Seelesen

Mit Ursula Krechels “Shanghai fern von wo”

Spätsommer? Frühherbst? Es gibt Tage an denen solche Fragen und mögliche Antworten darauf müßig sind, an denen wenig nötig ist zum Gefühl des Gelingens.

Fast wunschlos, und nahezu erwartungsfrei.

Was noch? Ein großer roter Apfel aus neuer Ernte vom Wochenmarkt, eine schlanke knusprige oberschwäbische Seele mit Salz und Kümmel vom Bäcker, das wohlfeile Taschenbuch und ein geeigneter Lese- und Rastplatz.

Der ideale schattige Ort fand sich an einem der letzten Septembertage nur wenige Schritte vom silberspiegelnden Wasser des Bodensees. Ein kleiner Park, leicht erhöht, mit roten Bänken, direkt am Lindauer Hafenbecken, mit Blick auf vertäute Segelboote, die ein- und ausfahrenden Kursschiffe der Weißen Flotte und die sanft ansteigenden Berge des Schweizer Appenzell.

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Der Apfel. Die Seele. Und das Buch? Welche Lektüre ist einem Zustand angemessen, der noch nicht Glück, jedoch weit jenseits von Unglück und Gleichgültigkeit? Die eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Es ist doch oft so, dass Bücher zu uns finden nach denen wir gar nicht suchten. In diesem Fall war es weder eine bewusste Wahl noch reiner Zufall.

Ich hatte angefangen mich mit den aktuellen Neuerscheinungen zu beschäftigen, interessante Titel für meine AusLese 2016 zu sichten. Brigitte Geigers “Bühlerhöhe” machte den Anfang. Ein spannender Unterhaltunsroman vor dem Hintergrund der Adenauer-Zeit in Nachkriegsdeutschland. In der Agenten- und Liebesgeschichte geht es u. a. um das Verhältnis Westdeutschlands zum jungen Staat Israel. Und in diesem Zusammenhang natürlich in Rückblicken um den Holocaust, sowie die verschiedenen Exilorte und -regionen deutscher Juden auf der Flucht vor dem Hitler-Regime.

Geiger nennt im Anhang ihres Buches, neben anderen Quellen für ihre Recherchen, zwei Titel von Ursula Krechel: “Landgericht”, für das sie 2012 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde und “Shanghai fern von wo”. Genau diesen Roman hatte ich mir nach der Preisverleihung gekauft, um mich erstmals mit einem Prosawerk der Autorin zu beschäftigen. Es stand seitdem nur angelesen im Regal und wartete auf seine Stunde.

Shanghai als Exil-Ort war mir bis dahin kein Begriff. Ich hatte bisher nicht davon gehört oder gelesen, dass die chinesische Stadt ab 1938 eine allerletzte Hoffnung für viele Verzweifelte nach oft langer dramatischer Flucht wurde. Sie fanden dort zwar visumfreie Aufnahme, waren jedoch unter schwierigsten Umständen, fast ohne Unterstützung, ganz auf sich allein gestellt.

Der Jurist Tausig mit seiner krisentauglichen Gattin, der Uhrmacher Kronheim, der ererbtes Werkzeug immer mit sich trägt, der Kunsthistoriker Brieger, der letzte Briefe an seinen ehemaligen Freund Walter Benjamin schickt, der Buchhändler und spätere Chronist Ludwig Lazarus. Die Vorgeschichten und Exilschicksale dieser und weiterer Protagonisten verdichtet Ursula Krechel zu einem exemplarischen Reigen höchster literarischer Qualität.

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Die Vielstimmigkeit des Romanpersonals hat mich an Alfred Döblins Trilogie “November 1918” erinnert – sicher nicht die schlechteste Patenschaft für eine Autorin der Gegenwart. (Und schade, dass von Döblin heute kaum mehr gegenwärtig ist als sein Großstadt-Panorama “Berlin Alexanderplatz.”) Döblin erzählt von der Zeit kurz nach dem dem Ende des Ersten Weltkriegs. In “Shanghai fern von wo” steht der Zweite unmittelbar bevor.

