Warum das Eierhäuschen kein Adler ist.

„… der rote Bau da, der zwischen den Pappelweiden mit Turm und Erker sichtbar wird, das ist das Eierhäuschen.“ (Theodor Fontane: Der Stechlin)

Vor einiger Zeit habe ich über das unklare Schicksal des Gasthofs „Adler“ im oberschwäbischen Isny-Großholzleute berichtet. Eine Lokalität in der einst die Gruppe 47 tagte und Günter Grass erstmals aus der Blechtrommel las. Das Haus ist inzwischen seit mehreren Jahren ungenutzt und dem langsam zunehmenden Zerfall ausgesetzt. Besser ergeht es da einem anderen interessanten Gebäude von einiger literaturhistorischer Bedeutung.

Dabei hat dieses preußische Original einen eher kurzen Auftritt in Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“. Darin unternimmt eine muntere Gruppe rund um den jungen Offizier Woldemar von Stechlin einen heiter animierten Halbtagesausflug („Abfahrt vier Uhr, Jannowitzerbrücke“) zu einer Einkehr namens „Eierhäuschen“. Mit einem Flussdampfer geht es in das südöstlich von Berlins heutiger Mitte, damals noch außerhalb der Stadt gelegene Treptow.

Die aus Berliner Städtern, brandenburgischem Landadel, zu gleichen Teilen aus Männern und Frauen bestehende Gesellschaft kommt an, verlässt das Schiff, macht einen kleinen Spaziergang, kehrt in dem beliebten Ausflugslokal ein, stärkt sich mit „Wiener Würstl“ und „Löwenbräu“. Nach Einbruch der Dunkelheit geht es mit dem Schiff wieder zurück, unterwegs kommt man in den Genuss eines brillanten abendlichen Feuerwerks.

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Das Eierhäuschen auf einer alten Postkarte zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Wie immer bei Fontane bilden sich wechselnde Paare und personelle Konstellationen, es wird lebhaft Konversation gemacht, sehr andeutungsweise geflirtet, etwas preußische Politik verhandelt. Der Autor legt keinen Wert auf äußerliches Spektakel, begleitet vielmehr seine Figuren mit sanfter Ironie und hintergründigem Humor, der Leser nimmt etwas Zeitgeist mit und genießt den typischen Erzählstil dieses großen Meisters des realistischen Romans.

1837 wurde das Gasthaus als Kneipe für die Schiffer auf Spree, Dahme und Müggelsee eröffnet. Der Wirt verkaufte an der Anlegestelle als Nebenerwerb Eier, so entstand der originelle Name. Im 19. Jahrhundert brannte die Liegenschaft zweimal ab, bevor das Gebäude 1891 im heutigen Stil wieder aufgebaut wurde.

Selbst zu DDR Zeiten wurde es restauriert und einigermaßen in Stand gehalten. Das „Eierhäuschen“ wurde Teil des Volkseigenen Betriebes (VEB) „Kulturpark Plänterwald“. Nach der Wende ging es zunächst in Privatbesitz über und bereits 1991 mit dem zugehörigen Freizeitgelände in Insolvenz. Gelände und Gebäude wurden über 20 Jahre sich selbst und dem zerstörerischen Zahn der Zeit überlassen, bis im März 2014 der Berliner Senat das Grundstück für zwei Millionen Euro erwarb und damit auch in den Besitz des brachliegenden Vergnügungspark und des „Eierhäuschen“ kam.

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Das stark sanierungsbedürftige Anwesen im Jahr 2012

Die Erwähnung des Anwesens in einem Roman von Theodor Fontane wird wohl nicht der einzige Auslöser sein, dass voraussichtlich bereits in diesem Jahr mit der Sanierung begonnen werden kann. Sicher spielte die Möglichkeit eine attraktive Naherholungsmöglichkeit für die Berliner Bevölkerung zu schaffen eine wichtige Rolle. Dafür muss vermutlich ein zweistelliger Millionenbetrag aufgebracht werden. Die Finanzierung erfolgt über einen Investitionsfonds des Landes Berlin. „Naturbezogen und grün geprägt“ Gasthaus und Gelände „als bedeutenden Anziehungspunkt für Erholungssuchende“ zu reaktivieren, haben der Senat des Stadtstaates und der Bezirk Treptow-Köpenick als Ziel ausgegeben. Auch eine Anlegestelle soll es wieder geben, damit die Ausflügler wie zu Fontanes Zeiten mit Schiff von der Flussseite eintreffen können.

Verbunden damit ist die Hoffnung, dass, wie zu Fontanes Zeiten, zahlreiche Gäste kommen, um sich an den „dicht zusammengerückten Tischen niederzulassen, eine Laube von Baumkronen über sich,“ wie es im „Stechlin“ heißt. Doch bis den neu zu pflanzenden jungen Bäumen große Kronen gewachsen sind, wird einiges Wasser die Spree hinab fließen. Immerhin: Ist die Geldnot noch so groß, in Berlin tut sich offensichtlich immer wieder rechtzeitig ein Töpfchen oder gar ein Topf auf aus dem man schöpfen kann.

