Über die Freuden literaturhistorischen Forschens

Am Beispiel von Hermann Hesses Beziehung zur schwäbischen Donaustadt Ulm

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler (*)

Die einzigartigen, i.d.R. männlichen Figuren, die Hermann Hesse (1877 – 1962) in seinen Prosawerken erschuf, vermitteln dem Leser, der Leserin in exemplarischen Entwicklungsgeschichten Wesentliches über die menschliche Existenz und das menschliche Miteinander: der unglückliche Schüler Hans Giebenrath in Unterm Rad, der von Ängsten und Schuldgefühlen geplagte Elfjährige in Kinderseele, der vagabundierende Außenseiter Knulp, der Maler Klingsor in seinem letzten Sommer, der junge Emil Sinclair auf der Suche nach sich selbst im Dialog mit Demian, der den Sinn des Lebens suchende Siddhartha, der Steppenwolf Harry Haller, das polare Menschenpaar Narziß und Goldmund, die geheimnisvollen Morgenlandfahrer, schließlich der Magister Ludi Josef Knecht im Glasperlenspiel. Über diese und weitere vom Dichter modellhaft kreierte Figuren und deren Agieren und Interagieren in der Welt erfährt man nicht nur viel über die Kunst des Geschichtenerzählens. Man bekommt darüber hinaus Einblick in die ewigen Kreisläufe von Gelingen und Scheitern, von Voranschreiten und Zurückweichen, sowie die zahllosen Abstufungen zwischen diesen Gegensätzen.

Illustrierte Liebhaberausgabe der Büchergilde Gutenberg. – Foto: Bernd Michael Köhler

Am Beispiel Hermann Hesses möchte ich zeigen, wie reizvoll es sein kann, sich intensiv mit bisher weniger oder gar unbeachteten Aspekten aus Leben und Werk einer bekannten Schriftstellerpersönlichkeit zu befassen. Es zeigt, wie sich die Einschätzung des Literaten aus Montagnola, der in der akademischen Welt längst nicht die Aufmerksamkeit findet wie z.B. ein Thomas Mann, dadurch verändern und weiterentwickeln kann. Nämlich dann, wenn Fragestellungen untersucht werden, die unter Zuhilfenahme der bekannten Primär- und Sekundärliteratur bisher nicht zu beantworten waren. Aus der rein rezipierenden Haltung entwickelt sich ein neugieriger, fragender Blick, dem schließlich die forschende Tätigkeit folgt. 

Vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit Hermann Hesse rückte bereits vor einiger Zeit Hesses Lesung im Ulm des Jahres 1925 in den Fokus (eine zweite Ulmer Lesung folgte 1929). Sie spielt in der autobiographischen Erzählung Die Nürnberger Reise (1927 erschienen) eine nicht unbedeutende Rolle. Bereits während meiner aktiven Zeit als Bibliothekar in der Ulmer Universitätsbibliothek hatte ich einiges Material zu dieser Lesung und den beteiligten Personen zusammengetragen. In intensiven Gesprächen und Diskussionen mit meinem Berufskollegen und Co-Autor Jan Haag, Betreiber des Literaturblogs con=libri, zeichnete sich schließlich ein Projekt ab, das in die Publikation eines Buches über Hermann Hesse und seine besondere Beziehung zu Ulm mündete.

Unser primäres Interesse galt zunächst der Identifizierung des in der Nürnberger Reise ohne Namensnennung erwähnten wichtigsten Ulmer Freundes von Hermann Hesse. So lernten wir Eugen Zeller (1871 – 1953) kennen, von dem bald ersichtlich wurde, dass es sich bei ihm um eine bedeutende Ulmer Persönlichkeit gehandelt hatte. Das kleine private Projekt weitete sich schließlich zu einer umfassenden Forschungsarbeit aus, bei der wir nicht zuletzt von unserem bibliothekarischen Know-how profitieren konnten. 

Die systematische Recherche nach einschlägigen Quellen zum Thema Hermann Hesse und Ulm brachte erstaunliche Ergebnisse hervor, die in der Gesamtbewertung schließlich Hesses besondere Bindung an das alte Ulm und seine Ulmer Freunde belegten.

