Sigrid Damm, Goethe und die Frau von Stein

“Sigrid Damm befreit Geschichte und Geschichten nach gründlicher Recherche vom Aktenstaub, holt sie in zeitgemäßer Sprache in die Gegenwart und lässt den Leser teilhaben an ihren Gedanken und Überlegungen.” (Thüringische Landeszeitung, 7.12.2015)

Sie hat über Caroline Schlegel-Schelling, Friedrich Schiller und Jakob Michael Reinhold Lenz geschrieben. Über Goethe natürlich, den sie uns als Menschen schildert, mit sehr menschlichen Schwächen und Schattenseiten. Und über Frauen rund um Goethe: Die Schwester Cornelia, die Partnerin, Ehefrau und Mutter seiner Kinder – Christiane Vulpius. Sie ist in Gotha geboren und verbrachte dort die Schulzeit. Studium und Promotion in Jena. Akribisch recherchiert sie für ihre literaturhistorischen Veröffentlichungen, Archive und Bibliotheken sind ihr zweite Heimat. Auf unvergleichliche Weise versteht sie es, Forschungsergebnisse einem breiten Leserkreis verständlich und durchaus unterhaltsam nahezubringen.

Sie ist Ehrenbürgerin der Heimatstadt und wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet. Mit dem Thüringer Literaturpreis, dem Lion-Feuchtwanger-, dem Fontane-und dem Mörike-Preis. Sie lebt in Berlin und Mecklenburg und hin und wieder hält sie sich gerne im hohen Norden auf. Meine Sichtweise auf die Weimarer Klassik und die Denkmäler Goethe und Schiller hat sie entscheidend beeiflusst. (Nebenbei: Dass ich mich vor einiger Zeit aufführlicher mit den Werken Günter de Bruyns befasst habe, den wir in West- und Süddeutschland bedauerlicherweise kaum wahrnehmen, verdanke ich ihr.)

Am 7. Dezember wurde Sigrid Damm 75 Jahre alt. Wenige Wochen zuvor erschien ihr neuestes Buch. Wieder eine “Recherche” zu einer Frau, die in Weimar und für Goethe eine wichtige, in seinen ersten Weimarer Jahren prägende Rolle spielte: “Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein.”

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“Ich muß dir’s sagen, du einzige unter den Weibern, die mir eine Liebe in’s Herz gab die mich glücklich macht… Ich liege zu deinen Füssen und küsse deine Hände.” (Aus einem Brief v. 23. Februar 1776)

Einmal mehr erfahren wir vom allzu menschlichen Goethe, dem Fehlbaren, Zweifelnden, manchmal Verzweifelten. Von einem jungen Heißsporn und liebenden Mann. Von seiner Seite ist es Liebe. Mit allem was dazugehört, wenn es nach ihm ginge. Seine Briefe lassen das unschwer erkennen. Er ist 27 Jahre alt und neu im Stab des Weimarer Kleinstaates. Sie ist 34, verheiratet, mehrfache Mutter. Konventionen, familiäre Verpflichtung und Selbstdisziplin sind stark genug. Sie widersteht dem Stürmer und Dränger. Wenn es bei ihm Liebe war, die Liebe eines jungen Mannes, die sich natürlich nach körperlicher Erfüllung sehnt, was hat die Umworbene empfunden? Was bedeutete ihr diese Beziehung? Sigrid Damm kann das nicht letztgültig beantworten. Doch sie versteht es auf die ihr eigene Art, sich in die beiden starken Persönlichkeiten einzufühlen.

