Sudeleien. Advent 2013

Kaufet! Frohlocket!

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“Sein oder nicht sein” (William Shakespeare)

“Sein und Zeit” (Martin Heidegger)

“Haben oder Sein” (Erich Fromm)

“Haben und Sein” (Münchens Shopping Guide)

“willhaben.at” (Österreichische Online-Plattform)

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Das Geheimnis ist gelüftet. Jetzt wissen wir, was sich in den großen Tanklastzügen befindet, die in den letzten Wochen, aus dem Süden kommend, unsere Autobahnen verstopfen. Es ist der Rohstoff für die Glühweinschwemmen auf deutschen Weihnachtsmärkten. Hier, an der Glühweintheke, verläuft die alljährliche vorweihnachtliche Kampftrinker-Front. Hier sind alle gleich. Hier stinkt der Banker genauso nach Fusel und Zimt wie der Hartzvierer. Weihnachtszeit ist einig Katerland. Alles glüht im Glanze des Lichtervorhangs “Flockenzauber” und des Schwibbogens “Sternenglanz”. Die Benebelung durch heiße Würz-Weine meist zweifelhafter Provinienz geht einher mit einem Phänomen kollektiver Unzurechnungsfähigkeit, das in vier Wochen von einem Höhepunkt zum nächsten kulminiert: Dem Kaufrausch.

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Vorweihnachtliche Tränke für sinnspendende Heißgetränke und Ort erwartungsfroher (Advent!) zwischenmenschlicher Zusammenkunft.

Es ist eine Zeit angekommen in der der Run auf das höherwertige Konsumgut hysterische Züge annimmt. Das kompakte Surround-System im schnuckeligen 150-PS- Kleinwagen für den Erstgeborenen, das tasmanische Schnappaustern-Collier für die Zweitfrau, der Dritt-Full-HD-Screen für die Schwieger-Oma. Wer jetzt immer noch keine “PS 4” oder wenigstens das “Premium Bundle der XBox one” kauft, wird umgehend für blöd erklärt. Apple um Apple fällt nicht weit und landet unterm Tannengrün. Gutscheine für Body-Shop und Beauty-Ranch, für Wellness-Ressort und Deep-Sea-Diving werden häufiger gedruckt als Euronoten. Jetzt preißen die Wirtschaftsweisen die Tage, reiben Bilanzbuchhalter die Hände – die Zeit stärkster Binnennachfrage ist angebrochen.

Mein Konsumtempel ist und bleibt die Buchhandlung. Und Jahr für Jahr muss ich dankbarer und demütiger sein, dass es sie im neokolonialen Großreich Amazonien immer noch gibt. Und dass dort sogar nachwievor die Ergebnisse feinster Dicht- und Erzählkunst in gedruckter und schön gebundener Form zu finden sind.

Gut, ganz leicht zu finden sind sie nicht. Nach der Ladentür unterschreitet man zunächst einmal das Schnee-Imitat aus weißen Wattewolken, drückt sich vorbei an Adventsgestecken, Duftschälchen, Rauschgoldengeln und Seidenschals. Lässt die CDs, DVDs und Blue-Rays links oder rechts liegen, umkurvt den lebensgroßen Papp-Ochsenknecht und kommt alsbald zu den ersten Büchern: “BeBeanie unlimited. Häkelmützen für jede Gelegenheit”, “myboshi drinnenundraußen”, “Sushi für Anfänger”. Fast wäre ich dann in der Kinderbuch-Abteilung gelandet. Dort stapelt sich “Der kleine Vampir mit der großen Häkelnadel” der Erfolgsautorin  Rosa Wolle – erst im Frühjahr bei Geltz und Belberg erschienen und schon in der 99. Auflage.

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Angebote einer süddeutschen Buchhandlung des postliterarischen Zeitalters.

Bis zu Zeh und Kehlmann, Lewitscharoff und Gomringer, Haas und Glavinic, Stamm und Werner, Kaiser und Zeiner, ist es jetzt nicht mehr weit. Durch die Kalenderausstellung, schräg hinter den Krimi- und Fantasy-Wänden sind sie zu finden. Und an der Rückwand der Handlung entdecke ich den gehobenen literarischen Anspruch in Form einer kleinen Abteilung mit “Klassikern”. Goethe und Hölderlin, Dante und Tolstoi, Schiller …, – halt nein! Schiller fehlt. Ausgerechnet der schwäbische Klassiker in einer schwäbischen Buchhandlung. Dafür finden einige Fastnochzeitgenossen wie Kästner, die Manns, Nabokov oder Henry Miller in der Klassik-Kategorie Asyl.

