Mai 1960

Die Gruppe 47 in Ulm

Der zweite Teil

1959 war der Roman “Die Blechtrommel” erschienen und hatte für einige Aufregung und manch frische Brise im schwarzbraunen Mief der schon viel zu lang anhaltenden Nachkriegszeit Dreizonen-Deutschlands gesorgt. Aus heutiger Sicht eines der wichtigsten und bedeutensten deutschsprachigen Werke des 20. Jahrhunderts. Der Autor Günter Grass hatte bis dahin nur etwas Lyrik veröffentlicht, einige Jahre in Paris gelebt und hauptsächlich als Bildhauer gearbeitet. Seine umfangreiche, voller Fabulierlust erzählte Geschichte löste nach dem Erscheinen allerhand Turbulenzen in einer Gesellschaft aus, die langsam zu einem bescheidenen Wohstand kam und es sich unter der Dauerkanzlerschaft des rheinischen Gemütsmenschen Adenauer behaglich gemacht hatte.

Aufgrund einiger saftig bildhafter Passagen wurden Buch und Autor die Verbreitung von Geschmacklosigkeiten, von Pornographie und Blasphemie vorgeworfen. Damit hatten sich Schriftsteller in den 1950er Jahren immer wieder einmal auseinanderzusetzen. Arno Schmidt, der mit seiner “Seelandschaft mit Pocahontas” auch davon betroffen war, wechselte deshalb sogar den Wohnsitz, verließ mehr oder weniger freiwillig das erzkatholische Kastel an der Saar. Als selbsternannte Moralinstanzen traten vor allem katholische Oberhirten und spezielle konservative Kreise auf. Im Mai 1960 nahm Günter Grass an der Hörspiel-Tagung der Gruppe 47 in Ulm teil.

Inge Aicher-Scholl nutzte ihre Kontakte und lud den Schriftsteller zu einer Lesung in das im Zentrum der Stadt gelegene, traditionsreiche Schwörhaus ein. Günter Grass las am Samstag-Abend, den 28. Mai. Das zahlreich erschienene Ulmer Publikum nahm den umstrittenen Jungautor freundlich auf. Die lokale Presse schrieb über den Auftritt des markanten Danzigers in Ulm: “Er trug seinen literarischen Schatz in einer winzigen Reisetasche von der Art, wie sie deutsche Landärzte um die Jahrhundertwende benützt hatten, zum Lesepult, verbeugte sich verbindlich lächelnd und sah ein wenig aus wie Guareschi und Georges Brassens.”

Günter Grass las einige Gedichte und aus der “Blechtrommel” die Kapitel “Das Kartenhaus” und “Brausepulver”, ein Kapitel von besonderem literarisch-erotischen Reiz. “Da saß ein Epiker von Format, ein unbefangener Kraftprotz, der ein verwöhntes Publikum in Bann schlagen konnte, mit seinen Geschichten, mit seiner Sprache”, schrieb die Schwäbische Donauzeitung. Man möchte ergänzen: Und mit seiner Vortragsweise, seiner Performance, wie man heute vielleicht sagen würde. Wer in den letzten Jahren Gelegenheit hatte eine Grass-Lesung zu erleben, konnte feststellen, dass die Schilderung von 1960 auch heute noch fast unverändert zutrifft.

Über zwei weitere Teilnehmer des Ulmer Treffens der Gruppe 47 kann Interessantes berichtet werden.

Das Ulmer Schwörhaus, in dem heute das Stadtarchiv untergebracht ist.

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Friedrich Knilli promovierte 1959 mit einer experimentalpsychologischen Untersuchung des Hörspiels und verfasste ein Buch mit dem Titel “Das Hörspiel. Mittel und Möglichkeiten eines totalen Schallspiels”, das bald als Standardwerk galt. Er gehörte später zu den Mitbegründern des “Literarischen Colloquiums Berlin” und war Professor für Literatur- und Medienwissenschaften an der Technischen Universität Berlin, ein ausgezeichneter Kenner von Leben und Werk Lion Feuchtwangers, der sich schwerpunktmäßig unter anderem mit der Darstellung der Juden in den Medien beschäftigte. Knilli vertrat in Fragen der Hörspiel-Theorie eine Gegenposition zur Hamburger Linie Heinz Schwitzkes, für den das “Wortspiel” im Vordergrund stand und befürchtete seinerseits eine “Verwortung des Hörspiels.” Er setzte stärker auf Inszenierung und dramaturgische Effekte.