“Liebste ich habe gestern Abend bemerckt dass ich nichts lieber sehe als Ihre Augen, und dass ich nicht lieber seyn mag als bey Ihnen.” (Aus einem Brief v. 3. August 1778)

media_38258836Man muss Schriftsteller oder Schriftstellerinnen deren Werke man verehrt nicht mögen, doch, beeindruckt vom literarischen Schaffen, würde man es vielleicht ganz gerne. Künstler sind jedoch in noch viel stärkerem Maße ambivalente Persönlichkeiten wie wir Schlichten. Dies am Beispiel Goethes zu zeigen ist eines der Ziele der Literaturhistorikerin Damm. Sie selbst schwankt dabei zwischen distanzierter Bewunderung und einem gewissen Widerwillen. An diesem Zwiespalt der Gefühle lässt sie ihre Leser teilhaben und vermittelt ein Goethebild das realistischer, schärfer und uns näher ist, als das der üblichen Klischee. Der zerrissene Künstler mit den mehr als zwei Seelen in seiner Brust, der Staatsmann ohne Überzeugung, der wilde Junge, der Scheue und Ängstliche, einen Mann, der von nichts so abhängig war, wie von den Frauen, die ihn auf Strecken seines Weges begleiteten.

“Kaum bin ich aufgestanden so mach’ ich schon Plane wie ich zu Ihnen kommen und den Tag bey Ihnen zubringen will… So lang das geht werde ich in meinem Schneegestöber aushalten, und schreiben und zeichnen, hernach komm ich und fahre mit Ihnen in’s Conzert. Adieu meine liebe Cometenbewohnerinn.” (Aus einem Brief v. 4. Februar 1781)

Im Mittelpunkt des Interesses stehen bei der Wissenschaftlerin und Autorin Damm die Frauen. Über und für Cornelia, Christiane und Charlotte schreibt die Weimar-Spezialistin. Sie weist auf die Bedeutung der Zeit hin, in der diese Personen lebten, die Prägung durch Herkunft, durch Milieus in denen sie aufwuchsen und zu leben hatten. Nicht zuletzt, aber nicht so vordergründung wie in konventioneller Geschichtsschreibung, geht es um die Männer, die so viel Einfluss auf ihre Lebensläufe hatten, von denen sie gesellschaftlich und wirtschaftlich abhängig waren. Doch die Frauen über die Damm schreibt sind keine bloßen Objekte, Anhängsel, Produkte einer männerdominierten Gesellschaft. Sie sind eigenständige, eigenwillige Charaktere. Belesen,  klug oder beides. Lebenserfahren, praktisch veranlagt, pragmatisch. Oft handeln sie gerade dann, wenn die Männer zurückziehen. Wie Goethe, der besonders gerne unangenehmen Situationen aus dem Weg ging.

Sigrid Damms Buch besteht aus drei Teilen. Einer längeren Einleitung, mit der Schilderung des Lebenswegs der Charlotte Albertine Ernestine Freifrau von Stein, geborene von Schardt. Eine Auswahl der Briefe Goethes an Charlotte; Gegenbriefe sind leider nicht überliefert, der größte Teil wurde auf Wunsch Frau von Steins vernichtet. Sowie einer ausführlichen Interpretation der außergewöhnlichen Beziehung und ihres Umfeldes. Zum besseren Verständnis der Briefe dienen die Anmerkungen im Anhang. Personenregister und Literaturverzeichnis ergänzen eine sorgfältige Edition.

Damm, Sigrid: Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein. – Insel Verlag, 2015. Euro 22,95

“Ich schrieb mit scheußlicher Feder!” (*)

“Mein Nachrichtendienst” – unter diesem Titel wurden jetzt bei Wallstein die Briefe der Hedwig Pringsheim an ihre Tochter Katia Mann aus den Jahren 1933 – 1941 veröffentlicht. Herausgegeben und kommentiert hat die umfangreiche zweibändige Edition der Literaturwissenschaftler, Thomas-Mann- und Bayern-Spezialist Dirk Heißerer.

