Mai mit Lau

Ein Frühlings-Spaziergang in Blaubeuren

Sind sie nicht alle gleich, diese Kleinstädte abseits der Metropolen und Magistralen? Gleich eintönig, langweilig, früh am Abend müde? Keineswegs. Fast jede hat ihre Besonderheiten. Eine eminente Persönlichkeit, die hier zur Welt kam oder starb, im Idealfall am Ort wirkte; eine Eigenart der Natur, wie steilen Fels, dichten Wald, tiefes Moor; pitoreskes Bauwerk, wie Burgruine oder barockes Schlösschen; ist Schauplatz eines Romans, einer bekannten Geschichte, eines Films; wurde vielleicht bedichtet oder besungen.

So auch dieses Städtchen mit seinen gerade einmal 12.000 Bürgern. 20 Kilometer westlich von Ulm gelegen ist es stolz auf seine Urzeitkinder, die einst Urzeitlöwen schnitzten, die die Ururururenkel nun im Urkundemuseum bestaunen können und die von Künstlern der Gegenwart überlebensgroß nachgebildet werden. Stolz auf seine wagemutigen Taucher, von denen einige im endlosen Labyrinth der Unterwasserhöhlen verschwanden, wo sie auf den Kuss einer Nixe warten müssen, der sie wieder ins Leben und an die Oberfläche zurückholt. Und es hat noch mehr, unser Städtchen.

Von Osten her führt ein niedriger, schmaler Einlass durch die geschlossene Front historischer Häuser in die überschaubare Innenstadt. Der erste Fluss auf den man hier trifft heißt Ach. Er kommt von Allmendingen, Schelklingen und Weiler. Bewegt und eilig rauscht das klare Wasser Richtung Mündung. Kleine Brücken und Stege verbinden die Erdgeschosse der Gebäude mit den Wegen auf der anderen Seite – ein Kleinvenedig. Bis zur Blau und ihrem Ursprung sind es noch wenige hundert Meter.

Der Weg folgt zunächst der alten Verbindungsstraße zu den viele Meter höher gelegenen Vororten auf der Schwäbischen Alb, zu deren Füßen der Hauptort liegt. Er geht vorbei an Gasthöfen, denen man ihre lange Geschichte ansieht, zu deren Eingang ausgetretene Steinstufen führen, neben dem die Tageskarte mit schwäbischen Gerichten hängt. Maultaschen, Zwiebelroschtbraten, Kässpätzle, Wurschtsalat. Es gibt reichlich Cafès im Städtchen, biedere Stübchen und zeitgeistige Interpretationen. Es fehlen nicht die mediteran-asiatischen Imbisse, wohlriechenden Bäckereien und üppigen Metzgereien. Ein wirklich hervorragender Eismacher muss unbedingt erwähnt werden und die wunderbare Tatsache dass sich hartnäckig eine Buchhandlung nebst Schreibwarensortiment hält. Auf dem Weg zur Hauptattraktion des Ortes konkurrieren Automobilisten, Radler und Wanderer um schmalen Straßenraum.

Den Blautopf kann man auf schattigem Waldpfad umrunden oder einfach nur zu den Hammerschlägen einer emsigen alten Schmiede, die mit Wasserkraft betrieben wird, vom Ufer aus bestaunen. Seine unergründliche Tiefe erkennt man nach mehrmaligen Hinsehen. Denn das klare Wasser des seichten Ufers wird erst in der Mitte zum Trichter, der weit hinunter und in das weitverzweigte karstige Höhlensystem des Mittelgebirges führt. Dort ist das Blau eher ein helles Türkis, das in den Abendstunden, wenn früh schon die Schatten der nahen Hügel auf das Wasser fallen, in dunklere Töne wechselt.

Eine der populärsten schwäbischen Dichtungen spielt in und an diesem tiefgründigen Wasser. Die Legende von der schönen Lau ist Teil von Eduard Mörikes Erzählung “Das Stuttgarter Hutzelmännlein”.

“… ihr Angesicht sah weißlich aus, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren, blau.” Die Lau ist keine Nixe, keine reife, frauliche Variante der kleinen Meerjungfrau: “Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zärter als ein Blatt vom Mohn.”

Sie ist die Tochter einer Menschenfrau und eines Wassernix aus dem Schwarzen Meer. Von ihrem Gemahl, dem Donaunix, wird sie in den Blautopf verbannt, weil sie nur tote Kinder gebar und nicht lachen konnte. Sie durfte zurückkehren und ein lebendiges Kind gebären nachdem sie fünfmal gelacht hatte. Wie ihr das in Blaubeuren gelang schildert Mörike meisterlich, ist jedoch für heutige Besucher nur noch schwer nachzuvollziehen. Allzu humorfrei werden Blautopf-Tourismus und damit verbundener Kitsch und Kommerz in unseren Tagen vollzogen.

Eine steinerne Lau steht etwas verloren neben dem Quelltopf. Ihre schon stark abgeschliffenen Konturen drohen von Grün überwuchert zu werden und lassen ihre früheren Reize nur noch erahnen. Gedanken an erotische Weiblichkeit, wie sie manchem Besucher früherer Zeiten nach dem Lesen der Mörikezeilen in den Sinn gekommen sein mögen, löst diese armselige Gestalt nicht mehr aus.

Hermann Hesse war ein ebenso großer Verehrer der schönen Verbannten, wie seines Dichter-Kollegen Mörike. Er war oft zu Besuch in Blaubeuren, denn hier lehrte über viele Jahre der Jugendfreund Wilhelm Häcker am evangelischen Seminar. Auf der Stube Hellas im Seminar zu Maulbronn war es, wo im September 1891 die vierzehnjährigen Bürschchen sich kennenlernten. Zeitlebens blieben sie verbunden. Als Hesse nach 1933 nicht mehr nach Deutschland kam, mündeten die persönlichen Begegnungen in einen regen Briefwechsel.

“Häcker, ein aufgeweckter Pfarrersohn ist begabt, lustig, schleckig, schneidet alle Grimassen und bringt viele sehr geistreiche Witze mit höchst stoischem Ernst an den Mann. Er zeichnet oft komische Bilder aus der Geschichte und weiß Homer zum Bänkelsänger zu machen. Er ist gutherzig, nicht sehr fleißig, würdevoll und pathetisch.” So schrieb Hermann Hesse in einem Brief an seine Eltern im Februar 1892.

Mit Besuchen in Blaubeuren stillte Hermann Hesse seine gelegentliche Sehnsucht nach der schwäbischen Kindheit. In der “Nürnberger Reise” schildert er einen Besuch im Jahr 1925. „Alles roch nach Heimat, nach Schwäbisch, nach Roggenbrot und Märchen … Überall war die Lau verborgen, überall duftete es nach Jugend und Kindheit, Träumen und Lebkuchen und nicht minder nach Hölderlin und Mörike.“ Das hat er genossen. Für einige Stunden, einige Tage. Länger hielt es ihn dann doch nicht.

Aus einer 1536 gegründeten Klosterschule wurde 1817 ein evangelisch-theologisches Seminar, die Vorstufe zum Tübinger Stift in der Ausbildung Geistlicher für die württembergische Landeskirche. Mancher ehemalige Schüler brachte es später zu einiger Bekanntheit. Eduard Mörike, Wilhelm Hartlauf, Wilhelm Waiblinger und Wilhelm Hauff waren dabei. Hauff gehörte zu den sogenannten Genie-Promotionen der Jahrgänge 1820 bis 1825, in denen sich die hochbegabten Absolventen häuften.

Von Nürtingen nach Blaubeuren, die Schwäbische Alb überquerend, wanderte einst der Dichter Friedrich Hölderlin, dessen Schwester hier mit dem Professor der – damals noch – Klosterschule, Christian Breunlin, verheiratet war. Auch Christian Friedrich Daniel Schubart, Journalist, Dichter, Organist und Komponist, geboren 1739 in Obersontheim, wird zu Fuß von Ulm her gekommen sein.

Im Januar 1777 wurde er in Blaubeuren verhaftet, nachdem man ihn aus der freien Reichstadt, wo er in Sicherheit gewesen wäre, fortgelockt hatte. In Schrift und Wort hatte er sich zu offen, satirisch und kritisch über die Obrigkeit des absolutistischen Herzogtums Württemberg ausgelassen. Da man ihn im unabhängigen Ulm nicht dingfest machen konnte, musste ihn eine kleine List nach Blaubeuren locken. Vielleicht war dort die schöne Lau das letzte weibliche Wesen das ihm begegnete, bevor er 10 Jahre in Festungshaft auf dem Hohen Asperg verbringen und auf solch angenehme Gesellschaft verzichten musste. Mit einem klitzekleinen Museum, einer Gedenkstädte namens “Schubartstube”, im ehemaligen Amtshaus des Klosters, leistet die demokratische Gemeinde seit 1990 Abbitte.

Hügel, Fels, Wald auf drei Seiten. Hinter dem Blautopf führen Wanderwege auf die Alb. Etwa zwei steile Kilometer sind es bis zum ersten Dorf auf der Hochfläche. Nach Osten öffnet sich das Tal. Hier kann man dem jungen Fluss folgen. Es geht Richtung Gerhausen, Herrlingen, schließlich Ulm, wo die Blau, dreiarmig geteilt, in die Donau mündet. Wer nicht so weit gehen möchte, findet inmitten blühender Auwiesen, nicht weit vom Ort, gastliche Einkehr in einem Naturfreundehaus.

Wenn man gegen Abend das Städtchen wieder verlässt – auch im Sommer verschwindet die Sonne zeitig hinter den Bergen – die Dämmerung und schließlich ruhige Nacht nicht mehr weit sind, mag uns Eduard Mörikes “Um Mitternacht” durch den Kopf gehen:

“Gelassen stieg die Nacht ans Land / Lehnt träumend an der Berge Wand … Doch immer halten die Quellen das Wort / Es singen die Wasser im Schlafe noch fort / Vom Tage / Vom heute gewesenen Tage”

Hermann Hesse heute: “Kinderseele” mit Illustrationen von Marie Wolf

Fast drei Jahrzehnte hat es gedauert bis Hermann Hesse in der Lage war eines seiner bedrückenden Kindheitserlebnisse literarisch aufzuarbeiten. Eine Geschichte von Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen, kindlicher Angst, eine Geschichte über die Beziehung zu einem übermächtig scheinenden Vater, über schwäbisch-pietistische Erziehung im ausgehenden 19. Jahrhundert.

“Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach Hause, an einem von den Tagen, wo Schicksal in den Ecken lauert, wo leicht etwas passiert. An diesen Tagen scheint jede Unordnung und Störung der eigenen Seele sich in unserer Umwelt zu spiegeln und sie zu entstellen. Unbehagen und Angst beklemmen unser Herz, und wir suchen und finden ihre vermeintlichen Ursachen außer uns, sehen die Welt schlecht eingerichtet und stoßen überall auf Widerstände.”

Die Büchergilde Gutenberg hat es unternommen, diese für Hesse so exemplarische, meisterhafte Erzählung als eigene Veröffentlichung neu herauszugeben. Sie wurde von Hesse Ende 1918 geschrieben, erschien erstmals in der 181. Nummer der “Deutschen Rundschau” und in Buchform 1920 in einem Band mit “Klingsors letzter Sommer” und “Klein und Wagner”. Die Büchergilde zeigt verlegerischen Mut mit dieser feinen kleinen Einzelveröffentlichung.

Der jungen Illustratorin Marie Wolf gelingt mit ihren farbigen Bildern eine überraschend plastische und passende Interpretation. Szenen aus unserer Zeit, die gleichzeitig mystisch aufgeladene Parabeln sind. Sachlich, scheinbar naiv in der Ausführung, einmal in zarten Pastelltönen, ein anderes mal dunkel, düster, bedrohlich.

Im Nachwort erzählt sie welche Assoziationen die Lektüre des Hesse-Textes bei ihr auslöste und so die Formensprache ihrer Zeichnungen anregte. Die religiös aufgeladenen Metaphern, die gottgleiche Rolle des Vaters, die Macht der Erwachsenen über die Kinder. Sie fragte sich “Kinderseele! Was hat mich beschäftigt und bewegt, als ich in diesem Alter war? Was ist meine ‘Kinderseele’?” Dabei fallen ihr Situationen ein, in denen sie als Kind ein schlechtes Gewissen hatte, Situationen wie sie alle Kinder in irgendeiner Form kennenlernen. Kinder können die Größenordnung ihres, oft nur scheinbaren, Fehlverhaltens noch nicht einordnen, reagieren mit Ohnmacht und Angst vor den Konsequenzen. Diese Gefühle verfolgen sie sehr lange, bis in alptraumreiche Nächte.

Die Protagonisten in Wolfs Zeichnungen haben menschliche Körper und Tierköpfe. Die Hauptfigur, das alter ego Hermann Hesses, ist ein junger Affe. Ein Tier das in der christlichen Symbolik für Eitelkeit, Lüsternheit und Bosheit steht. Was dem subjektiv empfundenen Selbstbild des Jungen entspricht. Der Vater als Adler verkörpert ein übermächtiges Tier, das Intelligenz, Überlegenheit und göttliche Fürsorge ausstrahlt.

Marie Wolf auf der Leipziger Buchmesse 2017

Marie Wolfs Kinder der Gegenwart sind in den Plattenbauten der großstädtischen Vororte zu Hause. Ihre Spielplätze sind betonierte Wege zwischen Häuserschluchten und triste Schulhöfe, die familiäre Atmosphäre erscheint kalt, die Rollenverteilung klassisch. Wolf wurde 1991 geboren und wuchs selbst in einer Erfurter Plattensiedlung auf. Die Beziehung zu den Eltern war harmonisch, extreme Erfahrungen wie sie Hermann Hesse widerfuhren, gab es in ihrer Kindheit nicht.

Seit einem Studium in Kommunikationsdesign arbeitet sie freiberuflich. Bei ihrer Vorstellung des Buches auf der Leipziger Buchmesse hat mich fasziniert, wie sich eine Leserin ihrer Generation so selbstverständlich in die Vorstellungswelt eines Schriftstellers aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts einfühlen kann.

Ich habe sie deshalb nach ihren Hesse-Lektüren gefragt. Und sie hat mir erzählt, dass ihre erste Begegnung tatsächlich im gymnasialen Deutsch-Unterricht stattgefunden hat. Es gab da einen Lehrer, der die Schulgeschichte “Unterm Rad” mit seinen Schülerinnen und Schülern durchnahm. Danach hat Marie Wolf den “Steppenwolf” gelesen. Eine erstaunliche Lektüre-Biographie.

Ihre zeichnerische Interpretation von Hesses “Kinderseele” bietet nicht nur Einblick in ihre künstlerische Ausdrucksfähigkeit und einen ausgeprägten Gestaltungswillen, sondern ist darüber hinaus die gute Gelegenheit eine der vielen wunderbaren Erzählungen Hermann Hesses neu zu entdecken und vielleicht Lust auf mehr davon zu bekommen. Das schön gestaltete und hochwertig ausgestattete Buch eignet sich auch sehr gut zum verschenken.

Hesse, Hermann; Wolf, Marie (Illustrator): Kinderseele. Erzählung (Mit 13 vierfarbigen Illustrationen und einer Nachbemerkung der Illustratorin, fester Einband mit schillerndem Papier, Format 15 x 19,5 cm, Buchgestaltung von Cosima Schneider, 72 Seiten.) Edition Büchergilde, 2017. Euro 18 (Mitglieder Preis Euro 17)

Hermann Hesse und Ulm. Dritter Teil

 “Die Geige”

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(Bernd Michael Köhler danke ich für seine Unterstützung bei der Material-Recherche und der Verifizierung von Quellen.)

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Im November 1929 war Hermann Hesse einmal mehr in Schwaben unterwegs.

Auf dem Programm stand diesmal Tübingen, die Stadt seiner Lehrzeit in mehrfachem Sinne. “ … ich bin seit 23 Jahren nicht mehr dort gewesen”, stellte er fest. Danach Stuttgart, Ludwigsburg und Marbach. Und schließlich führte der Weg – wie so oft – nach Blaubeuren.

Ein Jahr später erschien die Buchausgabe der Erzählung “Narziß und Goldmund”. Die “Geschichte einer Freundschaft” wurde von Oktober 1929 bis April 1930 in der “Neuen Rundschau” erstmals veröffentlicht, einer Zeitschrift mit langer Tradition, die bis heute von S. Fischer verlegt wird.

Am 18. April 1931 brach Hesse zu einer Deutschlandreise mit seinem Sohn Bruno auf. In Ulm waren sie bei Eugen Zeller und seiner Familie in der Bessererstraße zu Gast. Es war der vermutlich letzte Besuch in der Stadt an der Donau. Immer kräftiger wehte jetzt in Deutschland der Wind von scharf rechts. Hesse hat das früh ernstgenommen und trat am 10. November, wenige Tage vor der Hochzeit mit Ninon, aus der Preußischen Akademie der Künste aus.

Zum allerletzten Mal in Deutschland war er im Sommer 1936. Mit dem Flugzeug ging es von Zürich nach Hannover. Er konsultierte erneut den Augenarzt seines Vertrauens. Dr. Graf M. von Wiser praktizierte inzwischen in Bad Eilsen. Vom 25. August bis 4. September hielt sich Hesse in Niedersachsen auf. Bei dieser Gelegenheit kam es zu einer ersten Begegnung mit Peter Suhrkamp.

Ulm 1923, Aquarell v. J. Marschall

Wer war dieser Eugen Zeller, den Hesse in Ulm immer wieder besuchte und mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft und Briefpartnerschaft verband?

Eugen Christian Zeller wurde am 6. Juli 1871 in Stuttgart geboren. Nach dem Studium der Philologie und Geschichte in Tübingen legte er 1894 die höhere Lehrerprüfung ab. Er unterrichtete als Professor für Neuphilologie zunächst in Stuttgart und Göppingen, ab 1900 an der Realschule – später Realgymnasium – in Ulm.

Für die nationalliberale Partei war er Mitglied im Bürgerausschuss, dem heutigen Gemeinderat, und gehörte zum “Gindele-Kreis”, einem losen Zusammenschluss Ulmer Demokraten, die sich regelmäßig mittwochs im beliebten Café Gindele trafen, nahe der Dreifaltigkeitskirche, dem heutigen “Haus der Begegnung”. Früh ging Eugen Zeller zu der nach 1930 stark aufkommenden nationalsozialistischen Bewegung auf Distanz.

1934 ließ er sich auf eigenen Wunsch in den Ruhestand versetzen, den neuen Machthabern wollte er nicht dienen. Als später kriegsbedingt starker Lehrermangel bestand, nahm er seine Tätigkeit wieder auf. Zeller war ein großer Literatur- und Kunstfreund, ein kenntnisreicher Leser und Sammler. Er hatte eine umfangreiche Kunstsammlung zusammengetragen und besaß viele seltene und wertvolle Stücke aus dem ehemaligen Besitz Eduard Mörikes. Im Dezember 1944, beim größten Luftangriff auf Ulm, wurden sie zusammen mit den meisten Bildern und zahlreichen Briefen von Hermann Hesse, unwiderbringlich zerstört.

Obdachlos geworden zog Zeller vorübergehend nach Schorndorf. Mit Hesse blieb er brieflich in Kontakt. Im Dezember 1946 schrieb er eine umfangreiche Rezension des “Glasperlenspiels”, die im selben Monat zuerst in der Zeitschrift “Der Standpunkt” (Bd. 1, H. 12, 1946) erschien, sowie in gekürzter Form am 17. Mai 1947 in der “New York Staats-Zeitung und Herold. Amerikas führende deutschsprachige Zeitschrift”. Und die Leser der “Schwäbischen Donauzeitung” fanden sie in der Ausgabe vom 29. April 1947.

glaspersp“Wie Goethes Wanderjahre ist das Glasperlenspiel ein Entwicklungsroman. Das Glasperlenspiel wird künftig in einer Reihe stehen: Parzival, Simplizissimus, Wilhelm Meister, Grüner Heinrich, Maler Nolten, einer stolzen Reihe und Hesse ist der Sechste. Noch vieles wäre zu sagen: wie nahe Hesse Goethe und Tschuang-Tse, der große chinesische Weise in der Gemeinsamkeit ihres polaren Weltbildes zusammenrücken; wie dramatisch die Auseinandersetzung; Geist und Welt sich steigert – alles das als Beitrag zum Wiederaufbau des geistigen, des geheimen Deutschlands.”

Damit drückte Zeller eine Zuversicht aus, die nicht nur vielen Ulmern in den Jahren nach dem Krieg und angesichts seiner Folgen neue Kraft gab. Zu ihnen gehörte Kurt Fried, Schriftleiter der “Schwäbischen Donauzeitung”, der von den amerikanischen Alliierten eine Zeitungs-Lizenz erhalten hatte und im kulturellen Leben der Münsterstadt noch eine wichtige und einflussreiche Rolle spielen sollte – nicht zuletzt als Sammler moderner Kunst. Die „Sammlung Fried“ ist heute Teil des Ulmer Museums.

