Frankfurt, Ulm und Donaustrand

„Ich war zwischen den Dingen etwas, das da nicht hingehört.“

Nachdem wir wussten, weil es ein Herr mit skandinavischem Akzent verkündet hatte, dass Herta Müller den Nobelpreis bekommen würde, waren die Ulmer Buchhandlungen am LIMIT. Ein Streifzug durch die Läden in den Tagen nach dem Tag X, offenbarte manches SYMBOL. Allerhand Engel, Elfen und bissige Vampire. Von Verblendung bis Verdammnis – alles im Angebot. Aber nichts Lesbares der ausgezeichneten Rumäniendeutschen. „Atemschaukel“, vor kurzem in knapper Auflage erschienen, musste erst wieder in Auftrag gegeben werden. „120 Tausend in einigen Tagen“, verkündete der Verlag zuversichtlich. Es dauerte dann doch etwas länger, bis die Promi- und Sensationslust der Käufer das Werk sogar im Verkaufs-Ranking bei Amazon nach oben spülen konnte.

Mueller_23391_MR.inddHarte Zeiten für Herta. Von leichtem Infekt genesen, konnte sie Spotlights und Beifallsstürmen auf der Frankfurter Bühne nicht mehr entkommen. Selten hat eine Autorin, ein Autor, nach solcher Auszeichnung, so sehr unser Mitleid verdient. Mit schmalen Schultern und hängendem Kopf stand da eine kleine Frau vor vielen Menschen, die gar nicht mehr aufhören wollten mit Klatschen. Es war auch die Bitte um Absolution, weil man sehr wohl wusste, wie wenig ernst und wichtig man gerade diese Autorin vor dem 8. Oktober genommen hatte. Derweil übte sich ein Frankfurter Meta-Kritiker in ungewohntem Schweigen, das er wahrscheinlich für beredt hält.

Herta Müller und ihr Werk waren schon früher mit zahlreichen Preisen bedacht worden. So zum Beispiel mit dem ebenfalls sehr hoch dotierten „International IMPAC Dublin Literary Award“, den sie für die englische Übersetzung von „Herztier“ bekam. Zwei Besonderheiten hat diese Auszeichnung. Von dem außergewöhnlich üppigen Preisgeld (Euro 100.000) geht ein Viertel an den Übersetzer. Und am Preis beteiligen sich neben dem Hauptsponsor IMPAC auch die Kommune Dublin und deren Bibliotheken. Jetzt suchen wir die deutsche Stadt (SDDS) und das zugehörige Erfolgsunternehmen, die dem irischen Beispiel folgen!

Messe-Berichterstattung aus Frankfurt und im Frühjahr aus Leipzig ist ja inzwischen eine ganz eigene Literaturgattung geworden. Wenn es da für Spitzenleistung einen Preis gäbe, hätte diesen sicher Andrea Diener verdient. Ihr Blog ist ganz nah dran an den Stimmungen und der Autorin gelingt es wundervoll, diese ihren Lesern zu vermitteln. Unbedingt vorbeischauen!:

Zu Andrea Diener

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Claudio Magris, der diesjährige Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, ist ein italienischer Germanist. Warum kommt einem diese Berufbezeichnung nur so absurd vor? Kleiner Riese quasi ähnlich absonderlich und selten. (**) Und er – die Ulmer wird es wundern – er hat die Donau als verbundenen und verbindenden Kulturraum entdeckt. Lange vor Langer. Auf einer Flussfahrt mit Buch. Genau betrachtet ist er der originäre Erfinder aller Donaufeste. Zu schön um wahr zu sein, wenn er beim nächsten in Ulm zu Gast wäre.

Und dann schon wieder dieser E-Book-Hype. Zum Gähnen. Toll so ein Kindle! Teuer in Dollar. Was wir lesen dürfen bestimmt Amazon. Nur amerikanische Bücher und Zeitungen drauf. Das Ding ist in aller Munde und vor aller Augen, aber nicht wirklich dabei. Sony-Reader dito. Fortsetzungen folgen. The same procedure next spring in Leipzig. Aufregen nützt nichts. Angst haben vor der Entwicklung auch nicht. Am Ende entscheiden wir selbst, ob Bücher als Haupt-Trägermedium für schöne Literatur verschwinden werden.