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Der Gasthof Adler in Isny-Großholzleute im Jahr 2014

Was dem chronisch klammen Berlin mit viel Finanzierungs-Kreativität zu gelingen scheint, ist im vergleichsweise pekuniär gut aufgestellten südöstlichen Baden-Württemberg bisher nicht möglich. Schwäbisch-skeptische Zurückhaltung beim Geldausgeben und seriöse Kämmerer der verantwortlichen Gebietskörperschaften haben eine ähnliche Vorgehensweise für den sehr viel älteren „Adler“ verhindert. Dessen Geschichte reicht immerhin bis zu den Bauernkriegen zurück. Die dringende Erhaltungs-Sanierung oder ein neues Nutzungskonzept sind derzeit nicht in Sicht. Verhandlungen der Stadt Isny, des Landkreises Ravensburg und des zuständigen Regierungsbezirks Tübingen mit potentiellen Investoren blieben ohne Ergebnis.

Ein Engagement der öffentlichen Hand wurde zunächst nicht ernsthaft erwogen. Doch darüber wird jetzt möglicherweise neu nachgedacht, wie in einem Bericht der „Schwäbischen Zeitung“ vom 23. Januar diesen Jahres zu erfahren war. Die Rede ist nun auch im Westallgäu von Fördertöpfen, etwa jenen des Denkmalschutzes. Dazu sollen zunächst einmal die genauen Investitionskosten ermittelt werden; man geht von einem „niedrigen einstelligen Millionenbetrag“ aus. Und einen weiteren Trumpf glauben die Verantwortlichen noch im Ärmel zu haben. Nämlich „zu gegebener Zeit auf Schriftsteller Grass zuzugehen, um mit ihm als Zugpferd weitere finanzielle Unterstützer zu finden.“ Interessanterweise sind wohl die Zeiten endgültig vorbei, in denen das gesellschaftliche Engagement des Literatur-Nobelpreisträgers weit weniger geschätzt wurde.

Von gestrandeten Walen und Sternen des Südens

Katrin Aehnlich und Monika Zeiner erzählen starke Sehnsuchtsgeschichten

Der Buchmonat Oktober geht so langsam dahin. Die literarischen Großereignisse sind durch, die Preise vergeben. Der diesjährige Messerummel ist Geschichte, in den Frankfurter Hallen längst durchgekehrt. Verkaufsträchtige Neuerscheinungen stapeln sich in den Buchhandlungen, Munro neben Mora, Ochsenknecht neben Becker.

Mein erstes Fazit in diesem Herbst: Der Roman lebt! und das zu meinem allergrößten Vergnügen und Bedauern. Bedauern deshalb, weil man natürlich einmal mehr nie und nimmer, selbst im längsten Leserleben nicht, all das lesen kann auf das man neugierig geworden ist. Zwei neuere Exemplare meiner bevorzugten Literaturgattung habe ich in den letzten Tagen gelesen und möchte sie hier kurz vorstellen. Es sind Bücher, die überraschender Weise sehr interessante Parallelen aufweisen.

WaleIn den Romanen von Monika Zeiner und Kathrin Aehnlich reisen die Hauptfiguren ihren Lieben von früher nach. Dieses Unterwegssein bildet jeweils den Rahmen für die Geschichten darum herum und für die Geschichte davor. Bei Zeiner bekommt ein Mann und Musiker während einer Italientournee die Gelegenheit zum Wiedersehen mit der Frau von früher. Zehn Jahr sind vergangen. Bei Kathrin Aehnlich sind es sogar fünfundzwanzig. Hier reist eine Frau zum Ehemaligen. Ihr Weg ist weiter und zwischen damals und heute ist aus zwei deutschen Staaten ein Land geworden. In beiden Büchern klingt viel Musik mit. Aehnlichs ostdeutsche Roswitha und ihre Freunde leben in DDR-Tristesse mit Sehnsucht nach dem Blues und Jazz Nordamerikas. Bei Monika Zeiner machen Tom und Marc im Berlin der Nullerjahre Barmusik, Jazz und Experimentelles. In beiden Büchern kommt man irgendwann musikalisch auch bei Bach vorbei.

“Ich weiß”, sagte Mick, “aber alles braucht seine Zeit.” Mit diesem Resümee, in Form einer Binsenweisheit, endet der Roman “Wenn die Wale an Land gehen” von Kathrin Aehnlich. Es ist der dritte der Leipziger Schriftstellerin nach “Wenn ich groß bin, flieg ich zu den Sternen” und “Alle sterben, auch die Loeffelstöre”. Erneut erweist sie sich dabei als Spezialistin für die belletristsiche Aufarbeitung deutsch-deutscher Kultur- und Alltagsgeschichte. Es sind fesselnd zu lesende Systemvergleiche. Im neuen Buch kommt mit New York ein weitere Versuchsanordnung menschlicher Siedlungs- und Lebensformen hinzu. Das ist im Großen sehr präzise und im Privaten ausgesprochen berührend erzählt. Kathrin Aehnlich beweist, dass sie bereits eine routinierte Verfasserin ist und kommt mit 250 Seiten aus.

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Erbe aus DDR-Zeiten in Leipzig

Im Mittelpunkt steht Roswitha die von ihren Freunden Rose (englisch ausgesprochen) genannt wird. Der Leser erlebt Rose auf dem Weg zu ihrem alten Kumpel und ehemaligen Geliebten Mick, der seinerzeit aus der DDR geflohen und irgendwann in Big Apple gestrandet war. (Hier kommt die Wal-Metapher ins Spiel). In Rückblenden wird vom Heranwachsen in der ehemaligen DDR erzählt. Eindrücklich schildert Aehnlich das Leben der Menschen in grauer Enge und Begrenztheit; sie erzählt von Mangel und Unterdrückung, Ungerechtigkeit und unfreiwilligem Verzicht, von der dauernden Bevormundung durch Partei und Funktionäre. Aber auch von den Hoffnungen der jungen Generation, im eigenen Land noch etwas zum Besseren bewegen zu können.