Das Buch lebt ja bekanntlich. Von mir und einigen anderen Unbeirrbaren. Also das gedruckte. Und das muss auch so bleiben. Denn eines wird immer deutlicher: Das E-Book gefährdet die deutsche Wirtschaft. Im allgemeinen, und ganz besonders die heimische Geschenkband-Industrie. Wenn die Regierung nichts unternimmt sind tausende von Arbeitsplätzen in Gefahr. Wie der Sprecher des Verbandes der Deutschen Geschenk- und Schmuckbänder-Industrie (VDGSI), Ben Schnur, mitteilt, ist die klassische Schleife aus Polyband oder Bast auf dem Rückzug. Schnur fordert die Bundesregierung und Kanzlerin Merkel deshalb auf, endlich Nägel mit Köpfen für Bänder und Schleifen zu machen, will heißen Steuererleichterungen und Subventionen aus dem europäischen Strukturfonds für betroffene Regionen und Betriebe auf den Weg zu bringen.

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Der Begründer des weihnachtlichen Urmythos in kindlicher und kindgerechter Formatierung.

Zurück im heimischen Lesesessel atme ich tief ein und aus, während ich den Knopf meines leicht veralteten Wiedergabegerätes drücke. Die Zeit ist gekommen für mein Sein, das Zeit haben für Lesen und Hören. Ganz leise erklingen die ersten Töne, die Bugge Wesseltoft auf seinem sanft temperierten Klavier anschlägt. Später werde ich vielleicht noch ein Trompetenkonzert von Tomasi oder Haydn auswählen. Oder ich lasse mich mit einem “Brandenburgischen Konzert” in erholsamen Halbschlummer entführen. Das Fenster bleibt zu. Es ist kalt, es schneit und draußen riecht es penetrant nach Anis und Zimt, defekten Kaminöfen und automobilem Gediesel, nach Kardamon und dem angebrannten Christstollen in Nachbars nagelneuen 3D-Heißluft-Plus-Backofen, dessen Hersteller “optimale Backergebnisse dank innovativer Wärmeverteilung” verspricht.

Nach der Sommerfrische

Kerners Verse – Allgäuer Sommer – Schillers Gedanken – Berliner Gespräche – Allgäuer Sommer – Kerners Verse

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Laßt mich in Gras und Blumen liegen / Und schaun dem blauen Himmel zu, / Wie goldne Wolken ihn durchfliegen, / In ihm ein Falke kreist in Ruh.

Ja. Fast so war es. Einmal mehr. Im Westallgäu. Wie im Gedicht „Unter dem Himmel“ von Justinus Kerner. Wiesen und Wälder, Bäche und Teiche, kleine Städte mit bunten Märkten und alten Türmen. Herzhafter Emmentaler von glücklichen Kühen zum süffigen Landbier. Guter Schlaf in sauerstoffreichen Nächten. Menschenfernes Wandern ohne Ziel.

Ein E-Book Reader war nicht dabei. Für das Lesenswerte haben wir einen roten Container, der reichlich Platz bietet für eine breite Auswahl möglicher und lohnender Lektüren. Bald blieb ich an Rüdiger Safranskis Zweifreundebuch „Goethe und Schiller“ hängen, las mich fest und sah es als Vorbereitung auf das Studium der neuen großen Goethe-Biographie des Philosophen und Publizisten. Mein Eindruck: Wer diese liest und das Schiller-Buch von ihm kennt, muss „Goethe und Schiller“ nicht unbedingt lesen, denn es besteht wohl mehr oder weniger aus Konzentraten und Vorentwürfen der beiden Großwerke.

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Immerhin stieß ich so auf Schillers Antrittsvorlesung als unbesoldeter Geschichts-Dozent an der Universität Jena. Goethe hatte ihn dorthin gelobt und gelotst um die ihm unterstellte Einrichtung des Herzogtums Weimar mit Prominenz aufzuwerten. Seltsamerweise überkam mich eine unwiderstehliche Lust einmal in der Druckversion dieser akademischen Ausführungen zu stöbern. Vielleicht gerade deshalb, weil sich die Schrift natürlich nicht im roten Bücher-Container befand. Schließlich lese ich eigentlich so gut wie nie Schiller, warum hätte ich ein Werk von ihm mitnehmen sollen? Doch in der öffentlichen Kleinstadt-Bücherei (mit beachtlich leserfreundlichen Öffnungszeiten), fand sich eine etwas welke, eingestaubte Gesamtausgabe der Werke des Dichters Fritz. Leicht zu lesen ist Schiller nicht. Seine zahlreichen und oft weit ausholenden Metaphern, sein allgegenwärtiges Pathos, schrecken eigentlich eher ab. Dennoch. Die Frische der Aussagen, die sich hinter dem stilistischen Stuck verbergen, war überraschend.

„Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ Fragte Friedrich Schiller am 26. Mai 1789 vor zahlreicher Zuhörerschaft. (Die erste schriftliche Fassung erschien im folgenden November im „Deutschen Merkur“.) Die im Titel gestellte Frage beantwortet Schiller so: Man beschäftige sich mit wissenschaftlichen und künstlerischen Gegenständen ausschließlich zum Selbstzweck. Denn jede Entfremdung für berufliche oder wirtschaftlich zielgerichtete Zwecke entwertet sie. Der „Brodgelehrte“ verzichtet darauf Gesamtzusammenhänge zu untersuchen und zu erkennen. Geradezu furchtsam nimmt er davon Abstand. „Beklagenswerther Mensch, der mit dem edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will und ausrichtet, als der Taglöhner mit dem schlechtesten! Der im Reiche der Freiheit eine Sklavenseele mit sich herumträgt!“

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Hingegen geht es dem „philosophischen Kopf“ um Wissen ohne selbstgesetzte Grenzen. Er will wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Er betreibt interdisziplinäre Universalgeschichte. „Alle seine Bestrebungen sind auf Vollendung seines Wissens gerichtet; seine edle Ungeduld kann nicht ruhen, bis alle seine Begriffe zu einem harmonischen Ganzen sich geordnet haben. … Neue Entdeckungen im Kreise seiner Thätigkeit, die den Brodgelehrten niederschlagen entzücken den philosophischen Geist.“ Ein Ideal von dem die meisten Bildungseinrichtungen schon immer weit entfernt waren. Goethe und Schiller verband eine gemeinsame Werteskala an deren Spitze Freiheit und Bildung zu finden sind. Dass sich über die Definition und Ausfüllung solcher nach oben offener Begriffe natürlich trefflich diskutieren und streiten lässt, wussten nicht nur die beiden Klassiker.

Weit war ich in diesem August voller echter Hochsommertage also nicht gekommen. Bis Weitnau, Missen und Simmerberg, bis Überruh, Ewigkeit und Bolsterlang, in den Osterwald, den Eistobel, auf einen Berg namens Kugel, zu Rast und Einkehr in den Gastgarten von Mallaichen – die geliebten Idyllen zwischen Bodensee und Iller. Der eigentliche Urlaubsort lag nur eine gute Autostunde vom Heimatort entfernt. – Es würde mir andererseits keineswegs schwerfallen zu behaupten, ich hätte weiter entfernte, weltläufigere Ziele angestrebt. Die Bucht von San Francisco, den Golf von Neapel oder die Höhen Nepals, Madrid oder Marseille, Nord- oder Ostsee, Argentinien oder Australien.  Profund und unterhaltsam könnte ich über meine Erlebnisse und Eindrücke vor Ort schwärmen und erzählen. Nach der Lektüre von „Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“ ist das kein Problem. Ohne falsche Scham würde ich mir über die Unterschiede zwischen Dichtung und Wahrheit keine Gedanken machen müssen.

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Der französische Literaturwissenschaftler und Psychoanalytiker Pierre Bayard stellt in seinem unterhaltsam-originellen Groß-Essay die Frage, ob man wirklich überall gewesen sein muss und legt uns die Vorteile des Nichtreisens nahe. Er berichtet von Schriftstellern und Wissenschaftlern die uns dabei Vorbild sein können. Karl May etwa, der den Wilden Westen ja bekanntlich nie gesehen hat, Immanuel Kant, der seine Heimatstadt Königsberg nie verließ, Marco Polo, der seine Reiseberichte mit Fabelwesen bevölkerte. Wir erfahren, wie man in verschiedenen Gesprächssituationen – in der Familie, beim Sport – über Orte spricht, die man nicht, Gegenden der Welt, die man nur vom Hörensagen kennt. Und während Smartphones und andere Speichermedien fleißig mit Abbildern der Realität gefüllt werden, sind wir dabei das lebendige Erzählen, den Gebrauch der uns von Natur aus eigenen Einbildungskraft zu verlernen.

