AusLese 2017. Der zweite Teil

Literatur ist Wissen, wie beschränkt auch immer – wie alles Wissen. Doch sie ist nach wie vor einer der wichtigsten Wege, die Welt zu verstehen. Gute Schriftsteller verstehen viel von Komplexität, von der Komplexität der Gesellschaft, des privaten Lebens, der familiären Abhängigkeiten und Gefühle, von der Macht des Eros, von den unterschiedlichen Ebenen des Empfindens und Kämpfens. (Susan Sontag)

Mit Marc-Uwe Kling ins QualityLand.

Klings Känguru-Chroniken haben landesweit Leser und Hörer begeistert. Insbesondere die Hörbuch-Versionen verkaufen sich wie warme Schrippen. Offensichtlich treffen die beiden Hauptfiguren, der Erzähler und sein Haustier mit Migrationshintergrund (Australien ist eigentlich ein sicheres Herkunftsland!), einen empfindsamen Nerv des Lesepublikums. So verrückt, so anarchisch, ja so frei, wäre man gern und ist gleichzeitig erleichtert, dass man es nicht ist.

Mit seinem neuen Buch stößt der vielseitige Autor, Kabarettist und Sänger in epische Dimensionen vor. Ein satirischer Zukunftsentwurf, bei der uns gelegentlich das Lächeln in den Mundwinkeln gefriert, denn Kling siedelt seine Visionen nicht in einem fernen Jahrhundert an, sondern lässt ahnen, dass diese schöne neue Welt bereit ist zur neuen Wirklichkeit zu werden. Hauptperson des Romans ist der Maschinenverschrotter (sic!) Peter Arbeitsloser (sic! sic!) der sich wundert, kaum noch zwischen Mensch und Maschine unterscheiden zu können. Algorithmen steuern beide. Die sich einstellende Beklemmung wird gemildert durch den locker humorvollen Erzählstil.

Ich hab die Geschichte nur angelesen. Science Fiction liegt mir schon länger nicht mehr, schon gar nicht wenn sie so zeitnah daherkommt. Marc-Uwe Kling ist auf mich nicht angewiesen. Sein QualityLand begeistert bereits eine ständig zunehmende Leserschar. Und Marc-Uwe Kling ist zweifellos ein Schriftsteller mit Zukunftspotential.

Kling, Marc-Uwe: QualityLand. Roman. – Ullstein, 2017

(Es gibt eine graue und eine schwarze Edition, die sich so weit ich das verstanden habe, inhaltlich nicht unterscheiden. Und es gibt bereits die ungekürzte Hörbuch-Einlesung des Autors.)

Liebwies von Irene Diwiak.

Dies ist der beachtliche Erstling einer jungen österreichischen Debütantin. Mit ihrer prallen Fabulierlust erinnert ihr erster Roman ein klein wenig an Vea Kaiser, wenngleich Diwiaks Erzählweise noch etwas die allerletzte Dichte fehlt.

Wir schreiben das Jahr 1924. Ganz Österreich leidet unter den wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkriegs. Der kriegsversehrte Lehrer Köck schlägt in einem abgelegenen Provinznest auf, dort erleben die Einheimischen Automobile noch als Sensation und hat die Schulpflicht der Feldarbeit zu weichen. Er lernt zwei junge Frauen kennen. Die eine kann gut singen, die andere sieht gut aus. Zweiter verfällt der Musikexperte Christoph Wagenrad. Obwohl nahezu unbegabt, bringt er sie ans Konservatorium und will sie zum Star aufbauen. Unterstützen soll ihn dabei die Oper eines Komponisten, der gar nicht komponiert.

Es geht um Gier nach Ruhm und falschen Glanz in diesem in historischer Zeit angesiedelten Roman. Der ist recht eigentlich kniezer Seitenhieb und hübsche kleine Parabel auf den Kulturbetrieb früherer und heutiger Tage. Nominiert für den Österreichischen Buchpreis.

Diwiak, Irene: Liebwies. Roman. – Deuticke, 2017

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Justizpalast von Petra Morsbach.

Vielleicht ist das Schicksal eine Summe falscher Motive.

Die Geschichte der begabten Thirza Zorniger. Sowohl künstlerisch wie juristisch familiär vorbelastet, entscheidet sie sich für die Juristerei und bringt es bis zur Richterin am und im legendären Münchener Justizpalast. Ein Roman über die Zwiespältigkeit von Gerechtigkeit, der interessante Einblicke in Denkweise und Befindlichkeiten von Menschen die in unserem Rechtssystem tätig sind gewährt. Das ermöglichen die jahrelangen Recherchen der Autorin, sie verleihen der Hauptfigur und ihrer Berufs- und Lebensbahn eine hohe Authentizität. Alles andere als ein Freund von Justizromanen, habe ich das Buch verschlungen.