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“An einem Spätabend, dem Wetter nach zu urteilen irgendwo zwischen November und Februar, bekam Holler unerwarteten Buch von seiner Ehefrau, die, wie sie sagt, ein paar Kleinigkeiten abholen wollte.” So beginnt der Roman “Die Ordnung der Sterne über Como” von Monika Zeiner. Es ist die Geschichte von Tom, Marc und Betty, die befreundet sind, die sich ineinander verlieben, die miteinander Musik machen, und die tragisch endet. 10 Jahre später macht sich Tom noch einmal auf den Weg zu Betty, die inzwischen in Neapel verheiratet und als Ärztin tätig ist.

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Como und Lago di Como. – Foto: Nicolago

Monika Zeiner hat als Debütantin gleich die ganz große Form gewählt. Der Musik verwandte Stilelemente und längere, raffiniert konstruierte Sätze verraten eine gewisse Thomas-Mann-Affinität. Die Schneesturmszene im Schweizer Hochgebirge verstärkt diesen Eindruck. Pralle 600 Seiten sind es geworden. Und so wird die Geschichte, samt Vorgeschichten, bis in die kleinsten Verästelungen und das Personal bis zur xten Nebenfigur gründlich ausgeleuchtet und abgehandelt. Dass sich Leser oder Leserin dabei nie langweilen ist die Kunst der Autorin und einer der Vorzüge dieses bemerkenswerten Buches. Wenn man so will, haben wir es wie bei Aehnlich mit einer Art Systemvergleich zu tun. Auf der einen Seite die wohlgeordnete Bundesrepublik, vertreten durch das kreative, aber kalte, nach Osten schauende Berlin, und als Gegenpol das chaotische, überhitzte, vor Musik vibrierende Neapel, wo auf dem Vulkan getanzt wird.

ComoIch vermute einmal die Autorin hat in ihrer “Ordnung der Sterne über Como” alles verarbeitet was sich in vielen Jahren an Stoff und Ideen angesammelt hatte. Anders lässt sich diese Überfülle, die erstaunlich perfekt beherrscht und organisiert wird, kaum erklären. Da frage ich mich natürlich, ob Monika Zeiner noch nachlegen kann. Können wir irgendwann mit einem Zweitling rechnen, oder widmet sie sich wieder ihren musikalischen Talenten. Marinafon heißt die Italojazz-Formation mit der sie als Sängerin bisher unterwegs war.

Während der Frankfurter Buchmesse schrieb sie (erstmals) Blogbeiträge für Deutschlandradio Kultur. Dort war u. a. zu lesen: “Ich, die ich es gewohnt bin, mindestens fünf Jahre über einen Satz nachzudenken, bevor ich ihn veröffentliche, weiß plötzlich gar nicht mehr, was ich ohne das tägliche Bloggen auf der Welt noch machen soll. Aber ich kann ja nicht ewig über die Frankfurter Buchmesse 2013 bloggen, das Radio würde ja durchdrehen. Andererseits, warum nicht?” Den ersten Teil kann man kaum glauben, sonst könnten wir ihr Buch nicht bereits in Händen halten. Der abschließenden Feststellung kann man nur zustimmen. Warum nicht? Sie war eine flotte, einfallsreiche Bloggerin und hat damit bewiesen, dass sie, wie in der Musik, auch mit Feder, Stift oder Laptop den Wechsel von Rhythmus und Stil gekonnt beherrscht.

Aehnlich, Kathrin: Wenn die Wale an Land gehen. – A. Kunstmann, 2013

Zeiner, Monika: Die Ordnung der Sterne über Como. – blumenbar, 2013

Nach der Sommerfrische

Kerners Verse – Allgäuer Sommer – Schillers Gedanken – Berliner Gespräche – Allgäuer Sommer – Kerners Verse

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Laßt mich in Gras und Blumen liegen / Und schaun dem blauen Himmel zu, / Wie goldne Wolken ihn durchfliegen, / In ihm ein Falke kreist in Ruh.

Ja. Fast so war es. Einmal mehr. Im Westallgäu. Wie im Gedicht „Unter dem Himmel“ von Justinus Kerner. Wiesen und Wälder, Bäche und Teiche, kleine Städte mit bunten Märkten und alten Türmen. Herzhafter Emmentaler von glücklichen Kühen zum süffigen Landbier. Guter Schlaf in sauerstoffreichen Nächten. Menschenfernes Wandern ohne Ziel.

Ein E-Book Reader war nicht dabei. Für das Lesenswerte haben wir einen roten Container, der reichlich Platz bietet für eine breite Auswahl möglicher und lohnender Lektüren. Bald blieb ich an Rüdiger Safranskis Zweifreundebuch „Goethe und Schiller“ hängen, las mich fest und sah es als Vorbereitung auf das Studium der neuen großen Goethe-Biographie des Philosophen und Publizisten. Mein Eindruck: Wer diese liest und das Schiller-Buch von ihm kennt, muss „Goethe und Schiller“ nicht unbedingt lesen, denn es besteht wohl mehr oder weniger aus Konzentraten und Vorentwürfen der beiden Großwerke.