Damit zu den Gesprächen eines angeregten Kreises kluger Geister, die möglicherweise erst neulich in „Habakuks Gartenlaube“ stattfanden. Diesem Berliner Café und hauptstädtischen Literatentreff, der sich ungefähr dort befindet, wo Kurt Tucholsky im Herbst 1912 zusammen mit einem Kumpel eine Buchhandlung eröffnete. Jeder Kunde bekam damals ein Glas „Mampe-Likör“, weil in den Räumen vormals die Kneipe „Mampes Gute Stube“ untergebracht gewesen war. Auch Whisky und Korn wurden gelegentlich genossen. Die Kombination Schnaps und Literatur bewährte sich allerdings nicht und der Laden musste bald wieder schließen.

„Wer wählt da jetzt eigentlich wen?“ fragte der chronisch lockenköpfige Ingo S. in die Runde. „Das Volk die Regierung, oder die Regierung das Volk? Sind wir Demokraten ausreichend marktkompatibel oder wollen wir Demokratie als Maßstab für die Märkte?“ „Ich frage mich immer wieder, weshalb bereits vor der Wahl feststehen kann, dass die Violetten, die Bibeltreuen Christen und die ÖDP keine Chance haben die Fünfprozenthürde zu überwinden?“ Grübelte mein alter Freund A. T. Wille, der gerade wieder einmal von einer ostsibirischen Steppenvisite in die preußische Kapitale zurückgekehrt war. In höchsten Tönen schwärmte er von dem sommerlichen Oberton-Festival, das er in der Oblast Omsk besucht hatte.

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„Warum hat nur Bayern eine eigene Partei am Start und Nordschleswig nicht?“ Wunderte sich Theo Stürmle, den alle den Schwaben nennen, obwohl er einst aus einem Husumer Arbeitervorort zunächst ins Brandenburgische und schließlich nach Neukölln geraten war. Seit Jahren versucht er vergeblich eines seiner Kurzdramen am Berliner Ensemble unterzubringen. „Schwarze! Rote! Gelbe! Mit diskriminierenden Bezeichnungen aller Art muss endlich Schluss sein!“ Ereiferte sich Hedwig D., die Gleichstellungsbeauftragte im Reinickendorfer Bezirksrat. Ausnahmsweise für einige Augenblicke sprachlos, umfasste der Novellist Martinus W. ein Glas Spätburgunder mit beiden Händen, während seine Augen immer wieder das orange-rötlich eingefärbte Naturseide-Kleid aus fairer Produktion streiften.

Nach reichlich Genuss nicht nur von Wein, sondern je nach Geschmack und Laune auch von Schultheiß Spezial oder Grünen Tee Auslese, entschied eine qualifizierte Minderheit zum Spaziergang durch den Tunnel über die Spree aufzubrechen. Spätabendliches Ziel sollte die Lesebühne am anderen Ufer sein. Die Flaneure passierten die Straße der Enthusiasten, durchschritten die Lene-Nimptsch-Gasse und überquerten den Puschkin-Platz. A. T. Wille war es, der als erster die helle Leuchtschrift am Himmel über dem märkischen Sand entdeckte: „Wir sind was folgt.“ In dieser Nacht kam es über ganz Berlin zu heftigen Plüschgewittern.

Der Himmel meines friedlichen Allgäu-Winkels erwies sich bei klarer Sicht als vielbeflogene Fernflugschneiße, auf der ein mit steuerfreiem Stoff betriebener Massentransport nach dem anderen fast lautlos seine Kondensstreifen ins Blau zeichnete. Nachts war nichts davon zu sehen, aber leises Geräusch ließ vermuten, dass die Reisebewegungen auch zu dunkler Stunde kein Ende nahmen. Lange vor der Ausbreitung des allgemeinen automobilen Supergaus und der die Proletarier vieler Länder einenden pauschalen allinkulisiven Aufunddavonfliegerei, hat der romantische Dichter, Arzt und Visionär, der Schiller-Landsmann Justinus Kerner (1786 – 1862), weitere Entwicklungen (die möglicherweise einem Überschuss an „Brodgelehrten“ zu schulden sind) in seinen Versen angedeutet:

„Schau‘ ich zum Himmel, zu gewahren, / Warum’s so plötzlich dunkel sei, / Erblick‘ ich einen Zug von Waren, / Der an der Sonne schifft vorbei.

