Von Weimar nach Ilmenau

Eine Erkundung. 200 Jahre nach Goethe.

Für mich wird es ein kleiner Ausflug von den deutschen Klassikern, seligen Geistern wie Goethe, Schiller, Herder und Wieland, zur Kleinstadt am Nordhang des Thüringer Waldes. Von einer Keimzelle deutscher Republik, der Musik- und Bauhausstadt zum Ort einiger prägender Kinderjahre. 

Reichlich 50 Kilometer durch junigrünes Thüringen. Über Land eine Fahrt von einer guten Stunde. Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine mühsame, staubige Tagesreise. Früh halb Sieben aus Weimar. Goethes Route ging über Bad Berka, Tannroda, Kranichfeld, Dienstedt, Groß-Hettstett, Stadtilm. Schmale harte Wege, bei Regen schlammig. Gepäck, Kutsche, Pferde, Dienerschaft. 

Bei meiner Fahrt bin ich in einen ungewöhnlichen frühen Sommer geraten. Dreißig Grad am frühen Nachmittag. Die Spargel- und Erdbeerzeit ist auf dem Höhepunkt. Verkaufsstände am Wegesrand. Eine Gemüse-, Blumen- und Beerengegend. Zu DDR-Zeiten konnten nicht einmal die Parteifunktionäre das Reifen von Früchten gänzlich verhindern. Wer einen kleinen privaten Garten besaß war fein raus und gut versorgt. Konnte genießen, was staatlich gelenkte Erzeugergenossenschaften und Konsum- und HO-Läden verplant hatten.

Die Zweiburgenstadt Kranichfeld. Niederburg und Oberschloss. Das mittlere Ilmtal. Hier darf sich eine Ansiedlung von wenigen Tausend Menschen in Ballungsgebieten allenfalls Dorf oder Vorort bereits Stadt nennen. Der Weg zum Oberschloss ist streckenweise eng und steil. Sträßchen mit erneuertem Katzenkopfpflaster. Erste Vorgänger der Anlage entstanden bereits im 12. Jahrhundert. Seine heutige Form bekam es um 1530. Eine Ausstellung zu Geschichte von Schloss und Stadt sind hier untergebracht. Weiter Blick über Wiesen, Felder und bewaldete Hügel. Die Höhen des Thüringer Waldes vor Augen.

Rudolf Baumbach wurde 1840 in Kranichfeld geboren. Er wäre längst vergessen, hätte er nicht Texte geschrieben aus denen so häufig und gern gesungene Lieder wie Hoch auf dem Gelben Wagen wurden. Deshalb gibt es im Ort das Baumbachhaus. Mit der Dauerausstellung zum Leben von Rudolf Baumbach und wechselnden Ausstellungen mit regionalem Bezug. Jetzt im Juni findet wieder das Rosenfest statt. Zum 140. Mal, es hat alle Staatsformen und politischen Systeme scheinbar unbeschadet überstanden.

Immer wieder Alleen. Alte Linden und schlanke Pappeln. Sie sind den Straßenerneuerungen nach der Wende nicht zum Opfer gefallen. Schnelles Fahren verbietet sich, ist wohl auch nicht erwünscht. Meist geht es kurvig voran und immer wieder durch kleine Ortschaften. Verschlafen wirken sie, verlassen, müde in der Junisonne des Jahres 2018. Es gibt Bäume, die müssen schon hier gestanden haben als der Weimarer Minister und Dichter mit seiner Entourage durchreiste. Auf dem Weg zu staatstragenden Geschäften oder naturkundlichen Exkursionen. Oder einfach zu einigen Stunden Waldeinsamkeit. 

Nach 12 Uhr in Stadtilm. Nach über fünf Stunden Holpern und Rütteln ist Stadtilm Rast- und Zwischenstation für Johann Wolfgang von Goethe und sein Gefolge. Einkehr im Gasthaus Zum Hirschen. Es liegt am größten Marktplatz Thüringens, einem weiten länglichen Rechteck dessen Fläche über 10.000 Quadratmeter misst. Der 202 Meter lange steinerne Eisenbahnviadukt am Ortsausgang ist unbedingt sehenswert. Heute verkehren auf ihm nur die Regionalbahnen von Saalfeld nach Erfurt. Der Fernverkehr rauscht mit 250 Stundenkilometern über noch längere hohe Betonbrücken und durch nicht enden wollende Tunnel von München über Nürnberg in die Hauptstadt des Freistaats.

Von den ersten Lokomotiven und der ersten regelmäßig befahrenen Strecke mit Personenverkehr zwischen Manchester und Liverpool 1830 eröffnet hat Goethe noch erfahren. Hat er eine der rollenden Dampfmaschinen in Deutschland gesehen? Vielseitig interessiert, hat er technische Neuerungen stets begrüßt, wenngleich er, wie die meisten Älterwerdenden, die ständige Beschleunigung von Entwicklungen und Ereignissen beklagte. Vielen Ostdeutschen ging es nach 1990 ähnlich. Was auf jahrelange Agonie und Gleichgültigkeit nach dem Beitritt in die Marktwirtschaft folgte, überforderte. Man fühlte sich überfahren, abgestellt, ratlos zurückgelassen. Darunter litt nicht zuletzt da und dort die Begeisterung für demokratische Freiheiten.

