Leipziger Buchmesse 2018

Momente, Meinungen, Bücher

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Mit dem Wetter anfangen? Geht gar nicht?

Diesmal doch. Leipzig liegt geoklimatisch bereits weit im Osten. Selten wurde das metereologisch so spürbar wie in diesem Jahr zur Buchmesse-Zeit. Strenger Winter in der zweiten Märzhälfte. Schnee und Glätte. Beißend kalter Wind. Womit haben wir Büchermenschen das verdient und wer ist schuld? Die Russen? Trump? Naht, wie vor zehntausend Jahren, eine kleine Eiszeit?

Samstag und Sonntag gestörter Zugverkehr. Weichen sind eingefroren. In den imposanten Leipziger Hauptbahnhof konnten zeitweise keine Fernzüge einfahren. Der S-Bahn Verkehr in Mittelsachsen kam zum Erliegen. Konsequenz: Die Messe-Verantwortlichen verfehlten die selbstgesetzten Wachstumsziele. Am Sonntagabend bilanzierte man viele tausend Besucher weniger als erwartet.

Es sollte eine politische Messe werden, hatte deren Chef Oliver Zille zum Beginn verkündet. Es wurde eine politische Messe. Alle waren gegen rechts, wobei nie ganz klar schien in welcher Schublade gerade gekramt wurde. Der fundamental-konservativen, einer stramm rechten, einer rechtsradikalen. Die Grenzen fließen. Wer redet mit wem und wer mit wem nicht? Es wurde eifrig und heftig diskutiert und gestritten, immer einigermaßen friedlich, meist gesittet. Doch blieb unscharf was als freie Meinungsäußerung durchgehen darf und was nicht. Dabei haben wir doch ein Strafrecht und ein Grundgesetz.

Unsere Grundrechte heißt das aktuelle Buch von Georg M. Oswald. Welche wir haben, was sie bedeuten, und wie wir sie schützen. Eigentlich kommt das Buch des Juristen und Schriftstellers zur richtigen Zeit. Bei all den kruden Forderungen nach gesetzlichen Verschärfungen die inzwischen von Politikern aller Lager in die Debatte eingebracht werden, gerät in Vergessenheit welch verlässlichen Rahmen wir bereits haben. Wer den bewährten und tradierten Spielraum verlässt wird ein Fall für Polizei, Staatsanwaltschaft und gegebenenfalls das reich kommentierte Strafrecht. Alles da. Es wird Zeit sich dessen zu vergewissern und es anzuwenden.

Gomringer macht Grass. Grimms Wörter, die Huldigung des 2015 verstorbenen Dichters an die deutsche Sprache, wurde von dem Trommler und Grass-Freund Günter “Baby” Sommer vertont. Nora Gomringer verfügt über die Fähigkeit Töne und Sprache zu einem kongenialen Ereignis zu vereinen. Wie immer wenn diese Frau etwas macht wurde es originell, eigen und sehr gut. Siebzig ganz besondere Minuten als Scheibe oder MP3-File, bei Günter Grass Hausverlag Steidl erschienen. Ansonsten erscheinen die gedruckten Schöpfungen Nora Gomringers treu und regelmäßig bei Volland und Quist. Einer dieser jungen unabhängigen Verlage die sich seit etlichen Jahren rund um die Leseinsel Junge Verlage gruppieren.

Dort waren auch die Ulmer Florian Arnold und Rasmus Schöll mit ihrem bereits recht erfolgreichen verlegerischen Startup Topalian und Milani zu finden, in produktiver Symbiose mit der Edition Azur. Die strategisch äußerst günstige Standlage an zwei Laufwegen sorgte für rege Publikumsfrequenz und für die erwünschte Wahrnehmung des ambitionierten Programms, das großen Wert auf hochwertige Gestaltung und Herstellung der Bücher legt. Rechtzeitig zur Messe wurde eine kleine Edition mit Kunstkarten nach Motiven von Anatol Knotek fertig. Im Zentrum der Arbeiten des Künstlers stehen das Wort und seine visuellen Ausdrucksmöglichkeiten.

Julius Fischer hier, Julius Fischer dort. Das Urgestein der ostdeutschen Lesebühnen, der Slam- und Kabarett-Szene war quasi überall. Mal beißender Realsatiriker, mal urkomische Erscheinung war ihm stets großer Publikumszuspruch sicher. Im Herzen ist er ein echter Menschenfreund. Deshalb heißt sein aktueller Buchtitel, mit dem er über die Messe zog und die Säle nicht nur in Leipzig füllt, Ich hasse Menschen. Durch seinen Kakao wird alles gezogen was zwei Beine und Schuhe hat.

Guter Rat muss ja bekanntlich nicht unbedingt teuer sein. Das trifft dann besonders zu, wenn die Lebenshilfe zwischen zwei Buchdeckel gepresst wohlfeil angeboten wird. Das Angebot dieser Gattung ist auf beiden großen deutschen Buchmessen reichlich vertreten. Nachfolgend ein besonders prägnantes Beispiel, das den Besuchern in Leipzig entgegenleuchtete. Es spricht für sich.

Die Löwen-Apotheke ist die älteste der Stadt. Als Apotheke Zum güldenen Löwen wurde sie 1409 gegründet. Nach mehrmaligem Umzug ist sie heute Ecke Brühl/Nikolaistraße zu finden. Hier stellte Ellen Sandberg vor kleinem Publikum und inmitten hochpreisiger Schönheitsversprechen (in die Kosmetikabteilung im Obergeschoß passten nur 35 Personen) ihren Roman über Die Vergessenen vor, in dem es, verpackt in eine sehr spannende, vielschichtige Handlung, um das Thema Euthanasie im Dritten Reich geht. Ellen Sandberg erläuterte ausführlich ihre Recherchen und den folgenden Schreibprozess. Ein interessiertes Publikum trug nach der Lesung mit dem Thema angemessenen Wortmeldungen dazu bei, dass diese Veranstaltung inhaltlich tiefer ging und mehr wurde als nur eine von vielen Lesungen im Rahmen von Leipzig liest.

Es gibt einfach nichts in meinem Leben, was sich zu erzählen lohnt. Gar nichts. Behauptet der Protagonist in Christoph Heins großem Deutschlandroman Glückskind mit Vater, der 2016 erschien. Auf einer Buchmesse gibt es viel zu erzählen, schließlich treffen sich dort Leute, die etwas zu sagen haben. Und man erfährt von den vielen neuen Erzählungen aus den Federn und Tastaturen auflagenstarker Autoren, talentierter Nischenbesetzer, von Dichtern ferner Länder, von lustigen und traurigen Geschichten, Neuigkeiten und alten Legenden.

