Hesse-Orte in Tübingen. Erster Teil

Ankunft

Hermann Hesse lebte von Oktober 1895 bis Juli 1899 in Tübingen. Als er in der Universitätsstadt am Neckar eintraf war er 18 Jahre alt. Er hatte zu diesem Zeitpunkt einige schwierige und wechselhafte Jugendjahre hinter sich. In Esslingen war ein erster Anlauf eine Buchhändler-Lehre zu absolvieren bereits nach drei Tagen gescheitert. Eine anschließende Mechaniker-Ausbildung bei der Turmuhren-Fabrik Perrot in Calw, war eine rechte Zumutung für den sensiblen Künstler-Charakter. Die Atmosphäre im pietistischen Heimatstädtchen empfand er als bedrängend. Deshalb war Tübingen nicht nur ein weiterer Neuanfang, sondern fast schon so etwas wie die letzte Chance für den jungen Hermann Hesse in einer bürgerlichen Berufslaufbahn.

Heckenhauer

Am 17. Oktober trat Hesse als Lehrling in die Heckenhauer’sche Buchhandlung ein. Das Geschäft befand sich am Holzmarkt, schräg gegenüber der Stiftskirche. Noch heute besteht dort ein, u. a. auf Hesse spezialisiertes Antiquariat, als Nachfolger des ehemaligen Sortiments. Die Ausbildung dauerte drei Jahre und Hesse wurde danach als Sortimentsgehilfe übernommen. Er war zu dieser Zeit bereits fest entschlossen Schriftsteller zu werden und so dienten die zahlreichen Briefe, die er aus Tübingen an die Familie schrieb, auch als Einübung in die zukünftige Laufbahn. Als guter und genauer Beobachter hatte er reichlich Kurioses und Anekdotisches zu berichten; zudem sammelte er fleißig Motive und Charaktere für spätere literarische Arbeiten.

Am akademischen Leben der Stadt, in der die Studierenden und Wissenschaftler bis heute einen großen Teil der Bevölkerung ausmachen, nahm er zunächst nicht teil. „… im ganzen scheint mir das akademische Treiben doch nicht ganz ideal, sondern eng und lückenhaft wie alles Irdische.“ Er eignete sich seinen eigenen Bildungskanon an. Beschäftigte sich jahrelang sehr intensiv mit Goethe, las russische, skandinavische und französische Autoren und wendet sich schließlich Romantikern wie Eichendorff, Tieck und Novalis zu. „Jede Stunde scheint mir verloren, die ich nicht über guten Büchern oder Zeitschriften hinbringe …“. Er las und schrieb, durchforschte im Selbst-Studium die Literaturgeschichte; Zeitschriften druckten bald erste Gedichte von ihm.

Hesses erste selbstständige Veröffentlichung erschien bereits 1898 im Dresdner Verlag E. Pierson. „Romantische Lieder“ wurde in einer Auflage von 600 Exemplaren gedruckt und verkaufte sich schlecht. Ein Jahr danach brachte Diederichs in Leipzig einen Band mit kurzer Prosa heraus. Er trug den Titel „Eine Stunde hinter Mitternacht.“ Mit der späteren Frau des Verlegers Helene Voigt-Diederichs, die etwa in Hesses Alter war, und der seine Arbeiten gefielen, entspann sich ein Briefwechsel. Der Austausch offenbarte gemeinsame Interessen und Neigungen. Zu einer persönlichen Begegnung ist es nie gekommen. Hermann Hesse hatte, neben seiner berufspraktischen Ausbildung, die ersten Schritte auf dem Weg zum etablierten Schriftsteller zurückgelegt.

Herrenberger Straße

Während seiner Tübinger Zeit wohnte Hesse etwas außerhalb der heute bekannten historischen Altstadt. Bei der Dekans-Witwe Leopold hatten ihm die Eltern ein Zimmer gemietet; dort wurde er morgens, mittags und abends mit kräftigen Mahlzeiten versorgt. Der Lehrherr war für ein Vesper am Nachmittag zuständig; meist gab es Bier und Brot. Es war damals durchaus noch üblich, dass die Ausbilder im Betrieb an Erziehung und Menschenbildung der meist noch sehr jungen Lehrlinge mitwirkten; das geschah nicht selten mit einer gewissen Härte. („Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ ist bis heute ein oft zitiertes geflügeltes Wort.) Seinem Sohn in der Fremde hatte zudem Vater Hesse diszplinarische Regeln mit auf den Weg gegeben. Eine davon lautete: „Alle anderen Ausgaben sind zu vermeiden … Das Rauchen auf ein Minimum zu beschränken, weil es den Appetit vermindert, die Nerven reizt und Geld kostet.“

Die Adresse Herrenberger Straße 28 war ein damals sicherlich modernes Wohnhaus in nüchterner Vorstadt-Umgebung. Es wurde inzwischen mehrfach umgebaut, ein Anbau errichtet; heute wird hier Musikunterricht gegeben. Hin und wieder sieht man Japaner und Japanerinnen mit etwas ratlosen Minen davor stehen. Die Herrenberger Straße und ihre Umgebung sind seit dem zweiten Weltkrieg zu einer der verkehrsreichsten Gegenden der Universitätsstadt Tübingen geworden.

