AusLese 2017. Der erste Teil

 

Erzählt und erschrieben. Gedruckt und gebunden. Lese- und Bücherfreuden sind im postanalogen Zeitalter keineswegs ausgestorben. Hier sind wieder meine Favoriten der letzten Monate. Bücher, die mich angeregt, gepackt und bewegt haben. Bücher über die ich mich freue. Einfach weil es sie gibt.

= = =

Acht Berge und Fontane Numero 1 von Paolo Cognetti.

Ich war überrascht und erstaunt welchen Sog Acht Berge auf mich ausgeübt hat. Auf mich als jemanden, der durchaus den erholsamen Charakter alpiner Regionen zu schätzen weiß, der jedoch nie als Extremwanderer oder Bergsteiger zu den höchsten Gipfeln unserer Alpen unterwegs war. Genau das sind die Protagonisten Paolo Cognettis.

Der norditalienische Schriftsteller schreibt über den Kontrast zwischen Zivilisationswirklichkeit, den scheinbar unvermeidlichen Zwängen in modernen Großstadtgesellschaften und der Suche nach dem einfachen Leben in abgelegenen naturnahen Gegenden. (Wer hier an Thoreau denkt liegt nicht falsch, doch Cognetti lebt und schreibt im 21. Jahrhundert.) Er findet seine alternativen Fluchtorte in fast verlassenen Dörfern der piemontesischen Berge. Diesen, den meisten von uns fremden Lebensraum schildert er detailliert realistisch, das Leben dort bei aller Kargheit suggestiv erstrebenswert. Man möchte aufbrechen und ihm folgen. Sein umfangreicher Roman Acht Berge ist auch die berührende Geschichte einer Kinderfreundschaft, zweier Jungs die als erwachsene Männer sehr unterschiedliche Wege einschlagen und sich dabei nie ganz aus den Augen verlieren.

Fontane Nr. 1. Ein Sommer im Gebirge ist kein Roman, vielmehr so etwas wie ein autobiographischer Essay. Der schmale Band handelt von den Zweifeln des Autors an der hyperventilierenden Existenz moderner westlicher Großstädter, ihren standardisierten globalen Lebens-, Arbeits- und Konsumwelten und all den damit verbundenen Notwendigkeiten der Selbstverleugnung. Dem wird die Unwirtlichkeit und Ursprünglichkeit eines Lebens auf 2.000 Meter Höhe im Monte-Rosa-Massiv gegenübergestellt. Welche Schwierigkeiten und Veränderungen des Individuums dies mit sich bringt hat Cognetti in sehr genauen äußeren Beobachtungen und inneren Reflexionen erkundet und notiert.

Cognetti, Paolo: Acht Berge. Roman. – München : Deutsche Verlags-Anstalt, 2017

Cognetti, Paolo: Fontane Numero 1. Ein Sommer im Gebirge. – Rotpunktverlag, 2017

So tun, als ob es regnet

Iris Wolff und ihre Bücher gehören für mich zu den eindrucksvollsten Entdeckungen und Leseerfahrungen des Jahres 2017. Auf con=libri habe ich sie ausführlich vorgestellt. Hier möchte ich einmal mehr ihr neuestes Werk allen Literaturenthusiasten ans Herz legen.

Bei der Lektüre von So tun, als ob es regnet, dem Roman in vier Erzählungen, habe ich mich nicht gewundert ein Zitat von Hermann Lenz vorangestellt zu finden: Du musst dich umschauen, sieh um dich; was du bemerkst, das gehört dir. Mag sein die Schriftstellerin zählt diesen zeitlebens bescheidenen Außenseiter der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zu ihren Vorbildern. Eine legitime Nachfolgerin ist Iris Wolff allemal.

So tun, als ob es regnet (der Titel ist die deutsche Übersetzung einer rumänischen Redewendung), beginnt mit einer sanft erotisch durchwirkten Episode, die vom Schicksal eines sehr jungen Soldaten im Ersten Weltkrieg handelt. Ein Brief von zuhause gefährdet Jacobs Durchhaltevermögen – mit dramatischen Folgen. In der zweiten Geschichte beschäftigt den Leser vorrangig die Frage ob die Hauptperson Henriette die Tochter Jacobs ist. In der dritten schließlich verpasst der draufgängerische Vicco den frühen Tod nur knapp und kommt so gerade noch rechtzeitig um die erste Mondbegehung eines Menschen im Fernsehen mitzubekommen. In jeder neuen Episode ist irgend jemand mit einer Person aus der vorherigen verwandt. Im letzten Teil sind wir in der Gegenwart angekommen und eine Enkelin der Henriette ist nach La Gomera ausgewandert. Es geschieht Merkwürdiges, Realität und subjektive Wahrnehmung verschwimmen. Hier verlässt Iris Wolf schließlich den Erzähl- und Kulturraum des alten Siebenbürgen, den Mittelpunkt, die Hauptbühne ihrer bisher drei Romane.