So ganz nebenbei habe ich auch noch Einiges gelernt. Zum Beispiel welch hohes Gut unsere verfassungsrechtliche Gewaltenteilung darstellt, wie wichtig es ist diese zu verteidigen. Ich habe erfahren wie schwerwiegend verfassungswidrig die Ära des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß verlief, mit welcher Selbstbereicherung der Familie Strauß dies verbunden war und dass so vieles darüber nicht aufgeklärt werden konnte, bzw. durfte. Die zahlreichen kurzen Fallschilderungen in diesem umfangreichen Roman können als Anekdoten, die etwas ausführlicheren als eingestreute Kurzgeschichten gelesen werden. Sie ergeben ein farbiges Bild menschlicher Abgründe und Vergeblichkeiten.

Morsbach, Petra: Justizpalast. Roman. Albrecht Knaus Verlag, 2017

Elif Batuman ist Die Idiotin.

Wie schon im ersten Teil der diesjährigen AusLese, gibt es im zweiten wieder ein Buchmensch-Buch.

Das erste Studienjahr einer jungen Amerikanerin türkischer Abstammung. Allein an der großen Universität. Es ist 1995. Was man wohl mit dieser neuartigen E-Mail anfangen kann? fragt sich die Protagonistin, die der Autorin ähnelt. Dann die zweite Liebe. Die erste ist die zur Literatur. Mühsames Gewöhnen an eine akademische Betrachtung der Welt. Die ersten Auslandserfahrungen. Es ist ein Mädchenbuch, immerhin kommen gegen Schluss sogar Pferde vor. Ungarische. Männer dürfen und sollten es dennoch unbedingt lesen.

Dieser staunende Rückblick in Romanform der inzwischen vierzigjährigen Batuman ist ironisch distanziert, ehrlich und leichtfüßig. Die junge weibliche Hauptfigur kommt auf sympathische Weise wissensdurstig, unbeholfen und bookish rüber. Muss man angesichts des verschmitzten Titels noch erwähnen, dass sie ganz besonders für russische Literatur schwärmt? Kenner wissen das bereits, denn sie haben ihren vor einigen Jahren erschienenen Essayband Die Besessenen gelesen, in dem es schwerpunktmäßig um russische Autoren geht.

Ich liebe diese Idiotin. Habe ihre beiden auf Deutsch erhältlichen Bücher mit Staunen und großem Genuss gelesen.

Batuman, Elif: Die Idiotin. Roman. – S. Fischer, 2017

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Das Buch der Spiegel von Herrn E. O. Chirovici, der uns über seine vollständigen Vornamen glaubt im Unklaren lassen zu können.

Es geht um das falsche Spiel mit einem überraschend aufgefundenen Manuskript, das der Literaturagent Peter Katz bekommt. Darin schreibt ein gewisser Richard Flynn über die Ermordung eines Princton-Professors. Ein bis dato unaufgeklärter mysteriöser Fall. An entscheidender Stelle endet das Manuskript. Katz versucht den Rest des Textes ausfindig zu machen. Dass dies nicht ohne Verwicklungen und allerhand Charaden vonstatten geht, darf man von einer spannenden Geschichte erwarten.

Mir gefiel an dem Buch, dass seine Handlung mit dem Literaturbetrieb zu tun hat. Zudem liebe ich – vorzugsweise angloamerikanische – Campusromane. Mit beiden Vorlieben kam ich voll auf meine Kosten. Kategorie: Niveauvolle Unterhaltunsliteratur.

Der Verfasser übrigens bekam von seinen Eltern den klangvollen Doppelvornamen Eugen-Ovidiu, was herauszubekommen kein großes Problem ist. Er stammt aus einer rumänisch-ungarisch-deutschen Familie die einst in Transsilvanien zuhause war, residiert nunmehr in Brüssel und schreibt Englisch.

Chirovici, E. O.: Das Buch der Spiegel. Roman. – Goldmann, 2017

Schünemann und Volic: Kornblumenblau / Pfingstrosenrot / Maiglöckchenweiß.

