Mai mit Lau

Ein Frühlings-Spaziergang in Blaubeuren

Sind sie nicht alle gleich, diese Kleinstädte abseits der Metropolen und Magistralen? Gleich eintönig, langweilig, früh am Abend müde? Keineswegs. Fast jede hat ihre Besonderheiten. Eine eminente Persönlichkeit, die hier zur Welt kam oder starb, im Idealfall am Ort wirkte; eine Eigenart der Natur, wie steilen Fels, dichten Wald, tiefes Moor; pitoreskes Bauwerk, wie Burgruine oder barockes Schlösschen; ist Schauplatz eines Romans, einer bekannten Geschichte, eines Films; wurde vielleicht bedichtet oder besungen.

So auch dieses Städtchen mit seinen gerade einmal 12.000 Bürgern. 20 Kilometer westlich von Ulm gelegen ist es stolz auf seine Urzeitkinder, die einst Urzeitlöwen schnitzten, die die Ururururenkel nun im Urkundemuseum bestaunen können und die von Künstlern der Gegenwart überlebensgroß nachgebildet werden. Stolz auf seine wagemutigen Taucher, von denen einige im endlosen Labyrinth der Unterwasserhöhlen verschwanden, wo sie auf den Kuss einer Nixe warten müssen, der sie wieder ins Leben und an die Oberfläche zurückholt. Und es hat noch mehr, unser Städtchen.

Von Osten her führt ein niedriger, schmaler Einlass durch die geschlossene Front historischer Häuser in die überschaubare Innenstadt. Der erste Fluss auf den man hier trifft heißt Ach. Er kommt von Allmendingen, Schelklingen und Weiler. Bewegt und eilig rauscht das klare Wasser Richtung Mündung. Kleine Brücken und Stege verbinden die Erdgeschosse der Gebäude mit den Wegen auf der anderen Seite – ein Kleinvenedig. Bis zur Blau und ihrem Ursprung sind es noch wenige hundert Meter.

Der Weg folgt zunächst der alten Verbindungsstraße zu den viele Meter höher gelegenen Vororten auf der Schwäbischen Alb, zu deren Füßen der Hauptort liegt. Er geht vorbei an Gasthöfen, denen man ihre lange Geschichte ansieht, zu deren Eingang ausgetretene Steinstufen führen, neben dem die Tageskarte mit schwäbischen Gerichten hängt. Maultaschen, Zwiebelroschtbraten, Kässpätzle, Wurschtsalat. Es gibt reichlich Cafès im Städtchen, biedere Stübchen und zeitgeistige Interpretationen. Es fehlen nicht die mediteran-asiatischen Imbisse, wohlriechenden Bäckereien und üppigen Metzgereien. Ein wirklich hervorragender Eismacher muss unbedingt erwähnt werden und die wunderbare Tatsache dass sich hartnäckig eine Buchhandlung nebst Schreibwarensortiment hält. Auf dem Weg zur Hauptattraktion des Ortes konkurrieren Automobilisten, Radler und Wanderer um schmalen Straßenraum.

Den Blautopf kann man auf schattigem Waldpfad umrunden oder einfach nur zu den Hammerschlägen einer emsigen alten Schmiede, die mit Wasserkraft betrieben wird, vom Ufer aus bestaunen. Seine unergründliche Tiefe erkennt man nach mehrmaligen Hinsehen. Denn das klare Wasser des seichten Ufers wird erst in der Mitte zum Trichter, der weit hinunter und in das weitverzweigte karstige Höhlensystem des Mittelgebirges führt. Dort ist das Blau eher ein helles Türkis, das in den Abendstunden, wenn früh schon die Schatten der nahen Hügel auf das Wasser fallen, in dunklere Töne wechselt.

Eine der populärsten schwäbischen Dichtungen spielt in und an diesem tiefgründigen Wasser. Die Legende von der schönen Lau ist Teil von Eduard Mörikes Erzählung “Das Stuttgarter Hutzelmännlein”.

“… ihr Angesicht sah weißlich aus, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren, blau.” Die Lau ist keine Nixe, keine reife, frauliche Variante der kleinen Meerjungfrau: “Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zärter als ein Blatt vom Mohn.”

Sie ist die Tochter einer Menschenfrau und eines Wassernix aus dem Schwarzen Meer. Von ihrem Gemahl, dem Donaunix, wird sie in den Blautopf verbannt, weil sie nur tote Kinder gebar und nicht lachen konnte. Sie durfte zurückkehren und ein lebendiges Kind gebären nachdem sie fünfmal gelacht hatte. Wie ihr das in Blaubeuren gelang schildert Mörike meisterlich, ist jedoch für heutige Besucher nur noch schwer nachzuvollziehen. Allzu humorfrei werden Blautopf-Tourismus und damit verbundener Kitsch und Kommerz in unseren Tagen vollzogen.

Eine steinerne Lau steht etwas verloren neben dem Quelltopf. Ihre schon stark abgeschliffenen Konturen drohen von Grün überwuchert zu werden und lassen ihre früheren Reize nur noch erahnen. Gedanken an erotische Weiblichkeit, wie sie manchem Besucher früherer Zeiten nach dem Lesen der Mörikezeilen in den Sinn gekommen sein mögen, löst diese armselige Gestalt nicht mehr aus.

Hermann Hesse war ein ebenso großer Verehrer der schönen Verbannten, wie seines Dichter-Kollegen Mörike. Er war oft zu Besuch in Blaubeuren, denn hier lehrte über viele Jahre der Jugendfreund Wilhelm Häcker am evangelischen Seminar. Auf der Stube Hellas im Seminar zu Maulbronn war es, wo im September 1891 die vierzehnjährigen Bürschchen sich kennenlernten. Zeitlebens blieben sie verbunden. Als Hesse nach 1933 nicht mehr nach Deutschland kam, mündeten die persönlichen Begegnungen in einen regen Briefwechsel.

“Häcker, ein aufgeweckter Pfarrersohn ist begabt, lustig, schleckig, schneidet alle Grimassen und bringt viele sehr geistreiche Witze mit höchst stoischem Ernst an den Mann. Er zeichnet oft komische Bilder aus der Geschichte und weiß Homer zum Bänkelsänger zu machen. Er ist gutherzig, nicht sehr fleißig, würdevoll und pathetisch.” So schrieb Hermann Hesse in einem Brief an seine Eltern im Februar 1892.

Mit Besuchen in Blaubeuren stillte Hermann Hesse seine gelegentliche Sehnsucht nach der schwäbischen Kindheit. In der “Nürnberger Reise” schildert er einen Besuch im Jahr 1925. „Alles roch nach Heimat, nach Schwäbisch, nach Roggenbrot und Märchen … Überall war die Lau verborgen, überall duftete es nach Jugend und Kindheit, Träumen und Lebkuchen und nicht minder nach Hölderlin und Mörike.“ Das hat er genossen. Für einige Stunden, einige Tage. Länger hielt es ihn dann doch nicht.

Aus einer 1536 gegründeten Klosterschule wurde 1817 ein evangelisch-theologisches Seminar, die Vorstufe zum Tübinger Stift in der Ausbildung Geistlicher für die württembergische Landeskirche. Mancher ehemalige Schüler brachte es später zu einiger Bekanntheit. Eduard Mörike, Wilhelm Hartlauf, Wilhelm Waiblinger und Wilhelm Hauff waren dabei. Hauff gehörte zu den sogenannten Genie-Promotionen der Jahrgänge 1820 bis 1825, in denen sich die hochbegabten Absolventen häuften.

Von Nürtingen nach Blaubeuren, die Schwäbische Alb überquerend, wanderte einst der Dichter Friedrich Hölderlin, dessen Schwester hier mit dem Professor der – damals noch – Klosterschule, Christian Breunlin, verheiratet war. Auch Christian Friedrich Daniel Schubart, Journalist, Dichter, Organist und Komponist, geboren 1739 in Obersontheim, wird zu Fuß von Ulm her gekommen sein.