Die malerische Sprache und die sparsame, sehr gezielt eingesetzte Handlung sind kennzeichnend für den Stil Iris Wolffs. Die vier lose verbundenen Erzählungen des neuesten Romans könnte man als kleine Novellen bezeichnen. Jede berichtet von einer überraschenden Neuigkeit und hält unerwartete Wendungen bereit. In Iris Wolffs Büchern spielt die Natur eine zentrale Rolle, besonders gefallen mir ihre Spätsommer-Schilderungen: Mit dem September veränderte sich etwas. Die Kastanien wussten es immer als erstes. In den Schatten verschanzte sich kühlere Luft, die Blätter fingen an zu welken. … Die Birnen leuchteten in der Dämmerung wie kleine Lampions. … Melonen lagen wie verstreute Bälle herum.

Wolff, Iris: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. Salzburg : Otto Müller Verlag, 2017

Die Erzählerin Iris Wolf und ihre Welt auf con=libri

= = =

Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky.

Diesen Titel vorzustellen heißt wahrscheinlich die berüchtigten glotzäugigen Eulen nach Athen tragen. Sicher kennen Viele schon diesen literarischen Leckerbissen oder kennen jemanden der davon geschwärmt hat. Hier finden Niveau und Unterhaltsamkeit auf feinste Weise zusammen. Allen die sich noch nicht von dieser Geschichte in den Westerwald locken ließen, kann nur dringend empfohlen werden, dies schleunigst nachzuholen.

Sehr schnell nämlich entwickeln Leser heftige Sympathien für das Hauptpersonal dieses wunderbaren Romans. Im Mittelpunkt steht eine junge Erzählerin auf dem Weg ins wahre Leben und zu ihrer großen Liebe. Vor allem Letztere erfordert sehr viel Geduld von ihr. Dann sind da noch – neben allerhand originellen Dorfbewohnern und einigen buddhistischen Mönchen – die Großmutter Selma, deren seherischen Fähigkeiten ebenso gefürchtet wie umstritten sind und ein empathischer Mensch namens Optiker, der Selma ein Leben lang vergeblich nachliebt ohne ihr seine Zuneigung jemals eindeutig ausdrücken zu können.

Wir wundern uns ohne Ende: Der Schauplatz ist nicht das sonst in der jungen deutschen Literatur so unvermeidliche Berlin, sondern ein Dorf hinter den sieben Bergen. Das ist sprachlich eigenwillig und dennoch so unfassbar fesselnd. Es ist humorvoll und dabei nicht ohne Tragik. Und es ist reich an kleinen Klugheiten. Lesenlesenlesen!

Leky, Mariana: Was man von hier aus sehen kann. Roman. – Köln : DuMont Buchverlag, 2017

= = =

Die Statusmeldungen der Wienerin Stefanie Sargnagel.

Jetzt ein ganz anderer Ton, ein ganz anderes Genre. Das neue Buch der Kabarettistin, Slammerin, bachmannpreisgekrönten und zunehmend angesagten Autorin, die sich seit einiger Zeit auf ausgedehnter Lesetour befindet und neulich sogar in Ulm Station machte. (Fast 50 Menschen ist das aufgefallen). Statusmeldungen besteht aus kurzen bis sehr kurzen Skizzen, Pseudo-Tagebucheinträgen, Dialogen, Erlebnissen und skurrilen Aphorismen. Die meisten dieser wortkünstlerisch gestalteten Aufzeichnungen hat Stefanie Sargnagel im Alltäglichen um sich herum entdeckt und aufgelesen. Beispiele? Bitte.

Selbsterkenntnis: Ich bin überraschungseisüchtig. Es ist zu einem richtigen Problem geworden. Den ganzen Tag Spiel, Spaß, Spannung, Schokolade, Spiel, Spaß, Spannung, Schokolade.

Zum Zeitgeist: Wann checkt Sarah Wiener endlich, dass wir Proleten niemals Eier um 5 Euro kaufen werden, egal wie oft sie’s noch auf Arte sagt.

