Leipziger Begegnungen 2013

Autoren, Bücher, Themen rund um die diesjährige Buchmesse und das Literaturfest “Leipzig liest”

Der erste Teil

Weg und Hin. Auf dem Weg in die Bachstadt. Im wohltemperierten Zug durch winterliches Bayern, Franken und Thüringen nach Sachsen. Mittelgebirgige Schneelandschaft zwischen Bamberg und Saalfeld. Zeitungslektüre: Der neue Papst nennt sich Franziskus; 250. Geburtstag von Jean Paul. Hier ist seine Gegend gewesen. In Pressig-Rodenkirchen nördlich von Kronach heftiges Schneegestöber. Beachtliche Schneehöhen im Schiefergebirge, dem östlichen Ausläufer des Thüringer Waldes. Hinter Förtschendorf die zahlreichen Windungen eines kleinen Baches. Frisch-flotter Wasserlauf durch weiß-grau-braune Landschaft. Eine alte bemoste Steinbrücke von einer Seite auf die andere. Deutsche Traum- und Märchenlandschaft. Ab und an, meist unverhofft: sonnige Passagen.

Reisefreiheit. Blauer Himmel. Glitzernde Schneefelder die blenden. Der Zug fährt jetzt auf einem Damm, hoch über den Dorf-Giebeln und einem nur ellenbreiten Gewässer mit vielen Eisinseln. Forellenteiche. Eine Kläranlage. Probstzella, wo vor der Reisefreiheit sogenannte Interzonenzüge angehalten und die Reisenden von martialisch auftretenden Grenzern inspiziert wurden. Immer noch sind Relikte dieser Zeit zu sehen. Verlassenes Kleingewerbe, Hinterhöfe voll Gerümpel, verrostete Tatra-Lastwagen, Trabanten, Ölkanister.

Im dösigen Halbschlaf kommen mir Namen in den Sinn: Christoph Hein und Erich Loest, Wolfgang Hilbig und Christa Wolf, Werner Bräunig, Franz Fühmann. Nahe Saalfeld. Goethe könnte hier auf einer seiner geologischen Exkursionen gewandert sein. Schiller, von Jena kommend, bei festem und raschem Schritt Balladen-Verse erprobt haben. Am Sportplatz von Unterloquitz Werbung für das süffige Saalfelder. An einem Schuppen ein schwarzrotgoldener Pfeil von links unten nach rechts oben. “Aufschwung Ost” steht unter dem Pfeil. Legendbildung der Kohljahre. Ernüchterung beim Blick auf die Realitäten im Jahre 2013.

“An der Saale hellem Strande / stehen Burgen stolz und kühn / Ihre Dächer sind zerfallen, / und der Wind streicht durch die Hallen, / Wolken ziehen d´rüber hin.” Vertonte und häufig gesungene Verse die einst der aus Pommern stammende Historiker Franz Kugler in Jena dichtete. Jena um 1800: Ein Mittelpunkt deutscher Klassik, deutscher Denker, Sitz einer Universität von Geltung. Die Nietzsche-Stadt Naumburg mit ihrer Turmsilhouette. Der dem Zerfall überlassene Bahnhof von Großkorbetha. Daneben ein verrosteter Wasserspeicher auf kurzem Ziegelturm. Nach der Durchfahrt von Markranstädt (zerfallender Bahnhof) am Kulkwitzer See entlang. Ehemaliger Kohle-Tagebau, jetzt Wassersport-Zentrum. Dann beginnt Leipzig. In ausholendem Schienenbogen geht es in den größten Kopfbahnhof Europas.

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Wortmacht. Die Macht der Sprache und eine allererste Begegnung auf dem Messegelände. “Ich werde was machen mit der Sprache”, versprach Nora Gomringer auf der “Leseinsel junger Verlage”. Ein Versprechen das sie nuancenreich, mal zart, mal fulminant, vor dankbarem Publikum einlöste. “Text bewirkt ja was. Ich habe da überhaupt keinen Zweifel.”

“Wir sind das Volk!”. Ein Text, ein Ausruf, eine Manifestation, aus vier Worten bestehend, der viel bewirkte. Daran erinnerte Michail Sergejewitsch Gorbatschow, als er in Leipzig seine neue Autobiographie vorstellte und sich in einer Innenstadt-Kirche mit dem langjährigen politischen Weggenossen Hans Dietrich Genscher zum Gespräch traf. Der Menschen-Andrang war immens, das Medien-Echo gewaltig. Wendezeit-Erinnerungen. Anlass für nostalgischen Weißtdunoch?-Austausch. Inzwischen haben es die Völker dieser Erde wieder schwer. Weil es jetzt vorrangig um die Euros der Banken, den Zustand globaler Konzerne, den Kampf um Märkte und Rohstoffe geht. (s. dazu u. a.: Schulze, Dahn, Schirrmacher u. a.)