Im Januar 1777 wurde er in Blaubeuren verhaftet, nachdem man ihn aus der freien Reichstadt, wo er in Sicherheit gewesen wäre, fortgelockt hatte. In Schrift und Wort hatte er sich zu offen, satirisch und kritisch über die Obrigkeit des absolutistischen Herzogtums Württemberg ausgelassen. Da man ihn im unabhängigen Ulm nicht dingfest machen konnte, musste ihn eine kleine List nach Blaubeuren locken. Vielleicht war dort die schöne Lau das letzte weibliche Wesen das ihm begegnete, bevor er 10 Jahre in Festungshaft auf dem Hohen Asperg verbringen und auf solch angenehme Gesellschaft verzichten musste. Mit einem klitzekleinen Museum, einer Gedenkstädte namens “Schubartstube”, im ehemaligen Amtshaus des Klosters, leistet die demokratische Gemeinde seit 1990 Abbitte.

Hügel, Fels, Wald auf drei Seiten. Hinter dem Blautopf führen Wanderwege auf die Alb. Etwa zwei steile Kilometer sind es bis zum ersten Dorf auf der Hochfläche. Nach Osten öffnet sich das Tal. Hier kann man dem jungen Fluss folgen. Es geht Richtung Gerhausen, Herrlingen, schließlich Ulm, wo die Blau, dreiarmig geteilt, in die Donau mündet. Wer nicht so weit gehen möchte, findet inmitten blühender Auwiesen, nicht weit vom Ort, gastliche Einkehr in einem Naturfreundehaus.

Wenn man gegen Abend das Städtchen wieder verlässt – auch im Sommer verschwindet die Sonne zeitig hinter den Bergen – die Dämmerung und schließlich ruhige Nacht nicht mehr weit sind, mag uns Eduard Mörikes “Um Mitternacht” durch den Kopf gehen:

“Gelassen stieg die Nacht ans Land / Lehnt träumend an der Berge Wand … Doch immer halten die Quellen das Wort / Es singen die Wasser im Schlafe noch fort / Vom Tage / Vom heute gewesenen Tage”

Hermann Hesse heute: “Kinderseele” mit Illustrationen von Marie Wolf

Fast drei Jahrzehnte hat es gedauert bis Hermann Hesse in der Lage war eines seiner bedrückenden Kindheitserlebnisse literarisch aufzuarbeiten. Eine Geschichte von Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen, kindlicher Angst, eine Geschichte über die Beziehung zu einem übermächtig scheinenden Vater, über schwäbisch-pietistische Erziehung im ausgehenden 19. Jahrhundert.

“Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach Hause, an einem von den Tagen, wo Schicksal in den Ecken lauert, wo leicht etwas passiert. An diesen Tagen scheint jede Unordnung und Störung der eigenen Seele sich in unserer Umwelt zu spiegeln und sie zu entstellen. Unbehagen und Angst beklemmen unser Herz, und wir suchen und finden ihre vermeintlichen Ursachen außer uns, sehen die Welt schlecht eingerichtet und stoßen überall auf Widerstände.”

Die Büchergilde Gutenberg hat es unternommen, diese für Hesse so exemplarische, meisterhafte Erzählung als eigene Veröffentlichung neu herauszugeben. Sie wurde von Hesse Ende 1918 geschrieben, erschien erstmals in der 181. Nummer der “Deutschen Rundschau” und in Buchform 1920 in einem Band mit “Klingsors letzter Sommer” und “Klein und Wagner”. Die Büchergilde zeigt verlegerischen Mut mit dieser feinen kleinen Einzelveröffentlichung.

Der jungen Illustratorin Marie Wolf gelingt mit ihren farbigen Bildern eine überraschend plastische und passende Interpretation. Szenen aus unserer Zeit, die gleichzeitig mystisch aufgeladene Parabeln sind. Sachlich, scheinbar naiv in der Ausführung, einmal in zarten Pastelltönen, ein anderes mal dunkel, düster, bedrohlich.

Im Nachwort erzählt sie welche Assoziationen die Lektüre des Hesse-Textes bei ihr auslöste und so die Formensprache ihrer Zeichnungen anregte. Die religiös aufgeladenen Metaphern, die gottgleiche Rolle des Vaters, die Macht der Erwachsenen über die Kinder. Sie fragte sich “Kinderseele! Was hat mich beschäftigt und bewegt, als ich in diesem Alter war? Was ist meine ‘Kinderseele’?” Dabei fallen ihr Situationen ein, in denen sie als Kind ein schlechtes Gewissen hatte, Situationen wie sie alle Kinder in irgendeiner Form kennenlernen. Kinder können die Größenordnung ihres, oft nur scheinbaren, Fehlverhaltens noch nicht einordnen, reagieren mit Ohnmacht und Angst vor den Konsequenzen. Diese Gefühle verfolgen sie sehr lange, bis in alptraumreiche Nächte.

Die Protagonisten in Wolfs Zeichnungen haben menschliche Körper und Tierköpfe. Die Hauptfigur, das alter ego Hermann Hesses, ist ein junger Affe. Ein Tier das in der christlichen Symbolik für Eitelkeit, Lüsternheit und Bosheit steht. Was dem subjektiv empfundenen Selbstbild des Jungen entspricht. Der Vater als Adler verkörpert ein übermächtiges Tier, das Intelligenz, Überlegenheit und göttliche Fürsorge ausstrahlt.

Marie Wolf auf der Leipziger Buchmesse 2017

Marie Wolfs Kinder der Gegenwart sind in den Plattenbauten der großstädtischen Vororte zu Hause. Ihre Spielplätze sind betonierte Wege zwischen Häuserschluchten und triste Schulhöfe, die familiäre Atmosphäre erscheint kalt, die Rollenverteilung klassisch. Wolf wurde 1991 geboren und wuchs selbst in einer Erfurter Plattensiedlung auf. Die Beziehung zu den Eltern war harmonisch, extreme Erfahrungen wie sie Hermann Hesse widerfuhren, gab es in ihrer Kindheit nicht.

Seit einem Studium in Kommunikationsdesign arbeitet sie freiberuflich. Bei ihrer Vorstellung des Buches auf der Leipziger Buchmesse hat mich fasziniert, wie sich eine Leserin ihrer Generation so selbstverständlich in die Vorstellungswelt eines Schriftstellers aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts einfühlen kann.

Ich habe sie deshalb nach ihren Hesse-Lektüren gefragt. Und sie hat mir erzählt, dass ihre erste Begegnung tatsächlich im gymnasialen Deutsch-Unterricht stattgefunden hat. Es gab da einen Lehrer, der die Schulgeschichte “Unterm Rad” mit seinen Schülerinnen und Schülern durchnahm. Danach hat Marie Wolf den “Steppenwolf” gelesen. Eine erstaunliche Lektüre-Biographie.

Ihre zeichnerische Interpretation von Hesses “Kinderseele” bietet nicht nur Einblick in ihre künstlerische Ausdrucksfähigkeit und einen ausgeprägten Gestaltungswillen, sondern ist darüber hinaus die gute Gelegenheit eine der vielen wunderbaren Erzählungen Hermann Hesses neu zu entdecken und vielleicht Lust auf mehr davon zu bekommen. Das schön gestaltete und hochwertig ausgestattete Buch eignet sich auch sehr gut zum verschenken.

Hesse, Hermann; Wolf, Marie (Illustrator): Kinderseele. Erzählung (Mit 13 vierfarbigen Illustrationen und einer Nachbemerkung der Illustratorin, fester Einband mit schillerndem Papier, Format 15 x 19,5 cm, Buchgestaltung von Cosima Schneider, 72 Seiten.) Edition Büchergilde, 2017. Euro 18 (Mitglieder Preis Euro 17)

Spät-Lese (5)

(Reife Bücher: Erstmals, neu oder wieder gelesen)

„Gertrud“ – von Hermann Hesse

Warum jetzt?