Einsichten: Was spricht eigentlich gegen eine Islamisierung Europas? Die Österreicher sollten eh weniger saufen und Schweinefleisch essen, und die Teppiche sind urchillig.

Oder: Am Berg ist auch noch nie irgendwas entstanden außer Nazi-Lyrik.

Mal profäkal, mal politisch unkorrekt, stetem Rausch verpflichtet, immer satirisch und offen, schlagfertig und luschig. 30 ist das neue 90. Das richtige Buch für ewig Halberwachsene und alle die sich wieder einmal so fühlen wollen. Junge Literatur, die ihren Weg aus dem digitalen Weltnetz auf bedrucktes Papier zwischen sorgfältig gebundene Buchdeckel gefunden hat. Sätze und Absätze einer angehenden Schriftstellerin von der wir eines Tages ganz anderes lesen werden – und wir können dann sagen die kannten wir schon als sie noch so und so… Blauer Leineneinband, werthaltige Anmutung!

Sargnagel, Stefanie: Statusmeldungen. – Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 2017

Buch eines Buchmenschen nicht nur für Buchmenschen ist Das deutsche Krokodil von Ijoma Mangold.

Meine Geschichte heißt der Untertitel dieses intimen Bildungs- und Entwicklungsromans. Es ist die verdichtete Nacherzählung eines nicht ganz typischen deutschen Schicksals.

Dass die Literaturkritiker Denis Scheck und Ijoma Mangold sehr viel gemeinsam haben ist unstrittig. Ihr Aussehen gehört nicht dazu. Haare und Hautfarbe sind ein wichtiges Thema im Leben des ganz jungen Ijoma Alexander Mangold, aber keineswegs das beherrschende in seinen Erinnerungen, dessen Titel nicht nur auf seine afrikanische Teilabstammung, sondern ausdrücklich auf die Faszination des Kindes für eine schweizerische und deutsche Lokomotive mit dem Spitznamen Krokodil anspielt.

Seine Hautfarbe, seine Haare sind es nicht, die ihn als Kind und Heranwachsenden zum (akzeptierten) Außenseiter machen. Es ist seine Vorliebe für Hochliteratur und klassische Musik, die sich in Begeisterung für Thomas Mann und Richard Wagner, für Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauß exemplarisch ausdrückt. Wir sind überrascht wie lange das schon wieder her ist, wenn uns der Autor, der in Heidelberg aufwuchs, in die Zeit der 1970er- und 1980er-Jahre mitnimmt. Die Generation seiner Eltern und Großeltern hat Krieg und Vertreibung erlebt und der Heranwachsende erlebt die Schicksale nach in den Erzählungen seiner Vorfahren.

Das begabte Kind einer unabhängigen alleinerziehenden Mutter kam 1971 zur Welt. Mit Spannung und Interesse liest man wie der Autor in der Rückschau als inzwischen renommierter Journalist seine zeitgeschichtliche und persönliche Sozialisation wahrnimmt. Die Beziehung zur Mutter ist symbiotisch, ihre Schilderung und Analyse nimmt breiten Raum ein in diesem mitreißend zu lesenden autobiographischen Zwischenbericht. Es sind gleichzeitig die anrührendsten Passagen des Buchs.

Mangold, Ijoma: Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte. – Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 2017

===

Nächste Woche wird nachgeschenkt von der süffigen AusLese 2017.

Von Siebenbürgen bis heute

Die Erzählerin Iris Wolff und ihre Welt

Es war quasi eine Fußnote, die mich auf das neueste Buch von Iris Wolff aufmerksam machte. Ich kannte die Schriftstellerin bisher nicht. So tun, als ob es regnet war die persönliche Empfehlung Denis Schecks in der Bestenliste des SWR vom Juni diesen Jahres. Iris Wolff lässt ihre Leser erfahren, was passiert, wenn nichts passiert – und findet starke Bilder für ihren die historische Erfahrung eines ganzen Jahrhunderts umspannenden Roman. Dass nichts passiert stimmt so allerdings nicht. Dazu gleich mehr.

Wenn ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin für eine Neuerscheinung gerühmt wird, schaue ich gerne nach was bereits vorliegt. Deshalb las ich zunächst Wolffs ersten Roman Halber Stein. Zu oft hat man Debütanten erlebt, die das Niveau von gelungenen Erstlingen nicht halten konnten. Bei Iris Wolff ist das anders. Sie ist der erfreuliche Fall, dass die literarische Qualität ebenso hoch, wie gut lesbar bleibt, während der Zuspruch der Leser und Kritiker von Werk zu Werk steigt.