Unterstützt wurde Friedrich Knilli in seiner Position während der Ulmer Tage von einem Germanisten aus Nürnberg, der zur Tagung als Hans Schwerte angemeldet war, und der sich in Gesprächen gerne über die Nazi-Vergangenheit des NDR-Hörspiel-Chefs Schwitzke ausließ. Schwerte hatte in Erlangen studiert und promoviert und wurde 1965 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der RWTH Aachen, von 1970 bis 1973 war er ihr Rektor und wurde dem linksliberalen Flügel der Professorenschaft zugerechnet. Er erhielt das Bundesverdienstkreuz und den belgischen Orden “Officier de L’Ordre de la Couronne.”

In den 1990er Jahren verdichteten sich Gerüchte, dass Schwerte nicht der war als der er sich ausgab. Recherchen des niederländischen Fernsehens und der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule enthüllten schließlich Schwertes ursprünglichen Namen: Hans Werner Schneider, geboren 1909 in Königsberg. Seit 1933 war dieser Schneider in NS-Organisationen aktiv gewesen, ab 1937 gehörte er der SS an, in der er verschiedene Führungspositionen begleitete und u. a. auch in den besetzten Niederlanden arbeitete.

Kurz nach Kriegsende hatte Schneider sich mit Hilfe seiner “Witwe” für tot erklären lassen und den Namen Hans Schwerte angenommen, der einem vermutlich im Krieg gefallenen Soldaten gehört hatte. So konnte er eine scheinbar makellose akademische Karriere absolvieren. Schwerte/Schneider, der sich unter dem Druck der Ermittlungen schließlich selbst angezeigt hatte, wurde in der Folge der Professoren-Titel aberkannt. Er verlor alle Pensions-Ansprüche und das Bundesverdienstkreuz. 1960, bei seinen Auftritten auf dem Ulmer Kuhberg, war er ein allseits geschätzter Wissenschaftler, Hörspiel-Fachmann und Gesprächspartner gewesen.

Es gibt einen wunderbaren Bildband über die Treffen der Gruppe 47 (Köln, 1997). Die Fotos hat Toni Richter gemacht, die Frau Hans Werner Richters. Einerseits geben die Schwarzweiß-Aufnahmen einen lebendigen Eindruck von Ort und Athmosphäre jeder einzelnen Veranstaltung; gleichzeitig wirken sie jedoch unglaublich nostalgisch – im wahrsten Sinne wie aus einem anderen Zeitalter. Das außerordentliche Treffen, die Hörspieltagung im Mai 1960 in Ulm, ist in dem Buch mit fünf Bildern vertreten. Auf einem davon sieht man eine kleine Gruppe auf der großen nach Süden ausgerichteten Terasse des HfG-Komplexes in intensive Gespräch vertieft: Dieter Wellershoff, Franz Schonauer, Walter Hasenclever, Hans Werner und Toni Richter. Es ist ein besonders schöner Platz. Von hier blickt man auch heute noch über das tiefer liegende Donautal in Richtung der an Föhntagen in der Ferne sichtbaren Alpenkette.

1960 waren die Nachwirkungen der Nazi-Jahre in Deutschland noch nicht gänzlich überwunden, wie wir oben gesehen haben. Aber auch in Europa war der braune Spuk noch nicht zu Ende. In Spanien beherrschte seit 1939 der faschistische Diktator Francisco Franco das Land und das blieb so bis zu seinem Tod im Jahre 1975. Bevor man Ulm wieder verließ, verfassten und verabschiedeten  die Schriftsteller und Schriftstellerinnen eine gemeinsame Petition, in der sie sich für Journalisten und Publizisten in Spanien einsetzten, die unter diesen spätfaschistischen Verhältnissen zu leiden hatten. Das nächste reguläre Treffen der Gruppe 47 fand im November 1960 im Rathaus von Aschaffenburg statt. Es wurden 150 Personen eingeladen, darunter 16 neue Autoren und Autorinnen; 25 lasen aus ihren unveröffentlichten Werken. Günter Eich, der in Ulm zu jenen gehört hatte die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen, musste unter dem materiellen Druck der ihn zu allerhand Brot-Arbeit zwang und nach zahlreichen Reisen und Lesungen wegen “totaler Erschöpfung” absagen.