Die Meinung, dass der als kultig geltende amerikanische Film-Klassiker “Easy Rider” Berühungspunkte zu Werk und Gedankenwelt Hermann Hesses aufweist, ist eines der vielen Missverständnisse mit denen sich der Hesse-Leser, -Liebhaber und nicht ganz unkundige Hesse-Kenner anlässlich der ausgelassenen Feierlichkeiten rund um dessen 50. Todestag konfrontiert sieht. Der Dichter Hermann Hesse stammte aus polyglotter pietistischer Familie und wurde am 2. Juli 1877 im Königreich Württemberg geboren. Er starb am 9. August 1962 im Tessin; die meiste Zeit seines Lebens war er Schweizer Staatsbürger.

Eine Musikgruppe, die zum Film auch heute noch gern gehörte Popmusik über die Themen Freiheit und Abenteuer beisteuerte, wurde nach Hesses wirkungsmächtigen Roman “Steppenwolf” benannt. Längst wissen wir, dass die Mitglieder der Band keinerlei Kenntnis von Hermann Hesse hatten und die Namensgebung einem spontanen Einfall des erfolgsorientierten Managers zu verdanken war. “Born to be wild” kann uns also ebensowenig als geistige Essenz Hesses verkauft werden, wie die lederne Männer-Romantik des Road-Movies und dessen zunehmend gewaltgeladener Verlauf.

Die Stadt Calw (Gerbersau), in der Hermann Hesse zur Welt kam, die Sparkasse Nordschwarzwald, der selbsternannte Hesse-Nachfolger und Nuschelbarde Udo Lindenberg und viele Einrichtungen landauf, landab, fühlten sich nur zu gerne berufen, heftig zu veranstalten, auszustellen, zu verfilmen und aufzuführen, und damit Fremdenverkehr und eigenen Ruhm zu fördern. Auf diesem Rummel, der schon das ganze Jahr im Namen des runden Trauer-Jubiläums in Betrieb war, gehen nun so nach und nach die Lichter wieder aus. Die Phase der Hyperaktivitäten hat ihren Höhepunkt überschritten. Die Aufgeregtheiten beginnen sich zu legen. In Gerbersau kehren die ersten Bewohner hinter die Spitzengardinen zurück.

Wenn es um diesen Zwangsschwaben und Literatur-Nobelpreisträger Hesse geht, stehen immer wieder einige wenige Werke vielbeachtet im Mittelpunkt. Das Kindheitsdrama “Unterm Rad” etwa, die Legende “Siddhartha”, populäre Gedichte wie “Im Nebel” oder “Stufen”, das von den Wenigsten zu Ende gelesene “Glasperlenspiel” und natürlich der legendäre und sprichwörtliche “Steppenwolf.” Andere Werke hingegen haben deutlich weniger Käufer und Leser gefunden. Zu diesen zählt ganz sicher der Roman “Gertrud”, von dem mir vor Jahren eine ältere, schon recht zerlesene Ausgabe in die Hände fiel. Ich las sie kurz an und schließlich mit Hingabe und Bewegung zu Ende. Meinen Nerv hatte der Autor getroffen. Zudem freute mich, dass das Buch zu den umfangreicheren Werken Hesses gehört und ich so länger zu lesen hatte, als an schmalen Bändchen, wie dem “Lauscher”, “Kurgast” oder “Nürnberger Reise”, die ich alle auch sehr schätze.

Inhalt

Nach einem Unfall beim Schlittenfahren behält der angehende Musiker Kuhn eine Behinderung zurück, die seine weitere Laufbahn in Frage stellt. Mühsam findet er körperlich und seelisch auf den eingeschlagenen Weg zurück. Ein längerer Aufenthalt in einem graubündischen Bergdorf hilft ihm Klarheit in Denken und Fühlen zu finden und neue kreative Kraft zu schöpfen: “Aus dem Treiben, Schillern und Kämpfen meiner gesteigerten Empfindungen war Musik geworden.” Kuhn, der Ich-Erzähler des Romans, wird Komponist, ermutigt und gefördert von dem Sänger Muoth.

Eine Brot-Beschäftigung findet Kuhn als zweiter Geiger in einem Orchester. Sein privates Glück gestaltet sich derweil schwierig. Voller Unsicherheiten, verliebt er sich in die Sopranistin Gertrud. Für sie schreibt er eine Oper, doch gelingt es ihm nicht ihr entscheidend näher zu kommen. Gertrud erliegt vielmehr dem männlich drängenden Charme Muoths. Die beiden heiraten, was Kuhn in eine Lebenskrise treibt. Er trägt sich mit Selbstmord-Gedanken. Freiwillig aus dem Leben scheidet dann allerdings Muoth, als die Ehe mit Gertrud scheitert. Was bleibt, ist die platonisch distanzierte Freundschaft zwischen der Sängerin und dem Komponisten.

Hesses Sprache und Stil in diesem Buch, für dessen endgültige Fassung, die 1910 bei Albert Langen erschien, drei Anläufe notwendig waren, kann mit einigem Recht als spätromantisch eingestuft werden. Für die meisten Kritiker waren Sprache, Motive und Handlungsverlauf des Romans zu populär angelegt, “auf breite Konsumierbarkeit abgestellt,” wie der “Kindler” urteilt. Ich sehe das etwas anders. In Literaturwissenschaft- und -kritik, gab es immer wieder Versuche Hesse höhere literarische Qualitäten abzusprechen. An “Getrud” wurde das exemplarisch exekutiert; was leider dazu führte, dass das Buch heute in der breiten Öffentlichkeit und selbst bei echten Hesse-Verehrern, nicht angemessen wahrgenommen wird. Für mich nimmt die leichte Lesbarkeit des Textes, dem Werk nichts von seiner Bedeutung. Es gehört zu meinen Lieblingsbüchern Hesses.

Anmerkungen und Stimmen zum Werk

In seiner umfangreichen, aktuellen und spannenden Hesse-Biographie weist Gunnar Decker immer wieder auf die Schwierigkeiten Hesses mit den “Wirklichkeitsmenschen” hin. Sie sind nicht in der Lage sich in das Seelenleben und die Vorstellungswelten eines Künstlers zu versetzen. Die Verständigung mit ihnen scheitert ständig. Der unangepasste Kreative, der nicht in die üblichen Berufs- und Laufbahn-Schubladen passt, ist darauf angewiesen auf seinem “Eigensinn” zu bestehen. “Sei du selbst, so ist die Welt reich und schön”, lautet Hesses Credo und Fazit.

Einer der zentralen Momente des Romans ist die nicht erwiderte Anbetung Gertruds durch Kuhn. Eine Parallele zu Hesses Leben, dessen Verhältnis zu Frauen sich häufig in Verehrung aus der Ferne erschöpfte. Beiden männlichen Hauptfiguren hat Hesse autobiographische Züge mitgegeben.

Der Komponist Kuhn ist der gescheiterte Bürger, der zum Künstlertum geradezu gezwungen wird; der Sänger Muoth ein innerlich zerissener Mensch, und damit ein Vorläufer der späteren Steppenwolf-Figur. “Zwischen beiden steht Getrud, die gewiß am wenigsten faßliche, nur umrißhaft gestaltete Frau.” (Eike Middell) Hesse hat sich auf dem Gebiet der literarischen Frauendarstellung auch nie wesentlich weiterentwickelt. Besser gelingt ihm in “Gertrud” etwas anderes: “Erstmals versucht Hesse in diesem Buch die Gestaltung des künstlerischen Produktionsprozesses.” (Eike Middell)

Der früh verstorbene Hugo Ball (1886 – 1927 ), einer der ersten Dadaisten und Lautdichter, stand Hesse zeitweise sehr nahe. Er war mit dem Dichter so befreundet, wie man dem stets zu große Nähe meidenden Menschen Hesse überhaupt befreundet sein konnte. Ball schrieb die erste, bereits 1927 erschienene Hesse-Biographie. Sie war als Geschenk zum 50. Geburtstag des Dichters gedacht.