1947 war Eugen Zeller der Deutschlehrer eines jungen Kriegsheimkehrers mit dem Namen Siegfried Unseld, der nach seiner Zeit als junger Soldat nun sein Abitur nachholen musste. “Notabitur” hieß die verkürzte Form eines höheren Schulabschlusses in den Jahren nach dem Zusammenbruch Deutschlands. Einen prägender Eindruck hinterlässt der Pädagoge Zeller beim späteren Lehrling im Ulmer Aegis-Verlag, wie dieser immer wieder betonen wird. Aus Unseld wird der langjährige Leiter des Suhrkamp-Verlags und damit der Verleger Hermann Hesses.

Eugen Zeller (1871 – 1953) Quelle: geni.com

„Eugen Zeller war ein großer Erzieher, er gab uns was: Passion für Literatur, Passion für seine großen drei literarischen Vorbilder: Goethe, Mörike und Hermann Hesse, die er uns dadurch nahebrachte und liebenswert machte, daß er über sie keine Aufsätze schreiben ließ und keine Zensuren vergab.“

Nach dem Tod seiner Frau Klara am 11. August 1953 bekam Zeller Besuch von dem Japanologen Wilhelm Gundert, einem Cousin Hermann Hesses. Bereits am 17. des selben Monats stirbt auch der Lehrer, Mörike-Verehrer und Hesse-Freund in Ulm-Söflingen. Sein Leben, sein Wirken, seine Beziehung zu Hesse, hätten eine eigene ausführliche Darstellung verdient.

Eugen Zeller plante offensichtlich seine Erinnerungen zu schreiben oder hatte bereits mit deren Aufzeichnung begonnen. Hesse gegenüber muss er entsprechende Andeutungen gemacht haben, denn dieser schrieb ihm im März 1949: “Und mögen Ihre Erinnerungen vollends Gestalt annehmen.” Wir konnten über öffentlich zugängliche Kanäle kein Material ausfindig machen oder nachweisen. Möglicherweise befindet es sich in Privatbesitz. Für entsprechende Hinweise sind wir jederzeit empfänglich.

Die Grabstätte der Zellers auf dem Söfllinger Friedhof existiert noch. Die Inschriften auf dem Grabstein sind stark verwittert und nur schwer zu entziffern: “Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt der bleibt in Gott und Gott in ihm.” Es folgen die Namen und Lebensdaten von Eugen Zeller und seiner Frau, der Tochter und des Schwiegersohns: “Eugen Zeller, Professor, 1871 – 1953 / Klara Zeller, geb. Bühler, 1876 – 1953 / Joseph Kneer, Maler, 1900 – 1990 / Gudrun Kneer, geb. Zeller, 1902 – 1992″.

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Hermann Hesse und Eugen Zeller teilten die Leidenschaft für ihren Landsmann, den unfreiwilligen Landpfarrer und Dichter aus Berufung, Eduard Mörike. Wie wir gesehen haben sammelte Zeller Bücher und Gegenstände aus dem Besitz des Idols. Hesse war an diesen “Devotionalien” interessiert und wandte sich mit einer Nachfrage an den Freund. Der antwortete: “Ihrem Wunsche ein Mörike-Original zu besitzen, bin ich gerne zur Verfügung.” Er bekam von Zeller einen Vers samt Zeichnung aus dem Poesie-Album der Mörike-Tochter Marie. Und von Fanny, der zweiten Tochter des Dichters, einen Kerzenleuchter, einen Mörser, eine Bleistiftzeichnung Mörikes vom Kloster Lorch und ein Albumblatt.

Fanny war seit 1882 mit dem Uhrmachermeister Georg Hildebrand verheiratet. Das Paar wohnte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Neu-Ulmer Blumenstraße. In einem Brief aus Gaienhofen vom 9. Dezember 1907 bedankte sich Hermann Hesse für einen Teil der überlassenen Gegenstände: “Ihr Brieflein mit den beiden schönen Gaben hat mir eine große Freude gemacht. Es gibt keinen Dichter, der mir im Herzen so nahe steht wie Ihr Vater, und alles, was von ihm stammt, ist mir teuer. Darum bin ich auch über die Zeichnung und das Albumblatt sehr froh … Sollten Sie, was von Ulm aus ja wohl möglich ist, einmal an den Bodensee kommen, so wäre es mir eine große Freude, Sie hier zu Gast zu haben.”

Von der US-Militärregierung für Württemberg wurde 1945 Josef Kneer als Übergangsleiter für das Ulmer Museum eingesetzt. Er sorgte während sieben Jahre für den Wiederaufbau des Museumsgebäudes und die Rückführung des ausgelagerten Sammlungsbestände. Der Künstler und Kunstpädagoge heiratete Gudrun Zeller und wurde der Schwiegersohn Eugen Zellers.

In einem seiner Rundbriefe blickte Hermann Hesse 1954 zurück: “Hier fällt Freund Zeller mir ein, der im vergangenen Jahr dreiundachtzig Jahre alt, gestorben ist … er hat die Zerstörung von Ulm und all seinem Eigentum, darunter viele kostbare Mörike-Reliquien, tapfer und klaglos überlebt, auch noch zwei Umsiedlungen … ein Mann ohne Tadel, eine der markanten Schwabengestalten … “

Eine besondere Rolle spielte, wie in den ersten beiden Beiträgen angedeutet, für Hesse von Anfang an das Ulmer Münster. Er hat den mächtigen Kirchenbau bei fast jedem seiner Aufenthalte in der Stadt besucht. Eugen Zeller wird das eine oder andere Mal dabei gewesen sein.

In einem Reisebrief aus dem Jahr 1925 sah sich der Dichter veranlasst eine frühere Fehleinschätzung zu korrigieren: “Ferner habe ich schon vor einigen Jahren im Gespräch mit Freunden einmal behauptet, im Vergleich mit dem Straßburger Münster sei das Ulmer Münster unbedeutend und enttäuschend, und eine Stunde nachher … da merkte ich, daß ich vom Ulmer Münster, das ich nur in früher Jugend ein einzigesmal gesehen habe, überhaupt keine klare Vorstellung mehr hatte.”

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Im Tagebuch vom Sonntag, den 23. Juni 1901 heißt es: “Mit Karl Bummel zum Münster, dessen Eindruck enorm.” Ein Spaziergang mit Halbbruder Karl Isenberg am selben Tag, führte an der Donau entlang bis ins bayerische Thalfingen.

Eduard Mörike, Hesses und Zellers Lieblingsdichter, am Tübinger Stift zum Geistlichen ausgebildet, war übrigens kein wirklicher Freund des Ulmer Münsters. Seine regelrechte Abneigung hat er in einem Brief an Luise Rau vom 17. Juli 1831 formuliert: “Dieser Koloß, der so tyrannisch alles um sich her verkleinert.” Dabei hatte der Turm zu Mörikes Zeit seine spätere Höhe von 161 Metern noch gar nicht erreicht.

Für Hesse waren es eher Details, die er an dem “Koloß” liebte, wie den Chor mit dem vielsitzigen Holzgestühl von Jörg Syrlin dem Älteren. Heutige Besucher dürfen darauf nur in seltenen Ausnahmefällen Platz nehmen. Die Klappsitze verursachen beim Zurückschnappen ein lautes Geräusch, das im riesigen Kirchenschiff lange nachhallt.

Welche weiteren städtebaulichen Eigenheiten Ulms Hesse bewunderte, erfahren wir in der “Nürnberger Reise”: “ … die Stadtmauer und den Metzgerturm … und das Rathaus, … uralte, schief eingesunkene Fischerhäuser im dunklen Wasser stehend, kleine Zwergenhäuser auf dem Stadtwall, stolze Bürgerhäuser in den Gassen, hier ein origineller Giebel, da ein edles Portal.” Es ist das Ulm, wie es sich vor den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs den Besuchern zeigte. Die nach 1945 wieder aufgebaute Stadt mit ihren breiten Verkehrsschneisen und den kleinen und größeren Bausünden, hat Hermann Hesse nicht kennengelernt.

Aegis

Das Aegis-Haus in der Ulmer Platzgasse. Im Erdgeschoß befindet sich bis heute die Aegis-Buchhandlung.

“Und im Raume schwebten Töne, aus Licht gesponnen, / silbern über blauen Schatten der Gassen. / Eine fremde Geige sang zum Geleit / dem wandelnden Träumer.”

Das verlegerische Gesellenstück, das der Zeller-Schüler, gelernte Verlagskaufmann und spätere Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld abzuliefern hatte, als er im Ulmer Aegis-Verlag sein “Handwerk” erlernte, war ein Bändchen mit dem Titel „Maria Müller-Gögler. Gedichte“. Die Manuskripte hatte er von Eugen Zeller bekommen, der die Verfasserin während gemeinsamer Jahre als Lehrer und Lehrerin in Ulm kennengelernt hatte. Dieses “erste Buch” Siegfried Unselds erschien 1947. Sein ehemaliger Deutschlehrer hatte das Vorwort verfasst.

“Das sinnliche Glühen, das Berückende der besten ihrer Gedichte ist oft so stark, daß sie ans Übersinnliche rühren … Ihre Dichtung ist Bild und Gesang … Hohes Können, sinnlicher Klang, Bildschönheit, blühendes Leben, weil ergreifend naturnah, und farbiger Schmelz zeichnen die Gedichte aus.”

Das Gedicht „Die Geige“, der oberschwäbischen Dichterin und promovierten Gymnasial-Lehrerin, die von 1938 bis 1944 in Ulm lebte und lehrte, wählte Hermann Hesse als eines seiner zehn schönsten für eine Anthologie mit dem Titel „Geliebte Verse“.

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Die insgesamt drei Blog-Beiträge “Hermann Hesse und Ulm” sind die gekürzte und leicht veränderte Fassung einer umfassenderen Arbeit zu diesem Thema. Hesses “Nürnberger Reise” war für Jan Haag und Bernd Michael Köhler Anlass, sich anhand einschlägiger Literatur und anderer Quellen etwas ausführlicher mit diesem Thema zu befassen. Nach Fertigstellung wird das Ergebnis auf einer eigenen con=libri-Seite veröffentlicht. Diese Fassung wird ein Verzeichnis der verwendeten Quellen enthalten.

