Leipziger Buchmesse 2016 (II)

Meine Bücher

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Fast drei Wochen nach dem Ende der diesjährigen Leipziger Buchmesse liegt es nahe eine kleine Bilanz der Frühjahrs-Neuerscheinungen zu ziehen. Hier sind meine ganz persönlichen Favoriten.

(Die Reihenfolge stellt keine Wertung dar. Bibliographische Daten am Ende des Beitrags.)

Zeh, Unterleuten

“Die Wahrheit war nicht, was sich wirklich ereignet hatte, sondern was die Leute einander erzählten.”

Auf engstem Raum, im märkischen Sand, lässt Juli Zeh ein exemplarisches Bestiarium aufeinander los. Das Dorf hat gelitten. Unter den Weltkriegen, der DDR, der Vergesellschaftung, dem Mauerbau, der Wiedervereinigung und dem Wüten der Treuhand-Gesellschaft, und leidet jetzt unter der Gnadenlosigkeit einer schrankenlos liberalisierten Marktwirtschaft. Nahezu abgeschnitten vom Rest der Welt pflegen Alteingesessene und wenige Zuzöglinge ihre Abhängigkeiten, Schuldgefühle und Zukunftsverweigerung. Eine auf einander fixierte und angewiesene Gemeinschaft, meist älterer Mitglieder.

“ … gefährlicher waren Leute, die sich im Recht glaubten. Sie waren ungeheuer zahlreich, und sie kannten keine Gnade.”

Als nahe der falschen Idylle ein Windpark entstehen soll, brechen Neid und Missgunst, Betrug und Gewalt über Unterleuten herein. Alte Rechnungen sind zu begleichen. Neue werden ausgestellt. Juli Zeh erzählt aus den wechselnden Perspektiven von sehr unterschiedlichen Personen, die jeweils für eine bestimmte charakteristische Haltung stehen. Für jeden dieser Menschen haben wir Leser Verständnis bis Sympathie, obwohl sie sich unmöglich, ungerecht, geschmacklos, egoistisch, ja kriminell verhalten. Dass ihr auf über 600 Seiten ein Zeit- und Generationenroman von höchster Spannung gelungen ist, der uns bis zum (nicht nur) tragischen Ende nicht mehr los lässt, ist die hehre Kunst dieser großartigen Autorin.

Bugadze, Literaturexpress

Einer der bekanntesten Schriftsteller Georgiens erstmals in einer deutschen Übersetzung.

“Im August warfen die Russen Bomben auf uns. Im September trennte sich Elene von mir. Im Oktober fuhr ich nach Lissabon.”

Die munter überzeichnete Geschichte einer Zugfahrt von 100 Dichtern aus vielen Nationen quer durch Europa. Roadmovie und Liebesgeschichte. Drugs, Sex, Rock and Roll. Wobei die Drugs hautpsächlich alkoholische Substanzen sind. Allüren, Schreibblockaden, Futterneid und Narzissmus prägen das erzwungene Miteinander der Künstler-Individuen. Geschildert wird die Fahrt aus der Sicht eines mäßig erfolgreichen, jungen georgischen Schriftstellers. Städte in denen der Expresszug halt macht, die Dichter Gelegenheit zum Landgang bekommen, gleichzeitig Verpflichtungen zu Lesungen haben, sind nach dem Start in Lissabon u. a. Madrid, Paris, Frankfurt, Moskau und Warschau. Der Zielbahnhof steht in Berlin.

Übersetzt hat das Buch die wunderbare, vielseitige Nino Harratischwili, selbst georgischer Herkunft, deren 2014 erschienener Roman “Das achte Leben” zu den wichtigsten deutschsprachigen Büchern des noch jungen Jahrhunderts zählt.

Der georgische Schriftsteller Lasha Bugadze

Stamm, Weit über das Land

Peter Stamm zu lesen, so hat sich gezeigt, lohnt eigentlich immer. Da sein neuestes Buch noch unabgestrichen auf meiner Leseliste steht, zitiere ich ausnahmsweise aus Verlagswerbung und Medium.

