Die letzte Lesung

Blau karierte Tischdecke, Rotwein und Pizza Frutti di Mare. Der Kellner im perfekt sitzenden Anzug mit nobler Fliege. Den italienischen Akzent wird er sich antrainiert haben, denn er wurde vor zwei Generationen in Deutschland geboren. Er sorgt sich dieser Tage um ältere Verwandtschaft, die noch in der Gegend von Bergamo lebt. Meine vorerst letzte Pizza außer Haus in diesem so geliebten Ambiente.

Der Erika-Mann-Platz im Zentrum. Alte Linden in der Mitte, drumherum fidele Mischung aus historischem Bestand und sachlicher Funktionalität. Ort quirliger Urbanität. Cafès, Kneipen, Restaurants. An der südöstlichen Ecke die kleine Kultbuchhandlung. Wird mein letzter Besuch im Laden auf unabsehbar der letzte bleiben? Wenige hundert Meter weiter, hinter dem Rathaus, die Stadtbibliothek. Seit zwei Wochen sichtbares Symbol einer hermetischen Gesellschaft. Dreivier Romane liegen zuhause, sie waren weniger fesselnd als erwartet. Die Leihfrist verlängert bis Sankt Nimmerlein.

Die letzte Bierbestellung bei Charlotte, genannt Charly, seit vielen Jahren Stammkraft in meiner Altstadt-Stammkneipe. Wenn ich gewusst hätte, dass diese Halbe an diesem Ort die letzte sein würde für lange Zeit, wäre es an diesem Abend bestimmt nicht die letzte geblieben.

Ich verbringe viel Zeit mit Kindern und Frau, was natürlich schön ist, und trauere manchmal den Veranstaltungen nach, die jetzt gerade wären. Der Schriftsteller Ingo Schulze im Hessischen Rundfunk.

Ingo Schulze (l.), Foto: Wiebke Haag

Ingo Schulze war der bislang letzte Schriftsteller, den ich auf einer echten Lesung, leibhaftig und vor Ort mit reichlich Zuhörerschaft erleben durfte. Damals, es war der 12. März, eine durchaus riskante Angelegenheit, obwohl mir die Eintrittskarte von einem Latexhandschuh überreicht wurde und reichlich Desinfektionsmittel strategisch günstig positioniert zur allgemeinen Verfügung standen. Doch dann der überfüllte Saal, die stickige Luft – der Besuch der Veranstaltung wurde zur Herausforderung des Schicksals. Das alles nicht einmal das reinste Vergnügen. Bei stümperhafter Moderation mit hohem Fremdschämfaktor und einem gleichmütig reagierenden Schriftsteller, der viel zu lange Passagen aus dem neuen Roman las und damit den potentiellen zukünftigen Lesern einiges an möglicher Spannung nahm.

Mitte März 2020. Kommt mir vor als wäre es schon ewig her. Die Buchmessestadt Leipzig ohne Buchmesse. Leipzig in trister Stimmung, bei bedecktem Himmel, gelegentlichem Regen und auffrischendem Nordostwind. Die Lesung von Schulze war eines der wenigen Ereignisse die vom geplanten und längst sorgfältig vorbereiteten, die Buchmesse normalerweise begleitenden Mega-Event Leipzig liest übrig blieb. Nicht wenige Buchmenschen waren trotz Messeausfall und viraler Widrigkeiten nach Sachsen gekommen. (Es war kurz vor den Verboten und wohlmeinenden Verhaltensnormen – eine Zeitenwende vor heute.) Aus Solidarität mit den kleinen Verlagen, den unabhängigen Buchhändlern, den verblüfften Autoren und Autorinnen, die langsam erkannten, dass es ab sofort an die Fundamente ihrer materiellen Existenz gehen würde. Aus Sympathie zum Hotel in dem man seit Jahren entgegen der üblichen Messetrends stets wohlfeile und freundliche Aufnahme fand.

