„Okkulte Gaukelei des organischen Lebens“

Thomas Mann und das phantastische Erzählen

Das diesjährige Herbst-Kolloquium der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft fand von 3. bis 5. September in Göttingen statt. Die Veranstaltung trug den Titel „Der Zauberer und die Phantastik – Thomas Mann und das phantastische Erzählen.“

Mitveranstalter war das Seminar für Deutsche Philologie der Georg-August-Universität, die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützte mit Fördermitteln. Hans Wißkirchen, Präsident der Gesellschaft, und Leibniz-Preisträger Heinrich Detering als Vertreter des lokalen Gastgebers, führten in die Vorträge ein und moderierten fundiert, dabei nie ohne humorvollen Akzent. Der Vortragssaal im Hauptschiff der ehemaligen Paulinerkirche, die heute zur Staats- und Universitätsbibliothek gehört und einst deren Zentrum bildete, war ein idealer Tagungsmittelpunkt.

Es ist hier natürlich nicht möglich, all die inhaltsreichen Vorträge und Diskussionen zu referieren. Hingewiesen werden kann auf einige besonders interessante Aspekte, die in Göttingen zur Sprache kamen und eventuell dazu beitragen, dem Bild Thomas Manns und seiner Werke einige neue Facetten und mögliche Interpretationen hinzuzufügen.

„das viele Lesen hat uns eine gelehrte Barbarei zugezogen.“ So steht es in dem Buch, das auf der Bank vor der Bronze-Ausgabe des Gelehrten, Aphoristikers und milden Zynikers Georg Christoph Lichtenberg liegt. Die Skulpturen befinden sich unmittelbar vor dem Eingang der ehemaligen Paulinerkirche in Göttingen. Diese zugespitzte Meinung Lichtenbergs, werden wohl die meisten Teilnehmer des Thomas-Mann-Kolloquiums nicht teilen.

Phantastik, auch fantastische Literatur, „ist erzählende Literatur, die die Gegebeheiten und Gesetze der realen Welt bewusst außer Kraft setzt und sich damit neue Möglichkeiten künstlerischer Gestaltung erschließt.“ (Brockhaus Literatur, 2007)

Gleich zu Beginn also die Frage: Ist Thomas Mann ein Autor des Phantastischen? Schrieb er fantastische Literatur? Die Antwort lautet nein – aber. – Aber, weil das Werk Thomas Manns natürlich phantastische Elemente enthält. Den erfahrenen Lesern seiner Romane und Geschichten sind sie ja meist bekannt.

Wie zum Beispiel jene Vorkommnisse, von denen in der Geschichte „Der Kleiderschrank“ erzählt wird. Elisabeth Galvan, eine aus Südtirol stammende Wissenschaftlerin, die in Neapel deutsche Literatur lehrt, sprach in ihrem Göttinger Vortrag darüber.

Albrecht van der Qualen bricht zu einer recht sonderbaren Zugreise mit unbekanntem Ziel auf. Er unterbricht die Fahrt – das erfahren wir vom Erzähler – aus einem Traum erwacht, in einer Stadt, bei der es sich wohl um keine andere als – einmal mehr bei Thomas Mann – Lübeck handelt. Am Stadtrand nimmt er in einer mit allerhand unheimlichen Attributen ausgestatteten Pension Quartier. Im alten Kleiderschrank seines Zimmers erscheint dem einsamen Manne, der nie so recht weiß ob er wacht oder träumt und wie ihm geschieht, die zart-schöne Gestalt eines sehr jungen Mädchens, das eine Art Scheherazade gibt. Wie ihr orientalisches Vorbild startet sie einen abendlichen Erzähl-Marathon, dessen Idylle und Unschuld jedoch durch die geschlechtlichen Attacken ihres männlichen Gegenüber gestört wird.

