Herbst-Lese (3)

Zwei unterhaltsame deutsche Romane

Im Feuilleton gehört die Behauptung, es gäbe seit Jahren keine lesenswerten Romane über Deutschland und schon gar nicht solche mit Ost-West-Thematik, zum Standard-Repertoire. Doch sie ist Quatsch. Man muss nicht erst Großmeister wie Schulze, Brussig oder Tellkamp bemühen, um festzustellen, dass diese Aussage durch ständiges Wiederholen auch nicht wahrer wird. In der zweiten Reihe, bei Unterhaltungsschriftstellern der jüngeren Generation – deren Existenz in der deutschen Literatur von Kritikern auch gerne bestritten wird – finden wir immer wieder interessante, lesenswerte Beispiele. Zwei Bücher, die in diesem Herbst erschienen sind und sich intensiv mit dem Thema D, einschließlich DDR und Wende, befassen, sollen hier kurz vorgestellt werden. Die behandelten Themen und die geschilderten Milieus der beiden Jung-Autoren könnten dabei reizvoller und gleichzeitig gegensätzlicher nicht sein.

Ein Künstlerroman: Louise im blauweiß gestreiften Leibchen von Mathias Nolte

Die Handlung spielt sich hauptsächlich in Berlin ab. Ost und West, als es diese Unterscheidung noch gab, also zu tiefsten DDR-Zeiten und – in der Haupthandlungsebene – einige Jahre nach der Wende.  Charlotte Pacou wird, kaum dass sie einer trostlosen Beziehung entronnen, fälschlicherweise für eine Privatdektivin gehalten und vom smarten Bankier Daniel Baum mit der Suche nach einem verschollenen Bild beauftragt. Luise 2Dieses schuf einst der sehr junge, hochbegabte Maler Jonas Jabal. Er gab dem Werk jenen Titel, den auch Nolte für seinen Roman verwendet. Jabals tragisches Leben, Lieben und Scheitern wird uns parallel zu der sich entwickelnden Geschichte und der zunehmenden Nähe von Schnüfflerin und Auftraggeber erzählt. Das Buch bietet viel Berlin, viel Kunst und Liebe und auch etwas Spannung. Ein vortrefflicher Unterhaltungsroman eben. Autor ist der ehemalige Buchhändler und Journalist Mathias Nolte, dessen erster Roman „Roula Rouge“ 2007 erschien. Sein neues Werk ist nicht ganz zufällig bei Deuticke erschienen. Die Österreicher haben uns schon mit Namen wie Paulus Hochgatterer („Die Süße des Lebens“), Daniel Glattauer („Gut gegen Nordwind“) und dem wunderbar stillen Walter Kappacher („Selina“) bekannt gemacht und begeistert. Leser und Käufer bekommen gute Literatur mit Niveau, in Büchern, die handwerklich sorgfältig gestaltet und hergestellt werden. Ein greifbarer Genuss, den kein E-Book-Reader je wird bieten können. Die Louise bei Mathias Nolte ist übrigens ein rechtes Früchtchen, entsprechend geht es im Roman manchmal etwas charmant frivol zu. Im nächsten Buch hingegen werden wir mit echten Schweinereien konfrontiert.

Braunkohletagebau_Schleenhain

Der Kontrast: Die letzte Sau von Patrick Hofmann

Südlich von Leipzig, wenige Jahre nach der Wende. Die Menschen in Muckau sind in doppelter Bedrängnis. Von der einen Seite verschlingt sie der sich immer noch weiter ausdehnende Tage-Bergbau, von der anderen das bundesrepublikanische Wirtschaftssystem, einschließlich seiner Demark. Die Siedlung verschwindet. Der Roman beginnt, als nur noch ein Haus übrig ist. Übrig ist auch die letzte Sau. Zu DDR-Zeiten durfte man hier Schweine für die Selbstversorgung halten. Nun steht die Behausung samt Stall vor dem Abriss, die Sau vor der Schlachtung. Die Schlachterin kommt frühmorgens. SAUEntlang der Schlachtungs- und Verwertungskette des nahrhaften Tieres, erzählt der Roman die Geschichte von drei Generationen, deren Leben und Alltag seit Jahrzehnten mit diesem Haus und Grund verbunden waren. Zum Schluß kommen alle noch einmal zusammen. Hier wird deutlich und drastisch erzählt. Dem Leser wird eine literarische Schlachtplatte vorgesetzt. Es ist ein Milieu kleiner Leute, die während der kommunistischen Herrschaft gelernt haben sich durchzuwurschteln, und die genau wissen, dass sie diese Fähigkeiten, erlernte Improvisations-Bereitschaft und ideologische Biegsamkeit, auch im neuen System brauchen werden. Wahre Werte sind die, die man essen kann, ganz nach Brecht, kommt erst das Fressen und dann die Moral. Doch was bleibt Menschen mit solchen fremdbestimmten Lebensläufen anderes übrig. Und so wird zum letzten Mal eine Sau geschlachtet, zerteilt, verwurschtet, verspeist. So sitzt die Familie noch einmal gemeinsam am wackelnden alten Tisch und der Autor erzählt uns von mühsamer Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Kein Buch für Vegetarier und Warmduscher.

Nolte, Mathias: Louise im blauweiß gestreiften Leibchen. – Deuticke, 2009. Euro 19,90

Hofmann, Patrick: Die letzte Sau. – Schöffling & Co., 2009. Euro 19,90