So viele Gutscheine können wir gar nicht verkaufen, sagen die Inhaber der kleinen Buchläden, so tolle Webshops nicht ins Netz stampfen, so viele Fahrradkuriere niemals aussenden, so viel auf Kosten der eigenen Gesundheit schuften, dass die jetzt eingetretenen Verluste kompensiert werden könnten. Camus Pest und Manns Tod in Venedig sind die Seuchenbestseller, die sie in günstigen Taschenbuchausgaben den Kunden vor die Quarantäne-Schleuse legen dürfen.

Seltsam im Freien zu Wandeln. Mit Misstrauen bedacht ein Jeglicher der entgegenkommt, schon vorab verdächtig der Bereitschaft die nunmehr geltenden Abstands- und Anstandsregeln zu verletzen. Die Folge ist verdrucktes, huschiges Aneinandervorbei. Wenige Schritte weiter springt ein Plakat ins Auge das Dank aus- und Solidarität verspricht, und im Ohr noch den Fernsehsprecher, der von Wellen der Hilfsbereitschaft weiß und dessen Sender versichert für EUCH, also für dich und mich, da zu sein.

Das letzte Buch gelesen. In der Krise plötzlich nicht mehr lesen können. … Ich spiele Scrabble mit einer App, ich schaue Netflix, ca. dreizehn Minuten. Dann falle ich in einen tiefen Schlaf. Es läuft ganz gut, dachte ich, aber heute ist so ein Tag, an dem der Rücken schmerzt, und alles reizt, jede Kleinigkeit, und ich nicht mehr mag, und ich das auch so gerne einfach so sagen möchte: Ich mag nicht mehr. (Die Schriftstellerin Lena Gorelik über den Alltag in der Isolation, mit Kinderbetreuung, Autorinnentätigkeit und vernachlässigten individuellen Bedürfnissen.)

Seltsam kommt es nun jenen vor die Enkel haben und denen nicht mehr nahe sein dürfen. Vorlesestunden mit kuscheligem Aneinander sind Vergangenheit. Datenfernkommunkation in Ton und Bild stellt keine wirklich genügende Ersatznähe her. Da muss in höchster Not und angesichts akutem Büchermangel der beliebte Logistikdienstleister DHL bemüht werden. Und so gehen Der Räuber Hotzenplotz, die einfallsreichen Geschichten und Bilder von Janosch, Der Maulwurf Grabowski zusammen mit vielen anderen spannenden Erzählungen und bunten Bilderwelten als Fünf-Kilo-Paket auf die Reise zu den Lieben, die geographisch nah, gleichzeitig unerreichbar sind. Seltsam auch das längst erwachsene Kind in einem anderen Land zu wissen, in dem die Menschen zwar die gleiche Sprache sprechen und das ungleich näher liegt als irgend ein sagenumwobenes Timbuktu, das jedoch, gleich dem eigenen Staat, Grenzen definiert, die Begegnungen mit Hüben oder Drüben ausschließen. 

Große Reiche vergehen, ein gutes Buch bleibt. Ich glaube an gut beschriebenes Papier mehr als an Maschinengewehre, lässt Lion Feuchtwanger sein alter ego Jacques Tüverlin im Roman Erfolg feststellen. Corona ist lautlos und hinterhältig, mikroskopisch klein und mit Literatur allein nicht zu besiegen, allenfalls besser zu ertragen. Es gilt die Zeit mit guten Büchern zu überbrücken, bis der Gegner mit den Waffen moderner medizinisch-biologischer Forschung in seine Schranken gewiesen werden kann. Dann wäre neu zu hoffen: Dass die emsige Buchhandlung im Städtchen wieder öffnet, der kleine unabhängige Lieblingsverlag noch existiert, eine nächste Buchmesse angekündigt wird. Und die Generationen wieder auf einem Lesesofa vereint sind.