In den Jahren, die Hesse bei Frau Leopold wohnte und seiner Arbeit bei Heckenhauer nachging, gab er den skeptischen und um die Zukunft ihres Sohnes besorgten Eltern in Calw keinen Anlass zum Klagen. Er fühlte sich wohl bei seiner Wirtin. „Frau Dekan bemuttert mich aufs sorglichste … Vom Mittagstisch komme ich nur mit Mühe los, da sie voller Erzählkunst ist. Sie ist wie aus einem Dickens’schen Roman exzerpiert … zum Platzen voll von alten und neuen Geschichten, und dabei voll Gutmütigkeit und Liebe.“

Sein Zimmer war das größte der Wohnung und gut ausgestattet: Tisch, Sofa, Schrank, Bett und Nachttisch, Bilder und Blumenstöcke. Zum Schreiben stand Hesse ein Stehpult zur Verfügung, von den beiden Fenstern sah man auf das Schloss Hohentübingen. Vom Lehrlingslohn erwarb er noch eine Gipsbüste des Hermes von Praxitiles und hängte Portraits von Schriftstellen und Komponisten auf. „Auf der Kommode vereinigen sich einige Zinnbecher mit Bierkrieg, Hermes, Muschelkorb … zu einer künstlerisch barocken Gesamtwirkung. Auf dem Kasten ein Still-Leben von Zigarrenschachteln, Flaschen, Honigtopf …“

Fortsetzung folgt.

Arno Schmidt und Hermann Hesse

Zweiter Teil: Neunzehnhundertneunundvierzig/fünfzig

„Der Mond grellt im Pappelgang.“

1948 war in den alliierten Westzonen Deutschlands eine Währungsreform durchgeführt worden. Ein geordnetes Wirtschaftsleben kam in Gang. Berlin, Deutschland und Europa wurden durch den „eisernen Vorhang“ in zwei Blöcke geteilt. Den westlichen, von den Markt und Popular-Kultur dominierenden USA und den östlichen, von der stalinistischen Sowjetunion dominierten. 1949 entstanden – wie es damals schien: endgültig – zwei deutsche Staaten. Die Bundesrepublik Deutschland mit der neuen Kompromiss-Hauptstadt Bonn und die Deutsche Demokratische Republik (DDR – oder „DDR“, wie jahrzehnteland die Springerpresse relativierte) mit ihrem Zentrum Ost-Berlin. Die Veröffentlichung von George Orwells Roman „1984“ im Jahr 1949 passte bestens in die Zeit. „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir – aus dem selben Jahr – war seiner Zeit hingegen deutlich voraus.

Nach Arnos Jahren als Soldat und den Monaten in britischer Kriegsgefangenschaft nahe Brüssel, landete das Ehepaar Schmidt zunächst im niedersächsischen Cordingen. Sie wurden im Mühlenhof zwangseinquartiert. Alice liebte Kinder und Katzen; sie musste sich ein Leben lang mit Katzen zufrieden geben. Die Eheleute waren zunächst nahezu mittellos. Dann hatte Arno Schmidt erste kleine Einkünfte als Dolmetscher bei der englischen Besatzungsmacht. In späteren Jahren werden auch literarische Übersetzungen zum Auskommen beitragen.

1947 hatte sich Arno Schmidt zum freien Schriftsteller erklärt. 1949 erschien mit der Erzählung „Leviathan“ seine erste selbständige Veröffentlichung im Rowohlt-Verlag. Das Buch wurde von Hermann Hesse auf Bitten des Verlegers Ernst Rowohlt gelesen und kurz rezensiert. Der Grundtenor des zeugnisartigen Urteils war zwar nicht unfreundlich, hatte jedoch einen skeptischen Unterton. Hesse ließ einige Vorbehalte einfließen, was Person und Persönlichkeit des Autors betraf, ohne dass er diesen persönlich kannte:

„Das ist nun … ein junger Intellektueller und Dichter, der nicht nur mit dem Untergang des Abendlandes von Herzen einverstanden ist, sondern auch den Untergang der Menschheit glühend wünscht … Das wäre für sich allein nicht interessant, der Weltkatzenjammer ist nicht mehr um Ausdrucksmittel verlegen. Aber hier ist es nun ein wirklicher Dichter, der seinen Ekel uns ins Gesicht spuckt …“

Hesse dürfte sich kaum noch an die Gedicht-Einsendung von 1934 erinnert haben, als er urteilte: „Dieser junge, schnoddrige und begabte Dichter … ist ein etwas gefährdeter und möglicherweise nicht ungefährlicher, aber echter Visionär.“ Im Februar 1950 ließ er dem Kollegen sogar einen Separatdruck seiner 1928 entstandenen Betrachtung „Eine Arbeitsnacht“ zukommen, die heute Bestandteil von Band 11 der Werkausgabe ist.