„Sie erzählte ihm … und es waren traurige Geschichten, ohne Trost; aber sie legten sich als eine süße  Last auf das Herz und ließen es langsamer und seliger schlagen … Sein Blut wallte auf in ihm, er streckte die Hände nach ihr aus, und sie wehrte im nicht. Aber er fand sie dann mehrere Abende nicht im Schranke, und wenn sie wiederkehrte, so erzählte sie doch noch mehrere Abende nichts…“

Frau Galvan machte das vielfach traumhafte dieser Geschichte deutlich und fragte nach dem Motiv der Reise. Eine Frage, die uns die Erzählung nicht beantwortet. Allerdings ahnen wir Leser längst: Das ist eine Reise ins Unausweichliche, in den Tod. Doch brach van der Qualen wirklich jemals auf? Ist er dort angekommen, wo die Geschichte endet? Vielleicht hat ihn zu Hause der Tod ereilt und er haluziniert das Geschehen in seinen allerletzten Sekunden. Vielleicht schlief er aber auch erst im Zug ein und träumte, während er in der Realität weiterfuhr, seine phantastischen „Erlebnisse.“

Es ist nicht ganz zufällig ein medizinisches Wörterbuch – der „Pschyrembel“ – das uns in knappen Worten aufklärt, was es mit dem Okkultismus auf sich hat: eine „sog. Geheimwissenschaft, die sich mit Lehren, Praktiken u. Dingen befasst, die als verborgen, geheim, übersinnnlich gelten.“ Es geht um Begriffe wie Telepathie, Telekinese, Wunderheilung u. ä. Der Okkultismus war in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein begleitendes Phänomen von heute seriösen Fachrichtungen wie Psychiatrie, Klinische Psychologie und Psychotherapie.

Zwischen Phantastik und Okkultismus gibt es aus heutiger Sicht allerhand Verwandtschaft. Thomas Manns Verhältnis zu okkulten Phänomenen, war von einer Zeit geprägt, in der zentrale naturwissenschaftliche Erkenntnisse noch nicht zum unumstößlichen Gemeingut gehörten. Mann, der später im amerikanischen Exil einigen Umgang mit Albert Einstein hatte, war wohl tatsächlich in den 1920er-Jahren vom Realitätsgehalt okkulter Phänomene überzeugt. Er war von einer Strömung sehr stark mitgerissen, die in dem Münchener Arzt, Psychotherapeuten und Parapsychologien Albert von Schrenck-Notzing einen charismatischen Mittelpunkt hatte. Thomas Mann nahm an mehreren „Sitzungen“ in dessen Haus teil.

Im Essay „Okkulte Erlebnisse“ von 1923 schreibt er darüber: „Bei dem, was ich sah, handelte es sich um eine okkulte Gaukelei des organischen Lebens, um untermenschlich-tief verworrene Komplexe, die, zugleich primitiv und kompliziert, wie sie sein mögen, mit ihrem wenig würdevollen Charakter, ihrem trivialen Drum und Dran, wohl danach angetan sind, den ästhetisch-stolzen Sinn zu verletzen, aber deren anormale Realität zu leugnen, nichts als unerlaubtes Augenschließen und unvernünftige Renitenz bedeuten würde.“

Thomas Mann ist angezogen und abgestoßen zugleich. Zweifel kommen ihm, doch glaubt er sie ausschließen zu können. Und so werden auch diese Erlebnisse, wie so manches Normale und Para-Normale, das dem Schriftsteller in seinem Leben begegnete, Teil des Großen und Ganzen – des Werks.

Thomas Mann las und verehrte Edgar Alan Poe und E.T.A. Hoffmann. Besonders beeindruckte ihn Poes „The Fall of the House of Usher“.

Kai Graf Mölln, Freund und Schulkamerad des jungen Hanno Buddenbrook spricht diesem und seinem Schöpfer aus dem Herzen, wenn er schwärmt: „‘Dieser Roderich Usher ist die wundervollste Figur, die je erfunden worden ist! Ich habe eben die ganze Stunde gelesen … Wenn ich jemals eine so gute Geschichte schreiben könnte!‘ Die Sache war die, daß Kai sich mit Schreiben abgab.“

Im Phantastischen wird die Grenze zwischen Traum und Realität unscharf. Zu typischen Formeln des Phantastischen gehören etwa die Farbe Schwarz für den Tod, Rot für Eros und das Fremde, Fremdartige als Todesboten. Vorgänge wie Teufelserscheinungen – in einmaliger Weise lässt ja Mann in seinem „Doktor Faustus“ den Leser im Unklaren über Wesen und Art der teuflischen Begegnung des Adrian Leverkühn – gehören ebenso zum immer wiederkehrenden Repertoire.