Vor dem Viadukt das Rathaus der Gemeinde Stadtilm. Ein ehemaliges Kloster. Stadtbibliothek, Polizeiposten und Touristen-Info sind mit untergekommen in dem vielräumigen langgestreckten Komplex, der leicht vernachlässigt wirkt. Stadtilm ist ein ehemaliges Straßendorf. Mehre Kilometer erstreckt sich die Hauptstraße zwischen den niedrigen, geduckt wirkenden Häusern mit ihren tiefen Erdgeschoßwohnungen, deren Fenster sich oft kaum einen Meter über dem Gehweg befinden.

Am 26. August 1813 wieder einmal unterwegs von Weimar nach Ilmenau schrieb Goethe in Stadtilm (wohl während der Mittagsrast) sein Gedicht Unterwegs. Es gehört bis heute zu seinen populärsten: Ich ging im Walde / So vor mich hin, / Und nichts zu suchen, / Das war mein Sinn. Er findet ein Blümchen am Wegesrand, möchte es spontan pflücken, überlegt es sich schließlich anders. Ein allegorisches Liebesgedicht, das er seiner Christiane zum 25. Jahrestag widmet und sogleich nach Weimar sendet.

Um drei Uhr am Nachmittag Aufbruch in Stadtilm. Über Gräfenau zum Ziel der Reise. Und schließlich Nach Sechs in Ilmenau. Die Herberge heißt Zum Goldenen Löwen. Vor wenigen Jahren wurde unmittelbar neben diesem, in der ehemaligen Form nicht mehr existenten Gebäude, ein Hotel unter dem geschichtsträchtigen Namen eröffnet. Es ist bereits wieder geschlossen. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der thüringischen Provinz sind auch im Jahr 28 der Einheit schwierig.

1776 war Goethe zum ersten Mal in Ilmenau. Verschiedene Verwaltungsaufgaben im Auftrag des Herzogs in den folgenden Jahren führten zu häufigen Besuchen. Darunter der Versuch den brachliegenden Bergbau wiederzubeleben. Was zunächst aussichtsreich erscheint und dem Städtchen bescheidenen Aufschwung verspricht, scheitert letztlich. 1796 muss der Stollen nach massivem Wassereinbruch für immer stillgelegt werden. 17 Jahre lang meidet Goethe danach Ilmenau.

Zu Beginn des Jahres 1779 war ihm die Direktion der Kriegskommission übertragen worden. Sie hatte die Aufgabe Rekruten für den Kleinstaat zu verpflichten. Soldaten die dann vom Landesherrn gegen gutes Geld an andere Heere „verliehen“ wurden. Goethe ist nicht immer begeistert von den Aufgaben die ihm sein Dienstherr überträgt. Bevorstehende Ekelverhältnisse durch die Kriegskommission, schreibt er ins Tagebuch.

Das andere Ilmenau. Schöne Stunden in der Umgebung. Im Wald. Beim Wandern und Erforschen der artenreichen Natur. Die Geologie. Goethe der Zeichner. Dampfende Täler bei Ilmenau. Seine letzte Reise nach Ilmenau findet im August 1831 um den 82. Geburtstag statt, zwei Enkelsöhne begleiten ihn, sieben Monate vor seinem Tod. Am 22. Juli hatte er endlich sein dichterisches Lebenswerk beendet. Das umfangreiche Manuskript des Faust gebündelt, verschnürt und fürs Erste in die Schublade gelegt. Das Hauptgeschäft zustande gebracht. Letztes Mundum. – Alles rein Geschriebene eingeheftet …, steht im Tagebuch. Er ist erleichtert: Mein ferneres Leben kann ich nunmehr als ein reines Geschenk ansehen …

Ende August noch einmal eine kleine Rundreise von Ilmenau aus nach Martinroda, Langewiesen und Stützerbach. Neu angelegte Chauseen bewundert er. Sieht eine Lindenallee wieder bei deren Pflanzung er vor 50 Jahren dabei war. Lebensbilanz. An Zelter schreibt er: … Nach so vielen Jahren war denn doch zu übersehen: das Dauernde, das Verschwundene. – Das Gelungene trat vor und erheiterte, das Mißlungene aber war vergessen und verschmerzt.

Der heiße Spätnachmittag im Juni. Das Auto habe ich auf dem Parkplatz an der Festhalle abgestellt. Einmal quer durch die Stadt führt mein Weg. Naumannstraße, Lindenstraße, Mühlgraben, Oehrenstöcker Straße. Im Tageskaffee der Bäckerei die alten Männer vor dem Kaffee, der längst kalt ist. Ihr Schweigen nur selten unterbrochen von dem nasalen südthüringischen Nuu, das alles bedeutet und nichts. 

Das Hinterhaus in dem die Großeltern lebten wurde vor einigen Jahren abgerissen. Im Erdgeschoß schwitzten Glasbläser vor ihren Gasfeuern. Der Onkel in der Neubausiedlung. Die Lieblingstante. Die Schischanzen und die Schlittenbahn. In der Erinnerung weiße, kalte Winter, aus den Schornsteinen Rauch von verfeuerter Braunkohle. Es stinkt und beißt im Rachen. Längst sanfte Kindheitserinnerung. Wie der Duft der Bratwürste auf glühenden Holzkohlen.

Schon ist es nach sechs. Die Läden geschlossen. Die Straßen nahezu menschenleer. Von Ilmenau nach Weimar in einer Stunde. Hin und wieder durch eine Allee. 200 Jahre nach Goethe.