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Überzeugt von der Macht der Worte: Nora Gomringer

Großes Theater. In klarer kalter Nacht steht eine schmale Mondsichel am Himmel. Hinter den großen klassizistischen Festern der eindrucksvollen, frisch sanierten Stadtbibliothek der Buchstadt Leipzig brennt noch Licht. Lüsterglanz in Gewandhaus und Oper. Im Laternenschein des weiten Augustplatzes sind Menschgruppen unterwegs zum abendlichen Musikereignis. Auf der anderen Seite der Innenstadt ist auch das Schauspielhaus erleuchtet. Durch alte schwere Türen drängen fortwährend Menschen. Sehr viele “Leipzig liest”-Veranstaltungen finden hier statt. Am Freitag-Abend ist ein literarisches Quartett im Raum der “Hinterbühne” geplant. Als Teilnehmer vorgesehen sind Jakob Augstein, dessen viel zu wenig gelesenes Wochenblatt “Der Freitag” als Veranstalter fungiert, die Schriftstellerin Jana Hensel, der Leipziger Stadtschreiber Clemens Meyer und der Kulturredakteur Michael Angele.

Als alle Sitzplätze besetzt sind, viele weitere Interessenten abgewiesen wurden, nehmen auf der Bühne nur Angele und Meyer Platz. Ein Virus habe die beiden anderen niedergestreckt wird mitgeteilt. Angele nippt an einem kleinen Becher Wein. Meyer trinkt aus einem von zwei Halben Bier, die als Vorrat neben ihm stehen. Die Bücher? Naja. Tom Wolfe, „Back to Blood“ (lt. Verlag eine “bissige Satire auf den menschlichen Umgang mit gesellschaftlicher Realität.”); Ulrike Edschmids “Das Verschwinden des Philip S.” (Der Freund war Extremist, geht in den Untergrund, stirbt im Kugelhagel, vierzig Jahre her); Christiane Neudecker, „Boxenstopp“ (Formel 1 und Mißbrauchsthema in einen Topf bzw. Roman gerührt. Bei mir gehen aber bei Büchern über Autowahn immer alle Rolläden runter), Sabine Rennefanz, „Eisenkinder“ (Wut, Verzweiflung, Irrwege von Jugendlichen nach der Wende, autobiographisch, ein Thema das in Leipzig nicht übergangen werden kann). Ganz ehrlich: Für mich war da nichts dabei.

Die Diskussion beginnt. Anfangs wird abwechselnd gesprochen und besprochen, geurteilt und kritisiert. Bald wird aus der Diskussion Disput, Meyer zunehmend heftiger, reißt immer mehr das Wort an sich. Mit Zwischenruf fordert eine Dame den Leipziger auf, den Gesprächspartner doch wieder zu Wort kommen zu lassen. Meyer wird ausfällig (“Wenn es dir nicht passt…” oder so ähnlich) und fordert zum Verlassen des Saales auf. Dem Aufruf folgt daraufhin eine empörte knappe Hälfte des anwesenden Publikums. Angele bemüht zu beruhigen, bleibt beherrscht, will sein Honorar mit Seriosität verdienen. Letztlich arbeiten beide Protagonisten die vorgesehenen sechzig Minuten mehr oder weniger gequält ab. Die Zeugen des Eklats schwanken zwischen Fremdschämen und Erheiterung. Die „Leipziger Volkszeitung“ schreibt am nächsten Tag: “Das Duett geriet zum Duell mit reichlich Dissonanzen, jedoch hohem Unterhaltungswert.”

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Urteilskraft. Was diesen Zweien nicht gelang, wuppte Denis Scheck ganz alleine. Mehrmals täglich auf dem Messeforum der ARD, wusste er vor immer wieder zahlreichen (oder sagt man zahllos, wenn man ein Sehrviel nicht zählen will?) Zuschauern und Zuhörern, mit klaren, deutlichen und verständlichen Aussagen und Urteilen über Bücher zu fesseln und für das Lesen zu begeistern. Das ging Schlag auf Schlag. Die guten mit Kritikerlob überschütten, die schlechten in den (verbalen) Kübel. Die Bücher? Es waren sicher 20 bis 25 verschiedene Titel in einer halben Stunde.