Im langwierigen Prozess der Ermittlung und Beschaffung auch bisher in der Hesse-Forschung nicht bekannter Quellen hoben wir Aspekte einer weit zurückliegenden Zeit Schritt für Schritt in die Gegenwart. Eugen Zeller, anfangs nur ein Name mit knappsten biographischen Angaben, nahm mit jedem neu aufgefundenen Dokument immer mehr Gestalt an, weitere Freunde und Bekannte aus Hesses Ulmer Beziehungsgeflecht konnten identifiziert und ihr persönliches Verhältnis zum Dichter beschrieben werden. Sein Ulmer Gastgeber Eugen Link (1883 – 1973), die schwäbische Dichterin Maria Müller-Gögler, die Journalistin und Autorin Johanne von Gemmingen, Prof. Wilhelm Häcker in Blaubeuren nahe Ulm und einige andere mehr. 

Immer wieder gab es spannende Momente, wenn etwa beim Lesen eines neu entdeckten Zeitzeugenberichtes der Dichter und seine Freunde im Ulm der Vorkriegszeit vor dem inneren Auge Gestalt annahmen, wie bei Eugen Zellers Willkommensartikel in der Donauwacht anlässlich der Lesung am 3. November 1925 mit einem ausführlichen Rückblick auf den ersten gemeinsam in Ulm verbrachten Tag im April 1904.

2018 im Verlag Klemm+Oelschläger erschienen. – Foto: Bernd Michael Köhler

Nach Beendigung dieser literaturhistorischen Arbeit, nach Fertigstellung eines Werkes oder Werkteiles, nach intensiver Beschäftigung mit Vergangenem aus der Welt der Literatur, meldet sich gerne ein Bedürfnis nach dem Hier und Jetzt. Im Falle Hermann Hesses nach dessen Erscheinungsformen in der Gegenwart.

Im Februar 2020 kam die Verfilmung von Narziß und Goldmund durch den Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky in die Kinos. Der erste Lockdown der Corona-Pandemie bescherte dem Freundespaar Narziß und Goldmund nur eine kurze Laufzeit auf der Leinwand. Immerhin ist der zweistündige Film inzwischen als DVD und Blue-ray-Disc zu bekommen. 

Im Oktober 2020 ist der Band 6 der auf 10 Bände angelegten und von Volker Michels herausgegebenen großen Werkausgabe Die Briefe unter dem Titel „Große Zeiten hinterlassen große Schutthaufen“ erschienen. Über 500 Briefdokumente aus den Jahren 1940 – 1946, davon die meisten bisher unveröffentlicht, laden ein, den Dichter und sein Denken und Handeln vor allem während der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges und der Diktatur des NS-Regimes noch einmal neu kennenzulernen. Beginnend mit der Durchsicht und Überprüfung der Register des neuen Bandes. Was ist zu finden über Ulm, Neu-Ulm, Eugen Zeller, Eugen Link und Co.?

„Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden“, wie Hermann Hesse es in seinem wohl bekanntesten Gedicht zum Ausdruck bringt und wie es auch für die Freude am Suchen und Forschen gelten kann.        

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In der Folge für alle Interessierten eine Auflistung der verwendeten Schrifttumsarten und Recherchegattungen, sowie weiterer Hinweise.

  • Lokal- und Regionalliteratur 
  • Primär- und Sekundärliteratur zu Hesse (selbstständige und unselbstständige Literatur)
  • Archivalien
  • Bibliothekskataloge
  • Einsichtnahme von zum Thema passenden Systemstellen in Bibliotheken
  • Metakataloge  
  • Bibliotheksportale (KatalogPlus)
  • Landesbibliographien
  • Nationalbibliographien (i.d.R. die Kataloge der Nationalbibliotheken)
  • Fachbibliographien
  • Fachdatenbanken
  • Findbücher
  • Volltextdatenbanken urheberrechtsfreier Medienformen
    Beispiel: In den Digitalen Sammlungen der SLUB Dresden konnten erstmals Nachweise von bisher unbekannten Zeitungsartikeln rund um das Erscheinen von Hesses Erzählung Narziß und Goldmund im Jahre 1930 gefunden werden sowie weitere neue Quellen. Auch die Artikelkopie einer Rezension von Narziß und Goldmund ohne Quellenangabe konnte über die Dresdner Datenbank verifiziert sowie der in der Fachliteratur vermerkte Erscheinungsmonat Juli auf Anfang April korrigiert werden. 
  • Volltextdatenbanken Periodika
    Beispiel: Erstmaliger Nachweis von Lesungen in Prag 1905 und Wien 1912 über ANNO (AustriaN Newspapers Online)