Ball sieht den Musikerroman “Gertrud” als Parallel-Stück zum einige Jahre später erschienen Malerroman “Roßhalde”. Musik war ja für Hesse die erste, wichtigste und tiefste Kunst. Für Hugo Ball war sie interessanterweise “die eigentliche Trug- und Illusionskunst, weil man in ihr und durch sie ums Leben betrogen wird”. Und er behauptet sogar, Hesse habe die “Gefährlichkeit der Musik erkannt” und wollte sich von ihr lösen. Auch wenn er das tatsächlich zu irgendwelchen Phasen seines Lebens gewollt haben sollte, gelungen ist es Hermann Hesse nie. Den Selbstbetrug nahm er dabei gerne in Kauf. Musik war für ihn zentrales Lebenselexier, Mozart sein Fixstern, und ein echtes Illusions-Gesamtkunstwerk wie die “Zauberflöte” eines seiner liebsten. Gerade dieses intensive Verhältnis Hesses zur Musik verleiht seiner “Gertrud” besondere Bedeutung.

Höhepunkte

Zwei Sätze aus diesem vielstimmigen Roman, die mir, neben vielen anderen, sehr gefallen: „Aus den eifrigsten Jungen werden die besten Alten und nicht aus denen, die schon in der Jugend wie Großväter tun.“ – “Und während es mir innen wohl oder weh erging, stand meine Kraft doch in Ruhe darüber, schaute zu und erkannte das Helle und Dunkle als geschwisterlich zusammengehörend, das Leid und den Frieden als Takte und Kräfte und Teile derselben großen Musik.”

Es geht also letztlich auch in diesem Buch um nichts anderes als um die von Hesse immer wieder behandelte Doppelwesenheit der Menschen im allgemeinen und jene des Autors und damit seiner Protagonisten im besonderen. Um Mensch oder Wolf, Verbrecher oder Ehrenmann, Bürger oder Künstler, gesund oder krank. Die uralte “Zwei Seelen ach in meiner Brust” – Geschichte.

In humaner Wirklichkeit jenseits aller Literatur sind es nicht selten auch noch mehr als zwei Seelen. So sah auch der Arzt und Schriftsteller Ludwig Finckh seinen Jugendfreund aus Tübinger Tagen: “Er war zwiespältig, driespältig, hundertspältig, er konnte sprunghaft wechseln.” Dass Ursprung und Urgrund damit verbundener lebenslanger Probleme in der Kindheit zu finden sind, hat Hesse immer wieder thematisiert: “… denn sie klingt mir dennoch in allen Träumen wie ein herrliches Lied herüber und klingt heute reiner und lauterer gestimmt, als da sie noch Wirklichkeit gewesen ist.”

Hesse, Hermann: Gertrud : Roman. – Bei Suhrkamp in verschiedenen Auflagen und Ausgaben

Decker, Gunnar: Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten. Biographie. – Suhrkamp, 2012

Middell, Eike: Hermann Hesse. Die Bilderwelt seines Lebens. 5. Aufl. – Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1990 (nur antiquarisch)

Ball, Hugo: Hermann Hesse. Sein Leben und sein Werk. 12. Aufl. – Suhrkamp, 1985

Sudeleien: Ende Juni 2012

Sehnsuchtsorte und Lieblingsworte,

Wellenspiel und Glücksgefühl

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Beim Sovormichhinblättern im neu erworbenen Synonymen-Lexikon 1) (mein guter alter Textor: “Sag es treffender” war schon länger irgendwann irgendwie und irgendwo abhanden gekommen) kamen mir Lieblingsworte in den Sinn: Anmut und Habseligkeiten, Seitental und Hochland. Vor allem die ersten beiden, so liest man von Fachleuten, haben erstaunlicherweise in anderen Sprachen keine genauen Entsprechungen.

Und auch ein dickes Nachschlagewerk, das immerhin zu 28.000 Stichwörtern über 300.000 sinnverwandte Begriffe auflistet, tut sich schwer. Statt Anmut rät es zu Bezauberung, Liebreiz, Zauber und einigen anderen mehr oder weniger unpassenden Vokabeln. Noch weiter weg von des Wortes eigenem Sinn ist es bei den Habseligkeiten (für die ich auch keine Definition schreiben müssen möchte!): Besitz, Habe und Vorrat können jedenfalls als gleichwertiger Ersatz für etwas das viel mehr ausdrückt als schnödes materielles Eigentum, nicht ernst genommen werden.

Hochland finde ich zwischen Hochherzigkeit und Hochmut. Das ist bemerkenswert, und die Alternativ-Vorschläge sind diesmal durchaus brauchbar: Hochebene, Hochfläche, Plateau. Hochland mag ich nicht nur als wohlklingendes, leicht verheißungsvolles Wort. Sondern ganz besonders in Form jener damit definierten, realen Landschaftsformation. Sie eignet sich ideal für kleine und größere Fluchten, bei denen man den Mühen der Ebene entkommen, für einige Zeit über den Dingen stehen und eine neue Sicht auf Innen- und Außenwelt bekommen kann.

Seitental im Schweizer Hochland, Kanton Sankt Gallen

Seitental, dessen angemessener, alphabetisch vorgegebener Platz zwischen Seitensprung und Seitenteil gewesen wäre, unterschlägt die Enzyklopädie der Vokabeln. Pustekuchen (Lieblingswort!). Fehlanzeige. Seitentäler sind zwar in wirklicher Gegend oft schwer zu finden, das darf jedoch kein Grund sein sie aus unserem Wortschatz zu verbannen. Obwohl sie natürlich ideale Orte zum vorübergehenden oder länger währenden Sichverbergen sind. Je abgelegener, je abseitiger gelegen (das Seitental vom Seitental vom Seitental), umso größer meist der Abstand zu dem was wir als reales Leben ausgeben.

Wie der deutsche Bundestag und die ARD-Krimiserie “Tatort”, so geht auch der Blog = conlibri = einmal mehr in eine Sommerpause. Der Autor der hier stattfindenden Beiträge möchte diese Zeit mit reichlich Müßiggang (Lieblingswort!) verbringen. Aber nicht nur. Es gibt viel zu lesen, zu forschen, zu hinterfragen. Neue Orte sind zu erkunden, neuen Spuren ist zu folgen. Reichlich Material wird gesammelt, frische Kräfte werden getankt. Letzteres gewähren hoffentlich zwei Urlaubswochen, die keineswegs in Hochland oder Seitental verbracht werden. Nein, das Ziel der Sommerfrische (Lieblingswort!) liegt in diesem Jahr im Haupttal eines großen, stellenweise mitreisenden Flusses, der seinen Lauf vom Schweizer Gebirg‘ bis zur Donau gefunden hat. Mitte September geht es dann an dieser Stelle weiter. Mit neuen Ideen für Sudeleien und mal ernsthaftere, mal leichfüßigere Aufsätze über Bücher, Dichter und Denker.

Manchen zieht es in der Ferienzeit in oder auf die Berge, in Metropolen oder auf Inseln. Viele zieht “Das zitternde Glänzen der spielenden Wellen … ” 2) unwiderstehlich an. Immer noch gehen bei dieser Gelegenheit – und trotz Twitter und Co. – ungezählte Ansichtskarten Richtung Heimat. Worte und Sätze auf dem sehr begrenzten Platz des stabilen Kartons sind dabei meist von sparsamer bis spärlichster Aussage- und Sprachkraft. Der Eine oder die Andere mag da durchaus mehr wollen. Wem also Reisen, Freizeit, Urlaub gerne einmal willkommener Schreibanlass sind, der wird jetzt in anregender und kundigster Form unterstützt.