“… es wird nicht weniger mit den Jahren.” *)

Nachträge zu Sigrid Damm

Von der Lektüre Sigrid Damms “Wohin mit mir” gingen zahlreiche und reizvolle Anregungen zum Weiterdenken und zu weiterer Beschäftigung mit der Autorin und ihrem Umfeld aus. Wenn ich heute ein kleines Zwischen-Fazit ziehe: Ich habe mit Sigrid Damm nicht nur eine lesenswerte Schriftstellerin, nicht nur eine kenntnisreiche Literaturwissenschaftlerin, sondern vor allem auch eine Persönlichkeit kennengelernt, die mit sanfter Überzeugungskraft differenzierte Alternativen zu gängigen Klischees anbietet. Einige Eindrücke möchte ich hier in Ergänzung meines Beitrags über “Wohin mit mir” widergeben. Dabei ist mehr ein offenes Nachdenken, als ein in sich geschlossener Aufsatz entstanden.

Blick auf Gotha in Thüringen (Foto: Marcel Müller).

Persönliches

Der bisher einzige Aufenthalt im thüringischen Gotha ist mir nicht in allerbester Erinnerung. Ein schlechtes Hotelzimmer, ein etwas angegammeltes Bett, das Pendeln nach Erfurt zu einem mittelmäßigen Kongress meines Berufstandes. Sigrid Damm wurde 1940 in Gotha geboren. Was sie über die Stadt ihrer Kindheit und Jugend an verschiedenen Stellen liebevoll und detailgetreu beschreibt, habe ich damals nicht wahrgenommen. Andere Städte, die in  Lebenslauf und Werk der Autorin eine wichtige Rolle spielen, sind mir näher: Die Goethe-Stadt Ilmenau und die eigenen Kindheitsjahre dort; Weimar, als Klassiker-Zentrum und für uns Deutsche zentraler Geschichts-Begriff; Saalfeld mit seinem zu DDR-Zeiten wichtigen Umsteigebahnhof – von hier ging es über holpriges Kopfsteinplaster in langsamer Fahrt mit Wartburg oder Trabant weiter zu den Dörfer und Städtchen am Thüringer Wald – ; Jena, mit seiner Universität, an der im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert so viele Geistesgrößen Station machten.

Nach Studium, Promotion, Familienzeit und teilweise frustriender Arbeit in den begrenzten Spielräumen des DDR-Regimes, scherte Sigrid Damm aus. Machte sich unter großen materiellen Einschränkungen selbständig und unabhängig – persönlich und beruflich. Es ist aus heutiger Sicht erstaunlich, wie weit sie dabei innerhalb der ideologischen und staatlichen Grenzen des zweiten Deutschland gehen konnte. Die skeptischen Wächter des “kleinen Landes” ließen sie dabei jedoch nie aus den Augen. In Interviews und Gesprächen, versammelt u. a. in “Einmal nur blick ich zurück. Auskünfte”, wird auch das angesprochen. Ebenso wie der Weg Sigrid Damms zum Schreiben, ihr Selbstverständnis als Schriftstellerin.

Goethe-Spuren in Ilmenau

Für Sigrid Damm hängt Erzählen, der Erzählstil von den Orten ab. (Eine Sichtweise, die auch diesem Blog zugrunde liegt.) Sie erkundet ihren Stoff “mit den Füßen”, muss die Örtlichkeiten, an denen stattfand worüber sie schreibt, kennenlernen, erlaufen, erfahren. Dabei hilft die bis ins Alter nicht versiegende Wander- und Erkundungslust. Ebenso groß ist die Leidenschaft für den Aufenthalt und die Forschung in Archiven und Bibliotheken, wo manches zu Tage befördert wird, das von der Großforschung übersehen wurde. Bert Brecht gehört zu jenen, die zu Orientierung und Justierung der Werteskala beitrugen: “Man versteht nichts von der Literatur, wenn man nur die ganz Großen gelten läßt … Einige versagen in der Kunst des Speichelleckens, welche von einigen der Größten meisterhaft beherrscht wurde.”

