern und Dichterinnen nicht gerne Unterbrechungslosigkeit vorschreiben.

Die Veränderung in meinem Weltbild begann am 23. Februar 2010. Da entdeckte ich Thomas Bernhard als Artgenossen. In der Wochenzeitung derFREITAG berichtete der Autor Michael Angele über die “Leiden des Zeitungssüchtigen”. Er ließ keinen Zweifel aufkommen, dass es ihm um die gedruckte Version des fast vierhundert Jahre alten Nachrichten-Trägers geht.“ Idealerweise sollte man diesen Text in der gedruckten Ausgabe des Freitag lesen.”

Das habe ich gemacht und jemanden gefunden, der mir aus dem Herzen sprach. Dem es in wunderschönster und pointierter Weise gelang über Freud und Leid des gemeinen langjährig Zeitungsabhängigen zu schreiben. Unter anderem ging es um die Schwierigkeiten die auftreten können, wenn man versucht, tagesaktuelle Zeitungen der eigenen Muttersprache (hier: Deutsch) in einem entlegenen anatolischen Bergdorf oder italienischen Badeort, einer märkischen Flächengemeinde oder Kleinstadt der Mittelheide zu beschaffen, wobei BILD hier ausdrücklich nicht mitspielt.

Angele schildert in diesem Zusammenhang, wie Thomas Bernhard einen ganzen Tag durch halb Südbayern und ein Drittel Österreich fuhr um die NZZ des Tages zu erwerben. “350 Kilometer Hass auf „Drecksorte“, in denen es die „Neue Zürcher“ nicht gibt.” Das konnte ich mühelos nachvollziehen; war mir doch Ähnliches immer wieder an nur scheinbar erholsamen Urlaubstagen widerfahren. Thomas Bernhard selbst beschreibt das Original-Erlebnis in dem autobiographischen Buch “Wittgensteins Neffe”.

Es war immer noch Februar und immer noch Zweitausendzehn, als dieses Werk als allererstes von Thomas Bernhard den Weg ins häusliche Bücherregal fand – Abteilung: Neuzugänge. Es ist eine traurige Geschichte, mit viel Tod und Krankheit, aber mit eben dieser herrlichen Passage über eine unheilbare Zeitungssucht.

Detailgetreu wird uns von der grotesken Odysee erzählt, die von Ort zu Ort führt, u. a. nach Salzburg, Bad Reichenhall, Steyr und Wels, aber nicht zur Tagesausgabe der NZZ. Bernhards Fazit: “Da wir in allen diesen angeführten und von uns an diesem Tag aufgesuchten Orten die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommen haben … kann ich alle diese aufgeführten Orte nur als miserable Drecksorte bezeichnen, die absolut diesen unfeinen Titel verdienen. Wenn nicht einen dreckigeren. Und es ist mir damals auch klar geworden, daß ein Geistesmensch nicht an einem Ort existieren kann, in dem er die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommt.“

Ich selbst existiere und lebe in einer kleinen süddeutschen Groß- und Universitätsstadt. Und als ich neulich über einen der schmucken Plätze dieser Stadt schlenderte, gingen vor mir zwei Mädchen, junge Frauen, ins Gespräch vertieft, und eine von beiden seufzte: “Ach Berlin. Ulm ist überwältigend.” Fast alle deutschsprachigen Zeitungen sind hier für mich und Tag für Tag problemlos verfügbar. Unter all den lesenswerten, mir vertrauten Blättern, habe ich über die Jahre hinweg immer wieder gerne und oft zur Süddeutschen Zeitung gegriffen.

Während unser lokales Pflichtblatt vor einigen Tagen, als sich in Ägypten Weltgeschichte ereignete, auf der Titelseite mit der Zeile “Ken wird 50” und einem großen farbigen Bild des Plaste-Produkts und Barbie-Gefährten aufmachte, erklomm die SZ am Freitag den 4. Februar einen neuen Gipfel des Qualitäts-Journalismus. Auf Seite 3 erschien, sechsspaltig und mit ebenso breitem schwarzweißen Portrait-Bild, “Der Weltverbesserer … Thomas Bernhard würde jetzt 80 Jahre alt werden. Eine Winterreise und Geburtstagswallfahrt”, von Benjamin Henrichs. Ein Artikel der noch einmal nachdrücklich, weit ausholend und originell zu Lektüre und Beschäftigung mit dem großen, queren österreichischen Dramatiker und Erzähler anregt. Eine deutsche Tageszeitung, die ihre ganze prominente Seite einem toten Dichter widmet: “Am 12. Februar 1989, drei Tage nach seinem 58. Geburtstag, ist Thomas Bernhard in Gmunden gestorben … Begraben wurde der Dichter in Wien, auf dem Grinzinger Friedhof, ohne dass es die Öffentlichkeit bemerkte, genau so also, wie er es immer gewollt hatte.”