* * *

Oberhauser, Fred; Kahrs, Axel: Literarischer Führer Deutschland. – Frankfurt : Insel Verlag, 2008

Damm, Sigrid: Goethes letzte Reise. – Frankfurt : Insel Verlag, 2007

Schrader, Walter: Goethe und Ilmenau. – Kassel : Verlag Jenior und Preßler, 1994

Neuendorf, Siegfried: Die Goethestadt Ilmenau. – Ilmenau : Carl Heiner Druck (Hrsg.: Deutscher Kulturbund), 1959

Sigrid Damm, Goethe und die Frau von Stein

“Sigrid Damm befreit Geschichte und Geschichten nach gründlicher Recherche vom Aktenstaub, holt sie in zeitgemäßer Sprache in die Gegenwart und lässt den Leser teilhaben an ihren Gedanken und Überlegungen.” (Thüringische Landeszeitung, 7.12.2015)

Sie hat über Caroline Schlegel-Schelling, Friedrich Schiller und Jakob Michael Reinhold Lenz geschrieben. Über Goethe natürlich, den sie uns als Menschen schildert, mit sehr menschlichen Schwächen und Schattenseiten. Und über Frauen rund um Goethe: Die Schwester Cornelia, die Partnerin, Ehefrau und Mutter seiner Kinder – Christiane Vulpius. Sie ist in Gotha geboren und verbrachte dort die Schulzeit. Studium und Promotion in Jena. Akribisch recherchiert sie für ihre literaturhistorischen Veröffentlichungen, Archive und Bibliotheken sind ihr zweite Heimat. Auf unvergleichliche Weise versteht sie es, Forschungsergebnisse einem breiten Leserkreis verständlich und durchaus unterhaltsam nahezubringen.

Sie ist Ehrenbürgerin der Heimatstadt und wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet. Mit dem Thüringer Literaturpreis, dem Lion-Feuchtwanger-, dem Fontane-und dem Mörike-Preis. Sie lebt in Berlin und Mecklenburg und hin und wieder hält sie sich gerne im hohen Norden auf. Meine Sichtweise auf die Weimarer Klassik und die Denkmäler Goethe und Schiller hat sie entscheidend beeiflusst. (Nebenbei: Dass ich mich vor einiger Zeit aufführlicher mit den Werken Günter de Bruyns befasst habe, den wir in West- und Süddeutschland bedauerlicherweise kaum wahrnehmen, verdanke ich ihr.)

Am 7. Dezember wurde Sigrid Damm 75 Jahre alt. Wenige Wochen zuvor erschien ihr neuestes Buch. Wieder eine “Recherche” zu einer Frau, die in Weimar und für Goethe eine wichtige, in seinen ersten Weimarer Jahren prägende Rolle spielte: “Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein.”

charlotte

“Ich muß dir’s sagen, du einzige unter den Weibern, die mir eine Liebe in’s Herz gab die mich glücklich macht… Ich liege zu deinen Füssen und küsse deine Hände.” (Aus einem Brief v. 23. Februar 1776)

Einmal mehr erfahren wir vom allzu menschlichen Goethe, dem Fehlbaren, Zweifelnden, manchmal Verzweifelten. Von einem jungen Heißsporn und liebenden Mann. Von seiner Seite ist es Liebe. Mit allem was dazugehört, wenn es nach ihm ginge. Seine Briefe lassen das unschwer erkennen. Er ist 27 Jahre alt und neu im Stab des Weimarer Kleinstaates. Sie ist 34, verheiratet, mehrfache Mutter. Konventionen, familiäre Verpflichtung und Selbstdisziplin sind stark genug. Sie widersteht dem Stürmer und Dränger. Wenn es bei ihm Liebe war, die Liebe eines jungen Mannes, die sich natürlich nach körperlicher Erfüllung sehnt, was hat die Umworbene empfunden? Was bedeutete ihr diese Beziehung? Sigrid Damm kann das nicht letztgültig beantworten. Doch sie versteht es auf die ihr eigene Art, sich in die beiden starken Persönlichkeiten einzufühlen.

“Liebste ich habe gestern Abend bemerckt dass ich nichts lieber sehe als Ihre Augen, und dass ich nicht lieber seyn mag als bey Ihnen.” (Aus einem Brief v. 3. August 1778)

media_38258836Man muss Schriftsteller oder Schriftstellerinnen deren Werke man verehrt nicht mögen, doch, beeindruckt vom literarischen Schaffen, würde man es vielleicht ganz gerne. Künstler sind jedoch in noch viel stärkerem Maße ambivalente Persönlichkeiten wie wir Schlichten. Dies am Beispiel Goethes zu zeigen ist eines der Ziele der Literaturhistorikerin Damm. Sie selbst schwankt dabei zwischen distanzierter Bewunderung und einem gewissen Widerwillen. An diesem Zwiespalt der Gefühle lässt sie ihre Leser teilhaben und vermittelt ein Goethebild das realistischer, schärfer und uns näher ist, als das der üblichen Klischee. Der zerrissene Künstler mit den mehr als zwei Seelen in seiner Brust, der Staatsmann ohne Überzeugung, der wilde Junge, der Scheue und Ängstliche, einen Mann, der von nichts so abhängig war, wie von den Frauen, die ihn auf Strecken seines Weges begleiteten.