Ein Mann steht auf und geht. Einen Augenblick zögert Thomas, dann verlässt er das Haus, seine Frau und seine Kinder. Mit einem erstaunten Lächeln geht er einfach weiter und verschwindet. Astrid, seine Frau, fragt sich zunächst, wohin er gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt. (Verlag)

Mit fassungsloser Faszination folgt der Leser Thomas‘ krummen Wegen durch die Schweizer Wälder und Dörfer, die Pässe hinauf, die Bergwege wieder hinunter: Wege, die keinem Plan folgen, die kein Ziel kennen, kein Ziel außer dem, weg zu sein, nicht mehr greifbar zu sein. (Alexander Solloch im NDR)

Hahn, Kleid meiner Mutter

Anna Katharina Hahn hat ihre Erzählheimat Stuttgart verlassen und macht die spanische Hauptstadt zum Schauplatz ihres neuen Romans. Im Mittelpunkt steht die junge Anita, deren Alltag von Arbeitslosigkeit, Sinn- und Geldmangel, fehlenden Zukunftsperspektiven geprägt ist. Abhilfe verspräche das Auswandern auf den bundesdeutschen Arbeitsmarkt.

“In meinem Beruf habe ich noch nie gearbeitet, denn es gibt keine Stellen. Manchmal engagieren mich junge Familien aus der Nachbarschaft als Babysitterin, aber sie können mich nicht richtig bezahlen, weil sie auch arbeitslos sind. Sie revanchieren sich dann mit Naturalien … “

Doch anders als ihr Bruder kann sich Anita nicht dazu durchringen. Dann sterben überraschend und auf kuriose Weise ihre Eltern und sie macht sich auf eine eher unfreiwillige Spurensuche in deren Vergangenheit, die einige Überraschungen bereithält, und in der ein deutscher Schriftsteller namens de Ruit eine wichtige Rolle spielte.

Hahn verwendet Stilmittel der romantischen Literatur. Es gibt unerklärliche Ereignisse, Schauerliches und Geschichten in der Geschichte. Ein immer wieder überraschendes Buch, rund um aktuelle europäische Probleme, unter Verwendung in der Gegenwartsliteratur aus der Mode geratener Stilelemente. Apropos Mode: Ein Kleid mit Zitronenmuster ist in der Geschichte von besonderer Bedeutung. Ein solches – in Stuttgart entworfen und geschneidert – trug die Autorin, als sie auf der Leipziger Messe ihr Buch vorstellte.

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Anna Katharina Hahn trug ein Kleid mit Zitronenmuster – wie sie es ihrer Protagonistin andichtete.

Gansel, Literatur im Dialog

“Der Band versammelt Interviews von Carsten Gansel mit maßgebenden Vertretern der beiden Literatursysteme Ost- und Westdeutschland sowie der nachfolgenden Autorengeneration zu einem repräsentativen Dialog über die Kultur- und Zeitgeschichte der jüngsten deutschen Vergangenheit.”

Ein Buch, wie geschaffen für jemanden der einen Blog mit dem Untertitel “Literatur.Orte.Spuren” schreibt. Und darüber hinaus für all jene, die sich für Entstehungsprozesse von Literatur und die Personen die sie schaffen interessieren. Es enthält reichlich Material und Anregungen für eine intensivere Beschäftigung mit dem literarischen Leben im Deutschland nach der Wende. Es kann zudem Anstoss sein, den einen Autor, die andere Autorin, neu oder besser kennenzulernen.

Vertreten sind Schriftsteller, die nicht mehr leben, wie Stephan Heym, Erich Loest oder Christa Wolf. Aber auch Persönlichkeiten, die dieser Tage durchaus von sich reden machen. Thomas Brussig, Alexa Hennig von Lange, Reinhard Jirgl und die Buchpreisgewinnerin Kathrin Schmidt.