Hermann Hesse und Ulm. Zweiter Teil

“Die Nürnberger Reise”

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(Bernd Michael Köhler danke ich für seine Unterstützung bei der Material-Recherche und der Verifizierung von Quellen.)

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“Der mitgenommene fremde Geselle begann nun auch warm zu werden und zu erzählen. Er wußte von einem Schlosser in Ulm, der konnte zwanzig Glas Bier trinken, von dem guten Ulmer Bier, und wenn er damit fertig war, wischte er sich das Maul und sagte: so jetzt noch ein gutes Fläschle Wein!”

Im Oktober 1905 (im Impressum vordatiert auf 1906) erschien Hermann Hesses Erzählung “Unterm Rad”, in der er die Jahre seiner Kindheit und Jugend, insbesondere die Zumutungen durch Schule und familiäres Umfeld, aufarbeitete und zu Literatur veredelte. Daraus stammt diese kleine Anekdote mit Ulm-Bezug.

Ulm wird erwähnt in einem Artikel, der am 10. Oktober 1915 in der “Neuen Zürcher Zeitung” unter dem Titel “Wieder in Deutschland” erschien. In poetischer Sprache schildert er die Reise vom Schweizer Wohnort nach Schwaben. Die Fahrt durch die Hügellandschaft südlich der Donau fand während des Ersten Weltkriegs statt. Hesse war für die Kriegsgefangenen-Fürsorge unterwegs.

“Der Bodensee strahlte blau und klar, in den Bäumen des Thurgaus leuchteten die Millionen reifer Äpfel, und in Friedrichshafen sahen wir über dem weiten Wasser den Tag rosig verglühen. Ah, da war die Heimat wieder. Es war Sonntag, eine Menge Menschen unterwegs, die Züge und Restaurationen voll. Im Grunde nichts anders als sonst, als einst in der sagenhaften Zeit des Friedens; nur die Soldaten … fallen zuerst auf. … Landmädchen, die zum Besuch des Liebsten oder Bruders nach Ulm oder sonst wohin gefahren sind …”

Der Ulmer Hauptbahhof mit Hauptpost im Jahr 1904

1919 kam der Roman “Demian” in die Buchhandlungen. Hesse firmierte zunächst nicht als Autor. “Einmal … war es mir nahezu ein Jahr lang gelungen, meine Gedanken und Phantasien unter fremdem Namen auszusprechen, unbelästigt von Ruhm und Anfeindung, unbeirrt von Abstempelung – aber dann war es aus.”

Was war geschehen?

Auf “Demian. Die Geschichte einer Jugend” stand als Verfasser der Name “Emil Sinclair”. Ein Pseudonym das Hesse hin und wieder verwendete und damit auf den Hölderlin-Freund Isaac von Sinclair anspielte. Als diesem Sinclair der Fontane-Preis verliehen werden sollte, flog der Schwindel auf und mit der Ruhe für den richtigen Autor war es wieder vorbei.

Neunzehnhundertfünfundzwanzig. Ein Jahr nach dem Tod des Autors erscheint Franz Kafkas Romanfragment “Der Prozess.” Im Februar kommen bei einem Grubenunglück in Dortmund 136 Bergleute ums Leben. Der Nobelpreis für Literatur geht an George Bernard Shaw. Zum ersten Mal wird ein Fußballspiel live in einem deutschen Radiosender übertragen. Im Herbst bricht Hermann Hesse zu einer weiteren ausgedehnten Lesereise auf. Über diese sogenannte “Nürnberger Reise” wird er einen launischen Bericht schreiben und als Buch veröffentlichen.

Die Reise hatte eine kleine Vorgeschichte: “Dort (in Baden bei Zürich) nämlich lernte ich eines Tages im Sprechzimmer des Arztes einen Ulmer kennen, und er lud mich ein, in Ulm bei ihm zu wohnen, und nun stand er also an der Bahn, und mit ihm ein alter Bekannter von mir, der mir vor mehr als zwanzig Jahren einst zum erstenmal diese Stadt gezeigt hat. Ich kam in ein freundliches Haus, mit Kindern, mit liebenswerten Menschen, es war keine Fremde da, ich war noch in Schwaben.”

Ulm um 1920

Das Ulm des Jahres 1925 war eine pietistisch geprägte Stadt. Das kannte Hesse von Calw. Allerdings wehte in der ehemaligen freien Reichsstadt, deren Lage an der Europa durchströmenden Donau schon immer eine gewisse Weltanbindung mit sich brachte, ein etwas liberalerer Geist. Dafür spricht die Stadtverfassung, der “große Schwörbrief” von 1397, auf den die Ulmer Oberbürgermeister alljährlich am dritten Montag im Juli zu schwören haben. Dabei versprechen sie, allen Bürgern der Stadt in gleicher Weise gerecht zu werden.

Hermann Hesse fühlte sich Zeit seines Lebens als Schwabe, unabhängig davon, wo er später zu Hause war. Es gibt, neben zahlreichen weiteren Belegen, einen Fragment gebliebenen „Schwäbischen Lebenslauf“, der das zum Ausdruck bringt und den er ursprünglich für das “Glasperlenspiel” vorgesehen hatte. Dort wird er jedoch nur kurz erwähnt. Seine Herkunftsregion hat Hesse immer wieder gern besucht, dabei Erinnungen an die Kinder- und Jugendjahre aufgefrischt. Ein Erinnern, das zu den Quellen seines dichterischen Schaffens gehörte. Auf Dauer dort leben wollte er nicht.

Ende September 1925 der Aufbruch von Zürich aus. “ … fahre ich dieser Tage zu Haecker, dann nach Ulm, Augsburg usw.”, schrieb Hesse am 27. Oktober an Franz Schall. “Haecker”, das war Wilhelm Häcker, der Schulfreund aus gemeinsamer Zeit am Evangelischen Seminar in Maulbronn. 1925 wirkte Häcker längst als Professor an einer ähnlichen Einrichtung in Blaubeuren, dem Städtchen von Mörikes “schönen Lau”, etwa 20 Kilometer westlich von Ulm gelegen. Hier hielt sich Hesse am 1. und 2. November auf. Für ihn war Blaubeuren, wo im tiefen grün-blauen Blautopf der linksseitige Donauzufluss Blau entspringt, immer mit der Episode aus dem “Stuttgarter Hutzelmännle” des von ihm verehrten schwäbischen Pfarrers und Dichters verbunden.

Christian Wolf, www.c-w-design.de

Das Ulmer Museum heute. Foto: Christian Wolf, http://www.c-w-design.de

Am 3. und 4. des Monats war er in Ulm. Julius Baum, der Leiter des städtischen Museums, hatte ihn zur Lesung eingeladen. Die Einladung kam Hesse gelegen, wollte er doch auch der “Münstersache willen” hin. Er hatte wohl den Wunsch, ein Teil aus diesem Kirchenbauwerks zu besitzen. Was daraus wurde, wissen wir nicht.

Hesse las aus der zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichten Erzählung “Pictors Verwandlung”, aus “Knulp” und trug Gedichte vor. Nach Ulm folgten die Reise-Stationen Augsburg, München und schließlich das titelgebende Nürnberg. In München traf er Thomas Mann und erlebte einen Theater-Abend mit Karl Valentin.

Thomas Mann lebte mit seiner Familie in einer Villa im Münchner Stadtteil Bogenhausen. Sein “Zauberberg” war ein Jahr zuvor erschienen. Der Humorist, Dichter, Schauspieler und Regisseur Karl Valentin betrieb ein eigenes Filmstudio, in dem bis 1929 etwa 40 Kurzfilme entstanden. Auf Kleinbühnen führte er zusammen mit seiner Partnerin Liesl Karlstadt kabarettistisch absurde Sketche auf.

Vom 24. November bis zum 18. Dezember schrieb Hermann Hesse die selbstkritischen, ironisch gefärbten Erinnerungen an seine Reise auf. Eine von dem aus Pforzheim stammenden Hans Meid gestaltete erste Druckausgabe erschien 1927 bei S. Fischer. Im selben Jahr brachte der Verlag den “Steppenwolf” heraus und Hesse vollendete das 50. Lebensjahr.

Der Kunsthistoriker Julius Baum, der Hesse nach Ulm eingeladen hatte, brachte die Bestände des Museums erstmals in eine wissenschaftlich fundierte, museale Präsentations- und Archivierungsform. Bei seinem Konzept legte er Wert darauf, die Auseinandersetzung mit Vergangenem und gegenwärtig aktuellem Kunstgeschehen zu verbinden. Ein Konzept, das bis heute das Ulmer Museum prägt. 1933 wurde Baum wegen seiner jüdischen Abstammung des Amtes enthoben, 1939 emigrierte er in die Schweiz. 1937 kam es zu umfangreichen Beschlagnahmen von Beständen und nationalsozialistischen “Säuberungen” im Museum.

Wilhelm Kunze (1902 – 1939) war ein Nürnberger Dichter, der, lebenslang krank, nur 37 Jahre alt wurde. Wie so viele junge, zur Schriftstellerei neigende Menschen, hatte er Manuskripte an Hesse gesandt. In Nürnberg haben sich die beiden getroffen. Kunze berichtet davon in einem Brief: “Dann erzählte er von Ulm und seinem Rathaus, wo er einige Tage zuvor gelesen hatte. Er habe unterwegs oft plötzlich alte Bekannte getroffen, über die er sich gefreut habe.”

Das Deutschland der Weimarer Republik zwischen 1925 und dem Beginn der Nazi-Herrschaft, dieses fieberhafte Hoch von Kunst und Literatur, Film und Theater, das die Metropolen, allen voran Berlin, erfasst hatte – Hesse gehörte nicht zu seinen Protagonisten.

„Die Nürnberger Reise“ – Erstdruck von 1927

Und mit den zeitgenössischen Kolleginnen und Kollegen hat er sich eher weniger beschäftigt. Zu den Ausnahmen zählte Thomas Mann, mit dem ihn über Jahrzehnte eine Freundschaft verband, die deshalb gut funktionierte, weil beide bedacht waren immer eine gewisse Distanz zu halten.

In der “Nürnberger Reise” bekennt Hesse: “Ich liebe die deutschen Dichter der letzten großen Epoche, bis 1850, ich liebe Goethe, Hölderlin, Kleist, die Romantiker mit meinem ganzen Herzen, ihre Werke sind mir unvergänglich, immer und immer wieder lese ich Jean Paul, lese Brentano, Hoffmann, Stifter, Eichendorff, ebenso wie ich immer und immer wieder Händel, Mozart und die ganze deutsche Musik bis Schubert höre.” Bei den Dichtern können wir die Schwaben Eduard Mörike und Christian Wagner in Gedanken hinzufügen.