„Fühl‘ Regen ich beim Sonnenscheine, / Such‘ nach dem Regenbogen keck, / Ist es nicht Wasser, wie ich meine, / Wurd‘ in der Luft ein Ölfaß leck.“

So! Rum. Der Februar MMX

Kehraus. Tarrää, Tarrää – wenn ich diese Narren seh! Meine GEZ-Zwangs-Abgaben werden zweckentfremdet, alle öffentlich-rechtlichen Kanäle mit Faschingfasnachtkarnevaleinerlei verstopft. Und wenn nicht, wird geboxt. Literatur wenn überhaupt, verschoben und verschoben. Eine halbe Stunde Thea Dorn oder Felicitas von Lovenberg oft mehr als hinter Mitternacht.

Fremdsprachen. Dass ich einmal Mitleid mit MP a. D. und Neu-Kommissar Günther Ö. haben würde, wäre mir eigentlich in keinem meiner stets originellen Alpträume eingefallen. Doch die Einheits-Häme aller Medien – Ausgangspunkt YouTube, und alle schadenfreuen nach – macht es möglich. Das hat niemand verdient. Selbst wenn er, wie Günther Ö. den Stolz nicht aufbringt, Deutsch zu sprechen, wenn er Englisch eigentlich nicht kann. Lech Walesa spricht zu jeder Gelegenheit bei der man ihn noch zu sehen bekommt Nord-Polnisch. Sarko mit der ihm angetrauten Italienerin und auch dem Rest der Welt Französisch. Sogar der Ratzinger-Papst sagt’s in Latein. Jeder darf seine Muttersprache sprechen, nur der… naja sie wissen schon. Nein, einen Link zur Peinlichkeit gibt’s hier nicht – wo kommen wir denn da hin?

Wetter. Winter ade? Sprechen wir vom Wetter und gewöhnen wir uns daran, dass unser metereologisches Vokabular, über den von allen Stimmbändern artikulierten Klimawandel hinaus, noch andere interessante Wortbildungen bereit hält: Eiszeit, Zwischeneiszeit, Kälte-Phase, Warm-Phase. Mein Liebling: Würm-Eiszeit! Fürs Dichter-und-Denker-Land selbstverständlich, dass es zu allen Problem-Themen passende Autoren mit marktgerechtem Reaktionsvermögen gibt, die rasch unterhaltende Orientierung parat halten. Jetzt erschienen und unbedingt lesenswert: Franz Schätzchen: Der Schal. – Wiepenheuer & Kitsch, 2010. 2656 S. Euro 51,99.

Zitat 1. „Das Plagiat: Was ist es im letzten Grunde andres als Selbsterkenntnis? Dass dem Betreffenden das fehlt, was er nimmt?“ Meinte der akribische Arno Schmidt irgendwann einmal.

Szene (= Berlin). Ein Buch zu schreiben, war ja schon öfters probates Mittel postpubertärer Mädels ihr Taschengeld aufzubessern. Dass man aber dermaßen das deutsche Feuilleton rockt, wie jene Jung-Autorin, die diesen Monat 18 wurde, ist schon eine ganz neue Dimension. Und natürlich nomiert für den Preis der Leipziger Buchmesse (siehe ganz weit unten), weil sie angeblich wirklich schreiben kann. Echt? Darüber wird noch zu reden sein – in frühestens zwanzig Jahren. Zu schnell entstehen heute Helden.

Zitat 2. „Der Fall Hegemann lässt in mir den dringenden Wunsch, nein, die aufrichtige Bitte aufkommen, dass sich die Literaturkritik hierzulande endlich weniger um Hypes oder die Biografie eines Autors kümmert und mehr um seinen Text.“ Der Schriftsteller Thomas von Steinaecker in „Börsenblatt“ 6.2010, S. 13.

Sport. In Vancouver hat das Gladiatorentum inzwischen Ausmaße angenommen, die stark an griechisch-römische Dekadenz im Endstadium erinnern. Und hierzulande mußte einmal mehr eine Gruppe älterer Herrn erkennen, dass Sexualität im Leben der Männer durchaus vorkommen kann. Nein, nicht die! Hier ist die Ober-Clique vom DFB gemeint, dass sind die, die für Fussball-Götter zuständig sind. Götter pflegen ja tradionell (siehe: griechische, siehe: römische) ein rechtes Lotterleben. Einige gemeine Stadion-Gänger-Sänger hingegen habens schon immer gewußt: „Schiri du schwule … !“.

Krieg. Oberfeldwebel Evi Sachenbacher-Stehle. Hauptfeldwebel André Lange. Hauptfeldwebel Tobias Angerer. Unteroffizier Andreas Wank. Deutsche Medailliengewinner in Kanada. Wer verteidigt eigentlich Freiheit und Vaterland am Hindukusch, wenn sich ein großer Teil der VondeutschenBodendarfniewiederKriegausgehen-Armee auf der Jagd nach Auszeichnungen durch olympischen Schnee kämpft?