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Der Stand des Züricher Unionsverlags auf der Leipziger Buchmesse

Disher, Bitter Wash Road

Natürlich darf ein guter Krimi in meiner kleinen Auflistung nicht fehlen. Er kommt diesmal von „down under“ und Bernd Michael Köhler hat ihn schon vor mir gelesen:

„Bitter Wash Road“ von dem australischen Autor Garry Disher ist im besten Sinne ein Gesellschaftsroman in der Form des Krimis. Es finden sich zuhauf betörende Sätze und Passagen wie diese darin:

“Kropp fuhr nordwärts auf dem Barrier Highway in einen Tag voll rostiger Winde und schwarzer, glotzender Vögel, die auf durchhängenden Drähten hockten.”

Wie der Autor mit den poetischen Bildern der kargen Landschaft im Hinterland von Adelaide die Beschreibungen trostloser Menschencharaktere, extrem negativ aufgeladender untergründiger Gesellschaftsschichten, erzählungsbedingter Situationen und Stimmungen, verstärkt und zum Leuchten bringt, ist einfach Klasse. Mit der Figur des strafversetzten Polizisten Paul Hirschhausen, der in dieser menschlichen Wüste als Lonesome Rider mit Herz, sehr schnell die Sympathien des Lesers gewinnt, hat Disher einen originären Typus von Ermittler geschaffen, auf dessen weiteren Fälle man sich schon freuen darf.

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Zeh, Juli: Unterleuten. Roman. – Luchterhand, 2016. Euro 24,99

Bugadze, Lasha: Der Literaturexpress. Roman. – Frankfurter Verlagsanstalt, 2016. Euro 24

Stamm, Peter: Weit über das Land. Roman. – S. Fischer, 2016. Euro 19,99

Hahn, Anna Katharina: Das Kleid meiner Mutter. Roman. – Suhrkamp, 2016. Euro 21,95

Gansel, Carsten: Literatur im Dialog. Gespräche mit Autorinnen und Autoren 1989 – 2014. – Verbrecher Verlag, 2016. Euro 26

Disher, Garry: Bitter Wash Road. Kriminalroman. – Unionsverlag, 2016. Euro 21,95

„Das Tiefste wirst du endlich schauen…“

Der Roman “Am Schwarzen Berg” von Anna Katharina Hahn

Welche Stuttgart-Romane von einiger Bedeutung sind eigentlich in den letzten Jahrzehnten erschienen? Bevor ich Anna Katharina Hahns Bücher kennenlernte, wären mir wahrscheinlich vorzugsweise die Werke von drei Autoren eingefallen. Im ersten Fall handelt es sich um einen Roman-Zyklus. In insgesamt neun selbstständigen Erzählwerken – unter dem Motto “Vergangene Gegenwart” lose zusammengefasst – schildert Hermann Lenz (1913 – 1998) Herkunft und Leben des Schriftstellers Eugen Rapp und schöpft dabei fast ausschließlich aus der eigenen Biographie. Die Handlung ist, bis auf Abstecher zu den Schauplätzen des Weltkriegs, in Stuttgart und München angesiedelt. Mit ruhiger Sprache und unspektakulärer Erzählweise, sind die Bücher bleibende Zeugnisse vergangener Zeiten und einer nahezu unscheinbaren Dichter-Existenz.

Da war das Roman-Debüt des Martin Walser (geb. 1927) – “Ehen in Philippsburg” – schon von anderem Kaliber und mit unüberhörbarem Widerhall in Medien und Gesellschaft. Seine Schilderungen der bundesdeutschen Nachkriegszeit und der ersten Schritte eines jungen Akademikers auf dem Weg zum Schriftsteller-Beruf haben ausschließlich die Medienstadt Stuttgart der 1950er-Jahre zur Vorlage.