Drei ganz persönliche Favoriten die mir in der Masse des Überangebots aufgefallen sind, die es gewiss zu lesen lohnt, seien hier ultrakurz vorgestellt:

Angelika Klüssendorf hat mit Jahre später einen dritten Roman über ihre den Lesern längst vertraute Hauptfigur April geschrieben. Aus dem Mädchen ist eine Ehefrau geworden. Es sei die Anatomie einer toxischen Partnerschaft versprechen Verlag und Autorin. Wie die Vorgänger besticht auch dieser Roman durch eine klare, knappe Sprache und nüchtern realistische Darstellungskraft.

Dana Grigorcea stammt aus Rumänien, lebt in Zürich und schreibt auf Deutsch. Ihr neuestes Werk ist die Novelle Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen. In dieser Anspielung an den ähnlichen Titel einer Tschechow-Erzählung geht es um die verheiratete Tänzerin Anna deren Leben vor dem Hintergrund des gesitteten Wohlstands der Schweiz durch eine Begegnung eine überraschende Wendung erfährt. Elegante, schöne Sprache.

Klaus Modick: Nach Brecht, Feuchtwanger und Rilke ist nun der inzwischen literarisch wiederentdeckte Eduard Keyserling an der Reihe. Modick versteht es in unnachahmlicher Weise aus Lebensabschnitten interessanter Figuren der Literaturgeschichte spannende Romane zu machen. Keyserlings Geheimnis ist selbst dann lesenswert wenn man den aus dem damals deutschen Lettland stammenden adeligen Autor bisher nicht kannte.

Literatur und Musik sind Geschwister. Gerne machen Sie einmal etwas zusammen. Und so gibt es jedes Jahr auf der Leipziger Buchmesse eine Abteilung mit Musikalien aller Art und Ständen namhafter Musikverlage. Im Mittelpunkt das Musik-Café, ein Ort des Innehaltens, wie auch der musikalischen Präsentationen, der Vor- und Aufführungen schöner und manchmal schräger Töne. Ein Ort für Zuhörer. Für Messemenschen, die dem literarischen Dauertrubel für einige Augenblicke entkommen möchten und gerne zu- und hinhören. Der Abstecher zur Musik lohnt sich in Leipzig Jahr für Jahr.

Heiteres und stimmungsvolles Erlebnis war in diesem März eine musikalische Kurzbiographie Wolfgang Amadeus Mozarts. In erster Linie an Kinder adressiert hatten auch alle Nichtmehrkinder, Erziehungsberechtigte und zufällig Anwesende ihren großen Spaß an den Darbietungen die eine handvoll Mitglieder des MDR-Symphonieorchesters und des MDR-Chores arrangiert hatten. Mit sichtlichem eigenen Vergnügen erfreuten sie eine begeisterte Zuschauerschar aus Jung und ein wenig Älter.

Buch voraus lautete das diesjährige Motto in Leipzig. Ein Slogan der eher ratlos macht, weil man sich sofort fragt, was kommt dahinter? Wenn das Buch voraus geht und – wie Schwarzseher unken – demnächst hinweg, was folgt?

Das Buch bleibt, behauptete mit Nachdruck und Überzeugungskraft der rumänische Politiker und Schriftsteller Varujan Vosganian. Er nannte zahlreiche Beispiele aus der Literaturgeschichte von einst verbotenen, geächteten, verbrannten Büchern, die höchst lebendig in den Regalen der Gegenwart stehen. Er sprach über Diktaturen und ihre erbärmlichen Versuche Bücher und Literatur zu verhindern oder zu verbieten. Er erwähnte den Medienwandel. Sein Fazit war immer: Das Buch widersteht und übersteht. Es ist da und es bleibt. Wenn etwas eine Zukunft hat, dann das gedruckte Buch. Beim alljährlichen Besuch der Leipziger Buchmesse ist man geneigt ihm Recht zu geben.

Vosganian gehört zu einer armenischen Minderheit in Rumänien, davon handelt sein Buch des Flüsterns. Rumänien ist ein Land mit starken Minderheiten und deshalb ein komplexes Gebilde, politisch und literarisch. Mehr dazu demnächst auf con=libri.

Die Kerners

Felix Huby und Hartwin Gromes erzählen eine wenig bekannte Familiengeschichte.

Die frisch erworbene Flasche Kerner-Wein kommt erst einmal in des Kellers kühlen Grund, damit der Inhalt die empfohlene Trinktemperatur von 8 bis 10 Grad Celsius annehmen kann. Dann die Lektüre vor der Lektüre. Es ist mehr ein Schmökern, im fetten gelben Band 3857 von Reclams Universal-Bibliothek, der Ausgewählte Werke des schwäbischen Dichters Justinus Kerner (1786 – 1862) enthält: Prosa, Biographisches, viele Gedichte. Glaubt einem Gram ihr zu entfliehen / Wenn ihr entflieht dem alten Raum? / Der Glaube ist ein irrer Traum: / Der Gram wird allwärts mit euch ziehen.

Zur Bibliotherapie taugen solche Reime weniger, immerhin erfährt man in Bausingers Schwäbischer Literaturgeschichte von des Dichters Spaß an der Klecksographie. Dort liest man von seinem Hang zum Okkultismus und vom Arzt Kerner der vom Meßmerschen Magnetismus überzeugt war. Als ein Freund des Weines, nach dem viele Jahrzehnte nach seinem Tod in Weinsberg die Sorte Kerner benannt wurde, brachte er es zeitweise auf einen Verzehr von zwei bis drei Litern am Tag, was seine Frau Friederike schließlich zu begrenzender Kontrolle veranlasste. So ist es nicht verwunderlich dass seiner Feder mancher Vers entsprang, der immer wieder gerne in feucht-fröhlicher Runde gesungen wird: Wohlauf, noch getrunken den funkelnden Wein …

Justinus Kerner ist die bekannteste Persönlichkeit der weitverzweigten Kerner-Sippe, zu seiner Zeit war er ebenso eine Berühmtheit wie die schreibenden Kollegen Ludwig Uhland und Gustav Schwab. In Hubys und Gromes Buch steht er nicht allein im Mittelpunkt. Zentrale Figuren sind neben ihm seine beiden Brüder Georg und Karl. Um sie herum wird von weiteren Familienmitgliedern erzählt. Den Eltern Christoph Ludwig Kerner (1744 – 1799) und seiner Gattin Friederike Luise geborene Stockmayer (1750 – 1817), dem Paar wurden im Lauf der Jahre 12 Kinder geboren, sechs Töchter erreichten das Erwachsenenalter nicht. Und den zahlreichen Nachkommen, deren Schicksal nur angedeutet werden kann um den verträglichen Rahmen des Erzählwerks nicht zu sprengen.