Pfingstrosenrot? Auf dem Amselfeld wurden im Laufe der Jahrhunderte so viele Schlachten geschlagen und so viel Blut vergossen, dass hier die Pfingstrosen besonders üppig blühen. Im Alltag der heutigen Staaten des ehemaligen Jugoslawien sind die ethnischen und religiösen Konflikte noch lange nicht befriedet, die jungen Staatsgebilde alles andere als stabil. Hier spielen die Kriminalromane des Autorenduos Schünemann und Volic rund um die Belgrader wissenschaftliche Kriminologin (nicht Polizistin!) Milena Lukin. Als Taschenbuch-Neuerscheinung habe ich Pfingstrosenrot in Hartliebs Buchhandlung erstanden, bei meinem letzten Wien-Besuch vor einigen Wochen und während eines Bummels durch die Währinger Straße. (*)

In diesem mittleren von inzwischen drei Lukin-Bänden geht es um die falschen Versprechen  mit denen Menschen im Rahmen eines Rückkehrprogramms in ihre alte – für immer verloren geglaubte – Heimat, das Kosovo gelockt werden. Dort warten Enttäuschung und in einem besonderen Fall der Tod. Korrupte Machenschaften, undurchschaubare Seilschaften und rücksichtslose Bereicherung bilden den Sumpf einer vor allem für die junge Generation trostlosen Gegenwart. Mehr als in den meisten Fernsehberichten und Zeitungsartikeln erfährt man in diesen Krimis über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in den Balkanstaaten, hier mit Schwerpunkt Serbien. Dabei kommen Spannung und Unterhaltung keinen Moment zu kurz. Jelena Volic ist eine intime Kennerin der Verhältnisse, sie stammt aus Belgrad, hat deutsche Literatur studiert und ist Expertin für die deutsch-serbischen Beziehungen.

Kornblumenblau, den ersten Band der Reihe, habe ich bereits vor einiger Zeit gelesen und war danach sehr gespannt auf die weiteren Bücher. Mit Milena Lukin, der von einem Deutschen geschiedenen Mutter eines Sohnes, ist den beiden Autoren eine äußerst glaubwürde Hauptfigur gelungen. Maiglöckchenweiß ist dieser Tage als Hardcover bei Diogenes erschienen, ich warte wieder die TB-Ausgabe ab.

Schünemann, Christian; Volic, Jelena: Pfingstrosenrot. – TB-Ausgabe. Diogenes, 2017

Dito: Kornblumenblau. – TB-Ausgabe. Diogenes, 2015

Dito: Maiglöckchenweiß. – Geb. Ausg. Diogenes, 2017

(*) Die Währinger Straße in Wien liegt etwas außerhalb der touristischen Zentren und ist eine interessante Bummelmeile mit zahlreichen kleinen bis mittelgroßen Geschäften und teils sehr traditionellen Sortimenten, darunter eben Hartliebs heimelige Buchhandlung, betrieben seit gut zehn Jahren von Petra Hartlieb und ihrem Mann. Hartlieb ist ja inzwischen selbst eine bekannte Autorin, letztes Jahr erschien ihr Ein Winter in Wien. Für das Frühjahr ist die Fortsetzung angekündigt. Sie trägt den folgerichtigen Titel Wenn es Frühling wird in Wien. Freunde dieser Geschichte, die im Jugendstil-Wien spielt, dürfen sich vorfreuen.
Nur wenige Schritte abseits der Währinger Straße findet man die Strudlhofstiege, bekannt aus Heimito von Doderers gleichnamigen Wienepos. Eine der Seitenstraße ist die Berggasse, in der einst Sigmund Freud wohnte und wirkte, und in der man heute das Freud-Museum besuchen kann. In Robert Seethalers Roman Der Trafikant ist Freud Zigarren- und Zeitungskäufer in dem kleinen Laden des Otto Trsnjek auf der Währinger. Petra Hartlieb macht in ihrer Erzählung den jungen Otto zu einem ihrer buchhändlerischen Vorgänger, der den Dichter Arthur Schnitzler beliefert, der mit Familie um die Ecke wohnt. Viel Literatur rund um diese Wiener Straße.

Besessen – Possessed!