“Liebe kleine gute Katja! So; nun rollt dies 1934 unwiderruflich, unwiederbringlich in den Abgrund, Kronos hat allwieder, der unersättliche Freßsack, eins seiner Kinder verschlungen; und wir stehen und starren in den Abgrund und wissen nicht, sollen wir uns freuen oder sollen wir trauern. Denn ach, wir wissen ja nicht, welches Gesicht dies 1935 uns weisen wird. Nichts, garnichts wissen wir. Also laßt uns fröhlich sein und Pfannkuchen essen und Punsch trinken!” (Brief 98, vom 29.12.1934) Sätze einer begabten, ausdrucksstarken Schreiberin.

Welche Konstellation. Sie war die Tochter von Hedwig Dohm, der berühmten Frauenrechtlerin und feministischen Autorin. Sie wurde die Frau von Alfred Pringsheim, dem großbürgerlichen Mathematik-Professor, Kunst- und Musikliebhaber. In jungen Jahren eine kurze Karriere als Schauspielerin. Mutter von fünf Kindern, darunter die begabte, eigensinnige Katia. Schwiegermutter des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann.

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Die junge Hedwig Pringsheim, geb. Dohm

Der erste Brief stammt vom 20. März 1933, da war Hedwig Pringsheim bereits 77 Jahre alt. Die Tochter Katia, 1883 geboren und seit 1905 verheiratet mit dem in Lübeck aufgewachsenen Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann, inzwischen Mutter von sechs Kindern, lebte seit wenigen Wochen in Zürich. Der Ausbruch des Hitlerschen Größenwahns und der Beginn des von ihm verkündeten tausendjährigen Reiches hatten das Paar veranlasst von einer ihrer zahlreichen Auslandsreisen nicht mehr nach München zurückzukehren. Die wichtigste Verbindung zum Elternhaus wurde für Katia danach der Briefwechsel mit der Mutter. 375 Briefe von der Mutter an die Tochter sind erhalten.

Die Überlieferungsgeschichte des Brief-Konvoluts, die Dirk Heißerer für uns zusammengefasst hat, gehört zu den spannenden Passagen des ausgesprochen dichten und erkenntnisreichen Nachworts. Die Antwort- und Gegenbriefe von Katia sind wohl verloren. Heißerer versuchte dies in den Kommentaren zu kompensieren, indem er sich an den Tagebüchern von Thomas Mann orientierte. Weitere wichtige Quellen für den erläuternden Anhang waren die Tagebücher der Hedwig Pringsheim, sowie Briefe von und an Thomas, Katia und Erika Mann, an und von Klaus und Peter Pringsheim.

Bis Oktober 1939 schrieb Hedwig Pringsheim aus München. Die Pringsheims hatten lange gezögert Deutschland zu verlassen, die deutschen Wurzeln zu kappen und den Verlust des Besitzes – unter anderem die große Kunstsammlung – hinzunehmen. Doch 1939 mussten auch sie nach Zürich emigrieren und Hedwig schreibt ihre Briefe von November 1939 bis Ende 1941 aus dem Schweizer Exil. Im Juli 1942 erliegt sie einem Krebsleiden. Katia und Thomas Mann sind inzwischen im kalifornischen Pacific Palisades zu Hause.

Nach dem ersten Durchblättern, einigem Kreuz- und Querlesen, kann ich nur staunen, was Dirk Heißerer hier geleistet hat. Bewundernd sitzt man vor dieser akribischen Herausgeberschaft, vor diesem Mammutwerk. Die eigentlichen Briefe machen den kleineren Teil der beiden Bände aus. Den größeren beanspruchen die verschiedenen Anhänge: Kommentare, Register, Glossare, Quellen-Nachweise und Nachwort.

