2017. Das Jahr von DLS

4. Januar 2017

Treibstoff aus Nüssen und Wohnen im All sind sicher zwei wichtige Trends der nahen oder ferneren Zukunft. Doch jetzt sind wir im Jahr 2017. Und jetzt kommt DLS.

Für zahlreiche aktuelle Statussymbole läuft die Uhr ab. PS-starke Geländewagen, hypergigantische Kreuzfahrt-Dampfer, löchrige Designer-Jeans, chromblitzende Kaffee-Automaten der 2000-EuroplusX-Klasse, Dauerkarten für Freizeitparks, opulente Grill-Orgien, selbstgestrickte Bimmel und Bommel, Reisen in exotische Inselstaaten. Out. Das Zeitalter von DLS hat begonnen. Oder wie das Zukunftsorgan BALD schrieb: „DLS – alle sind dabei!“

Erste Zeitschriften-Titel tauchen an den Kiosken auf: „Mein DLS“, „DLS-Lust“, „DLS-Idee“, „Mega-DLS“, „DLS für Landfrauen“, selbst die altbewährte Apotheken-Rundschau macht mit: „Mit DLS und ihrer Apotheke zu einem erfüllten und gesunden Leben.“

Die Buch-Verlage ziehen hektisch nach. Schon liegen die ersten Titel auf Sondertischen bei Dubenhugel und Co.: „DLS für Dummies“, „Mein Weg zum perfekten DLS“, „DLS in 10 einfachen Schritten“. Angekündigt sind Bücher von Til Schweiger („Mehr Wumm mit DLS“) und Barbara Becker („Jungbrunnen DLS.“) Die Kuppelspezialisten von Parshit werben: „Bei uns findest Du den idealen DLS-Partner“.

D, wie Denken, wie selber denken, kritisch denken, Skepsis pflegen. Folgenabschätzung erlebt einen ungeahnten Boom. „Zweifel sind das Beste, was einer Gesellschaft passieren kann“, schrieb Angelika Slavik in ihrem zu skeptischen Denken anregenden Essay auf „SZ Online“ an Neujahr 2017. Ein fulminanter Auftakt zum DSL-Jahr. Vor sich selbst macht dieses neue Denken nicht halt, wie Slavik betont: „Die Fähigkeit, die eigene Leistung zu hinterfragen, ist die erste und unabdingbare Voraussetzung für Exzellenz in jeder Disziplin.“

Die Volkshochschulen sind dabei. Kurs-Beispiele der vh Erkenschwick: „Ich bin Selbstdenker“, „Skepsis in allen Lebenslagen, I und II“. Voraussetzung für die Teilnehmer: Bereitschaft und Fähigkeit zu konzentriertem, ausdauernden Lesen selbst sperriger Texte.

L, wie Lesen. Lesen immer und überall. Wissen erwerben durch Lesen. Lesen mit Ausdauer, Bücher mit Gehalt und von Umfang. Aus Belesenheit und Wissen wird Bildung, grundlegende Voraussetzungen für eigenständiges Denken. Es werden wieder Bücher gekauft um sie zu besitzen. Planer von Neubauwohnungen haben erkannt: Jetzt sind Stellwände für Xtra-breite Regale gefragt.

Die neuen Leser sind bookish. Gedruckte Haptik erobert die Wohn- und Arbeitsräume, ja selbst die Kinderzimmer. In Bussen und Bahnen, auf Bänken und Wiesen, an Kaffeehaustischen – kaum noch jemand hält ein Smartphone vor die Nase. Die Container an den Sammelstellen füllen sich mit entsorgtem Elektroschrott. Die Renaissance des Buches ist allerorten spürbar. Fast vergessene Handwerke und Berufe kehren zurück: Papierschöpfer, Buchbinder, Antiquare. Qualifizierte Bibliothekare und Buchhändler werden händeringend gesucht.

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„Geben wir dem Buch seine Verantwortung zurück“, forderte Nina George auf den Leipziger Buchtagen im Juni 2016. „Ein Buch ist der Kontrollentwurf zur virtuellen Welt und seiner behaupteten ‚Schwarmintelligenz‘, die im Web kollektiv einen Konsensbrei aus Wissen und Vermutung anrührt, in kurzen, verdaulichen Texthäppchen – der schon am nächsten Tag aus der Timeline und aus dem Gedächtnis verschwunden ist.“ (Im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels war das nachzulesen.)

S, wie Schreiben. Händisches, bewusstes Schreiben. Wohlüberlegtes, ausformuliertes Aufschreiben. Beschreiben als Selbstvergewisserung. Gedanken und Gedächtnis in Schriftform ohne Speicherprobleme und zur nachhaltigen Verfügbarkeit.

Geschäfte für alle Arten von Schreibwaren eröffnen neu. Kleine überladene Räume in denen zu finden ist, was das Herz der neuen Schreiber höher schlagen lässt. Feine Papiere, edle Füllfederhalter, Blei- und Buntstifte. Kladden und Tagebücher sind seit Tagen ausverkauft, neue Lieferungen werden erwartet, die Liste der Vorbestellungen ist lang.

Schreiner fertigen Steh- und Schreibpulte, Sekretäre, Schreibtische aus schwerer Eiche nach individuellen Wünschen. Die Menschen schreiben Tages- und Familienchroniken, Gedichte, Skizzen und Geschichten über Erlebtes und Erdachtes. Die gelbe Post war auf die einsetzende Flut handgeschriebener Briefe nicht vorbereitet.

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Lotte ist immer noch Bedienung in meiner Stammkneipe am Max-Brod-Platz. Dabei studiert sie längst BWL mit „Schwerpunkt Mergers and Acquisitions“, wie sie mir neulich stolz berichtete. Ob sie abkassieren könne, sie habe jetzt Feierabend. Meine rechte Wange lag noch auf der Druckerschwärze des Lokalblatts. Als meine Augen offen sind, sehe ich, dass ich genau auf einem Artikel geruht habe, der über die Schließung von Bücher-Hansi informiert, der letzten unabhängigen Buchhandlung in unserer kleinen Großstadt.

Hinaus ins Zwielicht abendlichen Schneetreibens. Mir kommt in den Sinn, dass ich meinem ausgeträumten Traum noch ein weiteres L anhängen könnte.