Die meisten Chinesen sind nun auch zurück in China. Der eine oder andere Dissident, Kulturschaffende oder Wok-Betreiber hat es vorgezogen hier zu bleiben. Die anderen kommen aber eines Tages wieder. Sie werden es sein, die das ultimative E-Book mitbringen. Den Toyota-Suzuki-Volkswagen der Reader. Den haben dann aldi Lidls für wenig Penny im Angebot. Mehr Plus für Netto. Dann gibt es für den ganzen Druckramsch nur noch Joker. Aber bis dahin haben wir schließlich auch das letzte Feuchtgebiet trockengelegt, hat die Stadt Berlin einen ausgeglichenen Haushalt und Guido Westerwelle die absolute Mehrheit. Also, was kann uns da heute schon passieren?

Sopho„Sophokles war 84, als er die Antigone schrieb, da habe ich noch fast zwei Jahre Zeit.“ Sagte Martin Walser. Er war letzten Herbst in China auf Lesereise. Er wird dort viel übersetzt, gelesen und geschätzt. China hat eine lange Tradition im ehrenden Umgang mit weisen alten Männern. Deutschland im missverstehen wollen. Martin Walser hat es in China gefallen. Und so kam es, dass in Frankfurt Chinesen gerne über den Dichter vom großen Wasser sprachen und dass Martin Walser von China schwärmte. Aber das fiel kaum jemandem auf und kam in den Medien fast nicht vor. Dabei hätte gerade dies wirklich interessant, wichtig, erfreulich und verbindend sein können.

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(**) Kleine Verbeugung vor dem Meister des prädikatfreien Satzbaus. Weil, Bewunderung quasi Hilfsausdruck: Haas, Wolf: Der Brenner und der liebe Gott. – Hoffmann und Campe, 2009. Euro 18,99

Herbst-Lese (2)

Mein kleiner chinesischer Beitrag

Für uns Mitteleuropäer war es schon immer ein Leichtes nach China zu gelangen; es geht am besten mit der Eisenbahn ab Lummerland mit Lokführer Lukas. (1) Und am fernen Bahnsteig werden wir von Frau Mahlzahn in Empfang genommen. Die Reise für Chinesen in der umgekehrten Richtung scheint nicht ganz so einfach. Dennoch ist es nicht Wenigen gelungen, die Einladung als Gast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse anzunehmen. Andere, die sich auch auf die Reise machen wollten, kamen nicht an; am Heimatbahnhof fuhr der Zug ohne sie ab. In Frankfurt ging es derweil hoch her. Scheinriesen und Feuerdrachen kraftmeierten aufeinander los. Diplomaten und Politiker kamen ins Spiel.

Nun gehöre ich ja immer noch zu jenen Naiven, die glauben, man bräuchte nur die richtigen Bücher lesen, dann wird das gegenseitige Verständnis gefördert und man kommt damit Lösungen für Konflikte näher. Autoren, Bücher und Leser – geht es auf der Messe nicht hauptsächlich darum? Und irgendwie um China.

Selbst des vielschichtigen Themas völlig unkundig, machte ich mich auf die Suche nach Einstiegslektüre und stieß – wars im Börsenblatt oder bei Amazon? – auf die Autorin Luo Lingyuan. Beim Hinschreiben des Namens wird mir bereits wieder zweiflig. Hatte doch erst neulich der in China lebende und für den deutschen Buchpreis (2) nominierte Hesse und Jungautor Stephan Thome in einem Interview die Problematik der chinesischen Namensgebung und -nennung erläutert.