Die „Auskünfte” sind ein aufschlussreiches und spannendes Buch. Wir erfahren nicht nur viel über Sigrid Damm, sondern auch über die geschichtlich für Deutschland so besonders bedeutsamen und ereignisreichen reichlich sieben Jahrzehnte ihres bisherigen Lebens. Auf über 400 Seiten, in Gesprächen und Interviews, Würdigungen, Dankreden und Essays. Die meisten der zahlreichen hoch interessanten Schwarz-Weiß-Foto wurden hier erstmals veröffentlicht. Sie zeigen Sigrid Damm mit Weggefährten und -gefährtinnen, mit ihren Söhnen, vor Tischbeins berühmten Goethe-Bild, bei Lesungen und Ehrungen, sowie mit zahlreichen Persönlichkeiten des literarischen Lebens im 20. Jahrhunderts: Christoph Hein und Helga Schütz, Eva Strittmatter, Peter Bichsel und Durs Grünbein, dem großen Insel- und Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld.

1989 und die Folgen

“Der gesellschaftliche Fortschritt läßt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung des schönen Geschlechts (die häßlichen eingeschlossen).” Sigrid Damm, die fast 50 Jahre ihres Lebens in der DDR verbrachte, zitiert bewusst diese markante Aussage des Philosophen, Historikers und Gesellschaftkritikers Karl Marx. Worte, die sich eigentlich auf die Verhältnisse im 19. Jahrhundert beziehen, haben auch heute noch eine erstaunliche Aktualität. Nicht nur Sigrid Damm ist der Meinung, dass sich nach der Wende die gesellschaftliche Stellung “des schönen Geschlechts” im neuen Groß-Deutschland nicht unbedingt zu dessen Vorteil entwickelt hat.

Damm schreibt ebenso schöngeistig wie handfest über Literaten vergangener Jahrhunderte, und sie hat sich ihre Gedanken über die jüngsten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen gemacht. Wie Ingo Schulze, dem ich viel Nachdenkliches in diese Richtung verdanke, und dessen Essays und Reden in diesem Zusammenhang sehr zu empfehlen sind, bedauert Sigrid Damm die Freisetzung eines hemmungslosen Kapitalismus nach dem Ende des totalitären zweiten deutschen Staates. Ein begründungsbefreiter Kapitalismus, der den Sieg der Systeme für sich beansprucht und keine Zweifel an seiner globalen Legitimation mehr zulässt. Nicht nur die DDR wurde abgeschafft, sondern auch die bis dahin existierende, im wesentlich noch von einer sozialen Marktwirtschaft geprägte BRD.

“Wehe dem Sieger!” heißt ein Buch der Publizistin Daniela Dahn, in dem diese Entwicklungen analysiert und veranschaulicht werden. Haben wir uns nicht an bestimmte Schlagworte, an uns täglich begegnende Sprachhülsen gewöhnt, glauben wir nicht längst zu wissen, was sie definieren, ohne noch nach deren ursprünglichen Bedeutungszusammenhängen zu fragen? DDR, Wende, Wiedervereinigung, Beitritt, Kapitalismus, Sozialismus, Globalisierung, Markt vs. Marx, links, rechts, oben und unten – es ist doch so einfach! Tatsächlich sind dies überstrapazierte, von allzu viel, manchmal passender, jedoch meist unpassender Verwendung zu Allgemeingut geronnene Floskeln, von denen jeder zu wissen meint, was sie aussagen, die jedoch weder in der Theorie, noch in irgendeiner empirischen Realität wirklich belastbar sind. So stehen sie dem Verstehen von Geschichte und Gegenwart, dem Entwickeln zukunftsfähiger Vorstellungen, klotzig und scheinbar unverrückbar im Wege.

Freiheit statt Kommunismus lautet die bewährte, breit akzeptierte Formel. Im Namen der Freiheit hat der Kapitalismus sich selbst weltweite Narrenfreiheit gewährt. Für Ausbeutung, Unterdrückung, Kriege. Doch Freiheit geht nur ohne Hunger. Freiheit geht nur mit Bildung. Freiheit geht nicht – hier lässt Rosa Luxemburg grüßen – auf Kosten anderer. Die Freiheit die “wir” meinen, die Auswüchse eines ungezügelten, demokratisch kaum noch legitimierten und kontrollierten Kapitalismus beraubt den größten Teil der Bewohner dieses Planeten ihrer fundamentalen Menschenrechte.

