Leipziger Buchmesse 2014

Der zweite Teil: Menschen und Bücher

„Wie wohl ist dem, der dann und wann / Sich etwas Schönes dichten kann.“ (Wilhelm Busch)

Gleich zweimal ist mir diesmal in Leipzig der Name Shakespeare begegnet.

Zunächst in Denis Schecks Einmann-Talkshow. Dieser fulminanten Live-Version der „beliebten Familiensendung Druckfrisch“. Zwanzig, dreißig Bücher im Schnelldurchlauf. Überraschenderweise werden der neue Schätzing und der aktuelle Donna-Tartt-Wälzer empfohlen. Die Titel der Verrisse habe ich schon wieder vergessen. Dem großen William widmete sich der Schnelldenker und –sprecher aus Anlass von dessen 450. Geburtstag am 26. April etwas ausführlicher. Er lobte die Neuübertragungen in ein zeitgemäßes Deutsch von Frank Günther. Sie tragen dazu bei, dass ein Theaterautor, der ursprünglich nur zur kurzweiligen Unterhaltung seiner Zeitgenossen schrieb, jahrein, jahraus auf so vielen Bühnen gespielt wird. Im Staatstheater gehört er ebenso zum festen Repertoire wie in den Theatergruppen von Waldorfschulen. Zur vertiefenden Beschäftigung empfahl Meister Scheck die brandneue große Biographie von Hans-Dieter Gelfert „William Shakespeare in seiner Zeit“ und „Shakespeares ruhelose Welt“ von Neil MacGregor.

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Der Zeitgenosse Shakespeare heißt Nicholas und schreibt Prosa.

Der andere Shakespeare heißt Nicholas und ist Weltreisender, Journalist, Schriftsteller, Autor einer Bruce-Chatwin-Biographie, Mitglied der „Royal Society of Literature“ und Brite durch und durch. Unter dem schlichten Titel „Priscilla“ hat er einen Roman geschrieben, der sich sehr frei am Leben einer Tante Shakespeares orientiert. Ausgangspunkt war dabei ein Gerücht das besagte, dass diese Verwandte, die jahrelang in Frankreich lebte, der Widerstandsbewegung gegen Hitler-Deutschland angehörte. Eine Legende, die den Recherchen des Autors nicht standhielt. Priscilla, die in Wirklichkeit anders hieß, entpuppte sich als genusssüchtige, virulente Lebefrau, die mit Politik nichts am stets modischen Hut hatte. Dennoch bot ihr Lebenslauf genügend Stoff für eine deftige Erzählung vor historischem Hintergrund.

Nicholas Shakespeare ist ein Musterbeispiel für die professionelle Art englischer und amerikanischer Verlage einen Autor und seine Werke zu vermarkten – vorzugsweise multimedial. Die Macher spielen dabei geschickt den Trumpf, dass sie Bücher in einer weltweit gelesenen Sprache bewerben können. Schriftsteller werden dabei zum Produkt, zur Marke stilisiert. Und in der Tat erscheinen uns Stephen King, Donna Tartt, Dan Brown, John Grisham, Elizabeth George & Co. längst als gekonnt platzierte „Registered Trademarks ®.

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Jonathan Lethem. Ein amerikanischer Autor mit familiären Wurzeln in der „Geistigen Lebensform“ Lübeck.

Auswüchse bleiben dabei nicht aus. Etwa wenn uns das neue Buch des US-Amerikaners Jonathan Lethem als „die Buddenbrooks der amerikanischen Linken“ angedreht werden soll. Lethem hatte Großeltern, die einst in Lübeck ganz in der Nähe der Familie Mann lebten, bevor sie emigrierten. Es ist sicher nicht uninteressant wenn er in „Der Garten der Dissidenten“ die Geschichte einer Familie erzählt, die aus gesellschaftspolitischen Außenseitern und chronischen Protestlern besteht. Ein spannender Blickwinkel auf die innere Verfasstheit der Vereinigten Staaten, der uns nicht häufig geboten wird. Der Bogen spannt sich vom Kommunismus der 1950-Jahre bis zur Occupy-Bewegung der Gegenwart. Und doch haben solche Bücher und ihre Autoren etwas Verwechselbares. Werk und Auftritt des Produzenten wirken zu glattgeschliffen, allzu passend gemacht für die globale Verkäuflichkeit. Und natürlich ist Lethem, wie viele seiner Kollegen, im Nebenjob Dozent für „Creative Writing“ an irgendeinem schicken Ost- oder Westküsten-College – so etwas wie ein Standardbestandteil vieler Autoren-Laufbahnen.