Aus meinem Lese-Tagebuch. Viel Vergnügen bereitet hat mir diesen Monat die Lektüre von Thomas Glavinics „Das bin doch ich“, das mir bei einem anderen geplanten Einkauf, recht überraschend in die Finger geriet und als Spontan-Kauf noch am selben Abend angelesen wurde. Am Ende dieser äußerst witzigen Selbst-Darstellung und kultur-, bier- und weinseeligen Wien-Odysee eines jungen, nach Short-List-Präsenz lechzenden Autors, stellt sich dem Leser die spannende Frage, ob Thomas G. noch immer mit Daniel K. befreundet ist. Man wird der Ösis ja nicht müde. Deshalb bin ich jetzt mit dem neuen Hochgatterer beschäftigt. Dazu. Bald. Hier. Mehr.

Ausblick. Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Er reitet nach Leipzig. Und schon wieder ein Buchpreis, samt Shortlist: Faktor, Georgs Sorgen. Hegemann, Axolotl (das gäbe Taschengeld!). Klein, Roman unserer Kindheit. Seiler, Die Zeitwaage. Weber, Luft und Liebe. (Und Glavinic wieder nicht drauf!)

Ich bin am Ende. Diesmal fehlen zwei oder drei Tage, je nach Sichtweise, außerdem große Teile des inzwischen gewohnten winterlichen Nacht-Dunkels; wir vermissen die Schneemänner, übrig geblieben sind dreckige schmelzende Torsi; der WSV ist schon vorbei, die Berlinale auch, Stars und Sternchen weg – und Guido W.? Liegt dekadent dahingestreckt in der Hängematte. Im Schlaraffenland für wohlgeborene Politik-Profis. Und wirft mit gebratenen Tauben nach jenen in den dürren Ebenen, die nicht jedes global-urbane Tempo mitgehen durften, konnten oder wollten.

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Hypotext

Nach DNB und DDB: Die DLB kommt! Lange herrschte Funkstille, doch nun gibt es hoffnungsvolle Signale aus Raisting und Polling. Was bisher geschah: Am 29. Juni 2006 trat bekanntlich das neue „Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek“ in Kraft. Es benannte die Bibliothek mit ihren von blühenden Vorgärten umgebenen Häusern in Leipzig, Frankfurt am Main und Berlin in Deutsche Nationalbibliothek um. Dieser bibliothekarische Kraftakt fand 2008 seinen vorläufigen Abschluss: Im Oktober jenes Jahres erlies die Bundesregierung die Pflichtablieferungsverordnung, die die bisherige Pflichtstückverordnung ablöste. Damit war Kraft gewonnen für neue Aufgaben. Folgerichtig wurde am 8. Dezember 2009 in Stuttgart, im Rahmen des jährlichen IT-Gipfels und in Anwesenheit der Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, das Projekt DDB präsentiert. Die Deutsche Digitale Bibliothek wird einen zentralen Zugang zu digitalem Wissen und Kultur in Deutschland bieten. Sie eröffnet großartige Perspektiven für die innovative und zukunftsorientierte Nutzung digitaler Medien und setzt Zeichen für die Etablierung der Wissens- und Informationsgesellschaft in der Bundesrepublik. Diesen beiden tragenden Säulen der Informations-Landschaft wollen nun namhafte Experten aus Bibliotheks-, Informations- und Archivwesen eine weitere hinzufügen. Nach monatelangen Vorberatungen, Ausarbeitung meilensteingepflasteter Konzeptionen und der Sicherung einer zukunftsorientierten Finanzierung, geht am 10. März 2010 „Die letzte Bibliothek“ (DLB) mit Häusern in Raisting und Polling an den Start. Mehr dazu. Demnächst. An dieser Stelle.

F I N I S

Hier und heute endet jener Teil dieses Blogs, der über Wille, Werk und Mich berichtete.

Eine UAISPL war so nie vorgesehen, was nicht ausschließt dass sie eines Tages entsteht oder in anderer Form bereits existiert.

Eine Finanzkrise gibt es nur, wenn sie sprachlich in die Welt gesetzt wird.

Wille, Werk und Mich sind reale Figuren in fiktiven Texten oder fiktive Figuren in einer gestalteten Realität.

Lisaweta Quote bleibt verschollen oder taucht eines Tages wieder auf.

Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr, hat Martin Walser sinngemäß formuliert.