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Immerhin stieß ich so auf Schillers Antrittsvorlesung als unbesoldeter Geschichts-Dozent an der Universität Jena. Goethe hatte ihn dorthin gelobt und gelotst um die ihm unterstellte Einrichtung des Herzogtums Weimar mit Prominenz aufzuwerten. Seltsamerweise überkam mich eine unwiderstehliche Lust einmal in der Druckversion dieser akademischen Ausführungen zu stöbern. Vielleicht gerade deshalb, weil sich die Schrift natürlich nicht im roten Bücher-Container befand. Schließlich lese ich eigentlich so gut wie nie Schiller, warum hätte ich ein Werk von ihm mitnehmen sollen? Doch in der öffentlichen Kleinstadt-Bücherei (mit beachtlich leserfreundlichen Öffnungszeiten), fand sich eine etwas welke, eingestaubte Gesamtausgabe der Werke des Dichters Fritz. Leicht zu lesen ist Schiller nicht. Seine zahlreichen und oft weit ausholenden Metaphern, sein allgegenwärtiges Pathos, schrecken eigentlich eher ab. Dennoch. Die Frische der Aussagen, die sich hinter dem stilistischen Stuck verbergen, war überraschend.

„Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ Fragte Friedrich Schiller am 26. Mai 1789 vor zahlreicher Zuhörerschaft. (Die erste schriftliche Fassung erschien im folgenden November im „Deutschen Merkur“.) Die im Titel gestellte Frage beantwortet Schiller so: Man beschäftige sich mit wissenschaftlichen und künstlerischen Gegenständen ausschließlich zum Selbstzweck. Denn jede Entfremdung für berufliche oder wirtschaftlich zielgerichtete Zwecke entwertet sie. Der „Brodgelehrte“ verzichtet darauf Gesamtzusammenhänge zu untersuchen und zu erkennen. Geradezu furchtsam nimmt er davon Abstand. „Beklagenswerther Mensch, der mit dem edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will und ausrichtet, als der Taglöhner mit dem schlechtesten! Der im Reiche der Freiheit eine Sklavenseele mit sich herumträgt!“

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Hingegen geht es dem „philosophischen Kopf“ um Wissen ohne selbstgesetzte Grenzen. Er will wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Er betreibt interdisziplinäre Universalgeschichte. „Alle seine Bestrebungen sind auf Vollendung seines Wissens gerichtet; seine edle Ungeduld kann nicht ruhen, bis alle seine Begriffe zu einem harmonischen Ganzen sich geordnet haben. … Neue Entdeckungen im Kreise seiner Thätigkeit, die den Brodgelehrten niederschlagen entzücken den philosophischen Geist.“ Ein Ideal von dem die meisten Bildungseinrichtungen schon immer weit entfernt waren. Goethe und Schiller verband eine gemeinsame Werteskala an deren Spitze Freiheit und Bildung zu finden sind. Dass sich über die Definition und Ausfüllung solcher nach oben offener Begriffe natürlich trefflich diskutieren und streiten lässt, wussten nicht nur die beiden Klassiker.

Weit war ich in diesem August voller echter Hochsommertage also nicht gekommen. Bis Weitnau, Missen und Simmerberg, bis Überruh, Ewigkeit und Bolsterlang, in den Osterwald, den Eistobel, auf einen Berg namens Kugel, zu Rast und Einkehr in den Gastgarten von Mallaichen – die geliebten Idyllen zwischen Bodensee und Iller. Der eigentliche Urlaubsort lag nur eine gute Autostunde vom Heimatort entfernt. – Es würde mir andererseits keineswegs schwerfallen zu behaupten, ich hätte weiter entfernte, weltläufigere Ziele angestrebt. Die Bucht von San Francisco, den Golf von Neapel oder die Höhen Nepals, Madrid oder Marseille, Nord- oder Ostsee, Argentinien oder Australien.  Profund und unterhaltsam könnte ich über meine Erlebnisse und Eindrücke vor Ort schwärmen und erzählen. Nach der Lektüre von „Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“ ist das kein Problem. Ohne falsche Scham würde ich mir über die Unterschiede zwischen Dichtung und Wahrheit keine Gedanken machen müssen.

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Der französische Literaturwissenschaftler und Psychoanalytiker Pierre Bayard stellt in seinem unterhaltsam-originellen Groß-Essay die Frage, ob man wirklich überall gewesen sein muss und legt uns die Vorteile des Nichtreisens nahe. Er berichtet von Schriftstellern und Wissenschaftlern die uns dabei Vorbild sein können. Karl May etwa, der den Wilden Westen ja bekanntlich nie gesehen hat, Immanuel Kant, der seine Heimatstadt Königsberg nie verließ, Marco Polo, der seine Reiseberichte mit Fabelwesen bevölkerte. Wir erfahren, wie man in verschiedenen Gesprächssituationen – in der Familie, beim Sport – über Orte spricht, die man nicht, Gegenden der Welt, die man nur vom Hörensagen kennt. Und während Smartphones und andere Speichermedien fleißig mit Abbildern der Realität gefüllt werden, sind wir dabei das lebendige Erzählen, den Gebrauch der uns von Natur aus eigenen Einbildungskraft zu verlernen.