Während Walser und Lenz in ihren Darstellungen eine bürgerliche Welt abbildeten, entführte Manfred Esser (1938-1996) die Leser in eine dazu völlig konträre. Prollig und streckenweise ordinär geht es zu im Osten der schwäbischen Großstadt. Essers “Ostend-Roman”, der beim Erscheinen (1978) von Leitmedien wie „DER SPIEGEL“ und „DIE ZEIT“ fast hymnisch gefeiert wurde, ist saftig wirklichkeitsnah und von kraftvoller literarischer Qualität. Erschienen ist er einst im nicht mehr existierenden und inzwischen sagenumwobenden Verlag “März”. Nur noch antiquarisch mit kräftigem Preisaufschlag zu bekommen.

Wohl nicht zufällig findet man in den Büchern Anna Katharina Hahns Spurenelemente dieser drei Vorgänger. Sie blickt hinter die Fassade intellektueller Bürgerlichkeit, entlarvt die schale Behaglichkeit einer auf den ersten Blick sehr sauberen Großstadt zwischen Wohlstand und Weinbergen. Sie zeigt uns die kaum wahrgenommenen Randexistenzen neben den wohlbestallten Ministerialbeamten und Oberstudienräten, die verschämten Schmuddelecken neben den klinisch reinen Straßenbahn-Haltestellen. Dabei kommt die Drastik bei Anna Katharina Hahn ruhig, aber sehr präzise daher, und ist gerade deshalb so schneidend und wirkungsvoll. Kleine kräftige Schläge treffen den Leser immer wieder ganz unvorbereitet. Und sie schildert “Schmerzlinien”, wie sie fast jedes Leben durchziehen.

Anna Katharina Hahn im März 2012 auf der Leipziger Buchmesse

Der neue, im Februar erschienene Roman von Anna Katharina Hahn heißt “Am Schwarzen Berg” und schildert fünf eng miteinander verwobene Schicksale. Als Peter Rau, Sohn der Nachbarn von Emil und Veronika Bub, und gleichzeitig eine Art Ziehsohn des kinderlosen Paares, in eine schwere Lebenskrise gerät, bricht die mühsam aufrechterhaltene Scheinwelt beider Häuser auseinander. Der Gymnasiallehrer Emil Bub hatte einst in Peter einen dankbaren Mitstreiter für seine Mörike-Begeisterung gefunden, seine Frau ein Ziel für brachliegende Muttergefühle. Jetzt kämpfen die beiden gealterten Paare um Wohl und Zukunft des verzweifelt Gescheiterten. Sie tun dies, über Jahrzehnte kumulierten Ballast bequemer Lebenslügen und Scheinwahrheiten im Gepäck, mit nicht tauglichen Mitteln. Hinter der Hilflosigkeit der Helfer zeichnet sich bald die Unaufhaltsamkeit einer Tragödie ab.

Nach “Kürzere Tage” hat Anna Katharina Hahn einen zweiten großartigen Stuttgart-Roman geschrieben; damit wurde diese Gattung innert weniger Jahre gleich zweifach bereichert und erweitert. “Am Schwarzen Berg” ist aber weit mehr als ein Stuttgart-Buch; mehr als ein Werk über bröckelnde Bürger-Idylle. In weiteren kunstvollen Schichten, die uns die Autorin präsentiert, entdecken wir Spuren zum langsam in Vergessenheit geratenden Hermann Lenz, vor allem aber zum unvergesslichen schwäbischen Parnass-Bewohner Eduard Mörike, dem gelernten Theologen und dichtenden Fast-Aussteiger, aus dessen Gedicht “Elemente” der Titel des Romans stammt.

Darüber hinaus gibt es in diesem Buch sehr gegenwärtige Stuttgart-Bezüge voll frischer Aktualität. So wird dieser Roman von zukünftigen Lesern, die er hoffentlich zahlreich findet, als Stimmungsbild der frühen 2010er Jahre gelesen werden können. Unter anderem dienen die Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 als Kulisse. Der krisengetriebene Peter Rau treibt sich eine zeitlang samt Kindern in der Parkschützer-Szene herum. Während sie die Geschehnisse schildert, findet die Autorin auch noch Sprachraum um uns mit reichem Vokabular und wie nebenbei von der naturräumlichen Gegenwelt, der artenreichen Flora und Fauna, einer deutschen Metropole zu berichten.