L, wie Laufen. Das neue Laufen heißt Spazierengehen, Schlendern, Promenieren. Sanftes Wandern auf den Spuren unserer Dichter. Mit Friedrich Schiller durch das Tal der Saale, mit Theodor Fontane durch Berlin und Brandenburg, mit Maria Müller-Gögler von Weingarten nach Schlier durchs Lauratal, bergauf, bergab mit Hermann Lenz in Stuttgart, mit Hölderlin von Hauptwil an den Bodensee und zurück in die schwäbische Heimat, mit Andreas Maier die Wetterau erkunden.

Denken und Gehen. Was für eine Symbiose. Damit beginnt eines der merkwürdigsten Bücher, das mir in letzter Zeit untergekommen ist.

„Ich kann auf meinen Spaziergängen die schwierigsten und verzwicktesten Gedanken denken, ohne von äußeren Einflüssen unterbrochen und gestört zu werden. Ich spaziere vor mich hin, meine körperliche Person mit ihren Beinen und Füßen auf ihrem Weg, mein Geist mit seinem Denken in seinen Gedanken.“ Bald schon trifft der Protagonist eine Gleichgesinnte, eine Beziehung bahnt sich an: „… ich habe gesehen, daß du ein Denker bist, du denkst beim Gehen, die ganze Zeit denkst du beim Gehen, das habe ich gesehen, und ich brauche einen Denker, ich sehne mich nach einem Denker …“ (Christoph Bauer, Jetzt stillen wir unseren Hunger. S. Fischer, 2001)


„Wir sind die Treibenden.“

30. Dezember 2013

Ein Jahr geht zu Ende

Neben Essen, Trinken, Schwatzen, Schenken und Beschenktwerden, Zanken und Vertragen, Zusammen- und Besinnlichsein; außer Tannenbäumebestaunen und Vorsätzefassen, Raketen zünden und Ideen zulassen, Träumen und Schlendern, bieten die Tage um Weihnachten und den Jahreswechsel noch manche Stunde (manchen Tag) zum Blättern und Schmökern, für alte und neue Lektüre, dem Wiederindiehandnehmen fast vergessener Bücher und das Entdecken literarischen Neulands.

Zur Zeit lese ich den meisterlichen Roman „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Über 800 lohnende Seiten, die natürlich etwas Geduld und Beharrlichkeit erfordern. Es ist der dritte Band der sogenannten „Wartesaal-Trilogie“ und handelt vom Schicksal einer Gruppe Menschen, die Naziherrschaft und Judenverfolgung nach Paris vertrieben haben. Die ersten beiden der inhaltlich nur lose verknüpften Bände, „Erfolg“ und „Die Geschwister Oppermann“, hatte ich bereits vor längerer Zeit gelesen.

Süffigeres liegt für danach bereit. In den freien Tagen bis zum 6. Januar möchte ich mir unbedingt noch den neuen Krimi von Elisabeth Herrmann gönnen. Er heißt „Versunkene Gräber“ und wurde von einer meiner anderen Lieblings-Spannungsautorinnen, nämlich Inge Löhnig, sehr gelobt. Herrmann greift gerne Themen der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte auf. Und so verrät der Klappentext ihres aktuellen Buches, dass ein Verbrechen in der Gegenwart, hineinführt “in die dramatischen Ereignisse des Jahres 1945, als sich die Schicksale von Tätern und Opfern kreuzten und Entsetzliches geschah.” Ich bin gespannt.

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“Seit mindestens zweihundert Jahren ist der Drang nach Beschleunigung so dominant, daß er Umwälzungen von schockierendem Ausmaß bewirkte, die ihrerseits Anlaß zu Fragen, Klagen und Warnungen gaben.”

In diesen Tagen und Wochen begleitet mich ein schmales Büchlein der aus der heutigen Slowakei stammenden, in der Schweiz lebenden Übersetzerin, Essayistin und Schriftstellerin Ilma Rakusa mit dem Titel „Langsamer! Gegen Atemlosigkeit, Akzeleration und andere Zumutungen“. Es enthält mehrere nicht allzu lange Aufsätze, jeder mit starken Bezügen zur Literatur, die um das für Viele immer drängender werdende Bedürfnis nach Entschleunigung kreisen. Zu den verweisungs- und geistreich aufgegriffenen Themen, die Rakusa mit diesem Verlangen in Zusammenhang bringt, gehören u. a. Arbeit, Natur, Muße und Reise.

Mir gefällt am besten das Kapitel “Lektüre”, in dem die Autorin den Lesern verdeutlicht, dass in ganz besonderer Weise “Lesen ein langsamer Vorgang … ist und bleibt.” Und “das sogenannte Verschlingen von Büchern … sich vorhandener Zeit und Ausdauer” verdankt. In den Gedanken von Ilma Rakusa finde ich willkommene Rechtfertigung und Bestätigung für die eigene Liebe zur Literatur, zu den Werken von Dichtern und Denkern, für meine liebste Zeitverwendung – das Lesen. “Sinnlichkeit, Beschaulichkeit, Entspannung … Lesen will nicht nur zweckdienlich sein. Daß es Erkenntnisse vermitteln und unterhalten kann, daß es zur Welt- und Ich-Findung, zur Sinnstiftung und Klärung beiträgt, ist das eine. Zugleich ist es eine sich selbst genügende Tätigkeit, die ein großes Glücksversprechen enthält.”

Der Leser “erfährt, dank Konzentration und Hingabe, ein verändertes Zeitgefühl, überwindet die Ich-Grenzen und bewegt sich in einem Raum spielerischer Autonomie.” Täuscht mein Eindruck, oder sind es tatsächlich immer weniger Menschen, die in unserer Gegenwart der Einladung, solch ganz persönliche Privilegien wahrzunehmen und in selbstbestimmtem Tempo durch die Welt zu schreiten, folgen?

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Meine allerneueste Erwerbung, nach langem Hinundherüberlegen, ist die bei Fischer erschienene Taschenbuch-Ausgabe der Romantrilogie „November 1918“. Ein literarisches Großprojekt des Schriftstellers und Arztes Alfred Döblin über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Beginn sich im neuen Jahr 2014 zum 100. Male jährt. Döblin zählt zu den etwas aus dem Blick geratenen Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am bekanntesten ist sein stilistisch außergewöhnlicher, von Rainer Werner Fassbinder einst eindrucksvoll verfilmter Roman “Berlin Alexanderplatz”. Mit Döblin wollte ich mich schon länger einmal etwas intensiver beschäftigen. Nach Feuchtwanger und dem Krimi soll dies der nächste Lesestoff werden. Ob es dazu kommt? Lesen kann man nicht wirklich planen. Es ist von Launen, Stimmungen, Angeboten und zahlreichen Einflüssen und Zufällen abhängig.