Zur Beerdigung der Großmutter reist eine Frau von Mitte zwanzig mit ihrem Vater in den kleinen Ort Michelsberg nahe Hermannstadt (Sibiu) in Rumänien. Es ist das ehemalige Siedlungsgebiet der Siebenbürger Sachsen. Nach russischer Besatzung, damit verbundener Verschleppung in die Zwangsarbeit, und der für alle Menschen im Lande fürchterlichen Ceaușescu-Zeit, sind in den letzten Jahrzehnten die meisten von ihnen nach Deutschland ausgewandert. Wenige blieben – meist ältere Menschen. Iris Wolffs Geschichte setzt viele Jahre nach Herta Müllers Atemschaukel ein. Die historischen Erfahrungen haben jedoch tiefe Spuren in Region und Menschen hinterlassen.

Bild: Wiebke Haag

Friedesine, von allen nur Sine genannt, hat hier Kinderjahre verbracht und die Reise ist mit Erinnerungen und Wiederbegegnungen verbunden. Begegnungen mit Julian dem fast vergessenen Freund früherer Tage, ehemaligen Bekannten, Nachbarn der Verstorbenen. Der Wiederentdeckung von Orten, Wegen, Räumen. Zur Beerdigung und der anschließenden Gedenkfeier, verbunden mit üppigem Mahl und hochprozentigen Getränken, kommen zudem Verwandte zusammen, die sich nur selten begegnen und deren Verhältnis nicht ohne Spannungen ist.

Der halbe Stein ist ein Naturdenkmal an einem Fluss bei Michelsberg im Landstrich vor den Karpaten. Fruchtbar ist diese Gegend, mit warmen Sommern und strengen Wintern, mit einer reichen, sehr eigenen kulturellen Vergangenheit, geprägt von den deutschsprachigen Siedlern ebenso, wie von der rumänischen Bevölkerung und ungarischen Einflüssen. Iris Wolff gelingen großartige, vielfarbige Landschaftsbilder und einprägsame Personenportraits während sie ihre Hauptfigur auf die Suche nach der verlorenen Kindheit, der unwiederbringlichen Heimat und einen Weg in die für sie zu diesem Zeitpunkt offene Zukunft schildert.

Ruhiger Erzählstrom in poetischer Sprache, eine Handlung, die immer wieder kleine Überraschungen bereithält, Sätze, die jeden, der Sinn für Prosa abseits des reiserisch Zeitgeistigen hat, fesseln werden. Es ist ein wunderbares Spätsommerbuch, das man ungern aus der Hand legt um sich zwischen den Leseperioden notgedrungen profanen Alltagsdingen zuwenden zu müssen. Ein Buch der Farben und Gerüche. Ein Buch das duftet. Nach dem Aroma von feuchter Erde und reifen Limonen. Von Moden befreites, zeitloses Schreiben einer Dichterin, die im gerade wieder ausbrechenden Literaturpreisrummel, leicht zu übersehen ist.

Kann man in Zeiten von heute hier, morgen dort, der abverlangten globalen Beweglichkeit, über Sehnsucht nach Heimat und damit verbundene Gefühle schreiben? Iris Wolff kann. Genau statt pauschal. Berührend statt rührselig. Ihre Begegnung mit Vergangenem ist mit keinerlei Besitzansprüchen verbunden.

(c) Stine Wiemann

Die Kindheit eines Autors, einer Autorin war bereits Stoff und Anlass für viele große Romane der Weltliteratur. Auch Iris Wolf schöpft kraftvoll aus diesem tiefen Brunnen. 1977 in Hermannstadt geboren, verbrachte sie frühe Kinderjahre im elterlichen Pfarrhaushalt in Semlak nahe Arad. Eine Region die lange zu Ungarn gehörte und heute am westlichen Rand Rumäniens liegt. 1985 kam die Familie nach Deutschland. Die Umsiedlung erlebte Iris Wolff als Kulturschock, die Kindheit in Rumänien schien mir unbeschwerter, sagt sie im Rückblick. In Marbach studierte sie Germanistik, Religionswissenschaft und Malerei, war später am Deutschen Literaturarchiv als Museumspädagogik tätig. Iris Wolff lebt inzwischen in Freiburg. Sie schreibt, malt, fotografiert und arbeitet seit einigen Jahren als Kulturkoordinatorin.