Juden, die aus verschiensten Gründen, in Deutschland blieben, werden Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungswillens. Die Zukunft der Exilanten im fernen Südchina ist ungewiss. Für’s erste zählt nur der tägliche Überlebenskampf. Solange der Selbstbehauptungswille dafür ausreicht.

Der Apfel. Die Seele. Das Buch. Und die Musik? An diesem Tag kam sie zu mir, ohne dass ich nach ihr gesucht hatte.

Hanna Włodarczyk spielt klassische Gitarre, Fabiana Raban Doppelbass, Flöte, Kastagnetten und allerlei Schlagwerk. Als Duo nennen sie sich HuRaban und sind mit ihren eigenen Kompositionen, Weltmusik und ausgefeilten Variationen bekannter Popsongs fast ständig unterwegs. Häufig als klassische Straßenmusiker, wie an diesem Nachmittag auf der Uferpromenade von Lindau. Darüber hinaus sind sie regelmäßig Gäste bekannter Ereignisse, wie dem Folk-Roots-Weltmusik-Festival in Rudolstadt.

Es waren die Gypsy-Klänge der beiden Polinnen die mich angelockt hatten. Die folgenden Stücke und ihre ganz speziellen Arrangements ließen mich schließlich über eine Stunde nicht mehr los und unter heller See-Sonne zum faszinierten Zuhörer werden. Mit der Dame neben mir war ich rasch einig, dass es sich hier um Straßenmusik selten gehörter Qualität handelt und dass uns offensichtlich zwei Profi-Musikerinnen ein unverhofftes Vergnügen bereiten.

Während HuRaban bei einem variantenreich ausimprovisierten “hava nagila” angekommen waren, erfuhr ich dass die Musikfreundin 70plus einen Konzertflügel im heimischen Wohnzimmer hat, auf dem sie im Vergleich zu früher (“ja, früher … ”) nur noch selten spielt. Wenige Passanten hörten den intensiven Takten von Bass und Gitarre längere Zeit zu. Kaffee, Eis und Torte lockten. Die Pianistin eilte bald zum nahen Bahnhof um die Abfahrt ihres Zuges nicht zu versäumen. Inzwischen erklang das ruhige, meditativ angehauchte “Palermo”. Ein wehmütiges Stück, mit dem das nahe Ende des Freiluft-Konzerts eingeleitet wurde.

In der rechten Hand hielt ich immer noch das Shanghai-Buch, irgendwann beim Verlassen der Lesebank hatte ich es wohl zugeschlagen. Wo war eigentlich das Lesezeichen geblieben? Ich verstaute das Buch in der ledernen Umhängetasche und ging meines Weges.

Apfel und Seele. Buch und Musik. Was blieb noch?

Der Abschied. Denn Abschied ist immer.

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Geiger, Brigitte: Bühlerhöhe. Roman. – List, 2016

Krechel, Ursula: Shanghai fern von wo. Roman. – Jung und Jung, 2008 (als btb Taschenbuch erhältlich)

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„Wege mit Martin Walser“

Susanne Klingenstein gelingt in ihrem Buch die glückliche Verbindung von wissenschaftlichen Anspruch mit leserfreundlicher Ausführung.

Von der ersten Seite an muss ich markieren, Sätze, Passagen merkbar und wiederauffindbar machen. Gleich zu Beginn die Aussage über eine Entwicklung, von der jeder leidenschaftliche Literatur- und Buchmensch weiß, sie jedoch nur ungern wahrhaben will: “ … die Welt des intensiven Lesens ist in diesen Tagen am Untergehen.”