Hier einige der interessantesten Beispiele: “Der Herr der Ringe” (beste Phantasy-Literatur, ein verkappter Roman über den 2. Weltkrieg, was der Autor nicht wahrhaben wollte, aber “der Text ist manchmal klüger als der Autor”), Coelho wird von Scheck generell und bei jeder Gelegenheit verrissen (Denis Scheck ist der absolute Anti-Coelho. Schund, Schwulst, Mist usw.) Nabokov, “Lolita” (absolutes Meisterwerk; man lese nur die ersten drei Sätze und wisse bescheid) und zum Thema Erotik in der Literatur folgte gleich “Shades of Gray” (nicht nur schlecht geschrieben, sondern auch inhaltlich unerträglich. Das Furchtbare seien nicht die sich ständig wiederholenden SM-Szenen, sondern – laut Denis Scheck – die gedankenlos perverse Demonstration von Reichtum und Wohlstand.)

Gelobt wurde hingegen der neue Roman des chinesischen Literaturnobelpreisträgers Yan Mo, “Frösche”, dem es damit endgültig gelungen sei, Vermutungen über eine Kungelei des Autors mit den Oberbonzen zu wiederlegen. In der Debatte um den Umgang mit aus heutiger Sicht diskriminierenden Bezeichnungen in älteren Büchern (“Neger”, “Hexe”) forderte Denis Scheck zur Sachlichkeit und Überprüfung zementierter Standpunkte aller Seiten auf. Und bat schließlich flehentlich und herzerweichend, doch seine Sendung “Druckfrisch” im SWR-Fernsehen regelmäßig anzuschauen, da sie sonst vom Quotentot bedroht sei.

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Laut. Lauter. Lauterbach. Wie der Heiner ist keiner. Schon die zweite Autobiographie. Lauterbachs Läuterung. Seit ich weißnichtmehrwieviel Jahren Verzicht auf Glücksspiel, kein Rumhuren mehr und kein Suff. Abschied vom schlechten Heiner. Ein neues, zweites Leben. Stolz ist der Hahn. Das muss die Welt wissen. Und die Welt will es wissen und strömt zu Hauf, wo immer der Kahlkopf hinter ein Mikrophon tritt.

Doch außer solchen Lautsprechern waren auch moderatere Darsteller zu hören und zu sehen, wie die Schauspielerin Carmen-Maja Antoni, ein in der Regenbogenpresse selten auftauchendes Gesicht, das im Fernsehen hin und wieder in Nebenrollen zu sehen ist. Schon als Kind und Jugendliche wirkte sie in DDR-Filmproduktionen mit. Ihre eigentliche Welt war und ist die Bühne. Seit 1976 ist sie am Berliner Ensemble engagiert, wo sie u.a. in zahlreichen Brechtrollen auftrat. “Im Leben gibt es keine Proben” heißen ihre anektodenreichen Erinnerungen, die sie zusammen mit Brigitte Biermann verfasst hat. Ein bemerkenswertes Kapitel (ost)deutscher Theatergeschichte.

Von Menschen und Büchern

Nachträge zur Leipziger Buchmesse 2010

Erster Teil – mit zwei Geburtstagen

Der Preis der Leipziger Buchmesse ging in diesem Jahr an Georg Klein für seinen „Roman unserer Kindheit“, den Sachbuchpreis erhielt Ulrich Raulff für sein Buch „Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben“, Ulrich Blumenbach erhielt für seine Übertragung des Romans „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace die Auszeichung für die beste Übersetzung. Das war im Donnerstag letzter Woche. Dem ersten Tag der Leipziger Buchmesse 2010.

Am Samstag wurde es sehr eng. Die Besucherströme mussten durch Sicherheits-Kräfte gesteuert, die Übergänge in die einzelnen Hallen zu Einbahnstraßen erklärt werden. Als am Abend des letzten Tages die Tore der Leipziger Buchmesse für dieses Jahr wieder geschlossen wurden, hatte man 159.000 Menschen gezählt. Erneut einige Tausend mehr als im Vorjahr. Geschätzte 5000 – fast ausschließlich Kinder und Jugendliche – waren in besonderer Mission unterwegs. Diese „Cosplayer“ (von costume play) verkleiden sich als Figuren aus Mangas, Computerspielen, Fantasy- oder Märchen-Literatur. Da sah man Naruto, Ume oder eine Herzkönigin, Engel mit überdimensionierten Flügeln, Rotkäppchen, das in dieser Version dem gefräßigen Wolf Schluckbeschwerden bereiten wird. Nicht wenige Besucher nahmen allerdings Anstoß an dieser Farbigkeit und fanden die, aus ihrer Sicht karnevalesken Elemente, fehl am Platz. Doch Messe-Direktor Oliver Zille stellte im MDR-Gespräch klar, dass Messe Markt ist und dass er es sehr begrüße, dass dieses Segment alljährlich nach Sachsen kommt. Es wäre auch zu schade und folgenreich, so ein engagiertes und belebendes Publikum zu vertreiben. Jungen Menschen einmal mehr klar zu machen, dass sie mit ihrer Art und ihren Interessen nicht erwünscht sind, kann kein Weg sein.