Das abenteuerliche Leben der Elif Batuman mit russischer Literatur

Ist das wirklich ein Buch über russische Literatur? Jein. Die kommt schon vor, meist in Gestalt längst toter russischer Schriftsteller. Es ist aber keine systematische Abhandlung irgendwelcher Epochen und schon gar keine russische Literaturgeschichte. Eigentlich sind es Geschichten, die erzählt werden. Von Elif Batuman, einer jungen, von Bildungshunger und Fernweh angespornten Autorin, die so gerne einen Roman schreiben möchte, was ihr vorerst nicht gelingt, dafür eines der originellsten und leserfreundlichsten Bücher über Literatur und Menschen die sich damit beschäftigen

Elif Batuman stammt aus einer türkischen Familie und wurde 1977 in New York geboren. Sie studierte vergleichende Literaturwissenschaft in Stanford, wo sie auch promovierte. Die begabte Wissenschaftlerin erhielt mehrere Stipendien, u. a. auch Reisestipendien, die wesentlich zur Entstehung ihrer ersten nun auch auf deutsch vorliegenden Mongraphie beigetragen haben.

Im Oktober war die Autorin zwei Tage in Frankfurt zu Gast, um auf der Buchmesse ihre Neuerscheinung zu präsentieren. Der Messe- und Medienrummel war für sie sichtlich neu und überraschend. Überraschend war auch, wie stark das Interesse an ihr und ihrem Buch im deutschsprachigen Raum ausfällt. Nach Frankfurt besuchte sie noch Zürich. Eingeladen von ihrem Verlag Kein & Aber, der so mutig war dieses ungewöhnliche Buch von Renate Orth-Guttmann ins Deutsche übersetzen zu lassen und im September diesen Jahres auf den Markt zu bringen. Das amerikanische Original erschien bereits im Februar 2010 bei Farrar, Straus and Giroux in New York.

Elif Batuman ist derzeit “Writer-in-Residence” an der Koç Universität in Istanbul. Erlebnisse mit dem Erfolg ihres Erstlings im englischsprachigen Raum hat sie in dem Artikel “Life after a Bestseller” verarbeitet (Guardian, 21. April 2011). Ihre neueste Arbeit ist wohl schon ein erstes Ergebnis des Türkei-Aufenthalts. “Natural Histories: A Journey in the Shadow of Arrat” erschien am 24. Oktober in der renommierten Literatur-Zeitschrift “New Yorker”. Offensichtlich ist die Schriftstellerin auf gutem Weg nicht nur geographische Regionen, sondern auch literarische und geistige Räume, neu zu entdecken und für uns mit ihrer ansteckenden Begeisterung zu beschreiben.

“Die Besessenen. Abenteuer mit russischen Büchern und ihren Lesern” besteht aus mehreren von einander unabhängigen Themenblöcken. Nach einer längeren Einleitung beginnt es mit Betrachtungen über Isaak Babel. Was zunächst nur ein Bericht über eine wissenschaftliche Konferenz ist, wird bei Elif Batuman zum kulturgeschichtlichen Panorama, gespickt mit zahlreichen Details über den nicht mehr sehr bekannten Dichter, der nur ein schmales Werk hinterlassen konnte. Man staunt, was aus einer so simpel erscheinenden Berichtslage werden kann, wenn Elif Batuman darüber schreibt, wohin uns ihre Sätze mitnehmen, wie weit wir uns zwischendurch vom Ausgangspunkt entfernen und wie sie uns mit sicherer Feder am Ende wieder zum Thema zurückführt.

Einen weiteren größeren Block bildet die launische Beschreibung einer Zusammenkunft von Tolstoi-Experten, die sich zu einem viertägigen Kongress auf Jasnaja Poljana trafen, “dem Gut, auf dem Tolstoi geboren wurde, wo er fast sein ganzes Leben verbrachte, wo er ‚Krieg und Frieden‘  und ‚Anna Karnenina‘ schrieb und wo er begraben ist.” Breiten Raum nahmen auf der Veranstaltung Spekulationen über Tolstois Tod ein. Vielerlei Verschwörungs-Theorien mündeten immer wieder in die Frage, die dem Kapitel in Batumans Buch den Titel gab: “Wer hat Tolstoi umgebracht?”

Ein umfangreicher, stark biographisch gefärbert Teil des immerhin 386 Seiten starken Buches wurde, in drei Kapitel aufgeteilt, zwischen andere Abschnitte eingefügt. Darin erzählt Elif Batuman von ihrem ersten längeren Auslandsaufenthalt zu Studienzwecken. Zusammen mit ihrem damaligen Freund, hatte es sie durch allerhand kuriose Umstände und Zufälle nach Samarkand verschlagen. Da bei Land und Leuten in der zweitgrößten Stadt des zentralasiatischen Usbekistan die Literatur nicht unbedingt eine Hauptrolle spielt, außerdem Alltag und Arbeit wenig poetisch sind, geriet die Exkursion überwiegend zu einer intensiven Phase der Persönlichkeitsentwicklung der damals noch zukünftigen Autorin und aus diesen Passagen des Buches wurde ein kleiner Entwicklungsroman.