Sholem Yankev Abramovitsh (es gibt viele Schreibweisen des Namens) wurde 1836 in Kopyl, nahe Minsk geboren. Unter dem Namen Mendele der Buchhändler brachte er in jiddischer Sprache verfasste Romane vor Ort zu den Lesern. Mendele/Abramovitsh wurde zum Begründer erzählender jiddischer Literatur. Was würde er wohl sagen, wüsste er, dass sich fast 100 Jahre nach seinem Tod, er starb 1917 in Odessa, ein deutscher Groß-Schriftsteller und eine deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftlerin intensiv mit seinem Werk befassen und zwei eigenwillige Bücher über diese Studien verfassen?

Susanne Klingenstein, die eigentlich vorhatte eine jiddische Literaturgeschichte zu schreiben, blieb an dieser Personlichkeit hängen und es entstand zunächst das umfangreiche Portrait “Mendele der Buchhändler”. Als sich die Arbeit noch im Manuskript-Stadium befand, wurde Martin Walser darauf aufmerksam und begeisterte sich für die Werke Abramovitshs. Unter Titeln wie “Fischke der Krumer”, “Die Mähre” und “Schloimale” wurden diese, sowie einige andere seiner Romane ins Hochdeutsche übersetzt. Martin Walser, der wohl die meisten gelesen hat, schrieb dem Dichter das literarisches Denkmal “Shmekendike Blumen” und half Susanne Klingenstein einen Verlag für ihr Buch zu finden.

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Susanne Klingenstein. – Copyright © Rachel Klingenstein

Die Autorin ist in Baden-Baden aufgewachsen, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Amerikanistik in Heidelberg, Harvard und Brandeis (Mass.), promovierte 1991, bereits in die USA übersiedelt, in Heidelberg, lebt und lehrt seit inzwischen fast dreißig Jahren in Boston. Zum Bodenseeraum hatte und hat sie familiäre Verbindungen, ist immer wieder in Walsers Geburtsort Wasserburg zu Besuch. Seine Romane, Erzählungen, Essays haben sie von jungen Jahren an begleitet.

Um ihre “Wege mit Martin Walser” mit Gewinn und Genuss lesen zu können, sollte man seine Bereitschaft zum intensiven Lesen behalten haben oder wiederentdecken. Es lohnt sich.

Erzählt wird von Wasserburger Spurensuchen und den ersten persönlichen Begegnungen Klingensteins mit Walser. Berichtet von der Faszination beider an der Welt der jiddischen Literatur, dem gemeinsamen Interesse an Abramovitsh, dem Entstehen ihrer Bücher. Wir erleben das spannende Duell zweier völlig unterschiedlicher Charaktere. Hier der emotional narzistische Schriftsteller, dort die analytisch fundierte Geisteswissenschaftlerin. Wir sind neutral und behaupten es endet unentschieden.

“Die Beschäftigung mit der jiddischen Literatur gehört in Deutschland, Israel und Amerika zum kulturellen Luxus, den man in Hochschulen konserviert und den sich einzelne Intellektuelle leisten.” Immerhin Walser und Klingenstein haben sich diesen Luxus geleistet und Susanne Klingenstein lässt uns mit ihrem Buch teilhaben an den intensiven Prozessen des Austauschs, des Widerspruchs, der Annäherungen.

In poetischem Ton schildert sie ihre Reisen durch Oberschwaben, die Bahnfahrten am See entlang zum Schriftsteller. Mit der Regionalbahn von Wasserburg über Friedrichshafen, vorbei an der barocken Birnau, bis Nussdorf. In kurzer Zeit viele Assoziationen und Gedanken zu diesem Kirchenjuwel auf seiner Anhöhe. “Nur fünf Sekunden dauert das Schauspiel, dann ist der Zug an der Birnau vorbei und taucht wieder in Grünes ein. Zwischen See und Schienenstrang schieben sich baumbestandene Grundstücke und eine Straße. Hier wohnt Martin Walser.”

Einmal ist es eine Reise nach Isny zu frühen Quellen jiddischer Literatur. Ein andermal die Fahrt nach Schussenried, wo im Bibliothekssaal des ehemaligen Klosters die Urlesung zu Walsers “Muttersohn” stattfindet und Klingenstein auf Mitglieder der Walserschen Großfamilie nebst einiger Wahlverwandter trifft. Die Töchter, die Schwiegersöhne Selge und Ott, Arnold Stadler.