Vielfach angesprochen in den Vorträgen und Diskussionen der Göttinger Tagung wurde „Der Tod in Venedig“. Diese Erzählung bietet besonders reichlich Stoff für Überlegungen und Spekulationen. Hat Gustav von Aschenbach München eigentlich wirklich verlassen? Träumt er vielleicht im Liegestuhl am Lido sein eigenes Ende? Das nicht Reale, Übersinnliche oder nur Geträumte, verbirgt sich hinter dem scheinbar realistisch Erzählten. Deutlich verlieren wir als Leser gerade dieses Werks die Grenze zwischen Realität, Traum und Übersinnlichkeit aus dem Blick. Der Erzähler gibt das Wort an Aschenbach selbst weiter, durch dessen Augen wir ein scheinbar reales Geschehen geschildert bekommen.

Die ganze „Fahrt“ nach Venedig ist zwar eine scheinbar reale Reise, aber auf anderer Ebene auch wieder eine Übergangsfahrt vom Leben zum Tod. Es kommt wirklich oder im Traum wie es kommen muss, nachdem Aschenbach schon allerhand Todesboten, wie dem seltsamen Fremden in München oder dem Gondoliere, begegnet war: „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen / Ist dem Tode schon anheim gegeben“, wie es in einem Gedicht August von Platens, das Thomas Mann vertraut war, heißt.

Und so verlässt schließlich der Dichter Aschenbach mit einem letzten Blick auf den geliebten schönen Jüngling Tadzio diese Welt. Oder den Traum von ihr. Es ist das erwartete Ende in Entgrenzung, Eros und Tod. „Ein photographischer Apparat, scheinbar herrenlos, stand auf seinem dreibeinigen (!) Stativ am Rande der See, und ein schwarzes Tuch, darübergebreitet, flatterte klatschend im kälteren Winde. … Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem (Aschenbachs) Tode.“

Gedanken, die in eine ähnliche Richtung gehen, trug Lucca Crescenzi in seinem temperament- und effektvollen Beitrag über den Zauberberg vor. Es war einer der Höhepunkte der Tagung, als der italienische Germanist mit seiner Kernthese die gebannten Zuhörer überraschte: Der ganze Zauberberg ein Traum. Eventuell der eines jungen Soldaten (Hans Castorp), der durch sein Erleben des 1. Weltkriegs in solch traumatisch traumhafte Rückschau geriet. Vielleicht auch die letzten irrealen Erzeugnisse des Gehirns eines gefallenen Soldaten. Da im Roman „Der Zauberberg“ auch noch Binnenträume erzählt werden, sehen wir das Werk ganz neu als Gewebe und Geflecht verschiedenster Träume und Traum-Ebenen.

Heinrich Detering sprach von einem Meilenstein der Thomas-Mann-Forschung und –Interpretation, vor dem man hier in Göttingen möglicherweise stehe. Es ist dabei gar nicht so entscheidend, ob man dem zu hundert Prozent zustimmen möchte, vielmehr regen solche Gedankenspiele zu einem ganz neuen Nachdenken und Verständnis des scheinbar so bekannten und vertrauten Gebirgs- und Zeit-Romans an.

Dem fiebernden Hans Castorp, erscheint der Freund Joachim Ziemßen, wie er auf einem Schlitten abwärts fährt und hustend von sich gibt: „Das ist uns doch ganz einerlei, – uns hier oben.“

Der Gegenstand des Phantastischen einerseits, das Adjektiv „phantastisch“ andererseits, waren während dieser Göttinger Tage vieldeutig gegenwärtig. Es war spannend und immer interessant, was die Wissenschaft vorzutragen hatte. Doch irgendwann sind wir dann auch wieder die naiven, begeisterten und gebannten Leser und alles Andere ist uns „ganz einerlei“.