Goethe- und Schiller-Denkmal vor dem Nationaltheater in Weimar

Goethe

Wer Kinderjahre in Ilmenau verbrachte, dem ist Goethe fast so vertraut wie ein Zeitgenosse. Hier führen auch heute noch alle Wege zu Goethe. Später in der Schule, im Deutsch-Unterricht, war ich deshalb für sein Werk etwas aufgeschlossener als die meisten meiner Mitschüler. “Faust” hat mich von anfang an besonders interessiert und fasziniert. Ich war 14 oder 15 als unser Jahrgang die Verfilmung von und mit Gründgens zu sehen bekam. Später bin ich dem Werk auch öfters in Bühnenfassungen begegnet. Und die weitergedachte Version von Thomas Mann wurde für mich zu einem der wichtigsten Leseerlebnisse. Auch noch in jungen Jahren und sehr identifikationsträchtig: Werther. In der Reihenfolge Plenzdorf-Buch, Plenzdorf-Film, Goethe.

Etwas älter musste ich werden um “Wilhelm Meister” und “Wahlverwandtschaften” zu verstehen; beide gehören bis heute nicht zu meinen Lieblingsbüchern. Am liebsten habe ich immer über diesen Oberdichter gelesen, der an so vielen Stellen in unserem Land als Denkmal und idealisiertes Bildnis zu sehen ist.

Sigrid Damm musste Goethe vom Sockel holen, um sich mit ihm auseinandersetzen zu können, um schließlich über ihn und sein Umfeld schreiben zu können. “Ich hätte in DDR-Zeiten niemals über Goethe schreiben können. Weil er ja Staatsdichter war, der, von Widersprüchen gereinigt, auf dem Podest stand.” Aber zu Goethe gehörte eben auch ein Jakob Michael Reinhold Lenz, mit dem sich Sigrid Damm als Herausgeberin und in einem umfangreichen biographischen Erzählwerk intensiv beschäftigt hat. Goethes beschämender Umgang mit dem Dichter-Kollegen. Goethe, der den Freund fallen lässt, ihm den Aufenthalt in Weimar verwehrt. Damm begründet ihre Sichtweise wieder mit Brecht: “… daß ein großes Werk immer auch bezahlt wird mit Verletzungen von Menschlichkeit sich selbst und anderen gegenüber.”

Sigrid Damm hat um Goethe herum geforscht, erzählt und geschrieben. Über den armen Lenz, die Schwester Cornelia, die Lebensgefährtin Christiane, den Konkurrenten und späteren Freund Friedrich Schiller, die von Goethe (nicht ganz offen) bewunderte Caroline Schelling. Und erst danach über Goethe selbst. Erst die neueren Bücher handeln schließlich auch von ihm als Hauptgegenstand: “Goethes letzte Reise.” “Goethe im Berg”.

Franz Fühmann, Alfred Wellm, Volker Braun und Erich Fried (v.l.n.r.), 1981. (Bundesarchiv: 193-Z1229-303, Foto: Gabriele Senft)

Literatur

Der Damm-Lektüre verdanke ich sehr viele Lese-Anstöße, wichtige Verweise auf mir weniger bekannte und neu zu entdeckende Bücher und Autoren. Nur einige kann ich hier kurz erwähnen. Zu allererst natürlich die biographischen Erzählungen. Ein Genre, dass auch das Werk Sigrid Damms prägt. Erinnert wurde ich zum Beispiel an das wunderbare Jean Paul Richter Buch von Günter DeBruyn, das ich vor Jahren angelesen und bis heute noch immer nicht vollständig gelesen habe. Das Keller-Buch von Adolf Muschg kannte ich noch gar nicht. Umso vertrauter war ich mit den biographisch fundierten Romanen Peter Härtlings. Von dessen “Hölderlin” war Sigrid Damm besonders beeindruckt. Er wurde sicher ein Stück weit zum Maßstab für das eigene Schaffen.