Ein Jahr geht zu Ende. Wie immer in unserem Kulturkreis mit einem 31. Dezember. Bei Anbruch des darauffolgenden Tages, dem 1. Januar, wird sich wenig geändert haben. Wir treiben weiter durch Raum und Zeit. Dimensionen für die nur der Mensch Maßeinheiten, Maßstäbe und Normen kennt. Stets auf der Suche nach sicheren Ankerplätzen. Im unauflöslichen Zwiespalt von „Wille und Vorstellung“.

„Wir sind die Treibenden“, beginnt das XXII. “Sonett an Orpheus” von Rainer Maria Rilke aus dem Jahr 1922:

Wir sind die Treibenden. / Aber der Schritt der Zeit, / nehmt ihn als Kleinigkeit / im immer Bleibenden.

Alles das Eilende / wird schon vorüber sein; /  denn das Verweilende / erst weiht uns ein.

Knaben, o werft den Mut / nicht in die Schnelligkeit, / nicht in den Flugversuch.

Alles ist ausgeruht: / Dunkel und Helligkeit, / Blume und Buch.


Sudeleien. Oktober 2012

10. Oktober 2012

Im Herbst-Licht

„Die heißen Tage, so lang sie waren, loderten weg wie brennende Fahnen.“
(H. Hesse: Klingsors letzter Sommer)

Beim Sovormichhindösen in einen Sonntag-Nachmittag hinein, dachte ich mit Wehmut an die wieder einmal viel zu schnell dahin gegangenen Sommerwochen und das zunehmend schwindende Tageslicht des längst angebrochenen letzten Jahresviertels. Nach dem grell hellen Sommerlicht und vor dem glitzernden Blenden eisiger Wintertage, verwöhnt für kurze Zeit der abends golden schimmernde Schein des Herbstes. Besonders stimmungsvoll zu erleben in der hügeligen Landschaft zwischen Donau und Bodensee, mit ihrer Kulisse aus Barockklöstern, kleinen Städten, stillen Weihern, sich bunt färbenden Wäldern und von erstem Reif überzogenen Wiesen. Der Maler André Ficus konnte diese Wetter- und Jahreszeiten-Stimmungen besonders eindrucksvoll darstellen. Zu sehen zum Beispiel in einem schönen Band mit Aquarellen von Landschafts- und Wetterimpressionen des Bodensee-Ufers. Martin Walser hat kleine Texte dazu geschrieben. Das Buch trägt den treffenden Titel „Heimatlob“.

Manchmal verlege ich das Vormichhindösen ins Schummer-Dämmer unseres altstädtischen Szene-Cafés „Heller Barde“. War es in meinen jugendbewegten Jahren üblich, dass man sich hier mit Zeitung oder Roman, Gedichtband oder linkem Pamphlet, zu ausgiebiger Lektüre niederließ, verhindert heutigentags luxuriöses, aber ausgesprochen luxarmes Licht-Design, diesen wohl etwas überholten Zeitvertreib. Und mit Wehmut gedenkt man der Zeiten, als es noch nicht unüblich war, Gelesenes heftig aber freundschaftlich zu diskutieren und in langen Gesprächen unter verschiedensten realen und visionären Gesichtspunkten zu erörtern. Denken war dabei nicht nur denkbar, sondern durchaus auch erwünscht und weitverbreitet üblich – Smartphones, Pads und Pods allerdings noch Phantasie-Produkte ambitionierter Science-Fiction-Autoren.

Und wär’ ich Wirt, so hieße mein gastliches Haus Denk-Bar und „Tritt ein, genieß und lies!“ stünd’ über dem Portal.

“Lux ist die Einheit der abgeleiteten Größe Beleuchtungsstärke und der ihr entsprechenden Emittergröße, der spezifischen Lichtausstrahlung. Ihr Einheitenzeichen ist: lx. Der Name leitet sich von der lateinischen Bezeichnung lux für Licht ab. Die Beleuchtungsstärke in lx erhält man aus dem Quotienten der Lichtstärke einer punktförmigen Lichtquelle in cd und dem Quadrat der Entfernung in m: 1 lx = 1 lm / m².” (Nach Wikipedia)

“Alles kommt auf die Beleuchtung an“, wusste schon der alte Fontane. An vielen Orten, in vielen Räumen unseres alltäglichen Aufenthalts hat Lux pro Mensch in den letzten Jahren offensichtlich stark abgenommen (oder sagt man treffender: nachgelassen?). In den Kaschemmen, in den überfüllten Vehikeln des Massentransports, in Gäßchen und Durchlässen unserer Städte, in Wartesälen und Wandelhallen: So viele fahle Funseln. Nicht jeder Leser ist eine Leuchte, doch jeder Leser braucht eine. Eine Lampe oder andere Lichtquelle, die erhellt, bescheint, mühelose Lektüre ermöglicht. Und seien es auch nur jene e-u-verordneten energiesparenden Leuchtstoffe, die ihre volle Lux-Entfaltung erst nach Lichtjahren gewähren.

„Vor der Kaserne / Vor dem großen Tor / Stand eine Laterne / Und steht sie noch davor / So woll’n wir uns da wiederseh’n, / Bei der Laterne woll’n wir steh’n / Wie einst, Lili Marleen.“ – Lili Marleen. Ein weit verbreitetes, wehmütiges Soldaten-Liedchen. Der Schriftsteller Hans Leip schrieb den Text, als er während des Ersten Weltkriegs in Berlin dem Vaterland zu dienen hatte. Erst 1937 komponierte Norbert Schultze die bis heute viel gesungene Melodie dazu. Bekannt und zu einem der ersten deutschen Millionen-Hits wurde das Lied dann in einer Version, die Lale Anderson sang; sie stammte aus Bremerhaven und war in den 1920er und 1930er Jahren ein bekannter und beliebter Star der Berliner Chanson- und Kabarett-Szene.