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In den Sinn kommen mir meine eigenen Ausflüge, Fahrten, Wanderungen im Gebiet zwischen Donau und Säntis. Meine oberschwäbische Seelenlandschaft. Wasserburg, Meersburg, Überlingen. Wangen, Isny, Ravensburg. Steinhausen, Biberach und natürlich Ulm. Es gibt Flecken, da kenne ich jeden Trumlin und Weiher, jeden Weg und Steg. Dieses Hügelland der drei Marien, von Sepp Mahler und André Ficus, von Sebastian Seiler und der Droste. Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl, die für mich wichtig waren. Das Land der namenlosen dichtenden und singenden Klosterbrüder und -schwestern, der jubelnden Orgeln, stillen Moore und herbstgoldenen Sonnenuntergänge.

Klingenstein kommt nach Nussdorf, Walser nach Boston. Am 9. November 2011 spricht er an der Harvard University “Über Rechtfertigung”. Rechtfertigung des Einzelnen, des Individuums, u. a. am Beispiel von Kafkas Josef K. im Roman “Der Prozess”. Eine erweiterte Fassung der Rede erscheint im Frühjahr 2012 als Buch. In “Wege mit Martin Walser” erfahren wir von den komplizierten Vorbereitungen dieser Reise, dem nicht ganz geglückten Auftritt, den Verständigungsprobleme im sprachlichen, wie im übertragenen Sinn.

Im Herbst 2014 sind sie gemeinsam mit ihren Abramovitsh-Büchern unterwegs. Die Premiere ist im September in Überlingen. Ungewöhnlich und überraschend, da Walser eigentlich nicht an seinem Wohnort liest. Jetzt also Überlingen. Er soll einleiten und moderieren. Mit etwa 600 erwartungsvollen Menschen ist der Saal proppenvoll. Es gibt Differenzen in Sachen Dramaturgie und Reihenfolge des Auftritts. Ein Überraschungsgast wird kurzfristig dabei sein. Klingenstein setzt sich durch. Walser ist verschnupft.

Die Schilderung dieser ersten gemeinsamen Lesung gehört zu den dramatischen Höhepunkten des Buches. Sie zeigt deutlich, welch enorme Belastungsprobe dieses Kräftemessen für die Arbeitsbeziehung ist. Über mehrere Jahre war Susanne Klingenstein immer wieder bei Walser in Nussdorf auf der Terasse gesessen, es war entstanden, was verband und zugleich an einigen Stellen trennte. Diese Ambivalenz wird bei der Lektüre der “Wege” deutlich. Zudem erschweren eingeschliffene Gewohnheiten und kleine Sturheiten das Miteinander. “Wer mit Martin Walser auf Lesereise geht, braucht eine Uhr, Selbstbeherrschung und starke Schnäpse.”

“Ein springender Brunnen”, “Mein Jenseits”, “Muttersohn”, “Ein liebender Mann” sind Erzählwerke Walsers, die Klingenstein immer wieder aufruft, zitiert, ihren biographischen und kulturhistorischen Quellen nachhorcht. Die ganze Tiefe abendländischer Geistesgeschichte, ein breiter literarischer, religiöser und philosophischer Kanon stehen ihr dabei zur Verfügung. Faszinierend zu erlesen aus welchen Brunnen sie zu schöpfen vermag. Auf Walsers Wasserburger Kindheitsroman hat sie mir eine völlig neue Sichtweise eröffnet. Sie kommt zu dem Schluss, dass dieses Buch “einer der bedeutendsten deutschen Erinnerungsromane” ist. “Er erzählt, wie ein Junge in einer Welt, in der Angst und Tod dominieren, zur Liebe und zum Schreiben findet.”