Von GRA bis GRI

„Grimms Wörter“ von Günter Grass


Jacob Grimm wurde 1785 geboren, sein Bruder Wilhelm ein gutes Jahr später. Die Kindheit verbrachten die Geschwister in Hanau, besuchten das Gymnasium in Kassel, studierten in Marburg Jura und beschäftigten sich schließlich ein Leben lang mit Sprache und Literatur. Berufliche Laufbahnen, vor allem akademische, folgten noch keinen normierten Bologna-Schmalspuren, allerdings konnten sie häufig Mann und Familie nicht ernähren.

Fast zweihundert Jahre vor Einführung aller Segnungen und Plagen elektronisch gestützter Kommunikation, tauschten Menschen, die sich und anderen etwas zu sagen hatten, Briefe aus. Das bedingte zumindest bescheidene Kenntnisse und Fähigkeiten, die damals keineswegs weit verbreitet waren. Wilhelm Grimm bevorzugte ab seiner Göttinger Zeit übrigens die konsequente Kleinschreibung und gab also unwissentlich den frühen Schreib-Reformer radikalster Ausprägung. Vor einigen Jahren wurde eine kritisch-kommentierte Ausgabe der Briefe der Brüder in Angriff genommen. Die Zahl der vorliegenden, bzw. bekannten, Einzelbriefe wird derzeit auf 38.000 geschätzt. Sie dienten Günter Grass als Hauptquelle für seine Erzählung über die Grimms, ihre Lebensumstände und die Arbeiten am großen Deutschen Wörterbuch.

1830 kamen Jacob und Wilhelm als Bibliothekare und Hochschullehrer nach Göttingen. Gut sieben Jahre später zogen sie wieder von dannen – nicht freiwillig. Wie sah es aus, das Göttingen dieser Zeit?

„Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem König von Hannover und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach heißt ‚die Leine‘ und dient des Sommers zum Baden …  Die Stadt selbst ist sehr schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht … Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh, welche vier Stände doch nichts weniger als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der bedeutendste.“

Diese launische Schilderung verdanken wir Heinrich Heine, der ebenfalls einige Jahre in Göttingen lebte, dort mehr oder weniger studierte und 1824 von hier zu einer Harz-Reise aufbrach, aus deren Schilderung diese Zitate stammen.

Jener König, Ernst August von Hannover, war es, der eine ihm zu liberale, von den Ständen beschlossene Verfassung, außer Kraft setzte und eine konservativ absolutistische für sein Land und seine Georgia Augusta verordnete. Das erregte den Unmut etlicher Professoren, die Legende spricht von sieben, die eine „Protestation“ verfassten und veröffentlichten. Jacob Grimm gehörte dazu, Wilhelm, er hatte Familie, enthielt sich. Und da Landesherren damals kritische Lehrkörper keineswegs schätzten, mussten die Aufsässigen Stadt, Universität und Ämter im Jahr 1837 verlassen.

Ein Glücksfall für die deutsche Philologie. Denn alsbald kamen die Leipziger Verleger und Buchhändler Reimer und Hirzel auf die Brüder zu, um sie für das (im heutigen Sprachgebrauch) Wörterbuch-Projekt zu gewinnen. Von Hirzels Stuttgarter Nachfolge-Unternehmen wird es noch heute verlegerisch betreut, es erscheinen immer wieder neue Nachträge, Auflagen, Ausgaben.

Was hier nur stichwortartig skizziert wird, stellt Günter Grass in seinem neuesten Buch ausführlicher, hintergründiger und natürlich sprachgewandter dar. Er gibt sich dabei sogleich und unumwunden als großen Bewunderer der Grimms und ihrer vielfältigen Werke zu erkennen, nicht ohne noch etwas Raum für eigen Werk und Weg zu lassen. „Grimms Wörter“ ist ein Buch über Sprache, ihre Geschichte, ihre Wirkung, über die Persönlichkeiten und Wissenschaftler Jacob und Wilhelm Grimm und nicht zuletzt über den Dichter, Künstler, kritischen Zeitgenossen und Erz-Demokraten Günter Grass aus Danzig.