Anfang des Jahres 1926 führte Hesse eine Reise nach Stuttgart, Calw und Blaubeuren. Wohl acht bis zehn Tage hat er bei Häcker verbracht. Was hat er gemacht im stillen Städtchen? Dem Werben der schönen Lau gelauscht? Ist er gewandert? Hat er Ulm auf dieser Reise nur zum Umsteigen berührt?

Wir müssen noch Franz Schall erwähnen. Schall und Hesse hatten sich 1890 auf dem Lateinseminar in Göppingen kennengelernt. Beide waren Jahrgang 1877. Der spätere Oberstudienrat für alte Sprachen wurde während des Dritten Reichs wegen systemkritischer Äußerungen für ein Jahr inhaftiert. Er starb 1943. Im “Glasperlenspiel” hat ihn der Freund in der Figur “Clangor” verewigt. Und Schall übersetzte zusammen mit Joseph Feinhals das Motto des Glasperlenspiels für Hesse ins Lateinische. „… non entia enim licet quodammodo levibusque hominibus facilius …“ („… denn mögen auch in gewisser Hinsicht und für leichtfertige Menschen … „), sind dessen erste Worte.

Vom 9. März bis 10. April 1928 reiste Hermann Hesse u. a. nach Weimar und Berlin. In Ulm legte er wieder einen Zwischenstopp ein. Ninon Dolbin begleitete ihn. Sicher wollte er ihr Ulm zeigen und von den Erinnerungen erzählen, die für ihn mit der Stadt verbunden waren.

Ninon Ausländer (1895 – 1966) ist eine 14-jährige Schülerin am Humanistischen Gymnasium in Czernowitz als sie den ersten Brief an Hermann Hesse schreibt. Sie schrieb an den Verfasser des “Peter Camenzind”, ein Buch, das die Heranwachsende sehr beeindruckt hatte. Nach dem Abitur studierte sie Kunstgeschichte und Archäologie, heiratete 1918 den bekannten Karikaturisten Benedikt Fred Dolbin, der ab 1926 in Berlin für verschiedene Zeitungen arbeitete, ursprünglich aus Wien stammte und 1935 nach New York emigrierte. Das Paar trennte sich bereits 1920 wieder. Ninon hatte über die Jahre den Briefwechsel mit Hesse, der ihr auf den ersten Brief ausführlich geantwortet hatte, fortgesetzt.

Original Arbeitsplatz Hesses im „Museum Hermann Hesse“, Montagnola

Im Sommer 1922 wurde sie von ihm nach Montagnola eingeladen, das erste persönliche Zusammentreffen. Es begann eine zaghafte Annäherung der beiden bereits Ehegeschädigten. Sie lebten zunächst in “Fern-Nähe”, erprobten die Partnerschaft. Erst am 14. November 1931 wurde geheiratet. Hesse war inzwischen 54, seine dritte Ehefrau 36 Jahre alt.

Ninon blieb eine eigenständige Persönlichkeit, beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit der griechischen Antike, schrieb vielbeachtete Abhandlungen, wurde zu Kongressen eingeladen, hielt Vorträge. Sicher fand bei dem Besuch der beiden im Frühjahr 1928 in Ulm eine Begegnung mit Eugen Zeller statt. Hesse wird die Gelegenheit genutzt haben, dem Freund die Gefährtin vorzustellen. Die Kunsthistorikerin hat sich vermutlich für die Gemäldesammlung des Ulmers interessiert.

Im Jahr 1929 wurde eine Reise zu Lesungen in München und Ulm mit einer Konsultation des Augenarztes Graf von Wiser in der bayerischen Hauptstadt verbunden. Augenbeschwerden sind ein Dauerthema in Hesses Leben. Vom Militärdienst war er erstmals 1900 zurückgestellt worden. “ … beidseitiger Bügelmuskelkrampf, linkes Auge hochgeschwächt, bei hochgradiger Kurzsichtigkeit”, lautete die Diagnose. 1901 misslang eine Operation der ständig entzündeten Tränenkanäle. Hesse litt ein Leben lang an schmerzenden Augen. Nach seinem Tod fand man an die hundert Brillen in seinem Schreibtisch.

In Kürze folgt der dritte Teil von „Hermann Hesse und Ulm“, hier auf con=libri. Er trägt den Titel „Die Geige“.

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Die insgesamt drei Blog-Beiträge “Hermann Hesse und Ulm” sind die gekürzte und leicht veränderte Fassung einer umfassenderen Arbeit zu diesem Thema. Hesses “Nürnberger Reise” war für Jan Haag und Bernd Michael Köhler Anlass, sich anhand einschlägiger Literatur und anderer Quellen etwas ausführlicher mit diesem Thema zu befassen. Nach Fertigstellung wird das Ergebnis auf einer eigenen con=libri-Seite veröffentlicht. Diese Fassung wird ein Verzeichnis der verwendeten Quellen enthalten.

Hermann Hesse und Ulm. Erster Teil

Die “Schwarze Henne“

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(Bernd Michael Köhler danke ich für seine Unterstützung bei der Material-Recherche und der Verifizierung von Quellen.)

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Es ist ein beliebter kleiner Spaziergang für Ulmer und Ulm-Besucher. Hinter dem Rathaus hinunter zum schlagseitigen Metzgerturm und auf der Stadtmauer flussabwärts. Die Herdbrücke queren und hinter dem Rosengarten und an der Adler-Bastei vorbei, wo einst Albrecht Berblinger, der “Schneider von Ulm” seinen gescheiterten Flugversuch unternahm, bis zum Gänsturm. Auf der anderen Seite des Turmdurchgangs befinden sich die Baurengasse und die “Schwarze Henne”. Damals wie heute eine beliebte ur-schwäbische Gaststätte in einem gut erhaltenen historischen Haus. Es war wohl ganz zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Hermann Hesse in der niedrigen Gaststube am massiven Holztisch mit Eugen Zeller bis zwei oder drei in der Nacht zechte. Sie mussten dann Schluss machen, weil der Wein alle war. So wird es zumindest Zeller in einem Zeitungsartikel gut 20 Jahre später darstellen.

Hesse-Orte. Orte an denen der Dichter große Teile seiner Lebenszeit verbrachte, Orte die ihn prägten, in seiner persönlichen Entwicklung eine entscheidende Rolle spielten: Calw, Maulbronn, Tübingen, Basel, Gaienhofen am Bodensee, Bern und Montagnola – vielleicht muss Zürich, wo er in einigen Jahren überwinterte, dazugezählt werden.

Hesse-Kurorte. Plätze an denen er, wenn nicht Heilung, so wenigstens Linderung körperlicher und seelischer Leiden zu finden hoffte: Baden bei Zürich, das Kurhaus Sonnmatt (heute noch in Betrieb), das Engadin im weitesten Sinne, Badenweiler im Südbadischen. Im Sanatorium Prefegier in Marin am Neuenburger See, tauchte er im Herbst 1946 für vier Monate unter, zu einer Zeit als ihm in Stockholm der Nobelpreis für Literatur überreicht werden sollte. Der Schweizer Botschafter sprach für ihn.

Und es gibt eine lange Reihe von Orten, meist Städte, in denen der Dichter sich immer wieder aufhielt. Oft nur wenige Tage und häufig im Zusammenhang mit Lesereisen. Manche dieser Städte liebte er besonders, besichtigte ihre Sehenswürdigkeiten und die vor dem Zweiten Weltkrieg noch unzerstörten historischen Innenstädte, besuchte Bekannte, Freunde, Verleger, Briefpartner. Zu diesen Städten gehörte Ulm an der Donau.

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Aufbrüche, und die damit verbundenen Abschiede, fielen Hesse nie leicht. “ … so bin ich doch ein bequemer, reise- und menschenscheuer Mann, den der Gedanke an eine Reise auf kleinen entlegenen Landbahnstrecken wenig Liebenswertes hat.” Denn “ … für einen Schriftsteller, einen stillen, wenig reisenden Dorfbewohner und Studierzimmermenschen, ist der Gedanke, daß er am zwölften des übernächsten Monats unweigerlich in dieser oder jener Stadt vorzulesen habe, unter Umständen grauenhaft.” So charakterisierte er sich im Büchlein “Die Nürnberger Reise”, von dem noch die Rede sein wird.

Im Mai 1919 wurde Montagnola im schweizerischen Tessin, auf der warmen Alpensüdseite, für Hermann Hesse zur dauerhaften Heimat. Dass sein Verhältnis zum Reisen stets ambivalent war, erfahren wir am Ende der “Nürnberger Reise”: “ … jetzt ging es wieder zurück in den Käfig, in die Kälte, in die Verbannung. Nun ja, das Blatt wehrt sich im Wind und muß doch hin, wo er es haben will. Wohin werde ich jetzt fahren? Um wieviele Tage wird es mir glücken, die Heimkehr zu verzögern? Vermutlich werde ich noch lange reisen, vielleicht den ganzen Winter, vielleicht das ganze Leben.”

Die unwillkommenen “Umstände” ließen sich nicht vermeiden. Vor 1933 war Hesse eine vielgefragte Persönlichkeit in Deutschland. Institutionen und Honoratioren luden ein, Leser erwarteten ihn, der Verlag hatte seine absatzfördernden Vorstellungen. Schweren Herzens brach er auf, ging für Tage und Wochen auf gründlich vorab geplante Tourneen durch deutsche Städte. Obwohl die Aufenthalte in den einzelnen Orten meist kurz waren, versuchte er die Pflichten nach Möglichkeit mit persönlichen Interessen und Neigungen zu verbinden. Ihm lag besonders daran Freunde und Bekannte zu treffen, sich mit ihnen auszutauschen – mit vielen pflegte er langjährige Briefwechsel -, und daran Stätten der Kindheit und Jugend wiederzusehen.

Ulm war sehr oft Station auf seinen Reiserouten. Dass er die ehemalige freie Reichsstadt bereits in jungen Jahren, also noch im 19. Jahrhundert zum ersten Mal sah, kann vermutet werden. Eindeutige Nachweise finden sich jedoch nur für Aufenthalte nach der Jahrhundertwende. Der Turm des Ulmer Münsters, mit dessen Bau bereits ab 1392 nach Plänen des Ulrich von Ensingen begonnen worden war, bekam seine endgültige Form und Höhe im Jahr 1890. Mit 161 Metern wurde er zum höchsten Kirchturm der Welt und übertraf den Kölner Dom um reichlich drei Meter. Dass der 1877 geborene Hesse das Münster vor der Fertigstellung des Turms gesehen hat, ist eher unwahrscheinlich.

