Mai mit Lau

30. Mai 2017

Ein Frühlings-Spaziergang in Blaubeuren

Sind sie nicht alle gleich, diese Kleinstädte abseits der Metropolen und Magistralen? Gleich eintönig, langweilig, früh am Abend müde? Keineswegs. Fast jede hat ihre Besonderheiten. Eine eminente Persönlichkeit, die hier zur Welt kam oder starb, im Idealfall am Ort wirkte; eine Eigenart der Natur, wie steilen Fels, dichten Wald, tiefes Moor; pitoreskes Bauwerk, wie Burgruine oder barockes Schlösschen; ist Schauplatz eines Romans, einer bekannten Geschichte, eines Films; wurde vielleicht bedichtet oder besungen.

So auch dieses Städtchen mit seinen gerade einmal 12.000 Bürgern. 20 Kilometer westlich von Ulm gelegen ist es stolz auf seine Urzeitkinder, die einst Urzeitlöwen schnitzten, die die Ururururenkel nun im Urkundemuseum bestaunen können und die von Künstlern der Gegenwart überlebensgroß nachgebildet werden. Stolz auf seine wagemutigen Taucher, von denen einige im endlosen Labyrinth der Unterwasserhöhlen verschwanden, wo sie auf den Kuss einer Nixe warten müssen, der sie wieder ins Leben und an die Oberfläche zurückholt. Und es hat noch mehr, unser Städtchen.

Von Osten her führt ein niedriger, schmaler Einlass durch die geschlossene Front historischer Häuser in die überschaubare Innenstadt. Der erste Fluss auf den man hier trifft heißt Ach. Er kommt von Allmendingen, Schelklingen und Weiler. Bewegt und eilig rauscht das klare Wasser Richtung Mündung. Kleine Brücken und Stege verbinden die Erdgeschosse der Gebäude mit den Wegen auf der anderen Seite – ein Kleinvenedig. Bis zur Blau und ihrem Ursprung sind es noch wenige hundert Meter.

Der Weg folgt zunächst der alten Verbindungsstraße zu den viele Meter höher gelegenen Vororten auf der Schwäbischen Alb, zu deren Füßen der Hauptort liegt. Er geht vorbei an Gasthöfen, denen man ihre lange Geschichte ansieht, zu deren Eingang ausgetretene Steinstufen führen, neben dem die Tageskarte mit schwäbischen Gerichten hängt. Maultaschen, Zwiebelroschtbraten, Kässpätzle, Wurschtsalat. Es gibt reichlich Cafès im Städtchen, biedere Stübchen und zeitgeistige Interpretationen. Es fehlen nicht die mediteran-asiatischen Imbisse, wohlriechenden Bäckereien und üppigen Metzgereien. Ein wirklich hervorragender Eismacher muss unbedingt erwähnt werden und die wunderbare Tatsache dass sich hartnäckig eine Buchhandlung nebst Schreibwarensortiment hält. Auf dem Weg zur Hauptattraktion des Ortes konkurrieren Automobilisten, Radler und Wanderer um schmalen Straßenraum.

Den Blautopf kann man auf schattigem Waldpfad umrunden oder einfach nur zu den Hammerschlägen einer emsigen alten Schmiede, die mit Wasserkraft betrieben wird, vom Ufer aus bestaunen. Seine unergründliche Tiefe erkennt man nach mehrmaligen Hinsehen. Denn das klare Wasser des seichten Ufers wird erst in der Mitte zum Trichter, der weit hinunter und in das weitverzweigte karstige Höhlensystem des Mittelgebirges führt. Dort ist das Blau eher ein helles Türkis, das in den Abendstunden, wenn früh schon die Schatten der nahen Hügel auf das Wasser fallen, in dunklere Töne wechselt.

Eine der populärsten schwäbischen Dichtungen spielt in und an diesem tiefgründigen Wasser. Die Legende von der schönen Lau ist Teil von Eduard Mörikes Erzählung “Das Stuttgarter Hutzelmännlein”.

“… ihr Angesicht sah weißlich aus, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren, blau.” Die Lau ist keine Nixe, keine reife, frauliche Variante der kleinen Meerjungfrau: “Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zärter als ein Blatt vom Mohn.”

Sie ist die Tochter einer Menschenfrau und eines Wassernix aus dem Schwarzen Meer. Von ihrem Gemahl, dem Donaunix, wird sie in den Blautopf verbannt, weil sie nur tote Kinder gebar und nicht lachen konnte. Sie durfte zurückkehren und ein lebendiges Kind gebären nachdem sie fünfmal gelacht hatte. Wie ihr das in Blaubeuren gelang schildert Mörike meisterlich, ist jedoch für heutige Besucher nur noch schwer nachzuvollziehen. Allzu humorfrei werden Blautopf-Tourismus und damit verbundener Kitsch und Kommerz in unseren Tagen vollzogen.