Justinus Kerner ist heute gerade noch eingefleischten Literaturfreunden ein Begriff. Seine nahezu vergessenen Brüder Georg und Karl waren hingegen wichtige, einflussreiche Figuren der schwäbischen und europäischen Geschichte. Georg war ein sanfter Revolutionär. Zunächst Feuer und Flamme für die Ideen der französischen Revolution, wandte er sich später von Frankreichs Politik ab, als er erleben musste, wie ein neoabsolutistischer Napoleon seine Rolle als Führer der Grand Nation interpretierte und schließlich Europa mit Schrecken und Tod überzog. Georg lebte als Diplomat, Arzt, Journalist und gescheiterter Geschäftsmann in Paris, Florenz und Hamburg. In der Hansestadt wirkte er hoch angesehen unter anderem als Armenarzt. 1812 starb er dort 42-jährig an einer Infektion, die er sich bei seiner ärztlichen Tätigkeit zugezogen hatte. Geboren wurde er im gleichen Jahr wie Friedrich Hölderlin: 1770.

Den kranken und alten Hölderlin in seinem Turmzimmer mit Neckarblick erlebte der Bruder Justinus als angehender Arzt, zu dem er an der württembergischen Kaderschmiede Karlsschule ausgebildet wurde. Die Anstalt war direkt dem Herzog unterstellt und hatte den Auftrag begabte Landeskinder zu frommen und untertänigen Dienern der württembergischen Dynastie heranzuzüchten. Dass es einigen dieser jungen Männern gelang der Unterdrückung zu entkommen und ihre Talente anderweitig und andernorts zu entfalten wissen wir nicht nur von Friedrich Schiller.

Ein treuer Diener von Herzog und Staat war lebenslang Karl Kerner (1775 – 1840), nach der Erhebung in den Adelsstand Karl von Kerner. Als Offizier führte er ein württembergisches Heer im Gefolge Napoleons in den Russland-Feldzug. Seine Mannschaften wurden vom russischen Winter und von des Gegners raffinierter Kriegsführung aufgerieben. Nur wenige kehrten in die Heimat zurück. Karl war anschließend nicht bereit die Seiten zu wechseln und erneut und diesmal gegen die Franzosen ins Feld zu ziehen. Er wurde Minister, Direktor der landeseigenen Eisen- und Hüttenwerke und schließlich Gutsbesitzer im hohenlohischen Niederhofen.

Die Familie Kerner, die Geschichte des 19. Jahrhunderts, das württembergische Herzogtum und Ausschnitte der schwäbischen Literaturgeschichte boten den Autoren überreichen Stoff für einen dichten, fesselnden Roman rund um die Brüder Georg, Karl und Justinus. Felix Huby, den wir seit Jahrzehnten als versierten Krimi- und Drehbuchschreiber kennen, gelingen einmal mehr realistisch wirkende Dialoge, die uns die menschlichen Facetten der Protagonisten näher bringen.

Der promovierte Theaterwissenschaftler, Dramaturg und langjährige Professor für Kulturwissenschaften Hartwin Gromes hat schon öfters mit Huby zusammengearbeitet. Er dürfte wohl in erster Linie für das Recherchieren der historischen Fakten und Zusammenhänge zuständig gewesen sein. Wo sachliches Wissen eingeflochten und wo das fiktive Erzählen zur raffiniert konstruierten Melange beiträgt, ist für einigermaßen erfahrene Leser unschwer zu erkennen. Entstanden ist ein biographisch fundierter Roman der sich süffig wie ein guter Kerner liest, bestens unterhält und ganz nebenbei eine leicht verdauliche Portion schwäbische Heimatkunde im europäischen Kontext vermittelt.

Längst hatte die Flasche Kerner vom Besigheimer Felsengarten ideale Trinktemperatur erreicht, konnte aufgeschraubt und der hellgelbe Wein eingeschenkt werden. … zarter Duft von Birne und grünem Apfel, leichte Muskataromen, fruchtbetonte, feingliedrige, würzige Fruchtsäure, saftige Süße im Abgang. Wird empfohlen zu Kalbs- und Nierenbraten, Geflügel, würzigem Käse. Passt jederzeit auch zu einem guten Buch.

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Huby, Felix; Gromes, Hartwin: Die Kerners. Eine Familiengeschichte. Roman. – Klöpfer & Meyer, 2018

Kerner, Justinus: Ausgewählte Werke. – Philipp Reclam jun., 1981 (Universal-Bibliothek; 3857)

Bausinger, Hermann: Eine Schwäbische Literaturgeschichte. – Klöpfer & Meyer, 2016

Bier und Buch

Die Wirtschaft blüht, die Konjunktur glüht.

In allen Branchen?

Keineswegs. Einige weniger bedeutende Geschäftszweige können nicht Schritt halten. So sind die Buchverkäufe und die Zahl der Leser in unserer Republik der Drucker und Dichter in den letzten zwölf Monaten zum wiederholten Mal deutlich gesunken. Immer mehr Buchhandlungen schließen.

Gleichzeitig geht der Bierkonsum im Land der Trinker und Denker Jahr für Jahr zurück. Die Zahl der selbständigen Brauereien zwischen Schlei und Isar, Rhein und Oder sinkt bereits seit Jahrzehnten. Bestehen da etwa Wechselwirkungen in Sachen steigender Unlust an Buch und Bier? Lauern negative Synergien? Mögliche Zusammenhänge wurden bisher unzureichend bis gar nicht untersucht.

Die Fakten sprechen für sich: Seit 2011 fällt das Volumen des Bierabsatzes in Deutschland pro Kopf und Jahr kontinuierlich. Für 2021 wird ein Allzeittief von 91,7 Litern erwartet. Bei derzeit 82,67 Millionen Einwohnern (31.12.2017) sind das voraussichtlich bescheidene 7 Milliarden, 500 Millionen, 580 Tausend Liter und einige Kölschgläschen. Ein ähnliches Bild des Jammers bietet der Buchabsatz. Nur noch gut 40 Millionen Menschen kauften 2017 überhaupt ein Buch – also nicht einmal jeder zweite Mitbürger. Lediglich drei Millionen waren bereit mehr als 20 Bücher nach Hause zu tragen. Für die nächsten Jahre ist mit weiteren signifikanten Rückgängen zu rechnen.