Damit zu den Gesprächen eines angeregten Kreises kluger Geister, die möglicherweise erst neulich in „Habakuks Gartenlaube“ stattfanden. Diesem Berliner Café und hauptstädtischen Literatentreff, der sich ungefähr dort befindet, wo Kurt Tucholsky im Herbst 1912 zusammen mit einem Kumpel eine Buchhandlung eröffnete. Jeder Kunde bekam damals ein Glas „Mampe-Likör“, weil in den Räumen vormals die Kneipe „Mampes Gute Stube“ untergebracht gewesen war. Auch Whisky und Korn wurden gelegentlich genossen. Die Kombination Schnaps und Literatur bewährte sich allerdings nicht und der Laden musste bald wieder schließen.

„Wer wählt da jetzt eigentlich wen?“ fragte der chronisch lockenköpfige Ingo S. in die Runde. „Das Volk die Regierung, oder die Regierung das Volk? Sind wir Demokraten ausreichend marktkompatibel oder wollen wir Demokratie als Maßstab für die Märkte?“ „Ich frage mich immer wieder, weshalb bereits vor der Wahl feststehen kann, dass die Violetten, die Bibeltreuen Christen und die ÖDP keine Chance haben die Fünfprozenthürde zu überwinden?“ Grübelte mein alter Freund A. T. Wille, der gerade wieder einmal von einer ostsibirischen Steppenvisite in die preußische Kapitale zurückgekehrt war. In höchsten Tönen schwärmte er von dem sommerlichen Oberton-Festival, das er in der Oblast Omsk besucht hatte.

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„Warum hat nur Bayern eine eigene Partei am Start und Nordschleswig nicht?“ Wunderte sich Theo Stürmle, den alle den Schwaben nennen, obwohl er einst aus einem Husumer Arbeitervorort zunächst ins Brandenburgische und schließlich nach Neukölln geraten war. Seit Jahren versucht er vergeblich eines seiner Kurzdramen am Berliner Ensemble unterzubringen. „Schwarze! Rote! Gelbe! Mit diskriminierenden Bezeichnungen aller Art muss endlich Schluss sein!“ Ereiferte sich Hedwig D., die Gleichstellungsbeauftragte im Reinickendorfer Bezirksrat. Ausnahmsweise für einige Augenblicke sprachlos, umfasste der Novellist Martinus W. ein Glas Spätburgunder mit beiden Händen, während seine Augen immer wieder das orange-rötlich eingefärbte Naturseide-Kleid aus fairer Produktion streiften.

Nach reichlich Genuss nicht nur von Wein, sondern je nach Geschmack und Laune auch von Schultheiß Spezial oder Grünen Tee Auslese, entschied eine qualifizierte Minderheit zum Spaziergang durch den Tunnel über die Spree aufzubrechen. Spätabendliches Ziel sollte die Lesebühne am anderen Ufer sein. Die Flaneure passierten die Straße der Enthusiasten, durchschritten die Lene-Nimptsch-Gasse und überquerten den Puschkin-Platz. A. T. Wille war es, der als erster die helle Leuchtschrift am Himmel über dem märkischen Sand entdeckte: „Wir sind was folgt.“ In dieser Nacht kam es über ganz Berlin zu heftigen Plüschgewittern.

Der Himmel meines friedlichen Allgäu-Winkels erwies sich bei klarer Sicht als vielbeflogene Fernflugschneiße, auf der ein mit steuerfreiem Stoff betriebener Massentransport nach dem anderen fast lautlos seine Kondensstreifen ins Blau zeichnete. Nachts war nichts davon zu sehen, aber leises Geräusch ließ vermuten, dass die Reisebewegungen auch zu dunkler Stunde kein Ende nahmen. Lange vor der Ausbreitung des allgemeinen automobilen Supergaus und der die Proletarier vieler Länder einenden pauschalen allinkulisiven Aufunddavonfliegerei, hat der romantische Dichter, Arzt und Visionär, der Schiller-Landsmann Justinus Kerner (1786 – 1862), weitere Entwicklungen (die möglicherweise einem Überschuss an „Brodgelehrten“ zu schulden sind) in seinen Versen angedeutet:

„Schau‘ ich zum Himmel, zu gewahren, / Warum’s so plötzlich dunkel sei, / Erblick‘ ich einen Zug von Waren, / Der an der Sonne schifft vorbei.

„Fühl‘ Regen ich beim Sonnenscheine, / Such‘ nach dem Regenbogen keck, / Ist es nicht Wasser, wie ich meine, / Wurd‘ in der Luft ein Ölfaß leck.“

Sudeleien. Juli 2013

con = libri macht Sommerpause!

Bis Mitte September bleibt damit mehr Zeit zum Lesen, für neue Ideen, Nachdenklichkeit und Müßiggang, zu kleinen Ausflügen in literarische Gegenden, zum Schlendern durch Juli- und Augustabende, für zweidrei Wochen Sommerfrische. Doch es gibt auch sommerliche Wünsche die unerfüllt bleiben, Reiseziele die fürs Erste nicht erreicht werden. Nur zwei seien hier erwähnt. Zwei Orte, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Der eine im Norden, der andere südlich vom Wohnsitz. Einer fast auf Höhe des Meeresspiegels, ein anderer auf über eintausendachthundert Alpen-Metern.