Hermann Hesse hatte gute und ertragreiche Jahre erlebt. 1946 war ihm der Frankfurter Goethe-Preis und für das 1943 erschienene „Glasperlenspiel“ der Literatur-Nobelpreis verliehen worden. 1947 wurde er Ehrendoktor der Universität Bern und 1950 mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet. Er lebte fern der Not in Nachkriegs-Deutschland im blühenden Tessin. Sein literarisches Werk war abgeschlossen.

Arno Schmidt stand ganz am Anfang seiner Laufbahn. Die Beurteilung des „Leviathan“ durch Hesse hatte er von Rowohlt erhalten. Erst am 23. Mai schrieb er heftig enttäuscht eine eng beschriebene Postkarte an Hesse:

„Rowohlt sandte mir Ihre Beurteilung. Schade! Sie ist bedauerlich flach. Als Gegengabe will ich Ihnen mein Urteil über Ihr Werk senden: Ein begabter Dichter, weich und faltig. Zweierlei fehlt ihm: naturwissenschaftliche Kenntnisse und das Erlebnis folgender Urphänomene: Soldat sein müssen, Krieg, Gefangenschaft, Hunger.“

Zu dem kleinen Geschenk, das er von Hesse erhalten hatte, schrieb er: „Ich habe Ihnen noch nicht für Ihre letzte Mitteilung vom Februar gedankt. Daß Sie gegen 8 Uhr aus kühlen Nebenzimmer Abendessen zu holen pflegen: Ein Töpfchen Joghurt und eine Banane.“ Diese Information hatte Schmidt dem übersandten Text entnommen und retournierte nun in etwas gehässiger Form. Die Karte schließt mit den Worten „Ich verbleibe mit tiefer Ehrerbietung für Harry Haller (der mich wohl anders angesehen hätte) Ihr sehr ergebener Arno Schmidt.“

Hier endet die spärliche Korrespondenz der beiden großen, sehr gegensätzlichen Schriftsteller auch schon wieder. Im Juni 1950 äußerte sich Hesse in einem Brief an Ernst Rowohlt allerdings noch einmal zu Schmidt:

„Denn etwas in seinem Buch geht über die bloße Schnoddrigkeit hinaus und erinnert mich beim Lesen … an jenes unsterblich dumme und gemeine Wort eines der kleineren Unterteufel von Goebbels oder Rosenberg: ‚Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver.‘ So hatte ich bei Arno S. ein unbehagliches Gefühl, so einer könne, wenn unsereiner in freundlich anspreche, ihm ins Gesicht spucken oder eine Ohrfeige geben. Das hat er denn auch getan.“

Von diesen Zeilen und der heftigen Aburteilung – unter Verwendung von Vergleichen, die heutzutage nicht zu Unrecht geächtet sind – hat Arno Schmidt nie erfahren. Am Ende kehrt Hermann Hesse wieder zur Gelassenheit zurück und schließt das Kapitel Schmidt für sich ab: „Knabe hat alten Kerl mit Dreck beworfen. Alter Kerl bürstet sich den Rock.“

Arno Schmidt und Hermann Hesse

Erster Teil: Neunzehnhundertvierunddreißig

„Nun tritt der Mond aus einer breiten Wolke.“

Mitte des Jahres 1934 war die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten in Deutschland nahezu abgeschlossen. Die Ämter von Präsident und Kanzler wurden per Dekret zusammengelegt; Reichskanzler Adolf Hitler war über Nacht Staatschef und damit auch Oberbefehlshaber des Militärs. Die Säuberungs- und Vernichtungswelle von „jüdischen und undeutschen Elementen“ in Kultur, Wissenschaft und Kunst war spätestens seit den Bücherverbrennungen im Frühjahr 1933 in vollem Gange. Viele Intellektuelle und Künstler hatten Deutschland bereits verlassen.

Im Januar 1934 fand der damals zwanzigjährige Arno Schmidt nach monatelangem Warten und Suchen endlich eine Lehrstelle. Die Greiff-Werke stellten den jungen Mann an, ein Textil-Betrieb in der Kleinstadt Greiffenberg, die heute Gryfow Slaski heißt. Nun fuhr er täglich mit dem Zug vom schlesischen Lauban in das etwa 15 Kilometer entfernte Städtchen, das, wie die ganze Region, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu Polen gehört. Der kaufmännische Lehrling sah seine Ausbildung in der Industrie als ein notwendiges Übel und eine vorübergehende Nebenbeschäftigung.

Arno Schmidt war ein Erzähler und sich dieser künstlerischen Veranlagung schon früh bewusst, entschlossen, die Begabung zum Beruf zu machen. Bereits im Gymnasium fiel er durch allerhand Wissereien, aber auch kenntnisreiche Vorträge auf und hatte bereits ein umfangreiches Lektüre-Pensum, das weit über den Schulstoff hinausging, bewältigt. Dazu gehörten Kant und Schopenhauer, historische Stoffe und östliche Philosophie. Auch Hesse hatte er gelesen und war von dessen 1927 erschienenen „Steppenwolf“ sehr berührt gewesen. Da ging es Arno Schmidt nicht anders als vielen sensiblen jungen Menschen in aller Welt damals und bis in die Gegenwart.