Die Stadtbibliothek Stuttgart einst …

Traurig-schön hingegen die Schilderung des schweren Abschieds von der alten Stadtbibliothek im Wilhelmspalais, wo die langsam aber stetig im Alkohol ertrinkende Veronika Bub fast ihr ganzes Berufsleben verbracht hat und die jetzt in das neuerbaute koreanische Luftschloss nahe des bald schon ehemaligen Bahnhofsgeländes ziehen muss – nicht nur für sie ein Fast-Begräbnis. Anna Katharina Hahn betrachtet durch die Brille ihrer bibliothekarischen Protagonistin noch einmal die Athmosphäre des charmant gealterten, nicht mehr zeitgemäßen Bibliotheks-Baus:

“Im Lesesaal war es plötzlich ganz ruhig. Ein gleichmäßiges Summen und Murmeln, Blättern und Knistern durchdrang den Raum. Niemand sprach, die Leute hatten die Köpfe über ihre Bücher gebeugt. Stadtverkehr und Spatzengetschilpe aus den Büschen um das Palais drangen nur gedämpft herein… Ein paar Erschöpfte schliefen mit den Köpfen auf den aufgeschlagenen Büchern… Sie alle wurden von der großen, unangreifbren Ruhe eingehüllt, die hier herrschte und von den Tausenden und Abertausenden von Büchern bewacht wurde. Dicht an dicht postierten sie auf ihren Plätzen und bewachten jene, die hinter ihren bunten Rücken Schutz suchten”

… und heute.
Foto: Ursula Doll

Anna Katharina Hahn hat in Hamburg und Berlin studiert und wissenschaftlich gearbeitet. Heute lebt sie mit Mann und zwei Söhnen in Stuttgart. Vor den beiden Romanen wurden von ihr zwei schmale Bände mit Erzählungen veröffentlicht. Die Schriftstellerin liest am 24. April in Tübingen (20 Uhr, Museums-Saal, von Osiander veranstaltet), am 26. April in Kirchheim/Teck (20 Uhr, im Buchhaus Zimmermann) und am 15. Mai in Stuttgart-Möhringen (20 Uhr, in der Pegasus Buchhandlung).

Hahn, Anna Katharina: Am Schwarzen Berg. – Suhrkamp, 2012. Euro 19,95

Leipziger Begegnungen 2012

Von Menschen und Büchern rund um die Stadt, ihre Buchmesse und “Leipzig liest” – Der zweite Teil

Werbeblock. Zugegeben, Werbung kann bis zum Brechreiz nerven. (“For you. Vor Ort.”) Sie kann niveau- und geschmacklos sein. Penetrant. An falscher Stelle und zur falschen Zeit. Sie kann echte Gerbersauer Miefigkeit verbreiten. Aber sie kann auch ganz anders. Werbung kann von weltläufiger Urbanität sein, intelligent (“Quadratisch. Praktisch. Gut.”), charmant, witzig, ästhetisch. Gute Werbung hat, was gute Literatur und gute Kunst auch haben: Geist, Geschmack, Ironiefähigkeit.

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Die im Volksmund als Löffelfamilie bekannte Leuchtreklame des VEB Feinkost Leipzig wurde 1973 am Firmensitz in der Karl-Liebknecht-Straße errichtet und 1993 zum Kulturdenkmal erklärt.

Im ersten Teil der “Leipziger Begegnungen 2012” hatte ich schon die Kampagne für die appetitlichen Wendl’schen Backwaren und ihre ideenreiche Wortspielerei angesprochen. Jetzt komme ich zu zwei positiv auffälligen Beispielen aus der Buchproduktion.