„Es ist wie es ist, und es ist fürchterlich.“ Thomas Bernhard litt fast sein ganzes Leben an einer unheilbaren Lungenkrankheit. Am 9. Februar 2011 wäre er 80 Jahre alt geworden.

Ich habe längst begonnen, Thomas Bernhard zu lesen.

 

Bernhard, Thomas: Wittgensteins Neffe. – Suhrkamp, 2006

Bernhard, Thomas: Meine Preise. – Suhrkamp, 2009

Henrichs, Benjamin: Der Weltverbesserer. – In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 28, 4. Februar 2011, S. 3

Angele, Michael: Warum wir Zeitungen brauchen, derFREITAG, 23.2.2010

und hier: http://www.freitag.de/kultur/1008-warum-wir-zeitungen-brauchen

Exklusiv: Das war 2011!

So. Rum! MMXI

Literatur*Orte*Spuren mit einem ersten Jahresrückblick

Ende letzten Jahres wurden der Internet-Plattform „RikySeeks“  Informationen aus führenden Rundfunk- und Fernseh-Anstalten Deutschlands zugespielt, die erkennen ließen, dass die neuesten Jahres-Rückblicke, Ausstrahlung geplant für den Frühherbst 2011, bereits als Roh-Manuskripte existieren. „RikySeeks“ konnte an Kopien gelangen, die demnächst auf der Website www.rikyseeks.net als Faksimile der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Literatur*Orte*Spuren veröffentlicht schon heute erste Auszüge.

Januar. Die Neujahrsbotschaft des us-amerikanischen Präsidenten Barack Obama, in der dieser seinen Rücktritt zum Ende des Monats ankündigte, ging in Deutschland fast unter. Tagelang standen Meldungen über die Insolvenz der Fussballvereine TSV 1860 München und SSV Ulm 1846 im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Beide Traditions-Clubs wurden mangels Masse rückwirkend zum 1.1.2011 aufgelöst. Die Mannschaften wurden aus den jeweiligen Staffeln genommen, ihre Ergebnisse annuliert. In München erlitt der bekannte Kabarettist und 60er-Fan Ottfried Fischer einen Schwächeanfall. Der ebenfalls nicht ganz unbekannte Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner kommentierte die Vorkommnisse: „Jetzt isch a Rua.“ Nicht klar wurde, auf welches Ereignis er sich damit bezog.

Februar. Seit Mitte November hielt das nahezu stabile Winterwetter an, und auch der Februar 2011 verlief kalt und schneereich. Kaputte Straßen und die vielen Einsätze der Winterdienste strapazierten die klammen Kassen der Kommunen zusätzlich. Allerorten wurde über mögliche Sparmaßnahmen nachgedacht. Und natürlich standen die Bibliotheken wieder einmal ganz oben auf den meisten Listen. Doch es gab auf diesem darbenden Kultursektor auch positive Nachrichten. In Freilassung wurde auf private Initiative und mit Unterstützung der Stadt eine Bibliothek der Gedichte gegründet. Sie wird in einem ehemaligen Bahnwärter-Häuschen am Inn eingerichtet. Freilassing ist die deutsche Nachbarstadt der österreichischen Festspielstadt Salzburg, in der am 3. Februar 1887 Georg Trakl geboren wurde. Es ist geplant die Einrichtung nach dem großen, aber im kurzen Leben sehr unglücklichen, Dichter zu benennen. „Ein Brunnen singt“, lautet das Motto, unter dem das ambitionierte Unternehmen steht und das Trakls Gedicht „Musik im Mirabell“ entstammt.

März. Zur Buchmesse in Leipzig erschien die gesetzte Neuausgabe von Arno Schmidts „Zettel’s Traum“ als E-Book. Im Rahmen einer speziell für dieses Projekt geschlossenen Partnerschaft von Suhrkamp, der Arno-Schmidt-Gesellschaft (Bargfeld) und Apple, ist die elektronische Version des gedruckt 1536 starken Buches nur auf dem neuen I-PO zu bekommen. Das Modell wird dem Werk und den Intensionen des Autors durch sein ungewöhnliches Format (35,8 x 27,4 Cent-I-Meter) in hervorragender Weise gerecht. Der I-PO ist selbstverständlich mit einem hochauflösenden Tatsch-Screen ausgestattet.