“Kaum bin ich aufgestanden so mach’ ich schon Plane wie ich zu Ihnen kommen und den Tag bey Ihnen zubringen will… So lang das geht werde ich in meinem Schneegestöber aushalten, und schreiben und zeichnen, hernach komm ich und fahre mit Ihnen in’s Conzert. Adieu meine liebe Cometenbewohnerinn.” (Aus einem Brief v. 4. Februar 1781)

Im Mittelpunkt des Interesses stehen bei der Wissenschaftlerin und Autorin Damm die Frauen. Über und für Cornelia, Christiane und Charlotte schreibt die Weimar-Spezialistin. Sie weist auf die Bedeutung der Zeit hin, in der diese Personen lebten, die Prägung durch Herkunft, durch Milieus in denen sie aufwuchsen und zu leben hatten. Nicht zuletzt, aber nicht so vordergründung wie in konventioneller Geschichtsschreibung, geht es um die Männer, die so viel Einfluss auf ihre Lebensläufe hatten, von denen sie gesellschaftlich und wirtschaftlich abhängig waren. Doch die Frauen über die Damm schreibt sind keine bloßen Objekte, Anhängsel, Produkte einer männerdominierten Gesellschaft. Sie sind eigenständige, eigenwillige Charaktere. Belesen,  klug oder beides. Lebenserfahren, praktisch veranlagt, pragmatisch. Oft handeln sie gerade dann, wenn die Männer zurückziehen. Wie Goethe, der besonders gerne unangenehmen Situationen aus dem Weg ging.

Sigrid Damms Buch besteht aus drei Teilen. Einer längeren Einleitung, mit der Schilderung des Lebenswegs der Charlotte Albertine Ernestine Freifrau von Stein, geborene von Schardt. Eine Auswahl der Briefe Goethes an Charlotte; Gegenbriefe sind leider nicht überliefert, der größte Teil wurde auf Wunsch Frau von Steins vernichtet. Sowie einer ausführlichen Interpretation der außergewöhnlichen Beziehung und ihres Umfeldes. Zum besseren Verständnis der Briefe dienen die Anmerkungen im Anhang. Personenregister und Literaturverzeichnis ergänzen eine sorgfältige Edition.

Damm, Sigrid: Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein. – Insel Verlag, 2015. Euro 22,95

“… es wird nicht weniger mit den Jahren.” *)

Nachträge zu Sigrid Damm

Von der Lektüre Sigrid Damms “Wohin mit mir” gingen zahlreiche und reizvolle Anregungen zum Weiterdenken und zu weiterer Beschäftigung mit der Autorin und ihrem Umfeld aus. Wenn ich heute ein kleines Zwischen-Fazit ziehe: Ich habe mit Sigrid Damm nicht nur eine lesenswerte Schriftstellerin, nicht nur eine kenntnisreiche Literaturwissenschaftlerin, sondern vor allem auch eine Persönlichkeit kennengelernt, die mit sanfter Überzeugungskraft differenzierte Alternativen zu gängigen Klischees anbietet. Einige Eindrücke möchte ich hier in Ergänzung meines Beitrags über “Wohin mit mir” widergeben. Dabei ist mehr ein offenes Nachdenken, als ein in sich geschlossener Aufsatz entstanden.

Blick auf Gotha in Thüringen (Foto: Marcel Müller).

Persönliches

Der bisher einzige Aufenthalt im thüringischen Gotha ist mir nicht in allerbester Erinnerung. Ein schlechtes Hotelzimmer, ein etwas angegammeltes Bett, das Pendeln nach Erfurt zu einem mittelmäßigen Kongress meines Berufstandes. Sigrid Damm wurde 1940 in Gotha geboren. Was sie über die Stadt ihrer Kindheit und Jugend an verschiedenen Stellen liebevoll und detailgetreu beschreibt, habe ich damals nicht wahrgenommen. Andere Städte, die in  Lebenslauf und Werk der Autorin eine wichtige Rolle spielen, sind mir näher: Die Goethe-Stadt Ilmenau und die eigenen Kindheitsjahre dort; Weimar, als Klassiker-Zentrum und für uns Deutsche zentraler Geschichts-Begriff; Saalfeld mit seinem zu DDR-Zeiten wichtigen Umsteigebahnhof – von hier ging es über holpriges Kopfsteinplaster in langsamer Fahrt mit Wartburg oder Trabant weiter zu den Dörfer und Städtchen am Thüringer Wald – ; Jena, mit seiner Universität, an der im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert so viele Geistesgrößen Station machten.

Nach Studium, Promotion, Familienzeit und teilweise frustriender Arbeit in den begrenzten Spielräumen des DDR-Regimes, scherte Sigrid Damm aus. Machte sich unter großen materiellen Einschränkungen selbständig und unabhängig – persönlich und beruflich. Es ist aus heutiger Sicht erstaunlich, wie weit sie dabei innerhalb der ideologischen und staatlichen Grenzen des zweiten Deutschland gehen konnte. Die skeptischen Wächter des “kleinen Landes” ließen sie dabei jedoch nie aus den Augen. In Interviews und Gesprächen, versammelt u. a. in “Einmal nur blick ich zurück. Auskünfte”, wird auch das angesprochen. Ebenso wie der Weg Sigrid Damms zum Schreiben, ihr Selbstverständnis als Schriftstellerin.