Hölderlin-Spuren in Hauptwil, Schweiz, Kanton Thurgau

“Schreiben auf Reisen” heißt ein neues Buch des schriftstellerischen und literturwissenschaftlichen Tausendsassas (Lieblingswort!) Hanns-Josef Ortheil, das pünktlich zur Hauptreisezeit bei Duden erschienen ist. Er verbindet dabei praktische Hinweise mit einem stimmungsvollen Streifzug durch bekannte und weniger bekannte Beispiele von Reisebeschreibungen. Aber Vorsicht: Die Lektüre, besser das Studium, dieses hübschen Bändchens, dessen Äußeres den bekannten Moleskine-Notizbüchern nachempfunden wurde, kann zu nicht unerheblichem Leistungsdruck führen. Ortheil hat jedem der 19 Kapitel einige, den Willigen fordernde, Schreibaufgaben angefügt.

Spuren eines Klassikers in Leipzig-Gohlis

“Wanderungen, kleine Fluchten und große Fahrten – Aufzeichnungen von unterwegs” heißt es im Untertitel von “Schreiben auf Reisen”. Dafür sollte man auf jeden Fall mit geeignetem Werkzeug ausgerüstet sein. Der klassische Federkiel (Lieblingswort!) ist dafür weniger geeignet. Zweckmäßig sind hingegen gespitzte Bleistifte und funktionstüchtige Kugelschreiber. Und eine handliche, beim Unterwegssein nicht störende, Kladde. Zum Beispiel das quietschgelbe Universal-Notizbuch von Reclam, das jetzt in neuer attraktiver Aufmachung und Komfort-Ausstattung zu bekommen ist. Wohlfeil (Lieblingswort!) zu erwerben, begleitet es leichtgewichtig und kleinformatig zum Kaffeehaustisch, zur Ruhebank am Waldesrand und zum Strandkorb am Sandstrand.

Keine Spur von Goethe!

Wer schreibt, liest. Meist mehr und oft, um nicht zu sagen unentwegt (fast Lieblingswort). Der Platz im Reisegepäck zwischen Bade- und Wanderhose wird also für abwechslungsreiche Lektüre benötigt. Ich packe meinen Koffer und es kommt hinein:

Das wunderschöne, fast übersehene, “Karl Philipp Moritz-ABC” (Eichborn, 2006), das Lothar Müller zusammengestellt hat und von Akademie bis Zerstörung, kommentierte Texte und Textauszüge des großen Psychologen und Schriftstellers, zudem informative Einführung und ausführliche Zeittafel, bietet.

Der Gedichtband “Ich muß mein Herz üben” von Angela Krauß, auf den mich Sigrid Damm aufmerksam machte, der als Band 1315 der Insel-Bücherei erschienen ist, zahlreiche Zeichnungen von Hanns Schimansky enthält und mit diesen Versen endet: “Und dann in keiner Landschaft niedergehn, / die diesem Leben gleicht. / Und stehn!”

“Die Zugvögel”, Erzählungen (Aufbau, 1981, nur noch antiquarisch) von Martin Andersen Nexö, weil skandinavische Autoren für mich immer noch eine Herzensangelegenheit (Lieblingswort!) sind, der Däne Nexö (1869 – 1954) lange am Bodensee und in Dresden lebte und seine realistische Erzählweise neben spannender Handlung viel Sozialgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschreibt.

“Der Turm” von Uwe Tellkamp, weil es langsam zur Tradition wird, in jedem Urlaub einen neuen Versuch zu wagen, in diesem Mammutwerk über Dresden und das in der pseudosozialistischen DDR an den Rand gedrängte Bildungsbürgertum, entscheidend voranzukommen.

Und eine umfassende Biographie werde ich auf jeden Fall noch mitnehmen; aber ich schwanke, ob ich nahtlos mit Damm und ihrem „Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung“ weitermache, mich für den “Novalis” von Wolfgang Hädecke entscheiden soll oder ob es doch der in diesem Jahr so angesagte “Hermann Hesse” wird – “Der Wanderer und sein Schatten”, nennt Gunnar Decker seine viel gelobte und empfohlene Biographie über den Dichter, der ansonsten im Jubiläums-Wahn nun endgültig unters Rad zu kommen droht.

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1) Bulitta, Erich: Das grosse Lexikon der Synonyme. 2. Aufl. – S. Fischer, 2007

2) “Das zitternde Glänzen der spielenden Wellen versilbert das Ufer, beperlet den Strand.” (Lieblingslied!) Georg Friedrich Händel: HWV203. Text: Heinrich Brockes

Sudeleien: Ende April 2012

Handke, Hesse, Walser, Schulze und ich –  und der “Welttag des Buches”

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„Kultur für alle.“ – (Hilmar Hoffmann, Kulturbürgermeister von Nürnberg a. D.)

„Der Wunsch nach einem Gedicht ist eher selten anzutreffen, hierzulande, heutzutage, andernorts. Und zwar sowohl was die Zahl der Lesenden als auch die der Schreibenden betrifft.“ – (Kathrin Schmidt, Schriftstellerin)

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Beim Sovormichhinsortieren alter Zeitungsausgaben für den Altpapier-Container, musste ich daran denken was ich diese Woche gelesen hatte: “Heute ist der Welttag des Buches”, schrieb Ute G. in einem Beitrag zur Volksaufklärung am Dienstag, den 24. April, in einer auflagestarken schwäbischen Tageszeitung. Sie lag damit nur ganz knapp daneben. Der “Welttag des Buches” fand, gemeinsam mit dem “Tag des Bieres”, auch in diesem Jahr wieder am 23. April statt. Das war ein Montag und meine Stadtbibliothek, wie immer an einem Montag, geschlossen.

Doch auf dem Marktplatz unseres Städtchen, im Schatten sakraler Sandstein-Gotik, hatten die „Bibliophilen Alphabeten e. V.“ einen Aktionsstand aufgebaut. Hier wurde der Stoff gratis abgegeben. Jede Menge Lesestoff geschenkt. Eine von vielen “Lesefreunde”-Aktionen zur Inszenierung des “Welttag des Buches”. Aber nicht jeder Buchhändler findet es so toll „mitten in der Debatte um das Urheberrecht und die Umsonst-Kultur 1 Mio Bücher kostenlos zu verteilen“. Es stellen sich Fragen. Wird das geistige Eigentum der Autoren an den verschenkten Werken denn angemessen und pekuniär gewürdigt? Wurde das Einverständnis der Urheber eingeholt? Oder machen die Rechte-Verwerter, in diesem Fall die Verlage, einfach was sie wollen? Was ist noch PR und was schon Piraterie? Wie sollen sich Herr und Frau Mustermann da noch zurechtfinden? Und wo kann ich eigentlich die App herunterladen?

Es gab Bücher für alle. Aber nicht alle Bücher. Die Titelauswahl war beschränkt im Sinne von begrenzt. Es standen 25 Titel zur Auswahl. Dabei die “Schweigeminute” von Siegfried Lenz, Kaminers “Deutsches Dschungelbuch”, die “Vermessung der Welt” von Daniel Kehlmann und die unvermeidliche, aber bissige Stephenie Meyer. Meiner Grundstimmung entsprechend griff ich rasch und möglichst unauffällig zu Peter Handkes “Wunschloses Unglück” – so eine Gratis-Entgegennahme ist mir im Grunde immer leicht peinlich – und betrachtete anschließend das Geschehen noch eine Weile aus dem Rückraum. Dabei fiel mir auf, dass ich eines der wenigen männlichen Wesen war, die das Angebot angenommen und zugegriffen hatten. Die überwiegende Mehrheit derer, die sich um den bunten, mit Luftballons dekorierten Bücherstand drängten, gehörten dem weiblichen Geschlecht an.