Erste eigene Texte schrieb Schmidt schon während der Schulzeit, außerdem begann er Material für eine geplante Fouqué-Biographie zu sammeln. Erst sehr viel später (1958 und 1960) entstanden daraus zwei „biographische Versuche“ mit dem auf Wielands „Aristipp“ anspielenden Titel „Fouqué und einige seiner Zeitgenossen“ – im ersten Anlauf 590, in einem zweiten ganze 734 Seiten umfassend. In den 1930er-Jahren entstanden auch zahlreiche Gedichte. Eines Tages schlug ihm der Freund und ehemalige Mitschüler Heinz Jerofsky vor, Arbeitsproben an bekannte Schriftsteller zu senden und um eine Einschätzung und guten Rat für das weitere Vorgehen zu bitten. So ging u. a. das Gedicht „Verbrüderung“ im Frühjahr 1934 an Hermann Hesse, „dem Dichter des Steppenwolfes in hoher Verehrung“:

„Blutbruder Gras, ich liebe dich; / dein Wasserglanz stürzt über mich / wie eine Schale Tau. / Ich hebe meine Hände her / und streichle dich so süß und schwer / und mehr und immer, immer mehr / wie die geliebte Frau…“

Es hatte da ein Mädchen gegeben, das Gedanken und Gefühle des Oberschülers und späteren Lehrlings jahrelang beschäftigte. Sie hieß Hanne Wolf, fuhr im selben Zug von Lauban nach Görlitz, wo weiterführende Schulen besucht wurden, Jungen und Mädchen natürlich – das war damals nicht anders denkbar – getrennte Einrichtungen. Er verehrte sie aus der Ferne und nannte sie gegenüber dem Freund „a tricky woman“. Persönlich gesprochen hat er nie mit ihr.

Eine erste kleine Gedichtsammlung schenkte Arno Schmidt Heinz Jerofsky, der große Stücke auf die lyrischen Fähigkeiten des Freundes hielt. Doch Schmidt konnte mehr. Was er an Sprachdurchdringung und Wortartistik zu bieten hatte, zeigen nicht erst die Jahre später veröffentlichten Werke, sondern bereits frühe Postkarten und Briefe. Davon erfahren wir in Aufzeichnungen Jerofskys.

Schon in einem Schreiben Schmidts an seinen Freund vom 29.8.1933 taucht der noch häufig metaphorisch verwendete Erdtrabant auf: „Der Mond grinste gequaelt in wolken, wind lief mit geschrei schwarz auf rauebersteigen, arno schmidt, ein fremder prinz aus dem buecherlande umging den steinberg.“ Der Steinberg ist eine unbedeutende schlesische Erhebung. In den Augen des angehenden Schriftstellers, der sich ein Leben lang nach norddeutschen Ebenen sehnen und eines Tages dort auch sesshaft werden sollte „ein nichtswürdiger klein=beleibter Hügel…“

Bildungsstolz und leicht protzend ist der Ton in einer Postkarte vom 14. September des gleichen Jahres: „Geschrieben zu beginn der nacht-el-kadr, der 26. des ramadan, im jahre 1311 der hedschra…“, wo es am Schluss heißt: „d. tinte geht aus: ‚ade! ade!’ (hamlet I. V.) schreibe spaetestens 1940 wieder. die parallel gesäumte krueppelkiefer…“

Die fernverehrte Zugfahrerin, jene tricky Hanne, wird schließlich in Arno Schmidts Erst-Veröffentlichung „Leviathan“ als Anne wieder auftauchen. Hier kommen sich der Ich-Erzähler und das weibliche Ideal – in allerdings aussichtsloser Lage – zumindest verbal-erotisch näher: „Passiert Ihnen das übrigens öfter: von mir zu träumen – ?“ Zum „Leviathan“ kommen wir im zweiten Teil der kleinen Betrachtung über das Verhältnis von Arno Schmidt und Hermann Hesse.

Hermann Hesse lebte 1934 bereits im Tessiner Montagnola. 1931 hatte er seine langjährige Gefährtin Ninon Dolbin geheiratet, ein neues Haus mit Garten bezogen und erste Vorarbeiten an seinem letzten großen Prosawerk, dem „Glasperlenspiel“, begonnen. Es sollte erst 1943 erscheinen. Schon zu dieser Zeit bekam Hesse sehr viel Post. Darunter immer wieder zahlreiche Briefe von jungen Menschen aus aller Welt, die nicht selten um Hilfe in Lebensfragen und Konfliktsituationen baten. Er versuchte zu beantworten, so viel und was ihm möglich war, musste aber erkennen – und bekannte das auch immer wieder – dass ihn die Erwartungen und Hoffnungen der Schreibenden überforderten. Der ihm abverlangten Rolle als Beichtvater und Lebensberater fühlte er sich auf Dauer nicht gewachsen.

Arno Schmidt erhielt seine Antwort am 19. Juni 1934. Hesse, längst Schweizer Staatsbürger, der sich damit auch formal korrekt von Nazi-Deutschland abgrenzen durfte, sandte einen „Gruß von Hermann Hesse“ und legte sein Gedicht „Dreistimmige Musik“ bei. Arno Schmidt, der sich in keiner Weise über die Situation Hesses im Klaren war, hatte wohl mehr erwartet, ohne selbst genau zu wissen was. Der junge Lehrling und zukünftige Schriftsteller war von seinem Idol aus seiner Sicht enttäuscht worden. Hesses Schreiben reichte er an Ernst Jerofsky weiter, der es aufbewahrte. Durch seine Erinnerungen wissen wir davon.