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Nach Humlebaek werde ich es auch dieses Jahr wieder nicht schaffen. Der letzte Besuch im „Lousiana Museum of Modern Art“ auf der dänischen Insel Seeland ist leider schon wieder viel zu lange her. Unweit von Kopenhagen, auf leichter Anhöhe über dem Öresund gelegen, hat man von hier einen der schönsten Ostseeblicke. „Louisiana“ besteht aus einem Komplex mehrer Gebäudeteile, die mit hoher architektonischer Ästhetik in die Landschaft eingegliedert wurden. Das Museum bietet außer Malerei und bildender Kunst viele weitere spannende Erlebnisse und Ereignisse. So jedes zweite Jahr das internationale Festival “Louisiana Literature”. 2013 findet es vom 22. bis 25. August statt. Zu Gast sein werden Peter Handke, Zadie Smith, Sofi Oksanen, Colum McCann und andere renommierte Autorinnen und Autoren aus mehreren Ländern.

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Reizen würde mich auch der Besuch eines Bündner Hochtals. Ins Val Fex zweigt man vom Oberengandin ab. 101 Einwohner zählt die verstreute Gemeinde, eine der höchstgelegenden ganzjährig bewohnten Europas. Literaten haben sich besonders gerne hier aufgehalten. Thomas Mann und Hermann Hesse waren hier, Erich Kästner und Marcel Proust. Fast am Ende des stillen Tals, vor dem Fexergletscher, liegt das Hotel Fex. Die kleine Bibliothek des Hauses wurde mit Büchern des feinen Zürcher Verlagshauses Kein & Aber bestückt. Eine durchaus aparte Kooperation. Apart sind für Bewohner der Euroländer allerdings auch die Preise der eher einfach ausgestatteten Zimmer und der Speisen im Restaurant. Unter anderem deshalb werde ich vermutlich in nächster Zeit dort nicht zu Gast sein.

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Wohlfeil hingegen ist der grüne Tee im plüschigen Philosophen-Cafè “Habakuks Gartenlaube”, das irgendwo im Zentrum des sandigen Berlin zu finden ist. (Oder auch nicht.) Aus der Hauptstadt Preußens und seiner Provinzen meldet sich con = libri im Nachsommer zur Vor-Wahlzeit zurück. Dann mit Beobachtungen und Einschätzungen ernster und weniger ernster Art rund um unsere Zweite Republik.

So! Rum. Der Februar MMX

Kehraus. Tarrää, Tarrää – wenn ich diese Narren seh! Meine GEZ-Zwangs-Abgaben werden zweckentfremdet, alle öffentlich-rechtlichen Kanäle mit Faschingfasnachtkarnevaleinerlei verstopft. Und wenn nicht, wird geboxt. Literatur wenn überhaupt, verschoben und verschoben. Eine halbe Stunde Thea Dorn oder Felicitas von Lovenberg oft mehr als hinter Mitternacht.

Fremdsprachen. Dass ich einmal Mitleid mit MP a. D. und Neu-Kommissar Günther Ö. haben würde, wäre mir eigentlich in keinem meiner stets originellen Alpträume eingefallen. Doch die Einheits-Häme aller Medien – Ausgangspunkt YouTube, und alle schadenfreuen nach – macht es möglich. Das hat niemand verdient. Selbst wenn er, wie Günther Ö. den Stolz nicht aufbringt, Deutsch zu sprechen, wenn er Englisch eigentlich nicht kann. Lech Walesa spricht zu jeder Gelegenheit bei der man ihn noch zu sehen bekommt Nord-Polnisch. Sarko mit der ihm angetrauten Italienerin und auch dem Rest der Welt Französisch. Sogar der Ratzinger-Papst sagt’s in Latein. Jeder darf seine Muttersprache sprechen, nur der… naja sie wissen schon. Nein, einen Link zur Peinlichkeit gibt’s hier nicht – wo kommen wir denn da hin?

Wetter. Winter ade? Sprechen wir vom Wetter und gewöhnen wir uns daran, dass unser metereologisches Vokabular, über den von allen Stimmbändern artikulierten Klimawandel hinaus, noch andere interessante Wortbildungen bereit hält: Eiszeit, Zwischeneiszeit, Kälte-Phase, Warm-Phase. Mein Liebling: Würm-Eiszeit! Fürs Dichter-und-Denker-Land selbstverständlich, dass es zu allen Problem-Themen passende Autoren mit marktgerechtem Reaktionsvermögen gibt, die rasch unterhaltende Orientierung parat halten. Jetzt erschienen und unbedingt lesenswert: Franz Schätzchen: Der Schal. – Wiepenheuer & Kitsch, 2010. 2656 S. Euro 51,99.

Zitat 1. „Das Plagiat: Was ist es im letzten Grunde andres als Selbsterkenntnis? Dass dem Betreffenden das fehlt, was er nimmt?“ Meinte der akribische Arno Schmidt irgendwann einmal.

Szene (= Berlin). Ein Buch zu schreiben, war ja schon öfters probates Mittel postpubertärer Mädels ihr Taschengeld aufzubessern. Dass man aber dermaßen das deutsche Feuilleton rockt, wie jene Jung-Autorin, die diesen Monat 18 wurde, ist schon eine ganz neue Dimension. Und natürlich nomiert für den Preis der Leipziger Buchmesse (siehe ganz weit unten), weil sie angeblich wirklich schreiben kann. Echt? Darüber wird noch zu reden sein – in frühestens zwanzig Jahren. Zu schnell entstehen heute Helden.