Das “Diogenes Magazin” Nr. 9, Frühjahr 2012. Mit Beiträgen über Bibliotherapie, Donna Leons intime Sicht auf Venedig, den Vieldenker und -schreiber Paulo Coelho und einer ausführlichen Würdigung des im letzten Jahr verstorbenen Verlegers Daniel Keel. Besonders spannend und anregend sind Gespräche und Interviews mit Autoren wie John Irving oder Lukas Hartmann. Es gibt natürlich ein Gewinnspiel und Anregungen zum literarischen Kochen. Selbstverständlich ist das in erster Linie Verkaufsförderung für Autoren und Bücher des Hauses Diogenes. Die man sich allerdings in der Form gerne gefallen lässt. Das Druckwerk fühlt und sieht sich an als hielte man eine wertvoll gemachte Literatur-Zeitschrift in Händen. Zahlreiche farbige und schwarzweiße Abbildungen, hervorragende typographische Gestaltung und über hundert Seiten auf erstklassigem Papier in bester Druckqualität machen dieses Magazin zu einem begehrten Sammelobjekt. Schön, dass das nächste bereits im Mai erscheinen wird.

Das Hesse-Jahr 2012, rund um den 50. Todestag des Dichters im August, begehen die Verlage Suhrkamp und Insel mit einem Jubiläumsprogamm. In einem aufwendigen Farbprospekt werden Bewährtes und Neuproduktionen präsentiert. Dazu gehören klassische Hesse-Titel wie “Der Steppenwolf”, “Siddhartha” oder “Das Glasperlenspiel”, die in neuer hochwertiger und dennoch preisgünstiger Flexcover-Ausstattung herauskommen ebenso wie zwei neue zehnbändige Kompilationen. Die eine enthält das erzählerische Werk (6137 Seiten für Euro 128), eine weitere die neu editierte Versammlung essayistischer Schriften (7127 Seiten für Euro 148). Interessant sind auch Themenbände, die von Hesse ausgewählte und zusammengestellte Werke von ihm geschätzter Autoren und Kulturkreise enthalten: “Morgenländische Erzählungen”, “Geschichten aus Japan” und anderes.

Spuren. Werbung für die Region Kurische Nehrung im allgemeinen und den heute litauischen Ort Nidden macht Frido Mann, der Enkel des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann. Dafür hat er im Auftrag des Mare-Verlages ein wunderschönes, vielschichtiges Buch geschrieben. Thomas Mann und seine Famlie kommen darin am Rande vor, denn in den frühen 1930er Jahren verbrachten sie drei Sommer-Urlaube in diesem am Meer gelegenen, ehemaligen “Worpswede des Ostens”, wie es genannt wurde, weil sich dort einst zahlreiche Maler niedergelassen hatten. Die Einheimischen nannten das Ferienhaus der Manns “Onkel Toms Hütte”. Darin ist inzwischen eine internationale Begegnungsstätte untergebracht, die ein reges Kulturprogramm auf die Beine stellt, das sich u. a. mit Werk und Leben des großen Literaten beschäftigt.

Frido Mann ist ein echter Tausendsassa, rührig und tätig an allen Ecken und Enden. Er hat Musik, Katholische Theologie und Psychologie studiert, jahrelang als Therapeut gearbeitet und nebenbei auch schon immer geschrieben. Heute lebt er als Schriftsteller und Macher in München. In seinem neuesten Buch “Mein Nidden” (Mare, 2012. Euro 18). geht es vorrangig um Kultur, Geschichte und Gegenwart von Ort und Landstrich. Der Autor zeichnet die wechselvolle Geschichte der Kurischen Nehrung im 20. Jahrhundert nach – zwischen Deutschem Reich, Sowjetherrschaft und der Unabhängigkeit Litauens. Mann entwirft gleichzeitig ein einprägsames Bild der überwältigenden Natur und ihrer Mischung aus nördlichem und südlichem Charme. Darüber ein Himmel, der sich fast endlos mit seinen Blautönen über das Haff und die Wanderdünen-Landschaft wölbt.