Über Damm stieß ich auf die Gedichte von Angela Krauß, aus denen das Zitat im Titel dieses Beitrags stammt. Mit Krauß ist Sigrid Damm ebenso befreundet, wie mit der bereits erwähnten Daniela Dahn, und wie sie es mit der inzwischen verstorbenen Eva Strittmatter war, der Frau des großen norddeutschen Epikers Erwin Strittmatter (“Der Laden”), der im Westen kaum wahrgenommen wurde. Zu ihren Freunden zählt sie auch Markus Werner, den Schweizer Erzähler mit dem besonderen Ton und die norwegische Doppelbegabung Ketil Björnstad, der sowohl als Romancier, wie als Komponist hervorgetreten ist, und den ich unbedingt demnächst mit beiden Kunstformen kennenlernen möchte.

Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Jürgen Teller (1926 – 1999) wurde nie so bekannt, wie der umtriebige, in die damalige Bundesrepublik ausgewanderte und lange Jahre in Tübingen lehrende Hans Mayer. Beide waren Schüler Ernst Blochs an der Universität Leipzig, der, nach dem Krieg aus amerikanischem Asyl zurückgekehrt, 1956 wegen seiner philosophischen Freiheitsvorstellungen zwangsemeritiert wurde und 1961 die DDR verließ. Teller, der sich wie Mayer für Bloch eingesetzt hatte, aber im Land bleiben wollte, wurde von der Universität entlassen und musste einige Zeit in einem Stahlwerk arbeiten. Dort verlor der Kriegsgeschädigte bei einem Arbeitsunfall den linken Arm. Jürgen Teller war ein großer und ausdauernder Briefeschreiber. Mit Sigrid Damm verband ihn eine langjährige Freundschaft. Dokumentiert u. a. in zahlreichen gefühlvollen, anspielungsreichen Briefen an seine “Schwester im Geiste”.

Eine ganz besondere Rolle nahm auch Franz Fühmann, den wir vor allem als Nacherzähler klassischer Stoffe und als Kinder- und Jugendbuch-Autor kennen, in Sigrid Damms Leben ein. Erster Kontakt entstand über einen der Söhne, der sich im Kindesalter mit einer Frage an den zu der Zeit sehr populären Autor wandte. Fühmann war bekannt dafür, dass er nahezu jede Zuschrift seiner jungen Leser und Leserinnen persönlich beantwortete. Etwas später schrieb er für das Marionetten-Theater, das die Damm-Söhne konstruiert und gebaut hatten, und nun intensiv bespielten, ein eigenes Stück. Daraus entstand jahrelange Freundschaft auch zur Mutter und Schriftsteller-Kollegin, die mit dem zu frühen Tod dieses besessenen Arbeiters, rastlosen Grüblers und Zweiflers, der sich an den Realitäten aufgerieben hatte, im Juli 1984 endete.

Meine Ausführungen beziehen sich u. a. auf folgende Bücher und Texte:

Damm, Sigrid: “Einmal nur blick ich zurück”. Auskünfte. – Berlin : Insel, 2010
Damm, Sigrid: Ich bin nicht Ottilie. Roman. – Insel und Suhrkamp; versch. Jahre, versch. Ausgaben
Damm, Sigrid: Atemzüge. Essays. – Leipzig : Insel, 1999
Teller, Jürgen: Briefe an Freunde. – Leipzig : Insel, 2007
Dahn, Daniela: Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen. – Reinbek : Rowohlt, 2009
Schulze, Ingo: Was wollen wir? Essays, Reden, Skizzen. – Berlin : Berlin Verlag
Schulze, Ingo: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte. – Rede, die Ingo Schulze am 26. Februar im Rahmen der Dresdner Reden 2012 im Dresdner Schauspielhaus gehalten hat.

*) Aus: “Ich muß mein Herz üben” (Krauß, Angela: Ich muß mein Herz üben. Gedichte. – Insel, 2009)

Sudeleien: Ende April 2012

Handke, Hesse, Walser, Schulze und ich –  und der “Welttag des Buches”

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„Kultur für alle.“ – (Hilmar Hoffmann, Kulturbürgermeister von Nürnberg a. D.)