Strategien, Realitäten, Eindrücke mit denen man konfrontiert wird, weil Buchmessen eben zu allererst Marktplätze sind. Literatur wird nicht nur von geneigten und vernarrten Lesern erlebt, sondern von ihren Anbietern gezielt auf kommerziellen Erfolg getrimmt und so regelrecht dekonstruiert. Verbunden damit ist eine Art Pflicht zum Bewunderungszwang des Autors oder der – soweit einigermaßen vorzeigbar – Autorin als Held (oder Literatur-Model) medialer Großereignisse. Natürlich hänge ich, wie auch viele andere Leser, nur zu gerne meinen Träumen nach. In denen ist die literarische Künstlerspezies in Dachstuben und Elfenbeintürmen ansässig, musengeküsst emsig am Werke, mit allen Freiheiten dichterischen Denkens und Schreibens gesegnet. Zum Glück bietet gerade Leipzig und sein Drumherum in Form des Lese-Festivals „Leipzig liest“ noch die eine oder andere Nische und Abseite. Da sie weniger pekuniär orientiert sind, und nicht von Marktschreiern unüberhörbar gemacht werden, wollen sie gesucht und entdeckt werden.

Gar nicht so schwer zu finden ist das „Ariowitsch-Haus“. Im Mai 2009 wurde dieses „Zentrum für jüdische Kultur in Leipzig“ eingeweiht. Es liegt in der Nähe der Arena und ist mit mehreren Straßenbahnlinien bequem zu erreichen. Alljährlich finden dort zahlreiche Veranstaltungen im Begleitprogramm der Buchmesse statt. In diesem Jahr waren u. a. David Safier, Jutta Ditfurth, Benjamin Stein und Thomas Meyer im dem imposanten, gründlich restaurierten und zweckmäßig umgestalteten Gebäude, das aus den 1920er-Jahren stammt, zu Gast.

media_30941290--INTEGERThomas Meyer ist ein jüngerer Schweizer Schriftsteller, dessen Roman „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ vor gut einem Jahr als Originalausgabe und jetzt als Taschenbuch bei Diogenes erschienen ist. Hinter dem originellen Titel verbirgt sich ein Roman, der die Geschichte eines jungen Mannes aus einer orthodoxen jüdischen Familie in Zürich erzählt. Mordechai Wolkenbruch, von der omnipräsenten Mutter „Mottele“ genannte, verlässt die vom Milieu vorgesehene tradierte Linie und verliebt sich in eine nichtjüdische Kommilitonin, eben eine „Schickse“. Turbulenzen, Dramatik und Komik kommen in diesem Buch nicht zu kurz. Die Lektüre wird allerdings durch eine Sprachschwelle ebenso erschwert wie bereichert. Der Autor hat immer wieder Passagen in Jiddisch verfasst. Ich kann versichern: Man liest sich ein. Zudem erleichtert ein Jiddisch-Glossar die Orientierung und abgerundet wird das Ganze mit einem Matzenknödel-Rezept – ein Hinweis darauf, dass das Essen in der Familie Wolkenbruch eine große Rolle spielt:

„Er habe Matzenkrümel im bort, sagte Dana. Ob er noch a knajdl wolle, fragte meine Mutter.“

Jahr für Jahr statte ich dem „Nordischen Forum“ einen Besuch ab und kann regelmäßig Entdeckungen machen, die es den deutschen Feuilletons und Literaturseiten nicht wert sind, erwähnt zu werden. Zu den prominentesten Gästen zählte 2014 der schwedische Krimisamfliesband-Produzent Hakan Nesser, dessen Geschichten ich allerdings nicht allzu viel abgewinnen kann. Ich habe mir stattdessen den Titel „Sibelius und seine Zeit“ notiert. Sibelius ist einer meiner Lieblingskomponisten, sein Violinkonzert steht für mich auf einer Stufe mit dem Beethovens. Tomi Mäkelä „entwirft ein detailreiches Panorama zu Sibelius kompositorischem Gesamtwerk an der Schwelle zur Moderne sowie den Umständen, in denen es entstand.“ (Verlag Laaber)

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Die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardóttir stellte auf der Leipziger Buchmesse ihren neuen Roman vor.