1937 heiratete Arno Schmidt die Arbeitskollegin Alice Murawski. Bis 1940 arbeitete er noch in den Greiff-Werken. Längst war der Krieg ausgebrochen und bald wurde auch der inzwischen 26-jährige Schlesier zur Wehrmacht eingezogen. Fünf lange Jahre trug er Uniform, erlebte Vernichtung, Tod, Leid, Verzweiflung und den Niedergang seiner Nation der Dichter und Denker. Im Chaos des Frühjahrs 1945 entfloh Schmidt zunächst dem Militärdienst, meldete sich jedoch wieder zurück und wurde noch zu letzten sinnlosen Kämpfen an die Front geschickt. Er überlebte. Von April bis Dezember 1945 war er in britischer Gefangenschaft, in der er immerhin Gelegenheit hatte, seine englischen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen. Das ermöglichte ihm für die Zukunft Einkünfte als Übersetzer.

Der zweite Teil von „Arno Schmidt und Hermann Hesse“ folgt in Kürze.

Calw und Hesse machen es möglich

Volker Braun und Walter Kappacher, Helga Schütz und Judith Kuckart – in einem Band

„Die schönste Stadt ist Calw an der Nagold“. Dreissig Texte der Calwer Hermann-Hesse-Stipendiaten. Mit einem Vorwort von Andreas Narr. Herausgegeben von Friedrich Pfäfflin. In diesen Wochen erschienen bei Klöpfer und Meyer, Tübingen.

Hermann Hesse musste seine Heimatstadt erst verlassen, um sie danach ein ganzes Dichterleben lang romantisch verklären und ihr mit schönen Worten nachtrauern zu können.

„Zwischen Bremen und Neapel, zwischen Wien und Singapore habe ich manche hübsche Stadt gesehen, Städte am Meer und Städte hoch auf Bergen, und aus manchem Brunnen habe ich als Pilger einen Trunk getan, aus dem mir später das süße Gift des Heimwehs wurde. Die schönste Stadt von allen aber, die ich kenne, ist Calw an der Nagold, ein kleines, altes, schwäbisches Schwarzwaldstädtchen.“ So schreibt Hesse 1918 in „Heimat“.

In der Realität war Calw, das als Gerbersau in Hesses Werk vielfach beschrieben wurde, am Ende des 19. und noch weit in das 20. Jahrhundert hinein, ein winkliges Städtchen mit wenigen tausend Einwohnern, eingeklemmt zwischen steile Waldhügel, hinter denen früh die Sonne sinkt. In den engen Gassen, zwischen schiefen Häusern, lebten Menschen mit sehr begrenzten Vorstellungs-, aber energischen schwäbischen Schaffenskräften, ganz im Geiste eines Kunst und Sinnlichkeit verleugnenden Pietismus. So taten sich nicht nur die liebevollen, aber überforderten Eltern schwer mit dem heftig pupertierenden, früh zu dichterischer Laufbahn entschlossenen Hermann. Ganz Calw war empört, als der Sohn eines Missionars mit 16 Jahren, nach schwieriger Schullaufbahn, mehrere Monate mit scheinbar nichts als Lesen und durch die Gegend spazieren verbrachte – also rumhing, wie man heute sagen würde. Für die im produktiven Tagwerk stehenden Menschen lediglich nutzloser Müßiggang und nach damaliger Wert- und Glaubensskala nahe an der Sünde. Noch mehr entrüsteteten sich große Teile des kleinen Gemeinwesens, als der Knabe es wagte, die in der örtlichen Bücherei nicht vorhandenen Werke des „undeutschen“ Heinrich Heine von außerhalb zu erwerben und zu verschlingen.

Hermann Hesse (1905). Portrait von Ernst Würtenberger (1868-1934)

Hermann Hesse musste also Calw und Elternhaus den Rücken kehren, um den ihm gemäßen Weg einschlagen zu können. Er musste das „schwäbische Schwarzwaldstädtchen“ hinter sich lassen, um später von der „schönsten Stadt von allen“ schreiben und schwärmen zu können. Die Stadt Calw hat Hesse erst spät, in den jüngsten Jahrzehnten, für sich entdeckt. Heute wird er umso eifriger zur Image-Aufbesserung einer etwas biederen Kommune und als touristischer Magnet benutzt.

Seit 15 Jahren lädt die Calwer Hermann-Hesse-Stiftung jedes Jahr zwei bis drei zeitgenössische Autoren ein, mit einem Stipendium und freier Unterkunft ausgestattet, drei Monate in der Hesse-Stadt zu verbringen. Erbeten wird dafür ein „Calwer Manuskript“, ein Tagebuch, ein Bericht, eine Skizze, Prosa oder Lyrik, die während des Aufenthalts entstehen sollten. Erstmals versammelt nun ein umfangreicher Band solche – dem schwarzwälder Reizklima entsprungenen – Arbeiten von 30 Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die dieser Einladung gefolgt sind.