Auf einen frühen Besuch in der Donaustadt könnte eine Passage in einem Brief vom 27. August 1898 an Helene Voigt hinweisen. “Stuttgart und Tübingen, auch Ulm, haben einiges Interessante … “. Die norddeutsche, zwei Jahre ältere Gutshof-Tochter war wohl eine der ersten Bewunderer des angehenden Dichters und eine der ersten die dies in einem Bewunderungsbrief zum Ausruck brachte: “Ach was sagt man, wenn jemand mit ein paar Worten eine Saite in uns berührt hat, die nun lange, lange nachschwingt”, schrieb sie am 22. November 1897 nach Tübingen. Es entspann sich ein Briefwechsel mit sanft erotischen Anklängen (sie hatte ihm ein Bild von sich geschickt!). Als “fremd-bekannte Freundin” bezeichnet er sie und kokettiert: “Ich bin so wenig an Freundschaft und Freundlichkeit gewöhnt.” Die aparte Jungfer heiratete alsbald den Verleger Diederichs und lebte später als Helene Voigt-Diederichs in Leipzig und Jena.

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„Romantische Lieder“ – erste Ausgabe. Mit handschriftlicher Widmung: „Das war meine allererste Publikation!“

1899 brachte der Jung-Autor beim Kommissionsverlag Edgar Pierson, Dresden und Leipzig, die Lyriksammlung “Romantische Lieder” heraus, die sich schlecht bis gar nicht verkaufte. Seine erste Zusammenstellung kleiner Prosastücke nannte er “Eine Stunde hinter Mitternacht”. Sie konnte mit Unterstützung der ihm so gewogenen, doch unerreichbaren Dame ein Jahr später bei Eugen Diederichs erscheinen. Von der Auflage von 600 Exemplaren verkauften sich in einem Jahr 53 Stück.

Mit ernsthaften literarischen Versuchen begann Hermann Hesse während seiner Buchhändler-Lehre bei Heckenhauer in Tübingen. Ab Oktober 1895 bis September 1898 lernte er beim damaligen Inhaber Carl August Sonnewald, arbeitete anschließend in der Buchhandlung und wechselte dann in die Antiquariats-Abteilung. In dem Gebäude der Buchhandlung, gegenüber der Stiftskirche, sind heute ein Antiquariat gleichen Namens und das “Hesse-Kabinett” zu finden, das sich den literarisch-biographischen Wurzeln des Dichters widmet. Aus der Lehrzeit sind noch Regale und Buchbestände im Original erhalten. Den in Tübingen erlernten Beruf übte der angehende Schriftsteller von 1899 bis 1903 in einem Basler Antiquariat aus.

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Hesse besaß weder Auto, noch Führerschein. Er bewegte sich mit der Eisenbahn fort. Ulm war deshalb für ihn ein immer wiederkehrender Umsteige-Bahnhof. Dort endeten Linien, die vom Bodensee, aus Stuttgart oder aus Bayern kamen. Wer weiter wollte, musste den Zug wechseln. 1900 erschien “Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher”, vom Autor einem verstorbenen Freund zugeschriebene Skizzen, Betrachtungen und Tagebuch-Aufzeichnungen, die von Hesse selbst stammten.

Im Frühsommer 1901 blieb er auf dem Weg nach München für drei Tage in Ulm. Er traf am 22. Juni ein und besuchte u. a. seinen Halbbruder Karl Isenberg, der zu dieser Zeit als Hilfslehrer in Ulm, später als Gymnasialprofessor in Ellwangen und Ludwigsburg tätig war. Karl, 1869 im heutigen Pakistan geboren (er starb 1937 in Ludwigsburg), war der Sohn von Charles Isenberg und der mit diesem in erster Ehe verheirateten Marie, geb. Gundert (1842–1902). Marie heiratet später den Indien-Missionar Johannes Hesse (1847–1916) – die beiden waren die Eltern des Dichters.

Am 20. Januar 1901 hatte das Ehepaar Elisabeth und Karl Isenberg einen Sohn bekommen, der nach dem Vater benannt wurde. Im Juni hat Hermann Hesse seinen Neffen zum ersten Mal gesehen. Dieser starb als Sanitätsoffizier 1945 an der Ostfront. Im Tagebuch gibt es die Eintragung “Reise nach Ulm”. Dort heißt es: “Fahrt nach Ulm. Calw ab 11.35 Uhr. Ich traf Karl, Lis und Kind wohl. Ulm eine behagliche, bürgerlich stattliche Stadt, vom Münster beherrscht.”

Viele Jahre später sollte dieser Karl Isenberg junior zur literarischen Vorlage für den Carlo Ferromonte (Ferromonte = Eisenberg = Isenberg) im “Glasperlenspiel” werden. “Knecht nennt Ferromonte im ersten dieser Briefe einen Spezialisten und Kenner in der Musik der reichen Ornamentik, der Verzierung, Triller etc. … “ Nicht ganz so durchgängig, aber ähnlich wie Thomas Mann, hat Hesse Personen aus dem privaten Umfeld zu Figuren seiner Romane und Erzählungen gemacht.

1902, Hesse lebte und arbeitete in Basel, wurde ihm eine Stelle als Assistent im Leipziger Buchgewerbemuseum angeboten. Er lehnte ab. Leipzig war ihm zu nördlich, dort wächst kein Wein. Unbekannte Großstädte kamen für ihn nicht in Frage. Am liebsten würde er “sein Leben in entlegenen italienischen Nestern verbringen, große Wanderungen machen und mich dem ganzen Schwindel unseres modernen Lebens gründlich und behaglich fern fühlen.” Die Empfindungen seines Peter Camenzind sind durchaus die eigenen. Das Buch entstand in diesem Jahr, nach dem Tod der Mutter, mitten in einem Tal der Depressionen, Unschlüssigkeiten, Zukunftsängste.

Zu Ulm hat Hesse im Laufe der Jahre eine etwas intensivere Bindung entwickelt. Er liebte das alte Stadtbild, das imposante Münster mit seiner himmelstrebenden Gotik und inneren Details wie dem prächtigen Chorgestühl des Söflinger Kunstschreiners Jörg Syrlin. 1952, zum 75. Geburtstag, wird ihm das Land Baden-Württemberg eine spätgotische Ulmer Madonna überbringen. 20 Jahre später machen sie die Söhne dem Deutschen Literaturarchiv der Deutschen Schillergesellschaft in Marbach zum Geschenk.

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Ulm um 1910

Eine entscheidende Rolle spielten natürlich die zahlreichen persönlichen Beziehungen in die Stadt. Darunter die fast lebenslange zu Eugen Zeller. Sie begann irgendwann um 1900 und endete erst mit dem Tod des Ulmers. Das nahe Blaubeuren, wo der Maulbronner Schulgenosse Wilhelm Häcker am evangelischen Seminar lehrte, darf man da geistig-geographisch getrost eingemeinden. Sehr oft war er auch in Blaubeuren, wenn er Ulm besuchte und umgekehrt. Vielleicht gehörten beide zu den Städten, durch die er im Traum ging. Das waren für Hesse jene, die ihm nahe, Besuch und Aufenthalt jederzeit wert waren.

Im Februar 1903 gab Hermann Hesse den Beruf eines Buchhändlers und Antiquars auf. Von nun an wollte er ausschließlich Schriftsteller sein. 1904 fand wieder ein Ulm-Besuch statt. Ein für Hesse bedeutendes Jahr, ein Jahr der Weichenstellungen. Nach den ersten, wenig beachteten Veröffentlichungen, war mit “Peter Camenzind” der Durchbruch gelungen. Zu literarischer Anerkennung durch die etablierte Kritik und größerer Leser-Resonanz, kam der überraschende pekuniäre Erfolg. Nachdem der Verleger Samuel Fischer die Veröffentlichung des Manuskriptes zugesagt hatte, legte sich Hesse in einem Brief an den Vater fest: “Ein berühmter Verleger hat mein letztes Manuskript, einen kleinen Roman, gekauft … Falls bis etwa in Jahresfrist der Erfolg ausbleibt, werde ich im Buchhandel eine ordentliche Stelle suchen.”

Ein Schicksal, das ihm erspart blieb. Das Buch erschien am 15. Februar 1904 und schlug sofort ein. Im April hielt sich der Autor für drei Wochen in München auf und lernte seinen Verleger persönlich kennen. Samuel Fischer machte das neue Mitglied in der illustren Verlags-Familie u. a. mit Thomas Mann bekannt.

Hermann Hesse im Jahr 1905. Zeichnung von Ernst Würtenberger.

Auch die Romanfigur Peter Camenzind zieht es gelegentlich nach Ulm: “In Frankfurt beschloß ich, mir noch ein paar Reisetage zu gönnen. In Aschaffenburg, Nürnberg, München und Ulm genoß ich mit neuer Lust die Werke der alten Kunst … “ Und Hesse selbst? Im Brief an Alexander von Bernus, für dessen Zeitschrift “Die Freistatt” Hesse geschrieben hatte, erfahren wir: “Ich nahm neulich noch 1 ½ Tage in Ulm Aufenthalt, das ich sehr liebe.”

Seinen schwäbischen Landsmann und älteren Dichterkollegen Christian Wagner hat er dabei knapp verpasst, er las Ende April in Ulm, während eines mehrwöchigen Aufenthalts in der Stadt. Die Lesungen fanden im Gasthof “Vom goldenen Hecht” und im “König von Württemberg” statt. Wagner schwärmte regelrecht: “Im Hause des Herrn Straßenbaumeisters Strobel (Ensingerstraße 19) fand ich über die ganze Zeit meines Aufenthaltes, zwei bis drei Wochen lang, die gastlichste Aufnahme. Täglich erhielt ich Einladungen von den ersten Autoritäten der Stadt: Oberbürgermeister Wagner, Rektor Neuffer, Generalarzt Burk, Professor Zeller … zu Gastmahlen und Ausflügen. Schöne Tage in Ulm!”

Bei dem von Wagner hier erwähnten Professor Zeller, handelte es sich um den Tischgenossen und späteren Lebens-Freund aus der “Schwarzen Henne”. Von ihm soll im dritten Teil von “Hermann Hesse und Ulm” etwas ausführlicher die Rede sein. Diese Freundschaft wird, außer bei einigen, meist kurzen, persönlichen Treffen, hauptsächlich in Form eines intensiven Briefwechsels gepflegt. “Im Jahre 1904 habe ich Sie zum ersten Mal gesehen … “, schrieb Zeller in einem Brief zu Hesses 70. Geburtstag, Juli 1947. Ob das zutrifft, ist nicht ganz sicher. Vielleicht kannten sie sich längst. Jedenfalls bat 1904 der Autor den Ulmer Lehrer und Literaturfreund um eine Rezension des frisch erschienenen “Peter Camenzind.”