April. Bei Bodengrabungen im Lonetal nahe Ulm, entdeckten Forscher der Universität Tübingen Spuren einer bisher unbekannten Frühkultur. Diese allerersten Siedler im damals noch breiteren Flusstal der schwäbischen Alb, verfügten offensichtlich bereits über erstaunliche Kulturtechniken. So wurden Tontafeln mit eingeritzten Zeichen gefunden, die darauf hindeuten, dass der Lonetal-Mensch ein Rechensystem verwendete, das auf den Zeichen 0 und I aufgebaut war. Für genauere Analysen wurden Kryptographen der Universität Ulm herangezogen. Die Tübinger Archäologen haben erste Erkenntnisse über diese „ostschwäbische Digital-Kultur“, wie sie vorläufig genannt wird, inzwischen publiziert. (AJA, 114, pp 557-561, doi: 10.3764/aja.114.3.557)

Mai. Einzelne Medienberichte über den 100. Geburtstag Max Frischs stießen auf wenig Interesse. Im Mittelpunkt stand einmal mehr der Fussball. Nach zahlreichen zweiten Plätzen in verschiedenen Wettbewerben, wurde Bayer Leverkusen erstmals deutscher Fussball-Meister, vor Dortmund und Mainz. Der VfB Stuttgart stieg als Tabellenletzter aus der Fußball-Bundesliga ab. Manager Fredi Bobic erklärte seinen Rücktritt. In einer gemeinsamen Erklärung von Vorstand und Trainer, der auch in der zweiten Liga Bruno Labbadia sein wird, hieß es: „Der Verein strebt den sofortigen Wiederaufstieg an.“ Bayern München wurde Drittletzter. In zwei spannenden Relegationsspielen konnte sich der Rekordmeister gegen den fränkischen Rivalen von Greuther Fürth durchsetzen und den Klassenerhalt sichern. Nur fünf Tage später gewann der FC Bayern das Champions-League-Finale in London gegen die überraschend ins Endspiel gelangte Mannschaft des FC Kopenhagen.

Juni. Das auswärtige Amt in Berlin riet jungen Frauen für diesen Sommer dringend von Aufenthalten in Italien ab. Nach der Einführung einer Audienzpflicht für deutsche Frauen bei Ministerpräsident Berlusconi wurde empfohlen, in der bevorstehenden Urlaubszeit andere Reiseziele zu wählen. Über mögliche Altersober- oder -untergrenzen in diesem Zusammenhang machte Günther Jauch, der Sprecher des neuen Außenministers und Vizekanzlers vonundzu Guttenberg, keine Angaben.

Juli. Die erfolgreiche Tatort-Reihe der ARD wurde überraschend abgesetzt. Nach über vierzig Jahren war im Sommer Dreh-Schluss. Aus diesem Anlass fand eine große finale Party in Ludwigshafen statt. Alle noch aktiven Kommissare und Kommissarinnen, Ermittler und Rechtsmediziner, sowie viele Ehemalige, feierten gemeinsam am Rhein-Ufer. Die Kölner hatten einen Curry-Wurst-Stand aufgestellt, die Münchener Kommissare steuerten einige Fässer bestes bayerisches Exportbier bei und Axel Milberg, alias Borowski, brachte aus Kiel frischgeräucherte Sprotten. Bis zum nächsten Morgen wurde gefeiert, gezecht und in Erinnerungen geschwelgt. (Zwei Tage später, am 17. Juli, wurde in Frankfurt das Finale der Frauen-WM im Fussball ausgetragen … zwischen Nigeria und Australien! Endstand: 1 : 2) Die allerletzte Tatort-Folge wurde dann Mitte Oktober gesendet. Sie trägt den Titel „Taxi aus Leipzig.“

August. Auf geht’s! Das Müchener Oktoberfest fand dieses Jahr erstmals bereits im August statt. Schweißgebadet sprach OB Uhde nach ungewöhnlichen 11 Schlägen das traditionelle “ozapft is!”. Anschließend wurde das neue Team des FC Bayern München präsentiert. Mannschaftsführer Bastian Schweinsteiger versprach unter dem tosenden Beifall der stammwürzig erhitzten Menge, in dieser Saison die Meisterschale wieder nach München zu holen. Dem schloss sich der neue Trainer Thomas Tuchel an und ergänzte, dass natürlich auch der Champions-League Titel erneut gewonnen werden soll. Die Begeisterung im überfüllten Zelt war grenzenlos. Spontan und gemeinsam stimmte man den traditionellen Spider-Murphy-Song „Schickeria“ an und stemmte die Maßkrüge gen Zelthimmel.