Derzeit fordern fortschrittliche Politiker und Politikerinnen immer wieder eine Frauenquote für die Führungsetagen großer Unternehmen. Demzumtrotz fordere ich hier und jetzt eine Männerquote! Mindestens X-Prozent der Lesenden müssen in Zukunft Y-Chromosomen und das SRY-Gen haben. Und wenn wir gerade dabei sind: Ich fordere mit gleicher Vehemenz eine Männerquote beim Personal in Kindergärten, Grundschulen und Altenheimen.

Aber zurück zum Eigentlichen, zum Buch. Mich ließ die Überlegung nicht los, welche Bücher ich an ein breites Publikum verschenken würde, wenn ich freie Wahl hätte. Welche Autoren, welche Titel? So einfach ist das nicht bei einer so undefinierbaren Zielgruppe. Vor allem wenn damit gleichzeitig Werbung für die eigenen Lieblingsbücher verbunden sein soll. (So eine Kampagne nimmt ja immer einen leicht missionarischen Charakter an.) Zwei Pizza-Ecken (prosciutto e con funghi), einen halben Liter San Pellegrino und drei Espressi dopio später – auf windgeschützter Kaffeehaus-Terrasse wärmte bereits eine milde Frühlingssonne – war mir die etwas willkürliche Beschränkung auf eine Auswahl von drei in Frage kommenden Titeln gelungen.

“Unterm Rad” gehört zu den schmäleren Werken Hermann Hesses und wird selten erwähnt wenn es um die wichtigsten Titel des Nobelpreisträgers geht. Es ist eine Schul- und Pubertätsgeschichte rund um kleinstädtische Enge, verständnislose Erwachsenenwelt und die Einsamkeit eines begabten Heranwachsenden, die auf biographischen Erfahrungen des Dichters beruht. Seit Jahrzehnten finden sich Jugendliche und junge Erwachsene darin wieder. Nach dem Wiederlesen im Hesse-Jubiläumsjahr (50. Todestag am 12. August) fragt man sich allerdings sehr ernsthaft, was den Honoratioren in Calw/Gerbersau eigentlich einfällt; ihr jubelndes Feiern des früh Ausgezogenen kann eigentlich nur ein typisch pietistisch provinzielles Missverständnis sein.

“Ein fliehendes Pferd” wird zu jenen von Martin Walsers zahlreichen Erzählungen gehören, die man auch noch in einigen Jahren, vielleicht auch Jahrzehnten, gut und gerne lesen kann. Der Leser erfährt endlich wie deutsche Lehrer ihre reichlichen Ferientage verbringen und warum Scheitern für Beziehungen der Normalfall ist. Ein Mittelstands-Drama und -Panorama von zeitloser Gültigkeit. Die hier verwendete, knappe Novellen-Form gelingt Walser besser als einige seiner überreich mäandernden Romane. Das tragische Scheitern der beiden Paare im besten Krisenalter kontrastiert herrlich mit der Schönheit der Bodensee-Kulisse. Auch wenn man die hervorragende Verfilmung gesehen hat, bleibt dieses Büchlein eine unbedingt lohnende Lektüre.

“Adam und Evelyn” von Ingo Schulze ist für mich eines der wichtigsten und besten Bücher, die sich mit den deutsch-deutschen Fragen und Problemen rund um die geschichtliche Wende 1989/90 in erzählender Form beschäftigen. Die Figuren des Romans sind Menschen des realexistierenden Alltags, mit all den Sorgen und Nöten, die das Leben in der ehemaligen DDR so mit sich brachte. In einer forcierten, meist dialogisch angelegten Erzählweise geht es um Grundsatzfragen wie Gehen oder Bleiben? und die ewige Suche nach dem richtigen Lebensentwurf. Es geht darüber hinaus um Variationen von Liebe und um die uralten Mythen der Geschlechter. Gleichzeitig kommen gesellschaftspolitische Themen zur Sprache, die durch die Wende neu zur Diskussion gestellt wurden und heute eigentlich aktueller sind denn je. Der aus Thüringen stammende Damenschneider Adam, über Ungarn und Österreich nicht ganz freiwillig im idyllischen Bayern gelandet, sieht die schöne neue Welt in die er geraten ist so:

„Von allem zu viel…, zu viele Worte, zu viele Kleider, zu viele Hosen, zu viel Schokolade, zu viele Autos, statt froh zu sein, dass es endlich alles gibt… zu viel, zu viel, eine Inflation, die alles begräbt, die eigentlichen Dinge, die richtigen Dinge.“

*

Hesse, Hermann: Unterm Rad. Roman. – Suhrkamp, versch. Jahre. Euro 6

Walser, Martin: Ein fliehendes Pferd. Novelle. – Suhrkamp, versch. Jahre. Euro 6,50

Schulze, Ingo: Adam und Evely. Roman. – dtv, 2010. Euro 9,90

Alle drei Bücher sind auch noch in anderen Ausgaben lieferbar.

Sudeleien: März 2012

Unterwegs in Gerbersau

(Um es gleich zu sagen: Diese Sudeleien sind für einen Blog-Beitrag etwas zu lang geraten. Wer also meint, das sei ihm zu viel, er habe eh‘ keine Zeit oder dem Text fehle sowieso jegliche praktische Relevanz, und was der Leseverweigerungs-Begründungen mehr sind, der möge am besten gar nicht erst mit der Lektüre beginnen.)

Beim Ziellosvormichhinschlendern durch einen nieseligen Tag und durch Gässchen und Durchlässe, über Brücken und Stege unserer heimelig winkligen Dreiflüssestadt, musste ich an die Frage des Users “Minhthang” denken, die ich neulich in der Wissens-Community “COSMiQ” gelesen hatte: “Kann mir jemand sagen, wo Gerbersau in Deutschland liegt?” Mir persönlich geht es, ganz gleich wo ich gerade bin, häufig so, dass ich das Gefühl habe, zwar nicht als Teilnehmer dabei, aber irgendwie dennoch mittendrin zu stecken – in Gerbersau.

Am 9. August 2012 jährt sich der Todestag des Dichters und Literatur-Nobelpreisträgers Hermann Hesse (1877 – 1962) zum 50. Mal. Aus diesem Anlass plant nicht nur die Hesse-Geburtsstadt Calw zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen. Damit an dieser Stelle nicht schon Leser abhanden kommen, findet man den Link dorthin erst am Ende des Artikels. In den nächsten Wochen werde ich außerdem noch einmal auf diesen für Literaturfreunde bedeutenden Anlass zurückkommen.

Gerbersauer Idylle

Hesses Verhältnis zu seiner Heimatstadt war in Kindheit und Jugend voller Spannungen, der meist gemütlich genügsame Gerbersauer Geist für den phantasievoll reichbegabten Knaben nicht leicht zu ertragen, die Schulzeit über weite Strecken die reine Qual. Im “kleinen Schwarzwaldnest” war “nie ein Mensch ausgegangen, der einen Blick und eine Wirkung über das Engste hinaus gehabt hätte.” Zwar verklärte sich manches im Lauf der Jahre und Hesse selbst hat die Erinnerung an das Städtchen in seinen Werken immer wieder romantisch verpackt, dennoch war er sich darüber im Klaren, dass dort für ihn kein dauerhaft erträgliches Leben möglich gewesen wäre: “… obwohl Calw für mich nicht halb so schön wäre, wenn ich öfter als alle drei, vier Jahre hinkäme”, hat er 1915 an seine Schwester Adele geschrieben.