3 Zeitungsartikel zu Hesses vermuteter Lesung am 12.11.1905 in Prag erstmals nachgewiesen. Hier: Prager Tagblatt vom 12.11.1905, S. 33.

  • Zentrale Nachweisportale (Zeitschriftendatenbank, Elektronische Zeitschriftenbibliothek, Datenbank-Infosystem)
  • Internetquellen
  • Suchmaschinen
    Beispiel: über Google erstmaliger Nachweis des Berichtes einer Zeitzeugin über eine Lesung Hermann Hesses während des zweiwöchigen Sommerkurses der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit im Schweizerischen Lugano am 21. August 1922. Der Dichter trug die zwei letzten Kapitel aus der zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichten indischen Dichtung Siddhartha vor sowie den Prosatext Bäume aus dem bebilderten Skizzenbuch Wanderung.                
  • Auswertung bisher unbekannter Quellen
  • Literaturverzeichnisse von Büchern, Aufsätzen u.a. 
  • Fußnoten 
  • Verwendung von Suchtechniken (Boolesche Operatoren u.a.)
  • Verwendung von Expertensuche, Advanced Search u.ä. 
  • Faktencheck
  • Beobachtung von Rezensionen (Perlentaucher u.ä.)
  • Themenzentrierte Aufmerksamkeit für Massenmedien
  • Literaturermittlung in vor-digitaler Zeit

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Haag, Jan; Köhler, Bernd Michael: Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt. Klemm + Oelschläger 2018

Limberg, Michael (Hrsg.): Autorenabende mit Hermann Hesse. Eine Dokumentation. Books on Demand 2016

Limberg, Michael: Hermann-Hesse-Literatur Jg. 1/2.1994/95 ff. Online-Ausgabe: Jahresverzeichnis der Hermann-Hesse-Literatur Jg. 1.1994 ff. http://hesse.projects.gss.ucsb.edu/publications/limberg.html

 

(*) Bernd Michael Köhler ist Bibliothekar, Buch- und Literaturliebhaber. Aufgewachsen am Fuße des Westerwaldes ist er seit einigen Jahrzehnten in der Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm beheimatet. Lebensbegleitend beschäftigt er sich mit Hermann Hesse, schreibt und fotografiert gerne.

Hermann Hesse und Ulm. Das Buch

Bis heute hat der aus dem lauschig-engen Calw stammende Dichter Hermann Hesse (1877 – 1962) ein großes Leserpublikum in Deutschland und der Welt. Er wurde und wird darüber hinaus als unangepasste Persönlichkeit, als Pazifist und Gegner des Naziregimes geschätzt. Nicht zuletzt links und rechts der Donau.

Die Stadt Ulm zählt inzwischen um die 120.000 Einwohner. Mit der bayerischen Nachbarstadt Neu-Ulm sind es nahezu 180.000. Viele Menschen lieben diese Städte, leben gerne hier, kommen als Touristen oder finden einen attraktiven Arbeitsplatz und bleiben auf Dauer.

Dass Hermann Hesse eine ganz besondere Beziehung zu Ulm (und zu Neu-Ulm) hatte, entdeckten die beiden Bibliothekare Jan Haag und Bernd Michael Köhler. Als sie der Sache intensiver nachgingen stießen sie auf bibliographische und archivarische Quellen die belegen, dass dieses Verhältnis Hesses zu Ulm, Neu-Ulm (und Blaubeuren!), zu Freunden und Bekannten in der Region, sehr viel weitreichender und vielfältiger war als es die bisher bekannten biographischen Publikationen wiedergeben. Ihre Recherche-Ergebnisse und die daraus resultierenden Erkenntnisse haben sie in einem kleinen Buch zusammengefasst, das bereits im letzten Herbst erschienen ist. 

“Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt”, stieß auf breites Interesse in Ulm und Umgebung, sowie darüber hinaus bei vielen die sich für diesen Schriftsteller und regionale Bezüge in der deutschen Literaturgeschichte interessieren. Die neuen Quellen, die die beiden Autoren entdeckten und auswerten konnten, fanden große Beachtung in der einschlägigen Hesseforschung. Der ausführliche bibliographische Anhang des Buches dokumentiert die gesamten ausgewerteten Quellen. Ein kleines, feines Weihnachtsgeschenk oder eine originelle Aufmerksamkeit zwischendurch für Literatur- oder Ulmfreunde. 

Kaufen Sie auf jeden Fall vor Ort in ihren lokalen Buchhandlungen. In Zeiten von lock downs können sie das bei den meisten online erledigen. Die entsprechenden Plattformen sind im Netz unschwer zu finden. Viele Buchhandlungen bieten daneben telefonische und E-Mail-Bestellungen an und haben Lieferdienste eingerichtet. 

Schwäbischen Geldbeuteln, die sich nur schwer öffnen, sei an dieser Stelle verraten: Das Buch ist in den Stadtbibliotheken Ulm und Neu-Ulm vorhanden und kann dort unter Beachtung der geltenden Regularien entliehen werden.

Haag, Jan; Köhler, Bernd Michael: “Seien Sie gegrüßt liebe Freunde in Ulm”. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt. Klemm+Oelschläger, 2018. Gebunden, 114 Seiten, Euro 12,80 ISBN 978-3-86281-132-8

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Eine Besprechung des Buches in der Ulmer Südwest Presse ist hier zu finden.

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Kurze Einblicke in den Text:

In seinem selbstironischen Reisebericht Die Nürnberger Reise berichtet Hermann Hesse von einer Lesung in Ulm im Jahr 1925. Haag/Köhler schildern wie es danach weiter ging:

“Nach der Lesung saß man bei der Familie von Lydie und Eugen Link in der Neutorstraße 7 mit dem Museumsleiter und einigen wenigen anderen beim Wein zusammen. Gut vorstellbar, dass noch ein Eugen dabei war. Eugen Zeller, der zudem ganz in der Nähe, in der Bessererstraße 9, wohnte. Eine solche vertraute und überschaubare Runde hatte Hesse frühzeitig in der für ihn typischen Weise eingefordert, wie einem Brief an Eugen Link vom 18. Oktober 1925 zu entnehmen ist: Den auftauchenden Vorschlag zu einem Bankett oder einem Zusammensitzen eines größeren Kreises nach dem Vortrag bitte ich unbedingt abzulehnen. Sonst riskieren Sie, daß Sie mich morgen in Ihrem Gastzimmer erhängt finden.

Vier Jahre später las der eigenwillige Hesse wieder in Ulm:

“Nach der Lesung 1925 im Museum mit seinem verhältnismäßig kleinen Veranstaltungsraum war der Wunsch entstanden, den Dichter erneut in Ulm zu erleben. Diesmal hatte man den deutlich größeren Saal angemietet, um den zu erwartenden Ansturm zu bewältigen. Dennoch musste erneut eine erhebliche Zahl Interessierter wieder nach Hause geschickt werden. Der übervolle Saal wurde als ein sprechender Beweis für das aufsteigende, kulturelle Interesse der Ulmer interpretiert. Auch Jacques Offenbachs Schöne Helena, die zur gleichen Zeit im städtischen Theater ihre Reize spielen ließ, konnte den Ansturm auf die Vorlesung literarischer Werke nicht mindern.”

