Aktuell: Deutscher Bibliothekartag 2011

Zukunft für die Bibliotheken?

oder: Wie Günter Grass Bibliothekare ermuntert.

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Einmal im Jahr treffen sich Bibliothekarinnen, Bibliothekare und verwandte Berufsgruppen aus ganz Deutschland zu Fort- und Weiterbildung, zu Diskussion und Erfahrungsaustausch, auf ihrem “Bibliothekartag”. Das hat eine lange Tradition. Und so wird vom 7. bis 10. Juni, zum inzwischen 100. Mal, diese Großveranstaltung mit diesmal etwa 3000 Teilnehmern stattfinden. Tagungsort ist das geschichtsträchtige, an musischer und ethnischer Vielfalt reiche Berlin. Der Kongress hat sich das etwas unscharfe Motto “Bibliotheken für die Zukunft – Zukunft für die Bibliotheken” verordnet.

Erstaunlicherweise hat man als Treffpunkt eine Örtlichkeit gewählt, die keinerlei Nähe zu Bibliotheken oder bibliotheksnahen Einrichtungen bietet. Im “Estrel Convention Center” findet man, ganz im Sinne einer zeitgemäßen Tagungs-Ökonomie, alles unter einem Dach: Bett und Verpflegung, Tagungsräume und Firmenaustellung, selbst den finalen nächtlichen Absacker kann man an der Bar des Hauses einnehmen. Wenn Teilnehmer oder Teilnehmerin nicht will, wird wenig Außenwelt die Kontemplation stören. Man kann nur hoffen, dass soviel klausurartige Sammlung, solch weltabgewandter Einschluss, nicht zum Selbstverständnis der Berufsgruppe und ihrer Arbeitsgebiete gehört; sie brächte es sonst fertig, populäre, in breiten Kreisen im Umlauf befindliche Klischees zu bestätigen.

Bibliotheken genießen nach wie vor hohes Ansehen und oft ehrfurchtsvolle Sympathie. Auch bei dem deutschen Nobelpreisträger Günter Grass. Der 83-jährige hat nach eigenen Aussagen sein literarisches Werk im wesentlichen abgeschlossen, nimmt aber wie eh und je regen Anteil an Alltag, Politik und kulturellen Strömungen unserer Republik. Im Vorfeld des diesjährigen Bibliothekartages gab er der Fachzeitschrift “BuB -Forum Bibliothek und Information” – so etwas wie das Zentralorgan der deutschen Bibliotheks-Szene – ein leicht zerstreutes Interview.

Pflichtgemäß kritisiert der Literat die aktuelle Gefährdung der reichhaltigen deutschen Bibliothekslandschaft durch Sparmaßnahmen und mangelnde Unterstützung der verantwortlichen Politiker. Beim Zukunftsaspekt wirft er dann allerdings Überlegungen zum Buch als gedrucktem Medium, sowie der Bibliothek als Anbieter vielfältiger Informations- und Medienformen, munter durcheinander. Außerdem muss man sich fragen, ob sich jemand zum Thema wirklich sachkundig äußern kann, der berichtet: “Natürlich brauche ich für meine Arbeit viele Bücher. Die lasse ich mir aber bei Bedarf aus der Bücherei bringen.”

Bibliothekare und alle die verwandte Berufe ausüben, alle Bibliotheken, Archive, Museen und Dokumentationszentren im Land, brauchen prominente Unterstützung. Der Dank ist einem Schriftsteller sicher, wenn er uns wissen lässt: “Die Bibliothekare erfüllen eine wichtige Aufgabe … “. Mit seiner reflexartigen Abgrenzung des haptischen – und damit im Grass’schen Sinne positiven Erlebnisses – herkömmlicher Bücher und den neuen problematischen, sprich elektronischen Medien, ist für die aktuellen und kommenden Herausforderungen jedoch niemandem gedient.

“Wenn ich zum Beispiel in einer Bibliothek die Bücher an den Wänden sehe, … dann ist das etwas ganz anderes als ein Blick durch den Bildschirm in die virtuelle Welt.” Ein Satz von Günter Grass der verständlich und nachvollziehbar ist, der aber eben lediglich einen Ausschnitt der heutigen Realität erfasst. Den ebenso realen, wie raschen Wandel, die immer mehr zunehmende Komplexität und die bereits erkennbaren zukünftigen Entwicklungen unserer Medienwelt, spricht Grass in dem BuB-Interview leider nicht an.