Luo 2Wie dem auch sei. Luo Lingyuan wurde in der Volksrepublik China geboren und absolvierte Ausbildungen zur Computerwissenschaftlerin und zur Journalistin. Nachdem sie in Shanghai Deutsch gelernt, dabei einen deutschen Studenten kennengelernt und geheiratet hatte, kam sie 1990 nach Berlin und erkannte als Erstes, dass es mit ihren real existierenden Sprachkenntnissen nicht weit her war. „Alles klang anders, als ich es gelernt hatte, ich verstand überhaupt nichts.“ Mit 27 fängt sie neu an, kellnert, putzt, arbeitet in einem Kaufhaus und nebenher lernt sie richtig Deutsch. Bald kann sie die Sprache ihrer neuen Heimat lesen und verstehen, wird Reiseführerin und Übersetzerin. Sie beginnt in der  Zweitsprache auch zu schreiben. 2005 erscheint ihr erster Erzählband, 2007 der erste Roman, „Die chinesische Delegation“ (3).

Darin erleben wir, wie die Reiseführerin Song Sanya eine Abordnung der chinesischen Millionenstadt Ningbo durch Europa begleitet. Während wir mit dieser Gruppe die chinesische Sichtweise auf unseren Kontinent kennenlernen, erfahren wir gleichzeitig Interessantes, Komisches und Intimes über die einzelnen Reisenden und damit auch über ihr Heimatland, dessen Denkweisen und Kulturen. Luos Schreibstil ist sehr realistisch und dialogbetont. Glänzend versteht sie es mit wörtlicher Rede dem Leser ihre Eindrücke und Vorstellungen zu vermitteln. Manchmal ist der Ton ironisch; den chinesischen Bilderreichtum von Schilderungen und Vergleichen hat sie übernommen und setzt ihn gekonnt zur Charakterisierung des handelnden Personals ein.

Das neueste Buch der Autorin – „Wie eine Chinesin schwanger wird“ – ist jetzt pünktlich zur Luo BuchFrankfurter Messe erschienen (4). Darin kehrt die chinesische Fotografin Tingyi nach jahrelangem Aufenthalt in Deutschland, gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Robert, nach China zurück, um den 70. Geburtstag des Vaters zu feiern. Zu ihrem Entsetzen erklärt das Familienoberhaupt im Kreis der Verwandten, ihre vorrangige Aufgabe bestehe nun darin, möglichst bald schwanger zu werden und der Familie ein weiteres Mitglied zu schenken. Ihr deutscher Partner ist begeistert von diesem Plan, aber die Irrungen und Wirrungen von Liebe und Eifersucht, sowie kulturelle Missverständnisse, bringen erst einmal alles durcheinander. Und wir Leser haben auch mit diesem Buch die unterhaltsame Möglichkeit mehr über Land und Menschen zu erfahren, als uns  gängige Reiseführer verraten.

Deshalb: Alle, die wie ich, über China weniger wie nichts wissen, aber darauf bestehen, chinesische Literatur lesen zu wollen: Luo Lingyuan lesen. Nicht der schlechteste Anfang einer Annäherung. Ein nicht ganz unvergnüglicher Weg damit zu beginnen, China etwas näherzukommen.

Ein schönes Buch über Unverständnis für fremde Kultur gab es vor etlichen Jahren ja schon einmal – und das sehr erfolgreich. Damals andersherum, von Ost nach West. Da kam einer nicht nur von  China nach Europa, sondern – kaum steigerungsfähig – ins bierschunklige München. Erschwerend kam hinzu, dass der Held aus fernöstlicher Vergangenheit in eine bayerische Gegenwart voller technischer Wunder und zwischenmenschlicher Formlosigkeit geriet (5). Allerdings kam er nicht nach Frankfurt, so dass wir uns nicht ausmalen können, wie der Zeitreisende auf die diesjährige China-Messe reagiert hätte. Der Belustigungsfaktor des Buches ist hoch, das Werk immer noch sehr lesenswert.

(1) Ende, Michael: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. – Stuttgart, Thienemanns, versch. Aufl. und Ausgaben

(2) Thome, Stephan: Grenzgang. Roman. – Frankfurt, Suhrkamp, 2009

(3) Luo, Lingyuan: Die chinesische Delegation. Roman. 2. Auflage. – München, dtv, 2007

(4) Luo, Lingyuan: Wie eine Chinesin schwanger wird. – München, dtv, 2009

(5) Rosendorfer, Herbert: Briefe in die chinesische Vergangenheit. – München, dtv, versch. Aufl.