Goethe-Spuren in Ilmenau

Für Sigrid Damm hängt Erzählen, der Erzählstil von den Orten ab. (Eine Sichtweise, die auch diesem Blog zugrunde liegt.) Sie erkundet ihren Stoff “mit den Füßen”, muss die Örtlichkeiten, an denen stattfand worüber sie schreibt, kennenlernen, erlaufen, erfahren. Dabei hilft die bis ins Alter nicht versiegende Wander- und Erkundungslust. Ebenso groß ist die Leidenschaft für den Aufenthalt und die Forschung in Archiven und Bibliotheken, wo manches zu Tage befördert wird, das von der Großforschung übersehen wurde. Bert Brecht gehört zu jenen, die zu Orientierung und Justierung der Werteskala beitrugen: “Man versteht nichts von der Literatur, wenn man nur die ganz Großen gelten läßt … Einige versagen in der Kunst des Speichelleckens, welche von einigen der Größten meisterhaft beherrscht wurde.”

Die „Auskünfte” sind ein aufschlussreiches und spannendes Buch. Wir erfahren nicht nur viel über Sigrid Damm, sondern auch über die geschichtlich für Deutschland so besonders bedeutsamen und ereignisreichen reichlich sieben Jahrzehnte ihres bisherigen Lebens. Auf über 400 Seiten, in Gesprächen und Interviews, Würdigungen, Dankreden und Essays. Die meisten der zahlreichen hoch interessanten Schwarz-Weiß-Foto wurden hier erstmals veröffentlicht. Sie zeigen Sigrid Damm mit Weggefährten und -gefährtinnen, mit ihren Söhnen, vor Tischbeins berühmten Goethe-Bild, bei Lesungen und Ehrungen, sowie mit zahlreichen Persönlichkeiten des literarischen Lebens im 20. Jahrhunderts: Christoph Hein und Helga Schütz, Eva Strittmatter, Peter Bichsel und Durs Grünbein, dem großen Insel- und Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld.

1989 und die Folgen

“Der gesellschaftliche Fortschritt läßt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung des schönen Geschlechts (die häßlichen eingeschlossen).” Sigrid Damm, die fast 50 Jahre ihres Lebens in der DDR verbrachte, zitiert bewusst diese markante Aussage des Philosophen, Historikers und Gesellschaftkritikers Karl Marx. Worte, die sich eigentlich auf die Verhältnisse im 19. Jahrhundert beziehen, haben auch heute noch eine erstaunliche Aktualität. Nicht nur Sigrid Damm ist der Meinung, dass sich nach der Wende die gesellschaftliche Stellung “des schönen Geschlechts” im neuen Groß-Deutschland nicht unbedingt zu dessen Vorteil entwickelt hat.

Damm schreibt ebenso schöngeistig wie handfest über Literaten vergangener Jahrhunderte, und sie hat sich ihre Gedanken über die jüngsten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen gemacht. Wie Ingo Schulze, dem ich viel Nachdenkliches in diese Richtung verdanke, und dessen Essays und Reden in diesem Zusammenhang sehr zu empfehlen sind, bedauert Sigrid Damm die Freisetzung eines hemmungslosen Kapitalismus nach dem Ende des totalitären zweiten deutschen Staates. Ein begründungsbefreiter Kapitalismus, der den Sieg der Systeme für sich beansprucht und keine Zweifel an seiner globalen Legitimation mehr zulässt. Nicht nur die DDR wurde abgeschafft, sondern auch die bis dahin existierende, im wesentlich noch von einer sozialen Marktwirtschaft geprägte BRD.

“Wehe dem Sieger!” heißt ein Buch der Publizistin Daniela Dahn, in dem diese Entwicklungen analysiert und veranschaulicht werden. Haben wir uns nicht an bestimmte Schlagworte, an uns täglich begegnende Sprachhülsen gewöhnt, glauben wir nicht längst zu wissen, was sie definieren, ohne noch nach deren ursprünglichen Bedeutungszusammenhängen zu fragen? DDR, Wende, Wiedervereinigung, Beitritt, Kapitalismus, Sozialismus, Globalisierung, Markt vs. Marx, links, rechts, oben und unten – es ist doch so einfach! Tatsächlich sind dies überstrapazierte, von allzu viel, manchmal passender, jedoch meist unpassender Verwendung zu Allgemeingut geronnene Floskeln, von denen jeder zu wissen meint, was sie aussagen, die jedoch weder in der Theorie, noch in irgendeiner empirischen Realität wirklich belastbar sind. So stehen sie dem Verstehen von Geschichte und Gegenwart, dem Entwickeln zukunftsfähiger Vorstellungen, klotzig und scheinbar unverrückbar im Wege.

Freiheit statt Kommunismus lautet die bewährte, breit akzeptierte Formel. Im Namen der Freiheit hat der Kapitalismus sich selbst weltweite Narrenfreiheit gewährt. Für Ausbeutung, Unterdrückung, Kriege. Doch Freiheit geht nur ohne Hunger. Freiheit geht nur mit Bildung. Freiheit geht nicht – hier lässt Rosa Luxemburg grüßen – auf Kosten anderer. Die Freiheit die “wir” meinen, die Auswüchse eines ungezügelten, demokratisch kaum noch legitimierten und kontrollierten Kapitalismus beraubt den größten Teil der Bewohner dieses Planeten ihrer fundamentalen Menschenrechte.

Goethe- und Schiller-Denkmal vor dem Nationaltheater in Weimar

Goethe

Wer Kinderjahre in Ilmenau verbrachte, dem ist Goethe fast so vertraut wie ein Zeitgenosse. Hier führen auch heute noch alle Wege zu Goethe. Später in der Schule, im Deutsch-Unterricht, war ich deshalb für sein Werk etwas aufgeschlossener als die meisten meiner Mitschüler. “Faust” hat mich von anfang an besonders interessiert und fasziniert. Ich war 14 oder 15 als unser Jahrgang die Verfilmung von und mit Gründgens zu sehen bekam. Später bin ich dem Werk auch öfters in Bühnenfassungen begegnet. Und die weitergedachte Version von Thomas Mann wurde für mich zu einem der wichtigsten Leseerlebnisse. Auch noch in jungen Jahren und sehr identifikationsträchtig: Werther. In der Reihenfolge Plenzdorf-Buch, Plenzdorf-Film, Goethe.