Sehr viele Besucher kamen wegen der präsenten Prominenz. Dem greisen Ex-Präsidenten Richard von Weizsäcker, Stasi-Aufklärer Joachim Gauck, der Sieben-Brücken-Combo Karat, der schrill-vitalen Missionarin Nina Hagen, der drall-vergnügten Plaudertasche Marianne Sägebrecht, um nur Einige zu nennen. Andere, eher die kleinere Zahl, waren auf der Suche nach literarischem Neuland, nach Künstlern, die in unserem Lande noch nicht so oder auch gar nicht bekannt sind, wie jene aus Südost-Europa oder einige Skandinavier.

Der demonstrativen Wucht der allgegenwärtigen Medien konnte sich niemand entziehen. Allerdings waren von den Rundfunk- und Fernseh-Anstalten nur die öffentlich-rechtlichen vor Ort. RTL, SAT1, Vox und wie sie alle heißen, haben natürlich ganz andere Sorgen, Stars und Zielgruppen. Bei den Tages- und Wochenzeitungen durfte man sich über die Anwesenheit echter Qualitätsorgane wie Zeit, Süddeutsche usw. freuen und darüber wundern, wo eigentlich „Der Spiegel“ geblieben war. Offensichtlich wird in Hamburg zielstrebig an der weiteren Boulevardisierung des einstmals wichtigsten deutschen politischen Wochen-Blattes gearbeitet. Besonders groß ist Jahr für Jahr der Einsatz der hervorragend gestaltet und geschriebenen örtlichen „Leipziger Volkszeitung“. Deren ständig überfüllte Lesearena, in der zahlreiche bekannte und noch bekanntere Persönlichkeiten auftraten, benötigt in der Zukunft vielleicht einmal ein verändertes, möglicherweise offeneres, Konzept, um dem Massen-Ansturm Herr zu werden. Bei den westdeutschen Medien kann man insgesamt eine gewisse Zurückhaltung feststellen, was die Berichterstattung über die Leipziger Buchmesse betrifft. Wird berichtet, ist nicht selten eine leichte Überheblichkeit zu verzeichnen, die Züge herablassenden Spotts annimmt, wenn die Zeitung aus Frankfurt kommt.

Die Musik spielt in Leipzig. Und auch auf der jährlichen Buchmesse. Dort ist die Musikstadt mit einem eigenen Stand vertreten, auf dem Komponisten, die in Leipzig wirkten – wie Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn-Bartholdy – die zentrale Rolle spielen. Just während der Messetage, am 21. März, konnte der 325. Geburtstag von Johann Sebastian Bach begangen werden. Zur Feier dieses Jubiläums wurde das Bach-Museum erweitert und generalüberholt neu eröffnet und fand in der Thomas-Kirche ein Fest-Konzert mit dem Thomaner-Chor statt; zu Gehör gebracht wurden Kantaten von Bach und Telemann. Der Musikstadt-Messestand sollte auch den jüngsten Nachwuchs erreichen. Um seine Aufmerksamkeit wurde mit allerhand spielerischen Klangwerken geworben. Einen eigenen Ausstellungsbereich bekamen erstmals die Musik-Verleger. Neben großen Namen, wie Bärenreiter und Schott, nutzten auch kleinere Anbieter die Leipziger Gelegenheiten. Gerade bei diesen und ähnlich bei den schmalen, weniger bekannten Literatur-Verlagen, gab es die Möglichkeit zu mancher Entdeckung und interessanten Gesprächen.

