Ein Frühlingsgedicht von Selma Meerbaum-Eisinger

Frühling

Sonne. Und noch ein bißchen aufgetauter Schnee
und Wasser, das von allen Dächern tropft,
und dann ein bloßer Absatz, welcher klopft,
und Straßen, die in nasser Glattheit glänzen,
und Gräser, welche hinter hohen Fenzen
dastehen, wie ein halbverscheuchtes Reh …

Himmel. Und milder, warmer Regen, welcher fällt,
und dann ein Hund, der sinn- und grundlos bellt,
ein Mantel, welcher offen weht,
ein dünnes Kleid, das wie ein Lachen steht,
in einer Kinderhand ein bißchen nasser Schnee
und in den Augen Warten auf den ersten Klee …

Frühling. Die Bäume sind erst jetzt ganz kahl
und jeder Strauch ist wie ein weicher Schall
als erste Nachricht von dem neuen Glück.
Und morgen kehren Schwalben auch zurück.

(Geschrieben am 07.03.1940)

Heute gehört sie zum literarischen Dreigestirn der Stadt Czernowitz, das die Namen Paul Celan, Rose Ausländer und Selma Meerbaum-Eisinger trägt. Czernowitz war jene deutschsprachige Insel aus Zeiten der Habsburgermonarchie, die durch den Vernichtungsfuror Hitler-Deutschlands unterging. Zu den Opfern des Holocaust gehörte auch die 18jährige Selma Meerbaum-Eisinger. (Jürgen Serke in: Ein Buch kommt in Deutschland an. PDF-Dokument via Wikipedia-Eintrag zu Selma Meerbaum-Eisinger.)

In Czernowitz kam Selma Merbaum am 5. Februar 1924 zur Welt. Der Vater war ein Schuhhändler, im Elternhaus wurde Deutsch gesprochen, in der Schule Rumänisch. Ihr Umfeld war geprägt von deutsch-jüdischer Kultur, die Region vom Vielklang der unterschiedlichsten Völkerschaften. Schon früh entdeckte sie für sich die Gedichte Heines und Rilkes, Verlaines und Tagores, Klabunds Nachdichtungen chinesischer Werke. Selma starb am 16. Dezember 1942 im Arbeitslager Michailowka.

Gerade einmal 57 eigene, handschriftlich verfasste Gedichte hat sie hinterlassen. (Darüber hinaus hat sie sich auch an Nachdichtungen französischer, rumänischer und jiddischer Lyrik versucht.) Unter dem Titel Blütenlese hat sie diese selbst zu einem Album gebunden, das sie ihrem Freund Leiser Fichmann widmete, der auf der Flucht nach Palästina starb. Mit dem Satz Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben … endet das schmale Bändchen, das auf glückliche Weise durch Krieg und Wirrnisse erhalten blieb.

Erstmals publiziert wurden ihre Gedichte 1976 als Privatdruck in Israel. Die Dichterin Hilde Domin machte den Exilforscher Jürgen Serke auf die Autorin aufmerksam. Im Mai 1980 erschien ein Artikel Serkes über Selma Merbaum in der Illustrierten Stern, der eine breitere Öffentlichkeit auf sie aufmerksam machte. Im Herbst des gleichen Jahres kam ein von Serke editierter Band bei Hoffmann und Campe heraus: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eine jüdischen Mädchens an seinen Freund. 

Der herausragende literarische Rang dessen was in so knapp bemessener Lebenszeit entstehen konnte ist heute unbestritten. Einzelne Gedichte wurden unter anderem von Reinhard Mey, Inga Humpe und Sarah Connor vertont oder interpretiert. Sie fanden Aufnahme in Anthologien und Schulbüchern. Hörbücher wurden von Iris Berben und Herman van Veen eingelesen. 2007 stand ein bundesweiter Gedichtwettbewerb unter dem Motto Was geht mich Selma an?

Zu Selma Merbaums Leben in Czernowitz und zu ihrer Familie war bisher so gut wie nichts bekannt. Die Vernichtungsfeldzüge der Nazis sowie das Chaos der anschließenden Kriegs- und Nachkriegszeit schienen Informationen zu ihr und ihrem Leben restlos getilgt zu haben. Nicht einmal ihr Name war richtig überliefert worden.

Nach jahrelangen Forschungen hat Marion Tauschwitz 2014 eine Biographie einschließlich aller Gedichte veröffentlicht. Sie hat dazu Daten, Lebenszeugnisse und Fakten des Umfelds in Archiven der Ukraine, Englands, der USA und Deutschlands gesichtet und ausgewertet. Es gelang ihr Zeitzeugen ausfindig zu machen und zu befragen. In einer einfühlsamen, wissenschaftlich fundierten Arbeit hat Tauschwitz Selma Merbaums Leben rekonstruiert und alle Gedichte nach den Originalhandschriften neu übertragen.

Serke, Jürgen (Hrsg.): Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eine jüdischen Mädchens an seinen Freund. – Hamburg, 1980 (danach versch. Auflagen und Ausgaben)

Tauschwitz, Marion: Selma Merbaum : Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biographie und Gedichte. Mit einem Vorwort von Iris Berben. – Springe, 2014

+ + +

(Vielen Dank an Bernd Michael Köhler, dass er mich auf die Dichterin aufmerksam gemacht hat, für die Auswahl des zur Jahreszeit passenden Gedichts, sowie für die Zusammenstellung von Datenmaterial zu Leben und Rezeption der Dichterin.)