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Katharina „Katia“ Mann, geb. Pringsheim, im Alter von 22 Jahren.
Foto: Carl van Vechten

Aufschlussreich, hilfreich und während der Lektüre immer wieder eine gute Orientierungshilfe sind die Familientafeln im zweiten Band, sowie das Glossar, das beiden Bänden mitgegeben wurde. Die Familien Pringsheim, Dohm und Mann waren sehr weit verzweigt und man muss immer wieder einmal für einen Namen den Platz in der richtigen Familie und der passenden Generation finden. Das ausführliche Personenregister liest sich übrigens wie ein Who’s who des mitteleuropäischen Kultur- und Geisteslebens vom Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Da wird die Lust geweckt der einen oder anderen bekannten oder weniger bekannten Persönlichkeit intensiver nachzuspüren. Spuren, die uns, würde man ihnen folgen, leicht vom sprichwörtlichen Hundertsten ins nicht mehr überschaubare Tausendste entführen könnten.

Meist stehen für Hedwig Pringsheim zunächst einmal familiäre Themen und Probleme des Alltags im Vordergrund und werden ausführlich abgehandelt. Geburten und Gebrechen, Hochzeiten und Todesfälle, Glücksfälle und Unglücksfälle im Verwandten- und Bekanntenkreis, Lebensmittelpreise und Versorgungsengpässe. Doch auch die politischen Entwicklungen, die laufenden Ereignisse in Nazi-Deutschland sind wichtiger Teil der mütterlichen Berichte. Um die stärker werdenden Zensur-Schikanen des Regimes zu unterlaufen, wird im Laufe der Jahre zunehmend verschlüsselt geschrieben; in Kodierungen, die nur Familienmitgliedern etwas sagen. Etwa wenn Katja und Thomas vor einer Rückkehr nach München gewarnt werden müssen.

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Im Brief 245 geht es um ein gescheitertes Wiedersehen, das für den Juli 1938 in Kreuzlingen bei Konstanz geplant war. Letzten Endes kam es nur zu einem Telefonat. In den Briefen 263 bis 265 erfährt man aus erster Hand von den konkreten Folgen der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Und wie und welche Verwandte, Freunde danach in Konzentrationslager verschleppt wurden. Ein großes Thema ist auch der Raub der umfangreichen Pringsheimschen Kunstsammlung durch die Nazis. Briefgespräche von der Mutter an die Tochter gerichtet, über die von den Machthabern unüberwindlich gemachten terretorialen Grenzen und Einschränkungen hinweg.

Es sind Zeugnisse der einzigartigen Zerstörung geistiger, künstlerischer, wissenschaftlicher Traditionen und Lebensformen des jüdischen Großbürgertums im nationalsozialistischen München. Hedwig Pringsheims Schreibstil ist ausgesprochen originell, immer anschaulich, häufig ironisch. Es herrscht ein spezieller “Familienton” vor. Jener Ton “witziger, geistiger Konversation” ist noch vernehmbar, wie er vor 1933 im Palais Pringsheim gepflegt wurde. In ihren Briefen setzt Hedwig das auf ihre besondere Weise fort. Das hat durchaus schriftstellerische Qualitäten und etwas sehr Eigenes, nicht nur weil mit der Rechtschreibung nach individuellen Regeln umgegangen wird.

“Also ich bin nicht glücklich. Aber das kann man ja auch wirklich now-a-days nicht verlangen. Wir wonen gut, wir haben einigen netten Verkehr, und jetzt muß ich mich sogar gleich zum Sonntagsessen zu Lily’n toilettiren. Deren Genueser Verwandte reisen wol Ende der Woche wieder in ihre italienische Heimat, und dann fangen gewiß sofort Lily’s berümte jours an, über deren Besucherzal sie mir immer triumphirend berichtete; auf die ich mich aber, offengestanden, kein bischen freue, obgleich ich ja, wie sie sagt, jedes Mal kommen muß.” (Ein kleiner Ausschnitt aus Brief 314, geschrieben in Zürich am 14.1.1940, Hedwig ist ansonsten u. a. mit der Lektüre von Goethes “Wilhelm Meister” beschäftigt. “… gute Lektüre …”. Lily ist die Pianistin Karolina Reiff, geb. Sertorius, eine der ältesten Freundinnen Hedwig Pringsheims, sie lebte schon seit 1893 in Zürich)