Unter grell-weißen Spot-Lights präsentierte einige Jahrzehnte später ein jugendlicher Musikfreund und Schnellsprecher namens Ilja Richter die Hits seiner Zeit und Generation. Heute spielt er, leicht ergraut, Theater in Berlin und setzt sich für den Erhalt eben jener Berliner Gaslaternen ein, unter denen vor langer Zeit einmal die traurige Lili Marleen vergeblich ausharrend Stunde um Stunde zubrachte.

44.000 dieser Trottoir-Beleuchtungen gibt es noch in der deutschen Hauptstadt; das ist mehr als die Hälfte aller weltweit existierenden Gaslaternen. Die finanzielle Dauerkrise des Stadtstaates führte dazu, dass der Unterhalt der Berliner Straßenbeleuchtung privatisiert wurde. Und nun gibt es seitens der Investoren massive Forderungen, das traditionsreiche gold-gelbe Licht der Gasbeleuchtung komplett durch Elektrolicht zu ersetzen. Dagegen wendet sich eine sehr aktive Bürgerbewegung zu der neben Ilja Richter auch andere Prominente gehören. Eine aktuelle Petition an den Regierenden Bürgermeister wurde von über 20.000 Personen unterschrieben. Am 29. Oktober findet in der Komödie am Kurfürstendamm ein “Protestabend” statt, an dem u. a. Katharina Thalbach, Thomas Quasthoff, Klaus Hoffmann und Anita Kupsch teilnehmen wollen.

Während in Berlin vermutlich demnächst die traditionsreichen Gaslaternen gelöscht und abgebaut werden – derweil die Neonröhren am neuen Großflughafen immer noch nicht eingeschraubt sind – hat man knapp 200 Kilometer weiter südlich auf alten zernarbten Holztischen weiße Wachskerzen angezündet. Um die Tische und auch dazwischen dichtes Menschengedränge. Im Leipziger Café Puschkin liest heute abend die lokale Schriftsteller-Legende Clemens Meyer. Vor ihm, im Schein einer grün umschirmten Lampe aus dem Ikea-Sortiment, liegt eine sichtlich viel genutzte Ausgabe seiner Stories “Die Nacht, die Lichter”. Draußen, in der regen Südstadt-Straße, fallen erschöpft die nassen Blätter der Allee-Bäume zu Boden. Und drinnen in den überfüllten, überhitzten Räumen der Kneipe mit dem beziehungsreichen Namen, beginnt des Dichters Lesung:

“Ich stehe am Fenster und blicke durch die Jalousie rüber zum Bahndamm. Die Laternen leuchten gelb, es muss schon Abend sein. Da steht ein Mann im Licht der Laternen. Er dreht sich weg…”

Ficus, André; Walser, Martin: Heimatlob. – Gebunden bei Gessler, Taschenbuch-Ausgabe bei Insel; antiquarisch bereits ab 1 Cent (!) zu bekommen.

Grawe, Christian (Hrsg.): “Alles kommt auf die Beleuchtung an”. Fontane zum Vergnügen. – Reclams Universal-Bibliothek, 9317

Hesse, Hermann: Klingsors letzter Sommer. – Suhrkamp, verschiedene Ausgaben und Auflagen.

Leip, Hans: Die kleine Hafenorgel. Gedichte und Zeichnungen. – Christian Wegner Verlag, 1937 (nur antiquarisch).

Meyer, Clemens: Die Nacht, die Lichter. – S. Fischer, 2008 (als Fischer-TB, 2011)


Vom Schreiben

26. Juni 2011

Am 29. Juni ist neuerdings der “Tag des Schreibens”

“Zu schreiben endlich er sich setzet,
Ein Blättlein nimmt, die Feder netzet – “ (Eduard Mörike) (1)

„Wir feiern das Schreiben“, heißt es auf der Website von Suite101, einem kommerziellen Autoren-Netzwerk, das von Berlin und Vancouver aus, vor allem aber im WWW, agiert. Jetzt will man den Versuch wagen „im hektischen Informationszeitalter einmal inne zu halten und sich einen Tag lang zu bemühen, richtig zu schreiben und korrekt zu formulieren“. Und hat gleich einmal den 29. Juni zum „Tag des Schreibens“ erklärt. (2). Der Aktionstag hat das Ziel für eine bessere Schriftsprache zu werben. Unterstützung kommt dabei von bekannten Namen – wie etwa Frank Schätzing, Heinz-Rudolf Kunze und der Cosmopolitan-Chefredakteurin Petra Winter. Mit ins Boot bekommen hat man u. a. auch Microsoft Network (MSN) und das Online-Magazin netzpiloten.de.

Vom Schreiben. Kurz vor dem „Tag des Schreibens.“ Anlass, dieser weitestgehend unterschätzten, vielfältigen Tätigkeit einmal unsortiert und absichtslos Fetzen eigener Erinnerung, sowie markante aufgelesene Äußerungen und Überlegungen bekannter Denker und Schreiber zu widmen.

“Es kratzt und schleift, schnarrt, kreiselt und zwitschert; es pocht, hämmert, klingelt, knattert; es schnalzt, schneuzt, schnurrt, schlozt und piept; es ist Atem zu hören, dann Stille, jemand rutscht auf dem Stuhl hin und her, scharrt mit den Füßen, reibt mit der flachen Hand Oberschenkel und Tischkante, klopft mit den Fingern einen ungeduldigen Takt, schnieft hemmungslos. Kurz gesagt: Jemand dichtet.” (Peter Härtling) (3)

Mit etwa zehn Jahren schrieb ich den ersten Zeitungsartikel. Mit Hand, auf liniertes Papier. Für ein vierseitiges, in einer Auflage von mühselig erzeugten fünf Exemplaren, und als Periodikum gedachtes Organ mit dem ambitionierten Titel das “Das Große im Kleinen”. Alles daran war Handarbeit. Pflichtabnehmer zum Preis von 10 Pfennigen waren Familienangehörige. Es erschien nur eine Ausgabe.