Im selben Jahr heiratete Hesse Maria Bernoulli, die erste selbständige Fotografen-Meisterin der Schweiz. Das Paar zog nach Gaienhofen am westlichen Bodensee. 1905, 1909 und 1911 kamen die Söhne Bruno, Heiner und Martin zur Welt.

In Kürze folgt der zweite Teil von „Hermann Hesse und Ulm“, hier auf con=libri. Er trägt den Titel „Die Nürnberger Reise“.

 

Spät-Lese (5)

(Reife Bücher: Erstmals, neu oder wieder gelesen)

„Gertrud“ – von Hermann Hesse

Warum jetzt?

Die Meinung, dass der als kultig geltende amerikanische Film-Klassiker “Easy Rider” Berühungspunkte zu Werk und Gedankenwelt Hermann Hesses aufweist, ist eines der vielen Missverständnisse mit denen sich der Hesse-Leser, -Liebhaber und nicht ganz unkundige Hesse-Kenner anlässlich der ausgelassenen Feierlichkeiten rund um dessen 50. Todestag konfrontiert sieht. Der Dichter Hermann Hesse stammte aus polyglotter pietistischer Familie und wurde am 2. Juli 1877 im Königreich Württemberg geboren. Er starb am 9. August 1962 im Tessin; die meiste Zeit seines Lebens war er Schweizer Staatsbürger.

Eine Musikgruppe, die zum Film auch heute noch gern gehörte Popmusik über die Themen Freiheit und Abenteuer beisteuerte, wurde nach Hesses wirkungsmächtigen Roman “Steppenwolf” benannt. Längst wissen wir, dass die Mitglieder der Band keinerlei Kenntnis von Hermann Hesse hatten und die Namensgebung einem spontanen Einfall des erfolgsorientierten Managers zu verdanken war. “Born to be wild” kann uns also ebensowenig als geistige Essenz Hesses verkauft werden, wie die lederne Männer-Romantik des Road-Movies und dessen zunehmend gewaltgeladener Verlauf.

Die Stadt Calw (Gerbersau), in der Hermann Hesse zur Welt kam, die Sparkasse Nordschwarzwald, der selbsternannte Hesse-Nachfolger und Nuschelbarde Udo Lindenberg und viele Einrichtungen landauf, landab, fühlten sich nur zu gerne berufen, heftig zu veranstalten, auszustellen, zu verfilmen und aufzuführen, und damit Fremdenverkehr und eigenen Ruhm zu fördern. Auf diesem Rummel, der schon das ganze Jahr im Namen des runden Trauer-Jubiläums in Betrieb war, gehen nun so nach und nach die Lichter wieder aus. Die Phase der Hyperaktivitäten hat ihren Höhepunkt überschritten. Die Aufgeregtheiten beginnen sich zu legen. In Gerbersau kehren die ersten Bewohner hinter die Spitzengardinen zurück.

Wenn es um diesen Zwangsschwaben und Literatur-Nobelpreisträger Hesse geht, stehen immer wieder einige wenige Werke vielbeachtet im Mittelpunkt. Das Kindheitsdrama “Unterm Rad” etwa, die Legende “Siddhartha”, populäre Gedichte wie “Im Nebel” oder “Stufen”, das von den Wenigsten zu Ende gelesene “Glasperlenspiel” und natürlich der legendäre und sprichwörtliche “Steppenwolf.” Andere Werke hingegen haben deutlich weniger Käufer und Leser gefunden. Zu diesen zählt ganz sicher der Roman “Gertrud”, von dem mir vor Jahren eine ältere, schon recht zerlesene Ausgabe in die Hände fiel. Ich las sie kurz an und schließlich mit Hingabe und Bewegung zu Ende. Meinen Nerv hatte der Autor getroffen. Zudem freute mich, dass das Buch zu den umfangreicheren Werken Hesses gehört und ich so länger zu lesen hatte, als an schmalen Bändchen, wie dem “Lauscher”, “Kurgast” oder “Nürnberger Reise”, die ich alle auch sehr schätze.

Inhalt

Nach einem Unfall beim Schlittenfahren behält der angehende Musiker Kuhn eine Behinderung zurück, die seine weitere Laufbahn in Frage stellt. Mühsam findet er körperlich und seelisch auf den eingeschlagenen Weg zurück. Ein längerer Aufenthalt in einem graubündischen Bergdorf hilft ihm Klarheit in Denken und Fühlen zu finden und neue kreative Kraft zu schöpfen: “Aus dem Treiben, Schillern und Kämpfen meiner gesteigerten Empfindungen war Musik geworden.” Kuhn, der Ich-Erzähler des Romans, wird Komponist, ermutigt und gefördert von dem Sänger Muoth.

Eine Brot-Beschäftigung findet Kuhn als zweiter Geiger in einem Orchester. Sein privates Glück gestaltet sich derweil schwierig. Voller Unsicherheiten, verliebt er sich in die Sopranistin Gertrud. Für sie schreibt er eine Oper, doch gelingt es ihm nicht ihr entscheidend näher zu kommen. Gertrud erliegt vielmehr dem männlich drängenden Charme Muoths. Die beiden heiraten, was Kuhn in eine Lebenskrise treibt. Er trägt sich mit Selbstmord-Gedanken. Freiwillig aus dem Leben scheidet dann allerdings Muoth, als die Ehe mit Gertrud scheitert. Was bleibt, ist die platonisch distanzierte Freundschaft zwischen der Sängerin und dem Komponisten.

Hesses Sprache und Stil in diesem Buch, für dessen endgültige Fassung, die 1910 bei Albert Langen erschien, drei Anläufe notwendig waren, kann mit einigem Recht als spätromantisch eingestuft werden. Für die meisten Kritiker waren Sprache, Motive und Handlungsverlauf des Romans zu populär angelegt, “auf breite Konsumierbarkeit abgestellt,” wie der “Kindler” urteilt. Ich sehe das etwas anders. In Literaturwissenschaft- und -kritik, gab es immer wieder Versuche Hesse höhere literarische Qualitäten abzusprechen. An “Getrud” wurde das exemplarisch exekutiert; was leider dazu führte, dass das Buch heute in der breiten Öffentlichkeit und selbst bei echten Hesse-Verehrern, nicht angemessen wahrgenommen wird. Für mich nimmt die leichte Lesbarkeit des Textes, dem Werk nichts von seiner Bedeutung. Es gehört zu meinen Lieblingsbüchern Hesses.

Anmerkungen und Stimmen zum Werk

In seiner umfangreichen, aktuellen und spannenden Hesse-Biographie weist Gunnar Decker immer wieder auf die Schwierigkeiten Hesses mit den “Wirklichkeitsmenschen” hin. Sie sind nicht in der Lage sich in das Seelenleben und die Vorstellungswelten eines Künstlers zu versetzen. Die Verständigung mit ihnen scheitert ständig. Der unangepasste Kreative, der nicht in die üblichen Berufs- und Laufbahn-Schubladen passt, ist darauf angewiesen auf seinem “Eigensinn” zu bestehen. “Sei du selbst, so ist die Welt reich und schön”, lautet Hesses Credo und Fazit.

Einer der zentralen Momente des Romans ist die nicht erwiderte Anbetung Gertruds durch Kuhn. Eine Parallele zu Hesses Leben, dessen Verhältnis zu Frauen sich häufig in Verehrung aus der Ferne erschöpfte. Beiden männlichen Hauptfiguren hat Hesse autobiographische Züge mitgegeben.

Der Komponist Kuhn ist der gescheiterte Bürger, der zum Künstlertum geradezu gezwungen wird; der Sänger Muoth ein innerlich zerissener Mensch, und damit ein Vorläufer der späteren Steppenwolf-Figur. “Zwischen beiden steht Getrud, die gewiß am wenigsten faßliche, nur umrißhaft gestaltete Frau.” (Eike Middell) Hesse hat sich auf dem Gebiet der literarischen Frauendarstellung auch nie wesentlich weiterentwickelt. Besser gelingt ihm in “Gertrud” etwas anderes: “Erstmals versucht Hesse in diesem Buch die Gestaltung des künstlerischen Produktionsprozesses.” (Eike Middell)

Der früh verstorbene Hugo Ball (1886 – 1927 ), einer der ersten Dadaisten und Lautdichter, stand Hesse zeitweise sehr nahe. Er war mit dem Dichter so befreundet, wie man dem stets zu große Nähe meidenden Menschen Hesse überhaupt befreundet sein konnte. Ball schrieb die erste, bereits 1927 erschienene Hesse-Biographie. Sie war als Geschenk zum 50. Geburtstag des Dichters gedacht.

Ball sieht den Musikerroman “Gertrud” als Parallel-Stück zum einige Jahre später erschienen Malerroman “Roßhalde”. Musik war ja für Hesse die erste, wichtigste und tiefste Kunst. Für Hugo Ball war sie interessanterweise “die eigentliche Trug- und Illusionskunst, weil man in ihr und durch sie ums Leben betrogen wird”. Und er behauptet sogar, Hesse habe die “Gefährlichkeit der Musik erkannt” und wollte sich von ihr lösen. Auch wenn er das tatsächlich zu irgendwelchen Phasen seines Lebens gewollt haben sollte, gelungen ist es Hermann Hesse nie. Den Selbstbetrug nahm er dabei gerne in Kauf. Musik war für ihn zentrales Lebenselexier, Mozart sein Fixstern, und ein echtes Illusions-Gesamtkunstwerk wie die “Zauberflöte” eines seiner liebsten. Gerade dieses intensive Verhältnis Hesses zur Musik verleiht seiner “Gertrud” besondere Bedeutung.

Höhepunkte

Zwei Sätze aus diesem vielstimmigen Roman, die mir, neben vielen anderen, sehr gefallen: „Aus den eifrigsten Jungen werden die besten Alten und nicht aus denen, die schon in der Jugend wie Großväter tun.“ – “Und während es mir innen wohl oder weh erging, stand meine Kraft doch in Ruhe darüber, schaute zu und erkannte das Helle und Dunkle als geschwisterlich zusammengehörend, das Leid und den Frieden als Takte und Kräfte und Teile derselben großen Musik.”