Die Frage nach Korrelationen drängt sich auf. Sind es die Biertrinker die weniger Bücher kaufen oder ist es eine buchaffine Bevölkerungsgruppe deren Bierdurst nachlässt? Würde ein erhöhter Bierverbrauch gleichzeitig den Buchabsatz steigern? Oder muss mehr gelesen werden damit der Zapfhahn öfter läuft? Wieviele Menschen kaufen eigentlich Bücher und Bier? Und wie hoch ist die Zahl der Zeitgenossen die auf beides glauben verzichten zu können? Schnittmengenanalysen liegen bis dato nicht vor.

Die Mönche des Mittelalters kamen kaum zum Lesen. Wenn sie nicht gerade beteten oder Choräle sangen, schrieben sie mit eigener Hand fromme Texte in dicke Bücher, die kunstvoll ausgestattet und gebunden in den Klöstern zu ansehnlichen Bibliotheken heranwuchsen. Heute gern besuchte und bestaunte kulturhistorische Kleinodien. Zur Stärkung tranken die Brüder Bier, nicht zu knapp und nicht zu schwach. Bevorzugt zur Fastenzeit, in der allerhand Sättigendes und Wohlschmeckendes rituell untersagt war, griff man gern zum Krug in dem erhöhte Stammwürze schäumte. Der eine oder andere Klosterbräu hat die Unbilden sich wandelnder Zeiten überstanden.

Zu jeder Zeit gab es Poeten die maßlos Bier tranken und trotzdem gut schrieben. Jean Paul und Oskar Maria Graf sind hinlänglich populäre Bespiele.

Der aus dem putzigen Wunsiedel stammende Jean Paul hieß eigentlich Johann Paul Friedrich Richter und schwor auf den Gerstensaft seiner fränkischen Heimat. Englisches Bier, das zu seiner Zeit in Deutschland ganz gerne ausgeschenkt wurde, war ihm ein Greuel: Trink ich’s noch ein Jahr, so bin ich todt. Weilte er freiwillig oder gezwungen fern der Heimat ließ er sich von dort mit Nachschub versorgen. Dabei war er in ständiger Sorge wegen möglicher Versorgungsengpässe. Sollte das Bier schon unterwegs sein – was Gott gebe – so bitt ich Sie herzlich, sogleich neues nachzusenden; weil der Transport vom Faß in mich viel schneller geht als von Bayreuth nach mir!

Oskar Maria Graf versuchte sein Heimweh im New Yorker Exil mit reichlich Biergenuss zu lindern. Er behauptete, dass er die amerikanischen Dünnbier-Marken lieber durch die Gurgel rinnen ließe als das einst gewohnte bayerische Vollbier. Als er zum 800-jährigen Jubiläum Münchens 1958 eingeladen war und zum ersten Mal nach dem Krieg wieder deutschen Boden betrat, wurde er gefragt, wie es so ein Urbayer in den USA aushalten könne. Er antwortete, dass New Yorker Bier sei … ausgezeichnet und nicht so blähend und dickflüssig wie das bayrische Exportbier. Die Behauptung war eine Spitze gegen die bayerische Bier-Hauptstadt in der die braune Bewegung ihren Ausgang nahm und den Dichter ins Exil zwang. Er wurde nie heimisch in New York, sprach kaum Englisch, organisierte einen Stammtisch für geflohene deutsche Schriftsteller und brauchte reichlich Bier zum Trost. Man wird allmählich so skeptisch, daß man überhaupt alles anzweifelt und sich ganz und gar zurückzieht — oder sich sinnlos besäuft.

Foto: Bernd Michael Köhler

Für beharrliche Viel- und Dauerleser ist Biertrinken während der Lektüre ab gewisser – individuell sicher unterschiedlicher – Grenzwerte kontraindiziert. Es vernebelt die Sinne, umnachtet den einen oder anderen Hirnlappen, senkt die Konzentrationsfähigkeit, macht müde. Die situative Lesekompetenz verringert sich rapide, kontrastierend steigt die Akzeptanz von Zeitungen mit vielen Bildern und großen Überschriften. Oder das Zappen durch mittlerweile 400 bis 500 Banalkanäle in den TV-Netzen bildet die bedenkliche Übergangsphase zum hopfengeförderten Tiefschlaf.

Trösten wir uns. Die Auswirkungen sinkender Umsätze der Buch- und Bierbranchen auf unsere Volkswirtschaft und ihr Bruttosozialprodukt sind marginal. Sie werden spielend und mehrfach kompensiert durch den immer höhere Sphären erklimmenden Automobilabsatz deutscher Premium-Hersteller und den damit einhergehenden Gewinnen der sie produzierenden Konzerne. (Finanzminister, Bänker, Vorstände und Kleinanleger haben chronisch glänzende Augen.) Nicht nur die Dividenden und Prämien wachsen, auch die vierrädrigen Vehikel werden immer voluminöser.

Kommen wir so etwa einer Ursache für den steten Bier- und Buchabschwung auf die Spur? Schließlich lässt sich aktives Autolenken nur schwer mit Lektüre und Maßkrugstemmen verbinden und wird gerne verkehrsrechtlich sanktioniert. Zwar führt ein moderner SUV den Fahrer jederzeit locker durch unwegsames Gelände, im Kofferraum sind jedoch nur noch selten prall gefüllte Büchertaschen undoder Biergebinde zu finden.

Was erwartet uns demnächst jenseits von Bibliotheksstaub, Bierdunst, ZeeOzweiwolken und Stickoxydnebel?

Wann macht der Buchhändler unseres Vertrauens die Tür seines Ladens zum letzten Mal hinter sich zu? Wie lange werden die Abfüllanlagen in den verbliebenen Brauereien noch laufen? Sind die Abwärtstrends bei Bier und Buch zu stoppen?

Wir müssen es wohl mit Einstein halten und erkennen dass Prognosen schwierig sind, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.