Mit seiner, das Gespräch abschließenden Formulierung, deutet er einen Weg an, den einzuschlagen eigentlich naheliegen sollte: “Ich wünsche den deutschen Bibliothekaren, dass sie sich lauter zu Wort melden und ihre Sorgen und Nöte geschlossen vortragen … “ Man wird es gerne hören. Ob Wunsch und Forderung von Günter Grass hinter den Plattenbau-Elementen einer Berliner Hotel- und Tagungs-Burg am besten umgesetzt werden können, wird jene Zukunft zeigen, die dort zum Thema gemacht wird.

Das Interview mit Günter Grass: BuB (5) 2011, S. 354 – 356

Bibliothekartag 2009

Eindrücke und Nachdrucke aus Erfurt

Atmosphäre

Der Mantel „Erfurter Messe“ ist dem 98. Deutschen Bibliothekartag um einige Nummern zu groß. Hallen und Congress Center haben noch viel Luft. Wie man hört, finden auf diesem Messestandort nur wenige Veranstaltungen im Jahr, und dann eher kleinere, statt. Halle 3 ist eine riesige funktionale Messehalle, in der man problemlos Yachten oder Kleinflugzeuge ausstellen, aber natürlich auch eine Rassehunde-Ausstellung unterbringen kann. Über rote Teppiche (Faden) geht es zu zwei Seminarräumen die ganz am anderen Ende der großen Halle „eingebaut“ wurden. Wellblech und flexible Raumteiler bilden die Wände. Eisenträger und Installationsrohre die Decke. Tageslicht gibt es nicht, aber relativ gute, kühle Luft. Die technische Betreuung ist in jeder Hinsicht aufwändig, Personalknappheit ist hier kein Thema.

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Auf geht’s. Zum Bibliothekartag 2009.

Die Veranstaltungen im nobleren Congress Center sind nur auf verschlungenen Umwegen durch halb Thüringen zu erreichen. Der eigentlich vorhandene Haupteingang ist aus unerfindlichen Gründen geschlossen. Türsteher und Wegweiserinnen helfen weiter, wenn man an verschlossenen Pforten rüttelt. Das Messegelände liegt, wie viele dieser neuen Infrastruktur-Projekte, ganz am Rande der Stadt. Die nächste Bibliothek ist weit. Moderne Straßenbahnen bringen die Kongress-Teilnehmer auf angenehme Weise zu ihnen und in die wunderschöne, sehr malerische, lebhafte, stark durchgrünte Erfurter Innenstadt. Hier kann man jederzeit an einer der gefühlten zweitausend täglichen Stadtführungen teilnehmen. Wer Venedig für eine stark von Touristen frequentierte Stadt hält, war noch nicht in Erfurt.

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Typisch Erfurt: Luther und Bratwurst

Krise

Die ICOLC erwartet – mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung – massive Einschnitte bei den Bibliotheks-Etats, verursacht durch die Finanz- und Wirtschaftkrise. In den USA hat dieser Prozess bereits begonnen, da die amerikanischen Universitäten starke Vermögenseinbußen hinnehmen mussten. In Deutschland werden noch weitere Faktoren dazu kommen, wie etwa geringere Einnahmen durch Studiengebühren oder erhöhte Aufwendungen für Bau und Unterhalt. Wie weit es her ist mit den Bildungsoffensiven der Politik, zeigt das Beispiel der ehemaligen Vorzeige-Einrichtung Forschungszentrums Jülich, die in den letzten Jahren von erheblichen Mittelkürzungen betroffen ist. Ach so: ICOLC, was ist das eigentlich? Natürlich die „International Coalition of Library Consortia“. Jedes Berufs-Feldchen hat seinen Verband, seine Vereinigung, regional, überregional und natürlich in Zeiten der Globalisierung auch international. Eine Vielzahl von Arbeitssitzungen solcher Zusammenschlüsse und Gruppierungen sind fester Bestandteil der jährlichen Bibliothekartags-Routine.