Es ist sein drittes biographisch hinterlegtes Buch. In „Das Häuten der Zwiebel“ schildert er ein Kind und einen jungen Mann aus Danzig der mal Protagonist, mal Verfasser ist. „Die Box“ setzt sich mit dem „familiären Kuddelmuddel“ auseinander, zu dem Grass Leben mit seinen Beziehungen und den daraus hervorgegangenen Nachkommen und Verwandtschaftsbeziehungen nach eigener Aussage ein Stück weit geriet.

Der erzählerische Hauptgegenstand in „Grimms Wörter“ ist das Wörterbuch. Es ist die Hauptfigur. Weitere sind Jacob und Wilhelm Grimm, die zuvor schon die bekannten Kinder-  und Hausmärchen und eine mehrbändige deutsche Grammitik herausgebracht hatten, sowie der Verfasser. Jedes Kapitel enthält neben der Geschichte des Wörterbuchs und Geschichten über sein Entstehen und die an ihm arbeitenden Brüder, auch eine Portion Grass. Da geht es unter anderem um die politischen Aktivitäten in den 1960er und 1970er Jahren. Der Rufmord an Willi Brandt aus „allerchristlichstem Mund“ – dem Konrad Adenauers – hat Grass endgültig „aufs politische Gleis gebracht“. Auf ihm ist er geblieben, bis heute, zumal er in späteren Jahren ebenfalls Verbal-Entgleisungen ausgesetzt war, als ein Franz Josef Strauß bundesdeutsche Intellektuelle und Künstler als „Ratten und Schmeißfliegen“ bezeichnete. Grass schreibt über Weggefährten, wie Heinrich Böll, Carola Stern, Leo Bauer, Yasar Kemal oder Erich Loest, über seine Erlebnisse mit der Gruppe 47, das Entstehen seiner Bücher in diesen Jahrzehnten und berichtet auch über seine Tätigkeit als bildender Künstler.

„Grimms Wörter“ trägt den Untertitel „Eine Liebeserklärung“. Diese macht Günter Grass in erster Linie der deutschen Sprache. In neun Kapiteln von  A, wie „Im Asyl“ bis Z, wie „Am Ziel“, geht es immer wieder um den Wortreichtum, um Veränderungs- und Deutungsmöglichkeiten der sogenannten „Muttersprache“. Die Mythologie der Mütter und Frauen, auf die Grass in seinem Werk gerne anspielt, beginnt mit Eva. Über das Wörtersammeln im Alltag der beiden Brüder schreibt Grass im fünften Kapitel, das dem E gewidmet ist und den Titel „Der Engel, die Ehe, das Ende“ trägt: „Jedenfalls stelle ich mir ein erregtes, aber nicht immer vom Ernst ernüchtertes Hin und Her vor. In meiner Einbildung, die gerne lebhafte Szenen entwirft, bewerfen sie sich mit Wörtern wie Elle und Ecke, erschrecken einander mit Einsilbern wie Eis und Ei. Ehrlos folgt ehrlich. Was mit Zitaten der Ewigkeit einverleibt ist, erhebt oder erheitert sie.“ Wie einst in seinem Erfolgsbuch „Das Treffen in Telgte“ gelingt es Grass erneut über Sprach- und Kulturgeschichte Menschengeschichte deutlich zu machen, Ereignisse, Lebensumstände, Mühsal und Freuden des Alltags. Es ist in jeder Hinsicht der alte Grass, der hier auf der Höhe seines erzählerischen Könnens kurzweilig und spannend schreibt – „weil eitler Ehrgeiz juckt“, wie er unter erneutem E-Einsatz gesteht.

Der junge Autor der Blechtrommel hatte seine verlegerische Heimat einst bei Luchterhand gefunden. Bei diesem literarischen Verlagshaus in Neuwied blieb er lange Jahre. Als der Verlag verkauft wurde und seine Programm-Politik änderte, orientierte sich Grass neu und wechselte zu Steidl, der ihm „als leidenschaftlicher Büchermacher bekannt war …  Er (Steidl) betreibt in verwinkelten Göttinger Altstadthäusern seinen Verlag mit Druckerei … (und ist) … ins Büchermachen vernarrt.“