Wenn die Autorin Bezüge zu Rezeption und Kritik herstellt, spielt Walsers Dankesrede zur Verleihung des “Friedenspreises des Deutschen Buchhandels” am 11. Oktover 1998 in der Frankfurter Paulskirche eine zentrale Rolle. Die Schilderung von Diskussionen und Kontroversen, des Unverständnisses das dem Ausgezeichneten mit Verzögerung entgegenschlug, Missverständnisse die anwuchsen, nicht selten gewollt waren, das Aneinandervorbeireden. Die ganze Differenzierungsverweigerung der berufenen und sich berufen fühlenden Kritiker und Meinungsinhaber. Bei der Lesung in Überlingen kommt es zu einer Aussage Walsers, über die Klingenstein schreibt, dass man sie “schon lange so eindeutig hatte hören wollen. Sie war das geheime Zentrum des Abends gewesen.”

Der Satz: “In mir dominiert die Mitteilung, dass wir dieses Volk umbringen wollten und zu Millionen umgebracht haben.”

Klingenstein: “Die Radikalität des Wortes wollten, mussten die Hörer erst einmal erkennen. Das Wichtigste ist bei Walser immer knapp unter der Oberfläche.”

In Überlingen wurde notwendig und überfällig ergänzt.

“Was ich beschreibe, habe ich so erlebt. Meine Erzählung handelt von der Differenz zwischen Werk und Leben, zwischen Zauber und Wirklichkeit. Die Brücke vom Leben zum Werk ist die Zauberleistung eines Schriftstellers.”

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Gelungen ist ein einfühlsames, gleichzeitig differenziertes, nie unkritisches Portrait eines der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller unserer Zeit, eines Handlungsreisenden in Sachen eigene literarische Produktion und nicht zuletzt das eines manchmal glauben wollenden, meist zweifelnden, stets liebenden Mannes. Der immer alles schöner schreiben will als es ist. Wir erfahren von Enttäuschungen auf dem gemeinsamen Weg, kleinen Demütigungen, Verletzungen. Nach jahrelanger Zusammenarbeit, den vielen Treffen und dem gemeinsamen Reisen, gelingt der vorläufige Abschied leidlich.

Der findet am 16. Oktober 2015 nach einer Lesung im Rahmen der Frankfurter Buchmesse statt. Er liest aus einem Roman der noch nicht erschienen ist: “Ein sterbender Mann.” Nach der Lesung geht Susanne Klingenstein zu ihm hin. “Ich reichte ihm die Hand. Er nahm sie in seine beiden Hände und hielt sie fest. Morgen würde er in Naumburg … den Nietzsche-Preis entgegennehmen und ich würde im Flugzeug nach Boston sitzen. Wir waren im Klaren miteinander.” Im April 2016 wird “Wege mit Martin Walser” bei weissbooks erscheinen.

Walsers Romane waren für sie schon früh ein Stück Heimat und “Kulturgepräch meiner bürgerlichen Klasse … “ In ihrem Buch lässt sie immer wieder Details des eigenen Werdegangs einfließen, der Kindheit, den Stationen des Studiums, die wichtigsten Persönlichkeiten, die sie prägten. Dann der Entschluss in den USA zu bleiben, Heirat, Kinder, doch nie ganz weg aus Deutschland, vom Bodensee. “Meine Wurzeln stecken im Wolmatinger Ried.”

Vom westlichen Rand der Wasserburger Halbinsel kann man direkt ins Paradies schauen. Es ist ein Teil des Nachbarorts Nonnenhorn, der so heißt. Susanne Klingenstein war als Kind oft bei ihren Großeltern im Konstanzer Stadtteil Paradies. In Walsers Büchern begegnen wir Figuren, die an ein überirdisches Paradies glauben oder gerne glauben können würden. Auch dem Dichter geht es manchmal so. Glauben können, das kann ein Privileg sein. Allerdings ist ein Paradies wie es die Religionen verheißen untauglich als Sehnsuchtsort. Nirgends wären wir unfreier, unterworfener, hoffnungsloser als in diesem Jenseits des Lust- und Ewigkeitszwangs.