Eine steinerne Lau steht etwas verloren neben dem Quelltopf. Ihre schon stark abgeschliffenen Konturen drohen von Grün überwuchert zu werden und lassen ihre früheren Reize nur noch erahnen. Gedanken an erotische Weiblichkeit, wie sie manchem Besucher früherer Zeiten nach dem Lesen der Mörikezeilen in den Sinn gekommen sein mögen, löst diese armselige Gestalt nicht mehr aus.

Hermann Hesse war ein ebenso großer Verehrer der schönen Verbannten, wie seines Dichter-Kollegen Mörike. Er war oft zu Besuch in Blaubeuren, denn hier lehrte über viele Jahre der Jugendfreund Wilhelm Häcker am evangelischen Seminar. Auf der Stube Hellas im Seminar zu Maulbronn war es, wo im September 1891 die vierzehnjährigen Bürschchen sich kennenlernten. Zeitlebens blieben sie verbunden. Als Hesse nach 1933 nicht mehr nach Deutschland kam, mündeten die persönlichen Begegnungen in einen regen Briefwechsel.

“Häcker, ein aufgeweckter Pfarrersohn ist begabt, lustig, schleckig, schneidet alle Grimassen und bringt viele sehr geistreiche Witze mit höchst stoischem Ernst an den Mann. Er zeichnet oft komische Bilder aus der Geschichte und weiß Homer zum Bänkelsänger zu machen. Er ist gutherzig, nicht sehr fleißig, würdevoll und pathetisch.” So schrieb Hermann Hesse in einem Brief an seine Eltern im Februar 1892.

Mit Besuchen in Blaubeuren stillte Hermann Hesse seine gelegentliche Sehnsucht nach der schwäbischen Kindheit. In der “Nürnberger Reise” schildert er einen Besuch im Jahr 1925. „Alles roch nach Heimat, nach Schwäbisch, nach Roggenbrot und Märchen … Überall war die Lau verborgen, überall duftete es nach Jugend und Kindheit, Träumen und Lebkuchen und nicht minder nach Hölderlin und Mörike.“ Das hat er genossen. Für einige Stunden, einige Tage. Länger hielt es ihn dann doch nicht.

Aus einer 1536 gegründeten Klosterschule wurde 1817 ein evangelisch-theologisches Seminar, die Vorstufe zum Tübinger Stift in der Ausbildung Geistlicher für die württembergische Landeskirche. Mancher ehemalige Schüler brachte es später zu einiger Bekanntheit. Eduard Mörike, Wilhelm Hartlauf, Wilhelm Waiblinger und Wilhelm Hauff waren dabei. Hauff gehörte zu den sogenannten Genie-Promotionen der Jahrgänge 1820 bis 1825, in denen sich die hochbegabten Absolventen häuften.

Von Nürtingen nach Blaubeuren, die Schwäbische Alb überquerend, wanderte einst der Dichter Friedrich Hölderlin, dessen Schwester hier mit dem Professor der – damals noch – Klosterschule, Christian Breunlin, verheiratet war. Auch Christian Friedrich Daniel Schubart, Journalist, Dichter, Organist und Komponist, geboren 1739 in Obersontheim, wird zu Fuß von Ulm her gekommen sein.

Im Januar 1777 wurde er in Blaubeuren verhaftet, nachdem man ihn aus der freien Reichstadt, wo er in Sicherheit gewesen wäre, fortgelockt hatte. In Schrift und Wort hatte er sich zu offen, satirisch und kritisch über die Obrigkeit des absolutistischen Herzogtums Württemberg ausgelassen. Da man ihn im unabhängigen Ulm nicht dingfest machen konnte, musste ihn eine kleine List nach Blaubeuren locken. Vielleicht war dort die schöne Lau das letzte weibliche Wesen das ihm begegnete, bevor er 10 Jahre in Festungshaft auf dem Hohen Asperg verbringen und auf solch angenehme Gesellschaft verzichten musste. Mit einem klitzekleinen Museum, einer Gedenkstädte namens “Schubartstube”, im ehemaligen Amtshaus des Klosters, leistet die demokratische Gemeinde seit 1990 Abbitte.

Hügel, Fels, Wald auf drei Seiten. Hinter dem Blautopf führen Wanderwege auf die Alb. Etwa zwei steile Kilometer sind es bis zum ersten Dorf auf der Hochfläche. Nach Osten öffnet sich das Tal. Hier kann man dem jungen Fluss folgen. Es geht Richtung Gerhausen, Herrlingen, schließlich Ulm, wo die Blau, dreiarmig geteilt, in die Donau mündet. Wer nicht so weit gehen möchte, findet inmitten blühender Auwiesen, nicht weit vom Ort, gastliche Einkehr in einem Naturfreundehaus.

Wenn man gegen Abend das Städtchen wieder verlässt – auch im Sommer verschwindet die Sonne zeitig hinter den Bergen – die Dämmerung und schließlich ruhige Nacht nicht mehr weit sind, mag uns Eduard Mörikes “Um Mitternacht” durch den Kopf gehen:

“Gelassen stieg die Nacht ans Land / Lehnt träumend an der Berge Wand … Doch immer halten die Quellen das Wort / Es singen die Wasser im Schlafe noch fort / Vom Tage / Vom heute gewesenen Tage”

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