“In einer kahlen Kammer, Dachstube oder Mansarde saß an einem Möbel, das den schönen Namen Schreibtisch durchaus nicht verdiente, der junge Poet. Er dichtete und träumte.” (Robert Walser: Poetenleben, zitiert nach) (4)

“Der Tisch, an dem ich dies schreibe, ist 76,5 cm hoch, seine Platte 69,5 mal 111 cm groß. Er hat gedrechselte Beine, eine Schublade, er mag siebzig bis achtzig Jahre alt sein, er stammt aus dem Besitz einer Grosstante meiner Frau, die ihn, nachdem ihr Mann in einem Irrenhaus verstorben war und sie in eine kleinere Wohnung zu, ihrem Bruder, dem Grossvater meiner Frau verkauft.” (Heinricht Böll: Versuch über die Vernunft der Poesie. Nobelpreisrede, 1972, zitiert nach) (4)

Mit siebzehn oder achtzehn Jahren habe ich im Rahmen einer Verlagsausbildung für eine Fachzeitschrift redigiert und korrigiert, durfte bald schon eigene kleine Artikel und Glossen schreiben und veröffentlichen. Ideensammlungen, Skizzen und Gliederungen entstanden handschriftlich, die Endfassungen zunächst auf einer mechanischen, bald schon auf einer nagelneuen elektrischen Schreibmaschine. Sie wurden in Blei auf einer “Heidelberger” gesetzt, vom Handsetzer umbrochen und im Hochdruck-Verfahren zum Bestandteil der fertigen Zeitschrift. Diese Zeilen hier, entstanden im Juni 2011, wurden mittels Tastatur auf die Festplatte eines schon etwas angejahrten PC getippt. Beim Setzen, Umbrechen und Gestalten hat mich “wordpress” unterstützt. Ich “erscheine” selbstverständlich world wide.

“Ich schreibe am Stehpult, mit der Hand und mit der Maschine. Und ich schreibe laut, das heißt, ich kaue den Satz und spucke ihn wieder aus und kaue ihn noch mal, mache ihn mundgerecht und schreibe fertig, beides zugleich. Ich verstehe Literatur als einen oralen Vorgang. Der Beginn der Literatur ist das Erzählen gewesen, das laute Erzählen und das Wiedererzählen.” (Günter Grass) (5)

Ich schreibe gerne mit Hand. Am besten fühlen sich Bleistift oder Tintenfüller an. Kugelschreiber verweigern das Aufkommen sinnlicher Gefühle hingegen meist. In früher Schulzeit hatte ich in Schönschrift (dieses Schulfach gab es tatsächlich einmal) eine sehr schlechte Note, die mir zuhause großen Ärger einbrachte. Dabei habe ich mit meinen Freunden in der Freizeit sehr gerne geschrieben. Mit Blei oder Tinte auf großformatige Zeichenblätter, auf sommerbraune Jungen- oder Mädchenrücken, auf eingegipste Arme und Beine, mit Kreide auf Gehwege und allzu kahle Wände. Später haben wir Texte aus Büchern abgeschrieben. Sinnfrei, nur um des Schreibens willen.

“Man könnte den jungen Schreibern daher raten: Suche eine sehr schöne Frau etwa deines Alters und vermeide es, dich in sie zu verlieben. Halte aber die Liebesversuchung am Glimmen und wechsle jeden Tag mir der Schönen einige Briefe. Schreib über alles und nichts, über den Winter, deine Wohnung oder die Milch beim Aufkochen, und du wirst sehen: Nie hast du freier, schöner, bewegter und unverkrampfter geschrieben…” (Hanns-Josef Ortheil, der diese Empfehlung aus seiner Kenntnis des Briefschreibers Rilke ableitete.) (6)

ZumTagebuchschreiben kam ich relativ spät, dann war es aber gleich Zeitgeschichte:
“18. April 1967: Sehr schwer in der Schule (Deutschland bangt um Konrad Adenauer) – 19. April 1967: Rhöndorf, 13.31 Uhr. Tod des Altbundeskanzlers Adenauer. Nach einem erfüllten Leben schied der 91-jährige nach kurzer schwerer Krankheit, sanft aus dem Leben. – 20. April 1967: Tiefe Trauer um Konrad Adenauer. – 22. April 1967: Ich glaube ich muß mich in der Schule mehr anstrengen, ich will es versuchen.”

Versuche, Tagebuch mit Schreibmaschine, später dem PC, zu führen, erwiesen sich als schwer durchführbar. Da war ein Widerstand, passte etwas nicht zusammen. Und so blieb es bei eher sporadischen, aber immer handschriftlichen Einträgen in zunächst sehr unterschiedlichen Kladden. Seit einigen Jahren ist es immer wieder das karierte, schwarz gebundene Moleskine im A 5-Format.

“Der Dichter ist immer im Dienst. Ich brauche keine Rituale, sondern Hefte und Stifte. Ansonsten kann ich überall schreiben und in jedem Zusammenhang … Ja, ein Heft ist immer dabei. Ich versuche stets rasch zu reagieren, schnell etwas festzuhalten. Ganz im Hintergrund steht natürlich auch dieses großartige Vorbild Lichtenberg, der ohne Selbstzensur alles in seine ‘Sudelbücher’ geschrieben hat, was ihm durch den Kopf ging.“  (Robert Gernhardt) (7)

Von Herlinde Koelbl gibt es zwei wunderbare Bücher über Schriftsteller und ihr Schreiben. (5,7) Sie zeigen uns in stimmungsvollen Fotografien wie und wo Schreiben stattfindet, in welcher Umgebung, sowie eigenwillige Werk-Stätten, Werkzeuge und Materialien, die für solche einsamen Schreibprozesse benötigt werden. Die Bilder werden durch ausführliche Gespräche mit den abgebildeten Künstlern ergänzt. Es sind sehr persönliche, fast intime Interviews, die es dem Leser erlauben, auf diese Weise den Dichter-Persönlichkeiten näher zu kommen. Der Band “Im Schreiben zu Haus” enthält über 40 Portraits von H. C. Artmann und Peter Bichsel, über Ernst Jandel und Friederike Mayröcker bis Martin Walser und Christa Wolf. In dem neueren Buch “Schreiben!” finden wir Günter Grass und Sarah Kirsch, Elfriede Jelinek, Herta Müller, Ingo Schulze und viele andere. Einige Personen sind in beiden Bänden vertreten.

“Wenn jemand schreiben möchte, und zwar Literatur, kann man ihm einen einfachen Rat geben: Lesen und schreiben. Einfach an dem Rat ist vor allem, ihn zu geben; aber wer es sich einfach machen will, der fängt ohnehin nicht zu schreiben an.” (Peter Glaser) (8) Das Schreiben. Dem Einen ist es Lust, dem anderen Neurose: “Ich habe zu schreiben, so viel und wie der Zwang es will, ob ich mag oder nicht, ob ich mich krank mache oder nicht”, bekannte Hans Fallada (9).