Etwas älter musste ich werden um “Wilhelm Meister” und “Wahlverwandtschaften” zu verstehen; beide gehören bis heute nicht zu meinen Lieblingsbüchern. Am liebsten habe ich immer über diesen Oberdichter gelesen, der an so vielen Stellen in unserem Land als Denkmal und idealisiertes Bildnis zu sehen ist.

Sigrid Damm musste Goethe vom Sockel holen, um sich mit ihm auseinandersetzen zu können, um schließlich über ihn und sein Umfeld schreiben zu können. “Ich hätte in DDR-Zeiten niemals über Goethe schreiben können. Weil er ja Staatsdichter war, der, von Widersprüchen gereinigt, auf dem Podest stand.” Aber zu Goethe gehörte eben auch ein Jakob Michael Reinhold Lenz, mit dem sich Sigrid Damm als Herausgeberin und in einem umfangreichen biographischen Erzählwerk intensiv beschäftigt hat. Goethes beschämender Umgang mit dem Dichter-Kollegen. Goethe, der den Freund fallen lässt, ihm den Aufenthalt in Weimar verwehrt. Damm begründet ihre Sichtweise wieder mit Brecht: “… daß ein großes Werk immer auch bezahlt wird mit Verletzungen von Menschlichkeit sich selbst und anderen gegenüber.”

Sigrid Damm hat um Goethe herum geforscht, erzählt und geschrieben. Über den armen Lenz, die Schwester Cornelia, die Lebensgefährtin Christiane, den Konkurrenten und späteren Freund Friedrich Schiller, die von Goethe (nicht ganz offen) bewunderte Caroline Schelling. Und erst danach über Goethe selbst. Erst die neueren Bücher handeln schließlich auch von ihm als Hauptgegenstand: “Goethes letzte Reise.” “Goethe im Berg”.

Franz Fühmann, Alfred Wellm, Volker Braun und Erich Fried (v.l.n.r.), 1981. (Bundesarchiv: 193-Z1229-303, Foto: Gabriele Senft)

Literatur

Der Damm-Lektüre verdanke ich sehr viele Lese-Anstöße, wichtige Verweise auf mir weniger bekannte und neu zu entdeckende Bücher und Autoren. Nur einige kann ich hier kurz erwähnen. Zu allererst natürlich die biographischen Erzählungen. Ein Genre, dass auch das Werk Sigrid Damms prägt. Erinnert wurde ich zum Beispiel an das wunderbare Jean Paul Richter Buch von Günter DeBruyn, das ich vor Jahren angelesen und bis heute noch immer nicht vollständig gelesen habe. Das Keller-Buch von Adolf Muschg kannte ich noch gar nicht. Umso vertrauter war ich mit den biographisch fundierten Romanen Peter Härtlings. Von dessen “Hölderlin” war Sigrid Damm besonders beeindruckt. Er wurde sicher ein Stück weit zum Maßstab für das eigene Schaffen.

Über Damm stieß ich auf die Gedichte von Angela Krauß, aus denen das Zitat im Titel dieses Beitrags stammt. Mit Krauß ist Sigrid Damm ebenso befreundet, wie mit der bereits erwähnten Daniela Dahn, und wie sie es mit der inzwischen verstorbenen Eva Strittmatter war, der Frau des großen norddeutschen Epikers Erwin Strittmatter (“Der Laden”), der im Westen kaum wahrgenommen wurde. Zu ihren Freunden zählt sie auch Markus Werner, den Schweizer Erzähler mit dem besonderen Ton und die norwegische Doppelbegabung Ketil Björnstad, der sowohl als Romancier, wie als Komponist hervorgetreten ist, und den ich unbedingt demnächst mit beiden Kunstformen kennenlernen möchte.

Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Jürgen Teller (1926 – 1999) wurde nie so bekannt, wie der umtriebige, in die damalige Bundesrepublik ausgewanderte und lange Jahre in Tübingen lehrende Hans Mayer. Beide waren Schüler Ernst Blochs an der Universität Leipzig, der, nach dem Krieg aus amerikanischem Asyl zurückgekehrt, 1956 wegen seiner philosophischen Freiheitsvorstellungen zwangsemeritiert wurde und 1961 die DDR verließ. Teller, der sich wie Mayer für Bloch eingesetzt hatte, aber im Land bleiben wollte, wurde von der Universität entlassen und musste einige Zeit in einem Stahlwerk arbeiten. Dort verlor der Kriegsgeschädigte bei einem Arbeitsunfall den linken Arm. Jürgen Teller war ein großer und ausdauernder Briefeschreiber. Mit Sigrid Damm verband ihn eine langjährige Freundschaft. Dokumentiert u. a. in zahlreichen gefühlvollen, anspielungsreichen Briefen an seine “Schwester im Geiste”.