Über Hesses eigene literarische Vorlieben ist unter anderem zu erfahren:

“Was Hermann Hesse und Eugen Zeller teilten, war ihre Leidenschaft für den Landsmann, unfreiwilligen Landpfarrer und Dichter aus Berufung, Eduard Mörike (1804 – 1875). Der Ulmer Lehrer (Zeller, J. H.) sammelte Bücher und Gegenstände aus dessen Nachlass. Hesse war sehr an diesen Devotionalien interessiert und wandte sich mit einer entsprechenden Bitte an den Freund. Ihrem Wunsche ein Mörike-Original zu besitzen, bin ich gerne zur Verfügung, war die Antwort. … Doch von den eigenen Schätzen gedachte er nichts abzugeben. Zeller vermittelte den Kontakt zu Fanny, der zweiten Tochter Mörikes, die zeitweise mit ihrem Mann in Neu-Ulm … “

 

Reise ins Innere. Karl May und Hermann Hesse

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler

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Lieber Leser, weißt du, was das Wort Greenhorn bedeutet? – – eine höchst ärgerliche und despektierliche Bezeichnung für denjenigen, auf welchen sie angewendet wird.
(Karl May: Winnetou I)

Das Landhaus Erlenhof lag nicht weit vom Wald und Gebirge in der hohen Ebene.
Vor dem Hause war ein großer Kiesplatz, in den die Landstraße mündete.
(Hermann Hesse: Heumond)

Dies waren die ersten Zeilen, die ich von Karl May (1842-1912) und Hermann Hesse (1877-1962) gelesen habe. Karl May lernte ich im Alter von 12 Jahren in der Gestalt von Old Shatterhand in seiner Reiseerzählung Winnetou I kennen. Und ich war 17, als mir ein Fischer-Taschenbuch mit grünem Einband in die Hände fiel. Es trug den verlockenden Titel Schön ist die Jugend, enthielt die Erzählungen Heumond, Schön ist die Jugend und Der Zyklon und war von Hermann Hesse.

Der Abenteuerschriftsteller Karl May bescherte mir unzählige selige Lesestunden, in denen ich in eine komplett andere Wirklichkeit abtauchen konnte und wie der Autor selbst in einen Wunscherfüllungsrausch verfiel, der die Rückkehr in die Realität meiner Kinder- und Jugendjahre nicht immer leicht machte. Am Ende dieses Lesemarathons hatte ich alle damals erschienenen Werke Karl Mays einschließlich des Spätwerks regelrecht verschlungen- es dürften so um die 70 Bände gewesen sein.

In der Gemeindebücherei meines Heimatdorfes standen die Gesammelten Werke im Regal- es handelte sich um die berühmten grünen Bände des Karl-May-Verlages. Ich gehörte zu den eifrigsten Nutzern der kleinen Bibliothek. Zu Geburtstagen und an Weihnachten bekam ich einzelne Titel der Sonderausgabe des Wiener Tosa-Verlages geschenkt, die damals u.a. vom Kaufhof vertrieben wurden. Es waren Höhepunkte meines frühen Leselebens, wenn ich in der nahegelegenen Stadt vor den Kaufhof-Regalen stand und mir einen Karl May aussuchen durfte. In seltenen Fällen hatte ich mir vom kargen Taschengeld einen Band abgespart, den ich dann in Verbindung mit einem heftigen Ausstoß von Glückshormonen höchstselbst käuflich erworben habe.

Hermann Hesse schließlich wurde einige Jahre später zu meinem lebensbegleitenden Lieblingsdichter. Die Entdeckung des Hesse-Kosmos glich einer Entdeckungsfahrt ins Innere der Seele. Vieles von dem, was ich dort nach und nach vorfand, betraf mich direkt, schien wie für mich geschrieben. Eine Lesewirkung, die unter jugendlichen Hesse-Lesern weit verbreitet war. Ob sie es auch heute noch ist? Ob es denn im 21. Jahrhundert überhaupt noch eine nennenswerte Anzahl von Hesse-Lesern in der jüngeren Generation gibt?