Zitat 2. „Der Fall Hegemann lässt in mir den dringenden Wunsch, nein, die aufrichtige Bitte aufkommen, dass sich die Literaturkritik hierzulande endlich weniger um Hypes oder die Biografie eines Autors kümmert und mehr um seinen Text.“ Der Schriftsteller Thomas von Steinaecker in „Börsenblatt“ 6.2010, S. 13.

Sport. In Vancouver hat das Gladiatorentum inzwischen Ausmaße angenommen, die stark an griechisch-römische Dekadenz im Endstadium erinnern. Und hierzulande mußte einmal mehr eine Gruppe älterer Herrn erkennen, dass Sexualität im Leben der Männer durchaus vorkommen kann. Nein, nicht die! Hier ist die Ober-Clique vom DFB gemeint, dass sind die, die für Fussball-Götter zuständig sind. Götter pflegen ja tradionell (siehe: griechische, siehe: römische) ein rechtes Lotterleben. Einige gemeine Stadion-Gänger-Sänger hingegen habens schon immer gewußt: „Schiri du schwule … !“.

Krieg. Oberfeldwebel Evi Sachenbacher-Stehle. Hauptfeldwebel André Lange. Hauptfeldwebel Tobias Angerer. Unteroffizier Andreas Wank. Deutsche Medailliengewinner in Kanada. Wer verteidigt eigentlich Freiheit und Vaterland am Hindukusch, wenn sich ein großer Teil der VondeutschenBodendarfniewiederKriegausgehen-Armee auf der Jagd nach Auszeichnungen durch olympischen Schnee kämpft?

Aus meinem Lese-Tagebuch. Viel Vergnügen bereitet hat mir diesen Monat die Lektüre von Thomas Glavinics „Das bin doch ich“, das mir bei einem anderen geplanten Einkauf, recht überraschend in die Finger geriet und als Spontan-Kauf noch am selben Abend angelesen wurde. Am Ende dieser äußerst witzigen Selbst-Darstellung und kultur-, bier- und weinseeligen Wien-Odysee eines jungen, nach Short-List-Präsenz lechzenden Autors, stellt sich dem Leser die spannende Frage, ob Thomas G. noch immer mit Daniel K. befreundet ist. Man wird der Ösis ja nicht müde. Deshalb bin ich jetzt mit dem neuen Hochgatterer beschäftigt. Dazu. Bald. Hier. Mehr.

Ausblick. Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Er reitet nach Leipzig. Und schon wieder ein Buchpreis, samt Shortlist: Faktor, Georgs Sorgen. Hegemann, Axolotl (das gäbe Taschengeld!). Klein, Roman unserer Kindheit. Seiler, Die Zeitwaage. Weber, Luft und Liebe. (Und Glavinic wieder nicht drauf!)

Ich bin am Ende. Diesmal fehlen zwei oder drei Tage, je nach Sichtweise, außerdem große Teile des inzwischen gewohnten winterlichen Nacht-Dunkels; wir vermissen die Schneemänner, übrig geblieben sind dreckige schmelzende Torsi; der WSV ist schon vorbei, die Berlinale auch, Stars und Sternchen weg – und Guido W.? Liegt dekadent dahingestreckt in der Hängematte. Im Schlaraffenland für wohlgeborene Politik-Profis. Und wirft mit gebratenen Tauben nach jenen in den dürren Ebenen, die nicht jedes global-urbane Tempo mitgehen durften, konnten oder wollten.

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Hypotext

Nach DNB und DDB: Die DLB kommt! Lange herrschte Funkstille, doch nun gibt es hoffnungsvolle Signale aus Raisting und Polling. Was bisher geschah: Am 29. Juni 2006 trat bekanntlich das neue „Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek“ in Kraft. Es benannte die Bibliothek mit ihren von blühenden Vorgärten umgebenen Häusern in Leipzig, Frankfurt am Main und Berlin in Deutsche Nationalbibliothek um. Dieser bibliothekarische Kraftakt fand 2008 seinen vorläufigen Abschluss: Im Oktober jenes Jahres erlies die Bundesregierung die Pflichtablieferungsverordnung, die die bisherige Pflichtstückverordnung ablöste. Damit war Kraft gewonnen für neue Aufgaben. Folgerichtig wurde am 8. Dezember 2009 in Stuttgart, im Rahmen des jährlichen IT-Gipfels und in Anwesenheit der Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, das Projekt DDB präsentiert. Die Deutsche Digitale Bibliothek wird einen zentralen Zugang zu digitalem Wissen und Kultur in Deutschland bieten. Sie eröffnet großartige Perspektiven für die innovative und zukunftsorientierte Nutzung digitaler Medien und setzt Zeichen für die Etablierung der Wissens- und Informationsgesellschaft in der Bundesrepublik. Diesen beiden tragenden Säulen der Informations-Landschaft wollen nun namhafte Experten aus Bibliotheks-, Informations- und Archivwesen eine weitere hinzufügen. Nach monatelangen Vorberatungen, Ausarbeitung meilensteingepflasteter Konzeptionen und der Sicherung einer zukunftsorientierten Finanzierung, geht am 10. März 2010 „Die letzte Bibliothek“ (DLB) mit Häusern in Raisting und Polling an den Start. Mehr dazu. Demnächst. An dieser Stelle.