Es geht also letztlich auch in diesem Buch um nichts anderes als um die von Hesse immer wieder behandelte Doppelwesenheit der Menschen im allgemeinen und jene des Autors und damit seiner Protagonisten im besonderen. Um Mensch oder Wolf, Verbrecher oder Ehrenmann, Bürger oder Künstler, gesund oder krank. Die uralte “Zwei Seelen ach in meiner Brust” – Geschichte.

In humaner Wirklichkeit jenseits aller Literatur sind es nicht selten auch noch mehr als zwei Seelen. So sah auch der Arzt und Schriftsteller Ludwig Finckh seinen Jugendfreund aus Tübinger Tagen: “Er war zwiespältig, driespältig, hundertspältig, er konnte sprunghaft wechseln.” Dass Ursprung und Urgrund damit verbundener lebenslanger Probleme in der Kindheit zu finden sind, hat Hesse immer wieder thematisiert: “… denn sie klingt mir dennoch in allen Träumen wie ein herrliches Lied herüber und klingt heute reiner und lauterer gestimmt, als da sie noch Wirklichkeit gewesen ist.”

Hesse, Hermann: Gertrud : Roman. – Bei Suhrkamp in verschiedenen Auflagen und Ausgaben

Decker, Gunnar: Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten. Biographie. – Suhrkamp, 2012

Middell, Eike: Hermann Hesse. Die Bilderwelt seines Lebens. 5. Aufl. – Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1990 (nur antiquarisch)

Ball, Hugo: Hermann Hesse. Sein Leben und sein Werk. 12. Aufl. – Suhrkamp, 1985

Sudeleien: Ende Juni 2012

Sehnsuchtsorte und Lieblingsworte,

Wellenspiel und Glücksgefühl

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Beim Sovormichhinblättern im neu erworbenen Synonymen-Lexikon 1) (mein guter alter Textor: “Sag es treffender” war schon länger irgendwann irgendwie und irgendwo abhanden gekommen) kamen mir Lieblingsworte in den Sinn: Anmut und Habseligkeiten, Seitental und Hochland. Vor allem die ersten beiden, so liest man von Fachleuten, haben erstaunlicherweise in anderen Sprachen keine genauen Entsprechungen.

Und auch ein dickes Nachschlagewerk, das immerhin zu 28.000 Stichwörtern über 300.000 sinnverwandte Begriffe auflistet, tut sich schwer. Statt Anmut rät es zu Bezauberung, Liebreiz, Zauber und einigen anderen mehr oder weniger unpassenden Vokabeln. Noch weiter weg von des Wortes eigenem Sinn ist es bei den Habseligkeiten (für die ich auch keine Definition schreiben müssen möchte!): Besitz, Habe und Vorrat können jedenfalls als gleichwertiger Ersatz für etwas das viel mehr ausdrückt als schnödes materielles Eigentum, nicht ernst genommen werden.

Hochland finde ich zwischen Hochherzigkeit und Hochmut. Das ist bemerkenswert, und die Alternativ-Vorschläge sind diesmal durchaus brauchbar: Hochebene, Hochfläche, Plateau. Hochland mag ich nicht nur als wohlklingendes, leicht verheißungsvolles Wort. Sondern ganz besonders in Form jener damit definierten, realen Landschaftsformation. Sie eignet sich ideal für kleine und größere Fluchten, bei denen man den Mühen der Ebene entkommen, für einige Zeit über den Dingen stehen und eine neue Sicht auf Innen- und Außenwelt bekommen kann.

Seitental im Schweizer Hochland, Kanton Sankt Gallen

Seitental, dessen angemessener, alphabetisch vorgegebener Platz zwischen Seitensprung und Seitenteil gewesen wäre, unterschlägt die Enzyklopädie der Vokabeln. Pustekuchen (Lieblingswort!). Fehlanzeige. Seitentäler sind zwar in wirklicher Gegend oft schwer zu finden, das darf jedoch kein Grund sein sie aus unserem Wortschatz zu verbannen. Obwohl sie natürlich ideale Orte zum vorübergehenden oder länger währenden Sichverbergen sind. Je abgelegener, je abseitiger gelegen (das Seitental vom Seitental vom Seitental), umso größer meist der Abstand zu dem was wir als reales Leben ausgeben.

Wie der deutsche Bundestag und die ARD-Krimiserie “Tatort”, so geht auch der Blog = conlibri = einmal mehr in eine Sommerpause. Der Autor der hier stattfindenden Beiträge möchte diese Zeit mit reichlich Müßiggang (Lieblingswort!) verbringen. Aber nicht nur. Es gibt viel zu lesen, zu forschen, zu hinterfragen. Neue Orte sind zu erkunden, neuen Spuren ist zu folgen. Reichlich Material wird gesammelt, frische Kräfte werden getankt. Letzteres gewähren hoffentlich zwei Urlaubswochen, die keineswegs in Hochland oder Seitental verbracht werden. Nein, das Ziel der Sommerfrische (Lieblingswort!) liegt in diesem Jahr im Haupttal eines großen, stellenweise mitreisenden Flusses, der seinen Lauf vom Schweizer Gebirg‘ bis zur Donau gefunden hat. Mitte September geht es dann an dieser Stelle weiter. Mit neuen Ideen für Sudeleien und mal ernsthaftere, mal leichfüßigere Aufsätze über Bücher, Dichter und Denker.

Manchen zieht es in der Ferienzeit in oder auf die Berge, in Metropolen oder auf Inseln. Viele zieht “Das zitternde Glänzen der spielenden Wellen … ” 2) unwiderstehlich an. Immer noch gehen bei dieser Gelegenheit – und trotz Twitter und Co. – ungezählte Ansichtskarten Richtung Heimat. Worte und Sätze auf dem sehr begrenzten Platz des stabilen Kartons sind dabei meist von sparsamer bis spärlichster Aussage- und Sprachkraft. Der Eine oder die Andere mag da durchaus mehr wollen. Wem also Reisen, Freizeit, Urlaub gerne einmal willkommener Schreibanlass sind, der wird jetzt in anregender und kundigster Form unterstützt.

Hölderlin-Spuren in Hauptwil, Schweiz, Kanton Thurgau

“Schreiben auf Reisen” heißt ein neues Buch des schriftstellerischen und literturwissenschaftlichen Tausendsassas (Lieblingswort!) Hanns-Josef Ortheil, das pünktlich zur Hauptreisezeit bei Duden erschienen ist. Er verbindet dabei praktische Hinweise mit einem stimmungsvollen Streifzug durch bekannte und weniger bekannte Beispiele von Reisebeschreibungen. Aber Vorsicht: Die Lektüre, besser das Studium, dieses hübschen Bändchens, dessen Äußeres den bekannten Moleskine-Notizbüchern nachempfunden wurde, kann zu nicht unerheblichem Leistungsdruck führen. Ortheil hat jedem der 19 Kapitel einige, den Willigen fordernde, Schreibaufgaben angefügt.

Spuren eines Klassikers in Leipzig-Gohlis

“Wanderungen, kleine Fluchten und große Fahrten – Aufzeichnungen von unterwegs” heißt es im Untertitel von “Schreiben auf Reisen”. Dafür sollte man auf jeden Fall mit geeignetem Werkzeug ausgerüstet sein. Der klassische Federkiel (Lieblingswort!) ist dafür weniger geeignet. Zweckmäßig sind hingegen gespitzte Bleistifte und funktionstüchtige Kugelschreiber. Und eine handliche, beim Unterwegssein nicht störende, Kladde. Zum Beispiel das quietschgelbe Universal-Notizbuch von Reclam, das jetzt in neuer attraktiver Aufmachung und Komfort-Ausstattung zu bekommen ist. Wohlfeil (Lieblingswort!) zu erwerben, begleitet es leichtgewichtig und kleinformatig zum Kaffeehaustisch, zur Ruhebank am Waldesrand und zum Strandkorb am Sandstrand.

Keine Spur von Goethe!

Wer schreibt, liest. Meist mehr und oft, um nicht zu sagen unentwegt (fast Lieblingswort). Der Platz im Reisegepäck zwischen Bade- und Wanderhose wird also für abwechslungsreiche Lektüre benötigt. Ich packe meinen Koffer und es kommt hinein:

Das wunderschöne, fast übersehene, “Karl Philipp Moritz-ABC” (Eichborn, 2006), das Lothar Müller zusammengestellt hat und von Akademie bis Zerstörung, kommentierte Texte und Textauszüge des großen Psychologen und Schriftstellers, zudem informative Einführung und ausführliche Zeittafel, bietet.

Der Gedichtband “Ich muß mein Herz üben” von Angela Krauß, auf den mich Sigrid Damm aufmerksam machte, der als Band 1315 der Insel-Bücherei erschienen ist, zahlreiche Zeichnungen von Hanns Schimansky enthält und mit diesen Versen endet: “Und dann in keiner Landschaft niedergehn, / die diesem Leben gleicht. / Und stehn!”

“Die Zugvögel”, Erzählungen (Aufbau, 1981, nur noch antiquarisch) von Martin Andersen Nexö, weil skandinavische Autoren für mich immer noch eine Herzensangelegenheit (Lieblingswort!) sind, der Däne Nexö (1869 – 1954) lange am Bodensee und in Dresden lebte und seine realistische Erzählweise neben spannender Handlung viel Sozialgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschreibt.

“Der Turm” von Uwe Tellkamp, weil es langsam zur Tradition wird, in jedem Urlaub einen neuen Versuch zu wagen, in diesem Mammutwerk über Dresden und das in der pseudosozialistischen DDR an den Rand gedrängte Bildungsbürgertum, entscheidend voranzukommen.

Und eine umfassende Biographie werde ich auf jeden Fall noch mitnehmen; aber ich schwanke, ob ich nahtlos mit Damm und ihrem „Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung“ weitermache, mich für den “Novalis” von Wolfgang Hädecke entscheiden soll oder ob es doch der in diesem Jahr so angesagte “Hermann Hesse” wird – “Der Wanderer und sein Schatten”, nennt Gunnar Decker seine viel gelobte und empfohlene Biographie über den Dichter, der ansonsten im Jubiläums-Wahn nun endgültig unters Rad zu kommen droht.

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1) Bulitta, Erich: Das grosse Lexikon der Synonyme. 2. Aufl. – S. Fischer, 2007

2) “Das zitternde Glänzen der spielenden Wellen versilbert das Ufer, beperlet den Strand.” (Lieblingslied!) Georg Friedrich Händel: HWV203. Text: Heinrich Brockes