Eine ganz besondere Rolle nahm auch Franz Fühmann, den wir vor allem als Nacherzähler klassischer Stoffe und als Kinder- und Jugendbuch-Autor kennen, in Sigrid Damms Leben ein. Erster Kontakt entstand über einen der Söhne, der sich im Kindesalter mit einer Frage an den zu der Zeit sehr populären Autor wandte. Fühmann war bekannt dafür, dass er nahezu jede Zuschrift seiner jungen Leser und Leserinnen persönlich beantwortete. Etwas später schrieb er für das Marionetten-Theater, das die Damm-Söhne konstruiert und gebaut hatten, und nun intensiv bespielten, ein eigenes Stück. Daraus entstand jahrelange Freundschaft auch zur Mutter und Schriftsteller-Kollegin, die mit dem zu frühen Tod dieses besessenen Arbeiters, rastlosen Grüblers und Zweiflers, der sich an den Realitäten aufgerieben hatte, im Juli 1984 endete.

Meine Ausführungen beziehen sich u. a. auf folgende Bücher und Texte:

Damm, Sigrid: “Einmal nur blick ich zurück”. Auskünfte. – Berlin : Insel, 2010
Damm, Sigrid: Ich bin nicht Ottilie. Roman. – Insel und Suhrkamp; versch. Jahre, versch. Ausgaben
Damm, Sigrid: Atemzüge. Essays. – Leipzig : Insel, 1999
Teller, Jürgen: Briefe an Freunde. – Leipzig : Insel, 2007
Dahn, Daniela: Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen. – Reinbek : Rowohlt, 2009
Schulze, Ingo: Was wollen wir? Essays, Reden, Skizzen. – Berlin : Berlin Verlag
Schulze, Ingo: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte. – Rede, die Ingo Schulze am 26. Februar im Rahmen der Dresdner Reden 2012 im Dresdner Schauspielhaus gehalten hat.

*) Aus: “Ich muß mein Herz üben” (Krauß, Angela: Ich muß mein Herz üben. Gedichte. – Insel, 2009)

Goethes Orte in Ilmenau

„Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“ (1)

“Die Gegend ist herrlich, herrlich!”, schrieb Johann Wolfgang von Goethe am 4. Mai 1776 an Herzog Karl August nach Weimar. Am Tag zuvor war der Dichter des “Werther” und des “Götz” zu einem allerersten Aufenthalt in Ilmenau eingetroffen. Für Ilmenau durchaus ein Ereignis, denn der neue Berater und bald auch Freund des Herrschers über die Kleinstaaterei Sachsen-Weimar-Eisenach war bereits eine Berühmtheit in deutschsprachigen Ländern.

In den folgenden Jahrzehnten besuchte er das Städtchen am Nordrand des Thüringer Waldes und seine Umgebung achtundzwanzigmal und verbrachte dort insgesamt 220 Tage. Auch seinen 82. Geburtstag hat er im August 1831 in Ilmenau gefeiert. Neben anderen waren die Enkel Wolfgang und Walter, damals 11 und 13 Jahre alt, dabei. Man logierte im Gasthaus „Zum Löwen“ (s. a. unten). Die Stadtkapelle spielte auf, und abends zog man mit Fakeln über Roda nach Elgersburg. Es wurde der letzte Ilmenau-Aufenthalt, die letzte Reise (2) überhaupt, des inzwischen reisemüden Dichters. Johann Wolfgang von Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar.

Amtshaus. Das ehemalige Amtshaus beherbergt heute das Goethe- und Stadtmuseum. Nach einem Brand im Jahre 1752 wurde es als Barockbau neu errichtet und schließt den am Hang gelegenen Marktplatz nach Norden hin ab. Zur Goethezeit war es der Sitz des Amtmanns, also des herzöglichen Vertreters in der Stadt. Goethe standen in dem vergleichsweise großzügigen Gebäude einige Jahre eigene Räume zur Verfügung. Soweit es seine zahlreichen Verpflichtungen zuliesen, hat er hier immer wieder am „Wilhelm Meister“ gearbeitet.

Rathaus. Am westlichen Rand des Marktplatzes steht bis heute das Rathaus. Das historische Gebäude wurde längst um einige moderne Anbauten erweitert. Unter Goethes Vorsitz tagte hier im Juni 1781 die Bergbau-Kommission. Es ging dabei in Verhandlungen mit Abordnungen von Kursachsen und Sachsen-Gotha um die Klärung von Bergwerksrechten – Voraussetzung um den Bergbau der Ilmenauer Gegend auf eine neue solide Basis zu stellen. Das gelang zunächst, doch schon nach wenigen Jahren mussten die wiedereröffneten Minen, die der Stadt eine wirtschafliche Erholung gebracht hatten, erneut geschlossen werden. Es waren hauptsächlich geologische Gegebenheiten, die diesen Erwerbszweig zum Erliegen brachten.

Sächsischer Hof. An der Stelle der ehemaligen Gaststätte “Sächsischer Hof” steht heute ein stattliches Wohn- und Geschäftshaus. Im “Sächsischen Hof” wohnte Charlotte von Stein, als sie Goethe 1776 in Ilmenau besuchte. Zeitweise stieg auch Goethe selbst hier ab. Unter anderem 1784, als er seine vielbeachtete Rede zur Wieder-Eröffnung des Bergbaus in den zuvor stillgelegten Gruben der Ilmenauer Gegend hielt.
Von 1801 bis zu ihrem Tod wohnte die Sängerin und Schauspielerin Corona Schröder (1751 – 1802) im Sächsischen Hof. Auf dem Schwalbensteinfelsen nahe Ilmenau hatte Goethe im März 1779 seine „Iphigenie“ vollendet. Das Drama wurde am 6. April in Weimar uraufgeführt. Goethe führte Regie und gab den Orest. Die Schröder spielte die Iphigenie. Ihr Grab auf dem Ilmenauer Friedhof ist heute eine Station des Goethe-Wanderwegs.