„Der Wunsch nach einem Gedicht ist eher selten anzutreffen, hierzulande, heutzutage, andernorts. Und zwar sowohl was die Zahl der Lesenden als auch die der Schreibenden betrifft.“ – (Kathrin Schmidt, Schriftstellerin)

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Beim Sovormichhinsortieren alter Zeitungsausgaben für den Altpapier-Container, musste ich daran denken was ich diese Woche gelesen hatte: “Heute ist der Welttag des Buches”, schrieb Ute G. in einem Beitrag zur Volksaufklärung am Dienstag, den 24. April, in einer auflagestarken schwäbischen Tageszeitung. Sie lag damit nur ganz knapp daneben. Der “Welttag des Buches” fand, gemeinsam mit dem “Tag des Bieres”, auch in diesem Jahr wieder am 23. April statt. Das war ein Montag und meine Stadtbibliothek, wie immer an einem Montag, geschlossen.

Doch auf dem Marktplatz unseres Städtchen, im Schatten sakraler Sandstein-Gotik, hatten die „Bibliophilen Alphabeten e. V.“ einen Aktionsstand aufgebaut. Hier wurde der Stoff gratis abgegeben. Jede Menge Lesestoff geschenkt. Eine von vielen “Lesefreunde”-Aktionen zur Inszenierung des “Welttag des Buches”. Aber nicht jeder Buchhändler findet es so toll „mitten in der Debatte um das Urheberrecht und die Umsonst-Kultur 1 Mio Bücher kostenlos zu verteilen“. Es stellen sich Fragen. Wird das geistige Eigentum der Autoren an den verschenkten Werken denn angemessen und pekuniär gewürdigt? Wurde das Einverständnis der Urheber eingeholt? Oder machen die Rechte-Verwerter, in diesem Fall die Verlage, einfach was sie wollen? Was ist noch PR und was schon Piraterie? Wie sollen sich Herr und Frau Mustermann da noch zurechtfinden? Und wo kann ich eigentlich die App herunterladen?

Es gab Bücher für alle. Aber nicht alle Bücher. Die Titelauswahl war beschränkt im Sinne von begrenzt. Es standen 25 Titel zur Auswahl. Dabei die “Schweigeminute” von Siegfried Lenz, Kaminers “Deutsches Dschungelbuch”, die “Vermessung der Welt” von Daniel Kehlmann und die unvermeidliche, aber bissige Stephenie Meyer. Meiner Grundstimmung entsprechend griff ich rasch und möglichst unauffällig zu Peter Handkes “Wunschloses Unglück” – so eine Gratis-Entgegennahme ist mir im Grunde immer leicht peinlich – und betrachtete anschließend das Geschehen noch eine Weile aus dem Rückraum. Dabei fiel mir auf, dass ich eines der wenigen männlichen Wesen war, die das Angebot angenommen und zugegriffen hatten. Die überwiegende Mehrheit derer, die sich um den bunten, mit Luftballons dekorierten Bücherstand drängten, gehörten dem weiblichen Geschlecht an.

Derzeit fordern fortschrittliche Politiker und Politikerinnen immer wieder eine Frauenquote für die Führungsetagen großer Unternehmen. Demzumtrotz fordere ich hier und jetzt eine Männerquote! Mindestens X-Prozent der Lesenden müssen in Zukunft Y-Chromosomen und das SRY-Gen haben. Und wenn wir gerade dabei sind: Ich fordere mit gleicher Vehemenz eine Männerquote beim Personal in Kindergärten, Grundschulen und Altenheimen.