Auf der Blog-Seite „da capo“ finden Sie ein Zitat Hans Werner Richters zum Selbstverständnis der Gruppe 47.

In diesem Blog werde ich gelegentlich auch über andere Treffen der Gruppe 47 im süddeutschen Raum berichten.

Mai 1960

Die Gruppe 47 in Ulm

Der erste Teil

Die Ulmer Hochschule für Gestaltung wird für immer als eine ganz besondere Bildungseinrichtung in Erinnerung bleiben. Der Gebäudekomplex, den sie bei ihrer Gründung 1955 bezog, war von dem Schweizer Architekten und Mitbegründer der Hochschule, Max Bill im Bauhausstil als industrielles Serienprodukt (Plattenbau) geplant und errichtet worden. Unscheinbar und harmonisch fügen sich auch heute noch die einzelnen Trakte in den sanften Hang des Hochsträß. Etwas außerhalb der Stadt auf dem Kuhberg gelegen, war die HfG von Anfang gleichermaßen Fortschrittsmotor wie skandalumwehter Sammelpunkt kreativ liberaler Geister. 1968 wurde sie auf Druck der baden-württembergischen CDU-Regierung und mit zustimmender Genugtuung weiter Kreise der Ulmer Stadtgesellschaft abgewickelt.

Das letzte Wochenende im Mai 1960 war für die ehemalige freie Reichsstadt Ulm an der Donau von großer Bedeutung – sie bekam ihre zweite Hochschule. Im großen Ratssaal fand die feierliche Eröffnung einer Ingenierschule durch den damaligen Kultusminister Storz statt. Eine Bildungsstätte die sich mit realen, greif- und begreifbaren Gegenständen beschäftigte, fand in der Stadt sofort wesentlich mehr Anklang als das eher abstrakte und theoretische Wirken der Hochschule für Gestaltung. Dass dort durchaus bahnbrechende, Jahrzehnte nachwirkende Ideen, Entwürfe und Produkte entstanden, wurde den meisten Skeptikern erst klar, als diese Aera schon wieder vorbei war. Die Ingenieurschmiede aber wurde 1971 zur Fachhochschule und inzwischen im Rahmen der Bologna-Prozesse zur Hochschule veredelt.

Während im historischen Rathaus der Donaustadt von den Honoratioren des Landes und der Stadt auf den Bildungs-Meilenstein angestoßen wurde, fand am selben Wochenende eine andere, ebenfalls äußerst prominent besetzte Zusammenkunft statt. Im Bill-Bau der HfG traf sich die Gruppe 47 ab Donnerstag den 26. Mai und bis Sonntag den 29. Mai zu einer Hörspieltagung. 80 Schriftsteller, Autoren, Journalisten und Kulturschaffende waren dazu angereist.

Die Gruppe 47, das von Hans Werner Richter begründete Schriftstellertreffen, wurde in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik etwa zweimal jährlich einberufen. Die letzte reguläre Tagung fand 1967 statt. “Eigentlich ist die Gruppe gar keine Gruppe. Sie nennt sich nur so.” (H. W. Richter) Diese Gruppe, die keine Gruppe war, nie aus einem festen Teilnehmerkreis bestand, hat die literarische Landschaft des Nachkriegsdeutschland wesentlich mit geprägt und ihre weitere Entwicklung nachhaltig beeinflußt. Was im Mai 1960 in Ulm stattfand war ein Treffen außerhalb des üblichen Rhythmus und eine Tagung, die sich ein enges und spezielles Themenspektrum gewählt hatte: Sie war ganz und ausschließlich dem Hörspiel gewidmet. Aus diesem Sonderstatus erklärt sich zum Teil die schlechte Quellenlage. Es existieren nur wenige verwertbare Zeugnisse und Dokumente zu diesem Ereignis.