Zensur

Bibliothekare lehnen Zensurbestrebungen jeglicher Art ab. Wie sieht es aber mit dem Zusammenhang zwischen Computerspiel und Amoklauf aus? Es gibt ja so Spiele, also, tja, da sollte man schon eventuell einmal darüber nachdenken. In offener Debatte zu diesem Thema sind die Meinungen durchaus geteilt. Da wird Mancher, Manche schwach in Sachen konsequenter Verurteilung von Zensur. Mancher der, als es um gesperrte Web-Sites in China ging, ganz vorne in der Protestfront stand. Andere führen an, es sei ja wohl eine Frage der Sozialisation, der Erziehung, nicht des speziellen Mediums, die aus Menschen Verbrecher macht. Im Fall des Amokläufers von Winnenden bleibt immerhin festzuhalten, dass er über ein umfangreiches Waffenarsenal einschließlich Munition verfügte und bisher noch nicht ernsthaft geplant ist, Waffen generell zu verbieten. Wir Bibliothekare wissen auch, dass so allerhand Bedenkliches zwischen Buchdeckeln gedruckt wurde und wird, von manchen Zeitschriften, Broschüren, ganz zu schweigen. In unserem Beruf fühlen wir uns dafür zuständig, den Mitmenschen einen verantwortungsvollen Umgang damit nahezulegen. Seit dem Ende der Thekenbibliothek ist Freihand ja sehr viel greifbar – aber eben doch längst nicht alles öffentlich zugänglich, allerdings bei nachgewiesener dringender – meist wissenschaftlicher – Bedürftigkeit, in den Arsenalen der National-, Landes- und Sondersammelgebiets-Bibliotheken dennoch zu finden. Bei einer sehr interessanten, lebhaften zeitweise kontroversen Diskussionsveranstaltung, lehnten namhafte Vertreterinnen des deutschen Bibliothekswesens jede Form von Zensur ab und bekräftigten den Sammelauftrag der Bibliotheken für alle Medienformen und alle Inhalte.

Preise

Wenn Bibliothekare auf einfache Fragen selbst keine komplizierten Antworten finden, laden sie sich Wissenschaftler ein. Warum, lautet eine gern und viel gestellte Frage, sind wissenschaftliche Zeitschriften eigentlich so teuer? Welche Zusammenhänge sind erkennbar, die zu diesem Phänomen beitragen? Steffen Bernius, ein smarter Wirtschaftsinformatiker der Universität Frankfurt, mit Arbeitsschwerpunkt Wissensmanagement hat sich mit einem Team daran gemacht, klare Ergebnisse für diese komplexe Problematik zu finden. Ausgangsthese war: Der Impact-Factor ist schuld. Ergebnis der Studie: Er ist es nicht. Er konnte keine signifikante Korrelation finden, erläuterte Herr Bernius dem seinen Ausführungen fasziniert folgenden Auditorium im dicht besetzen Saal. In der Untersuchung waren nur Online-Titel untersucht worden. Dass diese meist noch parallel mit Print-Versionen erscheinen und deshalb eine komplizierte Mischkalkulation der Verlage bei der Preisfindung stattfindet, war kein Thema. In diesem Zusammenhang ist die Aussage, dass Open Access bei den Prozesskosten deutliche Vorteile besitzt, so richtig, wie die Erkenntnis, dass Wasser am liebsten bergab fließt – mit den Tatsächlichkeiten auf dem Markt hat sie jedoch wenig zu tun.

Emerging Markets

Es kann durchaus sein, dass, global betrachtet, die Bedürfnisse der deutschen Bibliotheken bei international agierenden Verlagskonzernen keine entscheidende Rolle spielen. Die Märkte der Zukunft sind in China, Indien, Südamerika, in fernerer Zukunft auch in Afrika. Und diese haben Dimensionen, die deutsche Zahlen fast zur statistischen Unsichtbarkeit degradieren. So leben in Indien derzeit etwa 1,3 Milliarden Menschen.  Indien ist der siebtgrößte Buchmarkt der Welt und der drittgrößte für englischsprachige Literatur. Heute. (2007 wurden im Buch- und Verlagswesen circa 1,4 Mrd. Euro umgesetzt.) Wenn man nun bedenkt was dort in Sachen Alphabetisierung, höherer Bildung für breite Schichten und Steigerung des allgemeinen Wohlstandes noch bevorsteht, versteht man, dass sich Springer, Elsevier, Wiley und Co. sehr viel mehr für dieses Potential als für die Finanzprobleme einer einzelnen German University of Applied Science interessieren. Interessant in diesem Zusammenhang, dass dieses Wachstum bis auf weiteres fast ausschließlich den Print-Produkten zugute kommt. (Damit wären wir wieder bei den international vertriebenen print + online Wissenschaftstiteln und erkennen, warum print noch lange nicht ausgedient hat. Siehe oben.) Ähnlich sind die Verhältnisse im größten südamerikanischen Staat, bei allerdings bereits höherer Bildung und besseren Einkommensverhältnissen. Brasilien investiert sehr viel in die Leseförderung, stellt Bücher mehrwertsteuerfrei, gibt Verlagen direkte finanzielle Unterstützung und verschenkt Bücher an Kinder und Jugendliche. Wenn man zur Literatur für Wissenschaft, Schule und Berufsbildung auch noch die Belletristik dazunimmt, wird die Größenordnung noch eindrucksvoller.