Auch das städtische Gemeinwesen wurde und wird nicht nur von vorbehaltlosen Bewundereren des in aller Welt geschätzten Dichters bewohnt. Desinteresse und skeptische Ablehnung waren über Generationen hinweg fester Bestandteile der Einschätzung. In dem Artikel “Hermann Hesses Gerbersau”, der 1930 in der Vossischen Zeitung, Berlin erschien, kam Hans Popp zu dem Fazit: “Die Calwer selbst lieben ihn nicht, sie begreifen ihn nicht; ohne Verständnis für seine große Liebe, die er zu ihnen im Herzen trägt, ohne Verständnis für seine große Seele stehen sie ihm gegenüber, unverstanden steht Hesse unter ihnen, er, der als erster verdienen würde, ihr größter Freund zu sein.” Da sich daran bis heute nicht so grundlegend etwas geändert hat, sind wohl die Bemühungen zum diesjährigen Jubiläumsjahr weniger der literarischen oder persönlichen Bedeutung Hesses, als vielmehr einem kommerziell touristischen Hintergrund geschuldet. Das muss das eine oder andere Ereignis und Angebot der kommenden Wochen und Monate aber keineswegs uninteressanter machen.

Der Trommler und Sprach-Wirbler Udo Lindenberg sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf die Frage, ob er Hesse gelesen habe: “Das hat mich gepackt. Wie kann einer über mich schreiben, der mich nicht kennt? Hab’ ich gedacht. Die kleine Stadt, die bürgerliche Enge, der Stress in der Schule, die Suche nach Coolness, der Ausbruch.” Zur Erinnerung: Lindenberg stammt aus einem Gerbersau namens Gronau.

Vor einigen Jahren hat er, inspiriert von Leben und Werk Hermann Hesses, die Udo-Lindenberg-Stiftung gegründet. Diese “fördert junge Texter und Musiker durch Wettbewerbe, um neue Wege gegen das Mitmarschieren in der Masse zu suchen, provokant zu schreiben und sich nicht anzupassen an Mainstream und Casting-Wettbewerbe. Sie will nationale und internationale kulturpolitische Aktivitäten unterstützen, sowie durch die Förderung humanitärer und sozialer Projekte weltweit den Schwächeren zur Seite stehen.”

Gerbersau-on-Wye

“In manchen Augenblicken war Altes und Neues, war Schmerz und Lust, Furcht und Freude ganz wunderlich durcheinander gemischt. Bald war ich im Himmel, bald in der Hölle, meistens in beiden zugleich.” 

Es gab Zeiten, da wollte ich ganz gerne wie Harry Haller sein. Allein mit mir, der Musik Mozarts, dem nie leer werdenden Glas Rotwein, zu nichts und niemandem verpflichtet, als Verrückter da und dort freien Eintritt genießend; hin und wieder würde mich genau so das eine oder andere Gerbersauer Mädel unheimlich cool finden und nicht nur zum Tanze bitten; ich würde Traktate schreiben und sie anschließend in den Wind werfen; meine Kammer wäre kahl und damit mein Leben ohne belastenden Unrat; so lebte ich für und für, Tag um Tag, Jahr um Jahr, für meine Gleichzeitigen längst zur Legende geworden. – Im realen Leben hingegen war ich lediglich bemüht kein Serenus Zeitblom zu werden.

Bis zum hier angesprochenen Jubiläum, dem Todestag Hermann Hesses im August, ist es noch einige Zeit hin. Ein anderer bemerkenswerter Jahrestag liegt hingegen bereits unmittelbar vor uns. Am 24. März wird Martin Walser 85 Jahre alt. Ist es wirklich schon wieder fünf Jahre her, dass er direkt vor mir über einen Leipziger Zebrastreifen ging? Begleitet von Kameramann und Pressefrau. Am Abend hat er gelesen. Vor vielen Menschen, die ihm kräftig applaudierten und ihn hochleben ließen. Damals konnte man nicht ahnen – und entsprechende Prognosen wären gewagt gewesen – dass Walser kurz vor seinem 85. Geburtstag wieder zur Frühjahrs-Buchmesse kommen würde.

Gerbersau am See

Martin Walser lebt seit Jahrzehnten in Gerbersau am Bodensee. Einmal – vor einigen Jahren – wollten die Menschen in diesem Landstrich dem Dichter und Zeitgenossen ein Denkmal spendieren. Ein fleißiger, vielerorts vertretener Künstler, bekannt für seine ebenso plastischen wie leicht hinterfotzigen Arbeiten, führte von den Honoratioren abgenickte Entwürfe gekonnt und an zentraler Stelle aus. Der Mensch und Schriftsteller Walser war nicht angetan, hingegen gewillt, den Bildhauer und seine Intentionen gründlich misszuverstehen. Das war eigentlich nicht schön und direkt so kleingeistig, wie es den ganzen Gerbersauern im Ländle des Schriftstellers gern unterstellt wird.

Dabei hätten Walser Kunstsinn und etwas Toleranz ganz gut gestanden, schließlich war er selbst schon öfters Opfer gravierender Missverständnisse. Wie damals in der Paulskirche von Gerbersau am Main. Oder erst kürzlich mit seinen Glaubensthemen-Büchern „Mein Jenseits“ und „Muttersohn“, als man ihn prompt in die religiöse Erweckungs-Schublade stecken wollte. – (Zu beiden Titeln sind auf = conlibri = seinerzeit Rezensionen erschienen; diese sind jetzt noch einmal auf der Seite „da capo“ zu finden.) – Nein, zum tief Gläubigen, zum kritiklos Glaubenden, zum Hoffenden auf das Jenseits ist er nicht geworden. Er macht uns nur klar, dass uns ohne Glauben Vieles fehlen würde. Wozu die zahlreichen, gedankenlos selbstverständlichen, meist vom ursprünglich religiösen Ursprung gelösten, künstlerischen, alltags-kulturellen und musikalischen Glaubenszeugnisse gehören. Und nicht zu vergessen – Walser betont das unermüdlich -, schließlich sei auch die Liebe reine Glaubenssache.

Leipzig-Gerbersau

Ab Donnerstag ist wieder Buchmesse in Leipzig. Martin Walser wird dort sein. Er wird u. a. seinen Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ vorstellen, in dem er die Verarmung beklagt, die wir durch das Fehlen eines Bedürfnisses nach Rechtfertigung erfahren. Seine Zeugen dafür sind Kafka und Augustinus, Luther, Calvin und Max Weber, Nietzsche und Karl Barth. Außerdem kommt unter dem Titel „Meine Lebensreisen“ noch eine schmale, überteuerte Resteverwertung auf den Markt. Ein bisschen viel hat er ja schon drauflosgeschrieben in den letzten fünf Jahren und seine Verlage ein klein wenig zuviel drauflosveröffentlicht.

Auch ich werde wieder an der Weißen Elster, in den Messehallen und bei einigen der vielen Veranstaltungen an kontrastreichen Örtlichkeiten der spannenden Stadt unterwegs sein. Und irgendwann danach für = conlibri = ein paar Zeilen darüber schreiben. Über meine Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen und Büchern in Leipzig, rund um die Buchmesse und das große Lesefest “Leipzig liest”.

Zum Hesse-Jahr findet man hier Infos die weiterhelfen: Gerbersau/Calw/Hesse/Juliäum

Das Verhältnis Hesses zu Calw wird in diesem ergiebigen Buch gründlich aufgearbeitet:

Schnierle-Lutz, Herbert: Hermann Hesse und seine Heimatstadt Calw. Chronologie eines wechselvollen Verhältnisses. – Calw : Stadtarchiv, 2011. Euro 15

Endlich gibt es auch wieder eine aktuelle Biographie:

Schwilk, Heimo: Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers. – München : Piper, 2012. Euro 22,99

Das Neueste von Martin Walser:

Walser, Martin: Über Rechtfertigung, eine Versuchung: Zeugen und Zeugnisse. – Reinbek : Rowohlt, 2012. Euro 14,95

Walser, Martin: Meine Lebensreisen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Thomas Schmid. – Hamburg : Corso, 2012. Euro 24,90

Hesse-Orte in Tübingen. Zweiter Teil

Leben wird Literatur

“Über Tübingen hing eine schwarze, verwölkte Novembernacht. Sturm und Sprühregen klirrte und zitterte durch die engen Gassen, aufflackernde rote Laternenlichter glänzten trüb auf dem nassen Plaster wider. Trüb und schwarz mit zwei, drei kleinen roten Fensteraugen lag das alte Schloß wie ein halbschlafendes träges Untier auf seinem langen Hügel, Fetzen von Wolkenschleiern um die spitzen Dächer.”

