Maria Beig

Ein oberschwäbischer Lebensweg

Maria Beig wurde am 8. Oktober 1920 in der Nähe von Tettnang geboren. Mit zahlreichen Geschwistern wuchs sie auf einem Bauernhof auf. Am Pädagogischen Seminar in Kirchheim/Teck zur Fachlehrerin ausgebildet, arbeitete sie als Hauswirtschafts- und Handarbeitslehrerin auf der Schwäbischen Alb, in Heilbronn und Friedrichshafen, wo sie heute lebt. Sie ist verwitwet und hat eine Tochter. 1982 erschien ihr erster Roman: „Rabenkrächzen. Eine Chronik aus Oberschwaben.“ Weitere Romane und Erzählungen folgten. 1983 erhielt sie den Alemannischen Literaturpreis, 1997 den Literaturpreis der Landeshauptstadt Stuttgart, 2004 den Johann-Peter-Hebel-Preis. In der letzten Zeit war es etwas still geworden um Maria Beig. Nun ist in diesem Jahr im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer ihr Erinnerungsbuch „Ein Lebensweg“ erschienen. Im Juni wurde es von Kritikern auf Platz 1 der SWR-Bestenliste gewählt.

Layout 1Vom trendigen Berlin aus gesehen ist das katholisch geprägte Oberschwaben eine ferne Gegend. Umgekehrt gilt das auch. Selbst die geographisch näher liegende Landeskapitale, das pietistische Stuttgart, ist weit weg. Die historischen Beziehungen der Region zwischen Alb und Bodensee gehen eher in Richtung des österreichischen Vorarlberg und den schweizerischen Thurgau. Diese Gebiete bilden noch immer so etwas wie einen kulturell und sprachlich verwandten Großraum.

In Oberschwaben lässt es sich heute gut leben. Die Arbeitslosenquote ist eine der niedrigsten im ganzen Land, die Ausbildungsquote der zahlreichen mittelständischen Betriebe beachtlich. Hochschulen wurden angesiedelt. Große und nicht ganz so große Kleinstädte bieten kulturelle Vielfalt, angenehmes Wohnen und hohe Lebensqualität. Auch der ländliche Raum ist bestens entwickelt und hat an allen modernen Errungenschaften teil.

Das war nicht immer so. Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte ein Mädchen aus kinderreicher Familie, das im bäuerlichen Milieu aufwuchs, nur schwerlich Zugang zu höherer Bildung oder eigenständiger beruflicher Existenz. Es wurde in der Regel jung verheiratet, arbeitete auf dem elterlichen oder als Haushaltshilfe auf fremdem Hof. Manche gingen in ein Kloster. Die Menschen im ländlichen Oberschwaben des 20. Jahrhunderts arbeiteten nicht selten für die nackte Existenz, die nötigste Ernährung, Bekleidung, Behausung. Sie hatten Missernten, Wirtschaftskrisen und zwei Weltkriege zu überstehen. Von dieser Welt handeln die Romane und Erzählungen der Schriftstellerin Maria Beig. Die von ihr geschilderten Schicksale sind beispielhaft, die Hauptfiguren meist weiblich, mit deutlichen Wesenszügen der Autorin.

AU_Beig_LDer Lebenslauf der Maria Beig ist ein ungewöhnlicher für diese Region. Wer sich statt zu bäuerlichen Schaffen, zu scheinbar sinnlosem, unproduktiven Tun wie Lesen, Lernen und Schreiben hingezogen fühlte, hatte es nicht leicht, geriet in den Ruf einer schwer erziehbaren, aus der Art geschlagenen, wurde gern allerhand korrigierenden Maßnahmen unterzogen.
Von einer solchen Kindheit und Jugend erzählt die Autorin in ihrem „Lebensweg“. Von Liebe, aber auch Hass und Ablehnung innerhalb der Familie. Von den Lieblingsgeschwistern, dem ambivalenten Verhältnis zum Vater. Von Krieg und Not. Von erster kaum eingestandener Liebe und der jahrelangen Suche nach einem eigenen Weg, dem individuellen Lebensentwurf jenseits traditioneller Vorgaben. Der Weg in den bürgerlichen Beruf wird gegen alle Widerstände eingeschlagen, es ist auch eine Form von Flucht. Die junge Frau kommt, nicht immer ganz freiwillig, herum im Land. Es folgen Irr- und Umwege. Schließlich Ehe und Familie, Krankheit und Zweifel. Und spät erst, im Nachsommer eines inzwischen langen Lebens, gibt sie der verheimlichten und unterdrückten Neigung nach und beginnt zu schreiben. So erfahren wir von diesem Frauenschicksal – auch stellvertretend für die Vielen, die wir nicht vernehmen, die nicht über Fähigkeiten oder Mut verfügen sich zu artikulieren.