Vom Schreiben also. Da uns nur noch wenige Tage vom „Tag des Schreibens“ trennen. Ich denke auch an SMS, E-Mail, Twitter, Chat und Co. Kreativität oder Anarchie? Sind die weit verbreitete Floskelei, Verstümmelung und Orthographie-Verweigerung nun Gewinn oder Verlust für zwischenmenschliche Kommunikation, das Gespräch, den Meinungs- oder Erfahrungsaustausch? Kommen wir uns näher, machen wir uns verständlicher, verstehen wir uns letztendlich besser? Und vor allem: Gefällt uns, was da geschrieben wird und auch gelesen werden soll? Oder anders gefragt: Zählt nur noch die nackte Information in irgendwie verständlicher Zeichenfolge, sind Form und Fassung wirklich gleichgültig geworden?

“Schön schreiben heißt beinahe schön denken, und von da ist es nicht mehr weit zum schönen Handeln.” (10) Tief ist der Brunnen der Vergangenheit aus dem dieser Satz stammt. Er wurde von Thomas Mann geschrieben. Für den “Tag des Schreibens” am 29. Juni fördern wir ihn wieder zu Tage. Neongrell grüßt er hoch definiert von Video-Walls und aufmunternd mahnend aus Hochglanz-Journalen. Übrigens: Ein “Tag des Schreibens” ist mir zu wenig. 365 Tage im Jahr sollten es schon sein.

Anregungen und Zitate rund um das Thema “Schreiben” habe ich den nachfolgenden Werken entnommen. Sie bieten jederzeit auch eine ertrag- und genussreiche, auf jeden Fall weiterführende Lektüre.

(1) Dieses Zitat ist aus dem Gedicht “Der alte Turmhahn” von Eduard Mörike
(2) Hier der Link zum ab- und mitfeiern: „Wir feiern das Schreiben“
(3) Fischer, Sabine (Bearb.): Vom Schreiben, 2. Der Gänsekiel oder Womit schreiben? (Marbacher Magazin, 69). – Marbach am Neckar, 1994
(4) Kienzle, Rudi (Bearb.): Vom Schreiben, 4. Im Caféhaus oder Wo schreiben? (Marbacher Magazin, 74). – Marbach am Neckar, 1996
(5) Koelbl, Herlinde: Schreiben!. 30 Autorenporträts. – München, 2007
(6) Ortheil, Hanns-Josef: Lesehunger. – München, 2009
(7) Koelbl, Herlinde: Im Schreiben zu Haus. Wie Schriftsteller zu Werke gehen. – München, 1998
(8) Porombka, Stephan (Hrsg.). Erst lesen. Dann schreiben. 22 Autoren und ihre Lehrmeister. – München, 2007
(9) Braun, Peter: Dichterleben – Dichterhäuser. München, 2005
(10) Mann, Thomas: Der Literat. In: Essays, Bd. 1. – Frankfurt am Main, versch. Jahre


Herbst MMX: So geht es weiter.

4. September 2010

Erreichen eigentlich die Künstler unserer Tage ihre Zeitgenossen noch? Sind sie in der Lage den Blitzlicht-Gewittern, den allgegenwärtigen bewegten, aber kaum noch bewegenden Bildern, den penetranten Verkündern, Verheißern und Verführern aus Wirtschaft, Technik, Politik und Unterhaltungs-Industrie etwas entgegen zu setzen? Gibt es sie überhaupt noch, die Eigenbrödler und Spinner, Narren und Poeten, Neugierigen, Fragenden, Zweifelnden, in ihren Nischen, Ateliers und Dichterstuben? Jene, die Melancholie und Hoffnung beschreiben, Vergangenheit und Einsamkeit besingen, Träume und Utopien malen? Mehr als der Frühling, war deren Jahreszeit immer schon der Herbst.

Der Herbst heute, ist eine schnelle, übervolle, arbeitsreiche und hektische, aber auch spannende, an Eindrücken reiche, Jahreszeit. Für Dichter und andere Künstler dankbar und ergiebig. Dabei nicht stürmend und drängend, aber immer wieder stürmisch und bewegend. Er macht herrlich traurig und kreativ, regt an zu Nachdenklichkeit und tätigem Rückzug.

Emil Nolde: Abendhimmel

Reiche Ernte für Beobachter,  Berichterstatter, Chronisten und in der Folge die Qual der Wahl, was wert erscheint notiert und weitergegeben zu werden. Für dieses Blog sind für die nächsten Wochen und Monate deshalb Sichtung und Auswahl gefragt. Erste Entscheidungen zeichnen sich bereits ab: Es geht zu literarischen Orten in Württemberg, Argentinien, Niedersachsen. Es gibt Neues von Günther Grass, Michael Ebmeyer, Arno Schmidt. Arno Schmidt wird uns dann noch in einer ganz alten Geschichte begegnen, in der auch Hermann Hesse mitspielt. Und an Thomas Mann kommen wir einmal mehr auch nicht vorbei.

Rings, ein Verstummen, ein Entfärben: / Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln, / Sein welkes Lauf ihm abzuschmeicheln; / Ich liebe dieses milde Sterben.

So dichtete einst Nikolaus Lenau. Die Wenigsten leben heute noch im Einklang mit dem natürlichen Jahreslauf, dem Rhythmus der Jahreszeiten. Der Herbst 2010 wird sein wie die meisten in den letzten Jahren: Übervoll mit Ereignissen, Neuigkeiten, Aufgeregtheiten, Hektik, Nervosität und Konsum. Man kann das bedauern oder sich kopfschüttelnd abwenden. Man kann auch versuchen, mit gezielter Auslese und genussvoller Beschränkung einen eigenen Weg zu gehen. Durch Herbstgewitter, späte Sonnentage und lichte Nebel. Dabei freue ich mich über alle, die gelegentlich in den kleinen Seitenpfad zu „Literatur*Orte*Spuren“ abbiegen.


So! Rum. Der Februar MMX

27. Februar 2010

Kehraus. Tarrää, Tarrää – wenn ich diese Narren seh! Meine GEZ-Zwangs-Abgaben werden zweckentfremdet, alle öffentlich-rechtlichen Kanäle mit Faschingfasnachtkarnevaleinerlei verstopft. Und wenn nicht, wird geboxt. Literatur wenn überhaupt, verschoben und verschoben. Eine halbe Stunde Thea Dorn oder Felicitas von Lovenberg oft mehr als hinter Mitternacht.