Und Juli Zeh sagt:

„Ich finde den Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit marginal…Ich habe große Schwierigkeiten, diesen Unterschied dingfest zu machen.“

Dieser Blog heißt LIT*OS; er enthält Texte über Literatur, Orte und Spuren und – natürlich Literatur.

Schlechte Nachrichten (2)

Eilmeldung!

Deutsche Niederlassung des Library Software House GarNyx meldet Insolvenz an.

Hunderte von Arbeitsplätzen in Bochum gefährdet. Fortsetzung des Geschäftsbetriebs fraglich.

Amerikanische Mutter ebenfalls in großen finanziellen Schwierigkeiten. US-Regierung lehnt Finanzspritzen ab.

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Frostige Zeiten – positive Signale sind in Raisting derzeit Mangelware

Vorgestellt

Mich, B. E.

Mich wurde am 12. Juni 1960 um 6 Uhr und 12 Minuten in Polling bei Raisting bei Weilheim bei München geboren. Der schmächtige Knabe erhielt von seinen Eltern die klangvollen Vornamen Benedikt und Emeran, die bald im täglichen Sprachgebrauch der Geschwister und Freunde zum bis heute gebräuchlichen B. E. abgeschliffen wurden. Schon in jungen Jahren machte ihn der Vater mit den Faust-Mythen bekannt und führte ihn zu Plätzen im Dorf, die sich in Thomas Manns „Doktor Faustus“ als Handlungsorte wiedererkennen lassen. Diese bürgerlich dekadente Version des Faust-Stoffes war Mich nie recht sympathisch und so wandte er sich später anderen Dichtern und Schriftstellern zu. Heute beschäftigt er sich mit deutschen Gegenwartsautoren wie Michael Ebmeyer, Andreas Maier, Juli Zeh oder den österreichischen Talenten Josef Winkler und Walter Kappacher.

Da sich Benedikt Emeran schon bald als musikalisches Kind erwies, ließen ihn die Eltern in das Musikgymnasium Roth an der Roth einschulen und folgerichtig besuchte er nach Vollendung der Schullaufbahn zunächst die Musikhochschule „Carl Orff“ in Murnau; dort machte er auch Bekanntschaft mit der Malerschule „Blauer Reiter“, deren Werke ihn seitdem in verschiedenster Form durch den Alltag begleiten. Als er sich selbst für eine musikalische Berufslaufbahn für nicht talentiert genug einstufte, schloss er dem unvollendeten Studium eine Ausbildung zum Diplom-Bibliother (FH) in Stuttgart an und hospitierte nach erfolgreichem Abschluss unter anderem an der Library of Congress und der Österreichischen Nationalbibliothek.

Heute ist Mich beruflich freischaffender Reference Librarian, sozusagen ein Feuerwehrmann der bibliothekarischen Auskunftsdienste. Das führte ihn schon in alle Teile der erschlossenen Welt. Darüber hinaus arbeitet er als Publizist, Rezensent und Reisender. Protokolle von seinen zahlreichen Exkursen und Exkursionen hat R. Eferenz Werk in dem eindrucksvollen „Per Anhalter durch das bibliographische Universum“. – Nachschlager, 2008, zu einer bibliographisch-biographischen Reisebeschreibung verdichtet.

Die lange und gründliche musikalische Ausbildung kommt ihm bis heute auf seinen ausgedehnten bibliothekarischen Unternehmungen zugute, da seine Auftritte als Straßenmusiker in aller Welt zur Finanzierung seiner Reisen beitragen. Allerdings verhinderte dieses jahrelange Vagabundieren eine feste, ehegemäße oder eheähnliche Bindung. B. E. Mich ist ledig, kinderlos und hat seinen nur wenige Wochen im Jahr benötigten festen Wohnsitz in München-Bogenhausen, von dort erreicht er nach einem kurzen Spaziergang durch das Grün des Englischen Garten die Bayerische Staatsbibliothek. Seine großzügige Dreiraumwohnung ist mit Werken zeitgenössischer europäischer Dichter und Schriftsteller gefüllt, freie Wände sind mit Reproduktionen von Werken der Blaue-Reiter-Künstler geschmückt. Wenn er sich in seiner Wahlheimat aufhält, unterstützt er gerne das Valentin-Musäum. Bei seinen sehr beliebten, weil originell gestalteten Führungen, mit gelegentlich eingestreuten Valentinaden, bringt er den Besuchern Leben, Werk und Denken des großen Münchener Volkssängers und -schauspielers näher.