Aber zurück zum Eigentlichen, zum Buch. Mich ließ die Überlegung nicht los, welche Bücher ich an ein breites Publikum verschenken würde, wenn ich freie Wahl hätte. Welche Autoren, welche Titel? So einfach ist das nicht bei einer so undefinierbaren Zielgruppe. Vor allem wenn damit gleichzeitig Werbung für die eigenen Lieblingsbücher verbunden sein soll. (So eine Kampagne nimmt ja immer einen leicht missionarischen Charakter an.) Zwei Pizza-Ecken (prosciutto e con funghi), einen halben Liter San Pellegrino und drei Espressi dopio später – auf windgeschützter Kaffeehaus-Terrasse wärmte bereits eine milde Frühlingssonne – war mir die etwas willkürliche Beschränkung auf eine Auswahl von drei in Frage kommenden Titeln gelungen.

“Unterm Rad” gehört zu den schmäleren Werken Hermann Hesses und wird selten erwähnt wenn es um die wichtigsten Titel des Nobelpreisträgers geht. Es ist eine Schul- und Pubertätsgeschichte rund um kleinstädtische Enge, verständnislose Erwachsenenwelt und die Einsamkeit eines begabten Heranwachsenden, die auf biographischen Erfahrungen des Dichters beruht. Seit Jahrzehnten finden sich Jugendliche und junge Erwachsene darin wieder. Nach dem Wiederlesen im Hesse-Jubiläumsjahr (50. Todestag am 12. August) fragt man sich allerdings sehr ernsthaft, was den Honoratioren in Calw/Gerbersau eigentlich einfällt; ihr jubelndes Feiern des früh Ausgezogenen kann eigentlich nur ein typisch pietistisch provinzielles Missverständnis sein.

“Ein fliehendes Pferd” wird zu jenen von Martin Walsers zahlreichen Erzählungen gehören, die man auch noch in einigen Jahren, vielleicht auch Jahrzehnten, gut und gerne lesen kann. Der Leser erfährt endlich wie deutsche Lehrer ihre reichlichen Ferientage verbringen und warum Scheitern für Beziehungen der Normalfall ist. Ein Mittelstands-Drama und -Panorama von zeitloser Gültigkeit. Die hier verwendete, knappe Novellen-Form gelingt Walser besser als einige seiner überreich mäandernden Romane. Das tragische Scheitern der beiden Paare im besten Krisenalter kontrastiert herrlich mit der Schönheit der Bodensee-Kulisse. Auch wenn man die hervorragende Verfilmung gesehen hat, bleibt dieses Büchlein eine unbedingt lohnende Lektüre.

“Adam und Evelyn” von Ingo Schulze ist für mich eines der wichtigsten und besten Bücher, die sich mit den deutsch-deutschen Fragen und Problemen rund um die geschichtliche Wende 1989/90 in erzählender Form beschäftigen. Die Figuren des Romans sind Menschen des realexistierenden Alltags, mit all den Sorgen und Nöten, die das Leben in der ehemaligen DDR so mit sich brachte. In einer forcierten, meist dialogisch angelegten Erzählweise geht es um Grundsatzfragen wie Gehen oder Bleiben? und die ewige Suche nach dem richtigen Lebensentwurf. Es geht darüber hinaus um Variationen von Liebe und um die uralten Mythen der Geschlechter. Gleichzeitig kommen gesellschaftspolitische Themen zur Sprache, die durch die Wende neu zur Diskussion gestellt wurden und heute eigentlich aktueller sind denn je. Der aus Thüringen stammende Damenschneider Adam, über Ungarn und Österreich nicht ganz freiwillig im idyllischen Bayern gelandet, sieht die schöne neue Welt in die er geraten ist so:

„Von allem zu viel…, zu viele Worte, zu viele Kleider, zu viele Hosen, zu viel Schokolade, zu viele Autos, statt froh zu sein, dass es endlich alles gibt… zu viel, zu viel, eine Inflation, die alles begräbt, die eigentlichen Dinge, die richtigen Dinge.“

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Hesse, Hermann: Unterm Rad. Roman. – Suhrkamp, versch. Jahre. Euro 6

Walser, Martin: Ein fliehendes Pferd. Novelle. – Suhrkamp, versch. Jahre. Euro 6,50

Schulze, Ingo: Adam und Evely. Roman. – dtv, 2010. Euro 9,90

Alle drei Bücher sind auch noch in anderen Ausgaben lieferbar.