Das war hilfreich:

bier.bayern-online.de

statista.de

Bayerischer Hinkelstein. In: DER SPIEGEL vom 27. Juni 1977

Hampson, Tim: Das Bierbuch. Brauereien Marken Biertouren. Über 1700 Biere aus aller Welt.– Dorling Kindersley, 2015

Die Vergessenen

Ein Roman von Ellen Sandberg der zu denken gibt.

Es endet mit einem kurzen Telefonat und einer Verabredung zu einem Treffen der beiden Hauptfiguren. Einer Frau und einem Mann. Es ist einer der gelungensten Dialoge die ich in letzter Zeit von einer deutschsprachigen Autorin oder einem Autor gelesen habe. Das Buch ist aus. Als Leser bleibe ich nach dieser Lektüre mit ausgesprochen gemischten Gefühlen im Lesesessel zurück.

Zurückgelassen mit der Frage, ob man Spannung und unterhaltsame Kurzweil dieses Romans genießen darf angesichts der Thematik die hier behandelt wird. Die Abläufe der erzählten Gegenwart haben ihre Auslöser, ihre Ursachen, in zwei unfassbaren Verbrechenskomplexen: Den Kriegsverbrechen deutscher Soldaten im besetzten Griechenland gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und den Euthanasiemorden im Dritten Reich. Schatten aus brauner Vergangenheit fallen auf die Protagonisten im München der Gegenwart.

1944 arbeitete die junge Krankenschwester Kathrin in einem Heim für geistig und körperlich behinderte Menschen. Für die Nazis sind das lebensunwerte Randexistenzen. Ärzte missbrauchen sie für Experimente, lassen sie verhungern, töten sie. Die Vorgänge werden als Erlösung für die Patienten beschönigt. Politisch deklariert als Befreiung von unnötigem Ballast für den Volkskörper. Euthanasie ist das Stichwort. Unmenschlicher Zynismus die Folge. Kathrin, dem charismatischen Chefarzt der Einrichtung mehr wie zugeneigt, ist zwiegespalten; schließlich erstellt sie mit Hilfe eines Arztes in Ausbildung Dokumentationen einiger besonders krasser Fälle.

Ihre Nichte Vera erfährt über siebzig Jahre später durch mehrere Zufälle von der Existenz dieser Unterlagen. Die Journalistin hat Probleme mit ihrer beruflichen Orientierung. Sie droht als Redakteurin eines Zeitgeist-Journals für Frauen zu versauern, während ihre wahren Ambitionen doch in eine ganz andere Richtung gehen. Deshalb sieht sie es als willkommene Chance den Verbrechen aus der Zeit des Dritten Reichs nachzugehen und darüber zu schreiben. Vom Ergebnis dieser Arbeit erhofft sie sich einen Karrieresprung.

Sie ahnt nicht, dass gleichzeitig sehr viel entschlossenere Kreise und gefährlichere Kräfte dabei sind, die belastenden Unterlagen aus der Welt zu schaffen. Diesen Auftrag soll Manolis Leftis ausführen. Ein gut bezahlter Spezialist für zweifelhafte Machenschaften, Handlanger für Menschen, die sich selbst die Hände nicht schmutzig machen. Er hatte griechische Vorfahren und ist in zweiter Generation traumatisiert durch Massaker die deutsche Soldaten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im Heimatdorf seiner Eltern und Großeltern verübten.

Aus dieser Konstellation macht Ellen Sandberg eine ungemein spannende, großartig konstruierte Geschichte mit allerhand Nebenhandlungen und geschickt eingeflochtenen historischen Reflexionen. Dass sie dieses mitreisende Erzählen bestens beherrscht hat sie unter ihrem Namen Inge Löhnig mit Kriminalromanen rund um den Münchner Kommissar Dühnfohrt bereits mehrfach sehr erfolgreich nachgewiesen. Waren die Dühnfort-Bücher beste Gesellenstücke, so gelingt ihr mit Die Vergessenen die Meisterarbeit als Autorin von Spannungsliteratur.

Gründlich recherchiert und nach langer Vorarbeit nunmehr veröffentlicht, entwickelte sich der Titel rasch zu einem unerwarteten Bestseller. Neben den spannenden Passagen sind es vor allem die schicksalhaften Momente, die schockierenden Szenen, die Ellen Sandberg so eindrucksvoll und anhaltend berührend gelingen. Und eben die Frage aufwerfen, ob man sich dieser belletristischen Unterhaltung uneingeschränkt hingeben darf.

Natürlich ist es nicht das einzige Buch dessen fikive Erzählung auf grausigen historischen Fakten beruht. Die Literaturgeschichte ist voll davon, gerade die der unterhaltenden Literatur. Man muss so lesen dürfen. Das ist nicht verwerflich, da man sicher sein kann, dass bei fast allen Leserinnen und Lesern etwas zurückbleiben wird. Eindrücke die über die Genugtuung an guter Lektüre hinausgehen, die kleine Widerhaken einpflanzen, Erkennnisfetzen ins Bewusstsein drücken, dass es Teile der deutschen Geschichte gibt, die nicht vergessen werden dürfen, die selbst gegenwärtigen und zukünftigen Generationen deutlich machen können, was nicht und nie mehr sein dürfte. Dass aber unsere Welt noch längst nicht frei davon ist.

Ellen Sandbergs Die Vergessenen ist ein Buch dass von Vielen gelesen werden kann und sollte. Wenn es in letzter Zeit ein Buch gab über das man mit Freunden, Bekannten, Mitlesern sprechen und diskutieren muss, dann ist es dieses.

Sandberg, Ellen: Die Vergessenen. – Penguin Verlag, 2017. Euro 13

Die Vergnügungen des Bertolt Brecht

Tema con variazioni

Zu finden ist es in Werk- und Einzelausgaben, in Sammelbänden und Anthologien. Es ist bekannt, beliebt und vielfach verbreitet. Das Gedicht Vergnügungen von Bertolt Brecht (1898 – 1956). Vor mir liegt das Suhrkamp Taschenbuch Bertolt Brecht: Hundert Gedichte. Ausgewählt von Siegfried Unseld. Aufgeschlagen ist Seite 164. Er hat es wohl 1954 geschrieben und seiner letzten Geliebten, der Schauspielerin Käthe Reichel gewidmet. Thematik und Struktur reizen ganz besonders zu persönlicher Interpretation. Deshalb gibt es heute auf con=libri zwei Variationen, zwei individuelle Versuche, die keinesfalls den Anspruch erheben, sich mit dem Original messen zu können.