Was nun? Wie geht man als Leser mit dieser spektakulären Neuerscheinung um? Immer wieder einmal darin schmökern? Die kiloschweren Wälzer in die Sommerfrische mitnehmen? Man liefe Gefahr mehr Zeit mit diesen faszinierenden Bänden zu verbringen als in grünem Wald und auf freier Flur. Man kann die gewichtigen Leinenbände vermutlich so oft in die Hand nehmen, wie man will, ganz fertig wird man mit der Fülle des Materials so schnell nicht. Wer sich davon angeregt, noch intensiver mit Leben, Umfeld und Schicksal der Hedwig Pringsheim beschäftigen möchte, der kann die beiden Bücher von Inge und Walter Jens über Katia Mann und ihre Mutter, sowie die Tagebücher der Hedwig Pringsheim lesen.

(*) Schlußsatz unter Brief 187, vom 5. 7. 1937

Pringsheim, Hedwig: Mein Nachrichtendienst. Briefe an Katia Mann 1933 – 1941. 2 Bände, herausgegeben und kommentiert von Dirk Heißerer. – Wallstein Verlag, 2013

Jens, Inge; Jens, Walter: Katias Mutter. Das außerordentliche Leben der Hedwig Pringsheim. – Rowohlt, 2005

Jens, Inge; Jens, Walter: Frau Thomas Mann. Das Leben der Katharina Pringsheim. – Rowohlt, 2003

Pringsheim, Hedwig: Tagebücher 1885 – 1897. 2 Bände, herausgegeben von Cristina Herbst. – Wallstein Verlag, 2013

Zurück in die Zukunft – Goethe meets Eckermann im Chat-Room

Die Deutsche Initiative Netzwerkinformation – kurz DINI – ist einer breiteren Öffentlichkeit bisher eher wenig bekannt. Das könnte sich für diese Arbeitsgemeinschaft der Medienzentren an Hochschulen e. V. (AM), der Sektion für Wissenschaftliche Universalbibliotheken im Deutschen Bibliotheksverband und den Zentren für Kommunikation und Informationsverarbeitung in Lehre und Forschung e. V. (ZKI) bald ändern. Schwerpunkte ihrer Tätigkeit sind die Förderung elektronischen Publizierens, die Entwicklung von Lernsoftware und die Förderung von Medienkompetenz an Hochschulen.

DINI hat einen spannenden Ideen-Wettbewerb ausgeschrieben. Unter dem Motto “Studentische Netzwerke: kreativ – mobil – kooperativ” werden originelle und zukunftsfähige internet-basierte Aktivitäten, Projekte, sowie Konzepte zur sozialen Vernetzung und Zusammenarbeit gesucht. Gedacht wird dabei z. B. an gemeinsames Lernen durch kreative Nutzung mobiler Endgeräte, Social Networking innerhalb eines Fachgebietes oder zu bestimmten Themen, oder neue Ansätze für den Einsatz von Netztechnologien. Eine bestimmte Richtung wird nicht vorgegeben, Fantasie und kreativen Denken keine Grenzen gesetzt.

Originell ist die zentrale Werbeaussage, mit der dieser Wettbewerb an den Hochschulen und über die Medien bekannt gemacht wird. Auf einem großformatigen Plakat sehen wir da Alexander von Humboldt, der auf seinem Laptop Tischbeins Goethe-Bildnis betrachtet und lesen den Spruch: “Humboldt und Goethe wären heute Blogger.” Witzig und graphisch gut umgesetzt. Vielleicht würde die Aussage sogar zutreffen, könnten die beiden Geistesgrößen via Zeitreise zu unseren Zeitgenossen werden. Doch wie sähe es aus, wenn wir uns die Sache einmal umgekehrt vorstellen? Setzen wir einmal voraus, Goethe und Humboldt hätte bereits zu Ihrer Zeit die heutige Informationstechnologie in all ihren Facetten zur Verfügung gestanden.