Kurze Zeit nach der Initialzündung durch die Verheißung Schön ist die Jugend schenkten mir meine Eltern die 12-bändige Werkausgabe der Gesammelten Werke. Es war das kostbarste, folgenschwerste Geschenk, das ich je von meinen Eltern erhalten habe. Ich bin ihnen für immer dankbar dafür, zumal es ihnen schwergefallen sein dürfte, das nötige Geld für über 6000 Seiten Buch aufzubringen. In der Folge habe ich in vergleichsweise kurzer Zeit die 12 blauen Bände vom Auftakt in Band 1 (Einem Freunde mit dem Gedichtbuch) bis zum Schlussakkord in Band 12 (Ende einer Bücherbesprechung) gelesen- in jugendlichem Eifer und entflammt von der Brisanz und Kraft der Texte. Oft gerieten die Lektürestunden zu ausgesprochenen Lesefeiern, die ich zelebrierte wie ein geistiges Ritual.

Im Band 12 der geliebten blauen Bände (Schriften zur Literatur II) ist als letzte von Hesses Buchbesprechungen die Erzählung Abschied von den Eltern von Peter Weiss (1961) abgedruckt. Hier schließt sich für mich der Kreis um meine Geschichte der Hermann-Hesse-Werkausgabe, musste doch auch ich Abschied nehmen von meinen beiden Eltern, den Portalfiguren meines Lebens (Peter Weiss).

Nun, ich kenne ihn [Karl May] jetzt, und empfehle seine Bücher den Onkeln von Herzen, die der Jugend Bücher schenken wollen. Sie sind phantastisch, unentwegt und hanebüchen, von einer gesunden, prächtigen Struktur, etwas völlig Frisches und Naives, trotz aller flotten Technik. Wie muss er auf die Jungen wirken! Hätte er doch den Krieg noch erlebt und wäre Pazifist gewesen! Kein Sechzehnjähriger wäre mehr eingerückt. (Hermann Hesse 1919 nach der Lektüre von Schatz im Silbersee und Von Bagdad nach Stambul in der Neuen Zürcher Zeitung vom 13.07.1919.)

Der Volksschriftsteller Karl May und der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse lebten und arbeiteten ohne Zweifel in vollkommen verschiedenen Welten. Trotzdem gibt es, wenn man die oberen Schichten abträgt, bedeutende Gemeinsamkeiten, die Hartmut Wörner in seiner Studie Seelenbrüder akribisch herausgearbeitet hat. Danach diente die polare Struktur des Menschseins und der Welt, in wir leben, beiden als Grunderkenntnis, von der aus sie ihre Geschichten entwickelten. Hesses großes Thema der Individuation mit dem Ziel der Integration der Gegensätze entspricht bei May die Entwicklung des Einzelnen hin zur Überwindung des negativen Pols, des Bösen.

Beiden gemeinsam ist eine im weitesten Sinne ethisch-spirituelle Grundierung all ihren Denkens und Tuns. Während Mays Helden aus einer rigid christlich-mystischen Gesinnung heraus agieren, durchzieht Hesses Werk vor dem Hintergrund seiner pietistischen Herkunft eine überkonfessionelle, an das indische und vor allem chinesische Denken angelehnte Spiritualität. Es wundert nicht, dass sich daraus bei beiden eine pazifistische Grundhaltung manifestierte- bei Hesse sehr früh am Beginn des Ersten Weltkrieges, bei May spätestens in seinem Alterswerk ab ca. 1899.

Der Sofien-Saal zu Wien um 1900

In einzigartiger Weise hat Hermann Hesse sein Schreiben als Selbsttherapie betrieben. Seelisches und körperliches Leiden am Leben veredelte er zu Literatur. Karl May wiederum hat die Wunscherfüllungsfunktion von Literatur als Autor geradezu perfektioniert- in seinem Werk und in seiner vorgetäuschten Identität als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi in der realen Welt, die er erst nach seiner Orientreise 1899/1900 aufgab. Beiden gemeinsam ist eine komplizierte psychische Struktur, die Kompensationen geradezu lebensnotwendig machte. Die Reise ins Innere hat dabei zu sehr unterschiedlichen literarischen Resultaten geführt, in der Selbsterforschung und der Verwandlung von Gelebtem und nicht Gelebtem in packende Geschichten sind sich die Schriftsteller aus Radebeul und Montagnola auf einer tiefen Ebene nahe.