1960 hatte die Medienform des Hörspiels ihren Bedeutungshöhepunkt und den Gipfel des Publikumszuspruchs schon leicht überschritten. Die Konkurrenz des noch jungen Fernsehens und des zunehmend beliebten Fernsehspiels wurde stärker. In den Jahren zuvor waren einige wichtige Werke im Genre Hörspiel entstanden, die auch jederzeit höheren literarischen Ansprüchen genügten. Prägend wurde bei der Aufnahmepraxis die „Hamburger Hörspieldramaturgie“ unter Heinz Schwitzke der auch den Begriff des “Wortkunstwerks” prägte. Südwestfunk und Süddeutscher Rundfunkt waren Rundfunksender die Hörspiel, Hörbild und Hör-Essays in ihren Programmen besonders pflegten. Damit trugen sie nicht zuletzt wesentlich zur Verbesserung der Einkommenssituation des einen oder anderen Schriftstellers bei. 1960 gab es in allen deutschen Rundfunkanstalten etwa 300 Termine für Hörspielsendungen. An der Veranstaltung in Ulm nahmen u. a. teil: Alfred Andersch, Wolfgang Hildesheimer und Günter Wellershoff, Ruth Rehmann, Walter Hasenclever und Franz Schonauer, der Regisseur Peter Schulze-Rohr, der Großkritiker Marcel Reich-Ranicki, der Medienwissenschaftler Friedrich Knilli, sowie Günter Eich und Ilse Aichinger.

Günter Eich studierte Sinologie und arbeitete ab 1932 als freier Schriftsteller. Seine Schwerpunkte waren die Lyrik und eben das Hörspiel, wie zum Beispiel das 1951 erstgesendete “Träume” oder “Das Mädchen von Viterbo” (1953). “Wie alle großen Schriftsteller hat Eich sich eine Grundform geschaffen, an deren Vervollkommnung er arbeitet”, schrieb Walter Jens über Eich und sein Verhältnis zum Hörspiel. Man zählte ihn zu den Wegbereitern des “literarischen Hörspiels”. Doch dieser Begriff wurde immer wieder in Frage gestellt. So auch bei der Tagung auf dem Ulmer Kuhberg. Die örtliche Zeitung resümierte sogar: “Das literarische Hörspiel gibt es noch nicht.” Man war generell auf der Suche nach neuen literarischen Ausdrucksformen, hielt die traditionellen Gattungen für überholt. Eine Entwicklung, die aus heutiger Sicht, eher im Sande verlief.

Seit 1953 war Günter Eich mit Ilse Aichinger verheiratet. Ilse Aichinger als Tochter einer jüdischen Ärztin und eines Lehrers in Wien geboren, wurde katholisch getauft. Die Familie war der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt; Ilses Großmutter und die jüngeren Geschwister der Mutter wurden 1942 deportiert und ermordet. Die Zwillingsschwester floh im Juli 1939 mit einem der letzten Jugendtransporte nach England. Ilse Aichingerr selbst und ihre Mutter blieben unter schwierigen Umständen in Wien. Ilse absolvierte zwar erfolgreich das Gymnasium, bekam aber als Halbjüdin keinen Studienplatz. Erst nach Kriegsende konnte sie ein Medizinstudium beginnen, das sie jedoch nach fünf Semestern abbrach, um ihren ersten Roman zu schreiben.

Die österreichische Schriftstellerin stieß früh zur Gruppe 47, zu deren Gründungsmitgliedern ihr späterer Mann Günter Eich gehörte. 1948 war ihr Roman “Die größere Hoffnung” erschienen. Aichingers wichtigsten Hörspiele waren “Knöpfe” (1953), das auch dramatisiert wurde und “Weiße Chrysanthemen”, mehr ein Hörtext als ein szenisches Hörspiel. Ilse Aichinger warnte vor einer radikalisierten Sprachkritik, wie sie u. a. auch von der Abteilung Information der Ulmer HfG betrieben wurde, die der Naturwissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller Max Bense aufgebaut hatte. In ihrem Essay “Meine Sprache und ich” schrieb Aichinger dazu: “Meine Sprache und ich, wir reden nicht miteinander, wir haben uns nichts zu sagen.” Anfang der 50er Jahre hatte sie zeitweilig bei Inge Aicher-Scholl an der Ulmer Volkshochschule gearbeitet. Inge Aichers Mann, der bekannte Graphiker und Designer Otl Aicher war maßgeblich am Aufbau der Hochschule für Gestaltung beteiligt. Diese Verbindungen waren es wohl, die die Teilnehmer der Hörspieltagung im Mai 1960 ausgerechnet nach Ulm führten.