Das Buch eignet sich sicher nicht als durch- und leichtgängiger Lese-Stoff, zu unterschiedlich sind in Form und Inhalt, in Gestaltung und Ausdruck, die hier versammelten Texte. Doch hat man die reizvolle Möglichkeit von vielleicht schon bekannten Namen Unbekanntes, eventuell sogar Überraschendes zu lesen oder auch die eine oder andere Neu-Entdeckung zu machen und sich zu weiterer Beschäftigung mit einem Schriftsteller verführen zu lassen.

Dazu einige Andeutungen, wie breit das Spektrum des vorliegenden Materials ist.

Im ersten Beitrag empfindet Volker Braun Calw als Bühnenkulisse und spricht das problematische Verhältnis Hesses zu seinem Herkunftsort an. Klaus Günzel schlägt in einer längeren Abhandlung einen, bei Hesse naheliegenden, Bogen zur Romantik, sucht aber auch auf intensiv sensorische Weise die Verbindung zu den Dichtergrößen des württembergischen Kernlandes: „Zunächst aus rein literarischem Interesse bestellte ich einen Schwarzriesling aus Hölderlins Geburtsort Lauffen, sodann einen Schillerwein aus Marbach am Necker, endlich, um auch der schwäbischen Romantik zu huldigen, einen erfrischenden Kerner aus Weinsberg…“ Dass diese süffigen Schoppen, den literarischen Geist nicht nur anregen, konnte der Autor bald feststellen: „In der ‚Ratsstube‘ am Marktplatz saß ich einsam und löffelte meine Flädlesuppe, die … dem Getränke-Ansturm keine standhafte Grundlage bot.“

Gewohnt detailgenau und einfühlsam schildert Walter Kappacher seine „Tage in Calw“, einer der literarischen Höhepunkte der Anthologie. Dabei holt er weit aus: „Ich tauchte wieder ein in das Tübingen um 1820 und wünschte der Vierte im Bunde, dabeizusein, wenn Waiblinger und Mörike den verstörten Hölderlin in seinem Erkerzimmer abholen, wäre gerne mit ihnen zu dem Gartenhäuschen in den Weinbergen spaziert.“ Auch hier also die Remineszenz an die an Höhepunkten reiche württembergische Literaturgeschichte. Sehr schnell holt den österreichischen Hermann-Lenz- und Georg-Büchner-Preisträger jedoch die nur schwach kulturdurchwehte Atmosphäre des Provinzstädtchens ein: „Haben die Calwer je zur Kenntnis genommen, daß da in ihrer Stadt einer von auswärts sitzt und schreibt?“ Und über seine Rolle notiert er ernüchtert: „Man wünsche, der Stadtschreiber nehme teil am kulturellen Leben der Stadt, hieß es in der Einladung. Bisher habe ich nicht viel bemerkt von einem kulturellen Leben.“

Die in Frankreich geborene Josiane Alfonsi lebt und arbeitet in Tübingen. Sie schreibt Lyrik in deutscher und französischer Sprache. Ihr „Präludium für Herrmann Hesse“ und weitere Gedichte, als Ergebnis der Calwer Eindrücke, sind deshalb in beiden Sprachen abgedruckt. Ebenfalls lyrisch geht Hans-Michael Speier die Aufgabe an. Er dichtet hintersinnig: „so sauber alles / seidendüfte am marktplatz / stämme schwanken lapidar / am geldleuchtenden ufer“.

Auch die bekannte Germanistin und Goethe-Spezialistin Sigrid Damm hat den Weg nach Calw gefunden. Ihr längerer Werkstattbericht „Ein heißer Sommer“ gibt einen interessanten Einblick in die Gedanken- und Schaffenswelt der beliebten Autorin.

Es sind noch der ostdeutsche Philosoph und Schriftsteller Jens Sparschuh, der Südtiroler Joseph Zoderer, die Autorinnen Ursula Krechel und Angela Krauß, sowie die Eine und der Andere mehr vertreten. Facettenreich und spannend ist diese Veröffentlichung. Mit einer Hinführung von Andreas Narr und einem kundigen Nachwort von Friedrich Pfäfflin, der auch als Herausgeber zeichnet. Die Autoren und ihre Werke werden in einem Anhang recht ausführlich vorgestellt. Uns liegt damit eine Anthologie vor, die aus einem Anlass entstand, der zusammenführte, was sonst so nie zusammengekommen wäre. Eine Lektüre, die man gerne mehr als einmal in die Hand nimmt.