So war es kein Zufall, dass die Ur-Lesung aus diesem „neuen Grass“ in der nunmehr freiheitlich niedersächsischen Georg-August-Universität zu Göttingen stattfand. Besucher, die dazu an die Leine gekommen und vorher vielleicht noch nie oder selten in die niedersächsische Wissenschafts-Stadt gefunden hatten, waren möglicherweise überrascht, dass sie diese, im Vergleich mit Heines Schilderungen, doch deutlich verändert vorfanden. Vieles wurde seitdem besser! Durch die Weender Straße ziehen nur noch selten trunkene Studenten-Gruppen, sie ist inzwischen zu einer der meistfrequentierten Shopping- und Flanier-Meilen unserer zweiten oder dritten Republik geworden. Schummrig staubige Buchhandlungen, Antiquariate und miefig bierdünstelnde Kneipen wichen und weichen immer mehr den licht einladenden Filialen internationaler Mode- und Ramsch-Ketten. Die Würste sind schlechter geworden seit dunnemals, umso lieber sprechen die Menschen den Angeboten der Fast-Food-Tempel, Kebab-Imbisse und asiatischen Gar-Küchen zu.

Am auffälligsten sind jedoch die Veränderungen, welche die Universität während zweier Jahrhunderte erfuhr. Sie hat ein Vielfaches an Mitgliedern, als die Stadt zu Heines Zeit Einwohner. Die Lehre und Forschung dienenden Gebäude sind kaum noch zu zählen, der Campus ist weitläufig. Aus der Bibliothek wurde eine der größten des ganzen Landes und die Studenten hören die Lesungen ihrer Dozenten nicht mehr im schlecht geheizten Professoren-Haus, sondern finden sich in großen warmen Hörsälen zusammen. In einem der größten dieser modernen Versammlungsräume, trug an einem herbstlichen Tag im frühen September – draußen ließen die Platanen erste müde Blätter fallen – vor vollen Reihen Günter Grass aus „Grimms Wörter“ vor.

Und wenn dieser Mann liest, vergisst der gefesselte Zuhörer schon nach wenigen Augenblicken sogar die unbequem eng und steil aufgestellte Sitzmöbelei des akademischen Auditoriums. Grass ist der beste Vorleser seiner Werke; er artikuliert, betont und dramatisiert großartig. Er, der im Oktober 83 Jahre alt wird, wirkt dann jung, kraftvoll, unmittelbar. Seine Bücher und die darin enthaltenen Geschichten sind so geschrieben, dass sie ihre ganze Wirkung gerade durch gekonntes Vorlesen erzielen. Dass dies der Autor selbst übernahm an diesem Abend, dafür dankte man mit herzlichem Beifall.

Anschließend kam Grass mit dem Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering noch recht angeregt ins Gespräch. Dabei ließ er die neugierig interessierten Anwesenden – unter ihnen auch nicht wenige Teilnehmer eines zeitgleich stattfindenden Kolloquiums der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, dem auch Professor Detering für wenige Stunden entschlüpft war – nicht im Unklaren, dass „Grimms Wörter“ wohl sein letztes literarisches Werk bleiben wird. Er sei ausgeschrieben und müsse sich mit der Tatsache einer gewissen Todesnähe ohnehin arrangieren. Doch von Untätigkeit kann keine Rede sein. In nächster Zeit will er zeichnen. Zum 50. Jahrestag des Erscheinens seiner „Hundejahre“ möchte er eine Jubiläumsausgabe mit Radierungen illustrieren. Es war Rührung zu spüren, als der große alte Künstler, eine der markantesten deutschen Gegenwarts-Figuren, den Saal verließ.

Wir halten inzwischen sein vielleicht schönstes Buch in Händen. Ein Gesamtkunstwerk, das seines gleichen sucht: Es entstammt der ganzheitlichen Steidlschen Buch-Manufaktur, gestaltet von Günter Grass, Gerhard Steidel und Sarah Winter, gesetzt aus der Bodoni Old Face, auf holzfreiem 115g-Papier aus der Papierfabrik Schleipen gedruckt, gebunden in der Leipziger Kunst- und Verlagsbuchbinderei. Günter Grass selbst schuf die zahlreichen farbigen Buchstaben-Vignetten der Kapitelanfänge, die uns in unterschiedlicher Farbgebung auf dem Leinen-Einband, dem Schutz-Umschlag und der Schutz-Hülle wiederbegegnen.