Getroffen haben sich die zwei Schriftsteller in den Jahren, in denen eine Begegnung hätte stattfinden können, wohl nie. Hartmut Wörner hat in seiner Studie Kirchheim unter Teck als den Ort genannt, wo sich die Wege beider um die Jahrhundertwende hätten kreuzen können. Darüber hinaus kann nun mitgeteilt werden, dass Karl May und Hermann Hesse sich im März 1912 nachweislich zur gleichen Zeit in derselben Stadt aufgehalten haben: in Wien. May hielt bei seinem letzten öffentlichen Auftritt am 22. März vor einem ca. 2000-köpfigen Publikum (darunter u.a. Bertha von Suttner, Georg Trakl, Karl Kraus und Heinrich Mann) im Sofiensaal seine berühmte Rede Empor ins Reich der Edelmenschen! Von Mittwoch, 20. März bis Sonntag, 24. März logierte er mit seiner Frau Klara im Wiener Hotel Krantz. Zurück in Radebeul starb Karl May wenige Tage später am 30.03.1912.

Hesse war wegen Lesungen in Brünn (22.3.) und Wien (23.3.) in die Kaiserstadt an der Donau gereist. Unterbrochen von dem Abstecher nach Brünn weilte Hermann Hesse vom 19. März (Dienstag) bis 25. März (Montag) in Wien. Vor seiner Abreise hatte der Dichter am Sonntag in der Hofoper noch eine Nachmittagsvorstellung von Mozarts Zauberflöte besucht. Gut möglich, dass Hesse bei einem seiner Stadtrundgänge eines der vielen großformatigen Plakate oder einen Aushang gesehen hat, auf denen für Mays Vortrag geworben wurde. Am Vortragsabend selbst stand auch Hesse am Vortragspult, allerdings im nur wenige Bahnstunden entfernten Brünn. Jedenfalls waren sich die beiden Schriftsteller räumlich wohl nie so nahe wie in diesen Wiener Tagen im Frühjahr 1912. Geistig waren sie es bei den von Wörner nachgewiesenen Gemeinsamkeiten auf jeden Fall – unabhängig von Ort und Zeit.

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Karl May: Die Gesammelten Werke des Karl-May-Verlags (94 „grüne Bände“) sind weiterhin lieferbar. Seit 1987 erscheint zusätzlich die Historisch-kritische Ausgabe (seit 2008 im Karl-May-Verlag). Preisgünstige Ausgaben werden von diversen Verlagen vertrieben. 

Hermann Hesse: Die Sämtlichen Werke (20 Bände + Registerband) sind ebenso wie etliche Einzelausgaben und Sammlungen bei Suhrkamp/Insel erschienen.

Wörner, Hartmut: Seelenbrüder. Eine Studie zu Karl May und Hermann Hesse. Hansa Verlag 2015 (nicht mehr lieferbar).

Hermann Hesse und Ulm

Was führte Hermann Hesse an einem Abend im April 1904 in das Gasthaus Schwarze Henne hinter dem Gänsturm? Was faszinierte den Dichter am Ulmer Münster? Und wer war eigentlich Eugen Link?

Zweimal war der Schriftsteller Hermann Hesse zu Lesungen aus seinen Werken in Ulm. Den Aufenthalt im November 1925 hat er in seiner autobiographischen Erzählung “Die Nürnberger Reise” in Literatur verwandelt.

Dass sich Hesse darüber hinaus sehr oft in Ulm aufgehalten hat und ein Leben lang gute Beziehungen zu Freunden und Bekannten in der Stadt pflegte, schildert jetzt ein Buch mit dem Titel “Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt.” Es erscheint Anfang Oktober im Verlag Klemm + Oelschläger. Anhand bekannter und bisher unbekannter Quellen zeigen Jan Haag und Bernd Michael Köhler Aspekte aus dem Leben des Schwaben Hermann Hesse, die in den bisherigen Lebensbeschreibungen nicht berücksichtigt wurden.

Am Dienstag, 2. Oktober, stellen die Autoren ihr Buch in der Museumsgesellschaft Ulm (Neue Straße 85, Eingang Kramgasse) vor. Die Veranstaltung beginnt um 19:30 Uhr, der Eintritt ist frei.