I

Berner Weltmeisterjahrgang, beheimatet in der Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm, die Herzallerliebste eine Götterbotin, als Wörter- und Bildersammler unterwegs, erkundet lesend den Weltinnenraum, schreibt um sich zu durchqueren, bibliophilen Eskapaden nicht abgeneigt, lebensbegleitend: der Eremit aus Montagnola, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Die Variation von Diplom-Bibliothekar a. D. Bernd Michael Köhler:

Vergnügungen (Bertolt Brecht gewidmet)

Der erste Blick in ein neues Buch
Die wiedergefundene alte Schrift
Freundliche Gesichter
Stille, der Schatten an einem Sommertag
Die Zeitung
Der Schreibtisch
Der Buddha
Lesen, weiterlesen
Klangwelten
Radfahren
Begreifen
Bibliotheken, Briefe
Schreiben, Zuhören
Fotografieren
Philosophieren
Anders sein.

II

Wurzeln in der Goethestadt Ilmenau, längst in Ulm, dem umliegenden Oberschwaben und Westallgäu zuhause, mit steter Lust auf Abstecher nach Leipzig und Wien, Spaziergänger, Buchmensch, Leser und Schreiber. Die Variation von Jan Haag:

Freuden  (für Charlotte und Marie Luise)

Der erste Blick in die Zeitung am Morgen
Die nächsten Bücher
Der Wechsel der Jahreszeiten
Das frische Hemd

Nachdenken
Skepsis
Lesen dürfen
Schreiben können
Begreifen

Alte Musik
Andere Musik

Schlendern durch Gassen
An Fluss oder See sitzen
Kleine Fluchten
Ankommen

Lange Gespräche
Verstanden werden

 

 

Nicht nur Walser

Bei Gmeiner ist ein umfangreicher Text- und Bildband zur Literatur in Oberschwaben seit 1945 erschienen.

Die vordere Umschlagseite zeigt auf einer Schwarzweiß-Fotografie Maria Menz im Gespräch mit Martin Walser. Die beiden verdeutlichen in beispielhafter Weise das weite Spektrum der oberschwäbischen Literaturszene im 20. Jahrhundert. Hier einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren, vielgelesen, vielgefragt, von dem ein umfangreiches Werk unterschiedlicher Gattungen vorliegt, das verfilmt wurde, übersetzt, das Kontroversen auslöste und seinen Verfasser zum omnipräsenten Zeitgenossen werden ließ. Im März dieses Jahres wurde er 90 Jahre alt, tourt und schreibt derweil unverdrossen.

Dort die katholische Frau, aus einem dörflichen Umfeld, die ihre Begabung vorwiegend in Form mystisch durchwebter religiöser Lyrik und Dialektdichtung umsetzte, der man die Ausübung ihrer Neigung und Begabung nicht durchgehen lassen wollte, die sich dennoch berufen fühlte und vielfältige Widerstände in Kauf nahm. In jungen Jahren entkam sie für kurze Zeit der heimatlichen Enge. Als Krankenschwester konnte sie sich im großstädtischen Leipzig nicht behaupten, verbrachte schließlich als Außenseiterin ein langes Leben in ländlicher Abgeschiedenheit. Durch Walsers Zuspruch und Unterstützung erfuhr sie bescheidene und späte Anerkennung und ruht seit 1996, bereits fast wieder vergessen, auf dem Friedhof von Oberessendorf bei Biberach.

Literatur in Oberschwaben seit 1945 ist ein über 300 Seiten starker Sammelband mit Aufsätzen ausgewiesener Kenner der Region und ihres literarischen Lebens. So sind unter anderem Peter Blickle, Oswald Burger, Ulrike Längle und Peter Renz mit Beiträgen vertreten. Jeder Aufsatz ist in sich abgeschlossen und kann separat gelesen werden. Kleinere Redundanzen ließen sich so nicht ganz vermeiden. Der Gmeiner Verlag hat das Werk in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft Oberschwaben editiert, zur Finanzierung des ambitionierten Vorhabens leisteten die Oberschwäbischen Energiewerke einen erheblichen Beitrag.

Manfred Bosch leitet den Band mit seinem Überblick ein. Nicht zufällig trägt der Aufsatz den Titel Oberschwaben als literarische Landschaft nach 1945. Eng verbunden sind die Schriftstellerinnen und Schriftsteller zwischen Donau und Bodensee mit ihrer natürlichen und zivilisatorischen Umwelt, den Hügeln und Tälern, Seen und Flüssen, den kleinen und etwas größeren Städten. Nicht selten findet sich diese Verbundenheit im Werk wieder. Sei es das Leben am großen See bei Walser oder das bäuerlich Existenzielle bei Maria Beig, bis hin zur literarischen Umformung architektonischer und religiöser Besonderheiten bei Arnold Stadler.

Natürlich sind die bekanntesten Namen prominent vertreten. Ernst Jünger, Maria Beig oder Arnold Stadler. Und natürlich Martin Walser, der sich als Patron bis heute immer wieder für die Literatur seiner Gegend und die Persönlichkeiten, die sie schaffen, einsetzt. Denn die Schreibenden Oberschwabens stehen nicht in gleicher Weise im Blickpunkt wie jene der bundesdeutschen Metropolen. So darf man bei der Lektüre des Buches auch an jene denken, die hier nicht vorkommen. Die es trotz einschlägiger Begabung und vorhandenen dichterischen Fleißes nicht geschafft haben verlegt und damit öffentlich überhaupt erst wahrgenommen zu werden. Ganz sicher gehören dazu zahlreiche Frauen des 20. Jahrhunderts. Die Probleme und Hindernisse die Maria Menz, Maria Beig und Maria Müller-Gögler in ihren Laufbahnen und Lebenswegen zu bewältigen hatten, lassen dies zumindest erahnen. Ich weiß, da ist eine Geschichte, und ich weiß, ich werde sie nicht erfahren, beschreibt Cees Nooteboom in seinem Roman Paradies verloren dieses Dilemma.

Ulrike Längle erweitert die Region um das angrenzende Vorarlberg. Das ist geschickt, so sind interessante und bekannte Namen, wie Michael Köhlmeier und Monika Helfer in das Buch geraten. Mit Grenzziehungen ist es ja so eine Sache. Ein geographischer Raum Oberschwaben ist nicht eindeutig definiert und kulturell gibt es traditionell zahlreiche verwandschaftliche Beziehungen, Verflechtungen, Parallelen mit der angrenzenden Nachbarschaft in Österreich, der Schweiz, den bayerischen und badischen Ländereien.