Wir Leser begleiten Wilhelmine Meister-Batuman auf ihrer Suche nach Wegen zum Künstlertum. Sie würde so gerne einen Roman schreiben. Was nun vorliegt ist zwar kein Roman und dennoch oder gerade deswegen ein gelungenes Werk. Ein Buch, dass auch davon berichtet, warum es mit dem Roman zunächst einmal nichts wurde und letztlich eine ganz andere Literaturform herauskam. Welche eigentlich? Das spielt keine Rolle. Hauptsache das Ergebnis gefällt uns. Elif Batuman lässt uns teilhaben an dem Entwicklungsprozess, den sie in der asiatischen Steppe durchlebte. Es war für die junge Frau eine wichtige, ja entscheidende Lebensstufe, “… auch wenn ich gewisse Hemmungen habe zu sagen, dass das, was in Samarkand endete, meine Jugend war …”

Über weite Strecken lebt “Die Besessenen” vom Enthusiasmus der Autorin und ihrer Fähigkeit diesen an ihre Leser weiterzugeben. Ihr phantasievoller und anekdotenreicher Stil erinnert nicht zufällig an orientalische Erzählweisen. Darüber hinaus zeichnet er sich durch Witz, Selbstironie und Tempo aus. Wir Leser können dabei gut folgen, ohne jedes literaturgeschichtliche- oder -theoretische Detail verstehen zu müssen.

2005 veröffentlichte die damals noch neue New Yorker Kulturzeitschrift “n+1” die erste für eine breitere Öffentlichkeit gedachte Arbeit von Elif Batuman. “Und niemand der Elif Batuman’s ersten Artikel gelesen hat, wird ihn je wieder vergessen”, schrieb ein elektrisierter amerikanischer Kritiker. Es ist jener Aufsatz, aus dem später das Kapitel über Isaak Babel wurde. Schnell war klar, dass man es hier mit einer außergewöhnlichen Schreib-Begabung zu tun hatte. Erste Vergleiche mit der jungen Susan Sontag wurden gewagt.

Man ist erstaunt, dass sich eine hochveranlagte junge Frau mit Dichtern beschäftigt die seit 100 oder 200 Jahren tot sind und nicht unbedingt im Fokus us-amerikanischen Wissenschafts-Interesses stehen. Aber Elif Batuman gehört eben auch zu Jenen, die ihrem Buch den Titel gaben: den “Besessenen”. Damit ist hier nichts krankhaft Übersteigertes gemeint, sondern lustvolle Begeisterungsfähigkeit, anhaltende Leidenschaft mit Kenntnis und Wissen gepaart, für nicht ganz alltägliche Gegenstände. Es gibt von diesen Menschen nicht eben Massen auf unserem Planeten. Aber immer noch und immer wieder zahlreiche Leser, Wissenschaftler, Buchmenschen, Literaten, die ihren Passionen ein Leben lang intensiv nachgehen. Jetzt haben sie eine in ihren Reihen, die ganz wunderbar, humorvoll und klug darüber schreiben kann.

Eines muss ich noch gestehen. Bereits nach einem ersten Reinblättern und Anlesen war entschieden, dass ich das Buch kaufen und lesen würde. Weil es mit diesen Sätzen beginnt:

“In Thomas Manns Zauberberg kommt ein junger Mann namens Hans Castorp in ein Schweizer Sanatorium, um seinem schwindsüchtigen Cousin drei Wochen Gesellschaft zu leisten … So komplex das Buch auch ist – seine zentrale Fragestellung ist sehr einfach: Wie kommt es, dass jemand, der nicht selbst die Schwindsucht hat, sieben Jahre in einer Lungenheilanstalt verbringt?” Und Elif Batuman fragt sich, wie es ihr widerfahren konnte, dass sie sieben Jahre am Fachbereich Vergleichende Literaturwissenschaften in Stanford verbrachte. Und kommt zu dem Schluss, dass es wie bei Hans Castorp “eine Geschichte der Liebe und der Begeisterung für alles Russische” war.

Das konnte ich sofort verstehen, und kam an diesem Buch einer jungen amerikanischen Autorin und Wissenschaftlerin mit türkischen Wurzeln, ausgeprägter Russophilie und ihrer intelligent-munteren Ausruckskraft nicht mehr vorbei.

Batuman, Elif: Die Besessenen. Abenteuer mit russischen Büchern und ihren Lesern. Zürich : Kein & Aber, 2011. Euro 22,90