Als ihr Roman „Rabenkrächzen“ erschien, hatten ländliche Erlebnisberichte Konjunktur, und so wurde ihr Buch gleich ein ansehnlicher und viel beachteter Erfolg. Martin Walser bestätigte sie, ebenso wie er dies bei anderen oberschwäbischen Dichterinnen und Dichtern getan hat, in ihrer Veranlagung. Walser war es auch der erkannte: „Durch Erzählen überlebt sie“. Maria Beig beschreibt kein idyllisches Landleben; sie zerstört romantische Vorstellungen. Beschönigt nichts. Berichtet über Gelingen und Scheitern mit nüchternem Gleichmut. Wie für viele Autoren, ist für Maria Beig Schreiben immer auch ein Stück Erlösung. Dafür ist in süddeutscher Provinz eigentlich die katholische Kirche zuständig. Und man wundert sich ein wenig, dass diese in dieser erzählenden Biographie fast keine Rolle spielt.

Gegenüber früheren Werken schreibt Maria Beig ihren „Lebensweg“ in einer Sprache die reifer, schärfer, differenzierter geworden ist. Nach langer Krankheit mit hoffnungslosen Phasen, endlich aus dem Krankenhaus entlassen, notiert sie, wie sie dazu kam, diese Erinnerungen zu schreiben: „Gleich geblieben ist meine Unfähigkeit, hohle Stunden zu ertragen, so habe ich wieder angefangen zu schreiben.“ Es ist der letzte Satz im Buch und für die Autorin doch noch einmal ein Anfang. Wir Leser innerhalb und außerhalb Oberschwabens sind darüber keineswegs unglücklich. Für jene von außerhalb wurde dem schön ausgestatteten Band ein Glossar mit Erläuterungen regionaler sprachlicher Eigenheiten beigegeben.

Beig, Maria: Ein Lebensweg. – Klöpfer & Meyer, 2009

(Abbildungen mit freundlicher Erlaubnis des Verlags)

Nachsommer (2)

Stimmen und Stimmungen


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Kurt Tucholsky

„So vier, so acht Tage – Und dann geht etwas vor. Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Noch ist alles wie gestern: Die Blätter, die Bäume, die Sträucher… aber nun ist alles anders… Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören… Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre. Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.“

*

Ingeborg Bachmann

„Die große Fracht des Sommers ist verladen,

das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit

wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.

Die große Fracht des Sommers ist verladen.“

*

Artur Thomas Wille

Preußisches Finale. Während echte Blüten welken, blüht es auf an Laternenpfählen, Bauzäunen, Plakatwänden. Papierene Pracht in Grün und Gelb, Rot und Schwarz, in Altbraun. Mähdrescher haben ihre Arbeit getan, Phrasendrescher ziehen auf. Noch einmal wird es hitzig im Land. An einem Sonntagabend im späten September wird abgerechnet werden. Nach Abwrackprämie und Kinderbonus gibt es Prozente. Sitze werden verteilt im verkuppelten Reichstag. Im Müggelsee letzte Nacktbader an mildem Abend. Kreuzberger Nächte sind wieder lang. Noch einen grünen Tee in Habakuks Gartenlaube. Dann spielen die Philharmoniker ihre Öde ohne Freude und der letzte Vorhang fällt uns vor die Füße. Trauerzug zum Stadtschloss. Requiem im Dom.

*

Rainer Maria Rilke

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

*

Maria Beig

„Dann drängte es mich – die Schwalben zwitscherten zum Abschied – manches schriftlich festzuhalten. Dabei wunderte ich mich, wie groß die Lust war, dies zu tun.“

Mehr über den „Lebensweg“ der oberschwäbischen Schriftstellerin in einigen Tagen an dieser Stelle.