Und ich hatte Gelegenheit eine der prominentesten Autorinnen Islands sehen und hören zu können. Allerdings ist Steinunn Sigurdardóttir eine ausgesprochen polyglotte Persönlichkeit. Nach Jahren in Großbritannien und Frankreich lebt sie seit einiger Zeit in Berlin. Jetzt im Frühling freut sie sich besonders über die blühenden Kastanien, gibt es doch in ihrer kahlen nordischen Heimat keinerlei Bäume. „Jojo“ heißt ihr neuestes Werk, das jetzt bei Rowohlt erschienen ist. Es ist bereits ihr achtes Buch, das auf Deutsch übersetzt wurde. Es geht um einen Radiologen in Berlin, der einen Obdachlosen medizinisch versorgt und damit rettet. Eine Freundschaft bahnt sich sogar an, doch beide Männer sind so unterschiedlich und haben Geheimnisse in ihrer Vergangenheit, die einen Schatten auf ihr Leben und ihre Beziehung werfen. Der Abschnitt, den die Autorin vor dichtgedrängtem Publikum im kleinen, intimen Rahmen des „Nordischen Forum“ las, macht Lust auf mehr.

Leipziger Begegnungen 2013

Autoren, Bücher, Themen rund um die diesjährige Buchmesse und das Literaturfest “Leipzig liest”

Der erste Teil

Weg und Hin. Auf dem Weg in die Bachstadt. Im wohltemperierten Zug durch winterliches Bayern, Franken und Thüringen nach Sachsen. Mittelgebirgige Schneelandschaft zwischen Bamberg und Saalfeld. Zeitungslektüre: Der neue Papst nennt sich Franziskus; 250. Geburtstag von Jean Paul. Hier ist seine Gegend gewesen. In Pressig-Rodenkirchen nördlich von Kronach heftiges Schneegestöber. Beachtliche Schneehöhen im Schiefergebirge, dem östlichen Ausläufer des Thüringer Waldes. Hinter Förtschendorf die zahlreichen Windungen eines kleinen Baches. Frisch-flotter Wasserlauf durch weiß-grau-braune Landschaft. Eine alte bemoste Steinbrücke von einer Seite auf die andere. Deutsche Traum- und Märchenlandschaft. Ab und an, meist unverhofft: sonnige Passagen.

Reisefreiheit. Blauer Himmel. Glitzernde Schneefelder die blenden. Der Zug fährt jetzt auf einem Damm, hoch über den Dorf-Giebeln und einem nur ellenbreiten Gewässer mit vielen Eisinseln. Forellenteiche. Eine Kläranlage. Probstzella, wo vor der Reisefreiheit sogenannte Interzonenzüge angehalten und die Reisenden von martialisch auftretenden Grenzern inspiziert wurden. Immer noch sind Relikte dieser Zeit zu sehen. Verlassenes Kleingewerbe, Hinterhöfe voll Gerümpel, verrostete Tatra-Lastwagen, Trabanten, Ölkanister.

Im dösigen Halbschlaf kommen mir Namen in den Sinn: Christoph Hein und Erich Loest, Wolfgang Hilbig und Christa Wolf, Werner Bräunig, Franz Fühmann. Nahe Saalfeld. Goethe könnte hier auf einer seiner geologischen Exkursionen gewandert sein. Schiller, von Jena kommend, bei festem und raschem Schritt Balladen-Verse erprobt haben. Am Sportplatz von Unterloquitz Werbung für das süffige Saalfelder. An einem Schuppen ein schwarzrotgoldener Pfeil von links unten nach rechts oben. “Aufschwung Ost” steht unter dem Pfeil. Legendbildung der Kohljahre. Ernüchterung beim Blick auf die Realitäten im Jahre 2013.

“An der Saale hellem Strande / stehen Burgen stolz und kühn / Ihre Dächer sind zerfallen, / und der Wind streicht durch die Hallen, / Wolken ziehen d´rüber hin.” Vertonte und häufig gesungene Verse die einst der aus Pommern stammende Historiker Franz Kugler in Jena dichtete. Jena um 1800: Ein Mittelpunkt deutscher Klassik, deutscher Denker, Sitz einer Universität von Geltung. Die Nietzsche-Stadt Naumburg mit ihrer Turmsilhouette. Der dem Zerfall überlassene Bahnhof von Großkorbetha. Daneben ein verrosteter Wasserspeicher auf kurzem Ziegelturm. Nach der Durchfahrt von Markranstädt (zerfallender Bahnhof) am Kulkwitzer See entlang. Ehemaliger Kohle-Tagebau, jetzt Wassersport-Zentrum. Dann beginnt Leipzig. In ausholendem Schienenbogen geht es in den größten Kopfbahnhof Europas.