In Ulm wurden Arbeiten von Teilnehmer der Tagung, aber auch von Autoren die nicht nach Ulm gekommen waren, präsentiert – durch Vortrag oder das Abspielen von Tonbändern; einige Aufnahmen wurden vom Rundfunk-Übertragungswagen eingespielt. Dabei war Neues und Altes, Rohfassungen ebenso, wie fertige Inszenierungen. Da es die Quellenlage unmöglich macht eine komplette Teilnehmerliste der Tagung zu erstellen, ist aus heutiger Sicht nicht mehr eindeutig zu klären, welche Werke vor Ort von ihren Autoren vorgestellt und welche von fremder Stimme gelesen oder von Band eingespielt wurden.

Hier eine kleine Auswahl der am letzten Maiwochende 1960 vorgestellten Werke: Das schon erwähnte Dreipersonen-Stück “Weiße Chrysanthemen” Ilse Aichingers und “Albino” von Alfred Andersch, der lange für Hessischen und Süddeutschen Rundfunk gearbeitet hatte, seit 1958 aber im Tessin lebte, weil er mit der gesellschaftlichen Entwicklung im Adenauer-Deutschland nicht einverstanden war. Von Günter Eich eine alte und eine neue Fassung von “Der Tiger Jussuf”; von Alfred Döblins “Berlin Alexanderplatz” eine Hörspielfassung. Der “Schützengraben-Dialog” des israelischen Aktivisten und Schriftstellers Ben-Gavriel, der 1891 als Eugen Hoeflich in Wien zur Welt gekommen war, wurde ebenso heftig diskutiert wie Wolfgang Hildesheimers böse Komödie “Herrn Walsers Raben”.

Vom Polen Zbigniew Herbert, der hauptsächlich als Lyriker bekannt wurde, gab es “Das Zimmer” und von Eugène Ionesco, dem Großmeister des absurden Theaters, den “Automobil-Salon”. Von Paul Kruntorad, der aus dem Tschechischen stammte und in Österreich als Publizist wirkte, “Das Hobby”; von der viele Jahre später auch als Grünen-Politikerin auftretenden Ruth Rehmann Partien aus “Ein ruhiges Haus” und von Dieter Wellershoff Passagen aus “Der Minotaurus”. Wellershoff erfuhr vor drei Jahren mit seinem erfolgreichen Roman “Der Himmel ist kein Ort” noch einmal späte Anerkennung.

Die Sitzungen dauerten bis weit in die Nacht, dabei wurde kräftig geraucht und reichlich gezecht. Zur nicht immer nur ernsthaften Runde gehörte damals bereits ein 33-jähriger Bildhauer, der neuerdings auch als Schriftsteller vernehmbar von sich reden machte und bis heute bei vielen gesellschaftlichen, politischen und literarischen Anlässen mit seinen meinungsstarken Wortmeldungen nicht wegzudenken ist: Günter Grass.

Dazu mehr im zweiten Teil und in Kürze an dieser Stelle.

Arno Schmidt und die HfG in Ulm (2)

Ein Gespräch unter Männern

Das Angebot eines Lehrauftrags an der jungen Ulmer Hochschule für Gestaltung hatte Unordnung und Unruhe in den Alltag von Arno Schmidt gebracht. Er reagierte, wie so oft wenn massive Annäherungen von außen seinem Universum nahten, barsch und abwehrend. Bereits am 15. September zitierte ihn Alice Schmidt in ihrem Tagebuch: „Die Ulmer Sache nehme ich noch nicht so ohne weiteres an. Was die mir alles aufhalsen werden.“

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…die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.“

Die Vermutung liegt nicht allzu fern, dass die Entscheidung gegen Ulm nicht erst in jenem kuriosen, von Spekulationen umrankten, Gespräch mit Max Bill am 21. September gefallen sein wird. Sie war es wohl schon, mehr oder weniger eindeutig, einige Zeit vorher. Dass der Schriftsteller durch diese Arbeit weniger Freiraum für sein eigentliches Schaffen fürchtete, ist verständlich, dennoch nicht der Hauptgrund für das Scheitern des Ulmer Vorhabens. Die bei Schmidt immer gegenwärtige soziophobische Veranlagung drängte sich wieder einmal in den Vordergrund.