Maria Müller-Gögler

Eine oberschwäbische Schriftstellerin

Drei Frauen mit dem für die Region nicht untypischen Vornamen Maria sind im 20. Jahrhundert in der literarischen Landschaft Oberschwaben auf sehr unterschiedliche Weise hervorgetreten. Die stille, religiös-mysthisch dichtende Maria Menz fand mit ihren – meist in Mundart verfassten – Gedichten, naturgemäß nur ein begrenztes Publikum; ihr gedrucktes Werk ist inzwischen schwer zu bekommen. Im Heimatort Oberessendorf erinnert nur noch der Grabstein an sie. Maria Beig schreibt spröde eindrucksvolle Prosa. Mit „Rabenkrächzen“ und ihrem im letzten Jahr erschienen „Lebenslauf“ erreichte sie auch ein breiteres Publikum und fand Beachtung bei den Kritikern namhafter Medien. Bei Klöpfer und Meyer ist zum 90. Geburtstag der Autorin ein fünfbändiges Gesamtwerk in attraktiver Ausstattung erschienen. Die dritte Maria – und von der soll an dieser Stelle etwas ausführlicher die Rede sein – hieß Müller-Gögler und war die vielseitigste dieser drei Schriftstellerinnen.

Das verlegerische Gesellenstück, das der spätere Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld abzuliefern hatte, als er im Ulmer Aegis-Verlag unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sein Handwerk erlernte, war ein Bändchen mit dem Titel „Maria Müller-Gögler. Gedichte“. Es erschien 1947 und das darin enthaltene Gedicht „Die Geige“ wählte Hermann Hesse als eines der für ihn zehn schönsten für die Anthologie „Geliebte Verse“ aus.

Dennoch blieb der 1900 im damaligen Oberamts-Städtchen Leutkirch geborenen und ab dem fünften Lebensjahr in Weingarten aufgewachsenen Schriftstellerin eine breitere Anerkennung zunächst verwehrt. Den führenden Verlagen der Republik war die provinzielle Herkunft der Autorin, den Verlegern des evangelisch-württembergischen Kernlandes ihre katholische Konfession, suspekt. So blieb es der Journalistin Jella Lepman in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts vorbehalten, die ersten beiden Romane von Maria Müller-Gögler im liberalen Stuttgarter Tagblatt erscheinen zu lassen. Nur schwer fanden sich danach kleinere Verlage die bereit waren „Die Magd Juditha“ und „Beatrix von Schwaben“ auch als Buch herauszugeben. Nach dem großen Krieg und dem Ende der Naziherrschaft erhielt das Verlangen der Leser nach der Literatur aus der Welt, von der man zwölf Jahre abgeschnitten war, Vorrang und die Dichterin aus dem Oberland wurde nur am Rande und von Wenigen wahrgenommen. Für Maria Müller-Gögler aber war Schreiben von Kindheit an zur Existenzform geworden.

Lange erschien ihr Werk sehr verstreut und sporadisch. In den siebziger Jahren hatte sich schließlich Martin Walser für die  Kollegin  eingesetzt. Auch ihr langjähriger Wohnort Weingarten entsann sich seiner Mitbürgerin. 1978 erhielt sie den Kunstpreis der Städte Ravensburg und Weingarten, zwei Jahre später das Bundesverdienstkreuz. Eine bescheidene späte Entdeckung und Anerkennung setzte damit ein. Das Literaturarchiv Oberschwaben ermöglichte eine neunbändige Werkausgabe im Thorbecke-Verlag; inzwischen sind jedoch alle Bücher nur noch antiquarisch oder in guten Bibliotheken zu bekommen.

Viele Anregungen für ihre Werke schöpfte Müller-Gögler aus der oberschwäbischen, ins Allgäu und den Bodensee übergehenden Landschaft, ihrer Natur, ihren Menschen, der Geschichte der Region. Sie entwickelte dabei bald einen eigenständigen, realistischen Erzählstil, dessen Vorbilder sie in romanischen und östlichen Literaturen fand. Der russische Atheist Paustowski zählte ebenso wie Bulgakow zu ihren Lieblingsautoren. Eine tiefe Zuneigung zu Frankreich, seiner Literatur und Musik, hat in ihren Büchern viele Spuren hinterlassen. Mit ihrem katholischen Glauben, dem sie ein Leben lang unbeirrt treu blieb, tritt sie niemals engstirnig oder dogmatisch auf; musste sie sich doch selbst von manchen Fesseln, in die sie durch religiös-konservative Erziehung und damit eng verbunden, die ihr zugedachte Rolle als Frau, gezwängt worden war, mühsam befreien. So ist das Religiöse ein Stück selbstverständlicher Lebenskultur, unabdingbar verbunden mit dem Alltag, den Festen, den Jahresläufen, den Ritualen der Menschen jener Gegend aus der die Dichterin kam und über die und für die sie schrieb.

Maria Müller-Göglers Roman „Täubchen, ihr Täubchen…“ durfte auf Anordnung des damaligen Oberbürgermeisters von der Stadtbücherei Ravensburg lange Zeit nicht ausgeliehen werden. Er handelt von den erotischen Irrungen und Wirrungen eines Junglehrers und setzt sich auch kritisch-ironisch mit dem ländlichen Schulwesen im Württemberg der Fünfziger-Jahre des 20. Jahrhunderts auseinander. Das Buch erschien erstmals 1963 und erzeugt auch heute noch beim Leser eine nachhaltige Betroffenheit. Es ist im Zusammenhang mit den jüngst enthüllten Missbrauchsfällen von neuer, beklemmender Aktualität.