September. Früher Wintereinbruch in Deutschland. In Castrop-Rauxel und Buxtehude brach die Fernwärmeversorgung, in Leipzig und Zwickau der Straßen- und in München, Berlin und Hamburg der S-Bahn-Verkehr zusammen. Erste Testfahrten auf der Neubau-Strecke der Bahn zwischen Wendlingen und Ulm, die für die zweite Monatshälfte mit einer Draisine geplant waren, wurden aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Oktober. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde wie jedes Jahr, so auch 2011, einmal mehr der endgültige Durchbruch des E-Book gefeiert. Zugelassen waren in diesem Jahr nur Aussteller, die mindestens einen Titel in einer elektronischen Reader-Version anbieten konnten. Den diesjährigen Deutschen Buchpreis erhielt Oliver Bendel für seinen neuen Handy-Roman „Handygirl – Part III“. In diesem Teil spielt unsere Freundin Liza in einem Theaterstück mit. „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind. Kathi sitzt auf der Ersatzbank und Handygirl hat eine neue Aufgabe als Superheldin.

November. Im Print-Bereich machten in diesem Herbst gleich zwei Publikationen außerordentlich Furore und erfreuten die zuletzt nicht verwöhnte Buch-Branche mit stattlichen Extra-Umsätzen. Gefeiert und in ganz Deutschland bestens verkauft, wurde das neue Buch von Uwe Tellkamp. „Im Sturm“ erzählt, wie einmal zu DDR-Zeiten der ganze Stadtteil Weißer Hirsch durch einen Schneesturm vom Rest Dresdens abgeschnitten war. Den Bewohnern des Nobel-Viertels wurde daraufhin ähnlich langweilig, wie den Lesern von Tellkamps Werken. Für Schlagzeilen sorgte auch Hape Kerkeling mit seinem neuesten Verkaufserfolg “Ich bin wieder da!”. Innerhalb weniger Tage war die Erstauflage von 1 Million Exemplaren verkauft. BILD hatte Auszüge vorab veröffentlicht und seine verkaufte Auflage damit ebenfalls beträchtlich steigern können. Til Schweiger hat die Filmrechte erworben. Für die Titelrolle ist Nora Tschirner vorgesehen.

Dezember. Erstmals fanden zu Beginn des Monats die „Freilassinger-Lyrik-Tage“ in der „Georg-Trakl-Bibliothek“ statt. Aus ihren Werken lasen, neben einigen vielversprechenden jungen Talenten, die bekannten Dichter Michael Lenz, Jan Wagner und Morten Söndergaard.

Geschenk-Renner unter deutschen Weihnachtsbäumen im zu Ende gehenden Jahr 2011: Der E-Book-Reader von ALDI. Auf dem Modell „Weimar“ sind Goethe und Schiller vorinstalliert.

Von Menschen und Gedichten

Nachträge zur Leipziger Buchmesse 2010

Zweiter Teil – mit zwei Lyrikern

„Und wir / hasten und hatschen und huschen und jagen und joggen und latschen und marschieren und schleichen und schlendern und spazieren und staksen und stapfen und stelzen … und storchen und tänzeln und tippeln und tappeln und trippeln und trappeln und trödeln und trotten und wallen und wandeln und wandern und waten und watscheln und zockeln und zotteln und zuckeln, / und wir sammeln uns in Gruppen und in Gesellschaften und in Bekanntenkreisen … „

Zitate aus dem Gedicht „Vademecum“ von Morten Söndergaard. Enthalten in dem Anfang dieses Jahres erschienenen Band „ein schritt in die richtige richtung“, der aus vier längeren Gesängen und Gedichten besteht. Der dänische Autor spricht von einem „Gehbuch“. In „Vademecum“, dem ersten Teil des Buches, das in Dänemark bereits 2005 herauskam, untersucht Söndergaard gründlich das Gehen als Bewegungsform im wörtlichen, aber auch im metaphorischen Sinn und erprobt dafür mögliche Sprach- und Ausdrucksmöglichkeiten: wir gehen zum Einkaufen, kommen in die Gänge, gehen vor die Hunde, gehen bankrott und schließlich über den Jordan…

Morten Söndergaard wurde und wird von Roland Hoffmann mit viel Gefühl für Rhythmus und Sprachmelodie ins Deutsche übertragen. Hoffmanns Versionen entsprechen den Originalen auf verblüffende Weise, wozu sicherlich auch die nahe Verwandtschaft der beiden germanischen Sprachen beiträgt. Wie stimmig, stimmungsvoll und ausdruckstark das beim Vortrag klingen kann, wurde demonstriert als Dichter und Übersetzer auf der Leipziger Buchmesse am Stand der Nordischen Literaturen Passagen aus „Vademecum“ synchron in Deutsch und Dänisch vortrugen. Hier zumindest ein kleiner Eindruck, wie man sich das Zitat am Anfang in dänischer Sprache vorzustellen hat:

„Og vi / dasker og driver og drysser og defilerer og flanerer og gakker og jokker og jakker og jogger og lister og lunter og promenerer og sjokker og sjosker og slentrer og spadserer og spankulerer og stavrer og stepper og stolprer og storker … og tusser og töffer og vader og vandrer og vralter / og vi samler os i grupper og i samfund og i omgangskredse …“