So schrieb Hermann Hesse 1899 und so beginnt der Abschnitt “Die Novembernacht. Eine Tübinger Erinnerung” im “Hermann Lauscher”. Eigentlich eine in sich geschlossene, eigene kurze Geschichte, wie der ganze “Hermann Lauscher” aus einer Reihe von mehr oder weniger selbständigen Erzählungen besteht, lose verbunden durch die stark autobiographisch geprägte Hauptfigur.

Die Zeit in Tübingen, die Erfahrungen, Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen dieser Jahre, hat Hermann Hesse auf vielfältige Weise und mit den Freiheiten künstlerischen Gestaltens zu Literatur werden lassen. Die Neckarstadt begegnet dem Leser im „Hermann Lauscher“ gleich mehrfach. In dieser stürmischen, aufrührenden Novembernacht gehen Hermann Lauscher und Otto Aber durch die stille Stadt, über Holzmarkt und Marktplatz, vorbei am historischen Rathaus, durch enge Gassen zum Gasthaus „Löwen.“ In der Erzählung „Der Novalis. Aus den Papieren eines Altmodischen“, ist es der Kandidat Rettig der dort einkehrt. Auch in der Erzählung “Freunde” taucht Tübingen auf. Etwas aus dem Rahmen fällt die deutlich längere Geschichte „Im Presselschen Gartenhaus.“ Dazu gleich mehr.

„Zum Löwen“

Hesse fiel es zunächst nicht leicht in Tübingen gesellschaftlichen Anschluss zu finden. Er wollte es auch nicht unbedingt, war skeptisch gegenüber den studentischen Umtrieben, insbesondere jenen der bunten Burschenschaften, und im übrigen mit seiner buchhändlerischen Tätigkeit und seinem umfangreichen Selbststudium sehr gut beschäftigt. „In den ersten Tübinger Zeiten war ich sehr strebsam und solide, später soff ich viel mit Studenten herum.“

In der zweiten Hälfte der Tübinger Zeit schloss sich Hermann Hesse einem kleinen Freundeskreis an, der sich „petit cénacle“ nannte und zu dem er über Ludwig Finckh kam. Der Medizinstudent und spätere Arzt und Schriftsteller gehörte zu den ersten näheren Bekanntschaften die Hesse in Tübingen machte, und aus der eine Freundschaft entstand, die viele Jahre anhielt und eine umfangreiche Korrespendenz hervorbrachte. Als Finckhs antisemitische Haltung offenbar wurde und er sich schließlich der nationalsozialistischen Bewegung anschloss, endete die Freundschaft mit Hesse. Zu dem Tübinger Kreis gehörten noch Otto Erich Faber, Carlo Hammelehle, Oskar Rupp und Wilhelm Schöning. Man traf sich regelmäßig in der Kornhausstraße, im Gasthaus „Zum Löwen.

Von links nach rechts: Otto Erich Faber, Oskar Rupp, Ludwig Finckh, Carl Hammelehle und Hermann Hesse. (Foto: Otto Hofmann, Atelier, Kirchheim unter Teck, heute im Literatur-Archiv Marbach)

„Wir galten als dekadent und modern / Und glaubten es mit Behagen. / In Wirklichkeit waren wir junge Herren / Von höchst modestem Betragen.“

Die Räumlichkeiten des ehemaligen Wirtshauses wurden im Laufe der vielen Jahre unterschiedlich genutzt. Zuletzt war dort ein Kino zu finden. Der goldene Löwe über dem Eingang blieb bis heute erhalten.

„Im Pressel’schen Gartenhaus“

Diese längere, sehr ruhige Erzählung Hesses, nimmt den Leser mit in das Jahr 1823. Angelehnt an Überlieferungen, schildert er, wie die Theologiestudenten und späteren Dichter Wilhelm Waiblinger und Eduard Mörike, den geistig verwirrten, damals 53-jährigen Friedrich Hölderlin bei seiner Pflegefamilie Zimmer in der Bursagasse abholen, um mit ihm zu dem titelgebenden Gartenhäuschen zu wandern. Es lag einst auf dem innenstadtnahen Österberg, um den herum sich damals noch keine Wohnbebauung befand, sondern Gärten und Weinberge. In einem dieser Gärten, stand das im chinesischen Stil erbaute Häuschen, das längst verschwunden ist.

Die Gegend erreicht man heute wie damals, wenn man von Stift oder Hölderlinturm kommend, bei der Eberhardbrücke die verkehrsreiche Straße überquert. Neben einem kleinen Stehcafè und einem türkischen Imbiss führen die zahlreichen steilen, häufig rutschigen Stufen der Germanenstaffel zum Österbergweg, auf dem man weiter bergauf marschiert. Der Spaziergänger verschwindet zunächst zwischen dem dichten Laub der Bäume und Büsche. Doch wenn man eine gewisse Höhe erreicht hat, öffnet sich der Blick auf das Panorama der alten und neuen Dächer, sieht man auf den Neckar, bis zum ebenfalls auf einem Hügel liegenden Schloss und bis zu den etwas weiter entfernten neuen Stadt- und Universitätsteilen, die sich über die Hänge im Westen und Norden verteilen.

Weiter geht man, vorbei an den stilvollen Villen der wohlhabenden studentischen Verbindungen, bis zum heutigen SWR-Regionalstudio. Von hier aus führt der Wilhelm-Schussen-Weg wieder bergab und, im Tal angekommen, befindet man sich direkt auf der Rückseite der heutigen Universitätsbibliothek, nahe der von Universitäts-Einrichtungen geprägten Wilhelmstraße. (Wilhelm Schussen war ein oberschwäbischer Lehrer und Schriftsteller, über den in diesem Blog sicherlich bei Gelegenheit auch einmal zu berichten sein wird.)

Abschied

Ende Juli 1899 schied Hesse bei Heckenhauer aus. Mit Ludwig Finckh und den anderen aus dem „cénacle“ verbrachte er noch einige sommerliche Ferientage in Kirchheim an der Teck. Dort kam es zu einem kleinen „Liebesmärchen“ mit Julie Hellmann, genannt Lulu, der Nichte des Wirts. Diesem schwärmerischen Intermezzo verdanken wir das E. T. A. Hoffmann gewidmete Kapitel „Lulu. Ein Jugenderlebnis“, das ab der zweiten Auflage von 1907, im „Hermann Lauscher“ enthalten ist. Man kann sich nach der Lektüre lebhaft die wehmütige sommerliche Verliebtheit der jungen Männer vorstellen: „Leise begann die schöne Lulu eine Melodie zu summen, und allmählich ging das halbe Flüstern in ein zartes Singen über. Die Jünglinge lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen süßen Töne der edlen Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie Träume aus der Brust der einschlummernden Erde.“

Der Abschied aus dem kleinen schwäbischen Städtchen am Fuße der Burg Teck fiel natürlich schwer. Hesse hatte Basel als nächste Lebensstation gewählt, wo er als Kind bereits von 1881 bis 1886 mit der Familie gewohnt hatte, als der Vater dort Lehrer im Missionshaus war. „Ich hatte keinen anderen Wunsch, als wieder nach Basel zu kommen; es schien dort etwas auf mich zu warten, und ich gab mir alle Mühe, als junger Buchhandelsgehilfe eine Stelle in Basel zu finden.“ Im Nachsommer 1899 lässt sich Hesse in Basel nieder „mit Nietzsches Werken … und mit Böcklins gerahmter Toteninsel in der Kiste, die meine Besitztümer enthielt.“ Ab 15. September 1899 arbeitete Hermann Hesse als Sortimentsgehilfe in der Reichschen Sortiments-Buchhandlung.