Die vielbesprochene und –diskutierte Helene Hegemann konnte einem nur Leid tun. Im Rahmen der auch in Leipzig sehr heftigen Debatte rund um die akuten Probleme mit einem zeit- und mediengerechten Urheberrecht, wurde sie zum Spielball der verschiedenen Interessen-Gruppen. Gleichzeitig sollte sie als Teenie-Star der deutschen Literatur herhalten und für Zulauf und Umsätze sorgen. Eine Rolle mit der sie sichtlich überfordert war und deshalb völlig erschöpft die Messe vorzeitig verlassen musste. Was den Plagiatsvorwurf und im Zusammenhang damit, ihre literarischen Fähigkeiten betrifft, bekam sie Unterstützung von prominenter Seite. Martin Walser in einem Interview der Frankfurter Rundschau: „Die Anfangsgeschwindigkeit – wenn ich das mal mit einer Rakete vergleiche – hat sie doch von sich. Andernfalls würde sie doch das nicht alles herholen wollen. Das ist doch klar.“

Walser selbst, gern gesehener Gast in Leipzig und immer noch und wieder ein Publikumsmagnet, konnte gleich zwei neue Bücher präsentieren. Seine glaubenssehnsüchtige Novelle „Mein Jenseits“ und den neuesten Tagebuchband „Leben und Schreiben – Tagebücher 1974 – 1978.“ Gerade dieses Buch bot reichlich Diskussions- und Gesprächsstoff. Der Autor, in seinem Leben von den Medien mal links, mal rechts einsortiert, seine Werke, mal zerrissen, dann wieder in den Himmel gelobt, machte deutlich, wie wertvoll Tagebücher für die Aggressions-Abfuhr und die Bewältigung von Alltagen unterschiedlichster Zumutbarkeits-Schwere sind. „Tagebuchschreiben ist eine Lebensart“, sagt Martin Walser deshalb. Am heutigen 24. März wird er 83 Jahre alt. In Leipzig gab er sich offen plaudernd, dachte und formulierte brillant. Noch immer ist der Dichter vom Bodensee „Gedankenreich. Sprachmächtig.“ (Denis Scheck) Möge uns dieser wichtige Autor mit all seiner vitalen Schaffenskraft noch lange erhalten bleiben. Von dieser Stelle: Alles, alles Gute, Martin Walser!

Den sprachlichen (Ur-)Gewalten und der intellektuellen Präsenz eines Clemens Meyer waren nicht alle Moderatoren gewachsen. So flüchtete sich Tina Mendelssohn im 3sat-Gespräch in die Bitte, der Autor möge doch – was eigentlich nicht vorgesehen war – aus seinem neuen Buch „Gewalten“ vorlesen, da sie offensichtlich Schwierigkeiten hatte, angemessene Fragen zu formulieren. Meyer ergab sich mit ironischer Nachsicht, das Publikum unterstützte mit kräftigem Beifall und nach der Veranstaltung mit vielen Signierwünschen. Sein neuestes Werk trägt den Untertitel „ein Tagebuch“. Ein Kunstgriff, wie Meyer erläuterte, der es ihm ermöglicht hat, die Kurzgeschichten mehr oder weniger lose miteinander zu verbinden, zueinander in Beziehung zu setzen oder auch persönliche Elemente einfließen lassen zu können, ohne zwischen Autor und Protagonisten ständig differenzieren zu müssen. Ein Verfahren dass bereits Daniel Kehlmann in seinem Erzählband „Ruhm“ anwandte. In Meyers Geschichten geht es um Ereignisse des Jahres 2009 und ihr Gewaltpotential. Der Autor spannt einen Bogen von den Erlebnissen eines Einzelnen in der psychiatrischen Notaufnahme bis zum traumatisierenden Amok-Lauf von Winnenden. Die Stärke des Buches ist es, dass solche Ausmaße von Wahnwitz, solche Alpträume, erzählbar werden und dass es damit auch einen Beitrag zur Verarbeitung leistet.

Das umfangreiche, bunte Lese-Festival „Leipzig liest“ breitete sich vier Tage in der gesamten Sachsen-Metropole aus und bewies erneut, wie ein großes, dennoch sehr unterschiedliches Publikum, für die Literatur und ihre vielfältigen Darstellungs-Möglichkeiten, zu begeistern und gleichzeitig postmoderne, urbane Räume mit Menschen, Phantasie und Lebensart gefüllt werden können. Bis weit in die Nacht hinein waren Kneipen, Theater und Buchhandlungen, alte Kino- und Gerichtssäle, Bibliotheken und Museen voller Neugieriger und Enthusiasten, die danach noch stundenlang an Theken oder im Freien unter Heizpilzen bei Bier, Wein und Bionade Gedanken und Ideen austauschten.

Die Nobelpreis-Träger waren natürlich auch da. Herta Müller las im bis auf den letzten Platz besetzten Central-Theater aus „Atemschaukel“ und Günter Grass traf, sah und hörte man auf dem Messegelände eigentlich überall. Zu Günter Grass demnächst mehr in diesem Blog.