Die Lyrik Söndergaards wirkt am stärksten bei Auftritten vor Publikum, wenn die Lesung zur Performance wird, wenn Gestik, Mimik und Musikalität des Dichters oder Vortragenden die uralte Verwandtschaft von Dichtung und Lied, von Dichtung und Gesang, deutlich machen können. Auch in Leipzig waren die Zuhörer bei solchen Veranstaltungen sichtlich beeindruckt. Einer der Höhepunkte war der gemeinsame Auftritt von Morten Söndergaard und Clemens Meyer, als es dem Dänen gelang, den Leipziger zu einem ebenfalls ausdrucksstark gestalteten Vortrag seiner Prosa zu bewegen. Die Augen- und Ohren-Zeugen im altehrwürdigen Theater-Saal waren begeistert.

Die deutschen Ausgaben der Werke Morten Söndergaards erscheinen im Verlag seines Übersetzers, dem litteraturverlag roland hoffmann. Sie sind selbst in guten Buchhandlungen nicht immer vorrätig, aber jederzeit und problemlos zu beschaffen. Bemühen Sie den Buchhändler ihres Vertrauens – er wird es ihnen danken.

Wesentlich schneller und leichter zugänglich sind neue Gedichte von Michael Lentz. Durch geschickte Kooperation mit der FAZ sind einige im sonst nicht immer lyrischen WWW nur wenige Klicks vom geneigten Interessenten und potentiellen Zuhörer entfernt. (Link im Anhang.) Die Originale und den ganzen umfangreichen Zyklus von Liebesgedichten gibt es selbstverständlich auch als schön gestaltetes Druckwerk unter dem Titel „Offene Unruh. 100 Liebesgedichte“ im Verlag S. Fischer.

Der 1964 geborene Michael Lentz begann seine dichterische Laufbahn mit Poetry Slam. 1998 wurde er „Deutscher Meister“ in dieser Disziplin; 2001 gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis und wurde 2005 mit dem „Preis der Literaturhäuser“ ausgezeichnet. Von ihm liegen inzwischen mehrere Lyrik- und Prosa-Bände vor. Großen Anklang bei Publikum und Kritik fand sein 2007 erschienener Roman „Pazifik Exil“. Darin schildert er die Flucht vieler Intellektueller und Künstler vor der nationalsozialistischen Herrschaft ins amerikanische Exil. Seit 2006 ist er Professor für literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig.

Söndergaard, Morten: ein schritt in die richtige richtung. et skridt i den rigtige retning. Gedichte Deutsch und Dänisch. – Übersetzt von Roland Hoffmann. litteraturverlag roland hoffmann, 2010. Euro 19,90

Ders.: Bienen sterben im Schlaf. – Übersetzt von Roland Hoffmann. litteraturverlag roland hoffmann, 2007. Euro 18,90

Lentz, Michael: Offene Unruh. 100 Liebesgedichte. – S. Fischer, 2010. Euro 16,95

Die Lyrik-Lesungen von Michael Lentz auf faz.net

Lentz, Michael: Pazifik Exil. S. Fischer, 2007. – Als Fischer Taschenbuch, 2009. Euro 9,95


MMX: Thomas-Mann-Gesellschaft tagt in Göttingen

„Gewiß, dort gibt es keine Seine
und auch den Wald nicht von Vincennes,
doch sah ich nie so schöne Rosen
in Göttingen, in Göttingen.

Paris besingt man immer wieder,
von Göttingen gibt’s keine Lieder,
und dabei blüht auch dort die Liebe
in Göttingen, in Göttingen.

Was ich nun sage, das klingt freilich
für manche Leute unverzeihlich:
Die Kinder sind genau die gleichen
in Paris, wie in Göttingen.“

Barbara, (d.i. Monique Andrée Serf), französische Chanson-Sängerin, 1930 – 1997. Die Zitate stammen aus dem Chanson „Göttingen“, das 1964 entstanden ist.

In diesem Jahr findet die Jahrestagung der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft in Göttingen statt. Vom 3. bis 5. September 2010 treffen sich Wissenschaftler und Literaturfreunde in der Paulinerkirche der traditionsreichen Universitätsstadt. Das Thema lautet: „Der Zauberer und die Phantastik – Thomas Mann und das phantastische Erzählen.“ Es werden dabei Vorträge und Diskussionen zu grundsätzlichen Fragen der Phantastik und zu den Erzählungen und Romanen des Schriftstellers zu hören sein. Im Rahmenprogramm sind die Lesung eines bekannten Autors, sowie literarische und kulturhistorisches Spaziergänge durch Göttingen geplant. Nähere Informationen gibt es in Kürze auf der Internet-Seite der Thomas-Mann-Gesellschaft.