“Was ist mein Paradies?” fragt Susanne Klingenstein. “Frei und sorglos durch einen literarischen Raum streifen, schönen Ideen nachlaufen, Gedankenverbindungen entdecken, die blitzartig das Leben erhellen, Sätze lesen, die ins Herz treffen, selber welche machen.”

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Schloss Giessen, bei Kressbronn. – Foto: Giacomo

Ein Junitag im verregneten Frühjahr 2016. Früher trüber Abend in Kressbronn. Der Himmel hat alle Schleusen geöffnet. Rund um das oberhalb des Ortes gelegene Schloss Giessen sumpfige Wiesen, tiefe Pfützen, morastige Wege, feuchtglänzende Apfelbäume in Reih und Glied, ungeduldig himmelstrebender Hopfen. Das Schloss ist eigentlich eine Turmhügelburg, sie entstand an der Stelle römischer Wehranlagen, die einst den Argenübergang bewachten. Der gegenwärtige Burgherr und Besitzer der Anlage heißt Werner Heine. Er hat nicht zuletzt in über vierjähriger Arbeit den vom Einsturz bedrohten Turm gerettet und wieder begehbar gemacht. Hin und wieder öffnet er das Schloss für kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen, Konzerte oder Tagungen.

Hier begegne ich Susanne Klingenstein. Und Sabine Zürn, eine profunde Kennerin der Werke Walsers, die den Abend mitgestaltet. Sie lebt in Wasserburg und trägt einen Namen, den der Dichter von dort zu Literatur gemacht hat. Klingenstein und Zürn haben das Publikum für sich. Walser ist jetzt ganz literarische Figur eines Textes aus dem die Verfasserin einige der wirkungsvollsten Passagen vorträgt. Protagonist ist er, in einem Buch, über das sich die beiden Frauen, die Lesungsteile ergänzend und für die Zuhörer mit Gewinn, ausführlich unterhalten.

Auf der Heimfahrt, die Gewissheit, dass hinter dem dichten Regen der See liegt. Und der Säntis. Und die thurgauer Gemeinde Hauptwil, von wo im Frühjahr 1801 der verwirrte, verstoßene, abgerissene Hölderlin in die Heimat zurückkehrte. Ein Dichter von dem viele Zeitgenossen, die mit mir irgendwann einmal durch Kressbronner, Wasserburger, Ulmer oder Konstanzer Straßen wandeln, noch nie gehört haben. Auch daran erinnert Susanne Klingenstein in ihrem Wege-Buch und zitiert das Ende seines Griechenlandgedichts. “Laßt, o Parzen, laßt die Schere tönen, / Denn mein Herz gehört den Toten an!” Das sei das Los der Literaturhistoriker, schreibt sie.

Wir Leser dürfen uns indessen weiterhin, ganz naiv und ganz nach eigener Neigung, an den Dichterinnen und Dichtern der Gegenwart freuen. Und an dem Buch Susanne Klingensteins, das uns mitnimmt auf ihre “Wege mit Martin Walser.”

***

Alle Zitate (mit Ausnahme der Hölderlin-Verse) aus:

Klingenstein, Susanne: Wege mit Martin Walser. Zauber und Wirklichkeit. – Frankfurt am Main : weissbooks, 2016

Die Abramovitsh-Bücher:

Klingenstein, Susanne: Mendele der Buchhändler. Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh. – Harrassowitz, 2014 (Jüdische Kultur, 27)

Walser, Martin: Shmekendike blumen: Ein Denkmal / A dermonung für Sholem Yankev Abramovitsh. – Reinbek : Rowohlt, 2014

Bodensee-Gedicht

Die Schenke am See

von Annette von Droste-Hülshoff

An Levin S.