Orte (1). Das Lesefestival “Leipzig liest” findet auf der Buchmesse und über die ganze Stadt verteilt statt. Den Tag hindurch und bis hinter Mitternacht, an Orten, die so vielfältig und abwechslungsreich, so skurril oder gewöhnlich sind, wie die Autoren und ihre Stoffe, die dort den begeisterungsfähigen – mal größeren, mal kleineren – Menschenscharen präsentiert werden. Da wird in der Deutschen Nationalbibliothek der 100. Geburtstag der Insel-Bücherei gefeiert. Im Gewölbe der Moritzbastei setzen tief unter Tage zwischen dicken Mauern, hoffnungsvolle Nachwuchs-Schriftsteller zu ersten lyrischen oder epischen Höhenflügen an. Da lässt man die hitzige Dora Heldt gleich in einer Sauna auftreten. (Temperatur und/oder Aufguss unbekannt!)

Orte (2). Die Verlagsbuchhandlung – eine Geschäftsform deren Art akut vom Aussterben bedroht ist. Quicklebendig und ein klein wenig wie von gestern wirkend – was ihren Reiz noch erhöht – ist die nach einem Leipziger Stadtteil benannte Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Ihr Ladengeschäft ist vielleicht eines der schönsten das in Leipzig Bücher feil bietet. Im Obergeschoß dieser Handlung finden “Leipzig liest” – Veranstaltungen in einem kleinen, intimen Rahmen statt. Der Verlagszweig hat 2009 den vielgelesenen und verfilmten, in den 1950er Jahre spielenden Leipzig-Roman “Für’n Groschen Brause” (Euro 18,90) von Dieter Zimmer neu aufgelegt. Pünktlich zur Messe erschien das Büchlein “101 Asservate. Alter Worte Wert” (Euro 18) von Thomas Böhme. Der Verfasser las in der Buchhandlung einige seiner 101 Miniaturen, die sich um Begriffe drehen, die nicht mehr geläufig oder bereits aus unserem Sprachgebrauch verschwunden sind: Lakritzstangen und Angebinde, Fisimatenten und Fidibus, Möndchenschieber und Garaus, Kerbholz und Unterpfand.

Orte (3). Nicht weit vom Laden der Connewitzer liegt die Adler-Apotheke. Dort arbeitete ab 1. April 1841 der 21-jährige Apotheker-Gehilfe Theodor Fontane (die Apotheke hieß damals “Zum Weißen Adler“). Er war Mitglied im politisch-literarischen “Herwegh-Klub” und veröffentlichte erste Gedichte in dem Unterhaltungsblatt “Die Eisenbahn”. Bereits 1942 veränderte sich Fontane nach Dresden. Erst Jahrzehnte später entstanden jene Romane, die ihm seinen Platz in der  Literaturgeschichte sicherten und in deren Mittelpunkt berühmte Frauenfiguren wie “Effie Briest”, Lene Nimptsch (“Irrungen, Wirrungen”), “Grete Minde” oder “Frau Jenny Treibel” stehen.

Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Burkhard Spinnen (“Belgische Riesen”, “Der schwarze Grat”) hat ein Buch über “Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen” geschrieben, wie “Sein Glück verdienen” im Untertitel heißt. Die Fotos in dem Band stammen von Lorenz Kienzle. Er hat Orte aufgesucht, die in den Romanen Fontanes beschrieben werden, und diese in ihrem gegenwärtigen Zustand mit einer Plattenkamera festgehalten. Im Rahmen von “Leipzig liest” und im Gespräch mit dem Literaturkritiker Elmar Krekeler stellten Spinnen und Kienzle das Buch am ehemaligen Arbeitsplatz Fontanes vor (Knesebeck, Euro 29,95). Für Burhard Spinnen sind die psychologischen Konstellationen, die Problematik des Absterbens von Hergebrachtem, das Brechen von Konventionen, wie sie Fontane schildert, von zeitloser Gültigkeit.