Auf dem vorderen Umschlag sehen wir ein zweites Bild, das uns die malerische Pracht im Inneren des Rathauses der Stadt Wangen erahnen lässt. Und wir sehen die Teilnehmer am sogenannten Literarischen Forum Oberschwaben, die sich hier zu einer ihrer jährlichen Zusammenkünfte getroffen haben. Zu den Förderern, Inspiratoren oberschwäbischen Kunstschaffens im weitesten Sinne gehörte der feinsinnige Kommunikator Walter Münch, einst Landrat des Kreises Wangen, als es diesen noch gab. Er und weitere engagierte Mitstreiter waren es, die die Tradition des Forums ins Leben riefen. Es handelt sich dabei um offene Treffen von Autoren und Autorinnen, die aus dem Gebiet stammen oder sich ihm zugehörig fühlen, zu zwanglosem Kennenlernen und Erfahrungsaustausch. Das Buch berichtet darüber ebenso wie über das Wirken einer literarischen Gruppe, die als Ravensburger Kreis bis 2005 existierte.

Literatur in Oberschwaben seit 1945 gewinnt zusätzlichen Wert und Reiz durch die zahlreichen Abbildungen, darunter viele Personenporträts. Ein großer Teil der Fotografien stammt von dem in diesem Jahr verstorbenen Rupert Leser. Über viele Jahrzehnte ein in vielen Medien und Ausstellungen vertretener Bildchronist der oberschwäbischen Landschaft und ihrer Menschen.

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Weber, Edwin Ernst (Hrsg.): Literatur in Oberschwaben seit 1945. – Gmeiner-Verlag, 2017

(Der größte Teil der Beiträge in diesem Buch basiert auf Vorträgen während einer Tagung der Gesellschaft Oberschwaben, die 2011 im Volkshochschulheim Inzigkofen stattfand.)

Pfiat di Tölz

Über die Freude der Marktgemeinde Bad Tölz, dass ihr im Jahr 1917 ein angehender Literatur-Nobelpreisträger mit seiner Familie den Rücken kehrte.

Apropos Jubiläum. Mein Heimatstädtchen kann ich gut verstehen. Der Jahrestag des Wegzugs meiner Wenigkeit anno 19XX, der in Wirklichkeit eine Flucht war, ist ihm natürlich keinerlei Feierlichkeiten wert. Wer bin ich denn? Schließlich hat der Ort am Rande des Thüringer Waldes seinen Goethe. Von Weimar aus war er oft in Ilmenau, zum letzten Mal 1831 mit 82 Jahren. (Im Kalender also vormerken: 2031 Goethe-Jubeljahr am Fuße von Lindenberg und Kickelhahn. Johann Wolfgang vor 200 Jahren letztmals hier.)

Mein langjähriger und aktueller Lebensmittelpunkt lässt es sich nicht nehmen aus den Windeljahren eines später weltberühmten Physikers eigenen Imagegewinn zu ziehen. Einsteinstraße, Einsteinallee, Einsteinhaus, ja selbst einen schweißtreibenden Langstreckenlauf hat die Donaustadt nach dem Weltbürger benannt. Kaum hatte er 1879 das physikalische Phänomen Licht der Welt erblickt, hielten es seine Erzeuger im Jahr darauf für angezeigt nach München weiterzuziehen. Es war für ihn kein Nachteil, dass der inzwischen Hochgeehrte in den 1930er-Jahren längst im amerikanischen Exil forschte und lehrte, denn Ulm hatte zu der Zeit nicht mehr viel übrig für ihn und die rund ums Münster lebenden jüdischen Mitbürger. (Ulmer merken im Kalender vor: 2030 Jubel in der ganzen Stadt. Vor 150 Jahren überquerte Einstein die Donau bei Ulm.)

Und damit zum oberbayerischen Marktflecken Tölz, heute Bad Tölz. Hier gönnt man sich heuer ein ganzes Jahr zum Feiern. Willkommener Anlass ist nichts weniger als der Wegzug einer ganzen Familie aus der Gemeinde im Jahre 1917. Woanders feiert man 500 Jahre Reformation, 50 Jahre Farbfernsehen oder 300 Millionen Besucher auf dem Eiffelturm. Tölz derweil ergötzt sich daran, dass ein großbürgerlicher Schriftsteller im vorletzten Weltkriegsjahr seine Sommerfrische an der Isar aufgab. 100 Jahre ist es her, dass Thomas Mann mit seiner Frau Katia und den Kindern Erika, Klaus, Golo und Monika Tölz den Rücken kehrte. Es waren harte Kriegszeiten damals und die Aufgabe des geräumigen Feriendomizils hatte nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe. (Im Kalender des Jahres 2017: Jubiläumsjahr Manns verlassen Tölz demnächst abhaken.)

Blick auf Bad Tölz und die Isar

Die Familie Mann hatte bereits mehrfach Sommerwochen in Oberbayern verbracht bis man 1908 das Landhaus in Tölz bauen ließ. Vom Eigentümer als Herrensitzchen bezeichnet, handelte es sich in Wirklichkeit um eine geräumige Villa mit drei bewohnbaren Geschoßen auf einem großzügigem Grundstück in aussichtsreicher Höhenlage über der Stadt. Thomas Mann der notorische Villenbesitzer, wie es der Mann-Basher Brecht ausdrückte. Baubeginn war im September und schon im November stand der Rohbau. Den Sommer 1908 verbrachte man zunächst noch in einer gemieteten Immobilie. Thomas Mann legte letzte Hand an den Roman Königliche Hohheit.

Ein großbürgerlicher Protestant und Schopenhauer-Anhänger im Land des lebensprallen, volkstümlichen Katholizismus mit seinen bilderstrotzenden Ausdrucksformen. Ein homosexuell veranlagter Familienvater, der sein wahres Sehnen aus Rücksicht auf Familie und Gesetzeslage in Zucht halten musste und das pralle Leben mit seinen leichten, durch Beichte leicht vergebbaren Sünden um ihn herum. Die Villa in der Nähe des Klammerweiher, an dem heute der Thomas-Mann-Weg entlang führt, gehört inzwischen dem Orden der Armen Schulschwestern und dient als Erholungsheim.