Am 19.9. befiel ihn um die Mittagszeit ein leichtes hellseherisches Fieber. Abends konnte zwar schon wieder im Garten gegessen und ein Spaziergang durch die umliegenden Felder unternommen werden, doch in der Nacht erfüllten sich die dunklen Ahnungen. Ein Telegramm von Bense traf ein, mit der Einladung nach Stuttgart und Ulm. „Können Sie Mittwoch (21.9.) morgen mit mir nach Ulm fahren. Wann können Sie in Stuttgart eintreffen. Bense.“

Alice Schmidt notierte: „Klagen und Stöhnen, dass er wieder fahren soll und unter die Leute müsse. Arno möchte lieber sterben als nach Ulm fahren.“ Doch schon stand die Fahrt an. Erneutes Zetern und Klagen. „So ungern!“ rief er, notierte Alice. (Arno) „flucht. Trinkt aber noch zwei Schnäpse.“ Eine lange und umständliche Reise aus der Saar-Provinz in die württembergische Metropole begann. Auf dem langen Weg bergab zum Bahnhof Serrig wurde er von seiner Frau begleitet. Morgendliche Nachsommer-Frische.

„Die Saar hatte sich mit einem langen Nebelbaldachin geschmückt.“

Der Zug fuhr um 7 Uhr 20. Um 13 Uhr ging es in Frankfurt am Main weiter. Um 16 Uhr 18 die Ankunft in Stuttgart.

Arno Schmidt reiste an diesem 20. September aus einer französisch besetzten Zone mit Sonderstatus – erst ab 1. 1. 1957 gehörte das Saarland nach einer Volksabstimmung im Oktober 1955 zur Bundesrepublik Deutschland – in das 1952 entstandene Baden-Württemberg. In Stuttgart und Ulm waren, in der Folge des Zweiten Weltkriegs, amerikanische Truppen stationiert. Die sowjetisch besetzte Zone (SBZ) nannte sich seit 1949 Deutsche Demokratische Republik (DDR) und wurde von der Sowjetunion an jenem 20. September 1955 als souveräner Staat anerkannt. Dieses Ereignis, das weltpolitisch weitreichende Folgen hatte, fand bei ihm keinen Niederschlag. Auch im Tagebuch seiner Frau blieb es unerwähnt. Die politische und auch die kulturelle Gegenwart nahm das Ehepaar, wenn überhaupt, nur am Rande war. Deshalb ist anzunehmen, dass Arno Schmidt kaum eine Vorstellung hatte, wie die neu entstandene Hochschule in Ulm einzuordnen und zu bewerten war. Auch den mit der HfG maßgeblich verbundenen Persönlichkeiten – wie Max Bill, Otl Aicher, Inge Scholl – dürfte er, um es positiv auszudrücken, relativ unvoreingenommen begegnet sein.

Allein : Teller : wie wärs, wenns nur schwarze gäbe; und mit unregelmäßig gezacktem Rand?“

Die Hochschule für Gestaltung in Ulm wird andere Formen bevorzugen und hervorbringen. Sie befand sich im September 1955 noch in der Orientierungs- und Aufbauphase. Für die neu dazu kommenden Wissenschaftler, Lehrer und Studenten bot diese Situation eigentlich beste Möglichkeiten eigene Ideen, Pläne und Projekte einzubringen. Das war auch ausdrücklich erwünscht. Aus der Kreativität der Einzelnen sollten neue, spannende Ergebnisse des Kollektivs entstehen. Der egozentrische, verheiratete „Eremit“ Schmidt hat die Möglichkeiten und Chancen, die damit – eben auch und ausdrücklich für ihn – verbunden waren, offensichtlich zu keinem Zeitpunkt erkannt.

IMG00355Am Mittwoch, den 21. September fuhr Arno Schmidt mit seinem Gönner Max Bense von Stuttgart nach Ulm. Von der Stadt rund um das bekannte Münster, die 1955 noch von den schweren Kriegszerstörungen gezeichnet war, ist nirgends die Rede. Der Dichter hatte wohl kein Auge und keinen Sinn für touristische Aspekte. Die neu erbauten Hochschul-Gebäude, von Max Bill entworfen und im Stil stark an die Bauhaus-Architektur angelehnt, lagen weit außerhalb der Stadt auf dem Hochsträß, einem Höhenrücken zwischen schwäbischer Alb und Donauebene. Sie entstanden direkt neben dem Fort Oberer Kuhberg, einem Teil der ehemaligen Ulmer Bundesfestung, der im Dritten Reich ein KZ/Arbeitslager beherbergte. Es war ein milder, fast warmer Tag. Wir wissen nicht, ob der für das Land vor den Alpen typische Fönwind blies. Wenn dies der Fall ist, hat man vom Hochsträß aus weite Sicht auf die Kette der über hundert Kilometer entfernten Berggipfel, die bei solcher Witterung unwirklich nah erscheinen.