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Wortmacht. Die Macht der Sprache und eine allererste Begegnung auf dem Messegelände. “Ich werde was machen mit der Sprache”, versprach Nora Gomringer auf der “Leseinsel junger Verlage”. Ein Versprechen das sie nuancenreich, mal zart, mal fulminant, vor dankbarem Publikum einlöste. “Text bewirkt ja was. Ich habe da überhaupt keinen Zweifel.”

“Wir sind das Volk!”. Ein Text, ein Ausruf, eine Manifestation, aus vier Worten bestehend, der viel bewirkte. Daran erinnerte Michail Sergejewitsch Gorbatschow, als er in Leipzig seine neue Autobiographie vorstellte und sich in einer Innenstadt-Kirche mit dem langjährigen politischen Weggenossen Hans Dietrich Genscher zum Gespräch traf. Der Menschen-Andrang war immens, das Medien-Echo gewaltig. Wendezeit-Erinnerungen. Anlass für nostalgischen Weißtdunoch?-Austausch. Inzwischen haben es die Völker dieser Erde wieder schwer. Weil es jetzt vorrangig um die Euros der Banken, den Zustand globaler Konzerne, den Kampf um Märkte und Rohstoffe geht. (s. dazu u. a.: Schulze, Dahn, Schirrmacher u. a.)

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Überzeugt von der Macht der Worte: Nora Gomringer

Großes Theater. In klarer kalter Nacht steht eine schmale Mondsichel am Himmel. Hinter den großen klassizistischen Festern der eindrucksvollen, frisch sanierten Stadtbibliothek der Buchstadt Leipzig brennt noch Licht. Lüsterglanz in Gewandhaus und Oper. Im Laternenschein des weiten Augustplatzes sind Menschgruppen unterwegs zum abendlichen Musikereignis. Auf der anderen Seite der Innenstadt ist auch das Schauspielhaus erleuchtet. Durch alte schwere Türen drängen fortwährend Menschen. Sehr viele “Leipzig liest”-Veranstaltungen finden hier statt. Am Freitag-Abend ist ein literarisches Quartett im Raum der “Hinterbühne” geplant. Als Teilnehmer vorgesehen sind Jakob Augstein, dessen viel zu wenig gelesenes Wochenblatt “Der Freitag” als Veranstalter fungiert, die Schriftstellerin Jana Hensel, der Leipziger Stadtschreiber Clemens Meyer und der Kulturredakteur Michael Angele.

Als alle Sitzplätze besetzt sind, viele weitere Interessenten abgewiesen wurden, nehmen auf der Bühne nur Angele und Meyer Platz. Ein Virus habe die beiden anderen niedergestreckt wird mitgeteilt. Angele nippt an einem kleinen Becher Wein. Meyer trinkt aus einem von zwei Halben Bier, die als Vorrat neben ihm stehen. Die Bücher? Naja. Tom Wolfe, „Back to Blood“ (lt. Verlag eine “bissige Satire auf den menschlichen Umgang mit gesellschaftlicher Realität.”); Ulrike Edschmids “Das Verschwinden des Philip S.” (Der Freund war Extremist, geht in den Untergrund, stirbt im Kugelhagel, vierzig Jahre her); Christiane Neudecker, „Boxenstopp“ (Formel 1 und Mißbrauchsthema in einen Topf bzw. Roman gerührt. Bei mir gehen aber bei Büchern über Autowahn immer alle Rolläden runter), Sabine Rennefanz, „Eisenkinder“ (Wut, Verzweiflung, Irrwege von Jugendlichen nach der Wende, autobiographisch, ein Thema das in Leipzig nicht übergangen werden kann). Ganz ehrlich: Für mich war da nichts dabei.