*

Ist’s nicht ein heitrer Ort, mein junger Freund,

Das Kleine Haus, das schier vom Hange gleitet,

Wo so possierlich uns der Wirt erscheint,

So übermächtig sich die Landschaft breitet;

Wo uns ergötzt im neckischen Kontrast

Das Wurzelmännchen mit verschmitzter Miene,

Das wie ein Aal sich schlingt und kugelt fast,

Im Angesicht der stolzen Alpenbühne?

*

Sitz nieder. – Trauben! – und behend erscheint

Zopfwedelnd der geschäftige Pygmäe;

O sieh, wie die verletzte Beere weint

Blutige Tränen um des Reifes Nähe;

Frisch greif in die kristallne Schale, frisch,

Die saftigen Rubine glühn und locken;

Schon fühl‘ ich an des Herbstes reichem Tisch

Den kargen Winter nahn auf leisen Socken.

*

Das sind dir Hieroglyphen, junges Blut,

Und ich, ich will an deiner lieben Seite

Froh schlürfen meiner Neige letztes Gut.

Schau her, schau drüben in die Näh‘ und Weite;

Wie uns zur Seite sich der Felsen bäumt,

Als könnten wir mit Händen ihn ergreifen,

Wie uns zu Füßen das Gewässer schäumt,

Als könnten wir im Schwunge drüber streifen!

*

Hörst du das Alphorn überm blauen See?

So klar die Luft, mich dünkt ich seh den Hirten

Heimzügeln von der duftbesäumten Höh‘ –

War’s nicht als ob die Rinderglocken schwirrten?

Dort, wo die Schlucht in das Gestein sich drängt –

Mich dünkt ich seh den kecken Jäger schleichen;

Wenn eine Gemse an der Klippe hängt,

Gewiß, mein Auge müßte sie erreichen.

*

Trink aus! – die Alpen liegen stundenweit,

Nur nah die Burg, uns heimisches Gemäuer,

Wo Träume lagern langverschollner Zeit,

Seltsame Mär und zorn’ge Abenteuer.

Wohl ziemt es mir, in Räumen schwer und grau

Zu grübeln über dunkler Taten Reste;

Doch du, Levin, schaust aus dem grimmen Bau

Wie eine Schwalbe aus dem Mauerneste.

*

Sieh drunten auf dem See im Abendrot

Die Taucherente hin und wieder schlüpfend;

Nun sinkt sie nieder wie des Netzes Lot,

Nun wieder aufwärts mit den Wellen hüpfend;

Seltsames Spiel, recht wie ein Lebenslauf!

Wir beide schaun gespannten Blickes nieder;

Du flüsterst lächelnd: immer kömmt sie auf –

Und ich, ich denke, immer sinkt sie wieder!

*

Noch einen Blick dem segensreichen Land,

Den Hügeln, Auen, üpp’gem Wellenrauschen,

Und heimwärts dann, wo von der Zinne Rand

Freundliche Augen unserm Pfade lauschen;

Brich auf! – da haspelt in behendem Lauf

Das Wirtlein Abschied wedelnd uns entgegen:

»– Geruh’ge Nacht – stehn’s nit zu zeitig auf! –«

Das ist der lust’gen Schwaben Abendsegen.

* * *

Annette von Droste-Hülshoff stammte aus der Nähe von Münster in Westfalen und lebte von 1797 bis 1848. Nachdem sie schon öfters am Bodensee zu Gast gewesen war – ihre Schwester hatte dort den Freiherrn Joseph von Laßburg geheiratet – lebte sie von 1841 bis zu ihrem Tod fast ausschließlich in Meersburg. Ab 1843 im eigenen, bei einer Versteigerung erworbenen Haus, dem „Fürstenhäusle“, das oberhalb der Stadt inmitten von Weinbergen liegt und heute ein Museum ist.

Levin S. (Schücking), 1814 – 1883, Schriftsteller und Journalist, war der Sohn einer früh verstorbenen Freundin von Annette von Droste-Hülshoff, mit dem sie ab etwa 1837 eine Dichterfreundschaft verband.