Die Bilder der Blaue-Reiter-Gruppe begleiten B. E. Mich seit vielen Jahren. Hier „Der blaue See“ von Gabriele Münter.

Ein Brief aus Leipzig

Mein lieber Eferenz!

Länger hast Du nichts von dem nach Wildost verschlagenen Bruder – oder doch Cousin – im Geiste gehört und hattest doch soviel Recht zu der Erwartung, etwas von ihm zu hören, nach dessen Andeutungen im letzten Ferngespräch. Nun gut es ist soweit: Mich und ich haben uns also vergraben in den Elias-Kien-Nachlass und bemühen uns sorgsam und gründlich wertend Schicht um Schicht abzutragen und das zu Tage beförderte im rechten Licht betrachtet einer angemessenen Bestimmung zuzuführen. Wie Du weißt, sind die Brunnen der Vergangenheit tief; sollte man sie nicht unergründlich nennen? Dies nämlich dann sogar und vielleicht eben dann, wenn nur und allein ein Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede steht.

Soviel sei schon verraten, erste Funde zeigen Erstaunliches und lassen für die weitere Arbeit Spannung und Erwartung nicht geringer werden.
Schon nach wenigen Tagen fiel uns ein handschriftliches Gedichtfragment in die Hände, geschrieben mit schwarzer Tinte auf hell-beigen Bütten, umrankt von einem einstmals wohl buntem Blumenmuster, dessen Farben aber fast vollständig verblasst sind. Die in altdeutscher Schrift geschriebenen Zeilen jedoch erscheinen noch kräftig auf dem Papier und sind gut zu lesen.

„Du wirst im Dunkeln entschwinden,
dich nahm der steinerne Wald.
Ich werde dich nicht mehr finden,
tröstliche Menschengestalt.

Aber mich heiter zu fügen,
hab ich vollkommenen Grund:

es liegt ein großes Genügen
in dem Wissen um deinen Mund –„

Das Ende in dieser Form verleitete uns zunächst zu der Annahme, dass es sich wohl um ein Fragment handeln müsse. Titel, Autorenangabe oder irgendeine Art von Signatur waren nicht vorhanden. So schien guter Rat zwar nicht unbedingt teuer, aber immerhin schwer zu bekommen – zumindest zu Beginn unserer Recherchen. Zu einem Ergebnis kamen wir dann allerdings doch recht rasch. Um Dich nicht lange auf der Folterbank zu strecken oder mit ermüdenden Einzelheiten unserer Vorgehensweise zu langweilen, fasse ich unverzüglich zusammen.

Es handelt sich also um ein Gedicht und zwar keineswegs um ein unvollständig notiertes. Es trägt den Titel „Großstadtbegnung“ und muss wohl der oberschwäbischen Dichterin Maria Menz zugeschrieben werden. Menz, die von 1903 bis 1996 lebte und die meiste Zeit in ihrer Heimat Oberessendorf, südlich von Biberach, verbrachte, arbeitete in den 1930er Jahren einige Zeit als Krankenschwester in Leipzig. Diese Stadt ist, außer Stuttgart, nachweislich ihr einzig echtes Großstadt-Erlebnis geblieben und man kann vermuten, dass sich die Betitelung auf die sächsische Metropole bezieht. Wie das Manuskript in den Besitz Kiens kam, ist sicher nicht mehr aufzuklären; dass er der Angesprochene sein könnte, eher unwahrscheinlich, da nichts in der Biographie der Dichterin eine solche Vermutung nahe legen könnte. Allerdings blieben deren Leipziger Jahre doch immer sehr im Dunkeln. Der forschenden Literaturwissenschaft sind hier anspruchsvolle Aufgaben gestellt.

Das ist also ist ein Beispiel für das was hier vor sich geht und aus scheinbar vertrockneten Brunnen an die Oberfläche drängt.

Für heute lebe denn recht wohl, lieber Eferenz Werk! Halte Dich gut, wie ich versuchen will, es zu tun, damit wir uns wiedersehen.
Ich hoffe, bald noch weitere interessante Neuigkeiten aus Leipzig in die Welt melden zu können.

Dein Arthur Thomas von der Weißen Elster

P.S.: Wenn ich es richtig sehe, gibt es weder bei Dir noch bei mir, noch sonstwo, derzeit irgend etwas Neues über unsere schmerzlich vermisste Lisaweta. Wie absurd erscheint in diesem Zusammenhang der angebliche Nutzen moderner Kommunikations-Apparaturen. Nun, der sehr geschätzte Kehlmann hat das Thema in „Ruhm“ ja vortrefflich aufbereitet.