Herbst-Lese (3)

Zwei unterhaltsame deutsche Romane

Im Feuilleton gehört die Behauptung, es gäbe seit Jahren keine lesenswerten Romane über Deutschland und schon gar nicht solche mit Ost-West-Thematik, zum Standard-Repertoire. Doch sie ist Quatsch. Man muss nicht erst Großmeister wie Schulze, Brussig oder Tellkamp bemühen, um festzustellen, dass diese Aussage durch ständiges Wiederholen auch nicht wahrer wird. In der zweiten Reihe, bei Unterhaltungsschriftstellern der jüngeren Generation – deren Existenz in der deutschen Literatur von Kritikern auch gerne bestritten wird – finden wir immer wieder interessante, lesenswerte Beispiele. Zwei Bücher, die in diesem Herbst erschienen sind und sich intensiv mit dem Thema D, einschließlich DDR und Wende, befassen, sollen hier kurz vorgestellt werden. Die behandelten Themen und die geschilderten Milieus der beiden Jung-Autoren könnten dabei reizvoller und gleichzeitig gegensätzlicher nicht sein.

Ein Künstlerroman: Louise im blauweiß gestreiften Leibchen von Mathias Nolte

Die Handlung spielt sich hauptsächlich in Berlin ab. Ost und West, als es diese Unterscheidung noch gab, also zu tiefsten DDR-Zeiten und – in der Haupthandlungsebene – einige Jahre nach der Wende.  Charlotte Pacou wird, kaum dass sie einer trostlosen Beziehung entronnen, fälschlicherweise für eine Privatdektivin gehalten und vom smarten Bankier Daniel Baum mit der Suche nach einem verschollenen Bild beauftragt. Luise 2Dieses schuf einst der sehr junge, hochbegabte Maler Jonas Jabal. Er gab dem Werk jenen Titel, den auch Nolte für seinen Roman verwendet. Jabals tragisches Leben, Lieben und Scheitern wird uns parallel zu der sich entwickelnden Geschichte und der zunehmenden Nähe von Schnüfflerin und Auftraggeber erzählt. Das Buch bietet viel Berlin, viel Kunst und Liebe und auch etwas Spannung. Ein vortrefflicher Unterhaltungsroman eben. Autor ist der ehemalige Buchhändler und Journalist Mathias Nolte, dessen erster Roman „Roula Rouge“ 2007 erschien. Sein neues Werk ist nicht ganz zufällig bei Deuticke erschienen. Die Österreicher haben uns schon mit Namen wie Paulus Hochgatterer („Die Süße des Lebens“), Daniel Glattauer („Gut gegen Nordwind“) und dem wunderbar stillen Walter Kappacher („Selina“) bekannt gemacht und begeistert. Leser und Käufer bekommen gute Literatur mit Niveau, in Büchern, die handwerklich sorgfältig gestaltet und hergestellt werden. Ein greifbarer Genuss, den kein E-Book-Reader je wird bieten können. Die Louise bei Mathias Nolte ist übrigens ein rechtes Früchtchen, entsprechend geht es im Roman manchmal etwas charmant frivol zu. Im nächsten Buch hingegen werden wir mit echten Schweinereien konfrontiert.

Braunkohletagebau_Schleenhain

Der Kontrast: Die letzte Sau von Patrick Hofmann

Südlich von Leipzig, wenige Jahre nach der Wende. Die Menschen in Muckau sind in doppelter Bedrängnis. Von der einen Seite verschlingt sie der sich immer noch weiter ausdehnende Tage-Bergbau, von der anderen das bundesrepublikanische Wirtschaftssystem, einschließlich seiner Demark. Die Siedlung verschwindet. Der Roman beginnt, als nur noch ein Haus übrig ist. Übrig ist auch die letzte Sau. Zu DDR-Zeiten durfte man hier Schweine für die Selbstversorgung halten. Nun steht die Behausung samt Stall vor dem Abriss, die Sau vor der Schlachtung. Die Schlachterin kommt frühmorgens. SAUEntlang der Schlachtungs- und Verwertungskette des nahrhaften Tieres, erzählt der Roman die Geschichte von drei Generationen, deren Leben und Alltag seit Jahrzehnten mit diesem Haus und Grund verbunden waren. Zum Schluß kommen alle noch einmal zusammen. Hier wird deutlich und drastisch erzählt. Dem Leser wird eine literarische Schlachtplatte vorgesetzt. Es ist ein Milieu kleiner Leute, die während der kommunistischen Herrschaft gelernt haben sich durchzuwurschteln, und die genau wissen, dass sie diese Fähigkeiten, erlernte Improvisations-Bereitschaft und ideologische Biegsamkeit, auch im neuen System brauchen werden. Wahre Werte sind die, die man essen kann, ganz nach Brecht, kommt erst das Fressen und dann die Moral. Doch was bleibt Menschen mit solchen fremdbestimmten Lebensläufen anderes übrig. Und so wird zum letzten Mal eine Sau geschlachtet, zerteilt, verwurschtet, verspeist. So sitzt die Familie noch einmal gemeinsam am wackelnden alten Tisch und der Autor erzählt uns von mühsamer Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Kein Buch für Vegetarier und Warmduscher.

Nolte, Mathias: Louise im blauweiß gestreiften Leibchen. – Deuticke, 2009. Euro 19,90

Hofmann, Patrick: Die letzte Sau. – Schöffling & Co., 2009. Euro 19,90