Burkhard Spinnen (links) im Gespräch mit Elmar Krekeler in der Adler Apotheke. – Foto: Monika Stoye

Interessanterweise entspann sich in den anschließenden Gesprächen eine intensive Diskussion über heutige Schul- und Bildungsformen, die ja wesentlich zur Prägung von Menschen beitragen. Spinnen, der sich selbst als “in der Schule als Junge nicht angekommen” bezeichnete, und der viel zu Lesungen in Schulen unterwegs ist, sprach sich entschieden gegen jede Art politisch festgelegter Formatierung von Kindern und Jugendlichen im Rahmen ihrer Schullaufbahn aus. In seine kritischen Äußerungen schloss er auch die Medien, insbesondere das Fernsehen, ein. Es gehe nicht an, dass sich Casting Shows zum Standard für die Beurteilung junger Menschen entwickeln.

Favoriten (1). Leipzig 2012 – einmal mehr sind es viel zu viele Bücher! “Und so viele dumme Bücher.” (Peter Sodann.) Der Dummheit zu Leibe rücken wollte und will die Aufklärung. Denn nie war sie nötiger als heute: die scharfe Schule der Vernunft. Wärmstens zu empfehlen ist deshalb die Lektüre von Manfred Geiers: “Aufklärung. Das europäische Projekt” (Rowohlt, 2012. Euro 24,95). Ein Buch, das auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war und das in verständlicher, ja unterhaltsamer Form, einen Bogen spannt von den Begründern der Philosophie der Aufklärung wie Locke, Kant und Rousseau bis zu ihren Nachfolgern im 20. Jahrhundert: Hannah Arendt, Karl Popper, Jürgen Habermas und Jacques Derrida. Geier verliert dabei die Lebenspraxis nie aus dem Auge und stellt realistische Bezüge zu Alltag und Gegenwart her. So lesen wir auch als Laien mit Genuss in einer fesselnden Geschichte des aufklärenden Denkens und vernehmen das Plädoyer für Toleranz und Vernunft als hochaktuelle Verpflichtung.

Christian Schüle auf dem orangen Sofa des Universitäts-Radios

Favoriten (2). Schüle, Christian: „Das Ende unserer Tage. Roman“  (Klett-Cotta, 2012. Euro 22,95). Originell, spannend, temporeich. Was wie Science Fiction wirkt, ist großteils längst Gegenwart. Wir schreiben schließlich das Jahr 2012 und der Bundespräsident heißt Christian Wulf. Als Wulf ging und Gauck kam, war die erste Auflage schon im Druck; Verlag und Autor beschlossen die “fiktiven Fakten” nicht mehr zu ändern. So schreibt dieser Roman, der wie eine Zukunftsvision daherkommt, gleichzeitig jüngste bundesdeutsche Geschichte. Im nicht mehr ganz so reichen Hamburg werden Kirchen zu Event-Tempeln umgebaut. Die traditionsreiche Kammfabrik im Süden Hamburgs wird, wie viele andere Firmen der Hansestadt, von chinesischen Investoren übernommen. Der hauptberufliche Journalist Christian Schüle erzählt exemplarisch anhand der Geschichte zweier Männer: Charlie Spengler, Ex-Fabrikdirektor, jetzt Rebell an der Front der Werktätigen und Jungunternehmer Jan Philipp Hertz. Dazu kommen allerhand interessante Nebenschauplätze und -figuren, sowie eine gehörige Portion Zeitgeist und Lokal-Kollorit.

Favoriten (3). “Am Schwarzen Berg” (Suhrkamp, 2012. Euro 19,95). Anna Katharina Hahn hat einen Stuttgart-Roman geschrieben, der gleichzeitig ein Mörike-, Literatur-, und Bibliotheksroman ist. Sie zeichnet ein krasses, hoffnungsloses Bild heutiger Großstadt- und Mittelstands-Verhältnisse. Dazu mehr in einer eigenen Besprechung, die in etwa zwei Wochen auf = conlibri = erscheinen wird.