Fremdsprachen. Dass ich einmal Mitleid mit MP a. D. und Neu-Kommissar Günther Ö. haben würde, wäre mir eigentlich in keinem meiner stets originellen Alpträume eingefallen. Doch die Einheits-Häme aller Medien – Ausgangspunkt YouTube, und alle schadenfreuen nach – macht es möglich. Das hat niemand verdient. Selbst wenn er, wie Günther Ö. den Stolz nicht aufbringt, Deutsch zu sprechen, wenn er Englisch eigentlich nicht kann. Lech Walesa spricht zu jeder Gelegenheit bei der man ihn noch zu sehen bekommt Nord-Polnisch. Sarko mit der ihm angetrauten Italienerin und auch dem Rest der Welt Französisch. Sogar der Ratzinger-Papst sagt’s in Latein. Jeder darf seine Muttersprache sprechen, nur der… naja sie wissen schon. Nein, einen Link zur Peinlichkeit gibt’s hier nicht – wo kommen wir denn da hin?

Wetter. Winter ade? Sprechen wir vom Wetter und gewöhnen wir uns daran, dass unser metereologisches Vokabular, über den von allen Stimmbändern artikulierten Klimawandel hinaus, noch andere interessante Wortbildungen bereit hält: Eiszeit, Zwischeneiszeit, Kälte-Phase, Warm-Phase. Mein Liebling: Würm-Eiszeit! Fürs Dichter-und-Denker-Land selbstverständlich, dass es zu allen Problem-Themen passende Autoren mit marktgerechtem Reaktionsvermögen gibt, die rasch unterhaltende Orientierung parat halten. Jetzt erschienen und unbedingt lesenswert: Franz Schätzchen: Der Schal. – Wiepenheuer & Kitsch, 2010. 2656 S. Euro 51,99.

Zitat 1. „Das Plagiat: Was ist es im letzten Grunde andres als Selbsterkenntnis? Dass dem Betreffenden das fehlt, was er nimmt?“ Meinte der akribische Arno Schmidt irgendwann einmal.

Szene (= Berlin). Ein Buch zu schreiben, war ja schon öfters probates Mittel postpubertärer Mädels ihr Taschengeld aufzubessern. Dass man aber dermaßen das deutsche Feuilleton rockt, wie jene Jung-Autorin, die diesen Monat 18 wurde, ist schon eine ganz neue Dimension. Und natürlich nomiert für den Preis der Leipziger Buchmesse (siehe ganz weit unten), weil sie angeblich wirklich schreiben kann. Echt? Darüber wird noch zu reden sein – in frühestens zwanzig Jahren. Zu schnell entstehen heute Helden.

Zitat 2. „Der Fall Hegemann lässt in mir den dringenden Wunsch, nein, die aufrichtige Bitte aufkommen, dass sich die Literaturkritik hierzulande endlich weniger um Hypes oder die Biografie eines Autors kümmert und mehr um seinen Text.“ Der Schriftsteller Thomas von Steinaecker in „Börsenblatt“ 6.2010, S. 13.

Sport. In Vancouver hat das Gladiatorentum inzwischen Ausmaße angenommen, die stark an griechisch-römische Dekadenz im Endstadium erinnern. Und hierzulande mußte einmal mehr eine Gruppe älterer Herrn erkennen, dass Sexualität im Leben der Männer durchaus vorkommen kann. Nein, nicht die! Hier ist die Ober-Clique vom DFB gemeint, dass sind die, die für Fussball-Götter zuständig sind. Götter pflegen ja tradionell (siehe: griechische, siehe: römische) ein rechtes Lotterleben. Einige gemeine Stadion-Gänger-Sänger hingegen habens schon immer gewußt: „Schiri du schwule … !“.

Krieg. Oberfeldwebel Evi Sachenbacher-Stehle. Hauptfeldwebel André Lange. Hauptfeldwebel Tobias Angerer. Unteroffizier Andreas Wank. Deutsche Medailliengewinner in Kanada. Wer verteidigt eigentlich Freiheit und Vaterland am Hindukusch, wenn sich ein großer Teil der VondeutschenBodendarfniewiederKriegausgehen-Armee auf der Jagd nach Auszeichnungen durch olympischen Schnee kämpft?

Aus meinem Lese-Tagebuch. Viel Vergnügen bereitet hat mir diesen Monat die Lektüre von Thomas Glavinics „Das bin doch ich“, das mir bei einem anderen geplanten Einkauf, recht überraschend in die Finger geriet und als Spontan-Kauf noch am selben Abend angelesen wurde. Am Ende dieser äußerst witzigen Selbst-Darstellung und kultur-, bier- und weinseeligen Wien-Odysee eines jungen, nach Short-List-Präsenz lechzenden Autors, stellt sich dem Leser die spannende Frage, ob Thomas G. noch immer mit Daniel K. befreundet ist. Man wird der Ösis ja nicht müde. Deshalb bin ich jetzt mit dem neuen Hochgatterer beschäftigt. Dazu. Bald. Hier. Mehr.

Ausblick. Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Er reitet nach Leipzig. Und schon wieder ein Buchpreis, samt Shortlist: Faktor, Georgs Sorgen. Hegemann, Axolotl (das gäbe Taschengeld!). Klein, Roman unserer Kindheit. Seiler, Die Zeitwaage. Weber, Luft und Liebe. (Und Glavinic wieder nicht drauf!)

Ich bin am Ende. Diesmal fehlen zwei oder drei Tage, je nach Sichtweise, außerdem große Teile des inzwischen gewohnten winterlichen Nacht-Dunkels; wir vermissen die Schneemänner, übrig geblieben sind dreckige schmelzende Torsi; der WSV ist schon vorbei, die Berlinale auch, Stars und Sternchen weg – und Guido W.? Liegt dekadent dahingestreckt in der Hängematte. Im Schlaraffenland für wohlgeborene Politik-Profis. Und wirft mit gebratenen Tauben nach jenen in den dürren Ebenen, die nicht jedes global-urbane Tempo mitgehen durften, konnten oder wollten.