Die Diskussion beginnt. Anfangs wird abwechselnd gesprochen und besprochen, geurteilt und kritisiert. Bald wird aus der Diskussion Disput, Meyer zunehmend heftiger, reißt immer mehr das Wort an sich. Mit Zwischenruf fordert eine Dame den Leipziger auf, den Gesprächspartner doch wieder zu Wort kommen zu lassen. Meyer wird ausfällig (“Wenn es dir nicht passt…” oder so ähnlich) und fordert zum Verlassen des Saales auf. Dem Aufruf folgt daraufhin eine empörte knappe Hälfte des anwesenden Publikums. Angele bemüht zu beruhigen, bleibt beherrscht, will sein Honorar mit Seriosität verdienen. Letztlich arbeiten beide Protagonisten die vorgesehenen sechzig Minuten mehr oder weniger gequält ab. Die Zeugen des Eklats schwanken zwischen Fremdschämen und Erheiterung. Die „Leipziger Volkszeitung“ schreibt am nächsten Tag: “Das Duett geriet zum Duell mit reichlich Dissonanzen, jedoch hohem Unterhaltungswert.”

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Urteilskraft. Was diesen Zweien nicht gelang, wuppte Denis Scheck ganz alleine. Mehrmals täglich auf dem Messeforum der ARD, wusste er vor immer wieder zahlreichen (oder sagt man zahllos, wenn man ein Sehrviel nicht zählen will?) Zuschauern und Zuhörern, mit klaren, deutlichen und verständlichen Aussagen und Urteilen über Bücher zu fesseln und für das Lesen zu begeistern. Das ging Schlag auf Schlag. Die guten mit Kritikerlob überschütten, die schlechten in den (verbalen) Kübel. Die Bücher? Es waren sicher 20 bis 25 verschiedene Titel in einer halben Stunde.

Hier einige der interessantesten Beispiele: “Der Herr der Ringe” (beste Phantasy-Literatur, ein verkappter Roman über den 2. Weltkrieg, was der Autor nicht wahrhaben wollte, aber “der Text ist manchmal klüger als der Autor”), Coelho wird von Scheck generell und bei jeder Gelegenheit verrissen (Denis Scheck ist der absolute Anti-Coelho. Schund, Schwulst, Mist usw.) Nabokov, “Lolita” (absolutes Meisterwerk; man lese nur die ersten drei Sätze und wisse bescheid) und zum Thema Erotik in der Literatur folgte gleich “Shades of Gray” (nicht nur schlecht geschrieben, sondern auch inhaltlich unerträglich. Das Furchtbare seien nicht die sich ständig wiederholenden SM-Szenen, sondern – laut Denis Scheck – die gedankenlos perverse Demonstration von Reichtum und Wohlstand.)

Gelobt wurde hingegen der neue Roman des chinesischen Literaturnobelpreisträgers Yan Mo, “Frösche”, dem es damit endgültig gelungen sei, Vermutungen über eine Kungelei des Autors mit den Oberbonzen zu wiederlegen. In der Debatte um den Umgang mit aus heutiger Sicht diskriminierenden Bezeichnungen in älteren Büchern (“Neger”, “Hexe”) forderte Denis Scheck zur Sachlichkeit und Überprüfung zementierter Standpunkte aller Seiten auf. Und bat schließlich flehentlich und herzerweichend, doch seine Sendung “Druckfrisch” im SWR-Fernsehen regelmäßig anzuschauen, da sie sonst vom Quotentot bedroht sei.

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Laut. Lauter. Lauterbach. Wie der Heiner ist keiner. Schon die zweite Autobiographie. Lauterbachs Läuterung. Seit ich weißnichtmehrwieviel Jahren Verzicht auf Glücksspiel, kein Rumhuren mehr und kein Suff. Abschied vom schlechten Heiner. Ein neues, zweites Leben. Stolz ist der Hahn. Das muss die Welt wissen. Und die Welt will es wissen und strömt zu Hauf, wo immer der Kahlkopf hinter ein Mikrophon tritt.

Doch außer solchen Lautsprechern waren auch moderatere Darsteller zu hören und zu sehen, wie die Schauspielerin Carmen-Maja Antoni, ein in der Regenbogenpresse selten auftauchendes Gesicht, das im Fernsehen hin und wieder in Nebenrollen zu sehen ist. Schon als Kind und Jugendliche wirkte sie in DDR-Filmproduktionen mit. Ihre eigentliche Welt war und ist die Bühne. Seit 1976 ist sie am Berliner Ensemble engagiert, wo sie u.a. in zahlreichen Brechtrollen auftrat. “Im Leben gibt es keine Proben” heißen ihre anektodenreichen Erinnerungen, die sie zusammen mit Brigitte Biermann verfasst hat. Ein bemerkenswertes Kapitel (ost)deutscher Theatergeschichte.