In dem historischen Roman „Beatrix von Schwaben“ überträgt die Autorin die politischen Ereignisse im Deutschland der beginnenden Nazi-Zeit auf die Zeit der staufischen Ritter. Ebenso wie im Roman „Die Truchsessin“, der während der Bauernkriege spielt, fesselt den Leser die Spannung der Handlung, halten sich Erfindung und Präsentation historischer Fakten gekonnt die Waage. Beide Bücher schildern Frauenfiguren, die durch eine für ihre Zeit ungewöhnliche Eigenständigkeit in Denken und Handeln hervortreten und man darf getrost unterstellen, dass diese Protagonistinnen Persönlichkeitselemente der Autorin enthalten. Sie stehen den kriegerischen Welteroberungsplänen und Unterdrückungsfeldzügen ihrer männlichen Umwelt ablehnend gegenüber. Die Truchsessin, keine geringere als die Gattin des sogenannten Bauernjörg, drückt es im Roman so aus: „Ich habe mich immer schon gewundert, wie sich die Männer ein Leben lang mit Kriegen und Händeln herumschlagen mögen … Wir Frauen sind die Zuschauer bei den gefährlichen Spielen der Männer. Vielleicht wäre es gut darüber zu lächeln. Aber sie sorgen dafür, dass wir häufiger darüber weinen müssen.“

Die Bücher Maria Müller-Göglers sind auch deshalb und immer noch  interessant, weil die Lektüre farbigen und kenntnisreichen zeitgeschichtlichen Hintergrund und intensive, sehr gelungene Frauendarstellungen bietet. Martin Walser schrieb: „Ich habe beim Lesen dieser Autorin des öfteren verwundert den Kopf geschüttelt, weil das, was in unseren Jahren fast das einzige Entwicklungsthema geworden ist, eben die Menschwerdung der Frau, im Lebenswerk von Maria Müller-Gögler seit Jahrzehnten in jeder Tonart angeschlagen worden ist: von ätzend sarkastisch bis weltüberwinderisch-ergeben“.

In ihren persönlichen Erinnerungen („Bevor die Stürme kamen“, „Hinter blinden Fenstern“, „Das arme Fräulein“) schildert die Tochter des Finanzbeamten Adolf Gögler die ersten 25 Jahre ihres Lebens und damit des 20. Jahrhunderts. Die junge Schulmeisterin und spätere Gymnasial-Lehrerin schreibt hier fesselnde Lokal- und Regionalgeschichte, lange bevor diese Themen in Volkshochschul-Programme Einzug hielten. Sie nimmt den Leser mit in die kleinbürgerliche Welt vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg, in die abgeschlossene Sphäre eines klösterlichen Erziehungsinstituts und schließlich, als gerade erst neuzehnjährige Lehrerin, auf eine Odyssee durch die Dorfschulen.

Das oberschwäbische Weingarten im Jahr 1917

Sie verlies den im ländlich konservativen Oberschwaben für junge Frauen vorgesehen Weg, brach aus der vorbestimmenten Laufbahn aus und studierte in München und Tübingen Germanistik, Philosophie, Pädagogik und promovierte 1930 in Tübingen mit einer Arbeit über „Die pädagogischen Anschauungen der Marie von Ebner-Eschenbach„, die 1931 bei Vieweg in Buchform erschien. Nach dem Studium heiratete Maria Gögler ihren Berufskollegen Paul Müller; der gemeinsame Sohn Paul wurde 1931, die Tochter Gisela 1932 geboren. Über die Berufsstationen Schwäbisch Gmünd, Laupheim und Crailsheim, kam sie 1938 nach Ulm, wo sie am Kepler-Gymnasium unterrichtete. Nachdem die Stadt im Dezember 1944 durch Bomben fast völlig zerstört worden war, zog die Familie nach Weingarten; dort lebte die Dichterin bis zu ihrem Tod im Jahr 1987.

Maria Müller-Gögler war eine sehr musikalische Frau, spielte gut und gerne Geige und Klavier, zählte zu den regelmäßigen Besucherinnen in Bayreuth und Salzburg. Mit dem Thema Musik hat sie sich auch literarisch beschäftigt, u. a. in Biographien über den aus Ravensburg stammenden Sänger Karl Erb und über den Orgelbaumeister Joseph Gabler, dessen Groß-Instrumente noch heute oberschwäbische Kirchenräume mit himmlischen Klängen füllen.

In ihren zahlreichen Gedichten fand die Dichterin harmonische Melodien, die lange nachklingen und mit denen sie nicht nur ihre Liebe zur oberschwäbischen Landschaft und Kultur immer wieder neu interpretierte. Sie schreibe „Lyrik, die sich wie eine glänzende Kuppel über ihr Schaffen wölbt,“ schwärmte Siegfried Unseld zum fünfzigsten Geburtstag der Autorin. Ihr ganzes langes Leben und ihr umfangreiches Werk hatte sie schon mit einem ihrer frühen Gedichte unter ein passendes Leitwort gestellt:

„Bewahre mich vor leerem Wort, / vor Glanz, der nicht von innen glüht, / vor Blüte, die papieren blüht, / vor Wachstum, dem das Herzblatt dorrt.“