„Im September 1828 verließ der größte Mathematiker des Landes zum erstenmal seit Jahren seine Heimatstadt, um am Deutschen Naturforscherkongreß in Berlin teilzunehmen. Selbstverständlich wollte er nicht dorthin. Monatelang hatte er sich geweigert, aber Alexander von Humboldt war hartnäckig geblieben, bis er in einem schwachen Moment und in der Hoffnung, der Tag käme nie, zugesagt hatte.“

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. – Hamburg, 2005

Kehlmann wurde 2008 mit dem Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck ausgezeichnet: „dem scharfsinnigen Essayisten und klugen Geschichtenerzähler, dessen Romane und Novellen mit artistischer Verve und in leichtfüßiger Nachfolge Thomas Manns mit Humor, Ironie und tieferer Bedeutung ihre sehr ernsten Scherze treiben.“

Morgenland

Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus einer Erzählung von Arthur Thomas Wille. Sie trägt den Titel „Morgenland.“ Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die eingestreuten Zitate sind dem „Süddeutsche Zeitung Magazin“ vom 23. Dezember 2009 entnommen.

„Ich mach jetzt mit anderen Kräften einen neuen Auftrag, das ist bei Kundus! Genaueres darf ich nicht sagen! Leider ist es dort, wo die anderen zwei Soldaten gefallen sind. Brauchst Dir aber keine Sorgen zu machen, ich pass gut auf mich auf! Smile!“ (Ein Hauptgefreiter, 19, Kundus 2008)

Als Tereza anrief um mich zu bitten, sie zum Flughafen zu begleiten, war ich überrascht. Wunderte mich, dass sie nicht ihre Schwester oder die sonst jederzeit präsente Dresdner Freundin Kathleen darum gebeten hatte… Ablehnen konnte ich unter diesen Umständen natürlich nicht. Schließlich ging es um Max…

So standen wir dann also, sicherheitshalber viel zu früh, im üblichen Durcheinander der Flughafenhalle. Links die Espresso-Bar, rechts der Duty Free. Vorne die Schalter der Airlines. Das etwas unscharfe Bild des CNN News-Screen über uns. Menschen, die Gepäck tragend oder ziehend, unter dem von dünnem Regen gewässerten Glasdach, durch die hohe, weite Halle eilten, andere die suchend schlenderten. Hin und wieder sahen wir zu den hektisch wechselnden Daten der großen elektronischen Anzeigetafel hinüber, obwohl wir genau wussten, dass unser Flug nicht angezeigt werden würde. So warteten wir, zeitlos, zielvergessen und hatten eigentlich kein wirkliches Interesse, dass dieses Warten ein Ende nahm…

„Spätestens nach dem zweiten Bunkeralarm entwickelt auch der größte Philanthrop blutige Rachegelüste. Die militärisch einfachste Lösung, die hier von den Soldaten auch favorisiert wird, ist der groß angelegte Artillerie-Gegenschlag. Technisch kein großes Problem: Abschussstelle orten, Kanone ausrichten und zurückschießen – dauert weniger als eine Minute… aber die Taliban sind nicht blöd. Schon die Nächsten hätten ein langes Kabel und würden die Rakete neben einem Kindergarten starten.“ (Ein Oberstabsarzt, 34, Kundus 2009)

Es war schon kurios, dass sich Tereza und Max ausgerechnet auf einem Rummelplatz näher kennenlernten. Max besuchte solche Volksfeste so gut wie nie. Der billige Trubel und das Ramschige waren ihm zuwider. Mit den Fahrgeschäften konnte er nie etwas anfangen. Trotzdem hatte ihn eine Laune damals nach einem langen erschöpfenden Arbeitstag dort hin geführt. Auf eine Bratwurst, eine Tüte gebrannte Mandeln, als kleine Belohnung, dass er nach dem Nachtdienst den Tag auch noch durchgestanden hatte… Tereza traf er in der Straßenbahn. Sie war auf dem Heimweg… Später wusste sie selbst nicht mehr genau, warum sie der überraschenden Einladung des ärztlichen Kollegen, den sie bis dahin nur vom Sehen kannte, ihn zu begleiten gefolgt war. Der Tag endete im Bierzelt. Bei einer geteilten Maß Bier, munterer Blechmusik und Pommes, stellten beide fest, dass sie sich mehr zu sagen hatten, als das übliche alltägliche Arbeitsplatz-Gezwitscher…

Max hing an seiner Arbeit. Pläne, beim Militär auszusteigen und eine eigene Praxis zu gründen, hatte er immer wieder verschoben. Die Zeit, für die er sich hatte verpflichten müssen, um das Medizinstudium als Soldat absolvieren zu dürfen, war bereits abgelaufen. Tereza arbeitete als Zivilangestellte in der Klinik…