IMG00404Arno Schmidt hat – so wird es von Bense und Elisabeth Walter bestätigt – zeitweise mit Max Bill unter vier Augen gesprochen und über eine mögliche Anstellung als Dozent verhandelt. Es gibt zu diesem Gespräch keine unmittelbaren Zeugnisse, keine dokumentierten Aussagen der beiden Protagonisten. Wir sind auf Aussagen durch Dritte angewiesen, die ihre mittelbaren Eindrücke später aufzeichneten oder wiedergaben. Festzustehen scheint allerdings, dass das Gespräch „in Ton und Inhalt unerfreulich“ verlief, wie es Winand Herzog formuliert. Es gab keinen Vertragsabschluss. Auch Alfred Andersch und Walter Dirks hatten bereits abgesagt. Alice Schmidt schrieb an Erika Michels: „…es ergab sich, dass die Arbeit meines Mannes darin bestehen sollte, seinen Schülern ‚kristallklare’ Reklametexte und Schlagworte beizubringen.“ Es wurde sogar kolportiert, Bill hätte Schmidt aufgefordert den sogenannten Bill-Hocker sprachlich „zu verkaufen“.

Zur Sprache nur dieses : Meine wäre ‚künstlich’?“

Welche Erwartungen auch immer Schmidt an diese Verhandlungen und die zur Diskussion stehende Aufgabe geknüpft hatte, sie wurden wohl enttäuscht. Alice notierte: „Es sollten aus der Literaturabteilung keinesfalls Journalisten oder gar etwa Schriftsteller hervor gehen, sondern praktische Leute…Außerdem ist Bill ein absoluter Regententyp. Nun sind Bill und mein Mann gleich sehr heftig aneinander geraten. Prof. Bense und Frau Scholl wollten meinen Mann gleich wieder versöhnen und versuchtens mit allen möglichen Versprechungen…Auch wollte Frau Inge Scholl gleich Schülerin meines Mannes sein…Aber mein Mann sagte: diesen Laden macht er so nicht mit.“

Die Reise nach Ulm hatte auch Elisabeth Walter, die Lebensgefährtin und Mitarbeiterin Max Benses an der Universität Stuttgart, mitgemacht. Sie schilderte den Kern des Zerwürfnisses zwischen Bill und Schmidt später so:

„Schmidt: „Das ist ein unverschämter Kumpan! Was der sich einbildet! Er hat zu mir gesagt: ‚Das was Sie schreiben, Herr Schmidt, das habe ich mit 19 auch geschrieben.’ Und da habe ich zu ihm gesagt: ‚Und das…was Sie malen, Herr Bill, die geraden Linien, die Sie ziehen, die habe ich in der Schule schon gemacht, ich bin nämlich Mathematiker.““

IMG00375Wenn diese Sätze so oder so ähnlich tatsächlich gefallen sein sollten, kann man sicher unterstellen, dass die Unterhaltung eine sehr unsachliche Wendung nahm. Vermutlich hat Max Bill mit 19 Jahren ebenso wenig literarische Meisterwerke verfasst, wie Schmidt ein wirklicher Mathematiker war; so weit bekannt, besaß er lediglich eine Neigung zu diesem Gegenstand. Und Elisabeth Walther berichtete weiter: „Die beiden hatten sich eine Stunde lang gegenüber gesessen und sonst nichts mehr gesprochen.“

Der Lehrer soll das Volk bilden ? : schon recht!!! Wer aber bildet den Lehrer?!“

Es ging bald wieder zurück nach Stuttgart und am nächsten Tag weiter nach Darmstadt zu dem Maler und Autor Eberhard Schlotter, der als Vorsitzender der Neuen Darmstädter Sezession Schmidt zeitweise unterstützte. Es sollte eine Wohnung für das Ehepaar Schmidt gefunden werden, das die katholische Provinz endlich verlassen wollte. Von Darmstadt aus bat er seine Frau telegraphisch um einen Anruf: „bitte sofort Darmstadt 7320 R. Gespräch anrufen. Arno.“ Der erfolgte und Alice Schmidt zitierte die Kernaussage ihres Mannes im Tagebuch: „Arno sagt: mit Ulm sei nichts.“ Hatte er es nicht schon immer gewusst?