Der “Löwen.” Häufig, und wie beschrieben, letztmals an seinem 82. Geburtstag, wohnte Goethe während seiner Ilmenau-Aufenthalte im Gasthof „Zum Löwen“, der nicht mehr existiert. Damals war es das erste Haus am Platz. Allerdings hielt sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Übernachtungsangebot im Städtchen sehr in Grenzen. Reisende kamen selten, man hatte lange Jahre existenzielle Probleme: Kriegsfolgen, Hungersnöte, Brände und Misswirtschaft. Mit Goethes Einsatz und Ideenreichtum kamen bessere Zeiten. In dem Gebäude, das heute an dieser Stelle steht, befindet sich im Erdgeschoss eine italienische Eisdiele. Dem modernen Reisenden auf Goethe-Spuren kann das sehr freundlich kommode Hotel “Lindenhof” gleich nebenan empfohlen werden.

“Was weis ich was mir hier gefällt / In dieser engen kleinen Welt / Mit leiser Zauberhand mich hält … “ (3). Goethe war auch viel in der Umgebung Ilmenaus unterwegs. Bei seinen Exkursionen im Thüringer Wald widmete sich der universell interessierte Dichter geologischen, mineralogischen und botanischen Forschungen. „Als Vorläufer Darwins hat er den Gedanken einer organischen Entwicklung der Natur von einfachen zu immer vollkommeneren Gebilden klar ausgesprochen.“ (4) Doch vor allem in jüngeren Jahren kamen auch die vergnüglichen Natur-Aufenthalte nicht zu kurz. Zusammen mit dem herzoglichen Freund wurden Jagden veranstaltet; und bei manchem Nachtlager unter freiem Himmel ging es in großer Gesellschaft laut und feuchtfröhlich zu. Gut ausgeschilderte Wanderwege rund um Ilmenau ermöglichen es heute allen Interessierten diesen Spuren Goethes zu folgen. Vielleicht mit der einen oder anderen Reclam-Ausgabe seiner Werke im Rucksack.

(1) Aus dem “ Osterspaziergang“, der gerne als eigenständiges Gedicht angesehen wird, dessen Verse aber aus dem ersten Teil des „Faust“ stammen.

(2) Siehe dazu: Damm, Sigrid: Goethes letzte Reise. – Frankfurt und Leipzig, 2007 (auch als Insel Taschenbuch erhältlich). Ausgehend von Goethes letztem Ilmenau-Aufenthalt berichtet die Autorin in kurzweilig erzählender Form über verschiedene Stationen in Goethes Leben.

(3) Aus dem Gedicht „Einschränkung“, geschrieben in dem Dörfchen Stützerbach, das einige Kilometer südwestlich von Ilmenau liegt und dessen Goethe-Gedenkstätte dieser Tage aus Kostengründen von der Schließung bedroht ist.

(4) Neuendorf, Siegfried: Die Goethestadt Ilmenau. – Ilmenau, 1959 (rarer DDR-Druck)

Vorgestellt:

Wille, Arthur Thomas

Wille wurde am 22. Februar 1954 in der Goethe- (auf bewaldetem Gipfel oberhalb der Stadt entstand „Wanderers Nachtlied“) und heutigen Universitätsstadt Ilmenau, damals SBZ, bzw. „DDR“, geboren. Den Besuch eines Kindergartens der jungen Pioniere verweigerte er. („In diesem Kindergartenraum war keinerlei Wahrheit vorhanden, sondern Gruppenverhalten und ein gewisses Maß unaufrichtiger Pädagogik.“ Was so von Andreas Maier formuliert wurde, könnte auch von Arthur Thomas Wille stammen.)

1972, als die Einberufung in die NVA droht, Flucht als blinder Passagier eines Viehwaggons in den Westen. Er lässt sich nach einer Lehre als Buchhändler und einem anschließenden Studium der Philosophie, Linguistik und Ungaristik (zwei Auslandsemester im ostungarischen Debrecen) zunächst in Süddeutschland nieder.

Seitdem arbeitet Wille als Philosoph, Informationstheoretiker („Die Frage lautet schlicht, warum wer was wo wie wissen kann.“) und Übersetzer, hat Lehraufträge an den Universitäten Jena und Leipzig; zahlreiche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und Kongress-Publikationen sind im Lauf der Jahre entstanden. Zentrales Thema seines Denkens und Schreibens ist immer wieder die Auseinandersetzung mit den Erscheinungsformen der Dinge, also letztlich auch dem Ding an sich. Gerüchteweise heißt es seit Jahren, ein Opus Magnum sei in Vorbereitung. Man darf gespannt sein, ob es sich dabei um ein eher literarisches oder philosophisches Werk handeln wird. Wobei man von Wille durchaus auch eine gelungene Synthese erwarten kann.

Wille ist Präsident der Goethe-Stiftung, Ilmenau. Er ist ein großer Theater-, Opern- (Abonnent des südthüringischen Staatstheater Meiningen) und Fußballfreund; seit Jahrzehnten Anhänger des VFL Bochum und quasi a priori des Landesligisten SV Germania Ilmenau (aktuell Tabellenvierzehnter der Thüringenliga). Er lebt heute mit seiner Familie in Weimar und im Westallgäu.