“Alles, was an und in mir ist, werde ich mit Freuden mitteilen.” So schrieb Johann Wolfgang Goethe am 27. August 1794 an Friedrich Schiller. Eine Aussage, die nahelegen könnte, dass der Dichter heute durchaus ein häufiger Nutzer sozialer Netzwerke oder diverser elektronischer Verständigungssyssteme wäre. Aktuell geht die Forschung davon aus, dass Goethe etwas 20.000 Briefe geschrieben oder erhalten hat, etwa 15.000 sind erhalten, um die 12.000 veröffentlicht.

Bis heute haben wir damit historische Quellen von unschätzbarem Wert zur Verfügung. Sie lassen nicht nur das Leben und Schaffen des Dichters, Staatsmannes, Naturforschers, Theaterleiters, Bücher- und Kunstsammlers lebendig werden, sondern geben auch Auskunft über den Literatur- und Kunstbetrieb, über Politik, Ökonomie, Handwerk, Fabrikwesen, Verkehr und über die Geistes- und Naturwissenschaften eines ganzen Zeitalters.

„Über allen Gipfeln / Ist Ruh, / In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch; / Die Vögelein schweigen im Walde / Warte nur, balde / Ruhest du auch.”

Dieses Gedicht, das ursprünglich einen anderen Titel trug, wurde allgemein als “Wandrers Nachtlied” bekannt. Nehmen wir für einen Augenblick an: Goethe schrieb die berühmten, unvergänglichen Zeilen am Abend eines schönen September-Tages in einer Jagdhütte hoch über dem thüringischen Städtchen Ilmenau in seinen Blog “Gedichte*Orte*Spuren”. Gleichzeitig schrieb er sie mit Bleistift an die Holzwand des Waldhäuschens. Tatsache ist: Dem frühen Graffiti verdanken wir die Überlieferung der einfachen, genialen Verse; es wurde zur Vorlage für mündliche Weitergabe und schriftliche Aufzeichnung. Die Vermutung liegt nahe: Das Blog wäre heute nicht mehr nachweisbar.

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„Alexander von Humboldt ist diesen Morgen für einige Stunden bei mir gewesen. Was ist das für ein Mann! Ich kenne ihn so lange und bin doch von neuem über ihn in Erstaunen. Man kann sagen, er hat an Kenntnissen und lebendigem Wissen nicht seinesgleichen. Und eine Vielseitigkeit, wie sie mir gleichfalls noch nicht vorgekommen ist! Wohin man rührt, er ist überall zu Hause und überschüttet uns mit geistigen Schätzen. Er gleicht einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt“.

So sprach einst unser Weimarer Dichterfürst hochachtungsvoll zum treuen Eckermann, der eifrig mitschrieb – wir atmen auf, dass der Austausch nicht mit Hilfe eines chat tools stattfand – , auf dass wir noch heute in den Gesammelten Werken des Dichters davon erfahren.

Auch an Humboldts Erfahrungen, Forschungen, Erkundungen können wir nach wie vor teilhaben. Viele Erkenntnisse und Ergebnisse gegenwärtiger Wissenschaft haben ihr Fundament in den Humboldtschen Vorarbeiten. Die “Ansichten der Natur” erschienen 1808 bei Cotta, sein “Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung” in den Jahren 1838 bis 1848 bei Perthes in Gotha. Auch von Alexander von Humboldt liegt eine äußerst umfangreiche Sammlung von Briefen vor, die bis heute vielfach editiert und ausgewertet wurde.

Einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Romane der letzten Jahrzehnte wäre ohne diese Dokumente und Publikationen nicht entstanden. In “Die Vermessung der Welt” gelingt dem Jungautor Daniel Kehlmann ein einzigartiges Doppelportrait der eigenwilligen Gelehrten Friedrich Wilhelm Gauß und Alexander von Humboldt. Das Buch hat seinen Höhepunkt in einer recht skurrilen Begegnung der beiden, zum Zeitpunkt der fiktiven Szene, schon älteren Männer. Es ist ausgesprochen lesbar und lesenswert, millionenfach verkauft und in viele Sprachen übersetzt.
Man ahnt was nun kommen muss: Und hätte Humboldt von seinen zahlreichen Reisen und Expeditionen gebloggt, getwittert, gemailt oder gechattet…

„In der Nacht schrieb Humboldt, zum Schutz gegen das Schneetreiben zusammengekauert unter einer Decke, zwei Dutzend Briefe, in denen er Europa die Mitteilung machte, daß von allen Sterblichen er am höchsten gelangt sei. Sorgfältig versiegelte er jeden einzelnen. Dann erst schwanden ihm die Sinne.“

(Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. – Reinbek bei Hamburg, 2005)

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In einem Aufsatz mit dem Titel “Das Buch. Nährstoff des Geistes, politische Waffe und Lebensbegleiter” (Volltext, 5.2010, S. 40 ff.) weißt die Konstanzer Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann darauf hin, dass es sich bei Bücherverbrennungen stets um ein Ritual der Demütigung und den Versuch der Vernichtung des Autors handelte. Als Zensurmaßnahmen waren sie nie effizient, denn irgendwo war immer noch ein Exemplar existent. Dieses hochmütige Medium war durch den Kleingeist nicht ausrottbar, denn “die Dauerhaftigkeit gedruckter Bücher geht im Druckzeitalter nicht auf das haltbare Material zurück … sondern auf ihre Vervielfältigung.” Das Buch hat schließlich 4.500 Jahre technische Evolution hinter sich und Inhalte transportiert die Nachdruck und Eindruck hinterliesen und bis heute Respekt verlangen.

Reden wir von Bloggs, Mails und Social Web, so zweifeln wir nicht nur sofort an der Langlebigkeit des technischen Mediums, sondern häufig auch an Nach- und Sinnhaltigkeit, sowie dem Niveau der transportierten Inhalte. Obwohl immer öfter gar nicht zutreffend, entstehen Unterstellung und Vorurteil über alles dort Veröffentlichte fast ohne kritische Differenzierung, während dem Buch und anderem Gedruckten oft Bedeutung und hehres Maß unterstellt wird. Das dies nicht immer und ausschließlich berechtigt ist, muss nicht betont werden. Doch analoge Medien haben sich so etwas wie eine historische und allgemein anerkannte Wertschätzung und Hochachtung erworben.

Auf jeden Fall ist sicher, dass wir bei elektronischen Medien vor der grundsätzlichen Frage stehen, was von ihnen nach Jahren und Jahrzehnten, nach mehreren Generationen von Hard- und Software, unterschiedlichen und wechselnden Standards, angesichts flottem Gehandel und Geschacher der Content-Anbieter, bleiben wird. Was wird damit in Zukunft Historikern und Verlegern, Schriftstellern und Naturforschern an Quellenmaterial zur Verfügung stehen?

Und damit sind wir wieder bei DINI, und deshalb ist der initiierte Wettbewerb eine gute Sache. Wie selten zuvor wird es immer wichtiger, Kreativität, Originalität, jugendlichen Sturm und Drang, dabei auch Überschwang duldend, anzustoßen, zu mobilisieren, dem Nachwuchs Anreize zu bieten aktiv zu werden. Vielleicht erkennen Bibliothekar, Verleger und Informationswissenschaftler späterer Generationen beim Blick in eine ferne Vergangenheit, die wir heute Gegenwart nennen, dass aus diesem Wettbewerb die ultimative Speicher-Idee, der dringend benötigte dauerhaftige Ideen-Speicher hervorging. Ob Papier oder digital: Information wird Wissen wird Bildung wird Zukunft. Da darf einfach nichts mehr verlorengehen.