Die Reise nach Ulm war sehr wahrscheinlich die weiteste die Arno Schmidt nach 1945 unternommen hat. In Kastel brachte am selben Tag der Postbote eine förmliche Einladung für die offizielle Eröffnungsfeier der HfG am 2. Oktober. Die Festansprache wird von Walter Gropius gehalten werden, der das Unternehmen damit zur mehr oder weniger legitimen Bauhaus-Nachfolge adelte.

Bei Schmidts wurde doch noch einmal gegrübelt. Nachdem Alice mit Arno in Darmstadt gesprochen hatte, notierte sie: „Frage: fährt er sofort mit mir nach Ulm und setzt Bill die Pistole auf die Brust: entweder Literaturabteilung ihm völlig allein überlassen oder gar nichts…Andere Frage: hat’s Arno nötig, sich jeden Tag mit den groben Schweizer rumzuboxen und überdies seine eigene Arbeit zum Opfer zu bringen?“

Für Arno Schmidt war die Entscheidung wohl längst eindeutig und ablehnend ausgefallen. Doch hatte er seiner Frau reinen Saarwein eingeschenkt? Wollte er sie vielleicht nicht gänzlich enttäuschen? Auch sie hatte mit Ulm ja Hoffnungen verbunden, unter anderem die auf eine gesicherte materielle Existenz.

Bei Alfred Andersch war die Nachricht vom negativen Verlauf der Verhandlungen in Ulm ebenfalls angekommen. Er schrieb am 23. September an Arno Schmidt: „…gestern berichtete mir Prof. Bense über den Ausgang ihrer Besprechungen mit Herrn Bill. Heute möchte ich Ihnen sagen, dass ich diesen negativen Ausgang erwartet habe…für die Literatur, ja für die Sprache schlechthin, reicht das konstruktivistische Konzept des Herrn Bill einfach nicht aus…Momentan habe ich den Eindruck, dass die Berufung Bills an die Leitung der Schule sich eines Tages noch zu einer Katastrophe auswirken kann.“

„Sie meinen also tatsächlich, dass ein Kunstwerk kollektiv hergestellt werden könnte?“ -: „Abärrjá!“ – „Ein Einzelmensch ist nie vollkommen: wir versuchen seine Lücken zu ergänzen.““

Ganz so schlimm, wie von Andersch prophezeite, kam es nicht. Doch die Ulmer Hochschule machte nicht nur einmal turbulente Zeiten durch und änderte ihre Konzeption und ihr Führungspersonal schon bald, nach heftigen und konfliktreichen Diskussionen. Es gab zwei Fraktionen, die bei den Grundfragen nach Form und Funktion, Kreativität und Wissenschaft, gegensätzlicher Meinung waren. Der reichlich autoritär auftretende Bill wurde durch eine Leitungs-Gruppe ersetzt. Der vielleicht einflussreichste Strippenzieher war Otl Aicher; seine Gefährtin und spätere Gattin, Inge Scholl, hielt sich im Hintergrund und widmete sich verstärkt dem Aufbau der Ulmer Volkshochschule (vh), die eine außergewöhnliche, stark politisch ausgerichtete Institution wurde, die das gesellschaftliche Klima des protestantischen Ulm maßgeblich prägen sollte. Tomas Maldonado, von dem Alice Schmidt geschrieben hatte: „Mit dem Konrektor allerdings, dem Argentinier: Maler Maldonado (der alle Bücher meines Mannes kannte) hat sich mein Mann recht gut verstanden.“, wurde zum Sprecher des neuen Gremiums gewählt. Mit und über Arno Schmidt war deshalb auch noch nicht das allerletzte Wort gesprochen.

Dieser und der noch folgende Arno-Schmidt-Beitrag meines Blogs sind keine wissenschaftlichen Arbeiten. Es wurden allerdings einige maßgebliche Quellen ausgewertet und das gewonnene Material mit größter Sorgfalt verwendet.

Bei den Bildern von Arno Schmidt handelt es sich um Photographien seiner Frau Alice, die mit freundlicher Genehmigung der Arno-Schmidt-Stiftung verwendet werden.

Mein besonderer Dank gilt Winand Herzog und Michael Meinert, die mir vor Beginn der Arbeit an diesen Ausführungen mit wertvollen Hinweisen auf den richtigen Weg halfen.