„Die Flaggen vor unserem Stab waren in letzter Zeit erfreulich häufig oben, das ist jeden Morgen der erste bange Blick, noch vor dem Briefing: kein Halbmast, keine gefallenen Kameraden.“  (Ein Stabsoffizier, 40, Kabul 2008)

In ihrer Trauer war sie schöner als jemals zuvor. Schöner und unerreichbarer als die junge Frau, die uns Max vor sieben Jahren als seine „Neue“ vorgestellt hatte. Damals spekulierten wir sofort, wie lange es diesmal gehen würde. Es war dann also doch für ein ganzes Leben gewesen. Das lange schwarze Haar,  zum Pferdeschwanz gebunden, lag auf der Kapuze des Duffelcoat. Die Brille mit der rot-schwarzen Fassung war neu und schmückte schlicht. Ihre Augen lagen tief, blickten abwesend und müde irgendwohin, hellbraune Haut über hohen Wangenknochen, eine junge Frau, vor Jahren aus dem südöstlichen Europa nach Deutschland gekommen, weil in ihrem Heimatland Krieg war. Ein Krieg, dem ihre Familie entkommen konnte. Sie trug schwarze Stiefel zu dunkelblauen Jeans. Kleiner und dünner wirkend als im beruflichen Alltag, in dem sie eine den Patienten angenehme Autorität ausstrahlte, stand sie übersehbar und einsam im weiten Raum… Obwohl dicht neben ihr, war ich ihr in diesen Augenblicken, unmittelbar vor Ankunft des Flugzeuges, ferner denn je. Jede Berührung jetzt ausgeschlossen…

„Nächste Woche Montag ist Abflug. Seit drei Tagen fliegen uns wieder Raketen um die Ohren, ich hab die Schnauze voll, der Kleine (mein Diensthund) hat auch keinen Bock mehr. Mir geht’s nicht besonders, will heim.“ (Eine Stabsunteroffizierin, 30, Kundus 2009)

Auf CNN wurde ein iranischer Oppostions-Politiker von einem weißhaarigen Reporter interviewt …  An der Espresso-Bar hatte sich eine Gruppe japanischer Touristen niedergelassen… Ein untersetzter Verbindungs-Offizier mit fleckigen schwarzen Schuhen kam zu uns, den Tereza wohl schon kannte. Er berichtete, dass die Maschine vor wenigen Minuten sicher gelandet sei… Viel mehr gab es dann für uns nicht zu tun oder zu sehen. Die Särge wurden direkt zur Carl-Goerdeler-Kaserne gebracht. Zum großen Zapfenstreich.

Herbst-Lese (2)

Mein kleiner chinesischer Beitrag

Für uns Mitteleuropäer war es schon immer ein Leichtes nach China zu gelangen; es geht am besten mit der Eisenbahn ab Lummerland mit Lokführer Lukas. (1) Und am fernen Bahnsteig werden wir von Frau Mahlzahn in Empfang genommen. Die Reise für Chinesen in der umgekehrten Richtung scheint nicht ganz so einfach. Dennoch ist es nicht Wenigen gelungen, die Einladung als Gast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse anzunehmen. Andere, die sich auch auf die Reise machen wollten, kamen nicht an; am Heimatbahnhof fuhr der Zug ohne sie ab. In Frankfurt ging es derweil hoch her. Scheinriesen und Feuerdrachen kraftmeierten aufeinander los. Diplomaten und Politiker kamen ins Spiel.

Nun gehöre ich ja immer noch zu jenen Naiven, die glauben, man bräuchte nur die richtigen Bücher lesen, dann wird das gegenseitige Verständnis gefördert und man kommt damit Lösungen für Konflikte näher. Autoren, Bücher und Leser – geht es auf der Messe nicht hauptsächlich darum? Und irgendwie um China.

Selbst des vielschichtigen Themas völlig unkundig, machte ich mich auf die Suche nach Einstiegslektüre und stieß – wars im Börsenblatt oder bei Amazon? – auf die Autorin Luo Lingyuan. Beim Hinschreiben des Namens wird mir bereits wieder zweiflig. Hatte doch erst neulich der in China lebende und für den deutschen Buchpreis (2) nominierte Hesse und Jungautor Stephan Thome in einem Interview die Problematik der chinesischen Namensgebung und -nennung erläutert.