Tölz hat Spuren im Werk eines Dichters hinterlassen, der viel lieber fand, als dass er erfand. Der Dichter Gustav von Aschenbach im Tod in Venedig besitzt einen rauhen Landsitz … den er im Gebirge errichtet und wo er die regnerischen Sommer verbrachte. Ein schneereicher oberbayerische Winter inspirierte die Schneesturmszenen im Zauberberg. … ein Schneeabenteuer war es, ich hatte so viel Schnee in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen …  schrieb Mann an Ernst Bertram.

Blick von der Isar auf den Kalvarienberg

Kuhmulde heißt ein Teich, der im Doktor Faustus in der Nähe des elterlichen Hofes Adrian Leverkühns liegt. Die Beschreibung lässt erkennen, dass der Tölzer Klammerweihe nach Thüringen verlegt wurde. Ein Teich weidenumstanden, der nur zehn Minuten Weges … entfernt lag … hatte, ich weiß nicht warum, auffallend kaltes Wasser. Und den Kalvarienberg, hoch über der Isar gelegen, finden wir hier als Zionsberg wieder.

In der biographischen Skizze Herr und Hund erfährt man vom Kauf des Hundes Bauschan, neben dem Dichter Hauptfigur der Erzählung, die vom Autor als Idyll charakterisiert wurde: Ein ansprechend gedrungenes, schwarzäugiges Fräulein, das … in der Nähe von Tölz eine Bergwirtschaft betreibt, vermittelte uns die Bekanntschaft mit Bauschan und seine Erwerbung. Für Thomas Mann war ein Leben ohne Hundebegleitung nur schwer vorstellbar.

Für die Mann’schen Großstadt-Kinder waren die sommerlichen Wochen, die sie in Tölz verbringen durften, einerseits willkommene naturnahe Abwechslung, mit zunehmender Verweildauer kam allerdings regelmäßig Langeweile auf. Klaus, damals zwei bis elf Jahre alt, hat diesen Zwiespalt in seinem Lebensbericht Der Wendepunkt rückblickend exemplarisch beschrieben:

Wir haben ein Haus in Tölz, das Tölzhaus, und einen großen Garten, wo man Spiele spielen kann, für die es anderswo nicht genug Platz gäbe. Die Ferienwochen sind lang, zunächst nehmen sie sich beinahe endlos aus, aber schließlich gehen sie doch zu Ende. Der Sommer liegt erschöpft und seiner selbst ein wenig überdrüssig auf den Wiesen, deren Grün die erste Frische längst verloren hat. Die Spiele im großen Garten werden fade wenn die Chrysanthemen ihre reife Pracht in den Blumenbeeten entfalten. Man ist froh, daß der Winter vor der Tür steht, mit Schneeballschlachten und Rodeln und den regelmäßigen Sonntagsessen im Hause der Großeltern.

Tölz begeht das Mann-Jahr 2017. Mit Ausstellung, Vorträgen, Lesungen, Filmvorführungen, Führungen durch den Ort und an die Mann-Stätten. Dass man bei dieser Gelegenheit regelmäßig am Bulle-von-Tölz-Brunnen mit der lebensgroßen Metallsilhouette Ottfried Fischers vorbeikommt, erhöht die Attraktion solcher Rundgänge. Zu den Höhepunkten des Veranstaltungsreigens zählte Mitte September die Jahrestagung der Thomas-Mann-Gesellschaft, die, in Lübeck beheimatet, alle paar Jahre mit dem Kongress in anderen Mann-Städten zu Gast ist. Etwa in Bonn, München und Weimar. Nun also Tölz. Der passende Rahmen war mit dem 1914 eröffneten Kurhaus gefunden. Warmes Licht aus Kristalllüstern, eine etwas zu abgehobene Bühne, sanfte Parklandschaft drumherum.

Die Vorträge waren meist streng wissenschaftlich fundiert, die ganze Atmosphäre vielleicht zu stark von akademischem Ernst geprägt. Wenig zu spüren von Ironie und spielerischer Phantasie des Tagungsgegenstandes. Das Angebot richtete sich an alle Interessierten, besonders eingeladen sollten sich die Einheimischen fühlen. Doch augenscheinlich wurde es von der Tölzer Bevölkerung kaum in Anspruch genommen. Die nutzte lieber das Wochenende für einen Ausflug zum gerade eröffneten Münchner Oktoberfest, der Wiesn. So dominierten in der Stadt und auf dem Bahnsteig von dem die Züge in die Landeshauptstadt fahren, fesche Dirndln in massenproduzierter Trachtenanmutung und Mannsbilder in Krachledernen, ausgerüstet mit Wadenwärmern und Filzhut. Zuhause Gebliebene begnügten sich mit der einen oder anderen frischen Maß (sprich: Masss) zum Frühschoppen.

Ansonsten gibt es immer noch ein lebendiges Interesse an den Manns und ihrem Umfeld. Warum ist das so? Dazu der Mann-Experte und Vorsitzende der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft Professor Hans Wißkirchen in einem Interview: Das ist eine Kombination aus dem Werk an sich und der Familiengeschichte der Manns mit all ihren Brüchen, Fehlern und interessanten Charakteren sowie Thomas Manns Biografie, in der sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. In Bad Tölz kann man einige dieser Spuren verfolgen, Wege gehen, die Mitglieder der Familie Mann gegangen sind und die sich im Werk des Nobelpreisträgers literarisch gestaltet wiederfinden.

Die Tölzer Marktstraße um 1910

Tölz, – das sind tempi passati, schrieb der Meister epischer Dichtkunst im Sommer 1918 an Paul Amann. Die Familie sommerte nun am Tegernsee. Was der inzwischen fünffache Familienvater da noch nicht wusste: Einige harte Nachkriegs- und Mangeljahre standen Deutschland bevor, die auch an der Familie Mann nicht spurlos vorüber gingen.

In Sachen Mann-Häuser (München, Nidden, Kalifornien, Zürich) tut sich ja derzeit einiges. In das von der Bundesrepublik erworbene Haus in Pacific Palisades ziehen bald die ersten Stipendiaten ein. In Litauen an der Kurischen Nehrung ist bereits vor einigen Jahren ein bewunderswertes Kulturzentrum entstanden. In Zürich residiert das Archiv. Anlässlich der Herbsttagung der Thomas-Mann-Gesellschaft in Tölz kündigte Hans Wißkirchen eine Initiative für ein Netzwerk der Thomas-Mann-Häuser an und schlug vor, Tölz möge sich an diesem Netzwerk beteiligen. Spontanen Überschwang löste die Idee vor Ort jedoch nicht aus.