Natürlich ist dieses Buch unbedingt lesenswert, doch darüber hinaus besonders wert besessen, gesammelt und bewahrt zu werden. Es ist zudem bestens geeignet den Bücherfreund, den Liebhaber feiner Druck- und Bindekünste, in das möglicherweise bevorstehende PostPrint-Zeitalter zu begleiten.

„Ach, alter Adam“: Nach diesem Abend in Göttingen hoffen wir einmal mehr, dass Günter Grass nicht klein beigeben, dass er Demokratie, Sprache und Verfassung unserer Republik gegen demagogische Pfuhler und Rattenfänger aller Art auch in Zukunft verteidigen wird, dass er sich weiter einmischt, uns als deutlich vernehmbar kritischer, skeptischer Zeitgenosse und geistreicher Begleiter noch lange erhalten bleibt.

Grass, Günter: Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung. – Göttingen : Steidl, 2010. Euro 29,80

Heine, Heinrich: Die Harzreise. Zitate nach der Ausgabe: Stuttgart : Reclam, 1967

Das aktuelle Foto im Kopf des Blogs zeigt rechts das Kirchenschiff der ehemaligen Pauliner-Kirche, zu Grimms Zeiten das Zentrum der Universitäts-Bibliothek, heute u. a. ein repräsentativer Tagungsraum.

Das Porträt zeigt links Wilhelm und rechts Jacob Grimm. Es stammt von der dänischen Malerin Elisabeth Jerichau-Baumann (1819 -1881) und kann in der Nationalgalerie zu Berlin besichtigt werden.

MMX: Thomas-Mann-Gesellschaft tagt in Göttingen

„Gewiß, dort gibt es keine Seine
und auch den Wald nicht von Vincennes,
doch sah ich nie so schöne Rosen
in Göttingen, in Göttingen.

Paris besingt man immer wieder,
von Göttingen gibt’s keine Lieder,
und dabei blüht auch dort die Liebe
in Göttingen, in Göttingen.

Was ich nun sage, das klingt freilich
für manche Leute unverzeihlich:
Die Kinder sind genau die gleichen
in Paris, wie in Göttingen.“

Barbara, (d.i. Monique Andrée Serf), französische Chanson-Sängerin, 1930 – 1997. Die Zitate stammen aus dem Chanson „Göttingen“, das 1964 entstanden ist.

In diesem Jahr findet die Jahrestagung der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft in Göttingen statt. Vom 3. bis 5. September 2010 treffen sich Wissenschaftler und Literaturfreunde in der Paulinerkirche der traditionsreichen Universitätsstadt. Das Thema lautet: „Der Zauberer und die Phantastik – Thomas Mann und das phantastische Erzählen.“ Es werden dabei Vorträge und Diskussionen zu grundsätzlichen Fragen der Phantastik und zu den Erzählungen und Romanen des Schriftstellers zu hören sein. Im Rahmenprogramm sind die Lesung eines bekannten Autors, sowie literarische und kulturhistorisches Spaziergänge durch Göttingen geplant. Nähere Informationen gibt es in Kürze auf der Internet-Seite der Thomas-Mann-Gesellschaft.

„Im September 1828 verließ der größte Mathematiker des Landes zum erstenmal seit Jahren seine Heimatstadt, um am Deutschen Naturforscherkongreß in Berlin teilzunehmen. Selbstverständlich wollte er nicht dorthin. Monatelang hatte er sich geweigert, aber Alexander von Humboldt war hartnäckig geblieben, bis er in einem schwachen Moment und in der Hoffnung, der Tag käme nie, zugesagt hatte.“

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. – Hamburg, 2005

Kehlmann wurde 2008 mit dem Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck ausgezeichnet: „dem scharfsinnigen Essayisten und klugen Geschichtenerzähler, dessen Romane und Novellen mit artistischer Verve und in leichtfüßiger Nachfolge Thomas Manns mit Humor, Ironie und tieferer Bedeutung ihre sehr ernsten Scherze treiben.“