Luo 2Wie dem auch sei. Luo Lingyuan wurde in der Volksrepublik China geboren und absolvierte Ausbildungen zur Computerwissenschaftlerin und zur Journalistin. Nachdem sie in Shanghai Deutsch gelernt, dabei einen deutschen Studenten kennengelernt und geheiratet hatte, kam sie 1990 nach Berlin und erkannte als Erstes, dass es mit ihren real existierenden Sprachkenntnissen nicht weit her war. „Alles klang anders, als ich es gelernt hatte, ich verstand überhaupt nichts.“ Mit 27 fängt sie neu an, kellnert, putzt, arbeitet in einem Kaufhaus und nebenher lernt sie richtig Deutsch. Bald kann sie die Sprache ihrer neuen Heimat lesen und verstehen, wird Reiseführerin und Übersetzerin. Sie beginnt in der  Zweitsprache auch zu schreiben. 2005 erscheint ihr erster Erzählband, 2007 der erste Roman, „Die chinesische Delegation“ (3).

Darin erleben wir, wie die Reiseführerin Song Sanya eine Abordnung der chinesischen Millionenstadt Ningbo durch Europa begleitet. Während wir mit dieser Gruppe die chinesische Sichtweise auf unseren Kontinent kennenlernen, erfahren wir gleichzeitig Interessantes, Komisches und Intimes über die einzelnen Reisenden und damit auch über ihr Heimatland, dessen Denkweisen und Kulturen. Luos Schreibstil ist sehr realistisch und dialogbetont. Glänzend versteht sie es mit wörtlicher Rede dem Leser ihre Eindrücke und Vorstellungen zu vermitteln. Manchmal ist der Ton ironisch; den chinesischen Bilderreichtum von Schilderungen und Vergleichen hat sie übernommen und setzt ihn gekonnt zur Charakterisierung des handelnden Personals ein.

Das neueste Buch der Autorin – „Wie eine Chinesin schwanger wird“ – ist jetzt pünktlich zur Luo BuchFrankfurter Messe erschienen (4). Darin kehrt die chinesische Fotografin Tingyi nach jahrelangem Aufenthalt in Deutschland, gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Robert, nach China zurück, um den 70. Geburtstag des Vaters zu feiern. Zu ihrem Entsetzen erklärt das Familienoberhaupt im Kreis der Verwandten, ihre vorrangige Aufgabe bestehe nun darin, möglichst bald schwanger zu werden und der Familie ein weiteres Mitglied zu schenken. Ihr deutscher Partner ist begeistert von diesem Plan, aber die Irrungen und Wirrungen von Liebe und Eifersucht, sowie kulturelle Missverständnisse, bringen erst einmal alles durcheinander. Und wir Leser haben auch mit diesem Buch die unterhaltsame Möglichkeit mehr über Land und Menschen zu erfahren, als uns  gängige Reiseführer verraten.

Deshalb: Alle, die wie ich, über China weniger wie nichts wissen, aber darauf bestehen, chinesische Literatur lesen zu wollen: Luo Lingyuan lesen. Nicht der schlechteste Anfang einer Annäherung. Ein nicht ganz unvergnüglicher Weg damit zu beginnen, China etwas näherzukommen.

Ein schönes Buch über Unverständnis für fremde Kultur gab es vor etlichen Jahren ja schon einmal – und das sehr erfolgreich. Damals andersherum, von Ost nach West. Da kam einer nicht nur von  China nach Europa, sondern – kaum steigerungsfähig – ins bierschunklige München. Erschwerend kam hinzu, dass der Held aus fernöstlicher Vergangenheit in eine bayerische Gegenwart voller technischer Wunder und zwischenmenschlicher Formlosigkeit geriet (5). Allerdings kam er nicht nach Frankfurt, so dass wir uns nicht ausmalen können, wie der Zeitreisende auf die diesjährige China-Messe reagiert hätte. Der Belustigungsfaktor des Buches ist hoch, das Werk immer noch sehr lesenswert.

(1) Ende, Michael: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. – Stuttgart, Thienemanns, versch. Aufl. und Ausgaben

(2) Thome, Stephan: Grenzgang. Roman. – Frankfurt, Suhrkamp, 2009

(3) Luo, Lingyuan: Die chinesische Delegation. Roman. 2. Auflage. – München, dtv, 2007

(4) Luo, Lingyuan: Wie eine Chinesin schwanger wird. – München, dtv, 2009

(5) Rosendorfer, Herbert: Briefe in die chinesische Vergangenheit. – München, dtv, versch. Aufl.

Sommerpause

Ab September 2009 auf LIT-OS. Literatur**Orte*Spuren:


Der Hochsommer ist gegangen. Nun freuen wir uns auf einen stimmungsvollen NACHSOMMER und eine hoffentlich interessante und ergiebige HERBST-LESE.

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Wir erfahren wie ARNO SCHMIDT einmal in Ulm über einen ziemlich berühmten Hocker stolperte.

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Und es gibt Neuigkeiten aus RAISTING, Polling und der sibirischen Steppe. (Hier sei heute schon, die wohl nicht ganz überflüssige Bemerkung erlaubt, dass es sich dabei um satirische Machenschaften handeln wird.)