Ihre Figuren entwickeln sich während des Schreibprozesses, erläuterte sie in einem Interview. In einem Jahr sollte ihr erster Roman Halber Stein fertig werden – es dauerte schließlich sechs Jahre bis das Buch 2012 herauskam. Es ist über die Jahre gereift, hat mehr und mehr Geschichten, Gedanken, Farben und Gerüche aufgenommen. Die Erinnerung an die Kinderjahre hat sie nie losgelassen. Und die Erinnerung an das Lebensgefühl und die Kultur der Deutschen, Rumänen und Ungarn im südöstlichen Europa. Hier konnte man die Liebe immer in drei Sprachen erklären.

Sie recherchierte vor Ort, fotografierte, interviewte Eltern und Großeltern. Orte und Menschen sind – auch wenn sie authentischen Orten und lebenden Menschen ähneln – als Fiktion, im Sinne einer eigenen, erdichteten Welt, zu betrachten. Ein in der Literaturgeschichte nicht seltenes Bekenntnis wenn auf eine strikte Trennung von Dichtung, Erinnerung und Wirklichkeit verzichtet wird. Das Ende der Erzählung ist offen, doch eine Zukunft absehbar.

Als ich schließlich mit der Lektüre von So tun, als ob es regnet, den in diesem Jahr erschienen Roman in vier Erzählungen, begann, habe ich mich nicht gewundert ein Zitat von Hermann Lenz vorangestellt zu finden: Du musst dich umschauen, sieh um dich; was du bemerkst, das gehört dir. Mag sein, sie zählt den unscheinbaren Außenseiter der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zu ihren Vorbildern. Eine legitime Schülerin ist sie allemal.

Bild: Wiebke Haag

Die erste, sanft erotisch durchwirkte Episode, handelt vom Schicksal eines Soldaten im Ersten Weltkrieg. Ein Brief von zuhause gefährdet das Durchhaltevermögen des jungen Jacob. In der zweiten Geschichte beschäftigt den Leser zunächst einmal die Frage ob die Hauptperson Henriette die Tochter Jacobs ist. In der dritten verpasst der draufgängerische Vicco den frühen Tod nur knapp und kommt gerade noch rechtzeitig um die erste Mondbegehung eines Menschen im Fernsehen mitzubekommen. In jeder neuen Erzählung ist irgend jemand mit einem Protagonisten der vorherigen verwandt.

So geht es in großen Sprüngen durch etwa hundert Jahre. Im letzten Teil sind wir in der Gegenwart angekommen und eine Enkelin der Henriette ist nach La Gomera ausgewandert. Hier verlässt Iris Wolf schließlich den Erzähl- und Kulturraum des alten Siebenbürgen, den Mittelpunkt, die Hauptbühne ihrer bisher drei Romane. Auch im neuesten Werk entwickeln die malerische Sprache und die sparsame, sehr gezielt eingesetzte Handlung, einen starken Sog. Eine Anziehung ähnlich Licht, Luft und Landschaft in denen diese Geschichten daheim sind. Iris Wolff schafft schreibend ihren Leserinnen und Lesern ein erlesbares Zuhause.

So tun, als ob es regnet ist die deutsche Übersetzung eines rumänischen Sprichworts. Se face ca ploua, heißt es im Original, was gesprochen sicher melodischer klingt als in deutscher Sprache. Die vier lose verbundenen Erzählungen des Romans könnte man als kleine Novellen bezeichnen. Jede berichtet von einer überraschenden Neuigkeit und hält unerwartete Wendungen bereit. In Iris Wolffs Büchern spielt die Natur eine zentrale Rolle, besonders gefallen mir ihre Spätsommer-Schilderungen: Mit dem September veränderte sich etwas. Die Kastanien wussten es immer als erstes. In den Schatten verschanzte sich kühlere Luft, die Blätter fingen an zu welken. … Die Birnen leuchteten in der Dämmerung wie kleine Lampions. … Melonen lagen wie verstreute Bälle herum.

Besser als Denis Scheck kann ich es nicht formulieren: Viel vom poetischen Charme dieses Romans erklärt sich aus dem traumsicheren Sprachgefühl und guten Auge der Autorin für sprechende Momente und Details. Ich bin kein Kritiker, ich bin nur Leser. Ein beglückter Leser, der sich über eine beeindruckende Neuentdeckung freut und Iris Wolffs Werke in seinen ganz persönlichen Kanon deutschsprachiger Literatur aufnimmt.

Wolff, Iris: Halber Stein. Roman. – Otto Müller, 2012

Wolff, Iris: Leuchtende Schatten. Roman. – Otto Müller, 2015

Wolff, Iris: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. – Otto Müller, 2017