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Hypotext

Nach DNB und DDB: Die DLB kommt! Lange herrschte Funkstille, doch nun gibt es hoffnungsvolle Signale aus Raisting und Polling. Was bisher geschah: Am 29. Juni 2006 trat bekanntlich das neue „Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek“ in Kraft. Es benannte die Bibliothek mit ihren von blühenden Vorgärten umgebenen Häusern in Leipzig, Frankfurt am Main und Berlin in Deutsche Nationalbibliothek um. Dieser bibliothekarische Kraftakt fand 2008 seinen vorläufigen Abschluss: Im Oktober jenes Jahres erlies die Bundesregierung die Pflichtablieferungsverordnung, die die bisherige Pflichtstückverordnung ablöste. Damit war Kraft gewonnen für neue Aufgaben. Folgerichtig wurde am 8. Dezember 2009 in Stuttgart, im Rahmen des jährlichen IT-Gipfels und in Anwesenheit der Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, das Projekt DDB präsentiert. Die Deutsche Digitale Bibliothek wird einen zentralen Zugang zu digitalem Wissen und Kultur in Deutschland bieten. Sie eröffnet großartige Perspektiven für die innovative und zukunftsorientierte Nutzung digitaler Medien und setzt Zeichen für die Etablierung der Wissens- und Informationsgesellschaft in der Bundesrepublik. Diesen beiden tragenden Säulen der Informations-Landschaft wollen nun namhafte Experten aus Bibliotheks-, Informations- und Archivwesen eine weitere hinzufügen. Nach monatelangen Vorberatungen, Ausarbeitung meilensteingepflasteter Konzeptionen und der Sicherung einer zukunftsorientierten Finanzierung, geht am 10. März 2010 „Die letzte Bibliothek“ (DLB) mit Häusern in Raisting und Polling an den Start. Mehr dazu. Demnächst. An dieser Stelle.


Sophie Scholl: + 22. Februar 1943

20. Februar 2010

„Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern. Seine und seiner Helfer Schuld hat jedes Mass unendlich überschritten.“

„Sophie Scholl, war eine deutsche Widerstandskämpferin gegen die Diktatur des Nationalsozialismus.“ So steht es in der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Eine Formulierung die alles andere als zutreffend, eigentlich barer Unsinn ist. Man könnte meinen, Widerstand zu leisten, sei ihre Hauptbeschäftigung gewesen. Diese Vorstellung ist falsch.

Sophie Scholl war eine junge Frau wie viele andere, eine ganz normale Studentin, ein junger Mensch aus bildungs-bürgerlichem Elternhaus, von der Mutter christlich, vom Vater liberal geprägt, auf der Suche nach dem eigenen Weg. Eine junge Frau mit Geschwistern, Freunden, viel Freude am Leben, intelligent, neugierig, nachdenklich, kritisch. Sie erkannte das Unrecht und tat dagegen, was in ihrer bescheidenen Macht stand. Sie gehörte, wie ihr Bruder Hans, zu einer Gruppierung, die sich „Weiße Rose“ nannte und hauptsächlich aus Münchener Studenten und Studentinnen bestand. Den Weg des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur und ihre verheerenden Folgen ging Sophie Scholl – nach jungendlichen Umwegen – konsequent, wenig zweifelnd, sich möglicher Folgen bewusst.

Von Barbara Beuys ist vor Kurzem eine neue Biographie Sophie Scholls erschienen. Eine ausführliche Darstellung dieses kurzen Lebens, die weit ausholt und zunächst einige Kapitel der Herkunft, dem Elternhaus, den Großeltern, widmet. Auch die geschichtliche Entwicklung vom Ersten Weltkrieg zur Hitler-Diktatur wird kenntnisreich und detailiert ausgebreitet. In manchen Passagen ist die Autorin vielleicht schon zu weitschweifig, in den familiären Berichten fast etwas geschwätzig.

Die Historikerin Beuys hat bereits eine ganze Reihe Biographien verfasst, u. a. über Paula Modersohn-Becker und Hildegard von Bingen. Dem Werk über Sophie Scholl liegen neben den bekannten, vielfach verwendeten Quellen, erstmals Dokumente zugrunde, die Sophies ältere Schwester Inge gesammelt hat und die heute im Münchener Institut für Zeitgeschichte aufbewahrt werden. Beuys schildert einerseits sehr präzise, macht aber auf der anderen Seite nicht immer deutlich, welche Quellen wozu genau herangezogen wurden.

Der Band enthält zahlreiche Fotografien, zum Teil bekannte Motive, teilweise auch neue oder weniger bekannte Bilder. Trotz einiger Schwächen, lohnt sich die Lektüre dieser Biographie.

„Es gilt den Kampf jedes einzelnen von uns um unsere Zukunft, unsere Freiheit und Ehre in einem seiner sittlichen Verantwortung bewußten Staatswesen.“

Dieser Satz steht in dem Flugblatt der Gruppe „Weiße Rose“, das von Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 in der Münchener Universität verteilt wurde. Dabei hat sie ein Hausdiener (Pedell) beobachtet und an die Gestapo verraten. Die Geschwister und weitere Gruppenmitglieder wurden umgehend festgenommen, inhaftiert und verhört.

Münchener Denkmal für die ermordeten Mitglieder der „Weißen Rose“.

Am 22. Februar 1943 wurde Lina Sofie Scholl, ebenso wie ihr Bruder Hans und der gemeinsame Freund Christoph Probst, von einem sogenannten Volksgerichtshof in München, wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde noch am selben Tag mit dem Beil vollstreckt. Die Studentin Sophie Scholl – wie sie sich selbst nannte und schrieb – wurde 22 Jahre alt.

Im Gebäude der Ulmer Volkshochschule (Einstein-Haus), die nach dem Zweiten Weltkrieg von Inge Scholl gegründet wurde, findet man im Erdgeschoss eine kleine Dauerausstellung über die „Weiße Rose“ und ihre Mitglieder. Im Rahmen einer Gedenkfeier zum zehnjährigen Bestehen dieser Ausstellung, liest am 23. Februar, 20 Uhr, Barbara Beuys aus ihrem neuen Buch.

Beuys, Barbara: Sophie Scholl. Biographie. – Hanser, 2010. Euro 24,90

Nach wie vor zu empfehlen ist auch diese knappere, besonders, aber nicht nur, für junge Leser geeignete Darstellung:

Vinke, Hermann: Das kurze Leben der Sophie Scholl. – Ravensburger, versch. Ausg. u. Aufl. Euro 6,95


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