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Die Stadtbibliothek in Erfurt

Stella, mein Stern!

„Guten Abend! Ich heiße Stella und begleite Sie durch die Stabi. Ich vermute, Sie brauchen eine Auskunft. Kann ich Ihnen helfen?“ So werden Sie schon seit einiger Zeit auf der Web-Site der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg von einem bleichhaarigen Wesen begrüßt, das die meisten Besucher wohl als weiblich einstufen werden. So ist vermutlich zu erklären, dass diese virtuelle Dame jede Menge Heiratsanträge und – so ist zu vermuten – auch noch einige Anträge anderer, möglicherweise auch solche eindeutiger Art, bekommt. Das mit den Heiratsanträgen hat uns die Leiterin der Bibliothek, Frau Prof. Dr. Gabriele Beger, verraten. Sie ist die Chefin und auch so eine Art Großmutter dieses Avator (dieser Avatorin?). Damit kann man in Podiumsdiskussionen trefflich punkten und nachweisen, dass moderne Bibliotheken voll interaktiv und mächtig WEB 2.0-affin sind. Die Digital Natives sollen sich bei uns wohlfühlen. Wenn Sie jetzt Stella auch einmal anschauen und besuchen möchten, geben Sie bitte nicht einfach bei Google „Stella Hamburg“ ein, denn es ist gar nicht sicher, dass Sie dieses Ergebnis zufriedenstellen wird. Folgen Sie lieber diesem Link:

Ich will zu Stella!

Bibliothekartag 2009

„Ein neuer Blick auf  Bibliotheken“

So lautet das Motto des 98. Bibliothekartags, zu dem sich in dieser Woche etwa 3000 Bibliothekare und Informationsspezialisten in Erfurt eingefunden haben.

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Die Veranstaltung findet im Congress Center der Messe Erfurt statt, weit draußen am Rande der Stadt, fern ab jeder realen Bibliothek. Das Motto der Veranstaltung ist eher etwas unscharf formuliert, zur Sache geht es dann in den einzelnen Veranstaltungen, Workshops, Arbeitssitzungen. Kernstück bilden die 12 Themenkreise, in denen es viel um die Zukunft geht: der Bibliotheken, des Berufes, des Web usw., aber auch Fragen der Selbstdarstellung – insbesondere Öffentlicher Bibliotheken – sowie Bibliotheksbau und Bibliothekseinrichtung. Die Bibliothekare wissenschaftlicher Bibliotheken haben noch etwas eigene Schwerpunkte, wie z.B.  web-basiertes Lernen, elektronische Medien und: Der Wandel der wissenschaftlichen Bibliothek vom „Büchermuseum“ zum multimedialen Lernort.

Man kann allen Teilnehmern dieses Kongresses nur wünschen, dass der Blick scharf und der Sinn für die Realität wach bleibt. Denn sehr viel mehr als die Sachverhalte, die in Erfurt vorgetragen und diskutiert werden, sind es die Rahmenbedingungen, die Finanz- und Wirtschaftskrise diktieren und die Bibliotheks- und Informationswesen wohl stärken beeinflussen werden, als alle guten Pläne und Vorsätze der Fachleute. Die milliardenschweren Unterstützungen für Banken und Industrie wird der öffentliche Sektor in Form von Einsparungen zu spüren bekommen; da helfen alle Bildungs-Bekenntnisse der Politiker nichts. Davon steht nichts im  Programm dieses  Bibliothekartags; aber in den Fluren, an den Kaffee-Tischen und in den Straßenbahnen auf dem Weg in die Innenstadt wird viel darüber diskutiert. Nun ist immerhin bereits absehbar, dass wir auch in Zukunft mit einem Opel zur Bibliothek fahren können, ob diese oder auch andere Bildungs- und Kultureinrichtungen, dann aber noch da sind, wird man sehen müssen.

Der diesjährige ist erst der zweite Bibliothekartag überhaupt, der in Erfurt stattfindet. Zum ersten Mal traf man sich 1924. Angemeldet waren 150 Teilnehmer.